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Apollonia

Über dieses Buch

Mit Ranunkeln und Wiesenklee besucht Marie das Grab ihrer Großmutter. Dort liegt mehr begraben als die streitbare Apollonia: Liebe, Hass, Armut, Krieg und der wilde Westerwald. Je mehr Marie in die Welt ihrer Großmutter eintaucht, umso deutlicher kehrt auch die Erinnerung an ihre eigene Jugend zurück.   Mit unbändiger Fabulierlust, kraftvoll und atmosphärisch dicht erzählt Annegret Held die Geschichte ihrer Großmutter, die zugleich auch die Geschichte eines ganzen Dorfes im vergangenen Jahrhundert ist.

Über die Autorin

Annegret Held, 1962 im Westerwald geboren, arbeitete u.a. als Polizistin, Sekretärin, Altenpflegerin und Luftsicherheitsassistentin – und ist erfolgreiche Autorin. Sie bekam den Berliner Kunstpreis der Akademie und den Glaser-Förderpreis, ist PEN-Mitglied und lebt im Westerwald und in Frankfurt. Im Eichborn Verlag sind bisher erschienen Meine Nachtgestalten,„Die letzten Dinge und Fliegende Koffer. Apollonia knüpft thematisch an ihren Roman Baumfresserin an, der ihr Dorf im Westerwald schildert, und vom Feuilleton sehr gefeiert wurde.

BASTEI ENTERTAINMENT

Meinem Heimatdorf, genannt Scholmerbach,
und allen Dörfern ringsumher, deren Glocken ich
habe läuten hören

Meiner Mutter, meinem Vater, meinem Liebsten,
Frank, meinem Kind Elisa, meinen Brüdern
und der ganzen Sippschaft

Ich bringe nur Ranunkeln mit etwas Wiesenkraut, für meine Großmutter Apollonia.

Ich will sehen, ob es wahr ist, was sie sagen, dass über meiner Großmutter das Grab eingestürzt ist, dort auf dem Kirchhof von Scholmerbach, wo meine krumme und fingerlose und buckelige Verwandtschaft liegt.

In der siebten Reihe am Kieselweg nahe am Brunnen finde ich meine Großmutter zwischen Müllerkolls Rosa und Schamps Eggenseppel unter ihrem Basaltstein liegen. Der Buchsbaum und die Dornschlehen umwachsen sie alle und hüllen sie in ihren Geruch, wie sie da liegen, so säuberlich und bescheiden, ein jeder eingefasst in einen Kranz aus Steinen.

Ja, es ist wahr, ich stehe davor, das Grab ist eingefallen, es öffnet sich vor meinen Füßen in einer sauberen Rautenform, ganz schwarz, aber nicht tief, mein Großvater liegt friedlich daneben unter seinem ordentlichen Hügel und schläft und schläft den Rausch des Ungerechten.

Ich weiß nicht, was ich sagen will mit meinen Ranunkeln.

Im eingesunkenen Grab liegen die Wurzeln und die Blumen kreuz und quer zwischen Erdklumpen, wahrscheinlich hat sie sich da unten herumgeworfen und umgedreht noch hundertmal. Meine Großmutter Apollonia hat immer gesagt, sie will um keinen Preis mit meinem Großvater Klemens unter demselben Grabstein liegen. Und dann haben sie sie trotzdem neben ihm begraben.

Das konnte nicht gutgehen.

Ich muss ein wenig für sie beten:

Lieber Gott, bitte nimm meine ruhelose Großmutter zu dir in den Himmel. Sie kann nicht hierbleiben, sie findet keinen Frieden und treibt sich womöglich noch hier herum.

Ich glaubte, Apollonia »Nein« sagen zu hören. Meine Großmutter sagte als Erstes immer »Nein«, und als Zweites sagte sie, wir sollten ihr alle den Buckel herunterrutschen, und als Drittes sagte sie, sie möchte auf gar keinen Fall mit Klemens unter demselben Grabstein begraben werden.

Ich habe den Kirchhof immer gerngehabt.

Er ist wie immer, der Kieselsteinbrunnen, der Süßkirschenbaum, das Engelgrab der kleinen Ute, deren Blut so weiß war, dass sie daran sterben musste. Ich verirre mich auf unserem kleinen Friedhof, ich war schon lange nicht mehr hier, es scheint, als seien uralte Leute aufgestanden und hätten sich woandershin gelegt, ganze Familienzweige sind beieinander, hier die Schlossens, und dort die Willemichels und da die Paulinchens. Dabei haben sie sich unentwegt bewegt, hin und her, mal hatte ein Willemichel eine Müllerkolls geheiratet, mal ist ein Schlossens fortgegangen und nie mehr zurückgekehrt, und mal hat sich ein Paulinchens unter die Müllerkolls gemischt, und die sind nach Linnen gezogen oder nach Ellingen.

Ich muss auch einmal hier liegen, jetzt weiß ich es wieder. Es kann nicht anders sein, als dass mein Grab einmal unter diesem Buchsbaum sein wird, bei meiner Großmutter und bei Tante Lina und Tante Toni, bei Onkel Gustav und dem losledigen Albert. Wahrscheinlich liege ich bei den Losledigen. Wenn nichts geschieht bis dahin. Einiges an Lebensjahren steht ja noch in meinem Auftragsbuch.

Ranunkel und Wiesenkraut für meine Großmutter und meinen Großvater, die hier schon lange ruhen, schon fünfunddreißig Jahre lang.

Ich lege die Ranunkeln zu ihren Häuptern, an den Grabstein, damit sich der Wiesenklee um ihren Namen rankt, ich möchte was tun für Apollonia. Für den Großvater ist gesorgt, der hat sowieso die ewige Ruhe, er wird in den Himmel hineingegangen sein, einfach so, er hat vielleicht mit Petrus gewürfelt, ist aber bestimmt da oben irgendwo. Apollonia dagegen ist nicht in den Himmel gegangen, weil sie ja dort hätte Großvater oder den Herrgott treffen müssen, und weder Großvater noch Gott hat sie je verziehen.

Am Grab meiner Großmutter vergesse ich, was aus mir geworden ist, es ist sofort verschwunden, gerade so, als sei ich fünf Jahre alt. Was früher war, sehe ich deutlicher als das, was heute ist, und es scheint mir auch bunter. Selbst meine Sprache fällt zurück, sobald ich hier durch die Straßen gehe, ich rede von Müllerkolls und Blutwurst und Himmelfahrt, obwohl auch hier niemand mehr von Blutwurst und Himmelfahrt redet. Ich treibe mich auf dem Kirchhof herum und suche dann den Wald mit dem Hexenhäuschen, den Holunder- und Schafgarbenbüschen und den zerstrüppten Dornschlehen, ich gehe durch den Kappesgarten, ich suche das alte Wasserhäuschen, den Tröpfelborn und den Eulenbirnbaum.

Aber den Eulenbirnbaum hat nie jemand gefunden.

Ich bin so. Ich laufe durch die Dorfstraßen und fahre mit den Hollen. Das haben sie immer zu mir gesagt: Ich fahre mit den Hollen. Ich fragte: Was sind denn die »Hollen«? Das konnte mir niemand sagen. Du träumst am helllichten Tag. Ich glaubte, dass es etwas Besonderes sei, wenn man mit den Hollen fahren kann, und dass die Hollen wie Wolken seien oder von Frau Holle geschickt. Als meine Mutter sagte, sie habe vom fliegenden Holländer geträumt und er sei auf die Wiese gefallen, gleich hinter dem Haus, da glaubte ich, die Hollen kommen vom fliegenden Holländer und ich kann mit ihm durch den Himmel segeln und vielleicht abstürzen, irgendwo an einem fernen Ort, oder verschwinden in den Wolken wie der Fliegende Robert, und wo der Wind ihn hingetragen, ja das weiß kein Mensch zu sagen.

Ich fahre immer noch mit den Hollen, die Straßen verschwinden und die modernen Laternen, Häuser lösen sich auf, und der Dorfplatz bevölkert sich, und ich sehe die lustigen Leute in alten Klamotten, und auf einmal sehe ich Apollonia auf der Kirmes tanzen. Sie trägt ein dunkles Kleid mit besticktem Kragen und bezogenen Knöpfen und Biesen und einer Schleife im Rücken, sie tanzt einen Rheinländer, zwei links, zwei rechts, es ist strahlender Sonnenschein, die Musik spielt draußen, vor Honiels Wirtschaft, und alle trinken Bier, als müssten sie dem Honiels die Fässer schon leer trinken am helllichten Tag.

Im Dorf stehen noch die alte Linde und das Backhaus und der Brunnen, die Kirche ist viel kleiner und hat keinen Steinboden, er ist nur festgetrampelt. Die Teerstraßen sind verschwunden, und ich sehe, die Wege sind aufgebrochen, und der Bach läuft wieder mitten durch das Dorf, und der Brunnen steht vor der Wirtschaft. Es riecht ganz anders, die Misthaufen verströmen einen ewigen warmen Geruch, und eine Brut von Fliegen tummelt sich darüber, ich höre die Bienen summen und die Hühner gackern, aber es ist auch ein beständiges Hämmern und Surren und Sägen über dem Dorf, und dann sehe ich ihn vor mir.

Den Zimmerplatz. Es ist 1928, 1924, 1918.

Die große Schneidmühle mit einer Dampfmaschine und einem Gatter und einem Fuhrwerk mit zwei prächtigen Gäulen und der Getreidemühle obendrein. Überall liegen die Bäume verstreut, überall, sie liegen von den Dreieichen bis unten zum Tröpfelborn, bis hinten zum Müllerkoll und bis zu den Berghecken vor dem Kappesgarten.

Da sind der Dagobert, der Willi, der Balduin, der Konrad, der Ewald, der Hannes, und der Jüngste war Klemens, mein Großvater. Es sind die Söhne von Josef und Charlotte Heinzman, und sie schuften von früh bis spät in den Wäldern und auf dem Zimmerplatz und auf anderer Leute Dächer. Sie sägen und hobeln und hämmern, sie ziehen die Bäume mit den mächtigen Gäulen aus den Hecken.

Der Zimmerplatz ist der mächtigste hölzerne Königshof in der Gemarkung, der in schmutzigen Schlammfeldern mit Donnergetöse residiert.

Mein Großvater ist ein staubiger Prinz voller Sägemehl, und er flucht und sägt und liest manchmal heilige Bücher.

So deutlich, wie ich all das sehe, so schnell verschwindet es wieder, und der Zimmerplatz wird kleiner, und die mächtigen Gebirge aus Bäumen sinken in sich zusammen, und da steht nur noch die Schneidmühle mit dem uralten Gatter, der Zimmerplatz ist nun überdacht. Aber noch immer sind Söhne der Zimmerleute dort, und noch immer sind sie so kräftig und lachen sie so laut und so gern wie mein Großvater Klemens. Sie winken und grüßen und wollen mich mit dem Gabelstapler überfahren. Sie sind Andergeschwisterkinder. Wir sind viele Andergeschwisterkinder in Scholmerbach. Man kann sie nicht mehr zählen und nicht mehr auseinanderhalten, man verzählt sich andauernd. Würden wir einen Stammbaum malen, so wäre er verzweigt wie einer der zahllosen Bäume, die wir zersägt haben und deren Äste im Feuer verbrannt sind. Also zählen wir uns nicht mehr und sind nur froh, dass im Herzen der Schneidmühle noch das alte große Gatter steht, mit seinen schrecklichen stählernen Sägezähnen. Von Zeit zu Zeit, da frisst und zerteilt es noch einen Baum und kracht und donnert und schnauft so wichtig, dass die ganze Schneidmühle leise zittert, das Gebälk und die Wände und die staubigen Scheiben, das ganze Sägewerk vibriert leise mit, und das Sägemehl legt sich tanzend in die Spinnweben

Ich erinnere mich, wie ich früher einmal alles aufschreiben wollte, die Geschichten, die sie sich erzählten, über die drei Schwestern, Hanna, Klarissa und Apollonia. Sie waren so schön, da kamen die Freier von nah und fern und sogar noch von Langdehrenbach. Und sie wählten und wählten und wählten. Und sie wählten und wählten und wählten. Und die Leute sagten:

Ihr wählt und wählt, bis ihr den Säuschwanz kriegt.

Das schien es mir wert zu notieren, bevor sie alle starben und auf dem Kirchhof lagen und mir keiner mehr etwas erzählen konnte, wollte ich es also aufschreiben, damit ich es nicht vergesse, denn in meiner Verwandtschaft vergessen sie alles. Sie wissen noch nicht mal mehr, wo mein Großvater Klemens in Gefangenschaft war. Amerika war der doch. Ja, aber wo denn da? Ei, Amerika. Und wo festgenommen? Von den Amerikanern. Der ist … da gleich … übergelaufen.

Wo denn? … Ei … Amerika.

Ich war etwa sechzehn und meine Großmutter Apollonia sechzig und noch mehr. Nein, ich war beinahe siebzehn und sie siebzig oder sechsundsiebzig, Frühling oder Sommer war das, 1977, und wir hockten gemütlich beieinander in der Küche unter dem schrägen Dachjuchhee mit dem Fenster zum Zwetschgenbaum, während sie Bohnen schälte oder Brennnesseln rupfte, aber meistens saß sie am Küchentisch und las Zeitung, die »Neue Post« oder die »Sieben Tage«. Sie blätterte die Seiten um und machte von Zeit zu Zeit Geräusche wie tsd oder tschd, und von hinten sah ich ihre gekreuzten Schürzenbänder und den schweren Dotz, der ihr den Kopf in den Nacken zog und den Hals steif machte. Wer aber ein so prächtiges Nest, einen Dütz, im Nacken hatte wie sie, aus einem dicken braunen Zopf, der bis auf die Hüften reichte, der galt früher als ein schönes Mädchen. Ich fand ihn immer noch schön und betrachtete mir ewig seine seltsamen Verschlingungen und den Wechsel von silbrigen Flechtenbögen und anthrazitfarbenen Kränzen und sein herrliches Rund und kam doch nie hinter sein Geheimnis. In der Küche standen ein wunderbarer Kohleofen, den sie nicht hergeben wollte, und daneben der elektrische Herd, um abends Brot zu rösten und zwei Schaschlikspieße warm zu machen. Ich lag immer auf dem roten Sofa, genannt das »Schesselong«, unter dem bestickten Wandbehang mit der klappernden Mühle am rauschenden Bach, las oder machte Hausaufgaben oder träumte in den Tag hinein.

Ich hatte mein ganzes Leben noch vor mir, und irgendwann spürte ich, dass es sich mit Oma nun ganz anders verhielt. In letzter Zeit machte sie immer öfter tschd und hielt sich dabei den Leib und war dünner geworden, da dachte ich, es sei besser, mit dem Schreiben anzufangen. Ich musste sehen, was sie noch freiwillig herausrücken würde von den alten Geschichten, die ich so gerne hörte, von den Schwestern Apollonia, Hanna und Klarissa, die im Saal standen und auf die Freier warteten und wählten und wählten und sich nicht entscheiden konnten, bis sie am Ende den Säuschwanz kriegten.

Ich hatte extra ein Buch gekauft, mit orangenen Blütenblättern auf einem Umschlag aus Leinen. Es hatte fein gepunktete Linien für Menschen, die klein schreiben und ein geordnetes Gefühlsleben haben und daher nie über den Rand malen. Ich erinnere mich an die Aufregung und das Gefühl der höchsten Bedeutung und Weihen, als ich meinen Füllfederhalter aufsetzte und begann:

Hanna, Klarissa und Apollonia waren die drei Töchter des Dapprechter Gustav, und sie waren so schön, da kamen die Freier von nah und fern und sogar noch von Langdehrenbach.

Da begann ich auf einmal es zu sehen, ich geriet in die Hollen und in den Honiels Saal, zur ersten Kirmes nach dem Krieg in 1919, sie zogen im Festzug mit der Blasmusik von der Kirche herein, der ganze Saal war geschmückt mit Birkenreisig und Fichtengrün, und in das Fichtengrün war das Stanniolpapier hineingebunden, das sie jahrelang säuberlich von Schokoladentafeln abgenommen und in der Schublade gesammelt hatten. Die Musiker nahmen Platz auf der Bühne mit Trompete, Pauke, Horn und Tuba und sammelten von den Männern die Tanzgroschen ein. Der Wirt streute immerzu Soda auf die Tanzfläche, damit alle ordentlich rutschten.

Meine Großmutter Apollonia trug ihr einziges schönes dunkles Kleid, das hatte einen bestickten Kragen und bezogene Knöpfe und einen Plisseerock und dazu hohe geschnürte Schuhe, die mussten schon im dritten Jahr halten. Hanna, Klarissa und Apollonia mussten sich zu den Unverheirateten an die Wand stellen und warten, ob sie denn einer zum Tanzen holte. Es war so warm, dass die Fenster offen standen und die Lieder hinausklangen durch ganz Scholmerbach, und wer nicht mitkonnte auf die Kirmes, der hörte doch die Rheinländer, die Mazurka und die Waldblümlein-Walzer, so wie die schwindsüchtige Magda, die nicht mehr tanzen konnte, weil sie am Kirmesmontag sterben sollte, oder wie Urgroßonkel Berthold, der sterben sollte an den Bauchschüssen von der Schlacht bei Amiens, und der alte Balthese Simon, der in seinem unreinlichen Haus zuletzt mit Geschwüren übersät und von seinen Katzen zerkratzt sterben sollte am vergifteten Blut.

Apollonia, Hanna und Klarissa aber standen an der Wirtshauswand und warteten auf die Freier, und Tante Hanna war lang und dürr und machte sich immer krumm, und Tante Klara hatte dünnes, futscheliges Haar, und meine Oma Apollonia machte ein Gesicht, als würde sie gleich erschossen.

Mein Urgroßvater Gustav Dapprecht hatte ihnen streng verboten zu lachen, und die Einzige, die sich immer daran hielt, war meine Großmutter Apollonia.

Nur die allerdümmsten Bauern müssten unentwegt tölpelhaft lachen, hatte mein Urgroßvater gesagt, und wer lache, sei einfach nur einfältig und blöde und habe keinen Respekt vor dem Herrgott. Sollte er die Töchter beim Lachen erwischen und bei mangelndem Ernst für ihr Tagwerk, dann konnten sie was erleben. Meine Großmutter vermied also nur, töricht zu erscheinen, und hielt daher den Kopf mit ihrem schweren Dotz streng und aufrecht, damit niemand dachte, sie sei die dümmste Gans von Scholmerbach.

Die Freier aber kamen und holten meine Großmutter und ihre Schwestern zum Tanzen, bis sie keine Luft mehr hatten, und sie gaben ihnen Bier aus und gingen mit ihnen hinaus in die Sonne und setzten sich mit ihnen auf die Treppe, und es roch ordentlich herüber vom Plumpsklo hinter der Wirtschaft. Sie machten Späße, und es war den Schwestern schwer, den Ernst zu behalten, und es war ihnen wunders wie, dass man ihnen so den Hof machte. Und der eine kam von Linnen und der andere von Wennerode, der eine von Beilchen und der andere von Pfeifensterz, sie kamen von Hellersberg und von Ellingen und von Wällershofen, von Böllsbach, vom Jammertal und sogar noch von Langdehrenbach.

Dann entschwand ich aus den Hollen und kehrte zurück auf mein rotes Schesselong mit meinem Buch in der Hand, in das ich nichts geschrieben hatte, außer was mit den Freiern und mit einem Säuschwanz. Ich konnte das auch getrost ein andermal machen, denn im Dorf läutete die Schelle, und wenn im Dorf die Schelle läutete, war ich auch schon hingelaufen.

Ich war keineswegs wie meine Oma Apollonia, die sich immer rarmachen musste: Du musst dich rarmachen, Marie! Ich war überall, wo eine Büchse rappelte und wo was los war, denn ich wollte nichts verpassen, ich war ja nur einmal sechzehn, und wie konnte man daheim bleiben, wenn draußen der Wind die wilden Heublumen durch den Abend jagte und die Sommernacht zu blühen begann und alles so gut roch, dass es keinen Menschen mehr in seiner Bude hielt.

Wie sollte es uns auch daheim halten, das ganze Dorf war unterwegs, der Kirmesbaum stand schon, wir wollten selber Kirmes feiern. Die Kirmes hörte nie auf in unserem Dorf; solange sich auf dem Kirchturm noch ein Wettergockel dreht, dreht sich bei uns auch ein Kirmeskarussell. Das hörte nie auf und durfte auch nie aufhören, sonst wären wir allesamt gestorben.

Daher stürmte ich nun in unser rosa gekacheltes Bad und schloss mich ein für Stunden, um mich schön zu machen und in die engen Jeans zu zwängen und meine Wangen rot zu machen und meine Haare glänzend und duftendes Maiglöckchenparfüm aufzutragen in der Vorbereitung auf die Nacht aller Nächte in unserem Dorf. Ich hatte langes braunes Haar mit Mittelscheitel, so wie alle Mädchen in Scholmerbach in jenem Jahr, und wir hatten ein blaues Halstuch und ein rotes T-Shirt mit der blauen Aufschrift:

Scholmerbacher Kirmesjugend 1977 –

Hachenburger Pils –

Es war Samstagabend, und als ich ging, rief ich meiner Oma zu:

Oma, ich trinke einen für dich mit!

Pass auf, Marie, sagte sie. Im Frühjahr werden die jungen Böcke wieder wild!

Es ist ja schon Sommer!, rief ich.

Dou musst dich rarmache!, rief Oma.

Jaja!, rief ich.

Und dann war ich verschwunden.

Die Bänder vom Kirmesbaum wehten bunt über den Himmel, das große Kirmeszelt war weit geöffnet, und Menschen strömten hinein, eine Losbude stand bereit, und ein Karussell mit Pferdchen und zwei Flugzeugen und einem Elefanten drehte sich, die Wurstbude hatte schon elf Currywürstchen verkauft, und der erste Besoffene hatte schon hinters Zelt erbrochen.

Es war herrlich, Kirmesjugend zu sein, wir stürmten das Zelt und wir waren glücklich und stolz und sprangen auf kippelige Bänke und schwadronierten und sangen und schwenkten die Arme und tranken in der allerersten Stunde frisch schäumendes Kirmesbier, so viel wir nur konnten. Saufen musste natürlich gelernt werden, dafür war man ja Kirmesjugend, sonst war man ruckzuck wie mein Großvater Klemens ein abschreckendes Beispiel für ganz Scholmerbach.

Die Feuerwehr kassierte den Eintritt und die Fleischwurstweiber, die sich donnerstags immer zum Fleischwurstessen trafen, bedienten zusammen mit dem Männerballett, das an Karneval den Ententanz aufgeführt hatte.

Es spielten auf der Bühne wie immer die drei Flamingos und sie sangen: »Jenny, Jenny, du brauchst keinen Penny, Glück kauft man mit Geld nicht ein, Jenny, Jenny, ohne einen Penny, kommt die Liebe ganz allein.«

Auch ich fragte mich zwischendurch, woher die Liebe kommen könnte, womöglich aus Pfeifensterz oder aus Hellersberg oder aus Linnen, und ich sah mich um, und die Jungens kamen von nah und fern, von Ellingen, von Böllsbach und Wällershofen und Wennerode und sogar noch von Langdehrenbach.

Ich war aufgeregt und erhitzt in meiner Maiglöckchenwolke und meinem Duft nach Bier und Apfelschampoo, ich hatte hell- und dunkelblauen Lidschatten aufgetragen, weil ich fand, dass auf geheimnisvolle Weise durch den blauen Lidschatten meine grünen Augen noch stärker betont würden.

Wir tanzten ununterbrochen auf die Flamingos, und wenn sie eine Pause machten, dann sprangen wir sofort wieder auf die Bänke, schwenkten triumphierend das Hachenburger und sangen:

Wir sind die Westerwälder und haben frohen Mut, frohen Mut: Wir wohnen am Scholmer Bach, uns schmeckt das Bier so gut: Wir brauchen keinen Lippenstift, und auch keine Augenbraun, das ist nichts für uns Wäller, ach nein, ach nein, ach nein …

Es war uns nicht ganz klar, warum wir Westerwälder keine Augenbrauen haben sollten, aber so sangen wir es nun mal.

Vielleicht wegen diesem Lied haben wir sie uns in dieser Zeit so dünn gezupft, in ganz hellen Bögen, bis sie beinahe verschwanden, und dann kam Lydia Kosslowski und hatte sich so verzupft, dass sie Löcher in den Augenbrauen hatte. Aber dafür hatte sie einen Lippenstift, der war rosa wie bei Abba und leuchtete im Dunkeln. Ansonsten bemalten wir uns mit Lidstrich und Wimperntusche und sonst gar nichts und brauchten keinen Tünnef.

Denn wir Westerwälder waren im tiefsten Wesenskern wahrhaftig. So habe ich das immer begriffen. So haben wir es gesungen und geschrien, dass jeder uns hören konnte bis Linnen und Hellersberg und Wällershofen, und dort wussten sie es selber und sangen es auch. Wir waren diejenigen, die den Wäldern und dem Wind gehörig waren und auf alles pfiffen, was unecht und eitel war. Was brauchte man auch Lippenstift, der an den Biergläsern klebte und sich im Lauf einer Kirmesnacht sowieso im Gesicht verteilte und beim Knutschen verschmierte, wie bei Lydia Kosslowski.

Ich sehe uns auf Bierkisten und auf Bänken stehen und höre uns nach Leibeskräften schreien: »Was trinken wir – Bier – warum keinen Sekt – weil er uns nicht schmeckt! Wem is die Kirmes – uuser – Zickezackezickezacke-Hoi-hoi-hoi!«

So wie ich die Bänke sehe und draußen über mir den Kirmesbaum und vor mir das Zelt mit schweren, grünen Streifen, den Eingang offen und die Feuerwehr kassiert … so sehe ich mich tanzen und wüten und tanzen und singen und auf die Bänke springen.

Die drei Flamingos spielten bis tief in die Nacht, Orgel, Trommel, Gitarre, sie spielten »Rosamunde«, »Tür an Tür mit Alice«, »José, der Straßenmusikant«, und »Anneliese, ach Anneliese« und – »Ich zieh die Blue Jeans an, ich zieh die alten Jeans an« von David Dundas. »Unten am River, schöne Belinda«.

Die Flamingos konnten kein Englisch.

Dann kam auf einmal Jim Larry David Logan herein. Ich sah schon alles ganz verschwommen. Jim Larry David Logan aus Amerika. Es war einer von den Soldaten von der Struderlehe. Jeansjacke, weißes T-Shirt, braunes, glänzendes glattes Haar mit Stirnfransen bis in die Augen, Lederhalsband.

Und ich hörte meine Großmutter Apollonia sagen, dass die jungen Böcke wild seien und: »nimm dich in Acht, Marie, du musst dich rarmachen!«. Und wie war es mit der Soldatenliebe bei uns im Dorf, die Mädchen waren ihnen nachgelaufen, und die Soldaten hatten die Mädchen verraten, und Hennegickels Marlene war ein Flittchen geworden und musste nach Frankfurt gehen!

Ich sah Jimmy an, und er sah mich an, und er war noch immer verschwommen, ich erinnere mich an das ganze Kirmeszelt verschwommen, ich sehe ein wogendes Kirmesmeer, und wir tanzten, und alles tanzte, alles war bunt, alles drehte sich, ich spüre noch die Schlechtigkeit im Magen. Wir haben getanzt, ich weiß kaum noch, wie das alles war, nur noch ein buntes, tanzendes, feuchtes, lautes Kirmeszelt.

Irgendwie war er es dann, mein Kirmeskerl, ein Ami.

Aber später dann. Vor dem großen Zelteingang.

Als ich mit Jim Larry David Logan hinausgegangen bin.

Da war ich wieder wach, da kam nämlich die klare, frische, rabenschwarze Allmacht, die Dorfnacht, die große schwarze, blühende Dorfnacht, die Sommernooscht und Bloiteduft, die sich auftun, da muss man nichts mehr sehen, da muss man nur noch hin und her wanken und sich glücklich schätzen, von dem Rausch des Bieres in den Rausch der nächtlichen Blütendüfte hinüberzutaumeln. Man kann noch ein wenig singen oder laut was sagen, auch wenn man allein ist. Niemand, der hochdeutsch spricht, kann mitreden. Nur wer meine Sprache spricht und mit der Zunge donnern kann, als würde ein holperiger Zug um die Kurve fahren auf einem rostigen Gleis durch Gebüsch und Gestrüpp, der kann das Lied von der »Sommernooscht und Bloiteduft« richtig singen.

Meine Kirmesnacht war niemals eine andere als die Kirmesnacht der Apollonia, und Apollonias Dorfnacht war niemals eine andere Nacht als alle Sommernächte bei uns. Das ist seit Hunderten von Jahren so, und die Kirmesnacht hat sich eingebrannt in den Dorfplatz, und alles, was wir getanzt haben, hat sich eingebrannt, und was wir gesungen haben, hat sich eingebrannt, und was wir geheult haben auch. Und ich bin tausendmal durch die Nacht gezogen und nicht heimgegangen, am Kirchhof vorbei, wo sie liegen und nicht mehr tanzen, im ganzen Dorf hört man es kichern oder singen oder weinen in der rabenschwarzen Kirmesnacht, wenn die Blumen auch besoffen sind und blühen und sich besinnungslos im Rausch verschwenden. Ich bin aus dem Kirmeszelt gefallen, mit Jim Larry David Logan, und habe ihn durch die Straßen von Scholmerbach gezerrt, und wir sind auf Abwege gekommen, jeder Weg durch Scholmerbach ist ein Abweg, man kann an den Sumpfwiesen bei den Brennnesseln landen oder beim Schreiner-Bernhard seinen Schafen und sich mit den anderen im dicken Baum verstecken oder versuchen, in der Leichenhalle einen Toten zu sehen. Man kann auf dem Zimmerplatz aus Balken und Brettern Türme bauen oder in Sägemehlshaufen springen oder versuchen, bei der alten Meelbachs Minna durch die Fensterläden zu schauen, ob sie aus der Zeitung einen neuen Liebhaber hat. Man kann über die Sakristei auf das Kirchendach klettern und oben geklaute Reval rauchen. Was immer man macht, die Nacht dauert niemals lange genug, aber wenn man in der Nacht ist, glaubt man, sie ist ewig, und wenn sie droht zu vergehen, muss man weinen. Ich erinnere mich an aufgerissene Waden von Dornschlehensträuchern, an nasse Strümpfe und schmutzige Knie, ich erinnere mich an Sägemehl in den Kleidern und an Bier auf dem T-Shirt und Gräser im Haar.

Am nächsten Tag geht es dir miserabel, und du willst nur verborgen sein unter einem Gebirge von Federkissen, du willst nichts wissen von dem, was sie dir durch die Türen entgegenplärren, und egal, was sie plärren oder schimpfen oder schreien, du suchst nach Wasser und nach Vergessen und Dunkelheit und sagst dir nur: Aber Hauptsache, es war schön, aber Hauptsache, es war schön … Den dreckigen Tag vermeidend weißt du, dass nichts, nichts, nichts auf der Welt der Dorfnacht mit Sommernooscht und Bloiteduft etwas anhaben kann.

An anderer Stelle, wenn ich in Stimmung bin, aber nur, wenn mir danach ist, werde ich mal erzählen, wie man die Sommernooscht singt, obwohl … es ja niemand verstehen wird, der nicht meine Sprache spricht, der nicht mit der Zunge donnern kann, als wenn ein rostiger Zug gefahren kommt und auf krummen Gleisen durchs Gebüsch rauscht … und wieso soll ich es auch erzählen, es ist unser Lied, und es ist so schön, dass man es nicht preisgeben mag, auf dass der Zauber brechen könnte. Ich darf es vielleicht nicht erzählen, nein, nein, ich darf es nicht.

Meine Großmutter Apollonia war schon lange auf und schälte Kartoffeln und blickte kaum auf, als ich hereingekrochen kam, verquollen und krank und blind vom Tageslicht und ohne Wegsteuer.

Na, sagte sie. Es dann die Kirmes gehalten?

Jou, sagte ich.

Und, sagte sie. Hat dann ordentlich die Musik gespillt, und hast dou dann ordentlich getanzt?

Mir ist schlecht.

Oma lachte in sich hinein und machte den Tauchsieder an und sagte, dann wolle sie mir mal einen Bohnenkaffee kochen, der mache mich wieder munter.

Jo, das ist gut.

Das dauert jo ein Weilche, bis man die Kirmes aus de Knoche hat.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Apollonia jemals getanzt und getrunken hatte bis zum Morgengrauen. Weil sie sich ja »rar« gemacht hat. Wäre mir nie passiert. Ich hatte einen solchen Durst, dass ich zur Spüle lief und Wasser aus dem Kran trank.

Jaja, sagte meine Oma. Das es der Nachdurst. Naja. Gesoffen wird immer. Hast dou dann aach en’ Kirmeskerl gehabt?

Ich?? Ach … ich … äh … Ach ich … nun ja … nur so …

Pass bloß auf und fall nicht rein auf de Erstbesten.

Nee, sagte ich.

Meine Oma begann zerstreut nach dem Mehl zu suchen und drehte am Radioknopf zu den »fröhlichen Wellen« von Radio Luxembourg mit Camillo Felgen.

Eine Weile blieb ich liegen und wartete, dass Oma das kochende Wasser auf das Kaffeepulver in der Kanne goss und der Kaffee sich setzte und ich ihn endlich trinken konnte. Derweil sah ich ihr zu, wie sie Kartoffelklöße machte und sich zwischendurch die roten, verschnittenen Hände an der Schürze sauber machte. Und lauschte in Gedanken dem Soldaten Jimmy nach und dem, was wir uns erzählt hatten, und ob er nur ein Kirmeskerl war oder nicht und ob wir uns wiedersehen würden, so wie er gesagt hatte. Oder hatte ich mir das alles nur eingebildet?

Ich döste einfach noch ein wenig vor mich hin.

In der Ecke vom Schesselong steckte noch mein Buch mit den Notizen vom Leben meiner Großmutter, und wenn ich hineinsah, tanzten die Zeilen auf und ab, und was ich geschrieben hatte, gab kein Bild, und die Jahre meiner Oma Apollonia schienen mir so unübersichtlich, dass sie auseinandersprangen wie ihr Schürzenbändel, wenn an der Hüfte der Knopf abging.

Apollonia Heinzmann, geborene Dapprechter in Scholmerbach an der Sumpfwiese im Jahre 1902. In 1902 fuhr zum ersten Mal die Transsibirische Eisenbahn, und sie entdeckten die Stratosphäre, sie hatten gerade erst den Nobelpreis erfunden, und dann kriegte ihn der Entdecker der Röntgenstrahlen, die Suffragetten waren unterwegs, Australien schloss sich zusammen, und Heinz Rühmann wurde in Essen geboren. Kaiser Wilhelm der Zweite regierte in Berlin und hatte zur Gemahlin die Kaiserin Auguste-Viktoria und mit ihr sieben Prinzen und Prinzessinnen.

Das hatte ich im Bertelsmann-Lexikon gelesen.

Ansonsten wusste ich mit meinen sechzehn Jahren wenig von meiner Großmutter zur Kaiserzeit, außer dass auf dem mit Blumen und Fahnen geschmückten Dorfplatz zu des Kaisers Geburtstag Böllerschüsse abgefeuert wurden. Ich wusste nur, wie sehr meine Großmutter um Kaiser Wilhelm I. getrauert hat, als er fortgejagt wurde und mit ihm die Kaiserfamilie mit ihren schönen weißen Kleidern, den Schirmen, den Kutschen, den Hochzeiten und Geburten und Todesfällen.

Aber der Kaiser war sehr weit fort vom Westerwald, sehr, sehr weit fort vom Westerwald und seinen Lehmfachwerkhäusern mit den kleinen Fenstern, in die so wenig Licht hineinfiel, dafür aber der Wind pfiff, und wo im Winter die Wände gefroren. Als meine Großmutter klein war, brannte noch kein elektrisches Licht, und das Petroleumauto kam wöchentlich einmal ins Dorf, es floss kein Wasser, sondern die Leute holten es aus dem Brunnen für das Vieh und für den Menschen. Überall roch es nach den warmen Kühen und nach dem Mist in den Ställen, und in den Häusern roch es nach gebratener Blutwurst und Kappes und gekochter Wäsche und Feuer. Die Fliegen brummten um das Vieh und um das faule Obst und über den Misthaufen im Hof, und die Leute wuschen sich am Sonnabend im Holzzuber. Ab und an. Es war ja schwer, genug Wasser warm zu kriegen, um eine Wanne zu füllen. Gott, haben sie gesagt, das Vieh hat ja alles Wasser gesoffen, und sie wuschen sich bloß ein wenig mit Kernseife in der Schüssel, sie wuschen den Kopf in der Schüssel und die Füße im Bach. Ob auf dem Zimmerplatz oder in den Häusern oder der Scheune oder draußen auf dem Feld, wahrscheinlich rochen die Leute alle gleich und wahrscheinlich alle ein wenig wie das Vieh im Stall. Da aber der frische Wind die Düfte von den Fichten und den Buchen und den Weidehecken durch das Dorf und durch die Ställe wehte und im Frühling und im Sommer die Margeriten und das Eisenkraut und die Kornblumen umherblühten, roch es schon wieder herrlich.

In den wunderlichen, wohligen, scholmerbacherischen Schwaden wuchsen die Schwestern Hanna, Klarissa und Apollonia heran unter dem Regiment des Dapprechter Gustav, und der war ein rechter Patriarch und stapfte so starrsinnig und stracks herum mit seinem Kaiser-Wilhelm-Bart und sagte allem und jedem seine Meinung, ob der sie wissen wollte oder nicht.

Mein Urgroßvater Gustav, so hieß es, hatte sich zum Beispiel mit aller Kraft dagegen gewehrt, dass im Dorf die Kinder und jungen Burschen einem Lumpenball nachjagten und diesen Unsinn, der sich überall verbreitete, »Fußball« nannten.

»Ihr wollt Christenmenschen sein!«, schrie er. »Das aber seyn Spiele für die Hottentotten!!« Aber sie hatten nicht auf meinen Urgroßvater gehört, und sosehr er sie auch mit dem Stock gejagt und vertrieben hatte, es war nichts zu machen. Sie spielten es weiter, immer mehr, erst mitten im Dorf, und dann errichteten sie auch noch einen Platz unter dem Haselbacher Feld, und sie trafen sich mit den Hellersbergern und spielten gegeneinander, da konnte sich der Dapprechter Gustav auf den Kopf stellen. Die Hottentottenspiele verbreiteten sich über Ellingen und in Böllsbach und in Linnen und Wennerode und in ganz Deutschland, Deutschland war verloren.

Dem Dapprechter Gustav gefiel es auch nicht, wenn seine Töchter sich mit den anderen in den Weidehecken trafen und sie dort heimlich Schnaps probierten und einander das Tanzen beibrachten. Der Pfarrer Heidenfeller war immer auf der Jagd nach den Burschen und Mädchen, die mit den Schnapskrügen in den Büschen lagen, da geriet er in Harnisch und drohte, sie mit dem Stock herauszuprügeln.

Mein Urgroßvater war moralisch ganz auf seiner Seite und hütete streng die Sitten.

Aber er erzog nicht nur seine Töchter und schlug sein Vieh, wenn es nicht gerade in der Spur ging, er belehrte nicht nur die Jugend, wie sie zu Christenmenschen wurden und nicht zu Hottentotten. Nein, er musste auch ein Vorbild sein, wie man ordentlich seine Kühe fütterte. Wenn er des Weges ging und ein Bauer kam mit einer mageren Kuh, dann nahm er seinen Hut und hängte ihn der Kuh an die Kruppe, sodass der Hut an dem mageren Hüftknochen hängenblieb. Dann lachte der Gustav grimmig, wenn auch nicht laut, da ja das laute Lachen ein Zeichen war von äußerst geringem Verstand und nur etwas für die allerdümmsten Tölpel.

Im Ersten Weltkrieg war Gustav 1916 noch eingezogen worden und hatte gegen die Franzosen gekämpft und bei der Schlacht an der Somme den Erbfeind beschossen. Aber dann war von allen er allein nach Scholmerbach zurückgekehrt, die anderen waren auf dem Schlachtfeld geblieben und verreckt wie die Hunde, und jetzt standen deren Namen eingemeißelt auf dem Kriegerdenkmal, die alten Dorfnamen, von allen war einer dabei.

Dann war der Krieg vorbei, und den Kaiser hatten sie fortgejagt, und die drei Schwestern trauerten um ihn und hatten noch ein großes Bild von der Kaiserfamilie an der Wand und eines von einer Pralinenschachtel, die hatte es einmal in einer Christnacht gegeben für einen verkauften Schinken.

Wenigstens der Dapprechter Gustav behielt den Kaiserbart und war so aufrecht wie der Kaiser und ging auch wie der Kaiser durch den Kuhstall und sah streng nach, dass alle Kühe ordentlich dastanden und die Kälber gut im Futter, die Sensen ordentlich gedengelt waren und die Ställe weiß gekalkt. Er prüfte, ob die Furchen im Acker kerzengerade gezogen waren und die Wagenräder mit Stauferfett geschmiert, und dann sah er nach, dass sein Misthaufen aufgeschichtet war, so gerade wie mit dem Lot gezogen. Er hatte den aufrechtesten und respektabelsten und akkuratesten Misthaufen vom ganzen Dorf.

Darum mussten die drei Töchter ebenso ordentlich und streng und aufrichtig im Stall und auf dem Feld ihre Arbeit tun und Vieh füttern und Sauerkraut schneiden und Körbe schleppen und Kartoffeln lesen und die Kühe sauber halten und ihnen jeden Tag die Schwänze waschen.

Da sagten die Leute im Dorf: Seht einmal, die drei Dapprechter Mädchen, immer die Schönsten von allen, aber sie müssen jeden Tag den Kühen den Schwanz und das Hinterteil waschen! Und wenn die Kühe ein schönes Hinterteil hatten, rund und sauber und gut genährt waren, sogar in der ärmsten Zeit, und er sie vorzeigen konnte, genau wie seine Töchter, die parierten und nicht dumm lachten, sondern aufrecht und stolz wie er hinter ihm herliefen auf genagelten Schuhen in ihren langen, dunklen Kleidern und Schürzen aus bedrucktem Leinen mit den schweren Haarknoten, und dann vielleicht auch noch die Sonne schien, dann war es ihm aus tiefster Seele recht, und er freute sich, dass alles so gut geraten war. Mein Urgroßvater Gustav marschierte voller Stolz mit seinen prächtigen Kühen und seinen drei schönen Töchtern durch das Dorf wie Scholmerbachs Preußen und Gloria.

Ich lag auf dem roten Schesselong, und die Sonne strahlte unbarmherzig durch den Zwetschgenbaum, und ich dachte sehnsüchtig an die schöne schwarze Nacht, in der ich mich mit einem Kirmeskerl versteckt hatte, der von der Struderlehe gekommen war. Aber das durfte ich keinem sagen.

Schon gar nicht meiner Oma Apollonia, die von den Freuden der Liebe rein gar nichts verstand und sagte, ein Mann brauche nicht schöner zu sein als ein Affe, und man solle den einen mit dem anderen kaputtschlagen, und die Kerle seien nur da, um die armen Frauen zu schubsen und totzuärgern und für sonst gar nichts.

In ihrem Sinne hatte sie natürlich recht, denn sie hatte ja den Dapprechter Gustav gehabt, der sie nur schubste, und dann meinen Großvater Klemens, der sie kaputtgeärgert hatte, und dabei war sie doch die Schönste weit und breit gewesen, und alles hatte sich überhaupt nicht gelohnt für sie, und da meinte sie nun, damit mir nicht dasselbe passiert, solle ich mir am besten mit keinem was anfangen.

Kennst du einen, kennst du alle.

Aber keiner war wie Jim Larry David Logan. Er war nicht aus Linnen. Er war nicht aus Pfeifensterz. Er war aus Minnesota, aus Amerika. Ich musste immerzu denken an Jim Larry David Logan und an seine braunen Augen und an das, was er mir auf den Bierdeckel geschrieben hatte, nämlich, dass er mich abholen wolle am nächsten Donnerstag … und das Stückchen vom Bierdeckel war in das Buch für meine Großmutter Apollonia hineingefallen und brachte mir alles durcheinander.

Wie sollte ich alte Geschichten weiterschreiben, wenn dieser Name auf dem Bierdeckel mich so zwingend davon ablenkte und schon die geschwungenen Linien ganz anders in die Pappe gedrückt waren als die deutschen Buchstaben eines herkömmlichen Kirmessäufers. Dieser Pappdeckel … war so … besonders … dass sah man gleich … ich musste ihn aufbewahren, vielleicht in einem schönen Kästlein … Jim hieß sicher James, und ich schrieb Marie und James, Jim und Marie und probierte dann: Marie und Jimmy, Jimmy und Marie und schrieb dann: Love und malte lauter Herzen darum.

Dann merkte ich, was ich getan hatte, und erschrak. Ich hatte das Buch vom Leben meiner Großmutter verdorben und verschmiert und verkritzelt. Mir fehlte jeglicher Ernst, und ich kam dauernd vom Thema ab. Aber ich konnte die Seiten ja herausreißen.

Ich schielte zu meiner Oma herüber, die am Tisch saß und in der Zeitung blätterte und im Geiste die Gemächer der Königin Beatrice betrat und mit dem deutschen Prinzen Claus hinaus in den Schlossgarten sah oder sich zwei Seiten weiter nach England begab und in den Buckingham-Palast schritt, um sich mit Königin Elisabeth beim Tee über das Unglück ihrer armen Schwester Margaret mit Lord Snowdon und die Folgen ihrer Trunksucht auszutauschen.

Meine Großmutter brauchte Könige und Königinnen, Könige und Königinnen, ein paar Prinzen und Prinzessinnen, Grafen und Gräfinnen taten es auch, dann aber nur immer wieder: Könige und Königinnen.

Dabei hatte sie selber einen Sägemehlsprinzen von einem hölzernen Königshof, aber dass es ein Königshof war, hat sie nie wirklich sehen können.

In Scholmerbach gab es einen hölzernen Königshof, der hatte eine uralte Königin, die herrschte über alle fingerlosen Zimmermänner und hatte über allem das Sagen. Sie war schmal und krumm und buckelig geschafft und sah im Alter ein wenig aus wie eine ewig in der Schürze steckende, schwarz gekleidete Krähe. Sie hieß Charlotte und war die Mutter von Dagobert, Balduin, Konrad, Ewald, Hannes, Klemens, Rosalia, Hedwig, Traudel, Emma und Grete.

Charlotte war gut zu den Armen und schmiert jedem ein Schmalzbrot und beherbergte die Hausierer, und sie schuftete bei Tag und bei Nacht, und ihre Geschäfte liefen prächtig, und sie wusste hundertprozentig, dass man dem Gendarm aus Wällershofen einen Schnaps und einen Kaffee geben musste, um ihn bei Laune zu halten. Charlotte wurde verehrt von allen. Ihr Mann Josef auch, aber der fiel neben ihr ja nicht so auf. Charlotte und Josef Heinzmann waren die Besitzer vom Sägewerk und sie hatten elf Kinder, und von den elf Kindern überlebten Dagobert, Balduin, Ewald, Hannes, Rosalia, Hedwig, Traudel, Klemens, Grete und Konrad bis zum Krieg, und vorher waren ihnen schon drei Kinder gestorben. Also vor Balduin, Ewald, Hannes, Hedwig, Traudel, Emma, Rosalia, Dagobert, Konrad und Klemens hat es noch mehr Kinder gegeben, die gestorben sind, also waren es dann doch eher dreizehn gewesen oder auch vierzehn. Man verzählt sich immer. Man müsste jetzt noch mal auf den Kirchhof gehen und die Grabsteine angucken, aber in Wahrheit haben wir sie schon immer durcheinandergeworfen.

Bloß die emsige Charlotte und der fromme Josef wussten, wie viele Kinder sie gezeugt und geboren hatten und wie viele davon gestorben waren. Josef sagte nicht viel, er betete und arbeitete, betete und arbeitete, tags die Säge, nachts der Rosenkranz, tags der Bohrer, nachts der Rosenkranz, tags der Hammer, nachts der Rosenkranz. Beide arbeiteten ganze Nächte durch, sagte Großtante Hedwig, immer, ganze Nächte, denn sie hatten ja Vieh, sie hatten Felder, sie hatten Getreidemühlen. Am Tag das Geschäft, in der Nacht das Brotbacken, am Tag der Zimmerplatz, in der Nacht das Sauerkraut schneiden, am Tag ernten, in der Nacht die Wäsche plätten, so haben sie es gemacht im alten Jahrhundert und noch das Jahrhundert davor.

Die Schneidmühle schnitt und lärmte durch das Dorf, im Frühjahr, im Sommer und im Herbst. Im Winter aber legte sie sich zur Ruhe wie ein gewaltiges, müdes, eisernes Tier.

Man hörte die Stille, man hörte aber auch ein wenig Gefluche, denn mit dem Fluchen konnten sie nicht einfach aufhören, bloß weil die Sägen stillstanden, und die Äxte und die Hämmer schwiegen. Das Mundwerk der Zimmerleute stand niemals still in diesem Dorf, dazu waren sie einfach zu viele; sie waren es gewöhnt, irgendeinen Laut von sich zu geben, mit dem Fuhrwerk, mit der Dampfmaschine, mit dem Horizontalgatter, es brach durch das Dampfen und Zischen und Pferdegetrampel ein mörderisches Gelächter, es tobte durch Sägeblätter und die Schleifmaschine, sie konnten nicht aufhören zu lachen, im Sommer nicht und im Winter auch nicht.

Die Lungen der Zimmerleute sind kräftig. Ihre Stimmen in ewiger Konkurrenz mit dem Rauschen der Wälder und dem gewittergleichen Donnern der rollenden Bäume des Westerwaldes.

So eine Stimme hatte mein Großvater Klemens, und er hatte strahlende Laune und sang herrlich und trank Schnaps, und im ganzen Dorf konnte man hören, wie er oben im Wald stand und das »Ännchen von Tharau« sang; da sind die Vögel vom Firmament gefallen.

Meine Großmutter Apollonia hat es beim Sensen gehört. Es war wie der Lockruf des Waldes. Er sang das Lied von der schönen Loreley. Und er sang: »Rosemarie, Rosemarie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie«.

All das hat Apollonia so nicht gekannt.

Im Hause des Dapprechter Gustav hat man nicht gesungen. Nicht gesoffen. Nicht gelacht. Es war ihr sehr schön vorgekommen, wie mein Großvater Klemens gesungen hatte, und eine Weile hatte sie ihm gelauscht.

Aber er war ja nur einer von den Zimmerleuten, an denen sie schon hundertmal mit den Kühen vorbeigezogen war, während sie Freier haben konnte von nah und fern, von Hellersberg und Böllsbach und Pfeifensterz! Nein, da wollte sie lieber warten auf die nächste Kirmes, wenn sie beim Honiels tanzte … und dastand an der Wirtshauswand. Da wollte sie sich gut überlegen, wen sie sich erwählen sollte, denn trau, schau wem und prüfe, wer sich ewig bindet. Hanna, Klarissa und Apollonia aber wählten und wählten und wählten, sie wählten und wählten und wählten.

Die Leute aber sagten: Ihr kriegt am Ende nur noch den Säuschwanz.

Jim David Logan war ein amerikanischer Soldat. Ich sollte nichts mit Soldaten anfangen, weil sie immer nur das Eine wollten oder weil sie einen mit nach Amerika verschleppten oder einem das Herz brachen und einen sitzen ließen. Oder weil man ruckzuck ein Flittchen war wie Lydia Kosslowski.

Leider aber waren die amerikanischen Soldaten überall, denn sie bewachten uns vor den Russen, und mein Großonkel Balduin glaubte noch lange Zeit bei jedem schweren Gewitter, dass die Russen kämen, und wollte die Flinte holen. Da malten wir schon lange Blumen an die Wände und in die Schulmäppchen und kritzelten: »Make peace not war« auf die Bänke.

Der letzte Krieg, der hier stattgefunden hatte, den hatten die Deutschen ja selber angefangen, und seitdem waren die Amerikaner da und wohnten auf der Struderlehe, verborgen hinter Dornschlehen, Wacholder und Himbeersträuchern, und hätte man nicht ihren Turm hoch oben aus dem Westerwald ragen sehen mit dem Wachmann darauf und seinem Fernglas, der den Horizont nach Russen absuchte, dann hätten wir sie schon lange nicht mehr bemerkt, und sie wären mitsamt ihren verkleideten Panzern und verborgenen Geschützen und jener heimlichen Rakete im irdischen Leib in der Landschaft versunken wie ein schweres, bewaffnetes Dornröschen in seinen hundertjährigen Schlaf.

Mein Großvater Klemens hatte die Amerikaner immer gern. Meine Mutter sagte, er war ihnen im Krieg freudestrahlend entgegengelaufen und hatte sich ihnen mir nichts, dir nichts ergeben und war lustig in die Kriegsgefangenschaft gefahren und wollte von da auch gar nicht mehr heimkommen. Ich konnte es ebenso machen wie er und zumindest mal versuchen, was es mit diesem Volk auf sich hatte, und mit einem von ihnen tanzen, mehr als nur eine Sommernacht lang, wenn man schon so trunken war, dass die Sterne vom Firmament fielen, und man nicht mehr wusste, wie der eigene Name geschrieben wurde, sodass der Bierdeckel, den ich ihm mitgegeben hatte, unleserlich war und ich wirklich nicht wusste, ob er nun zu unserer Verabredung am Mittwoch kommen würde.

Wir hatten nämlich beim Polters oben im Dorf immer Disko. Drinnen drehte sich die Diskokugel und warf Tausende von Lichtern, und Weihers Manni legte Platten auf und war der Diskjockey, die Tanzfläche war von unten her rot und blau und grün beleuchtet, und an der Theke tranken sie Asbach-Cola, Bier und Persico. Ich hatte Jimmy gesagt, dass ich da immer hingehe, und auch heute war ich da mit Bea und Brigitt und Stefanie. Ich hatte meine neue Bluse angezogen, die mit den bunten Bändern im Rücken und dem bestickten Ausschnitt, und meine Haare dufteten nach Apfelblüten, und meine Wangen hatte ich mit Rosenpuder aus dem Kaufhaus Schwenn bestäubt. Bea sagte, mein Gesicht gleiche einer überreifen Tomate, und dieser Ami würde gleich merken, dass ich verknallt wäre bis über beide Ohren, und dann sei die Angelegenheit gleich uninteressant für ihn. Das stimmte natürlich, ich musste ihr recht geben und verstellte mich und tanzte auf Santa Esmeralda: »Please don’t let me be misunderstood«.

Jim kam um halb neun mit einem Pulk von anderen Amerikanern, und sie standen in der Tür, als wagten sie sich nicht herein, und es musste schwer sein, wenn man aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten kam und dann in Scholmerbach in einer Dorfdisko endete.

Doch als sie die Mädchen von Scholmerbach sahen, fassten sie Vertrauen und glaubten, so schlimm könne das Ende der Welt nicht sein, und allem Ende wohne ein Anfang inne, und das Ende und der Ursprung seien die gleiche Quelle.

Jim löste sich von der Wand, und aus dem Schatten wurde eine feste Gestalt, und er blies sich die Ponyhaare aus dem linken Auge und schob lässig die Daumen in den Bund seiner Jeans und kam mit schiefgelegtem Kopf auf mich zu.

Hey … Marree … glad you came.

Ich vergaß zu tanzen, ich vergaß, dass ich aufhören sollte zu leuchten. Er warf seine Jeansjacke über den Stuhl und tanzte den Rest des Liedes einfach mit, Oh Lord, please don’t let me be misunderstood.

In Scholmerbach wussten sie gleich Bescheid. Schon am ersten Abend.

Marie hat sich was angefangen. Einer von der Struderlehe. Ein Ami. Alle haben es gesehen. Wir haben gar nichts gemacht. Gar nichts. Nur getanzt und Cola getrunken und Asco und ich noch ein Pfläumchen. Aber Jim konnte gut tanzen, also … ziemlich gestampft hat er. Westernstiefel im Frühsommer. Aber knackig. Wie ein Cowboy. Anders als wir, aber vielleicht auch genauso. Vielleicht tanzte er ja auch richtiger als wir, weil er ja aus Amerika kam.

At the carwash. Oh Black Betty. Hotel California. Wenn er bei »Satisfaction« den rechten Arm in die Höhe riss, dann rutschte sein weißes T-Shirt hoch und sein blanker Bauch kam heraus, und ich konnte sehen, dass er durchtrainiert war, vielleicht vom Gewehre schleppen und vom Robben durch meine Heimaterde, weil er uns schützen wollte vor den Russen. Ich betrachtete seine schönen braunen Augen, wie sie blitzten, wenn er die Lieder mitsang, er konnte sie ja viel besser mitsingen als wir, und wenn »get no« kam, dann schloss er die Augen, und bei »Satisfaction« öffnete er sie wieder. Auf seinen Oberlippen war ein leichter Flaum, ein kaum wahrnehmbarer Jungenbart, den es sich nicht lohnte zu rasieren, dabei war er schon einundzwanzig, so alt. Nach wenigen Liedern war sein T-Shirt nass, und seine Begeisterung hatte nicht aufgehört, sein Pony flog ihm immer wieder ins linke Auge, und einmal wagte ich, ihm die Haare aus dem Auge zu streichen. Da waren wir aber schon bei »Nights in White Satin«. Klammerblues.

Die bunte Tanzfläche leuchtete rosa und himmelbau von unten, und wir konnten nicht verbergen, wie es um uns stand.

Die Fußballer hatten es gesehen und die von der Feuerwehr auch und meine Andergeschwister vom Zimmerplatz auch. Es ist besser, flüsterte ich.

It is better … next time … we sehen uns … im Wald … or treffen uns in the Hecken … or … under the Hecken down am Bach …

Jim nickte und verstand mich ganz genau, in Englisch und in Deutsch und auch, wenn ich gar nichts sagte, so riet er doch meine Gedanken und wusste genau, was ich meinte, und so musste ich auch gar nichts mehr sagen, und es war klar, dass er mich wenige Tage später von der Schule abholen sollte.

Ich hatte ein Geheimnis, das vor mir schon ganz Scholmerbach kannte.

Im Juli bekam meine Großmutter Apollonia Leibschmerzen.

Sie legte sich auf das rote Schesselong unter den Wandbehang mit der Mühle am Bach und hielt sich den Bauch und krümmte sich elendiglich.

Ihr rosa Helancapulli kam aus der Kittelschürze hervor, und darunter hatte sie nur ihren cremefarbenen Unterrock, und der Schmerz in ihrem Leib mischte sich mit der Angst, ein Doktor müsse kommen und sie sei nicht angezogen fürs Krankenhaus und sie habe kein Nachthemd fürs Krankenhaus und was war jetzt schlimmer.

Es war ja nur der Dr. Samstag zu erreichen und beim Dr. Samstag wusste man nicht so genau, er war im Krieg Doktor geworden und hatte schon mal eine Schwangerschaft mit einem Blinddarm verwechselt, und Oma nannte ihn einen hergelaufenen Kurpfuscher, aber das nützte ja jetzt nichts. Einer musste kommen und helfen, und es war nicht mit anzusehen, und plötzlich merkten wir, wie es ernst wurde, denn Oma Apollonia riss die Augen auf und greinte und schrie.

Es hat ihr buchstäblich den Leib zerrissen.

Da sagte sie: – Eysch will doch noch nicht sterwen.

Ich glaubte, nicht recht zu hören.

Sie hatte immer gesagt:

Ach, läge man doch bloß schon auf dem Kirchhof!

Nun, wo es womöglich so weit sein sollte, da war es ihr nicht ernst.

Aber sie konnte nicht mehr zurück. Dr. Samstag hatte ihr befohlen, ins Krankenhaus zu gehen, man würde kommen, um sie abzuholen, auch wenn sie kein gescheites Nachthemd hatte, auch wenn sie keine neuen Schlappen hatte und keinen Morgenmantel, keinen Kulturbeutel und keine neuen Unterhosen.

Man würde sie untersuchen müssen da untenherum. Alles, was sich ihrem Leib näherte, war Apollonia in tiefer Seele verhasst. Jeder Doktor, jede Schwester würde sich in Acht nehmen müssen, jeder, der ihr helfen wollte, hatte einen schweren Stand. Aber was wollte sie machen?

Es war das Gedärm, und schuld war wie immer mein Großvater Klemens, Klemens hatte ihr den Leib ruiniert, noch Jahre nach seinem Tode, denn wegen Klemens war alles Leben in Apollonia in Stockung geraten, wegen ihm hat sie sich nie … ausbreiten können … Sie hat sich nie ausbreiten können wie sie wollte in der kleinen Toilette mit Blick auf den Hof, denn in diesem kleinen, grau gewalzten Räumchen mit Wasserklosett saß mein Großvater stundenlang und rauchte Reval. Mein Bruder sagte, das Klo sei dem Großvater sein Wohnzimmer. Er las dort Zeitung und rauchte und blieb gemütlich hocken, und somit hatte Apollonia zeit ihres Lebens keine Lust, diesen Raum zu betreten und überhaupt etwas von sich zu geben. Ihr Leib wurde härter und härter und sie zerritzte sich von innen die zarten Häute der Darmwände, deren Inhalt in ihr stak wie festgemauert in der Erden, aus Widerwillen gegen Großvaters Wohnzimmer voller Zeitungsrascheln und Revalrauch. Wenn draußen die Leute vorbeigingen, dachten sie, es brennt, aber wir sagten, es ist nur der Opa auf dem Klo.

Meiner Großmutter aber hat es den Leib zerrissen, und sie haben sie fortgetragen in den Krankenwagen mit einer Tasche, die war nicht recht gepackt, und man musste erst noch zu C&A fahren nach Koblenz und ihr alles bringen. Als der Vater endlich da war mit dem Auto und sie im Krankenhaus waren, da wusste Apollonia schon, dass sie umkommen würde, noch diesen Sommer.

Ich hatte also mein Buch vollzuschreiben vom vergehenden Leben Apollonias und von dem, was ihr geschehen war, und ich wartete gequält auf Nachrichten aus dem Krankenhaus, aber ich konnte auch nicht aufhören, den Namen von Jim überall hin zu ritzen und ein Lied vor mich hinzusingen, so leise, wie es nur irgend ging, love, love me do, I know, I love you, so please, love me too, I love, love me do … Mir war ganz gleich, welches Lied es war und wie alt und von wem, wenn nur das Wort love drin vorkam und ich es singen konnte ununterbrochen. I love to love – I love the way you love me – we love to love …

Love forever, true. Ich war nämlich in Jim Larry David Logan verliebt und konnte nicht aufhören, an ihn zu denken, und ein Gefühl wie süßer Sirup durchdrang nun alles, was ich tat, und alles, was ich wollte, und alles, was ich begann.

Nun war aber der Tag, an dem meine Oma operiert wurde und meine Eltern ins Krankenhaus fuhren, auch der, an dem Jim mich von der Schule abholen wollte und wir hinauswollten zum dicken Baum oder zu den Weidehecken oder zur Bachbiegung von der Scholm, und ich geriet in Gewissensnöte.

Doch was scherte es den Kuckuck auf dem Baum oder die Ameise auf ihrem Haufen, ob ich nun voll Kummer und Sorge zu Hause herumsaß oder mit Jim durch das Haselbacher Feld lief und durch den Kappesgarten und ihm dann in der alten Grube den Silbersee zeigte. Davon ging es Oma auch nicht schlechter. Und so erzählte ich Jim, wie viele sich schon in den Silbersee gestürzt hatten und wie viel Unglücke es im alten Bergwerk gegeben hatte, das weiß niemand mehr, aber im Haselbacher Feld gab es ein Haus voller Witwen. Alle vergessen alles mit der Zeit, und dann wachsen die Dornenhecken darüber. Bei uns wachsen viele Dornschlehen, und ihre Beeren sind blau und bitter.

Wi have much … Dornschlehen here … they make … autsch!

Ich nahm eine von den langen Fangarmen der Dornschlehen und piekte Jim in den Finger. Das nahm Jim als Aufforderung, mich zu küssen, und wir fielen gegen den felsigen Stein der alten Grube, und ich stieß mir den Kopf, aber es tat gar nicht weh, und ich schmeckte Amerika, und es war so aufregend, als sei George Washington persönlich zum Silbersee geritten, und sein Eroberungszug war rauschhaft und schmeckte köstlich, und der Wilde Westen und der Westerwald feierten ein herrliches Fest im Walde.

Where are your from … From where in Minnesota?

Minnesota … from landscape … little city … called Newtown.

What …

What?

Bei uns heißt What auch wott. What – wott.

Wir legten uns bäuchlings auf den Felsenrand und versuchten in der Tiefe Skelette von Selbstmördern zu sehen, aber es ging dreißig Meter hinunter und im allerdunkelsten Grün konnten wir nichts erkennen.

Oh, yeah? You say wott?

This is … Dialekt. And we say Rrrrrrrrrrrr like Italian or English people. All people machen sich immer lustig.

What?

Jim schien nicht zu verstehen. Ich wollte ihm sagen, dass die Kölner und ganz Deutschland unseren Dialekt immer verspotteten. Wir kamen gleich nach den Sachsen, und dann gab es nicht mehr viel. Wir rollten das R.

Sag du nock einmal Rrrrrrr.

Ich wiederholte:

Rrrrrrrrrrrr.

Jim drehte den Blick zum blauen Himmel und verstand immer noch nicht und sagte selber:

Rrrrrrrrrrr.

Er konnte nicht verstehen, was an dem R nicht stimmen sollte, er hörte es einfach nicht, er begriff es nicht, er fand alles, was ich sagte, makellos und wunderschön. Je mehr ich ihm den Unterschied zwischen Hochdeutsch und unserem Platt vorsprach, umso mehr schien dieser sich in Luft aufzulösen, und auf einmal hörte ich ihn selber nicht mehr. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich getröstet und verstanden.

Fuck Cologne, sagte Jim, und ich war ihm zutiefst dankbar und sagte auch: Fuck Cologne, aber erst recht auch noch Düsseldorf oder erst Hamburg!!!

Fuck Hamburg!!!

Wir sagten ja auch »it« statt »es« und »he« statt »er«, und so suchten wir am Silbersee nach Worten, die uns verbanden, und wenn uns die Worte schwer über die Lippen gingen, so suchten unsere Lippen sich gegenseitig zu helfen, und meinen Lippen wurden die Worte dann leichter. Und hatte man meinen Mund bisher gescholten, weil er die Worte immer nicht schön gesprochen hatte, so konnte ich jetzt ganz leicht sagen: Fuck Cologne.

Jetzt wurde ich von einem geküsst, dessen Mund die Worte ähnlich sprach und der mich erlöste, der kam aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das war tausendmal, tausendmal größer und bedeutungsvoller als Cologne.

Der Silbersee hat niemandem gesagt, wie sehr ich heimlich mit Jim herumgeknutscht habe an unserem ersten Treffen bei den Dornschlehen.

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