Logo weiterlesen.de
Aphrodite - Express

Stella Tsianios, ist im Jahre 1972 in Hamburg geboren. Sie hat Pädagogik und Psychologie studiert und arbeitet als Pädagogin in der Familien- und Jugendhilfe. Als Künstlerin war sie mehr als eine Dekade in den Bands „Mediterra Musica“ und „khaki naive“ aktiv. In dem Dokumentarfilm „Roma Stories“, widmet sie sich der Roma Thematik und zeigt wie positive Roma Biografien, die pädagogische Landschaft verändern können. In ihrer freien Zeit schreibt sie Geschichten.

(photo by Ria Carajiaba)

Für meine Mutter.

Und für all die Mütter, die in den 70er Jahren ihre Kinder hergaben, um ein Haus für die Familie in der Heimat zu bauen.

Aphrodite-Express

Kiato

Das Prasoselino

Der Tod am Fluss

Cola- Stimme

Flug LX 3699 Hamburg Athen

Schattenarbeit einer Putzperle

Aphrodite-Express

„Stilianiuuuuuu“, schrie er durch den Flur. Taub wie er war, hörte er die fluchenden Worte meiner Großmutter nicht. Sie sprach oft von dem Amerikaner, der sie mitnehmen wollte. Er soll großzügig, edel und geduldig gewesen sein. Er kam kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Deutschen kapitulierten und ging ein Jahr später, als sich in Griechenland angeblich alles normalisierte. Es normalisierte sich nichts, die deutschen Besatzer waren bloß weg, der Bürgerkrieg fing an, doch damit wollten die Amerikaner nichts zu tun haben. Den Amerikaner gab es wirklich. Wir dachten, er wäre eine Märchenfigur, denn der Amerikaner tauchte nur dann auf, wenn wir uns am Mittagstisch danebenbenahmen.

„Der Amerikaner, er kommt und holt mich ab. Wo ist mein Hut?“ Das war die Drohung, die immer zog. In der Faschingszeit lief sie gerne mit einem Cowboyhut durch die Wohnung, der sonst das übrige Jahr an einem Haken im Flur hing. Durch dieses Spiel holte sie ihr verlorenes Leben nach. Bei Filmszenen, in denen sich ein Paar küsste oder liebevoll umarmte, seufzte sie tief. Sie konnte ihre Augen nicht vom Bildschirm abwenden, bis die Szene vollkommen beendet war, bis auch die zur Handlung passende Musik aufhörte. Mein Bruder deckte sich die Augen mit einem Kissen zu, ich guckte gern hin, doch das Schönste an solchen Filmszenen waren die Augen meiner Großmutter, die strahlten- „Mama, da oben wohnt deine Großmutter“, sagte meine Tochter, als sie vier war. Mein Gesicht war voller Tränen, die zum Glück bei strömendem Regen kaum auffielen. Ich redete mir ein, der hellste Stern, das wäre sie, so konnte ich ihre Abwesenheit leichter ertragen. Astrologie war nie mein Fall. Das Einzige, woran ich mich festhielt, war mein Glaube, dass jedes Atom unseres Körpers ein Teil eines Sterns ist. Sie trug sogar den Namen Stern. Aus Stella wurde Stillianiuuu, der jedes Mal wie ein Komet ins Wohnzimmer prallte, wenn er nach ihr rief. Ich lebte mit ihr nur sechs Jahre zusammen, dann verließen wir Griechenland wieder. Meinen Bruder lernte ich erst kennen, als ich fünf war. Er lebte bereits bei meiner Großmutter, während ich noch in Hamburg war.

Unerwartet befand ich mich in Griechenland, hatte einen Bruder, viele Cousins, Cousinen, Tanten und Onkel und trug ungewöhnliche Cowboystiefel. Es war himmlisch dort. Das Haus war vierstöckig und ich brauchte nur hoch oder runter zu laufen und schon saß ich im Esszimmer meiner Lieblingstante. An allen Haustüren hingen draußen die Schlüssel, ich brauchte gar nicht zu klingeln und war schon im Schlafzimmer meiner Tante, die gern und häufig mit ihrem Mann schmuste.

Das waren meine ersten echten Liebesszenen. An einem dieser Nachmittage suchte mich mal wieder meine Mutter. Ich kroch unters Bett. Das Paar bemerkte mich nicht und liebte sich einfach weiter. Als meine Mutter mich endlich fand, wurde ich für mein Verschwinden mit mehreren Abdrücken von diesen grässlichen hölzernen Bergmannpantoletten am Po belohnt, doch das war der Blick wert. Auf ihre Holzschuhe war Mutter sehr stolz. Sie flogen über drei Jahre quer durch die Wohnung, erreichten uns immer und sahen dabei gut aus. Mutter hielt den Holzschuh fest in ihrer Hand, schaute ihn nostalgisch an, sagte aber nie das, was sie gerne sagen wollte, sie sagte zwar trocken nur: „Typisch, gute deutsche Ware“ dabei würde sie schreiend und überlegen allen mitteilen: „Wie gern bin ich auf deutschen Straßen damit gegangen. Dort war ich frei, die Straßen waren glatt, ruhig und vor allem sicher.“

Vielleicht wollte sie uns aber auch nur damit ihre Waffe demonstrieren. An unserer Haustür hingen die Schlüssel nicht draußen, wir hatten sogar ein Sicherheitsschloss. „Pass auf deine Sachen auf, leih sie niemandem aus, verschenk sie nicht“, flüsterte mir Mutter ins Ohr, auf Deutsch. Im Gegensatz zu meiner neuen Familie, die zu Spielzeug keinen Bezug hatte, war ich definitiv eine Außenseiterin. Hätte ich den Rat meiner Mutter befolgt und die Sachen nicht verliehen oder verschenkt, hätte niemand mit mir gespielt, also passte ich mich dem dortigen „Spielsystem“ an. Am schlimmsten war der blonde Cousin, der mich an die deutschen kleinen Jungs erinnerte. Er nahm sogar heimlich das Spielzeug, das ich bewusst liegen ließ, um nicht als Außenseiterin abgestempelt zu werden, mit zu sich nach Hause.

Als wir ihn besuchten, er wohnte nämlich in einem anderen Viertel, holte ich mir mein geklautes Spielzeug wieder zurück. Es war für mich ein tolles und dennoch riskantes Spiel. Würde mich jemand erwischen, müsste ich schwören, dass ich es nicht geklaut habe. Ich müsste, ohne rot zu werden, erklären, dass ich mir nur mein geklautes Spielzeug wieder zurückhole. Das würde mir wiederum niemand glauben, wenn der Klau-Cousin weinend beschwören würde, es gehöre ihm. Ich war doch bloß „die Neue“ in Vaters Familie und außerdem erlaubte Mutter es mir nicht, zu schwören. Sie hielt nichts von Gott, Kirchen und allem, was zum Glauben dazugehörte, vor allem in Griechenland. Menschen, die schwuren, hielt sie für verlogen und lächerlich. Ich durfte mir nicht mal zum Spaß diese Gewohnheit aneignen. Schwören auf das eigene Leben galt als der beste Trick, um glaubhafter lügen zu können, alle taten es, nur ich durfte es nicht, also log ich, ohne zu schwören.

Die Kleinstadt-Kinder waren von mir beeindruckt, da ich als einziges Mädchen am besten Fußball spielen konnte. Im Winter spielten wir oft mit Playmobil, im Sommer war das Playmobil wieder über alle Etagen verstreut und für den Klau-Cousin fette Beute. Ich ging sehr gerne zu ihm nach Hause, ich holte mir bis zum Oktober langsam und sicher alles wieder zurück. Dabei achtete ich darauf, dass meine Kleidungsstücke möglichst viele Taschen besaßen. Da trotz allem das geklaute Spielzeug nicht in meine Taschen reinpasste, versteckte ich es oft in meinem Mund, und konnte mich dann nur noch recht unhöflich verabschieden.

Meine Mutter mochte Griechenland überhaupt nicht, sie musste wegen ihrer Armut das Land schon mal verlassen. Dass es noch einmal dazu kommen sollte, konnte sie nicht ahnen.

Sie arbeitete in Deutschland mit meinem Vater fünfzehn Jahre lang. Sie teilten sich ein kleines Zimmer ohne Dusche, bauten endlich ein Haus in Griechenland für die Verwandtschaft meines Vaters, dann gebar sie einen Sohn, den ersten in der Familie, ließ ihn tapfer, wie sie angeblich war, in Griechenland, um in Deutschland tapfer weiter Geld verdienen zu können. Erreichte dann die Dreißig, gebar dann mich, kam wieder zum Ort des Irrtums, nach Griechenland zurück, in der Hoffnung, nun endlich als angesehene Person aufgenommen zu werden. Doch ihr Leben in der Ferne hatte ihren Geschmack verändert, was bedeutete, dass sie im ganzen Bezirk wegen ihrer Neigung zu Schwarzbrot belächelt wurde. Schwarzbrot wurde damals von keinem Griechen verzehrt. Es wurde eher in der Landwirtschaft als Tierfutter verwendet. Die Gerüchte über die sonderbare Neigung meiner Mutter erreichten sogar die leicht schwerfälligen Ohren meines Großvaters. So sprach er sie niemals mit ihrem Namen an.

Zunächst mochte er sie nur wegen ihrer ärmlichen Herkunft nicht, doch mit der Zeit mochte er gar nichts an ihr. Er wollte sie nicht mehr sehen, wegen ihrer Andersartigkeit, wegen ihres kurzen Haarschnittes, wegen ihrer Hosenmanie und ihrer BH-losen Brüste, auch wenn sie an der Finanzierung und dem Bau des Hauses, in dem er wohnte, mitbeteiligt war. Zu all dem bekam ihr Sohn, ohne ihr Einverständnis, auch noch den Namen des grausamen Alten. Großvater war stolz, denselben Namen mit seinem erstgeborenen Enkel zu teilen.

Mein Vater war noch in Deutschland, um zu arbeiten. Er verdiente gut und schickte uns weiter Geld. Mutter hatte eine eigene schöne Wohnung, obwohl ihre Arbeit für ein ganzes eigenes Haus gereicht hätte, hätte man ihr das zugestanden. Aber sie nahm es hin. Die Schwägerinnen richteten ihr die Wohnung ein, natürlich nach deren Geschmack. Antike Möbelstücke, Kronleuchter in orthodoxem Stil, Kacheln in Blau-weiß, eine große Badewanne und sogar ein Bidet, wo man sich nach jedem Großgang den Hintern waschen konnte. Mutter konnte nichts davon zurückgeben, weil alles schon mit ihrem Geld bezahlt wurde. Sie wurde nicht gefragt, weil sie angeblich kein Geschmack hatte, sie kam ja aus ärmlichen Verhältnissen, da war es unmöglich, Geschmack zu besitzen. Das war die Haltung der Schwägerinnen, die, wie meine Mutter, gerade mal dreißig Jahre alt waren, aber um einiges älter wirkten. Eine der Schwägerinnen war unverheiratet und für die Erziehung des Erstgeborenen, also meines Bruders, zuständig. Großmutter war die Einzige, die meine Mutter gern hatte. Jeden Mittag kam Großmutter eine Etage hoch zu uns, um mit meiner Mutter von dem hochprozentigen Likör ein Schlückchen zu trinken.

Das Grundstück gehörte zur Mitgift meiner Großmutter, als sie Großvater heiratete. Großmutter arbeitete als Dienstmädchen bei einer jüdischen Arztfamilie, als Großvater sie zum ersten Mal sah. Großvater galt als einer der besten Tischler im ganzen Land und war eingebildet. Großmutter war schön und leise. Sie wurde als Siebenjährige von der Arztfamilie aufgenommen, als ihre Eltern starben. Die jüdische Familie, die dann die ihre wurde, sorgte dafür, dass sie im heiratsfähigen Alter einen guten Mann bekam. Den glaubten sie in Großvater gefunden zu haben. Irgendwann im Sommer des Jahres neunzehnhundert heirateten sie. Großmutter bekam neun Kinder, von denen eins an Tuberkulose starb, als es zwölf war und von einer Klassenausfahrt zurückkam. Es war ihr allererstes Kind gewesen. Es war ein wunderhübsches Mädchen mit dem Namen Aliki. Blond und blauäugig, wie Alice im Wunderland. Den Verlust konnte sie nie überwinden. Großvater zimmerte ihr einen wunderschönen weißen Sarg. Es war der letzte Sarg, den er als Tischler anfertigen wollte, leider war er für seine Tochter. Der Beruf des Tischlers war damals ziemlich vielseitig.

Alikis blonden Zöpfe lagen immer unter Großmutters Kissen und als sie in hohem Alter nach ihrem Ehemann starb, waren ihre letzten Worte: „Jetzt gehe ich meine Eltern und mein Kind wiedersehen.“ Kein Wort über Großvater, der sie seit ihrem achtzehnten Lebensjahr begleitete.

Als Mutter im Jahre 1973 das fertige Haus mit Vater besichtigen kam, fand sie ihre Wohnung schon in einem Stil eingerichtet vor, der gar nicht ihr Fall war. Für das, was sie sah, hatte sie also die langen Jahre geschuftet. Vater war vom noblen Stil der Möbel begeistert und machte sich wieder auf die Reise nach Deutschland.

Nun hatte Mutter eine schöne Wohnung, zwei Kinder, keinen Mann neben sich, aber dafür wahnsinnig viel Zeit, um die eigene Wohnung zu putzen und die Nachbarinnen zum Kaffee einzuladen. Sie konnte gar nicht gut kochen. Im Gegensatz zu ihrer vegetarischen Küche, die aus gedünsteten Brennnesseln bestand, gab es bei Großmutter richtiges Essen, leckeres Fleisch in Tomatensause. Mutter kochte verdammt schlecht und wollte es von niemandem lernen. Da hieße es nur wieder von der Schwägerin: „Kein Wunder, wer zu früh das Elternhaus verlässt, hat es im Leben schwer.“

Mutter verließ recht früh das ärmliche Häuschen, in dem sie mit ihren Eltern lebte. Mit siebzehn wohnte sie schon in einem kleinen Zimmer im Ausländer Frauenheim in Hamburg-Harburg. Das Zimmer bestand aus zwei Drei-Stockbetten und einer Spüle. Sie lebte mit sechs anderen Frauen zusammen, bevor sie mit Vater in das eine Zimmer ohne Dusche zog.

In den Sechzigern verließen viele Frauen allein ihr griechisches Elternhaus im Heimatland. Eine von ihnen war meine Mutter.

Auf dem Hochzeitsfoto sah sie mitgenommen aus. Die Hochzeit fand im engen Kreis von vier Menschen statt. Dem Bräutigam, der Braut, die wegen ihrer Schwangerschaft geheiratet wurde, dem Bruder des Bräutigams, der auch gleichzeitig der Trauzeuge war und der Schwester der Braut, die gerade mal zehn Tage in Hamburg war.

Meine Mutter sah auf dem Foto traurig aus, nicht weil sie ihr erstes nicht abgetriebenes Kind behalten durfte, sondern vielmehr wegen ihrer Hochzeit, die keine Hochzeit war.

Es war eher ein kleiner schneller Kirchenbesuch, der ihr doch so viel bedeutet hätte, wäre alles anders gekommen.

Aber nein, sie musste ja wie eine Heldin heiraten, schnell und unauffällig und genau das wollte sie nicht. Aber genau das, ist passiert. Eine rein standesamtliche Trauung wäre nicht schneller vonstattengegangen als dieser kurze Besuch zur orthodoxen Kirche Hamburgs.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Aphrodite - Express" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen