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Anna und die flüsternden Stimmen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. 24. Kapitel
  32. 25. Kapitel
  33. 26. Kapitel

Über dieses Buch

Sommerurlaub in Qual an der Ostsee: Wenn der Name mal nicht Programm ist! Anna stellt sich auf öde Ferien ein, doch bereits am ersten Abend hat sie das Gefühl, dass mit dem Ferienhaus etwas nicht stimmt. Es scheint zu atmen – und nachts wird sie von flüsternden Stimmen wach. Vor ihrem Fenster steht ein alter Mann, der sie zu sich heranwinkt, um im nächsten Moment zu verschwinden. Kann es sein, dass es in Qual spukt? Gemeinsam mit dem süßen Tjark beschließt Anna, den unheimlichen Ereignissen auf den Grund zu gehen. Doch die beiden ahnen nicht, dass sie damit die Geisterwelt in Unruhe versetzen – und das kann richtig gefährlich werden …

Über die Autorin

Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren und hat sich schon als Kind gerne Geschichten ausgedacht. Nach ihren drei Büchern rund um das Mädchen Magnolia Steel, das herausfindet, dass sie eine Hexe ist, schreibt sie inzwischen Bücher für jüngere Kinder. Auch in ihrer aktuellen Buchreihe steht mit Petronella Apfelmus wieder eine Hexe im Mittelpunkt.

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1. Kapitel

Es regnete. Genaugenommen schüttete es wie aus Kübeln. Meine schlechte Stimmung sank weiter Richtung Gefrierpunkt. Der Regen hatte mit unserer Abfahrt von der Autobahn eingesetzt und begleitete uns treu bis an unseren Urlaubsort. Sicher war das ein Zeichen. Wie sagt man so schön? »Nomen est omen.« Und wir machten Urlaub in Qual! Nie davon gehört? Ich auch nicht. Mein Vater ist der Meinung, seine Kinder sollten zuerst ihre Heimat kennenlernen, bevor sie das Ausland bereisen. Schräg, oder? Dabei hätten wir uns einen Urlaub in St. Tropez oder Miami, wo meine Freundinnen Urlaub machten, locker leisten können. Wir, das sind übrigens Mama, Papa, Joschi und ich. Ich heiße Anna, Anna Steenbuck, und bin fünfzehn Jahre alt.

Mein Bruder ist zehn, bald elf und eine echte Nervensäge.

Mein Vater ist Inhaber einer gut gehenden Konservendosenfabrik und meine Mutter hat eine eigene Boutique.

»Es ist ein Wunder, dass wir es jedes Jahr schaffen, gemeinsam in den Urlaub zu fahren«, sagte meine Mutter auch diesmal. Es ist einer ihrer Lieblingssätze.

Ich finde, es ist eher ein Wunder, dass meine Eltern es jedes Jahr schaffen, einen noch öderen Urlaubsort ausfindig zu machen. Letztes Jahr waren wir in Bad Tölz. In diesem Jahr war ich nur noch dabei, weil ich den Segelschein machen durfte.

»In dreihundert Metern rechts abbiegen! Jetzt rechts abbiegen«, nervte das Navi. Die Scheibenwischer gaben ihr Bestes. Dann waren wir in Qual. Zuerst steuerten wir die Tourismusinformation an, das machen wir immer. Sie war drei Straßen weiter, also einmal quer durch den Ort, und befand sich in einem alten Bauernhaus, in dem wir auch den Schlüssel für unser Ferienhaus abholen sollten. Wir stiegen alle vier aus und es tat gut, die steifen Glieder zu recken. Schließlich waren wir bereits seit neunzig Minuten unterwegs. Genau neunzig Minuten! So weit war es von Hamburg, wo wir wohnen. Kann sich das jemand vorstellen? Während meine Freundinnen sich in Miami oder auf Malle am Strand räkelten, machten wir Urlaub in Qual an der Ostsee, maximale Wassertemperatur neunzehn Grad.

Die Tourismusinformation hatte geschlossen. Wir gingen um das Haus herum auf den Hof. Papa guckte in den Stall, aber es war niemand da. Nicht einmal die Kühe. Der Regen tropfte vom Kuhstall direkt in meinen Kragen und einen winzigen Augenblick hoffte ich, dass es Mama hier zu dreckig und zu nass wäre. Da rumpelte ein riesiger Traktor auf den Hof. Joschi war begeistert. »Guckt euch mal das Riesenteil an!«, grinste er. »Ob ich da wohl mal mitfahren kann?«

»Bestimmt«, antwortete Papa und grinste genauso blöd wie Joschi.

Der Motor wurde abgestellt und ein Junge kletterte aus dem Fahrerhäuschen. Puuh! Also ich muss sagen, nach Qual sah der nicht aus. Dunkle Haare, breite Schultern, schmale Hüften … Ihr wisst Bescheid?

»Hallo, ich bin Tjark und Sie sind sicher die Feriengäste.« Er streckte zuerst meiner Mutter und dann meinem Vater die Hand hin. Joschi und mir nickte er nur kurz zu.

»Genau«, sagte mein Vater, »wir haben den Strandkorb gemietet.« Strandkorb! Ich fand das so peinlich. Das Ferienhaus hieß Strandkorb, obwohl es eine ehemalige Weberei war.

»Ich weiß«, sagte Tjark. »Ist ein besonderes Haus. Es liegt schön ruhig und hat einen eigenen Zugang zum Strand. Meistens ist das Wetter hier auch besser.« Er grinste schief. »Kommen Sie mit ins Büro, dann gebe ich Ihnen den Schlüssel.« Wir trotteten hinterher.

»Sie können direkt über den Hof fahren«, erklärte uns Tjark den Weg in unser Ferienhaus. »Dann folgen Sie einfach der schmalen Straße. Wenn Sie am Sanatorium vorbeikommen, sind es nur noch wenige Meter bis zum Haus. Sie biegen einfach links auf das Grundstück ein.«

»Sanatorium?« Meine Mutter zog fragend die Augenbrauen hoch. Sicher hatte sie sonntägliche Besucherströme und parkende Autos vor Augen. »Sagten Sie nicht, das Haus läge schön ruhig?«

»Es liegt ruhig«, beschwichtigte Tjark sie. »Das Gebäude steht leer.«

Kurz darauf fuhren wir auf einer schmalen Landstraße der Ostsee entgegen.

»Schau mal, Bernd!«, rief meine Mutter. »Das ist sicher das Sanatorium. Da! Du musst abbiegen.«

Ohne zu blinken, riss mein Vater in letzter Sekunde das Lenkrad herum und wir schossen über die Auffahrt auf das Grundstück.

Strandkorb wäre das letzte Wort, das mir zu diesem düsteren Haus eingefallen wäre. Es war ein einstöckiger Backsteinbau mit einer alten Veranda. Aber es lag inmitten von Apfelbäumen und bot einen freien Blick bis hin zum Meer. Am Horizont ließen sich trotz des trüben Wetters die weißen Segel der Boote erkennen. Man konnte leicht ahnen, dass der Ausblick bei klarer Sicht grandios war. Ich hütete mich allerdings, so einen Gedanken auch nur anzudeuten.

»Wer als Erster oben ist!«, rief Joschi und sauste rauf in den ersten Stock. Ich war ihm dicht auf den Fersen. Joschi war zwar zuerst oben, aber ich hatte den Überblick. Während mein kleiner Bruder noch unschlüssig im Flur stand, stürmte ich zielstrebig in das erste Zimmer auf der linken Seite, schmiss meinen Rucksack auf das Bett und rief: »Belegt!« Sofort stand Joschi hinter mir und fing an zu quengeln. »Das ist gemein, Anna, immer suchst du dir das bessere Zimmer aus.«

Dabei könnte ich wetten, dass Joschi nicht einmal wusste, warum dieses Zimmer das »bessere« sein sollte. Ich dagegen wusste es genau. Es war das Zimmer mit Blick aufs Meer. Joschi konnte das Zimmer gegenüber beziehen, von dort sah man auf die Landstraße und das leerstehende Haus nebenan. Aber im Grunde war Joschi der Ausblick völlig egal, er wollte nur immer genau dasselbe haben wie ich.

Während mein Vater den Wagen entlud, erkundeten wir mit meiner Mutter das Gelände. »Ist dieses Grundstück nicht eine echte Perle?«, rief sie. »Schaut euch doch nur einmal diese Schaukel zwischen den knorrigen Apfelbäumen an. Anna, das musst du unbedingt malen!«

Ich male, seit ich zehn bin, und hatte natürlich auch in diesem Urlaub meine Staffelei dabei.

Gemeinsam gingen wir bis zur Steilküste am Ende des Grundstücks. Linker Hand befand sich ein kleines Kiefernwäldchen, das außer einem recht verfallenen Schafstall keine weiteren Gebäude beherbergte. Rechts führte eine steile Holztreppe zwischen wilden Heckenrosen hinunter an den Strand. Bis auf einen einsamen Spaziergänger und seinen Hund war der Strand menschenleer.

»Ist dieser Ausblick nicht fantastisch?«, fragte meine Mutter. Wohl oder übel musste ich ihr zustimmen. Es war herrlich, hier oben zu stehen, über das Meer zu blicken und den Wind in den Haaren zu spüren. Die Regentropfen, die uns ins Gesicht schlugen, blendeten wir beide für diesen Moment einfach aus.

Zurück im Haus kochte meine Mutter eine Kanne Kaffee und Joschi und ich verstauten unsere Habseligkeiten in unseren Zimmern. Die Staffelei stellte ich neben mein Bett.

»Was haltet ihr davon, wenn wir uns nach dem Kaffee die Gegend ansehen?«, fragte Papa. »Es soll hier in der Nähe ein Kloster geben, vielleicht können wir es besichtigen.«

Ich zuckte nur gelangweilt mit den Schultern und verkniff mir die Bemerkung, dass die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in St. Tropez sicher weitaus attraktiver wären, vom Wetter ganz zu schweigen.

Wenig später saßen wir im Auto. Normalerweise erkunden wir einen Ort zuerst mit unseren Fahrrädern, die wir eigens dafür mitbringen. Aber daran war heute nicht zu denken; zu dem ständigen Regen gesellten sich nun auch noch stürmische Böen.

»Wir können doch noch mal zu dem Bauernhof zurückfahren«, schlug Joschi vor. »Vielleicht lässt mich der Junge von vorhin ja auf seinem Trecker fahren.«

»Später, Joschi«, erwiderte meine Mutter, »zuerst halten wir nach einem Supermarkt Ausschau und sehen uns im Ort um.«

Tja, damit waren wir schnell durch – und ich muss sagen, bisher hatte Qual meine Erwartungen mehr als erfüllt. Es gibt in diesem Ort nämlich genau drei Geschäfte. Einen kleinen Edeka-Markt, einen Bäcker und die Eduard-Hasselreuther-Apotheke.

»Ist euch eigentlich aufgefallen, dass hier alles nach einem gewissen Eduard Hasselreuther benannt ist?«, fragte ich. »Es gibt eine Eduard-Hasselreuther-Apotheke, die Berufsschule ist eine Eduard-Hasselreuther-Schule und wir fahren auf der Eduard-Hasselreuther-Straße.«

»Vielleicht sind die Quäler zu blöd, um sich viele verschiedene Namen zu merken«, sagte Joschi nachdenklich. Ich fing an zu kichern. Manchmal ist mein Bruder echt witzig.

»Tatsächlich?«, fragte meine Mutter vom Beifahrersitz. »Anna kann gut beobachten.«

»Na, Anna, dann geh doch mal mit deinem Smartphone ins Internet«, meinte mein Vater. »Und google diesen Eduard Hasselreuther. Du würdest zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens könntest du uns erklären, wer dieser Mensch war. Und zweitens würdest du mir das gute Gefühl geben, dass ich dir die Flatrate nicht nur zahle, damit du dich mit deinen Freundinnen zu jeder Tages- und Nachtzeit über Jungs, Lippenstifte und Klamotten austauschen kannst.«

Ich verdrehte die Augen. »Ich habe es jetzt nicht mit, es ist noch in meiner Tasche.«

»Da hast du es wieder«, sagte mein Vater. Meine Mutter legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

»Schaut mal, da vorn«, rief sie plötzlich. »Ist das nicht Tjark, der sich da so auf seinem Fahrrad abstrampelt? Und das bei diesem Wetter.«

»Die Jugendlichen auf dem Land sind eben nicht so verweichlicht wie die in der Stadt«, antwortete mein Vater und hupte zweimal, als wir Tjark überholten.

Mein Vater lässt selten eine Peinlichkeit aus. Ich hoffte inständig, dass Tjark uns nicht erkennen würde, aber da hob er schon grüßend die Hand.

»Hätte er das Fahrrad nicht dabei, hätte ich ihn mitgenommen«, erklärte mein Vater gönnerhaft.

»Ich will lieber an den Strand«, maulte Joschi. »Wie weit ist es denn noch bis zu diesem beknackten Kloster?«

»Wir sind gleich da«, beruhigte ihn meine Mutter. »Hier ist zum Glück nichts wirklich weit voneinander entfernt.« Und Sie hatte recht, schon zwei Straßen weiter kamen wir an der Klosteranlage an.

»Ach schade«, sagte meine Mutter. »Die Führung ist schon vorbei. Wir hätten zwei Stunden früher kommen müssen.«

Ich grinste.

»Was gibt’s denn da zu grinsen, Anna?«, empörte sich mein Vater. »Ein bisschen kulturelles Interesse könnte dir sicher nicht schaden. Und dir auch nicht, Joshua.«

Joschi kickte gerade eine leere Cola-Dose in ein Rosenbeet.

»Heb die Dose auf und wirf sie in den Mülleimer.«

»Wieso? Das ist nicht meine Dose. Ich hab sie nicht …«, begehrte Joschi auf. Er schwieg aber sofort, als er diesen bestimmten Blick meines Vaters auffing. Mein Vater würde uns niemals schlagen oder so, aber wenn er diesen Blick draufhat, ist es besser, sich der elterlichen Überlegenheit zu beugen. So ungerecht es auch sein mag.

»Schaut mal hier!«, rief ich, um die drohenden Wogen zu glätten. »Auf dieser Tafel steht schon wieder der Name Eduard Hasselreuther. Er hat die Klosterglocke gestiftet.«

»Na, das muss ja ein toller Mann gewesen sein«, antwortete mein Vater.

An diesem Tag besichtigten wir nur noch die kleine Kapelle und machten unseren Einkauf in dem winzigen Edeka-Laden. Der Wind frischte noch ein wenig auf und der Regen schien nicht in Stimmung, sich zu verziehen. Niemand aus der Familie hatte heute noch Lust, das Meer anzuschauen, außer Joschi natürlich. Deshalb fuhren wir zurück in unser Ferienhaus und machten es uns vor dem Kamin mit laufendem Fernseher gemütlich. Anschließend aßen wir Abendbrot und spielten ein paar Runden 17 & 4.

»Ostseeluft macht müde«, sagte meine Mutter und reckte sich. »Ich werde heute nicht alt.«

Ich verkrümelte mich ebenfalls in mein Zimmer. Verschickte noch ein paar Mails an meine Freunde, schaute kurz bei Facebook vorbei und wollte mich grade hinlegen, als mir Eduard Hasselreuther wieder einfiel. Papa würde mich morgen sicher nach ihm fragen. Also schnappte ich mir meinen Laptop und googelte. Bei Wikipedia wurde ich fündig. Eine kleine Fotografie zeigte einen hageren Mann mit Zylinder zwischen einer Schar Kinder.

Dr. Eduard Hasselreuther, geb. 1827 in Eutin, gest. 1895 in Qual. Eduard Hasselreuther wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf und studierte nach dem Abitur an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel Medizin. Anschließend lehrte er an den Universitäten in Leipzig und Heidelberg Virologie. Von 1869 bis 1874 leitete er in Suriname in Südamerika eine Leprakolonie. Zurück in der Heimat, gründete er 1877 die erste Lungenheilanstalt in Holstein, direkt an der Ostsee, in dem Ort Qual.

Was Dr. Eduard Hasselreuther so besonders machte und ihm sogar die Ehrenbürgerschaft der Gemeinden Qual und Graatz einbrachte, war sein außergewöhnliches soziales Engagement. Denn er stellte sein Sanatorium nicht nur der wohlhabenden Bürgerschicht zur Verfügung, er nahm auch an Tuberkulose und Typhus erkrankte Kinder und Jugendliche aus den Armen- und Waisenhäusern auf und behandelte sie in seinem Sanatorium kostenlos. Waren die Kinder dann von ihrer schlimmen Krankheit genesen, beschäftigte er sie für eine gewisse Zeit in der eigens zu diesem Zweck errichteten Weberei und schickte sie anschließend gesund und mit etwas Geld in der Tasche zurück in ein neues Leben.

Ich war beeindruckt. Schließlich hatte ich das Thema »Industrialisierung« doch gerade in der Schule gehabt und wusste daher, unter welch erbärmlichen Umständen die Armenhäusler und Waisenkinder gelebt hatten.

Draußen rüttelte der Wind an allen Fenstern und Türen.

Es war spät geworden und Mama hatte recht, wenn sie sagte, dass Ostseeluft in den ersten Tagen müde macht.

Also schaltete ich das Licht aus und kuschelte mich in die weichen Kissen. Der Regen trommelte wie mit ungeduldigen Fingern gegen die Fensterscheiben. Das ganze Haus heulte. Nein, heulen war nicht das richtige Wort. Es atmete, man konnte es laut und deutlich hören. Ich lauschte und fand, dass das Haus wie ein großes Tier klang, das wartete. Ein – aus – ein – aus.

Ich stand auf, um die geblümten Vorhänge zuzuziehen – und da bemerkte ich sie. Eine helle Gestalt, kaum mehr als ein Umriss. Sie stand da, direkt vor dem Haus, und sah zu mir herauf. Der starke Regen schien ihr nichts auszumachen. Mit einem Ruck zog ich die Vorhänge zu, zählte bis zehn und riss die Vorhänge wieder auf. Nichts. Die Gestalt war verschwunden, der Garten lag dunkel und verlassen da.

Nachdenklich legte ich mich wieder ins Bett. Ich neige nicht zu Hirngespinsten. Also wer stand da nachts bei strömendem Regen unter meinem Fenster? Ich nahm mir vor, der Sache morgen früh auf den Grund zu gehen. Vielleicht fand ich ja ein paar Fußabdrücke, oder ich hatte mich doch ganz einfach getäuscht.

Ein – aus – ein – aus – ein … Das war nicht der Sturm. »Hör auf, Anna, und schlaf jetzt!«, rief ich mich selber zur Ordnung.

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2. Kapitel

Am nächsten Morgen hatte der Sturm den Himmel blank geputzt und sämtliche Wolken vertrieben. Die Morgensonne lächelte freundlich und die nächtlichen Schatten waren meilenweit entfernt.

»Habt ihr gut geschlafen, trotz des tobenden Sturms?«, fragte Papa beim Frühstück.

»Ich habe gedacht, das ganze Haus fliegt davon«, antwortete meine Mutter.

»Wie beim Zauberer von Oz«, sagte Joschi und zerkrümelte sein Croissant.

»Und ich hatte das Gefühl, es steht jemand vor dem Haus«, sagte ich.

Mama sah von ihrem Frühstücksei auf. »Warum denn das?«

»Ich wollte die Vorhänge zuziehen«, erklärte ich, »und da stand direkt vor dem Haus eine helle Gestalt, voll unheimlich.«

»Buuuuuuhuuhuu!«, machte Joschi.

»So, eine helle Gestalt«, sagte mein Vater. Ich hörte schon an seinem Tonfall, dass er mir nicht glaubte. »Und die hast du gesehen? Bei Nacht?«

»Ich sagte doch, sie war irgendwie hell«, verteidigte ich mich.

»Das kann alles Mögliche gewesen sein«, meinte meine Mutter. »Vielleicht eine Lichtspiegelung in den Regentropfen oder so etwas.«

»Ja, vielleicht«, gab ich zu. »Außerdem hat das Haus komische Geräusche gemacht. Es klang, als würde es atmen, irgendwie asthmatisch«, versuchte ich es weiter. Es konnte doch nicht sein, dass ich mir alles nur einbildete.

»Es klang asthmatisch«, horchte mein Vater auf. »Verflixt, sollte ich versehentlich den alten asthmatischen Butler mitgebucht haben? Nein, ausgeschlossen! Ich habe ausdrücklich gesagt, dass wir ihn nicht wollen.« Er fing an zu glucksen und auch Joschi wollte sich ausschütten vor Lachen.

Ich war beleidigt. Ich meine, ich kann doch nichts dafür, dass diese Familie so dumpf ist, dass sie solche Sachen nicht mitbekommt.

»Gehen wir gleich an den Strand? Heute scheint doch die Sonne«, schlug Joschi vor. »Außerdem habt ihr mir versprochen, dass wir den Kletterwald besuchen.«

»Dafür müssen wir erst einen Kletterwald ausfindig machen«, sagte Papa und schnitt sich sein drittes Brötchen auf.

»Hat Anna schon, stimmt’s?« Joschi hüpfte ungeduldig auf seinem Stuhl auf und ab. »Sie hat im Internet nachgesehen.«

»Stimmt«, sagte ich. »Der nächste Kletterwald ist in der Nähe von Eutin. Ich habe aber keine Lust, Joschi beim Klettern zuzusehen.«

»Dann bleibst du eben hier«, sagte mein Vater.

»Wir bleiben heute alle hier«, erklärte meine Mutter. »Das Wetter ist perfekt für einen Tag am Strand. Außerdem haben wir einen eigenen Zugang und das ist fast so etwas wie ein Privatstrand.«

»Glaubst du nicht, dass es noch zu nass ist?«, fragte mein Vater.

»Bei Sonne und Wind trocknet der Sand schnell und es ist ja bald Mittag«, beruhigte ihn meine Mutter.

Während sie anfing, die Strandtasche zu packen, zog ich mir meinen Bikini unter, klemmte mir mein Strandtuch und die Sonnencreme unter den Arm und ging vor das Haus. Den Blick fest auf den Boden geheftet, versuchte ich herauszufinden, wo die Gestalt von gestern Nacht wohl gestanden hatte. Es war aussichtslos. Sollten dort jemals Fußspuren gewesen sein, hatte der Regen der letzten Nacht sie weggewaschen.

»Privatstrand«, hatte meine Mutter gesagt. Davon musste sie geträumt haben. Hunderte Urlauber tummelten sich im Sand und keine dreihundert Meter weiter gab es sogar einen Campingplatz und eine Strandpromenade. Von Ruhe und Abgeschiedenheit keine Spur.

Meine Familie ließ sich gleich am Fuße unserer sogenannten Privattreppe nieder. Dass drei Meter neben ihnen eine sechsköpfige Familie aus Recklinghausen lagerte, störte sie nicht im Geringsten.

Ich ging fünfzig Meter weiter. Meinen Vater und meinen Bruder konnte ich trotzdem noch hören und man musste mich ja nicht unbedingt mit ihnen in Verbindung bringen.

Wenig später tauchte mein Vater bereits prustend aus der eiskalten Ostsee auf. Er hatte sich jede Menge Seetang wie eine Perücke über den Kopf gehängt und stürzte sich brüllend auf meine Mutter. Joschi, die Dumpfbacke, machte es natürlich nach.

Zum Glück hatte ich mich verzogen. Es war herrlich, einfach in der Sonne zu liegen und dem Rauschen der Wellen zuzuhören.

Gerade hatte ich mich zum zweiten Mal eingecremt und döste wieder selig vor mich hin, als ein Schatten auf mein Gesicht fiel. Ärgerlich öffnete ich die Augen – und schnappte nach Luft. Direkt über mir stand Tjark und grinste breit.

Sein sonnengebräunter Körper steckte in schwarzen Badeshorts und in jeder Hand hielt er einen Becher Cola.

»Darf ich dich zu einer Cola einladen?«, fragte er und ließ sich neben mir in den Sand plumpsen, ohne meine Antwort abzuwarten.

Ich fühlte mich, käsig, wie ich war, etwas unbehaglich in seiner Nähe. Eigentlich hatte ich mich ja vorbräunen wollen, aber Sonnenbank erlauben meine Eltern erst ab achtzehn. Darin sind sie sich einig.

»Darfst du«, sagte ich lauter und selbstbewusster, als mir zumute war. »Wie kommt es, dass du zwei Becher Cola dabeihast?«

Er zog spöttisch die Augenbrauen hoch. »Ich habe dich beobachtet«, knurrte er tief und gefährlich. Dann grinste er.

»Ich habe gehofft, dich einmal ohne Anhang anzutreffen. Als ich dich dann hier sitzen sah, sagte ich zu mir: Tjark! Das ist deine Chance. Und wenn du es nicht ganz blöd anstellst, dann trinkt dieses nette Mädchen vielleicht eine Cola mit dir.« Er verbeugte sich im Sitzen und ich merkte, wie ich knallrot wurde. So hatte mich bisher noch kein Junge angesprochen.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Wa… Was? Anna«, stammelte ich dann und streckte ihm blöderweise meine Hand hin, die vor Sonnencreme nur so triefte. Oh, er musste glauben, ich sei etwas beschränkt.

»Ich heiße Tjark«, sagte er und griff beherzt zu, was ein eklig schmatzendes Geräusch zur Folge hatte. Anschließend versuchte er, die Creme an seinen Fingern loszuwerden, indem er sie tief in den Sand grub.

»Du hast mich beobachtet?«, fragte ich auf gut Glück. »Hast du gestern Nacht auch zufällig vor unserem Ferienhaus gestanden und zu meinem Fenster hochgeguckt?« Sofort hätte ich mich ohrfeigen können! Wie klang das denn?

»Natürlich nicht!«, sagte Tjark entrüstet und er klang ehrlich empört. »Glaubst du, ich bin ein Spanner?«

»N… nein, natürlich nicht«, stammelte ich erneut und nahm mir vor, demnächst ein Buch zu schreiben. Titel: Wie ich einen Verehrer in weniger als fünf Minuten loswerde.

»Gestern Abend, als es so geregnet hat, habe ich geglaubt, jemanden im Garten zu sehen, direkt unter meinem Fenster.«

Tjark sah mich blitzschnell an, als wäre er erschrocken. Er versuchte es zwar zu überspielen, indem er mir die Cola hinhielt, aber ich hatte seine Reaktion bemerkt. »Und was hast du sonst so vor?«, lenkte er das Gespräch in unverfänglichere Gewässer.

»Ich fange nächste Woche mit meinem Segelschein an.«

»Ach, tatsächlich.« Tjark blickte abwesend über die Ostsee. »Bei welcher Schule machst du deinen Schein?«

»Ich glaube, sie heißt Nautilus«, antwortete ich. »Segelst du auch?«

»Ein bisschen«, sagte Tjark. Dann schlug neben uns eine Wasserbombe ein.

»Hallo Tjark! Weshalb sitzt du hier bei Anna? Bist du etwa in sie verknallt? Schmatz, schmatz, schmatz!« Joschi küsste lautstark in die Luft. Natürlich wurde ich sofort wieder knallrot und dafür hätte ich ihm am liebsten eine runtergehauen.

»Warum kommst du nicht zu uns?«, bot Joschi dann an. »Mein Vater und ich tauchen dahinten nach dem goldenen Gründelwurz.«

»Nach dem was?«

»Nach dem goldenen Gründelwurz«, erklärte Joschi bereitwillig.

»Aha«, sagte Tjark und sah dabei nicht aus, als ob er irgendetwas verstanden hätte.

»Das ist ein Stein«, erklärte ich genervt. »Sie machen Handstand im Wasser und holen einen blöden Stein rauf, den sie vorher ins Wasser geworfen haben.«

»Ach so!«, rief Tjark und sein Gesicht leuchtete auf. »Klar mache ich da mit.«

Häää, wie bitte? Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. Da hatte dieser Kerl die Wahl zwischen einem entzückenden, witzigen, zugegebenermaßen etwas blassen Mädchen und einem Stein! Und er entschied sich für den Stein!!! Na, dann danke, Cavaliere, die Cola schmeckt auch allein.

Das gute Wetter hielt genau zwei volle Tage an. Aber diese zwei Tage reichten schon aus, um der gesamten Familie einen höllischen Sonnenbrand zu bescheren. Deshalb war niemand böse, als es am darauffolgenden Tag eher bedeckt war. Meine Eltern fuhren mit meinem Bruder in den Kletterwald bei Eutin und ich war froh, für mich allein zu sein. Ich wollte die Zeit nutzen, um in aller Ruhe zu malen. Zu gern hätte ich das große, leerstehende Haus auf dem Nachbargrundstück gemalt. Es wirkte irgendwie, als sei die Zeit dort stehen geblieben. Aber ich traute mich nicht, das fremde Grundstück einfach zu betreten. Also postierte ich mich vor dem Kiefernwäldchen am Rande der Klippen. Der Blick über die Ostsee war spektakulär, am Horizont zogen sich schwarze Wolken zusammen, während über mir gerade die Sonne herausbrach. Die Segel der Boote leuchteten blendend weiß und das sonst so graue Wasser schimmerte grün.

Ich fing an zu skizzieren, verwarf die Skizze wieder und startete neu. Ich wollte diese einmalige Atmosphäre unbedingt einfangen. Schließlich war ich so vertieft in meine Arbeit, dass ich das Gewitter erst bemerkte, als die ersten dicken Regentropfen auf mich herabprasselten.

Zuerst wollte ich meine Sachen schnell zusammenpacken, aber ich hatte eben noch nie ein richtiges Ostseegewitter erlebt.

Der Weltuntergang konnte nicht schlimmer sein. Orkanböen trieben eine graue Regenwand direkt auf mich zu. Donner rollte ohrenbetäubend über den Himmel und Blitze schlugen im Sekundentakt in die Ostsee. Von drinnen durch das Fenster beobachtet war das sicher ein Spektakel, aber hier, ungeschützt auf den Klippen, wirkte es furchteinflößend. Ich ließ alles stehen und liegen und flüchtete in den verfallenen Schafstall, der gleich hinter mir im Kiefernwäldchen stand.

Obwohl es von den Klippen bis zum Stall nur ein kurzes Stück war, wurde ich nass bis auf die Haut. Ich drängte mich in die einzig überdachte Ecke und beobachtete durch die Löcher im verfallenen Dach die zuckenden Blitze am Himmel. Kurz dachte ich an meine Eltern und Joschi, die sich mit dem Kletterwald ja genau die richtige Location für solch ein Wetter ausgesucht hatten. Es krachte fürchterlich. Ein Blitz hatte in eine Kiefer eingeschlagen.

Ängstlich drückte ich mich tiefer in meine Ecke und betete, dass das Gewitter endlich vorbeiziehen möge.

Es dachte nicht daran! Stattdessen wurde es immer schlimmer. Mir fiel ein, dass ich schon einmal von Gewittern gehört hatte, die tagelang hin und her zogen und sich praktisch nicht von der Stelle bewegten. Mitten in diesen beunruhigenden Gedanken mischte sich das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Es fühlte sich an, als würde jemand dicht hinter mir stehen. Was natürlich nicht sein konnte, ich lehnte ja an der Wand. Ich bekam eine Gänsehaut. Dann hörte ich Stimmen. Stimmen, die flüsterten. Mal laut, mal leise. Kinderlachen. Plötzlich Schreie. Verwirrt richtete ich mich auf, um nachzusehen, woher die Stimmen kamen. Fehlanzeige, der Stall war leer. Außer mir war niemand da. Dann bemerkte ich eine Bewegung. Im blassen Licht des Regens huschten Schatten am Stall vorbei. Jetzt machte sich Panik in mir breit. Was war das? Ich wollte weg, nur weg von diesem unheimlichen Ort. Ein greller Blitz erhellte das Zwielicht. Und da sah ich ihn. Er stand in der Stalltür, höchstens sieben Meter von mir entfernt. Sein Gesicht sah aus, als sei es mit einer Wachsschicht überzogen. Ein Grinsen verzerrte es zu einer teuflischen Fratze. Mein Herz raste! Was war das für ein Mann? Er trug einen schwarzen Gehrock, gestreifte Hosen und einen schwarzen Zylinder. Und er kam mir irgendwie bekannt vor. Doch das Schlimmste war, dass er mich mit seinem Zeigefinger zu sich heranlockte!

Ich wirbelte herum und sprang mit einem Satz aus dem Fenster. Wie von Furien gehetzt, rannte ich durch das Kiefernwäldchen. Ich rannte, wie ich noch nie in meinem Leben gerannt war, meine Lungen drohten zu platzen. In Sport war ich noch nie gut gewesen. Dann kam endlich unser Ferienhaus in Sicht. Atemlos hämmerte ich an die Tür. Niemand öffnete. Natürlich, meine Familie war im Kletterwald in Eutin.

Ängstlich drehte ich mich um. Gott sei Dank! Es war niemand zu sehen. Ich keuchte zwar, aber langsam beruhigte sich mein Atem. Ich setzte mich auf den Boden der Veranda. Was, um Himmels willen, hatte ich gesehen? Das Gewitter zog inzwischen ab, der Regen ließ nach und hörte schließlich ganz auf. Die Sonne stahl sich zwischen zwei Wolken hervor und ließ die Regentropfen im Gras glitzern. Hatte ich mich geirrt? Waren die Stimmen, das Donnergrollen und der Mann in der Tür eine Sinnestäuschung im Zwielicht des Gewitters gewesen?

Ich versuchte, mich zu beruhigen. Der Schlüssel zum Haus steckte im Beutel zwischen meinen Malsachen, die ich auf den Klippen zurückgelassen hatte. Wenn ich nicht noch Stunden auf der Veranda hocken wollte, musste ich ihn wohl oder übel holen. Also machte ich mich auf den Weg. Um das Kiefernwäldchen schlug ich einen riesigen Bogen, obwohl es jetzt bei Sonnenschein ganz harmlos aussah.

Das Erste, worüber ich mich wunderte, war, dass meine Staffelei nicht umgefallen war. Ich hatte nach diesem Gewitter erwartet, jede Menge Kleinholz vorzufinden. Stattdessen stand sie aufrecht und sogar das Brett mit meiner Zeichnung schien noch darauf zu sein. Soweit ich das aus dieser Entfernung beurteilen konnte.

Ich lief näher – und eine Klaue aus Eisen legte sich um mein Herz. Statt meiner Skizzen zeigte das Bild ein zum Schrei verzerrtes Gesicht. Die schwarze Farbe war verlaufen, aber was mich noch mehr erschreckte, jemand hatte mit dickem Pinsel die Buchstaben SOS darübergeschmiert. SOS – save our souls, rette unsere Seelen!

Ich schnappte nach Luft. Mechanisch verstaute ich die zerstreut liegenden Malutensilien in der Tasche, die sich in den Heckenrosen verfangen hatten. Ich wusste nicht, was ich denken sollte, und es ging mir so, wie es mir immer geht, wenn mich eine Sache überfordert. Mein Kopf wird leer. Ich rollte das schreckliche Bild zusammen, klappte die Staffelei ein und marschierte zurück zum Haus.

Dort ging ich hinauf in mein Zimmer, steckte das Bild in meinen Koffer und setzte mich in den Schaukelstuhl, um den Joschi mich so beneidete. Ich dachte nach. Bildete ich mir das alles nur ein? Wurde ich vielleicht wahnsinnig? Oder passierte hier gerade etwas, das ich im Moment einfach nicht begreifen konnte? Und wieso kam mir dieser Kerl aus dem Stall so bekannt vor? Ich kam einfach nicht darauf.

Meiner Familie, die erst am späten Nachmittag nach Hause kam, erzählte ich nichts von den seltsamen Dingen, die ich inzwischen erlebt hatte. Sie würden mir vermutlich sowieso nicht glauben und auf das dämliche »Buuhuuhuu, Anna sieht Gespenster« meines Bruders konnte ich locker verzichten. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich mir selbst trauen konnte.

In dieser Nacht hörte das Haus auf zu atmen, aber vielleicht hielt es auch nur die Luft an.

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3. Kapitel

Am nächsten Vormittag begann mein Segelkurs. Ich packte die Segelschuhe, die ich eigens dafür gekauft hatte, in meinen Rucksack und war froh darüber, dass es heute losging. Ein wenig Ablenkung würde mir sicher guttun.

Meine Familie, die rein gar nichts von den unheimlichen Dingen ahnte, die direkt vor ihrer Haustür stattfanden, war wie immer bei bester Laune. Nur Joschi blickte verdrießlich drein. Er war sauer, dass er den Segelschein noch nicht machen durfte. Was meine Vorfreude darauf nur erhöhte.

Wenig später saßen wir im Auto auf dem Weg nach Hohn, wo der Kurs stattfinden sollte.

Beim Bäcker hielten wir noch einmal an. »Anna, spring schnell raus und hol uns vier von diesen unglaublich leckeren Franzbrötchen«, forderte mich mein Vater auf.

»Aber du hast doch eben erst gefrühstückt«, gab meine Mutter zu bedenken.

»Na und? Wer weiß, wie lange wir da festsitzen und aufs Wasser starren müssen, bis Annas Segel endlich wieder am Horizont auftaucht.«

»Dann hol mal lieber zehn Franzbrötchen«, meinte Joschi.

Ich kaufte vier. Der Laden war leer, bis auf die Frau des Bäckers und eine Frau, die im Laden ihre Freilandeier abgab. Sie begrüßten mich mit einem knappen »Moin« und ließen sich nicht weiter in ihrer Unterhaltung stören. Leider sprachen sie so leise, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen. Nicht dass es mich interessieren würde, worüber fremde Leute sich so unterhalten, aber wenn ich schon warten musste …

»Er soll wieder da sein«, flüsterte die Bäckersfrau und warf mir einen unruhigen Blick zu. »Er wurde gesehen.«

»Von wem?«, fragte die Eierfrau zurück und gleich hinterher: »Du meinst, es geht wieder los?«

Die Bäckersfrau nickte. »Sieben Jahre sind um«, sagte sie. Dann nickte sie kurz in meine Richtung. »Die Kleine macht mit ihrer Familie in dem Haus Urlaub.«

»Oh«, erwiderte die Eierfrau nur kurz. Und lauter, an mich gewandt: »Habt ihr das Gewitter gestern denn gut überstanden?« In ihrem Blick lag die blanke Neugier.

»Haben wir, danke der Nachfrage«, antwortete ich. Die beiden tauschten vielsagende Blicke.

»Was darf es sein?«, fragte die Bäckersfrau.

»Vier Franzbrötchen, bitte.«

»Das hat ja ewig gedauert«, murrte Joschi, als ich wieder ins Auto stieg. Während der ganzen Fahrt ging mir die Unterhaltung nicht aus dem Kopf.

Die Segelschule Nautilus war an diesem Vormittag gut besucht. Ich war wohl nicht die Einzige, die ihren Grundschein machen wollte. Eine ganze Schulklasse aus Essen schien dasselbe vorzuhaben. Der Inhaber der Segelschule, Herr Jensen, begrüßte uns und hielt einen kurzen Vortrag über die Vorteile eines Segelscheins.

»Das Allerwichtigste ist der Spaß am Segeln«, sagte er. Schließlich gehe es nicht darum, den Schein zu machen, sondern das Segeln zu erlernen. Da das aber mehr sei, als ein Boot von A nach B zu steuern, sei es wichtig, sich mit gewissen Regeln vertraut zu machen usw. Mir ging die Unterhaltung aus der Bäckerei noch immer nicht aus dem Kopf. »… für ein gefahrloses Miteinander auf europäischen Gewässern«, schloss Herr Jensen und dann ging es endlich zu den Booten. Die Fünftklässler verteilten sich auf die Optis. Für mich stand zum Glück eine größere Jolle bereit. Im Geiste hatte ich mich schon als Elefant in einer Nussschale gesehen.

Mein Segellehrer war noch nicht da und so wartete ich im Kreis meiner Familie, die sich bereits über die mitgebrachten Franzbrötchen hermachte.

»Steig doch schon mal ein«, schlug Joschi vor.

»Quatsch«, sagte ich. In diesem Moment sprang mein Segellehrer auf den Steg und – Überraschung! Es war niemand anderes als Tjark. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer.

»Sieh an, der Tjark«, sagte mein Vater. »Du scheinst ein Mann mit vielen Talenten zu sein!«

»Da könnte etwas dran sein«, erwiderte Tjark lachend.

»Ich glaube, du bist in guten Händen, Anna. Wir holen dich um fünf Uhr wieder ab.«

»Ist in Ordnung«, sagte ich.

»Was soll ich als Erstes tun?« Die Frage galt natürlich Tjark.

Er grinste mich an.

»Zuerst legst du deine Schwimmweste an, dann kannst du an Bord gehen. Ich habe das Boot heute schon klargemacht. Ab morgen ist das dann deine Aufgabe. Segeln lernt man nämlich nur durchs Segeln. Aber die ersten Stunden auf dem Wasser darfst du einfach genießen, schließlich wollen wir dich mit dem ›Segelvirus‹ infizieren.« Ich grinste zurück und kletterte an Bord. Tjark legte gekonnt vom Steg ab, ich winkte meinen Eltern und wir nahmen Kurs aufs offene Meer.

Dieser Tag war wie fürs Segeln gemacht. Weiße Schäfchenwolken segelten am blauen Himmel mit uns um die Wette. Es war einfach herrlich. Was wollte ich mehr? Sonne, Wind und ein toller Typ neben mir. Ich spürte den Wind in den Haaren, die Sonne auf der Haut und trotzdem stahl sich immer wieder der Gedanke an das belauschte Gespräch in mein Hirn. »Er soll wieder da sein …« Sprachen sie womöglich von dem Mann, den ich gesehen hatte? Schnell drängte ich diesen Gedanken in den Hintergrund.

»Hier, fang!« Tjark warf mir eine Dose Cola zu. Sie landete direkt neben mir. Ich bin kein guter Fänger.

»Danke«, sagte ich. »Das nenne ich Service.« Ich öffnete die Dose und ein Strahl Cola ergoss sich auf mein T-Shirt.

Tjark musste mich für einen Riesentrampel halten.

»Hier!« Er schmiss ein Handtuch hinterher, das sich prompt einmal um meinen Kopf wickelte. Hastig riss ich es herunter und bearbeitete mein T-Shirt.

»Und, was machst du sonst so? Wo macht man selber Urlaub, wenn man an einem Urlaubsort wohnt?«, versuchte ich die Unterhaltung anzukurbeln, als würde es den riesigen Fleck auf meinem Shirt nicht geben.

Tjark sah mich geheimnisvoll an. »Was ich sonst so mache?«

Er senkte die Stimme. »Ich weiß nicht, ob ich es dir sagen kann.«

»Was denn?« Meine Neugierde war geweckt.

»Kannst du schweigen?«

»Klar kann ich schweigen«, sagte ich. Und um zu beweisen, wie gut ich schweigen konnte, schloss ich meinen Mund mit einem unsichtbaren Schlüssel ab und warf ihn über Bord. Das hatte uns unsere Klassenlehrerin in der ersten Klasse beigebracht. Tjark sah unauffällig über seine Schulter. »Es ist extrem wichtig, dass du das, was ich dir erzähle, für dich behältst«, flüsterte er. »Lebenswichtig.«

»Oh!« Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an.

»Ich bin nicht der, für den du mich hältst«, flüsterte er weiter.

»Sondern?«

»Ich bin …« Betrübt brach er ab. »Du wirst mir nicht glauben.«

Jetzt rührte er an meinen Beschützerinstinkt. »Natürlich glaube ich dir!«, versicherte ich. Die nächsten fünf Minuten versuchte ich ihm zu erklären, weshalb sein Geheimnis bei mir gut aufgehoben wäre.

»Na gut«, sagte er schließlich. »Ich vertraue dir.«

Na also. Ich grinste innerlich.

»Du glaubst, ich bin Tjark, stimmt’s?«

Ich nickte.

»Aber der bin ich nicht. In Wirklichkeit bin ich …«

Ich hielt die Luft an.

»Die menschliche Spinne!«

Hatte ich richtig gehört? Die menschliche Spinne? »Spiderman!«, rief er gerade und tat so, als würde er ein Gebäude erklimmen. »Gekommen, um die Welt zu retten!« Er brach in schallendes Gelächter aus.

»Idiot!«, zischte ich und pfefferte ihm das Handtuch an den Kopf.

»Ich habe doch gesagt, dass du mir nicht glauben wirst!«

Ich war leicht angesäuert.

»Ach, Anna! Es tut mir leid. Aber du hast sofort an meinen Lippen gehangen, da konnte ich nicht anders.«

»Na klasse, ...

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