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Annie und der sinnliche Italiener

BRIEF

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Carole Mortimer

Anna und der sinnliche Italiener

PROLOG

Italienisches Ski-Resort, Januar 2006

„Sind Sie von Ihren Freunden abgehängt worden?“

Die tiefe Stimme mit dem kaum hörbaren italienischen Akzent ließ Annie zusammenzucken. Über ihren Rücken rann ein seltsamer Schauer, der weder mit der eisigen Bergluft noch mit der gefährlichen schwarzen Piste zu tun hatte, die vor ihr lag. Letztere flößte ihr zwar einigen Respekt ein, sodass sie überlegte, ob sie ausgerechnet heute diese waghalsige Abfahrt versuchen sollte, doch das Kribbeln entlang ihrer Wirbelsäule hatte eindeutig eine ganz andere Ursache.

Langsam wandte sie den Kopf, um einen Blick auf den Mann zu werfen, der sie angesprochen hatte. Wow! war ihr erster Eindruck … und auch der zweite!

Groß, breitschultrig, schmalhüftig und ganz in Schwarz gekleidet, erinnerte er sie an die männlichen Topmodels, mit denen ihre Schwester Bella zusammenarbeitete. Außer, dass er nicht so künstlich und auf Wirkung bedacht schien, sondern unverfälschte, maskuline Präsenz ausstrahlte.

Die verspiegelte schwarze Sonnenbrille verhinderte zwar den Blick auf seine Augen, aber auch so raubte ihr sein Anblick schlichtweg den Atem. Schwarzes schulterlanges Haar lugte unter der wollenen Skimütze hervor. Das markante Gesicht war tief gebräunt, und mit der kühn geschwungenen Nase, dem gut geschnittenen Mund und der aggressiven Kinnpartie bot der Fremde ein durchaus beeindruckendes Bild.

Amüsiert von ihrer strengen Musterung lächelte er und zeigte dabei ein strahlend weißes Raubtiergebiss. „Oder haben Sie sich nur ganz spontan gegen diese spezielle Abfahrt entschieden?“

Das traf so genau zu, dass sie laut auflachte und überrascht den Kopf schüttelte. Tatsächlich war sie anfangs nicht einmal sicher gewesen, ob sie überhaupt mit auf den Kurzurlaub wollte. Doch ihre Kommilitonen waren ganz versessen darauf, zwischen Weihnachten und Silvester zum Skilaufen nach Italien zu fahren, bevor sie sich in die Vorbereitungen fürs Abschlussexamen im Sommer stürzten.

Entgegen ihrer Vorbehalte hatte die letzte Woche Annie dann doch viel Spaß gemacht, auch Dank des perfekten Wetters. Tagsüber tummelten sie sich auf den Pisten, und abends feierten sie zusammen mit neuen Freunden ausgelassene Partys in dem gemieteten Chalet. Nach jahrelangen verbissenen Wettstreits mit ihren Schwestern während des alljährlichen Familien-Skiurlaubs in Klosters fühlte Annie sich in der entspannteren Gesellschaft ihrer Kommilitonen entschieden wohler.

Allein deshalb hatte sie heute, an ihrem drittletzten Urlaubstag, überhaupt den Schneid gehabt, die schwarze Piste ins Visier zu nehmen. Nachdem sich jedoch auch der letzte ihrer Freunde schneidig den steilen Berg hinuntergestürzt hatte, geriet sie in Panik. Wahrscheinlich saßen alle inzwischen wie verabredet unten in dem gemütlichen Café und nippten an einem heißen Kakao mit Schuss … während sie hier oben stand und den umwerfenden Italiener anstarrte!

„Ich wollte mir nur eine kleine Verschnaufpause gönnen“, behauptete sie nicht ganz aufrichtig.

Sein wissendes Lächeln ließ sie erröten. „Na bestens, wenn Sie sich erholt haben, könnten wir beide doch ein heißes Rennen ins Tal veranstalten.“

Fast hätte Annie lautstark protestiert. Es war absolut verrückt, viel zu gefährlich und viel zu leichtsinnig, auch nur daran zu denken, den verwegenen Vorschlag des dunkelhaarigen Adonis’ anzunehmen! Andererseits …

Leichtsinnig, gefährlich, verrückt …

Was für eine Herausforderung und Abwechslung zu ihrem Leben, das bisher eher ruhig, vernünftig und gradlinig verlaufen war. War es nicht höchste Zeit, etwas Verwegenes zu tun? Zum Beispiel mit diesem heißen Typen die schwarze Piste hinunter zu sausen?

Annie straffte entschlossen die Schultern. „Prima Idee!“ Sie holte tief Luft, und dann, bevor ihr Wagemut sie womöglich verließ, stemmte sie die Skistöcke in den Schnee und stieß sich ab.

Selbst als einigermaßen sichere und versierte Skiläuferin war Annie für den Italiener keine Konkurrenz. Innerhalb weniger Sekunden hatte er sie überholt und schoss vor ihr über die Piste.

Obwohl sie ihre ganze Konzentration benötigte, um auf den Beinen zu bleiben, kam Annie nicht umhin, seinen kraftvoll eleganten Laufstil zu bewundern. Um sie nicht ganz abzuhängen, vollführte er weite Schwünge, die so souverän und beeindruckend wirkten wie das Flugbild eines Adlers.

Als sie schließlich atemlos und erhitzt am Ende der Piste zu ihm aufschloss, leuchteten ihre roten Wangen mit den strahlend blauen Augen um die Wette.

„Das hat unglaublich Spaß gemacht!“

„Ja, nicht wahr?“ Wieder bedachte er sie mit diesem nachlässigen Lächeln, das so ungeheuer sexy und herausfordernd wirkte.

„Wollen wir es noch einmal versuchen?“, schlug Annie spontan vor, aus Angst, die aufregende Begegnung könnte sonst viel zu früh enden. Im Vergleich zu ihren drei älteren, umwerfend attraktiven Schwestern, stand sie eher selten im Mittelpunkt männlicher Aufmerksamkeit. Und dann auch noch eines solchen Prachtexemplars!

Diese unverhoffte Gelegenheit kam ihr vor wie ein Geschenk des Himmels. Sozusagen das Sahnehäubchen auf einem wider Erwarten äußerst vergnüglichen und erholsamen Urlaub! Wer weiß, was sich daraus noch entwickeln konnte …

„Für mich ist heute Schluss mit Skilaufen“, erklärte der Fremde zu ihrer Enttäuschung. „Lieber will ich mir in meinem Chalet einen stärkenden Happen und einen anständigen Grappa genehmigen.“

Der Glanz in Annies Augen erlosch. „Oh … na ja, okay“, murmelte sie unbeholfen.

„Wie wär’s, wollen Sie mir dabei nicht Gesellschaft leisten?“ Diese Frage vertrieb ihre aufsteigende Enttäuschung auf der Stelle.

„Will ich das?“, fragte sie überrascht blinzelnd und lachte dann verlegen. „Na sicher, warum nicht? Ich meine … ich nehme Ihre Einladung gern an.“

„Luc …“, stellte ihr Begleiter sich verspätet vor und zog den Handschuh aus, bevor er Annie die Hand reichte.

Sie machte es ihm nach. „Annie …“, murmelte sie, während ihre schmalen Finger in seinen kräftigen verschwanden.

Seit Luc vor zwei Tagen hier angekommen war, hatte er sich bewusst von anderen Menschen ferngehalten. Trotzdem war ihm die muntere Studentengruppe aus England nicht entgangen, die offenbar großen Spaß an ihrem Skiurlaub hatte. Und besonders aufgefallen war ihm diese Annie, wie er das attraktive Geschöpf mit der üppigen kastanienbraunen Haarflut jetzt auch in Gedanken nennen konnte.

Wann immer sie in sein Blickfeld geraten war, hatte sie gelacht oder zumindest einen offenen, fröhlichen Eindruck gemacht, was er überraschend anziehend fand. Ihre Augen leuchteten in dem gleichen, ungewöhnlichen Blau wie der figurbetonte türkisblaue Skianzug, der ihre aufregenden Rundungen eher betonte als verbarg.

Inzwischen dachte er Tag und Nacht daran, wie ihre weibliche Figur wohl ohne die störende Hülle aussehen mochte.

Annie in sein Chalet einzuladen, war eine gute Idee. Vielleicht würde ihre animierende Gesellschaft ihn ein wenig von dem Chaos ablenken, das er in Rom zurückgelassen hatte.

„Ich kann hier auf Sie warten, falls Sie Ihre Freunde informieren möchten“, schlug er mit einem Blick auf die ausgelassene Truppe vor, die es sich an den Tischen vor dem gegenüberliegenden Café gemütlich gemacht hatte.

„Ich … ja, natürlich!“ Annies Röte vertiefte sich. „Wie fürsorglich von Ihnen …“

Angesichts dieser Fehleinschätzung hatte Luc keineswegs den Anstand zu erröten. Ihm ging es einzig darum, dass die anderen nicht irgendwann später auf der Suche nach der Kommilitonin ihre traute Zweisamkeit störten. Lässig strich er Annie mit einem Finger über die Wange und registrierte zufrieden, wie sich ihre wundervollen Augen als Reaktion auf die flüchtige Berührung verdunkelten.

Ein saftiger Pfirsich, der bereit ist, gepflückt zu werden, dachte er zynisch.

„Lass mich nicht zu lange warten, Bella …“

Erneut spürte Annie dieses erregende Kribbeln entlang der Wirbelsäule.

Grundgütiger! Dieser Mann war ebenso gefährlich wie anziehend!

Doch anstatt sich zu fürchten, war sie zum ersten Mal in ihrem Leben wild entschlossen, etwas zu wagen und die Gunst der Stunde zu nutzen.

Und zwar rücksichtslos! Zur Hölle mit den Konsequenzen!

1.KAPITEL

Gardasee, Italien, Juni 2010

„Nur noch ein paar Tage, dann bin ich wieder bei dir, mein Schatz“, versicherte Annie ihrem kleinen Sohn mit warmer Stimme übers Handy.

Ohne das herrliche Wetter oder die traumhafte Umgebung außerhalb der riesigen Fenster des betriebsamen Hotels wahrzunehmen, hetzte sie quer durch die elegante Empfangshalle in Richtung Konferenzraum.

„Ja, ich liebe dich auch, Oliver, und … umpf …“ Ihr Lauf wurde abrupt und schmerzhaft gestoppt, als sie gegen ein massives Hindernis prallte.

Ein überraschend warmes, außerordentlich muskulöses Hindernis, wie sie feststellen konnte, als sie sich instinktiv mit der freien Hand an eine breite Schulter klammerte, um nicht zu stürzen.

„Hoppla! Tut mir leid, ich …“ Ihre lachende Entschuldigung erstarb Annie auf der Zunge, als sie in ein dunkles, unglaublich markantes Gesicht sah.

Nein! Das konnte doch unmöglich Luc … oder doch …

Sie war wie paralysiert. Sollte dies wirklich derselbe Mann sein, dem sie vor viereinhalb Jahren im Urlaub begegnet war? Damals hatte sie den hochgewachsenen, athletischen Italiener ausschließlich in Skikleidung, lässigen Jeans und Kaschmirpulli gesehen. Ihr attraktives Gegenüber im Hotelfoyer trug einen exquisiten Maßanzug zum blütenweißen Hemd und eine silberne Seidenkrawatte. Dennoch sah er dem Luc, mit dem sie eine einzige heiße Nacht verbracht hatte, frappierend ähnlich.

Allerdings waren dessen ungebändigte schwarze Haare schulterlang gewesen, während der Mann vor ihr das dunkle Haar kurz geschnitten trug.

Vielleicht, um zu verhindern, dass es sich lockte?

Seine Augen, tiefschwarz wie Onyx, waren auf jeden Fall dieselben. Sie dominierten das harte Gesicht mit der markanten Nase und dem festen Mund, um den ein zynischer Zug lag. Auch der arrogante, herrische Blick verriet einen Hang zum Sarkasmus.

Es war derselbe Mann … und er war ihr gleichzeitig völlig fremd.

Der Luc, der Annie im Skiurlaub in Italien über den Weg gelaufen war, hatte sie mit seinem herausfordernden Lächeln und dem unheiligen, sexy Zwinkern in den dunklen Augen gewonnen. Für die eher schüchterne, wenig erfahrene Zwanzigjährige von damals war er der aufregende, gefährliche Pirat gewesen, der sie anzog wie das Licht die Motte.

Und auch er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich extrem von ihr angezogen fühlte. Wären sie sonst gleich am ersten Abend …

Ähnliche Empfindungen konnte Annie in dem kalten, abschätzenden Blick dieses Mannes allerdings nicht entdecken. Ebenso wenig ihr überwältigendes Déjà-vu-Gefühl und die atemlose Emotion, die ihr Herz gerade bis zum Hals schlagen ließen.

Abrupt zog sie ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt und trat zur Seite. Konnte es wirklich sein, dass sich ihr heißblütiger Liebhaber von damals hinter der eisigen Maske dieses Fremden verbarg? „Mi … mi scusa, Signore …“, formulierte sie etwas holperig.

„Ich spreche Englisch, Signorina“, gab er kurz angebunden zurück.

Diese Stimme!

Als sie eng aneinandergeschmiegt auf dem weichen Fell vor dem Feuer gelegen hatten und er heiße Liebesworte in ihr Ohr flüsterte, hatte sie nicht so kalt und unpersönlich geklungen.

Trotzdem, es war eindeutig Luc!

Damals hatte er mit seinen sechsundzwanzig Jahren den wilden, rastlosen Freibeuter verkörpert, dem keine Frau aus Fleisch und Blut widerstehen konnte. Seine gesamte Energie war auf Eroberung ausgerichtet gewesen. Egal, ob er auf Skiern die Pisten hinuntergerast war oder Annie fast bis zur Besinnungslosigkeit geliebt hatte … er hatte wie ein Getriebener gewirkt.

Seine unterschwellige Energie konnte sie heute noch mit jeder Faser ihres Körpers spüren. Inzwischen schien er sie besser kontrollieren zu können. Das machte ihn allerdings noch gefährlicher.

Annie schauderte unter seinem eindringlichen Blick.

Lucs ohnehin nicht sehr ausgeprägte Geduld nahm mit jeder Sekunde ab, in der die junge Fremde, die in ihn hineingelaufen war, ihn weiterhin anstarrte, als sähe sie einen Geist. Oder als befände sie sich in ihrem schlimmsten Albtraum.

Eine seltsame Reaktion, mit der ihn bisher noch keine Frau konfrontiert hatte!

„Oder sollte ich sagen, Signora?“, fragte er spöttisch.

Sie blinzelte verwirrt und lachte. „Keine Ahnung. Sollten Sie?“

Ihre ungewöhnliche Reaktion rief eine vage Erinnerung in seinem Unterbewusstsein wach. „Sind wir einander schon einmal begegnet?“

„Sind wir? Sagen Sie es mir …“

Sein Geduldsfaden drohte zu reißen. „Beantworten Sie eigentlich jede Frage mit einer Gegenfrage?“

Annies Lächeln schwand. Soll er doch fragen, soviel er will! dachte sie trotzig. Ich werde ihn bestimmt nicht aufklären!

In all den Jahren war ihre größte Angst gewesen, dass sie Luc irgendwo und irgendwann unverhofft gegenüberstehen würde. Denn eines war klar, sollte dieser Tag irgendwann kommen, dann würde dieses Zusammentreffen ihr Leben auf eine Weise verändern und komplizieren, die sie sich gar nicht auszumalen wagte!

Jetzt war der gefürchtete Tag da, und Luc erkannte sie noch nicht einmal!

Die Erleichterung, die sie darüber hätte empfinden müssen, wurde von einem seltsamen Gefühl der Enttäuschung überlagert. Denn dieser Mann, der sichtbar gereizt und mit grimmigem Blick vor ihr stand, war es gewesen, dem sich Annie ungeachtet ihrer sonstigen Zurückhaltung vor viereinhalb Jahren hingegeben hatte. Und das rückhaltlos und voller Leidenschaft – obwohl sie ihn gar nicht kannte! Erst durch Luc hatte sie sich selbst als sinnliche, leidenschaftliche Frau kennengelernt. Und jetzt musste sie feststellen, dass die eine unvergessliche Nacht, die in ihrer Erinnerung immer noch unglaublich lebendig war, ihm offensichtlich gar nichts bedeutet hatte.

Arroganter Mistkerl!

Annie reckte ihr Kinn vor und funkelte Luc wütend an. „Ich bin sicher, zumindest einer von uns würde sich erinnern, wenn wir uns schon einmal über den Weg gelaufen wären, Signore!“, erklärte sie kryptisch.

Ob das Statement wirklich so lässig und cool gemeint war, wie es im ersten Augenblick klang? Luc war nicht sicher. Die aggressive Kopfhaltung und der verärgerte Unterton in der leicht rauen Stimme der Fremden erzählten eine ganz andere Geschichte. Und zwar eine, die ihn in keinem rosigen Licht erscheinen ließ.

Als einziger Sohn und Erbe einer ebenso reichen wie mächtigen Industriellenfamilie war er sehr privilegiert aufgewachsen. Daran gewöhnt, dass man ihm jeden Wunsch von den Augen ablas, hatte er sich zu einem arroganten jungen Draufgänger entwickelt, der absolut überzeugt von seiner eigenen Unfehlbarkeit war.

Nachdem sich auch noch herauskristallisiert hatte, dass er offenbar mit dem Geschäftssinn seines Vaters gesegnet war, hatte dieser ihn bereits mit achtzehn Jahren auf einen verantwortungsvollen Posten innerhalb des Familienimperiums gesetzt. Das war so lange gut gegangen, bis Luc in jugendlichem Leichtsinn und grenzenloser Selbstüberschätzung viel zu waghalsig am Aktienmarkt spekuliert und damit die väterliche Firma an den Rand des Ruins getrieben hatte.

Lucs ausdrucksvoller Mund verhärtete sich, als er an die schwere Zeit zurückdachte. Viereinhalb Jahre war es jetzt her, dass er seine ganze Kraft und Energie eingesetzt hatte, um seinen Fehler wieder gutzumachen. Zu allem entschlossen, hatte er seinen messerscharfen Verstand wie eine gefährliche Waffe gebraucht. Rücksichtslos und virtuos. Wer sich ihm in den Weg stellte, hatte keine Gnade zu erwarten.

Und so hatte er das Wunder tatsächlich vollbracht. Er rettete de-Salvatore-Enterprises nicht nur vor dem drohenden Exitus, sondern machte das Familienunternehmen größer und einflussreicher als je zuvor.

Für amouröse Verwicklungen hatten ihm in den harten Jahren Zeit und Lust gefehlt. Die wenigen Gespielinnen, die ab und zu für Stunden oder eine Nacht sein Bett mit ihm teilen durften, waren schnell vergessen.

Konnte die junge Frau in dem schlichten schwarzen Businesskostüm eine von ihnen gewesen sein? Kritisch betrachtete er die seidige Fülle ihres kastanienbraunen Haars, das in einem klassischen Knoten zusammengefasst war. Und noch kritischer das ovale klare Gesicht, dessen natürliche Schönheit völlig ohne Make-up auszukommen schien.

Irgendwie mochte Luc es nicht glauben, da seine Bettgenossinnen meistens dem gleichen Beuteschema angehörten: groß, blond, Modelmaße. Durchweg erfahrene, selbstständige Society-Ladies, die wussten, worauf sie sich einließen und kein Drama daraus machten, dass er grundsätzlich nicht mit ihnen frühstückte.

Trotzdem regte sich ein vage vertrautes Gefühl tief in ihm, je länger er die spröde Schönheit betrachtete.

„Haben Sie nicht gerade telefoniert?“, fragte er spöttisch mit einem bezeichnenden Blick auf das Handy, das Annie immer noch selbstvergessen in der Hand hielt.

Sekundenlang starrte sie ihn verwirrt an, dann riss sie das Handy förmlich ans Ohr und schnitt eine Grimasse, als sie ein besorgtes Brabbeln hörte.

Oliver!

Vor lauter Schreck, Luc so unvermittelt gegenüberzustehen, hatte sie ihren kleinen Sohn vollkommen vergessen.

„Sie entschuldigen …“, murmelte sie gepresst, wandte sich ab und ging ein paar Schritte zur Seite, um ungestört sprechen zu können. Obwohl sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie sie nach der verstörenden Begegnung unbefangen mit ihrem kleinen Sohn plaudern sollte.

Je eher sie diesen Ort und den Mann, der sich nach ihrem leidenschaftlichen One-Night-Stand nicht einmal an sie erinnerte, hinter sich ließ, desto besser! Hätte Oscar nur nicht auf ihrer Teilnahme an dem Managerlehrgang in diesem feudalen Hotel am Gardasee bestanden! Denn freiwillig wäre sie unter keinen Umständen je wieder nach Italien gereist.

Doch nach Lillians Tod und dem Skandal, der die Familie anlässlich des traditionellen Balfour Charity Balls erschütterte, zeigte sich Oscar Balfour gegenüber seinen bislang äußerst verwöhnten, hübschen Töchtern ungewohnt streng. Darum hatte Annie auch nicht gewagt, sich seinem Wunsch … oder besser gesagt, seinem liebevollem Befehl zu widersetzen.

Zumal er noch sehr um Lillian trauerte, seine dritte Ehefrau und Annies Stiefmutter, die viel zu früh einem schweren Krebsleiden erlegen war.

Annie, der es endlich gelungen war, Olivers Redefluss zu stoppen und ihn zum Auflegen zu bewegen, fuhr zusammen, als sie kräftige Finger auf ihrem Handgelenk spürte. Lucs Finger, die sie einst auf eine weit intimere Weise liebkost und gestreichelt hatten, als sie es von einem anderen Mann akzeptiert hätte! Finger, die heiße Wellen von Verlangen in ihr ausgelöst hatten, wie Annie sie nie zuvor verspürt hatte.

In ihren blauen Augen blitzte es gefährlich auf, als sie sich abrupt umwandte. „Nehmen Sie Ihre Hand weg!“, zischte sie.

Doch er machte keine Anstalten, sie freizulassen, musterte aber, angesichts ihres vehementen Protests, sehr aufmerksam ihr bleiches Gesicht. Also hatte er sich ihre feindselige Haltung ihm gegenüber doch nicht eingebildet. Zu gern hätte Luc mehr darüber herausgefunden.

„Darf ich Sie heute Abend zum Dinner ausführen?“

Bei dieser Frage weiteten sich Annies Augen überrascht. „Wie bitte?“, fragte sie verblüfft, während ihre Wangen sich röteten.

„Ich habe Sie gefragt, ob ich Sie zum Dinner einladen darf“, wiederholte er bereits eine Spur gelangweilt. „Quasi als Wiedergutmachung dafür, dass ich Sie über den Haufen gerannt habe.“

Der kurze Blick, den sie wechselten, besagte, dass sie beide wussten, wer in Wahrheit die Schuld an dem Zusammenstoß trug.

„Besten Dank für die reizende Idee, aber … nein.“

Augenblicklich verfinsterte sich Lucs Miene. Eine derartige Behandlung war er von Frauen nicht gewohnt. „Warum?“, fragte er geradeheraus.

„Weil es nicht zu meinen Gewohnheiten gehört, mich von Männern einladen zu lassen, die mir zufällig in einer Hotellobby begegnen“, erklärte sie ruhig. „Und jetzt lassen Sie mich bitte gehen, bevor ich jemand von der Hotelleitung informiere.“

Seltsamerweise entspannten sich Lucs Züge angesichts dieser massiven Drohung. Das würde sicher eine interessante Szene abgeben! dachte er amüsiert. Aber woher sollte die Signorina auch wissen, dass das Hotel ihm gehörte?

„Das wird nicht nötig sein.“ Damit gab er ihr Handgelenk frei.

Annie, die von Lucs beunruhigender Nähe ebenso überwältigt war wie von der unverhofften Einladung, rieb mechanisch ihr Handgelenk und bedauerte es fast, ihn so schroff abgewiesen zu haben. Doch gleich darauf rief sie sich wieder zur Ordnung.

Dieser Mann war gefährlich! Das hatte sie schon damals geahnt und bewusst ignoriert. Und die Quittung dafür hatte sie gleich am nächsten Tag serviert bekommen!

Während sie sich noch im siebten Himmel wähnte und ihrem verabredeten Rendezvous für den folgenden Abend entgegenfieberte – einem Candlelight-Dinner im romantischsten Restaurant des noblen Skiortes –, hatte er sie und ihre gemeinsame Liebesnacht offensichtlich längst vergessen. Zumindest war Luc nicht zum verabredeten Zeitpunkt am vereinbarten Ort erschienen.

Fühlte sie sich etwa trotz ihrer schlechten Erfahrungen immer noch zu ihm hingezogen?

Nein, natürlich nicht!

Wie eine Urgewalt war dieser attraktive Italiener über sie gekommen, hatte sich genommen, was er wollte, und war verschwunden, ohne dass sie auch nur seinen Nachnamen erfuhr.

Mehr hatte ich eigentlich auch nicht geplant, musste Annie sich ehrlicherweise eingestehen.

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