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Anwälte küssen besser!

1. KAPITEL

Blake Bennington öffnete schwungvoll die Tür des Gerichtsgebäudes, setzte seine Ray-Ban-Brille auf und trat hinaus in den sonnigen Tag. Sollte er Sara fragen, ob sie mit ihm ausgehen wollte? Seinen 14-Stunden-Tag müsste er ohnehin abkürzen, um am Abend zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu gehen. Was bedeutete, dass er nach zehn Stunden in Schlips und Kragen seinen Anzug gegen einen Smoking tauschen müsste. „Danke für die Info, Sara.“

Die aparte Brünette im teuren Designerkostüm lächelte ihn ermutigend an, während sie neben ihm die Treppe hinunterlief. Seitdem sie vor einigen Jahren im Ausschuss für Drogenbekämpfung in Südflorida zusammengearbeitet hatten, hatte sie ihm mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass sie nichts gegen eine etwas intimere Beziehung hätte. Ihren eindeutigen Annäherungsversuchen war Blake bisher aber stets aus dem Weg gegangen.

„Wenn es im Menendez-Fall einen Schuldspruch gibt, erhöht das deine Chancen auf eine Beförderung, Blake“, sagte sie. „Ich hoffe, die Unterlagen helfen dir.“

„Jedes Mehr an Information hilft.“ Als sie den belebten Bürgersteig erreichten, blieb Blake stehen und wandte sich der hübschen Anwältin zu. „Danke, dass du mir deine Zeit opferst.“

„Du weißt, dass ich dir jederzeit zur Verfügung stehe.“ Sara streifte seinen Arm mit den Fingern.

Blake räusperte sich. Ihre Berührung wirkte wie eine bedeutungslose Geste, aber er wusste, dass sie das nicht war.

Sara hatte Stil. War selbstsicher und intelligent, mindestens ebenso engagiert und pragmatisch wie er selbst. Genau die Art von Frau, mit der er hätte ausgehen sollen. Genau die Art von Frau, mit der er normalerweise ausging. Eine, die seine beruflichen Ziele und seine zeitliche Beanspruchung kannte.

Warum also zögerte er?

Blake wusste, dass es idiotisch war, ihr Interesse an ihm zu ignorieren. Seine kleine Schwester Nikki nahm ihn momentan sehr in Anspruch, ganz zu schweigen von dem aufsehenerregenden Fall, an dem er gerade arbeitete, aber er war ein Mann aus Fleisch und Blut, der ebenso viel Spaß am Sex hatte wie jeder andere. Trotz ausreichender Gelegenheiten war es bereits sechs Monate her, dass er zum letzten Mal neben einer Frau aufgewacht war. Sechs Monate, seitdem er zum letzten Mal seiner Lust nachgegeben hatte.

Was war nur mit ihm los?

In diesem Moment stolperte eine Frau, die so jung aussah, dass Blake bezweifelte, dass sie schon wählen durfte, gegen ihn. Den Blick starr auf ihr Handy gerichtet, platzierte sie den Absatz von einem ihrer schwarzen Stiefeletten direkt auf seinen Zehen. Blake fing sie auf und sah irritiert an ihrem langen, honigfarbenen Haar, dem Beatles-T-Shirt und den verführerischen abgeschnittenen Jeans hinunter, die nicht so kurz waren, dass man ihre Unterwäsche darunter hervorblitzen sah – aber fast. Statt sich weiter Gedanken über sein Liebesleben zu machen, dachte er nun darüber nach, ob sich unter diesen Shorts Spitzenwäsche oder ein String verbarg. Und dann diese aufregenden Cowboystiefel …

Er sollte sich wirklich zusammenreißen.

Die junge Frau steckte ihr Handy ein und entfernte ihren Fuß von seinem. „Tschuldigung, Anzugträger. Ich hab’s eilig“, sagte sie, „aber das rechtfertigt nicht, dass ich Sie umrenne.“

„Sie sollten aufpassen, wo Sie hinlaufen“, antwortete er. „Mit diesen Stiefeln können Sie leicht jemanden verletzen.“

„Kopf hoch! Vielleicht können Sie mich ja wegen Unfallflucht belangen.“

Das belustigte Funkeln ihrer braunen Augen war ansteckend.

„Abgesehen davon, dass Sie nicht geflüchtet sind“, erwiderte er, um einen ernsten Gesichtsausdruck bemüht. „Wenn Sie mir Ihren Namen verraten, habe ich also nichts gegen Sie in der Hand.“

„Hm, wenn das so ist …“ Sie reichte ihm die Hand, und ihm fielen sofort ihre weiche Haut und ein kleines Tattoo auf der Innenseite ihres Handgelenks auf. „Jacqueline Lee“, stellte sie sich vor. „Und nur, falls Sie mich fragen wollen, ob ich mit Ihnen ausgehe …“, sie ließ seine Hand los, „… meine Freunde nennen mich Jax.“

Offenbar hatte sie ihre Unterhaltung als Anmache missverstanden. „Ich gehe nicht mit Minderjährigen aus“, stellte er klar.

„Ich bin 23 und geistig und körperlich gesund“, antwortete sie. Blake kannte sie nicht gut genug, um zu wissen, wie es um ihren Geist bestellt war, aber ihr Körper war definitiv gesund. Sie legte den Kopf schief. „Hilft Ihnen das weiter?“

„Eigentlich schon, aber ich gehe nicht mit Frauen mit Männernamen aus“, erklärte er lächelnd.

„Sie haben sich ja schrecklich viele Regeln auferlegt“, neckte sie ihn und wandte sich zum Gehen, hielt dann aber inne und warf ihm einen kessen Blick über die Schulter zu. „Rufen Sie mich an, falls Sie mal gegen eine Ihrer Regeln verstoßen wollen.“

Kopfschüttelnd beobachtete er, wie sie den Rasen vor dem Gerichtsgebäude betrat. Wie lange war es her, dass er sich zum letzten Mal auf einen harmlosen Flirt eingelassen hatte? Offenbar zu lange. Es wurde Zeit, dass er sich wieder verabredete, wenn er so einem gestiefelten Satansbraten hinterherguckte. Auf eine Frau wie sie konnte er gut verzichten.

Plötzlich dröhnte aus einem vor dem Gerichtshaus abgestellten alten VW Käfer laute Musik. Und seine aufregende Angreiferin, die eben noch über die Wiese geschritten war, begann zu tanzen. Blake begriff zuerst nicht, was sie da tat, bis sich nach und nach Jugendliche zu ihr gesellten. Bald führten mehr als ein Dutzend Teenager einen Tanz auf, der gut genug war, um in einem professionellen Musikvideo verwendet zu werden.

„Um Himmels willen, ein Flashmob“, sagte Sara missbilligend. „Hat die Jugend von heute denn nichts Besseres zu tun?“

Blake starrte die Gruppe an – vor allem deren Anführerin, aus deren Bewegungen die reinste Leidenschaft sprach. Der Enthusiasmus, der sich in ihrem Gesicht zeigte, war betörend.

„Die haben doch nur Spaß, Sara“, sagte er abgelenkt.

Auch er hatte einst nur für den Spaß gelebt und es dabei ziemlich übertrieben.

Aber dass er mit dem Tod seines Vaters kopfüber in der Realität angekommen war und die Verantwortung für seine verrückte Familie hatte übernehmen müssen, hieß noch lange nicht, dass auch alle andern mit 20 die härteste Lektion ihres Lebens bekommen mussten. „Ist doch nichts Schlimmes dabei, Sara.“

Schlimm war hingegen, wie sehr es ihm die flüssigen Bewegungen dieses braunäugigen Mädchens antaten. Sie wandte und drehte sich mit einer geschmeidigen Anmut zu den Latino-Hip-Hop-Klängen, die in Anbetracht ihrer Cowboystiefel eine sonderbare Wahl waren, und verbog dabei ihren Körper auf fast unvorstellbare Weise. Ihr Tanzen beflügelte seine Fantasie und verwandelte sein Blut in glühende Lava.

„Nichts Schlimmes dabei? Erzähl das den Polizisten. Sie sehen nicht begeistert aus“, erwiderte Sara. „Sondern eher, als würden sie gleich zugreifen.“

Blake sah zu den beiden ernst dreinblickenden Polizisten hinüber, die rasch auf die Tanztruppe zugingen, und vor seinem inneren Auge erschien ein interessantes Bild von seiner Angreiferin in Handschellen.

Was war nur mit ihm los?

Als Blake sich wieder den beiden Polizisten widmete, sah er, wie einer stehenblieb, um etwas zu den Tanzenden – die sich momentan wellenförmig auf dem Boden bewegten – zu sagen, während der andere auf den zerbeulten Käfer zuging, aus dem die Musik dröhnte. Jetzt erst bemerkte Blake das komplett eingegipste Bein, das auf der Beifahrerseite aus dem betreffenden Wagen ragte. Ihm entrang sich ein entnervtes Stöhnen. Auf einmal fand er das Ganze überhaupt nicht mehr lustig.

Es gab keinen Zweifel daran, zu wem dieses Bein gehörte, denn es war höchst unwahrscheinlich, dass es in Miami einen zweiten Gips gab, der von den Zehen bis zur Hüfte reichte und von einem großen roten Drachen verziert wurde. Einem Gips-Tattoo, wie seine Schwester es nannte.

Und Blake hatte gehofft, dass der Gips zumindest verhindern würde, dass Nikki sich neuen Ärger einbrockte – wie zum Beispiel eine Verhaftung. Zumindest, bis er seinen Fall abgeschlossen hätte.

Und er hasste nichts mehr, als sich zu irren.

Sechs Stunden später

„Ich bin gekommen, um mich um Ihre Entlassung zu kümmern, Ms Lee – meiner Schwester zuliebe“, sagte Blake Bennington. Vor den schwarzen Ledersitzen der Limousine leuchteten die kühlen grauen Augen in seinem sonnengebräunten Gesicht regelrecht.

Jax sprach ein weiteres Dankesgebet, dass sie die Einzige gewesen war, die man heute verhaftet hatte. Sie hatte ihre neue Freundin Nikki Bennington angerufen, um sie um Rat zu fragen. Als die Jurastudentin ihr gesagt hatte, dass ihr Bruder nicht gerade begeistert über ihre heutige Aktion gewesen sei, war das Jax völlig egal gewesen – schließlich kannte sie den Kerl nicht. Doch als Nikki erwähnte, dass ihr Bruder eine Wohltätigkeitsveranstaltung verlassen würde, um zum Gefängnis zu kommen, hatte sie begriffen – und sich geschworen, die großzügige Geste zu würdigen und ihre Zunge im Zaum zu halten.

Und nun war sie völlig durcheinander.

Die Härchen auf ihren Armen waren noch immer aufgerichtet; sie war wie elektrisiert, seitdem der Typ aufgetaucht war, um ihr seine Hilfe anzubieten. Nach mehreren Stunden in Polizeigewahrsam hätte sie zu fertig sein müssen, um irgendetwas zu empfinden. Aber es war nicht gerade alltäglich, von einem Mann im Smoking, der besser aussah als James Bond, aus dem Gefängnis befreit zu werden.

Die Anziehung, die er auf sie ausübte, kam ihr ungelegen, vor allem in Anbetracht seiner missbilligenden Ausstrahlung. Es war nicht ihre Art, ihre Meinung für sich zu behalten, und es fiel ihr wesentlich schwerer, als sie gedacht hätte.

„Merken Sie sich eins für die Zukunft: Ruhestörung ist verboten, egal, mit welcher Arglosigkeit sie durchgeführt wird“, sagte ihr Retter nun.

In Anbetracht seines Tonfalls biss Jax sich auf die Lippe und ermahnte sich, an Nikki zu denken. Bei ihrem ersten Zusammentreffen hatte Blake recht zugänglich gewirkt, aber seitdem er aufgetaucht war, um sich um ihre Entlassung zu kümmern, war der Anwalt in ihm zum Vorschein gekommen. Dabei war er die ganze Zeit so cool geblieben. So ruhig. Und jetzt hatte er so recht.

Noch ein Satz, um ihren Standpunkt zu verteidigen – danach würde sie schweigen. „Ich hatte nicht vor, mit der Aktion gegen Gesetze zu verstoßen.“

Als erwartete er eine interessante Geschichte, lehnte sich Blake zurück, legte einen Arm hinter ihr auf die Lehne und schlug ein Bein über das andere. Sein aufmerksamer Blick wirkte wie eine Aufforderung, eine überzeugende Erklärung abzuliefern.

„Was hatten Sie denn vor?“, fragte er.

„Ich arbeite als Musiktherapeutin im Jugendzentrum South Glade. Die Kreisverwaltung hat unsere Mittel gestrichen …“

Ihr Herz begann zu rasen, und sie fühlte, wie es ihr eng um die Brust wurde. Das Jugendzentrum war ein sicherer Ort, an dem die Jugendlichen sie selbst sein konnten. Sich angenommen fühlten. Ohne diese Einrichtung wäre ihre eigene Highschoolzeit unerträglich gewesen. Während sie ständig von einer Pflegefamilie zur nächsten abgeschoben wurde, war South Glade die einzige Konstante in ihrem Leben gewesen. Es kam nicht infrage, das Jugendzentrum verloren zu geben.

Um sich zu beruhigen, rieb sie über das kleine Tattoo, das die zwei Narben an ihrem Handgelenk teilweise verbarg. Sie nannte sie ihre Kampfmale. Sie symbolisierten ihre Vergangenheit und erinnerten sie daran, wer sie war.

Und wie weit sie es gebracht hatte.

Sie straffte die Schultern und schob ihre Befürchtungen beiseite. „Und da wollte ich ein bisschen Werbung für unsere Sache machen.“

„Indem Sie sich verhaften lassen?“

Wollte er sich über sie lustig machen?

Sie atmete tief ein und bemühte sich, ruhig zu bleiben.

„Nein – und genau deswegen haben wir Nikki ins Boot geholt. Eine gemeinsame Freundin hat sie gefragt, wie wir vorgehen müssen, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.“ Allerdings hätte sie sich wohl etwas genauer an Nikkis Ratschläge halten sollen.

Blake schien unbeeindruckt. „Laut Polizeibericht war die Musik, die aus dem VW kam, laut genug, um als Ruhestörung zu gelten.“

„Ich habe Nikki gesagt, dass es schwer ist, im Takt zu bleiben, wenn man die Musik nicht hört“, erwiderte Jax und ärgerte sich über ihren verteidigenden Ton.

„Ganz zu schweigen von dem Teil des Tanzes, der auf dem Bürgersteig stattfand, wo Sie …“, fuhr er fort, als hätte sie nichts gesagt, beugte sich vor und überflog den Polizeibericht, „ich zitiere … ‚der Aufforderung, den Bürgersteig umgehend zu räumen, nicht nachgekommen‘ sind.“

„Ich habe die Aufforderung nicht gehört, weil die Musik zu laut war“, murmelte sie errötend.

„Genau“, antwortete er ruhig.

„Und ich hatte nicht vor, auf dem Bürgersteig zu tanzen. Ich bin etwas zu weit zur Seite geraten, als ich den Wurm gemacht habe.“

„Ich nehme an, das war der Teil mit den wellenförmigen Bewegungen auf dem Boden.“

Er legte den Bericht zwischen ihnen auf den Sitz und schwieg, als könne er ihre weiteren Erklärungen kaum abwarten. Doch sie hatte nicht das Gefühl, dass diese ihn zufriedenstellen würden.

„Der Wurm ist nicht leicht“, sagte sie.

„Es sah ziemlich schmerzhaft aus.“

„Hm. Jedenfalls wusste ich nicht, dass ich so nah an den Gehsteig herankommen würde.“

„Im Nachhinein eine fatale Fehleinschätzung“, bemerkte er trocken.

Sein Sarkasmus ging ihr auf die Nerven.

„Ich hatte keine Zeit zum Üben. Wir mussten schnell auf die Streichung der Mittel reagieren.“

Blake ließ sich tiefer in seinen Sitz sinken. „Und Sie hielten es für angemessen, Ihren Unmut auszudrücken, indem Sie mit Ihren Schutzbefohlenen einen Flashmob veranstalten und riskieren, dass sie verhaftet werden?“

So, wie er es ausdrückte, klang es, als sei sie nicht ganz dicht. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich versucht habe, nicht gegen Gesetze zu verstoßen.“

Als er sie jetzt mit unergründlichem Gesichtsausdruck ansah, hatte sie plötzlich das Gefühl, dass Blake Bennington ihre Aktion mindestens so amüsant fand, wie er sie missbilligte.

„Im Grunde finden Sie das Ganze witzig, oder?“, fragte sie.

„Nur in dem Punkt, dass Sie Ihren Flashmob so sorgfältig geplant haben und dann alles wegen einer falschen Bewegung schiefgegangen ist.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Nächstes Mal müssen Sie die Choreografie besser durchdenken.“

Sein unterdrückter Humor nervte sie, und sie sagte: „Und vielleicht lernt Officer Brown, sich ein wenig locker zu machen.“

Blake hob die Brauen, und seine grauen Augen wurden dunkler, als er sich vorbeugte und sie durchdringend ansah. Offenbar hatte sie einen wunden Punkt getroffen.

„Ich kann Ihnen versichern, Ms Lee – wenn es um Leute geht, die sich nicht an die Gesetze halten …“, sagte er mit honigsüßer Stimme, und er war ihr so nah, dass Jax wieder seine volle Anziehungskraft zu spüren bekam, „… dann nehmen sowohl ich als auch Officer Brown unsere Arbeit sehr ernst.“

Sein intensiver Blick ließ Jax’ Herz schneller schlagen. Es war nicht leicht, sich von seinen dichtbewimperten, hypnotisierenden Augen zu lösen, doch schließlich gelang es ihr, den Blick über sein markantes Gesicht wandern zu lassen – bis zu seinem Mund.

Und, wow … er hatte genau solche Lippen, wie sie sie liebte. Voll. Sinnlich. Lippen, die ein Mädchen um den Verstand bringen konnten und es vergessen ließen, dass man den Männern für immer abgeschworen hatte. Zumindest, bis man den Richtigen gefunden hätte. Der einen nicht für unzurechnungsfähig hielt.

Und dieser Supermann hier mit seinem stählernen Blick war sicher nicht der Richtige.

„Wollen Sie mir eine Standpauke halten?“, fragte sie mit einer Unschuldsmiene. „Denn genau so kommt es mir langsam vor.“

Wieder zuckten seine Mundwinkel. „Ganz und gar nicht. Aber da Sie nun in mehreren Punkten schuldig sind, sollten Sie lernen, darauf zu hören, wenn man Ihnen einen Rat gibt.“

Einen Rat? Mit zusammengepressten Lippen wandte sich Jax dem Fenster zu und trommelte mit den Fingern auf den Ledersitz. Das war ja wohl eine eindeutige Untertreibung, dass dieser 007 hier seinen Kontrolltick als Rat verkaufen wollte. Und dann diese beunruhigenden Schultern, die so breit waren, dass man eine Landkarte bräuchte, um von der einen Seite zur andern zu küssen …

Schultern, die momentan in einem Smoking steckten. Was sie daran erinnerte, dass er seine Abendplanung über den Haufen geworfen hatte, um ihr aus der Patsche zu helfen. Und sie widersprach ihm in jeder Kleinigkeit.

Na prima – schlechtes Gewissen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

Sie seufzte. „Hören Sie, ich weiß, dass Sie etwas vorhatten.“ Sie betrachtete sein kantiges, glatt rasiertes Kinn und seine schwarze Fliege. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen den Abend ruiniert habe.“

Er sah sie an, doch sie konnte seinen Blick nicht deuten. „Darüber lässt sich streiten.“

„Worüber? Dass es mir leidtut oder dass ich Ihnen den Abend ruiniert habe?“

Man sah ihm seine unterdrückte Belustigung an. „Ich kann keine Aussage über Ihre Reuefähigkeit treffen. Aber seien Sie versichert, dass ich froh bin, diese Veranstaltung verpasst zu haben.“

„Wo wollten Sie denn hin?“

„Man hat so seine Verpflichtungen, Ms Lee.“

Jax wurde neugierig, fragte aber nicht weiter. Die Klimaanlage schaltete sich ein, und es wurde kühl. Ihr knappes T-Shirt und die abgeschnittenen Jeans waren für einen Flashmob perfekt gewesen, doch nun fühlte Jax sich nackt darin. Und neben diesem attraktiven Anwalt in seiner Luxuslimousine kam sie sich ganz verlottert vor. Um sich ein wenig mehr zu bedecken, zog sie an dem ausgefransten Saum ihres T-Shirts. Da das nichts brachte, begnügte sie sich damit, ihre Arme zu reiben.

Nach einem Seitenblick auf Jax schaltete Blake die Klimaanlage aus. „Vielleicht sollten Sie das nächste Mal, wenn Sie riskieren, verhaftet zu werden, etwas Passenderes anziehen.“

Sie unterdrückte ein Stöhnen. „Könnten wir uns darauf einigen, dass das nicht gerade eine Sternstunde in meinem Leben war, und es dabei belassen?“

„Abgemacht.“ Er senkte seinen Blick auf ihren Oberkörper, und die ohnehin schon vorhandene Anspannung wurde so stark, dass die Luft zu knistern begann wie der Himmel über dem Times Square an Silvester. Ihr Herz begann laut zu klopfen, und sie betete, dass ihr Körper nicht verraten würde, wie sehr sie dieser Mann anzog.

Er hob die Hand und wies auf ihr T-Shirt. „Da ist noch ein bisschen Dreck aus Ihrer Un-Sternstunde im Gesicht von Paul McCartney.“

Erschrocken sah Jax an sich hinab. Ein brauner Strich lief quer über das mit einem Beatlesmotiv bedruckte T-Shirt. Pauls Stirn bedeckte ihre linke Brust und war nun braun beschmiert. Beschämt und mit zitternden Fingern versuchte sie, den Fleck wegzuwischen. Sie wusste, dass Blake ihr zusah, und heißes Verlangen breitete sich in ihr aus. Bis ihre Brüste sie schließlich verrieten, indem ihre Spitzen sich aufrichteten.

„Ich fürchte, Sie machen es nur noch schlimmer“, sagte er, und eine unidentifizierbare Regung schwang in seiner tiefen Stimme mit.

Sie hoffte inständig, dass er damit den Fleck meinte, der durch ihr Wischen noch größer geworden war.

Blake beugte sich vor und streifte sein Jackett ab. Der Anblick seines in einem weißen Hemd steckenden muskelbepackten Oberkörpers raubte Jax den Verstand. Was der einzige Grund dafür war, dass sie Blake stumm gewähren ließ, als er ihr das Jackett um die Schultern legte.

Es war warm und schwer und roch verführerisch nach Meeresbrise. Umgab sie wie eine Umarmung …

Um Himmels willen, nein. „Es geht schon, danke“, sagte sie und hob ihre Hand, um das Jackett wieder abzustreifen.

Doch er umfasste ihr Handgelenk, um sie daran zu hindern, und seine Berührung ließ ihre Wangen glühen.

„Seien Sie nicht so dickköpfig.“ Seine grauen Augen waren jetzt ganz dunkel, und seine Stimme klang noch tiefer. „Ihnen ist kalt, also behalten Sie es.“

Seine Berührung löste köstliche Schauer in ihr aus, bis Blake ihr Handgelenk losließ und die Ärmel seines Hemdes hochschob – so, als würde er keinen weiteren Widerspruch dulden.

Ob er nun der Bruder ihrer neuen Freundin war oder nicht – seine Art war schwer zu ertragen.

„Sehen Sie“, sagte Jax so ruhig wie möglich, „ich weiß, dass Sie normalerweise keinen Umgang mit Frauen wie mir pflegen, aber …“

„Sie kennen mich nicht lange genug, um zu wissen, mit was für Frauen ich Umgang pflege“, erwiderte er, ohne sie anzusehen.

„Aber lange genug, um alles zu wissen, was ich wissen muss“, brummelte sie.

Er sah sie an. „Höchst unwahrscheinlich.“

Sein Tonfall und sein allzu selbstbewusster Blick stachelten sie an. Zweifelsohne wurde es Zeit, dass sie ihm die Meinung sagte. Sie wandte sich ihm zu.

„Ihre Kleidung soll Eindruck machen. Die Menschen davon zu überzeugen, dass Sie ein guter …“ Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Was machen Sie noch mal genau?“

„Ich bin Assistenzbundesanwalt.“

„Beeindruckend.“ Sie ignorierte die grauen Augen, mit denen er sie erwartungsvoll ansah. „Ihr Haar tragen Sie konservativ kurz, lassen es aber oben länger, um nicht zu martialisch auszusehen.“ Zu gern hätte sie es zerzaust, um zu sehen, wie er reagieren würde. „Wie alt sind Sie? Dreißig? Einunddreißig?“

„Zweiunddreißig.“

Also trennten sie neun Jahre, mehrere Steuerklassen und komplett unterschiedliche Welten.

Rasch begutachtete sie seine schönen entblößten Unterarme, die muskulös und sehnig waren, und wunderte sich darüber, dass dieser Mann sie so betörte. Normalerweise vermied sie große, dunkle und so beunruhigend ernsthafte Typen, aber dieser Mann ließ die Glut in ihr aufsteigen wie heißes Wachs in einer Lavalampe.

Und dass nun sein Sinn für Humor zurückgekehrt war, machte ihn noch wesentlich attraktiver.

„Ich wette, dass diese Muskeln mithilfe von modernsten Fitnessgeräten zustande gekommen sind, und nicht durch eine Leidenschaft für Sport.“ An seinem Gesicht sah sie, dass sie recht hatte. „Gut in Form sein gehört zu Ihrem Image. Von wegen Selbstdisziplin und so“, schloss sie.

„Eine Tugend, der Sie sich offenbar nicht verschrieben haben“, warf er ein.

„In Partnerschaften bevorzugen Sie Frauen, die Ihnen ähnlich sind“, fuhr sie fort, ohne auf seinen Seitenhieb einzugehen. „Regeln Nummer eins und zwei besagen, dass sie vernünftig und praktisch veranlagt sein müssen.“

„Falsch.“ Er beugte sich zu ihr herüber, und seine Nähe ließ ihr den Atem stocken. „Das sind Regeln Nummer zwei und drei. Regel Nummer eins ist Gesetzestreue.“ Unruhig schlug sie die Beine übereinander und begann, mit dem Fuß zu wippen. Mit eins achtundsechzig war sie nicht besonders groß. Aber Blake Bennington war mindestens eins neunzig. Und nichts an ihm war sanft; alles an ihm war dunkel und kantig.

Der ist eine Nummer zu groß für dich, Jax. Halt einfach die Klappe.

Doch ihr Bedürfnis, ihn zu provozieren, war einfach zu groß.

Sie hörte auf, mit dem Fuß zu wippen, und setzte ein unschuldiges Gesicht auf. „Ich habe den wichtigsten Punkt noch nicht angesprochen. Die uralte Frage: Boxershorts oder Slip?“

„Ich würde das nicht als uralte Frage einstufen“, wandte er ein, und in seinen Augenwinkeln bildeten sich kleine Fältchen; es war das erste Anzeichen offen gezeigter Belustigung.

Blinzelnd starrte Jax ihn an. Sie hatte es geahnt – dieser Mann war noch anziehender, wenn er lachte.

Fasziniert fuhr sie fort: „Aber sicher ist das eine uralte Frage. Sie rangiert direkt neben der, was zuerst da war – die Henne oder das Ei.“ Unter einer seiner dunklen Brauen bemerkte Jax eine kleine Narbe, die es wagte, die perfekte Ebenmäßigkeit seines Gesichts zu stören. „Und der Streit darüber, was mehr Einfluss hat – Anlage oder Umwelt.“

„Ich wusste nicht, dass Herrenunterwäsche ein ebenso umstrittenes Thema ist wie die Frage, was wichtiger für die Entwicklung der Persönlichkeit ist – die Gene oder die Umgebung.“

„Ist aber so.“

„Mich beschäftigt die Frage jedenfalls nicht“, antwortete er amüsiert.

„Das heißt nichts“, erwiderte Jax. „Und was die DNA und die Umwelt betrifft, glaube ich ja, dass wir eine Kombination aus beidem sind.“

„Und ich habe immer gehofft, dass man beides überwinden kann.“

Interessante Antwort. Sehr interessant.

Beunruhigt betrachtete sie noch einmal seine Narbe und fragte sich, woher sie wohl stammte.

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