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Apokalypse jetzt!

GRETA TAUBERT

APOKALYPSE
JETZT!

Wie ich mich
auf eine neue
Gesellschaft

vorbereite –
EIN SELBSTVERSUCH

BASTEI ENTERTAINMENT

Meiner Familie

1. Beginnen –
Wie ich es mit der Angst zu tun bekam

Alles hat mit der Wachstischtuchdecke meiner Oma angefangen. Das weiße abwischbare Tuch trennte das strapazierte Holz des Esstischs vom strapazierenden Mahl darauf: Käsekuchen, Vanillekipferl und schwedische Apfeltorte, Rührkuchen, Schichtcremetorte und ein Schälchen Sahne. Der Filterkaffee duftete aus der Thermoskanne. Zucker und Kondensmilch lösten sich unter klingelndem Rühren in den blassvioletten Porzellantassen auf. Wir hatten zwar gerade erst das Mittagessen beendet – Klöße mit Rouladen und Hirschbraten mit Rotkohl und Bohnensalat –, aber für die herzhafte Abwechslung zur Vesperzeit hatte meine Oma auf dem Tisch noch ein paar Butterbrote mit Schinken platziert. So war das immer, wenn sich die Familie am Sonntag bei meinen Großeltern traf. Wenn ich sagte: »Ich möchte Milch trinken«, stellte mir meine Oma gleich noch Einrührzeug in Schokoladen-, Bananen-, Vanille- oder Erdbeergeschmack auf den Tisch. Und wenn ich sagte: »Ich möchte keine Milch«, bekam sie sorgengeweitete Augen, ob denn ihr Vorrat an Säften, Brause und Sirup im Keller wohl ausreichte, um mich glücklich zu machen. Der Gedanke, geschweige denn der ausgesprochene Satz »Danke, ich möchte nichts«, war keine Option. Ich saß unter dem Bild mit dem röhrenden Hirsch und den Familienfotos und futterte wie eine Besinnungslose. Um zu zeigen, dass es mir gut ging. Dass es uns als Familie gut ging. Dass es diesem Land gut ging.

Ich musterte die Gummipalme mit ihren fleischigen Blättern. Ließ den Blick über die Salzlampe und den Fototeller von einer Kreuzfahrt meiner Großeltern streifen, träumte mich in den Ganzkörpermassagesessel und wanderte schließlich mit den Augen die wachsbetuchte Tischkante ab. Onkel Achim mit seiner lieben Frau. Tante Margot mit ihrem wortkargen Mann. Cousins, Cousinen, Großnichten, Großneffen. Sie alle verhandelten mit der Kuchengabel in der Hand wieder einmal das Lieblingsthema der Familie: Autos. »Erinnerst du dich noch an unseren blauen Trabant, Greta?«, fragte mein Vater und guckte mich erwartungsfroh an. Als die Mauer fiel, war ich noch nicht einmal sechs Jahre alt. Der himmelblaue Trabbi war für mich genau wie der real existierende Sozialismus eine Legende, die mir vom vielen Erzählen zur eigenen Erinnerung geworden war. Mit meinem Leben heute hatten beide wenig zu tun. »Der Trabbi hatte doch so ein schwarzes Dach«, sagte ich, um den Gesprächsfluss nicht zu hemmen. »Das war Tafellack, den wir aufgepinselt und dann so abgebürstet hatten, dass es wie Leder aussah«, antwortete mein Vater. »Lederdächer gab es ja nicht in der DDR.« Jetzt war er in seinem Element. Er hatte in den Siebzigerjahren Fahrzeugschlosser gelernt, eine Frau gefunden, Kinder bekommen, ein Haus ausgebaut. Seine mächtigen Hände waren wie Beweise dafür, dass er dem Leben in der DDR sein Stück vom Glück abgetrotzt hatte. Während er die handwerklichen Details des Lederdachs ausschmückte, versuchte ich mir vorzustellen, wie das damals gewesen sein musste, Ende der Achtziger in der thüringischen Provinz: das Häuschen mit den grauen Asbest-Schiefern, die damals noch als unbedenklich galten. Die Ausflüge mit Mutter-Vater-Kindern in den Zoo, dessen Hauptattraktion ein Luchs war, den man nie sah, sondern nur roch. Der vollgepackte Trabbi auf dem Weg in den Ostseeurlaub. Die Bilder vor meinem geistigen Auge von der Zeit vor 1989 hatten einen verzerrten Farbton, waren unscharf und unschuldig. Als mein Vater damals mit der groben Bürste das Dach bearbeitete, hatte er noch nicht damit gerechnet, dass der Trabbi bald nur noch zum Witzobjekt taugen würde. Dass er da eine Metapher striegelte für ein System, das zum Scheitern verurteilt war.

Mein Opa klinkte sich in die DDR-Karossen-Diskussion ein. Er hatte nur ein paar Monate vor dem Mauerfall einen grünen Wartburg Kombi bekommen. »Da haben wir 20 Jahre drauf gewartet!«, sagte er und lachte. Es lag kein Bedauern in seiner Stimme. Der Wartburg Kombi war für Opa, der am Anfang der Dreißigerjahre als Sohn eines einfachen Sattlers geboren wurde, eine Offenbarung. Kindheit und Jugend verbrachte er in echter Armut. Mit Feldarbeit und Kinderlandverschickung. Seine Anekdoten endeten meist mit dem Satz: »So war das damals eben.« Als Opa in den Zeiten des »Tausendjährigen Reiches« Schweine hütete, konnte er nicht ahnen, dass dieses schon nach zwölf Jahren vorbei sein würde und dass aus seinem Schweinestall irgendwann eine Garage für einen Wartburg und später für mehrere Toyotas werden sollte.

Über Opas Kopf entdeckte ich das Foto meines Uropas. Er hätte keine automobile Anekdote zu erzählen gehabt, weil er gar keinen Führerschein hatte. Er wurde ins Deutsche Kaiserreich hineingeboren – das auch wenig später nicht mehr existierte. Drei Generationen, drei Ideologien, drei Untergänge. War ich die Nächste, die sich in einem zum Untergang verdammten System eingerichtet hatte? Die darin ihr Glück suchte, ohne zu merken, dass es seine Berechtigung verspielte? Was machte mich so sicher, dass alles so bleiben würde, wie es war? Würde dieses System samt Wohlstand, Überfluss und Schichtcremetorte noch da sein, wenn ich irgendwann mit meinen Enkeln an einer Kaffeetafel saß?

Panik wanderte meinen Rückenmarkkanal hinunter, und vor meinem inneren Auge erschienen die sorgsam verdrängten Schreckensmeldungen aus den Nachrichten über Krieg und Terror, wirtschaftliche Krisenstimmung, Klimawandel, Rohstoffknappheit, Umweltzerstörung, demografischen Wandel, Prekarisierung, Raubtierkapitalismus. Düstere Bildercollagen von verbranntem Regenwald, endlosen Sojaplantagen, abrutschendem Gletschereis, ölverklebten Robben, verendeten Seevögeln mit Plastikmüll in den Gedärmen. Die Geräusche eines Feierabendstaus, das unregelmäßige Piepen einer Supermarktkasse, die Protestrufe der Occupy-Bewegung. Und vor allem die eigene Hilflosigkeit. All das hatte ich lange in mich aufgesogen und in eine hermetische Kapsel in meinem Hirn weggesperrt. Jetzt war sie aufgeplatzt und gab eine dumpfe Angst frei. Es war die Angst vor dem Ende der Welt, wie wir sie kannten.

In einem Buch mit eben jenem Titel haben die Wissenschaftler Claus Leggewie und Harald Welzer schlüssige Argumente dafür gesammelt, warum es bald so weit sein wird: Wir befänden uns momentan nicht nur in einer »Krise«, die unser System für einen Augenblick der Geschichte erschüttert und aus der wir nach ein paar Reparaturen irgendwann auch wieder herauskommen. Vielmehr hätten wir es mit zahllosen verschiedenen Teilkrisen zu tun, die sich gegenseitig überlappten und verstärkten. Klimawandel, Energiekrise, Rohstoffknappheit, Bevölkerungswachstum – um nur die wichtigsten zu nennen. Die daraus entstehende Metakrise lasse sich nicht überwinden. Sie markiere das Ende einer Idee, die 250 Jahre lang extrem erfolgreich in der ganzen Welt verbreitet worden sei: »Der Siegeszug des kapitalistischen Wirtschaftssystems gerät im Moment seiner Vollendung zu seinem Tod, denn es funktioniert nicht als universales Reproduktionsmuster und war als solches auch nie gedacht«, behaupten die Autoren. Das heißt: Gerade weil der Kapitalismus so erfolgreich ist, muss er scheitern.

Das liegt an einem zentralen Widerspruch. Unser ökonomisches System braucht die Perspektive eines unendlichen Wachstums, unsere ökologische Welt aber ist begrenzt. »Wir erleben einen eigenartigen, kritischen Augenblick in der Geschichte«, schreibt Occupy-Vordenker David Graeber in seinem Buch Schulden – Die ersten 5000 Jahre. Es gebe berechtigte Zweifel daran, dass dieses System die nächsten ein oder zwei Generationen überleben wird. »Der Kapitalismus kann nicht richtig funktionieren, wenn die Menschen glauben, er werde ewig Bestand haben.«

Solche Warnungen vor dem drohenden Exitus sind so alt wie der Kapitalismus selbst. Immer wieder haben Kritiker vor der selbstzerstörerischen Logik der Gier gewarnt. Die Grenzen des Wachstums hatte schon der Club of Rome im Jahr 1972 ausgelotet und festgestellt: »Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.« Wir befänden uns jetzt also fast auf der Hälfte der Strecke bis zum prognostizierten Punkt X. 1992, 2004 und 2012 gab es aktualisierte Berichte des Club of Rome mit angepassten Statistiken und Zahlen. Die Grundaussage blieb stets gleich: Das geht nicht mehr lange gut, wenn wir so weitermachen mit dem Mantra des Mehr, Mehr, Mehr.

Viele Jahre konnte man die schlechte Laune produzierenden Argumente der Wachstumskritiker ausblenden. Es ließ sich aushalten mit dem feinen Unterschied zwischen Erkennen und Erkenntnis, denn die schreckliche Zukunft war weit weg. Das änderte sich am 15. September 2008, als die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers bankrottging. Ihr Ende war der Anfang eines Geschwürs, das sich über die ganze Welt ausbreitete: Immobilienkrise, Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Eurokrise, Staatskrisen – sie alle mündeten in eine einzige große Sinnkrise des westlichen Wohlstandsmodells. Plötzlich wurde wahr, was die Kapitalismuskritiker so lange orakelt hatten: Die alte Gesellschaft scheint ihre besten Tage hinter sich zu haben. Der Begriff der »spätrömischen Dekadenz« machte die Runde. Als ein sich dem Ende neigendes »goldenes Zeitalter der Vergeudung und des Überflusses« benannte es der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel. Mit einem rotbackigen Apfel im Mund werden wir dick und fett gemästeten Gewinner der Geschichte jetzt zur Schlachtbank geführt. So hörte sich das für mich an.

»Greta?«, hörte ich meine Oma wie von einem weit entfernten Ort zu mir sagen. »Willst du noch mehr?« Sie balancierte ein Stück Apfelkuchen auf dem Tortenheber. Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich wollte nicht mehr. Ich war satt. Sehr, sehr satt.

Als die schwere Holztür zu meiner Leipziger Altbauwohnung ins Schloss fällt, warte ich darauf, dass sich Erleichterung einstellt. Wenn ich mich irgendwo beruhigen könnte, dann doch hier. Oder nicht? Das ist mein Zuhause, mein Schutzraum, meine Scholle: Ikea-Möbel, Flohmarkt-Schätze, ein paar Umzugskartons voller Bücher, leere Club-Mate-Flaschen, Schablonen-Graffiti an den Wänden, vertrocknende Zimmerpflanzen, eine Kleiderstange voll Klamotten, mein MacBook im Stand-by. Ich lasse meine Reisetasche und den Jutebeutel mit der Aufschrift »My other bag is Chanel« im Flur fallen, feuere die Sneakers in eine Ecke und trete auf den Balkon. Herbstsonne scheint in den Hinterhof, eine Tram surrt in der Ferne vorbei, die Nachbarn aus dem Kiez halten auf der Schwelle des Fahrradladens im Erdgeschoss einen fröhlichen Schwatz. Waren die Untergangsfantasien an der Wachstuchtischdeckentafel nur ein hässlicher kleiner Moment mentaler Schwäche gewesen? So, wie wenn man sich ausmalt, mit einem unheilbaren Tumor im Krankenbett zu liegen. Oder die Liebe seines Lebens bei einem Autounfall zu verlieren. Oder selbst abzutreten – nur um dann erleichtert festzustellen, dass das alles absurd ist.

Hier ist alles anders als an der Wachstuchtischdecke – und dann doch wieder nicht. Dieses große flaue Unbehagen habe ich mitgebracht, und es lässt mich nicht mehr los. Ich schippe schwarzes Espressopulver in die Glaskanne, gieße Wasser auf und sacke über dem Stapel Presseunrat nieder, der sich während meiner Abwesenheit angesammelt hat, und blättere durch die Seiten: »Experten warnen: Europa steuert auf eine Katastrophe zu«, »Wirtschaftsstimmung weiter verschlechtert«, »Merkel: Klimawandel wird verheerend«, »Klimawandel verschärft Hungerkrisen«, »Extremes Wetter wird zur Regel«, »Rohstoffe: Die Angst vor einer Nahrungsmittelkrise ist zurück«, »Abwärts geht’s auf jeden Fall«.

Es ist Herbst 2012, nach Umfragen des ARD-Deutschlandtrends sind 80 Prozent der Deutschen davon überzeugt, dass uns der schlimmste Teil der Eurokrise noch bevorstehe. Der ifo-Index, der das Geschäftsklima unter deutschen Managern ermittelt, befindet sich im gleichen Jahr im freien Fall. Laut einer Studie der Boston Consulting Group glaubt außerdem nur noch jeder Zehnte in Deutschland daran, dass es unsere Kinder einmal besser haben werden. In allen Ecken der Gesellschaft breitet sich Unsicherheit aus, wie es mit unserer Wirtschaft weitergehen soll. »Zum großen Knall fehlt eigentlich nur noch ein letzter Funken Angst«, formuliert es der Journalist Constantin Seibt.

Ich bleibe an einem Artikel über die Maya-Apokalypse am 21. Dezember hängen, in dem beschrieben wird, wie sich Hunderte von Menschen in weißer Kleidung und mit Meditationsblick auf den Weg in ein französisches Dorf machen, um dort auf das rettende Ufo zu warten. Wie sich brave Bürger einen Bunker in den Keller bauen und Esoteriker den großen Zeitenwandel heraufbeschwören. Überall wird plötzlich über diesen merkwürdigen prähistorischen Kalender berichtet, es gibt Countdowns, Survival-Tipps, Sonderhefte, Ausstellungen, Experteninterviews, ganze Sonderverkaufsflächen in Buchhandlungen. Das könnte alles sehr lustig sein, würde sich hinter dieser Lust am Untergang nicht ein tiefer liegender Zweifel verstecken: Die Tage der westlichen Hegemonie sind tatsächlich gezählt. Die Maya erinnern uns daran, dass die Weltgeschichte in Zyklen verläuft. Hochkulturen entwickeln sich, breiten sich aus – und vergehen. Warum sollte das bei uns anders sein?

Ich schiebe die Zeitungen zur Seite. Das Lesen kann die Angst nicht nehmen. Im Gegenteil, im steten Strom der Nachrichten steigert sich die Paranoia ins Unermessliche. Ich würde die Angst zu gerne ausblenden, aber egal, wohin ich gucke: Es wird nur noch schlimmer. Was hier in dieser Wohnung steht, beweist doch nur, wie überkommen die westliche Idee vom Wohlstand ist. Alles ekelt mich an: der Kaffee in der Tasse, unfair gepflückt, geschält und geröstet. Selbst das Wasser darin ist ein bloßer Standortvorteil und für den größten Teil der Menschheit unerreichbar. Der Tisch vor mir vom Billighändler, für dessen günstigen Preis andere mit ausbeuterischen Löhnen bezahlt haben. Der Stuhl unter mir, über den ich nichts mehr weiß, als dass ich darauf sitzen kann. Der Teppich, den vermutlich Kinderhände in Nordafrika geknüpft haben. Das T-Shirt, dessen Baumwollfasern aufwendig angebaut und verarbeitet wurden, bevor ich es für einen Spottpreis kaufen konnte. Die Wurst auf dem Brötchen vor mir, die ich noch nicht einmal einem Körperteil des armen Schweins zuordnen kann, das dafür sein Leben auf brutale Weise lassen musste. Der iPod, von dem ich gar nicht wissen will, wie viele seltene Erden und selten werdendes Erdöl darin stecken. Die Dinge um mich herum befremden mich: Ich habe sie gekauft, aber ich will sie gar nicht wirklich kennen. Will nicht wissen, woher sie kommen, wie sie funktionieren, wer sie gefertigt hat. Obwohl doch genau darin der Kern meiner Angst steckt: Mein ganzer Lebensstil ist darauf aufgebaut, dass mein materielles Glück irgendwo auf der Welt oder irgendwann in der Zukunft Leid verursacht. Das lässt sich im Moment vielleicht noch aushalten, weil es mich persönlich nicht betrifft. Aber nicht mehr lange, davon bin ich überzeugt. Was mir vorhin noch so beruhigend vertraut und beschützend heimelig vorkam, macht mir jetzt Angst. Jeder Gegenstand und jede Tatsache ist ein stiller Beweis meiner unglaublichen Abhängigkeit davon, dass alles so bleibt, wie es ist. In dieser Wohnung und in diesem Lebensstil zu verharren ist, als ob ich während eines aufziehenden Gewitters unter dem höchsten Baum Platz genommen hätte.

Ich lehne mich erschöpft zurück. Ausgerechnet jetzt fragen mich Die Sterne, wie ich so fett und rosig werden konnte, ohne zu merken, was abgeht in diesem Land. Im Kopfhörer meines iPods schrillen die Zeilen von Frank Spilker: »Wo fing das an? Was ist passiert? Hast du denn niemals richtig rebelliert? Kannst du nicht richtig laufen? Oder was lief schief? Und sitzt die Wunde tief in deinem Inneren? Kannst du dich nicht erinnern? Bist du nicht immer noch Gott weiß wie privilegiert? Was hat dich bloß so ruiniert?«

Für einen kurzen Moment überlege ich, meinen Rucksack zu packen und abzuhauen. Aber wohin? Gibt es überhaupt einen Ort, an dem ich vor dem Ende der Welt sicher wäre? Und wenn ja: Hätte ich wirklich Lust, in einem Stollen oder Urwald oder Wüstenzelt mein Dasein zu fristen, oder wo auch immer sonst das Klima, die Wirtschaft, das Geld und die normalen Lebensbedürfnisse keine Gültigkeit besitzen?

Ich will nicht mehr fett und rosig sein. Ich will unabhängiger werden vom Ist-Zustand, vom Kapital, vom System. Aber geht das überhaupt als verwöhntes Großstadtkind – ohne meinen Trenchcoat abzulegen und meine soziale Haut darunter, ohne alle Brücken abzubrechen und in einer eigenen paranoiden Sphäre zu verschwinden?

Am Küchentisch fasse ich einen Entschluss: Ein Jahr gebe ich mir Zeit herauszufinden, wie ich ein Leben nach dem Crash meistern könnte. Ich will lernen, woher ich Essen bekomme, wo ich unterschlüpfen könnte, was ich selbst machen kann, wie viel ich wirklich brauche – wenn ich nicht die ausgetretenen Pfade des Konsums beschreite. Wie kann ich meine Bedürfnisse herunterschrauben? Wie kann ich sie anders befriedigen? Wie weit kann ich gehen? Ich will mich hineinstürzen in die Welt von Aussteigern, Anders-Machern, Freaks, Visionären, Utopisten – und von ihnen lernen. Wenn der Mainstream in den Abgrund führt, will ich nicht mehr mit ihm mitschwimmen. Jene Menschen, die sich heute schon vom Strom losgelöst haben, sollen meine Lehrer sein. Es soll keine Tabus und keine Berührungsängste geben. Alles, was mir helfen könnte, den alten Affen Angst abzuschütteln, ist willkommen. Jede Idee, die mir beim Überleben des drohenden Exitus helfen kann, möchte ich nicht nur kennenlernen, sondern in Selbstversuchen ausprobieren. Ich habe keine Ahnung, was ein Jahr Apokalypsen-Training mit mir machen wird. Aber ich weiß, dass ich keine andere Wahl habe. Ich muss mich vorbereiten auf eine Zeit nach der Wachstuchtischdecke. Und zwar sofort.

2. Horten – Auf Notfalldiät

Hungerhungerhunger. Ich kann an gar nichts anderes mehr denken. Es ist ein gähnendes Loch in mir drin, das sich jede Sekunde weiter in Richtung Unendlichkeit ausdehnt und an meinen Nervenenden knabbert. Das Jahr 2013 hat gerade angefangen, die fetten Feiertage sind vorbei und ich bin auf Notfalldiät. Damit meine ich keine Fastenkur, wo man innerhalb von sieben Tagen sieben Kilo abnimmt – als Strafe für die alljährliche Fettsause, als alljährlicher Neujahrsvorsatz oder als alljährlicher Bikini-Figur-Rettungsversuch. Nein, ich habe beschlossen, zwei Wochen lang ausschließlich von einer Notfallreserve zu leben. Das heißt, ich esse und trinke zwei Wochen lang so, als ob die Infrastruktur um mich herum zusammengebrochen wäre.

Mein Nicht-nur-Mitbewohner Herr F. hat auf die Frage, ob er denn mitmachen wolle, mit »Natürlich nicht!« geantwortet und sich gleich mal eine Waffel mit Nutella beschmiert. Als die Schokolade auf dem warmen Teig langsam verläuft, muss mein Gesicht wie Edvard Munchs Schrei aussehen, denn er fragt durchaus verständnisvoll, warum ich mir denn solchen Quatsch antun wolle. »Was ist das überhaupt – ein Notfallvorrat? Und wozu soll der gut sein?«

Typisch, dass er diese Fragen stellt. Herr F. gehört genau wie ich zu einer Generation, die in Vorratskammern lieber begehbare Kleiderschränke einbaut und die Keller lieber mit Umzugskartons vollstellt, als darin Nahrungsmittel zu horten. Wir sind um die dreißig, leben mitten in einer deutschen Großstadt und haben gelernt, dass immer alles vorhanden ist. Gut, manchmal kommt ein überraschender Feiertag, wie Fronleichnam oder Reformationstag, und dann sind plötzlich alle Geschäfte geschlossen. Aber es gibt immer noch irgendwo eine Tanke oder einen Imbiss, die geöffnet haben. Dass es auch anders sein könnte, erscheint uns absurd. Versorgungsengpässe? Lebensmittelknappheit? Nicht bei uns. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Was sollten wir denn dann essen? 

Hunger kenne ich nur von den Plakaten von »Brot für die Welt«, wo fliegenumschwirrte schwarze Kinder mit aufgeblähten Bäuchen traurig in die Kamera gucken. Oder von den Geschichten der Großeltern. Oder von der schmutzigen Bettlerhand, die sich in der Einkaufszone vom Asphaltboden bittend hochreckt. Näher bin ich dem existenziellen Hunger nie gekommen. Der Angst davor aber sehr wohl. Und das hat mit der Finanzkrise zu tun.

Im Jahr 2008, als plötzlich eine Bank nach der anderen dem Schuldenabgrund entgegentaumelte und zum ersten Mal unvorstellbare Rettungsschirme aufgespannt wurden, brach etwas auf in mir und färbte nach innen. Es war der Zweifel, ob hier bei uns alles sicher ist.

Der Psychiater und Psychotherapeut Borwin Bandelow, der sich auf Angststörungen spezialisiert hat, schreibt in seinem Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann, dass selbst Menschen mit einem immensen Bankkonto, die weit von Hunger und Durst entfernt sind, schon bei geringen finanziellen Verlusten in panische Angst geraten, alles zu verlieren. Banker, Investmentbroker, Manager, die sonst völlig rational die Börsenkurse beobachten, werden von einer emotionalen Urangst befallen. Bandelow nennt sie die »Angst des Dagobert Duck«. Wenn auch nur ein Taler im Geldspeicher bedroht ist, nagen wir gleich am Hungertuch. Besonders auf der Nordhalbkugel tendieren die Menschen dazu, sich um die Zukunft zu sorgen. Und das liegt unter anderem am Wetter: Weil der Jahreszyklus bei uns lange Phasen kennt, in denen nichts wächst, wurden wir schon seit Generationen zur Vorsorge gezwungen. Wer früher vor dem Winter keine Nahrungsmittel und kein Brennholz sammelte, verhungerte oder erfror. Diese Existenzangst steckt nach wie vor in uns drin.

Die Wochenzeitung Die Zeit benennt im Dezember 2012 Frankfurt, das wirtschaftliche Epizentrum Deutschlands, in »Angstfurt« um, weil dessen potente Bewohner sich vor Entlassungen, Gewinneinbrüchen, dem großen Crash fürchten. In dem Artikel kommt auch der Impresario Max Hollein zu Wort, Direktor dreier Museen, wichtiger Akteur der Frankfurter Gesellschaft, Intimus der Finanzwelt: »Ich bin manchmal regelrecht mit existenzieller Angst konfrontiert«, sagt er. »Bei Menschen aus der Finanzwelt spüre ich mehr als bei allen anderen die Angst, dass alles schiefgehen könnte.« Die Furcht vor einem Zerfall der Eurozone führe dazu, dass sich viele Menschen Immobilien oder ganze Wälder kauften. Erfahrene Banker, die im Job peinlichst aufs Geld achteten und zahllose Deals clever verhandelt hätten, seien bereit, große Beträge für Kunstwerke auszugeben, deren Wert sie selbst gar nicht abschätzen könnten. Einige verfielen in wahre Endzeitszenarien. »Ich registriere ein extremes Sicherheitsdenken. Viele wollen sich für alle Fälle wappnen.« Da werde dann schon mal für alle Fälle ein Ofen gekauft, in dem man alles verheizen könne. Nicht nur Öl oder Kohle. »Vielleicht liegt es daran, dass solche Menschen mehr von der Krise verstehen und dass sie die Wahrscheinlichkeit, dass alles kippen könnte, nicht auf 0,01 Prozent, sondern auf 10 Prozent schätzen. Das macht sie dann nervöser als andere.«

Nun bin ich weit davon entfernt, ein Dagobert Duck zu sein. Ich lebe auch nicht in der Finanzblase Frankfurt. Aber diese Nervosität ist wie ein psychologisches Virus: Sie ist ansteckend. Sie verbreitet sich über Bilder, Gerüchte, Gefühle. Der Traumatherapeut Georg Pieper vermerkt in seinem Buch Überleben oder Scheitern, die Krise sei nur der Anlass für die aktuelle Weltuntergangsstimmung, aber die Angst sei schon vorher da gewesen. Doch was, wenn nicht die Bankenkrise, hat sie dann ausgelöst? Pieper glaubt, unsere verwöhnte Gesellschaft sei nicht mehr geübt darin, mit Krisensituationen umzugehen. Dass irgendwann nicht mehr alles immer da sein könnte, wird – individuell wie kollektiv – einfach ausgeblendet. Wir haben die Verantwortung an die uns versorgenden Strukturen abgegeben. Jedes Brot, das wir essen, und jeder Stuhl, auf dem wir sitzen, ist heute ein Produkt eines aufwendigen, hoch spezialisierten Herstellungsprozesses. Die Dinge haben mit uns nicht mehr zu tun, als dass wir sie am Ende aufessen oder abnutzen. Sie sind uns fremd geworden. Die Folge: Wir fühlen uns unmündig, inkompetent, abhängig – und dadurch am Ende immer bedroht.

Ein Blick in meinen Kühlschrank macht deutlich, was Pieper meint: An einem ganz normalen Werktag liegt dort neben ein paar Standards – Parmesan, Milch, Butter, Gin, Tomaten, Pesto – nur die Beute verschiedener Spontankäufe: Sahnejoghurt, Sardellenfilets, Avocado, Rucola, Parmaschinken. Die Sachen wurden nach Appetit eingesammelt, nicht nach Bedarf. Wenn ich etwas daraus kochen will, muss ich meistens noch einmal zum nächsten Supermarkt. Sollte wirklich eine Krise die Einkaufsinfrastruktur um mich herum erschüttern, habe ich keine Ahnung, wie lange ich mit solchen Vorräten überleben könnte. Vermutlich keine zwei Tage. Um ehrlich zu sein, weiß ich noch nicht einmal, was es überhaupt braucht, um ein paar Tage ohne funktionierende Infrastruktur zu überleben. Weil mich diese Unmündigkeit stört, habe ich beschlossen, auf Wohlstandsdiät zu gehen. Ich will wissen, was überhaupt in einen Notfallvorrat hineingehört und wie mir die Diätkost schmeckt. Ich möchte mit Menschen sprechen, die professionelle Vorsorge betreiben, und mir ein eigenes kleines Lager anlegen. Aber wo fange ich an?

Glücklicherweise gibt es ja das Internet. Dort finde ich auf der Seite vom Bundesamt für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz einen »Vorratskalkulator«. Das ist ein Einkaufszettel für Vorratsidioten wie mich, in den ich genau eintragen kann, wie lange mein Notstand dauern soll und was ich dafür einkaufen muss. Die Regierung empfiehlt, sich für mindestens einen Zeitraum von 14 Tagen mit Nahrungsmitteln einzudecken. »So stehen Sie und Ihre Familie in einem Notfall nicht mit leerem Magen da«, heißt es auf der Internetseite zur Ernährungsvorsorge. Man denkt da hauptsächlich an Naturkatastrophen, Reaktorunfälle, militärische Bedrohungen. Die richtig harten Keulen also. Aber auch unsere »moderne Gesellschaft« sei äußerst krisenanfällig, gibt das Ministerium vage zu bedenken.

Deswegen hat die Bundesrepublik selbst staatliche Reserven an über 100 geheimen Lagerorten in Deutschland angelegt, in denen – egal wie das Wetter oder die Ernte ist – nie ein Körnchen fehlt. In der Nähe von Mühlen hortet Vater Staat Roggen, Weizen und Hafer, damit auch in schlimmen Zeiten zumindest für Brot und Mehl gesorgt ist. Dazu kommen die Vorräte der Zivilen Notfallreserve, die mindestens eine Mahlzeit am Tag für jeden bereithält. Neben Reis, Erbsen, Linsen gehört dazu auch Kondensmilch. Eine interessante Komposition.

Wenn die Krise länger als nur ein paar Tage dauert – zum Beispiel bei flächendeckenden Streiks oder gravierenden Störungen des Welthandels –, kann das Ernährungsvorsorgegesetz greifen. Kurz gesagt, kann die Bundesregierung dann darüber entscheiden, wie Nahrungsmittel aus Mühlen, Bäckereien, Molkereien, Schlachthöfen, Metzgereien, von Fertignahrungsproduzenten und Lagerbetrieben verteilt werden. Bereits jetzt melden diese Unternehmen alle vier Jahre der Regierung, wie viel sie produzieren und lagern können.

Bisher wurden die staatlichen Notfallreserven noch nie angetastet – außer, um die notleidenden Flüchtlinge im Kosovo 1999 nicht verhungern zu lassen. Aber das war eine strenge Ausnahme. In der Bundesrepublik Deutschland ist Not seit dem Kriegsende und den schweren Anfangsjahren unbekannt. Gott sei Dank, ja natürlich. Ich wünsche mir das auch wirklich nicht herbei, frage mich aber dennoch, ob meine sensible Wohlstandsdarmschleimhaut eine Notfalldiät überstehen würde. Ich bin ja kein Outdoor-Survival-Jack-Wolfskin-Mensch, der es gewohnt ist, wochenlang auf dem Campingkocher Bohnen zu kochen – obwohl, das stelle ich mir schon wieder romantisch vor. So an der frischen Luft.

Das Ziel meiner Notfalldiät ist nur eines: satt werden. 2200 Kilokalorien braucht dafür der erwachsene Mensch täglich. Das Max-Rubner-Institut, ein Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, war so freundlich, ganz genau auszurechnen, wie viel Gramm wovon ich in den nächsten zwei Wochen – denn so lange möchte ich durchhalten – essen muss: 4,9 Kilogramm Getreideprodukte und Kartoffeln, 5,6 Kilogramm Gemüse und Hackfrüchte, 3,6 Kilogramm Obst, 28 Liter Wasser, 3 Liter Milch, 2,1 Kilogramm Fisch und Fleisch und 500 Gramm Öl. Dazu haben sie auch gleich ein paar Vorschläge gemacht, was das so umfasst – die Liste, die der Vorratskalkulator herauswürgt, liest sich wie der Einkaufszettel einer Brandenburger Ausflugsgaststätte in den Sechzigerjahren: Birnen in Dosen, Büchsenfleisch, Sauerkraut, Knäckebrot. Mir erschließt sich hieraus kein einziges normales Gericht, das sich daraus kochen ließe.

Im Norma treffe ich auf die übliche Käufermischung eines Mittwochnachmittages. Rentner in farblosen Jacken schieben ihre Wagen in Meditationsgeschwindigkeit durch die Supermarktgänge, um am Ende einen Joghurt zur Kasse zu fahren. Ein Punker-Pärchen durchwühlt eine Bananenkiste, ein Alki mit Reinhold-Messner-Frisur lässt eine Flasche Klaren unbemerkt in den Beutel gleiten. »Die haben Probleme«, denke ich, während ich mich am Konservenregal verrenke und die Notfallliste abarbeite: Rotkraut, Rote Beete, Pilze, Spargel. Ich bin kein großer Fan dieser Sachen, aber es muss ja sein. Denn so steht es auf dem Max-Rubner-Zettel.

Die Spielregeln für das Experiment: Alles, was in den Schränken, auf den Regalen und in den Körben und Kisten meiner Wohnung steht, ist tabu. Ich gehe nicht auswärts essen und bettele auch nicht bei meinen Freunden um Leckerlis. Alles, was gekocht werden muss, erhitze ich wie bei einem totalen Stromausfall mit Mineralwasser auf einem Gaskocher, den ich bei meiner Campingausrüstung gefunden habe.

Die ersten drei Tage sind grausam. Jeden Morgen beginne ich den Tag mit Knäckebrot und Butter, die ich so lange im Mund zerdrücke, bis ich eher die Lust als den Hunger verliere. Ich will noch nicht die einzige Salami anbrechen, weil sie mir inmitten der Büchsenwurst, des Dosenfischs und des Schmelzkäses wie ein Heiligtum vorkommt, das ich nicht blind verschwenden darf. Ein paar Äpfel gehören auch zum Vorrat, die nach dem englischen Sprichwort zumindest den Doktor fernhalten sollen. Beim Mittagessen fällt mir auf, dass das Ernährungsministerium mich gar nicht auf Salz, Pfeffer oder Kräuter hingewiesen hat. Alles, was ich auf meinem Gaskocher erwärme, schmeckt nach postapokalyptischer Tristesse. Kein süßer Ketchup, keine geschmacksverstärkende Gemüsebrühe, kein Essig, kein Zucker. Ich komme mir vor wie ein Einsiedler inmitten des Überflusses. Es wäre so einfach, mal schnell zum Supermarkt zu springen und etwas Ordentliches nachzukaufen. Das Glück des schnellen Konsums war mir noch nie so klar wie jetzt. Aber ich will durchhalten – auch wenn sich meine Gedanken den ganzen Tag nur um das eine drehen: Essen.

Reis mit Dosenpilzen, Haferflocken mit Milch, Kartoffeln mit Leberwurst – es gibt sicher härtere Fastenkuren. Schließlich soll ich mit meinem Vorrat den errechneten Tagesbedarf eines erwachsenen Menschen füllen können. Aber das Loch in mir wird immer größer. Es muss etwas anderes sein, das mich schon am dritten Tag erschöpft über dem Küchentisch zusammensinken lässt. Appetit? Bequemlichkeit? Etwa Gier?

Die mittlerweile ins Nirwana entschwundene Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland hat in ihrer letzten Ausgabe einen Blick auf den Beginn des Jahrtausends geworfen und es als »Dekade der Gier« beschrieben. Gier war das Schlagwort während der ersten Bankenkrise. Gier war die Erklärung schlechthin für die endende westliche Hegemonie. Gier war immer bei den anderen, bei denen da oben, bei den Geldsäcken. Doch wenn ich so an meinem Campingkocher stehe und daran denke, wie gut ein Löffelchen Gemüsebrühe dem Risottoverschnitt tun würde oder wie herrlich ein Tupfer Ketchup auf dem Käsebrot wäre – dann spüre ich die eingeübten Muster des Immer-alles-haben-Könnens.

Ich kontaktiere den Schweizer Reto Schätti, Geschäftsführer der SicherSatt AG. Bei ihm melden sich ständig Leute, die Probleme haben. »Ich würde es lieber als Sorgen bezeichnen«, sagt Schätti. »Bei mir können diese Menschen einfach mal ganz normal diskutieren, ohne gleich als Spinner abgestempelt zu werden.« Sehr gut, hier bin ich richtig.

»Hallo Herr Schätti, sind Sie’s selbst?«

»Ja, ich bin’s.«

»Mir geht’s gar nicht gut. Ich lebe seit drei Tagen von einem Notfallvorrat, den ich mir mit einem Notfallkalkulator der Bundesregierung Deutschland zusammengestellt habe.«

»Und das schmeckt nicht?«

»Nein, überhaupt nicht. Bei den meisten Lebensmitteln weiß ich gar nicht, wie ich die verarbeiten soll: Corned Beef, Zwieback, Rote Beete und so was.«

»So was stellt man sich ja auch nicht in den Keller, wenn man es nicht mag. Ein Notvorrat ist etwas Individuelles. Da packen Sie natürlich nur das rein, das Sie vertragen, kennen und mögen.«

Der Mittdreißiger sitzt während unseres Telefonats in einem unscheinbaren Ladengeschäft in Wald, einem idyllischen Schweizer Dorf im Sunneland-Oberland. Aus Zeitungsberichten über ihn weiß ich, dass in dem Geschäft Notkocher, Getreidemühlen, Wasserfilter, Geigerzähler, tragbare Toiletten und jede Menge silberne Dosen stehen. Darin lagern rote Bohnen, Reis, Eipulver, Kartoffelpürree oder Gemüsebrühe. Er hat Hightechnahrung im Beutel für Leistungssportler, Spaghetti Bolognese zum Anrühren, gefriergetrocknete Beeren und Gläser zum Sprossenziehen in den Regalen. Mit seiner Firma SicherSatt liefert er vakuumverpackte Lebensmittel für Notvorratskammern. Im Jahr 2011 – als Griechenland in die Pleite rutschte und der Euro verdächtig wackelte – wuchsen Schättis Umsätze um 500 Prozent. Und auch im Folgejahr kamen immer mehr Anfragen aus ganz Europa. Er packte 30-Tage-Kisten, in denen alles luftdicht versiegelt steckte, was ein Mensch für einen Monat zum Überleben braucht. 239 Euro kostet solch ein Rundum-sorglos-Paket. Wer über ein ganzes Jahr kommen will, zahlt etwa zehnmal so viel. In den Medien wurde Schätti oft als Profiteur einer zunehmenden Krisenangst dargestellt, »aber wir zwingen ja keinen«. So ein Vorrat sei eher mit einer Versicherung zu vergleichen, die man sogar noch essen könne.

»Was gehört denn nun in den perfekten Notvorrat?«

»Da gibt es verschiedene Arten. Manche wollen sich nur auf eine extreme Notfallsituation vorbereiten und stellen sich eine Kiste NRG-5-Riegel in den Keller. Das ist spezielles ›emergency food‹, das auch von Hilfsorganisationen bei Naturkatastrophen verteilt wird. Mit vier Riegeln am Tag hat man alle Nährstoffe, die ein erwachsener Körper zum Überleben braucht. Bergsteiger nehmen das auch mit auf ihre Touren.«

»Stelle ich mir ziemlich freudlos vor.«

»Dann gibt es aber auch Menschen, die Luxusdinge wie Rehragout in ihrem Vorrat haben wollen. Den muss man nicht nur im Ernstfall anbrechen.«

»Haben Sie auch schon mal versucht, ausschließlich von Ihren Vorräten zu leben?«

»Ich habe alles probiert und weiß, wie alles schmeckt. Aber im Moment nur davon zu leben, während neben mir jemand ein Steak verdrückt, wäre wohl ziemlich schwierig. Jetzt ist es ein Verzicht, aber im Notfall ist es ein Genuss.«

»Haben Sie auch selbst einen Vorrat für sich, Frau und Kind angelegt?«

»Das ist, als würden Sie einen Molkereibesitzer fragen, ob er denn seiner Familie auch Milch mitbringt. Ich habe mehrere Lager an verschiedenen Orten.«

»Was ist da drin?«

»Das verrate ich nicht. Ein Vorratslager ist etwas sehr Persönliches. Das zeigt man nicht überall rum. Aber ich würde damit auf jeden Fall eine Weile durchkommen.«

Als ich aufgelegt habe, bestelle ich bei Reto Schätti ein paar Schmankerl für meinen Notfallvorrat. Käsefondue und Mousse au Chocolat. Eine Fertigpasta mit Gemüse. Und Ei- und Milchpulver natürlich. Der Schweizer Notfallhändler verschickt die Lebensmittel in neutral verpackten Kartons – wie Erotikartikel –, damit die Nachbarn nichts von der Notfallvorsorge mitbekommen. Zum einen, um nicht für paranoid gehalten zu werden, zum anderen aber auch, um im echten Ausnahmezustand Plünderern nicht bekannt zu sein.

Meine Nachbarn wissen allerdings Bescheid. Sie beobachten mein Tag für Tag zunehmend ausgemergeltes Gesicht, in dem sich der Hunger nach Luxus als dunkler Schatten unter den Augen abzeichnet. Ich bezweifle, dass sie sich bei einer Katastrophe um meine Vorräte prügeln würden, so schlecht wie ich aussehe. Nach sieben Tagen Knäckebrot, Haferflocken und ungewürzten Reisgerichten verfluche ich den Notfallkalkulator. Wie konnte ich nur so blind sein und mein Innerstes – also den Magen-Darm-Trakt – ausgerechnet dem Staat anvertrauen? Es gibt doch bereits so viele Menschen in Deutschland, die sich professionell auf alle Arten von Untergängen vorbereiten, etwa die Szene der sogenannten Prepper, die mit allen verfügbaren Kräften die Zeit nach einem Tag X minutiös planen. Das Wort kommt aus dem Englischen von prepare (»sich vorbereiten«) und beschreibt eine ganze Bewegung von Überlebenskünstlern, die an geheimen Orten Bunker bauen, Lebensmittelvorräte anlegen, Goldmünzen vergraben und Waffendepots pflegen. In den USA und Kanada wurde im Weltuntergangsjahr 2012 die Reality-Serie Doomsday Preppers ausgestrahlt, in der ein texanischer Unternehmer seinen Landsleuten Bunker aus Fiberglas oder Metall baut. »Es kommt etwas auf uns zu«, sagt ein Serienheld im Vorspann, »und wenn du nicht vorbereitet bist, bist du schon so gut wie tot.« Im Internet tauschen sich Anhänger der radikalen Vorbereitung zum Beispiel über den survivalblog.com darüber aus, wie groß der Lebensmittelvorrat sein sollte (mindestens drei Monate), welche Wasserfilter am zuverlässigsten sind und in welchen Ländern man sich am besten Grundstücke kauft (Paraguay, Argentinien, Schweiz).

In einer Dokumentation des ZDF über Selbstversorger sah ich das erste Mal in die Gesichter der wahren Krisenapologeten. Ein Paar aus Süddeutschland mit schwäbischem Akzent und proletarischen Gesichtern stand in dem Film vor seiner selbst gebauten Trutzburg, die sie sich mit eigenen Händen gegen all das Unbill der Welt errichtet haben. Im Garten wächst Selbstangebautes zur Selbstversorgung, auf dem Dach sammeln Photovoltaikanlagen Licht zur autarken Energieversorgung, in einem Lager liegen Gasmasken, Notfallrucksäcke für die schnelle Flucht und allerlei Waffen. Die beiden sind überzeugt, dass wir in Deutschland vor tief greifenden Veränderungen stehen, dass eine neue Gesellschaftsordnung entstehen wird: »Es geht hier irgendwann nur noch um das blanke Überleben«, sagt die Frau mit ernstem Gesicht, »da darf man jetzt nicht schlafen.« Die beiden bereiten sich auf einen existenziellen Kampf vor, in dem jeder des anderen Wolf ist.

Im Jahr der angeblichen Maya-Apokalypse 2012 wurden die Prepper von den Medien häufig als irre Endzeitfanatiker inszeniert, die sich vor Magnetstürmen, Planetenkollisionen oder Alieninvasionen fürchten. Tatsächlich gab und gibt es nicht wenige unter ihnen, die ihre Zukunftsvisionen aus Armageddon und Invasion vom Mars zusammengepuzzelt haben könnten. Aber es braucht mittlerweile offenbar gar nicht mehr die Feuerwalzen, Straßenkämpfe oder Plünderbilder aus Science-Fiction-Schockern, um den Thrill der Endzeit zu spüren. Die Nachrichten reichen vielen Preppern als Schreckensszenario völlig aus.

Im deutschen Internet sammeln einige Blogs die besorgniserregenden Pressemeldungen und verflechten sie zu einer veritablen Untergangsstimmung. Klickt man sich durch krivor.de oder langzeitlebensmittel.de, dann kommt die Angst ganz automatisch. »Warum 2013 der XXL-Finanzcrash droht und wie Sie sich schützen können«, steht da. Oder: »In spätestens fünf Jahren ist der Euro weg«. Oder: »Es geht abwärts«. Glücklicherweise findet der besorgte Leser auch immer gleich einen Link zu einem Online-Shop, wo er Getreidemühlen, Trinkwasserdesinfektionstabletten, Sturmlaternen, Sauerkrautdosen mit integriertem Geldtresor und gefriergetrocknete Lebensmittel erwerben und mit der Kreditkarte sofort bezahlen kann. »Viele Gründe sprechen für eine Langzeitlagerung und Selbstversorgung«, heißt es auf der Seite langzeitlebensmittel.de. Der Vorrat sichere vor »Katastrophen durch Erd- und Klimaveränderungen« und »diversen Krisen und Unruhen, bei denen es zu Lebensmittel- und Rohstoffknappheit« kommen könne. Er sei eine ideale Reserve für Selbstständige, Arbeitslose und Personen mit geringem Einkommen sowie ein »ideales Investment bei wirtschaftlichen Rezessionen und einer steigenden Inflation im Bereich von Rohstoffen«. Insgesamt also reduziere er Ängste – die vorher auf der Seite geschürt wurden. Die Untergangsstimmung ist zu einem einträglichen Geschäftsfeld für findige Survivalcoachs, Nahrungshändler bis hin zu Bunkerbaufirmen geworden, auf dem sich mit schlechten Aussichten gutes Geld verdienen lässt.

Der Papst der deutschen Krisenvorsorge, Gerhard Spannbauer, ist ein Selfmademan, wie man ihn sich vorstellt: sportlich, braungebrannt, souveränes Auftreten. Er hat die deutsche Vorsorgebewegung etabliert und deren Bibel gleich selbst geschrieben: Finanzcrash: Die umfassende Krisenvorsorge. Sie ist im Kopp-Verlag erschienen – einem Sammelbecken für Weltverschwörer, Esoteriker und Autoren, die glauben, im Mainstream systematisch totgeschwiegen zu werden. Weil ihre Wahrheiten zu gefährlich seien. Spannbauer ist mit seinen Büchern in die Bestsellerlisten gelangt, unübersehbar trifft er einen Nerv der Zeit. Er erklärt in einfachen Worten, wie sich jeder Bürger auf den seiner Meinung nach unausweichlichen Zusammenbruch des Finanzsystems vorbereiten kann. Nur wer jetzt schon anfange, sein Geld in Sicherheit zu bringen, sich mit Lebensmitteln und Wasser zu bevorraten und sich vor allem auch um Waffen zu kümmern, werde »überleben, wenn Geld wertlos wird und die Geschäfte leer sind«.

Ihn zu treffen ist schwieriger, als zwei Wochen von einem Notfallvorrat zu leben. Ein halbes Jahr lang bombardiere ich Gerhard Spannbauer mit Anrufen und E-Mails, bis er mich schließlich in einem edlen Vorort von München empfängt. Mit einem Cabrio fahren wir zu seinem gepflegten Eigenheim, in dem er mit seiner Familie lebt. »Sie sind hartnäckig«, sagt er zur Begrüßung. »Das ist gut.« Vielleicht ist dies schon ein erster Prepper-Tipp. Der Fünfzigjährige hat sich mit diversen Geschäftsideen ein kleines Vermögen aufgebaut, um das er sich in den Nuller-Jahren zu sorgen begann. »Ich habe begriffen, dass wir vor einem Kollaps der Finanzmärkte stehen«, sagt er. »Wie kann ich mich, meine Familie und alles, was ich mir aufgebaut habe, retten?« Er hat Vorratslager angelegt, zu Hause und an einem geheimen Ort, die ihn und seine Nächsten etwa ein halbes Jahr durchbringen. Darin stehen nicht nur Großpackungen von Getreide, Nudeln, Müsli, Eipulver, Linsen, Konservendosen und Trockenmilch, sondern auch Gaslaternen, Werkzeuge und Petroleum. Wenn man die Sache halbwegs ernst nehme mit der Vorbereitung, müsse man schon ein paar Tausend Euro für eine vierköpfige Familie investieren. »Die große Masse blendet die Bedrohung aus und träumt vor sich hin. Die Krise tut ja jetzt noch nicht weh.« Spannbauer mache den Leuten keinen Vorwurf – aber sie sollen sich bitte nicht erst dann bei ihm melden, wenn der Notstand da sei. Die Zeit zur Vorbereitung begänne jetzt. Prepper, mit denen er sich bei Krisenvorsorge-Stammtischen austauscht, seien hauptsächlich Menschen um die Fünfzig, darunter viele Selbstständige, Akademiker, Mittelständler. »Da haben viele einen Umfang an Vorbereitung – das glaubt man gar nicht«, sagt Spannbauer. Sich mit ihnen zu vernetzen könne später helfen. »Für eine starke Gemeinschaft brauche ich starke Individuen. Was nützt mir eine Gruppe, in der alle über ihren Hunger reden?«

Im Falle eines langfristigen Crashs, erklärt mir Spannbauer, geht die Hilfsbereitschaft als Erstes verloren. Der ungezähmte Sozialdarwinismus bricht sich dann Bahn. Nur der Stärkere, Fittere, Vorbereitete wird bestehen. Doch um auf der Gewinnerseite der natürlichen Auslese zu stehen, reicht es nicht aus, von der staatlich verordneten Vorratskiste zu leben. Ich würde mich noch weiter vorbereiten müssen und probiere Spannbauers Vorsorge-Tipps durch. Hier sind meine Top Five:

1. Wasser marsch!

Laut Spannbauer ist selbst der beste Lebensmittelvorrat in Krisenzeiten sinnlos, wenn man sich keine Gedanken über frisches Trinkwasser gemacht hat. Er zitiert den umstrittenen Autor Udo Ulfkotte, der davon ausgeht, dass beispielsweise den 3,5 Millionen Einwohnern Berlins gerade einmal 912 Brunnen zur Verfügung stehen. Im ländlichen Raum gebe es sogar gar keine Notfallbrunnen. Um sich auszurüsten, könne man sich entweder eine Mindestreserve von drei Kästen Mineralwasser, Säften oder Bier zulegen, um eine Familie eine Woche lang versorgen zu können, oder faltbare Wasserkanister mit Leitungswasser füllen, das regelmäßig aufgefrischt oder mit Micropur-Wasseraufbereitung oder einem Osmosefilter gereinigt und haltbar gemacht werden kann.

Kommt es zu einer plötzlichen Katastrophe, heißt es, Wasser zu sichern: das Toilettenwasser im Klokasten sparen, mit einer Plane Regenwasser auffangen, morgens mit Handtüchern um die Knöchel durch das taubenetzte Gras schlurfen und diese dann auswringen, nahe gelegene Bäche, Flüsse, Seen abschöpfen oder einen Schlagbrunnen in Eigenregie im Garten buddeln.

Ich frage mich, was ich davon umsetzen könnte. Mein Klokasten ist leider in Fliesen eingemauert, und für einen Brunnen gibt es auf dem winzigen Wäschetrockenplatz auch keine passende Stelle. Also binde ich mir alte Handtücher um die Schuhe, schnappe mir einen Eimer und laufe über die Wasservorräte des Stadtparks. Dass die Jogger und Hundeausführer mich verwundert mustern, stört mich nicht so sehr wie die Tatsache, dass die Lappen da unten eher dreckig als feucht werden. Was ich nach einer halben Stunde Aquajogging in den Topf wringe, möchte ich nun wirklich nicht trinken und steuere auf den Ententeich zu, dessen Boden man wegen der grünen Pflanzenschlacke nur erahnen kann. Ohne Wasserfilter, denke ich, kann ich mich eigentlich auch gleich darin ersäufen.

2. Tausch dich glücklich!

In Krisenzeiten nützen Geld, Edelmetalle oder Kunst oft wenig. Spannbauer empfiehlt, sich neben dem eigenen Vorrat begehrte Tauschmittel in den Keller zu legen. Dazu gehören allen voran Schnaps, Zigaretten, Kaffee, Tee, Öl und Salz, weil sie begehrt und lange lagerfähig sind. Wer noch mehr Platz im Lager hat, kann sich auch Klopapier, Tampons, Klebstoff, Alufolie, Saatgut, Stifte, Drähte, Nähzeug, Mäusefallen oder Kondome dazulegen.

3. Allzeit bereit

Ernsthafte Prepper haben in ihrer Wohnung jederzeit einen fertig gepackten Notfallrucksack stehen. Es kann ja sein, dass ein Brand, eine Bombenräumung, ein Atomunfall oder eine Seuche zum schnellen Aufbruch zwingen. Bei dem Spiel »I

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