Logo weiterlesen.de
Apfelkuchen und Baklava

Über dieses Buch

»Es ist eine Walnuss aus Syrien. Aus dem Garten meiner Großmutter. Alles ist darin, alles ... Der Duft, das Zwitschern der Vögel, all seine Schönheit. Ich hatte diese Nuss bei mir, den ganzen Weg von Syrien nach Deutschland. Und nun habe ich sie verloren.« Als die 11-jährige Leila mit ihren Brüdern und der Mutter aus Syrien flieht, bleiben ihr Vater und ihre Großmutter zurück. Nur eine Walnuss aus dem Garten ihrer Oma hat Leila als Erinnerung bei sich. Es ist ein Stück Heimat, das sie mitnehmen kann. Umso schlimmer ist es für sie, als die Nuss eines Tages verschwunden ist. Max, auch 11 Jahre alt, ist in einer Kleinstadt in Niedersachsen aufgewachsen. Was es bedeutet, aus seiner Heimat fliehen zu müssen, begreift er zunächst nicht. Aber er mag Leila und möchte sie kennenlernen. Als er ihr geduldig bei der Suche nach ihrer Walnuss hilft, entwickelt sich eine Freundschaft, die alles überstehen kann.

Kathrin Rohmann

Apfelkuchen und Baklava

oder Eine neue Heimat für Leila

Vignetten_1.tif

Illustriert von Franziska Harvey

Dieses Kinderbuch entstand auf Basis eines Projekts mit dem Titel »Omas Garten blüht in mir«, das mit Unterstützung der Akademie für Kindermedien, einer Initiative des Fördervereins Deutscher Kinderfilm e. V., unter der Mentorenschaft von Dr. Rüdiger Hillmer und Johanna Faltinat entwickelt und mit dem Baumhaus/Boje-Medienpreis 2015 ausgezeichnet wurde.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vignetten_1.tif

Er legte sich einen Kiesel in die Tasche,

um sich zu erinnern.

Er band sich einen Faden um den Finger,

um den Weg zurück zu finden.

Bis ihm aus allen Taschen Kiesel quollen

und die Finger sich in den Fäden verhedderten.

Da ging er verloren.

Monzer Masri

Vignetten_1.tif

MAX

Heute ist Montag. Einer der Montage, an denen man nicht aus dem Bett kommt. Einer, an dem eine ganze lange Woche voller Schultage vor einem liegt und das morgendliche nasse Novembergrau ungemütlich unter den Vorhängen hindurch ins Zimmer kriecht.

Max dreht sich in seinem Bett noch einmal um. Dann hört er Schritte auf der Treppe. Er knuddelt sein Kissen zu einem dicken Ball zusammen und taucht das Gesicht hinein. »Jetzt!«, murmelt er, und genau in diesem Moment öffnet sich die Zimmertür.

»Max!« Seine Mutter Mareike steckt den Kopf durch den Türspalt. »Max! Du musst aufstehen!«

»Ja, gleich«, dringt es dumpf aus dem Kissenball.

Mareike schüttelt den Kopf. »Ich komm sonst gleich noch mal hoch!«, sagt sie warnend und zieht die Tür hinter sich zu.

Max schnauft. Er verharrt noch kurz, lauscht den Schritten seiner Mutter die Treppe hinunter und schlägt dann seufzend die Decke zurück, um ins Bad zu stapfen.

Wenig später setzt Max sich unten in der Küche an den großen langen Tisch zu seinen Eltern.

Er nippt an seinem Kakao und schaut durch das Fenster hinaus auf den Hof. Die getigerte Katze trabt über das noch vom nächtlichen Regen glänzende Kopfsteinpflaster vor der großen Scheune, eine Maus im Maul. Der Wind hat die gelben Ahornblätter zwischen die Egge und den alten Anhänger unter das Vordach gefegt.

»Hast du heute Nachmittag Jugendfeuerwehr?«, fragt seine Mutter und reißt Max damit aus seinen Gedanken.

»Mmm«, murmelt er und nimmt sich eine Scheibe Brot.

»Holt Frederik dich um fünf ab?«

Max nickt. Er schmiert sich ein Brot mit viel zu viel Schokocreme, was sein Vater Jens nur kurz mit dem Hochziehen seiner Augenbrauen kommentiert, bevor er weiter seine Termine auf dem Tablet ordnet.

»Habt ihr den Feuerwehrkurs am Wochenende alle bestanden?«, fragt seine Mutter weiter.

»Da war nichts zu bestehen«, antwortet Max. »Es war nur einer zum Erklären und Zeigen da.«

»Na, ist doch auch schön.« Mareike steht auf. »Max, diese Woche wird es wahrscheinlich jeden Tag etwas später. Meine Kollegin hat Urlaub. Oma habe ich schon Bescheid gesagt.« Sie packt Max’ Schulbrot in eine Tüte und legt einen Apfel daneben auf die Arbeitsfläche. »Nicht wieder vergessen!«, sagt sie zu Max, streicht ihm über den Kopf und schenkt Jens und sich selbst Kaffee nach.

»Mach ich nicht«, verspricht Max und schaut auf die Uhr am Herd. Puh! Schon so spät? Wieso muss morgens die Zeit immer so schnell vergehen? Er spült den Rest Brot mit einem großen Schluck Kakao hinunter und verlässt die Küche. Dass Mama diese Woche länger arbeiten muss, findet er nicht schlimm. Im Gegenteil. Bei Oma Mittagessen und dann im stillen Haus mit einem großen Kakao alleine sein, findet er für eine Woche eigentlich ganz cool.

Als er kurz darauf mit Schultasche in der Hand vom Flur aus »Tschüss!« ruft, diskutieren seine Eltern lebhaft, ob der alte Trecker noch einmal repariert werden sollte oder nicht. Max zieht die schwere Haustür mit Schwung hinter sich zu. So kommt es, dass sich Schulbrot und Apfel einen ziemlich ruhigen Vormittag auf der Arbeitsfläche in der Küche machen.

Draußen ist es kühl. Es riecht nach Herbst, feuchten Blättern und Erde.

Max’ Fahrrad steht in seiner Werkstatt, dem alten Schuppen gleich neben der Scheune. Als er die grüngestrichene Holztür öffnet, quietscht sie leise in den Angeln. Omas Schafe auf der Weide am Hof heben den Kopf.

Durch die geöffnete Tür fällt das Morgenlicht in den Raum. Hier drinnen ist es still. Rechts steht die alte Werkbank, die vermutlich schon Max’ Ururopa benutzt hat. Darauf liegen viele Schraubenschlüssel, Schläuche, eine Packung kleiner Glühbirnen und zahllose Schrauben. Daneben, ordentlich aufgereiht, Max’ Fahrrädersammlung: ein recht neues Mountainbike ohne Sattel, ein altes schwarzes Rad, dessen goldene Beschriftung am Rahmen abblättert, ein Rennrad, ein silbernes Damenrad und ein blaues Herrenrad mit gebogenem Lenker, einer auffällig großen Vorderlampe und einem Korb auf dem Gepäckträger. Dorthinein stellt Max seine Schultasche und schiebt das Rad durch die Tür.

Als er am Haus seiner Oma vorbeiradelt, öffnet sie gerade die Terrassentür für die Katze. Die hat ihre Maus hübsch ordentlich auf dem Abtreter davor abgelegt und mauzt.

»Warte mal, Max!«, ruft Oma Gertrud und geht ins Haus, gefolgt von der mauzenden Katze. Max rollt an die Terrasse heran. Eigentlich muss er sich jetzt echt sputen. Er trommelt mit seinen Fingern auf den Lenkergriffen. Als Oma wieder herauskommt, hat sie ihre bunte Wolljacke übergezogen, und die Katze streicht ihr noch immer um die Beine.

»Hier«, sagt Oma und reicht Max zwei Müsliriegel. »Erste Pause, zweite Pause.« Sie lächelt. »Oder für Notfälle! Jetzt, nach der Erste-Hilfe-Einweisung.«

»Danke«, sagt Max und strahlt. Was Oma sich immer alles merkt!

Dann schlägt er sich mit der Hand an die Stirn. »Oh, Schei…!«, bemerkt er zerknirscht. »Ich hab schon wieder mein Schulbrot vergessen. Ich glaub, Mama wird langsam echt sauer.«

»Na ja«, sagt Oma, »heute ist Montag. Vielleicht nur ein bisschen sauer.« Sie beugt sich hinunter und streichelt die mauzende Katze. »Aber nächste Woche haben wir eine Backverabredung. Die vergisst du nicht, oder?!«

»Nee!« Max schüttelt heftig den Kopf und grinst. »Lebkuchen sind doch Ehrensache.«

Eilig stopft er die Riegel in seine Schultasche und fährt davon. Am Hoftor dreht er sich noch einmal um, winkt und ruft: »Tschüss, Oma, und danke!« Dann fährt er auf den Radweg Richtung Großbödecke. Ohne Oma wäre es ganz schön doof, schießt es ihm durch den Kopf.

Als auf halber Strecke der Schulbus an ihm vorbeiröhrt, blickt Max auf. Frederik winkt am Fenster, Max hebt kurz die Hand. So ein muffeliger, voller Schulbus wäre mal gar nichts für ihn! Max tritt kräftig in die Pedale und zischt durch die Pfützen auf dem Radweg, dass es nur so spritzt.

Vignetten_1.tif

LEILA

Auch Leila liegt an diesem Montagmorgen im Bett. Sie schläft noch. Ihr Bett steht in einem kleinen schmalen Zimmer mit Dachschräge. Davor liegt ein bunter Teppich. Die wenigen Möbel stehen wie Fremde herum und passen nicht so recht zueinander. Ein alter Küchentisch als Schreibtisch, eine Kommode, hellgrün gestrichen, ein Stuhl und ein blassgeblümter Sessel. Darauf, ordentlich gefaltet, Leilas Anziehsachen. Mit Reißzwecken und Nadeln sind mehrere selbst gemalte Bilder über der Kommode befestigt.

Eines zeigt die syrische Flagge, eines einen großen Baum in einem üppigen Garten, eines eine Bäckerei, eines einen Menschen in einem Bett, scheinbar in einem Krankenhaus, und eines einen winzigen dunklen Punkt inmitten einem Blau, das das ganze Blatt ausfüllt.

Ein hellgelber Vorhang hängt vor dem Fenster, durch den sich das morgendliche nasse Novembergrau bereits erahnen lässt.

»Leila!« Die Stimme ihrer Mutter Aischa dringt herein. Leila dreht sich im Schlaf zu Seite. Ihre Hand, zur Faust geballt, hängt nun über der Bettkante. Sie seufzt, und dann fällt aus dieser Faust etwas heraus, mitten auf den bunten Teppich. Etwas Kleines, Runzeliges, Rundes: eine Walnuss.

»Leila!« Ihre Mutter kommt ins Zimmer. Sie zieht den hellgelben Vorhang zur Seite, setzt sich auf Leilas Bettkante und streicht ihr übers Haar. Gerade als sie wieder ansetzen will zu sprechen, fällt ihr Blick auf den Teppich. Sie lächelt, hebt die Nuss auf und betrachtet sie.

So lange, bis Leila die Augen aufschlägt, sich aufrichtet und sie ihr mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck aus der Hand nimmt.

»Heute beginnen wir neu«, sagt ihre Mutter mit Nachdruck.

»Und wann kommen endlich Vater und Großmutter Amina?«, fragt Leila schlaftrunken.

»Bald.« Aischa presst die Lippen fest aufeinander. »Sehr bald, hoffe ich.« Dann bemüht sie sich zu lächeln. »Aber nun steh auf. Heute ist dein erster Schultag.«

Leila legt die Stirn in Falten und schaut ihre Mutter bittend an. »Kann ich nicht erst morgen …?«

»Nein, heute. Wir werden hierbleiben, hoffentlich. Dann wirst du länger in diese Schule gehen. Wenn alles gut wird, sogar bis zum Abschluss. Sei eine gute Schülerin. Vater wird es freuen.« Sie nickt Leila zu, steht auf und geht hinaus.

Leila bleibt auf der Bettkante sitzen und öffnet ihre Hand. »Liebe Großmutter«, flüstert sie der Nuss zu. Ganz warm klingt ihre Stimme. »Marhabaan. Guten Morgen, liebe Großmutter. Du musst mir noch einmal helfen, bitte. Mama sagt, wir bleiben hier. Und heute gehe ich wieder in eine neue Schule. In eine, die bleibt, vielleicht bis zum Abschluss.«

Nachdem Leila sich angezogen hat, steckt sie die Nuss wie immer in die Hosentasche. Dann nimmt sie die Bürste von der Kommode und fährt mit kräftigem Strich durch ihr Haar. Geschickt und mit der Geschwindigkeit des alltäglichen Tuns flicht sie sich ihren Zopf. Sie legt ihn nach vorne über die Schulter und misst, wie weit er schon hinunterreicht. Noch immer ist er nicht so lang wie damals. Bevor sie im Libanon an Bord des Schiffes gegangen sind, hatte Mutter ihn ihr abgeschnitten. Wie ein Junge hatte sie ausgesehen.