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Anno Domini

Über die Autorin

Geza Vermes, 1924 in Ungarn geboren, studierte Orientalistik und orientalische Sprachen an den Universitäten von Budapest und Louvain und promovierte in Theologie. Sein bahnbrechendes Werk über die Schriftrollen vom Toten Meer und den historischen Jesus führten zu seiner Berufung zum ersten Professor für Jüdische Studien an der Universität Oxford, wo er noch heute als Professor Emeritus wirkt. Seit 1991 ist er Direktor des Forums für Qumran-Forschungen am Zentrum für Hebräische und Jüdische Studien in Oxford. Er ist Mitglied der British Academy und der Europäischen Akademie für Wissenschaften, Kunst und Literatur sowie Träger diverser Ehrendoktorate. Zu seinen Werken zählen »Die Passion. Die wahre Geschichte der letzten Tage im Leben Jesu« und »Die Geburt Jesu. Geschichte und Legende«.

GEZA VERMES

ANNO
DOMINI

EIN WHO’S WHO
ZU JESU ZEITEN

Übersetzung aus dem Englischen
von Yvonne Badal

Inhalt

  1. Vorwort
  2. EINFÜHRUNG
    1. Römische Kaiser und Politiker
    2. Jüdische/Herodianische Herrscher
    3. Römische Präfekten, Prokuratoren und Statthalter der Provinz Judäa
    4. Römische Statthalter der Provinz Syria
    5. Prokonsul der Provinz Achaia
    6. Jüdische Hohepriester
    7. Bedeutende Frauen
    8. Rabbanan
    9. Jüdische Charismatiker und Asketen
    10. Jüdische Rebellenführer
    11. Autoren
    12. Neutestamentarische Personen
    13. Das Geschlecht der Hasmonäer (Ahnentafel)
    14. Das Geschlecht der Herodianer (Ahnentafel)
  3. DAS ZEITALTER JESU IM BREITEREN KONTEXT
  4. WHO’S WHO
  5. ANHANG
    1. Palästina im Zeitalter Jesu (Karte)
    2. Chronologie
    3. Glossar
    4. Verzeichnis der Abkürzungen
    5. Bibliografie

VORWORT

Die grundlegende Primärquelle für die Erforschung der jüdischen Geschichte in der griechisch-römischen Ära ist das Werk des Historikers Flavius Josephus aus dem 1. Jahrhundert nach der Zeitenwende. Diese wird ergänzt durch die Apokryphen und Pseudepigraphen, die Schriftrollen vom Toten Meer und die Texte von Tacitus, Sueton und Cassius Dio. Die relevanten christlichen Zeugnisse werden dem Neuen Testament und der Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica) des Eusebius von Caesarea entnommen.

Ich griff während meiner Arbeit an diesem Buch außerdem regelmäßig auf die dreibändige History of the Jewish People in the Age of Jesus Christ zurück. Dieser sogenannte New English Schürer ist die englische Fassung von Emil Schürers Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi (1886–1890/1901–1909), die ich in Zusammenarbeit mit Fergus Miller und Martin Goodman zwischen 1973 und 1987 grundlegend neu bearbeitet und revidiert habe.

Dr. Susan Walker, die Kustodin der Antikensammlung des Ashmolean Museums in Oxford, beriet mich freundlicherweise beim römischen Anschauungsmaterial, wofür ich ihr sehr danke.

Geza Vermes
Oxford, November 2004

EINFÜHRUNG

Römische Kaiser und Politiker

POMPEIUS: Gnaeus Pompeius Magnus (106–48 v.d.Z.); Feldherr und Staatsmann

CAESAR: Gaius Iulius Caesar (100–44 v.d.Z.); Feldherr und Staatsmann

MARCUS ANTONIUS (ca. 83–30 v.d.Z.); Feldherr und Staatsmann

AUGUSTUS: Gaius Iulius Caesar Octavianus (63 v.–14 n.d.Z.); Kaiser (31 v.d.Z.–14 n.d.Z.)

TIBERIUS: Tiberius Claudius Nero (42 v.d.Z.–37 n.d.Z.); Kaiser (14–37 n.d.Z.)

CALIGULA: Gaius Iulius Caesar Germanicus (12–41 n.d.Z.); Kaiser (37–41 n.d.Z.)

CLAUDIUS: Claudius Tiberius Drusus (10 v.d.Z.–54 n.d.Z.); Kaiser (41–54 n.d.Z.)

NERO: Claudius Caesar Germanicus Nero (15–68 n.d.Z.); Kaiser (54–68 n.d.Z.)

VESPASIAN: Titus Flavius Vespasianus (9–79 n.d.Z.); Kaiser (69–79 n.d.Z.)

TITUS: Titus Flavius Sabinus Vespasianus (39/41–81 n.d.Z.); Kaiser (79–81 n.d.Z.)

DOMITIAN: Titus Flavius Domitianus (51–96 n.d.Z.); Kaiser (81–96 n.d.Z.)

NERVA: Marcus Cocceius Nerva (30–98 n.d.Z.); Kaiser (96–98 n.d.Z.)

TRAJAN: Marcus Ulpius Traianus (53–117 n.d.Z.); Kaiser (98–117 n.d.Z.)

HADRIAN: Publius Aelius Hadrianus (76–138 n.d.Z.); Kaiser (117–138 n.d.Z.)

Jüdische/Herodianische Herrscher1

HASMONÄER

Judas Aristobulos II. (67–63 v.d.Z.)

Johannes Hyrkanos II. (63–40 v.d.Z.)

Antigonos II. Mattatias (40–37 v.d.Z.)

HERODIANER

Herodes der Große (40/37–4 v.d.Z.)

Archelaos (4 v.d.Z.–6 n.d.Z.)

Antipas (4 v.d.Z.–39 n.d.Z.)

Philippos (4 v.d.Z.–33/34 n.d.Z.)

Agrippa I. (37, 40, 41–44 n.d.Z.)

Herodes von Chalkis (41–48 n.d.Z.)

Agrippa II. (50–ca. 92/93 n.d.Z.)

ADIABENE

Izates (ca. 35–60 n.d.Z.)

Römische Präfekten, Prokuratoren und Statthalter der Provinz Judäa

COPONIUS (6–9 n.d.Z.)

Marcus Ambivius [Ambibulus] (9–12 n.d.Z.)

Annius Rufus (12–15 n.d.Z.)

Valerius Gratus (15–26 n.d.Z.)

Pontius Pilatus (26–36 n.d.Z.)

Marcellus (36/37 n.d.Z.)

Marullus (37–41 n.d.Z.)

Cuspius Fadus (44–46 n.d.Z.)

Tiberius Iulius Alexander (46–48 n.d.Z.)

Ventidius Cumanus (48–52 n.d.Z.)

Antonius Felix (52–60 n.d.Z.)

Porcius Festus (60–62 n.d.Z.)

Lucceius Albinus (62–64 n.d.Z.)

Gessius Florus (64–66 n.d.Z.)

Sextus Vettulenus Cerialis (70–72 n.d.Z.)

Lucilius Bassus (72–73 n.d.Z.)

Lucius Flavius Silva (73/74–81 n.d.Z.)

Attikus (ca. 99/100–102/03 n.d.Z.)

Quintus Roscius Coelius Pompeius Falco (ca. 105–107 n.d.Z.)

Lusius Qietus (ca. 117 n.d.Z.)

Quintus Tineius Rufus (132 n.d.Z.)

Römische Statthalter der Provinz Syria

Marcus Aemilius Scaurus (65–62 v.d.Z.)

Aulus Gabinius (57–55 v.d.Z.)

Gaius Sosius (38–37 v.d.Z.)

Publius Quinctilius Varus (7/6–4 v.d.Z.)

Publius Sulpicius Quirinius (6 n.d.Z.)

Publius Petronius (39–41/42 n.d.Z.)

Lucius Vitellius (35–39 n.d.Z.)

Cestius Gallus (63–66/67 n.d.Z.)

Prokonsul der Provinz Achaia

Lucius Iunius Annaeus Gallio (51–53 n.d.Z.)

Jüdische Hohepriester

HASMONÄISCHE HOHEPRIESTER (76–37 v.d.Z.)

Hyrkanos II. (76–67 v.d.Z., 63–40 v.d.Z.)

Aristobulos II. (67–63 v.d.Z.)

Antigonos (40–37 v.d.Z.)

VON HERODES ERNANNTE HOHEPRIESTER (37–4 v.d.Z.)

Ananel (37–36 v.d.Z., 34–? v.d.Z.)

Aristobulos III. (35 v.d.Z.)

Jesus ben Phabi (?)

Simeon ben Boethos (24–5 v.d.Z.)

Mattatias ben Theophilos (5–4. v.d.Z.)

Joseph ben Ellem (4 v.d.Z.)

Joazar ben Boethos (4 v.d.Z.)

VON ARCHELAOS ERNANNTE HOHEPRIESTER (4 v.d.Z.–6 n.d.Z.)

Eleazar ben Boethos (4. v.d.Z.–?)

Jesus ben Sië (?)

Joazar (?–6 n.d.Z.)

VON QUIRINIUS ERNANNTER HOHEPRIESTER (6 n.d.Z.)

Hannas ben Seth (6–15 n.d.Z.)

VON VALERIUS GRATUS ERNANNTE HOHEPRIESTER (15–26 n.d.Z.)

Ismael ben Phabi (15–16 n.d.Z.)

Eleazar ben Hannas (16–17 n.d.Z.)

Simeon ben Kamitos (17–18 n.d.Z.)

Joseph Kaiaphas (18–36 n.d.Z.)

VON VITELLIUS ERNANNTE HOHEPRIESTER (35–39 n.d.Z.)

Jonathan ben Hannas (36–37 n.d.Z.)

Theophilos ben Hannas (37–? n.d.Z.)

VON AGRIPPA I. ERNANNTE HOHEPRIESTER (41–44 n.d.Z.)

Simon Kantheras ben Boethos (41–? n.d.Z.)

Mattatias ben Hannas (?)

Elionaios ben Kantheras (?)

VON HERODES VON CHALKIS ERNANNTE HOHEPRIESTER (44–48 n.d.Z.)

Joseph ben Kami (?)

Hananias Nedabiah (47–59 n.d.Z.)

VON AGRIPPA II. ERNANNTE HOHEPRIESTER (52?–92/93 n.d.Z.)

Ismael ben Phabi (59–61 n.d.Z.)

Joseph Kabi ben Simon (61–62 n.d.Z.)

Hannas ben Hannas (62 n.d.Z.)

Jesus ben Damnaios (62–63 n.d.Z.)

Jesus ben Gamala (63–64 n.d.Z.)

Mattatias ben Theophilos (65–? n.d.Z.)

WÄHREND DES JÜDISCHEN KRIEGES VOM VOLK ERNANNTER HOHEPRIESTER (67–68 n.d.Z.)

Phanni ben Samuel (? n.d.Z.)

Bedeutende Frauen

Kleopatra

Salome, Schwester des Herodes

Alexandra

Mariamne

Herodias

Salome, Tochter der Herodias

Berenike

Drusilla

Rabbanan

Simeon ben Schetach

Sameas und Pollion

Hillel

Schammai

Gamaliel I.

Simeon ben Gamaliel

Jochanan ben Zakkai

Gamaliel II., Rabban

Jüdische Charismatiker und Asketen

Honi

Menachem der Essener

Abba Hilkia

Hanan

Simon der Essener

Bannus

Hanina ben Dosa

Jesus ben Hannas

Eleazar

Joschua von Sichnin

Jüdische Rebellenführer

Ezechias

Juda ben Sariphai

Mattatias ben Margaloth

Simon der Peräer

Athronges

Judas der Galiläer

Theudas

Der »Ägypter«

Menachem

Eleazar ben Simon

Johannes von Gischala

Simeon bar Giora

Johannes der Essener

Eleazar ben Jair

Simeon bar Kosiba

Autoren

Nikolaus von Damaskus

Philo von Alexandria

Josephus

Justus von Tiberias

Neutestamentarische Personen

Joseph

Maria

Johannes der Täufer

Jesus

Petrus

Andreas

Jakobus, Sohn des Zebedäus

Johannes

Philippus, der Apostel

Matthäus

Bartholomäus

Thomas

Jakobus, Sohn des Alphäus

Thaddäus

Simon der Zelot

Judas Iskarioth

Matthias

Maria Magdalene

Jakobus, Bruder Jesu

Judas

Barnabas

Paulus

Exorzist, Anonymus

Cornelius

Agabus

Elymas

Simon Magus

Markus

Lukas

Philippus, der Diakon

Stephanus

Silas/Silvanus

Timotheus

Titus

Philemon

Symeon, Sohn des Klopas

Johannes der Älteste

Stammbaum

Stammbaum

DAS ZEITALTER JESU
IM BREITEREN KONTEXT

Im Jahr 1906 erklärte Albert Schweitzer feierlich, dass die wissenschaftliche Suche nach dem historischen Jesus eine unerfüllbare Aufgabe sei. Ungeachtet Schweitzers eloquenter Grabrede wollte sich der historische Jesus jedoch nicht zur Ruhe legen oder entschwinden. Von einer Handvoll unverbesserlicher Zweifler abgesehen, neigen die meisten Forscher heute sogar zum anderen Extrem und sehen die Existenz von Jesus als so eindeutig erwiesen an, dass sie es nicht einmal mehr für nötig halten, die konkreten historischen Zusammenhänge zu ergründen. Tatsache ist, dass sich weder Jesus noch die Bewegung, die er nach sich zog, in einem luftleeren Raum bewegten. Sie waren wesentliche Bestandteile der jüdischen Gesellschaft im 1. Jahrhundert n.d.Z., die ebenso von den Kräften und Einflüssen der vorangegangenen Generationen wie von den Folgen der Hellenisierung und des politischen Machteinflusses Roms geprägt war. Jüdische und griechisch-römische Einflüsse haben aufeinander eingewirkt und den Nährboden erschaffen, aus dem das Christentum erwuchs.

Dieses Buch soll dem Leser bewusst machen, welches Amalgam aus Ideen, Einflüssen und Eingebungen auf das Zeitalter Jesu einwirkte. Um dieser Aufgabe auf anschauliche Weise gerecht werden zu können, beschloss ich, biografische Vignetten zu präsentieren und den breiteren Kontext mithilfe der Darstellung von Individuen erfassbarer zu machen, die auf unterschiedliche Weisen zum Lauf der Geschichte beigetragen haben. Anno Domini porträtiert Persönlichkeiten, die im Neuen Testament, in den Werken von jüdischen Autoren aus dem 1. Jahrhundert n.d.Z., in der talmudischen Literatur und in griechischen wie römischen Geschichtsquellen eine Rolle spielen. Gelegentlich taucht ein und dieselbe Person in mehreren dieser Aufzeichnungen auf. Herrscher von Judäa, jüdische Führer und römische Würdenträger wie *Herodes der Große2, *Antipas, *Hannas und *Kaiaphas, *Gamaliel der Alte, *Augustus, *Tiberius, *Pontius Pilatus und andere werden auch im Neuen Testament erwähnt. Einige neutestamentarische Persönlichkeiten (*Jesus, *Johannes der Täufer, *Jakobus, Bruder Jesu) treten in den Werken von *Flavius Josephus oder bei römischen Historikern wie Tacitus ebenfalls in Erscheinung. Andere jüdische Persönlichkeiten wie *Hillel der Alte, *Honi, *Hanina ben Dosa oder *Jesus ben Hannas, die bei Josephus und in der talmudischen Literatur vorkommen, können wiederum die Evangeliengeschichte auf bedeutsame Weise neu beleuchten. Aus diesem Grund verspricht eine mehrgleisige Annäherung an das Zeitalter Jesu auch unerwartet neue Einblicke.

Dieser vergrößerte historische Rahmen erfordert zugleich eine dehnbarere Definition des Zeitrahmens, den es zu erforschen gilt: Er muss sich weiter als lediglich über die vermutete Lebenszeit Jesu (ca. 6/5 v.d.Z. – 30 n.d.Z.) erstrecken. Ein plausibler Ansatzpunkt wäre der Makkabäeraufstand gegen das griechische (syrische) Seleukidenreich, der um das Jahr 160 v.d.Z. ausbrach, als Juden zum ersten Mal in ihrer Geschichte aus religiösen Gründen verfolgt wurden. Der schlagkräftige und schließlich auch erfolgreiche jüdische Widerstand gegen die hellenistische Tyrannei führte zur Gründung eines unabhängigen jüdischen Staates, der über die längste Zeit eines Jahrhunderts (152–63 v.d.Z.) von der makkabäisch-hasmonäischen Priesterdynastie regiert wurde. Nun wäre es allerdings etwas weit hergeholt, wenn man hundertfünfzig Jahre aus vorchristlicher Zeit dem Zeitalter Jesu zurechnen wollte. Deshalb ist als Ansatzpunkt der nächste Meilenstein in der internationalen jüdischen Geschichte vorzuziehen: der Wechsel von der seleukidisch-griechischen zur römischen Herrschaft über Palästina, der im Jahr 63 v.d.Z. mit der Eroberung Jerusalems durch *Pompeius eingeleitet wurde und somit kaum zwei Generationen vor der Geburt Jesu stattfand. Der ideale Endpunkt läge demnach ungefähr zwei Generationen nach der Kreuzigung. Doch der bemerkenswerte Mangel an historisch bedeutenden Ereignissen im ausgehenden 1. Jahrhundert n.d.Z. lässt das Jahr 135 n.d.Z., in dem der Zweite Jüdische Krieg gegen die Römer sein Ende fand, als die bessere Option erscheinen. Denn genau zwischen Anfang und Ende dieser Periode entwickelte sich eine der entscheidendsten Ären in der geistigen und religiösen Geschichte des Abendlands.

Die besagten zweihundert Jahre können in fünf übersichtliche Abschnitte eingeteilt werden:

  1. Von Pompeius bis zum Ende der hasmonäischen Priesterherrschaft (63–37 v.d.Z.)
  2. Von der Herrschaft Herodes des Großen (40/37–4 v.d.Z.) bis zur Geburt Jesu (ca. 6/5 v.d.Z.)
  3. Von Herodes Archelaos (4 v.d.Z.–6 n.d.Z.) über die römischen Präfekten (6–41 n.d.Z.) und Herodes Antipas (4 v.d.Z.–39 n.d.Z.) bis zum öffentlichen Wirken und dem Tode Jesu (29–30 n.d.Z.)
  4. Von Agrippa I. (41–44 n.d.Z.) über die römischen Prokuratoren (44–66 n.d.Z.) und den Ersten Jüdischen Krieg (66–70 [73/74] n.d.Z.) bis zu den Anfängen des Judenchristentums und dem Wirken des Paulus
  5. Vom Fall Jerusalems bis zum Ende des Zweiten Jüdischen Krieges unter Kaiser Hadrian und der Abwanderung des Christentums aus seinem ursprünglichen jüdischen Umfeld (70–135 n.d.Z.)

Dieses Buch unterscheidet sich ganz wesentlich in einem Punkt von einem üblichen »Who’s Who in der Bibel«: Es ist strikt historisch und aus keiner konfessionell geprägten oder irgendwie religiös gearteten Perspektive geschrieben.

Aufstieg und Glorie der Hasmonäer (164–67 v.d.Z.)

Nachdem die Juden zweieinhalb Jahrhunderte unter babylonischer und persischer Vorherrschaft gestanden hatten und seit der Eroberung des Nahen und Mittleren Ostens durch Alexander den Großen unter griechischen Einfluss geraten waren, gewannen sie im Jahr 164 v.d.Z. schließlich ihre Unabhängigkeit und vollständige Autonomie zurück. Sie hatten der kulturellen und religiösen Hellenisierung, die ihnen vom griechischen König Antiochos IV. Epiphanes (175–164 v.d.Z.) aufgezwungen worden war, erfolgreich bewaffneten Widerstand geleistet. Das von Mattatias und seinen Söhnen begründete jüdische Priestergeschlecht der Hasmonäer, auch Makkabäer genannt, hatte die syrischen Seleukiden besiegt und den olympischen Zeuskult des Antiochos, der mitten im heiligen Tempel von Jerusalem eine Zeusstatue hatte aufstellen lassen, wieder durch den jüdischen Glaubensritus ersetzt. Doch der Aufstand, der durch die Hellenisten ausgelöst worden war und der mit dem Wohlwollen und der Unterstützung von Bündnispartnern aus der jüdischen Oberschicht zum Erfolg geführt wurde, zog schließlich eine fieberhafte Endzeiterwartung oder eschatologische Hoffnung auf die Apokalypse nach sich, die sich mit der Ankunft des Friedensbringers und Königs Messias erfüllen sollte, den die biblischen Propheten vorausgesagt hatten und die frommen Juden, die sich Gottes Willen in Freiheit unterwerfen wollten, sehnsüchtig erwarteten. Es waren der siegreiche Judas Makkabäus (164–161 v.d.Z.) und sein Bruder Jonathan (161–143/142 v.d.Z.), die den Feind bezwungen und den jüdischen Staat wieder hergestellt hatten. Jonathan, obwohl selbst kein Spross der Priesterdynastie, die das Hohepriesteramt seit den Zeiten von König David innegehabt hatte, ließ sich im Jahr 153/152 v.d.Z. das Amt des Hohepriesters übertragen und Simon, ein weiterer Makkabäer-Bruder, erklärte sich im Jahr 143/142 v.d.Z zum Erbpriester sowie »Feldherrn und Anführer der Juden«.

Simons Sohn Johannes Hyrkanos I. (135/134–104 v.d.Z.) sowie dessen Nachfolger Judas Aristobulos I. (104–103 v.d.Z.) und Jonathan (Alexander) Jannaios (103–76 v.d.Z.) dehnten die Grenzen des neuen jüdischen Staates aus, indem sie die benachbarten Völker – Idumäer im Süden und verschiedene fremdländische Stämme in und um Galiläa – zwangen, ihre Herrschaft anzuerkennen und den jüdischen Glauben anzunehmen; damit wurden die Männer dieser Stämme natürlich auch zur Beschneidung genötigt. Dass die hasmonäischen Priesterkönige für das Judentum eintraten, hinderte sie jedoch nicht daran, als harte, säkulare Tyrannen über das eigene Volk zu herrschen. Vor allem Alexander Jannaios war berüchtigt wegen der Grausamkeit, mit der er an seinen politischen Gegnern, den Pharisäern, Vergeltung übte. Einmal ließ er achthundert von ihnen kreuzigen, während er sich mit seinen Geliebten bei einem fröhlichen Gelage an diesem unheiligen Spektakel erfreute.

Nach Alexanders Tod erbte seine Witwe, die den Pharisäern ausgesprochen wohlgesonnene und fromme *Alexandra Salome (Schelemzion), den Thron. Die Hohepriesterschaft ging auf ihren ältesten Sohn Johannes Hyrkanos II. über (76–67 v.d.Z.). Sein energischerer und eifersüchtiger jüngerer Bruder Judas *Aristobulos II. war jedoch von Anfang an entschlossen, ihm dieses Amt streitig zu machen. Kaum starb Königin Alexandra, brach der Bruderkrieg um das Hohepriesteramt zwischen den beiden Rivalen aus, und mit diesem Kampf begann nun die Ära, die das Zeitalter Jesu einleitete.

1. Von Pompeius bis zum Ende der hasmonäischen Priesterherrschaft (63–37 v.d.Z.)

Der Versuch von Aristobulos II., seinem Bruder Hyrkanos II. das legitime Hohepriesteramt streitig zu machen, und die Gewalt, mit der Hyrkanos – abgesichert durch Antipater, den Vater von Herodes dem Großen und cleveren, starken Idumäer, sowie durch den Nabatäerkönig Aretas III. – darauf reagierte, waren die Vorboten von Pompeius’ Einmarsch in Jerusalem im Jahr 63 v.d.Z. Das Trio Hyrkanos, Antipater und Aretas belagerte die Stadt und zwang Aristobulos zum Rückzug. Das unschuldige Opfer dieser Schlacht war der gefeierte *Honi, der im Namen Gottes Wunder vollbrachte: Hyrkanos’ Parteigänger steinigten ihn zu Tode, weil er sich geweigert hatte, Aristobulos und seine Anhänger zu verfluchen. Hier werden wir mit einem unterschwellig religiös motivierten politischen Mord konfrontiert, und dieser Trend sollte sich mit den Hinrichtungen des Täufers Johannes, des Jesus, dessen Bruder Jakobus und noch von so vielen anderen wiederholen.

Das Patt zwischen den zwei Kräften verleitete sowohl Aristobulos als auch Hyrkanos dazu, Pompeius um Intervention in den Bruderkrieg zu bitten. Beide hofften natürlich, von ihm favorisiert zu werden. Stattdessen eroberte Pompeius mit dem Heer seines Feldherrn Marcus Aemilius *Scaurus Jerusalem und erklärte den hasmonäischen Staat kurzerhand zur römischen Provinz Judäa. Hyrkanos wurde im Amt des Hohepriesters bestätigt, durfte aber keinen Anspruch auf den Königstitel erheben. Der abgesetzte Aristobulos wurde als Gefangener nach Rom gebracht. Nachdem ihm etwas später die Flucht in die Heimat gelang, begann er den Widerstand gegen die Römer neu zu organisieren, wurde jedoch bald wieder verhaftet und erneut als Gefangener in die römische Metropole geschickt. Als schließlich der römische Bürgerkrieg zwischen Iulius *Caesar und Pompeius ausbrach, entschloss sich Caesar, Aristobulos freizulassen, weil er ihn als einen potenziellen Bündnispartner betrachtete. Doch bevor der jüdische Herrscher die Segel setzen konnte, um Caesar in Syria zu unterstützen, wurde er von Pompeius’ Häschern vergiftet.

Nach der Schlacht von Pharsalos, die Pompeius im Jahr 48 v.d.Z. verlor, schlugen sich Hyrkanos und Antipater auf die Seite des Siegers Caesar, der den Juden in Palästina und der Diaspora generell wohlwollend gegenüberstand. Er belohnte sie, indem er Hyrkanos II. zum nominellen Staatsoberhaupt (Ethnarch) der Juden ernannte und die Verwaltung der Provinz Judäa in die Hände des Idumäers Antipater legte, der sich die Pflichten mit seinen Söhnen *Phasael und Herodes teilte.

Als Statthalter von Galiläa glaubte der junge Herodes jedoch, über dem Gesetz zu stehen. Er ließ den Rebellenführer *Ezechias und seine Männer ohne jedes Verfahren hinrichten und wurde deshalb vor den jüdischen Sanhedrin zitiert. Doch mit römischer Hilfe und der Duldung durch Hyrkanos, der dem Sanhedrin vorsaß, entging er seiner Verurteilung und wurde von Caesars Mitstreiter *Marcus Antonius, der inzwischen die Verantwortung für die Provinzen ums östliche Mittelmeer trug, in seinem Amt bestätigt. Im Jahr 40 v.d.Z. fiel der mächtige iranische Stamm der Parther in Judäa ein und unterstützte *Antigonos, den Sohn von Aristobulos II. und Rivalen von Hyrkanos II. Auf den Münzen, die Antigonos schlagen ließ, bezeichnete er sich als Hohepriester und König. Um seine geistliche Position sichern zu können, verstümmelte er seinen Onkel Hyrkanos – vermutlich indem er ihm ein Ohr oder beide Ohren abbiss –, damit dieser nie wieder für die Rolle des Hohepriesters infrage kam. Dennoch war Antigonos’ kurzlebige Herrschaft bereits im Jahr 37 v.d.Z. beendet. Auf Geheiß von Antonius, der bereits im Jahr 40 v.d.Z. Herodes zum König von Judäa bestimmt hatte, nahmen die Römer Antigonos gefangen und enthaupteten ihn. Herodes eroberte Jerusalem mit der tätigen Beihilfe von *Sosius, dem römischen Statthalter von Syria und dessen Legionen. Im Jahr 37 v.d.Z. wurde der idumäische Emporkömmling schließlich zum Gebieter über das jüdische Volk und beendete damit die ein Jahrhundert währende Herrschaft der makkabäisch-hasmonäischen Dynastie.

2. Von der Herrschaft Herodes des Großen (40/37–4 v.d.Z.) bis zur Geburt Jesu (ca. 6/5 v.d.Z.)

Herodes’ Herrschaftszeit umfasste die Jahrzehnte der jüdischen Geschichte, die unmittelbar das »Zeitalter Jesu« einleiteten. Jesus von Nazareth wurde kurz vor Herodes’ Tod geboren. Die wohlwollende römische Überwachung der judäischen Regierung wirkte sich ebenso entscheidend auf die jüdische Gesellschaft aus, in der auch Jesus lebte, wie die eiserne Faust des neuen Königs. Herodes war eine Kreuzung aus Genie und Ungeheuer, ein meisterlicher Gratwanderer, über dessen Schritte Fortuna gewacht zu haben scheint. Sein Aufstieg zur Macht war allerdings steinig. Als Schützling des Römers Marcus Antonius hatten ihn die Juden höchst misstrauisch beäugt und er hatte das Volk erst für sich gewinnen können, als sich die Pharisäer für ihn einsetzten. Deren beiden Führer *Sameas und *Pollion hatten sich aus Dankbarkeit für Herodes ausgesprochen, weil er ihr Leben verschont hatte, als er Rache an den Richtern des Sanhedrin übte, die ihm einst in Galiläa den Prozess gemacht hatten. Auch das Misstrauen der pro-hasmonäisch eingestellten sadduzäischen Oberschicht, die Herodes wegen seiner Ehe mit der jüdischen Prinzessin *Mariamne, der Enkelin des Ethnarchen und Hohepriesters Hyrkanos II., bestenfalls als einen »halben Juden« betrachteten, konnte der schlaue König schließlich abbauen. Und nicht nur mit den Pharisäern und Sadduzäern, auch mit der alteingesessenen Gemeinschaft der Essener, die laut Josephus erstmals Mitte des 2. Jahrhunderts v.d.Z. erwähnt worden war, stand Herodes auf gutem Fuß: Sie verdankte ihre Vorzugsbehandlung der Prophezeiung von *Menachem dem Essener, dass Herodes einmal König von Judäa sein würde. Mit dem Tode von Antigonos und Hyrkanos II. endete das erbliche Hohepriestertum der Hasmonäer. Von nun an maßte sich der weltliche Herrscher Herodes das Recht an, jüdische Hohepriester nach Belieben zu ernennen und abzusetzen. In neutestamentarischer Zeit gewährten die römischen Kaiser dieses Recht auch seinen Enkeln Agrippa I. und Agrippa II.; in der Zwischenzeit, also in den Jahren 6–41 n.d.Z., wurde es von den römischen Präfekten in Judäa ausgeübt.

Um seine Position zu sichern, musste Herodes auch freundschaftliche Beziehungen zu Rom unterhalten und sich gegen die ständigen Feindseligkeiten von Mitgliedern des Hasmonäerhauses zur Wehr setzen. Angesichts des großen Einflusses, den die ägyptische Königin *Kleopatra auf Herodes’ Schutzpatron Marcus Antonius ausübte, war es allerdings nicht leicht für ihn, gute Beziehungen zu dem Römer zu wahren. Denn diese Femme fatale, die zuerst Antonius’ Geliebte und später seine Angetraute war, hatte selbst ein Auge auf das judäische Königreich geworfen. Am Ende gelang es Herodes jedoch, seine Gebietsverluste in Grenzen zu halten – lediglich ein paar Küstenstädte und die Region von Jericho wurden von Ägypten annektiert. Kurzfristig hatte Herodes sogar eine Affäre mit Kleopatra in Betracht gezogen, weil er hoffte, dass ihm damit eine gute Möglichkeit gegeben wäre, sich ihrer zu entledigen. Aber dann war er doch klug genug, diese Idee ad acta zu legen. Die sich ständig verschlechternden Beziehungen zwischen Antonius und Octavian, dem künftigen *Augustus, brachten Herodes in ein neues Dilemma, doch mit seinem üblichen Glück konnte er schließlich das Vertrauen von Augustus gewinnen und am Ende sogar eine enge Freundschaft zu ihm aufbauen.

Herodes’ Fehde mit dem hasmonäischen Königshaus war schon schwerer beizukommen, da sie von den Intrigen der Frauen an seinem Hof unentwegt neu geschürt wurde. Die Strippenzieher waren auf der einen Seite Kypros, die idumäische Mutter des Königs, sowie seine Schwester *Salome; auf der anderen Seite standen seine hasmonäische Frau *Mariamne, die er leidenschaftlich liebte, und deren Mutter *Alexandra. Für die Hasmonäer ging die Geschichte blutig aus. Auf der langen Liste der Familienmitglieder, die Herodes hinrichten ließ, standen am Ende sogar seine geliebte Frau Mariamne und ihre beiden Söhne Alexander und Aristobulos. Mariamnes Bruder, der junge Hohepriester *Aristobulos III., wurde bei einem festlichen Wasserspiel ertränkt und der Mord dann als Unfall getarnt. Auch die Mutter und den alten Großvater von Mariamne, den harmlosen einstigen Hohepriester Hyrkanos II., ließ Herodes umbringen. Derweil nutzte seine Schwester Salome die Gunst der Stunde, um sich selbst zweier Ehemänner zu entledigen. Einer davon war Herodes’ eigener Onkel. Trotzdem sollten es im Jahr 4 v.d.Z. Salome und ihr dritter Ehemann sein, die – kurz nach der Hinrichtung von Antipater, seinem ältesten Sohn mit der ersten seiner zehn Frauen – die letzten wahnsinnigen Mordpläne des sterbenden Königs vereitelten und eine große Gruppe prominenter Juden freiließen, deren Tod Herodes angeordnet hatte, weil er sicherstellen wollte, dass am Tage des königlichen Begräbnisses allerorten Trauer im Volk herrschen würde.

Herodes der Mörder war ein angemessenes Vorbild für den Mann, der der neutestamentarischen Legende von der Tötung der Unschuldigen als Vorbild diente. Nichtsdestotrotz war er auch Herodes der Große: Angesichts der wechselhaften Geschicke der römischen Welt betrieb er eine außerordentlich erfolgreiche Außenpolitik; gegenüber seinen jüdischen Untertanen zeigte er sich häufig besorgt und generös; und nach der schweren Hungersnot im Jahr 25 v.d.Z. sorgte er sogar für drastische Steuererleichterungen, um der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Er war ein großer Förderer der griechischen Kultur und schuf überragende Bauten im eigenen Land und in der Fremde. Zu den für die neutestamentarische Zeit relevanten Errungenschaften zählen der Bau des Hafens und der Stadt Caesarea, die nach Caesar Augustus benannt wurde und im 1. Jahrhundert n.d.Z. Sitz der römischen Statthalter von Judäa war. Paulus verbrachte dort zwei Jahre im Gefängnis. Herodes war es auch, der die Stadt Samaria wieder aufbaute und zu Ehren des Kaisers Sebaste (das griechische Äquivalent von Augusta) nannte. Er baute einen Tempel für pagane Götter in Caesarea Philippi, der Stadt, in der der Apostel Petrus einmal bekennen sollte, dass Jesus »der Christus und Sohn des lebendigen Gottes« sei. Doch sein gewiss bedeutendstes architektonisches Denkmal errichtete Herodes mit dem Wiederaufbau des Heiligtums in Jerusalem, genannt Herodianischer Tempel, von dem heute nur noch einige Überreste wie die West- oder Klagemauer stehen.

Das Leben Jesu begann am Ende der Herrschaft von Herodes dem Großen. Das ist einer der wenigen Punkte, in denen sich die Kindheitsevangelien von *Matthäus und *Lukas einig sind. Die wesentlichen Ereignisse in Jesus’ letzten Lebensjahren (29/30 n.d.Z.) fallen in die nächste Periode der jüdischen Geschichte.

3. Von Herodes Archelaos (4 v.d.Z. – 6 n.d.Z.) über die römischen Präfekten (6–41 n.d.Z.) und Herodes Antipas (4 v.d.Z. – 39 n.d.Z.) bis zum öffentlichen Wirken und dem Tode Jesu (29–30 n.d.Z.)

Jesus brachte dieser Welt keinen Frieden. Seine ersten Lebensjahre fielen mit den Streitigkeiten um Herodes’ Erbe und Tumulten zusammen, die im Zuge von diversen Aufständen ausgebrochen waren. Die Frage der Nachfolge, in die Herodes durch seine widersprüchlichen Verfügungen einige Verwirrung gebracht hatte, wurde schließlich von Augustus entschieden: Herodes’ Reich wurde zu drei Teilen unter seinen überlebenden Söhnen aufgeteilt. *Archelaos wurde die Verantwortung für Judäa, Idumäa und Samaria übertragen (4 v.d.Z. – 6 n.d.Z.), Antipas erhielt Galiläa (4 v.d.Z. – 39 n.d.Z.) und *Philippos die im Norden und Osten an Galiläa angrenzenden Gebiete (4 v. – 33/34 n.d.Z.). Keiner von ihnen erbte den königlichen Titel. Archelaos wurde zum Ethnarchen ernannt, die beiden anderen Söhne in den niedrigeren Rang von Tetrarchen erhoben. Nach dem Tod des starken Mannes, während die Nachfolgeregelungen noch in vollem Gange waren, fühlten sich Rebellen zur offenen Aktion ermutigt. Sowohl der Peräer *Simon als auch *Athronges, »der riesige Hirte«, und vor allem Judas, der Sohn des Ezechias, erhoben sich nun. Doch die von ihnen geführten Aufstände wurden schon bald von Archelaos’ Heer mithilfe der Legionen des *Varus niedergeschlagen, der zu dieser Zeit römischer Statthalter von Syria war. Nachdem er den jüdischen Rebellen Einhalt geboten hatte, ließ er zweitausend von ihnen vor den Toren Jerusalems kreuzigen. Es war der Vorbote der harten Zeiten, die im 1. Jahrhundert n.d.Z. anbrechen sollten.

Zweifellos war der Judas, den man als Sohn des Ezechias aus Gamala bezeichnete, identisch mit dem Mann, der unter dem Namen *Judas der Galiläer bekannt war und im Jahre 6 n.d.Z., als *Quirinius, der römische Statthalter von Syria, eine Steuerschätzung in Judäa durchführen ließ, erneut die Fahne der Aufständischen schwenkte. Das Jahr dieses Zensus wurde vom jüdischen Historiker *Josephus eindeutig mit 6 n.d.Z. angegeben. Das Lukasevangelium verlegt die Steuerschätzung unter Quirinius fälschlicherweise in die Herrschaftszeit von Herodes und führt sie als Grund für die legendäre Reise an, die Jesus’ Eltern *Joseph und *Maria von Nazareth nach Bethlehem angetreten haben sollen. Der von Judas dem Galiläer geführte Aufstand versandete, doch die Revolutionsbewegung, die er gemeinsam mit dem Pharisäer Zadok ins Leben gerufen hatte, blieb über die gesamten kommenden sechzig Jahre aktiv. Sie war für die meisten politischen Unruhen verantwortlich, die im Anschluss unter den Juden ausbrachen und schließlich in dem katastrophalen Krieg gipfelten, der zwischen 66 und 70 n.d.Z. das Land verwüstete und Jerusalem mitsamt allen staatlichen Institutionen des Judentums zerstörte. Der eschatologische Diskurs, den die synoptischen Evangelien (Mk 13, Mt 24, Lk 21) Jesus zuschreiben, ist der Widerhall dieser furchtbaren Ereignisse.

Im Jahr 6 n.d.Z. erlebte die politische Landschaft Palästinas eine deutliche Veränderung. Galiläa, wo Jesus aufwuchs, konnte seine politische Unabhängigkeit noch wahren. Solange sein Herrscher Herodes Antipas den Frieden nicht gefährdete und dem Kaiser Tribut zollte, ließ man ihn unbehelligt seinen Amtsgeschäften nachgehen. In Judäa wurde die Regierungsgewalt nach der Absetzung und Verbannung des Archelaos hingegen an einen von Augustus eingesetzten römischen Präfekten übertragen.

Im Allgemeinen zog Rom es vor, die Verwaltungsmacht (die Wahrung des Friedens und das Eintreiben von Steuern) an die herrschende jüdische Klasse, die Oberpriester und den Sanhedrin, zu delegieren. Auch von direkten Einmischungen in das religiöse Leben der Juden hielt sich Rom zurück. Indirekt erstreckte sich die Macht der römischen Statthalter allerdings auch auf die Ernennung und Absetzung der jüdischen Hohepriester. Die meisten von ihnen blieben nur kurze Zeit – ein Jahr oder einige wenige Jahre – im Amt. Es gab jedoch zwei Ausnahmen, zwei Männer, die jeweils eine wichtige Rolle beim Prozess Jesu spielen sollten, nämlich den einstigen Hohepriester *Hannas (6–15 n.d.Z.) und dessen Schwiegersohn Joseph *Kaiaphas, der das Hohepriesteramt von 18 bis 36/37 n.d.Z. innehatte: Hannas verhörte Jesus, Kaiaphas lieferte ihn an Pilatus aus. Da jedoch der amtierende römische Präfekt von Judäa die Gewänder des Hohepriesters aufbewahrte, konnte er natürlich auch dessen Amtshandlungen kontrollieren, denn jede hohepriesterliche Aufgabe erforderte das Tragen eines anderen feierlichen Gewands. Die pharisäischen Lehrer, die vor allem in Jerusalem und in den judäischen Städten wirkten, genossen hingegen völlige Freiheit. Drei berühmte Schulhäupter – *Hillel, dessen Ideen sich zum Teil auch in den Lehren Jesu wiederfinden, Hillels Gegenspieler *Schammai und *Gamaliel der Alte, der auch in der Apostelgeschichte anerkennend erwähnt wird – wirkten in den ersten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts n.d.Z. und somit zu Jesu Lebzeiten. Dass die asketischen Essener, die sowohl von *Philo von Alexandria als auch von Josephus beschrieben werden und denen wir die Schriftrollen vom Toten Meer verdanken, ihren Glauben zurückgezogen in Qumran und anderenorts pflegten, steht völlig außer Frage. Sie beeinflussten das jüdische Leben zwar mehr durch ihren Ruf und ihre moralische Autorität als durch irgendwelche direkten Einwirkungen, da es ihnen durch ihre Regeln verboten war, Personen einzuweihen, die nicht ihrer Sekte angehörten. Dennoch könnte ihre Gemeinschaft das Vorbild für den Aufbau der christlichen Urkirche in Jerusalem gewesen sein. Die Essener lebten laut den Berichten von Josephus, Philo, Plinius dem Älteren und ihren eigenen Qumraner Gemeinschaftsregeln aus einem Gemeinschaftstopf; die Urchristen taten es auch, nur dass dieser Topf in ihrem Fall von den Aposteln verwaltet wurde. Einige charismatische Regenmacher, Exorzisten und Heiler wie zum Beispiel die Enkel des Honi oder wie *Abba Hilkia, *Hanan oder der galiläische Gottesmann *Hanina ben Dosa stammten aus derselben Gegend und wirkten ebenfalls in der Zeit, die dem Ersten Jüdischen Krieg unmittelbar voranging.

Das öffentliche Wirken Jesu lässt sich exakt in die Amtszeit von Kaiser Tiberius (14–37 n.d.Z.) einordnen. Es fand statt, als Pontius Pilatus Statthalter von Judäa (26–36 n.d.Z.) und Kaiaphas Hohepriester (18–36/37 n.d.Z.) waren. Dem Lukasevangelium zufolge betrat Johannes der Täufer die öffentliche Bühne im fünfzehnten Jahr der Regentschaft des Tiberius (29 n.d.Z.), kurz darauf folgte Jesus, der höchstwahrscheinlich im Jahr 30 n.d.Z. unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde. Von den beiden großen jüdischen Autoren des 1. Jahrhunderts n.d.Z. war nur Philo von Alexandria (20 v.d.Z. – 40 n.d.Z.) ein Zeitgenosse Jesu, wohingegen Flavius Josephus (37 – ca. 100 n.d.Z.) bereits der nächsten Generation angehörte, die die Anfänge der judenchristlichen Gemeinde miterlebte. Da alle wichtigen Personen aus dem Neuen Testament einen eigenen Eintrag im Who’s Who dieses Buches haben, scheint es mir überflüssig, hier eigens auf sie einzugehen. Die Informationen, die sich in Josephus’ Werk Jüdische Altertümer über Johannes den Täufer und Jesus von Nazareth finden – und die manchmal mit den Geschichten aus den Evangelien übereinstimmen, manchmal aber auch nicht –, sind nach dem heutigen Stand der Wissenschaft authentisch und werden in den relevanten Beiträgen dieses Buches deshalb auch entsprechend behandelt.

Am Ende dieser Periode (41 n.d.Z.) waren Augustus und Tiberius Geschichte, während der verrückte Gaius *Caligula nach wie vor sein kaiserliches Unwesen unter den Juden trieb und zum Beispiel die Aufstellung einer Kaiserstatue im Jerusalemer Tempel und somit seine eigene Anbetung befahl. Herodes Antipas und Pontius Pilatus wurden zeitgleich von den Römern ihrer Ämter enthoben und in den Süden Galliens verbannt, Kaiaphas wurde als Hohepriester abgesetzt. Die Führung der christlichen Bewegung in Judäa lag in den Händen von *Petrus und *Jakobus, dem Bruder Jesu; außerhalb von Palästina wurde sie jedoch bald schon von der alles überragenden Figur des Saul aus Tarsus alias Paulus dominiert. Noch war die Jesusbewegung fest in der jüdischen Gesellschaft Palästinas verankert, doch es sollte nicht mehr lange dauern, bis sie sich unilateral unabhängig erklärte und der Evangelisierung der nichtjüdischen Welt im Römischen Reich verschrieb.

4. Von Agrippa I. (41–44 n.d.Z.) über die römischen Prokuratoren (44–66 n.d.Z.) und den Ersten Jüdischen Krieg (66–73/74 n.d.Z.) bis zu den Anfängen des Judenchristentums und dem Wirken des Paulus

Die Periode von Agrippa I., einem Enkel von Herodes dem Großen, der im Jahr 41 n.d.Z. von Caligula zum König der Juden ernannt wurde, bis zum Fall von Jerusalem und Masada am Ende des Ersten Jüdischen Kriegs gegen die Römer (66–73/74 n.d.Z.) zeugt von einer sich stetig verschlechternden politischen Lage. Den römischen Prokuratoren, denen der jüdische Staat seit dem Tod des Agrippa I. im Jahr 44 n.d.Z. bis zum Kriegsausbruch im Jahr 66 n.d.Z. unterstand, gelang es nur selten, die volle Kontrolle auszuüben. Auch die sachverständige Hilfe, die Agrippa II., der Sohn von Agrippa I. – ein am römischen Kaiserhof erzogener Lebemann, dem Kaiser Claudius das Königtum von Batanäa, Trachonitis und Gaulanitis zuerkannte – den Römern anbot, reichte nicht aus, um die Probleme im Land zu meistern. Die gewaltbereite Fraktion der aufständischen jüdischen Sikarier (Dolchträger) machte allen das Leben schwer. Sie zeigten sich nicht einmal beeindruckt, als Tiberius Iulius *Alexander, der römische Prokurator von Judäa, ein Exempel statuierte und die beiden Söhne von Judas dem Galiläer gefangen nehmen und kreuzigen ließ. Die Inkompetenz und Korruption der letzten Prokuratoren schürten die gereizte Stimmung zusätzlich.

Auch das aufkeimende Christentum erlebte seine Hochs und Tiefs in diesen Jahren. Gleich zwei führende Persönlichkeiten des Urchristentums in Palästina kamen gewaltsam zu Tode. Aus Gründen, die uns der Autor der Apostelgeschichte nicht enthüllt, soll der ansonsten geradezu berüchtigt milde Agrippa I. *Jakobus, Sohn des Zebedäus, zum Tode durch Enthauptung verurteilt haben, was zweifellos die Art von Todesstrafe war, die eine weltliche Behörde für ein weltliches Verbrechen verhängte. Der Hohepriester *Hannas ben Hannas soll dem frommen *Jakobus, Bruder Jesu, hingegen wegen einer »Gesetzesübertretung« die – laut Josephus ungerechtfertigte – Strafe der Steinigung bis zum Tode auferlegt haben. Das Martyrium der Apostel Petrus und Paulus verlegt die Kirchentradition in die letzten Jahre von Kaiser *Nero, dessen Regentschaft im Jahr 68 n.d.Z. endete. Sicher ist, dass den Juden in Palästina auch weiterhin das Evangelium gepredigt wurde. Doch die Erfolge hielten sich in Grenzen, weswegen das Apostelkonzil von Jerusalem im Jahr 49 n.d.Z. Paulus und *Barnabas grünes Licht für die Fortführung ihrer bemerkenswert effizienten Mission unter den Nichtjuden in der Fremde gab. Zuvor hatte das Konzil die bis dahin geltende Voraussetzung abgeschafft, dass Nichtjuden vor der Taufe erst einmal zum Judentum übertreten und nichtjüdische Männer sich der obligatorischen Beschneidung unterziehen mussten. Paulus und seine Helfer verkündeten zwischen 49 und 58 n.d.Z. den Bewohnern Kleinasiens und auf dem griechischen Festland das Evangelium; auch die Paulusbriefe wurden allesamt in den Fünfziger-, vielleicht auch noch Anfang der Sechzigerjahre des 1. Jahrhunderts verfasst. Die Ereignisse, die uns aus Paulus’ Leben überliefert wurden, lassen sich mit Begebenheiten aus der römischen Geschichte in Einklang bringen: Sein Erscheinen vor dem Tribunal des *Gallio, Bruder des Philosophen Seneca, fand irgendwann zwischen den Jahren 51 und 53 n.d.Z. statt, zu der Zeit, als Gallio Prokonsul von Achaia war. Verhaftet hatte man Paulus in Jerusalem in den letzten Amtsjahren des Prokurators *Felix (52–60 n.d.Z.). Da Paulus zwei Jahre später, als Felix im Jahr 60 n.d.Z. von *Festus abgelöst wurde, noch immer in Caesarea gefangen gehalten wurde, muss er seine Haft also im Jahr 58 angetreten haben. Zur Fortsetzung seines Prozesses vor Nero wurde er nach Rom gebracht, wo er eintraf, nachdem er gegen Ende des Jahres 60 n.d.Z. vor Malta ein Schiffsunglück überlebt hatte.

Die Sturmwolken brauten sich zusammen, der katastrophale Krieg gegen das Römische Reich wurde trotz aller anfänglichen Bemühungen der jüdischen Oberschicht unvermeidlich. Wir kennen alle Details darüber aus dem Bericht des Josephus, der anfänglich selbst, wenn auch etwas halbherzig, ein Militärführer der aufständischen Juden war. Bald schon ging das Kommando jedoch auf gewaltbereitere Männer wie *Johannes von Gischala, *Simeon bar Giora und den Befehlshaber von Masada, *Eleazar ben Jair, über. Eleazar war ein Enkel von Judas dem Galiläer, dem Patriarchen aller Rebellen, und der gewiss entschlossenste unter den Aufständischen. Doch keiner von ihnen war den Legionen der beiden künftigen römischen Kaiser *Vespasian und *Titus gewachsen. Der Kampf war blutig. Tagtäglich wurden Tausende von gefangenen Juden gekreuzigt. Jerusalem wurde zerstört und der Tempel bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Nicht einmal die angeblich uneinnehmbare Festung Masada konnte die Mannen und Kriegsmaschinerien des römischen Statthalters *Silva im Jahr 73/74 n.d.Z. noch aufhalten. Die voraussichtigen Verteidiger beschlossen allerdings, lieber von eigener Hand zu sterben, als sich von den Römern foltern und kreuzigen zu lassen.

Nach jüdischer Überlieferung siedelten sich *Jochanan ben Zakkai und *Gamaliel II. mit Vespasians Genehmigung in der Küstenstadt Javne (Jamnia) an, um dort mit einer Gruppe von engagierten Rabbanan den jüdischen Glauben neu zu definieren, der nun ohne Tempel, ohne Hohepriester und ohne Sanhedrin auskommen musste.

Wie es um die judenchristliche Kirche bestellt war, wird in dem eschatologischen Diskurs umrissen, den die synoptischen Evangelien Jesus zuschreiben. Die theologische Tradition des Christentums, die Jahrhunderte später vom Kirchenhistoriker Eusebius aufgezeichnet wurde, legte die Zerstörung der Stadt Jerusalem als eine göttliche Strafe aus, die den Juden auferlegt worden sei, weil sie »zu dem Verbrechen an dem Erlöser auch noch die höchst zahlreichen Vergehen an seinen Aposteln begangen hatten« (Hist. Eccl. III, 5,2). Eusebius zufolge waren die Mitglieder der Kirche von Jerusalem von einem prophetischen Orakel vor dem Ausbruch des Krieges gewarnt worden und deshalb aus der Hauptstadt nach Pella in Transjordanien gewandert. Uns fehlt jede unabhängige Bestätigung dieser Aussage, es wird uns auch nichts über das weitere Schicksal dieser Migranten nach Pella berichtet. Allerdings verweist auch eine andere christliche Legende auf eine Christenverfolgung durch *Simeon bar Kosiba (Bar Kochba), den Anführer im Zweiten Jüdischen Krieg: Sie deutet an, dass die christlichen Abwanderer den Jordan nach dem Kriegsende erneut überschritten und sich wieder in Palästina angesiedelt hätten.

5. Vom Fall Jerusalems bis zum Ende des Zweiten Jüdischen Krieges unter Kaiser Hadrian und der Abwanderung des Christentums aus seinem ursprünglichen jüdischen Umfeld (70–135 n.d.Z.)

Die Nachwehen des ersten niedergeschlagenen Aufstands gegen Rom brachten harte Lebensumstände für Juden und Christen mit sich. Der siegreiche Kaiser Vespasian behandelte das gesamte eroberte Gebiet wie sein Privateigentum. Ganz abgesehen vom Verlust ihrer staatlichen und religiösen Institutionen mussten alle Juden in Palästina und der Diaspora die Demütigung ertragen, dass die jährliche Kopfsteuer, die sie bis dahin bereitwillig zum Erhalt des Tempels in Jerusalem gezahlt hatten, konfisziert und in eine Judensteuer (fiscus Iudaicus) umgewandelt wurde, die dem Erhalt des Jupiter-Capitulinus-Tempels in Rom diente. Unter Domitian (81–96 n.d.Z.) wurde diese Steuer mit besonderer Härte eingetrieben. (An einer Münze, die sein Nachfolger Nerva [96–98 n.d.Z.] prägen ließ, lässt sich jedoch erkennen, dass man unter ihm weniger streng verfuhr.) Eine Konversion zum jüdischen Glauben wurde als Hinwendung zum Atheismus betrachtet und war strengstens verboten. Als sich im Jahr 115 n.d.Z. die Juden von Cyrene und Ägypten erhoben, schürte *Trajan den virulenten Antijudaismus der Römer noch. Der große Konflikt des Zweiten Jüdischen Krieges (132–135 n.d.Z.) zeichnete sich bereits am Horizont ab.

Die Gründe für den Aufstand der Juden, der unter Kaiser Hadrian von Simeon bar Kosiba (Bar Kochba) ausgerufen und angeführt wurde, waren lange Zeit heftig umstritten. Doch dank eines ganzen Archivs von Rechtsurkunden und Briefen, die in den Fünfzigerjahren und Anfang der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts in den Höhlen des Wadi Murabba‘at und Wadi Seiyal in der Judäischen Wüste entdeckt wurden, wissen wir inzwischen mehr über die Umstände dieses Krieges und die Zeit, in der das Land von den Aufständischen selbst verwaltet wurde. Der römische Statthalter von Judäa, *Tineius Rufus, war nicht in der Lage, sich gegenüber den aufständischen Truppen des Simeon, der sich selbstherrlich zum Herrscher gekürt und »Simeon, Fürst (Nasi) von Israel« nannte, zu behaupten. Es dauerte drei aufreibende Jahre und bedurfte heftiger Kämpfe, bei denen auf beiden Seiten eine Menge Blut vergossen wurde, bis Roms größter Feldherr Iulius Severus eigens aus dem weit entfernten Britannien zu Hilfe geholt wurde. Ihm gelang es im Jahr 135 n.d.Z. schließlich, den Aufstand niederzuschlagen. Die Jahre danach waren von Verfolgungen geprägt, denen auch so berühmte Rabbanan wie Akiba zum Opfer fielen. Die Ausübung des jüdischen Glaubens war unter Androhung der Todesstrafe verboten. Juden wurden scharenweise aus Judäa vertrieben. Ihre alte Hauptstadt wurde vom Kaiser verschwenderisch zu einer paganen Metropole ausgebaut und sogar ihres alten Namens beraubt: Nun nannte man sie zu Ehren des siegreichen Publius Aelius Hadrianus Aelia. Außerhalb von Judäa, insbesondere in Galiläa, gab es jedoch weiterhin jüdisches Leben. Und dank des Eifers und der Beharrlichkeit der führenden talmudischen Gelehrten gewann der jüdische Glaube schließlich neuen Auftrieb, und zwar in der Form, in der er in der Mischna und dem Talmud Yerushalmi – Jerusalemer Talmud (auch Palästinensischer Talmud genannt, obwohl er genau genommen ein galiläischer ist) – neu erläutert und schriftlich niedergelegt wurde.

Auch Judenchristen aus der Jesusbewegung in Palästina, die von den Römern nur als eine kleine judäische Sekte betrachtet wurde, gab es nach der Zerstörung Jerusalems noch. Diese von den späteren Kirchenvätern als Eboniten oder Nazaräer bezeichneten Anhänger Jesu wurden jedoch als Häretiker behandelt, weil sie sich den zwischenzeitlich entwickelten christlichen Lehren von der Göttlichkeit Jesu und der Jungfräulichkeit Mariens verweigerten und im Alltag streng an die traditionellen jüdischen Gesetze hielten. Was sie betrifft, haben nur wenige Nachweise überlebt, abgesehen von gelegentlichen Anekdoten in der talmudischen Literatur. Solche Geschichten wie die vom Judenchristen *Jakob aus Kefar Sechania, der einen Rabban im Namen Jesu geheilt haben soll, oder wie die von dem legendären Geständnis des berühmten Rabban Eliezer ben Hyrkanos, dass er an einer Lehre des Jesus von Nazareth Gefallen gefunden habe, legen nahe, dass diese Judenchristen und Juden nach wie vor ziemlich schlecht miteinander auskamen.

Wenn man der christlichen Überlieferung, die im 4. Jahrhundert n.d.Z. von Eusebius weitergegeben wurde, Glauben schenken kann, dann blieb auch die Familie des Jesus nicht von den Fahndungen der Römer nach jüdischen Rebellen verschont, die die Zeit zwischen Vespasian und Trajan überlebt hatten. Auch seine Familienmitglieder wurden verdächtigt, die Erwartungen auf eine Wiederkehr des Messias zu schüren. Doch zweifellos kühlten sich die christlichen Hoffnungen auf eine unmittelbar bevorstehende Parusie schon bald ab, wodurch natürlich auch die Gefahr von römischen Vergeltungsmaßnahmen abnahm. Allerdings geschah das erst, nachdem die Enkel des *Judas und somit Großneffen des Jesus unter Domitian auf eine schwarze Liste gesetzt worden waren und nachdem *Symeon, Sohn des Klopas und somit ein Vetter des Jesus sowie der Nachfolger von Jesu Bruder Jakobus im Amt des Bischofs von Jerusalem, im ersten Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts n.d.Z. unter Trajan den Märtyrertod gestorben war.

Auch die Aussichten für die nichtjüdischen Christen, die den von Paulus in der römischen Welt gegründeten Kirchen angehörten, waren düster. Bereits unter Nero wurden sie als Anhänger eines schändlichen Aberglaubens betrachtet. Viele von ihnen wurden in Rom gekreuzigt. Unter Trajan wurde die Zugehörigkeit zur Kirche zwar noch nicht per se als ausreichender Grund für Strafmaßnahmen betrachtet, war aber dennoch zunächst einmal vom Ruch des Verbrecherischen umgeben. Während sich die Situation der Juden im Römischen Reich in den beiden Jahrhunderten nach der Niederlage von Bar Kochba still und leise zu verbessern begann, sahen sich die Christen einer Verfolgung nach der anderen und der ständigen Verschlechterung ihrer Lage ausgesetzt. Erst der Sieg von Kaiser Konstantin an der Milvischen Brücke kehrte diesen Prozess im Jahr 312 n.d.Z. vollständig um und verhalf dem Christentum zur Oberhand.

Diese in knappster Form zusammengefasste Darstellung der jüdischen und judenchristlichen Geschichte, von der Annektierung Judäas und der Verwandlung des Landes in eine römische Provinz im Jahr 63 v.d.Z. bis zum Ende des Zweiten Jüdischen Kriegs gegen Rom im Jahr 135 n.d.Z., soll neben dem nun folgenden Who’s Who zu einem dynamischen Verständnis des historischen Jesus von Nazareth und seiner Zeit beitragen. Jesus steht im Mittelpunkt von zweihundert ereignisreichen Jahren: Er starb ungefähr hundert Jahre nach Pompeius’ Einfall in Jerusalem und hundert Jahre vor der Niederlage Bar Kochbas in der Schlacht bei Bethar.

Ich hoffe aufrichtig, dass die historische Perspektive, die sich durch die folgenden Vignetten eröffnet, den Leser in die Lage versetzen wird, die führenden Personen aus dem Neuen Testament historisch realistisch einzuordnen und ihre Verflechtungen mit den jüdischen und römischen Protagonisten aus der Gesellschaft ihres Zeitalters besser zu verstehen.

WHO’S WHO

A

ABBA HILKIA

Abba Hilkia war ein charismatischer Regenmacher, der Enkel von *Honi dem Kreiszeichner und vermutlich ein älterer Zeitgenosse von *Jesus. Die talmudischen Schriften enthalten keine Details über sein Leben. Wenn er aber tatsächlich mit dem ungenannten Chassid aus Kefar Imi identisch war, der im Jerusalemer Talmud (auch Palästinensischer Talmud genannt) erwähnt wird, dann würde zumindest die Lage dieses Dorfes bedeuten, dass er Galiläer war. Nur eine einzige Anekdote über ihn hat überlebt, doch allein die ist ungemein interessant und aussagekräftig.

Abba Hilkia war ein schlichter und offenbar ungeselliger Mann vom Lande. Während einer Dürrezeit schickten die Rabbanan zwei Abgesandte zu ihm, die ihn anflehen sollten, dass er um Regen beten möge. Sie fanden ihn beim Pflügen auf dem Feld. Er aber beachtete die Boten nicht, beendete seine Arbeit, ging barfuß nach Hause und setzte sich zu Tisch, ohne den Männern etwas anzubieten. Das Essen im Haus reichte nicht für Gäste. Nach dem Mahl bat er seine Frau, noch immer ohne Notiz von den beiden Schülern zu nehmen, mit ihm auf das Dach des Hauses zu steigen und um Regen zu beten. Er kannte den Grund ihres Kommens, ohne dass er ihm mitgeteilt worden war. Abba Hilkia sprach von der einen Ecke des Daches zu Gott, seine Frau von der anderen. Dass die Wolken dann »zuerst von der Seite der Frau« kamen, legt nahe, dass ihr Gebet größere Wirkungskraft hatte. Nachdem das Wunder vollbracht war, fragte Abba Hilkia die beiden Boten endlich nach dem Grund ihres Kommens, und als sie ihn nannten, erwiderte er bescheiden, dass sein Gebet nun ja offensichtlich nicht mehr gebraucht würde. Doch die beiden angehenden Rabbanan ließen sich nicht zum Narren halten: »Wir wissen, daß der Regen wegen des Meisters gekommen ist.«

Diese Geschichte illustriert auf wunderbare Weise die Psychologie des Charismatikers: Er war geradezu übertrieben bescheiden und wusste im Voraus, was die Menschen von ihm erwarteten. Er schrieb sich das vollbrachte Wunder nicht selbst zu, sondern tat so, als sei der Regen dem Gebet seiner Frau zu verdanken oder als hätten sich ohnedies gerade Wolken zusammengebraut und sein Bittgebet sei deshalb gar nicht mehr nötig gewesen. Die beiden Abgesandten, die hier für die typischen Durchschnittsjuden der damaligen Zeit stehen, bezweifelten jedoch keinen Moment, dass Abba Hilkia das Wunder vollbrachte. Die Anekdote erinnert an die vielen Passagen in den Evangelien, die bezeugen, dass Jesus die Heilung eines Kranken nicht seinen eigenen charismatischen Kräften, sondern dem Glauben des Genesenen zuschrieb. (Quelle: bTaan 23ab)

AGABUS

Agabus war ein charismatischer Judenchrist und Prophet, der im Neuen Testament zwei Mal im Zusammenhang mit *Paulus erwähnt wird. In der ersten Passage heißt es, er sei mit anderen Propheten nach Antiochia gekommen und habe dort geweissagt, dass eine große Hungersnot über die Erde kommen werde. Tatsächlich brach zur Herrschaftszeit von Kaiser *Claudius eine Hungersnot aus. Auch *Josephus vermerkt, dass in Judäa Hunger herrschte, als Tiberius Iulius *Alexander Prokurator war (46–48 n.d.Z.). Der zweite prophetische Auftritt von Agabus hing mit Paulus’ Ankunft in Caesarea zusammen, wenige Tage vor seiner Verhaftung im Jahr 58 n.d.Z. Der Prophet sei von Judäa herabgekommen, habe den Gürtel des Apostels genommen und sich damit Füße und Hände gebunden, um das Schicksal seines Besitzers zu deuten, und dann geweissagt, dass dieser von Juden gefesselt und »den Heiden« ausgeliefert würde. (Aus Sicht des Autors der Apostelgeschichte war weder Agabus noch Paulus Jude; grundsätzlich als Juden bezeichnete er dafür all ihre Feinde.)

Die Geschichte des Abakus ist nicht ungewöhnlich. Weissagungen und andere charismatische Handlungen gab es zur Zeit des entstehenden Judenchristentums in Palästina zuhauf: Wunderheilungen oder die sogenannte Zungenrede, die erstmals während des Pfingstereignisses bei den Aposteln beobachtet wurde, an späterer Stelle des Neuen Testaments auch bei den Hausangehörigen des römischen Zenturio *Cornelius oder bei den vier unverheirateten Töchtern des Diakon *Philippus und schließlich auch bei den nichtjüdischen Mitgliedern der von Paulus gegründeten Korinther Kirche (1 Kor. 12,10; 14,1–25). Agabus war also ein typischer Vertreter des Urchristentums. (Quellen: Apg 11,28 u. 21,10. Josephus, AJ 20,5.101.)

AGRIPPA I.

Agrippa (Herodes Agrippa) war der Spross von *Aristobulos, dem hingerichteten Sohn von *Herodes dem Großen, und *Berenike, der Tochter von Herodes’ Schwester *Salome und deren drittem Ehemann Kostobar, der ebenfalls von Herodes hingerichtet worden war. Agrippa wurde im Jahr 10 v.d.Z. geboren und im Alter von sechs Jahren von seinem Großvater nach Rom geschickt, wo er über ein Vierteljahrhundert blieb, um eine angemessene Erziehung zu erhalten.

Bevor Agrippa im Jahr 37 n.d.Z. in die Levante zurückkehrte, um das Erbe des Tetrarchen *Philippos anzutreten und schließlich König von Judäa zu werden (41–44 n.d.Z.), führte er ein abenteuerliches Leben in den höchsten Kreisen Roms, das seine Verhältnisse weit überstieg. Er freundete sich mit Drusus an, dem Sohn von Kaiser *Tiberius, und nahm enorme Schulden auf, um mit dem Milieu der Oberschicht Schritt halten zu können. Doch mit dem Tod von Drusus verlor Agrippa die kaiserliche Protektion. Die Geldverleiher setzten ihn so unter Druck, dass er sich schließlich zur Flucht gezwungen sah. Eine Zeit lang verschwand er aus dem Blickfeld und zog sich in eine idumäische Festung zurück, wo er sogar an Selbstmord dachte. Seine Schwester *Herodias, die zu dieser Zeit mit *Antipas, dem Tetrarchen von Galiläa, verheiratet war, kam ihm zu Hilfe. Agrippa wurde ein Haus in der Residenzstadt Tiberias gestellt und der Posten eines Aufsehers der Märkte übertragen. Bald schon entzweite er sich mit seinem Schwager, verlor seinen Aufsichtsposten und fand Zuflucht bei seinem alten römischen Freund Flaccus, der zu dieser Zeit Statthalter der Provinz Syria war. Aber auch dieses Arrangement platzte, als Flaccus von der Unredlichkeit seines Gastes erfuhr. Mittels eines Kredits, den sich Agrippa auf dubiosen Wegen verschafft hatte, gelang ihm im Jahr 36 n.d.Z. die Flucht nach Italien, wo ihn Tiberius in seiner Residenz auf Capri willkommen hieß. Allerdings musste er sich erst von der Mutter des künftigen Kaisers *Claudius genügend Geld borgen, um seine hohen Schulden bei Tiberius zu begleichen. Derweil schmeichelte er sich auch bei Gaius *Caligula ein, doch nachdem er leichtsinnigerweise den Wunsch geäußert hatte, dass Tiberius seinen Platz möglichst bald für Caligula räumen sollte, und dem Kaiser von diesem erlauschten Gespräch berichtet worden war, landete Agrippa im Gefängnis.

Sechs Monate später, im Frühjahr 37 n.d.Z., starb Tiberius. Als Caligula den Thron bestieg, wandte sich Agrippas Schicksal sofort zum Besseren. Sein enger Freund, der neue Kaiser, befreite ihn nicht nur aus dem Kerker, sondern übergab ihm auch die Tetrarchie des Philippos und verlieh ihm den Königstitel. Als Entschädigung für seine Zeit im Gefängnis tauschte Caligula Agrippas Eisenkette gegen eine Kette desselben Gewichts aus purem Gold ein. Im Herbst des Jahres 38 n.d.Z. kehrte Agrippa in die Heimat zurück, um sein neues Königreich zu übernehmen. Zwei Jahre später überließ ihm sein kaiserlicher Freund auch Galiläa und Peräa, die einstigen Hoheitsgebiete des in Ungnade gefallenen Herodes Antipas. Im Jahr 40 n.d.Z. gelang es Agrippa, nun wieder in Rom, Caligula eine Weile lang von seinem Plan abzubringen, im Tempel von Jerusalem eine Bildsäule von sich aufstellen zu lassen. Nach der Ermordung des wahnsinnigen Kaisers zu Beginn des Jahres 41 n.d.Z. gelang es Agrippa, Claudius, der ebenfalls ein Freund aus Kindheitstagen war, den Kaiserthron zu sichern. Der neue Kaiser bedankte sich, indem er dem bisherigen Reich dieses vom Glück gesegneten, hochwohlgeborenen Abenteurers noch Judäa und Samaria angliederte. Zwischen 41 und 44 ...

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