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Anubis

Über den Autor

 

Wolfgang Hohlbein, geboren 1953, ist ein Phänomen – mehr als hundertsechzig Bücher mit einer Gesamtauflage von über sieben Millionen Exemplaren. Er ist damit einer der erfolgreichsten deutschen Autoren der Gegenwart. Bekannt wurde er vor allem durch den Romanzyklus »Der Hexer« und seine fantastischen Jugendbücher. Wolfgang Hohlbein lebt und schreibt in einem Reihenhaus in der Nähe von Neuss, das von zwei steinernen Dämonen bewacht und von einer großen Familie und zahlreichem Hausgetier mit Leben erfüllt wird.

BASTEI ENTERTAINMENT

AnubisProfessor Mogens VanAndt hasste seinen Beruf. Das war nicht immer so gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, die objektiv sogar nur wenige Jahre zurücklag, in Mogens’ persönlichem Zeitempfinden jedoch Ewigkeiten, da hatte er ihn geliebt, und eigentlich, tief in seinem Innersten, tat er das noch immer. Streng genommen war es auch falsch zu sagen, dass er seinen Beruf hasste. Er hasste das, was er tun musste.

Mogens VanAndt war von Geburt her Belgier – genauer gesagt: Flame, wie allein schon sein Name verriet –, von Erziehung und Lebensart her aber durch und durch Amerikaner, und so konnte es nicht weiter überraschen, dass er sich neuen Tätigkeiten mit einer beneidenswerten Leichtigkeit zuwandte, eine Aufgabe, die er einmal angenommen hatte, dann aber mit großer Akribie, ja, fast schon Besessenheit erledigte. Jeder, der ihn in seiner Jugend gekannt hatte, hatte ihm eine große Zukunft prophezeit, seine Lehrer waren überaus zufrieden mit ihm gewesen, und wäre es nach den Voraussagen seiner Professoren an der Universität gegangen, so wäre er wohl spätestens fünf Jahre nach seiner Promotion als gleichberechtigter Kollege an die Fakultät zurückgekehrt, und sein Name hätte wohl schon jetzt in mehr als einem Fachbuch gestanden und zahllose Artikel in Fachzeitschriften oder anderen entsprechenden Publikationen geziert.

Das Schicksal hatte es anders gewollt.

Das Einzige, was sein Namenszug zierte, waren die Visitenkarten in der abgewetzten schweinsledernen Brieftasche, die noch aus besseren Zeiten stammte, und ein schlampig beschriftetes Schild an der Tür eines winzigen, fensterlosen Büros im Keller der Universität von Thompson; einer Universität, von der noch nie jemand gehört hatte und die in einer Stadt lag, die kaum jemand kannte, der weiter als fünfzig Meilen entfernt lebte. Es gab Tage, da argwöhnte Mogens ganz ernsthaft, dass nicht einmal alle Bewohner Thompsons wussten, wie ihre Stadt hieß. Von den Studenten seiner so genannten Universität ganz zu schweigen.

Das brennende Holz im Kamin, das er – wie es ihm vorkam – gerade erst nachgelegt hatte, war schon wieder fast zur Gänze verkohlt. VanAndt erhob sich, ging zu dem kleinen, geflochtenen Korb mit Feuerholz neben dem Kamin hinüber und warf ein neues Scheit in die gelben Flammen. Ein Funkenschauer stob auf, ließ Mogens in der Hocke zwei Schritte zurückweichen und senkte sich auf den brandfleckigen, trotzdem aber sorgsam gebohnerten Boden vor ihm. Der Professor stand auf, wich einen weiteren Schritt zurück und warf einen Blick auf die antiquierte Standuhr neben der Tür. Es war nach sechs. Sein Besuch hatte sich verspätet.

Im Grunde spielte es keine Rolle. VanAndt hatte an diesem Abend nichts Besonderes vor. Das war in Thompson schlechterdings unmöglich. Das Dreitausend-Seelen-Kaff bot keine nennenswerten Möglichkeiten der Zerstreuung. Es verfügte über den obligaten Saloon, der, sowohl was sein Aussehen als auch sein Publikum anging, eindeutig ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert darstellte. Aber zum einen verabscheute der Professor Alkohol, und zum anderen galt er in der Stadt als Sonderling und Eigenbrötler; beides Attribute, die einen Besuch in einem derartigen, zum großen Teil von einfachen Arbeitern und derbem Bauernvolk frequentierten Etablissement wenig angeraten erscheinen ließen. Darüber hinaus gab es einen kleinen Drugstore samt angegliederter Milchbar sowie ein Lichtspielhaus, in dem an den Wochenenden sechs Monate alte Hollywood-Streifen aufgeführt wurden. Beides war jedoch zum Treffpunkt der Dorfjugend geworden, sodass es für den Professor ebenfalls nicht in Frage kam.

Und letztens schließlich gab es ein gewisses Etablissement mit roten Lampen und kleinen, verschwiegenen Séparées, die aber nicht annähernd so verschwiegen waren, wie sie sein sollten, dafür aber entschieden kleiner, als sie sein mussten. Außerdem entsprach das weibliche Personal nicht einmal annähernd Mogens’ Ansprüchen, sodass er es ohnehin verzog, in monatlichen Abständen in die hundert Meilen entfernte Kreisstadt zu fahren, um das dortige Pendant dieser Einrichtung zu besuchen. Kurz: Professor Mogens VanAndts Leben verlief in sehr einfachen, um nicht zu sagen langweiligen Bahnen. Das Telegramm, das vor zwei Tagen gekommen war, stellte die seit Monaten aufregendste Unterbrechung in seinem täglichen Einerlei dar.

Es klopfte. Mogens ertappte sich dabei, mit einer viel zu heftigen Bewegung vom Kamin zurück- und herumzufahren. Sein Herz pochte ein bisschen schneller, und er musste sich beherrschen, um nicht mit der gleichen unziemlichen Hast zur Tür zu springen und sie aufzureißen; als sei er kein ordentlicher Professor, sondern ein Zehnjähriger, der es am Weihnachtsmorgen nicht mehr aushalten konnte, ins Wohnzimmer zu gelangen, um nachzusehen, was Santa Claus am Kaminsims zurückgelassen hatte. Aber Weihnachten lag Wochen zurück und Mogens war keine zehn mehr, sondern der vierzig mittlerweile näher als der dreißig. Außerdem hielt er es für wenig angeraten, seinem Besuch zu zeigen, wie neugierig er auf das »berufliche Angebot« war, von dem in dem Telegramm die Rede gewesen war. So zwang er sich nicht nur mit einer bewussten Anstrengung zur Ruhe, sondern ließ noch einmal vier oder fünf Sekunden verstreichen, ehe er die Hand nach dem Türgriff ausstreckte und ihn herunterdrückte.

Es fiel Mogens sehr schwer, seine Enttäuschung zu verbergen. Vor der Tür stand kein Fremder, sondern Miss Preussler – nennen Sie mich einfach Betty, das tun alle hier, hatte sie gleich am Abend seines Einzugs gesagt, aber Mogens hatte es niemals fertig gebracht, nicht einmal in Gedanken –, seine Zimmerwirtin, und statt der sorgsam zurechtgelegten Worte, die Mogens zur Begrüßung seines Gastes ersonnen hatte, entschlüpfte ihm nur ein überraschtes: »Oh?«

Miss Preussler hob die rechte Hand, mit der sie gerade dazu angesetzt hatte, ein weiteres Mal an die Zimmertür zu klopfen, drohte ihm spielerisch mit dem Zeigefinger und schob sich – wie üblich, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen – an ihm vorbei ins Zimmer. »Oh?«, fragte sie. »Ist das vielleicht eine Art, eine gute Freundin zu begrüßen, mein lieber Professor?«

Mogens zog es vor, gar nicht darauf zu antworten. Es bereitete ihm schon normalerweise große Mühe, Miss Preusslers Aufdringlichkeiten zu ertragen – die sie offensichtlich für den angemessenen Ausdruck der Zuneigung hielt, die sie ihm gegenüber empfand –, aber heute fiel es ihm ganz besonders schwer.

»Natürlich nicht«, antwortete er, hastig und ein bisschen ungeschickt. »Es ist nur so, dass …«

»… Sie mich nicht erwartet haben, ich weiß«, unterbrach ihn Miss Preussler, während sie sich zu ihm umdrehte und dabei – wie Mogens keineswegs entging – einen raschen, prüfenden Blick durch das Zimmer schweifen ließ. Miss Preussler war der ordentlichste und sauberste Mensch, dem Mogens je begegnet war; und das, obwohl er selbst Sauberkeit über alles schätzte. Heute jedoch fand ihr kritischer Blick nicht das geringste Stäubchen, das vielleicht zu einem missbilligenden Stirnrunzeln Anlass gegeben hätte. Mogens hatte die vergangenen anderthalb Stunden damit zugebracht, sein Zimmer aufzuräumen und die betagte Einrichtung auf Hochglanz zu polieren – soweit die fünfzig Jahre alten Möbel, mit denen seine Unterkunft ausgestattet war, dies noch zuließen.

»Sie erwarten Besuch, mein lieber Professor?«, fuhr sie fort, als sie auch nach einigen Sekunden keine Antwort bekam.

»Ja«, antwortete Mogens. »Ein früherer Kollege hat sich überraschend angekündigt. Ich hätte Sie selbstverständlich informiert, aber die Nachricht kam wirklich sehr überraschend. Ich wollte Sie nicht unnötig belästigen. Sie haben ja auch so schon genug zu tun.«

Normalerweise reichte ein solcher Hinweis auf die Arbeit, die es für Miss Preussler zweifellos bedeutete, eine Pension mit einem Dauergast und zwei weiteren, die meiste Zeit leer stehenden Zimmern zu betreiben und dabei Jagd auf jedes Stäubchen und jeden Schmutzpartikel zu machen, die den Frevel begingen, sich in ihr Refugium zu wagen, vollkommen aus, sie wieder gnädig zu stimmen. Heute jedoch nicht. Ganz im Gegenteil wirkte sie plötzlich ein bisschen verärgert – oder verletzt –, dann löste sich ihr Blick für einen Moment von seinem Gesicht und streifte das Telegramm, das zwar aufgeschlagen, aber mit der beschriebenen Seite nach unten auf dem Schreibtisch lag. Was Mogens in diesem kurzen Moment in ihren Augen las, machte ihm klar, dass sie den Inhalt des Telegramms nur zu gut kannte.

Natürlich kannte sie ihn. Was hatte er erwartet? Wahrscheinlich hatte sie ihn gekannt, bevor er ihn zur Kenntnis genommen hatte. Thompson war ein kleiner Ort, in dem jeder jeden kannte und in dem nichts geschah, ohne sofort zu allgemeinem Wissensgut zu werden. Trotzdem ärgerte ihn die Erkenntnis so sehr, dass er sich für einen Moment mit aller Kraft zurückhalten musste, um seine Zimmerwirtin nicht mit scharfen Worten in ihre Schranken zu weisen. Aber so lächelte er nur und deutete eine Bewegung an, die Miss Preussler für ein Achselzucken halten konnte oder wofür auch immer sie wollte.

Nach einer weiteren Sekunde kehrte das spöttische Lächeln in Miss Preusslers Augen zurück und sie hob erneut den Zeigefinger, um ihm spielerisch zu drohen. »Aber mein lieber Professor. Ist es etwa ein Beweis guter Erziehung, eine alte Freundin zu belügen?«

Es lag Mogens auf der Zunge zu sagen, dass das einzig wahre Wort in diesem Satz »alte« war, aber das verbot ihm tatsächlich seine gute Erziehung. Davon abgesehen wäre es nicht klug, es sich ganz offen mit Miss Preussler zu verderben; zumindest nicht bevor er wusste, wer sein geheimnisvoller Besucher eigentlich war und was er von ihm wollte. Er antwortete deshalb auch auf diese Frage nicht.

Miss Preussler war jedoch ganz offensichtlich nicht geneigt, so schnell aufzugeben; was Mogens aber keineswegs überraschte – wenn es etwas gab, was er – wenn auch widerwillig – an seiner Zimmerwirtin bewunderte, dann war es ihre Beharrlichkeit. Miss Preussler hatte vom ersten Tage an wenig Zweifel daran gelassen, dass sie nichts unversucht lassen würde, den gut aussehenden, sportlich gebauten Dauergast in ihrem Haus irgendwann in ihr weiches Bett und ihre vermutlich noch weichere Umarmung zu locken – etwas, dessen bloße Vorstellung Mogens allerdings schon einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Die von ihm postulierte Weichheit ihrer Umarmung lag nämlich keineswegs an ihrer Alabasterhaut oder ihrem sanften Wesen, sondern vielmehr an etlichen überflüssigen Pfunden, die die Jahre, die sie ihm voraus hatte, auf ihrer Statur abgeladen hatten. Mogens hatte sich niemals nach ihrem Alter erkundigt, schon, weil allein diese Frage eine Vertraulichkeit zwischen ihnen geschaffen hätte, die er ganz bestimmt nicht wollte, aber er schätzte, dass sie annähernd alt genug sein musste, um seine Mutter zu sein, vielleicht nicht ganz, aber doch annähernd.

Andererseits hatte es unbestreitbare Vorteile, Miss Preusslers Nachstellungen nicht allzu energisch abzuwehren. Manchmal ging sie ihm zwar gehörig auf die Nerven, bemutterte ihn aber auch geradezu rührend, was sich in dem einen oder anderen Stück Extra-Kuchen an Sonntagen niederschlug, einer besonders großen Portion auf seinem Teller, wenn es Fleisch gab, oder einem immer gefüllten Korb mit Brennholz neben dem Kamin; alles Dinge, die für die anderen Pensionsgäste längst nicht selbstverständlich waren. Miss Preussler hatte sich sogar – obwohl überzeugte Protestantin – mit seiner radikalen Einstellung der Kirche gegenüber abgefunden. Sie billigte sie nicht, hatte sie aber stillschweigend akzeptiert. Hätte es überhaupt noch eines Beweises bedurft, dass sich Miss Preussler durch eine Verwirrung der Gefühle hoffnungslos in ihn verliebt hatte, so wäre es allein dieser Umstand gewesen.

Mogens hingegen … Nun, er fühlte sich nicht unbedingt abgestoßen von Miss Preussler, aber doch nahe daran. Er war sicher, dass ihre Gefühle für ihn echt waren, und er hatte sogar ein- oder zweimal versucht, in sich selbst wenigstens einen Funken von Zuneigung zu entdecken, aber ohne Erfolg. Dass er die unbestreitbaren Vorteile, die er aus ihren Nachstellungen zog, trotzdem annahm, führte nicht nur zu einem permanenten schlechten Gewissen, sondern zuweilen auch dazu, dass er sich selbst regelrecht verachtete – was seine negativen Gefühle Miss Preussler gegenüber noch verstärkte. Menschen waren schon komplizierte Geschöpfe.

»Miss Preussler«, begann er, während er noch überlegte, wie er sie möglichst diplomatisch hinauskomplimentieren konnte, ohne dass es sich allzu schädlich auf seinen nächsten Speiseplan auswirkte. »Ich glaube nicht, dass …«

Miss Preussler kam ihm ungewollt zu Hilfe. Ihre Argusaugen hatten einen unverschämten Eindringling in dem Tempel der Sauberkeit entdeckt, in den sie ihr Haus verwandelt hatte: die Ascheflocken, die vorhin aus dem Kamin gewirbelt waren. Ohne Mogens’ begonnenem Satz auch nur die geringste Beachtung zu schenken, drehte sie sich in einer komplizierten, übergewichtigen Pirouette um ihre eigene Achse und ging dabei zugleich in die Hocke; für Mogens sah es aus, als ob sie irgendwie auseinander flösse und danach in kleinerer und verbreiterter Gestalt wieder Festigkeit annähme. Mit einem Geschick, das nur auf lebenslange beharrliche Übung zurückgehen konnte, zog sie einen Staublappen aus der Schürzentasche und entfernte in Windeseile die mikroskopisch kleinen Ascheflocken vom Boden, dann schraubte sie sich mit einer fast noch unglaublicher wirkenden Bewegung wieder in die Höhe und strahlte Mogens so herzlich an, dass ihm der Rest seines vorbereiteten Hinauswurfs buchstäblich im Halse stecken blieb.

»Ja, mein lieber Professor?«, fragte sie. »Sie wollten etwas sagen?«

»Nichts«, murmelte Mogens. »Es war … nichts.«

»Das glaube ich Ihnen nicht«, antwortete Miss Preussler. Plötzlich und übergangslos wurde sie sehr ernst. Sie trat einen Schritt auf ihn zu, legte den Kopf in den Nacken, um ihm weiter ins Gesicht blicken zu können, und kam noch näher. In ihren Augen erschien ein Ausdruck, der eine ganze Reihe misstönender Alarmglocken hinter Mogens’ Stirn anschlagen ließ. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sich Miss Preussler nicht ausgerechnet diesen Moment auserkoren hatte, um ihre Taktik zu ändern und die Festung seiner Tugendhaftigkeit im Sturmangriff zu nehmen. Ganz instinktiv versteifte er sich. Er wäre vor ihr zurückgewichen, wenn er es nur gekonnt hätte, aber er stand bereits mit dem Rücken an der Tür.

»Ich weiß, es ist ein denkbar schlechter Augenblick, um damit anzufangen, Professor«, begann Miss Preussler. Mogens gab ihr in Gedanken nur zu Recht. Der Augenblick war denkbar schlecht, ganz egal, was sie ihm nun sagen wollte. »Aber ich kam leider nicht umhin, den Inhalt dieses Telegramms zur Kenntnis zu nehmen. Ich bin … ein bisschen erschrocken, wenn ich ehrlich sein soll.«

»So?«, fragte Mogens spröde.

»Professor, lassen Sie mich ganz offen sein«, fuhr Miss Preussler fort. Sie kam noch näher. Ihr wogender Busen berührte jetzt fast Mogens’ Brust, und er konnte riechen, dass sie frisches Parfum aufgelegt hatte. Ein ziemlich aufdringlicher, aber auch ein wenig muffiger Geruch, wie er fand. »Sie wohnen jetzt seit mehr als vier Jahren hier. Aber Sie sind für mich vom ersten Tag an weit mehr als ein normaler Gast gewesen. Es fällt mir ein wenig schwer, es zuzugeben, aber wahr ist, dass ich eine gewisse … Sympathie …«

»Natürlich ist es mir aufgefallen, Miss Preussler«, fiel ihr Mogens ins Wort, wobei er sich im Stillen allerdings fragte, ob er nicht gerade einen schweren Fehler beging. »Es ist nur so, dass …«

»Sie tragen sich doch nicht etwa mit dem Gedanken, Thompson zu verlassen«, unterbrach ihn Miss Preussler. Die Worte wurden von einem schweren, tiefen Atemzug begleitet, der bewies, wie schwer es ihr fiel, sie auszusprechen. »Ich meine: Natürlich ist mir klar, dass ein Mann Ihres Niveaus und Ihrer Bildung an einer Universität wie der unseren vollkommen unterfordert ist. Es ist ja nur eine kleine Fakultät, an der sicher nicht die weltbewegendsten Forschungen getätigt werden. Trotzdem hat sie aber ihre unbestreitbaren Vorzüge. Das Leben verläuft in geregelten Bahnen, und eine Frau kann auch nach Dunkelwerden noch allein auf die Straße gehen, ohne Angst haben zu müssen.«

Mogens fragte sich, wie viele Argumente Miss Preussler wohl noch zugunsten einer Stadt finden mochte, zu deren Gunsten es keine Argumente gab. Etwas sehr Sonderbares geschah, mit dem Miss Preussler nicht nur ganz bestimmt nicht gerechnet, sondern das sie wohl auch zutiefst erschreckt hätte, hätte sie davon gewusst: Während sie fortfuhr, die fadenscheinigsten Argumente zugunsten Thompsons vorzubringen, bewirkten ihre Worte das genaue Gegenteil. Mit einem Male wurde Mogens so klar wie selten zuvor in den vergangenen vier Jahren, in welch ausweglose Lage ihn das Schicksal wirklich gebracht hatte. Bisher hatte er sich stets mit mehr oder weniger großem Erfolg eingeredet, hier im Grunde alles zu haben, was er zum Leben brauchte, doch nun wurde ihm plötzlich bewusst, dass er damit nur das Überleben gemeint hatte, nicht das Leben. Und noch etwas wurde ihm schlagartig klar: Eigentlich war er bereits fest entschlossen, das interessante berufliche Angebot, von dem in dem Telegramm die Rede war, anzunehmen.

Seine Gedanken wanderten zurück zu jener Zeit, die ihm so unendlich weit entfernt schien, ohne es tatsächlich zu sein, und in der seine Zukunft so klar überschaubar und strahlend erschienen war, wie es überhaupt nur ging. Er hatte in Harvard als einer der drei Besten seines Jahrgangs promoviert, was niemanden überrascht hatte, und noch bis zum Abend seiner Abschlussfeier schien klar zu sein, dass ihm eine große Zukunft bevorstand. Ein einziger Abend, ja, ein einziger Augenblick hatte alles verändert. Mogens war versucht, dem Schicksal allein die Schuld daran zu geben. Er hatte einen Fehler gemacht, einen schlimmen, unverzeihlichen Fehler, aber es war einfach nicht gerecht, dass er so dafür büßen musste.

»… ist mir natürlich alles klar«, sagte Miss Preussler in diesem Moment. Mogens schrak sichtbar zusammen und begriff im Nachhinein, dass sie die ganze Zeit über nicht aufgehört hatte zu reden, ohne dass er sich auch nur an ein einziges Wort erinnerte. »Aber vielleicht … ich meine, möglicherweise … könnten Sie es ja in Betracht ziehen, unsere Beziehung auf eine etwas … persönlichere Weise zu gestalten. Ich weiß, ich bin älter als Sie, und ich kann auch nicht mehr mit den körperlichen Attributen der jungen Damen mithalten, die Sie dann und wann in der Kreisstadt besuchen, aber es wäre vielleicht einen Versuch wert.«

Sie verstummte, erschöpft und zugleich ein wenig ängstlich, was seine Reaktion anging. Sie hatte sich ihm schließlich offenbart, auf eine sehr deutliche, für eine Frau wie sie schon geradezu unerhörte Art, und natürlich konnte er jetzt nicht mehr so tun, als ahne er nichts von ihren wahren Gefühlen. Mogens war vollkommen verunsichert. Dass Miss Preussler von seinen sporadischen Besuchen in der Kreisstadt wusste und auch, was er dort tat, überraschte ihn und war ihm zugleich peinlich. Aber viel mehr schockierte ihn alles andere, was sie gesagt hatte. Ihre Worte hatten den mühsam aufrechterhaltenen Status quo, in dem sie seit Jahren lebten, beendet, schlagartig und unwiderruflich. In Zukunft würde alles viel komplizierter werden, ja, vielleicht sogar unmöglich. Die Dinge wiederholen sich, dachte er traurig. Ein paar Worte, eine einzige, unbedachte Äußerung, und aus einer überschaubaren, klar geplanten Zukunft war ein schwarzer Abgrund voller Ungewissheit geworden. Der Verlust war diesmal nicht annähernd so groß, und doch war die Situation vergleichbar. Worte konnten so unendlich viel mehr Schaden anrichten als Taten.

»Sie sind jetzt schockiert, nicht wahr?«, fragte Miss Preussler, als er auch nach weiteren Sekunden nicht antwortete. Sie wirkte niedergeschlagen, aber auch verlegen. »Ich hätte das nicht sagen sollen. Verzeihen Sie mir. Ich bin eine dumme alte Frau, die …«

»Miss Preussler«, unterbrach sie Mogens, »darum geht es nicht.« Er bemühte sich, so viel Ruhe und Sanftheit in seine Stimme zu legen, wie er nur konnte, und dann tat er etwas, von dem er wusste, dass er es besser nicht tun sollte und was er in den letzten vier Jahren fast angstvoll vermieden hatte: Er streckte die Hand aus und berührte Miss Preussler sanft am Arm. Sie fuhr unter seiner Berührung schaudernd zusammen, und Mogens stellte mit einem Gefühl beiläufiger Überraschung fest, dass sich ihre Haut tatsächlich sehr weich und angenehm anfühlte.

»Ich bin froh, dass Sie es gesagt haben«, sagte er. »Natürlich sind mir Ihre Gefühle mir gegenüber nicht verborgen geblieben. Ich versichere Ihnen, dass auch Sie mir nicht gleichgültig sind. Es ist nur so, dass … dass es da etwas gibt, was Sie nicht über mich wissen.«

»Aber das ist mir doch klar, mein lieber Professor.«

»Wie?« Mogens blinzelte. Fast ohne sein Zutun zog er die Hand von ihrem Arm zurück.

»Glauben Sie denn wirklich, ich wüsste nicht, dass sich ein Mann Ihrer Bildung nicht ohne einen triftigen Grund in einer Stadt wie Thompson versteckt?«, fragte Miss Preussler. »Sie werden Ihre Gründe haben, nicht an einer der großen Universitäten zu lehren, wo Sie meiner Meinung nach hingehören. Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wenn Sie nicht darüber sprechen wollen, so akzeptiere ich das. Ich werde niemals auch nur eine einzige Frage stellen.«

Vor dem Haus fuhr ein Wagen vor. Das Geräusch war nicht besonders laut, denn Mogens hatte die Fenster geschlossen, um die Wärme des Kaminfeuers drinnen zu halten, aber er hob den Kopf und sah in die entsprechende Richtung, und das beunruhigende Flackern in Miss Preusslers Augen erlosch. Sie hatte wohl begriffen, dass der kostbare Moment vorbei war, vielleicht auch, dass er niemals wiederkehren würde. Mogens war erleichtert, hatte aber zugleich auch ein starkes Gefühl von Mitleid. Seufzend drehte sich Miss Preussler um, ging zum Fenster und sah hinaus.

»Das wird wohl Ihr Besuch sein«, sagte sie. Nach einer Sekunde und in leicht verändertem Ton fügte sie hinzu: »Er fährt einen ziemlich kostspieligen Wagen, das muss man sagen. Ich öffne ihm die Tür.« Sie verließ mit schnellen Schritten das Zimmer, und Mogens begab sich seinerseits zum Fenster. Der Abstand, in dem sie aneinander vorbeigingen, war weitaus größer als nötig.

Er konnte den Mann, von dem Miss Preussler gesprochen hatte, nicht mehr erkennen, denn er verschwand gerade in diesem Moment aus seinem Sichtfeld, sodass er nur einen flüchtigen Eindruck von einer schlanken Gestalt in einem eleganten Anzug hatte, aber was das Automobil anging, so hatte Miss Preussler vollkommen Recht: Es war ein sehr großer, sehr eleganter und vor allem sehr kostspieliger Wagen. Ein dunkelblauer Buick mit cremefarbenem Verdeck, das trotz der niedrigen Temperaturen zurückgeklappt war, komplett mit Weißwandreifen und Ledersitzen. Ein solches Automobil musste mehr kosten, als er in den letzten zwei Jahren verdient hatte. Mogens war plötzlich noch neugieriger als bisher, den Absender des geheimnisvollen Telegramms kennen zu lernen.

So war es nicht weiter verwunderlich, dass es ihn nun noch mehr Beherrschung kostete, nicht zur Tür zu hetzen und seinem Besucher ungeduldig entgegenzueilen. Stattdessen öffnete er die Tür nur einen Spaltbreit. Er konnte hören, wie sich Miss Preussler unten im Hausflur mit seinem Besucher unterhielt, viel zu lange für seinen Geschmack und in entschieden zu vertrautem Ton, dann bewegten sich schnelle Schritte die Treppe herauf, und Mogens drückte rasch und lautlos die Tür ins Schloss und ging zu seinem Sessel zurück. Er fand gerade noch Zeit, sich zu setzen, da wurde auch schon an der Tür geklopft. Mogens schlug die Beine übereinander, strich noch einmal glättend mit den Händen über seine Kleidung und rief dann mit fester Stimme: »Herein.«

Er saß mit dem Rücken zum Eingang und drehte sich ganz bewusst nicht sofort um, als er das Geräusch der Tür hörte. Jemand kam zwei Schritte weit herein, dann fragte eine Stimme, die ihm sonderbarerweise bekannt vorkam: »Professor VanAndt? Mogens VanAndt?«

»Ganz Recht«, antwortete Mogens und drehte sich langsam im Sessel herum. »Was kann ich für Sie …«

Er konnte selbst spüren, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Einen Moment lang stockte ihm der Atem.

»Jonathan!«

Vor ihm stand sein Schicksal. Der Mann, der die Schuld daran trug, dass er in diesem von Gott und der Welt vergessenen Kaff versauerte, statt ein Leben in Anerkennung und Reichtum zu führen, wie es ihm zustand. Seine persönliche Nemesis.

Er hatte sich verändert. Die vergangenen neun Jahre waren auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Er hatte etliche Pfunde zugelegt, und die Zeit hatte Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, als hätten diese Jahre für ihn mindestens doppelt so lange gedauert wie für andere. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe, nur angedeutet, aber sichtbar, und auf seinen Wangen lag ein grauer, ungesunder Schimmer, obwohl er penibel rasiert war. Graves’ Gesicht sah … verlebt aus. Trotz des sichtbar teuren Anzugs, den er trug, machte seine ganze Gestalt einen irgendwie heruntergekommenen Eindruck.

Dennoch gab es nicht den allermindesten Zweifel: Vor ihm stand der Mann, den er auf der ganzen Welt am allermeisten verachtete und dessen Gesicht er niemals wiederzusehen gehofft hatte: Doktor Jonathan Graves.

»Es ist schön, dass du dich noch an meinen Namen erinnerst, Mogens«, sagte Graves. Er lächelte, trat einen weiteren Schritt ins Zimmer herein und schob die Tür mit dem Fuß hinter sich zu. »Ich hatte schon Angst, dass du mich vergessen haben könntest. Schließlich ist es schon ziemlich lange her.«

Mogens starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. Seine Hände schlossen sich so fest um die Armlehnen des altersschwachen Sessels, dass das Holz ächzte. Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme versagte. Und selbst wenn es nicht so gewesen wäre: Hinter seiner Stirn herrschte ein solches Durcheinander, dass ihm buchstäblich die Worte fehlten. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Graves’ Anblick hatte ihn getroffen wie eine Ohrfeige.

Graves kam näher, baute sich feixend vor seinem Sessel auf und sagte: »Also nun einmal nicht so stürmisch, mein lieber Professor. Ich kann ja verstehen, dass du dich freust, mich wiederzusehen, aber dein Enthusiasmus ist ja schon fast peinlich.«

»Was … was willst du?«, krächzte Mogens. Der Klang seiner eigenen Stimme erschreckte ihn.

»Aber Mogens, alter Freund«, griente Graves. »Du wirst doch nicht etwa mein Telegramm nicht bekommen haben? Das wäre nun wirklich unangenehm – obwohl es andererseits jetzt auch keine Rolle mehr spielt. Ich habe dich ja angetroffen.« Er trat einen Schritt zurück, sah sich ungeniert im Zimmer um und griff mit übertrieben geschauspielertem Erstaunen nach dem Telegramm, das auf dem Tisch lag. »Du hast wohl anscheinend nur die Zeit vergessen. Noch immer ganz der zerstreute Professor von früher, wie?«

»Was … willst … du … Jonathan?«, wiederholte Mogens gepresst. Er musste sich jedes Wort einzeln abringen. Seine Muskeln schmerzten, so verkrampft, wie er noch immer dasaß, und er verstand seine eigene Reaktion nicht mehr. »Bist du gekommen, um deinen inneren Triumph zu genießen?«

Seine Worte waren … albern. Sie klangen nicht einmal zornig, oder wenigstens verbittert, sondern selbst in seinen eigenen Ohren albern und billig, wie ein Zitat aus einem der Kolportage-Romane, die Miss Preussler so gerne las und von denen er einige flüchtig durchgeblättert hatte, um hinter das Geheimnis ihrer Faszination zu kommen, selbstverständlich ergebnislos. Aber er würde sich nicht auf den vertraulichen Ton seines Gegenübers einlassen, das war er seiner Selbstachtung schuldig.

»Hast du mein Telegramm etwa nicht gelesen, Professor?«, fragte Graves mit gespieltem Staunen und hob die Brauen.

»Das habe ich«, erwiderte Mogens. »Zum dritten Mal: Was willst du, Graves?«

Graves griente noch einige Augenblicke lang weiter, doch dann schien er endlich genug zu haben, denn er wurde plötzlich ernst, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich unaufgefordert. »Also gut, Mogens. Lassen wir das Theater. Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst, und ich gebe dir mein Wort, dass mir vor diesem Moment ebenso bange war wie dir – aber nun haben wir ihn ja hinter uns gebracht, nicht wahr?«

Nichts hatten sie hinter sich, rein gar nichts. In Mogens’ Gedanken und Gefühlen herrschte noch immer ein unbeschreibbarer Aufruhr, aber ein kleiner, zurzeit allerdings zur Tatenlosigkeit verdammter Teil seines Bewusstseins blieb ganz ruhig, und dieser Teil Professor VanAndts verstand seine eigene Reaktion ganz und gar nicht mehr. Er hatte angenommen, dass er sich zumindest allmählich wieder beruhigen würde, nachdem der erste Schrecken über Graves’ unvermittelte Rückkehr in sein Leben vorüber war, doch das genaue Gegenteil schien der Fall zu sein. Der Aufruhr hinter seiner Stirn hielt an, ja, er schien sogar noch zuzunehmen, als hätte Graves’ bloßer Anblick etwas in ihm ausgelöst, gegen das er machtlos war.

Mogens war niemals ein gewalttätiger Mensch gewesen, sondern hatte Gewalt zeit seines Lebens sogar aus tiefstem Herzen verabscheut. Nun aber war er beinahe froh darüber, dass ihn der Schrecken noch immer lähmte, denn wäre es anders gewesen, dann hätte er sich vielleicht auf Graves gestürzt, um mit Fäusten auf ihn einzuschlagen. So konnte er nichts anderes tun, als dazusitzen und den Mann anzustarren, der sein Leben zerstört hatte.

Was er sah, das hätte ihn unter normalen Umständen höchstwahrscheinlich erstaunt, denn Jonathan Graves bot einen sehr sonderbaren Anblick. Seine Kleidung war teuer, um nicht zu sagen luxuriös, und in tadellosem Zustand. Seine Schuhe, die mehr gekostet haben mussten als alles, was Mogens am Leibe trug, waren auf Hochglanz poliert, die Bügelfalten seiner Hosen messerscharf, und auf den Revers seines modischen Zweireihers befand sich nicht das geringste Stäubchen. Eine kostbare Uhrkette zierte seine Weste, und er trug eine teure Seidenkrawatte mit einer Spange, die von einem fast fingernagelgroßen Rubin geziert wurde; Mogens war ziemlich sicher, dass er echt war.

Dieser Aufzug allein hätte ihn jedoch nicht überrascht. Jonathan war schon immer ein eitler Geck gewesen, und ein furchtbarer Angeber dazu. Was Mogens jedoch zutiefst verwirrte und zugleich auf eine schwer definierbare Weise erschreckte, das war Graves selbst. Er konnte die Gefühle, die sein Anblick in ihm auslöste, nicht wirklich in Worte fassen, aber sie waren unglaublich … intensiv. Das Gefühl, etwas Falsches zu betrachten. Etwas, das nicht nur falsch war, sondern nicht sein durfte, weil es widernatürlich und blasphemisch war.

Er versuchte den Gedanken zu verscheuchen und wieder Ordnung in das Durcheinander hinter seiner Stirn zu bringen. In die einander widersprechenden Empfindungen, die Graves’ Anblick in ihm ausgelöst hatten, mischte sich ein allmählich stärker werdender Zorn auf ihn selbst. Seine Reaktion war mittlerweile nicht nur nicht mehr angemessen, sondern eines Wissenschaftlers auch einfach unwürdig. Schließlich hatte er gelernt, die Dinge so zu betrachten, wie sie waren, und Fakten zu würdigen, nicht Emotionen. Und was Graves’ Anblick in ihm auslöste, das konnten nur Emotionen sein. Er hatte das Gefühl, ein durch und durch verkommenes Subjekt zu betrachten, ein heruntergekommenes, viehisches … Etwas, das den Namen Mensch nicht einmal mehr im Ansatz verdiente und nur Ekel und Widerwillen in ihm auslöste.

Was seine bewusste Anstrengung nicht vollbracht hatte, das bewirkten diese irrationalen Gefühle: Mogens’ Zorn verrauchte auf der Stelle, und er spürte, wie auch seine Muskelspannung wich und sich selbst sein rasender Herzschlag wieder beruhigte. Vielleicht, weil er begriff, was in ihm vorging. Jonathan Graves war niemals ein angenehmer Mensch gewesen, aber diese extreme Reaktion tat selbst ihm Unrecht. Ganz offensichtlich war er nicht mehr in der Lage, Graves mit objektiven Augen zu betrachten. Er hatte in den vergangenen neun Jahren mehr oder weniger erfolgreich versucht, sowohl den Namen Jonathan Graves als auch das bloße Wissen um die Existenz des Trägers eben dieses Namens aus seinem Bewusstsein zu verbannen, aber nun wurde ihm klar, von wie wenig Erfolg dieser Versuch in Wahrheit gekrönt gewesen war. Er hatte Graves niemals vergessen, nicht eine Sekunde lang. Ganz im Gegenteil. Etwas in ihm hatte Graves für jeden Moment der Enttäuschung, jeden Augenblick der Frustration und jeden Tag der Verbitterung in neun endlosen Jahren verantwortlich gemacht, sodass er gar nicht mehr in der Lage war, ihn als menschliches Wesen zu betrachten.

Er atmete hörbar ein, löste mit einer ganz bewusst langsamen Bewegung die Hände von der Stuhllehne und sah Graves fest in die Augen; etwas, was er vor zwei oder drei Sekunden noch nicht gekonnt hätte. »Ich frage dich noch einmal, Jonathan – was willst du hier?«

»Es wird allmählich langweilig, Mogens«, seufzte Graves. »Du hast mein Telegramm doch gelesen, oder? Ich dachte, es wäre eindeutig genug. Ich bin hier, um dir eine Anstellung anzubieten.«

»Du?« Obwohl Mogens im Glauben war, sich vollkommen in der Gewalt zu haben, schrie er das Wort fast. Das Telegramm war zwar im Detail bewusst vage, in seiner Aussage aber unzweifelhaft gewesen. Dass ihm Graves – ausgerechnet Graves – eine Arbeit anbot, das war … grotesk!

»Warum nicht?« Graves musste den hysterischen Ton in seiner Stimme gehört haben, aber er ignorierte ihn einfach. Was das anging, so hatte sich Graves in den vergangenen Jahren nicht im Mindesten verändert. Er war und blieb der unverschämteste Mensch, den Mogens je kennen gelernt hatte. »Wenn es jemanden gibt, mein lieber Mogens, der deine Fähigkeiten wirklich kennt, dann bin ich es. Oder willst du mir ernsthaft vormachen, dass du in diesem gottverlassenen Nest eine Anstellung gefunden hast, die deinen Fähigkeiten entspricht?«

»Ich habe eine Anstellung«, antwortete Mogens kühl. »Danke.«

Graves machte einen undefinierbaren Laut, der sich aber irgendwie … unangenehm in Mogens’ Ohren anhörte. »Hör doch auf! Wir kennen uns wirklich lange genug. Wir müssen uns nun wahrhaftig nichts mehr gegenseitig vormachen! Ich hatte Mühe, dieses Kaff auf der Landkarte zu finden, und noch mehr Mühe zu glauben, dass es hier eine Universität gibt!«

»Ich kann dir versichern, es gibt sie«, sagte Mogens.

Graves machte ein abfälliges Geräusch. »Ja, ich weiß. Eine baufällige Bruchbude, die beim nächsten Windzug vermutlich umfällt. Das aktuellste Buch in der Bibliothek ist fünfzig Jahre alt und einige deiner so genannten Studenten sind älter als du!« Er nickte grimmig. »Du fristest deine Tage damit, verstaubte Papiere in einem fensterlosen Keller zu sichten, die niemanden auf dieser ganzen weiten Welt interessieren. Dein Gehalt reicht mit Mühe und Not für diese jämmerliche Unterkunft, und du bekommst es nicht einmal regelmäßig. Du bist hier lebendig begraben, Mogens. Und manchmal fragst du dich, ob du vielleicht schon tot bist, ohne es selbst gemerkt zu haben.« Er gab wieder diesen unangenehmen – unanständigen – Laut von sich, griff in seine Jacke und zog ein silbernes Zigarettenetui hervor. Mogens fiel erst jetzt auf, dass er noch immer schwarze, eng anliegende Lederhandschuhe trug. »Bin ich der Wahrheit damit nahe gekommen, oder habe ich noch etwas vergessen … O ja: Man hat dich nur eingestellt, weil man sich mit einem Akademiker deines Kalibers schmücken wollte. Und weil du billig warst.«

»Du hast dich gut informiert, Jonathan«, sagte Mogens düster. Seine Worte abzuleugnen wäre sinnlos gewesen. Lächerlich. Nicht nur Graves, sondern auch sich selbst gegenüber. Graves hatte mit wenigen Worten seine Situation so präzise beschrieben, wie es nur möglich war; und zugleich brutaler, als Mogens es jemals über sich gebracht hätte.

Die behandschuhten Finger klappten das Etui auf, nahmen eine Zigarette und eine kostbare Zigarettenspitze aus poliertem Schildpatt heraus und klappten es wieder zu. Mogens hatte für einen ganz kurzen Moment Mühe, seinen Worten noch zu folgen. Was er beobachtete, verwirrte und faszinierte ihn zugleich. Graves’ Finger bewegten sich auf eine Art und Weise, wie er es noch nie zuvor gesehen, ja, nicht einmal für möglich gehalten hatte, die er nicht einmal wirklich beschreiben konnte. Schnell, fließend, scheinbar unabhängig voneinander und auf eine Art, als folgten sie dabei einem nicht erkennbaren, aber vorhandenen Muster. Graves’ Hände schienen ihm viel mehr eigenständig denkende Wesen zu sein als Anhängsel seines Körpers, die nicht wirklich den Befehlen seines Geistes gehorchten, sondern eilfertig darum bemüht schienen, seinen Wünschen vorauszueilen.

»Selbstverständlich habe ich mich informiert«, antwortete Graves spöttisch. Seine Finger verstauten das Zigarettenetui wieder in der Jacke und zauberten in der gleichen spinnenhaften Bewegung ein goldenes Feuerzeug hervor. »Ich fahre nicht zweieinhalbtausend Meilen weit, ohne mich vorzubereiten.« Er ließ sein Feuerzeug aufschnappen und drehte das Zündrädchen. Ein schwacher Geruch nach Benzin schlug Mogens entgegen, und er sagte schnell: »Bitte nicht. Ich verabscheue den Geruch von kaltem Rauch.«

Graves hielt ungerührt das Ende seiner Zigarette in die Flamme und nahm einen tiefen Zug. »Du wirst ihn nicht lange ertragen müssen«, sagte er, während sein Gesicht langsam hinter einem Vorhang aus grauem Qualm verschwand, der ihm aus Mund und Nase quoll. »Wenn wir uns einig werden – woran ich im Grunde nicht zweifle, Mogens, denn ich halte dich nach wie vor für einen sehr klugen Mann –, dann kannst du dieses elende Kaff und diese jämmerliche Bruchbude hier schon heute verlassen.«

Mogens starrte missbilligend auf die brennende Zigarette im Mundwinkel seines Gegenübers; im Grunde nur, um den Anblick seiner Hände nicht weiter ertragen zu müssen, war sich aber nach einem Augenblick nicht mehr sicher, wirklich einen guten Tausch gemacht zu haben. Aus Graves’ Mund und Nase quoll noch immer Rauch von dunkelgrauer, zäher Konsistenz, der sich in trägen Schwaden rings um ihn herum in der Luft ausbreitete und nur langsam zu Boden sank, ehe er – ungefähr in der Höhe seiner Knie – vom Luftzug des Kamins ergriffen und in die Flammen gesaugt wurde. Er bewegte sich nicht, und er sah auch nicht wirklich aus wie Zigarettenrauch, fand Mogens. Es sah eher aus, als … als sondere Graves grauen Schleim ab, der aus seinem Mund und seinen Nasenlöchern tropfte und sich wie eine Flüssigkeit verhielt, die leichter als Luft war.

»Interessiert?«, fragte Graves, als Mogens nicht sofort antwortete und er sein Schweigen anscheinend falsch deutete.

»Wie ich bereits sagte: Ich habe eine Anstellung«, antwortete Mogens steif.

Graves wollte antworten, doch in diesem Moment klopfte es an der Tür, und noch bevor Mogens reagieren konnte, wurde aufgemacht, und Miss Preussler kam herein. Sie ging ein wenig schräg, was wohl daran lag, dass sie ein Tablett in den Händen balancierte, auf dem sich eine Teekanne und zierliche Porzellantassen befanden, und sie außerdem in einer schon fast komplizierten Haltung nach vorne und zur Seite geneigt ging, um mit dem Ellbogen die Türklinke herunterzudrücken. Das Porzellan auf dem Tablett klirrte leise. Mogens war zu weit entfernt, um rechtzeitig aufzustehen und ihr zu helfen, und Graves, der näher stand, rührte keinen Finger. Er runzelte nur missbilligend die Stirn und folgte Miss Preussler mit Blicken, als sie ungeschickt an ihm vorbeistolperte und ihre Last mit mehr Glück als Geschick unversehrt zum Tisch trug.

»Ich dachte mir, dass die Herren vielleicht eine kleine Erfrischung wünschen«, sagte sie. »Bester englischer Tee. Und einige selbst gebackene Zimtplätzchen. Sie mögen sie doch so sehr, nicht wahr, Professor?«

Mogens stellte mit einem neuerlichen Blick auf das Tablett fest, dass sich darauf Miss Preusslers bestes Geschirr befand, allerfeinstes Meissner Porzellan, aus Europa importiert und wahrscheinlich das Einzige von wahrem Wert in ihrem Haushalt, das sie normalerweise wie ihren Augapfel hütete. Sie stellte es allerhöchstens zu Weihnachten und am 4. Juli auf den Tisch. Dazu gab es noch einen Teller mit sternförmigen, weiß kandierten Plätzchen – und außerdem hatte er sich geirrt. Es waren nicht zwei, sondern drei Tassen.

»Es redet sich einfach besser bei einer guten Tasse Tee.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, sagte Mogens. Er deutete auf Graves. »Wenn ich vorstellen darf: Dr. Jonathan Graves. Ein ehemaliger Kommilitone.« Er deutete auf Miss Preussler. »Miss Preussler, meine Zimmerwirtin.«

Graves nickte nur wortlos. Miss Preussler lächelte für einen Moment, dann gefror ihre Miene, als sie die Zigarette in Graves’ Mundwinkel gewahrte. Selbstverständlich herrschte in ihrem Haus allerstrengstes Rauchverbot. Etwas so Unsauberes wie Zigarettenasche hätte sie niemals in ihrer Umgebung geduldet. Und tatsächlich setzte sie auch dazu an, Mogens’ Gast höflich, aber auch unmissverständlich darauf aufmerksam zu machen, dass er einen nicht zu tolerierenden Fauxpas beging, doch dann geschah etwas Seltsames: Graves sah sie weiter aus seinen kalten, blutunterlaufenen Augen an, und Mogens konnte regelrecht sehen, wie Miss Preusslers Zorn zerbröselte. Etwas, das er für Furcht gehalten hätte, hätte er einen Grund dafür nennen können, erschien in ihren Augen. Sie wich nicht wirklich vor Graves zurück, nahm aber eine Haltung an, als wolle sie es tun.

Die Tür bewegte sich erneut. Miss Preussler hatte sie nicht vollständig hinter sich geschlossen, und nun schwang sie wie von selbst ein kleines Stück wieder auf, und eine pechschwarze, zierliche Katze kam herein, das einzige lebende Wesen mit mehr als zwei Beinen, das Miss Preussler nicht nur in ihrem Einflussbereich duldete, sondern geradezu abgöttisch liebte. Unnötig zu sagen, dass sie vermutlich die sauberste Katze des Landes war, wenn nicht der Welt, und zeit ihres Lebens nicht einmal einen Floh gesehen hatte.

»Aber Cleopatra!«, sagte Miss Preussler. Sie drehte sich fast hastig um, als wäre sie froh, sich nun der Katze zuwenden zu können statt Mogens’ unheimlichem Besucher. »Wer hat dir denn erlaubt, hierher zu kommen? Du weißt doch, dass du auf den Zimmern der Gäste nichts zu suchen hast.«

»Lassen Sie sie nur, Miss Preussler«, sagte Mogens. »Sie stört mich nicht.« Ganz im Gegenteil, er mochte Cleopatra. Sie besuchte ihn öfter in seinem Zimmer, als Miss Preussler vermutlich ahnte. Als er die Hand nach der Katze ausstreckte, kam Cleopatra sofort zu ihm und rieb schnurrend den Kopf an seiner Wade, was Miss Preussler zu einem nachdenklichen Stirnrunzeln veranlasste. Vielleicht machte ihr der Anblick etwas klar, das ihr bisher noch gar nicht bewusst gewesen war. Nach einigen Augenblicken riss sie sich fast gewaltsam von dem Anblick los und wandte sich wieder Graves zu. Sie wirkte unsicher, und Mogens begriff, dass sie offenbar Mühe hatte, seinen unheimlichen Gast einzuordnen, er ihr aber nicht gefiel. Warum auch sollte es ihr anders ergehen als ihm?

»Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Miss Preussler«, sagte er noch einmal. »Ich danke Ihnen.«

Graves schwieg weiter beharrlich, während Miss Preusslers Blick noch unsicherer wurde und unstet zwischen den drei Tassen auf dem Tablett und seinem und Graves’ Gesicht hin und her irrte. Sie wartete darauf, zum Bleiben aufgefordert zu werden, hatte den eindeutigen Hinauswurf in seinen Worten aber natürlich gehört. Nun wusste sie nicht mehr, was sie tun sollte. Der Anstand gebot ihr, zu gehen und Mogens und seinen Besucher allein zu lassen, aber ihre Neugier war mindestens ebenso stark – und sie war wohl wirklich fest entschlossen, um ihn zu kämpfen. Vielleicht, dachte er, sollte er dem Schicksal in Gestalt Miss Preusslers die Entscheidung überlassen. Er war nicht in der Verfassung, objektiv mit Graves zu reden oder auch nur über das nachzudenken, was er ihm zu sagen hatte.

Cleopatra nahm ihnen die Entscheidung ab. Bisher hatte sie schnurrend den Kopf an Mogens’ Bein gerieben, aber nun löste sie sich von ihm, drehte sich um und sah sehr aufmerksam zu Graves hoch. Ihr Verhalten änderte sich schlagartig. Sie legte die Ohren an, stellte das Nackenhaar auf und senkte den bisher grüßend aufgestellten Schwanz zu einen nervösen Wedeln; alles eindeutige Anzeichen von Furcht oder zumindest doch sehr großer Vorsicht. Jonathan Graves schien sich wirklich keiner allzu großen Beliebtheit zu erfreuen. Mogens’ unbestritten gehässige Schadenfreude hielt jedoch nur einen Augenblick, denn trotz ihrer eindeutigen Körpersprache bewegte sich die Katze weiter auf Graves zu; vorsichtig, aber trotzdem zielstrebig. Sie begann zu knurren, ein dunkler, grollender Laut, der eher an einen Hund erinnerte denn an eine Katze.

»Cleopatra?«, wunderte sich Miss Preussler.

Die Katze reagierte nicht auf ihre Stimme, obwohl sie das sonst stets tat, sondern ging weiter auf Graves zu und begann an seinen sorgsam polierten Schuhen zu schnüffeln. Graves blies eine übel riechende Qualmwolke in ihre Richtung, doch Cleopatra ließ sich nicht einmal davon verscheuchen. Sie blinzelte aus tränenden Augen zu Graves hoch, machte es sich mit gegrätschten Beinen auf seinen Füßen bequem – und verunzierte seine maßgeschneiderten Schuhe mit einer gewaltigen Portion übel riechender Katzenscheiße.

Miss Preussler gab einen fast komisch wirkenden, quietschenden Laut von sich und hob die Hand an den Mund, um den Schrei zu unterdrücken, zu dem er eigentlich werden wollte, und auch Mogens riss vollkommen fassungslos Mund und Augen auf. Für die Dauer von einem oder zwei Herzschlägen war es ihm einfach nicht möglich zu glauben, was er sah. Wäre da nicht der bestialische, durchdringende Gestank von Katzenkot gewesen, der schlagartig das ganze Zimmer erfüllte, so hätte er sich ernsthaft eingeredet, die bizarre Szene nur zu halluzinieren.

Miss Preussler entschlüpfte nun doch ein kleiner, keuchender Schrei. Statt auf den Mund presste sie die Hand nun auf das Herz, und ihr Gesicht verlor jedwede Farbe. Einzig Graves blieb vollkommen passiv. Nicht nur, dass er sich nicht rührte – Cleopatras Attacke entlockte ihm nicht einmal ein Stirnrunzeln oder auch nur einen missbilligenden Blick. Er sog gelassen ein weiteres Mal an seiner Zigarettenspitze, sabberte eine zähe Rauchwolke in die Luft und schnippte seine Zigarettenasche beiläufig auf die Katze. Cleopatra fauchte zornig, machte mit steifen Beinen einen Satz zur Seite und raste dann mit einem wütenden Miauen und Maunzen aus dem Zimmer. Miss Preussler stieß einen dritten, noch schrilleren Schrei aus und stürzte hinter ihr her.

»Eine unmögliche Person«, sagte Graves. »Hat sie schon versucht, dich in ihr Bett zu kriegen?«

Mogens hatte Mühe, ihm zu folgen. Er starrte weiter auf den braunen, übel riechenden Flatsch auf Graves’ Schuhen, der sich allmählich ausbreitete und auf den Teppich zu tropfen begann. Graves schien es nicht einmal zu bemerken. Er spielt eine Rolle, dachte Mogens. Es konnte keine andere Erklärung geben. Graves spielte eine sorgsam eingeübte Rolle, von der er sich durch nichts und niemanden abbringen lassen würde. Aber welche? Und wozu?

»Was hast du gesagt?«, murmelte er benommen. Es kostete ihn alle Kraft, seinen Blick von Graves’ Schuhen zu lösen und ihm ins Gesicht zu sehen. Graves sonderte noch immer grauen Rauch ab. Ein Speichelfaden lief aus seinem linken Mundwinkel und zog eine glitzernde Spur über sein Kinn, aber er reagierte auch darauf nicht.

»Unwichtig«, antwortete Graves. »Da du offensichtlich nicht in der Stimmung bist, mit mir in alten Erinnerungen zu schwelgen, reden wir über mein Angebot. Bist du interessiert oder nicht?«

Es gelang Mogens mit einer neuerlichen, gewaltigen Kraftanstrengung, sich von dem immer heftiger werdenden Gefühl des Ekels zu lösen, das Graves in ihm auslöste, und sich auf den Grund seines Hierseins zu konzentrieren. »Wenn ich mich recht erinnere«, sagte er, »hast du mir bisher noch kein konkretes Angebot gemacht, das ich annehmen oder ablehnen könnte.«

»Du favorisierst noch immer den komplizierten Weg, wie?«, fragte Graves kopfschüttelnd. »Gut, wie du willst. Ich bin hier, um dir eine höchst interessante und, nebenbei gesagt, auch äußerst lukrative Anstellung zu offerieren. Ich kann dir aus verschiedenen Gründen jetzt und hier keine Einzelheiten mitteilen, aber ich versichere dir, dass du zufrieden sein wirst. Es handelt sich um eine Aufgabe, die sowohl deinen Fähigkeiten als auch deinen Intentionen hundert Mal mehr entspricht als das, was du in diesem hinterwäldlerischen Kaff tust. Und es wird, wie gesagt, hervorragend bezahlt. Ich weiß, dass du dir nicht viel aus Geld machst, aber selbst ein Mann von deinen geringen Bedürfnissen braucht auf die Dauer mehr als das hier

Die beiden letzten Worte sprach er in eindeutig angewidertem Ton aus und viel lauter. Er stand auf, sog hektisch an seiner Zigarette und begann mit irgendwie falsch wirkenden Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei er erstens heftig mit beiden Händen gestikulierte und zweitens eine Spur brauner, übel riechender Flecke auf dem Teppich hinterließ.

»Das ist ein bisschen wenig an Information«, sagte Mogens. Er hatte Mühe, seine Stimme so unter Kontrolle zu halten, wie er es sich gewünscht hätte. Es fiel ihm immer schwerer, Graves’ Anblick zu ertragen. Der Gestank seiner Zigarette und Cleopatras Hinterlassenschaft verbanden sich zu einem Geruch, der Mogens allmählich echte körperliche Übelkeit bereitete. Er schluckte ein paar Mal, um die bittere Galle loszuwerden, die sich unter seiner Zunge angesammelt hatte, und fuhr schleppend fort: »Ich meine, immerhin erwartest du von mir, dass ich hier alles aufgebe und nur auf dein Wort vertraue. Warum, um alles in der Welt, sollte ich das wohl tun? Vertrauen? Ausgerechnet dir?«

Er bereute die beiden letzten Worte sofort. Er wollte Graves die Intensität seiner Gefühle ihm gegenüber nicht eingestehen, auch wenn er mit Sicherheit darum wusste. Graves ging jedoch auch darauf nicht ein, sondern hielt nur für einen Moment in seinem ruhelosen Auf und Ab inne und bedachte ihn mit einem fast mitleidigen Blick. »Du enttäuschst mich, Professor. Und du beleidigst meine Intelligenz, mit Verlaub gesagt. Glaubst du wirklich, Mogens, ich mache mir die Mühe, monatelang nach deinem Verbleib zu forschen und durch das halbe Land zu fahren, nur um dir einen albernen Streich zu spielen?«

Er schüttelte den Kopf. Seine behandschuhte Hand führte die Zigarettenspitze zu seinem Mund, und sein Gesicht verschwand wieder hinter schmierigen grauen Rauchschwaden. Mogens hatte das unheimliche Gefühl, dass sich auch Graves’ Haar auf unwirkliche Weise bewegte wie ein Nest dünner, sich windender Würmer oder Schlangen. Aber auch dieser Effekt musste an den grauen Rauchschwaden liegen, die seinen Kopf einhüllten.

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll«, sagte Mogens. »Nach allem, was zwischen uns vorgefallen ist, erwartest du ernsthaft, dass ich dir vertraue?«

»Dann erübrigt sich ja auch jede Frage deinerseits, ob ich die Wahrheit sage oder nicht«, gab Graves grinsend zurück. Seine Zähne kamen Mogens mit einem Mal viel schiefer vor als bisher. Sie waren gelb-fleckig, und dahinter schien sich etwas Schwarzes zu bewegen, das die Stelle seiner Zunge eingenommen hatte und hinauswollte. »Ich kann dir ein wenig mehr sagen, aber nicht viel. Solltest du mein Angebot annehmen und mich begleiten, wirst du den Grund für meine Verschwiegenheit verstehen. Für den Moment kann ich dir nur sagen, dass es sich um ein Forschungsprojekt von enormer Wichtigkeit handelt. Sollten wir Erfolg haben – und daran zweifle ich keinen Augenblick –, dann wirst du mehr Ruhm und wissenschaftliche Anerkennung ernten, als du dir auch nur vorstellen kannst. Was also gibt es noch lange zu überlegen? Wenn es dir schon nicht darum geht, endlich aus diesem Loch herauszukommen, dann denk wenigstens an diese Möglichkeit. Ich spreche von einer wirklich großen wissenschaftlichen Entdeckung. Vielleicht der wichtigsten Entdeckung seit Beginn der modernen Archäologie. Du wärst vollkommen rehabilitiert, wenn dein Name in Zusammenhang damit in unzähligen Artikeln und Fachbüchern erschiene. Von den Geschichtsbüchern gar nicht zu reden.«

»Hast du die Arche Noah gefunden?«, fragte Mogens. Er wollte lachen, aber seine Stimme versagte und machte etwas anderes aus diesem Laut, etwas Unangenehmes, das auch noch eine Weile nach seinem Erlöschen in der Luft zu hängen schien und den Raum irgendwie kälter machte.

»Nein«, antwortete Graves ernst. »Sie wurde bereits gefunden, vor mehr als fünf Jahren.«

»Das … ist ein Scherz.«

Graves ignorierte ihn. »Bist du interessiert?«, fragte er.

Mogens überlegte. Lange. Angestrengt. Aber er kam zu keinem Ergebnis. Er konnte Graves nicht vertrauen, nicht nach dem, was er ihm angetan hatte. Andererseits klang das, was er sagte, einfach zu verlockend, und Mogens spürte trotz allem irgendwie die Wahrheit hinter Graves’ Worten. Als hätte das, worüber er berichtete, ein solches Gewicht, dass es selbst durch seine bewusste Verschleierung hindurchschimmerte.

»Warum ich?«, fragte er schließlich.

»Weil wir den Besten brauchen«, antwortete Graves. »Dass man dich hier auf dieses Abstellgleis geschoben hat, ist ein himmelschreiendes Unrecht. Es spielt keine Rolle, was früher gewesen ist oder nicht. Ein Mann mit deinen Fähigkeiten gehört nicht hierher. Kapazitäten wie die deinen zu verschwenden ist ein Verbrechen!«

»Dein Mitgefühl rührt mich zu Tränen«, sagte Mogens.

Graves’ linke behandschuhte Hand machte eine wegwerfende Geste. »Ich bin nicht gekommen, um dich um Vergebung zu bitten, Mogens«, antwortete er. »Ich erwarte nicht, dass du das kannst, auch wenn ich die Ereignisse jenes unglückseligen Abends verständlicherweise etwas anders sehe als du. Ich bin gekommen, weil wir für unser Projekt einen guten Mitarbeiter suchen, einen Mann mit speziellen Fähigkeiten, und weil ich weiß, was du kannst, Mogens. Ich habe nicht alle Zeit der Welt. Denk über mein Angebot nach, und dann entscheide dich.«

Er griff in die Jackentasche, zog einen Briefumschlag hervor und legte ihn vor Mogens auf den Tisch. Seine Handschuhe schienen dabei zu pulsieren, als hätten sich seine Finger irgendwie verflüssigt und versuchten nun, ihr Gefängnis aus schwarzem Leder zu sprengen.

»In diesem Kuvert befindet sich eine Bahnfahrkarte erster Klasse nach San Francisco. Darüber hinaus der Betrag von fünfhundert Dollar in bar, um deine Reisespesen und eventuelle andere Unkosten zu decken. Solltest du dich entscheiden, mein Angebot abzulehnen, kannst du diesen Betrag auf jeden Fall behalten. Falls du es jedoch annimmst – was ich aufrichtig hoffe –, findest du in dem Umschlag noch eine Telefonnummer, unter der du mich erreichst. Wenn du vom Bahnhof aus anrufst, lasse ich dich binnen einer Stunde abholen.«

Und damit nahm er den heruntergebrannten Rest seiner Zigarette aus der Spitze, schnippte ihn zielsicher in das flackernde Feuer im Kamin und ging ohne ein weiteres Wort zur Tür. Bevor er sie öffnete und das Zimmer verließ, blieb er jedoch noch einmal stehen und sagte: »Ach, und noch etwas. Falls es dir bei deiner Entscheidung hilft: Du wirst nicht unmittelbar mit mir zusammenarbeiten müssen. Ich denke nicht, dass wir uns öfter als ein- oder zweimal die Woche sehen werden.«

Damit ging er.

Mogens starrte wie gelähmt auf den Briefumschlag. Er hatte nicht wirklich an der Ernsthaftigkeit von Graves’ Offerte gezweifelt, auch wenn er sich über dessen Beweggründe weniger im Klaren war denn je. Jonathan Graves war der vielleicht rücksichtsloseste Mensch, dem er jemals begegnet war, aber er war nicht dumm. Ein solch infantiler Scherz hätte einfach nicht zu ihm gepasst. Und fünfhundert Dollar waren einfach zu viel, um sie in einen bloßen Witz zu investieren. Es war mehr, als er in drei Monaten an dieser so genannten Universität verdiente; und nahezu ebenso viel, wie er in den vier Jahren seines freiwilligen Exils hatte zurücklegen können.

Das Geld selbst zählte jedoch nicht. Er verschwendete überhaupt nur insofern einen Gedanken daran, als es die Seriosität von Graves’ Angebot zu beweisen schien. Unendlich viel wichtiger war das, was dieser Umschlag bedeutete. Nichts anderes nämlich als einen Ausweg aus der Sackgasse, in die das Schicksal und er selbst sich in den letzten Jahren hineinmanövriert hatte.

Die Tür wurde geöffnet, und Mogens fuhr fast erschrocken herum, halb darauf gefasst, Graves zurückkommen zu sehen, wie er sich vor Lachen ausschüttete, und um sich an seinem fassungslosen Gesicht zu weiden, wenn er ihm eröffnete, dass sein großzügiges Angebot ebenso wie sein bizarres Betragen nur Teil eines verspäteten Studentenulks waren.

Statt Jonathan Graves trat jedoch Miss Preussler ein, bewaffnet mit einem Zinkeimer voller dampfender Seifenlauge, Kittelschürze und einem ganzen Bündel Wischlappen. Ohne ein Wort zu verlieren, ging sie an Mogens vorbei, ließ sich auf die Knie sinken und begann an einem der Schmierflecken zu schrubben, die Graves auf dem Teppich hinterlassen hatte. Obwohl sie Mogens dabei den Rücken zudrehte, konnte er sehen, dass sie vor Scham und Verlegenheit hochrot angelaufen war.

Plötzlich sagte sie: »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das ist, Professor.«

»Das muss es nicht«, antwortete Mogens, aber Miss Preussler schien seine Worte gar nicht zu hören.

»So etwas Unerhörtes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Ich verstehe einfach nicht, was mit Cleopatra los ist. So etwas hat sie noch nie zuvor getan, bitte glauben Sie mir.« Während sie an dem Fleck herumschubberte, begann der Gestank schlagartig zuzunehmen. Seltsamerweise war es jedoch nicht nur Katzendreck, den Mogens roch, da war noch etwas, etwas … Unheimliches, Fremdes und zugleich Abstoßendes, als hätte Graves’ Gegenwart etwas in diesem Zimmer hinterlassen, das die Luft hier drinnen verpestete. Miss Preussler verzog angeekelt das Gesicht, tauchte ihren Putzlappen ins Wasser und wrang ihn übertrieben sorgfältig aus, ehe sie weiterschrubbte.

»Ich verstehe überhaupt nicht, was in die Katze gefahren ist«, fuhr sie fort, während sie immer hektischer und fester auf dem Flecken rieb, als könne sie nur durch genügend Kraft gleichermaßen auch die Schmach wegreiben, die Cleopatras unerhörtes Betragen über ihr Haus gebracht hatte. »Ich werde gleich morgen mit ihr zum Tierarzt gehen und sie gründlich untersuchen lassen.«

»Miss Preussler«, unterbrach sie Mogens.

Seine Zimmerwirtin hörte auf, wie besessen an dem Fleck herumzuschrubben, starrte aber noch mindestens fünf oder sechs Sekunden lang ins Leere, ehe sie langsam den Kopf hob und ihn fast angsterfüllt ansah.

»Machen Sie Cleopatra keinen Vorwurf«, sagte Mogens. »Wenn ich eine Katze wäre, hätte ich vermutlich dasselbe getan.«

Mogens stand auf, wich Miss Preusslers nunmehr vollkommen fassungslosem Blick aus und ging mit schnellen Schritten zum Fenster, um es aufzumachen und den erbärmlichen Gestank entweichen zu lassen. Dann stockte seine Hand auf halbem Wege zum Griff. Jonathan hatte mittlerweile das Haus verlassen und war unten auf der Straße dabei, in sein Cabriolet zu steigen. Im wortwörtlichen Sinne. Er machte keine Anstalten, die Tür zu öffnen, sondern kletterte mit einer schlängelnden, sonderbar reptilienhaft wirkenden Bewegung über den Wagenschlag und glitt hinter das Lenkrad. Ohne auch nur einmal aufzusehen, startete er den Motor und fuhr los.

»Würden Sie bitte das Fenster öffnen, Professor?«, bat Miss Preussler. »Der Gestank ist unerträglich. Großer Gott, ich werde Monate brauchen, um ihn wieder aus dem Teppich herauszubekommen. Ich verstehe das gar nicht. Cleopatra muss irgendetwas Schlechtes gegessen haben.«

Mogens’ Hand schloss sich um den Fenstergriff, aber er zögerte noch immer, das Fenster aufzumachen. Graves’ Buick hatte mittlerweile das Ende der Straße erreicht und bog ab, und trotzdem hatte er das Gefühl, dass etwas von ihm zurückgeblieben war; etwas, das dort unten auf der Straße lauerte und sofort hereindringen würde, sobald er den Fehler beging, die Tore seiner Festung zu öffnen.

Was natürlich eine durch und durch albere Vorstellung war.

Mogens verscheuchte den kindischen Gedanken, schalt sich im Stillen einen Narren und zog den Fensterflügel mit einem schon übertrieben heftigen Ruck auf. Kalte Luft und sonst rein gar nichts strömte herein, allenfalls noch ein wenig Feuchtigkeit. Die Flammen im Kamin prasselten höher, als frischer Sauerstoff von außen hereinströmte, es wurde fast augenblicklich kälter im Zimmer, aber der eisige Schwall vertrieb auch den Gestank; nicht ganz, aber er machte ihn spürbar erträglicher.

Miss Preussler atmete ebenfalls hörbar auf und kroch auf Händen und Knien zu einem weiteren Fleck, um ihm mit Scheuerlappen und Seife zu Leibe zu rücken. »Ich kann Ihnen wirklich nicht oft genug sagen, wie peinlich mir der Zwischenfall ist«, sagte sie. »Ich kann nur hoffen, dass er sich nicht allzu negativ auf Ihre Verhandlungen mit Mister Graves ausgewirkt hat … obwohl ich mir offen gestanden gar nicht vorstellen kann, dass ein Mann wie Sie es auch nur ein Moment lang ernsthaft in Betracht zieht, mit jemandem wie diesem Graves zusammenzuarbeiten – noch dazu in San Francisco! Glauben Sie mir, Professor VanAndt: Ich weiß, worüber ich spreche. Die Cousine meines verstorbenen Mannes stammte aus Kalifornien. Die Leute dort sind … seltsam. Sie würden dort nicht glücklich.«

So viel zu der Frage, ob sie an der Tür gelauscht hatte. Mogens machte jedoch keine entsprechende Bemerkung. Er nahm Miss Preussler dieses Geständnis nicht einmal übel. Vielleicht hätte er an ihrer Stelle nicht anders gehandelt. »Wieso?«, fragte er.

»Aber, Professor, ich bitte Sie!« Miss Preussler stemmte die Handflächen auf die gut gepolsterten Oberschenkel, richtete den Oberkörper gerade auf und sah ihn beinahe vorwurfsvoll an. »Dieser … Unhold ist doch nun wirklich kein Mann Ihres Niveaus, Professor! Es fällt mir schwer zu glauben, dass Sie einmal mit ihm befreundet gewesen sein sollen!«

»Das war ich auch nicht«, antwortete Mogens. »Wir haben gemeinsam studiert, aber wir waren niemals Freunde.«

»Das konnte ich mir auch nicht vorstellen«, sagte Miss Preussler erleichtert. »Sie ziehen doch nicht wirklich in Betracht, dieses Angebot anzunehmen, oder?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden«, antwortete Mogens.

»Professor, ich bitte Sie!« Miss Preussler wirkte ehrlich erschrocken. »Das dürfen Sie nicht! Dieser Mann ist … nicht gut für Sie!«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Mogens irritiert. Dass Graves nicht auf Anhieb Miss Preusslers Herz erobert hatte, wunderte ihn nicht. Aber konnte es sein, dass sie ihm gegenüber dasselbe negative Gefühl hatte wie er selbst? Und wenn ja, wieso? Sie hatte nicht das gleiche Übermaß schlechter Erfahrungen mit Jonathan Graves zu verbuchen wie er. Aber dann, praktisch im gleichen Augenblick, in dem er sich diese Frage stellte, fiel ihm auch die Antwort darauf ein: Bedachte man Miss Preusslers Gefühle für ihn, so musste Graves so etwas wie ihr natürlicher Feind sein. Er war aus dem Nichts aufgetaucht und drohte ihn ihr wegzunehmen.

»Ich … kann es selbst nicht genau sagen«, murmelte Miss Preussler. »Aber etwas an ihm macht mir Angst. Er ist unheimlich. Ich wollte es vorhin nicht so deutlich sagen, als er anwesend war, aber irgendetwas an diesem Doktor Graves kommt mir falsch vor. Ich kann es nicht anders beschreiben. Ich fühle mich in seiner Nähe unwohl – von seinem Benehmen ganz zu schweigen. Dieser Mann ist ein Tier!«

»Jetzt übertreiben Sie aber«, sagte Mogens. Er lächelte, setzte dazu an, das Fenster wieder zu schließen, und besann sich dann eines Besseren. Es war mittlerweile unangenehm frisch im Zimmer geworden, aber in der Luft lag noch immer ein übler Geruch. Er zog es vor zu frieren, statt dem Gestank weiter ausgeliefert zu sein. Achselzuckend ging er zu seinem Platz am Kamin zurück und führte seinen begonnenen Satz zu Ende, während er sich setzte. »Graves ist sicher kein angenehmer Zeitgenosse – aber ihn als Tier zu bezeichnen, ist des Guten dann doch ein bisschen zu viel.«

»Natürlich«, antwortete Miss Preussler hastig. »Verzeihen Sie. Ich habe mich im Ton vergriffen. Dieser Mann ist nur so …« Sie rang einen Moment nach Worten, zuckte schließlich mit den Schultern und rettete sich damit, sich wieder dem Schmutzfleck auf dem Teppich zuzuwenden und verbissen daran herumzureiben.

Mogens starrte den Briefumschlag, der auf dem Tischchen vor ihm lag, nachdenklich an. Das Geld darin schien ihn zu verhöhnen, beinhaltete zugleich aber eine fast unwiderstehliche Versuchung. Es war sein Ausweg aus einem Leben, das kein Leben war, sondern eine Art allmähliches, fast unmerkliches Sterben. Warum also zögerte er? Vielleicht weil da tief in seinem Innern eine Stimme war, die ihn warnte, sich auch nur eine einzige weitere Sekunde mit Graves abzugeben?

Er schüttelte schweigend den Kopf. Sein eigenes Verhalten verwunderte ihn mittlerweile nicht mehr, sondern erschreckte ihn regelrecht, denn es war mit nichts mehr erklärbar. Er hatte nicht gewusst, wie sehr er Graves in Wirklichkeit hasste.

Mogens beugte sich zur Seite, goss sich eine Tasse von dem Tee ein, den Graves nicht angerührt hatte, und schenkte noch in der gleichen Bewegung eine zweite ein. »Setzen Sie sich einen Moment zu mir, Miss Preussler … Betty«, sagte er. »Ich möchte mit Ihnen reden.«

Miss Preussler sah ihn überrascht an, stand aber auch fast sofort auf und setzte dazu an, auf dem gleichen Stuhl Platz zu nehmen, auf dem Graves vorhin gesessen hatte, dann jedoch machte sie mitten in der Bewegung kehrt und zog sich einen anderen Stuhl heran.

»Miss Preussler, ich lebe jetzt seit vier Jahren unter Ihrem Dach, und es gab in diesen vier Jahren keinen Tag, an dem mir nicht bewusst gewesen wäre, dass Sie mir eine ganz besondere Behandlung zukommen lassen«, begann er.

Miss Preussler sah ihn aufmerksam und ein wenig verständnislos an, aber in ihren Augen glomm eine vage Hoffnung auf, die Mogens klar machte, dass seine Worte vielleicht nicht besonders klug gewählt waren. Sie verstand sie natürlich falsch, weil sie sie falsch verstehen wollte. Aber er hatte nicht vor, ihr mitzuteilen, dass er hier bleiben und möglicherweise sogar ihren Avancen nachzugeben gedachte; im Gegenteil. Um Zeit zu gewinnen, griff er nach einem von Miss Preusslers Zimtplätzchen und biss hinein. In der nächsten Sekunde spuckte er den Bissen wieder aus, schleuderte den Rest des Zimtsterns in hohem Bogen davon und kämpfte mit aller Macht gegen den Brechreiz an, der regelrecht aus seinem Magen herauf explodierte. Ein unbeschreiblich widerwärtiger Geschmack erfüllte seinen Mund. Mogens krümmte sich in seinem Sessel, würgte qualvoll und schluckte einen Klumpen bitterer Galle herunter, der aus seinem Magen heraufgekrochen war. Das machte seine Übelkeit nur noch schlimmer, aber er kämpfte weiter dagegen an, und sei es nur aus dem absurden Grund, dass er es Miss Preussler nach allem nicht auch noch antun wollte, sich auf ihren Teppich zu übergeben.

Miss Preussler starrte ihn aus aufgerissenen Augen an und verlor schon wieder alle Farbe aus dem Gesicht. »Aber was …?«, begann sie, verstummte dann zutiefst verstört mitten im Wort und griff ebenfalls nach einem Zimtstern. Mit spitzen Fingern brach sie ihn entzwei und stieß gleich darauf selbst einen würgenden Laut aus. Mogens beging den Fehler, den Blick zu heben, und seine Übelkeit verstärkte sich beinahe noch, als er das Innere des Zimtsterns sah.

Das Gebäck war zu einer schleimig-schmierigen Masse geronnen, in der es unentwegt brodelte und kroch, wie die Oberfläche eines Schlammvulkans, auf der Gasblasen aus der Tiefe der Erde explodierten, oder als versuche etwas Lebendes ins Freie zu kriechen. Wenn er jemals ein verdorbenes Lebensmittel gesehen hatte, dann war es dieser Zimtstern. Schon der Gedanke, dass er gerade in ein solches Plätzchen hineingebissen hatte, verstärkte seine Übelkeit noch einmal um ein Vielfaches.

»Aber das … das kann doch gar nicht sein«, ächzte Miss Preussler. »Das ist nicht möglich! Ich habe diese Plätzchen heute Morgen gemacht! Mit Zutaten, die ich frisch gekauft habe.«

»Eine davon muss wohl schlecht gewesen sein«, sagte Mogens mühsam. Er vermied es, einen Blick in seine Tasse zu werfen, um nicht zu sehen, welche Überraschungen dort möglicherweise noch auf ihn warteten. Sein Magen revoltierte auch so schon schlimm genug.

»Ich … ich verstehe das einfach nicht«, stammelte Miss Preussler. »Das ist … ist …« Sie brach ab, schüttelte hilflos den Kopf, warf die beiden Hälften des Zimtplätzchens mit einer angewiderten Bewegung ins Feuer und stand auf.

»Heute ist wirklich nicht mein Glückstag«, sagte sie in dem schwachen Versuch, die Situation durch einen scherzhaften Ton zu entspannen. »Ich sollte das jetzt wegwerfen. Und danach werde ich hinüber in den General-Store gehen und ein ernstes Wort mit der Verkäuferin reden.«

Sie nahm den Teller mit den verdorbenen Plätzchen in die Hand und wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal zu ihm um. »Die letzte Stunde ist etwas unglücklich verlaufen. Ich hoffe doch, dass das keinen Einfluss auf Ihre Entscheidung hat?«

»Bestimmt nicht«, versicherte Mogens, löste seinen Blick mit einiger Mühe von dem Teller mit Zimtsternen in Miss Preusslers Händen und sah wieder den Umschlag an, den Graves zurückgelassen hatte. »Ich habe mich noch nicht entschieden, Miss Preussler, aber ich versichere Ihnen, dass ich keine vorschnelle Entscheidung treffen werde.«

Vier Tage später stieg er auf dem Bahnhof von San Francisco aus dem Zug und rief die Telefonnummer an, die Graves ihm gegeben hatte.

AnubisObwohl der Pazifik so glatt wie ein Spiegel aus gehämmertem Kupfer dalag, überzog ihn das Licht der untergehenden Sonne doch mit einem Muster aus filigran flirrender Bewegung. Man konnte es nicht allzu lange ansehen, denn die grellen Lichtreflexe hinterließen schmerzhafte Nachbilder auf den Netzhäuten, die auch dann noch blieben, wenn man die Augen schloss und den Blick wandte, dennoch aber den Eindruck vager Bewegung tief unter der Oberfläche des gewaltigen Ozeans noch verstärkten.

Das Meer geriet langsam außer Sicht. Zu Mogens’ insgeheimer Enttäuschung waren sie nicht über die berühmte Brücke gefahren, sondern bewegten sich von der Küste fort landeinwärts. Mogens vermutete, dass das Meer gar nicht mehr zu sehen sein würde, noch bevor die Sonne ganz untergegangen war – also in spätestens einer halben Stunde. Der Ozean war schon jetzt zu einer schmalen Kupfersichel zur Linken zusammengeschrumpft, die mit jeder Meile, die sich der große Ford nach Osten mühte, weiter zusammenschmolz. Er verspürte dennoch ein merkwürdiges Gefühl von Erleichterung, das ebenso unerklärlich wie intensiv war. Vielleicht, dass unter der Oberfläche des scheinbar so reglos daliegenden Meeres etwas lauerte, das er zwar nicht sehen, dafür aber umso deutlicher fühlen konnte.

Er dachte noch einige Augenblicke über diesen sonderbaren Gedanken nach und schob ihn dann mit einem Schulterzucken von sich. Solcherlei Überlegungen waren nicht nur müßig, sondern eines Mannes wie ihm auch schlicht unwürdig. Selbstverständlich war da etwas unter der Oberfläche des Meeres. Der Ozean wimmelte geradezu von Leben, das dieses stille, zum allergrößten Teil lichtlose Universum in ungleich größerem Maße erobert hatte als das Land. Doch in all der gewaltigen Anzahl fremdartiger und möglicherweise sogar bizarrer und tödlicher Kreaturen, die in seinen unerforschten Tiefen lauern mochten, war nicht eine einzige, die er fürchten musste; zumindest nicht jetzt, während er in einem Wagen saß, der sich mit dreißig oder auch vierzig Meilen pro Stunde vom Meer entfernte. Seine eigenen Nerven begannen ihm Streiche zu spielen, die offensichtlich umso böser wurden, je weiter der Tag fortschritt. Und er kannte sogar die Gründe dafür.

Einer – und zweifellos der schwerwiegendste – war Doktor Jonathan Graves, den er vermutlich binnen einer Stunde wiedersehen würde. Mogens hatte im Verlauf der zurückliegenden vier Tage an nicht sehr viel anderes gedacht als an sein bevorstehendes Zusammentreffen mit seinem ehemaligen Kommilitonen, und seine Gefühle waren in diesen vier Tagen ein reines Wechselbad gewesen, die manchmal binnen einer einzigen Minute von einem Extrem zum anderen geschwankt hatten: Blanker, unverfälschter Hass auf den Mann, der sein Leben zerstört hatte, hatte sich mit Verachtung abgewechselt – die zu einem nicht geringen Teil ihm selbst galt, dass er es überhaupt in Betracht zog, dieses unwürdige Angebot anzunehmen –, mit kindischem Trotz und Abgründen tiefsten Selbstmitleids bis hin zu einer Überlegung, von der er sich zumindest selbst einreden konnte, dass sie von reiner Vernunft diktiert wurde: Letzten Endes spielte es keine Rolle, warum er sich in der Lage befand, in der er nun einmal war. Fakt war, dass er sich nicht in einer Position befand, wählerisch sein zu können. Man biss nicht in die Hand, die einen fütterte; nicht einmal dann, wenn sie einen zuvor geschlagen hatte.

»Es dauert jetzt nicht mehr lange, Professor.« Die Stimme des jungen Mannes, der links neben Mogens saß und hinter dem gewaltigen Lenkrad des Ford mindestens so verloren und hilflos aussah, wie Mogens selbst sich fühlte, riss ihn unsanft, aber willkommen aus seinen düsteren Überlegungen. Offensichtlich deutete der Junge Mogens’ irritierten Blick auch falsch, denn er nahm die rechte Hand vom Steuer und wies nach vorne, wo ein schmaler Weg von der selbst alles andere als breiten Hauptstraße abzweigte, um nach wenigen Metern zwischen wucherndem Gestrüpp und mächtigen Findlingen zu verschwinden. Ohne die deutende Geste seines jugendlichen Chauffeurs hätte Mogens ihn vermutlich nicht einmal gesehen, so schmal war er. »Noch eine knappe Meile, dann haben wir ’s geschafft.«

»Aha.« Die Antwort – das war Mogens klar – musste aller Wahrscheinlichkeit nach leicht unhöflich wirken, wenn nicht gar wie ein glatter Affront. Aber sein Fahrer war wohl noch jung genug, um die verkappte Beleidigung darin nicht zur Kenntnis nehmen zu können – oder zu wollen. Ganz im Gegenteil wedelte er noch heftiger mit der Hand, während er zugleich mit den Füßen auf Kupplung und Bremse des Ford herumzustampfen begann.

Mogens folgte den scheinbar ziellosen Bewegungen einen Moment mit sachtem Interesse. Er hatte niemals Auto fahren gelernt und verspürte auch nicht den Drang, dies zu tun. Der Pragmatiker in ihm sah die Nützlichkeit eines Automobils durchaus ein und wusste auch den Umstand zu schätzen, dass sie die Strecke, für die er zu Pferde oder mit einer Droschke mindestens drei, wenn nicht vier Stunden gebraucht hätte, so in einem Bruchteil dieser Zeit zurücklegen konnten. Aber ihm selbst waren Automobile suspekt, um nicht zu sagen: unheimlich. Möglicherweise lag es einfach an den vier Jahren, die er in Thompson verbracht hatte. Die Zeit war nicht so lang, dass der technische Fortschritt ihn hätte überrollen können, denn es hatte selbst in diesem Kaff Zeitungen gegeben, mit deren Hilfe er sich auf dem Laufenden gehalten hatte. Doch schon als er in San Francisco aus dem Zug gestiegen war, war ihm klar geworden, dass Thompson offensichtlich nicht wirklich in der Vergangenheit, sondern irgendwie neben der Zeit zu existieren schien. Es hatte auch dort Automobile gegeben, natürlich, aber sie waren stets Fremdkörper geblieben, Absonderlichkeiten, bei deren Anblick man stehen blieb und den Kopf drehte, vielleicht mit einem angedeuteten Lächeln, das dieser neumodischen Verrücktheit galt, die sich bestimmt nicht lange halten würde. San Francisco hingegen war das genaue Gegenteil. Und auch wenn sie sich seit einer halben Stunde beharrlich von der Stadt entfernten und die sanften Hügel, durch die sie nun fuhren, gar nicht so anders waren als die, zwischen denen Thompson eingebettet war, so hatte er dennoch das Gefühl, sich nicht nur in einer anderen Gegend, sondern gewissermaßen in einer anderen Welt zu befinden, wenn nicht in einem anderen Universum.

»Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn’s ein bisschen holperig wird«, fuhr sein Chauffeur fort. Mogens blickte fragend, und der Junge mit den fast schulterlangen blonden Locken machte eine wedelnde Handbewegung, von der Mogens inständig hoffte, dass sie nicht dem entsprach, was er gerade als holperig bezeichnet hatte. »Die Straße führt direkt übern Berg. Es gibt ein paar üble Schlaglöcher, aber keine Sorge – ich kenn mich aus.«

»Und die Hauptstraße?«, fragte Mogens zögernd.

»Zwanzig Meilen um den Berg rum, oder eine drüber«, sagte der Junge, als sei das Antwort genug. Mogens verzichtete darauf, etwas dazu zu sagen; eine solche Antwort – noch dazu in einem solchen Ton – konnte nur jemand geben, der noch nicht alt genug war, um zu wissen, mit was für unangenehmen Überraschungen das Leben zuweilen aufzuwarten pflegte. Und mit jemandem, der solche Antworten gab, zu diskutieren war vollkommen sinnlos.

Dennoch fragte er nach kurzem Zögern: »Haben wir es denn so eilig?«

»Sie haben einen anstrengenden Tag hinter sich, Professor«, antwortete der Junge. »Ich dachte, es wär Ihnen recht, ein bisschen früher anzukommen.« Er lachte, aber es klang plötzlich ein ganz kleines bisschen nervös. In seinen hellblauen, sehr klaren Augen zeigte sich zum ersten Mal, seit Mogens zu ihm in den Wagen gestiegen war, eine Spur von Unsicherheit, während er Mogens rasch und sehr aufmerksam musterte. »Ich kann natürlich auch …«

»Nein, nein, schon gut«, fiel ihm Mogens ins Wort. »Nehmen Sie ruhig den Weg, den Sie sich zutrauen. Ich gehe davon aus, dass Sie wissen, was Sie tun, Mister …?«

»Tom«, antwortete der Junge. »Sagen Sie einfach Tom zu mir. Und Sie können mich ruhig duzen. Eigentlich heiß ich Thomas, aber keiner nennt mich so. Auch nicht Doktor Graves.«

»Kennst du den Doktor schon länger, Tom?«

Tom schüttelte den Kopf. »Ich bin hier aufgewachsen.«

Mittlerweile hatte er den Wagen nahezu auf Schritttempo abgebremst und verlangsamte noch weiter, bis sie nahezu zum Stehen gekommen waren. Ein Knirschen erscholl, als Tom den Ganghebel nach vorne schob. Es kostete ihn sichtbare Mühe, dann vollführten seine Füße wieder jene kompliziert trampelnde Abfolge von Bewegungen, und der Ford bog in rechtem Winkel von der asphaltierten Hauptstraße ab. Noch bevor seine Hinterräder den festen Untergrund gänzlich verließen, senkte sich das rechte Vorderrad mit solcher Wucht in ein Schlagloch, dass sich nicht nur der gesamte Wagen wie ein waidwund geschossenes Tier schüttelte, sondern auch Mogens’ Zähne mit solcher Gewalt aufeinander schlugen, dass er nur mit Mühe einen Schmerzlaut unterdrückte. Instinktiv sah er nach vorne, halbwegs darauf gefasst, das abgebrochene Vorderrad noch ein Stück davonrasen zu sehen, ehe es sich schwankend neigte und dann wie ein auslaufender Brummkreisel auf die Seite fiel. Stattdessen jedoch mühte sich der Ford schnaufend aus dem Graben heraus und wurde wieder schneller.

»’tschuldigung«, sagte Tom hastig, als Mogens den Kopf drehte und ihn ansah. Er zuckte verlegen mit den Schultern und versuchte ein um Verzeihung heischendes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern, erreichte damit aber nichts anderes, als noch jünger und damit endgültig wie ein Kind auszusehen, das sich den Wagen seines Vaters zu einer verbotenen Spritztour ausgeliehen hatte. »Ich vergess dieses verdammte Kaninchenloch immer wieder!«

Mogens fuhr sich mit der Zungenspitze über die Zähne und erwartete den Geschmack von Blut, aber er wurde zu seiner Erleichterung enttäuscht. Sein Unterkiefer summte zwar, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen, aber er schien sich nicht wirklich verletzt zu haben.

»So schlimm ist nur das erste Stück«, versicherte Tom hastig. Als er keine Antwort bekam – anscheinend legte er Mogens’ beharrliches Schweigen als Vorwurf aus, und das nicht ganz zu Unrecht –, fügte er hastig hinzu: »Wenn wir an den Felsen vorbei sind, wird’s besser.«

Diesmal folgte Mogens’ Blick seiner Geste nicht. Stattdessen nutzte er die Gelegenheit, seinen jugendlichen Chauffeur zum ersten Mal seit ihrer Abfahrt aus San Francisco wirklich genau in Augenschein zu nehmen. Mogens’ schlechtes Gewissen regte sich, und er gestand sich ein, dass er Tom bisher gar nicht wirklich als Person zur Kenntnis genommen hatte, vielmehr hatte er ihn wie dem Ford zugehörig betrachtet; gleichsam eine lebende Verlängerung der mechanischen Kutsche, die Graves geschickt hatte, um ihn abzuholen. Er tat Tom in Gedanken Abbitte und führte sich vor Augen, wie jung er tatsächlich noch war. Das gewaltige Lenkrad und die schweren Pedale, die herunterzutreten seine ganze Kraft zu erfordern schien, ließen ihn wirklich ein bisschen wie ein Kind aussehen, aber vermutlich war er letzten Endes auch nicht sehr viel mehr. Er war schmächtig und machte einen irgendwie zerbrechlichen Eindruck. Mogens schätzte ihn auf vielleicht siebzehn Jahre. Das schulterlange, leicht gelockte Haar gab ihm zusätzlich etwas Feminin-Verletzliches, das Mogens’ schlechtes Gewissen sich noch stärker rühren ließ, als er an die beiden Koffer dachte, die Tom klaglos vom Bahnsteig getragen und im Kofferraum des Ford verstaut hatte. Sie enthielten seinen gesamten weltlichen Besitz, aber da dieser zum Großteil aus Büchern bestand, waren sie sehr schwer.

»Wie alt bist du, Tom?«, fragte er geradeheraus.

Mogens bemerkte, dass die Frage seinen Chauffeur in Verlegenheit brachte. Er antwortete nicht sofort, sondern gewann etliche Sekunden damit, scheinbar konzentriert auf die ausgefahrene Spur zu starren, die sich vor ihnen zwischen Gestrüpp, Felsen und braun vertrocknetem Gras entlangschlängelte. Mogens selbst vermied es tunlichst, in dieselbe Richtung zu blicken. Es war ihm ein Rätsel, wie der Junge sich hier orientierte. Was ihn anging, so gab es diesen Weg gar nicht.

»Siebzehn«, sagte Tom schließlich. Nach einer guten Sekunde und einem unbehaglichen Einatmen fügte er hinzu: »Ungefähr.«

»Ungefähr?«

»Ich weiß nicht genau, wann ich geboren bin«, gestand Tom. »Meine Eltern haben mich – glaube ich – in einem Korb auf die Kirchentreppe gelegt, als ich vielleicht ’n Jahr alt war. Barmherzige Leute haben mich aufgenommen und mein Alter geschätzt.« Er machte ein verlegenes Gesicht, als wäre es seine persönliche Schuld, dass seine Eltern sich nicht um ihn hatten kümmern können oder wollen, und fügte noch hinzu: »So was passiert hier öfter. Sheriff Wilson hat ’n paar Nachforschungen angestellt, aber ohne Erfolg.«

Im allerersten Moment kam Mogens dies sonderbar vor. Aber dann führte er sich vor Augen, wo er sich befand. Die relative Nähe San Franciscos mit seinen wimmelnden Menschenmassen und den aufstrebenden Industrien und Handelszentren täuschte nur zu leicht darüber hinweg, dass dieser Teil des Landes zu Recht den Beinamen »Wilder Westen« gehabt hatte. Eisenbahnverbindungen, Automobile und Dampfmaschinen allein machten aus den Einwohnern hier nicht ganz automatisch auch zivilisierte Menschen. Zumindest nicht aus allen.

»Und jetzt arbeitest du für Graves«, stellte er fest.

»Schon länger«, antwortete Tom, ganz offensichtlich froh, das Thema wechseln zu können. Er schaltete wieder in einen anderen Gang, und das Getriebe unter ihren Füßen gab einen Laut von sich, als versuche es, das dünne Blech zu durchschlagen, um seine malträtierten Zahnräder in ihre Waden zu bohren. Tom lachte. »Ich bin so ’ne Art Mädchen für alles. Ich hack Holz, mach Erledigungen und Botengänge … Was eben so anfällt.«

»Und dann und wann holst du Besucher vom Bahnhof ab, die nichts Besseres zu tun haben, als dich zu beleidigen«, sagte Mogens.

Er las in Toms Gesicht, dass er schon wieder einen Fehler gemacht hatte. Offensichtlich hatte der Junge die in diesen Worten verborgene Entschuldigung nicht verstanden. Er sah ihn einen Moment lang irritiert an, konzentrierte sich für einen etwas – nicht viel – längeren Moment wieder auf den Weg und sagte dann mit einem Schulterzucken: »Nicht sehr oft. Wir bekommen nur selten Besuch, und Doktor Graves lässt alles, was wir brauchen, von einer Spedition anliefern.«

»Und was wäre das?«

»Nicht sehr viel«, antwortete Tom mit einem neuerlichen Schulterzucken. »Lebensmittel, dann und wann ein paar Werkzeuge …« Er hob erneut die Schultern. »Letzte Woche sind ’n paar große Kisten gekommen, aber sie waren leicht. Ich glaub, sie waren leer.«

»Leere Kisten?«

»Es waren sehr seltsame Kisten«, bestätigte Tom. »Fast wie Särge, nur viel größer. Doktor Graves hat das Entladen persönlich überwacht und dafür gesorgt, dass sie nach unten gebracht wurden.«

Mogens wurde hellhörig. »Nach unten?«

»Ins Allerheiligste des Doktors.«

»Er hat dich mit dorthin genommen? Dann weißt du also, worum es sich bei Graves’ Fund handelt?«

Tom druckste einen Moment herum. Er wich Mogens’ Blick nun sichtbar aus, und es war nicht mehr zu übersehen, wie unbehaglich er sich fühlte, während Mogens mit stummer Beharrlichkeit darauf wartete, dass er seine Frage beantwortete.

»Nein«, sagte er schließlich. »Sie haben da irgendwas gefunden, in einer Höhle, tief unter der Erde. Das ist alles, was ich weiß. Außer dem Doktor dürfen nur seine engsten Mitarbeiter die Grabungsstelle betreten.«

»Aber du hast doch sicher schon einmal einen Blick riskiert?«, bohrte Mogens in leise angedeutetem Verschwörerton nach.

Tom wand sich jetzt immer deutlicher in seinem Sitz, aber Mogens war auch klar, dass er diesmal den richtigen Ton angeschlagen hatte. Junge Menschen waren so leicht zu manipulieren.

»Ich konnte nicht viel erkennen«, gestand Tom. »Einmal hat der Doktor vergessen abzuschließen, und ich hab tatsächlich ’nen Blick riskiert. Da waren Statuen.«

»Statuen?«

»Große Figuren, die aus dem Fels gemeißelt waren«, bestätigte Tom. »Und Schriftzeichen. Vielleicht auch Bilder.« Er schauderte, als hätte ihn ein plötzlicher, kalter Windzug getroffen, obwohl es im Wagen eher zu warm als zu kalt war, und seine Finger schlossen sich fester um das Lenkrad. »Wie gesagt: Es war nicht viel zu sehen, und ich konnte auch nicht lange bleiben. Doktor Graves ist sehr eigen, was seine Forschungen angeht. Wir dürfen nicht darüber reden. Keiner, der im Lager arbeitet, und auch keiner der anderen Forscher.«

Zumindest Letzteres kam Mogens sehr unwahrscheinlich vor. Auch wenn er die letzten Jahre seines Lebens in freiwilliger Verbannung verbracht hatte, so war die Zeit seines Aufenthalts unter Forscherkollegen doch noch nicht so lange her, dass er alles vergessen hatte. Wissenschaftler liebten es, sich mit ihren Entdeckungen und Fortschritten zu brüsten und jedem, der etwas darüber hören wollte, davon zu erzählen – oft genug auch jedem, der es nicht wollte.

Dennoch nickte Tom heftig, als er seinen zweifelnden Blick bemerkte, und fügte hinzu: »Der Doktor hat es strengstens verboten, und alle halten sich dran. Ich kann Ihnen nicht sagen, worum es sich bei der Arbeit handelt, nur, dass sie irgendwas gefunden haben und wohl dabei sind, es auszugraben.« Er streifte Mogens’ Gesicht mit einem nervösen Blick. »Sie werden doch nicht …«

»Keine Sorge«, beruhigte ihn Mogens. »Ich verrate dich nicht.«

Tom machte ein erleichtertes Gesicht. »Danke. Es ist nur … ich glaube, der Doktor wollte sich nicht den Spaß nehmen lassen, Ihnen seinen Fund persönlich zu zeigen. Er ist sehr stolz darauf.«

Es fiel Mogens schwer, das Wort »Spaß« mit der Erinnerung an Jonathan Graves in Einklang zu bringen. Aber er verbiss sich jede entsprechende Bemerkung. Er hatte sich mittlerweile ein hinlängliches Bild über Tom gemacht, um sicher zu sein, dass es ihn nur wenige Sätze kosten würde, ihn zum Weiterreden zu bringen. Aber nun, da er seinen jugendlichen Fahrer nicht mehr als bloßes Requisit auf dieser letzten Etappe seiner Reise betrachtete, sondern als Person, mochte er ihn nicht mehr in eine so unbehagliche Situation bringen. Zumal es um Graves ging. Sollten ihm oder Tom auch nur eine entsprechende Bemerkung entschlüpfen, würde der Junge garantiert darunter leiden müssen.

»Arbeitet es sich gut mit Doktor Graves?«, fragte er.

Tom bugsierte den Ford mit einem heftigen Kurbeln am Lenkrad um einen schubkarrengroßen Felsbrocken herum, der mitten auf der Fahrspur lag, bevor er antwortete. Mogens hatte nicht auf die Strecke geachtet, aber er wäre trotzdem jede Wette eingegangen, dass er vor einem Augenblick noch nicht da gewesen war. »Das kann ich so nicht sagen«, sagte Tom schließlich.

»Wie das?«, wunderte sich Mogens. »Wo du doch schon länger mit ihm arbeitest?«

»Niemand arbeitet mit dem Doktor«, antwortete Tom. »Jedenfalls nicht direkt. Er ist fast immer allein in seinem Allerheiligsten und die übrige Zeit in seiner Blockhütte, die niemand betreten darf.« Er beantwortete Mogens’ nächste Frage, noch bevor er sie überhaupt stellen konnte. »Ich war einmal dort. Es ist alles voller Bücher und … seltsamer Dinge. Ich weiß nicht, was sie bedeuten.«

Im allerersten Moment ließen seine Worte – und viel mehr noch die Art, auf die er sie aussprach – Mogens einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen, aber dann breitete sich ein amüsiertes Lächeln auf seinen Lippen aus. Die Vertrautheit, die das kurze Gespräch zwischen ihnen geschaffen hatte, durfte ihn nicht vergessen lassen, mit wem er eigentlich redete – nämlich mit einem Jungen vom Lande, dem vermutlich alles unheimlich vorkam, was irgendwie mit Wissenschaft zu tun hatte. Mogens beschloss endgültig, sich in Geduld zu fassen.

Auch wenn Tom sich gehütet hatte, auch nur eine entsprechende Bemerkung zu machen, so reichte Mogens’ Menschenkenntnis doch allemal, um zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn er nur ein wenig Geschick und Umsicht walten ließ, so hatte er einen – zumindest hypothetischen – Verbündeten gewonnen, noch bevor er Graves auch nur wiedersah.

Auf solche Art einigermaßen versöhnt mit dem bisherigen Verlauf seiner Reise, lehnte sich Mogens im Sitz zurück und versuchte, den Rest ihrer Fahrt zu genießen, soweit die unwegsame Strecke dies zuließ. Tom hatte jedoch die Wahrheit gesagt: Die Fahrt dauerte nicht mehr allzu lange. Es begann allmählich zu dämmern, und die dichter werdenden Schatten und das Licht, das sich allmählich ins Rötliche verschob, ließen ihre Umgebung noch unwirklicher und auf schwer beschreibbare Weise bedrohlicher erscheinen. Die Straße, die gewiss nicht für Automobile gebaut war, sondern allenfalls für Ochsenkarren oder die im Klettern geübten Hufe von Bergziegen, schlängelte sich in immer steilerem Winkel den Hügel hinauf, und obwohl Tom den Weg tatsächlich wie seine Westentasche zu kennen schien, musste er ein oder zwei Mal anhalten und ein Stück zurücksetzen, um eine besonders scharfe Kehre zu nehmen.

Endlich aber hatten sie es geschafft; der Ford quälte sich auf einen schmalen Grat hinauf, rollte noch ein paar Fuß und blieb dann stehen, als Tom auf die Bremse trat und gleichzeitig den Hebel des Schaltgetriebes nach vorne schob. Der Professor setzte zu einer entsprechenden Frage an, aber dann folgte sein Blick dem Toms und ihm wurde klar, warum sein Chauffeur angehalten hatte. Der Weg folgte ein gutes Stück weit dem Grat, schlängelte sich dann auf der anderen Seite in womöglich noch steilerem Winkel den Berg hinab, sodass Mogens es nicht einmal wagte, sich vorzustellen, wie der Rest ihrer Fahrt aussehen mochte. Dahinter aber, weniger als eine Meile entfernt und in einem unregelmäßigen Drittelkreis an die Flanke des Berges geschmiegt, den sie gerade erklommen hatten, lag eine kleine Stadt, wie sie typisch für diesen Teil des Landes war. Mogens war zwar noch nie hier gewesen, hatte sich aber selbstverständlich in den letzten Tagen so weit informiert, wie es in einer Stadt wie Thompson mit ihren begrenzten Möglichkeiten ging. Der Ort schien nur aus einer einzigen Straße zu bestehen, die der unregelmäßigen Krümmung der Bergflanke folgte und von unten betrachtet vermutlich schnurgerade wie mit einem Lineal gezogen aussehen musste. Die Gebäude waren klein, zum allergrößten Teil nur eingeschossig; nur zur Ortsmitte hin erhoben sich einige wenige größere Häuser, deren aufgesetzte Fassaden jene täuschen mochten, die sie nur im Vorbeifahren eines flüchtigen Blickes würdigten, von der Höhe des Kammes aus betrachtet die Schäbigkeit der dahinter liegenden Gebäude aber eher noch unterstrichen. Zu seinem Erstaunen entdeckte Mogens sogar ein Bahnhofsgebäude samt dem obligatorischen Wasserturm. Aber keinerlei Schienen. Auf eine entsprechende Frage hin hob Tom die Schultern und zwang ein schiefes Grinsen auf sein Gesicht.

»Die Bahnlinie nach San Francisco ist nur ein paar Meilen entfernt – gleich auf der anderen Seite«, sagte er. »Vielleicht hat der Bürgermeister damals geglaubt, der Anschluss käm von selber, sobald der Bahnhof da ist.«

»Aber er kam nicht.«

»Nein«, bestätigte Tom kopfschüttelnd. »Aber das war vor meiner Geburt. Damals gab es viele Eisenbahnarbeiter hier. Etliche sind geblieben, aber die meisten sind weggegangen, nachdem klar war, dass es keinen Bahnhof geben würde.«

Toms Erklärung klang beiläufig, und das war sie wohl auch; etwas, von dem er gehört hatte und das sich zugetragen hatte, lange bevor er überhaupt auf die Welt gekommen war, und ihn somit nicht berührte. Mogens jedoch empfand für einen flüchtigen Moment ein sonderbares Gefühl der Trauer, während er auf den kleinen Ort hinabsah, der selbst aus der Entfernung trostlos wirkte. Er kannte die Menschen dort unten nicht und hatte weder Anteil an ihrem Schicksal noch die Möglichkeit, irgendetwas für sie zu tun, und dennoch berührte es ihn tiefer, als er es sich im ersten Moment erklären konnte. Dieser Ort war gestorben, noch bevor er jemals richtig gelebt hatte, nur weil irgendjemand mit einem willkürlichen Federstrich entschieden hatte, dass das kleine Bahnhofsgebäude niemals seiner Bestimmung übergeben werden sollte. Dabei lag eine der größten Städte des Landes praktisch zum Greifen nahe. Wie dicht doch pulsierendes Leben und allmähliches Dahinsiechen manchmal beieinander lagen.

Er verscheuchte den Gedanken und gab Tom mit einer Geste zu verstehen, dass er weiterfahren solle. Als sie den Grat erreichten, hatten sie die Dämmerung wieder ein Stück weit hinter sich gelassen, aber sie kroch unerbittlich hinter ihnen her und würde sie vermutlich eingeholt haben, bevor sie die Stadt erreichten. Mogens hätte sich die Grabungsstätte, von der Tom gesprochen hatte, gerne noch bei Tageslicht angesehen, sagte sich aber selbst, dass sie es vermutlich nicht mehr schaffen würden.

Tom schob den Ganghebel knirschend vor, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Kurz bevor sie den Berggrat verließen, drehte Mogens noch einmal den Kopf und sah nach Westen zurück. Das Meer war fast vollkommen verschwunden. Selbst von hier oben aus sah er nur noch einen kaum fingerbreiten, grell kupferfarbenen Streifen vor dem bereits dunkler werdenden Horizont. Aber er verspürte ein sonderbares Gefühl der Erleichterung, das er sich im ersten Moment selbst nicht erklären konnte. Obwohl der rationale Teil seines Denkens sich noch immer weigerte, diesen unheimlichen Gefühlen irgendeine Bedeutung zuzumessen, spukten in seinem Kopf weiter Bilder von bizarren Kreaturen, die tief am Meeresgrund lebten und aus gierigen Augen in die endlose Schwärze über sich starrten, die ihre Welt seit Anbeginn der Zeiten einhüllte.

Es musste an Graves liegen, entschied er. Während der letzten vier Tage war nicht eine Stunde vergangen, in der er nicht mindestens einmal über ihr bizarres Wiedersehen in Thompson nachgedacht hatte. Mittlerweile hatte er etliches von dem revidiert, was er über Graves und die unheimliche Veränderung, die mit ihm vonstatten gegangen war, gedacht hatte. Sicherlich war Jonathan Graves niemals ein angenehmer Mensch gewesen, nicht einmal damals, während jener Zeit, als Mogens noch glaubte, in ihm, wenn schon keinen Freund, so doch zumindest einen Kommilitonen zu haben, der sich an die Regeln studentischer Kameradschaft hielt. Aber ihm seine Menschlichkeit abzusprechen war des Guten nun doch etwas zu viel.

Seine Nerven hatten ihm einen Streich gespielt, und das war nach allem Vorgefallenen auch nicht weiter verwunderlich. Mogens gab sich selbst für diesen allerersten Moment intellektueller Verwirrung Dispens, rief sich zugleich aber in Gedanken zur Ordnung. Er würde Graves nicht gestatten, Macht über seine Gefühle und damit letzten Endes über sein Denken zu erlangen.

Was nichts daran änderte, dass er hörbar erleichtert aufatmete, als der Wagen die Böschung hinabzurumpeln begann und der Ozean damit außer Sicht geriet.

Tom, der den Laut gehört hatte, deutete ihn falsch und sagte: »Das Schlimmste ist gleich vorbei, keine Angst.«

Mogens schluckte die Antwort herunter, die ihm auf der Zunge lag. Mochte Tom ruhig glauben, dass ihm die Fahrt durch das unwegsame Gelände zu schaffen machte; vielleicht trug dies ja dazu bei, die Distanz zwischen ihnen etwas kleiner werden zu lassen. Mogens war durchaus realistisch genug, sich von Toms lockerer Art nicht täuschen zu lassen; hinter seiner bewusst zur Schau gestellten Selbstsicherheit verbarg sich das genaue Gegenteil. Mogens waren die Zwischentöne in seiner Stimme nicht entgangen. Hinter dem Respekt, mit dem er über Graves sprach, verbarg sich ein Gutteil Furcht und hinter der scheinbaren Lockerheit, die er ihm gegenüber an den Tag legte, nichts anderes als Respekt. Mogens war unzähligen Toms begegnet, in seinen Jahren an der Universität von Thompson. Junge Leute, die sich alle Mühe gaben, selbstsicher, ja, zuweilen nassforsch aufzutreten, innerlich aber vor Furcht zitterten, wenn sie auch nur den Schatten eines Professors sahen. Zweifellos hatte Tom die Gelegenheit begrüßt, der Monotonie seiner täglichen Arbeit für ein paar Stunden zu entfliehen und mit dem Wagen in die Stadt zu fahren, aber ebenso zweifellos hatte er dem Zusammentreffen mit einem leibhaftigen Professor mit klopfendem Herzen entgegengeblickt. Viel mehr noch als die angehenden Studenten, die Jahr für Jahr in ewig gleichen Anzügen, mit denselben, ewig gleichen abgewetzten Koffern, denselben ewig gleichen Scherzen – und immer der gleichen, nur unzulänglich verhohlenen Furcht in den Augen – vor ihm erschienen, musste Mogens’ bloße Anwesenheit ihm schon fast körperliches Unbehagen bereiten. Für seine angehenden Studenten war er zweifellos eine Respektsperson – auch wenn nur zu viele von ihnen sich Mühe gaben, ihn dies nicht spüren zu lassen –, dennoch aber jemand, dessen Status sie eines Tages erlangen konnten – zumindest einige von ihnen. Einem einfachen Jungen vom Lande hingegen, der nicht einmal sein genaues Alter kannte und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch des Lesens und Schreibens nicht mächtig war, musste er wie ein Bote aus einer Welt erscheinen, die unendlich weit von der seinen entfernt war und die er niemals erreichen konnte. Mogens fragte sich, wie viel Kraft es Tom gekostet haben musste, während der ganzen Fahrt so ruhig zu bleiben und nicht buchstäblich vor Furcht mit den Zähnen zu klappern. Hinsichtlich seiner Überzeugung, in Graves’ Nähe jeden potenziellen Verbündeten bitter nötig zu haben, tat er vielleicht gut daran, Toms Vertrauen zu erringen.

»Du fährst ausgezeichnet, Tom«, versicherte er. »Ich fürchte, ich muss gestehen, dass ich selbst diese grässliche Straße nicht annähend so souverän bewältigt hätte, wenn überhaupt.«

Tom sah ihn zweifelnd an. »Sie wollen mir schmeicheln, Professor.«

»Keineswegs.« Mogens schüttelte bekräftigend den Kopf. »Ich war nie ein sonderlich guter Autofahrer, fürchte ich. Ich komme aus einer kleinen Stadt. Es lohnt sich nicht, dort ein Automobil zu besitzen. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich es noch kann.«

»Was?«, fragte Tom.

»Auto fahren«, antwortete Mogens.

»Das ist jetzt ein Scherz«, sagte Tom. »So etwas verlernt man doch nicht.«

Tatsache war, dass Mogens es niemals gelernt hatte, aber so weit, dies Tom gegenüber zuzugeben, wollte er nun doch nicht gehen. »Vermutlich nicht«, sagte er deshalb. »Dennoch fehlt mir eindeutig die Übung.«

»Verstehe«, sagte Tom. »Sie haben sicher Wichtigeres zu tun.«

»Auch das«, seufzte Mogens. Er bedauerte es schon, überhaupt mit dem Thema angefangen zu haben. Dennoch erschien ihm alles besser, als sich weiter mit jenen unheimlichen Gedanken und Empfindungen auseinander zu setzen, die der Anblick des Ozeans in ihm wachriefen. Schon um Tom keine Gelegenheit zu einer weiteren diesbezüglichen Frage zu geben, drehte er sich demonstrativ wieder ganz in seinem Sitz nach vorne und ließ seinen Blick über den kleinen Ort schweifen, der bisher um keinen Deut näher gekommen zu sein schien, obgleich sicherlich eine Minute vergangen sein musste, seit Tom losgefahren war. Er wirkte auch um keinen Deut weniger trostlos. Mogens gestand sich ein, dass er bisher nicht einen einzigen Gedanken an sein neues Zuhause verschwendet hatte; allein schon deshalb, weil er felsenfest davon überzeugt gewesen war, dass einfach jeder Ort auf der Welt besser sein musste als Thompson. Aber mittlerweile war er nicht mehr ganz so überzeugt davon, tatsächlich einen guten Tausch gemacht zu haben. Wenn es einen Ort auf der Welt gab, der es an Trostlosigkeit mit Thompson aufnehmen konnte, dann war es dieser hier.

Mogens verscheuchte auch diesen Gedanken. Er wusste nichts über diese Stadt; nicht einmal ihren Namen. Auf den wortwörtlich allerersten Blick ein – noch dazu so harsches – Urteil über sie zu fällen, hieß ihr bitter Unrecht zu tun. Und Mogens hatte in seinem Leben zu viel Unrecht am eigenen Leib erfahren, um nun ins gleiche Horn zu stoßen; nicht einmal einem abstrakten Gebilde wie einer Stadt gegenüber.

Dann gewahrte er etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte: Ein gutes Stück die Straße entlang, bestimmt fünf, sechs Meilen jenseits der Stadtgrenze – so es denn eine solche gab –, sah er eine Ansammlung kleiner, symmetrischer weißer Flecke; vermutlich Zelte.

»Ist das das Lager?«, fragte er.

Tom schüttelte den Kopf. Mogens’ Frage schien ihn aus irgendeinem Grund zu amüsieren. »Nein. Das sind die anderen. Die Maulwürfe – jedenfalls nennt Doktor Graves sie so.«

»Maulwürfe?«

»Geologen.« Tom deutete mit einer Kopfbewegung auf die Ansammlung kleiner, rechteckiger Schneeflocken am Horizont, nahm zu Mogens’ Erleichterung aber diesmal wenigstens nicht die Hand vom Steuer. »Sie sind schon seit über einem Jahr hier. Ich weiß nicht genau, was sie dort tun, aber ich hab den Doktor einmal sagen hören, dass hier zwei Kontinentalplatten aneinander stoßen.« Er runzelte einen Moment lang nachdenklich die Stirn. »Die San-Andreas-Verwerfung, glaube ich.«

»Das … stimmt«, murmelte Mogens überrascht. Seine Verblüffung galt jedoch weniger dem Gehörten an sich, als vielmehr dem Umstand, diese Worte aus Toms Mund zu hören. Vielleicht hatte er seinen knabenhaften Chauffeur ja ebenso vorschnell und falsch eingeschätzt wie sein zukünftiges Zuhause.

»Und was tun sie dort?«, fragte er.

Diesmal bestand Toms Antwort nur aus einem Schulterzucken. »Ich weiß es nicht«, gestand er. »Wir haben nichts mit denen zu schaffen. Einmal war einer von ihnen in unserem Lager, um mit dem Doktor zu sprechen, aber er ist nicht lange geblieben. Ich weiß nicht, worum es ging, aber Doktor Graves war hinterher sehr verärgert.«

»Du magst Doktor Graves nicht besonders, wie?«, fragte Mogens geradeheraus.

Tom sah ihn nicht an. »Ich kenne ihn zu wenig, um mir ein Urteil zu erlauben.«

Für einen Moment begann sich unbehagliches Schweigen zwischen ihnen auszubreiten. Dann räusperte sich Mogens und sagte: »Entschuldige, Tom. Ich wollte dich nicht in eine peinliche Situation bringen.«

Tom lächelte nervös. »Das haben Sie nicht. Doktor Graves hat mir gesagt, dass Sie diese Frage stellen werden. Es macht mir nichts aus.«

Vielleicht, überlegte Mogens, war es an der Zeit, endgültig das Thema zu wechseln. »Wie viele Mitarbeiter hat Doktor Graves?«, fragte er. »Außer dir.«

»Drei«, antwortete Tom. Als er Mogens’ erstaunten Blick registrierte, fügte er mit einem bekräftigenden Nicken hinzu: »Manchmal heuern wir ’n paar Hilfskräfte aus der Stadt an. Aber nur, wenn’s gar nicht anders geht. Doktor Graves will keine Fremden im Lager.«

Vermutlich war es eher andersherum, dachte Mogens – er konnte sich nicht vorstellen, dass es allzu viele Fremde gab, die es lange mit Graves aushielten. Er schwieg dazu.

Der Ford rumpelte weiter durch Kaninchenlöcher und über Steine, und auf dem restlichen Stück Weg bis zur Hauptstraße hinab wurden sie derart durchgeschüttelt, dass Mogens nicht nur die Lust auf jede weitere Frage verging, sondern er sie vermutlich auch gar nicht herausbekommen hätte. Endlich aber hupfte der Wagen mit einem letzten, magenumdrehenden Ruck wieder auf die asphaltierte Hauptstraße, und Mogens atmete hörbar erleichtert auf.

»Das war’s«, sagte Tom in Mogens’ Meinung nach vollkommen unangemessen fröhlichem Ton. »Jetzt sind’s nur noch ein paar Meilen.«

»Sagtest du nicht vorhin, es wäre nur noch eine Meile?«, brummte Mogens.

»Bis zur Stadtgrenze«, antwortete Tom. »Aber wir haben bestimmt ’ne halbe Stunde gespart. Die Straße macht ’nen ziemlichen Bogen um den Berg rum. Wir sind gleich da.«

Trotz Toms unerschütterlich fröhlichem Ton und seines womöglich noch breiter gewordenen Lausbubengrinsens spürte Mogens, wie sich die Stimmung im Wagen zusehends verschlechterte. Er hatte Tom falsch eingeschätzt, aber er schien es mit jedem Versuch, seinen Fehler wieder gutzumachen, nur noch zu verschlimmern. Vielleicht wäre er gut beraten, für den Rest des Weges einfach die Klappe zu halten.

Um nicht unabsichtlich bei seinem bisher einzigen potenziellen Verbündeten noch mehr Boden zu verlieren, drehte er sich demonstrativ im Sitz zur Seite und betrachtete aufmerksam die Umgebung. Der Ort hielt auch aus der Nähe, was er von weitem versprochen hatte: Die Häuser waren einfach – um nicht zu sagen: schäbig – und wirkten auf Mogens auf sonderbare Weise … ängstlich. Das Wort kam ihm selbst absurd vor in diesem Zusammenhang, aber ihm fiel auch keine treffendere Vokabel ein. Wenn er jemals eine Ansammlung von Gebäuden gesehen hatte, die sich wie eine Herde verängstigter Tiere aneinander drängte, dann diese. Angesichts der Weite der sie umgebenden Landschaft erschien ihm die drückende Enge, in der sich die einfachen Holz- und Ziegelsteinbauten ballten, doppelt bedrohlich. Ein kalter Schauer rann ihm über den Rücken. Wäre der Gedanke nicht so vollkommen absurd gewesen, er hätte gesagt, dass diese Stadt sich vor irgendetwas fürchtete.

Mogens atmete insgeheim auf, als sie die Stadt schließlich hinter sich hatten. Das allerletzte Gebäude auf der rechten Seite war ein altmodischer Mietstall, was Mogens einigermaßen ungewöhnlich vorkam; soweit er wusste, befanden sich solcherlei Gebäude normalerweise eher im Stadtzentrum. Als sie es passierten, hatte Mogens das unheimliche Gefühl, von einem eisigen Hauch gestreift zu werden; aber das war natürlich vollkommen unmöglich – zumal die Fenster des Ford geschlossen waren. Er versuchte den Gedanken als so lächerlich abzutun, wie er war, aber es gelang ihm nicht. Während das gedrungene Gebäude aus vom Alter grau gewordenem Holz allmählich hinter ihnen zurückfiel, drehte er sich halb im Sitz herum und sah zurück, und wieder verspürte er ein rasches, eisiges Frösteln. Der Gedanke war fast noch grotesker als der zuvor, aber er hatte für einen Moment das grässliche Gefühl, auch seinerseits angestarrt zu werden – auf eine boshafte, lauernde Art, die die dräuende Furcht in ihm noch zu schüren schien.

»Sie haben die Geschichte gehört?«, fragte Tom.

»Nein«, antwortete Mogens. »Welche Geschichte?«

Tom hob die Schultern und sah flüchtig in den Rückspiegel, bevor er antwortete; fast als müsse er sich davon überzeugen, dass ihnen nichts folgte. »Ich dachte, weil Sie den Stable so angesehen haben …« Er hob die Schultern. »’ne hässliche Sache. Sie hat sogar in Frisco in der Zeitung gestanden. Es hat ’n paar Tote gegeben – aber ich weiß nicht genau, was passiert ist«, kam er Mogens’ nächster Frage zuvor, noch ehe dieser sie überhaupt stellen konnte. »Die Leute sprechen nicht drüber.«

Mogens schwieg auch dazu, aber er dachte sich seinen Teil. Natürlich wusste Tom, welche Art von Verbrechen sich in diesem Gebäude zugetragen hatte; so wie jeder hier. Mogens hatte lange genug in einer Kleinstadt gelebt, um zu wissen, dass es in einem Ort dieser Größe keine Geheimnisse gab. Tom gehörte ganz zweifellos selbst zu den Leuten, die nicht darüber sprachen – was immer es auch war …

»Da vorne ist der Friedhof«, sagte Tom plötzlich. »Das Lager ist auf der anderen Seite. Nur noch ’n kleines Stück, dann sind wir da.«

»Am Friedhof?«, wunderte sich Mogens.

Tom nickte heftig. »Nur ’n kurzes Stück dahinter«, bestätigte er. »Sehen Sie sich nur um. Ich wette, einen solchen Friedhof haben Sie noch nie gesehen.« Er blickte weiter scheinbar konzentriert nach vorne, aber Mogens entging keineswegs, dass er ihn aus den Augenwinkeln insgeheim scharf beobachtete. Anscheinend hatte er Mogens mit seinen Worten nicht nur eine Information gegeben, sondern ein Stichwort, und nun wartete er auf eine entsprechende Reaktion.

Mogens sah nach rechts, wo in der immer rascher fallenden Dämmerung eine halbhohe, zum Großteil von Unkraut und wucherndem Gestrüpp überwachsene Bruchsteinmauer aufgetaucht war. Ihm fiel rein gar nichts Ungewöhnliches auf, außer vielleicht, dass der Friedhof für eine so kleine Stadt entschieden zu groß zu sein schien. Aber schließlich tat er Tom den Gefallen und fragte: »Wieso?«

Tom lachte. »Der Doktor sagt, es wär der einzige Friedhof auf der Welt, der auf zwei Kontinenten liegt.« Er machte eine Kopfbewegung auf die Mauer, die jetzt links von ihnen vorbeiglitt. Mogens korrigierte seine Schätzung, die Größe des Friedhofes betreffend, noch einmal ein gutes Stück nach oben. »Die San-Andreas-Spalte verläuft genau drunter. Ich hab mal gehört, wie sich zwei Geologen aus dem Lager drüber unterhalten haben.«

Und das, dachte Mogens, obwohl sie doch mit den Geologen aus dem benachbarten Zeltlager nichts zu tun hatten. Außerdem fiel ihm erneut auf, wie glatt Tom dieses komplizierte Wort von den Lippen ging, über das so mancher seiner Studenten in Thompson gestolpert wäre. Er schwieg auch dazu, nahm sich aber fest vor, sich in den nächsten Tagen etwas eingehender über Tom zu erkundigen.

Der Weg wurde schlechter, kaum dass sie die Friedhofsmauer hinter sich gelassen hatten, und verwandelte sich nach einer weiteren halben Meile endgültig in einen besseren Trampelpfad, der Mogens fast schlimmer vorkam als der steinige Weg, den sie über den Berg genommen hatten. Mogens warf Tom einen schrägen Blick zu, den dieser aber geflissentlich ignorierte.

Schließlich verschwand die Straße ganz. Vor ihnen lag nur noch eine Mauer scheinbar undurchdringlichen Gestrüpps, auf die Tom aber unbeirrt zuhielt, ohne auch nur das Tempo zu drosseln.

»Ähm … Tom«, begann Mogens.

Tom lächelte, reagierte aber ansonsten nicht, und er nahm auch das Tempo nicht zurück. Der Ford schoss auf das Gebüsch zu, und Mogens klammerte sich instinktiv an seinem Sitz fest und wartete auf das Geräusch von splitterndem Holz oder auch zerbrechendem Glas.

Stattdessen fegte der wuchtige Kühlergrill des Ford nur ein paar dünne Äste zur Seite, und vor ihnen lag eine lang gestreckte, asymmetrische Freifläche, auf der sich eine Hand voll kleiner Blockhütten um einen zentralen Platz drängte, in dessen Zentrum sich ein niedriges weißes Zelt erhob. Ein kleines Stück abseits stapelten sich Balken, gehobelte Bretter und andere Baumaterialien, und jenseits der Blockhütten entdeckte Mogens gleich drei weitere Automobile; darunter auch einen Lastwagen mit einer offenen Pritsche, auf der sich etliche längliche Holzkisten stapelten. Das mussten wohl die »Särge« sein, von denen Tom gesprochen hatte. Es war kein einziger Mensch zu erblicken.

Während Tom den Ford geschickt um die Gebäude herumchauffierte und neben den anderen Fahrzeugen abstellte, wandte sich Mogens noch einmal im Sitz um und schaute zurück. Die Lücke im Unterholz hatte sich hinter ihnen wieder geschlossen. Der Weg war nicht mehr zu sehen. Was hatte Tom gesagt? Doktor Graves wollte keine Fremden im Lager.

»Wir sind da«, sagte Tom überflüssigerweise und stieg aus. Während Mogens einen Moment lang damit beschäftigt war, den ihm unvertrauten Öffnungsmechanismus der Tür zu ergründen, eilte Tom bereits um den Wagen herum und öffnete die Tür von außen. Mogens lächelte verlegen, aber der Junge war diplomatisch genug, kein Wort über seine vermeintliche Unbeholfenheit zu verlieren, sondern trat nur zwei Schritte zurück und machte eine wedelnde Handbewegung zu der am weitesten entfernten Blockhütte.

»Dort hinten ist Ihre Unterkunft«, sagte er. »Gehen Sie ruhig schon hin. Ich bring Ihnen Ihr Gepäck.«

Mogens dachte mit einem leisen Gefühl von schlechtem Gewissen an die beiden prall gefüllten, schweren Koffer im Gepäckraum des Ford, aber dann wandte er sich dennoch mit einem stummen Kopfnicken um und steuerte das bezeichnete Gebäude an. Obwohl die Straße staubtrocken gewesen war, war der Boden, über den er nun ging, so morastig, dass seine Schuhsohlen darin einsanken und seine Schritte kleine, schmatzende Laute verursachten, und er schauderte leicht, als er aus dem Windschatten des Wagens heraustrat und ihn ein eisiger Luftzug streifte. Und war da nicht ein sachtes Zittern des Bodens unter seinen Füßen, so als bewege sich tief im Leib der Erde etwas Großes, Uraltes, das kurz davor war, aus einem äonenlangen Schlaf zu erwachen …?

Mogens schüttelte den Kopf, lachte über seine eigenen, närrischen Gedanken und ging schnell weiter. Seine Schritte verursachten noch immer jene schmatzenden Laute, die ihn aber jetzt nicht mehr erschreckten, sondern ihn mit einem Gefühl deutlichen Ärgers an seine fast neuen Lederschuhe denken ließen, die er sich nun möglicherweise ruinierte.

Seine Laune sank noch weiter, als er sich der Blockhütte näherte, die Tom ihm gewiesen hatte. Sie war winzig, allerhöchstens fünf oder sechs Schritte im Geviert und hatte – zumindest auf den beiden Seiten, die Mogens einsehen konnte – nur ein einziges schmales Fenster, dem ein schwerer Laden vorgelegt war. Auch die Tür machte einen äußerst massiven Eindruck und hatte – ebenso wie der Fensterladen – zwei fingerbreite, senkrechte Schlitze, ungefähr in Augenhöhe, die aussahen wie Schießscharten. Zusammen mit den dicken, sorgsam aufeinander gefügten Balken, dem wuchtigen Dach und der massiven Tür drängte sich Mogens unwillkürlich der Vergleich mit einer kleinen Festung auf. Diese Hütte – zusammen mit den anderen – musste älter sein, als er bisher angenommen hatte. Möglicherweise stammte dieses ganze Lager ja noch aus einer Zeit, in der sich seine Bewohner der Angriffe erzürnter Ureinwohner dieses Landes erwehren mussten, denn jedes einzelne des knappen halben Dutzends kleiner Gebäude machte einen äußerst wehrhaften Eindruck.

Mogens öffnete die Tür und trat gebückt ein, um sich nicht an dem niedrigen Türsturz den Schädel anzuschlagen. Als er den Kopf wieder hob, erlebte er eine Überraschung.

Das Innere des Gebäudes war weitaus geräumiger, als er erwartet hatte – und vor allem heller. Unter der Decke brannte ein vierarmiger Leuchter mit elektrischen Glühbirnen, und es duftete angenehm nach Seife – und frisch aufgebrühtem Kaffee. Die Einrichtung war spartanisch, aber durchaus annehmbar. Es gab ein überraschend breites, offenbar frisch bezogenes Bett, Tisch und Stühle sowie ein wohl gefülltes Bücherregal und etwas, dessen Anblick Mogens nun wirklich überraschte: Gleich neben dem Bücherbord erhob sich ein zierliches Stehpult. Es war lange her, dass Mogens so etwas auch nur gesehen hatte, aber zu der Zeit, als er selbst noch studiert hatte, hatte er es stets vorgezogen, im Stehen an einem solchen Möbelstück zu arbeiten. Graves musste sich wohl daran erinnert haben. Offensichtlich legte er wirklich Wert darauf, ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Gedanke verschlechterte Mogens’ Laune allerdings eher, statt sie zu heben. Er war nicht bereit, Jonathan Graves auch nur die Spur einer Chance zu lassen.

Außerdem waren da immer noch seine ruinierten Schuhe.

Mogens blickte missmutig zuerst auf die unregelmäßige Spur schmieriger brauner Fußabdrücke, die er auf dem frisch gebohnerten Fußboden hinterlassen hatte, dann auf seine besudelten Wildlederschuhe. Der Anblick erinnerte ihn an einen gewissen Vorfall vor vier Tagen, der mit Graves und Miss Preusslers Katze Cleopatra zu tun hatte.

»Machen Sie sich nichts draus, Professor«, sagte eine Stimme hinter ihm. »Das passiert hier andauernd, selbst im Hochsommer. Es liegt am Boden, wissen Sie? Der Grundwasserspiegel ist so hoch, dass wir praktisch auf einem Schwamm stehen.«

Mogens drehte sich fast erschrocken um und blickte ins Gesicht eines vielleicht fünfzigjährigen, grauhaarigen Mannes, der ihm allerhöchstens bis zum Kinn reichte, dennoch aber gut doppelt so viel wiegen musste wie er. Trotz dieser unbestreitbaren Fettleibigkeit und des damit einhergehenden Eindrucks von Unbeholfenheit hatte er die Hütte so lautlos betreten, dass Mogens nicht das Geringste gehört hatte. Jetzt stand er zwei Schritte hinter ihm, strahlte ihn an wie ein Weihnachtsmann, der sich versehentlich den Bart abrasiert hatte, und streckte ihm eine fleischige, stummelfingerige Hand entgegen.

»Mercer«, sagte er fröhlich. »Doktor Basil Mercer. Aber vergessen Sie den ›Doktor‹ ruhig. Sie müssen Professor VanAndt sein.«

Mogens zögerte einen unmerklichen Moment, Mercers ausgestreckte Hand zu ergreifen; er hatte das Händeschütteln nie gemocht, zum einen, weil er es für ziemlich unhygienisch hielt, zum anderen, weil ihm diese Geste eine oftmals unangemessene Intimität zwischen zumeist wildfremden Menschen zu schaffen schien. Mercer hatte jedoch etwas so Einnehmendes, dass er nur einen Sekundenbruchteil zögerte, bevor er nach seiner dargebotenen Hand griff.

»Nur wenn Sie den ›Professor‹ weglassen, Doktor Mercer«, sagte er lächelnd. »VanAndt.«

Mercer verzog übertrieben das Gesicht. »Dann finde ich ›Professor‹ doch bedeutend einfacher«, meinte er. »Ein holländischer Name?«

»Nein, belgisch«, entgegnete Mogens, ein Scherz, den er schon seit seiner Studentenzeit nicht mehr gemacht hatte. Fast niemand auf dieser Seite der Welt wusste, dass das kleine Belgien seinerseits wiederum aus zwei ethnischen Volksgruppen bestand, die noch dazu äußerst eifersüchtig auf ihrer jeweiligen kulturellen Identität beharrten. So mancher, dem sich Mogens auf diese Weise vorgestellt hatte, hatte verstört reagiert und vielleicht insgeheim gemutmaßt, dass er aus Transsylvanien stammen und ein direkter Nachkomme von Vlad dem Pfähler sein müsse.

Mercer überraschte ihn jedoch erneut. »Ein Flame«, sagte er fröhlich. »Willkommen in der Neuen Welt!«

Diesmal war es Mogens, der das Gesicht verzog. »Dann doch lieber Professor«, sagte er. »Und ich bin nur in Europa geboren. Meine erste Erinnerung ist die an einen schmuddeligen Hinterhof in Philadelphia.«

»Na, dann müssten wir uns eigentlich kennen«, behauptete Mercer.

»Sie stammen ebenfalls aus Philadelphia?«, fragte Mogens.

»Nein.« Mercer grinste. »Aber ich war auch noch nie in Europa.«

Mogens lachte, aber es musste wohl etwas gezwungen ausgefallen sein, denn auch Mercers Grienen hielt nur noch einen kurzen Moment, bevor er Mogens’ Hand losließ, sich leicht verlegen räusperte und einen halben Schritt zurücktrat.

»Gut«, sagte er. »Nachdem ich die Begrüßung hinlänglich versaut habe, können wir ebenso gut weitermachen, und ich stelle Ihnen den Rest der Mannschaft vor.«

»Ihre Kollegen?«, vermutete Mogens.

Mercer streckte den linken Daumen in die Höhe. »Einen Kollegen«, sagte er. »Und eine Kollegin. Wir sind hier nur zu viert – zu fünft, jetzt, wo Sie zu uns gestoßen sind.« Er wedelte aufgeregt mit der Hand. »Kommen Sie, Professor. Die einzige Dame in unserer Runde ist schon ganz begierig darauf, Sie kennen zu lernen.« Mogens sah sich unschlüssig um, aber Mercer kam seinem Widerspruch zuvor.

»Diese Luxussuite läuft Ihnen nicht davon«, sagte er. »Außerdem wird Tom Ihre Koffer bestimmt nicht auspacken. Er ist ein angenehmer Bursche, aber ein wahrer Meister im Erfinden von Ausreden, wenn es darum geht, sich vor einer Arbeit zu drücken.«

Mogens resignierte, zumal Mercer durchaus Recht hatte: Seine Unterkunft lief ihm nicht davon, und auch er war begierig darauf, seine neuen Kollegen kennen zu lernen – und natürlich endlich zu erfahren, warum er eigentlich hier war.

So folgte er Mercer, als dieser die Blockhütte verließ und sich nach links wandte. Er erwartete, dass sich sein Führer einem der anderen Häuser zuwenden würde, die sich – mit Ausnahme einer einzigen, etwas abseits stehenden Blockhütte, die deutlich größer war – nicht von seiner eigenen Unterkunft unterschieden, aber Mercer ging schnurstracks auf das Zelt zu, das sich in der Mitte des Lagerplatzes erhob.

Während Mogens ihm folgte, fiel ihm erneut auf, wie sonderbar sich der Boden unter seinen Füßen anfühlte. Es waren nicht nur die quatschenden Geräusche, die seine Schritte verursachten. Er musste an das denken, was Mercer gerade gesagt hatte: Er hatte tatsächlich das Gefühl, über einen riesigen Schwamm zu gehen. Und Mercers Erklärung machte das Gefühl nicht angenehmer; ganz im Gegenteil.

Mercer betrat das Zelt als Erster, hielt mit der linken Hand die Plane zurück und bedeutete ihm gleichzeitig mit der anderen, vorsichtig zu sein, eine Warnung, die sich als durchaus begründet erwies. Vor ihnen gähnte ein gut zwei Meter durchmessendes, kreisrundes Loch im Boden, aus dem das Ende einer schmalen hölzernen Leiter emporragte. Es gab weder ein Geländer noch irgendeine andere Vorrichtung, die der Sicherheit diente, und als Mogens sich schaudernd vorbeugte und nach unten sah, erkannte er, dass der Schacht mindestens dreißig Fuß in die Tiefe reichte, wenn nicht noch mehr.

»Man gewöhnt sich daran«, sagte Mercer. Mogens’ Schaudern war ihm keineswegs verborgen geblieben. »Sie sind doch schwindelfrei, hoffe ich.«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Mogens wahrheitsgemäß. »Als Archäologe arbeitet man selten in luftigen Höhen.«

»Nach ein paar Tagen macht es Ihnen nichts mehr aus«, versicherte Mercer. Er griff nach der Leiter, schwang seine gewaltige Körperfülle mit erstaunlicher Leichtigkeit auf die oberste Sprosse und stieg drei, vier Stufen weit nach unten, bevor er wieder Halt machte und Mogens einen auffordernden Blick zuwarf, es ihm gleichzutun. »Nur keine Sorge, Professor«, sagte er spöttisch. »Die Leiter ist stabil. Gute amerikanische Wertarbeit.«

Mogens lächelte pflichtschuldig, aber er rührte sich trotzdem nicht, bis Mercer fast zur Hälfte den Schacht hinabgeklettert war, bis auch er zögernd nach der Leiter griff und mit dem Fuß nach der obersten Stufe tastete. Die Leiter ächzte tatsächlich hörbar unter Mercers Gewicht, aber das war nicht der wahre Grund seines Zögerns. Tatsache war, dass er Mercers Frage gerade nicht ganz wahrheitsgemäß beantwortet hatte.

Mogens war alles andere als schwindelfrei. Ihm wurde im Gegenteil normalerweise schon beim bloßen Anblick eines hohen Gebäudes mulmig, und auch nur die dreistufigen Trittleitern vor den Regalen in der Universitätsbibliothek zu benutzen, bereitete ihm körperliches Unbehagen. Es kostete ihn all seine Kraft, auf die Leiter zu treten und hinter Mercer nach unten zu klettern. Seine Hände und Knie zitterten, als er neben Mercer in der Tiefe anlangte, und sein Atem ging so schnell, als wäre er eine Meile weit um sein Leben gerannt. Er blieb ein paar Sekunden mit geschlossenen Augen stehen und wartete, bis sich sein hämmernder Herzschlag wieder beruhigt hatte.

»Man gewöhnt sich daran«, sagte Mercer noch einmal, als Mogens die Augen wieder öffnete und sich mit klopfendem Herzen umsah. Es waren dieselben Worte, aber sein Tonfall hatte sich verändert. Mogens hörte nun echtes Mitgefühl in seiner Stimme, vielleicht sogar eine Spur von Sorge.

»Ich war nur … ein wenig überrascht«, sagte er nervös. »Damit habe ich nicht gerechnet.«

Mercer sah ihn noch einen Herzschlag lang durchdringend an und wechselte dann mit einem unbehaglichen Räuspern das Thema. »Von jetzt an geht es nur noch geradeaus. Kommen Sie.«

Mogens warf noch einen unbehaglichen Blick in die Runde, bevor er sich seinem Führer anschloss. Der Schacht, der oben kreisrund war und einen Durchmesser von gut sieben Fuß hatte, erweiterte sich hier zu einer asymmetrischen Höhle von der gut doppelten Größe. Ein Teil der Wände bestand aus verwittertem grauem Fels. Die Konsistenz des Restes war nicht zu erkennen, denn er war mit groben Brettern abgestützt, zwischen denen hier und da kleine Rinnsale hervorsickerten, die sich am Boden zu ölig schimmernden Pfützen sammelten. Mogens sah stirnrunzelnd auf seine Schuhe hinab. Der Morast, über den er sich gerade geärgert hatte, war verschwunden, aber dafür waren sie nun völlig durchnässt.

»Ich fürchte, das ist meine Schuld«, sagte Mercer in einem Ton ehrlichen Bedauerns. »Ich hätte Sie warnen sollen. Aber wir haben uns alle schon so sehr daran gewöhnt …« Er hob entschuldigend die Schultern.

»Das … macht nichts«, sagte Mogens. Was Unsinn war. Die Schuhe, die er trug, waren nicht nur sein bestes, sondern zugleich auch sein einziges Paar. »Wohin führt dieser Gang?«, fragte er mit einer entsprechenden Geste auf einen knapp fünf Fuß hohen, sorgsam mit Brettern und fast armdicken, gehobelten Balken abgestützten Tunnel, der unmittelbar hinter Mercer tiefer in die Erde hineinführte. An seinem Ende schimmerte ein blasses, gelbes Licht.

»Wir haben hier überall elektrischen Strom«, sagte Mercer, dem Mogens’ erstaunter Blick keineswegs entgangen war. »Graves hat einen Generator herbeischaffen lassen, der das ganze Lager versorgt, sowohl ober- als auch unterirdisch.« Er nickte gewichtig. »Man kann gegen den guten Doktor sagen, was man will, aber was er anpackt, das macht er richtig.«

»Was kann man denn gegen ihn sagen?«, erkundigte sich Mogens.

Statt zu antworten, grinste Mercer nur, beugte sich ächzend vor und drang gebückt in den Tunnel ein. Mogens musste ein Grinsen unterdrücken, als er den unbeholfenen Watschelgang sah, zu dem die niedrige Decke und seine eigene Körperfülle Mercer zwangen, und er ließ ihm einen angemessenen Vorsprung, bevor er ihm folgte; schon aus ästhetischen Gründen. Mercers gewaltiges Hinterteil füllte den Gang vor ihm aus wie ein heruntergefallener Vollmond, und sein gekrümmter Rücken scharrte unter der Decke entlang, sodass der Doktor unentwegt ächzte und schnaubte wie eine altersschwache Lokomotive, die sich eine viel zu große Steigung hinaufquälte. Dann und wann lösten sich Holzsplitter oder auch kleine Steinchen von der nur zum Teil verkleideten Decke, sodass es Mogens schon aus diesem Grund angeraten schien, einen gewissen Sicherheitsabstand einzuhalten – er trug nicht nur sein einziges Paar Schuhe, sondern auch seinen besten Anzug.

Gottlob war der Tunnel nicht besonders lang. Nach kaum drei Dutzend Schritten richtete sich Mercer schnaufend vor ihm wieder auf. Dann trat auch Mogens aus dem Tunnel heraus und in einen unerwartet großen, von einer Anzahl elektrischer Glühbirnen fast taghell erleuchteten Raum.

Im ersten Moment blinzelte er, geblendet durch das ungewohnt grelle Licht, und er erkannte nur Schemen. Immerhin identifizierte er zwei oder drei weitere Schemen; vermutlich die anderen Kollegen, von denen Mercer gesprochen hatte.

»Kommen Sie, Professor!« Mercer wedelte aufgeregt mit beiden Händen. »Ich stelle Ihnen den Rest der Bande vor!«

Mogens blinzelte noch einmal, um seinen Augen Gelegenheit zu geben, sich an die fast schattenlose Helligkeit zu gewöhnen, die das elektrische Licht verbreitete, dann richtete er sich vollends auf und fuhr sich glättend mit beiden Händen über den zerknitterten Anzug. Nicht, dass da noch viel zu retten gewesen wäre; aber dass er gezwungen war, in einem so schmuddeligen Loch herumzukriechen, bedeutete ja nicht, dass er auch seine Würde aufgeben musste.

Mercer war an einen langen, mit Gerätschaften, Büchern und Fundstücken übersäten Holztisch getreten, dem Mogens nur einen flüchtigen Blick schenkte, bevor er sich den beiden Personen zuwandte, die dahinter standen und ihm auf völlig unterschiedliche Weise entgegenblickten. Es handelte sich um einen schlanken, fast asketisch wirkenden Mann ungefähr in Mogens’ Alter und eine deutlich ältere, grauhaarige Frau mit verhärmtem Gesicht, die ihn mit einem Ausdruck musterte, den Mogens als feindselig eingestuft hätte, wäre ihm auch nur irgendein Grund dafür eingefallen.

»Darf ich vorstellen?« Mercer deutete händewedelnd auf den asketischen Mann. »Doktor Henry McClure.«

McClure nickte kaum merklich, wobei sich seine Lippen zu einem ebenso fast unmerklichen, nichtsdestotrotz aber ehrlich wirkenden Lächeln verzogen, das Mogens mit einem angedeuteten Kopfnicken beantwortete.

»Doktor Suzan Hyams«, erklärte Mercer mit einer entsprechenden Geste auf die Grauhaarige. Ihre Reaktion entsprach gänzlich den Blicken, mit denen sie Mogens maß: Sie verzog das Gesicht zu einer Miene, deren Bedeutung sich Mogens wohl aussuchen konnte, die aber keinesfalls freundlich war, und sparte sich sogar das angedeutete Kopfnicken, zu dem sich McClure aufgerafft hatte.

Mogens schenkte ihr trotzdem sein freundlichstes Lächeln, bevor er sich mit einem fragenden Blick an Mercer wandte. »Graves …?«

»Der Doktor lässt sich entschuldigen«, sagte McClure fast hastig. »Er wird später zu uns stoßen. Suzan und ich können Ihnen inzwischen schon einmal alles zeigen.«

Mogens war enttäuscht. Es war nicht so, dass er sich auf das Wiedersehen mit Graves gefreut hätte – aber er wollte es hinter sich bringen; schon weil er ahnte, dass auch diese neuerliche Verzögerung nur Teil von Graves’ Plan war, ihm seine Machtlosigkeit vor Augen zu führen.

»Herumführen?«, fragte er. Er sah sich unbehaglich um. »Für den Anfang würde es mir schon reichen, wenn mir jemand erklären würde, worum es hier eigentlich geht.«

»Genau darum habe ich vorgeschlagen, Sie herumzuführen, Professor«, sagte Mercer. »Das macht es einfacher. Und es geht schneller. Glauben Sie mir.«

Mogens ließ seinen Blick noch einmal über die Gesichter von McClure und Hyams schweifen, dann aber hob er nur die Schultern und wandte seine Konzentration dem ausladenden Holztisch zu, hinter dem die beiden Aufstellung genommen hatten. Es war ein wirklich gewaltiger Tisch, dessen bloßes Ausmaß Mogens sich verwundert fragen ließ, wie Mercer und seine Kollegen dieses Monstrum hier herunterbekommen hatten. Die Platte war annähernd einen Zoll stark und maß sicher drei auf sieben Fuß, wenn nicht mehr, dennoch bog sie sich nahezu unter der Last der darauf gestapelten Bücher, Werkzeuge, wissenschaftlichen Instrumente und Fundstücke. Trotz des schon fast unangenehm hellen Lichts konnte Mogens nicht auf den ersten Blick erkennen, worum es sich dabei handelte, denn die meisten waren mit Tüchern abgedeckt oder so herumgedreht, dass nur die Rückseiten großer, wie es ihm vorkam teilweise eher unsachgemäß aus dem Fels gebrochener Steinplatten zu erkennen waren. Mogens streckte die Hand aus, um nach einer der Platten zu greifen, aber Mercer schüttelte rasch den Kopf und streckte sogar die Hand aus, wie um ihn zurückzuhalten.

»Verderben Sie uns doch nicht den Spaß, lieber Professor«, sagte er lächelnd. »Wir haben hier so selten Gelegenheit, mit unseren Entdeckungen anzugeben, dass wir diesen Moment eigentlich aus vollen Zügen genießen wollten.«

Im ersten Moment reagierte Mogens nahezu verärgert, aber dann gewahrte er das Glitzern in Mercers Augen und musste fast gegen seinen Willen lächeln. Für einen Mann von wissenschaftlicher Reputation, der Mercer zweifellos war, ließ er Mogens’ Meinung nach die angemessene Ernsthaftigkeit vermissen, aber durch sein unbestritten albernes Gehabe schimmerte doch zugleich eine Herzlichkeit, die es Mogens unmöglich machte, ihm wirklich böse zu sein.

»Also gut«, sagte er. »Worum geht es?«

McClure trat einen Schritt vom Tisch zurück und drehte sich gleichzeitig halb herum, und auch Mercer machte eine seiner typischen wedelnden Handbewegungen in dieselbe Richtung. Als Mogens’ Blick der Geste folgte, gewahrte er einen weiteren, zu seiner Erleichterung allerdings sehr viel höheren Stollen, der auf der anderen Seite der Höhle tiefer in die Erde hineinführte. Der Zugang war mit einer grob aus Latten zusammengefügten Tür verschlossen, die allerdings einen alles andere als stabilen Eindruck erweckte. Selbst Mogens, der von eher schwächlicher Konstitution war, traute sich zu, sie ohne besondere Mühe aufzubrechen.

Mercer und McClure eilten voraus, während sich Hyams nicht von ihrem Platz rührte, sondern ihnen nur mit finsterem Gesicht nachblickte. »Begleiten Sie uns nicht, meine Liebe?«, fragte Mercer.

»Ich habe zu tun«, antwortete Hyams knapp und mit einer erklärenden Geste auf den überladenen Tisch. »Doktor Graves wollte die Übersetzung bis heute Abend fertig haben.«

»Er wird Ihnen gewiss nicht den Kopf ab …«, begann Mercer, sprach den Satz aber dann nicht zu Ende, sondern beließ es bei einem angedeuteten Achselzucken und einem leisen Seufzen, bevor er sich wieder umwandte und seinen Weg fortsetzte. Schweigend öffnete er die Lattentür – Mogens fiel auf, dass sie nicht einmal ein Schloss hatte –, trat hindurch und wartete, bis Mogens und McClure ihm gefolgt waren.

»Nehmen Sie es ihr nicht übel«, sagte McClure. »Suzan ist im Grunde ganz umgänglich. Sie macht im Moment nur eine … schwierige Zeit durch.«

Mogens hatte das sichere Gefühl, dass er eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen, aber er zuckte nur mit den Schultern und wandte sich um, um seine Umgebung in genaueren Augenschein zu nehmen. Auch dieser Stollen wurde elektrisch beleuchtet, wenn auch nicht annähernd so grell wie die große Höhle, durch die sie gerade gekommen waren. In Abständen von vielleicht fünfzehn oder zwanzig Schritten hingen nackte Glühbirnen unter der Decke, deren gelblicher Schein einen geradezu unglaublichen Anblick enthüllte.

»Aber das ist doch …« Mogens ächzte, trat mit zwei raschen Schritten an Mercer und McClure vorbei an die Wand und ließ seinen Blick ungläubig über den grauen Fels gleiten. Was er sah, war … unmöglich!

»Ich wusste, dass es Ihnen gefällt«, sagte Mercer fröhlich.

Mogens hörte seine Worte gar nicht. Er starrte die Wand vor sich an, das Unglaubliche, das darauf zu sehen war, hob den Arm und ließ die Hand dann wieder sinken, als hätte er Angst, das Bild könne wie eine Seifenblase zerplatzen, wenn er es berührte. Verwirrt drehte er den Kopf und starrte abwechselnd Mercer und McClure an.

»Das … das ist ein Scherz, oder?«, murmelte er.

»Keineswegs«, antwortete Mercer. Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd, und auch McClure lächelte mit unübersehbarem Stolz. Und natürlich war es kein Scherz. Ganz davon abgesehen, dass nicht einmal der infantilste Witzbold der Welt einen solchen Aufwand betrieben hätte, nur um sich einen Jux zu machen, hätte es niemand gekonnt. Was er sah, war echt.

Ebenso echt wie unmöglich. Die Wand vor ihm war übersät mit Bildern. Etliche waren gemalt, mit kräftigen, plakativen Farben, denen das blasse elektrische Licht den Großteil der Leuchtkraft nahm, die sie zweifellos hatten, die meisten aber waren mit tiefen Linien in den Stein hineingemeißelt, Bilder, die vor einer Ewigkeit und für die Ewigkeit geschaffen worden waren.

Da war eine riesige, hundeköpfige Gestalt mit nachtschwarzer Haut und glühenden Augen, daneben die katzenköpfige Bastet und Isis, ein Stück weiter der krokodilsgesichtige Sobek, Seth, Aton und Amun-Ra … Auf dem vielleicht zwanzig Schritte messenden Teilstück der Wand, das Mogens überblicken konnte, tummelte sich ein ganzer Reigen ägyptischer Gottheiten und Pharaonen. Manche der abgebildeten Gestalten waren Mogens gänzlich unbekannt, viele wirkten auf sonderbare Weise … falsch, als wären sie nach demselben Vorbild erschaffen, aber von einem vollkommen anderen Künstler, der aus einer anderen Schule mit gänzlich verschiedener Tradition stammte, viele aber waren Mogens so vertraut, dass ihm ein eisiger Schauer nach dem anderen über den Rücken lief. Erneut streckte er die Hand aus, um das Relief zu berühren, und wieder wagte er es nicht und zog die Finger unverrichteter Dinge zurück.

»Nun?«, griente Mercer. »Ist die Überraschung gelungen?«

Mogens schwieg. Er konnte nichts sagen. Fassungslos starrte er abwechselnd Mercer, die Wandreliefs und -malereien, McClure und wieder die unglaublichen Bilder vor sich an.

»Das … das ist …«

»… noch nicht einmal das Beste«, fiel ihm Mercer ins Wort. Er begann so aufgeregt mit beiden Händen in der Luft herumzufuchteln, als versuchte er Fliegen zu verscheuchen. »Kommen Sie, mein Lieber.« Er grabschte nach Mogens’ Arm und zog ihn einfach mit sich.

Mogens war viel zu perplex, um sich über Mercers plumpe Vertraulichkeit zu ärgern. Widerspruchslos folgte er Mercer, der ihn wie ein Kind an der Hand ergriffen hatte und ihn einfach hinter sich her zerrte. Dabei schrie alles in ihm danach, sich loszureißen, um wieder an die Wand heranzutreten und das unglaubliche Bild anzustarren, das Unmögliche, das sich dennoch wahrhaftig und real vor ihm erhob, eingemeißelt in Jahrmillionen alten Stein und so fassbar, wie etwas nur sein konnte. Er musste träumen. Mogens hatte während seiner Studienzeit – und auch in den Jahren danach – mehr als eine Unwahrscheinlichkeit erlebt, und doch war dies hier etwas vollkommen anderes. Es war etwas, das nicht sein konnte, weil es nicht sein durfte.

Aber es war.

Der Tunnel war sicherlich hundert Schritte lang, wenn nicht mehr, und führte dabei in sanftem Gefälle tiefer in die Erde hinein. Da es nur wenige Glühbirnen gab, wechselten sich Bereiche ausreichender Helligkeit mit solchen schattenerfüllten Halbdunkels ab, in denen die gemeißelten und gemalten Figuren zu unheimlichem Eigenleben zu erwachen schienen.

Mogens glaubte ein sonderbares, helles Flüstern und Wispern zu hören, das allmählich an Lautstärke zunahm, je tiefer sie in die Erde eindrangen, zweifellos aber nur seiner eigenen Einbildung entstammte. Seine Fantasie schlug Kapriolen, aber das war nun wirklich kein Wunder.

Der Tunnel endete vor einer weiteren Tür, die jedoch diesmal aus massiven Eisenstäben bestand und ein wuchtiges, sichtbar nagelneues Vorhängeschloss besaß, das ganz den Eindruck vermittelte, selbst einer Attacke mit einem Schweißbrenner gelassen standzuhalten. Es war jedoch nicht eingerastet. Als Mercer die Hand um einen der fast daumendicken Eisenstäbe schloss, schwang das Gitter mit einem leisen Quietschen auf, und sie betraten den dahinter liegenden Raum.

Und mit ihm vollends eine andere Zeit.

Der Raum war quadratisch, maß mindestens sechzig Fuß im Geviert und war mehr als fünfzehn Fuß hoch. Auch seine Wände waren mit prachtvollen Bildern und Reliefarbeiten übersät, die Motive aus der altägyptischen Götter- und Pharaonenwelt zeigten, denen Mogens aber kaum mehr als einen flüchtigen Blick schenkte.

Was er draußen als Wandmalerei und flaches Relief gesehen hatte, das stand nun dreidimensional und überlebensgroß vor ihm. Rechts und links des Einganges, unter dem sie stehen geblieben waren, erhoben sich zwei mehr als mannshohe Horus-Statuen aus poliertem Alabaster, deren Schnäbel vergoldet waren und deren Augen aus faustgroßen Rubinen bestanden, die vom Licht der elektrischen Glühlampen auf unheimliche Weise zum Leben erweckt zu werden schienen. Direkt vor Mogens, dennoch die gesamte Mitte des Raumes beherrschend, erhob sich eine gewaltige, über und über mit Gold und kunstvollen Malereien übersäte Totenbarke aus glänzendem schwarzem Holz, die von jeweils zwei sieben Fuß großen Anubis-Statuen an Bug und Heck vorwärts gestakt wurde – dem Herrn und Wächter der Totenwelt, mit Menschenleib und Schakalskopf, mit Juwelenaugen, die von innen heraus zu glühen schienen. Die Barke stand auf einem riesigen Quader, der aus purem Gold zu bestehen schien. Flankiert wurde sie von zwei lebensgroßen Streitwagen samt Lenkern und prachtvoll aufgezäumten Pferden aus poliertem Marmor, und längs der Wände erhoben sich buchstäblich Dutzende weiterer lebensgroßer Statuen, die ägyptische Götter und Fabelwesen darstellten. Nicht alle davon waren Mogens bekannt, was aber nichts an ihrer Glaubhaftigkeit ändern musste. Mogens war kein Ägyptologe, auch wenn er sich durchaus für das Gebiet interessiert hatte – aber das änderte nichts an der Erkenntnis, die ihn wie ein Schlag traf:

Sie befanden sich in einer ägyptischen Grabkammer!

»Nun?«, fragte Mercer. »Habe ich zu viel versprochen?«

Es war Mogens nicht möglich, zu antworten. Er wollte zumindest nicken, aber nicht einmal das gelang ihm. Er stand einfach da, bewegungslos, unfähig, sich zu rühren, auch nur zu blinzeln, ja, für einen Moment sogar, zu atmen. Er hörte, dass auch McClure irgendetwas zu ihm sagte, aber er verstand die Worte nicht, und es war ihm auch nicht möglich, sich darauf zu konzentrieren oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

»Das … das ist …«

»Beeindruckend, nicht wahr?«

Mogens’ Herz begann in jähem Entsetzen zu hämmern, als eine der lebensgroßen Gestalten aus ihrer jahrtausendelangen Starre erwachte und mit einem staksigen Schritt von ihrem Podest heruntertrat. Elektrisches Licht brach sich auf riesigen, schimmernden Augen ohne das mindeste menschliche Gefühl, riss furchtbare Krallen aus dem äonenalten Halbdunkel und verlieh den gleitenden Bewegungen der raubtierhaften Gestalt noch zusätzlich etwas Bedrohliches, das weit über die Grenzen des Sichtbaren hinausging.

Dann machte die unheimliche Gestalt einen zweiten Schritt, der sie vollends ins gelbe Licht der Glühbirnen hinausbrachte, und Mogens erkannte seinen Irrtum und unterdrückte im letzten Moment einen keuchenden Schrei. Es war kein jahrtausendealter ägyptischer Dämon, sondern niemand anderes als Doktor Jonathan Graves; er trat auch nicht von einem Steinsockel herunter, sondern aus dem Schatten einer großen Steinstatue heraus, hinter der er bisher unsichtbar gestanden hatte. Statt grässlicher Raubtierkrallen erblickte Mogens die altvertrauten schwarzen Lederhandschuhe, und das gnadenlose Schimmern in seinem Gesicht war das reflektierte Licht, das von den Gläsern einer randlosen Brille zurückgeworfen wurde, die er mit zwei Gummibändern hinter seinen Ohren befestigt hatte. Dennoch war die Erleichterung, die Mogens verspürte, nicht vollkommen. Die Chimäre war wieder zum Menschen geworden, aber sie bewegte sich nicht wie ein Mensch, sondern schien sich vielmehr auf eine unheimliche, schlängelnde Art in die Wirklichkeit zurückzuwinden.

Es war Mercer, der den Bann brach. »Doktor Graves«, sagte er tadelnd. »Ihren ausgeprägten Sinn für dramatische Auftritte in Ehren, aber Sie sollten bedenken, dass es Menschen mit schwachem Herzen gibt!«

Graves lachte; ein meckernder, unangenehmer Laut, der auf unheimliche Weise gebrochen von den bemalten Wänden zurückhallte. »In diesem Falle haben Sie es nicht mehr besonders weit, mein lieber Doktor«, sagte er. »Immerhin ist das hier ja ein Grab.«

Hätte Mogens noch Zweifel gehabt, was die Identität seines Gegenübers anging, spätestens diese Bemerkung hätte sie beseitigt. Aber er hatte sie nicht. Vor ihm stand Jonathan Graves, kein Dämon, der über den Abgrund der Zeiten hinweggeeilt war, um ihn zu verderben.

Nicht, dass er sich dadurch besser gefühlt hätte.

»Jonathan«, sagte er lahm. Es war nicht unbedingt eine eloquente Begrüßung, und dennoch schon fast mehr, als er in diesem Moment hervorbrachte. Mogens hätte seinen eigenen Zustand kaum in Worte fassen können. Er fühlte sich … erschlagen. Der Wissenschaftler in ihm beharrte unbeeindruckt von allem was er sah darauf, dass es einfach unmöglich war, aber seine Augen beharrten auf dem Gegenteil.

»Mogens.« Graves zauberte einen Ausdruck auf sein Gesicht, den Mogens noch vor einer Minute auf der Physiognomie dieses Mannes für einfach nicht denkbar gehalten hätte: nämlich ein ehrliches, durch und durch echtes Lächeln. Ohne Mercer – der nachdenklich die Stirn runzelte und anscheinend vergeblich versuchte, seine Bemerkung richtig einzuordnen – auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, trat er auf den Professor zu und streckte ihm die behandschuhte Rechte entgegen. »Ich freue mich, dass du gekommen bist. Genau genommen habe ich nie daran gezweifelt, aber um ehrlich zu sein, bin ich in den letzten ein, zwei Tagen doch ein wenig nervös geworden. Aber nun bist du ja da.«

VanAndt griff ganz automatisch nach seiner ausgestreckten Hand, und der winzige, noch zu rationalem Denken fähige Teil seines Bewusstseins registrierte fast beiläufig, dass Graves’ Händedruck vollkommen anders war, als er erwartet hatte, nämlich nicht schwammig und von unheimlicher, kribbelnder Bewegung erfüllt – als wäre da unter dem schwarzen Leder seines Handschuhs nicht nur Haut und Muskulatur und Knochen, sondern noch etwas anderes, auf widernatürliche Art lebendig Kriechendes, das beständig und beharrlich versuchte, aus seinem von Menschenhand geschaffenem Gefängnis auszubrechen –, sondern ein ganz normaler, ja, durchaus angenehmer Händedruck, fest und beinahe schon vertrauenerweckend. Selbst in diesem Moment emotionaler und intellektueller Aufgewühltheit begriff Mogens, dass er einfach nicht aus seiner Haut konnte. Etwas in ihm war nicht bereit, Graves auch nur eine solche Kleinigkeit wie einen ganz normalen menschlichen Händedruck zuzubilligen.

»Ich bin …«, begann er ungeschickt, sprach aber nicht weiter, sondern flüchtete sich in ein hilfloses Schulterzucken.

»Du bist ein klitzekleines bisschen überrascht, das ist mir klar«, sprang Graves ein. »Und ich muss gestehen, ich wäre zutiefst enttäuscht, wenn es nicht so wäre.«

Mogens konnte immer noch nicht antworten. Der Schock sollte nachlassen, aber das Gegenteil schien der Fall. Das Gefühl von Unwirklichkeit, das ihn ergriffen hatte, wurde immer heftiger. Seit Jonathan Graves so unvermittelt wieder in seinem Leben aufgetaucht war, hatte alles, was geschehen war, etwas von einem Albtraum an sich gehabt; nun aber begann dieser Traum eindeutig absurde Züge zu entwickeln. Sie befanden sich in einem ägyptischen Tempel, tief unter der Erde und keine fünfzig Meilen von San Francisco entfernt!

»Das ist … unglaublich«, stieß er schließlich hervor.

»Aber wahr, wie du siehst«, feixte Graves. Er ließ Mogens’ Hand los, trat zurück und machte eine weit ausladende Geste. »Willkommen in meinem Reich, mein lieber Professor.«

Mein Reich? Mogens registrierte diese sonderbare Formulierung nur am Rande. Er versuchte mit Macht, seinen Blick von der unglaublichen Umgebung loszureißen und sich gänzlich auf Graves zu konzentrieren, aber es wollte ihm nicht gelingen.

»Ich bin … tief beeindruckt«, murmelte er. Das war nicht das, was Graves hören wollte, aber in seinen Gedanken herrschte noch immer ein heilloses Chaos.

»Vielleicht sollte ich zurückgehen und den Cognac holen, den Suzan unter ihrem Arbeitsplatz versteckt hat«, sagte Mercer. »Der gute Professor sieht mir ganz so aus, als könnte er einen kräftigen Schluck gebrauchen.«

»Das wird … nicht nötig sein«, antwortete Mogens schleppend. »Danke.«

»Unser lieber Professor verabscheut Alkohol«, sagte Graves. »Jedenfalls war das früher so. Und ich nehme nicht an, dass sich daran etwas geändert hat, oder?« Er wartete einen Moment vergebens auf eine Antwort, deutete schließlich ein Schulterzucken an und wandte sich vollends zu Mercer um.

»Vielen Dank, Doktor. Sie und Doktor McClure können jetzt wieder an Ihre Arbeit gehen. Ich übernehme dann den Rest.«

Mercer setzte dazu an, etwas zu sagen, beließ es aber dann bei einem resignierenden Seufzen und der Andeutung eines Schulterzuckens, während sich McClure kommentarlos umwandte und ging. Graves hatte seine Leute anscheinend gut im Griff.

Graves wartete nicht nur, bis die beiden gegangen waren und die Gittertür hinter sich geschlossen hatten, sondern auch, bis ihre Schritte leiser geworden und schließlich ganz verklungen waren. Als er sich endlich wieder zu Mogens umwandte, hatte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht verändert. Er lächelte nach wie vor, aber es war jetzt kein albernes Schuljungengrinsen mehr, sondern nur noch ein Lächeln; aber in seinen Augen schien auch plötzlich etwas … Lauerndes zu sein.

Mogens rief sich in Gedanken zur Ordnung. Was er sah, war einfach zu gewaltig, als dass seine persönlichen Gefühle Graves gegenüber dabei eine Rolle spielen oder gar sein Urteilsvermögen trüben durften. Er atmete tief ein, straffte die Schultern und zwang sich, Graves’ Blick nicht nur standzuhalten, sondern sein Lächeln zu erwidern. Zu seiner eigenen Überraschung gelang es ihm sogar. »Ich muss mich wohl bei dir entschuldigen, Jonathan«, begann er mit einem unbehaglichen Räuspern. »Ich weiß selbst nicht genau, was ich erwartet habe, aber das hier …«

»Hast du nicht erwartet, ich weiß«, sagte Graves. »Ich wäre auch höchst erstaunt, wenn es anders gewesen wäre.« Das Lächeln verschwand endgültig von seinen Zügen und machte einem Ausdruck großen Ernstes Platz. »Auch ich muss mich für mein geheimnistuerisches Benehmen entschuldigen. Aber nun, nachdem du weißt, worum es geht, kannst du sicherlich verstehen, dass ich nicht einmal eine Andeutung machen konnte – so schwer es mir auch gefallen ist.«

Mogens nickte. Weitere Erklärungen waren kaum vonnöten, aber Graves fuhr trotzdem fort: »Du kannst dir zweifellos vorstellen, welch katastrophale Folgen es hätte, wenn davon auch nur ein einziges Wort an die Öffentlichkeit dringen würde.« Er wedelte wieder mit beiden Händen, wenn auch jetzt nicht mehr ganz so ausholend wie gerade. »Aber genug davon, Mogens. Komm, ich führe dich herum.« Ganz flüchtig erschien noch einmal das breite Schuljungengrinsen auf seinem Gesicht. »Ich vermute, du platzt innerlich schon vor Neugier.«

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