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Anna Karenina

Inhaltsübersicht

ERSTER TEIL

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DRITTER TEIL

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SECHSTER TEIL

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SIEBENTER TEIL

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ACHTER TEIL

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ERSTER TEIL

Die Rache ist mein;

ich will vergelten.

1

 

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.

Im Hause der Oblonskis war alles aus dem Geleise geraten. Die Frau des Hauses hatte erfahren, daß ihr Mann mit der Französin, die früher bei ihnen als Gouvernante angestellt war, ein Verhältnis unterhielt, und hatte ihm erklärt, sie könne mit ihm nicht weiter unter demselben Dache leben. Dieser Zustand dauerte nun schon den dritten Tag an und bedrückte sowohl die Eheleute selbst als auch alle Familienmitglieder und das ganze Personal. Sämtliche Mitglieder der Familie und das Hausgesinde hatten das Empfinden, daß ihre Hausgemeinschaft sinnlos geworden sei und daß zwischen Leuten, die zufällig in einem Gasthof zusammentreffen, eine engere Verbindung bestehe als zwischen ihnen, den Mitgliedern der Familie Oblonski und ihrem Hausgesinde. Die Frau des Hauses verließ ihre Zimmer nicht, der Hausherr war seit zwei Tagen nicht zu Hause gewesen. Die Kinder irrten in der ganzen Wohnung wie verloren umher; die englische Erzieherin hatte sich mit der Wirtschafterin überworfen und an eine Freundin geschrieben, sie möchte sich nach einer anderen Stelle für sie umsehen; der Koch war bereits am Vortage während des Mittagessens seiner Wege gegangen, das Küchenmädchen und der Kutscher hatten ihren Dienst aufgesagt.

Am dritten Tage nach dem Zerwürfnis wachte Fürst Stepan Arkadjitsch Oblonski – Stiwa, wie er in der Gesellschaft genannt wurde – zur üblichen Stunde, das heißt um acht Uhr morgens, auf, allerdings nicht im ehelichen Schlafzimmer, sondern auf dem Lederdiwan in seinem Arbeitszimmer. Er drehte sich auf dem Diwan, der unter seinem korpulenten, gepflegten Körper federte, auf die andere Seite, schob die Hand unter das Kissen, vergrub das Gesicht darin und war dabei, nochmals fest einzuschlafen; plötzlich jedoch schnellte er in die Höhe, setzte sich aufrecht hin und öffnete die Augen.

Ja, ja, wie war das doch gleich? Er versuchte, sich das eben Geträumte ins Gedächtnis zu rufen. Wie war es denn? Ja! Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in Darmstadt, irgendwo in Amerika. Ja, aber jenes Darmstadt, das lag in Amerika. Ja, Alabin gab ein Diner auf Tischen aus Glas, ja, und die Tische sangen: »Il mio tesoro«, oder nein, nicht »Il mio tesoro«, sondern etwas Schöneres … und dann diese kleinen Karaffen, die zugleich auch Frauen waren …

Die Augen Stepan Arkadjitschs leuchteten freudig auf, und er lächelte versonnen. Ja, das war sehr schön, sehr schön. Noch vielerlei vortreffliche Dinge gab es dort, doch beim Erwachen kann man das nicht in Worten ausdrücken, und sogar die Gedanken lassen sich nicht aussprechen. Als er nun den Lichtstreifen bemerkte, der am Rande des Tuchvorhangs durch eines der Fenster ins Zimmer drang, setzte er die Füße mit einem übermütigen Schwung auf den Fußboden, angelte mit ihnen nach den goldschimmernden Saffianpantoffeln, die seine Frau bestickt und ihm im vorigen Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte, und streckte, ohne aufzustehen, den Arm aus alter, neunjähriger Gewohnheit in die Richtung, in der im Schlafzimmer sein Schlafrock hing. Und jetzt besann er sich plötzlich darauf, daß und warum er nicht im gemeinsamen Schlafzimmer, sondern in seinem Arbeitszimmer geschlafen hatte, das Lächeln verschwand von seinem Gesicht, und er zog die Stirn kraus.

»Ach, ach, ach! O weh!« jammerte er, als ihm alles einfiel, was geschehen war. In seinem Gedächtnis wurden jetzt wieder alle Einzelheiten des Zerwürfnisses mit seiner Frau lebendig, die ganze Hoffnungslosigkeit seiner Lage und – was am quälendsten war – sein eigenes Schuldbewußtsein.

Nein, sie wird nicht verzeihen und kann nicht verzeihen. Und das schrecklichste ist, daß ich an allem schuld bin – schuld bin, und doch eigentlich schuldlos. Darin liegt eben die ganze Tragik, sagte er sich in Gedanken.

»Ach, ach, ach!« murmelte er verzweifelt vor sich hin, als er sich der für ihn peinvollsten Momente der Auseinandersetzung mit seiner Frau erinnerte.

Am unangenehmsten war jener erste Augenblick gewesen, als er bei seiner Rückkehr aus dem Theater in angeregter, zufriedener Stimmung und mit einer riesigen, seiner Frau zugedachten Birne in der Hand in den Salon getreten war und Dolly dort nicht angetroffen hatte; zu seinem Erstaunen hatte er sie auch nicht in seinem Arbeitszimmer gefunden; schließlich hatte er sie im Schlafzimmer mit dem unglückseligen, alles verratenden Briefchen in der Hand entdeckt.

Dolly, diese rührige, ewig sorgende und, wie er meinte, ein wenig beschränkte Frau, hatte regungslos mit dem Briefchen in der Hand in einem Sessel gesessen und ihn mit einem Blick empfangen, in dem sich Entsetzen, Verzweiflung und Zorn ausdrückten.

»Was ist das? Was?« hatte sie gefragt und auf das Briefchen gedeutet.

Und als Stepan Arkadjitsch daran zurückdachte, ärgerte er sich, wie es häufig geschieht, nicht sosehr über das Vorkommnis selbst als vielmehr über die Art, wie er auf die Worte seiner Frau reagiert hatte.

Ihm war es in jenem Augenblick so ergangen, wie es den meisten Menschen ergeht, wenn sie unvorbereitet einer für sie sehr beschämenden Handlungsweise überführt werden. Er hatte es nicht verstanden, seine Haltung der Situation anzupassen, in der er seiner Frau nach Aufdeckung seiner Schuld gegenüberstand. Anstatt den Beleidigten zu spielen, zu leugnen, sich zu rechtfertigen, um Vergebung zu bitten oder auch einfach Gleichmut zu bewahren – alles wäre besser gewesen als sein Verhalten! –, hatte er sein Gesicht ganz mechanisch (auf Grund von Gehirnreflexen, meinte Stepan Arkadjitsch, der die Physiologie schätzte) zu seinem üblichen, gutmütigen und in dieser Lage albern wirkenden Lächeln verzogen.

Dieses alberne Lächeln konnte er sich nicht verzeihen. Angesichts seines Lächelns war Dolly wie unter einem physischen Schmerz zusammengezuckt, hatte ihrer Empörung mit der ihr eigenen Heftigkeit durch eine Flut harter Worte Luft gemacht und war aus dem Zimmer gelaufen. Seitdem weigerte sie sich, mit ihm zusammenzukommen.

»Schuld an allem ist dieses dumme Lächeln«, murmelte Stepan Arkadjitsch vor sich hin. »Aber was soll man machen? Was macht man bloß?« fragte er sich verzweifelt und fand keine Antwort.

2

 

Stepan Arkadjitsch war sich selbst gegenüber ein ehrlicher Mensch. Er konnte sich keiner Selbsttäuschung hingeben und sich nicht einreden, daß er seine Handlungsweise bereue. Es war ihm einfach nicht möglich, Reue darüber zu empfinden, daß er, ein jetzt vierunddreißigjähriger, gutaussehender und leicht entflammbarer Mann, nicht mehr in seine Frau, die Mutter von fünf Kindern (zwei weitere Kinder waren gestorben) und nur ein Jahr jünger war als er, verliebt war. Er bereute lediglich, daß er es nicht besser verstanden hatte, seine Frau zu täuschen. Aber er war sich der ganzen Schwere seiner Lage bewußt und bedauerte seine Frau, die Kinder und sich selbst. Vielleicht wäre es ihm auch gelungen, sein Vergehen vor seiner Frau besser zu verbergen, wenn er geahnt hätte, daß diese Nachricht eine solche Wirkung auf sie ausüben würde. Er hatte über diese Frage nie genauer nachgedacht, aber undeutlich hatte er sich vorgestellt, daß seine Frau längst erraten habe, daß er ihr untreu sei, und daß sie ein Auge zudrücke. Er meinte sogar, daß sie, eine abgezehrte, gealterte und nicht mehr hübsche Frau, die sich durch nichts Besonderes auszeichnete und nichts weiter als eine gute Hausmutter war, schon aus Gerechtigkeitssinn nachsichtig gegen ihn sein müsse. Und nun hatte sich genau das Gegenteil herausgestellt.

»Ach, wie furchtbar! Oh, oh, oh, wie furchtbar!« sagte Stepan Arkadjitsch immer wieder vor sich hin und wußte sich keinen Rat. Und wie schön war doch das Leben bis jetzt, wie gut ist alles gegangen! Sie war zufrieden, war glücklich durch die Kinder, ich habe ihr nichts in den Weg gelegt, überließ es ihr, sich nach Belieben mit den Kindern abzugeben und im Haushalt zu schalten und walten, wie sie wollte. Gewiß, es ist nicht schön, daß sie als Gouvernante bei uns angestellt gewesen ist. Das ist nicht schön! Es hat immer einen trivialen, ordinären Beigeschmack, wenn man mit einer Gouvernante des eigenen Hauses flirtet. Aber was für eine Gouvernante! (Er stellte sich lebhaft die schalkhaften schwarzen Augen und das Lächeln von Mademoiselle Rolland vor.) Doch solange sie bei uns im Hause war, habe ich mir ja nichts erlaubt. Das schlimmste ist, daß sie auch schon … Als ob alles verhext wäre! Oh, oh, oh! Was macht man bloß, was macht man bloß?

Er fand keine Antwort außer jener gewöhnlichen, die das Leben auf alle komplizierten und unlösbaren Fragen gibt. Diese Antwort lautet: Man muß in den Tag hinein leben, das heißt sich vergessen. In einem Traum Vergessen zu suchen, das war nicht mehr möglich, zum mindesten nicht vor der Nacht, und die Musik, die von jenen Karaffen ausgegangen war, die sich dann in Frauen verwandelt hatten, ließ sich nicht mehr zum Klingen bringen; es blieb also nichts anderes übrig, als ein Vergessen in dem zu suchen, was der Tag mit sich brachte.

Dann werden wir weitersehen, sagte sich Stepan Arkadjitsch, während er seinen grauen, mit blauer Seide gefütterten Schlafrock anzog und den an den Enden mit Troddeln versehenen Gürtel zu einer Schleife zusammenband; dann sog er die Luft mit Behagen in seinen breiten Brustkorb, ging mit seinen nach außen gekehrten Füßen, die seinen fülligen Körper so elastisch trugen, forschen Schrittes ans Fenster, zog den Vorhang zurück und setzte energisch die Klingel in Bewegung. Auf das Klingelzeichen trat sofort sein alter Freund, der Kammerdiener Matwej, ein und brachte die Kleider, die Schuhe und ein Telegramm. Hinter Matwej erschien auch der Friseur mit allem Zubehör zum Rasieren.

»Sind Akten aus dem Amt gebracht worden?« fragte Stepan Arkadjitsch, als er Matwej das Telegramm abnahm und sich vor den Spiegel setzte.

»Sie liegen auf dem Frühstückstisch«, antwortete Matwej, wobei er fragend und besorgt auf seinen Herrn blickte und dann nach einer kurzen Pause mit einem listigen Lächeln hinzufügte: »Vom Fuhrunternehmer ist jemand hiergewesen.«

Stepan Arkadjitsch antwortete nichts und sah Matwej nur im Spiegel an. An dem Blick, den sie im Spiegel miteinander tauschten, war zu erkennen, wie gut sie einander verstanden. In dem Blick Stepan Arkadjitschs drückte sich die Frage aus: Warum sagst du das? Weißt du denn nicht Bescheid?

Matwej steckte die Hände in die Taschen seines Jacketts, trat einen halben Schritt zurück und blickte schweigend mit einem gutmütigen, kaum merkbaren Lächeln auf seinen Herrn.

»Ich habe ihm gesagt, er soll nächsten Sonntag kommen und bis dahin weder Sie noch sich selbst unnötig bemühen«, beantwortete er die stumme Frage Stepan Arkadjitschs mit einem Satz, für den er sich die Worte offenbar vorher zurechtgelegt hatte.

Stepan Arkadjitsch merkte, daß Matwej zum Scherzen aufgelegt war und die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte. Nachdem er das Telegramm aufgerissen und den wie immer verstümmelten Text entziffert hatte, verklärte sich sein Gesicht.

»Matwej, meine Schwester Anna Arkadjewna trifft morgen ein«, sagte er, wobei er für einen Augenblick die glänzende rundliche kleine Hand des Friseurs festhielt, die zwischen den beiden Hälften des langen gewellten Backenbarts eine blaßrosa Bahn zog.

»Gott sei Dank«, antwortete Matwej und gab damit zu verstehen, daß er sich ebenso wie sein Herr der Bedeutung dieses Besuches bewußt war und zu der Ansicht neigte, die Schwester Stepan Arkadjitschs, die dieser über alles liebte, könne eine Versöhnung zwischen Mann und Frau herbeiführen.

»Allein oder mit dem Herrn Gemahl?« fragte Matwej.

Stepan Arkadjitsch, der nicht antworten konnte, weil der Friseur gerade an seiner Oberlippe beschäftigt war, hob einen Finger in die Höhe. Matwej nickte dem Spiegelbild zu.

»Allein. Sollen oben die Zimmer hergerichtet werden?«

»Melde es Darja Alexandrowna. Je nachdem, was sie bestimmt.«

»Darja Alexandrowna?« wiederholte Matwej, gleichsam zweifelnd.

»Ja, melde es ihr. Hier, nimm auch das Telegramm mit und sage mir dann Bescheid, was sie gesagt hat.«

Er streckt die Fühler aus! dachte Matwej, aber laut sagte er nur:

»Zu Befehl!«

Stepan Arkadjitsch, fertig rasiert und frisiert, war schon im Begriff, sich anzuziehen, als Matwej, bedächtig mit seinen knarrenden Stiefeln einherschreitend, mit dem Telegramm in der Hand ins Zimmer zurückkehrte. Der Friseur hatte sich inzwischen entfernt.

»Von Darja Alexandrowna soll ich melden, daß sie verreist. Man soll, das heißt, Sie sollen alles machen, wie es Ihnen beliebt«, sagte er mit einem nur in den Augen erkennbaren Lächeln, steckte die Hände in die Taschen, legte den Kopf auf die Seite und sah seinen Herrn erwartungsvoll an.

Stepan Arkadjitsch schwieg eine Weile. Dann erschien auf seinem hübschen Gesicht ein gutmütiges, aber etwas klägliches Lächeln.

»Na, Matwej?« sagte er und wiegte den Kopf.

»Macht nichts, Herr, es wird schon werden«, antwortete Matwej. »Wird werden?«

»Jawohl.«

»Meinst du? – Wer ist denn dort?« fragte Stepan Arkadjitsch, als hinter der Tür das Rascheln eines Frauenkleides laut wurde.

»Ich bin’s«, antwortete eine feste, angenehme Frauenstimme, und im Türspalt erschien das strenge pockennarbige Gesicht der Kinderfrau Matrjona Filimonowna.

»Was gibt’s, Matrjoscha?« fragte Stepan Arkadjitsch und trat zu ihr an die Tür.

Obwohl Stepan Arkadjitsch seiner Frau gegenüber zutiefst im Unrecht war und dies selbst einsah, nahmen fast alle im Hause für ihn Partei, selbst die alte Kinderfrau, die ganz besonders an Darja Alexandrowna hing.

»Was gibt’s?« fragte er bedrückt.

»Gehen Sie zu ihr, Herr, bitten Sie noch einmal um Verzeihung. Vielleicht steht Ihnen Gott bei. Sie quält sich so, es ist nicht mit anzusehen, und im Hause geht auch alles drunter und drüber. Die Kinder, Herr, die Kinder sind zu bedauern. Leisten Sie Abbitte, Herr. Was hilft’s? Hast du dir die Suppe eingebrockt, dann …«

»Sie wird mich ja gar nicht zu sich lassen …«

»Versuchen Sie’s. Gott ist gnädig, beten Sie zu Gott, Herr, beten Sie zu Gott!«

»Nun gut, gehe jetzt«, sagte Stepan Arkadjitsch und wurde plötzlich rot. »So, nun reich mir die Kleider«, wandte er sich dann an Matwej und warf mit einer energischen Bewegung den Schlafrock ab.

Matwej pustete etwas Unsichtbares vom Hemd, das er schon wie ein Kummet bereithielt, und streifte es mit sichtlichem Vergnügen über den gepflegten Körper seines Herrn.

3

 

Nach beendeter Toilette besprühte sich Stepan Arkadjitsch mit Parfüm, zog an den Hemdsärmeln die Manschetten zurecht und verteilte mit gewohnten Handgriffen die Zigaretten, die Brieftasche, die Zündholzschachtel und die Uhr mit mehreren Anhängern, die an einer Doppelkette befestigt war, auf die verschiedenen Taschen; dann schwenkte er sein Taschentuch und begab sich mit dem Gefühl, sauber, duftend, gesund und ungeachtet allen Mißgeschicks im Vollbesitz seiner physischen Kraft zu sein, mit leicht wippenden Schritten ins Speisezimmer, wo bereits der Kaffee auf ihn wartete und neben dem Gedeck die eingegangenen Briefe und die aus dem Amt gebrachten Akten lagen.

Er las die Briefe. Einer darunter berührte ihn sehr unangenehm: er war von dem Kaufmann, mit dem er wegen des Verkaufs eines Waldstückes in Unterhandlung stand, das zum Gut seiner Frau gehörte. Dieser Wald mußte unbedingt verkauft werden; jetzt jedoch, bevor er sich nicht mit seiner Frau ausgesöhnt hatte, war gar nicht daran zu denken. Am unangenehmsten dabei war, daß sich auf diese Weise eine Geldfrage in die bevorstehende Versöhnung mit seiner Frau einschlich. Der Gedanke, daß er sich von einer Geldfrage leiten lassen und eine Versöhnung mit seiner Frau betreiben könnte, um den Wald zu verkaufen – allein dieser Gedanke schon beleidigte ihn.

Nachdem Stepan Arkadjitsch alle Briefe gelesen hatte, zog er die vom Amt gekommenen Schriftstücke zu sich heran; er blätterte schnell zwei Aktenstücke durch, machte mit einem dicken Bleistift einige Randnotizen, schob die Akten wieder beiseite und wandte sich dem Frühstück zu. Beim Kaffeetrinken entfaltete er die noch feuchte Morgenzeitung und begann zu lesen.

Stepan Arkadjitsch hielt eine liberale Zeitung – keine extreme, sondern ein Blatt jener Richtung, der die Mehrzahl seiner Bekannten huldigte. Und obwohl er sich im Grunde genommen weder für wissenschaftliche Belange noch für Kunst und Politik interessierte, vertrat er in allen diesen Fragen mit Entschiedenheit die gleichen Ansichten, die von dieser Mehrzahl und von seiner Zeitung vertreten wurden; er änderte sie nur, wenn die Mehrzahl sie änderte, oder, richtiger gesagt, nicht er änderte sie, sondern sie änderten sich von selbst in ihm, ohne daß er es merkte.

Stepan Arkadjitsch wählte nicht eine Richtung und Ansichten, sondern die Richtungen und Ansichten kamen zu ihm, genauso, wie er auch nicht die Fasson seiner Hüte und den Schnitt seiner Anzüge wählte, sondern sie so trug, wie sie gerade Mode waren. Ansichten zu haben aber war für ihn, der in einem bestimmten Kreise lebte und das Bedürfnis nach einer gewissen geistigen Beschäftigung empfand, wie es sich gewöhnlich in reiferen Jahren einstellt, ebenso eine Notwendigkeit wie der Besitz eines Hutes. Und wenn es auch einen Grund dafür gab, daß er die liberale Richtung der konservativen vorzog, der ebenfalls viele seiner Bekannten anhingen, so lag dieser Grund nicht darin, daß er die liberale Richtung für vernünftiger gehalten hätte, sondern in dem Umstand, daß sie besser zu seinem ganzen Lebensstil paßte. Die liberale Partei erklärte, daß in Rußland alles schlecht sei – und in der Tat, Stepan Arkadjitsch hatte viele Schulden und entschieden zuwenig Geld. Die liberale Partei erklärte, daß die Ehe eine überholte Einrichtung sei, die einer Umgestaltung bedürfe – und in der Tat, das Familienleben bereitete Stepan Arkadjitsch wenig Vergnügen und zwang ihn, zu lügen und sich zu verstellen, was seiner Natur höchst zuwider war. Die liberale Partei erklärte oder vielmehr sie war der Auffassung, daß die Religion lediglich ein Mittel zur Zügelung des unzivilisierten Teils der Bevölkerung sei – und in der Tat, Stepan Arkadjitsch vermochte selbst einem kurzen Gottesdienst nicht bis zum Ende beizuwohnen, ohne daß seine Füße geschmerzt hätten, und er konnte nicht begreifen, wozu in so schrecklichen und hochtönenden Worten vom Jenseits geredet wurde, da es sich doch auch in dieser Welt ganz gut leben ließ. Außerdem bereitete es Stepan Arkadjitsch, der einen guten Scherz liebte, Vergnügen, gelegentlich irgendein harmloses Gemüt durch die Bemerkung zu verblüffen, daß es, wenn man sich schon etwas auf seine Ahnen einbilde, nicht richtig sei, bei Rjurik haltzumachen und den Urvater – den Affen – zu verleugnen. Die liberale Richtung war Stepan Arkadjitsch somit zur Gewohnheit geworden, und er schätzte seine Zeitung ebenso, wie er nach dem Mittagessen eine Zigarre schätzte, die in seinem Kopf eine leichte Benebelung hervorrief. Er las den Leitartikel, in dem davon die Rede war, daß es gänzlich unberechtigt sei, darüber zu wehklagen, daß der Radikalismus angeblich alle konservativen Elemente zu vernichten drohe und daß die Regierung unbedingt Maßnahmen zur Unterdrückung der revolutionären Hydra ergreifen müsse, denn, so hieß es weiter, »die Gefahr liegt unseres Erachtens nicht in der vermeintlichen revolutionären Hydra, sondern in dem hartnäckigen Festhalten an Traditionen, die den Fortschritt hemmen«. Ferner las er einen Artikel finanzpolitischen Inhalts, in dem Bentham und Mill erwähnt wurden und der einige Nadelstiche gegen das Ministerium enthielt. Dank seiner schnellen Auffassungsgabe durchschaute er die Bedeutung jeder Stichelei: er wußte, von wem sie ausging, gegen wen sie gerichtet und worauf sie gemünzt war, und das bereitete ihm stets ein gewisses Vergnügen. Heute war dieses Vergnügen allerdings durch die Erinnerung an die Ermahnungen Matrjona Filimonownas und durch die unerquicklichen Verhältnisse im Hause getrübt. Er las auch noch, daß Graf Beust dem Vernehmen nach ins Ausland, nach Wiesbaden, gereist sei, daß es ein Mittel gegen graue Haare gebe, daß jemand einen leichten Kutschwagen verkaufen wolle und daß eine junge Frau eine Stelle suche; aber er empfand diesmal nicht das stille, mit Ironie gemischte Vergnügen, das ihm das Lesen solcher Notizen sonst bereitete.

Als er mit der Zeitungslektüre fertig war, eine große Semmel mit Butter verzehrt und eine zweite Tasse Kaffee zu sich genommen hatte, stand er auf, schüttelte die Brotkrümel von der Weste ab, wölbte seine breite Brust und lächelte zufrieden – nicht etwa, weil ihm etwas besonders Angenehmes eingefallen wäre, sondern dank seiner guten Verdauung.

Doch dieses freudige Lächeln rief ihm auch sofort das Vorgefallene ins Gedächtnis, und er machte ein nachdenkliches Gesicht.

Hinter der Tür wurden zwei Kinderstimmen laut, in denen Stepan Arkadjitsch die Stimmen seines Söhnchens Grischa und des etwas älteren Töchterchens Tanja erkannte.

»Ich habe dir doch gesagt, daß man die Passagiere nicht aufs Dach setzen kann!« rief das Mädchen auf englisch. »Sammle sie jetzt auf!«

Alles ist in Unordnung geraten, dachte Stepan Arkadjitsch, sogar die Kinder sind sich selbst überlassen. Er ging an die Tür und rief die beiden zu sich. Sie ließen die Schachtel, die einen Eisenbahnwagen darstellen sollte, liegen und kamen zum Vater.

Tanja, Vaters Liebling, kam stürmisch hereingelaufen, umarmte ihn und blieb lachend an seinem Halse hängen, um mit Behagen den ihr wohlbekannten Duft einzuatmen, der von seinem Bart ausging. Nachdem sie endlich sein von der gebückten Stellung gerötetes und vor Zärtlichkeit strahlendes Gesicht geküßt hatte, zog sie die Arme zurück und wollte weglaufen; doch der Vater hielt sie zurück.

»Was macht Mama?« fragte er und strich mit der Hand über den weichen, zarten Nacken des Töchterchens. »Guten Morgen«, fügte er lächelnd, zu dem Knaben gewandt, hinzu, der zur Begrüßung herangetreten war.

Er war sich bewußt, daß er den Knaben weniger liebte, und bemühte sich stets, die Kinder gleichmäßig zu behandeln; aber der Knabe spürte das und beantwortete das kalte Lächeln des Vaters nicht mit einem Lächeln.

»Mama? Sie ist aufgestanden«, antwortete das Mädchen.

Stepan Arkadjitsch seufzte. Dann hat sie wieder die ganze Nacht nicht geschlafen! sagte er sich.

»Nun, ist sie guter Laune?«

Tanja wußte, daß Vater und Mutter sich verzankt hatten und daß die Mutter nicht guter Laune sein konnte; sie meinte auch, daß der Vater das wissen müsse und sich verstellte, wenn er so leichthin danach fragte. Und sie errötete für den Vater. Er merkte das sofort und wurde auch rot.

»Ich weiß nicht«, antwortete Tanja. »Sie hat gesagt, wir brauchen heute nicht zu lernen und sollen mit Miss Hull zu Großmama gehen.«

»Nun, dann gehe, mein Liebling. Ach so, warte mal«, sagte er, hielt sie noch einmal zurück und streichelte ihr weiches Händchen.

Er nahm vom Kaminsims eine Schachtel mit Konfekt, die er am Abend zuvor dorthin gestellt hatte, und wählte für sie zwei Stück aus: ein Schokoladen- und ein Sahnepraline, die ihr, wie er wußte, am besten schmeckten.

»Für Grischa?« fragte Tanja und zeigte auf das Schokoladenkonfekt.

»Ja, ja.« Und nachdem er nochmals ihre schmale Schulter gestreichelt und sie auf Hals und Haarwurzeln geküßt hatte, gab er sie frei.

»Der Wagen ist vorgefahren«, meldete Matwej. »Und eine Bittstellerin wartet auch noch«, fügte er hinzu.

»Schon lange?« fragte Stepan Arkadjitsch.

»Ein halbes Stündchen vielleicht.«

»Wie oft schon hat man dir gesagt, daß du immer sofort zu melden hast!«

»Man muß Ihnen doch wenigstens Zeit lassen, Kaffee zu trinken«, antwortete Matwej in jenem freundschaftlich-groben Ton, den man ihm nie übelnehmen konnte.

»Nun, dann bitte sie jetzt aber ganz schnell herein«, sagte Oblonski mit unwillig gerunzelter Stirn.

Die Bittstellerin, Witwe eines Stabshauptmanns Kalinin, hatte ein ganz unmögliches und sinnloses Anliegen. Aber seiner Gewohnheit gemäß nötigte er sie, Platz zu nehmen, hörte sie aufmerksam und ohne sie zu unterbrechen an und erteilte ihr einen ausführlichen Rat, was sie unternehmen und an wen sie sich wenden solle; er gab ihr sogar für die Persönlichkeit, die ihr nützlich sein konnte, eine durchaus gewandt verfaßte Empfehlung mit, die er in seiner forschen, breiten, schönen und deutlichen Handschrift niederschrieb. Nachdem er die Frau entlassen hatte, nahm er seinen Hut und blieb einen Augenblick stehen, um nachzudenken, ob er vielleicht etwas vergessen hätte. Nein, er hatte nichts vergessen, bis auf das eine, was er vergessen wollte – den Gang zu seiner Frau.

»Ach ja!« Er ließ den Kopf sinken, und sein hübsches Gesicht nahm einen betrübten Ausdruck an. Soll ich, oder soll ich nicht? fragte er sich selbst. Eine Stimme in seinem Innern sagte ihm, daß es zwecklos sei, zu seiner Frau zu gehen, daß dies nur zu einer Heuchelei führen würde und daß es keine Möglichkeit gebe, ihre Beziehungen zu verbessern und wiederherzustellen, weil es eben unmöglich sei, ihr aufs neue ein anziehendes, verführerisches Aussehen zu geben oder ihn in einen hinfälligen, nicht mehr der Liebe bedürftigen Greis zu verwandeln. Jetzt konnte alles nur auf Heuchelei und Lüge hinauslaufen; Heuchelei und Lüge aber waren seiner Natur zuwider.

»Ja, aber irgendwann muß es ja doch sein; bei dem jetzigen Zustand kann es doch nicht bleiben«, sagte er und versuchte sich Mut zuzusprechen. Er wölbte die Brust, nahm eine Zigarette, zündete sie an, machte zwei tiefe Züge, warf sie in die als Aschenbecher dienende Perlmuttmuschel, durchquerte mit schnellen Schritten den finsteren Salon und öffnete die andere Tür – die Tür zum Zimmer seiner Frau.

4

 

Darja Alexandrowna, in einer Morgenjacke, ihr einstmals dichtes und schönes, mittlerweile stark gelichtetes Haar im Nacken zu einem Knoten aufgesteckt, stand mit großen, erschrockenen, in dem hageren, eingefallenen Gesicht scharf hervortretenden Augen inmitten aller möglichen im Zimmer herumliegenden Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere, aus der sie irgend etwas heraussuchte. Als sie die Schritte ihres Mannes hörte, hielt sie inne, blickte nach der Tür und versuchte vergeblich, ihrem Gesicht einen strengen und verächtlichen Ausdruck zu geben. Sie empfand Angst vor ihm, Angst vor der bevorstehenden Auseinandersetzung. Sie hatte eben erst versucht, das zu tun, wozu sie sich innerhalb dieser drei Tage wohl schon zehnmal angeschickt hatte: die Kindersachen und ihre eigenen Kleider auszusuchen, die sie zu ihrer Mutter bringen wollte – und konnte sich wiederum nicht dazu entschließen. Nach wie vor jedoch hielt sie an der Überzeugung fest, daß es so nicht weitergehen könne, daß sie irgend etwas unternehmen müsse, um ihren Mann zu bestrafen, zu blamieren und ihm wenigstens zu einem geringen Teil das Leid heimzuzahlen, das er ihr zugefügt hatte. Sie redete sich immer noch ein, daß sie ihn verlassen werde, fühlte indessen, daß dies unausführbar sei; unausführbar deshalb, weil sie sich nicht an den Gedanken gewöhnen konnte, ihn fortan nicht mehr als ihren Mann anzusehen und nicht mehr zu lieben. Zudem dachte sie daran, daß es ihr schon hier, im eigenen Hause, schwergefallen war, mit ihren fünf Kindern allen Anforderungen gerecht zu werden, und daß es damit an jedem andern Ort, wenn sie mit der ganzen Kinderschar hinkäme, noch schlechter bestellt sein würde. Auch so schon war das jüngste in diesen drei Tagen erkrankt, weil man ihm sauer gewordene Bouillon zu trinken gegeben hatte, und die vier anderen waren gestern so gut wie ganz ohne Mittagessen geblieben. Sie fühlte, daß ein Verlassen des Hauses völlig unmöglich war; aber sie gab sich einer Selbsttäuschung hin, indem sie dennoch die Sachen aussortierte und so tat, als führe sie weg.

Als ihr Mann ins Zimmer trat, griff sie mit der Hand in die Schublade der Chiffonniere und gab sich den Anschein, dort etwas zu suchen. Zu ihm blickte sie sich erst um, als er dicht an sie herangetreten war, wobei jedoch ihr Gesicht, dem sie einen strengen und energischen Ausdruck geben wollte, nur Fassungslosigkeit und Kummer ausdrückte.

»Dolly!« sagte Stepan Arkadjitsch mit leiser, sanfter Stimme. Er zog den Kopf ein und bemühte sich, zerknirscht und demütig auszusehen, strahlte indessen dennoch Frische und Gesundheit aus.

Sie musterte mit einem schnellen Blick vom Kopf bis zu den Füßen seine von Frische und Gesundheit strotzende Erscheinung. Ja, er ist glücklich und zufrieden, dachte sie. Und ich? … Seine ganze Gutmütigkeit, um derentwillen ihn alle lieben und loben, ist widerlich; ich hasse diese Gutmütigkeit! Sie preßte den Mund zusammen, und auf der rechten Wange ihres blassen, nervösen Gesichts wurde ein Zucken der Muskeln bemerkbar.

»Was wünschen Sie?« fragte sie hastig mit hohler, gleichsam fremder Stimme.

»Dolly!« wiederholte er mit einem Zittern in der Stimme. »Anna kommt heute zu uns.«

»Was habe ich damit zu tun? Ich kann sie nicht empfangen!« rief sie aus.

»Aber das geht doch nicht, Dolly …«

»Gehen Sie, gehen Sie, gehen Sie!« schrie sie, ohne ihn anzusehen, und dieser Schrei klang so, als sei er von einem physischen Schmerz hervorgerufen.

Stepan Arkadjitsch hatte bei dem Gedanken an seine Frau bis jetzt die Ruhe bewahrt, hatte gehofft, daß »es schon werden wird«, wie Matwej sich ausgedrückt hatte, und es war ihm möglich gewesen, in Ruhe die Zeitung zu lesen und seinen Kaffee zu trinken; doch als er jetzt ihr gequältes, leidendes Gesicht vor sich hatte und den verzweifelten, herzzerreißenden Ton ihrer Stimme hörte, da verschlug es ihm den Atem, irgend etwas schnürte ihm die Kehle zusammen, und in seinen Augen schimmerten Tränen.

»Mein Gott, was habe ich angerichtet! Dolly! Um Gottes willen! Ich …« Er konnte nicht weitersprechen, Tränen erstickten seine Stimme.

Sie schlug die Schublade der Chiffonniere zu und sah ihm ins Gesicht.

»Dolly, was kann ich dir sagen? – Nur das eine: Vergib mir, vergib mir. .. Denke an die Vergangenheit: Wiegen denn neun Jahre unseres Lebens gar nichts gegen ein paar Augenblicke der … der …«

Sie schlug die Augen nieder, und während sie auf seine nächsten Worte wartete, schien sie ihn gleichsam anzuflehen, daß er sie irgendwie von seiner Schuldlosigkeit überzeugen möge.

»Augenblicke der Leidenschaft …«, fuhr er fort und wollte weitersprechen, doch bei diesem Wort preßten sich Darja Alexandrownas Lippen erneut wie unter einem physischen Schmerz zusammen, und auf der rechten Wange begannen wieder die Gesichtsmuskeln zu zucken.

»Gehen Sie, gehen Sie!« schrie sie noch erregter als zuvor. »Und reden Sie mir nicht von Ihrer Leidenschaft und Schändlichkeit!«

Sie schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, wankte aber und griff nach einer Stuhllehne, um sich zu stützen. Das Gesicht Stepan Arkadjitschs verzog sich, die Lippen schwollen an, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

»Dolly!« stammelte er, gegen das Schluchzen ankämpfend. »Um Gottes willen, denke an die Kinder, sie sind schuldlos. Ich bin schuld, und du kannst mich bestrafen, kannst mich meine Schuld büßen lassen. Ich bin zu allem bereit, was in meiner Macht steht! Ich bin schuld. Es gibt keine Worte dafür, wie groß meine Schuld ist! Aber dennoch, Dolly, verzeih mir!«

Sie setzte sich. Er hörte ihre schweren, lauten Atemzüge, und sie tat ihm unsagbar leid. Sie setzte mehrmals zum Sprechen an, war aber nicht fähig, ein Wort hervorzubringen. Er wartete.

»Du denkst an die Kinder, weil du mit ihnen spielen willst, aber ich denke an sie, weil ich weiß, daß sie so zugrunde gerichtet werden.« Sie sprach offenbar einen der Gedanken aus, die sie sich während dieser drei Tage unzählige Male wiederholt hatte.

Er blickte sie dankbar an, weil sie ihn mit du angeredet hatte, und schickte sich an, nach ihrer Hand zu greifen; doch sie wandte sich mit Widerwillen von ihm ab.

»Ich denke an die Kinder und würde deshalb alles nur Erdenkliche tun, um sie zu retten. Aber ich weiß selbst nicht, wie ich sie retten soll: indem ich sie ihrem Vater entziehe oder indem ich sie einem Wüstling von Vater überlasse – ja, ja, einem Wüstling von Vater … Sagen Sie selbst, ist denn nach dem … was geschehen ist, noch ein Zusammenleben zwischen uns möglich? Ist das überhaupt möglich? Sagen Sie selbst, ist es überhaupt möglich?« wiederholte sie mit erhöhter Stimme. »Nachdem mein Mann, der Vater meiner Kinder, ein Verhältnis mit der Gouvernante seiner Kinder angefangen hat …«

»Aber was soll man nun machen? Was soll man machen?« stammelte er mit kläglicher Stimme, ohne selbst zu wissen, was er sprach, und ließ den Kopf immer tiefer sinken.

»Sie sind mir zuwider, ich verabscheue Sie!« schrie sie, sich mehr und mehr ereifernd. »Ihre Tränen sind nichts als Wasser! Sie haben mich nie geliebt, Sie besitzen weder Herz noch Ehrgefühl! Sie sind mir verhaßt, widerwärtig, ein Fremder – ja, ein ganz Fremder!« fügte sie zornig und mit besonderer Verbitterung das ihr so schrecklich klingende Wort »Fremder« hinzu.

Er blickte sie an, und der Zorn, der aus ihrem Gesicht sprach, erschreckte und verwunderte ihn. Er begriff nicht, daß sein Mitleid für sie nur dazu beitrug, sie noch mehr zu reizen. Sie sah zwar, daß er sie bemitleidete, nicht aber, daß er sie liebte.

Nein, sie haßt mich, sie wird mir nicht verzeihen, ging es ihm durch den Kopf. Es ist furchtbar! Wirklich furchtbar!

In diesem Augenblick ertönte im Nebenzimmer der Schrei eines Kindes, das anscheinend hingefallen war. Darja Alexandrowna horchte auf, und ihr Gesicht nahm plötzlich einen milderen Ausdruck an.

Sie besann sich ein paar Sekunden, als wüßte sie nicht, wo sie sei und was sie tun solle; dann stand sie schnell auf und ging auf die Tür zu.

Demnach liebt sie doch mein Kind, sagte sich Stepan Arkadjitsch, als er die Veränderung ihres Gesichts beim Aufschrei des Kindes sah. Es ist mein Kind – wie kann sie mich da hassen?

»Dolly, noch ein Wort«, sagte er und folgte ihr.

»Wenn Sie mir nachkommen, rufe ich die Leute zusammen, die Kinder! Mögen alle erfahren, was für ein Schuft Sie sind! Ich reise noch heute ab, dann können Sie mit Ihrer Liebsten hier hausen!«

Sie ging und schlug krachend die Tür hinter sich zu.

Stepan Arkadjitsch stieß einen Seufzer aus, wischte sich das Gesicht ab und trat leise zurück. Matwej sagt: »Es wird schon werden.« Aber wie? Ich sehe keinerlei Möglichkeit. Ach, ach, dieses Unglück! Und wie ordinär sie geschrien hat, sagte er zu sich selbst, als er an ihre Schreie und die Worte »Schuft« und »Liebste« dachte. Womöglich haben es sogar die Dienstboten gehört! Es ist ein Skandal, wirklich ein Skandal! Stepan Arkadjitsch blieb einige Sekunden stehen, trocknete sich die Augen, seufzte und verließ in aufrechter Haltung das Zimmer.

Es war ein Freitag, und der Uhrmacher, ein Deutscher, war gerade dabei, im Speisezimmer die Uhr aufzuziehen. Stepan Arkadjitsch lächelte, weil er sich daran erinnerte, daß er in bezug auf diesen pedantischen kahlköpfigen Uhrmacher einmal einen Witz gemacht und gesagt hatte, der Deutsche sei selbst fürs ganze Leben aufgezogen, um Uhren aufzuziehen. Stepan Arkadjitsch war ein Liebhaber guter Witze. – Vielleicht wird es auch wirklich werden? Das ist gut gesagt: Es wird schon werden! dachte er bei sich. Das muß man festhalten.

»Matwej! Für Anna Arkadjewna richtest du also mit Marja das Gästezimmer her«, trug er dem Kammerdiener auf, als dieser auf seinen Ruf erschien.

»Jawohl.«

Stepan Arkadjitsch zog seinen Pelz an und trat auf die Freitreppe hinaus.

»Kommen Sie zum Essen nach Hause?« fragte Matwej, der ihn zum Wagen begleitete.

»Wie es sich ergeben wird. Und hier – für die Einkäufe«, sagte er und gab ihm aus seiner Brieftasche zehn Rubel. »Ist’s genug?«

»Genug oder nicht genug, es muß eben reichen«, antwortete Matwej beim Zuschlagen der Wagentür und trat auf die Treppe zurück.

Darja Alexandrowna, die inzwischen das Kind beruhigt hatte, schloß aus dem Rädergerassel, daß ihr Mann abgefahren war, und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Dies war der einzige Ort, wo sie Zuflucht vor den häuslichen Sorgen fand, die sofort auf sie einstürmten, wenn sie über die Schwelle trat. Auch jetzt, während ihres kurzen Aufenthalts im Kinderzimmer, hatten die englische Erzieherin und Matrjona Filimonowna ihr mehrere Fragen vorgelegt, die keinen Aufschub duldeten und nur von ihr entschieden werden konnten: was den Kindern für den Spaziergang anzuziehen sei, ob sie Milch bekommen sollten, ob man nicht einen neuen Koch ausfindig machen müsse.

»Ach, laßt mich in Ruhe, laßt mich in Ruhe!« hatte sie abgewehrt; und nun, als sie ins Schlafzimmer zurückgekehrt war, setzte sie sich auf denselben Platz, auf dem sie mit ihrem Mann gesprochen hatte; sie preßte die abgemagerten Hände zusammen, an deren knochigen Fingern die Ringe abrutschten, und begann in Gedanken das ganze Gespräch, das kurz zuvor stattgefunden hatte, zu rekapitulieren. Er ist losgefahren! Aber auf welche Weise hat er denn nun mit ihr Schluß gemacht? fragte sie sich. Oder kommt er am Ende auch jetzt noch mit ihr zusammen? Warum habe ich ihn nicht danach gefragt? Nein, nein, eine Versöhnung ist nicht möglich. Selbst wenn wir unter demselben Dache bleiben, werden wir füreinander Fremde sein. Fremde für immer! wiederholte sie abermals mit besonderer Betonung dieses für sie so schreckliche Wort. Und wie habe ich ihn doch geliebt, oh, mein Gott, wie habe ich ihn geliebt! Wie geliebt! Und liebe ich ihn etwa nicht auch jetzt? Vielleicht sogar noch stärker als früher? Am schlimmsten ist vor allem, daß … Sie brach ihren Gedankengang ab, weil Matrjona Filimonowna den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Lassen Sie doch wenigstens meinen Bruder holen«, sagte sie. »Irgendwie wird er schon ein Mittagessen herrichten; sonst kriegen die Kinder wieder so wie gestern bis um sechs nichts in den Magen.«

»Nun gut, ich komme gleich und werde alles anordnen. Ist schon nach frischer Milch geschickt?«

Und Darja Alexandrowna vertiefte sich in die alltäglichen Sorgen und unterdrückte durch sie vorübergehend ihren Kummer.

5

 

Das Lernen in der Schule war Stepan Arkadjitsch dank seinen Fähigkeiten nicht schwergefallen, aber er war faul und ein Luftikus gewesen und hatte daher das Abschlußexamen als einer der letzten gemacht. Doch ungeachtet seines von jeher lustigen Lebenswandels, seiner erst kurzen Karriere und seines noch jugendlichen Alters bekleidete er jetzt bereits den ehrenvollen und gutdotierten Posten des Direktors einer Moskauer Behörde. Diesen Posten hatte ihm der Mann seiner Schwester Anna verschafft – Alexej Alexandrowitsch Karenin, der in dem Ministerium, dem die betreffende Behörde unterstand, einen der wichtigsten Posten einnahm. Aber auch wenn Karenin seinen Schwager nicht auf diesen Posten gesetzt hätte, würden noch hundert andere Personen mit Hilfe von Brüdern, Schwestern, Vettern, Onkeln und Tanten dafür gesorgt haben, daß Stiwa Oblonski diesen oder einen ähnlichen Posten mit einem Gehalt von sechstausend Rubel erhalten hätte; und diese Summe brauchte er auch, weil seine finanziellen Verhältnisse trotz des ansehnlichen Vermögens seiner Frau dauernd zerrüttet waren.

Mit halb Moskau und halb Petersburg war Stepan Arkadjitsch verwandt oder befreundet. Er war in den Kreis jener Menschen hineingeboren, die zu den Mächtigen dieser Welt gehörten oder dazu geworden waren. Ein Drittel dieses Kreises, hohe Würdenträger in vorgeschrittenem Alter, hatte zum Freundeskreis seines Vaters gehört und ihn selbst schon als Baby gekannt; mit dem zweiten Drittel stand er auf Duzfuß, und der Rest bestand aus guten Bekannten. Alle, die irdische Güter zu vergeben hatten, sei es in Form guter Posten, günstiger Pachtverträge, Konzessionen und dergleichen mehr, gehörten somit zu seinem Freundeskreis und konnten einen der Ihrigen nicht übergehen. Oblonski hatte es nicht nötig, sich um einen guten Posten besonders zu bemühen; er brauchte ihn nur anzunehmen und nicht neidisch, zänkisch und übelnehmerisch zu sein, was er bei der ihm eigenen Gutmütigkeit ohnehin nie war. Es wäre ihm lächerlich vorgekommen, wenn ihm jemand gesagt hätte, er könne nicht einen Posten mit dem Gehalt bekommen, das er benötigte, zumal er keine übertriebenen Ansprüche stellte; er verlangte nur das, was seine Altersgenossen erhielten, und einen derartigen Posten ausfüllen konnte er ebensogut wie jeder andere.

Stepan Arkadjitsch war nicht nur bei allen, die ihn kannten, wegen seiner Gutmütigkeit, seines heiteren Gemüts und seiner unzweifelhaften Ehrlichkeit beliebt, sondern darüber hinaus war seiner schönen, lichten Erscheinung, den glänzenden Augen, dunklen Brauen und Haaren sowie dem frischen geröteten Gesicht auch rein körperlich ein solcher Charme eigen, daß jeder, der mit ihm zusammentraf, für ihn eingenommen und froh gestimmt wurde. »Sieh da! Stiwa! Oblonski! Da ist er ja!« riefen fast alle mit einem vergnügten Lächeln, wenn sie ihm begegneten. Und wenn sich nach dem Gespräch mitunter auch herausstellte, daß zu einer besonderen Freude gar kein Anlaß vorlag – am nächsten und übernächsten Tage wurde er von allen mit der gleichen Freude begrüßt.

In seiner Stellung als Direktor einer Moskauer Regierungsbehörde, die er seit drei Jahren einnahm, hatte sich Stepan Arkadjitsch außer der Zuneigung auch die Achtung seiner Kollegen, Untergebenen, Vorgesetzten und überhaupt aller erworben, mit denen er dienstlich zu tun hatte. Die Haupteigenschaften, die ihm diese allgemeine Achtung im Amt eingebracht hatten, bestanden erstens in seinem überaus nachsichtigen Verhalten, das auf dem Bewußtsein seiner eigenen Unzulänglichkeit beruhte, zweitens in seiner durch und durch liberalen Einstellung – nicht jener, die er aus den Zeitungen geschöpft hatte, sondern derjenigen, die ihm im Blute lag und auf Grund derer er jedermann, unabhängig von Stand und Vermögen, völlig gleichmäßig behandelte, und drittens – das war die Hauptsache – in dem völligen Gleichmut, mit dem er sein Amt versah, so daß er stets die Ruhe bewahrte und sich niemals zu unbedachten Handlungen hinreißen ließ.

An Ort und Stelle angekommen, ging Stepan Arkadjitsch, ehrerbietig geleitet vom Portier und mit seiner Aktentasche unter dem Arm, in sein kleines Privatbüro, legte den Dienstrock an und begab sich in den Sitzungssaal. Dort erhoben sich bei seinem Eintritt sämtliche Schreiber und Beamte und verneigten sich freundlich und respektvoll zu seiner Begrüßung. Stepan Arkadjitsch ging wie immer mit schnellen Schritten auf seinen Sessel zu, drückte den Herren am Sitzungstisch die Hand und nahm Platz. Nachdem er mit dem einen und anderen ein paar Worte gewechselt und gescherzt hatte – gerade so viel, wie es schicklich war –, wandte er sich den Akten zu. Niemand verstand es besser als Stepan Arkadjitsch, jene Mittellinie zwischen zwangloser und offizieller Haltung zu bestimmen, die zu einer angenehmen Abwicklung der dienstlichen Angelegenheiten nötig war. Der Sekretär trat freundlich und respektvoll, wie sich alle in Stepan Arkadjitschs Gegenwart verhielten, mit einem Aktenstück an ihn heran und sagte in dem ungezwungenfreimütigen Ton, den Stepan Arkadjitsch eingeführt hatte:

»Wir haben nun doch noch die Unterlagen von der Pensaer Gouvernementsverwaltung beschafft. Wünschen Sie vielleicht …«

»Ja? Ist es endlich gelungen?« sagte Stepan Arkadjitsch und schob einen Finger zwischen das Aktenstück. »Nun denn, meine Herren …« Und die Sitzung nahm ihren Anfang.

Wenn sie ahnten, dachte er, während er mit bedeutungsvoll auf die Seite gelegtem Kopf einen Bericht anhörte, als was für ein begossener Pudel ihr Vorsitzender vor knapp einer halben Stunde dagestanden hat! Und in seinen Augen spiegelte sich beim Verlesen des Berichts ein Lächeln.

Die Sitzung sollte programmgemäß ohne Unterbrechung bis zwei Uhr andauern; um zwei sollte dann eine Frühstückspause folgen. Es war noch nicht ganz zwei Uhr, als die große Glastür plötzlich geöffnet wurde und jemand den Sitzungssaal betrat. Von allen Seiten blickten sich die über eine kleine Abwechslung erfreuten Beamten neugierig zur Tür um; aber der an der Tür postierte Portier hatte den Eingetretenen sofort hinausgewiesen und schloß die Glastür hinter ihm.

Nachdem der Vortrag beendet war, stand Stepan Arkadjitsch auf, reckte die Glieder, entnahm, liberalen Gepflogenheiten der Zeit huldigend, noch im Sitzungssaal seinem Etui eine Zigarette und ging in sein Privatbüro. Zwei seiner Kollegen, der im Dienst alt und grau gewordene Nikitin und der Kammerjunker Grinewitsch, schlossen sich ihm an.

»Nach dem Frühstück werden wir fertig«, bemerkte Stepan Arkadjitsch.

»Ohne weiteres!« bekräftigte Nikitin.

»Na, dieser Fomin muß doch ein ganz durchtriebener Bursche sein«, äußerte sich Grinewitsch über eine der Personen, die in der vorliegenden Sache eine Rolle spielten. Stepan Arkadjitsch runzelte die Stirn und gab damit zu verstehen, daß es ungehörig sei, vor Abschluß der Sache ein Urteil abzugeben; er ließ die Bemerkung Grinewitschs unbeantwortet.

»Wer war da vorhin gekommen?« fragte er den Portier.

»Irgendein Mann, Exzellenz; er ist ohne Erlaubnis eingedrungen, kaum daß ich mal den Rücken gekehrt hatte. Er wollte Sie sprechen. Ich sagte: Wenn die Herren herauskommen, dann …«

»Und wo ist er geblieben?«

»Er ist hier die ganze Zeit auf und ab gewandert und jetzt wahrscheinlich in den Flur gegangen. Da kommt er ja«, sagte der Portier und zeigte auf einen stämmigen, breitschultrigen Mann mit gewelltem Bart, der, ohne seine Lammfellmütze abzunehmen, mit leichten, schnellen Schritten die abgetretenen Stufen der Steintreppe heraufgeeilt kam. Ein hagerer Beamter, der mit einer Aktentasche unter dem Arm die Treppe hinunterging, blieb stehen, musterte mißbilligend die Füße des Laufenden und blickte dann fragend zu Oblonski hinüber.

Stepan Arkadjitsch stand am Treppengeländer. Sein gutmütig strahlendes Gesicht leuchtete über dem goldbestickten Kragen der Uniform noch heller auf, als er den Ankömmling erkannte.

»Er ist es wirklich! Lewin, endlich mal!« rief er aus und musterte den auf ihn zukommenden Lewin mit einem herzlichen, ein wenig ironischen Lächeln. »Hast du dich gar nicht gescheut, mich in diesem Sündenpfuhl aufzusuchen?« fragte er und ließ es nicht bei einem Händedruck bewenden, sondern küßte seinen Freund auch noch. »Schon lange hier?«

»Ich bin eben angekommen, und es lag mir sehr daran, dich gleich zu sprechen«, antwortete Lewin, wobei er halb verlegen, halb ärgerlich und unruhig um sich blickte.

»Nun, dann gehen wir in mein Zimmer«, sagte Stepan Arkadjitsch, der die Empfindlichkeit und übermäßige Schüchternheit seines Freundes kannte; er nahm ihn am Arm und zog ihn mit sich, als führe er ihn durch verschiedene Gefahren hindurch.

Stepan Arkadjitsch duzte sich fast mit allen seinen Bekannten: mit sechzig Jahre alten Männern und zwanzigjährigen Jünglingen, mit Schauspielern und Ministern, mit Kaufleuten und Generaladjutanten, so daß viele der Leute, die mit ihm auf Duzfuß standen, die beiden äußersten Pole der gesellschaftlichen Rangordnung einnahmen, und sie wären sehr erstaunt gewesen, wenn sie erfahren hätten, daß sie durch Oblonski als Bindeglied etwas miteinander gemein hatten. Er duzte sich mit jedem, mit dem er Champagner trank, und da er Champagner mit allen trank, kam es vor, daß er im Beisein seiner Untergebenen mit »kompromittierenden Duzbrüdern« zusammentraf, wie er scherzhaft manche seiner Freunde nannte, doch verstand er es dank dem ihm eigenen Takt, das für die Untergebenen Peinliche der Situation zu mildern. Lewin war kein »kompromittierender Duzbruder«, aber da Stepan Arkadjitsch mit seinem Feingefühl erriet, daß Lewin der Meinung war, es könnte ihm unangenehm sein, ihre intime Freundschaft in Gegenwart Untergebener zu bekunden, beeilte er sich, ihn in sein Zimmer zu führen.

Lewin und Oblonski waren fast gleichaltrig und standen nicht nur infolge gemeinsamer Champagnergelage auf Duzfuß. Lewin war Oblonskis Kamerad und Freund von frühester Jugend an. Sie liebten einander trotz der Verschiedenheit ihrer Charaktere und Neigungen, wie eben Menschen aneinander hängen, deren Freundschaft bis in die erste Jugendzeit zurückreicht. Aber sie hatten sich auch unterschiedliche Wirkungskreise erwählt, und wie es in solchen Fällen häufig geschieht, betrachtete ein jeder die Tätigkeit des andern, obwohl er sie bei objektiver Überlegung nicht verurteilen konnte, im Grunde seines Herzens doch mit Geringschätzung. Jeder glaubte, das Leben, das er führte, sei das einzig wahre Leben, das des andern hingegen nur ein Trugbild. Oblonski konnte sich nie eines leicht ironischen Lächelns erwehren, wenn er Lewins ansichtig wurde. Lewin, der auf dem Lande irgendeinen Posten bekleidete, hatte Stepan Arkadjitsch schon so oft besucht, wenn er nach Moskau gekommen war, aber worin seine Tätigkeit auf dem Lande eigentlich bestand, das hatte Oblonski nie recht begriffen und sich auch nicht dafür interessiert.

Lewin, der es bei seinen Besuchen in Moskau immer sehr eilig hatte, sich aufregte, ein wenig verschüchtert und durch die eigene Schüchternheit gereizt war, kam fast jedesmal mit neuen Ansichten an. Stepan Arkadjitsch machte sich darüber lustig und fand daran Gefallen. Umgekehrt sah auch Lewin im Grunde seines Herzens mit Spott auf die städtische Lebensweise seines Freundes und dessen Dienst herab, den er für sinnlos hielt und über den er sich seinerseits lustig machte. Ein Unterschied bestand nur insofern, als Stepan Arkadjitsch, der das tat, was alle taten, selbstsicher und gutmütig spöttelte, während Lewin, dem diese Selbstsicherheit fehlte, sich mitunter sehr ereiferte.

»Wir haben dich schon lange erwartet«, sagte Stepan Arkadjitsch, als er mit Lewin sein Privatbüro betrat und, als ob nichts mehr zu befürchten sei, dessen Arm losließ. »Ich bin sehr, sehr froh, daß du gekommen bist«, fuhr er fort. »Nun, wie geht es dir? Was treibst du? Wann bist du angekommen?«

Lewin schwieg und musterte die Gesichter der beiden ihm unbekannten Kollegen Oblonskis, insbesondere die Hände des eleganten Grinewitsch mit ihren langen weißen Fingern, den langen gelben, an ihren Spitzen gewölbten Fingernägeln und den riesigen glänzenden Manschettenknöpfen; diese Hände schienen seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen und alle seine Gedanken zu paralysieren. Oblonski merkte es sofort und lächelte.

»Ach so, darf ich bekannt machen«, sagte er. »Meine Kollegen: Filipp Iwanytsch Nikitin, Michail Stanislawitsch Grinewitsch«, und auf Lewin deutend: »Ein Mitglied des Semstwos, ein Mann der Reformen, Sportbegeisterter, der fünf Pud mit einer Hand stemmt, Viehzüchter, Jäger und mein Freund, Konstantin Dmitritsch Lewin, ein Bruder Sergej Iwanytsch Kosnyschews.«

»Sehr angenehm«, murmelte der alte Nikitin.

»Ich habe die Ehre, Ihren Herrn Bruder Sergej Iwanytsch zu kennen«, sagte Grinewitsch und reichte ihm seine schmale Hand mit den langen Fingernägeln.

Lewins Gesicht verfinsterte sich; er drückte kühl die ihm dargebotene Hand und wandte sich dann sofort zu Oblonski um. Obwohl er seinen Stiefbruder, einen in ganz Rußland bekannten Schriftsteller, sehr verehrte, konnte er es nicht ausstehen, wenn man in ihm selbst nicht Konstantin Lewin, sondern den Bruder des berühmten Kosnyschew sah.

»Nein, mit dem Semstwo habe ich nichts mehr zu tun. Ich habe mich mit allen überworfen und besuche auch die Sitzungen nicht mehr«, sagte er, zu Oblonski gewandt.

»Das ist aber schnell gegangen!« sagte Oblonski mit einem Lächeln. »Warum denn? Wieso?«

»Es ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir ein andermal erzählen«, sagte Lewin, fuhr aber dennoch gleich fort: »Nun, kurz gesagt, ich habe mich überzeugt, daß das ganze Semstwo keinen Sinn hat und auch nicht haben kann«, sprudelte er so erregt hervor, als ob ihn eben jemand beleidigt hätte. »Einerseits ist das Ganze eine Spielerei, man spielt Parlament, und ich bin weder jung noch alt genug, an Spielzeug Gefallen zu finden; andererseits« (er verhaspelte sich) »stellt es für die coterie dort ein Mittel dar, zu Geld zu kommen. Früher nahmen es die Treuhänder, die Gerichte, jetzt nehmen es die Semstwos, wenn auch nicht in Form von Schmiergeldern, so doch in Form unverdienter Gehälter«, sagte er mit solcher Heftigkeit, als hätte ihm jemand der Anwesenden widersprochen.

»Aha! Du schwimmst, wie ich sehe, wieder in einem neuen Fahrwasser, dem konservativen«, sagte Stepan Arkadjitsch. »Doch hierüber noch später.«

»Ja, später. Aber ich muß dich dringend sprechen«, sagte Lewin und starrte dabei wütend auf Grinewitschs Hand.

Über Stepan Arkadjitschs Gesicht huschte ein kaum merkliches Lächeln.

»Hast du nicht gesagt, du wolltest dich nie wieder nach europäischer Mode kleiden?« fragte er, als er Lewins neuen, offenbar von einem französischen Schneider stammenden Anzug musterte. »Na ja, ich sehe schon: eine neue Phase.«

Lewin wurde plötzlich rot, doch nicht so, wie gelegentlich Erwachsene erröten, ohne es selbst zu bemerken, sondern wie ein kleiner Junge, der das Komische seiner Schüchternheit fühlt, sich dessen schämt und infolgedessen noch mehr errötet und nahe daran ist, in Tränen auszubrechen. Es war so peinlich, in diesem klugen, männlichen Gesicht eine so kindliche Verlegenheit wahrzunehmen, daß Oblonski unwillkürlich die Augen abwandte.

»Wo können wir uns also treffen?« fragte Lewin. »Ich habe wirklich sehr, sehr dringend mit dir zu sprechen.«

Oblonski überlegte.

»Machen wir es so: Wir fahren zu Gurin, frühstücken dort und unterhalten uns dabei. Bis drei Uhr bin ich frei.«

»Nein«, antwortete Lewin nach kurzem Nachdenken, »ich muß vorher noch etwas erledigen.«

»Nun schön, dann essen wir eben danach gemeinsam zu Mittag.«

»Zu Mittag? Ich habe ja gar nichts Besonderes, nur zwei Worte, und aussprechen können wir uns immer noch.«

»Dann sage doch schon die zwei Worte, und beim Mittagessen plaudern wir dann gemütlich.«

»Nun, die zwei Worte – es ist übrigens nichts von Belang«, sagte Lewin.

Sein Gesicht nahm plötzlich einen bösen Ausdruck an, was von der Anstrengung herrührte, mit der er gegen seine Schüchternheit ankämpfte.

»Wie geht es bei den Stscherbazkis? Alles beim alten?« fragte er.

Stepan Arkadjitsch, der schon lange wußte, daß Lewin in seine Schwägerin Kitty verliebt war, unterdrückte ein Lächeln, und in seinen Augen erschien ein lustiges Fünkchen.

»Du sprachst von zwei Worten, aber in zwei Worten läßt sich das nicht beantworten, weil … Entschuldige einen Augenblick …«

Der Sekretär trat ein – in respektvoll-vertraulicher Haltung, in der sich zugleich ein wenig das allen Sekretären eigene Bewußtsein ausdrückte, in dienstlichen Angelegenheiten besser bewandert zu sein als der Chef; er legte Stepan Arkadjitsch ein Aktenstück vor und begann, scheinbar fragend, irgendeine Schwierigkeit zu erklären. Stepan Arkadjitsch unterbrach ihn jedoch und legte seine Hand freundlich auf den Arm des Sekretärs.

»Nein, halten Sie sich nur an meine Anweisungen«, sagte er und milderte dabei durch ein Lächeln das Kränkende der Zurechtweisung; dann erklärte er nochmals in großen Zügen, wie er die Sache behandelt wissen wollte, schob das Aktenstück zurück und schloß: »Also machen Sie es bitte so, Sachar Nikititsch.«

Der verwirrte Sekretär entfernte sich. Lewin, der seine Befangenheit während der Auseinandersetzung mit dem Sekretär endgültig abgeschüttelt und, beide Hände auf eine Stuhllehne gestützt, mit spöttischer Aufmerksamkeit zugehört hatte, sagte jetzt:

»Ich verstehe nicht, ich verstehe nicht …«

»Was verstehst du nicht?« fragte Oblonski vergnügt lächelnd und griff nach einer Zigarette. Er war darauf gefaßt, von Lewin irgendeine tolle Ansicht vorgetragen zu bekommen.

»Ich verstehe nicht, was ihr hier treibt«, sagte Lewin und zuckte die Achseln. »Wie kannst du dich ernsthaft damit abgeben?«

»Wie meinst du das?«

»Es ist doch nur ein Zeitvertreib.«

»Das scheint dir so; wir aber ertrinken in Arbeit.«

»In Bürokratie. Nun ja, das liegt dir eben«, fügte Lewin hinzu.

»Willst du damit sagen, ich sei nicht ernst zu nehmen?«

»Vielleicht auch das«, antwortete Lewin. »Immerhin, ich bewundere trotzdem deine Würde und bin stolz, einen so wichtigen Mann zum Freunde zu haben. Aber meine Frage hast du mir immer noch nicht beantwortet«, fügte er hinzu und blickte seinem Freund mit verzweifelter Anstrengung gerade in die Augen.

»Na, schön, schön. Warten wir ab, und auch du wirst noch dahin gelangen. Du hast gut reden, mit deinen dreitausend Deßjatinen im Kreise Karasinsk, mit solchen Muskeln und der Frische eines zwölfjährigen Mädchens – aber einmal wirst auch du zu uns kommen. Und was deine Frage betrifft: geändert hat sich nichts, aber es ist schade, daß du so lange ausgeblieben bist.«

»Warum?« fragte Lewin bestürzt.

»Ich meinte nur so«, entgegnete Oblonski. »Wir sprechen noch miteinander. Bist du diesmal aus einem bestimmten Grunde gekommen?«

»Ach, darüber wollen wir auch später sprechen«, erwiderte Lewin und wurde wieder bis über beide Ohren rot.

»Nun gut, halten wir es so«, sagte Stepan Arkadjitsch. »Sieh mal, ich würde dich ja zu uns einladen, aber meine Frau fühlt sich nicht ganz wohl. Übrigens, wenn dir daran liegt, kannst du die Damen heute wahrscheinlich zwischen vier und fünf im Zoologischen Garten treffen. Kitty läuft Schlittschuh. Fahre hin, ich hole dich ab, und dann essen wir zusammen.«

»Ausgezeichnet. Also bis dann!«

»Paß aber auf, ich kenne dich ja – du vergißt es womöglich oder fährst plötzlich in dein Dorf zurück!« rief ihm Stepan Arkadjitsch lachend nach.

»Nein, keine Sorge!« rief Lewin zurück und besann sich erst an der Tür darauf, daß er sich auch noch von Oblonskis Kollegen verabschieden mußte.

»Das scheint ja ein sehr energischer Herr zu sein«, bemerkte Grinewitsch, als Lewin gegangen war.

»Ja, ja, mein Lieber, ein wahrer Glückspilz!« sagte Stepan Arkadjitsch und wiegte den Kopf von einer Seite auf die andere. »Dreitausend Deßjatinen im Kreise Karasinsk, das ganze Leben noch vor sich und dabei diese Frische. Anders als unsereins.«

»Worüber haben Sie sich denn zu beklagen, Stepan Arkadjitsch?«

6

 

Als Oblonski Lewin gefragt hatte, ob er aus einem bestimmten Grunde nach Moskau gekommen sei, war Lewin rot geworden und hatte sich deswegen über sich selbst geärgert; denn rot geworden war er, weil er sich nicht zu der Antwort entschließen konnte: »Ich bin gekommen, um die Hand deiner Schwägerin anzuhalten«, obwohl er einzig zu diesem Zweck gekommen war.

Die Familien der Lewins und Stscherbazkis waren alte Moskauer Adelsgeschlechter, die von jeher in nahen, freundschaftlichen Beziehungen zueinander gestanden hatten. Während der Studienzeit Lewins hatten sich die Beziehungen noch vertieft. Er hatte sich gemeinsam mit dem jungen Fürsten Stscherbazki, dem Bruder Dollys und Kittys, auf das Studium vorbereitet und war zur gleichen Zeit wie er in die Universität eingetreten. Damals hatte Lewin viel bei den Stscherbazkis verkehrt und sich in ihr Haus verliebt. So merkwürdig es auch klingen mag, war es wirklich so, daß er sich buchstäblich in das Haus, in die Familie Stscherbazki verliebt hatte, und ganz besonders in ihre weiblichen Mitglieder. An seine eigene Mutter hatte er keine Erinnerung, und seine einzige Schwester war älter als er, so daß er im Hause der Stscherbazkis zum ersten Male das Milieu einer alten, gebildeten und gediegenen Adelsfamilie kennenlernte, was ihm infolge des frühen Todes seiner Eltern bis dahin nicht beschieden gewesen war. Es schien ihm, alle Mitglieder der Familie Stscherbazki, und namentlich die weiblichen, seien in einen geheimnisvollen, romantischen Schleier gehüllt, und er nahm an ihnen nicht nur keine Mängel wahr, sondern vermutete darüber hinaus, daß sich hinter dem Schleier, der sie einhüllte, die edelsten Gefühle und alle möglichen Vorzüge verbargen. Warum die drei jungen Damen abwechselnd einen Tag um den anderen französisch und englisch sprechen mußten; warum sie, eine die andere ablösend, zu bestimmten Tagesstunden Klavier spielten, was auch im Obergeschoß, wo die Studenten im Zimmer ihres Bruders arbeiteten, zu hören war; warum all die vielen Lehrer für französische Literatur, für Musik, Zeichnen und Tanz ins Haus kamen; warum alle drei jungen Damen mit Mademoiselle Linon zu bestimmten Stunden am Twerskoi Boulevard vorfuhren – Dolly in einem langen, Natalie in einem halblangen und Kitty in einem ganz kurzen pelzgefütterten Atlasmäntelchen, das ihre wohlgeformten Waden in den straff anliegenden roten Strümpfen frei ließ, und warum sie in Begleitung eines Lakaien, dessen Hut mit einer goldenen Kokarde geziert war, auf dem Twerskoi Boulevard promenieren mußten – alles dies und noch vieles andere, was in dieser geheimnisvollen Welt vor sich ging, war ihm ein Rätsel, aber er hielt alles, was dort vor sich ging, für wunderschön und war geradezu in das Geheimnisvolle der Vorgänge verliebt. In seiner Studentenzeit hätte er sich beinahe in Dolly verliebt, die indessen sehr bald den Fürsten Oblonski heiratete. Anschließend bildete er sich ein, die zweite Schwester zu lieben. Er hatte gleichsam das Gefühl, daß er sich in eine der Schwestern verlieben müsse, und wußte nur nicht, in welche von ihnen. Aber auch Natalie fand, kaum daß sie in die Gesellschaft eingeführt war, einen Freier und heiratete den Diplomaten Lwow. Kitty war, als Lewin sein Studium abschloß, noch ein Kind. Der junge Fürst Stscherbazki war zur Marine gegangen und in der Ostsee ums Leben gekommen, worauf sich die Beziehungen Lewins zu den Stscherbazkis, ungeachtet seiner Freundschaft mit Oblonski, gelockert hatten. Doch als er in diesem Jahr zu Anfang des Winters nach einem einjährigen Aufenthalt auf dem Lande nach Moskau gekommen war und die Stscherbazkis besucht hatte, war ihm endgültig klar, welcher der drei Schwestern seine Liebe galt.

Nichts schien hiernach einfacher zu sein, als daß er, ein zweiunddreißigjähriger Mann von guter Herkunft, der eher reich als arm zu nennen war, um die Prinzessin Stscherbazkaja anhielt; alles sprach dafür, daß man ihn als gute Partie betrachtet hätte. Lewin aber war verliebt, und deshalb schien es ihm, Kitty verkörpere in jeder Hinsicht so sehr den Gipfel aller Vollkommenheit und sei ein alles Irdische so hoch überragendes Wesen, er selbst hingegen ein so armseliges Erdengeschöpf, daß man unmöglich annehmen könne, sie und die andern würden ihn als ihrer würdig befinden.

Nachdem er zwei Monate wie in einem Rausch in Moskau zugebracht hatte und mit Kitty fast täglich in Gesellschaften zusammengetroffen war, die er nur ihretwegen besuchte, war er plötzlich zu dem Ergebnis gelangt, daß aus der Sache nichts werden könne, und war aufs Land zurückgefahren.

Die Überzeugung Lewins, daß aus der Sache nichts werden könne, beruhte auf der Meinung, die Angehörigen der entzückenden Kitty müßten ihn für einen Freier halten, der ihrer unwürdig sei, ihr nicht genug bieten könne, und sie selbst könne ihn nicht lieben. In den Augen der Angehörigen, so meinte er, sei er ein Mann, der mit seinen zweiunddreißig Jahren keinen der üblichen Posten bekleide und in der Welt keine gefestigte Stellung einnehme, während alle seine gleichaltrigen Kameraden schon etwas darstellten: der eine war Oberst oder Flügeladjutant, ein anderer Professor, und noch andere waren als Direktoren in einer Bank, bei der Eisenbahnverwaltung oder, wie Oblonski, als Vorstand einer Behörde tätig. Er hingegen (er wußte ganz genau, wie andere über ihn urteilen mußten) war ein Gutsbesitzer, der sich mit Viehzucht, Jagd auf Doppelschnepfen und allen möglichen Bauten befaßte, das heißt ein ganz netter, aber unbegabter Mensch, der es zu nichts gebracht hatte und nun nach den in der guten Gesellschaft herrschenden Begriffen Dinge tat, die eben von Leuten getan werden, die zu nichts anderem taugen.

Und die entzückende, von Geheimnissen umwobene Kitty konnte einen so häßlichen und vor allem so unbedeutenden, sich durch nichts auszeichnenden Menschen, wie er sich selbst einschätzte, unmöglich lieben. Darüber hinaus glaubte er in seinem früheren Verhältnis zu Kitty – dem Verhältnis eines Erwachsenen zu einem Kinde, wie es sich aus seiner Freundschaft mit ihrem Bruder ergeben hatte – ein weiteres Hindernis für ihre Liebe zu sehen. Einen guten Menschen, wie er es zu sein glaubte, konnte man zwar, so meinte er, trotz seiner Häßlichkeit wie einen Freund lieben, aber um so geliebt zu werden, wie er seinerseits Kitty liebte, mußte man ein schöner und vor allem bedeutender Mensch sein.

Er hatte gelegentlich gehört, daß sich Frauen oft in häßliche, nichtssagende Männer verlieben, wollte es aber nicht glauben, weil er von sich auf andere schloß und selbst nur hübsche, geheimnisvolle und irgendwie besondere Frauen lieben konnte.

Doch nachdem er zwei Monate allein auf dem Lande zugebracht hatte, war er zu der Überzeugung gekommen, daß es sich diesmal nicht um eine bloße Schwärmerei handele, wie er sie manchmal in seiner frühen Jugend empfunden hatte; daß dieses Gefühl ihm seine ganze Ruhe raube; daß er nicht weiterleben könne, ohne daß die Frage entschieden sei, ob sie seine Frau werden wolle oder nicht, und daß seine Verzagtheit lediglich auf seiner durch nichts bewiesenen Einbildung beruhe, er würde einen Korb bekommen. Hierauf war er mit der festen Absicht nach Moskau gereist, um Kittys Hand anzuhalten und sie zu heiraten, wenn sein Antrag angenommen werden sollte. Andernfalls… Aber er mochte nicht daran denken, was mit ihm geschehen würde, wenn er eine Ablehnung erhielte.

7

 

Lewin war mit dem Morgenzug in Moskau eingetroffen und bei seinem älteren Stiefbruder Kosnyschew abgestiegen, der aus der ersten Ehe seiner Mutter stammte. Nachdem er sich umgezogen hatte, ging er in das Arbeitszimmer des Bruders und wollte ihm sogleich mitteilen, weswegen er gekommen sei; aber Kosnyschew war nicht allein. Er traf bei ihm einen bekannten Professor der Philosophie an, der eigens aus Charkow gekommen war, um ein Mißverständnis aufzuklären, das wegen einer wichtigen philosophischen Frage zwischen ihnen entstanden war. Der Professor führte eine heftige Polemik gegen die Materialisten, die Sergej Kosnyschew mit Interesse verfolgte; auf Grund des letzten Artikels des Professors hatte er jedoch gemeint, daß dieser den Materialisten zu große Konzessionen gemacht habe, und hatte ihm in einem Brief seine Einwände auseinandergesetzt. Hierauf war der Professor nach Moskau gekommen, um die Sache zu erörtern. Es handelte sich um eine aktuelle Frage – nämlich darum, ob es eine Grenze zwischen den psychischen und physiologischen Erscheinungen im Leben der Menschen gebe und wo diese Grenze denn verlaufe.

Sergej Iwanowitsch begrüßte seinen Bruder mit jenem freundlich-kühlen Lächeln, mit dem er jedermann zu begrüßen pflegte, stellte ihn dem Professor vor und wandte sich wieder dem Gespräch zu.

Der Professor, ein kleiner Mann mit Brille, gelber Gesichtsfarbe und schmaler Stirn, hielt zur Begrüßung für einen Augenblick inne und fuhr in seiner Rede dann fort, ohne Lewin weiter zu beachten. Lewin setzte sich, und während er auf den Aufbruch des Professors wartete, wurde seine Aufmerksamkeit bald durch das Thema des Gesprächs erregt.

Wenn Lewin gelegentlich in Zeitschriften auf Artikel gestoßen war, die das gleiche Thema behandelten, hatte er sie gelesen und sich für sie interessiert, weil sie eine Ergänzung der Grundlagen der Naturwissenschaft darstellten, mit denen er dank seinen Studien an der Universität vertraut war, aber er hatte wissenschaftliche Folgerungen über die Entwicklung des Menschen vom Tier, über Reflexe, über Biologie und Soziologie nie mit der Frage in Verbindung gebracht, was Leben und Tod für ihn selbst bedeuteten – eine Frage, die ihn in letzter Zeit immer häufiger beschäftigte.

Während er dem Gespräch zwischen seinem Bruder und dem Professor zuhörte, fiel ihm auf, daß sie rein wissenschaftliche Fragen mit Fragen des seelischen Empfindens verbanden; sie waren mehrmals ganz nahe an diese Frage herangekommen, doch sobald sie sich dem seiner Ansicht nach wichtigsten Punkt genähert hatten, wichen sie schnell wieder zurück und vertieften sich in feine Analysen, Vorbehalte, Zitate, Andeutungen und Ausspruche von Autoritäten, so daß er nur mit Mühe dem Sinn ihrer Rede zu folgen vermochte.

»Ich vermag nicht zuzugeben«, sagte Sergej Iwanowitsch mit der Klarheit und Eleganz der ihm eigenen Ausdrucksweise, »ich vermag Keyes unter keinen Umständen darin zuzustimmen, daß meine Vorstellung von der äußeren Welt nur auf Eindrücken beruhen könne. Den Grundbegriff vom Sein habe ich nicht durch Empfindung gewonnen, denn es gibt überhaupt kein besonderes Sinnesorgan für die Vermittlung dieses Begriffs.«

»Ganz recht, aber sowohl Wurst als auch Knaust und Pripassow werden Ihnen entgegenhalten, daß sich Ihr Bewußtsein vom Sein aus der Gesamtheit aller Empfindungen ergebe, daß das bewußte Sein ein Resultat von Empfindungen sei. Wurst sagt geradezu, ohne Empfindungen könne es auch kein Bewußtsein des Seins geben.«

»Ich behaupte im Gegenteil …«, begann Sergej Iwanowitsch.

Doch hier schien es Lewin abermals, daß sie sich bei der Berührung des wichtigsten Punktes wieder zurückzogen, und er entschloß sich, an den Professor eine Frage zu richten.

»Wenn meine Gefühle aufhören, wenn der Körper abstirbt, ist demnach also keinerlei weitere Existenz möglich?« fragte er.

Der Professor sah sich unwillig, als sei ihm durch diese Unterbrechung ein geistiger Schmerz zugefügt worden, zu dem seltsamen Frager um, der eher einem Bauern als einem Philosophen glich, und blickte dann Sergej Iwanowitsch an, als wollte er fragen: Was soll man dazu sagen? Doch Sergej Iwanowitsch, der sich bei weitem nicht so ereifert und seinen Standpunkt nicht mit der gleichen Einseitigkeit vertreten hatte wie der Professor, verfügte in seinem Kopf über genügend Spielraum, um mit dem Professor zu disputieren und zugleich auch den einfachen und natürlichen Gesichtspunkt zu verstehen, von dem aus diese Frage gestellt war; er lächelte und sagte:

»Die Frage zu beantworten steht uns noch kein Recht zu …«

»Wir besitzen keine Anhaltspunkte«, bekräftigte der Professor. »Nein«, fuhr er fort, »wenn die Empfindung wirklich auf Eindrücken beruht, wie Pripassow behauptet, dann muß ich betonen, daß wir diese beiden Begriffe streng auseinanderhalten müssen.«

Lewin hörte nicht mehr zu und wartete nur noch darauf, daß der Professor sich verabschiedete.

8

 

Nachdem der Professor gegangen war, wandte sich Sergej Iwanowitsch an seinen Bruder:

»Ich freue mich sehr über dein Kommen. Wie lange bleibst du? Was macht die Wirtschaft?«

Lewin wußte, daß sich sein älterer Bruder für die Wirtschaft wenig interessierte und die Frage lediglich ihm zuliebe gestellt hatte; er beschränkte sich deshalb in seiner Antwort darauf, über den Verkauf von Weizen und über Geldangelegenheiten zu berichten.

Lewin hatte sich vorgenommen und war sogar fest entschlossen gewesen, dem Bruder von seinen Heiratsplänen zu erzählen und seinen Rat einzuholen; doch als er seinem Bruder dann gegenüberstand, als er seinem Gespräch mit dem Professor zugehört hatte und nun den ungewollt gönnerhaften Ton wahrnahm, in dem er sich nach wirtschaftlichen Angelegenheiten erkundigte (das mütterliche Gut war nicht geteilt und wurde von Lewin allein verwaltet), da fühlte er, daß es ihm irgendwie unmöglich war, mit dem Bruder über seine Heiratsabsichten zu sprechen. Er fühlte, daß sein Bruder es nicht so aufnehmen würde, wie er es sich gewünscht hätte.

»Wie steht es denn bei euch mit dem Semstwo?« fragte Sergej Iwanowitsch, der sich für die Idee des Semstwos sehr interessierte und ihm große Bedeutung beimaß.

»Darüber bin ich nicht unterrichtet …«

»Wie? Du bist doch im Vorstand?«

»Nein, nicht mehr; ich bin ausgetreten«, antwortete Konstantin Lewin, »und nehme auch an den Sitzungen nicht mehr teil.«

»Schade!« bemerkte Sergej Iwanowitsch mit einem Stirnrunzeln.

Zu seiner Rechtfertigung begann Lewin davon zu erzählen, wie es in seinem Kreise bei den Versammlungen zugegangen war.

»Das ist immer so!« fiel ihm Sergej Iwanowitsch ins Wort. »Wir Russen machen es immer so. Vielleicht ist es auch ein guter Zug von uns, die Fähigkeit, unsere Mängel zu erkennen, aber wir übertreiben, wir trösten uns durch Ironie, mit der wir jederzeit bei der Hand sind. Ich kann dir nur sagen, wenn man dieselben Rechte, wie sie uns mit den Semstwos verliehen sind, einem anderen europäischen Volk einräumte – die Deutschen und die Engländer verstünden es, in diesen für die Freiheit zu arbeiten. Wir hingegen spotten nur.«

»Ja, aber was soll man machen?« sagte Lewin kleinlaut. »Es war mein letzter Versuch. Und ich habe mich mit ganzem Herzen darangemacht. Es ging nicht. Ich bin ungeeignet.«

»Ungeeignet! Nein, du siehst die Dinge nicht von der richtigen Seite an.«

»Vielleicht«, antwortete Lewin bedrückt.

»Weißt du auch, daß Nikolai wieder im Lande ist?«

Nikolai war ein leiblicher Bruder Konstantin Lewins – älter als dieser – und Stiefbruder Sergej Iwanowitschs, ein verkommener Mensch, der in fragwürdiger, äußerst anrüchiger Gesellschaft verkehrte, den größten Teil seines Vermögens durchgebracht und sich mit seinen beiden Brüdern überworfen hatte.

»Was du nicht sagst!« rief Lewin entsetzt. »Woher weißt du das?«

»Prokofi hat ihn auf der Straße gesehen.«

»Hier, in Moskau? Wo hält er sich auf? Weißt du es?«

»Ich bedauere schon, daß ich es dir erzählt habe«, sagte Sergej Iwanowitsch kopfschüttelnd, als er die Aufregung seines jüngeren Bruders sah. »Ich habe seine Adresse feststellen lassen und ihm den Wechsel zugeschickt, den er Trubin gegeben hatte und der von mir eingelöst wurde. Dies hat er darauf geantwortet.«

Sergej Iwanowitsch nahm einen unter dem Briefbeschwerer liegenden Zettel und reichte ihn seinem Bruder.

Lewin überflog die in der sonderbaren, ihm vertrauten Handschrift seines Bruders geschriebenen Zeilen:

»Ich bitte ergebenst, mich in Ruhe zu lassen. Das ist das einzige, was ich von meinen lieben Brüdern verlange. Nikolai Lewin.«

Nachdem Lewin diese Zeilen gelesen hatte, blieb er, ohne den Kopf zu heben, mit dem Zettel in der Hand vor Sergej Iwanowitsch stehen. In seinem Herzen kämpfte der Wunsch, in diesem Augenblick den unglücklichen Bruder zu vergessen, mit dem Gefühl, daß das nicht recht wäre.

»Er hat es offenbar darauf abgesehen, mich zu kränken, aber kränken kann er mich nicht«, fuhr Sergej Iwanowitsch fort. »Ich würde ihm auch herzlich gern helfen, weiß jedoch, daß das nicht möglich ist.«

»Ja, gewiß«, sagte Lewin. »Ich verstehe und achte deine Einstellung ihm gegenüber; aber ich will ihn dennoch aufsuchen.«

»Tue es, wenn du willst, aber ich rate dir ab«, sagte Sergej Iwanowitsch. »Was mich betrifft, befürchte ich nichts, er wird zwischen uns keine Zwietracht säen; aber in deinem Interesse rate ich dir, es lieber zu unterlassen. Zu helfen ist ihm nicht. Im übrigen tue, was du für richtig hältst.«

»Vielleicht ist ihm wirklich nicht zu helfen, aber ich fühle gerade jetzt – doch das ist eine Sache für sich –, ich fühle, daß ich keine Ruhe finden würde.«

»Nun, das verstehe ich nicht«, entgegnete Sergej Iwanowitsch. »Ich bin mir aber im klaren, daß dies eine Lehre der Demut ist. Über das, was man gemeinhin Niedertracht nennt, urteile ich anders und nachsichtiger, seitdem unser Bruder Nikolai zu dem geworden ist, was er jetzt ist … Du weißt, was er getan hat …«

»Ach, es ist furchtbar, es ist furchtbar!« sagte Lewin.

Nachdem er von Sergej Iwanowitschs Diener die Adresse des Bruders erfahren hatte, wollte Lewin auf der Stelle zu ihm fahren, besann sich indessen eines anderen und verschob den Besuch auf den Abend. Um seine Gemütsruhe wiederzuerlangen, mußte vor allem die Angelegenheit entschieden werden, um derentwillen er nach Moskau gekommen war. Er hatte daher nach der Aussprache mit Sergej Iwanowitsch zunächst Oblonski im Amt aufgesucht, und nachdem dieser ihm von den Stscherbazkis erzählt hatte, fuhr er dorthin, wo nach den Angaben Stepan Arkadjitschs Kitty anzutreffen sein sollte.

9

 

Um vier Uhr stieg Lewin am Zoologischen Garten klopfenden Herzens aus der Droschke und schlug den Weg ein, der zur Rodelbahn und zur Eisbahn führte. Daß er Kitty dort antreffen werde, wußte er jetzt mit Gewißheit, denn an der Auffahrt hatte er die Stscherbazkische Equipage bemerkt.

Es war ein kalter, sonniger Wintertag. Neben den Equipagen, Schlitten und Droschken, die reihenweise vor der Auffahrt parkten, standen Kutscher und Gendarmen. Am Eingang und auf den sauber gefegten Wegen, die sich zwischen russischen Blockhäuschen mit geschnitzten Giebeln hinzogen, drängten sich die Schaulustigen, deren Hüte in der Sonne glänzten. Die alten Birken des Parks ließen ihre krausen, mit dickem Schnee bedeckten Zweige herabhängen und schienen neue, festliche Gewänder angelegt zu haben.

Lewin ging den Weg zur Eisbahn hinunter und redete in Gedanken sich selbst gut zu: Du darfst dich nicht aufregen, mußt dich beruhigen. Warum regst du dich auf? Was hast du? Hör auf, sei nicht dumm! wandte er sich an sein Herz. Doch je mehr er sich zu beruhigen suchte, um so heftiger schlug sein Herz. Ein Bekannter, der ihm begegnete, rief ihn an, doch Lewin wußte in diesem Augenblick nicht einmal, wer es war. Er kam an die Rodelbahn, hörte das Klirren der Ketten von Schlitten, die hinaufgezogen wurden, das Knirschen der herabsausenden Schlitten und fröhliches Stimmengewirr. Nach einigen weiteren Schritten sah er die Eisbahn vor sich, auf der er unter all den vielen Schlittschuhläufern sogleich Kitty erkannte.

Daß sie da war, hatte er schon an der Freude und Angst gemerkt, von der sein Herz ergriffen wurde. Sie stand auf der gegenüberliegenden Seite der Eisbahn und unterhielt sich mit einer Dame. Nichts an ihrer Kleidung und ihrer Haltung war besonders auffallend, und doch hob sie sich für Lewin aus dieser Menge wie eine Rose unter Nesseln hervor. Alles verklärte sich durch sie. Sie war ein Lächeln, das allem um sie herum einen Glanz verlieh. Kann ich denn einfach hingehen, aufs Eis, und an sie herantreten? fragte er sich. Die Stelle, an der sie stand, schien ihm ein unantastbares Heiligtum, und einen Augenblick lang empfand er eine solche Bangigkeit, daß er nahe daran war, umzukehren. Er mußte sich erst lange Mut zusprechen, bis er sich sagte, daß ja alle möglichen Menschen hier waren und daß auch er einfach zum Schlittschuhlaufen hergekommen sein konnte. Er begab sich auf die Eisbahn und vermied es lange, zu ihr hinzusehen, aber er sah sie, wie man die Sonne sieht, ohne zu ihr aufzublicken.

Die Leute, die an diesem Wochentag und zu dieser Tageszeit auf der Eisbahn zusammengekommen waren, gehörten alle einem bestimmten Kreis an und kannten einander. Neben erstklassigen Läufern, die mit ihrer Kunst paradierten, sah man Anfänger, die sich ängstlich und unbeholfen an Stuhlschlitten übten, und neben jungem Volk auch alte Leute, die aus Gesundheitsgründen Schlittschuh liefen; alle diese Menschen schienen Lewin vom Glück begünstigt, weil sie hier sein und sich in ihrer Nähe aufhalten konnten. Sie liefen, wie er sah, völlig gleichmütig an ihr vorüber, überholten sie, sprachen sogar mit ihr und gaben sich auf der guten Eisbahn und bei dem schönen Wetter ganz unabhängig von ihr ihrem Vergnügen hin.

Nikolai Stscherbazki, ein Vetter Kittys, der in einem kurzen Jackett und enganliegenden Hosen mit Schlittschuhen an den Füßen auf einer Bank saß, bemerkte Lewin und rief ihm zu:

»Sieh da! Der beste russische Eiskunstläufer! Schon lange hier? Die Bahn ist vorzüglich, schnallen Sie sich doch Schlittschuhe an.«

»Ich habe nicht einmal Schlittschuhe mit«, antwortete Lewin, der über eine solche Kühnheit und Ungezwungenheit in Kittys Gegenwart erstaunt war und sie keinen Moment aus den Augen verlor, obwohl er nicht zu ihr hinblickte. Er fühlte, daß die Sonne sich ihm näherte. Kitty kam, die zierlichen Füße in ziemlich hohen Halbstiefelchen, offensichtlich ein wenig ängstlich einen Bogen laufend, auf ihn zu. Ein Junge in russischer Tracht, der wie ein Irrsinniger die Arme schwenkte und den Oberkörper fast bis zur Erde beugte, überholte sie. Kitty lief nicht ganz sicher; sie hielt die Hände, die sie aus dem kleinen, an einer Schnur hängenden Muff gezogen hatte, ängstlich ausgebreitet, amüsierte sich selbst über ihre Ängstlichkeit und lächelte Lewin zu, den sie von weitem erkannt hatte. Als ihr der Bogen gelungen war, gab sie sich mit ihrem elastischen kleinen Fuß einen leichten Stoß und landete unmittelbar vor Stscherbazki; sie hielt sich an seinen Armen fest und nickte lächelnd zu Lewin herüber. Sie war noch schöner, als er sie sich vorgestellt hatte.

Sooft er an sie dachte, war ihm immer ihre ganze Erscheinung gegenwärtig und ganz besonders der Liebreiz des kleinen blonden Kopfes mit den kindlich-reinen gutherzigen Gesichtszügen, der sich so anmutig von den schmalen Mädchenschultern abhob. Der kindliche Ausdruck ihres Gesichts in Verbindung mit der zarten Schönheit ihrer Figur verlieh ihr einen besonderen Charme, dessen er sich immer gut erinnerte; doch was ihn an ihr stets aufs neue überraschte, waren der sanfte, ruhige und offene Ausdruck ihrer Augen und besonders ihr Lächeln, das ihn jedesmal in eine verzauberte Welt versetzte und ihn so gerührt und weich stimmte, wie er es nur aus einigen wenigen Augenblicken seiner frühesten Kindheit in Erinnerung hatte.

»Sind Sie schon lange hier?« fragte sie und reichte ihm die Hand. »Danke schön«, fügte sie hinzu, als er das Taschentuch aufhob, das ihr aus dem Muff gefallen war.

»Ich? Nein, nicht lange, ich bin gestern … vielmehr heute … angekommen«, antwortete Lewin, der ihre Frage vor Aufregung nicht gleich verstanden hatte. »Ich wollte Sie besuchen«, fuhr er fort, und da er sich zugleich daran erinnerte, mit welchem Vorhaben er sie aufsuchen wollte, wurde er verwirrt und errötete. »Ich wußte gar nicht, daß Sie Schlittschuh laufen und daß Sie es so gut können.«

Sie blickte ihn aufmerksam an, als wollte sie den Grund seiner Verwirrung erraten.

»Ihr Lob muß gewürdigt werden. Hier genießen Sie noch immer den Ruhm, ein unübertroffener Schlittschuhläufer zu sein«, sagte sie, während sie mit ihrer kleinen Hand im schwarzen Handschuh den Reif abstreifte, der sich auf dem Muff gebildet hatte.

»Ja, früher einmal bin ich mit Leidenschaft Schlittschuh gelaufen; ich war darauf aus, den Gipfel der Vollkommenheit zu erreichen.«

»Sie tun, glaube ich, alles mit Leidenschaft«, sagte sie lächelnd. »Ich möchte so gern sehen, wie Sie laufen. Schnallen Sie sich doch Schlittschuhe an, und lassen Sie uns dann zusammen laufen.«

Zusammen laufen! Sollte das wirklich möglich sein? ging es Lewin durch den Kopf, während er sie ansah.

»Ich will mir gleich welche holen«, sagte er.

Und er ging, um sich Schlittschuhe anschnallen zu lassen.

»Sie haben sich lange nicht bei uns sehen lassen, gnädiger Herr«, sagte der Pächter der Eisbahn, als er Lewins Fuß hob, um den Schlittschuh am Absatz anzuschrauben. »Einen Meister wie Sie hat es unter den Herrschaften nicht mehr gegeben … Sitzt er so gut?« fragte er, als er den Riemen anzog.

»Ja, ja, gut, nur schneller, bitte«, antwortete Lewin und konnte nur mit Mühe das glückselige Lächeln unterdrücken, das sich auf seinem Gesicht einstellen wollte. Ja, dachte er, das ist das Leben, das ist das Glück! Zusammen, hat sie gesagt, lassen Sie uns zusammen laufen. Soll ich es ihr jetzt sagen? Aber ich fürchte mich, es ihr zu sagen, gerade deswegen, weil ich jetzt glücklich bin, glücklich wenigstens durch die Hoffnung. Und weiter? Ja, ich muß, ich muß! Fort mit der Schwäche!

Lewin stand auf und legte den Mantel ab; dann nahm er auf dem holprigen Eis am Häuschen einen Anlauf, gelangte auf die ebene Eisfläche und glitt ohne jede Anstrengung über sie hin, als werde sein Lauf einzig durch seinen Willen gelenkt, beschleunigt oder verlangsamt. Er war befangen, als er auf Kitty zulief, doch ihr Lächeln beruhigte ihn wieder.

Sie gab ihm ihre Hand, und beide liefen nun Seite an Seite; sie beschleunigten den Lauf immer mehr, und je schneller sie liefen, um so fester drückte Kitty seine Hand.

»Mit Ihnen würde ich es bald erlernt haben«, sagte sie. »Unter Ihrer Führung fühle ich mich so sicher.«

»Und ich fühle mich auch sicher, wenn Sie sich auf mich stützen«, sagte er, erschrak jedoch sofort über das, was er gesagt hatte, und wurde rot. Und wirklich, unmittelbar nach seinen Worten verlor ihr Gesicht auf einmal all seine Freundlichkeit, als ob die Sonne sich hinter eine Wolke zurückgezogen hätte, und Lewin nahm in ihm das ihm bekannte Mienenspiel wahr, das auf angestrengtes Nachdenken hindeutet: auf der ebenen Stirn erschien ein kleines Fältchen.

»Ist Ihnen etwas Unangenehmes eingefallen? Aber ich habe natürlich kein Recht, danach zu fragen«, sagte er hastig.

»Warum meinen Sie? Nein, nichts Unangenehmes«, antwortete sie kühl und fügte sogleich hinzu: »Haben Sie schon Mademoiselle Linon gesprochen?«

»Nein, noch nicht.«

»Begrüßen Sie sie doch mal, sie hat Sie so gern.«

Was bedeutet das? Herr du meine Güte, ich habe sie gekränkt! dachte Lewin, während er auf die alte Französin mit dem grauen Lockenkopf zulief, die auf einer Bank saß. Lächelnd zeigte sie ihre falschen Zähne und empfing ihn wie einen alten Freund.

»Ja, alles wächst heran«, sagte sie, mit den Augen auf Kitty deutend, »und wir werden älter. Der tiny bear ist nun auch schon erwachsen«, fuhr die Französin lachend fort und wollte ihn damit daran erinnere daß er die drei jungen Mädchen einmal scherzhaft mit drei kleinen Bären aus einem englischen Märchen verglichen hatte. »Wissen Sie noch, Sie haben sie doch so genannt?«

Er konnte sich absolut nicht darauf besinnen, aber sie amüsierte sich schon zehn Jahre lang über diesen Scherz, der ihr so gut gefiel.

»Nun, laufen Sie, laufen Sie ruhig weiter. Unsere Kitty kann es doch auch schon recht schön, nicht wahr?«

Als Lewin zu Kitty zurückkehrte, hatte ihr Gesicht nicht mehr den strengen Ausdruck, und die Augen blickten wieder offen und freundlich, aber Lewin glaubte an ihrer Freundlichkeit einen besonderen, absichtlich gelassenen Zug zu bemerken, der ihn bedrückte. Nachdem sie ein paar Worte über ihre alte Gouvernante und deren Eigenheiten gesagt hatte, erkundigte sie sich nach seiner Lebensweise.

»Ist das Leben auf dem Lande im Winter nicht sehr langweilig?«

»Nein, gar nicht langweilig, ich bin sehr beschäftigt«, antwortete er und fühlte dabei, daß sie ihm ihren gelassenen Ton aufzwang und daß er jetzt ebensowenig imstande sein werde, von ihm loszukommen, wie damals, zu Anfang des Winters.

»Gedenken Sie, lange hierzubleiben?« fragte ihn Kitty.

»Ich weiß es nicht«, antwortete er, ohne zu überlegen, was er sprach. Er sagte sich, wenn er sich ihrem ruhigen freundschaftlichen Ton unterwerfe, werde er abermals nach Hause zurückkehren, ohne eine Entscheidung herbeigeführt zu haben, und er entschloß sich aufzubegehren.

»Wie, Sie wissen es nicht?«

»Nein, ich weiß es nicht. Es hängt von Ihnen ab«, sagte er und war im selben Augenblick über seine Worte entsetzt.

Sei es nun, daß sie seine Worte nicht gehört hatte, oder sei es, daß sie sie nicht hören wollte, sie tat jedenfalls so, als ob sie gestolpert sei, stampfte zweimal mit ihrem kleinen Fuß auf und lief schnell von ihm fort. Sie suchte Mademoiselle Linon auf, sagte ihr irgend etwas und begab sich in das Häuschen, in dem die Damen die Schlittschuhe ablegten.

»Mein Gott, was habe ich getan! O mein Gott! Hilf mir, steh mir bei!« stammelte Lewin verzweifelt, und da er zugleich das Bedürfnis nach starker Bewegung empfand, nahm er einen Anlauf und beschrieb auf der Eisbahn weit ausholende Rechts- und Linkskurven.

In diesem Augenblick trat ein junger Mann, der unter dem Nachwuchs als der beste Schlittschuhläufer galt, mit seiner Zigarette im Mund und Schlittschuhen an den Füßen aus dem Kaffeehäuschen und jagte nach einem kurzen Anlauf mit polternden Sprüngen auf Schlittschuhen die Treppe hinunter. Er kam nach unten gesaust und lief, ohne auch nur die ungezwungene Haltung der Arme zu verändern, auf der Eisfläche weiter.

»Sieh da, ein neues Bravourstück!« sagte Lewin und lief sofort hinauf, um ebenfalls das neue Bravourstück auszuführen.

»Brechen Sie sich nicht den Hals, dazu gehört Übung!« rief ihm Nikolai Stscherbazki zu.

Lewin kam oben an, nahm dort, soweit es möglich war, einen Anlauf und sauste die Treppe hinunter, wobei er angesichts der ungewohnten Bewegung mit den Armen das Gleichgewicht ausbalancierte. Auf der untersten Stufe strauchelte er und berührte mit der Hand leicht das Eis, kam aber durch eine starke Bewegung gleich wieder in die Höhe und lief lachend auf dem Eis weiter.

Ein lieber Kerl! dachte Kitty, die gerade mit Mademoiselle Linon aus dem Häuschen kam und ihm wie einem geliebten Bruder mit einem zärtlichen Lächeln nachblickte. Und habe ich mir denn wirklich etwas zuschulden kommen lassen, etwas Unrechtes getan? Sie sagen, ich hätte mit ihm kokettiert. Gewiß, meine Liebe gehört nicht ihm, aber ich bin dennoch gern mit ihm zusammen, er ist so nett. Warum hat er das nur gesagt?

Als Lewin sah, daß Kitty und ihre Mutter, die sie an der Treppe erwartet hatte, sich zum Weggehen anschickten, blieb er, erhitzt von der schnellen Bewegung, stehen und überlegte.

Er schnallte die Schlittschuhe ab und holte Mutter und Tochter am Ausgang des Gartens ein.

»Ich bin sehr erfreut, Sie wieder einmal hier zu sehen«, sagte die Fürstin. »Besuchstag ist bei uns nach wie vor der Donnerstag.«

»Also heute?«

»Wir werden uns sehr freuen, wenn Sie kommen«, antwortete die Fürstin trocken.

Kitty empfand diesen trockenen Ton als kränkend und konnte dem Wunsch nicht widerstehen, die Unfreundlichkeit der Mutter wieder wettzumachen. Sie wandte den Kopf und rief Lewin lächelnd zu:

»Auf Wiedersehen!«

In diesem Augenblick betrat Stepan Arkadjitsch mit strahlendem Gesicht, glänzenden Augen und den Hut schief auf dem Kopf wie ein froher Sieger den Garten. Doch als er an seine Schwiegermutter herantrat und diese sich nach dem Befinden Dollys erkundigte, nahm sein Gesicht einen betrübten, schuldbewußten Ausdruck an. Und erst nachdem das bedrückende, kleinlaut geführte Gespräch mit der Schwiegermutter überstanden war, warf er sich wieder in die Brust und schob seinen Arm unter den Lewins.

»Nun, fahren wir?« fragte er. »Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht und freue mich sehr, daß du hergekommen bist«, fügte er hinzu und blickte Lewin vielsagend in die Augen.

»Ja, ja, fahren wir«, antwortete der beglückte Lewin, in dessen Ohren noch immer das »Auf Wiedersehen!« nachklang und der noch das Lächeln vor Augen hatte, mit dem diese Worte gesagt worden waren.

»Ins ›Angleterre‹ oder in die ›Eremitage‹?«

»Mir ist alles recht.«

»Nun, also ins ›Angleterre‹«, sagte Stepan Arkadjitsch, der sich für dieses Hotel entschied, weil sein Schuldkonto dort größer war als in der »Eremitage«. Er hielt es daher für angebracht, das »Angleterre« nicht zu meiden. »Hast du eine Droschke? Sehr schön, denn meinen Wagen habe ich entlassen.«

Während der Fahrt schwiegen die Freunde. Lewin dachte darüber nach, was die Veränderung in Kittys Gesichtsausdruck bedeuten mochte; bald redete er sich ein, daß er Grund zu hoffen habe, bald geriet er in Verzweiflung und war überzeugt, daß jede Hoffnung sinnlos sei, aber in jedem Falle hatte er das Empfinden, ein ganz anderer Mensch geworden zu sein, der nichts mit dem gemein hatte, der er vor dem Lächeln Kittys und vor ihren Worten »Auf Wiedersehen!« gewesen war.

Stepan Arkadjitsch stellte unterwegs das Menü zusammen.

»Du magst doch turbot?« fragte er Lewin, als der Wagen am »Angleterre« vorfuhr.

»Was? Turbot?« fragte Lewin zurück. »Ja, turbot mag ich schrecklich gern.«

10

 

Als Lewin mit Oblonski die Vorhalle des Hotels betrat, fielen ihm einige Eigentümlichkeiten im Gehaben seines Freundes auf, von dessen Gesicht und ganzer Gestalt gleichsam ein verhaltenes Strahlen ausging. Nachdem Stepan Arkadjitsch den Mantel abgelegt hatte, begab er sich, den Hut schief aufs Ohr gedrückt, in den Speisesaal und erteilte den befrackten Tataren, die sich, die Serviette unter den Arm geklemmt, an seine Fersen hefteten, schon im Gehen seine Anordnungen. Nach rechts und links den Bekannten zunickend, die er auch hier antraf und die ihn wie immer freudig begrüßten, ging er zum Büfett, um zu einem kleinen Imbiß einen Schnaps zu trinken; der französischen Büfettdame, die geschmückt und aufgeputzt, mit gedrehten Löckchen, Schleifen und Spitzen am Pult saß, flüsterte er dabei etwas zu, worüber selbst die Französin herzlich lachen mußte. Lewin hingegen sah davon ab, einen Schnaps zu trinken, weil ihn die Französin, die ganz aus falschem Haar, poudre de riz und vinaigre de toilette zu bestehen schien, anwiderte. Er trat schnell vom Büfett zurück, als sei es ein unsauberer Ort. Seine ganze Seele war von der Erinnerung an Kitty erfüllt, und seine Augen strahlten ein triumphierendes und glückliches Lächeln aus.

»Bitte hier Platz zu nehmen, Durchlaucht, hier werden Euer Durchlaucht ungestört sein«, sagte ein alter, grauhaariger Tatar, der sich besonders um Oblonski bemühte und dessen Hüften so stark waren, daß sich die Frackschöße über ihnen spreizten. »Bitte sehr, Durchlaucht«, wandte er sich auch an Lewin, dem er als Gast Stepan Arkadjitschs die gleiche Ehrerbietung zollte wie diesem.

Nachdem er über einen runden Tisch, der an einem Bronzekandelaber stand und ohnehin mit einem Tischtuch bedeckt war, blitzschnell noch ein frisches Tischtuch ausgebreitet und Polsterstühle herangerückt hatte, pflanzte er sich, eine Serviette unter dem Arm und eine Speisekarte in der Hand, vor Stepan Arkadjitsch auf und erwartete dessen Befehle.

»Falls Euer Durchlaucht ein Separatzimmer genehm sein sollten – es wird gleich eins frei: Fürst Golizyn mit seiner Dame bricht auf. Frische Austern sind eingetroffen.«

»Ah! Austern!«

Stepan Arkadjitsch überlegte.

»Ob wir unser Menü wohl ändern, Lewin?« fragte er, indem er mit dem Finger auf die Karte zeigte und ein ernstlich besorgtes Gesicht machte. »Sind die Austern auch gut? Sonst – sieh dich vor!«

»Flensburger sind es, Durchlaucht, Ostender sind nicht vorrätig.«

»Flensburger hin, Flensburger her – ob sie frisch sind, darauf kommt es an.«

»Sie sind gestern eingetroffen.«

»Nun, sollten wir da nicht doch mit Austern anfangen und dann unser ganzes Programm ändern? Was meinst du?«

»Mir ist alles recht. Ich esse am liebsten Kohlsuppe und Grütze; doch das gibt es hier ja wohl nicht.«

»Ist vielleicht Grütze à la russe gefällig?« fragte der Tatar und beugte sich dabei zu Lewin hinunter wie eine Kinderfrau zu einem kleinen Kind.

»Nein, Scherz beiseite, mir ist alles recht, was du auswählen wirst. Ich bin Schlittschuh gelaufen und habe Hunger. Und du kannst auch gewiß sein«, fügte er hinzu, als er in Oblonskis Gesicht einen Zug von Unzufriedenheit wahrnahm, »daß ich deine Wahl zu schätzen wissen werde. Ich werde mit Vergnügen gut speisen.«

»Na also! Was man auch sagen mag, aber ein gutes Essen gehört zu den Freuden des Lebens«, sagte Stepan Arkadjitsch. »So, mein Guter, du bringst uns also zwei – nein, das ist zuwenig, drei Dutzend Austern, eine Suppe mit Gemüseeinlage …«

»Printanière«, fiel der Tatar ein. Doch Stepan Arkadjitsch gönnte ihm offenbar nicht das Vergnügen, die Gerichte französisch zu nennen.

»Mit Gemüseeinlage, verstehst du? Dann Steinbutt mit dicker Sauce, dann … Roastbeef; aber sieh ja zu, daß es gut ist. Dann vielleicht noch Kapaun und natürlich Kompott.«

Der Tatar, der sich der Gepflogenheit Stepan Arkadjitschs erinnerte, die Gerichte nicht nach den französischen Bezeichnungen auf der Speisekarte zu bestellen, hatte sie im einzelnen nicht wiederholt, machte sich jetzt aber das Vergnügen, die ganze Bestellung auf französisch zu rekapitulieren: »Soupe printanière, turbot sauce Beaumarchaise, poularde à l’estragon, macédoine de fruits …« Hierauf legte er wie ein aufgezogener Mechanismus die eingebundene Speisekarte beiseite, ergriff schnell die ebenfalls eingebundene Weinkarte und reichte sie Stepan Arkadjitsch.

»Was trinken wir?«

»Was du willst, aber ich trinke nicht allzuviel. Champagner vielleicht …«

»Wie? Gleich zu Anfang? Aber du magst recht haben. Trinkst du gern den weißgesiegelten?«

»Cachet blanc«, fiel der Tatar ein.

»Gut, bring uns diese Marke zu den Austern; dann werden wir weitersehen.«

»Zu Befehl. Und welcher Tischwein ist gefällig?«

»Nuits kannst du bringen. Oder nein, bleiben wir lieber beim klassischen Chablis.«

»Zu Befehl. Käse Ihre übliche Sorte?«

»Ja, Parmesan. Oder ziehst du einen andern vor?«

»Nein, mir ist jeder recht«, erwiderte Lewin, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend.

Hierauf stürzte der Tatar mit flatternden Frackschößen davon und kehrte fünf Minuten später mit einer Schüssel geöffneter, in Perlmuttmuscheln liegender Austern und einer Flasche in den Händen zurück.

Stepan Arkadjitsch zerdrückte die gesteifte Serviette, befestigte sie an der Weste, setzte sich auf seinem Platz zurecht und machte sich an die Austern.

»Nicht übel«, sagte er, während er die schlüpfrigen Austern mit einer kleinen silbernen Gabel aus den Perlmuttmuscheln löste und eine nach der andern verschluckte. »Nicht übel«, wiederholte er und blickte mit seinen feuchten und leuchtenden Augen abwechselnd Lewin und den Tataren an.

Lewin aß ebenfalls einige Austern, obwohl ihm Weißbrot mit Käse lieber gewesen wäre. Er amüsierte sich über Oblonski.

Selbst der Tatar, der die Flasche entkorkt und den perlenden Champagner in die feinen, flachschaligen Gläser gegossen hatte, ließ jetzt, als er seine weiße Krawatte zurechtrückte, die Augen mit sichtlichem Vergnügen auf Stepan Arkadjitsch ruhen. »Du machst dir wohl nicht viel aus Austern?« fragte Stepan Arkadjitsch und trank sein Glas aus. »Oder bedrückt dich etwas?«

Es lag ihm daran, seinen Freund in fröhlicher Stimmung zu sehen. Lewin war an sich auch gar nicht mißgestimmt, fühlte sich jedoch unbehaglich. Mit den Gefühlen, die sein Inneres bewegten, empfand er es als qualvoll und peinlich, in einem Lokal zu sitzen, zu dem Separatzimmer gehörten, in denen mit Damen diniert wurde; dieses ganze Hasten und Getriebe, die ganze Umgebung mit all den Bronzekandelabern, Spiegeln, Tüllvorhängen und Tataren – alles dies verletzte ihn. Er fürchtete, das zu entweihen, was seine Seele erfüllte.

»Mich? Ja, mich bedrückt etwas. Außerdem jedoch verwirrt mich hier alles«, entgegnete er. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie auf mich, einen Menschen vom Lande, alles dies befremdend wirkt, angefangen von den Fingernägeln jenes Herrn, den ich heute bei dir angetroffen habe.«

»Ja, ich habe bemerkt, daß dich die Fingernägel des armen Grinewitsch außerordentlich interessierten«, sagte Stepan Arkadjitsch lachend.

»Ich komme da nicht mit«, entgegnete Lewin. »Versuche doch einmal, dich in meine Lage zu versetzen, die Dinge vom Standpunkt eines Menschen vom Lande zu betrachten. Wir Landleute trachten danach, unsere Hände in einen Zustand zu bringen, der sie tauglich zur Arbeit macht; zu diesem Zweck beschneiden wir die Fingernägel, krempeln wir zuweilen die Ärmel auf. Hier hingegen läßt man sich die Fingernägel wachsen, so lang es nur irgend geht, und trägt Manschettenknöpfe von der Größe kleiner Untertassen, so daß sich mit den Händen überhaupt nichts verrichten läßt.«

Stepan Arkadjitsch lächelte belustigt.

»Ja, das ist eben ein Zeichen dafür, daß er grobe Arbeit nicht zu verrichten braucht. Bei ihm arbeitet der Geist …«

»Mag sein. Aber mir kommt es dennoch komisch vor, und ebenso komisch kommt mir auch unser Essen hier vor: Auf dem Lande bemühen wir uns, möglichst schnell satt zu werden, um uns wieder der Arbeit zuzuwenden, während wir beide darauf bedacht sind, möglichst lange nicht satt zu werden, und zu diesem Zweck Austern essen.«

»Ja, natürlich«, fiel Stepan Arkadjitsch ein. »Das ist ja eben der Sinn der Zivilisation, alles zu einem Genuß zu machen.«

»Nun, wenn das ihr Sinn ist, dann ziehe ich es vor, ein Wilder zu sein.«

»Du bist ohnehin ein Wilder – wie ihr Lewins allesamt.«

Lewin seufzte. Er dachte an seinen Bruder Nikolai, machte sich im stillen Vorwürfe und zog die Stirn kraus. Doch Stepan Arkadjitsch berührte nun ein Thema, das ihn sofort von seinen trüben Gedanken ablenkte.

»Wie ist es nun? Willst du unsere Leute, die Stscherbazkis meine ich, heute abend besuchen?« fragte Oblonski und schob die leeren, rauhen Austernschalen beiseite, zog den Käse zu sich heran und blinzelte vielsagend.

»Ja, ich habe es mir bestimmt vorgenommen«, erwiderte Lewin. »Es schien mir allerdings, daß die Fürstin mich nur widerstrebend eingeladen hat.«

»Was redest du da! Unsinn! Das ist ihre Art … So, mein Guter, bring jetzt die Suppe! – Das ist ihre Art, die Art der grande dame«, sagte Stepan Arkadjitsch. »Ich werde auch kommen, muß aber vorher noch zur Gräfin Banina wegen einer Chorprobe. Aber ein Wilder bist du wirklich! Wie sonst ließe sich dein plötzliches Verschwinden aus Moskau erklären? Die Stscherbazkis haben mich immer wieder nach dir gefragt, als ob ich Bescheid wissen müßte. Aber ich weiß nur so viel, daß du immer das tust, was niemand anderes tun würde.«

»Ja«, sagte Lewin langsam und innerlich erregt. »Du hast recht, ich bin ein Wilder. Aber nicht deshalb, weil ich damals abgereist bin, sondern weil ich jetzt zurückgekehrt bin. Zurückgekommen bin ich, weil …«

»Oh, du Glücklicher!« fiel ihm Stepan Arkadjitsch ins Wort und blickte ihm in die Augen.

»Wieso?«

»Wir erkennen Rassepferde,

wenn wir ihre Marken sehn;

doch die glücklich lieben, werde

ich an ihrem Blick verstehn«,

deklamierte Stepan Arkadjitsch. »Du hast noch das ganze Leben vor dir.«

»Hast du es etwa schon hinter dir?«

»Das nicht gerade; aber dir gehört die Zukunft, während ich es mit der Gegenwart zu tun habe – mit dem, was sie so mit sich bringt.«

»Was denn?«

»Man hat seine Sorgen. Doch von mir will ich nicht reden, und alles läßt sich sowieso nicht erklären«, sagte Stepan Arkadjitsch. »Weswegen bist du also zurückgekommen? – Heda, räume ab!« rief er dem Tataren zu.

»Du hast es wohl schon erraten?« fragte Lewin und heftete seine aus der Tiefe leuchtenden Augen auf Stepan Arkadjitsch.

»Ich errate es zwar, kann aber meinerseits davon nicht anfangen. Schon hieraus kannst du ersehen, ob ich richtig rate oder nicht«, erwiderte Stepan Arkadjitsch mit einem feinen Lächeln.

»Und was hast du mir dazu zu sagen?« fragte Lewin mit bebender Stimme und fühlte, daß in seinem Gesicht jeder Muskel zuckte. »Wie beurteilst du die Dinge?«

Stepan Arkadjitsch leerte bedächtig sein Glas, ohne den Blick von Lewin abzuwenden.

»Ich? Ich wünsche nichts heißer als das«, antwortete er. »Es wäre das Beste, was sich denken läßt.«

»Irrst du dich auch nicht? Bist du dir bewußt, wovon die Rede ist?« fuhr Lewin fort und sah seinen Gesprächspartner durchdringend an. »Meinst du, daß es möglich sein könnte?«

»Das meine ich. Warum sollte es nicht möglich sein?«

»Glaubst du auch wirklich, daß es möglich ist? Sage mir ganz aufrichtig, was du denkst! Und wenn ich nun eine Absage bekomme? Ich bin sogar überzeugt …«

»Warum glaubst du das?« fragte Stepan Arkadjitsch, der über Lewins Aufregung lächeln mußte.

»Es scheint mir manchmal so. Das wäre schrecklich, für mich und auch für sie.«

»Nun, für ein junges Mädchen liegt darin nichts Schreckliches. Ein Antrag erfüllt jedes junge Mädchen mit Stolz.«

»Ja, jedes junge Mädchen, aber nicht sie.«

Stepan Arkadjitsch lächelte. Er kannte bereits die Gefühle Lewins und wußte, daß dieser alle jungen Mädchen der Welt in zwei Arten einteilte. Die eine Art – das waren sämtliche jungen Mädchen der Welt außer ihr, sehr gewöhnliche junge Mädchen, denen alle menschlichen Schwächen anhafteten; die zweite Art – das war sie allein, die keinerlei menschliche Schwächen besaß und höher stand als die ganze übrige Menschheit.

»Halt, nimm dir doch Sauce«, sagte er und hielt den Arm Lewins zurück, mit dem dieser die Sauciere wegschob.

Lewin nahm gehorsam etwas von der Sauce, ließ aber Stepan Arkadjitsch nicht zum Essen kommen.

»Nein, warte, warte«, sagte er. »Du mußt begreifen, daß es sich für mich um eine Frage über Leben und Tod handelt. Ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen. Und ich kann auch mit niemand anderem darüber sprechen als mit dir. Wir sind ja in allem verschieden: in unseren Neigungen, Ansichten, in allem; aber ich weiß, daß du mich gern hast und mich verstehst, und deshalb eben bist du mir so schrecklich lieb. Aber ich flehe dich an, sei völlig aufrichtig zu mir.«

»Ich sage dir, was ich denke«, erwiderte Stepan Arkadjitsch. »Und ich will dir noch mehr sagen: Meine Frau ist ein bewunderungswürdiges Geschöpf …« Stepan Arkadjitsch seufzte bei dem Gedanken an die Beziehungen zu seiner Frau, schwieg eine kleine Weile und fuhr fort: »Sie hat die Gabe, in der Zukunft zu lesen. Sie durchschaut alle Menschen; doch damit nicht genug, sie sieht auch alle Ereignisse voraus, namentlich was Eheschließungen betrifft. So zum Beispiel hat sie vorausgesagt, daß aus der Schachowskaja und Brenteln ein Paar werden wird. Niemand wollte es glauben, und doch ist es eingetroffen. Und – sie nimmt Partei für dich.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»So sollst du das verstehen, daß sie dich nicht nur sehr gern hat, sondern auch mit aller Bestimmtheit behauptet, Kitty werde deine Frau werden.«

Bei diesen Worten verklärte sich Lewins Gesicht, und er war nahe daran, vor Rührung in Tränen auszubrechen.

»Das sagt sie!« rief er aus. »Ich habe ja immer gesagt, daß deine Frau ein wahres Kleinod ist. Doch nun genug davon, genug davon«, fügte er hinzu und erhob sich von seinem Platz.

»Schön, aber bleib doch sitzen!«

Lewin konnte jedoch vor Erregung nicht sitzen. Er ging mit seinen festen Schritten in dem winzigen Zimmer ein paarmal auf und ab, blinzelte mit den Augen, um die Tränen zu verbergen, und setzte sich erst dann wieder an den Tisch.

»Begreife doch, daß dies nicht einfach Liebe ist«, sagte er. »Ich bin schon verliebt gewesen, aber jetzt ist es etwas ganz anderes. Es sind nicht meine Empfindungen, sondern eine äußere Macht hat mich überwältigt. Ich bin ja abgereist, weil ich zu der Überzeugung gekommen war, daß so etwas unmöglich sei, daß es ein Glück wäre, wie es auf Erden nicht vorkommt. Aber nachdem ich lange mit mir gerungen habe, habe ich erkannt, daß es für mich eine Lebensfrage ist. Und sie muß entschieden werden …«

»Warum bist du überhaupt abgereist?«

»Ach, warte doch! Ach, was alles zu bedenken ist! Wie viele Fragen drängen sich auf! Höre zu. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, was du mir mit deinen Worten gegeben hast. Ich bin so glücklich, daß mich das Glück sogar schlecht gemacht hat; ich denke an nichts anderes. Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolai … Weißt du, er ist jetzt hier … Und auch ihn habe ich vergessen. Mir ist so, als ob auch er glücklich sein müsse. Es ist eine Art Wahnsinn. Aber eines ist entsetzlich. Du hast selbst geheiratet, du wirst dieses Gefühl kennen … Entsetzlich finde ich es, daß wir, die wir das Leben schon kennen, schon eine Vergangenheit haben – nicht in der Liebe, sondern in der Sünde –, daß wir uns plötzlich einem reinen, unberührten Geschöpf nähern. Das ist abscheulich, und wir müssen uns deshalb eines solchen Glücks für unwürdig halten.«

»Nun, dein Sündenregister wird nicht sehr lang sein.«

»Immerhin: ›Mit Abscheu lese ich, was einst mein Leben war, Verwünschung lebt in mir zuweilen, dann klag ich bitterlich …‹ Jawohl!«

»Was soll man machen, so ist die Welt nun einmal beschaffen«, bemerkte Stepan Arkadjitsch.

»Als einziger Trost bleibt, wie es auch in diesem mir von jeher sehr teuren Gebet heißt, daß nicht nach Verdienst verziehen wird, sondern aus Barmherzigkeit. Nur so kann auch sie verzeihen.«

11

 

Lewin leerte sein Glas, und eine Weile schwiegen beide. »Eins muß ich dir noch sagen. Kennst du Wronski?« fragte Stepan Arkadjitsch.

»Nein, ich kenne ihn nicht. Warum fragst du?«

»Bring noch eine«, wandte sich Stepan Arkadjitsch an den Tataren, der die Gläser auffüllte und sich gerade immer dann um die beiden bemühte, wenn er störte.

»Warum sollte ich mich für Wronski interessieren?«

»Deshalb solltest du dich für ihn interessieren, weil er einer deiner Rivalen ist.«

»Wer ist Wronski?« fragte Lewin, in dessen Gesicht der kindlich-begeisterte Ausdruck, an dem Oblonski eben noch seine Freude gehabt hatte, plötzlich in einen bösen und abweisenden überging.

»Wronski ist einer der Söhne des Grafen Kirill Iwanowitsch Wronski und einer der glänzendsten Vertreter der Petersburger Jeunesse dorée. Ich habe ihn in Twer kennengelernt, als ich dort Dienst tat und er zur Aushebung von Rekruten hinkam. Er ist ungeheuer reich, hübsch, hat ausgezeichnete Beziehungen, ist Flügeladjutant und alles in allem ein lieber, netter Kerl. Aber er ist mehr als nur ein netter Kerl. Nachdem ich ihn hier näher kennengelernt habe, kann ich hinzufügen, daß er auch gebildet und sehr klug ist – ein Mensch, der es einmal weit bringen wird.«

Lewin machte ein finsteres Gesicht und schwieg.

»Nun, hier erschien er bald nach deiner Abreise auf der Bildfläche, und soviel ich davon verstehe, ist er bis über beide Ohren in Kitty verliebt. Du wirst begreifen, daß die Mutter …«

»Entschuldige, aber ich begreife gar nichts«, unterbrach ihn Lewin in mürrischem Ton. Ihm fiel jetzt sein Bruder Nikolai ein, und er dachte daran, wie schlecht es von ihm sei, ihn ganz vergessen zu haben.

»Erlaube, erlaube mal«, sagte Stepan Arkadjitsch lächelnd und legte seine Hand auf Lewins Arm. »Ich habe dir mitgeteilt, was ich weiß, und wiederhole: Soweit in einer so feinen und delikaten Angelegenheit Mutmaßungen möglich sind, scheint mir, daß du es bist, der die größten Chancen hat.«

Lewin lehnte sich in seinem Sessel zurück; sein Gesicht war blaß.

»Aber ich würde dir raten, die Sache möglichst bald zur Entscheidung zu bringen«, fuhr Oblonski fort und schickte sich an, Lewins Glas nachzufüllen.

»Nein, danke, ich kann nicht mehr trinken«, sagte Lewin, indem er sein Glas zurückzog. »Der Wein steigt mir zu Kopfe … Nun, und was machst du, wie geht es dir?« fragte er, offenbar bestrebt, das Thema zu wechseln.

»Noch ein Wort: Ich rate dir, die Entscheidung in jedem Falle bald herbeizuführen«, sagte Stepan Arkadjitsch. »Heute allerdings ist es nicht ratsam. Fahre morgen vormittag hin, um in aller Form deinen Antrag zu machen. Und Gott befohlen!«

»Du wolltest doch schon immer mal zur Jagd zu mir kommen? Sobald es Frühling wird, mußt du kommen«, sagte Lewin.

Jetzt bedauerte er es aufs tiefste, sich mit Stepan Arkadjitsch in dieses Gespräch eingelassen zu haben. Durch das Gerede über die Rivalität irgendeines Petersburger Offiziers, verbunden mit den Mutmaßungen und Ratschlägen Stepan Arkadjitschs, fühlte er sich in seinen besonderen Empfindungen verletzt.

Stepan Arkadjitsch lächelte. Er wußte, was in Lewin vorging.

»Irgendwann werde ich schon kommen«, erwiderte er. »Ja, mein Lieber, die Frauen – das ist nun einmal der Angelpunkt, um den sich alles dreht. Mit mir sieht es auch schlimm aus, äußerst schlimm. Und alles um der Frauen willen. Sage mir offen deine Meinung«, fuhr er fort, indem er mit der einen Hand eine Zigarre nahm und mit der andern sein Glas hielt, »gib mir einen Rat.«

»Worum handelt es sich denn?«

»Um folgendes. Angenommen, du bist verheiratet, du liebst deine Frau, hast dich aber von einer andern hinreißen lassen …«

»Entschuldige, aber das ist mir ganz und gar unverständlich … Das wäre ebenso unverständlich, als wenn ich jetzt, gleich nachdem ich mich hier satt gegessen habe, an einer Bäckerei vorüberkäme und eine Semmel stehlen würde.«

Stepan Arkadjitschs Augen leuchteten noch stärker als sonst.

»Warum nicht gar? Von einer Semmel geht manchmal ein solcher Duft aus, daß man ihm nicht widerstehen kann.

Himmlisch ist’s, wenn ich bezwungen

meine irdische Begier;

aber noch wenn’s nicht gelungen,

hatt ich auch recht hübsch Pläsier!«1

Beim Zitieren dieser Strophe lächelte Stepan Arkadjitsch spitzbübisch. Auch Lewin konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Ja, doch Scherz beiseite«, fuhr Oblonski fort. »Stell dir ein reizendes, sanftes Geschöpf vor, das dich liebt, eine arme, einsame Frau, die alles geopfert hat. Und nun, nachdem es geschehen ist, stell dir einmal vor, sollte man sie da verstoßen? Ja, eine Trennung ist notwendig, damit das Familienleben nicht zerstört wird – das sehe ich ein. Aber sollte man nicht auch Mitleid mit ihr haben, sie sicherstellen, ihr Schicksal mildern?«

»Nun, da mußt du mich schon entschuldigen, dafür habe ich kein Verständnis. Du weißt ja, für mich teilen sich alle Frauen in zwei Arten, oder richtiger gesagt, es gibt Frauen, und es gibt … Mir sind reizende gefallene Geschöpfe noch nicht begegnet und werden mir auch nicht begegnen, solche aber wie jene geschminkte Französin dort am Pult mit ihren Löckchen sind mir ein Greuel, und dasselbe sind mir auch alle gefallenen Frauen.«

»Und die in der Bibel?«

»Ach, hör auf! Christus hätte jene Worte nie gesprochen, wenn er gewußt hätte, welchen Mißbrauch man mit ihnen treiben würde. Aus dem ganzen Evangelium sind bei den meisten einzig diese Worte haftengeblieben. Im übrigen sage ich dies alles nicht aus Überlegung, sondern aus dem Gefühl heraus. Gefallene Frauen sind mir widerwärtig. Du ekelst dich vor Spinnen und ich mich vor diesen Kreaturen. Aber das Leben der Spinnen hast du wahrscheinlich nicht erforscht, und ihre Moral ist dir unbekannt; ebenso ergeht es mir.«

»Du hast gut reden und erinnerst mich dabei an jenen Herrn bei Dickens, der alle schwierigen Probleme damit abtut, daß er sie mit der linken Hand über die rechte Schulter wirft. Doch die Verneinung einer Tatsache stellt noch keine Antwort dar. Was macht man bloß, sage mir, was macht man bloß? Die Frau altert, und du selbst bist noch voller Lebenskraft. Ehe du dich’s versiehst, merkst du, daß du deine Frau, sosehr du sie auch verehren magst, doch nicht mehr mit der früheren Glut lieben kannst. Und wirst du dann plötzlich von einer neuen Leidenschaft ergriffen, dann bist du verloren, verloren!« jammerte Stepan Arkadjitsch verzweifelt.

Lewin lächelte.

»Ja, verloren«, wiederholte Oblonski. »Aber was soll man tun?«

»Keine Semmel stehlen.«

Stepan Arkadjitsch lachte auf.

»Oh, du Moralist! Aber du mußt bedenken, daß hier zwei Frauen im Spiel sind: die eine pocht auf ihr Recht, das Recht, das sie auf deine Liebe hat, die du ihr nicht mehr geben kannst; die andere opfert alles für dich und verlangt überhaupt nichts. Was sollst du tun? Wie sollst du dich verhalten? Es ist ein tragischer Fall.«

»Wenn du meine offenherzige Ansicht hierüber hören willst, kann ich dir nur sagen, daß ich an eine Tragik in diesem Falle nicht glaube. Und zwar aus folgendem Grunde nicht. Meiner Ansicht nach ist die Liebe …, sind beide Arten von Liebe, die Plato, wie du dich erinnern wirst, in seinem ›Gastmahl‹ erläutert, ein Prüfstein für die Menschen. Die einen huldigen nur der einen, die anderen der anderen Art von Liebe. Diejenigen, die nur die erotische Liebe gelten lassen, sprechen zu Unrecht von einer Tragik. Bei einer solchen Liebe kann es eine Tragik gar nicht geben. ›Verbindlichen Dank für den Genuß und auf Wiedersehen!‹ – damit ist die Sache abgetan. Eine platonische Liebe aber kann nie tragisch sein, denn bei einer solchen Liebe ist alles klar und rein, weil …«

Hier fielen Lewin seine eigenen Sünden ein und die Seelenkämpfe, die er ausgefochten hatte. Er fügte daher einigermaßen unvermittelt hinzu:

»Übrigens, du magst vielleicht auch recht haben. Es ist durchaus möglich … Ich kann es nicht beurteilen, ich kann es wirklich nicht beurteilen.«

»Ja, siehst du, du bist ein Mensch, der aus einem Guß gefertigt ist«, sagte Stepan Arkadjitsch. »Darin liegt sowohl deine Stärke als auch deine Schwäche. Du selbst denkst sehr folgerichtig und möchtest, daß sich das ganze Leben aus folgerichtigen Erscheinungen zusammensetze, was indessen nicht möglich ist. Du siehst mit Geringschätzung auf die Beamtenlaufbahn herab, weil deiner Ansicht nach jede Tätigkeit jederzeit mit dem Zweck in Einklang stehen muß – und das gibt es nicht. Du möchtest auch, daß die Tätigkeit jedes einzelnen Menschen immer auf ein bestimmtes Ziel gerichtet sei, daß Liebe und Familienleben stets ein einheitliches Ganzes darstellen sollten. Aber das gibt es nicht. Der ganze Reiz, die ganze Mannigfaltigkeit und Schönheit des Lebens besteht aus Licht und Schatten.«

Lewin seufzte und erwiderte nichts. Er hing seinen eigenen Gedanken nach und hörte nicht auf das, was Oblonski sagte.

Und plötzlich fühlten beide, daß sie, obwohl sie gut befreundet waren, obwohl sie gemeinsam gegessen und getrunken hatten, wodurch sie einander hätten eigentlich noch nähergekommen sein müssen, daß dennoch jeder von ihnen sich nur mit seinen eigenen Sorgen beschäftigte und daß einer mit dem andern nichts gemein hatte. Oblonski hatte schon häufig die Beobachtung gemacht, daß am Schluß eines gemeinsamen Essens eine Entfremdung statt einer Annäherung eingetreten war, und wußte, was in solchen Fällen zu tun ist.

»Zahlen!« rief er und begab sich in den Hauptsaal, in dem er sofort auf einen befreundeten Adjutanten stieß, mit dem er ein Gespräch über eine Schauspielerin und ihren Liebhaber anknüpfte. Und in der Unterhaltung mit dem Adjutanten fand Oblonski auch sogleich eine Entspannung und Erholung von den Gesprächen mit Lewin, die ihn stets zu einer übermäßigen geistigen und seelischen Anstrengung zwangen.

Als der Tatar mit einer Rechnung von etwas mehr als sechsundzwanzig Rubel erschien, so daß einschließlich des Trinkgeldes auf jeden der Freunde vierzehn Rubel kamen, wäre Lewin als ein Mensch vom Lande unter anderen Umständen über die Höhe dieser Ausgabe entsetzt gewesen; jetzt jedoch beglich er mit gleichmütiger Miene seinen Anteil und begab sich nach Hause, um sich umzukleiden und zu den Stscherbazkis zu fahren, wo sich sein Schicksal entscheiden mußte.

12

 

Die Prinzessin Kitty Stscherbazkaja zählte achtzehn Jahre. In diesem Winter war sie erstmalig in die große Welt eingeführt worden. Ihre Erfolge in der Gesellschaft waren größer als die ihrer beiden älteren Schwestern und übertrafen sogar die Erwartungen der Fürstin. Nicht genug damit, daß die ganze männliche Jugend, die in Moskau die Bälle besuchte, in Kitty verliebt war, es waren gleich im ersten Winter auch zwei ernsthafte Freier aufgetreten: Lewin und, unmittelbar nach dessen Abreise, Graf Wronski.

Das Erscheinen Lewins zu Anfang des Winters, seine häufigen Besuche und seine unverkennbare Liebe zu Kitty hatten deren Eltern den ersten Anlaß zu ernstlichen Erörterungen über ihre Zukunft gegeben und zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin geführt. Der Fürst trat für Lewin ein und erklärte, er könne sich für Kitty keinen besseren Mann wünschen. Die Fürstin hingegen wich mit der den Frauen eigenen Gepflogenheit einer klaren Stellungnahme aus; sie führte an, daß Kitty zu jung sei, daß Lewin durch nichts ernste Absichten zu erkennen gegeben habe, daß Kitty ihm nicht zugetan sei und dergleichen mehr; sie verschwieg indessen die Hauptsache, daß sie nämlich für ihre Tochter eine bessere Partie erhoffte, daß ihr Lewin unsympathisch war und daß sie seine Lebensanschauung nicht verstand. Als Lewin dann plötzlich abgereist war, hatte sich die Fürstin gefreut und ihrem Mann triumphierend erklärt: »Siehst du, ich habe recht gehabt.« Und als dann Wronski aufgetaucht war, hatte sie sich noch mehr gefreut und erst recht die Überzeugung gewonnen, daß Kitty nicht nur eine gute, sondern eine glänzende Partie machen müsse.

Für die Mutter gab es zwischen Wronski und Lewin überhaupt keinen Vergleich. An Lewin mißfielen der Mutter seine absonderlichen und schroffen Ansichten, seine Ungewandtheit in der Gesellschaft, die, wie sie annahm, auf Hochmut beruhte, und seine – ihren Anschauungen nach – rohe Lebensweise auf dem Lande, die ihn mit Vieh und Bauern in Berührung brachte. Ihr Mißfallen erregte es auch in hohem Maße, daß er, obwohl er in ihre Tochter verliebt war und anderthalb Monate lang ständig zu ihnen ins Haus kam, immer noch auf etwas zu warten, etwas auszukundschaften schien, als fürchte er, sich durch seinen Antrag etwas zu vergeben, und dabei gar nicht begriff, daß man in einer Familie, zu der ein heiratsfähiges junges Mädchen gehörte, nicht so rege verkehren konnte, ohne sich zu erklären. Und dann war er plötzlich ohne jede Erklärung abgereist. Nur gut, daß er so wenig anziehend ist und Kitty sich daher nicht in ihn verliebt hat! dachte die Mutter.

Wronski entsprach allen Wünschen der Mutter. Sehr reich, klug, von vornehmer Herkunft und auf dem besten Wege zu einer glänzenden militärisch-höfischen Karriere, war er auch als Mensch eine bezaubernde Persönlichkeit. Eine bessere Partie ließ sich gar nicht wünschen.

Auf Bällen machte Wronski Kitty offenkundig den Hof, tanzte mit ihr und kam ins Haus, so daß an der Ernsthaftigkeit seiner Absichten kaum noch Zweifel möglich waren. Aber dennoch verlebte die Fürstin diesen ganzen Winter in großer Unruhe und Aufregung.

Ihre eigene Heirat war vor dreißig Jahren durch Vermittlung einer Tante zustande gekommen. Der Freier, über den man im voraus aufs genaueste unterrichtet war, kam, lernte die Braut kennen und wurde in Augenschein genommen; durch Vermittlung der Tante wurde der beiderseits empfangene Eindruck ausgetauscht; der Eindruck war gut; an einem festgesetzten Tage wurde hierauf den Eltern der erwartete Antrag gemacht und von diesen angenommen. Alles das hatte sich sehr leicht und einfach abgespielt. Zum mindesten war es der Fürstin so erschienen. Doch nun, an ihren eigenen Kindern, machte sie die Erfahrung, daß die Verheiratung von Töchtern durchaus nicht so leicht und einfach war, wie es aussah. Welche Aufregungen und Ausgaben hatte es gegeben, was war alles zu bedenken gewesen und zu wie vielen Zusammenstößen mit ihrem Mann war es gekommen, bevor Darja und Natalja, ihre beiden älteren Töchter, geheiratet hatten! Jetzt, nachdem sie die jüngste Tochter in die Gesellschaft eingeführt hatte, waren die gleichen Aufregungen und Erwägungen und noch heftigere Auseinandersetzungen mit ihrem Mann zu überstehen als bei der Verheiratung der beiden älteren. Der alte Fürst war, wie alle Väter, außerordentlich auf die Ehre und den Ruf seiner Töchter bedacht; er war geradezu eifersüchtig auf jeden, der sich ihnen und insbesondere seinem Liebling Kitty näherte, und warf der Fürstin auf Schritt und Tritt vor, sie kompromittiere ihre Tochter. Die Fürstin war dies schon von den älteren Töchtern her gewohnt, sah jedoch ein, daß die Sorge des Fürsten jetzt mehr Berechtigung hatte. Sie nahm wahr, daß sich in den Gepflogenheiten der Gesellschaft im Laufe der letzten Zeit vieles geändert hatte und daß die Pflichten einer Mutter noch schwieriger geworden waren. Sie sah, daß Kittys Altersgenossinnen alle möglichen Vereine bildeten, daß sie irgendwelche Vorlesungen besuchten, ungezwungen mit Männern umgingen, ohne Begleitung ausfuhren, teilweise das Knicksen aufgegeben hatten und vor allem fest überzeugt waren, die Wahl eines Mannes stehe ihnen selbst zu und nicht den Eltern. Heutzutage werden Ehen nicht mehr so zustande gebracht wie früher, dachten und sagten alle diese jungen Mädchen und sogar die älteren Leute. Doch wie nunmehr Ehen zustande gebracht werden sollten, das konnte die Fürstin von niemand erfahren. Die französische Sitte, der zufolge es den Eltern zustand, über das Schicksal ihrer Kinder zu entscheiden, wurde abgelehnt und verurteilt. Die englische Sitte, die den jungen Mädchen völlige Freiheit einräumte, wurde ebenfalls abgelehnt und war für die russischen Verhältnisse undenkbar. Die russische Sitte der Brautwerbung durch Vermittler wurde als eine Ungeheuerlichkeit bezeichnet, über die alle, die Fürstin selbst nicht ausgenommen, spotteten. Doch wie die Sache nun wirklich anzufangen war, das wußte niemand zu sagen. Alle, mit denen sich die Fürstin gelegentlich darüber unterhielt, erklärten übereinstimmend: »Um Gottes willen, es ist nun wirklich an der Zeit, von diesem überlebten Brauch abzukommen. Die Ehen sollen ja die jungen Leute eingehen und nicht die Eltern; somit muß es den jungen Leuten auch überlassen werden, ihr Leben nach eigenem Gutdünken aufzubauen.« Freilich, denjenigen, die keine Töchter besaßen, fielen solche Ratschläge nicht schwer; die Fürstin hingegen fürchtete, daß ihre Tochter im Verkehr mit jungen Leuten ihr Herz verlieren und sich unter Umständen in jemand verlieben könnte, der gar keine Heiratsabsichten hatte oder für sie keine passende Partie war. Und so viel man der Fürstin auch vorhielt, daß die jungen Leute ihr Schicksal heutzutage selbst entscheiden müßten – sie vermochte das nicht einzusehen, ebensowenig wie sie es eingesehen hätte, daß das geeignetste Spielzeug für fünfjährige Kinder jemals geladene Pistolen sein könnten. Aus diesem Grunde machte sich die Fürstin Kittys wegen mehr Sorgen als bei ihren älteren Töchtern.

Sie wußte, daß sich Kitty bereits in Wronski verliebt hatte, und fürchtete jetzt, daß dieser sich darauf beschränken könnte, ihrer Tochter lediglich den Hof zu machen; eine gewisse Beruhigung war für sie allerdings der Gedanke, daß es sich bei Wronski um einen Ehrenmann handelte, von dem eine solche Handlungsweise nicht zu gewärtigen war. Nichtsdestoweniger war ihr klar, daß bei der jetzt üblichen Freiheit im Umgang einem jungen Mädchen sehr leicht der Kopf verdreht werden konnte, und sie wußte auch, daß die Männer so etwas im allgemeinen auf die leichte Schulter zu nehmen pflegten. In der vorigen Woche hatte Kitty der Mutter von einem Gespräch erzählt, das während der Masurka zwischen ihr und Wronski stattgefunden hatte. Dieses Gespräch beruhigte die Fürstin einigermaßen, obschon sie ihre Sorge nicht gänzlich abstreifen konnte. Wronski hatte zu Kitty gesagt, er und sein Bruder seien es so gewohnt, sich in allem ihrer Mutter unterzuordnen, daß sie nie eine wichtige Entscheidung treffen würden, ohne sich vorher mit ihr beraten zu haben. »Deshalb sehe ich jetzt der Ankunft meiner Mutter wie einem besonderen Glück entgegen«, hatte er hinzugefügt.

Kitty hatte dies erzählt, ohne den Worten Wronskis eine besondere Bedeutung beizumessen. Ihre Mutter verstand sie indessen anders. Sie wußte, daß die Ankunft der alten Gräfin jeden Tag erwartet wurde, wußte auch, daß sie die Wahl ihres Sohnes gutheißen würde, und wunderte sich nur, daß dieser aus Furcht, seine Mutter zu verletzen, seinen Antrag immer noch unterließ; ihr lag indessen diese Heirat und vor allem die Befreiung von ihren Sorgen so sehr am Herzen, daß sie sich einredete, er zögere wirklich nur mit Rücksicht auf seine Mutter. So schmerzlich die Fürstin zur Zeit auch das Unglück Dollys, ihrer ältesten Tochter, empfand, die zu einer Trennung von ihrem Mann entschlossen war, angesichts der Aufregung über die bevorstehende Entscheidung im Schicksal ihrer jüngsten Tochter traten alle anderen Gefühle zurück. Das heutige Erscheinen Lewins hatte ihre Unruhe noch erhöht. Sie glaubte zu wissen, daß Kitty eine Zeitlang für Lewin recht herzliche Gefühle gehegt hatte, und fürchtete nun, daß sie Wronski aus übertriebener Gewissenhaftigkeit abweisen und daß überhaupt die so kurz vor einem glücklichen Abschluß stehende Angelegenheit durch die Ankunft Lewins verwirrt und aufgehalten werden könnte.

»Seit wann ist Lewin denn wieder hier?« fragte die Fürstin, als sie zu Hause anlangten.

»Seit heute, Mama.«

»Ich will nur eins sagen …«, begann die Fürstin, an deren ernstem und erregtem Gesicht Kitty sogleich erkannte, wovon die Rede sein würde.

»Mama«, sagte sie erglühend und wandte sich der Mutter zu, »bitte, bitte, sprechen Sie nicht darüber. Ich weiß, was Sie meinen, ich weiß alles.«

Kittys Wünsche stimmten mit denen ihrer Mutter überein, aber die Beweggründe der Mutter verletzten sie.

»Ich will nur sagen, wenn man dem einen Hoffnung gemacht hat, dann …«

»Mama, liebste Mama, ich flehe Sie an, sagen Sie nichts mehr. Es ist so peinvoll, darüber zu sprechen.«

»Schon gut, schon gut«, sagte die Fürstin, als sie in den Augen der Tochter Tränen wahrnahm. »Nur eins noch, mein Liebling: Du hast mir versprochen, vor mir keine Geheimnisse zu haben. Bleibt es dabei?«

»Ganz gewiß, Mama, nie und nimmer werde ich Ihnen etwas verheimlichen«, erwiderte Kitty errötend und blickte der Mutter offen ins Gesicht. »Doch jetzt habe ich nichts zu sagen. Ich … ich … auch wenn ich wollte, wüßte ich nicht, was ich sagen sollte und wie … Ich weiß nicht …«

Nein, mit solchen Augen ist sie nicht fähig, die Unwahrheit zu sprechen! dachte die Fürstin bei sich und lächelte über die Aufregung ihrer glücklichen Tochter. Sie war gerührt darüber, wie groß und bedeutsam der guten Kitty das erschien, was jetzt in ihrer Seele vorging.

13

 

Nach dem Mittagessen und bis in den Abend hinein war Kitty von einem Gefühl beherrscht, wie es wohl ein Jüngling vor einer Schlacht empfinden mag. Sie hatte starkes Herzklopfen und war außerstande, ihre Gedanken zu konzentrieren.

Kitty ahnte, daß der heutige Abend, an dem Wronski und Lewin einander erstmalig begegnen würden, entscheidend für ihr Schicksal sein müsse. Sie stellte sie sich in Gedanken unaufhörlich vor, bald jeden für sich, bald beide zusammen. Wenn sie vergangener Zeiten gedachte, verweilte sie gern und mit zärtlichen Gefühlen bei der Erinnerung an ihr Verhältnis zu Lewin. Die Erinnerungen an die Kindheit und an die Freundschaft zwischen Lewin und ihrem verstorbenen Bruder verliehen ihren Empfindungen für Lewin einen besonderen, poetischen Hauch. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, schmeichelte ihr und freute sie. Und es wurde ihr leicht, sich Lewin ins Gedächtnis zu rufen. Dachte sie hingegen an Wronski, dann mischte sich in ihre Gedanken irgend etwas Peinliches, obwohl er ein durch und durch weltgewandter und ausgeglichener Mensch war, es schien, als hätte sich in ihr Verhältnis eine falsche Note eingeschlichen, die jedoch nicht von ihm ausging, denn er gab sich sehr natürlich und offenherzig, sondern in ihr selbst begründet lag, während ihre Gedanken an Lewin völlig klar und unbefangen waren. Dafür aber schwebte ihr ein von Glanz und Glück erfülltes Bild vor, sobald sie sich die Zukunft an der Seite Wronskis vorstellte, während ihre Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft mit Lewin gleichsam in Nebel gehüllt waren.

Als sie hinaufging, um sich für den Abend umzukleiden, und in den Spiegel blickte, stellte sie mit Freude fest, daß sie einen ihrer guten Tage hatte und sich im Vollbesitz ihrer ganzen Widerstandskraft befand, die sie für den bevorstehenden Abend so sehr benötigte; sie fühlte die Fähigkeit, äußerlich ruhig zu bleiben und sich zwanglos mit der ihr eigenen Anmut zu bewegen.

Um halb acht, als sie eben in den Salon heruntergekommen war, meldete einer der Lakaien: »Konstantin Dmitritsch Lewin.« Die Fürstin befand sich noch in ihrem Zimmer, und der Fürst war auch noch nicht erschienen. Jetzt ist es soweit, sagte sich Kitty und fühlte, wie das Blut ihrem Herzen zuströmte. Sie erschrak über die Blässe ihres Gesichts, als sie einen Blick in den Spiegel warf.

Es konnte für sie jetzt keinen Zweifel mehr geben, daß er ihr einen Antrag machen wollte und mit Vorbedacht so früh gekommen war, um sie allein anzutreffen. Und erst jetzt stellte sich ihr die Lage von einer andern, einer ganz neuen Seite dar. Erst jetzt wurde ihr klar, daß die Frage nicht sie allein anging und daß es sich nicht nur darum handelte, mit wem sie glücklich werden sollte und wen sie liebte, sondern daß sie im nächsten Augenblick gezwungen sein würde, einen Menschen zu kränken, den sie liebhatte. Und schwer zu kränken … Wofür? Dafür, daß dieser herzensgute Mensch sie liebte, in sie verliebt war. Aber es blieb nichts anderes übrig, es mußte sein.

Mein Gott, muß ich es ihm wirklich selbst sagen? fragte sich Kitty. Und was soll ich ihm sagen? Soll ich ihm sagen, ich liebe ihn nicht? Das wäre eine Unwahrheit. Was soll ich also sagen? Daß ich einen anderen liebe? Nein, das ist unmöglich. Ich gehe fort, ich gehe …

Sie war bereits bis an die Tür gekommen, als seine Schritte laut wurden. Nein, das wäre unehrenhaft! Warum fürchte ich mich? Ich habe nichts Unrechtes getan. Komme, was kommen mag! Ich werde die Wahrheit sagen. Er wird mich verstehen. Da ist er, sagte Kitty zu sich selbst, als er in seiner ganzen Größe unbeholfen vor ihr stand und ihr aus seinen glänzenden Augen entgegenblickte. Sie sah ihm, gleichsam um Mitleid flehend, offen ins Gesicht und reichte ihm die Hand.

»Ich bin voreilig gewesen, bin wohl zu früh gekommen?« sagte er, während er sich in dem leeren Salon umblickte. Als er sah, daß er richtig gerechnet hatte und daß ihn jetzt nichts an einer Aussprache hindern würde, verfinsterte sich sein Gesicht.

»Durchaus nicht«, antwortete Kitty auf seine Frage und setzte sich an den Tisch.

»Es kam mir ja gerade darauf an, Sie allein anzutreffen«, begann er, ohne sich zu setzen, und blickte sie nicht an, um nicht den Mut zu verlieren.

»Mama wird gleich kommen. Sie war gestern sehr ermüdet. Gestern …«

Sie sprach, ohne sich bewußt zu sein, was ihr über die Lippen kam, und sah ihm unverwandt mit zärtlich flehenden Augen ins Gesicht.

Er blickte zu ihr auf; sie errötete und verstummte.

»Ich habe Ihnen gesagt, ich wüßte nicht, wie lange ich hierbleibe … es hinge von Ihnen ab …«

Kitty ließ den Kopf immer tiefer herabsinken, und sie wußte selbst nicht, was sie auf das antworten würde, was jetzt kommen mußte.

»Daß es von Ihnen abhinge«, wiederholte er. »Ich wollte sagen … ich wollte sagen … Ich bin nach Moskau gekommen … weil … um … meine Frau zu werden!« stammelte er, ohne selbst zu wissen, was er sprach; doch als er nun fühlte, daß das Schwerste gesagt war, hielt er inne und blickte sie an.

Sie saß mit niedergeschlagenen Augen und atmete schwer. Alles in ihr jubelte. Ihr Herz war übervoll von Glück. Sie hätte nie geglaubt, daß das Geständnis seiner Liebe auf sie eine so große Wirkung ausüben würde. Doch das währte nur einen Augenblick. Dann dachte sie an Wronski. Sie richtete ihre klaren, treuherzigen Augen auf Lewin, sah die Verzweiflung, die sich in seinem Gesicht spiegelte, und sagte hastig:

»Es ist unmöglich … Verzeihen Sie mir …«

Wie nah war sie ihm vor wenigen Augenblicken gewesen, wie wichtig für sein Leben! Und wie fremd war sie ihm jetzt geworden und in welch weite Ferne entrückt!

»Ich konnte nichts anderes erwarten«, sagte er, ohne sie anzusehen.

Er verneigte sich und wollte gehen.

14

 

In diesem Augenblick jedoch betrat die Fürstin das Zimmer. Ihr Gesicht nahm einen bestürzten Ausdruck an, als sie Kitty allein mit Lewin vorfand und die verstörten Mienen der beiden bemerkte. Lewin verneigte sich vor ihr und sagte nichts. Kitty schlug die Augen nieder und schwieg. Gott sei Dank, sie hat ihm einen Korb gegeben! dachte die Fürstin, worauf in ihrem Gesicht das übliche freundliche Lächeln erschien, mit dem sie an ihren Donnerstagen die Gäste zu empfangen pflegte. Sie nahm Platz und begann Lewin nach seiner Lebensweise auf dem Lande auszufragen. Er setzte sich wieder und wollte das Eintreffen weiterer Gäste abwarten, um sich dann unauffällig zu entfernen.

Fünf Minuten später erschien die Gräfin Nordston, die mit Kitty befreundet war und im vorigen Winter geheiratet hatte.

Sie war eine hagere, kränkliche und nervöse Frau mit gelber Gesichtsfarbe und glänzenden Augen. Sie schwärmte für Kitty, und da sich ihre liebevollen Gefühle für sie, wie es bei verheirateten Frauen, die junge Mädchen bemuttern, stets der Fall ist, in dem Verlangen äußerten, für Kitty einen Mann zu finden, der ihren eigenen Begriffen von einem idealen Gatten entsprach, wünschte sie diese mit Wronski verheiratet zu sehen. Lewin, den sie zu Anfang des Winters häufig bei den Stscherbazkis angetroffen hatte, war ihr von jeher unsympathisch. Wenn sie ihm in der Gesellschaft begegnete, machte sie sich stets ein Vergnügen daraus, ihn zu bespötteln.

»Es gefällt mir ungemein, wenn er in seiner ganzen Erhabenheit auf mich herabblickt, sein geistreiches Gespräch abbricht, weil ich ihm zu dumm bin, oder sich gönnerhaft zu mir herabläßt«, pflegte sie zu sagen. »Das liebe ich so: Er läßt sich herab! Ich bin nur froh, daß er mich nicht ausstehen kann.«

Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie wirklich nicht ausstehen und verurteilte gerade das, worauf sie sich etwas einbildete und was sie sich als Verdienst anrechnete: ihre Nervosität sowie die affektierte Gleichgültigkeit und Geringschätzung, mit der sie alle groben, alltäglichen Erscheinungen des Lebens betrachtete.

Zwischen der Gräfin Nordston und Lewin hatte sich jenes in der Gesellschaft nicht selten vorkommende Verhältnis herausgebildet, bei dem zwei Menschen im Verkehr miteinander wohl äußerlich eine höfliche Form wahren, in Wirklichkeit aber mit einer Geringschätzung aufeinander herabblicken, die so groß ist, daß sie jedes ernsthafte Gespräch zwischen ihnen unmöglich und den einen sogar unempfindlich für die Beleidigungen des anderen macht.

Die Gräfin fiel sofort über Lewin her.

»Ah, Konstantin Dmitritsch! Sie sind wieder einmal in unser lasterhaftes Babylon eingekehrt«, sagte sie, indem sie ihm ihre winzige gelbe Hand reichte und auf eine Bemerkung Lewins anspielte, in der er zu Anfang des Winters Moskau bei irgendeiner Gelegenheit mit Babylon verglichen hatte. »Nun, ist die Moral Babylons gestiegen oder Ihre eigene gesunken?« fügte sie mit einem verschmitzten Blick auf Kitty hinzu.

»Es ist für mich ja sehr schmeichelhaft, Gräfin, daß Sie sich meine Worte so gut merken«, entgegnete Lewin, der sich inzwischen gefaßt hatte und der Gräfin gegenüber sogleich seine übliche scherzhaft-feindselige Stellung bezog. »Sie scheinen ja einen großen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«

»Aber selbstverständlich. Ich notiere mir alles. Nun, Kitty, bist du wieder Schlittschuh gelaufen?«

Und sie knüpfte ein Gespräch mit Kitty an. So peinlich es für Lewin auch war, in dieser Situation aufzubrechen, schien es ihm doch erträglicher, den peinlichen Eindruck in Kauf zu nehmen, anstatt den ganzen Abend dazubleiben und ständig Kitty vor Augen zu haben, die hin und wieder zu ihm herübersah, aber seinem Blick auswich. Er war schon im Begriff aufzustehen, wurde nun aber durch die Fürstin aufgehalten, die bemerkt hatte, daß er sich nicht an der Unterhaltung beteiligte.

»Wie lange gedenken Sie in Moskau zu bleiben? Sie sind, wenn ich nicht irre, im Semstwo tätig und sicherlich nicht für längere Zeit abkömmlich?«

»Nein, Fürstin, im Semstwo arbeite ich nicht mehr. Ich bin für einige Tage hergekommen.«

Er ist heute ja so sonderbar und gibt gar nichts von seinen üblichen Doktrinen von sich, dachte die Gräfin Nordston; ihr fiel der strenge, ernste Zug in Lewins Gesicht auf. Aber ich werde ihn schon aufs Glatteis locken. Es bereitet mir solches Vergnügen, ihn in Kittys Gegenwart lächerlich zu machen, und es wird mir auch heute gelingen.

»Konstantin Dmitritsch«, wandte sie sich an ihn, »erklären Sie mir doch bitte, was davon zu halten ist. Sie wissen ja in diesen Dingen immer Bescheid: Die Bauern und Frauensleute unserer Kalugaer Besitzungen haben allesamt ihr ganzes Geld verjubelt und zahlen uns jetzt keine Abgaben. Was soll man dazu sagen? Sie sind ja immer des Lobes voll für die Bauern.«

In diesem Augenblick trat eine weitere Dame ein, und Lewin stand auf.

»Entschuldigen Sie, Gräfin, aber ich kenne mich da wirklich nicht aus und kann Ihnen nichts dazu sagen«, antwortete er und faßte zugleich den Offizier ins Auge, der nach der eben eingetretenen Dame in der Tür erschien.

Das muß Wronski sein! dachte Lewin und blickte, um sich zu vergewissern, auf Kitty. Sie hatte Wronski schon bemerkt und sah sich zu Lewin um. Und allein schon an dem Glanz, der ungewollt in ihre Augen getreten war, erkannte Lewin, daß sie diesen Mann liebte, erkannte er es ebenso sicher, als wenn sie es ihm mit Worten gesagt hätte. Doch wes Geistes Kind war dieser Mann?

Ob es richtig war oder nicht – Lewin konnte jetzt nicht anders als dableiben. Er mußte herausbekommen, was das für ein Mensch war, den sie liebte.

Manche Menschen sind, wenn sie jemand begegnen, der über sie auf irgendeinem Gebiet einen Sieg errungen hat, von vornherein blind für alles Gute, das ihm eigen ist, und sehen an dem erfolgreichen Rivalen ausschließlich schlechte Seiten. Andere hingegen trachten vor allem danach, die Vorzüge zu erkennen, durch die der Rivale die Oberhand über sie gewonnen hat, und suchen schmerzenden Herzens nur nach seinen guten Eigenschaften. Lewin gehörte zu dieser Art Menschen. Es kostete ihn freilich keine Mühe, in Wronski das Gute und Anziehende zu entdecken. Es fiel ihm sofort in die Augen. Wronski war nicht sehr groß, von untersetzter Statur und dunkelhaarig und hatte ein hübsches Gesicht mit gutmütigen, ungemein ruhigen und ausgeglichenen Zügen. Alles an seiner Erscheinung, angefangen von dem kurzgeschnittenen schwarzen Haar und dem frischrasierten Kinn bis zu der weiten, funkelnagelneuen Uniform, war schlicht und dabei elegant. Nachdem er der gleichzeitig mit ihm eingetroffenen Dame den Vortritt gelassen hatte, trat Wronski an die Fürstin und dann an Kitty heran.

Während er auf sie zuging, strahlten seine schönen Augen eine besondere Zärtlichkeit aus, und als er sich hierauf behutsam und ehrerbietig zu ihr hinabbeugte und ihr seine nicht große, aber breite Hand reichte, umspielte seine Lippen ein kaum merkliches Lächeln, in dem sich (so schien es Lewin) ein verhaltener Triumph und Glück ausdrückten.

Nachdem er alle Bekannten begrüßt und einige Worte mit ihnen gewechselt hatte, setzte er sich, ohne dem ihn unverwandt anstarrenden Lewin die geringste Beachtung zu schenken.

»Darf ich bekannt machen«, sagte die Fürstin, auf Lewin deutend: »Konstantin Dmitritsch Lewin – Graf Alexej Kirillowitsch Wronski.«

Wronski erhob sich, blickte Lewin freundlich in die Augen und drückte ihm die Hand.

»Ich bin, glaube ich, in diesem Winter einmal zu einem Essen eingeladen gewesen, an dem auch Sie teilnehmen sollten«, sagte er mit dem ihm eigenen natürlichen und offenen Lächeln. »Aber Sie waren damals plötzlich aufs Land gereist.«

»Konstantin Dmitritsch haßt und verabscheut die Stadt und uns Städter«, bemerkte die Gräfin Nordston.

»Meine Worte scheinen doch einen sehr großen Eindruck auf Sie zu machen, daß Sie sich jede Äußerung von mir so gut merken«, entgegnete Lewin und wurde rot, weil ihm dabei einfiel, daß er das gleiche vorhin schon einmal gesagt hatte.

Wronski blickte auf Lewin, blickte auf die Gräfin Nordston und lächelte.

»Leben Sie dauernd auf dem Lande?« fragte er. »Ich denke, im Winter muß es langweilig sein?«

»Es ist nicht langweilig, wenn man eine Beschäftigung hat, und ich langweile mich auch nicht, wenn ich mir selbst überlassen bin«, antwortete Lewin schroff.

»Ich bin gern auf dem Lande«, sagte Wronski, der den schroffen Ton Lewins wahrnahm, aber so tat, als bemerke er ihn nicht.

»Ich möchte aber doch annehmen, Graf, daß Sie sich zu einem ständigen Leben auf dem Lande nicht entschließen würden«, sagte die Gräfin Nordston.

»Das weiß ich nicht, ich habe es für längere Zeit nicht versucht. Aber ich habe eine merkwürdige Erfahrung gemacht«, fuhr Wronski fort. »Ich habe mich nirgends so nach dem Landleben, nach dem russischen Landleben mit seinen Bastschuhen und seinen Bauern gesehnt wie in Nizza, als ich dort einen Winter mit meiner Mutter verlebte. Nizza an sich ist bekanntlich langweilig. Aber auch in Neapel und Sorrent ist es nur bei kürzerem Aufenthalt schön. Und gerade dort sehnt man sich besonders nach Rußland und namentlich nach dem russischen Landleben. Es ist, als ob …«

Er richtete seine Worte sowohl an Kitty als auch an Lewin, ließ seinen ruhigen, freundlichen Blick bald auf dem einen, bald auf dem andern ruhen und sagte offenbar das, was ihm gerade in den Sinn kam.

Da er bemerkte, daß die Gräfin Nordston etwas sagen wollte, hielt er mitten im Satz inne und wandte sich ihr aufmerksam zu.

Das Gespräch brach keinen Augenblick ab, so daß die alte Fürstin, die für den Fall einer Stockung stets zwei schwere Geschütze in Bereitschaft hatte – die Frage der humanistischen oder der Realschulbildung und die allgemeine Wehrpflicht –, diese nicht einzusetzen brauchte und die Gräfin Nordston nicht dazu kam, sich über Lewin lustig zu machen.

Lewin wollte sich an der allgemeinen Unterhaltung beteiligen, war aber nicht dazu imstande; er sagte sich alle Augenblicke: Jetzt gehst du – blieb aber dennoch und wartete immer noch auf etwas.

Das Gespräch kam auf Tischrücken und Geisterbeschwörung, und die Gräfin Nordston, die an Spiritismus glaubte, erzählte von Wunderdingen, die sie irgendwo miterlebt hatte.

»Ach, Gräfin, tun Sie mir doch den Gefallen und nehmen Sie mich einmal mit! Ich habe noch nie etwas Übernatürliches erlebt, obwohl ich ständig danach suche«, sagte Wronski lächelnd.

»Schön, nächsten Sonnabend«, stimmte die Gräfin zu.

»Und Sie, Konstantin Dmitritsch, glauben Sie an Spiritismus?« fragte sie Lewin.

»Warum fragen Sie mich? Sie wissen ja, was ich darauf antworten werde.«

»Ich möchte doch Ihre Meinung hören.«

»Meiner Meinung nach«, erklärte Lewin, »wird durch diese kreisenden Tische nur bewiesen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft auf keinem höheren geistigen Niveau steht als die Bauern. Jene glauben an den bösen Blick, an Hexereien und Zaubertränke, und wir …«

»Sie glauben also nicht daran?«

»Ich kann es nicht glauben, Gräfin.«

»Auch nicht, wenn ich es selbst gesehen habe?«

»Die Frauen auf dem Lande erzählen ebenfalls von Hausgeistern, die sie selbst gesehen haben.«

»Sie meinen demnach, daß ich die Unwahrheit sage?« fragte sie und lachte schnippisch auf.

»Nicht doch, Mascha, Konstantin Dmitritsch sagt doch nur, daß er es nicht glauben kann«, sagte jetzt Kitty und errötete für Lewin, was dieser auch bemerkte; dadurch noch mehr gereizt, wollte er bereits antworten, als Wronski mit seinem offenen, heiteren Lächeln einsprang und dem sich immer mehr zuspitzenden Gespräch eine freundlichere Wendung zu geben suchte.

»Halten Sie eine solche Möglichkeit für völlig ausgeschlossen?« fragte er Lewin. »Warum? Wir geben doch die Existenz der Elektrizität zu, von der wir nichts wissen; warum sollte nicht auch eine neue Kraft existieren, die wir noch nicht kennen, die …«

»Als die Elektrizität entdeckt wurde, handelte es sich zunächst nur um die Entdeckung ihres Vorhandenseins, ohne daß man wußte, wo sie herrührt und welche Kraft ihr innewohnt, und es vergingen Jahrhunderte, bevor man an ihre praktische Nutzanwendung dachte. Die Spiritisten hingegen haben damit begonnen, irgend etwas aus Tischen herauszudeuten und Geister erscheinen zu lassen, und erklärten dann erst, es handele sich um eine unbekannte Kraft.«

Wronski, der ein guter Zuhörer war, hörte sich Lewin aufmerksam an und schien sich für das von ihm Gesagte zu interessieren.

»Ja, aber die Spiritisten erklären, jetzt wisse man zwar noch nicht, um was für eine neue Kraft es sich handele, aber diese Kraft existiere und werde unter den und den Voraussetzungen wirksam; nun sei es Sache der Gelehrten, herauszufinden, worin diese Kraft besteht. Und ich sehe nicht ein, warum es nicht eine neue Kraft geben sollte, wenn sie …«

»Deshalb nicht«, fiel ihm Lewin ins Wort, »weil bei der Elektrizität jedesmal eine bestimmte Wirkung erfolgt, wenn man Harz an Wolle reibt; hier aber erfolgt die Wirkung nicht jedesmal, und somit handelt es sich nicht um eine Naturerscheinung.«

Da Wronski offenbar das Gefühl hatte, daß das Gespräch für einen Salon einen zu ernsten Charakter annahm, widersprach er nicht, sondern wandte sich in dem Bestreben, ihm die Spitze abzubiegen, mit einem vergnügten Lächeln den Damen zu.

»Lassen Sie uns doch gleich mal einen Versuch machen, Gräfin!« schlug er vor. Aber Lewin beharrte darauf, seinen Gedankengang bis zu Ende auszuführen.

»Meiner Meinung nach«, fuhr er fort, »ist der Versuch der Spiritisten, ihre Wunder durch irgendeine neue Kraft zu erklären, völlig verfehlt. Sie reden einerseits von einer geistigen Kraft und wollen sie andererseits praktischen Versuchen unterwerfen.«

Alle warteten darauf, daß er enden sollte, und er fühlte es.

»Nun, ich glaube, Sie würden ein vorzügliches Medium abgeben«, sagte die Gräfin Nordston. »Sie haben so etwas Exaltiertes an sich.«

Lewin machte den Mund auf, wollte etwas sagen, errötete und sagte nichts.

»Ach bitte, Prinzessin, wir wollen es gleich mit den Tischen versuchen«, sagte Wronski. »Sie erlauben doch, Fürstin?«

Er stand auf und sah sich nach einem Tisch um.

Kitty erhob sich, um ein geeignetes Tischchen ausfindig zu machen, und als sie an Lewin vorbeiging, begegneten sich beider Blicke. Er tat ihr von ganzem Herzen leid, und ihr Mitleid mit ihm war um so größer, als sie selbst die Ursache seines Kummers war. Wenn es Ihnen möglich ist, verzeihen Sie mir, sagte ihr Blick. Ich bin so glücklich.

Ich hasse alle, hasse Sie und hasse mich selbst! antwortete sein Blick, und er griff nach seinem Hut. Aber es war ihm nicht beschieden wegzukommen. Als die andern sich um das Tischchen scharten und Lewin gerade gehen wollte, trat der alte Fürst ein. Er begrüßte die Damen und wandte sich dann Lewin zu.

»Ah!« rief er erfreut aus. »Wann bist du gekommen? Ich wußte gar nichts von deinem Hiersein. Sehr erfreut, Sie wiederzusehen.«

Mal duzte der alte Fürst Lewin, mal sagte er Sie zu ihm. Er umarmte ihn, und während er mit ihm sprach, bemerkte er gar nicht, daß Wronski aufgestanden war und geduldig wartete, bis sich der Fürst ihm zuwenden würde.

Kitty fühlte, daß Lewin die Herzlichkeit ihres Vaters nach dem Vorgefallenen bedrücken mußte. Sie sah auch, wie kühl ihr Vater schließlich Wronskis Gruß erwiderte und wie gutmütigerstaunt dieser den Fürsten anblickte und sich fragte, wieso und wodurch eine so unfreundliche Einstellung ihm gegenüber zustande gekommen sein konnte, aber keine Antwort darauf fand. Und sie errötete.

»Geben Sie uns Konstantin Dmitritsch frei, lieber Fürst«, sagte die Gräfin Nordston. »Wir wollen ein Experiment machen.«

»Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, nichts für ungut, meine Damen und Herren, aber nach meiner Ansicht ist ein Ringspiel amüsanter«, sagte er und blickte auf Wronski, in dem er den Initiator des Vorhabens vermutete. »Im Ringspiel liegt doch wenigstens ein Sinn.«

Wronski richtete seinen festen Blick erstaunt auf den Fürsten, lächelte kaum merklich und drehte sich dann zu der Gräfin Nordston um, mit der er ein Gespräch über den großen Ball anknüpfte, der in der nächsten Woche stattfinden sollte.

»Ich hoffe, Sie kommen auch hin?« wandte er sich an Kitty.

Sobald der Fürst ihn freigegeben hatte, zog sich Lewin unauffällig zurück, und der letzte Eindruck, den er von diesem Abend mitnahm, war das glückliche, lächelnde Gesicht Kittys, mit dem sie Wronski auf seine Frage wegen des Balles antwortete.

15

 

Nachdem die Gäste gegangen waren, erzählte Kitty ihrer Mutter von dem Gespräch mit Lewin, und ungeachtet des aufrichtigen Mitleids, das sie für ihn empfand, freute sie sich doch über die Tatsache, daß ihr »ein Antrag« gemacht worden war. Sie war überzeugt, richtig gehandelt zu haben. Aber als sie zu Bett gegangen war, konnte sie lange nicht einschlafen. Ein Eindruck verfolgte sie unablässig. Es war Lewins Gesicht mit den zusammengezogenen Brauen und den schwermütig-trostlos dreinschauenden gütigen Augen, wie er so dastand, dem Vater zugehört und zu ihr und Wronski herübergeblickt hatte. Sie wurde dabei von solchem Mitleid für Lewin ergriffen, daß ihr die Tränen in die Augen traten. Doch gleich darauf dachte sie an den, um dessentwillen sie Lewin abgewiesen hatte. Sie stellte sich lebhaft sein ernstes, männliches Gesicht vor, seine vornehme Ruhe und das herzliche Wohlwollen, das sein ganzes Wesen auf alle ausstrahlte; sie dachte an die Liebe dessen, den sie selbst liebte, ihr Herz schlug vor Freude wieder höher, und mit einem glückseligen Lächeln drückte sie den Kopf ins Kissen. »Er tut mir leid, unendlich leid, aber was kann ich tun? Ich bin nicht schuld«, murmelte sie vor sich hin; aber eine innere Stimme sagte ihr etwas anderes. War es Reue darüber, daß sie es mit Lewin so weit hatte kommen lassen, oder darüber, daß sie ihn abgewiesen hatte? Sie wußte es nicht. Aber ihr Glück war durch Zweifel getrübt. »Herrgott, erbarme dich! Herrgott, erbarme dich! Herrgott, erbarme dich!« flüsterte sie vor sich hin, bis sie endlich einschlief.

Zur gleichen Zeit wiederholte sich im Erdgeschoß, in dem kleinen Arbeitszimmer des Fürsten, eine jener Szenen, die sich schon häufig wegen der vergötterten Tochter zwischen den Eltern abgespielt hatten.

»Was ich sage?« schrie der Fürst, mit den Armen gestikulierend, und schlug seinen mit Fehfellen gefütterten Schlafrock, der sich dabei geöffnet hatte, schnell wieder übereinander. »Das sage ich, daß Sie keinen Stolz und keine Würde kennen, daß Sie Kitty bloßstellen und ins Unglück stürzen durch diese blöden, unwürdigen Manipulationen!«

»Um Gottes willen, was habe ich denn getan?« stammelte die Fürstin, die nahe daran war, in Tränen auszubrechen.

Beglückt und befriedigt von dem Gespräch mit der Tochter, war sie zum Fürsten gekommen, um sich von ihm wie gewöhnlich für die Nacht zu verabschieden; und obwohl sie sich eine Bemerkung über Lewins Antrag und Kittys Absage verkniff, deutete sie ihrem Mann doch an, daß sie die Sache mit Wronski jetzt für endgültig gesichert halte und daß ihr Abschluß unmittelbar nach der Ankunft seiner Mutter zu erwarten sei. Und hierauf, im Anschluß an diese Mitteilung, war der Fürst plötzlich aufgebraust und in eine grobe Schimpferei ausgebrochen.

»Was Sie getan haben? Das will ich Ihnen sagen: Erstens haben Sie einen Freier ins Haus gelockt, und ganz Moskau wird sich darüber aufhalten, und mit vollem Recht. Wenn Sie Gesellschaften geben, dann gehört es sich, alle Welt einzuladen und nicht nur auserwählte Heiratskandidaten. Laden Sie alle diese jungen Dachse ein« (so pflegte der Fürst die Moskauer jungen Männer zu nennen), »engagieren Sie einen Klavierspieler, dann mögen sie tanzen; aber nicht so, wie Sie es heute gemacht haben – nur Freier. Mir ist diese Kuppelei ein Greuel, ein Greuel, und Sie haben es fertiggebracht, auch dem Mädel den Kopf zu verdrehen. Lewin ist ein tausendmal wertvollerer Mensch als dieser Petersburger Geck. Die werden alle in Massen hergestellt, alle nach derselben Schablone und sind allesamt einen Dreck wert. Und wenn er auch ein Prinz von Geblüt wäre – meine Tochter braucht niemandem nachzulaufen!«

»Ja, was habe ich denn getan?«

»Das getan, daß …«, rief der Fürst zornig.

»Das steht fest«, unterbrach ihn die Fürstin, »wenn es nach dir ginge, dann würde unsere Tochter nie zu einem Mann kommen. Dann könnten wir auch gleich aufs Land ziehen.«

»Das wäre auch am besten.«

»Sei doch vernünftig. Bin ich denn jemandem nachgelaufen? Keine Spur bin ich nachgelaufen. Aber ein junger Mann, und zwar ein sehr ehrenwerter junger Mann, verliebt sich in sie, und sie, scheint mir …«

»Ja, es scheint Ihnen! Doch wenn sie sich nun wirklich in ihn verliebt und er ebensowenig ans Heiraten denkt wie ich? Daß ich so etwas erleben muß! ›Ach, Spiritismus! Ach, Nizza! Ach, auf dem Ball! …‹«, ahmte der Fürst seine Frau nach und knickste bei jedem seiner Worte. »Und wenn wir unsere Kitty ins Unglück gestürzt haben, wenn sie sich wirklich in den Kopf setzt …«

»Warum meinst du denn das?«

»Ich meine es nicht, ich weiß es; dafür haben wir ein besseres Auge als ihr Weiber. Ich sehe einen Menschen, der ernsthafte Absichten hat – das ist Lewin; und ich sehe einen Windbeutel, diesen Luftikus, dem es nur aufs Vergnügen ankommt.«

»Ach, du siehst wirklich Gespenster …«

»Du wirst noch zur Besinnung kommen, aber dann wird es zu spät sein, wie bei Dolly.«

»Nun, schon gut, schon gut, wir wollen nicht streiten«, fiel ihm die Fürstin ins Wort, als sie sich der unglücklichen Dolly erinnerte.

»Also schön, dann wünsche ich dir eine gute Nacht.«

Sie bekreuzigten und küßten einander, fühlten aber beim Auseinandergehen, daß jeder von ihnen bei seiner Meinung geblieben war.

Die Fürstin war fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend Kittys Schicksal entschieden habe und daß an den ernsten Absichten Wronskis nicht mehr zu zweifeln sei. Doch nun hatten die Worte ihres Mannes sie wieder unsicher gemacht, und als sie in ihr Zimmer kam und voller Entsetzen an die Ungewißheit der Zukunft dachte, sagte sie genau wie Kitty mehrmals vor sich hin: »Herrgott, erbarme dich! Herrgott, erbarme dich! Herrgott, erbarme dich!«

16

 

Ein Familienleben hatte Wronski nie kennengelernt. Seine Mutter war in jungen Jahren eine glänzende Salondame gewesen, die während ihrer Ehe und namentlich nach dem Tode ihres Mannes zahlreiche, in der Gesellschaft vielbesprochene Liebesaffären gehabt hatte. Auf seinen Vater besann er sich kaum, und erzogen wurde er im Pagenkorps.

Nachdem er als blutjunger, glänzender Leutnant aus dem Pagenkorps entlassen worden war, geriet er in jenen Kreis, dem die reichen Petersburger Offiziere angehörten. Er besuchte zwar hin und wieder die Petersburger Gesellschaft, aber seine Liebesabenteuer hatten sich bis jetzt durchweg außerhalb der vornehmen Welt abgespielt.

Nach dem üppigen, ausschweifenden Leben in Petersburg hatte er jetzt in Moskau erstmalig die Freude kennengelernt, die das Zusammensein mit einem lieben, unberührten und ihm zugetanen jungen Mädchen aus vornehmer Familie bereitete.

Daß in seinem Verhältnis zu Kitty etwas Tadelnswertes liegen könnte, kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Auf Bällen tanzte er vorwiegend mit ihr und verkehrte in ihrem Elternhaus. Er unterhielt sich mit ihr, wie man es in der Gesellschaft gewöhnlich tut, über alle möglichen belanglosen Dinge, aber er sagte diese Belanglosigkeiten ungewollt in einem Ton, aus dem sie einen besonderen Sinn heraushören mußte. Obwohl er ihr nie etwas sagte, was er nicht auch in Gegenwart anderer hätte sagen können, fühlte er, daß er sie immer mehr in seinen Bann zog, und je mehr er dies fühlte, um so mehr empfand er es als angenehm und um so zärtlicher wurde sein Gefühl für sie. Er wußte nicht, daß es für sein Verhalten Kitty gegenüber eine bestimmte Bezeichnung gab, daß es, ohne Heiratsabsichten, die Betörung eines jungen Mädchens war und daß eine solche Handlungsweise zu den üblen Gepflogenheiten gehörte, die unter schneidigen jungen Männern seiner Art gang und gäbe waren. Er glaubte, er habe diese Passion als erster entdeckt, und er gab sich dem Genuß seiner Entdeckung hin.

Wenn er an jenem Abend das Gespräch zwischen den Eltern Kittys belauscht, wenn er die Auffassung der Familie erfahren und gehört hätte, daß es für Kitty ein Unglück bedeutete, wenn er sie nicht heiratete – er wäre sehr erstaunt gewesen und hätte es nicht geglaubt. Er vermochte sich nicht vorzustellen, daß in dem, was ihm und vor allem ihr so viel Freude und Genuß bereitete, etwas Unrechtes liegen könne. Noch weniger hätte er geglaubt, daß es ihn verpflichtete, sie zu heiraten.

Daß er jemals heiraten könnte, hatte er immer für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten. Ein Familienleben hatte für ihn nicht nur keinen Reiz, sondern unter einer Familie und besonders unter einem Ehemann stellte er sich, wie die meisten ledigen jungen Leute des Kreises, in dem er sich bewegte, geradezu etwas Wesensfremdes, Feindseliges und vor allem Lächerliches vor. Wronski ahnte zwar nicht, was Kittys Eltern dachten, aber als er an jenem Abend von den Stscherbazkis aufbrach, hatte er dennoch das Gefühl, daß sich das unsichtbare seelische Band, das zwischen ihm und Kitty existierte, diesmal so gefestigt hatte, daß er irgend etwas unternehmen müsse. Aber was er eigentlich unternehmen könne und müsse, das wollte ihm nicht einfallen.

Das gerade ist ja so schön, sagte er sich, als er das Haus der Stscherbazkis verlassen und von dort nicht nur wie immer ein angenehmes Gefühl von Sauberkeit und Frische mitgenommen hatte (was zum Teil auch davon herrührte, daß er den ganzen Abend über nicht geraucht hatte), sondern auch eine ganz neuartige Rührung über Kittys Liebe empfand – das gerade ist ja so schön, daß wir, obwohl keiner von uns etwas darüber gesagt hat, einander dennoch so gut durch das geheime Gespräch der Blicke und durch den Tonfall verstehen, daß sie mir heute klarer denn je zuvor ihre Liebe zu erkennen gegeben hat. Und wie reizend, natürlich und vor allem voller Vertrauen hat sie es getan! Ich selbst fühle mich als ein besserer, reinerer Mensch, fühle, daß ich ein Herz habe und daß viel Gutes in mir schlummert. Ach, diese lieben, vor Glück strahlenden Augen! Als sie sagte: »Sogar sehr …« Und weiter? Nun, gar nichts weiter. Ich habe meine Freude daran, und sie hat ihre Freude daran.

Und er überlegte, wo er den heutigen Abend beschließen könne.

Er ließ in Gedanken die in Betracht kommenden Lokale Revue passieren. Im Klub? Mit einer Partie Bésigue und bei einer Flasche Champagner mit Ignatow? Nein, dazu habe ich keine Lust. Im »Château des fleurs«? Dort würde ich Oblonski antreffen, und es gäbe Couplets und Cancan. Nein, dessen bin ich überdrüssig. Ich fahre lieber nach Hause. Im Hotel Dussot angelangt, ging er sofort auf sein Zimmer und ließ sich das Abendessen bringen; und als er sich dann ausgekleidet hatte, war er, kaum daß er den Kopf aufs Kissen gelegt hatte, wie immer im nächsten Augenblick fest und ruhig eingeschlafen.

17

 

Am nächsten Tag fuhr Wronski um elf Uhr vormittags zum Petersburger Bahnhof, um seine Mutter abzuholen, und der erste, dem er auf der breiten Freitreppe begegnete, war Oblonski, der mit demselben Zug seine Schwester erwartete.

»Ah! Euer Erlaucht!« rief ihm Oblonski zu. »Wen willst du denn abholen?«

»Meine Mutter«, antwortete Wronski, auf dessen Gesicht wie bei allen, die mit Oblonski zusammentrafen, ein Lächeln erschien, als er ihm die Hand drückte und mit ihm die Treppe hinaufstieg. »Sie kommt mit dem Petersburger Zug an.«

»Gestern habe ich bis zwei auf dich gewartet. Was hast du denn nach dem Abend bei den Stscherbazkis gemacht?«

»Ich bin nach Hause gefahren. Die Stunden bei den Stscherbazkis haben mir so wohlgetan, daß ich hinterher nichts mehr unternehmen wollte.«

»Wir erkennen Rassepferde,

wenn wir ihre Marken sehn;

doch die glücklich lieben, werde

ich an ihrem Blick verstehn«,

deklamierte Stepan Arkadjitsch, wie er es tags zuvor beim Essen mit Lewin getan hatte.

Wronski lächelte, und sein Lächeln schien anzudeuten, daß er dagegen nichts einzuwenden habe; aber er fing gleich von etwas anderem an.

»Und wen erwartest du?« fragte er.

»Ich? Eine schöne Frau«, antwortete Oblonski.

»Sieh mal an!«

»Honny soit qui mal y pense! Meine Schwester Anna.«

»Ach, die Frau Karenins?« fragte Wronski.

»Du kennst sie wahrscheinlich schon?«

»Ich glaube ja. Oder auch nicht … Ich entsinne mich nicht«, antwortete Wronski zerstreut; in Verbindung mit dem Namen Karenin schwebte ihm dunkel etwas Steifes und Langweiliges vor.

»Aber meinen berühmten Schwager, den kennst du doch ganz gewiß? Ihn kennt alle Welt.«

»Nun ja, von seinem Ruf und vom Ansehen kenne ich ihn wohl. Ich weiß, daß er sehr klug und gelehrt ist, irgendwie in höheren Regionen schwebt … Aber du weißt ja, das ist nicht … not in my line«, entgegnete Wronski.

»Ja, er ist ein hervorragender Mann; ein wenig konservativ, aber ein vorzüglicher Mensch«, bemerkte Stepan Arkadjitsch. »Wirklich, ein vorzüglicher Mensch.«

»Nun, um so besser für ihn«, bemerkte Wronski. »Ach, du bist auch da«, wandte er sich an den alten, hochgewachsenen Lakaien seiner Mutter, der an der Tür stand. »Komm mit hinein.«

Abgesehen von der allgemeinen Wertschätzung, die Stepan Arkadjitsch von allen Seiten genoß, fühlte sich Wronski in der letzten Zeit noch ganz besonders zu Oblonski hingezogen, weil er ihn in Gedanken stets mit Kitty verband.

»Nun, wie ist es? Werden wir Sonntag ein Essen zu Ehren unserer ›Diva‹ arrangieren?« fragte er und nahm Oblonski lächelnd am Arm.

»Unbedingt. Ich werde eine Liste aufstellen… Was ich fragen wollte: Hast du eigentlich gestern meinen Freund Lewin kennengelernt?« erkundigte sich Stepan Arkadjitsch.

»Natürlich. Aber er hat sich sehr früh zurückgezogen.«

»Er ist ein lieber Kerl«, fuhr Oblonski fort. »Findest du nicht auch?«

»Ich weiß nicht, woran es liegt«, entgegnete Wronski, »daß alle Moskauer – Anwesende natürlich ausgenommen«, unterbrach er sich lächelnd, »etwas Schroffes an sich haben. Es scheint immer, als lehnten sie sich gegen irgend etwas auf, als seien sie gekränkt und wollten irgend etwas beweisen.«

»Ja, das stimmt, wirklich, das stimmt«, gab Stepan Arkadjitsch lächelnd zu.

Wronski wandte sich an einen Bahnbeamten. »Nun, ist es bald soweit?«

»Der Zug ist gemeldet«, antwortete der Beamte.

Die bevorstehende Ankunft des Zuges kündigte sich durch verschiedene Vorbereitungen auf dem Bahnhof immer deutlicher an: durch das Hinundherlaufen der Gepäckträger, das Erscheinen von Gendarmen und Bahnbeamten, die Ansammlung des Publikums, das sich zum Empfang von Verwandten oder Freunden eingefunden hatte. Im Dunst der kalten Winterluft zeichneten sich Bahnarbeiter in kurzen Pelzen und weichen Filzstiefeln ab, die über die Schienen der nach allen Seiten abzweigenden Gleise gingen. Man hörte das Pfeifen von Lokomotiven auf weiter abliegenden Gleisen und daß sich irgend etwas Schweres in Bewegung setzte.

»Nein«, sagte Stepan Arkadjitsch, der darauf brannte, Wronski von den Absichten Lewins in bezug auf Kitty zu erzählen. »Nein, da hast du meinen Lewin falsch eingeschätzt. Gewiß, er ist sehr nervös und kann zuweilen unangenehm werden, aber dafür ist er ein andermal um so herzlicher. Er ist eine so ehrliche, aufrichtige Seele und hat ein goldenes Herz. Aber gestern lagen besondere Gründe vor«, fuhr Stepan Arkadjitsch mit einem vielsagenden Lächeln fort und vergaß dabei ganz die innige Zuneigung, die er gestern für seinen Freund empfunden und die jetzt einer ebensolchen Zuneigung für Wronski Platz gemacht hatte. »Ja, er hatte einen Grund, entweder überaus glücklich oder überaus unglücklich zu sein.«

Wronski blieb stehen und fragte geradeheraus: »Was soll das? Hat er gestern etwa um die Hand deiner belle-sœur angehalten?«

»Möglich ist es«, erwiderte Stepan Arkadjitsch. »Es schien mir gestern beinahe so, als ob er sich mit solchen Absichten trüge. Und wenn er früh aufgebrochen und dazu noch in schlechter Stimmung gewesen ist, dann wird es wohl stimmen … Er liebt sie schon lange und tut mir furchtbar leid.«

»So, so! Ich glaube übrigens, daß sie auf eine bessere Partie rechnen kann«, sagte Wronski, indem er sich aufrichtete und auf dem Bahnsteig wieder auf und ab zu gehen begann. »Übrigens kenne ich ihn nicht näher«, fügte er hinzu. »Ja, das ist wirklich eine unangenehme Situation. Deshalb eben ziehen es die meisten auch vor, sich mit allen möglichen Dämchen abzugeben. Dort bedeutet ein Mißerfolg nur, daß man zuwenig Geld gehabt hat, hier dagegen geht es um deine Ehre. Doch da kommt ja der Zug.«

Tatsächlich, in der Ferne hörte man schon die Lokomotive pfeifen. Wenige Augenblicke später erzitterte der Bahnsteig, und fauchend und Dampf ausstoßend, der sofort von der Kälte niedergedrückt wurde, rollte die Lokomotive mit dem sich langsam und gleichmäßig beugenden und wieder aufrichtenden Hebel des Mittelrades heran; der Lokomotivführer, vermummt und mit Reif bedeckt, neigte sich grüßend heraus. Hinter dem Tender, die Geschwindigkeit immer mehr vermindernd und den Bahnsteig immer stärker erschütternd, folgte der Wagen mit dem Gepäck und einem winselnden Hund; und schließlich fuhren, mit leichtem Rucken vor dem Stehenbleiben, die Personenwagen ein.

Der gewandte Zugführer, der bei der Einfahrt Signale aus seiner Pfeife gegeben hatte, sprang ab, dann erschienen, einer nach dem anderen, auch die ungeduldigen Fahrgäste in den Wagentüren: ein Gardeoffizier in aufrechter Haltung, der mit strenger Miene um sich blickte, ein zappliger, vergnügt lächelnder Handelsreisender mit einem Handkoffer und ein Bauer mit einem Sack über der Schulter.

Wronski stand neben Oblonski, ließ die Augen über die Wagen und die Aussteigenden schweifen und hatte seine Mutter vollständig vergessen. Das, was er soeben über Kitty erfahren hatte, erregte ihn und bereitete ihm Freude. Seine Brust wölbte sich unwillkürlich, und seine Augen leuchteten. Er fühlte sich als Sieger.

»Die Gräfin Wronskaja ist in diesem Abteil«, sagte der gewandte Zugführer, an Wronski herantretend.

Die Anrede durch den Zugführer brachte ihn zur Besinnung und lenkte seine Gedanken wieder auf die Mutter und auf das bevorstehende Wiedersehen mit ihr. Im Grunde seines Herzens brachte er seiner Mutter wenig Achtung entgegen und hegte für sie, ohne sich dessen bewußt zu sein, auch keine Liebe; nichtsdestoweniger aber konnte er sich in Übereinstimmung mit den Anschauungen des Kreises, in dem er lebte, und auf Grund seiner Erziehung zu seiner Mutter kein anderes als ein auf absoluter Unterordnung und höchstem Respekt beruhendes Verhältnis vorstellen, und je weniger er sie im Grunde seines Herzens achtete und liebte, um so ergebener und respektvoller behandelte er sie nach außen hin.

18

 

Wronski folgte dem Zugführer in den Wagen und blieb an der Tür zum Abteil stehen, um einer heraustretenden Dame Platz zu machen. Mit dem sicheren Blick des gewandten Weltmannes stellte er schon nach der äußeren Erscheinung der Dame sofort ihre Zugehörigkeit zur großen Welt fest. Er entschuldigte sich und war schon im Begriff, ins Abteil zu treten, als es ihn trieb, sich nochmals nach der Dame umzusehen – nicht deshalb, weil sie außergewöhnlich schön war, nicht wegen der Eleganz und unaufdringlichen Anmut, die ihrer ganzen Erscheinung eigen waren, sondern deshalb, weil ihr liebliches Gesicht, als sie an ihm vorbeiging, einen besonders zärtlichen und freundlichen Ausdruck gehabt hatte. Als er sich umblickte, wandte auch sie den Kopf um. Sie ließ ihre leuchtenden grauen, unter den dichten Wimpern dunkel wirkenden Augen einen Moment mit wohlwollendem, prüfendem Ausdruck auf seinem Gesicht ruhen, als erinnere er sie an jemand, und richtete sie dann schnell auf die sich auf dem Bahnsteig drängende Menge, unter der sie jemand zu suchen schien. Dieser kurze Blick hatte genügt, um Wronski die verhaltene Lebhaftigkeit wahrnehmen zu lassen, die sich in ihrem Gesicht spiegelte, die aus den leuchtenden Augen sprach und sich in dem kaum merklichen Lächeln zeigte, das ihre roten Lippen umspielte. Irgend etwas schien ihrem ganzen Wesen eigen, in solch einer Fülle, daß es gegen ihren Willen bald im Glanz der Augen, bald durch ein Lächeln zum Ausdruck kam. Sie war bemüht, den Glanz in ihren Augen abzuschwächen, der sich dennoch in einem kaum merklichen Lächeln widerspiegelte.

Wronski betrat das Abteil. Seine Mutter, eine hagere alte Dame mit Löckchen, kniff ihre schwarzen Augen zusammen und verzog die schmalen Lippen zu einem leichten Lächeln, als sie ihren Sohn betrachtete. Sie stand vom Polstersitz auf, übergab der Kammerjungfer eine kleine Reisetasche und streckte ihre kleine dürre Hand den Lippen des Sohnes entgegen; dann nahm sie seinen Kopf und küßte ihn auf die Wangen.

»Ist mein Telegramm angekommen? Und gesund bist du auch? Nun, Gott sei Dank.«

»Hatten Sie eine gute Reise?« erkundigte sich Wronski und horchte, als er sich nun zu ihr setzte, ungewollt auf die Frauenstimme hinter der Tür. Er wußte, daß es die Stimme jener Dame war, der er vorhin begegnet war.

»Aber recht geben kann ich Ihnen dennoch nicht«, hörte er die Dame sagen.

»Das ist ein Petersburger Gesichtspunkt, meine Gnädige.«

»Nicht ein Petersburger, sondern einfach der einer Frau«, antwortete sie.

»Wohlan, erlauben Sie jetzt, daß ich Ihnen die Hand küsse.«

»Auf Wiedersehen, Iwan Petrowitsch. Und wenn Sie meinen Bruder sehen sollten, schicken Sie ihn doch bitte zu mir«, sagte die Dame unmittelbar hinter der Tür und betrat das Abteil.

»Nun, haben Sie Ihren Bruder gefunden?« wandte sich die Gräfin Wronskaja an die Dame.

Wronski erkannte in ihr jetzt Frau Karenina.

»Ihr Bruder ist hier«, sagte er und stand auf. »Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht gleich erkannt; und so flüchtig, wie wir uns kennengelernt haben«, fuhr er mit einer Verbeugung fort, »werden Sie sich meiner kaum noch erinnern.«

»O nein«, widersprach sie, »ich hätte Sie erkannt, weil wir, Ihre liebe Mutter und ich, auf der ganzen Reise fast nur von Ihnen gesprochen haben«, fuhr sie fort und duldete es nun endlich, daß ihre Lebhaftigkeit, die nach Äußerung drängte, sich in einem Lächeln kundtat. »Aber von meinem Bruder ist noch nichts zu sehen.«

»Suche doch mal nach ihm, Aljoscha«, sagte die alte Gräfin.

Wronski begab sich auf den Bahnsteig und rief:

»Oblonski! Hierher!«

Als Anna Arkadjewna auf dem Bahnsteig ihren Bruder erblickte, wartete sie nicht erst, bis er sie im Abteil abholte, sondern verließ mit leichten, energischen Schritten den Zug. Und als Oblonski dann an sie herantrat, beobachtete Wronski entzückt die impulsive, anmutige Art, mit der sie den linken Arm um den Hals des Bruders legte, ihn an sich zog und herzhaft auf die Wangen küßte. Er blickte unverwandt zu ihr hinüber, lächelte und wußte selbst nicht, warum. Doch dann fiel ihm die wartende Mutter ein, und er ging in den Wagen zurück.

»Nicht wahr, sie ist reizend?« empfing ihn die Gräfin. »Ihr Mann hat sie zu mir gesetzt, und ich habe mich sehr darüber gefreut. Wir haben die ganze Reise über geplaudert. Nun, und du, höre ich … vous filez le parfait amour. Tant mieux, mon cher, tant mieux.«

»Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen, maman«, antwortete Wronski kühl. »Doch nun können wir wohl aussteigen, maman.«

Frau Karenina kam nochmals ins Abteil, um sich von der Gräfin zu verabschieden.

»So, Gräfin, Sie haben nun Ihren Sohn zur Seite, und ich habe auch meinen Bruder gefunden«, sagte sie vergnügt. »Und weiter hätte ich auch nichts mehr zu erzählen gewußt; mein ganzer Vorrat an Geschichten ist erschöpft.«

»Ach«, sagte die Gräfin und ergriff ihre Hand, »mit Ihnen könnte ich um den ganzen Erdball reisen und würde mich doch nicht langweilen. Sie sind eine jener angenehmen Frauen, mit denen es sich ebensogut plaudern wie schweigen läßt. Und wegen Ihres Söhnchens dürfen Sie sich keine Gedanken machen; man kann doch nicht immer zu Hause sitzen.«

Frau Karenina stand regungslos, in aufrechter Haltung; ihre Augen lächelten.

»Anna Arkadjewna hat ein achtjähriges Söhnchen, von dem sie sich noch nie getrennt hat«, wandte sich die Gräfin erklärend an ihren Sohn. »Und nun quält sie sich bei dem Gedanken, ihn allein gelassen zu haben.«

»Ja, wir haben die ganze Zeit von unseren Söhnen gesprochen, die Gräfin von ihrem und ich von meinem«, sagte Anna Arkadjewna, zu Wronski gewandt, und wieder verklärte sich ihr Gesicht durch ein Lächeln, durch ein freundliches Lächeln, das ihm galt.

»Nun, das dürfte für Sie sehr langweilig gewesen sein«, griff er im Fluge den Ball der Koketterie auf, den sie ihm zugeworfen hatte. Doch sie war offenbar nicht geneigt, das Gespräch in dem gleichen Ton fortzusetzen, und wandte sich wieder an die alte Gräfin.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar. Die Zeit ist mir im Nu vergangen. Auf Wiedersehen, Gräfin.«

»Auf Wiedersehen, meine Liebste«, erwiderte die Gräfin. »Erlauben Sie, daß ich Ihr hübsches Gesichtchen küsse. Von mir, einer alten Frau, können Sie es sich sagen lassen, daß ich Sie ins Herz geschlossen habe.«

So routinemäßig diese Worte auch sein mochten, Anna Arkadjewna empfand sie offenbar als aufrichtig und freute sich über sie. Sie errötete, beugte sich leicht vor, hielt ihre Wange den Lippen der Gräfin hin, richtete sich wieder auf und reichte Wronski mit jenem reizenden Lächeln, das sich im Mienenspiel zwischen Augen und Mund äußerte, die Hand. Er drückte die ihm dargebotene kleine Hand und freute sich über den überraschend kräftigen Druck, mit dem sie energisch und ungezwungen die seine schüttelte. Dann verließ sie mit schnellen, für ihre etwas üppige Figur erstaunlich elastischen Schritten das Abteil.

»Sie ist reizend«, sagte die alte Gräfin.

Das gleiche dachte ihr Sohn. Er verfolgte sie mit den Blicken, bis ihre graziöse Gestalt verschwunden war, und ein Lächeln blieb auf seinem Gesicht. Durch das Fenster sah er dann, wie sie auf ihren Bruder zutrat, ihre Hand auf seinen Arm legte und lebhaft auf ihn einzureden begann; aber sie schien über etwas zu sprechen, was nichts mit ihm, Wronski, zu tun hatte, und das verstimmte ihn.

»Nun, maman, fühlen Sie sich vollkommen wohl?« wiederholte er, sich wieder der Mutter zuwendend.

»Vollkommen, in jeder Hinsicht. Alexandre war sehr lieb. Und Marie ist sehr hübsch geworden. Sie sieht sehr apart aus.«

Und sie begann wieder von den Dingen zu erzählen, die sie am meisten interessierten – von der Taufe ihres Enkels, zu der sie nach Petersburg gereist war, und von der besonderen Gunst, die der Zar ihrem ältesten Sohn erweise.

»Da ist auch Lawrenti«, sagte Wronski, als er durchs Fenster blickte. »Wir wollen jetzt aussteigen, wenn es Ihnen recht ist.«

Der alte Haushofmeister, der die Gräfin begleitet hatte, kam ins Abteil und meldete, daß alles fertig sei, worauf sich die Gräfin erhob und zum Gehen anschickte.

»Kommen Sie, es sind jetzt nur noch wenig Menschen«, sagte Wronski.

Die Kammerjungfer nahm die Reisetasche und das Hündchen, der Haushofmeister und ein Gepäckträger die übrigen Sachen, und Wronski bot seiner Mutter den Arm. Doch als sie gerade im Begriff waren, aus dem Zug zu steigen, kamen plötzlich mehrere Personen mit verstörten Gesichtern vorbeigelaufen. Auch der Stationsvorsteher, der durch die Farbe seiner Mütze auffiel, kam gelaufen. Allem Anschein nach hatte sich etwas Außergewöhnliches ereignet. Das Publikum strömte dem Ende des Zuges zu.

»Wie? … Was? … Wo? … Unter den Zug gefallen! … Zermalmt! …«, hörte man in der vorübereilenden Menge rufen.

Stepan Arkadjitsch und seine Schwester, die sich bei ihm eingehakt hatte, kamen ebenfalls mit bestürzten Gesichtern zurück und blieben, um der Menge auszuweichen, an der Wagentür stehen.

Die Damen stiegen wieder in den Zug, während Wronski und Stepan Arkadjitsch der Menge folgten, um Einzelheiten über das Unglück zu erfahren.

Ein Bahnwärter, der vielleicht betrunken oder wegen des strengen Frostes allzusehr eingemummt gewesen war, hatte die Rückwärtsbewegung eines rangierenden Zuges nicht gehört und war zermalmt worden.

Diese Einzelheiten erfuhren die Damen durch den Haushofmeister schon vor der Rückkehr Wronskis und Oblonskis.

Oblonski und Wronski hatten die verstümmelte Leiche gesehen. Oblonski war sichtlich erschüttert. In seinem Gesicht zuckte es, und er schien gegen die Tränen anzukämpfen.

»Ach, wie entsetzlich! Ach, Anna, wenn du das gesehen hättest! Ach, wie entsetzlich!« wiederholte er ein um das andere Mal.

Wronski schwieg, und sein hübsches Gesicht hatte einen wenn auch ernsten, so doch völlig ruhigen Ausdruck.

»Ach, wenn Sie das gesehen hätten, Gräfin«, fuhr Stepan Arkadjitsch fort. »Seine Frau ist auch da … Es ist nicht mit anzusehen … Sie warf sich über die Leiche. Man sagt, er sei der alleinige Ernährer einer riesigen Familie gewesen. Das ist ja furchtbar!«

»Kann man der Frau nicht irgendwie helfen?« flüsterte Anna Arkadjewna aufgeregt.

Wronski blickte sie an und verließ gleich darauf das Abteil.

»Ich bin gleich wieder zurück, maman«, sagte er beim Hinausgehen.

Als er wenige Minuten später zurückkam, unterhielt sich Stepan Arkadjitsch mit der Gräfin bereits über eine neue Sängerin, und die Gräfin blickte in Erwartung des Sohnes ungeduldig nach der Tür.

»So, nun wollen wir gehen«, sagte Wronski beim Betreten des Abteils.

Sie brachen gemeinsam auf. Wronski ging mit seiner Mutter voran, Stepan Arkadjitsch und seine Schwester folgten. Am Ausgang wurden sie vom Stationsvorsteher eingeholt.

Er wandte sich an Wronski: »Sie haben meinem Gehilfen zweihundert Rubel übergeben. Belieben Sie noch zu bestimmen, wer das Geld erhalten soll?«

»Die Witwe«, antwortete Wronski mit einem Achselzucken. »Ich verstehe nicht, was da noch viel zu fragen ist.«

»Das haben Sie getan?« rief von hinten Oblonski. »Sehr nobel, wirklich, sehr nobel«, fügte er hinzu und drückte den Arm seiner Schwester an sich. »Ein guter Kerl, nicht wahr? … Ihr ergebenster Diener, Gräfin!«

Und er blieb mit seiner Schwester stehen, um nach deren Zofe Ausschau zu halten.

Als sie aus dem Bahnhof traten, war die Wronskische Equipage bereits abgefahren. Die aus dem Bahnhof kommenden Leute sprachen immer noch über den Unglücksfall.

»Was für ein furchtbarer Tod!« sagte ein vorüberkommender Herr. »In zwei Stücke soll er zerschnitten sein, heißt es.«

»Ich meine im Gegenteil, ein so schneller Tod ist der leichteste«, bemerkte ein anderer.

»Daß man auch keine Vorsichtsmaßnahmen trifft!« sagte ein dritter.

Sie stiegen in den Wagen, und Stepan Arkadjitsch bemerkte dabei mit Erstaunen, daß die Lippen seiner Schwester zuckten und daß sie mit Mühe das Weinen unterdrückte.

»Was hast du, Anna?« fragte er, als sie ein Stück weitergefahren waren.

»Ein schlechtes Vorzeichen«, antwortete sie.

»Was für ein Unsinn!« sagte Stepan Arkadjitsch. »Du bist gekommen, das ist die Hauptsache. Ich kann dir gar nicht sagen, welch große Hoffnungen ich auf dich setze.«

»Bist du mit Wronski schon lange bekannt?« fragte sie.

»Ja. Weißt du, wir rechnen damit, daß er Kitty heiraten wird.«

»So?« sagte Anna leise. »Doch nun wollen wir von dir reden«, fuhr sie fort und machte eine Kopfbewegung, als wollte sie etwas Lästiges und sie Störendes abschütteln. »Wir wollen darüber sprechen, wie die Dinge bei dir stehen. Ich habe deinen Brief bekommen und bin gleich abgereist.«

»Ja, du bist meine einzige Hoffnung«, sagte Stepan Arkadjitsch.

»Nun, dann erzähle mir alles.«

Und Stepan Arkadjitsch begann zu erzählen.

Vor dem Hause angelangt, half Oblonski seiner Schwester aus dem Wagen, stieß einen Seufzer aus, drückte ihr die Hand und fuhr weiter, ins Amt.

19

 

Anna traf Dolly in einem kleinen Wohnzimmer an, wo sie ihrem semmelblonden, pausbäckigen Söhnchen, das schon jetzt dem Vater sehr ähnlich war, seine französische Leseübung abhörte. Der Knabe las und zupfte dabei unaufhörlich an einem locker gewordenen Knopf seiner Jacke, den er ganz und gar abreißen wollte. Die Mutter hatte seine Hand mehrmals zurückgezogen, aber das rundliche Patschhändchen griff immer wieder nach dem Knopf. Die Mutter riß den Knopf ab und steckte ihn in die Tasche. »Halte die Hand ruhig, Grischa«, sagte sie und wandte sich wieder ihrer Decke zu, an der sie schon lange arbeitete: zu dieser Arbeit griff sie jedesmal in schweren Stunden und so auch heute; sie strickte nervös und zählte mit hastigen Fingerbewegungen die Maschen. Obgleich sie ihrem Mann gestern hatte bestellen lassen, es gehe sie nichts an, ob seine Schwester käme oder nicht, hatte sie doch alles Nötige zur Ankunft ihrer Schwägerin vorbereitet und sah ihr jetzt mit Aufregung entgegen. Dolly war zutiefst unglücklich und von ihrem Kummer niedergedrückt. Dessenungeachtet vergaß sie nicht, daß ihre Schwägerin die Frau eines der wichtigsten Würdenträger in Petersburg war und daß sie selbst in der Petersburger Gesellschaft eine grande dame war. Infolgedessen beharrte sie nicht auf dem, was sie ihrem Mann angedroht hatte, das heißt, sie gab die Absicht auf, den Besuch ihrer Schwägerin zu ignorieren. Und schließlich trifft Anna ja keinerlei Schuld, sagte sich Dolly. Ich kenne sie nur als eine ausgezeichnete Frau, die zu mir immer sehr freundlich und liebevoll gewesen ist. Soweit sie sich des Eindrucks erinnerte, den sie in Petersburg bei einem Besuch der Karenins gewonnen hatte, war ihr allerdings die ganze Atmosphäre dieses Hauses nicht angenehm gewesen; der ganzen Form ihres Familienlebens schien irgend etwas Unnatürliches anzuhaften. Aber warum sollte ich ihr deshalb meine Gastfreundschaft versagen? fragte sich Dolly. Wenn sie nur nicht auf den Einfall kommt, mich trösten zu wollen. Alles, was mich milder stimmen, wozu man mich ermahnen könnte, oder ein Appell, aus Christenliebe zu verzeihen – alles das habe ich schon tausendmal durchdacht, aber nichts davon kann mir helfen.

Alle diese Tage hatte Dolly allein mit ihren Kindern verbracht. Über ihren Kummer wollte sie nicht sprechen, und mit einem solchen Kummer im Herzen über etwas anderes zu sprechen, dazu war sie nicht fähig. Sie wußte, daß es über kurz oder lang zu einer Aussprache mit Anna kommen werde, und bald freute sie sich bei dem Gedanken daran, wie sie ihr alles vorhalten würde, bald ärgerte sie sich über die Notwendigkeit, mit ihr, seiner Schwester, über ihre Demütigung sprechen und von ihr wahrscheinlich abgeschmackte Trostworte und Ermahnungen anhören zu müssen.

In Erwartung ihrer Schwägerin blickte sie alle Augenblicke auf die Uhr, aber – wie es in solchen Fällen oft geschieht – ihre Aufmerksamkeit war gerade in dem Moment abgelenkt, als die Erwartete wirklich eintraf, so daß sie das Klingeln überhörte.

Als unmittelbar vor der Tür das Rascheln eines Kleides und leichte Schritte laut wurden, drehte sie sich um, und auf ihrem zerquälten Gesicht drückte sich unwillkürlich weniger Freude als Überraschung aus. Sie stand auf und umarmte die Schwägerin.

»Wie, du bist schon hier?« sagte sie und küßte Anna.

»Dolly, wie freue ich mich, dich wiederzusehen!«

»Auch ich freue mich«, antwortete Dolly mit einem schwachen Lächeln und versuchte aus Annas Gesichtsausdruck zu erraten, ob sie schon alles wisse oder nicht. Ja, sie muß es wissen, sagte sie sich, als sie in Annas Gesicht einen Zug von Mitleid zu entdecken glaubte. »Nun komm, ich werde dich in dein Zimmer führen«, fuhr sie fort, um den Augenblick der Aussprache möglichst weit hinauszuschieben.

»Und das ist Grischa? Mein Gott, wie ist der Junge groß geworden!« sagte Anna und küßte ihn; sie hatte Dolly die ganze Zeit beobachtet und blieb jetzt errötend vor ihr stehen. »Ach, wenn es dir recht ist, laß uns doch erst einmal hierbleiben.«

Sie legte ihr Tuch ab und schüttelte lachend den Kopf, um den Hut loszubekommen, der an einer Strähne ihres lockigen schwarzen Haares hängengeblieben war.

»Du strahlst ja förmlich vor Glück und Gesundheit!« bemerkte Dolly fast neidisch.

»Ich? Ach ja!« sagte Anna. »Mein Gott, da ist ja auch Tanja! Die Altersgenossin meines Serjosha«, fügte sie hinzu und drehte sich zu dem Mädchen um, das ins Zimmer gelaufen kam. Sie hob es hoch und küßte es. »Ein reizendes Mädchen, wirklich reizend! Führe mir doch alle vor.«

Sie zählte alle Kinder auf und nannte nicht nur ihre Namen, sondern hatte auch das genaue Alter, die Eigenheiten und überstandenen Krankheiten jedes einzelnen im Gedächtnis, worüber Dolly natürlich gerührt war.

»Nun, dann wollen wir zu ihnen gehen«, sagte sie. »Schade, Wassja schläft jetzt gerade.«

Nachdem sie die Kinder besucht hatten, setzten sie sich, nunmehr allein, im Wohnzimmer an den Kaffeetisch. Anna hantierte am Tablett herum und schob es dann mit einer kurzen Handbewegung von sich weg.

»Dolly«, sagte sie, »er hat mit mir gesprochen.«

Dolly machte ein abweisendes Gesicht. Sie erwartete jetzt erkünstelt mitleidige Redensarten, aber Anna sagte nichts Derartiges.

»Dolly, liebe Dolly«, fuhr sie fort. »Ich habe nicht vor, ihn in Schutz zu nehmen, und auch nicht, dich zu trösten – das ist nicht möglich. Ich will dir nur sagen, daß du mir leid tust, mein Liebling, von ganzem Herzen tust du mir leid.«

An den dichten Wimpern ihrer leuchtenden Augen schimmerten plötzlich Tränen. Sie rückte näher zu Dolly heran und ergriff mit ihrer kleinen, energischen Hand die der Schwägerin. Dolly ließ es geschehen, aber ihr Gesicht behielt den abweisenden Ausdruck.

»Trösten kann mich niemand«, sagte sie. »Nach dem, was geschehen ist, ist alles verloren, ist alles zunichte gemacht!«

Sobald sie diese Worte ausgesprochen hatte, entspannte sich ihr Gesicht und nahm einen weicheren Ausdruck an. Anna ergriff Dollys hagere, dürre Hand, küßte sie und sagte:

»Aber Dolly, was ist nun zu tun, was kann man machen? Welches ist der beste Ausweg aus dieser furchtbaren Lage – das müssen wir überlegen.«

»Alles ist aus, daran läßt sich nichts ändern«, erwiderte Dolly. »Und das schlimmste ist dabei, daß ich der Kinder wegen nicht weg kann, ich bin gebunden. Aber bei ihm bleiben kann ich auch nicht, schon sein Anblick ist mir eine Qual.«

»Dolly, Liebling, er hat mir ja alles erzählt, aber ich möchte es auch aus deinem Munde hören; erzähle mir doch, wie alles gekommen ist.«

Dolly blickte sie prüfend an. In Annas Gesicht drückten sich ungeheuchelte Teilnahme und Liebe aus.

»Gut, ich bin bereit«, sagte sie plötzlich. »Aber ich werde ganz von vorn anfangen. Du weißt, wie ich geheiratet habe. So, wie maman mich erzogen hat, war ich nicht nur ein Unschuldslamm, ich war dumm. Ich war völlig unerfahren. Man sagt, daß die Männer ihren Frauen nach der Heirat ihre Vergangenheit erzählen, aber Stiwa … Stepan Arkadjitsch«, verbesserte sie sich, »Stepan Arkadjitsch hat mir nichts erzählt. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber ich bin bis jetzt überzeugt gewesen, ich sei die einzige Frau, die ihm nahegestanden hat. In diesem Glauben habe ich acht Jahre gelebt. Bedenke, ich habe an eine Untreue niemals gedacht, ja sie überhaupt für unmöglich gehalten. Und nun, stell dir vor, erfährst du, in einem solchen Glauben befangen, plötzlich das ganze Unheil, diese ganze Gemeinheit … Du mußt dich in mich hineinversetzen. Man ist felsenfest von seinem Glück überzeugt, und plötzlich …«, fuhr Dolly, ein Schluchzen unterdrückend, fort, »plötzlich findet man einen Brief … einen Brief von ihm an seine Geliebte, an unsere Gouvernante. Nein, das ist einfach entsetzlich!« Sie zog hastig ihr Taschentuch hervor und preßte es vors Gesicht. »Einen vorübergehenden Liebesrausch«, fuhr sie nach kurzem Schweigen fort, »das könnte ich noch verstehen. Aber mich mit Überlegung und Hinterlist zu betrügen … und mit wem? Die Ehe mit mir fortzusetzen und gleichzeitig … oh, das ist furchtbar! Du kannst dir nicht vorstellen …«

»O ja, ich kann es mir vorstellen! Ich verstehe dich, liebe Dolly, verstehe dich vollkommen«, sagte Anna und drückte ihr die Hand.

»Und meinst du vielleicht, er verstünde die ganze Schwere meiner Lage? Nicht im geringsten! Er ist glücklich und zufrieden, er …«

»O nein!« fiel Anna ihr schnell ins Wort. »Er ist niedergeschlagen, er vergeht vor Reue und …«

»Ist er denn einer Reue überhaupt fähig?« unterbrach Dolly ihre Schwägerin und blickte ihr prüfend ins Gesicht.

»Ja, ich kenne mich in ihm aus. Ich konnte ihn nicht ohne Mitleid ansehen. Wir kennen ihn beide. Er hat ein gutes Herz, aber er ist stolz und fühlt sich jetzt so erniedrigt. Am allermeisten aber hat mich gerührt« (und damit hatte Anna das Richtige getroffen, um Dolly zu rühren), »daß ihn vor allem zweierlei quält: erstens die Scham vor den Kindern und zweitens, daß er, obwohl er dich liebt … ja, ja, über alles in der Welt liebt«, fuhr sie hastig fort, um Dolly, die widersprechen wollte, nicht erst zu Worte kommen zu lassen, »daß er dir dennoch ein solches Leid angetan, dir das Herz gebrochen hat. ›Nein, sie kann und wird mir nicht verzeihen‹, wiederholte er immer wieder.«

Dolly hörte ihrer Schwägerin zu und blickte dabei nachdenklich an ihr vorbei ins Leere.

»Ja, ich begreife, daß seine Lage furchtbar ist; der Schuldige muß ja noch mehr leiden als der Unschuldige, wenn er einsieht, daß er an allem Unglück schuld ist«, sagte sie. »Doch wie könnte ich ihm verzeihen, wie aufs neue seine Frau sein nach seinem Verhältnis mit jener? Das Zusammenleben mit ihm würde für mich eine Qual sein, gerade deshalb, weil mir meine frühere Liebe zu ihm so teuer ist …« Sie konnte vor Schluchzen nicht weitersprechen.

Doch merkwürdig: jedesmal wenn ihre Stimmung weicher geworden war, begann sie wieder von dem zu sprechen, was sie am meisten erboste.

»Natürlich, sie ist ja hübsch, sie ist ja jung. Aber bist du dir auch im klaren darüber, Anna, durch wen ich meine Jugendfrische, meine Schönheit eingebüßt habe? Durch ihn und seine Kinder! Ich habe ausgedient, ich habe mich in diesem Dienst verzehrt, und jetzt ist ihm natürlich ein frisches, wenn auch ordinäres Geschöpf lieber. Sie werden natürlich über mich gesprochen haben, stell dir vor, oder was noch schlimmer ist, sie haben sich meinetwegen überhaupt keine Gedanken gemacht«, fuhr sie fort, und in ihren Augen flackerte wieder der Haß auf. »Und nach alldem wird er mir beteuern … Kann ich ihm denn noch glauben? Nie und nimmermehr! Nein, jetzt ist alles hin, alles, was eine Freude, ein Ausgleich für alle Mühen und Qualen war … Stell dir vor: ich habe Grischa eben bei seinen Aufgaben geholfen; früher machte mir das Freude, jetzt aber ist es eine Qual. Wofür arbeite ich, plage ich mich ab? Wozu überhaupt Kinder? Es ist entsetzlich, daß meine Gefühle plötzlich so umgeschlagen sind und daß mein Herz jetzt nicht mehr mit Liebe und Zärtlichkeit, sondern nur noch mit Haß, ja mit Haß gegen ihn angefüllt ist. Ich könnte ihn töten …«

»Dolly, Liebling, ich begreife dich, aber du darfst dich nicht so quälen. Du bist dermaßen verbittert und erregt, daß du manches zu schwarz siehst.«

Dolly verstummte, und eine Weile schwiegen beide.

»Überlege, was zu machen ist, Anna, hilf mir! Ich habe mir alles durch den Kopf gehen lassen, aber ich weiß mir keinen Rat.«

Einen Rat wußte auch Anna nicht, aber ihr Herz krampfte sich bei jedem Wort, jeder Gebärde ihrer Schwägerin zusammen.

»Ich weiß nur eins«, begann sie. »Er ist mein Bruder, ich kenne seinen Charakter, seine Fähigkeit, alles, alles in den Wind zu schlagen« (sie bewegte die Hand vor der Stirn hin und her), »diese Fähigkeit, sich in einem momentanen Rausch vollkommen zu vergessen, dafür aber nachträglich auch ebenso vollkommen zu bereuen. Er ist jetzt fassungslos und kann nicht verstehen, daß er so an dir handeln konnte.«

»Doch, er versteht es, hat es sehr wohl verstanden!« widersprach Dolly. »Mir aber … an mich denkst du dabei nicht … ist mir damit geholfen?«

»Hör zu. Als ich mit ihm sprach, hatte ich, offen gesagt, noch nicht die ganze Schwere deiner Lage erfaßt. Ich sah nur, daß der häusliche Friede gestört war, und er tat mir leid; doch jetzt, nachdem ich mit dir gesprochen habe, sehe ich die Dinge als Frau und sehe sie anders. Ich sehe, wie du leidest, und kann dir gar nicht sagen, wie sehr du mir leid tust. Glaube mir, liebe Dolly, ich habe volles Verständnis für deinen Gram, aber ich weiß das eine nicht: ich weiß nicht … ich weiß nicht, wieviel Liebe für ihn noch in deinem Herzen ist. Das mußt du wissen – ob sie ausreicht, um verzeihen zu können. Wenn ja, dann verzeihe!«

»Nein«, begann Dolly; doch Anna unterbrach sie und küßte ihr nochmals die Hand.

»Ich kenne die Welt besser als du«, sagte sie. »Ich weiß, wie Männer von der Art Stiwas über solche Dinge denken. Du sagtest, er habe mit ihr über dich gesprochen. Das hat er nicht getan. Männer dieser Art können untreu sein, aber ihren häuslichen Herd und ihre Frau, die betrachten sie als ein Heiligtum. Im Grunde genommen verachten sie diese Geschöpfe, und ihre Gefühle für die Familie werden durch sie nicht berührt. Sie ziehen gleichsam eine undurchdringliche Scheidewand zwischen ihrer Familie und jenen. Es ist mir unbegreiflich, aber es ist so.«

»Ja, aber er hat sie geküßt …«

»Dolly, du gute Seele, höre, was ich dir sage. Ich habe Stiwa noch aus der Zeit vor Augen, als er in dich verliebt war. Ich erinnere mich, wie er weinte, wenn er damals zu mir kam und von dir sprach, wie er in dir das Sinnbild der Poesie und den Gipfel aller Vollkommenheit sah. Und ich weiß auch, daß du im Laufe eurer Ehe in seiner Achtung und Liebe immer höher gestiegen bist. Wir haben uns oft über ihn amüsiert, wenn er jedem zweiten Wort hinzufügte: ›Dolly ist eine bewundernswerte Frau!‹ Er hat dich immer vergöttert und tut es auch jetzt noch, und sein Herz hat mit diesem Seitensprung …«

»Und wenn sich der Seitensprung wiederholt?«

»Das halte ich nicht für möglich.«

»Ja, würdest du denn an meiner Stelle verzeihen?«

»Ich weiß es nicht, ich kann es nicht beurteilen … Doch, ich weiß es!« sagte Anna nach kurzem Nachdenken; und nachdem sie in Gedanken alle Umstände gegeneinander abgewogen hatte, wiederholte sie: »Ja, ich weiß es, ich weiß es! Ja, ich würde verzeihen. Ich wäre eine andere geworden, aber ich würde verzeihen, und so verzeihen, daß damit alles ausgelöscht wäre, als ob es nie vorgekommen wäre.«

»Nun, das ist selbstverständlich«, fiel Dolly schnell ein, als ob Anna nur das ausgesprochen hätte, worüber sie selbst während all dieser Tage nachgedacht hatte. »Sonst wäre es kein Verzeihen. Wenn man schon verzeiht, dann muß man voll und ganz verzeihen. Doch nun komm, ich werde dich jetzt in dein Zimmer führen«, sagte sie und umarmte Anna, als sie auf die Tür zugingen. »Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt leichter ums Herz, viel, viel leichter.«

20

 

Diesen ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt im Oblonskischen Hause. Besucher empfing sie nicht, obwohl mehrere ihrer Bekannten bereits von ihrer Ankunft gehört hatten und gleich am ersten Tage vorsprachen. Den Vormittag verbrachte Anna mit Dolly und den Kindern. Außerdem sandte sie ihrem Bruder ein Briefchen mit der Ermahnung, das Mittagessen unbedingt zu Hause einzunehmen. »Komm, Gott ist barmherzig«, schrieb sie.

Oblonski erschien zum Essen; die Unterhaltung bei Tisch drehte sich um ganz allgemeine Dinge, und seine Frau redete ihn im Gespräch mit du an, was sie bis dahin nicht getan hatte. In den Beziehungen zwischen den Eheleuten blieb zwar eine Entfremdung bestehen, aber von einer Trennung war nicht mehr die Rede, und Stepan Arkadjitsch sah eine Möglichkeit für die Aussprache und Versöhnung.

Unmittelbar nach dem Mittagessen erschien Kitty. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber die Bekanntschaft war nur flüchtig, und als sie sich jetzt bei ihrer Schwester einfand, beunruhigte sie immerhin ein wenig der Gedanke, wie diese von allen so gepriesene Petersburger Weltdame sie aufnehmen würde. Doch sie gefiel Anna Arkadjewna, das sah sie sofort. Anna war offensichtlich von ihrer Schönheit und Jugendfrische entzückt, und ehe Kitty sich’s versah, war sie nicht nur unter Annas Einfluß geraten, sondern sie hatte sich auch in sie verliebt, wie sich zuweilen junge Mädchen in ältere und verheiratete Frauen zu verlieben vermögen. Anna wirkte nicht wie eine Salondame oder Mutter eines achtjährigen Sohnes; nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihrer Frische und der ihrem Gesicht innewohnenden Lebhaftigkeit, die sich einmal in einem Lächeln, dann in einem Blick äußerte, hätte man sie eher für ein zwanzigjähriges junges Mädchen halten können, wenn nicht der ernste, zuweilen wehmütige Ausdruck ihrer Augen gewesen wäre, der Kitty faszinierte und anzog. Kitty fühlte, daß sich Anna völlig natürlich gab und nichts verbarg, daß es aber in ihr eine andere, höhere Welt gab, von komplizierter und poetischer Art, die Kitty nicht zugänglich war.

Nach dem Mittagessen, als sich Dolly in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, stand Anna schnell auf und trat an ihren Bruder heran, der sich eine Zigarre anzündete.

»Stiwa«, sagte sie mit einem verschmitzten Augenblinzeln, bekreuzigte ihn und wies mit einer Kopfbewegung auf die Tür. »Geh, und Gott stehe dir bei!«

Er verstand sie, warf die Zigarre hin und verließ das Zimmer.

Als Stepan Arkadjitsch gegangen war, kehrte sie zum Sofa zurück, wo sie, umringt von den Kindern, gesessen hatte. Sei es nun, daß die Kinder die Sympathie ihrer Mutter für diese Tante merkten, oder sei es, daß sie selbst besonderes Gefallen an ihr fanden – die beiden ältesten und, ihrem Beispiel folgend, auch die jüngeren hatten sich, wie man das bei Kindern häufig beobachtet, schon vor dem Mittagessen an die Fersen der neuen Tante geheftet und wichen nicht von ihrer Seite. Zwischen ihnen war gleichsam eine Art Spiel entstanden, das darin bestand, möglichst nahe neben der Tante zu sitzen, sich an sie zu schmiegen, ihre kleine Hand zu halten, sie zu küssen, mit ihrem Ring zu spielen oder wenigstens die Rüsche ihres Kleides zu berühren.

»Nein, nein, genauso, wie wir vorhin gesessen haben«, sagte Anna Arkadjewna, als sie wieder ihren Platz einnahm.

Und Grischa steckte aufs neue den Kopf unter ihren Arm, schmiegte ihn an ihr Kleid und strahlte vor Stolz und Glück.

»Wann soll denn der Ball stattfinden?« wandte sich Anna Arkadjewna an Kitty.

»In der nächsten Woche, und zwar ein sehr schöner Ball. Einer von den Bällen, auf denen es immer sehr vergnügt zugeht.«

»Gibt es denn Bälle, auf denen es immer vergnügt zugeht?« fragte Anna mit einem leicht spöttischen Lächeln.

»Ja, so merkwürdig es ist, aber das gibt es. Bei den Bobristschews ist es immer lustig, bei den Nikitins ebenfalls, während man sich bei den Meshkows jedesmal langweilt. Finden Sie nicht auch, daß Bälle sehr verschieden sind?«

»Nein, mein Kind, Bälle, die Vergnügen bereiten, gibt es für mich nicht mehr«, sagte Anna, und Kitty erblickte in ihren Augen jene besondere Welt, die ihr nicht zugänglich war. »Für mich gibt es allenfalls solche, die mehr, und andere, die weniger bedrückend und langweilig sind.«

»Wie kann es für Sie auf einem Ball langweilig sein?«

»Warum sollte es gerade für mich auf einem Ball nicht langweilig sein können?« fragte Anna.

Kitty merkte, daß Anna ihre Antwort im voraus wußte.

»Weil Sie immer die Schönste von allen sein werden.«

Anna errötete – sie hatte diese Eigenschaft – und antwortete:

»Erstens trifft das nicht zu; und zweitens, selbst wenn es zuträfe, was hätte ich davon?«

»Werden Sie diesen Ball mitmachen?« erkundigte sich Kitty.

»Ich glaube, es wird sich nicht umgehen lassen … Hier, nimm diesen«, sagte sie zu Tanja, die an einem Ring zog, der locker an einem ihrer zarten, am Ende spitz zulaufenden Finger saß.

»Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie hinkämen. Ich möchte Sie so gern auf einem Ball sehen.«

»Nun, wenn es nicht anders gehen sollte, würde ich mich wenigstens mit dem Gedanken trösten, Ihnen damit eine Freude zu bereiten … Grischa, zupfe nicht an ihnen, sie sind ohnehin schon ganz zerzaust«, sagte sie und strich eine Haarsträhne zurück, mit der Grischa spielte.

»Auf einem Ball stelle ich mir Sie in Lila vor.«

»Warum denn ausgerechnet in Lila?« fragte Anna lächelnd. »So, Kinder, nun geht jetzt. Hört ihr? Miss Hüll ruft zum Teetrinken«, sagte sie, indem sie sich von den Kindern befreite und sie ins Speisezimmer schickte. »Ich weiß übrigens, warum Ihnen an meiner Anwesenheit auf dem Ball liegt. Sie versprechen sich viel von diesem Ball und möchten, daß alle dabeisein, alle an Ihrer Freude teilnehmen sollen.«

»Nun … ja! Aber woher wissen Sie es?«

»Oh, wie glücklich ist man in Ihrem Alter!« fuhr Anna fort. »Ich kenne das und erinnere mich noch an den hellblauen Nebel, der, ähnlich jenem der Schweizer Berge, in dieser glückseligen Zeit alles um uns herum umgibt. Man ist gerade eben dem Kindesalter entwachsen und betritt frohgemut und doch stockenden Herzens den Weg, der aus dem weiten, von Glück und Frohsinn erfüllten Kreis der Kindheit hinausführt, immer enger und enger wird und sich in einer scheinbar so lichten und schönen Ferne verliert … Wer hätte das nicht erlebt?«

Kitty lächelte, ohne etwas zu sagen. Wie mag sich das wohl in ihrem Falle abgespielt haben? Ich möchte so gern die ganze Geschichte ihrer Liebe kennenlernen, dachte sie, als sie sich das nüchterne Äußere Alexej Alexandrowitschs, ihres Mannes, vorstellte.

»Ja, ein wenig bin ich im Bilde«, fuhr Anna fort. »Stiwa hat mir davon erzählt, und ich kann Sie nur beglückwünschen. Wronski gefällt mir sehr; ich bin mit ihm auf dem Bahnhof zusammengetroffen.«

»Ach, er war auf dem Bahnhof?« fragte Kitty und errötete. »Was hat Ihnen Stiwa denn gesagt?«

»Stiwa hat mir alles verraten. Und ich würde mich von Herzen freuen. Wronskis Mutter und ich fuhren auf der Reise hierher im selben Abteil, und sie hat mir unermüdlich von ihm vorgeschwärmt; er ist ihr Liebling. Ich weiß, wie voreingenommen Mütter für ihre Kinder sind, aber …«

»Was hat seine Mutter denn erzählt?«

»Ach, vielerlei. Und wenn ich auch weiß, daß er ihr Liebling ist, geht doch aus allem hervor, daß er etwas von einem Ritter an sich hat. Nun, so hat sie mir zum Beispiel erzählt, daß er auf das ganze Vermögen zugunsten seines Bruders verzichten wollte, daß er schon als Junge eine Heldentat vollbracht habe – ich glaube, er hat eine Frau vorm Ertrinken gerettet. Mit einem Wort: ein Held!« sagte Anna lächelnd und dachte dabei auch an die zweihundert Rubel, die er auf dem Bahnhof gespendet hatte.

Aber von diesen zweihundert Rubel erwähnte sie nichts. Irgendwie war ihr die Erinnerung daran unangenehm. Sie hatte das Gefühl, daß damit etwas verbunden war, was sie persönlich anging und nicht hätte sein dürfen.

»Sie hat mich dringend eingeladen, sie zu besuchen«, fuhr Anna fort. »Ich freue mich auch, die alte Dame wiederzusehen, und werde sie morgen aufsuchen … Nun, Stiwa verweilt ja Gott sei Dank recht lange bei Dolly«, fügte sie, das Thema wechselnd, hinzu und stand auf; irgend etwas schien sie, so kam es Kitty vor, verstimmt zu haben.

»Ich zuerst! Nein, ich zuerst!« schrien die Kinder, die mit ihrem Tee fertig waren und auf die Tante Anna zugestürmt kamen.

»Alle miteinander!« rief Anna und lief ihnen lachend entgegen, schloß sie in die Arme und schüttelte dann dieses ganze Knäuel kribbelnder und vor Vergnügen kreischender Kinder wieder von sich ab.

21

 

Zum Teetrinken der Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer. Stepan Arkadjitsch begleitete sie nicht. Er hatte das Zimmer seiner Frau offenbar durch eine andere Tür verlassen.

»Ich fürchte, du wirst oben frieren«, wandte sich Dolly an Anna. »Ich möchte dich nach unten umquartieren, dann sind wir auch näher beieinander.«

»Ach bitte, mach dir meinetwegen keine Sorge«, antwortete Anna, betrachtete aufmerksam Dollys Gesicht und bemühte sich, zu erkennen, ob die Aussöhnung erfolgt war oder nicht.

»Hier unten wird es dir aber vielleicht zu hell sein«, bemerkte Dolly.

»Sei ganz unbesorgt, ich schlafe immer und überall wie ein Murmeltier.«

»Worum geht es?« wandte sich der aus seinem Arbeitszimmer kommende Stepan Arkadjitsch an Dolly.

Anna und auch Kitty erkannten an seinem Ton sofort, daß eine Versöhnung stattgefunden hatte.

»Ich möchte Anna nach unten umquartieren, aber dazu müßten die Fenstervorhänge ausgewechselt werden. Das bringt niemand fertig, das muß ich selbst machen«, antwortete Dolly, zu ihrem Mann gewandt.

Mein Gott, ob sie sich wirklich vollkommen versöhnt haben? dachte Anna, als sie den kühlen, ruhigen Ton hörte, in dem Dolly dies sagte.

»Ach, Dolly, mach doch nicht in allem solche Umstände«, antwortete Stepan Arkadjitsch. »Aber gut, wenn du willst, mache ich es.«

Doch, sie scheinen sich versöhnt zu haben, dachte Anna.

»Das kennen wir, wie du das machst! Du wirst Matwej Anweisungen geben, aus denen kein Mensch klug wird, und wirst dich selbst aus dem Staube machen; und Matwej wird dann alles durcheinanderbringen.« Während sie das sagte, umspielte das gewohnte spöttische Lächeln ihre Mundwinkel.

Gott sei Dank, eine vollkommene, wirklich vollkommene Versöhnung! dachte Anna, und in dem freudigen Gefühl, die Friedensstifterin gewesen zu sein, trat sie an Dolly heran und küßte sie.

»Das stimmt nicht; warum schätzt du mich und den guten Matwej so gering ein?« sagte Stepan Arkadjitsch, sich mit einem kaum merklichen Lächeln an seine Frau wendend.

Den ganzen Abend über behandelte Dolly ihren Mann wie gewöhnlich mit einem leisen Anflug von Spott, Stepan Arkadjitsch war zufrieden und guter Dinge, aber so, daß nicht der Eindruck entstehen konnte, er fühle sich nun, nachdem ihm verziehen war, von jeder Schuld frei.

Um halb zehn wurde das familiäre, diesmal besonders harmonische und angenehme Beisammensein am Teetisch der Oblonskis durch einen Zwischenfall gestört, der an sich ganz belanglos zu sein schien, der aber von allen Anwesenden als sonderbar empfunden wurde. Man unterhielt sich über Petersburger Freunde, und als die Rede auf eine gemeinsame Bekannte kam, stand Anna rasch auf.

»Ich habe ein Bild von ihr in meinem Album mit«, sagte sie. »Und zugleich kann ich euch dann auch meinen Serjosha zeigen«, fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter hinzu.

Um die zehnte Stunde, die Zeit, da sie ihrem Söhnchen gewöhnlich gute Nacht sagte und ihn oft selbst zu Bett brachte, bevor sie zu einem Ball aufbrach, hatte sich ihrer eine wehmütige Stimmung bemächtigt; sie empfand es schmerzlich, von ihm so weit entfernt zu sein, und wovon auch gesprochen werden mochte, sie kehrte in Gedanken immer wieder zu ihrem Lockenkopf Serjosha zurück. Sie sehnte sich danach, sein Bild vor Augen zu haben und von ihm zu erzählen. So ergriff sie die erstbeste Gelegenheit, erhob sich und ging mit ihrem leichten, energischen Schritt hinaus, das Album zu holen. Die Treppe, die zu ihrem Zimmer hinaufführte, mündete im geheizten Treppenhaus auf ein Podest der breiten Haupttreppe.

Im selben Augenblick, als Anna das Wohnzimmer verließ, ertönte in der Vorhalle die Klingel.

»Wer kann das sein?« fragte Dolly.

»Es ist noch zu früh, als daß ich abgeholt werden könnte, und für jeden anderen ist es zu spät«, bemerkte Kitty.

»Wahrscheinlich ein Bote mit Akten«, meinte Stepan Arkadjitsch.

Als Anna an der Treppenbrüstung entlangging, kam ein Diener die Treppe heraufgelaufen, um den Besucher zu melden, der unten an der Lampe stehengeblieben war. Anna blickte hinunter und erkannte sofort Wronski; in ihrem Herzen regte sich ein seltsames, aus Freude und Schreck gemischtes Gefühl. Er stand unten, ohne den Mantel abgelegt zu haben, und zog gerade etwas aus der Tasche. In dem Moment, als sie die Mitte der Treppe erreicht hatte, hob er den Kopf und erblickte sie, und sein Gesicht nahm einen verlegenen und gleichsam erschrockenen Ausdruck an. Sie ging nach einem leichten Neigen des Kopfes weiter und hörte dann, wie Stepan Arkadjitsch Wronski mit lauter Stimme zum Nähertreten aufforderte und wie dieser es mit seiner weichen Stimme in gedämpftem, ruhigem Ton ablehnte.

Als Anna mit dem Album zurückkehrte, hatte sich Wronski bereits entfernt, und Stepan Arkadjitsch erzählte, er sei gekommen, um sich wegen eines Essens zu erkundigen, das am folgenden Tage zu Ehren einer zugereisten berühmten Persönlichkeit gegeben werden sollte.

»Er wollte absolut nicht hereinkommen. Ein sonderbarer Mensch!« fügte Stepan Arkadjitsch hinzu.

Kitty wurde rot. Sie meinte als einzige zu wissen, was Wronski hergetrieben hatte und weshalb er nicht hereingekommen war. Er ist bei uns gewesen, hat mich nicht angetroffen und dann vermutet, ich sei hier, dachte sie. Und hereingekommen ist er nicht, weil er fürchtete, es sei zu spät, und weil Anna hier ist.

Alle waren erstaunt, sagten jedoch nichts und begannen sich die Bilder in Annas Album anzusehen.

Es lag nichts Außergewöhnliches und Sonderbares darin, daß jemand zu einem Freund gekommen war, um Einzelheiten über ein geplantes Festessen zu erfahren, und daß er ein Nähertreten abgelehnt hatte, aber alle empfanden es als sonderbar. Und am meisten von allen empfand es Anna als sonderbar und ungut.

22

 

Der Ball hatte eben erst begonnen, als Kitty in Begleitung ihrer Mutter die breite, von Licht überflutete und mit blühenden Topfpflanzen dekorierte Treppe heraufkam, zu deren Seiten Lakaien in roten Livreen und gepuderten Perücken Aufstellung genommen hatten. Aus den Sälen drang wie aus einem summenden Bienenstock das eintönige Geräusch sich bewegender Menschen, und während die Damen in der Vorhalle vor einem der zwischen Palmen hängenden Spiegel noch ihre Frisuren und Kleider ordneten, erklangen im Tanzsaal die zaghaft einsetzenden Töne der Geigen, die den ersten Walzer anstimmten. Ein alter Herr in Zivil, der vor einem anderen Spiegel sein ergrautes Schläfenhaar gebürstet hatte und einen Wohlgeruch von Parfüm ausströmte, stieß mit ihnen auf der Treppe zusammen, machte ihnen Platz und war sichtlich von der ihm unbekannten Kitty entzückt. Ein bartloser junger Mann in auffallend tief ausgeschnittener Weste, einer jener Herrensöhnchen, die der alte Fürst Stscherbazki als »junge Dachse« bezeichnete, rückte im Gehen seine weiße Krawatte zurecht, verbeugte sich vor ihnen und kehrte, nachdem er schon vorbeigestürmt war, nochmals zurück, um Kitty zu einer Quadrille aufzufordern. Die erste Quadrille hatte sie bereits Wronski zugesagt, und für diesen Jüngling merkte sie nun die zweite vor. Ein Offizier, der an der Tür im Begriff war, seinen Handschuh zuzuknöpfen, trat zur Seite, strich sich über seinen Schnurrbart und blickte mit Wohlgefallen auf die rosige Kitty.

Obwohl ihre Toilette, die Frisur und alle anderen Vorbereitungen für den Ball mit viel Mühe und mannigfachen Erwägungen verbunden gewesen waren, betrat Kitty den Tanzsaal in ihrem kunstvoll gearbeiteten Tüllkleid mit einem rosafarbenen Unterkleid so natürlich und ungezwungen, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alles dieses Drum und Dran ihrer Toilette sie und ihre Angehörigen nicht das geringste Kopfzerbrechen gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll, in den Spitzen und der hohen, mit einer Rose und zwei kleinen Blättern geschmückten Frisur schon zur Welt gekommen wäre. Als die alte Fürstin vor dem Betreten des Saals die an einer Stelle umgebogene Gürtelschärpe ihrer Tochter glätten wollte, wehrte Kitty leise ab. Sie hatte das Gefühl, daß alles an ihrer Erscheinung jetzt ganz von selbst schön und elegant sein müsse und daß nichts mehr einer Verbesserung bedürfe.

Kitty hatte einen ihrer glücklichen Tage. Das Kleid beengte sie nirgends, die Spitzenrüschen hingen an keiner Stelle herab, die Rosetten waren nicht zerdrückt und abgerissen; die rosa Tanzschuhe mit den hohen geschwungenen Absätzen drückten nicht, sondern paßten sich ihren zierlichen Füßen bequem an. Die dichten bandeaux aus blondem Haar saßen auf ihrem kleinen Kopf wie eigenes Haar. Von den langen Handschuhen, die ihre Arme umspannten, ohne deren Form zu verändern, hatte sich beim Zuknöpfen keiner der drei Knöpfe gelöst. Das schwarze Samtband mit einem Medaillon schmiegte sich ihrem Hals ungemein zart an. Dieses Samtband wirkte bezaubernd, und schon zu Hause, als sich Kitty im Spiegel betrachtet hatte, hatte sie gefühlt, daß dieses schwarze Band für sich sprach. Und mochte an allem anderen vielleicht noch ein Zweifel möglich sein – dieses Samtband war eine Augenweide. Auch hier auf dem Ball lächelte Kitty, als sie einen Blick in den Spiegel warf. In den entblößten Schultern und Armen empfand Kitty eine marmorne Kälte, ein Gefühl, das sie besonders gern hatte. Ihre Augen leuchteten, und im Bewußtsein ihrer Anmut konnte sie es nicht verhindern, daß sich ihre roten Lippen ganz von selbst zu einem Lächeln formten. Kaum hatte sie den Saal betreten und sich der Gruppe von Damen genähert, die in einer buntschillernden Woge von Tüll, Schleifen und Spitzen darauf warteten, zum Tanz engagiert zu werden (Kitty brauchte sich ihnen nie anzuschließen), als sie auch schon zum Walzer aufgefordert wurde, und zwar vom besten Tänzer und ersten Kavalier der Ballhierarchie, dem als Tanz- und Zeremonienmeister berühmten Jegoruschka Korsunski, einem verheirateten, sehr gut aussehenden Mann von stattlichem Wuchs. Als er, nachdem er die erste Tour mit der Gräfin Banina getanzt und sich von dieser eben getrennt hatte, sein Reich überschaute, in dem erst wenige Paare zum Tanz angetreten waren, erblickte er die gerade eintretende Kitty, eilte mit jenen leger tänzelnden Schritten, die nur Tanzmeistern eigen sind, auf sie zu, verbeugte sich und streckte, ohne erst ihre Zusage abzuwarten, den Arm aus, um ihre schlanke Taille zu umfassen. Sie blickte sich nach jemand um, dem sie ihren Fächer übergeben könnte, und die Frau des Hauses nahm ihn ihr mit einem freundlichen Lächeln ab.

»Wie schön, daß Sie pünktlich kommen«, sagte Korsunski, als er den Arm um ihre Taille legte. »Dieses Zuspätkommen ist wirklich eine Unsitte.«

Sie beugte den linken Arm, legte die Hand auf seine Schulter, und ihre kleinen Füße in den rosa Schuhen glitten mit schnellen, leichten und rhythmischen Schritten im Takt der Musik über das glatte Parkett.

»Es ist eine Erholung, mit Ihnen Walzer zu tanzen«, sagte er, nachdem sie die ersten gemessenen Walzerschritte gemacht hatten. »Bewundernswert, welch eine Leichtigkeit und précision«, fügte er hinzu, ein Kompliment, das er fast allen guten Bekannten zu machen pflegte.

Sie quittierte sein Lob mit einem Lächeln und setzte, über seine Schulter hinweg, ihre Beobachtungen im Saal fort. Es war nicht der erste Ball, den sie besuchte, so daß ihr nicht, wie bei einem Neuling, alle Gesichter zu einem einzigen zauberhaften Eindruck verschmolzen; aber sie gehörte auch nicht zu den jungen Mädchen, die von einem Ball zum andern geschleppt werden und denen auf Bällen alle Gesichter bis zum Überdruß bekannt sind; sie nahm eine Mittelstellung zwischen diesen beiden Gruppen ein, und obwohl sie erregt war, war sie doch genügend Herr ihrer selbst, um Beobachtungen anstellen zu können. In der linken Saalecke hatte sich, wie sie sah, die Creme der Gesellschaft zusammengefunden. Dort erkannte sie Liddy, die schöne, bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Frau Korsunskis; dort stand die Frau des Hauses, von dort leuchtete die Glatze Kriwins herüber, der immer dort zu finden war, wo sich die Creme der Gesellschaft befand; dorthin blickten die Jünglinge, die sich nicht trauten, näher heranzutreten; und dort entdeckten ihre Blicke auch Stiwa und gleich darauf die bezaubernde Erscheinung Annas in einem schwarzen Samtkleid. Er befand sich ebenfalls dort. Kitty hatte ihn seit jenem Abend, an dem sie Lewin einen Korb gegeben hatte, nicht wiedergesehen. Dank ihren guten Augen erkannte sie ihn sofort und bemerkte sogar, daß er zu ihr herübersah.

»Nun, noch eine Tour? Sind Sie nicht müde geworden?« fragte Korsunski, ein wenig außer Atem gekommen.

»Nein, ich danke.«

»Wohin darf ich Sie führen?«

»Dort drüben glaube ich Frau Karenina bemerkt zu haben … Führen Sie mich zu ihr.«

»Ganz wie Sie wünschen.«

Nach allen Seiten »Pardon, mesdames, pardon, pardon, mesdames!« rufend, walzte Korsunski nun mit langsameren Schritten gerade auf die Gruppe in der linken Saalecke zu, und nachdem er sich, ohne auch nur eine Faser zu streifen, mit seiner Dame glücklich durch dieses Meer von Spitzen, Tüll und Bändern laviert hatte, führte er mit ihr eine so scharfe Wendung aus, daß ihre schlanken Beine in den durchbrochenen Strümpfen sichtbar wurden und ihre Schleppe sich fächerartig ausbreitete und über Kriwins Knie legte. Korsunski verbeugte sich, wölbte die Brust in der tief ausgeschnittenen Weste und reichte Kitty die Hand, um sie zu Anna Arkadjewna zu geleiten. Kitty zog ihre Schleppe errötend von Kriwins Knien und sah sich, ein wenig schwindlig geworden, nach Anna um. Anna war nicht in Lila erschienen, wie Kitty es sich gewünscht hatte, sondern in einem schwarzen, tief ausgeschnittenen Samtkleid, das ihre vollen, wie aus altem Elfenbein geschnitzten Schultern, die Büste und die rundlichen Arme mit ihren winzig-zierlichen Handgelenken frei ließ. Das ganze Kleid war mit venezianischen Gipüren besetzt. In ihrem schwarzen Haar, das ohne Zuhilfenahme fremden Haares frisiert war, hatte sie ein paar Stiefmütterchen, und Stiefmütterchen waren auch zwischen weißen Spitzen an der schwarzen Schärpe des Gürtels befestigt. Ihre Frisur war nicht auffallend. Auffallend waren nur die kurzen, eigenwilligen Löckchen, die sich stets in ihrem Nacken und an den Schläfen hervorstahlen und sie so gut kleideten. Um ihren festen, ebenmäßigen Hals schmiegte sich eine Perlenkette.

Kitty war mit Anna täglich zusammengekommen, sie schwärmte für sie und hatte sie sich auf einem Ball nicht anders als in Lila vorstellen können. Doch nun, als sie Anna in Schwarz sah, wurde ihr bewußt, daß sie den ganzen Liebreiz ihrer Erscheinung vorher nicht erfaßt hatte. Sie hatte jetzt einen ganz neuen Eindruck von ihr, der sie überraschte. Jetzt begriff sie, daß es nicht Lila sein mußte und daß Annas Liebreiz gerade darin bestand, daß sie ihre Kleidung immer überragte, daß es auf die Kleidung bei ihr nicht so sehr ankam. Auch das schwarze Kleid mit seinem reichen Spitzenbesatz fiel an ihr gar nicht auf, es war lediglich der Rahmen; auf fiel allein sie selbst, ihre schlichte, natürliche und zugleich elegante, heitere und vitale Persönlichkeit.

Sie stand wie immer sehr gerade, hatte den Kopf dem Hausherrn zugewandt und unterhielt sich mit ihm über irgend etwas, als Kitty an die Gruppe herantrat.

»Nein, ich will auf niemanden einen Stein werfen«, antwortete sie auf eine Bemerkung von ihm, »aber unbegreiflich ist mir das Ganze«, fügte sie achselzuckend hinzu und wandte sich dann gleich mit einem freundlichen, wohlwollenden Lächeln zu Kitty um. Nachdem sie mit dem geübten Blick einer Frau blitzschnell deren Toilette gemustert hatte, machte sie eine kaum merkliche, aber von Kitty sofort verstandene Kopfbewegung, durch die sie ihre Zufriedenheit mit Kittys Toilette und ihrer Schönheit zu erkennen gab. »Sie tanzen ja schon beim Betreten des Saals«, fügte sie hinzu.

»Die Prinzessin ist eine meiner sichersten Stützen«, sagte Korsunski und verbeugte sich vor Anna Arkadjewna, die er noch nicht begrüßt hatte. »Sie trägt sehr dazu bei, daß ein Ball fröhlich und schön wird … Einen Walzer, Anna Arkadjewna?« forderte er sie mit einer Verbeugung auf.

»Sie sind miteinander bekannt?« fragte der Hausherr.

»Mit wem wären wir nicht bekannt? Meine Frau und ich sind wie bunte Pudel bekannt, uns kennt jeder«, antwortete Korsunski. »Einen Walzer, Anna Arkadjewna.«

»Ich tanze nicht, wenn es nicht unbedingt sein muß«, antwortete sie.

»Aber heute muß es sein«, sagte Korsunski.

In diesem Augenblick trat Wronski hinzu.

»Nun, wenn es nicht anders geht, dann kommen Sie«, sagte sie und legte die Hand, ohne Wronskis Verbeugung zu beachten, schnell auf Korsunskis Schulter.

Wodurch kann er sie wohl verärgert haben? fragte sich Kitty, der es nicht entgangen war, daß Anna Wronskis Gruß absichtlich übersehen hatte. Wronski trat an Kitty heran, erinnerte sie an die erste Quadrille und äußerte sein Bedauern darüber, sie so lange nicht gesehen zu haben. Kitty blickte bewundernd der tanzenden Anna nach und wartete zugleich darauf, was Wronski weiter sagen würde. Sie glaubte, daß er sie zum Walzer auffordern werde; aber er forderte sie nicht auf, und sie sah ihn befremdet an. Er wurde rot und beeilte sich nun, sie aufzufordern; doch kaum hatte er den Arm um ihre schlanke Taille gelegt und den ersten Schritt getan, da brach plötzlich die Musik ab. Kitty blickte ihm ins Gesicht, das dem ihren so nahe war, und noch lange nachher, wenn sie sich viele Jahre später dieses von Liebe erfüllten Blicks erinnerte, mit dem sie ihn damals angesehen und den er nicht erwidert hatte, krampfte sich ihr Herz vor Scham qualvoll zusammen.

»Pardon, pardon! Noch einen Walzer, noch einen Walzer!« schallte von der anderen Seite des Saals die Stimme Korsunskis herüber, der das erstbeste Mädchen ergriff, das ihm in den Weg lief, und mit ihm tanzte.

23

 

Wronski tanzte mit Kitty mehrere Touren Walzer. Nach dem Tanz begab sich Kitty zu ihrer Mutter; kaum hatte sie einige Worte mit der Gräfin Nordston gewechselt, als Wronski sie auch schon zur ersten Quadrille holte. Was sie während der Quadrille sprachen, war nicht von Belang, es war ein zwangloses Gespräch, das sich etwa um die Eheleute Korsunski drehte, die Wronski sehr witzig als zwei vierzigjährige Kinder charakterisierte, dann wieder um das geplante öffentliche Theater, und nur einmal wurde Kitty von der Unterhaltung tiefer berührt: als sich Wronski nach Lewin erkundigte, ob er auch hier sei, und hinzufügte, er habe ihm sehr gut gefallen. Doch mehr hatte sich Kitty von der Quadrille auch nicht versprochen. Sie wartete stockenden Herzens auf die Masurka. Es schien ihr, bei der Masurka müsse sich alles entscheiden. Daß Wronski sie nicht schon während der Quadrille für die Masurka engagierte, beunruhigte sie nicht. Sie war überzeugt, daß er wie bei allen früheren Bällen auch diesmal die Masurka mit ihr tanzen würde, und hatte fünf andere Tänzer mit der Begründung abgewiesen, daß sie die Masurka bereits vergeben habe. Bis zur letzten Quadrille war Kitty der ganze Ball wie ein märchenhaftes, aus schillernden Farben, Klängen und Belegungen bestehendes Traumbild erschienen. Sie tanzte fast pausenlos und gönnte sich nur eine kurze Erholung, wenn sie allzu ermüdet war. Doch als sie die letzte Quadrille mit einem langweiligen jungen Mann tanzte, den sie nicht gut hatte abweisen können, fügte es der Zufall, daß sie Wronski und Anna zum Gegenüber hatte. Nach der ersten Begegnung mit ihr zu Beginn des Balles hatte sie Anna aus den Augen verloren und war nun überrascht, sie plötzlich in einer völlig andern Verfassung anzutreffen. Sie nahm an ihr die ihr selbst so gut bekannten Anzeichen einer durch Erfolg hervorgerufenen Erregung wahr. Sie sah, daß Anna trunken war von dem Entzücken, das sie erregte. Sie kannte dieses Gefühl, kannte seine Anzeichen und sah sie jetzt bei Anna – sah den vibrierenden, aufflammenden Glanz in ihren Augen, das beglückte, erregte Lächeln, das ihre Lippen ungewollt umspielte, und die makellose Grazie, Sicherheit und Leichtigkeit ihrer Bewegungen.

Wer ist es? fragte sie sich. Alle oder einer? Und während sie teilnahmslos zusah, wie der junge Mann, mit dem sie tanzte, sich verzweifelt bemühte, den Faden des Gesprächs wiederzufinden, den er verloren hatte, während sie sich mechanisch den übermütig lauten Kommandos Korsunskis unterwarf, der die Tanzenden mal einen grand rond, mal eine chaîne bilden ließ – währenddessen beobachtete sie weiter, und ihr Herz krampfte sich mehr und mehr zusammen. Nein, nicht der Beifall der Menge hat sie berauscht, sondern die Bewunderung eines einzigen. Aber wer ist dieser eine? Sollte es wirklich er sein? Jedesmal, wenn Wronski das Wort an Anna richtete, leuchteten ihre Augen fröhlich glänzend auf, und ein glückseliges Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie war offenbar bemüht, diese Äußerungen der Freude zurückzuhalten, aber sie traten ganz von selbst auf ihrem Gesicht hervor. Und er? Kitty blickte zu ihm hin und schrak zusammen. Das gleiche, was sich so deutlich in Annas Gesicht spiegelte, nahm sie auch bei ihm wahr. Was war aus seiner sonst stets so gemessenen, selbstsicheren Haltung, dem unbekümmert ruhigen Ausdruck seines Gesichts geworden? Wenn er sich Anna zuwandte, senkte er jedesmal leicht den Kopf, als wolle er ihr zu Füßen fallen, und aus seinem Blick sprachen bedingungslose Unterwürfigkeit und Furcht. Ich will dich nicht verletzen, schien jeder seiner Blicke zu sagen, sondern ich will mich retten und weiß nicht, wie. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, wie sie ihn noch nie bei ihm gesehen hatte.

Anna und Wronski unterhielten sich über gemeinsame Bekannte, führten ein ganz oberflächliches Gespräch, aber Kitty schien es, daß jedes von ihnen gesprochene Wort für beider und für ihr eigenes Schicksal entscheidend sei. Und merkwürdig: obgleich sie sich wirklich nur darüber unterhielten, wie komisch Iwan Iwanowitsch mit seinem Französisch wirke, und darüber, daß Mademoiselle Jelezkaja eigentlich eine bessere Partie hätte machen können, hatten diese Worte für sie eine Bedeutung, und sie fühlten das ebenso wie Kitty. Der ganze Ball, die ganze Welt, alles hüllte sich im Herzen Kittys in einen grauen Nebel. Nur die strenge Schule, die sie durch ihre Erziehung genossen hatte, hielt sie aufrecht und veranlaßte sie, das zu tun, was von ihr verlangt wurde, das heißt zu tanzen, auf Fragen zu antworten, sich zu unterhalten, ja sogar zu lächeln. Doch als zur Masurka gerüstet wurde, als man bereits mit dem Aufstellen der Stühle begann und mehrere Paare sich aus den kleineren Räumen in den großen Saal begaben, da kam für Kitty ein Augenblick völliger Verzweiflung. Sie hatte fünf Aufforderungen ausgeschlagen und war jetzt ohne Partner. Es bestand für sie auch nicht einmal die Hoffnung, jetzt noch aufgefordert zu werden, weil sie sich zu großer Erfolge erfreute und niemand auf den Gedanken kommen konnte, daß sie noch nicht engagiert sei. Sie hätte am liebsten ihrer Mutter gesagt, daß sie sich krank fühle und nach Hause möchte, doch dazu brachte sie die Kraft nicht auf. Sie war völlig gebrochen.

Sie zog sich in die Ecke eines kleinen Salons zurück und ließ sich in einen Sessel fallen. Der hauchdünne Überwurf ihres Kleides bauschte sich wie eine Wolke um ihre schlanke Gestalt; der eine ihrer entblößten zarten Mädchenarme hing kraftlos herab und versank in den Falten der rosa Tunika; in der anderen Hand hielt sie den Fächer und befächelte mit hastigen, kurzen Bewegungen ihr erhitztes Gesicht. Doch obwohl sie in diesem Augenblick einem Schmetterling glich, der sich eben auf einem Halm niedergelassen hat und jeden Moment bereit ist, seine farbenprächtigen Flügel zu entfalten und weiterzuflattern, preßte eine furchtbare Verzweiflung ihr Herz zusammen.

Aber vielleicht irre ich mich, vielleicht war es gar nicht so?

Und vor ihrem geistigen Auge erstand aufs neue alles, was sie gesehen hatte.

»Kitty, was bedeutet denn das?« fragte die Gräfin Nordston, die auf dem Teppich unhörbar ins Zimmer getreten war. »Ich begreife das nicht.«

Kittys Unterlippe zuckte; sie stand schnell auf.

»Kitty, tanzt du denn die Masurka nicht mit?«

»Nein, nein, nein«, antwortete Kitty mit tränenerstickter Stimme.

»Ich war dabei, als er sie zur Masurka aufforderte«, sagte die Gräfin, die ohne weiteres annahm, daß Kitty wissen werde, wer mit er und mit sie gemeint war. »Sie fragte ihn: ›Haben Sie denn nicht die Prinzessin Stscherbazkaja engagiert?‹«

»Ach, mir ist alles gleichgültig!« gab Kitty zur Antwort.

Niemand außer ihr selbst wußte, wie es um sie bestellt war, niemand ahnte, daß sie wenige Tage zuvor einen Menschen zurückgewiesen hatte, den sie vielleicht liebte, daß sie ihn zurückgewiesen hatte, weil sie einem andern vertraute.

Die Gräfin Nordston machte Korsunski ausfindig, der sie für die Masurka engagiert hatte, und veranlaßte ihn, Kitty aufzufordern.

Kitty tanzte mit Korsunski als erstes Paar und brauchte sich zu ihrem Glück nicht zu unterhalten, weil Korsunski als Tanzmeister dauernd Anordnungen zu geben hatte. Wronski und Anna saßen ihr fast unmittelbar gegenüber. Mit ihren scharf blickenden Augen sah Kitty die beiden von ihrem Platz aus, sie sah sie auch ganz in der Nähe, wenn die Paare einander beim Tanz begegneten, und je länger sie sie sah, um so mehr überzeugte sie sich, daß ihr Unglück besiegelt war. Sie sah, daß diese beiden Menschen in dem überfüllten Saal nur füreinander da waren. Und in den immer so ausgeglichenen und selbstbewußten Gesichtszügen Wronskis sah sie wieder jenen Ausdruck von Fassungslosigkeit und Unterwürfigkeit, der sie schon vorhin frappiert hatte und der sie an den Blick eines klugen Hundes erinnerte, der etwas verbrochen hat.

Anna lächelte – und das Lächeln teilte sich ihm mit. Sie sann über irgend etwas nach – und er wurde ernst. Eine übernatürliche Kraft schien Kitty zu zwingen, ihre Augen unablässig auf Anna zu richten. Diese sah in ihrem schlichten schwarzen Kleid bezaubernd aus; bezaubernd waren ihre vollen, mit Armbändern geschmückten Arme, bezaubernd der feste Hals mit der Perlenkette, bezaubernd die sich kräuselnden Haare der gelockerten Frisur, bezaubernd die leichten, graziösen Bewegungen ihrer Hände und Füße, bezaubernd ihr schönes Gesicht mit seinem angeregten Mienenspiel – aber es lag etwas Furchtbares und Grausames in diesem bezaubernden Aussehen.

Kitty war von Annas Schönheit noch mehr fasziniert als zuvor, und ihre Qual wurde immer größer. Sie fühlte sich wie vernichtet, und in ihrem Gesicht spiegelte sich das wider. Als Wronski mit ihr während der Masurka zusammentraf, erkannte er sie nicht gleich, so hatte sie sich verändert.

»Ein wunderschöner Ball«, sagte er zu ihr, um überhaupt etwas zu sagen.

»Ja«, antwortete sie.

Als Anna mitten in der Masurka eine komplizierte, von Korsunski erdachte Figur auszuführen hatte, trat sie in die Mitte des Kreises, wählte zwei Herren aus und winkte außer einer anderen Dame Kitty zu sich heran. Kitty folgte ihrem Wink mit erschrockenem Gesicht. Anna kniff leicht die Augen zusammen, als sie an sie herantrat, und drückte ihr lächelnd die Hand. Doch als sie sah, daß Kitty ihr Lächeln nur mit einem Ausdruck von Verzweiflung und Befremden erwiderte, wandte sie sich von ihr ab und begann angeregt mit der andern Dame zu sprechen.

Ja, sie hat etwas Geheimnisvolles, Dämonisches und Faszinierendes an sich! dachte Kitty.

Anna wollte nicht zum Abendessen bleiben, aber der Hausherr versuchte sie zu überreden.

»Lassen Sie sich erweichen, Anna Arkadjewna«, mischte sich Korsunski ein und zog ihren entblößten Arm unter den seinen. »Sie werden sehen, welch einen famosen Kotillon ich ersonnen habe. Un bijou!«

Und er machte Miene, sie mit sich zu ziehen. Der Hausherr lächelte ermunternd.

»Nein, ich bleibe nicht«, antwortete Anna; sie lächelte dabei, aber sowohl Korsunski als auch der Hausherr merkten an dem entschiedenen Ton, in dem sie es sagte, daß sie wirklich nicht bleiben werde.

»Nein, ich habe ohnehin in Moskau schon allein auf Ihrem heutigen Ball mehr getanzt als in Petersburg während des ganzen Winters«, fügte Anna hinzu und sah sich dabei nach Wronski um, der neben ihr stand. »Vor der Reise muß ich mich noch etwas ausruhen.«

»Sie wollen unwiderruflich morgen abreisen?« fragte Wronski.

»Ja, das habe ich vor«, sagte Anna in einem Ton, als sei sie über die Kühnheit seiner Frage verwundert, zugleich aber versengte ihn das zitternde Glänzen in ihren Augen, das sie nicht verhindern konnte, und ihr Lächeln.

Anna blieb nicht zum Abendessen, sondern fuhr nach Hause.

24

 

Ja, ich habe etwas Unleidliches, Abstoßendes an mir, dachte Lewin, als er das Stscherbazkische Haus verlassen hatte und sich zu Fuß auf den Weg zu seinem Bruder machte. Ich passe nicht zu anderen Menschen. Man sagt, ich sei stolz. Nein, ich habe auch keinen Stolz. Wenn ich Stolz besäße, hätte ich mich nicht in eine solche Lage gebracht. Und er stellte sich Wronski vor, der so glücklich und gutmütig, so klug und ausgeglichen war und sich wahrscheinlich noch nie in einer so entsetzlichen Lage befunden hatte wie er an diesem Abend. Ja, ihre Wahl mußte auf ihn fallen. Das mußte so kommen, und ich habe mich über niemanden und über nichts zu beklagen. Schuld bin ich selbst. Was berechtigt mich zu der Annahme, sie könnte geneigt sein, ihr Leben mit dem meinen zu verbinden? Wer bin ich? Und was bin ich?

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