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Angstspiel

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. I – Sechs Suiten für Violoncello Solo
  8. Eins
  9. Zwei
  10. Drei
  11. Vier
  12. Fünf
  13. Sechs
  14. Sieben
  15. Acht
  16. II – Die blinde Ratte
  17. Eins
  18. Zwei
  19. Drei
  20. Vier
  21. Fünf
  22. Sechs
  23. III – Manie Sans Délire
  24. Eins
  25. Zwei
  26. Drei
  27. Vier
  28. Fünf
  29. Sechs
  30. Sieben
  31. Acht
  32. IV – Nur eine weitere nackte Leiche
  33. Eins
  34. Zwei
  35. Drei
  36. Vier
  37. Fünf
  38. Sechs
  39. Sieben
  40. Acht
  41. Neun
  42. Zehn
  43. Elf
  44. V – Warmes Wasser, keine Schmerzen
  45. Eins
  46. Zwei
  47. Drei
  48. Vier
  49. Fünf
  50. Sechs
  51. Sieben
  52. Acht
  53. Neun
  54. Zehn
  55. Elf
  56. VI – Das Flüstern eines Toten
  57. Eins
  58. Zwei
  59. Drei
  60. Vier
  61. Fünf
  62. Sechs
  63. Sieben
  64. Acht
  65. Neun
  66. Zehn
  67. Elf
  68. Zwölf
  69. VII – Eine kräftige Abreibung
  70. Eins
  71. Zwei
  72. Drei
  73. Vier
  74. Fünf
  75. Sechs
  76. Sieben
  77. Acht
  78. Neun
  79. Zehn
  80. VIII – Der Witwenvogel
  81. Eins
  82. Zwei
  83. Drei
  84. Vier
  85. Fünf
  86. Sechs
  87. Sieben
  88. Acht
  89. Neun
  90. IX – Micrurus Fulvius Fulvius
  91. Eins
  92. Zwei
  93. Drei
  94. Vier
  95. Fünf
  96. Sechs
  97. Sieben
  98. Acht
  99. Neun
  100. X – Das Lhermitte-Zeichen
  101. Eins
  102. Zwei
  103. Drei
  104. Vier
  105. Fünf
  106. Sechs
  107. Sieben
  108. Acht
  109. Neun
  110. Zehn
  111. XI – Skairdykat
  112. Eins
  113. Zwei
  114. Drei
  115. Vier
  116. Fünf
  117. Sechs
  118. Sieben
  119. Acht
  120. Neun
  121. Zehn
  122. Elf
  123. Zwölf
  124. XII – Tinsman’s Lock
  125. Eins
  126. Zwei
  127. Drei
  128. Vier
  129. Fünf
  130. Sechs
  131. Sieben
  132. Acht
  133. Epilog – 31. Oktober 1999
  134. Epilog Anfang

Über dieses Buch

FBI Special Agent E.L. Pender will sich eigentlich in seinen Ruhestand verabschieden. Doch dann wird er in einem seltsamen Fall um Hilfe gebeten. Mehrere Teilnehmer einer Tagung über Phobien kommen innerhalb kurzer Zeit auf makabre Weise ums Leben. Ein Mann mit Höhenangst fällt aus dem 19. Stock. Eine Frau mit einer Blutphobie verblutet in einer Badewanne. Ein drittes Opfer hat Angst vor einem Erstickungstod – und wird mit einer Plastiktüte über dem Kopf tot aufgefunden.

Nun ist ein weiterer Angstpatient mit einer ausgeprägten Vogelphobie verschwunden – und nur Pender kann ihn retten. Falls er das Spiel mit dem Killer gewinnt …

Über den Autor

Jonathan Nasaw (geboren 1947) lebt in Kalifornien und ist der Autor zahlreicher Horror- und Psychothriller. Viele davon sind SPIEGEL-Bestseller.

Jonathan Nasaw

Angstspiel

Game of Fear

Aus dem amerikanischen Englisch von
Sepp Leeb

Für meine Mom

I

Sechs Suiten für Violoncello Solo

Eins

Als Wayne Summers die Augen aufschlug, befand er sich im Dunkeln, umgeben vom Rascheln und Flattern unsichtbarer Vögel. Er versuchte sich einzureden, es sei nur ein Traum, aber der raue Matratzendrell unter ihm und der unangenehme Ammoniakgeruch von Federn, alten Zeitungen und Vogelkot bewiesen etwas anderes.

Blind rappelte Wayne sich hoch, hörte nur wenige Zentimeter von seinem Kopf entfernt ein scharfes Zischen, spürte dann das Auf und Ab lautloser Schwingen, gefolgt von einem heftigen Schlag gegen sein Ohr. Er warf sich wieder auf die Matratze, rollte sich zusammen und riss die Arme hoch, um seinen Kopf zu schützen – dass er laut schrie, merkte er erst, als er verstummte und die Stille hörte.

Dann, die Stille füllend, wieder dieses unerträgliche Rascheln und Flattern, das hektische, schlurfende Tippeln harter Klauen auf Käfigböden, das bebende Federplustern balzender Vögel. Und dazwischen, in der Dunkelheit, nur etwa einen Meter entfernt, das gedämpfte Schlagen dieser mächtigen Schwingen.

Oder war es gar nicht dunkel? Wayne führte die Hand an sein Gesicht, bis die Handfläche seine Nase berührte – es gab keine Veränderung in der Beschaffenheit der Dunkelheit. Ihm kam zum ersten Mal der Gedanke, er könnte erblindet sein – doch wie sollte er das feststellen? Er versuchte zurückzudenken, sich zu erinnern, wie er hierhergekommen war, aber die Erinnerungen waren so zart und zerbrechlich, und der Versuch sie festzuhalten, war etwa so, als griffe man nach Rauchringen: Je fester man zupackte, desto rascher lösten sie sich auf.

Leise wimmernd betastete Wayne sein aufgeschlitztes Ohrläppchen. Ein sauberer Schnitt – von einem messerscharfen Schnabel oder einer Klaue. Höchstwahrscheinlich ein Raubvogel: Aufgrund der Studien, die er in Zusammenhang mit Dr. Taylors Desensibilisierungstherapie unternommen hatte, wusste der Ornithophobiker Wayne, dass es entweder ein Raubvogel oder ein Aasfresser gewesen sein musste und dass von den beiden nur die Raubvögel lautlose Schwingen benötigten. Für die Aasfresser war Lärm kein Problem – ihre Beute konnte nicht mehr fliehen.

Inzwischen war die Matratze unter seinem Ohr feucht von Blut, und die Panik überflutete ihn in Wellen, ein großer Brecher nach dem anderen. Wayne wusste, er konnte einer durch Panik ausgelösten Ohnmacht (beziehungsweise einer, wie Dr. Taylor es nannte, vasovagalen Synkope) vorbeugen, indem er langsam mithilfe des Zwerchfells atmete und dabei die Muskeln anspannte und entspannte. Er wusste auch, dass er die Blutung stoppen konnte, wenn er die Wundränder mit den Fingerspitzen zusammendrückte. Aber er wusste nicht, ob er das überhaupt wollte. Schließlich gab es im Leben Schlimmeres, als im Schlaf zu verbluten, sagte er sich, während er allmählich bewusstlos wurde – wenn er das vorher noch nicht gewusst hatte, dann wusste er es jetzt.

Aber verbluten war für Wayne nicht drin – zumindest noch nicht. Nach wenigen Minuten köstlicher Bewusstlosigkeit wurde er von einem scharfen Zwicken im linken Ohrläppchen geweckt. Und da Waynes Mutter ihn immer in ebendieses Ohr gekniffen hatte, um ihn aus seinen, wie sie es nannte, »Ohnmachtsanfällen« zurückzuholen, gönnte er sich den kurzen Luxus, so zu tun, als wäre er wieder in der Wohnung in der Fillmore Street, in der sie gemeinsam gelebt hatten, und als würde er nach einer Ohnmacht von ihr wach gekniffen.

Dann öffnete er die Augen und merkte, dass er, die Arme inzwischen mit Handschellen auf den Rücken gekettet, im Dunkeln lag. Jemand oder etwas kniff tatsächlich in sein gespaltenes Ohrläppchen, und als er den Kopf wegzuziehen versuchte, wurde der Druck stärker.

»Wer sind Sie?«, fragte Wayne in das Dunkel hinein.

»Sscht, nicht bewegen.«

Eine Männerstimme – hörte sich nach einem älteren Weißen an. Sie kam Wayne bekannt vor, aber er konnte sie nicht ganz einordnen. »Warum tun Sie mir das an?«

Der Druck auf sein Ohrläppchen ließ nach. »Sieht so aus, als hätte es zu bluten aufgehört.«

Sieht so aus? O Gott, nein. »Bin ich blind? Bin ich blind geworden? Bitte, sagen Sie es mir!«

Keine Antwort – nur ein Pager, der in der Dunkelheit piepste, gefolgt vom Geräusch sich entfernender Schritte.

»Bitte, können Sie mir denn nicht wenigstens das sagen?«

Schritte, die eine Treppe hinaufstiegen.

»Bitte, ich …«

Aber inzwischen erhielt Wayne Antwort: Am oberen Ende einer abgetretenen Treppe ging eine Tür auf und ließ gerade genug Licht durch, um ihm zu bestätigen, dass seine Augen noch funktionierten. Doch dann schloss sie sich sofort wieder und ließ ihn mit nichts anderem zurück als dem Nachbild des gespenstisch weißen, herzförmigen Gesichts einer riesigen Schleiereule, die über seinem Kopf an einer Sitzstange festgebunden war.

Zwei

Vom Highway aus sah der unscheinbare dreigeschossige Bau auf der leicht bewaldeten Anhöhe so ziemlich wie jedes andere neue Bürogebäude in den Vororten im Westen Washingtons aus.

Was ganz im Sinne des Erfinders war, dachte FBI Investigative Specialist Linda Abruzzi, ehemals Special Agent Abruzzi, als sie in ihrem 93er Geo Prizm vor dem Wachhäuschen am Tor hielt. Wenn man sämtliche staatlichen Bauten in zwei Epochen einteilen wollte – vor Oklahoma City und nach Oklahoma City – war das vor kurzem eröffnete zusätzliche Bürogebäude des Justizministeriums, wenn auch klein, so doch seiner Anlage und Bauweise nach eindeutig nach O.C., und seine vorderste, billigste und wirksamste Verteidigungslinie war Anonymität. Keine Schilder, keine Besucher, keine Presse, keine Ausnahmen.

Erst wenn man näher kam, begann man einige feine Unterschiede zu bemerken. Zum Beispiel stand das Wachhäuschen, an dem zwei verstärkte Stahlschlagbäume angebracht waren, etwa hundert Meter vom Gebäude entfernt ganz am Anfang der Zufahrtsstraße, und der Parkplatz lag weitere fünfzig Meter westlich: In die Nähe dieses FBI-Gebäudes könnte niemand eine Autobombe bringen.

Zählte man zu diesen Sicherheitsvorkehrungen ein verstärktes Dach, armierte Außenmauern, Acrylglasfenster, dick genug, um dem Volltreffer eines kleinen tragbaren Granatwerfers standzuhalten, zusätzlich verstärkte tragende Innenwände, um den Einsturz des Gebäudes im Fall eines Raketenangriffs zu verhindern, und ein autarkes innerbetriebliches System, das im Fall eines Angriffs mit chemischen Kampfstoffen etagenweise hermetisch abgeriegelt werden konnte, erhielt man ein Gebäude, das so uneinnehmbar war, wie das bei einem Hochbau technisch möglich schien.

Als Linda Abruzzi ihre Papiere zeigte, zu denen auch eine Genehmigung gehörte, in der Tiefgarage des Gebäudes zu parken und nicht nur auf dem 50 Meter entfernten Parkplatz, erwartete sie, anstandslos durchgewinkt zu werden. Stattdessen verglich der Wachmann ihr Gesicht sorgfältig mit ihrem Ausweisfoto, das er dann mit dem Bild auf einem Computermonitor im Innern des Wachhäuschens gegencheckte. Danach ließ er sie den Zeigefinger auf ein Sensorfeld legen, damit ihn der Computer sowohl mit ihren digital gespeicherten Fingerabdrücken vergleichen als auch in seine Datenbank aufnehmen konnte, falls sie nicht Investigative Specialist Abruzzi sein sollte.

»Danke.« Der Wachmann gab ihr die Dienstmarke zurück. »Würden Sie jetzt bitte den Kofferraum öffnen?«

»Aber nicht von hier drinnen.« Linda Abruzzi zog den Zündschlüssel ab und reichte ihn ihm. »Das ist nicht die Luxusausführung.« Als Linda den Wagen vor sechs Jahren gekauft hatte, war sie gerade als frisch gebackener Special Agent in die Außendienststelle San Francisco beordert worden. Angesichts des dortigen Klimas war ihr eine Klimaanlage nicht dringend erforderlich erschienen, weshalb sie lieber ein paar Tausend Dollar gespart hatte, statt die Luxusausführung zu nehmen, zu der auch eine Innenkofferraumentriegelung gehört hätte. Prompt war sie drei Monate später zur FBI-Niederlassung in San Antonio versetzt worden, wo eine Klimaanlage unerlässlich war; sie hatte den Wagen nur aus reiner Sturheit behalten.

Nachdem der Wachmann den Kofferraum nach Sprengstoffen durchsucht hatte, inspizierte er mit einem an einer langen Stange befestigten Spiegel den Fahrzeugboden. Dann ging er in das Wachhäuschen zurück und drückte auf den Knopf zum Anheben des rechten Schlagbaums. »Fahren Sie, ohne anzuhalten, direkt zum Gebäude hoch. Am Garagentor ist eine Tastatur. Heute lautet der Code drei-zwo-null-vier – schreiben Sie ihn nicht auf. Nehmen Sie die Rampe zum Kellergeschoss – Stellplatz neun ist für Sie reserviert.«

»Drei-zwo-null-vier, Kellergeschoss, Stellplatz neun. Verstanden, danke.«

»Keine Ursache.« Und als der blaue Prizm unter dem Schlagbaum durchrollte und den Hang hinaufzufahren begann, fügte der Wachmann murmelnd hinzu: »Wem musstest du wohl einen blasen, um da oben parken zu dürfen?«

Innen waren die Sicherheitsvorkehrungen nicht weniger streng. In der Tiefgarage holte ein Wachmann Linda ab und begleitete sie zu einem Aufzug, der nur ins Foyer führte. Dort übergab sie der Mann an Cynthia Pool, eine patente, sehr gut erhaltene Sekretärin Ende fünfzig, die ein superseriöses Businessensemble aus den frühen 80er-Jahren trug – maßgeschneiderter marineblauer Hosenanzug, weiße Bluse mit gerüschter Schleife, bequeme schwarze Schuhe mit breiten Absätzen.

»Mit der Sicherheit nehmen Sie es hier aber sehr genau«, bemerkte Linda, als Miss Pool sie zu einem zweiten Aufzug führte, der zu Lindas Überraschung Knöpfe für sechs Stockwerke hatte – drei davon, stellte sich heraus, befanden sich unter der Erde.

»Aber nicht unsertwegen, meine Liebe. Wir sind nur hier, weil sie im Hauptquartier unsere Büros gebraucht haben.«

Die Lifttür ging lautlos auf; Linda folgte ihrer Führerin durch eine Reihe weißer Flure von bemerkenswerter Eintönigkeit. Keine Namensschilder an den Türen, alle blau und alle zu. Keine Bilder an den Wänden, und die einzigen Hinweisschilder waren für die Notausgänge.

»Merken Sie sich gut, wie wir gehen«, warnte Miss Pool, als sie nach rechts bog, dann nach links, dann wieder nach rechts. »Wenn Sie sich hier verlaufen und irgendwo landen, wo Sie nichts zu suchen haben, kann Ihnen ohne weiteres passieren, dass Sie von der Spionageabwehr mit einem Stück Schlauch verhört werden.« Sie blieb abrupt stehen und steckte den an einer Kette von ihrem Hals hängenden Lichtbildausweis in einen Schlitz neben einer dieser anonymen blauen Türen.

»Das meinen Sie doch nicht ernst?«

»Bis auf den Schlauch schon – neuerdings versteht die Spionageabwehr keinen Spaß mehr. Nach Ihnen.«

Von dem langen Fußmarsch erschöpft, spürte Linda, wie ihre Beine die Kräfte verließen, als sie den Raum betrat. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel: Lieber Gott, nicht hier, nicht gleich am ersten Tag. Er hatte ihr in letzter Zeit so übel mitgespielt, dass er ihr, fand sie, eine Gefälligkeit schuldig war.

Und ihr Gebet wurde, wenn auch nur so lala, erhört: Unmittelbar hinter der Tür stand ein Aktenschrank, der groß genug war, dass sie sich lässig dagegen lehnen konnte, während sich ihre Beine erholten. Sie fand das einen etwas eigenartigen Platz für einen Aktenschrank – bis sie sah, dass das kleine Vorzimmer so voll gestellt war mit frei stehenden Metallschränken, weißen Aktenbehältern aus Pappe, nicht sehr stabil wirkenden Stapeln perforierter Computerausdrucke und einstürzenden Müllbergen aus überquellenden roten, braunen oder ockerfarbenen Ziehharmonikaordnern, dass kaum mehr Platz für Schreibtisch und Stuhl der Sekretärin blieb.

Kommentarlos zwängte sich Miss Pool an Linda vorbei und klopfte mit spitzen Knöcheln an die Innentür der Bürosuite. »Linda Abruzzi ist hier.«

»Schon? Also wirklich, die Leiche ist ja noch nicht mal kalt.« Für neun Uhr morgens war die Stimme eine Spur zu munter. Das passte zu den Geschichten, die Linda über den Alkoholkonsum ihres Vorgängers gehört hatte, der inzwischen ebenso Bestandteil seines legendären Rufs war wie seine Körpergröße, seine exzentrische Garderobe, seine Meisterschaft in der Kunst der affektiven Vernehmung, sein heldenhafter Einsatz im Maxwellfall und seine unverhohlene Verachtung für die Bürokratie. »Kommen Sie rein.«

Linda ließ den Aktenschrank los, stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass ihre Beine wieder zu Kräften gekommen waren, bahnte sich einen Weg durch das vollgestellte Vorzimmer und öffnete die Tür, um einen hünenhaften Glatzkopf in einem karierten Sportsakko vor einem weiteren Aktenschrank knien zu sehen.

»Eine Frage«, sagte Special Agent E. L. Pender, FBI, in Bälde i. R., als er mit der linken Hand eine Stelle im unteren Aktenschub offenhielt und mit der rechten Linda die Hand schüttelte. »Wie groß war die Scheiße, die Sie gebaut haben, um hierher versetzt zu werden?«

»Ich nehme mal an, Sie haben meinen Personalbogen nicht gelesen«, erwiderte sie. Selbst wenn er kniete, war er so groß, dass Linda sich nicht bücken musste, um ihm die Hand zu schütteln, die in etwa die Größe eines Waffeleisens hatte.

Pender blickte sich vielsagend in dem Büro um – wenn überhaupt möglich, war es noch mehr mit Ausdrucken, Aktenbehältern, Ordnern und Büroschränken vollgestopft als das Vorzimmer – und hob die Schultern. »Er muss hier irgendwo sein. Aber ich halte nicht viel von Personalbogen – und wenn Sie meinen mal gesehen haben, werden Sie auch verstehen, warum.«

»Soviel mir zu Ohren gekommen ist, hatten Sie drüben im OPR eine eigene Kaffeetasse«, witzelte Linda. Das Office of Professional Responsibility des Justizministeriums war das Pendant zur Internal Affairs Division, der Dienstaufsicht.

»Ein reines Gerücht. Aber wenigstens weiß man, dass ich ihn schwarz trinke. Setzen Sie sich, machen Sie sich’s bequem.«

Linda zögerte – der einzige Stuhl im Raum stand hinter dem Schreibtisch, der unter einem weiteren Haufen Computerausdrucke und Aktenordner begraben war.

»Ja, ja, Ma’am«, sagte Pender, als könnte er ihre Gedanken lesen. »Das ist Ihr Stuhl, das ist Ihr Schreibtisch, das ist jetzt Ihr Büro.« Er steckte den Ordner, den er sich angesehen hatte, quer in die Schublade, bevor er aufstand.

»Was ist mit Ihnen?« Linda testete die Stabilität des Schreibtischstuhls, bevor sie sich vorsichtig darauf niederließ. Um besser das Gleichgewicht halten zu können, stützte sie sich dabei, wie ihr der Physiotherapeut in San Antonio beigebracht hatte, mit beiden Händen ab.

»Ich bin schon gar nicht mehr hier, ich gehöre der Vergangenheit an. An sich fliegt der Adler bis zum Monatsende, aber ich habe noch etwas Resturlaub, und den wollte ich nicht verschenken. Ich bin heute nur gekommen, um diese alten Akten noch mal durchzusehen – ein bisschen aufzufrischen, was von meinem Erinnerungsvermögen noch übrig ist. Irgend so ein Trottel von Verleger zahlt mir nämlich einen Haufen Geld für meine Memoiren. Und einem anderen Kerl zahlen sie einen Haufen Geld dafür, dass er sie, Gott sei Dank, schreibt.«

»Sollen Sie mich denn nicht einweisen oder so?«

»Wozu? Wenn Steve McDougal am Jahresende in Pension geht, wird Liaison Support aufgelöst. Diese Abteilung hat sich überlebt – heute ist jeder mit jedem online. Nur deshalb habe ich gefragt, wie groß die Scheiße war, die Sie gebaut haben – nichts für ungut.«

»Nein, nein, schon in Ordnung. Ich habe bereits befürchtet, es wäre etwas in der Art.«

»Jetzt, wo ich allerdings gesehen habe, wie Sie hier reingekommen sind, nehme ich mal an, es hat mehr damit zu tun.« Pender schaffte etwas Platz auf dem Schreibtisch und pflanzte eine breite Pobacke auf die Kante – sein Oberschenkel hatte etwa denselben Umfang wie Lindas Taille. »Was ist passiert?«

Linda holte tief Luft und ließ sie langsam wieder entweichen. Besser, sie brachte es möglichst schnell hinter sich. »MS«, sagte sie. »Das ist, was passiert ist – vor ein paar Monaten wurde bei mir progressive multiple Sklerose im Anfangsstadium festgestellt.«

Pender zuckte mit keiner Wimper. »Au Mann. Das hört sich aber gar nicht gut an.«

Nicht gerade die Reaktion, die sie erwartet hatte – Linda produzierte ein erschrockenes Lachen. »Das finde ich auch«, sagte sie schließlich, um dann rasch das Thema zu wechseln. »Was genau ist also meine Aufgabe? Was soll ich hier tun?«

»Tun?« Pender schnaubte verächtlich. »Also, ehrlich gesagt, meine Liebe, das interessiert hier niemanden einen feuchten Furz.«

Drei

»Alles okay bei dir, Süße?« Behutsam klopfte Simon Childs an die Badezimmertür. Manchmal wollte sich Missy nur vergewissern, dass er auf das Pagersignal hin tatsächlich kam; manchmal tat sie es aber auch aus purer Boshaftigkeit.

»Hei-er, hei-er.«

Heißer. Simon hatte nie Mühe gehabt, seine kleine Schwester zu verstehen. Er öffnete die Tür und sah Missy ausgestreckt in der tiefen Wanne mit den Klauenfüßen liegen; über beide Ohren grinsend schwenkte sie ihren rosa Plastikpager über dem Kopf. Baden war für sie das Höchste. Aber man musste sie beaufsichtigen. Wenn man sie ließ, blieb sie so lang in der Wanne, bis sie vollkommen verschrumpelt war; und wenn das Wasser kalt wurde, begann sie, an den Hähnen rumzumachen, egal, wie oft Simon sie schon gewarnt hatte, das nicht zu tun. Meistens endete das Ganze damit, dass sie im Bad eine Überschwemmung verursachte oder sich verbrühte.

Als Simon nun auf die Wanne zuging, sah er seine kleine Schwester einen zeitlosen Augenblick lang nicht so, wie sie jetzt war, sondern so, wie er sie immer noch in Erinnerung hatte: ein entzückender, pausbäckiger, weißblonder, fünfjähriger Fratz von rührender Anhänglichkeit und unstillbarer Neugier. Dann brach sie den Bann, indem sie mit ihrer tiefen, unmodulierten Stimme »Hei-er!« blökte. Simon blinzelte, und plötzlich sah er wieder auf eine nackte, aufgeweichte, spärlich behaarte, krankhaft übergewichtige 49-jährige Schwachsinnige mit vorquellender Zunge und in Fettfalten untergehenden Schlitzaugen, deren blasse Haut infolge der Herzschwäche, die laut Aussagen der Ärzte binnen eines Jahres zum Tod führen würde, einen bläulichen Schimmer hatte.

Am besten, er dachte einfach nicht daran. Nach dem Tod ihres Vaters waren Simon und Missy von ihrer Mutter verlassen worden und bei ihrem ebenso tyrannischen wie reichen Großvater väterlicherseits aufgewachsen. Nach dessen Tod waren ihnen nur noch sie selbst, ihr Treuhandvermögen und die Haushälterinnen geblieben. Inzwischen war Simon einundfünfzig, und neunundvierzig Jahre lang war Missy die einzige Konstante in seinem Leben gewesen. Egal, wie oft er sich sagte, es wäre besser, barmherziger für sie, wenn sie vor ihm starb – im tiefsten Innern seines Herzens wusste er dennoch, dass er ohne sie verloren wäre.

Und deshalb verwöhnte Simon seine Schwester entgegen aller ärztlichen Warnungen, wo es nur ging – warum sie auf Diät setzen, wenn sie ohnehin sterben musste? Ganz ähnlich war es gewesen, als die Treuhänder sie nach dem Tod ihres Großvaters auf die Behindertenschule hatten schicken wollen. Sie sagten, andernfalls würde sie nie ihr ganzes Potenzial ausschöpfen. Was wussten sie schon von Missys Potenzial – oder von den Dingen, die ihr Freude machten? Wenn es Missys ganzes Glück war, in der Badewanne zu liegen, zu essen, sich Audrey-Hepburn-Videos anzusehen und bei Simon zu Hause zu bleiben, dann würde sie das auch bekommen. Er hatte einen riesigen Warmwasserkessel einbauen lassen, damit sie den ganzen Tag baden konnte, wenn sie wollte, und in der Küche konnte sie sich nach Lust und Laune bedienen. Es war gar nicht so einfach, die Vorräte immer wieder aufzustocken. Mann, das alte Mädchen konnte vielleicht was wegputzen, und entsprechend legte sie auch zu.

Andrerseits war Missy immer schon pummelig gewesen. Als er und Missy noch Kinder waren, hatte Simon sogar gedacht, ihre Korpulenz sei nur ein weiteres Symptom des Downsyndroms, genauso wie ihr Mondgesicht, die fliehende Stirn, die Schlitzaugen mit den gelb gefleckten Iriden, der abgeplattete Nasensattel, die vorquellende Zunge und die tief sitzenden Knickohren.

Inzwischen wusste er natürlich, dass dem nicht so war. »Okay, okay, ich lasse dir etwas mehr heißes Wasser einlaufen. Tu mal deine Schweinebeinchen da weg.«

Missy zog die Beine an. Simon bückte sich und zog den altmodischen, korkenförmigen Gummistöpsel an der rostigen Kette heraus.

»Hey, hey, du Schli-el«, röhrte sie modulationslos.

»Jetzt reg dich mal nicht auf, ich lasse nur etwas kaltes Wasser ablaufen, Platz für das heiße schaffen.« Er steckte den Stöpsel wieder in das Abflussloch, drehte den linken Hahn auf und schwenkte die Hand im Wasser, um das heiße nach und nach unterzumischen, wie es ihr altes Kindermädchen Granny Wilson – Ganny hatten sie sie genannt – gemacht hätte. Dann bespritzte er seine Schwester zum Spaß. »Und nenn mich bloß nicht Schlingel, du Schlingel.«

Missy kicherte und spritzte zurück. Sie patschte mit ihren pummeligen Händen, deren Handflächen jeweils nur eine Linie aufwiesen, ins Wasser.

»Besser so?«, fragte Simon, als er das Wasser abdrehte und die Hände an der Badematte trocken wischte. Während er sich aufrichtete und zum Waschbecken ging, um Missy einen Waschlappen zu holen, fiel sein Blick einen Moment auf sein Spiegelbild. Er strich sein gewelltes graues Haar zurück, dessen Ansatz distinguierte Geheimratsecken bildete.

»Piiima.« Prima.

»Also dann.« Er warf den Waschlappen in die Wanne. »Ich muss jetzt wieder in den Keller. Pieps mich an, wenn du aus der Wanne willst. Und denk dran, dir den Po zu waschen.« Das war Gannys Sammelbegriff für Genitalien gewesen, männliche wie weibliche.

»Wah du dein Po, du Schli-el!«, schrie Missy wütend – sie war schließlich kein Baby –, und der Waschlappen klatschte mit einem platschenden Knall gegen die Tür, als Simon sie hinter sich schloss.

Vier

Der letzte Arbeitstag. Für einen verkappten Gefühlsmenschen wie E. L. Pender war der ganze Vormittag voller bedeutungsschwangerer Momente gewesen. Wecker: Dich werde ich jetzt nicht mehr brauchen, du kleiner Quälgeist. Rasieren: Warum sich nicht endlich mal einen Bart stehen lassen – und bei dieser Gelegenheit auch gleich das Doppelkinn verstecken. Kleidung: Die letzte Gelegenheit, seinen Ruf als schlechtest gekleideter Agent in der Geschichte des FBI zu zementieren. Universell verabscheutes Sportsakko, Sansabelt-Hose, die die Nacht auf dem Fußboden verbracht hatte, und sein bequemstes kurzärmeliges weißes bügelfreies Hemd – bequem, weil es sich vom vielen Waschen und Tragen schon fast im Zustand der Auflösung befand. Natürlich keine Krawatte: Komischer Gedanke, dass heute das letzte Mal wäre; dass keine Krawatte zu tragen von irgendwelcher Bedeutung war.

Der vielleicht seltsamste Moment von Penders Morgen kam, als ihm bewusst wurde, dass er sein Schulterhalfter aus Kalbsleder zum letzten Mal anlegte. Er hatte bereits beschlossen, keinen Waffenschein zu beantragen, der ihm das verdeckte Tragen einer Waffe gestattete. Auf dem Golfplatz würde er keine Glock 40er brauchen. Abgesehen davon war er ohnehin nie richtig warm mit ihr geworden, nachdem ihm das Bureau seine SIG Sauer P 226 weggenommen hatte, um sie im FBI-Museum auszustellen. Eigentlich war es das Schulterhalfter, das hinter Glas gehört hätte: Pender war einer der letzten FBI-Agenten, die noch eines von diesen Dingern benutzten; sie waren schon vor Jahren von den neuen offiziell vorgeschriebenen Holstern abgelöst worden, die über den Nieren getragen wurden.

Wie die meisten verkappten Gefühlsmenschen hatte Pender auch andere Leute im Verdacht, sentimental zu sein. Obwohl er wusste, dass bis auf Pool der Rest der alten Liaison Support-Truppe entweder in Pension oder vom FBI in alle vier Winde verstreut war, probte er auf der Fahrt zur Arbeit sicherheitshalber schon mal, den Überraschten zu spielen, falls sie auf die Idee kommen sollten, eine Party für ihn zu schmeißen.

Die einzige Überraschung war jedoch gewesen, dass seine Nachfolgerin eine Behinderte und nicht mal mehr Special Agent war – und selbst das kam ihm wie das letzte Teilchen eines endlich aufgehenden Puzzles vor. Offensichtlich war die Liaison Support Unit, Ende der 70er Jahre die Abteilung für ehrgeizige junge Agenten, auf ihre alten Tage das Abstellgleis für Mitarbeiter geworden, mit denen das FBI nichts mehr anzufangen wusste.

Als deshalb Pender zu Linda Abruzzi sagte, es würde niemand einen feuchten Furz interessieren, was sie mit ihrer Zeit anfing, war das nichts als die ungeschminkte Wahrheit. Doch als er die Kränkung in ihrem Blick bemerkte, fügte er rasch hinzu: »Das ist die schlechte und die gute Nachricht.«

»Wieso gut?«

»Sie haben zweieinhalb Monate Zeit, um auf diesem Posten zu machen, was Sie wollen, ohne dass Ihnen Steve Too ständig im Nacken sitzt.«

»Steve wer?«

»Steve Maheu, McDougals rechte Hand. Die Heiligkeit in Person. Nachdem jedoch McDougal in Pension geht, ist Maheu zu sehr damit beschäftigt, sich nach einem weichen Landeplatz für seinen Allerwertesten umzusehen, als dass er sich groß um Sie kümmern könnte. Deshalb dürften Sie hier so ziemlich Ihr eigener Herr sein.«

»Aber wozu? Um was zu tun?«

»Um nach Serienmördern zu suchen, nach denen sonst niemand sucht.«

»Gibt es solche denn?«

»Das ist eine Wachstumsbranche, junge Frau.« Pender lachte leise. »Heute mehr denn je. Es ist eine Wachstumsbranche.«

Dann fing er sich, und das Lachen erstarb. »Entschuldigung, das war gerade blöd von mir.«

»Warum sagen Sie das?«

»Als wir vor über zwanzig Jahren diese Abteilung ins Leben riefen, habe ich mir geschworen, die Opfer niemals zu vergessen. Selbst wenn ich bloß in den MMRs fischte, schärfte ich mir ein, nie zu vergessen, worum es bei diesem Job eigentlich geht. Aber genau das habe ich gerade getan.«

Gerührt von Penders Leidenschaft und Engagement, wandte Linda den Blick ab; möglicherweise war ihr neuer Posten doch nicht das Abstellgleis, nach dem er ausgesehen hatte.

»Und was haben wir alles?«, fragte sie forsch, als sie sich ihrer Stimme wieder sicher war, jetzt ganz Bronx, ganz geschäftsmäßig.

»Ich möchte, dass Sie sich einen Brief ansehen, der letzten Freitag eingegangen ist. Ich habe davon eine Gänsehaut bekommen.« Er begann in den Papieren zu wühlen, die sich auf dem Schreibtisch türmten. »Und wenn es etwas gibt, was ich in diesem Job gelernt habe« – jetzt kniete er wieder auf dem Fußboden, wo er mit einer Hand einen Stapel ockergelber Ordner durchging, während er ihn mit der anderen am Einstürzen zu hindern versuchte –, »dann meine Gänsehaut zu beachten.« Und schließlich, abwesend, immer noch kramend: »Wovor haben Sie Angst, Linda – wovor fürchten Sie sich?«

»Sie meinen, abgesehen von fortschreitender Paralyse mit Todesfolge?« Linda versuchte, die bitteren Worte mit einem Lachen abzuschwächen. Als sie beschlossen hatte, um das Recht auf ihren Job zu kämpfen, hatte sie sich für den Fall, dass sie gewinnen würde, geschworen, das Büro zur jammerfreien Zone zu erklären.

Und es war ein verteufelt harter Kampf gewesen: In der FBI-Satzung hieß es ganz unmissverständlich, Special Agents hätten »… in ausgezeichneter körperlicher Verfassung zu sein und ohne Gebrechen, die sie beim Einsatz von Schusswaffen, bei Razzien und bei Verteidigungsmaßnahmen behinderten«. Zu guter Letzt hatte sich die FBI-Führung auf einen Kompromiss eingelassen: Wiedereinstellung unter dem Pseudo-Dienstgrad Investigative Specialist statt Special Agent. Dienstmarke, keine Schusswaffe, gleiche Gehaltsstufe, Schreibtischjob, monatliche ärztliche Untersuchung und, was das Beunruhigendste war, monatliches psychologisches Gutachten: Die ersten Anzeichen von kognitiver Beeinträchtigung, ein ziemlich verbreitetes MS-Symptom, und man würde sie endgültig abservieren.

»Ich meine, vor MS. Als Kind, vor was hatten Sie da am meisten Angst?«

»Sie meinen eine Phobie?«

»Genau.«

»Das ist nicht schwer zu beantworten – vor Schlangen.«

»Wie sehr?«

»Wie meinen Sie das?«

»Fanden Sie Schlangen einfach nur widerlich, oder hatten Sie zum Beispiel Angst, in den Wald zu gehen, oder …«

»Da, wo ich aufgewachsen bin, gab es nicht allzu viele Wälder. Aber um das Reptilienhaus im Bronx Zoo machte ich immer einen weiten Bogen. Als wir vom College aus mal einen Ausflug dorthin unternahmen, bin ich vor dem Schlangenhaus in Ohnmacht gefallen.«

»Also, wenn Sie … Ah, da ist er.« Pender fand den Umschlag, den er gesucht hatte, und legte ihn auf den Schreibtisch. »Wenn Sie Ihre eigene Angst vor Schlangen etwa mit tausend multiplizieren, erhalten Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie einer Frau wie Dorie Bell – wir beschäftigen uns gleich mit ihr – in etwa zumute ist.«

»Iiiih, vielen Dank«, sagte Linda.

»Nicht der Rede wert. Rufen Sie einfach, wenn Sie den Brief gelesen haben – ich bin irgendwo hier unten.«

Fünf

Johann Sebastian Bachs Sechs Suiten für Violoncello Solo gelten seit langem als Prüfstein für Cellisten. Pablo Casals, der mit dreizehn Jahren in einem Notenantiquariat am Hafen von Barcelona zufällig auf sie stieß, übte sie zwölf Jahre lang jeden Tag, bevor er den Mut aufbrachte, eine davon vor Publikum zu spielen, und es sollte noch einmal fünfunddreißig Jahre dauern, bis er sich in der Lage fühlte, alle sechs im Tonstudio aufzunehmen.

Seitdem haben sich alle namhaften Cellisten an den Cellosuiten versucht, aber nur die fähigsten, die Jacquelines und Yo Yos, konnten ihnen zumindest ein Unentschieden abringen, sodass es wahrscheinlich reine Hybris war, wenn sich ein Orchestercellist wie Wayne Summers an sie heranwagte.

Aber Wayne, ein in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsener Schwarzer aus dem Fillmore District von San Francisco, hatte spät zu seinem Instrument gefunden, und wie sein Lehrer Mr. Brotsky immer sagte, findet ein Mann ohne ein bisschen Chuzpe nie heraus, was er wirklich drauf hat oder wie weit er gehen kann.

Und das war der Grund, warum Wayne sich in den letzten sechs Jahren, ob er nun jobbte, mit dem Orchester probte oder Kammermusik spielte – oder, was manchmal vorkam, alles zusammen tat –, jeden Tag Zeit genommen hatte, um wenigstens einen der Tänze aus den Suiten zu üben. Sein Lieblingsstück war die Sarabande aus der ersten Suite – sie hatte so etwas unglaublich Positives und Hoffnungsvolles.

Deshalb beschloss Wayne jetzt, als er mit auf den Rücken geketteten Händen im Dunkeln lag, dieses Stück als Erstes zu üben, um nicht durchzudrehen. Während er die Sarabande im Kopf durchzugehen begann, zuckte seine linke Hand auf dem Rücken den Fingerfall mit, und die Muskeln des bogenführenden Arms spannten und entspannten sich rhythmisch. Etwa ab der Mitte begann er mitzusummen und schreckte dadurch die eingesperrten Vögel so sehr auf, dass sie wieder zu zwitschern und singen begannen. Bis auf die Eule – die Eule blieb stumm.

Nachdem er fertig war, hörte Wayne höflichen Applaus – das Geräusch eines Mannes, der irgendwo auf der anderen Seite des Raums klatschte. Aber Bachs Musik hatte ihre Wunderwirkung nicht verfehlt: Waynes Verstand war klarer, als er das gewesen war, seit er – er wusste nicht vor wie viel Stunden – zu sich gekommen war.

»Wer sind Sie?«, fragte er in das Dunkel hinein. »Warum tun Sie das?«

Keine Antwort – sogar die Vögel waren still. Aber der Mann kam näher; jetzt konnte Wayne ihn riechen. Er roch nach Schaumbad. Irgendein billiges Zeug mit Erdbeerduft.

»Werden Sie mich umbringen?«, fragte Wayne. Es war eigenartig, in einem solchen Moment so ruhig zu sein.

»Nein.« Die Stimme war nur wenige Zentimeter entfernt.

Danke, lieber Gott. »Was dann?«

»Das werde ich unseren gefiederten Freunden hier überlassen – irgendwann.«

An der Oberfläche blieb Wayne ruhig, vielleicht weil unter der Oberfläche bereits etwas gestorben war – die Hoffnung höchstwahrscheinlich – und ihm keine andere Wahl ließ, als die gleiche Frage noch einmal zu stellen: »Warum tun Sie das?«

Statt einer Antwort ein ekelhafter Geruch, dann das unangenehme Gefühl, etwas Kaltes, Glitschiges auf die Augenlider gestrichen zu bekommen. Es war alles so absurd und verrückt, dass Wayne ein paar Sekunden brauchte, um den Geruch zu erkennen, und ein paar weitere Sekunden, um sich einen Reim auf das Ganze zu machen. Leber – dieser durchgeknallte Scheißkerl hatte ihm gerade rohe Leber auf die Augen gestrichen.

Doch was das zu bedeuten hatte, dämmerte Wayne erst, als er ein Geräusch hörte, das jeden anderen Gedanken, jede andere Empfindung als blinde Panik in Reinform aus seinem Verstand und Bewusstsein vertrieb: das Klirren der Kette, mit der die Schleiereule an ihre Sitzstange gekettet war.

Im selben Augenblick kam auch schon das Auf und Ab lautloser Schwingen und der Angriff. Der erste Schnabelstoß trieb Waynes Hinterkopf mit voller Wucht in die Matratze. Die Schmerzen waren unbeschreiblich – Wayne wälzte sich auf den Bauch und begann den Kopf von einer Seite auf die andere zu drehen, um seine Augen zu schützen. Die Eule, ausgehungert und gierig, folgte halb hüpfend, halb fliegend den Bewegungen seines Kopfes und stieß immer wieder mit dem Schnabel zu, um an den Lebergeruch, den Blutgeruch zu kommen.

Dann fand sie das Ohr, das sie vorher versehentlich getroffen hatte, und beschied sich damit, daran zu zerren, bis sie der Mann, der sie an diesen Ort gebracht hatte, von ihrer Beute weghob und ihr eine Haube aus Sackleinen über den Kopf stülpte.

»Wer sind Sie?«, schrie Wayne, halb wahnsinnig vor Schmerzen, noch einmal.

»Einen kleinen Hinweis will ich dir schon mal geben«, kam die Antwort. »Wie heißt es doch so schön? Man braucht vor nichts Angst zu haben als vor der Angst an sich? Tja, und das bin ich, mein Freund – ich bin die Angst an sich.«

Sechs

Dorie sitzt irgendwo auf einer Couch, die Knie züchtig beisammen. Auf der anderen Seite des Zimmers läuft ein Fernseher, aber sie kann nicht richtig erkennen, was sich auf dem Bildschirm abspielt. Hinter dem Fernseher ein Fenster. In welchem Stockwerk bin ich?, fragt sie sich. Das ist wichtig – wenn sie sich in einer der oberen Etagen befindet, besteht keine Gefahr, aber wenn sie nur im Erdgeschoss oder im ersten Stock ist, darf sie nicht aufblicken, darf sie nicht zum Fenster schauen.

Vor ihr, auf einem Couchtisch, der ihr bekannt vorkommt, liegt ein großer Bildband. Sie beugt sich vor und schlägt ihn aufs Geratewohl auf, aber sie kann die Wörter nicht erkennen, bekommt sie nicht scharf in den Blick.

Doch es sind auch Bilder in dem Buch. Das erste, dem sie sich zuwendet, sieht zunächst wie ein Vogel aus; das Bild ist der einzige farbige Gegenstand in Dories Schwarz-Weiß-Welt und so lebensecht, dass er fast dreidimensional wirkt. Dann beugt sie sich weiter vor und merkt zu ihrem Entsetzen, dass es kein Foto von einem Vogel ist, sondern von einer Vogelmaske – einer dieser lang gezogenen, gefiederten Masken, wie sie Medizinmänner oder Schamanen tragen.

Rasch klappt sie das Buch wieder zu, dann hört sie, wie etwas ans Fenster klopft. Schau bloß nicht auf, schärft sie sich ein – egal, was passiert, schau jetzt bloß nicht auf.

Aber sie schaut auf. Das tut sie immer. Und sie sieht, was sie immer sieht: das Gesicht am Fenster. Oder genauer, die Maske am Fenster – die Augenöffnungen sind leer, es ist kein Gesicht dahinter.

Wie immer hallte noch das Echo ihres eigenen Schreis in ihren Ohren nach, als Dorie Bell aus ihrem immer wiederkehrenden Albtraum erwachte. Und wie immer hätte sie nicht sagen können, ob sie tatsächlich geschrien hatte oder nur im Traum. Zum Glück spielte das aber keine Rolle: Schließlich lebte sie allein.

Von den rund dreißig Millionen Amerikanern, die so stark an einer Phobie leiden, dass sie auf ärztliche Hilfe angewiesen sind, fürchten sich zweiundvierzig Prozent vor Krankheiten und/oder Verletzungen; achtzehn Prozent vor Gewittern; vierzehn Prozent vor Tieren; acht Prozent leiden an Agoraphobie (sie meiden öffentliche Plätze, hauptsächlich aus Angst, in der Öffentlichkeit eine Panikattacke, manchmal verbunden mit einer Synkope, zu erleiden; allerdings spielt bei fast allen Phobien ein agoraphobisches Element mit herein – die Angst vor einer Panikattacke beeinträchtigt den Phobiker meist stärker als die Angst vor dem, was die Phobie ursprünglich ausgelöst hat); überraschend wenige sieben Prozent haben Angst vor dem Tod; fünf Prozent vor Menschenmengen und ebenfalls fünf Prozent leiden an Höhenangst; das restliche eine Prozent setzt sich aus den ausgefalleneren Phobien zusammen, wie zum Beispiel Amathophobie, der Angst vor Staub, Siderodromophobie, der Angst vor Zügen, und Prosoponophobie, der Angst vor Masken.

Dorie Bell aus Carmel-by-the-Sea, Kalifornien, zweiundfünfzig Jahre alt, litt seit dem Alter von drei Jahren an Prosoponophobie. Sie hatte alles versucht – Beten, Analyse, Desensibilisierungstherapie, Verhaltenstherapie und noch mal Beten –, aber es war ihr nicht gelungen, die Ursache ihrer Angst oder ein Mittel dagegen zu finden. Der bloße Anblick einer Maske löste nach wie vor eine heftige Panikattacke bei ihr aus, die Angst, zufällig eine Maske zu sehen, bestimmte immer noch ihren Tagesablauf, und nachts plagten sie unaufhörlich Maskenträume.

Und manchmal blieb sie auch während ihres Mittagsschläfchens nicht davor verschont – sie war auf der Couch ihres Ateliers eingeschlafen, als sie auf Wayne Summers wartete, der diesen Nachmittag aus San Francisco kommen wollte. Vergangenes Frühjahr hatten sie sich auf einem PWSPD-Kongress in Las Vegas kennengelernt, an dem fast hundert Phobiker (oder, wie sie lieber genannt wurden, Persons with Specific Phobia Disorder, Personen mit einer Angststörung) teilgenommen hatten. Trotz einiger deutlicher Unterschiede im Hinblick auf Alter, Rasse, Religion und sexueller Ausrichtung hatten sie sich rasch angefreundet.

Immer noch damit beschäftigt, die psychischen Fetzen des Traums abzuschütteln, ging Dorie aus dem Atelier in die Küche, um sich eine Tasse Tee zu machen und auf die Uhr zu sehen – im Atelier gab es ganz bewusst keine Uhr. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass es fast vier Uhr nachmittags war, was sie in ein kleines Dilemma stürzte, da sie ungeduldig auf eine Antwort auf ihren Brief an Agent Pender wartete und an diesem Tag noch nicht im Postamt gewesen war. (In Carmel wurde keine Post ausgetragen, und zwar hauptsächlich deshalb, weil die Häuser keine Hausnummern hatten; Carmel-by-the-Sea war ein Ort, der ganz bewusst idyllisch zu sein versuchte.)

Andererseits konnte Wayne jeden Moment eintreffen – er war bereits mehrere Stunden überfällig – und bekäme garantiert eine Synkope, wenn er mit all den Eichelhähern, Krähen, Drosseln, Schneefinken und Singvögeln, die die Immergrüne Eiche in Dories Vorgarten bevölkerten, im Freien warten müsste.

Ein Schwarzer, der vor ihrem Haus ohnmächtig wurde: Da hätten die Nachbarn wieder was zu reden, dachte Dorie, als sie hastig eine Nachricht folgenden Inhalts schrieb: Wayne, geh schon mal rein, bin gleich zurück, Dorie. Sie befestigte den Zettel an der Haustür, die sie für ihn offen ließ – das ging in Carmel immer noch. Dann brach sie zu einem raschen Fußmarsch zum Postamt auf, das für die meisten Leute vier Straßen weiter lag; für sie waren es allerdings sechs, weil sie, um nicht an den afrikanischen Masken im Schaufenster der Ethnic und Folk Arts Gallery vorbeizukommen, einen Umweg machen musste.

Es gab in Carmel, Stand vom Oktober 1999, sechsundneunzig Kunstgalerien und einundvierzig Geschenkläden; um sie zu vermeiden, hatte sich Dorie notgedrungen die Lage all derer einprägen müssen, die Masken so ausstellten oder unter Umständen ausstellen würden, dass sie von der Straße aus zu sehen waren. Eine relativ geringfügige Unannehmlichkeit, wusste sie, vor allem im Vergleich zu den Umständen, mit denen es für einen Ornithophobiker wie Wayne verbunden war, seinen Schreckgespenstern aus dem Weg zu gehen – Prosoponophobie war sicher nicht die schlechteste Phobie, die man haben konnte. Außer um Halloween herum, das in Carmel dieses Jahr, wie Dorie feststellte, zwei Wochen früher Einzug gehalten hatte.

Niemand, der Dorie Bell auf dem Weg zum Postamt zielstrebig den Hügel hinuntergehen sah, wäre auf die Idee gekommen, sie könnte an einer Phobie leiden. Sie war eine große Frau mit breiten Schultern und einer fülligen Figur, und sie hatte sich in Birkenstocksandalen, farbbespritztem Overall und braunem Umhang auf den Weg gemacht – den Kopf hoch erhoben, die Schritte lang, die Arme schwingend, die bunte guatemaltekische Stroheinkaufstasche schwingend wie den hüftlangen braunen Zopf.

Doch als sie nach einem Umweg über die San Carlos – um der Ethnic Gallery auszuweichen – in die 5th Avenue bog, geriet sie in einen Hinterhalt. Über Nacht war im Schaufenster des Verbena, des (versteht sich von selbst) teuren Damenbekleidungsgeschäfts an der Ecke von 5th und Dolores, eine gesichtslos weiße Schaufensterpuppe in einer dem venezianischen Karneval entlehnten Bautta aufgetaucht (ein schwarzer Domino-Kapuzenmantel mit Halbmaske, für Dorie wegen ihrer Schlichtheit umso schreckenerregender: Schwarz und Weiß, die Maske auf ihre Ursprünglichkeit reduziert).

Dorie blieb wie angewurzelt vor dem Schaufenster stehen. Wie in ihrem Traum war sie außerstande, den Blick von der Maske loszureißen. Sie spürte, wie ihre Kopfhaut zu prickeln begann, und als das Blut aus ihrem Kopf wich, sprenkelten grelle Farbflecken ihr Blickfeld. Sie wusste, was jetzt geschah: Ihr sinuaortales System, dessen Pressorezeptorenfelder die vasovagale Synkope auslösten, glich den plötzlichen Anstieg des Blutdrucks aus, indem es ihn abrupt – und zu stark – senkte. Nach all den Jahren des Leidens wusste sie jedoch auch, wie sie diesem Prozess entgegenwirken und ihn wieder rückgängig machen konnte.

Atmen, befahl sie sich selbst und schloss die Augen vor der M… vor dem Gegenstand, der die Panikattacke ausgelöst hatte. Tiiief und laaangsam, tiiief und laaangsam … Dann auf die Zehenspitzen, wieder runter, rauf, runter, tief atmen, langsames, ausholendes Schulterkreisen, den Blutkreislauf in Gang bringen, ganz egal, ob sie damit Aufmerksamkeit erregte oder nicht; noch mehr Aufsehen würde sie auf jeden Fall erregen, wenn sie auf dem Gehsteig umkippte – und sich obendrein noch einmal die Nase brach.

Los jetzt, Mädchen, du kannst nicht furchtlos sein, wenn du nie Angst gehabt hast. Wende dich von dem Gegenstand ab, schön langsam, nicht hyperventilieren, und jetzt kannst du die Augen wieder öffnen … jetzt kannst du einen Schritt machen … jetzt noch einen …

Schon lag die Gefahr hinter ihr, sowohl physisch als auch zeitlich. Ebenso wenig gab sie ihr Vorhaben auf, auch wenn sie jetzt einen Umweg von drei weiteren Straßen machen musste. Am Ende kehrte sie allerdings mit leeren Händen – keine Briefe in ihrem Postfach, weder von Pender noch von sonst jemandem – zu einer leeren Einfahrt und einem leeren Haus zurück: auch kein Wayne.

Um sechs Uhr kamen Dorie erste Bedenken; bis acht war sie ernsthaft besorgt; bis zehn hatte sie auf Waynes Anrufbeantworter drei Nachrichten hinterlassen, auf dem seiner Mutter zwei.

Kurz nach elf klingelte das Telefon; Dorie riss den Hörer von der Gabel, zischte »Wo zum Teufel steckst du?« und bekam in aller Deutlichkeit klargemacht, gefälligst auf ihre Wortwahl zu achten. Vera Summers, die in zwei Schichten als private Krankenpflegerin arbeitete, war in Dories Alter und galt als eine das Lob Gottes hinausschreiende, Kirchenlieder singende, alkoholabstinente und nicht fluchende Baptistin, mit der man sich lieber nicht anlegte. »Entschuldige, Vera«, sagte Dorie. »Ich dachte, es wäre Wayne.«

»Entschuldige dich bei Jesus, nicht bei mir. Aber trotzdem, Mädchen, ich habe Wayne seit der Kirche gestern Morgen nicht mehr gesehen. Er ist gestern Abend nicht nach Hause gekommen, hat nicht angerufen, nichts. Wenn du ihn vor mir siehst, sag ihm schon mal, er soll sich gefälligst in Acht nehmen, wenn er seiner Mutter demnächst unter die Augen tritt. Sag ihm auch, er soll mich sofort anrufen, wenn er bei dir auftaucht. Bis dahin werde ich mal sehen, ob ich meinen Bruder Al erreichen kann. Er ist bei der Polizei und könnte schon mal die Maschinerie in Gang setzen.«

»Okay, gib mir Bescheid, wenn du etwas Neues erfährst.«

»Mache ich. Allerdings würde ich mir an deiner Stelle nicht allzu große Sorgen machen – wäre nicht das erste Mal, dass der Junge die ganze Nacht wegbleibt. Wahrscheinlich treibt er sich wieder irgendwo rum.«

Aber Dorie machte sich Sorgen, denn sie wusste etwas, das Vera nicht wusste. Verdammt noch mal, dachte sie und griff wieder nach dem Hörer – wie viele von uns müssen noch sterben, bis endlich jemand auf mich hört?

»Hallo?« Der Mann am anderen Ende der Leitung hörte sich genervt an.

»Hi, hier Dorie. Habe ich dich geweckt?«

Die Stimme wurde freundlicher. »Ach so, hi. Nein, kein Problem – ich bin eine Nachteule. Was gibt’s?«

»Kannst du dich an Wayne Summers erinnern?«

»Hilf mir auf die Sprünge.«

»Er war der einzige Schwarze auf dem Kongress.«

»Ach ja, richtig, der Ornithophobiker. Was ist mit ihm?«

»Er ist vermisst«, sagte Dorie. »Er wollte mich eigentlich heute besuchen, ist aber bis jetzt nicht aufgetaucht.«

»Vielleicht hat er es verschwitzt. So, wie ich den Jungen in Erinnerung habe, hat er keinen sehr zuverlässigen Eindruck gemacht.«

»Nein, ich habe mit seiner Mutter telefoniert. Sie weiß auch nicht, wo er steckt – sie sagt, er wäre gestern Nacht nicht nach Hause gekommen.«

»Hat sie ihn vermisst gemeldet?«

»Bisher noch nicht – aber ihr Bruder, Waynes Onkel, ist bei der Polizei. Er wird sich der Sache annehmen.«

Kurzes Schweigen, dann das Schnippen eines Feuerzeugs und ein zischendes Inhalieren (das unverkennbare Geräusch von jemand, der süchtig nach dem ersten Zug ist), gefolgt von einem prustenden Husten (das unverkennbare Geräusch von jemand, der den Rauch bis zum Gehtnichtmehr in der Lunge behalten hat).

»Alles klar?«, fragte Dorie.

»Ja, ja«, erwiderte er unwirsch. »Ich versuche nur, mich ein bisschen zu beruhigen.« Für Dorie hörte es sich nicht so an, als wäre ihm das gelungen. »Hör zu, Dorito, ich finde das mit Wayne ja schon ein bisschen komisch, aber ich bin sicher, er taucht wieder auf. Trotzdem würde mich interessieren, warum du deswegen eigentlich mich anrufst?«

Bis zu diesem Moment – bis zu dieser Geschichte mit Wayne – hatte es Dorie bewusst vermieden, mit einem ihrer neuen Freunde vom PWSPD-Kongress über ihren Verdacht zu sprechen. Die Phobikerszene war so ziemlich die letzte Gruppe, unter der man Panik auslösen wollte. Außerdem hörte sich ihre Theorie – dass jemand überall in Amerika Phobiker umbrachte und die Morde als Selbstmorde hinzustellen versuchte – ein bisschen paranoid, um nicht zu sagen durchgeknallt an, und das nicht nur für die Behörden, an die sie sich gewandt hatte, sondern sogar für sie selbst. Der Brief, den sie Pender geschickt hatte, war der letzte von zig Entwürfen, und sie hatte es nur geschafft ihn abzuschicken, indem sie ihn einfach in den Umschlag gesteckt und ohne ihn vorher noch einmal zu lesen in den nächsten Briefkasten geworfen hatte.

Aber was ihr am Morgen wie Vorsicht erschienen war, kam ihr am Abend eher wie Versagen vor. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und begann einfach. Sie erzählte ihm vom Tod Carls, Maras und Kims, von ihrem Briefwechsel mit den Police Departments von Las Vegas, Fresno und Chicago, von dem Brief an Pender – sie breitete alles vor ihm aus, und als sie geendet hatte, war das Schweigen am anderen Ende der Leitung so total, dass sie zuerst dachte, die Verbindung wäre unterbrochen.

»Hallo? Hallo, bist du noch dran?«

»Ja, ja – ich bin nur gerade dabei, mein Valium zu suchen.«

»Hey, mal halblang mit deinen Pillen«, warnte Dorie. »Ich will nicht noch mehr Freunde verlieren.«

»Ich mache mir eigentlich mehr Sorgen um dich. Wenn dein Verdacht zutrifft – wovon ich trotz meines inzwischen deutlich angegriffenen Nervenkostüms keineswegs überzeugt bin –, schwebst du in größerer Gefahr als ich, eine alleinstehende Frau und überhaupt.«

»Ich glaube, wir sind alle gefährdet«, entgegnete Dorie. »Wenn du’s genau wissen willst, überlege ich sogar schon, ob ich das nicht in den Chatroom stellen soll.«

»Nein, nein.« Die Reaktion kam ohne Zögern. »Den Chatroom suchen eine Menge labiler Persönlichkeiten auf. Bei einigen von denen könnte so etwas verheerende Folgen haben. Panikattacken, Agoraphobien, unter Umständen sogar Suizide.«

»Was soll ich …«

»Zuallererst beruhige dich. Ich habe so meine Beziehungen. Ich werde ein paar Telefonate führen, mich mit ein paar Leuten in Verbindung setzen. Wenn ich was rausfinde, gebe ich dir Bescheid; und du gibst mir Bescheid, wenn du was erfährst. Aber lass es uns vorerst noch so halten, dass das unter uns bleibt – wir wollen doch in der Szene keine Panik auslösen.«

»Glaubst du wirklich?«, fragte Dorie skeptisch.

»Das glaube ich nicht nur, das weiß ich. Hör zu, ich muss jetzt Schluss machen – hört sich so an, als wäre Missy gerade aufgewacht.«

»Grüß sie schön von mir – und sei bitte vorsichtig.«

»Du auch. Gute Nacht, Dorito.«

»Gute Nacht, Simon.«

Sieben

Montag war für Missy ein einsamer Tag gewesen. Simon hatte Tasha, ihrer Pflegerin, die Woche freigegeben und dann den ganzen Vormittag im Keller verbracht. Und nach dem Mittagessen hatte er sie, statt mit ihr wie versprochen in den Park zu gehen, in ihrem Schlafzimmer untergebracht, ausgestattet nur mit ihren bevorzugten Audrey-Hepburn-Videos (Charade, Frühstück bei Tiffany, Warte bis es dunkel ist), einem Tablett mit Snacks und der strikten Anweisung, das Zimmer nur zu verlassen, wenn sie auf die Toilette musste.

Beim Abendessen war er die ganze Zeit eigenartig abwesend gewesen und hatte ihr keine Beachtung geschenkt. Aber das Essen war gut: Hamburger, Tater Tots, Apfelmus und zum Nachtisch Little Debbiekuchen – sie schlang drei hinunter, bevor er überhaupt etwas merkte, und er zwang sie nicht, irgendwelches Grünzeug zu essen. Außerdem hatte Simon alles selbst für sie gekocht, was es nur noch besser machte.

Nach dem Abendessen schickte er Missy wieder nach oben, während er in den Keller ging und erst in der Mitte der Original Ten O’Clock News wieder hochkam. Missy verpasste die Original Ten O’Clock News kein einziges Mal – sie war total verschossen in Dennis Richmond, den gut aussehenden schwarzen Moderator. Einmal hatte Simon sie zum Telethon mitgenommen, wo sie ihn persönlich kennengelernt und ihm einen Dollar für diese armen Kinder in ihren Rollstühlen gegeben hatte.

Doch selbst nachdem Simon aus dem Keller hochgekommen war, schenkte er Missy keine Beachtung – er ging einfach in sein Zimmer und schloss die Tür. Missy wartete die ganze Zeit, dass er zu ihr kommen und ihr einen Gutenachtkuss geben würde, aber er ließ sich nicht blicken. Sie schlief bei eingeschaltetem Licht und laufendem Fernseher ein, wachte aber im Dunkeln und mit ausgeschaltetem Fernseher auf – vom Klingeln des Telefons war sie geweckt worden. Sie hörte Simon auf der anderen Seite des Flurs sprechen, stieg aus dem Bett und klopfte an die Tür seines Schlafzimmers. Keine Antwort – sie öffnete sie trotzdem, ging durch das Schlafzimmer und steckte den Kopf in Simons kleines Arbeitszimmer. Er saß am Computer.

»Wer hat angerufen?« Ein Fremder hätte We-ha-ahu gehört, aber Simon hatte wie immer keine Mühe, Missy zu verstehen.

»Dorie. Ich soll dich von ihr grüßen.«

Missy beschloss, ihn ein bisschen aufzuziehen. »Du hast mit deiner Freundin telefoniert? Si-mon hat eine Freun-din.«

»Missy, mir ist jetzt nicht nach solchem Quatsch. Geh schnell wieder ins Bett, bevor ich böse werde.«

Oh-oh. Wenn Simon böse sagte, meinte er fuchsteufelswild. Und wenn Simon fuchsteufelswild war, machte er manchmal Dinge, die ihm später leidtaten. Aber das nutzte einem dann auch nicht mehr viel, wenn man derjenige war, dem er diese Dinge antat. »Ich liebe dich«, säuselte sie vorsichtig.

»Ich dich auch«, sagte Simon und kehrte der Tür den Rücken zu. Er hatte ja auch nicht so einen wahnsinnig erfreulichen Tag hinter sich. Das kommt davon, wenn man zu viel zu schnell zu tun versucht, sagte er sich. Die totale Dunkelheit, dann dieser Trick mit der Leber – unersättlich, Simon, unersättlich. Und jetzt, wo Dorie Bell so einen Wirbel machte, musste es früher zu Ende gehen als geplant. Sowohl für Wayne wie auch für Dorie.

Da half kein langes Lamentieren. Aber vielleicht, wenn Wayne merkte, dass es zu Ende ging …

Simon spürte, wie sein Puls bei diesem Gedanken schneller wurde. Ja, das ist es, sagte er sich, das ist es, warum wir das alles tun. Dann merkte er, dass Missy noch immer wie bestellt und nicht abgeholt in der Tür stand. Er drehte sich noch einmal auf seinem Stuhl zu ihr herum. »Na, Schwesterherz, was meinst du, Pfannkuchen zum Frühstück?«

»Prima«, antwortete Missy, die sich die Sirupflasche mit dem lustigen Etikett vorstellte, bei dem sie immer lachen musste. »Pfannkuchen sind toll.«

»Das weiß ich doch. Aber jetzt, husch ins Bett – ich muss wieder in den Keller.«

»Mir gefällt’s im Keller nicht. Da ist es so gruselig.«

»Ich weiß«, sagte er. »Deshalb darfst du da auch nie runtergehen, auf gar keinen Fall.«

»Du musst aber«, sagte sie relativ verständlich. Die U-Laute bekam sie ziemlich gut hin. Ihre Artikulationsprobleme kamen, wie Simon wusste, von der für Down typischen Abflachung des Gaumens, derentwegen Missys Zunge so weit vorstand. Sie waren also nicht unbedingt ein Gradmesser für ihr Begriffsvermögen.

»Ja, ich muss«, sagte er.

»Vie Pass«, antwortete sie und winkte mit einer pummeligen Hand.

Viel Spaß. Unwillkürlich begann er sich beim Anlegen seines neuen D-303 Nachtsichtgeräts mit Einzelobjektiv, Doppelokular und eingebautem Zweistufen-Infrarotleuchtteil zu fragen, ob Missy vielleicht wesentlich mehr mitbekam, als er ihr zutraute.

Acht

Irgendetwas stimmte nicht.

Seit er wieder zu sich gekommen war, hatte Wayne, soweit es Schmerzen, Durst und Hunger zuließen, die letzten paar Stunden damit zugebracht, sich in numerischer Reihenfolge durch die Bach-Suiten zu arbeiten, was ihm auch ziemlich gut gelungen war, bis er bei der fünften, derjenigen, die Casals die stürmische Suite genannt hatte, ins Stocken geriet. Es war keinesfalls so, dass er die Musik nicht im Kopf gehabt hätte – er kannte die Noten auswendig. Aber irgendwie wollte es ihm einfach nicht gelingen, die fünfte Suite zu spielen.

Dann hörte er, mit seinem inneren Ohr, den alten Brotsky: »… die Stimmung, Mr. Summers, die Stimmung.« Er hatte vergessen, die A-Saite auf G runterzustimmen – ein kleiner Trick, mit dem Bach den sonoren Klang des Cellos verstärkt hatte. Danach ging ihm das Stück relativ flüssig von der Hand, obwohl er interessanterweise feststellte, dass er selbst auf einem imaginären Instrument manchmal noch Probleme mit den schwierigen Intervallen hatte, die ihm immer schon schwer gefallen waren.

Er hielt sein noch verbliebenes Auge beim Spielen fest geschlossen. Komisch, dass einen totale Dunkelheit dazu brachte, die Augen zu schließen, dachte er. Vielleicht war sie sonst zu immens, wie die Schwärze des Weltraums – man hatte das Gefühl, für immer und ewig zu fallen.

Doch selbst mit geschlossenem Auge war er so empfänglich für Licht, dass er wusste, wenn die Tür oben am Ende der Treppe geöffnet wurde, mochte das Aufleuchten auch noch so kurz und schwach sein. Er tat sein Bestes, es zu ignorieren und sich umso stärker auf die Bach-Suite zu konzentrieren.

Was die Vögel anging, war etwas Eigenartiges passiert. Möglicherweise war es auf die extreme Anwendung von Dr. Taylors Desensibilisierungstherapie zurückzuführen. Flooding oder Reizüberflutung, der Fachbegriff für die massierte Konfrontation eines Phobikers mit dem Gegenstand seiner Angst, wurde zwar von manchen Psychiatern als die wirksamste Therapieform angesehen, aber wenige Patienten oder Psychiater hatten den Mut dazu, und die Kunstfehlerversicherer waren auch nicht gerade begeistert davon – wenn bei einer massierten Konfrontationstherapie etwas schiefging, dann gleich richtig. Vielleicht hing es auch damit zusammen, dass die Vögel mit ihm das Schicksal des Eingesperrtseins teilten. Aus welchem Grund auch immer, Waynes Ornithophobie war verschwunden: Er stellte fest, dass ihm die Vögel keine Angst mehr machten. Bis auf die Eule. Aber die Angst vor ihr war nicht irrational und ließ sich deshalb nicht als Phobie bezeichnen.

Wahrscheinlich hätte mich schon vor Jahren jemand in einen Raum voller Vögel sperren sollen, dachte Wayne in einem seiner lichteren Momente. Er begann sogar, leise zu lachen.

Wenn ich bloß an das Geld denke, das ich mir für die Therapie hätte sparen können.

Es war wirklich zum Lachen.

Wundermittel gegen Ornithophobie. Allerdings nicht billig – kostet Sie ein Auge und ein Ohr.

Wirklich wahnsinnig komisch.

Außerdem lernt man dabei garantiert besser Cellospielen. Man spielt selbst die schwierigsten Stücke mit auf den Rücken gefesselten Händen.

Inzwischen konnte er sich nicht mehr halten vor Lachen. Er hatte sich nicht mehr im Griff. Hätte nicht aufhören können, selbst wenn sein Leben davon abhinge. Die Vögel flatterten in ihren Käfigen herum.

Meine neuen Freunde.

Er lachte und schluchzte.

Meine reizenden neuen gefiederten Freunde.

Jetzt schluchzte er nur noch, bis er sich ausgeschluchzt hatte. Dann wieder zurück zu Bach. Die sechste – die bukolische. Und denken Sie diesmal daran, Mr. Summers, Ihr Instrument wieder umzustimmen, bevor Sie beginnen.

So ist es schon viel besser, dachte Simon, als Wayne die Fassung zu verlieren begann. Angst gab es in allen möglichen Geschmacksrichtungen, aber je reiner sie war, umso besser – nichts vertrieb die blinde Ratte wirksamer oder verlieh Simon ein intensiveres Gefühl von Lebendigkeit als die Panik eines Phobikers. Und dieses neue Nachtsichtgerät der zweiten Generation konnte sich wirklich sehen lassen. 1.899 Dollar übers Internet, aber es war jeden einzelnen Cent wert. Die Auflösung war beachtlich, vor allem wenn man auf das zusätzlich eingebaute Spot/Flutlicht-Infrarotobjektiv umschaltete, das für den Einsatz in totaler Dunkelheit gedacht war. Damit konnte man jedes Zucken, jedes Zittern, jede Träne und jeden Tropfen Angstschweiß sehen und sogar das dunkelste Blut. Alles natürlich in Grüntönen, aber daran gewöhnte man sich schnell; außerdem verteilte die gepolsterte Kopfhalterung die 700 Gramm Gewicht des Geräts so gleichmäßig, dass es bequem zu tragen war – Simon betrachtete sich als jemand mit langem aristokratischem Hals und feingliedrigem Körperbau.

Aber als Wayne zu schluchzen aufhörte und wieder mit diesem unerträglichen infernalischen Fingerschnippen anfing, griff Simon zum ersten Mal seit dem Eulenangriff wieder ein.

»Ich glaube, ich überlasse dich jetzt den kleineren Vögeln«, sagte er ruhig.

»Simon, du verdammtes Arschloch«, antwortete Wayne. Er konnte sich noch immer nicht an viel von dem erinnern, was nach dem Konzert am Sonntagabend passiert war, aber die Stimme des Mannes, der sich »die Angst an sich« genannt hatte, und insbesondere die Wörter mein Freund hatten eine dieser fragilen Rauchringerinnerungen wach gekitzelt: wie er, den Blick von den Civic-Center-Tauben abgewandt, mit seinem Cellokasten in der Van Ness gestanden und auf ein Taxi gewartet hatte. Und dann das blitzende silberne Mercedes-Cabrio mit Simon Childs am Steuer, das am Straßenrand hielt.

»Hallo, mein Freund, dachte ich mir’s doch, dass Sie das sind, was für ein Zufall, kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?«

Wayne hatte immer schon eine Schwäche für grauhaarige Weiße gehabt, nicht zu reden von silbernen Cabrios; fast hätte er Simon beim PWSPD-Kongress letztes Jahr angebaggert, aber er hatte die ziemlich widersprüchlichen Signale, die der ältere Mann ausgesendet hatte, nicht entschlüsseln können.

Die sexuellen Signale waren nicht die einzigen Widersprüche gewesen, die Wayne aufgefallen waren. Simon Childs war alter Geldadel der dritten Generation, nur zu offensichtlich Oberschicht, aber trotz aller Distinguiertheit war seine Ausdrucksweise mit gerade so viel Straßenjargon durchsetzt, um darauf hinzudeuten, dass er auch einige Zeit mit dem Bodensatz der Gesellschaft in Berührung gekommen war. Dennoch hatte er nie geflucht – Wayne hatte nicht ein einziges Mal auch nur ein Mist oder verdammt über diese edlen Lippen kommen hören.

Wayne hatte Simon allerdings auch nie mit einer Krawatte gesehen, nicht einmal beim PWSPD-Abschlussbankett in Las Vegas – seine Kleidung wirkte immer leger und bequem, aber teuer, und der hervorragende Sitz dieser legeren, bequemen Sachen konnte nur von einem Schneider herrühren. Halb Dandy, halb Prolet, intelligent und belesen, aber mit wenig schulischen und akademischen Qualifikationen war Simon Childs außerdem der lockerste Phobiker, den Wayne kannte. Seine Lockerheit war jedoch nicht die eines steifen Weißen, sondern in ihrer lässigen, schlaksig-legeren Art so perfekt, dass sie wohl einstudiert war.

Am Abend zuvor mussten Simons Signale jedoch deutlich genug gewesen sein, dachte Wayne: Er konnte sich vage an eine wilde Fahrt mit offenem Verdeck in Simons Cabrio erinnern, an ausgelassenes Gelächter und Champagner auf einem Balkon, an das Ablegen von Kleidern in einem Schlafzimmer. Aber alles, was danach kam – totale Mattscheibe. Offensichtlich hatte ihm Childs einen Roofie – eine Rohypnol-Kapsel – in den Champagner gegeben.

Simon, du verdammtes Arschloch? So enttäuscht Simon auch war, schon in einer so frühen Phase des Spiels erkannt worden zu sein, weigerte er sich dennoch, sich auf Waynes Ebene hinabzubegeben. Simon hielt sich viel darauf zugute, selbst dann nicht zu fluchen, wenn er noch so sehr provoziert wurde; es war seine eigene, persönliche Form geistiger Disziplin, die ihm von Großvater Childs, der ebenfalls nicht geflucht hatte, schon in frühester Kindheit mit so mancher Tracht Prügel eingebläut und dann noch einmal kräftig aufgefrischt worden war, als Missy das eine oder andere Schimpfwort, das ihm gelegentlich doch herausrutschte, nachzuplappern begann.

Allerdings kam sich Simon ziemlich blöd vor, als er merkte, dass ihm Wayne auf die Schliche gekommen war. Im Zuge der Vorbereitungen für diese letzte Runde des Angstspiels (die Vorbereitungen waren genauso wichtig – und fast so spannend – wie das Spiel selbst) hatte Simon ein Buch über die Dreharbeiten von Hitchcocks Die Vögel gelesen und erfahren, dass es nahezu unmöglich war, die kleineren Spezies, selbst die aggressiveren, dazu zu bringen, auf Kommando anzugreifen. Im Film war das alles mit Trickaufnahmen und Einblendungen gemacht worden. Außerdem – hinterher dürfte er dann den ganzen Dreck wegputzen und sie wieder in ihre Käfige zurückverfrachten.

»Wayne, hör zu – das ist wichtig.«

»Du kannst mich mal«, zischte Wayne, schloss sein Auge und kehrte zu seinem Bach zurück. Die sechste Suite war in vieler Hinsicht am unbefriedigendsten zu spielen, vielleicht weil sie ursprünglich für ein unbekanntes fünfsaitiges Instru…

Wopp! Ein fester Schlag gegen die Schläfe. Wayne fiel seitwärts auf die Matratze, machte aber keine Anstalten, sich wieder aufzurichten. Scheiß drauf, dachte er, als er die imaginäre tiefste Saite wieder auf A hochstimmte. Wenn man mit auf den Rücken gefesselten Händen auf einem imaginären Cello übte, war es ziemlich egal, ob man saß oder lag.

»Attackiiieren Sie die Gigue, Mr. Summers, schleichen Sie sich nicht an sie heran.« Wenn er sich genügend konzentrierte, konnte Wayne den russisch-jüdischen Akzent des alten Brotsky fast hören. »Sie ist ein Tanz, Mr. Summers, bringen Sie sie zum Tanzen!«

Und so attackierte Wayne die sechste Suite und brachte sie zum Tanzen – seiner Meinung nach war seine Bogenführung nie freier, oder freudiger, gewesen und paradoxerweise auch nie beherrschter. Aber seine Konzentrationsfähigkeit hatte Grenzen: Als Simon ihn zu treten begann, kam er aus dem Takt.

»Wayne! Hör endlich zu, Wayne – du musst etwas für mich tun.«

Das ließ ihn aufhorchen. Chuzpe, wie Brotsky gesagt hätte. Pure Chuzpe. »Was?«

»Du musst etwas für mich schreiben.«

»Lässt du mich dann in Ruhe?« Aus irgendeinem Grund hatte es für Wayne enorme Bedeutung bekommen, den Suitenzyklus zu Ende zu bringen.

»Ja.«

»Du lügst.«

»Na schön, ja. Aber ich schlage dir ein Geschäft vor – wenn du tust, was ich dir sage, verspreche ich dir, es schnell und schmerzlos zu machen.«

Am Ende war es weder schnell noch schmerzlos, doch als Simon dieses Versprechen Wayne gab, glaubte er aufrichtig, die Wahrheit zu sagen. Es war die Angst, auf die es beim Angstspiel ankam, nicht der Schmerz – es brachte nichts, Waynes Leiden zu verlängern.

Allerdings, als Wayne den Brief schrieb, um den Simon ihn bat, hatte Simon etwas zu viel Zeit, um darüber nachzudenken, was für eine Enttäuschung Wayne gewesen war, und sich in der Überzeugung zu bestärken, dass es vollkommen gerechtfertigt wäre, wenn er einen letzten Versuch unternähme, seine nicht unbeträchtlichen Investitionen an Zeit, Mühe und schlichtem hartem Baren wieder hereinzubekommen.

Leider half jedoch alles nichts – die kleineren Vögel hätten genauso gut Origami-Figuren sein können, so wenig Wirkung hatten sie auf den angeblichen Ornithophobiker. Simon ging sogar so weit, Wayne einen Kanarienvogel in den Mund zu stopfen – die einzige Reaktion: dieses hektische Fingerzucken hinter seinem Rücken. Ebenso wenig wollte die Eule ein drittes Mal angreifen, obwohl wieder Blut geflossen war.

Wie lang er auf ihn einschlug, hätte Simon nicht sagen können – wenn ihm der Kragen platzte, verlor er jedes Zeitgefühl. Aber Waynes Finger zuckten noch mehrere Minuten lang weiter, als Simon schon, schluchzend und um Atem ringend, auf die blutige Matratze sank. Es war wie ein Albtraum, etwas aus einer Erzählung von Edgar Allan Poe – Simon, der sich selbst für furchtlos hielt, schaffte es sogar, etwas Pseudogrusel hervorzurufen, indem er mit der Vorstellung spielte, dass diese verflixten Finger noch lange, nachdem er die Hände abgeschnitten hätte, weiterzucken würden.

Aber zu Simons recht gemischter Erleichterung hörte das Zucken nach ein paar weiteren Minuten von selbst auf. Dann war es vorbei, bis auf das Saubermachen, das bis zum Morgen warten müsste. Zum einen war Simon physisch und emotional fix und fertig; zum anderen war nicht auszuschließen, dass der Lärm und die Erschütterungen des Presslufthammers trotz aller schallisolierenden Maßnahmen durch die Luftschächte nach oben drangen und Missy weckten.

II

Die blinde Ratte

Eins

Der Dienstag brach klar und hell an in Georgetown, wo Linda Abruzzi bei ihrer alten Collegezimmergenossin Gloria Gee und deren Mann Jim wohnen konnte, bis sie eine eigene Wohnung gefunden hatte. Es war die Sorte Herbstmorgen, die einen vergessen ließ, dass gleich um die Ecke der Winter lauerte. Auch die Fahrt zum Dienst war nicht so schlimm wie am Montag – nach einer weiteren gründlichen Überprüfung am Tor saß sie um acht an ihrem Schreibtisch. Das Erste, was sie tat, war, Dorie Bells Brief noch einmal durchzulesen.

Dorie Bell

Postfach 139

Carmel-by-the-Sea, CA 93921

(831) 555-1914

1. Oktober 1999

Lieber Agent Pender,

ich weiß nicht, ob dieser Brief Sie überhaupt erreichen wird oder ob Sie ihm, falls er das tut, Beachtung schenken werden, aber in dem letzte Woche erschienenen Herald-Artikel über den Maxwellfall haben Sie davon gesprochen, dass Ihre Abteilung sich damit befasst, Serienmörder aufzuspüren, die an lauter verschiedenen Orten Menschen umbringen. Und genau über so einen Fall möchte ich Ihnen berichten. Jedenfalls weiß ich nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte.

Zuallererst, ich bin nicht verrückt. Ich weiß, jeder Verrückte, der Ihnen schreibt, fängt so an, aber daran kann ich nun mal nichts ändern. Und nur damit Sie nicht denken, ich versuche etwas zu verbergen, will ich Ihnen gleich zu Beginn sagen, dass ich an einer psychischen Störung leide, die sich SPD nennt, die Abkürzung für Specific Phobia Disorder oder spezifische Angststörung. Damit bezeichnet man die irrationale Angst vor einer bestimmten Situation oder einem bestimmten Gegenstand, die so stark ist, dass sie das tägliche Leben der betroffenen Person massiv beeinträchtigt.

Ich weiß, für jemanden wie Sie ist es wahrscheinlich schwer zu verstehen, wie jemand wissen kann, dass eine Angst irrational ist, und sich dennoch in einem solchen Maß negativ von ihr beeinflussen lässt. Aber wie Ihnen jeder Psychiater versichern wird, geht es bei einer Phobie genau darum.

Was mich angeht, leide ich an Prosoponophobie. Das heißt, ich habe Angst vor (auch nur das Wort zu schreiben kostet mich große Überwindung) Masken. Für Sie hört sich das wahrscheinlich ziemlich harmlos an, und es ist auch sicher nicht die schlimmste Phobie, aber es ist auch kein Zuckerlecken, vor allem nicht um Halloween herum.

Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich Ihnen schreibe. Ich schreibe Ihnen, weil ich vergangenes Frühjahr am PWSPD-Kongress (Persons with Specific Phobia Disorder) in Las Vegas teilgenommen habe. Alles in allem war das eine der positivsten Erfahrungen meines Lebens. Nicht nur, dass ich bei dieser Gelegenheit zahlreiche neue Techniken gelernt habe, mit meiner Phobie umzugehen, es hat mich auch enorm aufgebaut zu sehen, wie viele es von uns gibt. Ein Redner sprach von elf Prozent der Bevölkerung.

Und jetzt komme ich zum entscheidenden Punkt. Im vergangenen halben Jahr haben mindestens drei Personen, die an diesem PWSPD-Kongress teilgenommen haben, angeblich Selbstmord begangen. Mindestens sage ich deshalb, weil es möglicherweise noch andere gibt, von denen ich nichts weiß, und angeblich sage ich, weil ich glaube, dass sie keineswegs Selbstmord begangen haben. Ich glaube, sie wurden ermordet – aber es wird am besten sein, ich schildere Ihnen nur die Fakten, die ich kenne, und lasse Sie selbst entscheiden. Was Sie ohnehin tun werden.

Nummer eins: Carl Plander. Las Vegas. Akrophobie. Höhenangst. Sprang oder fiel oder wurde am 12. April, dem letzten Abend des Kongresses, aus einem Fenster im 11. Stock gestoßen.

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