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Angels Of The Dark - Kampf gegen das Böse (3in1)

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

New York Times und USA Today-Bestsellerautorin Gena Showalter gilt als Shooting Star am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. „Verruchte Nächte“ ist der erste Teil ihrer neuen Serie „Angels of the Dark“.

Gena Showalter

Angels of the Dark:
Verruchte Nächte

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Freya Gehrke

 
 
 

  

Liebe Leserin,

vom ersten Moment an, als er in Schwarzes Geheimnis auf den Seiten meiner Reihe über die Herren der Unterwelt auftauchte, war ich fasziniert von dem eiskalten Engel Zacharel. Ich meine, mal im Ernst: ein unsterblicher Krieger, dem es leichter fällt, einen Feind zu töten, als einem Freund ein Lächeln zu schenken? Oh ja, ich musste seine Geheimnisse ergründen.

Außerdem musste ich seine gesamte Welt auf den Kopf stellen – und was hatte ich dabei für einen Spaß! Er hat den Auftrag, die gemeingefährlichsten Wesen zu befehligen, die je geschaffen wurden – eine Armee von Engeln, die kurz davor stehen, für immer aus dem Himmel geworfen zu werden. Er begegnet der ersten Frau, die je sein Blut in Flammen gesetzt hat. Und er läuft Gefahr, seinen wertvollsten Besitz zu verlieren (und nein, ich rede nicht bloß von seiner Jungfräulichkeit).

Wie hätte ich meine neue Serie Angels of the Dark besser beginnen können?

Es müssen Opfer gebracht und Schlachten zwischen Gut und Böse ausgetragen werden (Vorwärts, Team Gut!). Zacharel hat genau eine Chance, das hinzubekommen. Nur eine – und zwar seine letzte. Wenn er versagt, wird ihm alles genommen, was ihm wichtig ist. Sein Status, seine Macht … und sogar seine Liebe.

Ich hoffe, Sie genießen diese Reise genauso sehr, wie ich es genossen habe, sie zu schreiben. Immerhin werden Sie in den Armen eines auserlesenen geflügelten Kriegers reisen …

Alles Gute!
Gena Showalter

Für Jill Monroe,
für ermutigende Anrufe und E-Mails
und dafür, dass wir so oft zusammen gelacht haben!
(Und beachte, dass du an erster Stelle genannt wirst.)

Für Sheila Fields und Betty Sanders,
für die Freundschaft, die Brainstormings
und dafür, dass wir so oft zusammen gelacht haben!

Für Joyce und Emmett Harrison, Leigh Heldermon
und Sony Harrison, für die Unterstützung, die Liebe
und dafür, dass wir so oft zusammen gelacht haben!
(Ja, mit dem Lachen hab ich’s.)

Für Mickey Dowling und Anita Baldwin,
fantastische Ladys, die ich einfach vergöttere!

Für Kresley Cole und Beth Kendrick –
Tausend Dank, Ladys.
Ach was, das ist noch zu wenig. Millionenfacher Dank,
Ladys!

Und für Kathleen Oudit und Tara Scarcello,
weil ihr euch mit dem hier wirklich selbst übertroffen
habt!
Unfassbar bezaubernd!

PROLOG

Am Morgen nach ihrem achtzehnten Geburtstag erwachte Annabelle Miller aus einem wundervollen Traum – und unter grauenhaften Schmerzen. Als wären ihr die Augen herausgerissen, in Säure getaucht und dann zurück in den Schädel gedrückt worden. Das Gefühl sickerte nur ganz langsam in ihr schlafumnebeltes Gehirn. Doch als sie schließlich voll bei Bewusstsein war, verkrampfte sie sich am ganzen Körper, ihr Rücken bog sich durch, ein schriller Schrei drang aus ihrer Kehle.

Mühsam zwang sie ihre Augenlider auf, doch … da war keine Morgendämmerung. Sie war umgeben von nichts als Dunkelheit.

Der Schmerz breitete sich aus, schoss viel zu schnell durch ihre Adern und drohte sich durch ihre Haut den Weg nach außen zu bahnen. Hektisch rieb sie sich die Augen, in der Hoffnung, wegzuwischen, was immer für das Problem verantwortlich sein mochte. Als das nicht half, begann sie zu kratzen. Bald waren ihre Hände von einer warmen Flüssigkeit überzogen.

Blut?

Ein weiterer Schrei entrang sich ihrer Kehle, und noch einer und noch einer, und jeder schien ihr den Hals aufzureißen wie eine scharfe Glasscherbe. Innerhalb von Sekunden hatte die Panik sie vollkommen in ihren Klauen. Sie blutete, war blind und … lag im Sterben?

Das Quietschen von Scharnieren, dann Stöckelschuhe auf Holzfußboden. „Annabelle? Alles in Ordnung?“ Eine Pause, dann ein zischendes Luftholen. „Oh, Kleines, deine Augen. Was ist mit deinen Augen passiert? Rick! Rick! Komm schnell!“

Ihre Mutter war hier. Jetzt würde alles gut werden.

Harte, schnelle Schritte ertönten wie von weither, dann hörte sie ein weiteres entsetztes Aufkeuchen. „Was ist mit ihrem Gesicht passiert?“, rief ihr Vater.

„Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Sie sah schon so aus, als ich reingekommen bin.“

„Annabelle, Liebes.“ Ihr Vater, jetzt ganz sanft, so besorgt. „Kannst du mich hören? Kannst du mir sagen, was mit dir passiert ist?“

Annabelle versuchte zu sprechen – Daddy, hilf mir, bitte hilf mir –, doch die Worte verstopften ihr die Kehle, saßen fest wie diamantharte Splitter, die sie nicht herausbekam. Und, oh gütiger Himmel, jetzt fraß sich das Brennen bis in ihre Brust, loderte mit jedem Herzschlag auf.

Starke Arme schoben sich unter sie, einer an den Schultern, der andere an den Knien, und hoben sie vom Bett. So sanft die Bewegung auch war, schüttelte sie sie doch durch und vervielfachte ihre Qualen. Jeder Muskel ihres Körpers zog sich zusammen in dem Versuch, die unerträglich schmerzhaften Stöße zu stoppen, doch das machte alles nur noch schlimmer.

„Ich bin bei dir, Liebes“, sagte ihr Dad, immer noch im selben liebevollen Ton. „Wir bringen dich ins Krankenhaus und alles wird wieder gut. Versprochen.“

Sie glaubte ihm und spürte, wie die Panik ein wenig nachließ. Noch nie hatte er ihr etwas versprochen, das er nicht halten konnte. Wenn er glaubte, alles würde wieder gut, dann würde es auch so sein.

Anscheinend hatte er sie bis zu seinem Geländewagen in der Garage getragen. Sie hörte, wie er die Tür öffnete, dann legte er sie sanft auf die breite Rückbank. Den ganzen Weg über war ihnen das Schluchzen ihrer Mutter gefolgt. Ihr Vater machte sich nicht erst die Mühe, sie anzuschnallen, sondern schloss nur die Tür. Annabelle war allein im Wagen. Jeden Moment rechnete sie damit, dass die Fahrertür aufginge, dann die Tür ihrer Mutter auf der Beifahrerseite. Wartete darauf, dass ihre Eltern ins Auto steigen und sie ins Krankenhaus fahren würden. Wie versprochen. Doch … nichts geschah.

Annabelle wartete … und wartete … Quälend langsam verstrichen die Sekunden. Trotz ihres abgehackten Atmens nahm sie auf einmal den Gestank von fauligen Eiern wahr, übelriechend und so scharf, dass er ihr in der Nase brannte. Annabelle fuhr zusammen, verwirrt und verängstigt von der Veränderung – und immer noch allein in ihrer ganz persönlichen Dunkelheit.

„Daddy?“, fragte sie. Sie spürte ihre Ohren zucken, als sie angestrengt auf eine Antwort lauschte, doch sie hörte nur …

Durch die Fensterscheiben gedämpfte Stimmen.

Das schrille Kreischen von Metall, das über Metall kratzte.

Ein unheimliches Lachen …

… ein schmerzerfülltes Grunzen.

„Lauf ins Haus, Saki“, rief ihr Vater, und in seiner Stimme lag ein Grauen, wie Annabelle es noch nie bei ihm vernommen hatte. „Jetzt!“

Saki, ihre jetzt kreischende Mutter.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht kämpfte Annabelle sich hoch, bis sie aufrecht saß. Wieder rieb sie sich die Augen. Wie durch ein Wunder ließ das unerträgliche Brennen nach, und als sie das Blut wegwischte, erschienen winzige Lichtstrahlen in ihrem Sichtfeld. Eine Sekunde verstrich, dann zwei, und das Licht breitete sich aus, Farben erschienen, hier Blau, dort Gelb, bis sie die gesamte Garage im Blick hatte.

„Ich bin nicht blind!“, rief sie aus, doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer.

Schock mischte sich mit Entsetzen und donnerte wie eine unaufhaltsame Lawine durch ihren Leib. Denn sie hatte ihren Vater entdeckt, der sich an der gegenüberliegenden Wand schützend vor ihre Mutter gestellt hatte. Panisch flackerte sein Blick umher, schien nie etwas Bestimmtes zu erfassen. Seine Wangen zeichneten grausige Schnitte, aus denen langsam Blut tropfte.

Was war mit ihm geschehen? In der Garage war niemand sonst und …

Als wäre es ein 3-D-Film, erschien aus dem Nichts ein Mann vor ihren Eltern.

Nein, kein Mann, ein … ein … was war das?

Panisch krabbelte Annabelle rückwärts und stieß an die andere Seitentür des Wagens. Der Neuankömmling war kein Mensch, sondern eine Kreatur direkt aus den Tiefen ihrer schlimmsten Albträume. Wieder stieg ein Schrei in ihr empor, doch er blieb in ihrer zerfetzten Kehle stecken. Plötzlich konnte sie nicht mehr atmen, konnte nur voller Ekel starren.

Das … Ding war unnatürlich groß, es stieß mit dem Kopf fast an die Decke. Es hatte einen Körperbau wie ein Barbarenkrieger und Fangzähne, wie sie sie höchstens aus Vampirromanen kannte. Seine Haut war tiefdunkelrot und spiegelglatt. Von seinen krallenbewehrten Fingern tropfte Blut. Über seinen Schultern erhoben sich knorrige Flügel in tiefstem Schwarz und aus seinem Rückgrat trat eine Reihe von kleinen Hörnern hervor. Am unteren Ende wuchs ein langer, dünner Schwanz, dessen blutige pfeilförmige Spitze metallisch über den Boden klirrte, während er bedrohlich hin und her fuhr, hin und her.

Was auch immer das war, sie wusste, es war verantwortlich für die Wunden ihres Vaters – und es würde ihm noch mehr zufügen.

Angst übertönte jede andere Empfindung in ihr, und trotzdem schoss sie nach vorn, hieb mit den Fäusten gegen die Scheibe und fand ihre Stimme wieder. „Lass meine Eltern in Ruhe!“

Das Ungeheuer sah sich zu ihr um – mit schockierend schönen Augen, die sie an frisch geschliffene Rubine erinnerten – und fletschte rasiermesserscharfe Zähne zur Parodie eines Grinsens. Und dann hieb es mit den Klauen durch die Kehle ihres Vaters.

Im nächsten Augenblick klatschten Blut und Fleischstücke auf das Fenster des Wagens und versperrten Annabelle die Sicht. Aber nicht genug, um zu verbergen, wie ihr Vater zusammenbrach. Er schlug auf dem Boden auf, die Hände um den triefenden Hals geklammert, den Mund aufgerissen im Ringen nach Luft, die er nicht bekommen konnte, nicht bekommen würde.

Aus ihrer Kehle drang ein Schluchzen, entstanden aus Ungläubigkeit und verschärft durch Wut.

Ihre Mutter schrie, als sie wie ihr Vater zuvor mit weit aufgerissenen Augen in der Garage umherblickte, als hätte sie keinen Schimmer, woher die Bedrohung kam, aber genau wüsste, dass sie dort war. Die rot gesprenkelten Hände hatte sie über dem Mund zusammengeschlagen, während ihr Tränen über die Wangen liefen und das Blut verschmierten, das dort gelandet war.

„T-tu uns nichts“, schluchzte sie. „Bitte nicht.“

Eine gespaltene Zunge schoss hervor, als wollte das Wesen ihre Angst schmecken. „Ich mag es, wie du bettelst, Weib.“

„Stopp!“, schrie Annabelle. Ich muss ihr helfen, muss ihr helfen. Sie riss die Tür auf, rutschte aus in … Nein. Nein, nein, nein. Würgend kämpfte sie sich hoch. „Du musst aufhören!“

„Lauf, Annabelle. Lauf!“

Und wieder das unheimliche Gelächter. Dann schlugen die Klauen erneut zu und schnitten ihrer Mutter das Wort ab. Sie brach zusammen.

Vor Schock bewegungsunfähig, sackten Annabelle die Knie weg. Noch ein Körper am Boden, zuckend … dann still.

„Das kann nicht sein“, brabbelte sie. „Das passiert nicht wirklich.“

„Oh doch“, sagte die Kreatur mit tiefer, rauer Stimme. Es schwang ein amüsierter Unterton mit, als sei der Mord an ihren Eltern nichts als ein Spiel.

Mord.

Mord.

Nein. Nicht Mord. Dieses Wort konnte sie nicht akzeptieren. Dieses … Ungeheuer hatte sie angegriffen, aber sie würden es schaffen. Sie mussten es schaffen. Hart hämmerte ihr Herz gegen die Rippen und brennend stieg Galle in ihrer Brust empor, an ihrem Kehlkopf vorbei. Sie würgte. Das hier war nicht echt. Es konnte nicht echt sein. „D-die Polizei ist unterwegs“, log sie. Rieten die Experten in den Reality-Shows im Fernsehen nicht immer, das solle man tun, um sich zu retten? Behaupten, dass Hilfe auf dem Weg sei? „Geh. Verschwinde. Du willst doch nicht noch m-mehr Ärger kriegen, o-oder?“

„Mmh, mehr Ärger hört sich großartig an.“ Das Monster wandte sich um, blickte sie geradeheraus an und grinste noch breiter. „Ich werde es dir beweisen.“ Und dann begann es, die am Boden liegenden Körper zu zerfetz…fetz…fetzen … Kleider und Haut rissen, Knochen krachten, Gewebematsch flog.

Ich kann nicht denken.

Kann nicht… Oh, und wie sie das konnte. Sie wusste es. Wenn ihre Eltern überhaupt eine Chance gehabt hatten, durchzukommen, zerfiel sie gerade zu Asche.

Beweg dich! Du hast zugelassen, dass dieses Ding die Menschen verstümmelt, die du liebst. Wirst du ihm auch erlauben, dich zu verstümmeln? Und was ist mit deinem Bruder, oben in seinem Zimmer – wahrscheinlich schlafend, allein und vollkommen ahnungslos?

Nein. NEIN! Mit einem Schrei aus den Tiefen ihrer schmerzzerrissenen Seele warf sie sich gegen die breite, harte Brust und schlug auf diese hässliche Visage ein. Das Monster stolperte zurück, erholte sich jedoch schnell, warf sie zu Boden und drückte sie mit seinem Körpergewicht nach unten. Seine ausgebreiteten Flügel verdeckten den Rest der Welt, als würden nur sie beide existieren.

Sie schlug und schlug und schlug, doch die Kreatur versuchte nicht einmal, die Klauen in sie zu rammen. Stattdessen wehrte es ihre Hände abwesend ab und versuchte sie zu … küssen? Lachend, lachend, ohne je mit dem Gelächter aufzuhören, presste es die Lippen auf ihre, blies ihr seinen stinkenden Atem in den Mund und bebte vor offensichtlich überwältigender Lust.

„Hör auf“, schrie sie, doch das Monster stieß ihr die Zunge so tief in den Hals, dass sie aufs Neue würgen musste.

Als es den Kopf hob, blieb ein glühend heißer Schleim zurück, der ihre untere Gesichtshälfte bedeckte. Ekstatisch leuchteten seine Augen. „Oh ja, das wird ein Spaß“, sagte es – und dann war es fort, verschwunden in einer Wolke Übelkeit erregenden Rauchs.

Eine lange Zeit war Annabelle körperlich und seelisch wie gelähmt von ihren außer Kontrolle geratenen Emotionen. Angst … Schock … Trauer … Unentrinnbar senkten sie sich schwer auf ihre Brust, erstickten sie.

Mach was! Endlich, ein aufflackernder Gedanke. Es könnte jeden Moment zurückkommen.

Diese Erkenntnis befreite sie aus ihrer Lähmung und setzte sie schließlich in Bewegung. „Brax!“, schrie sie. Ihr großer Bruder konnte ihr helfen, die Überreste ihrer Eltern in Sicherheit zu bringen. „Brax!“ Rutschend und schlitternd krabbelte Annabelle zu den Leichen ihrer Eltern. Leichen, die sie nicht wieder zusammensetzen konnte, sosehr sie sich auch bemühen mochte.

Stolpernd schleppte sie sich ins Haus und wählte den Notruf. Nach einer hastigen Erklärung ließ sie den Hörer fallen und rannte panisch nach ihrem Bruder rufend die Treppe hinauf. Sie fand ihn seelenruhig schlafend in seinem Zimmer.

„Brax. Wach auf. Du musst aufwachen.“ Egal wie grob sie ihn schüttelte, er murmelte bloß vor sich hin, dass er noch ein paar Minuten liegen bleiben wollte.

Sie blieb bei ihm, beschützte ihn, bis schließlich die ersten Einsatzkräfte eintrafen. Doch auch sie konnten ihre Eltern nicht wieder zusammensetzen. Bald darauf kam auch die Polizei – und binnen einer Stunde wurde Annabelle des Mordes an ihren Eltern beschuldigt.

1. KAPITEL

Vier Jahre später

Wie fühlen Sie sich dabei, Annabelle?“ Die Betonung der Männerstimme lag auf dem Wort „fühlen“ und verlieh dem Satz einen ekelhaft schmierigen Anstrich.

Annabelle neigte den Kopf zur Seite, den Blick auf Dr. Fitzherbert fixiert, während sie die anderen Patienten in ihrem „Kreis des Vertrauens“ aus dem Augenwinkel ebenfalls beobachtete. Der Arzt, Anfang vierzig, hatte langsam dünner werdendes, aber gepflegt ergrauendes Haar, dunkelbraune Augen und perfekt gebräunte Haut – wenn auch ein paar kleine Falten. Mit seinen eins fünfundfünfzig war er kaum größer als sie, eher schmächtig und, wenn man von seiner rabenschwarzen Seele absah, einigermaßen attraktiv.

Je länger sie ihn schweigend anstarrte, desto mehr wanderten seine Mundwinkel nach oben. Wie sehr diese Selbstzufriedenheit an ihr nagte – was sie sich jedoch niemals würde anmerken lassen. Niemals würde sie willentlich etwas tun, das ihm gefallen würde, und genauso wenig würde sie ihm gegenüber den Schwanz einziehen. Ja, er war ein abscheuliches Monster, machtgierig, selbstsüchtig und mit dem Konzept der Wahrheit nur flüchtig vertraut, und ja, er konnte ihr wehtun. Er würde ihr wehtun.

Hatte es bereits getan. Letzte Nacht hatte er sie unter Drogen gesetzt. Na ja, unter Drogen gesetzt hatte er sie jeden Tag seit seiner Einstellung bei der Einrichtung für geistesgestörte Straftäter des Moffat County vor zwei Monaten. Aber letzte Nacht hatte er sie sediert, um sie auszuziehen, sie auf eine Art anzufassen, wie er es niemals hätte tun dürfen, und Fotos von ihr zu machen.

So ein hübsches Mädchen, hatte er gesagt. Da draußen in der realen Welt würde mich eine Sexbombe wie du selbst für ein einfaches Date zum Abendessen auf Knien betteln lassen. Und hier bist du mir vollkommen ausgeliefert. Ich kann mit dir machen, was ich will. Und ich will vieles.

Noch immer glühte die Erniedrigung in ihr, ein Feuer in ihren Adern, doch sie würde keine Schwäche zeigen. Sie wusste es besser.

In den letzten vier Jahren hatten die Ärzte und Pfleger, die für sie zuständig waren, öfter gewechselt als ihre Zellengenossen. Manche waren echte Koryphäen ihrer Zunft gewesen, andere hatten bloß ihren Job gemacht und getan, was getan werden musste. Einige wenige jedoch waren schlimmer als die verurteilten Kriminellen, die sie behandeln sollten. Je mehr sie nachgab, desto schlimmer misshandelten diese Angestellten sie. Also blieb sie immer wachsam.

Wenn sie in den vergangenen Jahren eins gelernt hatte, dann, dass sie sich auf niemanden als sich selbst verlassen konnte. Ihre Beschwerden über Misshandlungen durch das Personal verliefen jedes Mal im Sand, denn die meisten der Institutsleiter schienen zu finden, sie verdiente, was sie bekam. Sofern sie ihr überhaupt glaubten.

„Annabelle“, tadelte Fitzpervers. „Schweigen wird hier nicht geduldet.“

Na dann. „Ich fühle mich zu hundert Prozent geheilt. Ich schätze, Sie sollten mich entlassen.“

Verärgert runzelte er die Stirn, ganz nach dem Motto Ich bin so ein guter Arzt, ich könnte dich retten, wenn du mich nur lassen würdest. „Sie wissen es doch besser, als meine Fragen so schnippisch zu beantworten. Das hilft Ihnen nicht, mit Ihren Emotionen oder Ihren Problemen zurechtzukommen. Das hilft niemandem hier, mit seinen Emotionen oder Problemen zurechtzukommen.“

„Ah, dann bin ich ja ganz ähnlich wie Sie.“ Als würde er sich darum scheren, irgendjemandem zu helfen außer sich selbst.

Einige der anderen Patienten kicherten hämisch. Andere sabberten unbeeindruckt weiter, sammelten schaumige Bläschen aus brabbelnden Mundwinkeln auf den Schultern ihrer Zwangsjacken.

Da verwandelte sich der Tadel auf Fitzpervers’ Gesicht in Ärger, und der Arzt gab sich nicht einmal mehr den Anschein von Hilfsbereitschaft. Er genoss seine Macht, und er würde nicht zögern, sie für ihre Herausforderung zu bestrafen. „Diese große Klappe wird Sie in Schwierigkeiten bringen.“

Keine Drohung. Ein Versprechen. Egal. Sie lebte in ständiger Angst vor knarrenden Türen, Schatten und dem Geräusch von Schritten. Vor Medikamenten und Menschen und … Dingen. Vor sich selbst. Was machte da eine weitere Bedrohung aus? Obwohl … Wenn sie so weitermachte, würden ihre Emotionen sie noch ins Grab bringen.

„Ich würde Ihnen sehr gern erzählen, wie ich mich fühle, Dr. Fitzherbert“, schaltete sich der Mann neben ihr ein.

Fitzpervers fuhr sich mit der Zunge über die Zähne, bevor er die Aufmerksamkeit auf den Serien-Brandstifter richtete, der ein Apartmentgebäude angesteckt hatte. Samt den Männern, Frauen und Kindern, die darin gewohnt hatten.

Während die Gruppe über Gefühle und Zwänge sprach und über Wege, beides zu kontrollieren, klinkte Annabelle sich aus. Jedenfalls größtenteils. Wo auch immer sie war, mit wem es auch sein mochte, ein Teil von ihr war jederzeit in Alarmbereitschaft. Man konnte nie wissen, wann eine Bedrohung auftauchen würde, sei sie menschlich oder … etwas anderes.

Aus Gewohnheit unterzog sie ihre Umgebung einem prüfenden Blick. Der Raum war genauso trist wie ihr Leben. An den geweißten Deckenpaneelen breiteten sich hässliche gelbe Wasserflecken aus, von den Wänden löste sich die graue Tapete ab und der braune Wollteppich am Boden war zerschlissen. Die einzigen Möbel im Raum waren die unbequemen Metallstühle, auf denen die Anwesenden saßen. Fitzpervers thronte natürlich auf einem eigens für ihn bereitgelegten Kissen.

Dagegen waren Annabelle die Hände mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt, sodass ihre sowieso schon überbeanspruchten Muskeln und Sehnen unangenehm gespannt waren. Wenn man sich überlegte, wie viel Betäubungsmittel durch ihre Blutbahn rauschte, waren die Handschellen eigentlich überflüssig. Aber vor vier Wochen hatte sie sich mit zwei Mitinsassen bis aufs Blut geschlagen und zwei Wochen danach mit einem ihrer Pfleger. Also wurde sie als zu gefährlich eingestuft, um sich ohne Fesseln bewegen zu dürfen – dabei interessierte es niemanden, dass sie sich nur verteidigt hatte.

Die letzten dreizehn Tage über war sie im „Loch“ eingesperrt gewesen, einer dunklen Gummizelle, in der das Fehlen von Sinnesreizen den Insassen langsam in den (echten) Wahnsinn trieb. Ihr Hunger nach menschlichem Kontakt war so übermächtig gewesen, dass sie geglaubt hatte, jede Art von Interaktion wäre ihr recht – bis Fitzpervers sie betäubt und fotografiert hatte.

Heute früh hatte er sie dann aus der Isolationshaft geholt und diesen Ausflug für sie arrangiert. Ein Bestechungsversuch à la Sei nett zu mir und ich bin nett zu dir.

Wenn Mom und Dad mich jetzt sehen könnten … Mühsam unterdrückte sie ein plötzliches Schluchzen. Das unschuldige, naive Mädchen, das sie einst gewesen war, gab es nicht mehr. Es war am selben Tag gestorben wie ihre Eltern, doch sein Geist lebte in ihr fort, verfolgte sie. In den schlimmsten Momenten erinnerte es sich an Dinge, an die Annabelle sich niemals erinnern sollte.

Probier mal, Liebes. Das ist das Beste, was du je essen wirst!

Was für eine furchtbare Köchin ihre Mutter gewesen war. Sakis Lieblingsbeschäftigung war es gewesen, Rezepte zu frisieren, um sie zu „verbessern“.

Hast du das gesehen? Noch ein Touchdown für die Sooners!

Ihr Dad, ein begeisterter Footballfan. Drei Semester lang war er an der Universität von Oklahoma eingeschrieben gewesen, und noch Jahrzehnte später hatte er gebannt verfolgt, wie sich das Footballteam schlug.

Sie durfte nicht an sie denken, an ihre Mutter, ihren Vater, wie wundervoll sie beide gewesen waren … und … Oh, sie konnte es nicht aufhalten … Vor ihren Augen nahm das Bild ihrer Mutter Gestalt an. Ein Wasserfall von Haar, das so schwarz gewesen war, dass es fast blau ausgesehen hatte, ganz ähnlich wie bei Annabelle. Schrägstehende goldene Mandelaugen, wie früher bei Annabelle. Samtige Haut in einer Farbe zwischen Honig und Zimt ohne den kleinsten Makel. Saki Miller – geboren als Saki Tanaka – war in Japan zur Welt gekommen, aber in Georgetown, Colorado, aufgewachsen.

Als traditionsbewusste Japaner waren Sakis Eltern fast durchgedreht, als sie sich Hals über Kopf in Rick Miller – einen Weißen, wie er im Buche stand – verliebt und ihn geheiratet hatte. Er war für die Ferien vom College nach Hause gekommen, ihr begegnet und wieder in die Heimat gezogen, um mit ihr zusammen sein zu können.

Sowohl Annabelle als auch ihr großer Bruder hatten Züge von beiden Eltern geerbt. Haare und Hautfarbe kamen von ihrer Mutter, genau wie die Gesichtsform. Doch den großen, schlanken – in Brax’ Fall trotzdem muskulösen – Körperbau hatten sie von ihrem Vater.

Doch Annabelles Augen hatten nichts mehr mit Saki oder Rick zu tun.

Nach jenem grauenvollen Morgen in der Garage, nachdem man sie für die Morde festgenommen hatte, nach ihrer Verurteilung zu lebenslanger Sicherheitsverwahrung in dieser Einrichtung für geistesgestörte Straftäter hatte sie endlich den Mut gefunden, in einen Spiegel zu sehen. Was sie erblickt hatte, war ein Schock gewesen. Eisfarbene Augen, kalt wie das Zentrum eines Schneesturms in der Arktis, unheimlich und kristallen, mit dem winzigsten Hauch von Blau – und keinem Schimmer von Menschlichkeit. Doch was viel schlimmer war: Mit diesen Augen konnte sie Dinge sehen, die niemand jemals sehen sollte.

Und oh nein, nein, nein. Während der „Kreis des Vertrauens“ weiterjammerte, schritten zwei Kreaturen durch die Wand am anderen Ende des Raums und hielten an, um sich zu orientieren. Erwartungsvoll blickte sie zu ihren Mitpatienten, rechnete mit panischen Schreien. Doch außer ihr schien niemand die Besucher zu bemerken.

Wie war das möglich? Eine der Kreaturen hatte den Körper eines Pferdes und den Oberkörper eines Mannes. Anstelle von Haut war sein Körper überzogen mit silbern glitzerndem … Metall? Seine Hufe hatten die Farbe von Rost und waren vermutlich auch aus einer Art Metall – und zu tödlichen Spitzen zurechtgefeilt.

Sein Begleiter war kleiner und hatte hängende Schultern, aus denen gefährlich aussehende Hörner hervorragten, und seine Beine schienen auf unnatürliche Weise verdreht. Als einziges Kleidungsstück trug er einen Lendenschurz. Seine Brust war fellüberzogen, muskulös und vernarbt.

Vertraut und entsetzlich zugleich, erfüllte der Gestank fauliger Eier den Raum. Panik und Zorn durchfluteten sie, eine gefährliche Mischung, von der sie sich nicht überwältigen lassen durfte. Das würde sie nur ihre Konzentration kosten und ihre Reflexe verlangsamen – ihre einzigen Waffen.

Und sie brauchte Waffen.

Sie erschienen in allen Formen und Größen, sämtlichen Farben, beiden Geschlechtern – und vielleicht auch etwas dazwischen –, aber eins hatten sie gemeinsam: Immer hatten sie es auf Annabelle abgesehen.

Jeder Arzt, in dessen Behandlung sie gewesen war, hatte versucht, sie zu überzeugen, diese Wesen wären bloße Ausgeburten ihrer Fantasie. Komplexe Halluzinationen, hatten sie behauptet. Trotz der Wunden, die immer zurückblieben – Wunden, von denen die Ärzte behaupteten, sie würde sie sich irgendwie selbst zufügen –, glaubte sie ihnen manchmal. Doch das hielt sie nicht davon ab, sich zu wehren. Nichts würde das je können.

Rot glühende Blicke schwenkten durch den Raum und blieben schließlich an ihr hängen. Beide Ungeheuer lächelten und entblößten dabei ihre scharfen, tropfenden Fangzähne.

„Meins“, sagte Pferdefresse.

„Nein. Meins!“, fauchte Hörnchen.

„Gibt nur einen Weg, das zu klären.“ Pferdefresse leckte sich voller Vorfreude die Lippen.

„Auf die spaßige Art“, stimmte Hörnchen zu.

Spaß. Das war Monstersprache für „Annabelle die Seele aus dem Leib prügeln“. Wenigstens würden sie nicht versuchen, sie zu vergewaltigen.

Verstehen Sie denn nicht, Annabelle? hatte einer der Ärzte einmal gefragt. Die Tatsache, dass diese Kreaturen Sie nicht vergewaltigen, beweist, dass sie nur Halluzinationen sind. Ihr Geist hindert sie daran, etwas zu tun, womit Sie nicht umgehen könnten.

Als könnte sie mit dem Rest umgehen. Wie erklären Sie sich denn die Verletzungen, die mir zugefügt werden, während ich gefesselt bin?

Wir haben die Waffen gefunden, die Sie in Ihrer Zelle versteckt hatten, Annabelle. Stichwaffen, einen Hammer, von dem wir immer noch nicht wissen, woher Sie ihn haben, Glasscherben. Soll ich weitermachen?

„Wer ist zuerst dran?“, fragte Pferdefresse und holte sie aus der deprimierenden Erinnerung zurück in die Gegenwart.

„Ich.“

„Nein, ich.“

Sie stritten sich weiter, aber der Aufschub würde nicht von Dauer sein. Das war er niemals. Adrenalin rauschte durch ihre Adern, brachte sie zum Frösteln. Keine Sorge. Du schaffst das.

Auch wenn keiner der anderen Patienten mitbekam, was geschah, nahmen sie doch alle Annabelles veränderte Stimmung wahr. Grunzen und Stöhnen ertönte um sie herum. Männer und Frauen, Jung und Alt wanden sich auf ihren Stühlen, wären am liebsten weggelaufen.

Die Wachen, die am einzigen Ausgang bereitstanden, versteiften sich, gingen in Alarmbereitschaft, waren sich aber nicht sicher, woher die Gefahr drohte.

Fitzpervers wusste es und durchbohrte Annabelle mit seinem patentierten Ich-bin-der-König-der-Welt-Blick. „Sie sehen beunruhigt aus, Annabelle. Warum erzählen Sie uns nicht, was Sie bedrückt, hm? Bereuen Sie Ihren Ausbruch von vorhin?“

„Fick dich, Fitzpervers.“ Augenblicklich wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Gegnern zu. Die waren die größere Bedrohung. „Du bist auch noch dran.“

Scharf atmete er ein. „Es ist Ihnen nicht gestattet, so mit mir zu reden, Miss Miller.“

„Sie haben recht. Entschuldigung. Ich wollte sagen: Ficken Sie sich, Doktor Fitzpervers.“ Unbewaffnet ist nicht gleich hilflos, rief sie sich in Erinnerung. Genauso wenig wie gefesselt. Das würde sie den Kreaturen und Fitzpervers heute beweisen.

„Feurig“, freute sich Pferdefresse mit einem entzückten Nicken.

„Die mach ich am liebsten fertig“, gackerte Hörnchen.

„Solange ich sie fertigmachen darf!“

Aus dem Augenwinkel sah sie den guten Doktor eine der Wachen heranwinken. Sie wusste, gleich würde der Kerl ihren Kiefer wie mit einem Schraubstock packen und ihre Wange gegen seinen Bauch pressen, um sie bewegungsunfähig zu machen. Eine degradierende und anzügliche Haltung, die genauso sehr erniedrigte, wie sie einschüchterte, und sie daran hinderte, zu beißen, damit Fitzherbert ihr ein Betäubungsmittel spritzen konnte.

Ich muss sofort handeln. Keine Zeit mehr. In einer fließenden Bewegung zog sie die Knie an die Brust, schob die gefesselten Hände unter ihrem Hintern durch und zog sie über die Füße. War der Gymnastikunterricht also doch für etwas gut gewesen. Jetzt, mit den Händen vor dem Körper, wirbelte sie herum, packte den Stuhl und klappte ihn zusammen, sodass sie ihn wie einen Schild vor sich halten konnte.

Perfektes Timing. Die Wache hatte sie erreicht.

Kraftvoll schwang sie ihren Schild – und ihre einzige Waffe – genau in die Magengrube des Mannes. Zischend rauschte die Luft aus seinem Mund, als er vorneüberklappte. Ein weiterer Schwinger, und sie traf ihn an der Schläfe, schickte ihn als bewusstloses Häuflein zu Boden.

Ein paar der Patienten schrien aufgeregt durcheinander, andere feuerten sie an. Die Sabbermäuler sabberten weiter. Fitzpervers stürzte zur Tür, um die zweite Wache zu zwingen, als sein Schutzschild zu fungieren, und zugleich mit einem Knopfdruck Verstärkung zu rufen. Eine Alarmsirene hob an und peitschte die ohnehin schon aufgewühlten Patienten noch weiter auf.

Währenddessen waren die unheimlichen Besucher es offensichtlich leid geworden, sich anzukeifen, und schlichen auf sie zu, langsam, aber unaufhaltsam, höhnisch auf sie einredend.

„Oh, was ich mit dir anstellen werde, kleines Mädchen.“

„Oh, wie du schreien wirst!“

Näher … näher … fast in Reichweite … voll in Reichweite … Sie holte mit dem Stuhl aus. Verfehlte sie. Die beiden lachten, wichen auseinander und griffen gleichzeitig nach ihr.

Mit dem Stuhl schlug sie ein Paar Hände weg, doch sie konnte nicht beide gleichzeitig abwehren, und der andere kratzte ihre Schulter auf. Sie zuckte zusammen, schenkte dem Schmerz jedoch keine weitere Beachtung, wirbelte herum, um – ins Leere zu treffen, immer nur ins Leere.

Ich schaff das. Als Pferdefresse vor ihr war, rammte sie ihm die Stuhllehne so hart unters Kinn, dass ihm die Zähne zusammenschlugen – und das Gehirn, falls er eins hatte, an die Schädeldecke klatschte. Gleichzeitig trat sie nach hinten aus und traf Hörnchen am Solarplexus. Beide Kreaturen stolperten zurück und das Grinsen verschwand von ihren Gesichtern.

„Ist das alles, was ihr draufhabt, Mädels?“, spottete sie. Noch zwei Minuten, länger hatte sie nicht, bevor die Verstärkung käme und sie zu Boden werfen und fesseln würde. Dann wären Fitzpervers und seine Nadel wieder am Drücker. Vorher wollte sie diese Kreaturen erledigen.

„Das wirst du gleich sehen“, zischte Pferdefresse und stieß den Brandstifter in Annabelles Richtung.

Für alle anderen sah es vermutlich aus, als wäre der Kerl aus eigenem Antrieb auf sie losgestürmt, um sie zurückzuhalten. Wieder schwang sie den Stuhl und der Feuerteufel flog geradewegs durch Pferdefresses Körper hindurch, als bestünde das Wesen aus nichts als Nebel. Und was den unfreiwilligen MöchtegernHelden anging, war es auch so. Immer war sie die Einzige, die die Kreaturen sehen und berühren konnte – mit den Händen und allem, was sie darin hielt.

Irgendwann während dieser Attacke hatte Hörnchen sich aus ihrem Blickfeld geschlichen. Jetzt gelang es ihm, sie von hinten anzuspringen und die Klauen in ihre ohnehin schon blutige Schulter zu schlagen. Als sie sich umdrehte, folgte er ihrer Bewegung und fetzte noch einmal durch ihr Fleisch.

Diese Schmerzen … Oh, diese Schmerzen. Jetzt musste sie ihnen Beachtung schenken.

Sterne blühten in ihrem Blickfeld auf. Hinter sich hörte sie Gelächter, und sie wusste, dass Hörnchen dort sein musste, die Klauen bereit zum nächsten Schlag. Hastig wich sie aus – und stolperte.

Pferdefresse packte sie bei den Schultern, hielt sie aufrecht – und rammte ihr die Faust ins Gesicht. Lächelnd hob er den Arm, um sie noch einmal zu schlagen – doch diesmal war sie bereit. Sie riss den Stuhl nach oben und erwischte ihn voll unterm Kinn. Dabei drehte sie sich weg, sodass er sich die Knöchel an der Sitzfläche des Stuhls brach, statt ihr das Gesicht zu zermalmen. Durchdringend heulte er auf.

Als sie mit dem nächsten Tritt nach hinten wieder Hörnchen traf, vibrierten ihre Knochen vom Aufprall. Bevor ihr Fuß wieder am Boden war, wirbelte sie herum und trat mit dem anderen nach ihm, machte eine Scherenbewegung mit den Fußknöcheln, um ihm zwei schnelle Tritte in die Magengrube zu verpassen. Als er nach Luft ringend zusammenbrach, drehte sie den Stuhl um und schickte Hörnchen über den Jordan, indem sie mit der Metallkante seine Luftröhre zerquetschte.

Schwarzes Blut breitete sich Blasen werfend um ihn herum aus, schäumte und zischte, während es sich durch den Teppich in den Betonboden fraß. Rauch stieg auf und wogte durch die Luft.

Noch eine Minute.

Mach ihn zu Hackfleisch, befahl sie sich.

Pferdefresse beleidigte sie auf sehr unfeine Weise, während er am ganzen Körper vor Wut bebte. Rasend stampfte er auf sie zu und schlug mit diesen muskelbepackten Armen nach ihr. Immer wieder blockte sie ihn ab, duckte sich, wand sich, beugte sich nach hinten, sodass seine fleischigen Fäuste höchstens den Stuhl trafen. Währenddessen prügelte sie mit dem verbeulten Metall auf ihn ein und traf ihn mehrmals empfindlich.

„Warum hast du’s auf mich abgesehen?“, fragte sie. „Warum?“

Blutverschmierte Zähne blitzten auf. „Nur so aus Spaß. Warum sonst?“

Jedes Mal fragte sie, und jedes Mal erhielt sie dieselbe Antwort, so unterschiedlich ihre Angreifer auch waren. Jede der Kreaturen kam nur ein einziges Mal, und wenn sie alles in Schutt und Asche gelegt und so richtig schön Chaos verbreitet hatten, verschwanden sie für immer. Sofern sie überlebten.

Als sie das erste Mal eine der Kreaturen getötet hatte, war sie in Tränen ausgebrochen – auch beim zweiten und dritten Mal –, obwohl die Ungeheuer aus dem einzigen Grund kamen, sie zu quälen. Es war einfach so furchtbar, ein Leben zu nehmen. Egal was der Grund dafür war. Den letzten röchelnden Atemzug zu hören … das Licht in jemandes Augen erlöschen zu sehen … und zu wissen, dass man dafür verantwortlich war. Jedes Mal musste sie an ihre Eltern denken. Irgendwann hatte ihr Herz sich zu einem Block aus Stein verhärtet und sie hatte aufgehört, zu weinen.

Schließlich mussten die zusätzlichen Wachen eingetroffen sein, denn drei harte Leiber warfen sich von hinten auf sie und zwangen sie zu Boden. Hart schlug sie auf dem Boden auf, hörte und spürte ihre verletzte Wange krachend auf den Beton treffen. Ein Pfeil aus Schmerz schoss durch ihren Schädel, während sich in ihrem Mund der Geschmack alter Kupfermünzen ausbreitete. Noch mehr von diesen viel zu hellen Sternen leuchteten vor ihren Augen auf, fraßen sich immer weiter, wuchsen … blendeten sie.

Bei dieser Blindheit geriet sie in Panik, wurde zurückversetzt zu diesem grausigen, schicksalhaften Morgen vor so langer Zeit. „Lasst mich los! Ich mein’s ernst!“

Unnachgiebig drückten sich Knie auf ihre Schulterblätter, ihren Rücken und ihre Beine, und rücksichtslos pressten sich harte Finger bis auf die Knochen in ihr Fleisch. „Halt still.“

„Ich hab gesagt, lasst mich los!“

Pferdefresse musste sich vom Acker gemacht haben, denn an die Stelle des Fäulnisgestanks trat plötzlich der Geruch von Frühstücksspeck und Aftershave. Warmer Atem strich über ihre Wange. Sie gestattete sich nicht, zurückzuweichen, gestattete sich nicht, ihre entsetzliche Abscheu vor dem Arzt preiszugeben, der sich jetzt über sie beugte.

„Das war genug für heute, Annabelle“, befand Fitzpervers in seinem alten tadelnden Ton.

„Es ist niemals genug“, erwiderte sie und zwang sich, zur Ruhe zu kommen. Tief einatmen, tief ausatmen. Je aufgewühlter sie sich zeigte, desto mehr Betäubungsmittel würde er ihr spritzen.

„Tz, tz. Du hättest brav sein sollen, Annabelle. Ich hätte dir helfen können. Jetzt schlaf“, säuselte er.

„Wagen Sie es ja …“ Eine Sekunde nach dem Stich in ihren Hals, auf den sie gewartet hatte, erschlaffte ihr Kiefer. Ein elektrisches Gleißen in ihrer Vene, das sich genauso schnell ausdehnte wie die Sterne und sie schließlich überwältigte.

Obwohl sie dieses Gefühl der Hilflosigkeit hasste, obwohl sie wusste, dass Fitzpervers ihr später einen Besuch abstatten würde, obwohl sie mit all ihrer verbleibenden Kraft dagegen ankämpfte, sank Annabelle in die wartende Dunkelheit.

2. KAPITEL

Sieh nur, Zacharel! Sieh, wie hoch ich fliege.“
„Du machst das so gut, Hadrenial. Ich bin stolz auf dich.“

„Glaubst du, ich kann einen Salto machen, ohne runterzufallen?“

„Natürlich kannst du das. Du kannst alles.“

Ein Lachen wie süßer Glockenklang, das über den Himmel hallt. „Aber ich bin schon dreimal gefallen.“

„Was bedeutet, dass du jetzt weißt, was du nicht tun solltest.“

„Sir? Eure große und mächtige Hoheit? Hört Ihr mir zu?“

Die männliche Stimme holte Zacharel aus der Vergangenheit, fort von dem einzigen strahlenden Licht in seinem ansonsten düsteren Leben, katapultierte ihn direkt zurück in die Gegenwart. Mit einem kurzen Blick erkannte er Thane, den selbsternannten Vizebefehlshaber seiner Armee von Engeln. Eine Ernennung, der er nicht widersprochen hatte, trotz des Benehmens, das der Krieger an den Tag legte. Denn Tatsache war: Thane war noch der Beste aus dem Haufen.

Was nicht viel hieß. Jeder Engel in dieser Armee hatte die Gottheit, ihren obersten Herrscher, über die Grenzen ihrer Geduld getrieben. Jeder von ihnen hatte so viele Regeln gebrochen, so viele Gesetze der Gottheit umgangen – es war ein Wunder, dass sie immer noch ihre Flügel hatten. Und ein noch größeres Wunder, dass Zacharel es schon so lange schaffte, sie zu tolerieren.

Er räusperte sich. „Ich höre zu, ja.“ Jetzt.

„Ich bitte untertänigst um Verzeihung, sollte ich Euch gelangweilt haben“, erklang die schnippische Entgegnung.

„Akzeptiert.“

Ein Knacken mit dem Kiefer, als der Engel begriff, dass die Beleidigung an Zacharel abgeprallt war. „Ich habe gefragt, ob Ihr bereit seid, den Angriff zu befehlen.“

„Noch nicht.“

Thane schwebte neben ihm, beide mit weit ausgestreckten, riesigen Flügeln, doch ohne einander zu berühren. Keiner von ihnen mochte es, berührt zu werden. Thane machte natürlich ständig Ausnahmen für all die Frauen, mit denen er schlief, doch bei Zacharel gab es solche Ausnahmen für niemanden.

„Ich bin kampfbegierig, Majestät. Das sind wir alle.“

„Ich habe dir schon einmal befohlen, mich nicht mit diesem Titel anzusprechen. Was deine Frage angeht: Ihr werdet wie befohlen warten. Ihr alle.“ Ungehorsam bedeutete Strafe – ein Konzept, mit dem Zacharel mittlerweile eng vertraut war.

Begonnen hatte es ein paar kurze Monate zuvor, als er in den Tempel der Gottheit gerufen worden war, diese heilige Zuflucht, die nur so wenige Engel besuchen durften. Seit dieser unerwarteten Begegnung rieselten Schneeflocken aus dem Gefieder seiner Flügel, ein unaufhörlicher Blizzard und Zeichen des kalten Missfallens seiner Gottheit. Und die Worte der Gottheit, so sanft sie auch gesprochen worden waren, hatten ebenso beißende Kälte ausgestrahlt wie der Schnee. Augenscheinlich hatte Zacharels „schwerwiegende Emotionslosigkeit“ dafür gesorgt, dass er „Kollateralschäden“ während seiner Kämpfe mit Dämonen ignoriert hatte. In mehreren Fällen, so hatte ihm die Gottheit vorgeworfen, hatte Zacharel zugelassen, dass Menschen – die Wesen, für deren Schutz Engel um jeden Preis kämpfen sollten – verletzt oder sogar getötet wurden. Hatte sich entschieden, das Leben seines Gegners zu beenden, statt die angeblich Unschuldigen um ihn herum zu beschützen. Und natürlich war ein solches Verhalten „inakzeptabel“.

Er hatte sich entschuldigt, obwohl er keine Reue über sein Handeln empfand – nur darüber, dass er das eine Wesen erzürnt hatte, das die Macht besaß, sein Dasein zu beenden. Wenn er es ehrlich betrachtete, verstand er nicht, welchen Reiz – oder Nutzen – Menschen haben sollten. Sie waren schwach und hinfällig und behaupteten, alles, was sie täten, geschähe aus Liebe.

„Liebe.“ Zacharel zog abfällig die Mundwinkel nach unten. Als hätten bloße Sterbliche auch nur die geringste Ahnung von selbstloser, lebensspendender Liebe. Damit kannte sich nicht einmal Zacharel aus. Hadrenial hatte sie verstanden – aber über ihn würde Zacharel nicht weiter nachdenken.

Seine Entschuldigung war bedeutungslos, hatte ihm die Gottheit beschieden. Tatsächlich sogar weniger als bedeutungslos, denn seine Gottheit konnte in den schwarzen Morast in seiner Brust sehen, wo sein Herz voller Emotionen schlagen sollte – es aber nicht tat.

Ich sollte dir die Flügel und die Unsterblichkeit nehmen und dich auf die Erde verbannen, wo du die Dämonen, die unter uns leben, nicht sehen könntest. Wenn du sie nicht sehen kannst, kannst du sie auch nicht bekämpfen, wie du es gewohnt bist. Wenn du sie nicht bekämpfen kannst, kannst du auch die Menschen um sie herum nicht töten. Ist es das, was du willst, Zacharel? Unter den Gefallenen leben und das Leben betrauern, das du einst besessen hast?

Nein, das wollte er ganz und gar nicht. Zacharel lebte dafür, Dämonen zu töten. Wenn er sie nicht sehen und gegen sie kämpfen könnte, wäre er tot besser dran. Wieder hatte er seiner Reue Ausdruck verliehen.

Für dieses Verbrechen hast du dich bereits viele Male in der Vergangenheit vor dem Himmlischen Hohen Rat entschuldigt, Zacharel, und doch hast du dein Verhalten nie geändert. Trotz deiner vielen Missetaten haben meine getreuen Ratgeber lange Zeit empfohlen, Milde walten zu lassen. Sie glaubten – hofften –, nach allem, was du durchlitten hast, würdest du mit der Zeit deinen Weg finden. Doch wieder und wieder hast du es unterlassen, dem Rat Gehör zu schenken, und nun kann ich deine Verfehlungen nicht länger ignorieren. Als Oberhaupt des Rats muss ich eingreifen, denn auch ich muss mich vor einer höheren Macht verantworten – und deine Taten werfen ein schlechtes Licht auf mich.

In diesem Augenblick hatte Zacharel gewusst, dass er sich diesmal nicht würde herausreden können. Und er hatte recht gehabt.

Worte kommen so leicht über die Lippen, wie du bewiesen hast, hatte seine Gottheit ausgeführt, aber so selten folgen ihnen die entsprechenden Taten. Von jetzt an wirst du die Manifestation meiner Unzufriedenheit mit dir tragen und diesen Tag niemals vergessen.

„Wie du wünschst“, hatte er erwidert.

Und Zacharel… Zweifle nicht daran, dass dich Schlimmeres erwartet, solltest du mir noch einmal den Gehorsam verweigern.

Er hatte seiner Gottheit gedankt für diese Chance, es besser zu machen, und er hatte es auch so gemeint – bis zu seiner nächsten Schlacht. Gnadenlos, ohne auch nur darüber nachzudenken, hatte er zahllose Menschen verletzt und getötet – denn sie hatten Ivar verletzt und getötet, ein Mitglied der Elite der Sieben seiner Gottheit. Einen unvorstellbar starken und fähigen Krieger.

Dass Zacharel im Namen der Rache gehandelt hatte, war irrelevant gewesen – es hatte ihm sogar mehr geschadet. In einer solchen Situation lag die Entscheidung beim Höchsten, und da Er die höhere Macht war, vor der seine Gottheit sich zu verantworten hatte, war Sein Wort Gesetz. Zacharel hätte Geduld wahren müssen.

Am folgenden Tag hatte die Gottheit ihn erneut zu sich gerufen.

Er hatte gehofft, er würde trotz seiner Taten als neuer Elitekrieger berufen, doch stattdessen hatte er erfahren, dass eine weitere Strafe auf ihn wartete. „Schlimmeres“, hatte er begriffen, war genau das.

Ein Jahr lang würde Zacharel eine Armee von Engeln befehligen, die genau wie er waren. Diejenigen, die niemand sonst unter seinem Kommando haben wollte. Die Rebellischen. Die Gefolterten. Seine Aufgabe: Ihnen den Respekt beizubringen – ihrer Gottheit gegenüber, der Heiligkeit menschlichen Lebens gegenüber –, den er selbst vermissen ließ. Und er allein würde die Konsequenzen für ihr Handeln tragen.

Wenn einer seiner Engel einen Menschen tötete, würde Zacharel ausgepeitscht.

Das war bereits achtmal geschehen.

Wenn am Ende dieses Jahres Zacharels gute Taten die schlechten überwögen, dürften er und all seine Engel im Himmel bleiben. Überwögen hingegen die schlechten Taten, würden er und all seine Engel ihre Flügel verlieren.

Offensichtlich wollte Zacharels Gottheit Klarschiff machen. Auf diese Weise konnte sie das Himmelreich auf einen Schlag von allen befreien, die ihr ein Stachel im Fleisch waren, und niemand aus dem Hohen Rat könnte sie grausam oder unfair nennen. Schließlich war den Engeln ein ganzes Jahr voller Chancen gewährt worden, sich von ihren Sünden reinzuwaschen.

Hier waren sie nun also, Zacharel und seine Armee, und mussten Aufgaben weit unter ihren Fähigkeiten erledigen. Zum größten Teil bedeutete das, besessene Menschen irgendwie von ihren Dämonen zu befreien oder anderen zu helfen, die unter deren moralischem Einfluss standen. Ab und zu kam noch die eine oder andere unbedeutende Schlacht hinzu.

Heute Abend traten sie ihre neunzehnte Mission an – aber erst ihre dritte Schlacht. Bisher hatte jede schlimmer geendet als die davor. Egal womit er drohte, die Engel schienen größtes Vergnügen daran zu haben, seine Befehle zu ignorieren. Sie zeigten ihm den Mittelfinger. Sie beschimpften ihn. Sie lachten ihm ins Gesicht.

Er verstand sie nicht. Für sie war dieses Jahr genauso die letzte Chance wie für ihn. Sie hatten ebenso viel zu verlieren. Sollten sie nicht brav mitspielen?

„Jetzt?“, fragte Thane ungeduldig mit seiner Stimme aus mehr Rauch als Substanz. Vor langer, langer Zeit war ihm die Kehle durchgeschnitten worden – und dann wieder und wieder, bis sich ein Halsband aus Narben gebildet hatte, das er bis in alle Ewigkeit tragen würde.

„Noch nicht. Ich meine es ernst.“

„Wenn Ihr nicht bald zum Angriff ruft …“

Würden sie auch ohne seinen Befehl losstürmen.

„Interessiert es denn niemanden, dass Ungehorsam bedeutet, meinen Zorn auf sich zu ziehen?“, knurrte er. Konzentriert blickte er hinab auf die Einrichtung für geistesgestörte Straftäter des Moffat County, die tief in den Bergen von Colorado versteckt lag. Das Gebäude war hoch und breit, umzäunt von unter Hochspannung stehendem Stacheldraht und bewacht von Bewaffneten, die sowohl am Zaun als auch über das Gelände patrouillierten. Flutlichter erhellten auch den letzten Winkel, löschten jeden Schatten aus.

Was die Wächter jedoch nicht sehen konnten, so grell die Beleuchtung auch sein mochte, waren die niederen Dämonen, die wie die Ameisen überall auf den Wänden herumkrabbelten und verzweifelt versuchten, ins Innere des Gebäudes zu gelangen.

Wie die menschlichen Wachen waren auch die Dämonen nicht in der Lage, die Bedrohung wahrzunehmen, die sie umzingelte. Die zwanzig Soldaten unter Zacharels Kommando blieben ihnen verborgen. Ihre Flügel, normalerweise weiß mit Gold durchwirkt, waren im Augenblick von einem sterngespickten tiefen Schwarz, ein Spiegelbild des Nachthimmels. Für diese mühelose Verwandlung brauchte es nur einen schlichten geistigen Befehl. Zudem hatten ihre Engelsgewänder die Form von Hemden und Hosen angenommen, die sich wie angegossen um ihre muskulösen Leiber schmiegten, schwarz und perfekt für den Kampf.

„Warum sollten Dämonen gerade diesen Ort heimsuchen?“, fragte Zacharel laut. Offenbar taten sie das schon seit Jahren. Mehrere andere Armeen waren bereits gegen sie ausgesandt worden, aber ohne echten Erfolg. Sobald eine Horde Dämonen ausgelöscht war, tauchte gleich die nächste auf.

Es gab nur zwei Gründe, aus denen keine andere Armee den Grund herauszufinden versucht hatte. Entweder es war ihnen nicht in den Sinn gekommen, den Menschen im Inneren dieses Gebäudes zu helfen. Oder ihr Job war einfach mit der Schlacht zu Ende gewesen. So oder so – Zacharel würde nicht denselben Fehler begehen. Das konnte er nicht.

Thane mit seinem goldenen Haar, das sich unschuldig um ein auf seltsame Weise mehr teuflisches als engelhaftes Antlitz lockte, warf ihm einen frevlerischen Blick aus seinen saphirfarbenen Augen zu. Dieser Kontrast zwischen Unschuld und Fleischeslust konnte hypnotisierend sein. Hatte Zacharel jedenfalls gehört. Menschliche wie unsterbliche Frauen warfen sich Thane ohne Unterlass an den Hals – und er machte kein Geheimnis um seine sexuellen Begierden, wenn er sich denen offenbarte, die nicht wissen sollten, dass er da war. Vor allem, weil seine Begierden mit der Gefahr spielten … mit den äußersten Grenzen dessen, was akzeptabel war.

Die meisten Engel der Gottheit, seien es Krieger oder Glücksboten, waren fleischlichen Gelüsten gegenüber so immun wie Zacharel. Allerdings waren die meisten von ihnen auch nicht von einer Horde Dämonen gefangen genommen worden, eingesperrt und wochenlang gefoltert, so wie es Thane geschehen war.

Wenn man so lange lebte wie die Engel, vor allem, wenn man diese Jahre im Krieg verbrachte, dann lernte man die wahre Bedeutung von Schmerz kennen. Ebenso lernte man, in jedem Vergnügen Zuflucht zu suchen, das man finden konnte.

Xerxes und Björn, genauso stark und gerissen wie Thane, waren ebenfalls gefangen und gefoltert worden. Seitdem waren die drei unzertrennlich, verbunden durch die Qual und das Entsetzen des gemeinsam Erlebten. Seelisch entstellt, ja, auch das – wie ihr Platz in den Reihen von Zacharels Armee bewies –, aber eben trotzdem verbunden.

„Das Böse sucht die Nähe zum Bösen, immer auf der Jagd nach Zerstörung“, meinte Thane in einem Anflug von Weisheit anstelle seiner vorherigen Respektlosigkeit. „Vielleicht hat sie jemand im Inneren gerufen.“

Vielleicht. Wenn das stimmte, brachte ihn dieser Auftrag in ein Dilemma. Das Rufen von Dämonen war streng verboten, ein Verbrechen, das ausschließlich mit dem Tod bestraft wurde. Und dieser Tod wäre kein Kollateralschaden, sondern Absicht. Trotzdem war Zacharel sich nicht sicher, wie seine Gottheit auf eine solche Hinrichtung reagieren würde.

Menschen, dachte er und schüttelte angewidert den Kopf. Nichts als Ärger. Sie hatten keine Ahnung von den dunklen Mächten, mit denen sie spielten. Mächte, die anfangs aufregend scheinen mochten, letzten Endes aber ihre Menschlichkeit bis auf die Grundfesten niederbrennen würden.

„Keiner der Dämonen ist tatsächlich in das Gebäude eingedrungen“, sinnierte er. „Ich frage mich, aus welchem Grund.“

Thane neigte den Kopf zur Seite und betrachtete die Dämonen noch intensiver. „Das hatte ich noch nicht bemerkt, aber jetzt sehe ich es auch. Majestät.“

Keine Reaktion. „Nimm einen der Dämonen gefangen und bring ihn zu meiner Wolke, damit ich ihn verhören kann.“

„Es wird mir ein Vergnügen sein.“ Sosehr Thane auch die verdorbenen Praktiken mit seinen Liebhaberinnen genoss, liebte er es doch noch mehr, Dämonen Schmerzen zuzufügen. Verständlicherweise. „Noch was, Unser Aller Herr?“

Keine Reaktion. „Ja. Auf mein Signal hin darf die Armee angreifen. Aber sorg dafür, dass Björn den wildesten Dämon, den er finden kann, auf das Dach der Einrichtung bringt. Schnell.“ Er hätte den Befehl direkt in die Köpfe seiner Soldaten projizieren können – hätte es tun sollen –, wie alle Befehlshaber es konnten. Doch auf diese Weise hätte er auch ihre Stimmen in seinem Kopf willkommen geheißen, und das war eine Intimität, die er nicht gestatten würde.

Mit einem genießerischen Lächeln enthüllte Thane zwei Reihen gerader, weißer Zähne. „Schon erledigt.“

Bevor Thane verschwinden konnte, fügte Zacharel hinzu: „Ich bin mir sicher, ich muss dich nicht daran erinnern, dass bei dieser Schlacht keinem Menschen Schaden zugefügt werden darf. Wenn du einen Dämon am Leben lassen musst, um ein menschliches Leben zu retten, tu es. Sorg dafür, dass die anderen das ebenfalls wissen.“

Anfangs war es ihm egal gewesen, wenn seine Männer sich entschieden hatten, einen Menschen zu töten, um an einen Dämon heranzukommen. Nach seiner dritten Auspeitschung für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte, war es ihm nicht mehr ganz so egal.

Eine Sekunde Stille, zwei. Dann: „Ja, natürlich, Anführer der Überaus Unwürdigen.“ Mit diesem letzten Seitenhieb verschwand Thane in einem Wirbelwind von Bewegung, um die anderen zu informieren, die um das Gebäude kreisten.

Keine Minute später erschien ein Schwert aus Flammen in der Hand eines jeden Engels. Dieses Feuer war stärker und um ein Vielfaches reiner als jedes, das in der Hölle zu finden war. Bedrohliche Reflexionen aus bernsteinfarbenem Licht huschten über entschlossene Gesichter und hart erarbeitete Muskeln. In präzisen Bögen schossen diese Lichter kurz darauf herab, und schon bald ertönten Schmerzensschreie – und letzte Atemzüge – aus allen Richtungen. Schuppige, verdrehte – und jetzt kopflose – Leiber regneten von den Wänden herab.

So viel zum Thema Warten auf Zacharels Signal. Damit würde er sich später befassen müssen.

Auch wenn er es genossen hätte, an der Seite seiner Männer die Dämonen zu vernichten, wartete er ab. Heute Nacht suchte er nach fetterer Beute. Bald entdeckte er einen Durchlass im Schlachtengetümmel und glitt hinab … hinab … und landete anmutig auf dem flachen Dach.

„Der wilde Dämon, wie verlangt, oh prächtiger König“, ertönte neben ihm eine vertraute Stimme. „Schnell.“

Ein riesiges Ungeheuer plumpste Zacharel leblos vor die Füße. Gifttropfen geronnen an den Spitzen seiner Krallen. Riesige Hörner traten aus seinen Schultern hervor und Streifen von Fell und Schuppen formten ein spiralförmiges Muster um seine Beine.

Es gab nur ein Problem. Der Dämon hatte keinen Kopf.

„Dieser Dämon ist dahingeschieden“, bemerkte er.

Nur eine winzige Pause, dann erwiderte Björn: „Was das angeht, wart Ihr nicht weise genug, eine Präferenz anzugeben.“

„Wohl wahr.“ Er hätte es definitiv besser wissen müssen.

Björn schwebte auf Augenhöhe mit Zacharel neben dem Gebäude. „Soll ich Euch einen anderen bringen oder gedenkt Ihr, mich für Euren Fehler zu maßregeln, glorreicher König?“ In den Worten schwang ein bitterer Klang mit.

Björn war ein Tier von einem Mann mit tiefbrauner, golddurchzogener Haut und Augen, die in allen Schattierungen von Lila, Pink, Blau und Grün glitzerten. Ein überraschender Kontrast.

Kurz nach seiner Rettung aus den brutalen Fängen der Dämonen – und seinem nachfolgenden Amoklauf durch das Himmelreich, bei dem niemand vor seinem alles vernichtenden Zorn sicher gewesen war – hatte der Himmlische Hohe Rat Björn für instabil und dienstunfähig befunden. Ein Sündenfall war ihnen als zu leichte Strafe erschienen. Stattdessen war er zu einem Wahrhaftigen Tod verurteilt worden, bei dem sein Geist – seine Lebenskraft, seine Seele, die Verkörperung all seiner Emotionen – und sein Leib vollkommen ausgelöscht werden sollten.

Thane und Xerxes hatten protestiert und verlangt, den Krieger wieder einzusetzen. Im Gegenzug hatten sie versprochen, die volle Verantwortung – und Strafe – auf sich zu nehmen, sollten noch einmal Probleme entstehen. Ebenso hatten sie geschworen, sie würden ebenfalls den Wahrhaftigen Tod sterben, sollten sie von ihrem Freund getrennt werden.

Widerwillig hatte der Rat sich einverstanden erklärt. Bei der Masse von Dämonen, die in diesen Tagen die Welt plagten, waren Krieger von ihrem Kaliber heiß gefragt. Trotzdem bezweifelte Zacharel, dass eine solche Drohung auch ein zweites Mal Wirkung zeigen würde.

„Es wird keine Maßregelung geben“, sagte er, und Björn blinzelte überrascht.

In diesem Moment erspähte Zacharel den Naga-Dämon, der gerade versuchte, sich unbemerkt über die Brüstung zu schlängeln. Nagas besaßen den Oberkörper eines Menschen und den Rumpf einer Klapperschlange und waren gefährlicher als beides zusammen.

Zacharel beugte sich vor, packte den dicken, rasselnden Schwanz und riss daran. Der Naga schnellte herum, die Zähne gefletscht und die Arme erhoben, um anzugreifen, wer auch immer es gewagt hatte, ihn aufzuhalten. Zacharel hielt ihn fest am Schwanz gepackt und wand ihn sich der Länge nach um den Unterarm, während er mit der freien Hand den Dämon am Hals packte. Dann drückte er zu.

Blutrote Augen weiteten sich vor Furcht und klauenbewerte Finger schlugen nach ihm. „Nicht Zzzacharel, jeder ausssser Zzzacharel! Ich verssschwinde, ich verssschwinde, ich versssprech’ssss.“

Endlich Respekt vor seiner Autorität.

„Dieser hier wird genügen“, beschied er Björn. „Du darfst dich wieder deinen Pflichten widmen.“

Mit tiefem Erstaunen im Blick beugte der Engel den Kopf. Dann stürzte er sich wieder in die Schlacht.

„Bitte! Ich verssschwinde!“

Die Dämonen mochten vielleicht, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sein, in das Gebäude einzudringen. Zacharel hatte damit jedoch keine Probleme. Mit einem knappen geistigen Befehl verwandelte er seinen Körper in einen substanzlosen Nebel – genau wie den des Naga vor ihm. Ohne den geringsten Widerstand sank der Dämon gemeinsam mit ihm durch den Beton des Dachs ins Innere. Sekunden später stand Zacharel im Erdgeschoss des Gebäudes.

Als hätte er vollkommen vergessen, wer ihn da festhielt, seufzte der Naga selig auf und streckte die Hände zur Decke aus. „Zzzeit für meinen Ssspassss …“

Schwungvoll schleuderte Zacharel den Dämon quer über die frisch polierten Fliesen. Zahlreiche Sicherheitsleute patrouillierten und der Empfangsbereich war von mehreren menschlichen Frauen besetzt, doch kein Einziger bemerkte die Eindringlinge mitten unter ihnen.

Flink schlängelte der Naga sich die Wand hinauf, tauchte ungehindert durch die Decke und verschwand aus Zacharels Blickfeld. Die Verfolgung erwies sich als Kinderspiel. Von Stockwerk zu Stockwerk bewegte sich Zacharel, immer bloß einen Schritt hinter dem Dämon. Schließlich hielt der Naga in seinem Aufstieg inne und schoss geradewegs in einen der Räume im vierzehnten Stockwerk.

Im Inneren waren die Wände mit schwarzen Polstern bedeckt. Es gab keine Fenster. Ein einsamer Luftschacht an der Decke brachte die einzige Luftbewegung – und zwar in eisiger Temperatur. Der Raum war leer, bis auf ein einziges Möbelstück. Eine Krankenhaustrage mit … einer jungen Frau, die darauf festgebunden war.

Plötzlich war jeder Muskel in seinem Körper angespannt. Einen Moment lang drohte die Vergangenheit sich aufzubäumen und ihn zu verschlingen.

„Töte mich, Zacharel. Du musst mich töten. Bitte.“

Schon vor langer Zeit hatte er in seinem Inneren einen Damm errichtet, um seine Erinnerungen an die Vergangenheit zurückzuhalten. Eine Barriere, die er verzweifelt gebraucht hatte. Und immer brauchen würde, wie es aussah. Jetzt verstärkte er diesen Damm wieder, wischte aus seinen Gedanken alles außer der Gegenwart fort.

Auf den ersten Blick schien die Frau zu schlafen. Doch dann rollte ihr Kopf zur Seite, all ihre Aufmerksamkeit anscheinend auf den Dämon fixiert, den sie nicht hätte sehen dürfen. Plötzlich gingen Entsetzen, Zorn und Angst in Wellen von ihr aus.

Hatte sie, eine bloße Sterbliche, den Naga auf irgendeine Weise gespürt?

Zacharel betrachtete sie eingehender. Unter einem papierdünnen Nachthemd, das schmutzig und zerrissen war, zitterte ihr schlanker Körper. Langes Haar lag zerzaust um ein zartes Gesicht, die Strähnen so schwarz, dass sie schon fast in einem atemberaubenden Mitternachtsblau schimmerten. Dunkle Schatten zeichneten die durchscheinende Haut unter ihren Augen und ihre Wangen waren eingefallener, als sie sein sollten. Ganz zu schweigen davon, dass sie von grausamen Blutergüssen und Kratzern überzogen waren. Ihre Lippen waren rot und spröde. Ihre Augen waren eisblau, und in ihren Tiefen sah er einen niemals endenden Sturm des Leids toben, den zu ertragen kein Mensch die Kraft besaß.

Nein, diese Augen gehörten keiner Sterblichen, wurde ihm klar. Sie gehörten der Gemahlin eines Dämons.

Irgendwo da draußen gab es einen Hohen Herrn der Dämonen – die gefährlichsten unter all den Ausgeburten der Hölle –, der diese Menschenfrau als sein alleiniges Eigentum betrachtete. Sein, um sie zu besitzen, sie zu foltern … sie auf jedwede Art zu genießen, nach der es ihn verlangte. Der Dämon hatte ihre Augen vergiftet, hatte sie gezeichnet und gleichzeitig dafür gesorgt, dass sie in die Geisterwelt blicken konnte, die parallel zur Ebene der Sterblichen existierte. Seine Welt. Und mit dieser Tat hatte er auch andere Dämonen auf sie aufmerksam gemacht.

Sie musste eine willige Partnerin gewesen sein, denn dazu konnten Menschen nicht gezwungen werden. Verführt, ja. Betrogen, absolut. Begierig, mit den dunklen Künsten herumzuspielen, zweifellos. Aber niemals gezwungen.

War der Hohe Herr ihrer müde geworden? War sie deshalb hier, ohne seinen Schutz? Nein, entschied Zacharel in derselben Sekunde. Ein Dämon wurde seines Menschen niemals müde. Er blieb bis zum bitteren, blutigen Ende – oder bis der Mensch vernünftig wurde und ihn zwang, zu verschwinden.

Warum hatte er sie also nicht einfach umgebracht, um sein Verbrechen zu vertuschen? Verbindungen zwischen Dämonen und Sterblichen waren bei Todesstrafe verboten. Und die Strafe würde über Dämon und Mensch ausgesprochen. Nicht dass Zacharel oder einer seiner Männer die hier töten würden. Das stand immer noch nicht auf dem Tagesprogramm. Es würde keinen Kollateralschaden geben.

„Bleib weg von mir“, sagte sie und schreckte Zacharel aus seinen Gedanken auf. Ihre Stimme klang rau, vielleicht durch Medikamente, vielleicht durch Überanstrengung. Oder war das ihr natürliches Timbre? „Mich willst du nicht zur Feindin haben.“

Für jemanden, der sich entschlossen hatte, sein Leben an das eines Dämons zu binden, schien sie nicht besonders zufrieden mit dem Ergebnis zu sein. Er hätte wetten mögen, dass sie verführt oder hereingelegt worden war und es jetzt bereute.

So selten fanden diese Menschen zur Vernunft, bevor es zu spät war. Dabei musste es nicht so sein.

„Wenn du noch einen Schritt näher kommst, tu ich dir weh.“ Offensichtlich hatte sie japanische Wurzeln, doch in ihren Worten schwang nicht die Spur eines Akzents mit – was den Klang ihrer Stimme nur umso exotischer machte. Weich und melodiös, der perfekte Gegensatz zu ihren klaren Gesichtszügen.

„Tu mir weh, Weib. Bitte, tu esss …“ Mit tödlich rasselndem Schwanz glitt der Naga um das Bett herum. Zwischen seinen Fangzähnen züngelte seine gespaltene Zunge hervor. „Dasss gefällt mir – vor jedem Sssnack.“

Der Lakai wollte sie nicht um ihretwillen, sondern weil die Kreaturen der Unterwelt nichts lieber mochten, als ihre Brüder zu bestehlen. Stoff zum Prahlen war Gold wert, genau wie das daraus entstehende Überlegenheitsgefühl. Na ja, deshalb und weil es jeden Dämon erregte, jemandem Schaden zuzufügen, dessen Schutz die Eine Wahre Gottheit befohlen hatte.

Die Frau spannte sich an. „Wag es, mich anzufassen, und ich schwöre dir, ich finde einen Weg, mich von diesen Fesseln zu befreien. Und dann reiße ich dir den Kopf ab. Solche wie dich hab ich schon öfter geköpft, schon gewusst? Hey, vielleicht waren das sogar Freunde von dir, was meinst du?“

Eine interessante Antwort. Das war mehr als bloße Reue.

Auf die tapferen Worte erntete sie ein erwartungsvolles Fauchen. „Du lügssst, du lügssst, und dasss macht sssolchen Ssspassss. Kössstlich.“

„Ich mein’s todernst. Du glaubst wirklich, eine Kleinigkeit wie Fesseln könnte mich davon abhalten, dir wehzutun? Dein Hirnschaden ist ja noch größer, als ich dachte. Und nur so zur Info: Ich hatte deinen IQ schon im einstelligen Bereich angesetzt.“

Hilfesuchend blickte sie sich um. Auch wenn sie den Naga sehen konnte, Zacharel war für sie unsichtbar. Das war für ihn nicht wirklich überraschend – wenn er nicht wahrgenommen werden wollte, konnte das auch niemand, weder Dämonen noch Gemahle von Dämonen, nicht einmal andere Engel.

Neugierig auf ihre Reaktion, materialisierte er sich in seiner natürlichen Gestalt und erschuf gleichzeitig ein flammendes Schwert aus der bloßen Luft. Ohne den Blick auch nur einmal von der Frau abzuwenden, schwang er die Klinge, köpfte den Dämon und beendete so seine elende Existenz. Ja, so einfach war es für ihn, zu töten. Er ließ die Flammen verschwinden.

„Was – wie …“ Ihre kristallenen Augen weiteten sich, als ihr Blick auf ihn fiel. Ihre Zähne begannen zu klappern. „I-Ist das ein Traum? Die Medikamente … Das muss eine Halluzination sein. Oder vielleicht ein Traum. Ja, das ergibt Sinn.“

„Das tut es nicht, denn du träumst nicht.“

„Bist du dir sicher? Du siehst aus wie dieser Prinz, den ich mal … Ach, egal.“

Den sie mal … was? „Ich bin mir sicher.“

„Dann … W-wer bist du? Was bist du? Wie bist du hier hereingekommen?“

Trotz ihrer Fragen schien sie zu wissen, dass er nicht so war wie die Kreatur, die er soeben getötet hatte. Dämonen taten ihr Bestes, um Furcht in den Menschen zu wecken. Seine eigene Art gab alles, um ein Gefühl der Ruhe hervorzurufen. Zumindest sollte sie das.

„Was bist du?“, fragte die Frau erneut. „Bist du hier, um mich zu töten?“

„Töte mich, Zacharel. Du musst mich töten. Bitte. Ich kann so nicht mehr leben. Es ist zu viel, zu schwer. Bitte!“

Wieder drohte die Vergangenheit ihn zu überrollen. Wieder fegte er seinen Geist leer. Obwohl er der Frau keinerlei Erklärung schuldig war, obwohl sie die Gemahlin eines Dämons und in keiner Weise vertrauenswürdig war, hörte er sich sagen: „Ich werde dich nicht töten. Ich bin ein Engel.“

Wie bei allen Engeln der Gottheit schwang auch in seiner Stimme ein überwältigender Klang der Wahrheit mit. Und ganz typisch für ihre Art zuckte sie bei dieser Reinheit zusammen, doch sie zweifelte sie nicht an. Das konnte sie nicht.

Hektisch blinzelte sie und sagte dann: „Ein Engel. So in der Art von ‚ein Engel aus dem Himmel, Verteidiger von allem, was gut und rechtschaffen ist‘?“

Vielleicht konnte sie es doch. Ihr Ton war spöttisch gewesen. Doch es war interessant, dass sie ihn nicht mit denselben Hasstiraden überschüttete wie den Dämon. Als Gemahlin eines Hohen Herrn sollte sie Zacharel mehr als jeden anderen verabscheuen. Dass sie es nicht tat … Definitiv hereingelegt.

„Und?“

„Ja, ich komme aus dem Himmelreich, auch wenn ich vermutlich nicht die Art Engel bin, mit der du vertraut bist.“ Zacharel streckte die Flügel. Noch immer rieselten Schneeflocken um ihn herum, doch hier schmolzen sie nicht, wenn sie auf dem Fußboden landeten. In dem kleinen Raum war es schlicht zu kalt dazu. Seine Federn hatten wieder ihr natürliches Perlweiß angenommen, durchzogen von schimmerndem Gold. Er runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass das Gold dichter war als je zuvor.

Jahrtausende waren vergangen, in denen seine Federn niemals ihre Farbe geändert hatten. Solch ein Wandel bedeutete üblicherweise, dass ein Aufstieg in einen höheren Rang bevorstand. Nur die Elite der Sieben konnte sich mit rein goldenen Flügeln schmücken. Glücksboten waren durch rein weiße Flügel gekennzeichnet. Krieger wie Zacharel trugen ebenfalls Weiß mit bloßen Spuren von Gold. Was sich in seinen Federn zeigte, war mehr als eine Spur.

Doch es musste eine andere Erklärung dafür geben, denn sosehr er das auch gehofft hatte, so hatte seine Gottheit ihm gegenüber doch nichts von einem Aufstieg in die Elite der Sieben erwähnt. Und er war wohl kaum in der Position, für eine Beförderung in Erwägung gezogen zu werden, wo er gerade darum kämpfen musste, erst einmal seinen jetzigen Platz im Himmel zu behalten.

„Es gibt mehr als eine Art?“, fragte sie, nachdem sie ihn von oben bis unten gemustert hatte. „Egal. Nimm’s mir nicht übel, aber du siehst nicht gerade … nett aus. Und ich meine nicht deinen Sexappeal.“

„Nein. Ich bin nicht nett.“ Die Menschen malten sich Engel gern als sanfte, kuschlige Wesen aus, die im Sonnenschein herumtollten, Rosen zum Blühen brachten und Regenbögen an den Himmel malten. Er wusste das. Und manche Engel waren so, aber viele eben auch nicht.

„Also, was kann ich für dich tun, Mr Gemeinheit in Person?“

Er hätte sich nicht von seiner Neugier verleiten lassen sollen. Hätte sich nicht auf dieses Gesprächsthema einlassen sollen.

Das würde jetzt ein Ende nehmen. „Genug, Mensch. Du hast dir schon mehr Ärger eingehandelt, als du im Augenblick wieder loswerden kannst. Ich würde dir nicht raten, noch mehr zu suchen.“

„Wer hätte das gedacht?“, entgegnete sie mit einem freudlosen Lachen. Mit ihrer rosafarbenen Zungenspitze fuhr sie sich über die Lippen. „Endlich haben die Ärzte mal recht. Ich hab Halluzinationen. Bloß in meinem verdrehten Hirn würde ein Engel jemanden so mies behandeln.“

„Ich habe dich nicht mies behandelt, und du hast keine Halluzinationen.“

„Dann beeinflussen die Medikamente mein Hirn“, beharrte sie.

„Das tun sie nicht.“

„Aber hierher kommt nur das Böse.“

„Wieder falsch.“

„Ich … ich … Okay, ich tu mal so, als ob. Ich meine, wieso nicht. Lass uns sagen, du bist real …“

„Das bin ich.“

„…und einer von den Guten, denn du bist nicht hier, um mich umzubringen. Bist du hier, um mich … zu befreien?“

So süß war das Zögern in ihrer Frage gewesen, dass er wusste, sie wagte nicht zu hoffen, es wäre so. Und doch wollte sie mit jeder Faser ihres Seins daran glauben, dass ihre Rettung bevorstand.

Einen anderen Mann hätte ihre Notlage vielleicht zum Helfen bewogen, doch nicht Zacharel. Er hatte Leid in allen Variationen gesehen. Er hatte Leid in allen Formen verursacht. Hatte seine Freunde, Unsterbliche, die für immer hätten leben sollen, sterben sehen.

Hatte seinen Zwillingsbruder sterben sehen.

Hadrenial, sein Zwilling, das Einzige, was ihm je wertvoll gewesen war, ruhte jetzt in einer Urne auf seinem Nachttisch. In seiner Erscheinung war er identisch mit Zacharel gewesen, mit dem gleichen schwarzen Haar, den gleichen grünen Augen, dem gleichen scharf geschnittenen Gesicht und starken Körper. Doch gefühlsmäßig waren sie vollkommene Gegensätze gewesen. Obwohl Hadrenial nur wenige Minuten jünger war als Zacharel, schienen es Jahre zu sein. So unschuldig und lieb war er gewesen, so freundlich und einfühlsam, von allen geliebt.

„Ich kann es nicht ertragen, die Menschen weinen zu sehen, Zacharel. Wir müssen ihnen helfen. Irgendwie, auf irgendeine Weise.“

„Das ist nicht unsere Aufgabe, Bruder. Wir sind Krieger, keine Glücksboten.“

„Warum können wir nicht beides sein?“

Zacharel ballte die Hände zu Fäusten. Du musst aufhören, an ihn zu denken. Über das nachzugrübeln, was geschehen war, würde nicht das Geringste ändern. Es war, wie es war. Wunderschön und hässlich. Herrlich und furchtbar.

Er zwang seine Gedanken zurück zu der Frau und ihrer Misere – beschloss jedoch, die Frage zu ihrer Befreiung nicht zu beantworten. „Kennst du den Namen des Dämons, der dich gezeichnet hat?“

Eine Mischung aus Enttäuschung und verbitterter Resignation blitzte in ihren Augen auf. „Vielleicht bist du ja doch real“, murmelte sie. „Um mir jemanden wie dich auszudenken, bräuchte ich eine dunkle Seite, die ich nicht besitze.“

„Du hast vergessen, vorauszuschicken ‚Ich will dich nicht beleidigen‘.“

„Nein, hab ich nicht. Genau das wollte ich.“

Was für ein aufmüpfiger kleiner Mensch. „Soll ich meine Frage wiederholen?“, hakte er nach – für den Fall, dass sie es beim ersten Mal überhört hatte.

„Nein. Ich erinnere mich. Du willst wissen, ob ich den Namen des …“ Ihre Augen wurden groß, Enttäuschung und Resignation wichen Schock. „Dämons“, flüsterte sie, und die Enthüllung schien sie weit mehr zu treffen als die über seine Herkunft. „So in der Art von ‚ein Dämon, der aus der Hölle kommt‘?“

„Ja.“

„Ein bösartiges Wesen, dessen einziger Daseinszweck es ist, das Leben von Menschen zu zerstören?“

„Ja.“

„Eine abscheuliche Kreatur ohne einen Funken Licht in sich, erfüllt von nichts als Dunkelheit und Bösem?“

„Exakt.“

„Ich hätte es wissen müssen“, murmelte sie. „Dämonen. All die Jahre habe ich gegen Dämonen gekämpft, ohne es zu begreifen.“ Erleichterung mischte sich in den Schock, tränkte ihre Worte. „Ich bin nicht verrückt, und wir sind nicht allein. Ich hab’s ihnen gesagt.“

„Mensch, du wirst mir jetzt antworten.“

„Ich hab’s ihnen gesagt“, fuhr sie unbekümmert fort. „Ich hatte bloß keinen Schimmer, dass es Dämonen waren, gegen die ich gekämpft hab. Ich hätte drauf kommen können, aber ich bin bei Vampiren und mythischen Monstern hängen geblieben, und dann bei Halluzinationen, deshalb …“

„Mensch!“ Erhebe ihr gegenüber nicht die Stimme. Auf keinen Fall würde er seiner Gottheit erklären können, dass er sie gar nicht hatte zu Tode erschrecken wollen.

Sie schüttelte den Kopf und befreite sich mit der gleichen Entschlossenheit von ihren offensichtlich rasenden Gedanken, wie er es getan hatte. Beeindruckenderweise schien sie allerdings beileibe nicht eingeschüchtert zu sein. „Ich kann dir nicht antworten, weil ich keine Ahnung hab, wovon du redest. Mich hat ein Dämon gezeichnet? Wie? Warum?“

Ehrliche Verwirrung. Das wusste er, denn die Lügen anderer schmeckten immer bitter auf seiner Zunge. Doch das Einzige, was er in diesem Moment schmeckte, war … ihr Duft? Ein zarter Hauch von Rosen und Bergamotte, der von ihrer Haut auszuströmen schien, dieser glatten, sahnig-gebräunten Haut.

Dass er ein so unwichtiges Detail bemerkt hatte, ärgerte ihn. „Du erinnerst dich nicht, zugestimmt zu haben, dich mit einem Dämon zu vermählen, bewusst oder vielleicht unbewusst?“

„Niemals!“ Als sie die Augen verengte, verschmolzen ihre langen dunklen Wimpern miteinander. „Und jetzt bin ich dran mit ein paar Antworten. Bist du hier, um mich zu retten oder nicht?“

Wenn sie stark genug war, auf einer Antwort zu bestehen, obwohl sie die Wahrheit bereits erraten hatte, war sie auch stark genug, sie zu hören. „Nein. Das bin ich nicht.“ Aber nur zu gern wäre er lange genug bei ihr geblieben, um das Rätsel ihrer Vermählung zu lösen. Wann war es geschehen? Wer hatte es vollzogen? Wie hatte man sie hereingelegt?

Die Details spielen keine Rolle. Nur das Ergebnis zählt.

Eine Pause, während sie sein Eingeständnis verarbeitete, und dann ein bitteres Lachen. „Natürlich bist du das nicht. Warum hätte ich je etwas anderes hoffen sollen?“

Scharniere quietschten, als die Stahltür plötzlich ruckartig geöffnet wurde. Zacharel verbarg sich vor neugierigen Blicken, und die Menschenfrau verkrampfte sich. Ein Wachmann mit einem Schlagstock hielt die Tür offen, während ein männlicher Mensch in den Raum trat, eine dicke Akte in der Hand. Für einen Menschen war er durchschnittlich groß, hatte bereits einiges an Haar verloren und trug einen falschen mitfühlenden Gesichtsausdruck zur Schau. Ein weißer Kittel lag um seine schmalen Schultern, der Stoff verunziert von kleinen Spritzern getrockneten Blutes.

„Sie ist eine Kämpferin“, sagte der Mensch, „aber sie ist fixiert und kann mich nicht verletzen. Achten Sie nicht auf das, was Sie hören könnten. Diese Therapiesitzung wird einige Zeit dauern, also kommen Sie nicht wieder rein, bevor ich Ihnen das Signal gebe.“

Der Wachmann warf der Frau einen mitfühlenden Blick zu, nickte aber schließlich. „Was immer Sie sagen, Doc.“ Er zog die Tür zu und schloss den Neuankömmling mit dem Mädchen ein.

Zacharel befahl sich, zu gehen. Nicht einmal Glücksboten, die am engsten mit den Menschen in Kontakt waren, durften in deren freien Willen eingreifen. Außerdem waren die wichtigsten Aspekte des heutigen Rätsels gelöst. Die Dämonen waren wegen des Mädchens gekommen, unwiderstehlich von ihr angezogen, begeistert von der Gelegenheit, das Eigentum eines anderen ihrer Art zu beschmutzen.

Was sie anging – sie würde erst im Tod Befreiung finden.

Ja, ich sollte wirklich gehen. Und doch blieb er. Angst, Abscheu und Zorn strömten jetzt aus ihren Poren und verursachten … Sicherlich nicht. Und doch, er konnte seine Existenz nicht leugnen. Ihre Gefühle verursachten einen winzigen Riss in dem Eis und der Dunkelheit in seiner Brust. Verursachten ein leises Flackern von … Schuldgefühlen?

Er verstand es nicht. Warum hier? Warum jetzt?

Warum sie?

Augenblicklich formte sich die Antwort in seinem Inneren, und auch wenn er davor zurückweichen wollte wie schon zuvor, so konnte er es nicht. Sie erinnerte ihn an Hadrenial. Nicht in ihrer Art, dazu war sie zu feurig, aber in den äußeren Umständen.

Hadrenial war an sein Bett gefesselt gestorben.

Das spielt keine Rolle. Du musst gehen. Gefühle waren nichts als Verschwendung. Jahrhundertelang hatte Zacharel um seinen Bruder getrauert. Er hatte geweint, er hatte gewütet, er hatte selbst den Tod gesucht, doch nichts von alledem hatte seine Schuldgefühle oder seine Scham gelindert. Erst als er sich von jeglichen Gefühlen losgesagt hatte, hatte er Erleichterung verspürt.

Und jetzt …

Jetzt erwiesen sich die kalten Kristalle, die unaufhörlich aus seinen Flügeln rieselten, als Segen, der ihn an seinen Status erinnerte – Kommandant –, an seine Pflicht – die himmlischen Gesetze verteidigen – und an sein Ziel – den Sieg über die Dämonen ohne Kollateralschäden. Das Mädchen konnte, würde keine Rolle spielen.

„Sie sind so vorhersehbar, Fitzpervers“, verhöhnte sie ihn. „Ich wusste, dass Sie kommen würden.“

„Als könnte ich meiner süßen kleinen Geisha fernbleiben. Wir müssen schließlich über dein Verhalten von heute Morgen reden.“ Begierde verschleierte den Blick des Mannes, als er ihn über ihren schlanken Körper wandern ließ und an ihren sehr femininen Kurven innehielt.

Hektisch blickte sie zwischen dem Menschen und Zacharel hin und her. Er wusste, dass sie ihn nicht mehr sehen konnte. Dass sie bloß herauszufinden versuchte, ob er noch da war. Und er erkannte den Moment, in dem sie entschied, dass er es war – denn ein Schauer überlief sie, zweifellos aus Scham.

„Warum sprechen wir nicht stattdessen über Ihr Verhalten? Sie sollen Ihren Patienten helfen, nicht ihnen noch mehr Schaden zufügen.“ Ein Hauch von Verzweiflung in ihrem Ton strafte ihre draufgängerischen Worte Lügen.

Die Erwiderung bestand in einem lüsternen Grinsen. „Was wir miteinander tun, muss nicht wehtun. Wir können einander solche Genüsse verschaffen.“ Er ließ die Akte zu Boden fallen und zog sich den Kittel aus. „Ich werd’s dir beweisen.“

„Tun Sie das nicht.“ Ihre Nasenflügel blähten sich unter ihrem hektischen Atem. „Man wird Sie erwischen, Sie verlieren Ihren Job.“

„Süße, wann lernst du’s endlich? Dein Wort steht gegen meins.“ Er holte eine Spritze aus der Hosentasche und ging auf sie zu. „Ich bin ein hochangesehener Mediziner. Du bist ein Mädchen, das Monster sieht.“

„Genau wie in diesem Moment!“

Er lachte nur selbstgefällig. „Ich werde deine Meinung schon noch ändern.“

„Ich hasse Sie“, stieß sie hervor, und Zacharel beobachtete, wie sie noch einmal alle Kräfte zusammennahm. „Begreifen Sie nicht, dass Sie das auf ewig verfolgen wird? Wenn Sie die Saat der Zerstörung säen, werden Sie auch mit der Ernte leben müssen, mit allen Schlingen und Dornen.“

„Wie süß. Lebensweisheiten von einer der gewalttätigsten Insassinnen dieser Anstalt. Aber bis meine Ernte reif ist …“

Stumm wandte sie den Blick von dem Menschen ab, ebenso von Zacharel, und starrte irgendwo in die Ferne. Tränen glänzten in diesen Augen aus einer anderen Welt, bevor sie sie fortblinzelte. Heute Abend würde sie nicht zerbrechen; dieser Mann würde sie noch viele Monate oder sogar Jahre lang nicht brechen. Aber sie würde heute Abend Leid erfahren. Furchtbares Leid.

3. KAPITEL

Sobald Zacharel sich in die Lüfte erhob, wurde der Riss in seiner Brust länger, und er hätte schwören können, er hörte Eis knacken. Wären ein paar Worte an den Arzt wirklich eine Einmischung? Er flog langsamer. Danach würde er in seine Wolke zurückkehren, die Frau vergessen und weitermachen, wie er es immer getan hatte. Allein, unbeeindruckt und unbewegt. So, wie er es mochte. So, wie es vermutlich auch seiner Gottheit am liebsten war.

Sehr gut. Er hatte sich entschieden.

Zacharel kehrte in den Raum zurück und materialisierte sich vor den Augen des Menschen. Eines Menschen, der für seine Untaten den Tod verdiente. Doch Zacharel würde ihm keinen Schaden zufügen. Er konnte sich nur mit dem Wissen begnügen, dass der Arzt eines Tages all das Übel ernten würde, das er gesät hatte. Wie es jedem am Ende erging.

Bevor der Mann in Panik geraten konnte, blickte Zacharel ihm tief in die Augen und sagte kalt: „Du hast etwas Besseres zu tun.“

Der Arzt erschauderte. Gefesselt vom Klang der Wahrheit in Zacharels Stimme erwiderte er: „Was Besseres. Genau. Hab ich.“

Na also. Was Zacharel hier machte, war gar nicht so sehr Einmischung – vielmehr half er dem Arzt, sich zu erinnern an … was auch immer er als wichtiger empfand, als eine seiner Patientinnen zu misshandeln. „Du wirst diesen Raum verlassen. Du wirst nicht zurückkommen. Du wirst dich an diese Nacht nicht erinnern.“

Der Arzt nickte, machte auf der Stelle kehrt und klopfte an die Tür.

Während Zacharel sich in einer Luftfalte verbarg, entriegelte die Wache mit überraschter Miene von draußen die Tür und warf einen Blick auf das Mädchen. „Schon fertig, Dr. Fitzherbert? Ich dachte, Sie hätten gesagt, Sie brauchen eine Weile.“

„Ja, ich bin schon fertig“, ertönte monoton zur Antwort. „Ich werde jetzt gehen. Ich hab was Besseres zu tun.“

„O-kay.“

Erneut quietschten die Scharniere, und dann war Zacharel wieder allein mit dem Mädchen.

„Ich dachte, du wolltest mich nicht retten“, presste sie heiser hervor, während sie immer noch irgendwo in die Ferne außerhalb des Raums blickte. Was sah sie mit diesen Augen?

Schöne Augen, zumindest, wenn er sich für solche Dinge interessiert hätte – was er nicht tat. „Du hast mich gefragt, ob ich gekommen sei, um dich zu retten, und das war ich nicht. Ich bin aus einem anderen Grund hergekommen.“

„Oh.“ Jetzt räusperte sie sich und schluckte. „Na ja, trotzdem danke. Dass du ihn weggeschickt hast, meine ich.“

Hm. Es gefiel Zacharel, ein Danke aus ihrem Mund zu vernehmen, denn so eingerostet, wie sie dabei geklungen hatte, hegte er den Verdacht, dass sie das nicht oft sagte. Vielleicht einfach, weil ihr niemand Grund dazu gab – und warum schmerzte seine Brust schon wieder so? „Was hätte er mit dir gemacht?“

Stille.

„Also hätte er dir Leid zugefügt.“ So viel hatte Zacharel bereits erraten. „Hat er dir schon einmal Leid zugefügt?“

Wieder Stille.

„Das ist ein Ja.“ Menschen zu töten war nichts, das Zacharel normalerweise genoss, doch er verabscheute es auch nicht. Er konnte jedem alles antun, ohne auch nur einen Funken Reue zu verspüren. Doch diesem Arzt das Herz aus der Brust zu reißen, hätte ihm möglicherweise zu einem kleinen Adrenalinschub verholfen. „Korrekt?“

Noch mehr Stille.

Ich werde mit voller Absicht ignoriert. Winzige Schocks ratterten wie Sprengsätze durch seinen Körper. Noch nie war er einfach nicht beachtet worden. So verwildert seine Männer auch sein mochten, selbst sie hörten ihm zu – bevor sie unverfroren gegen jeden seiner Befehle verstießen. Und sein früherer Anführer, Lysander, hatte jedes seiner Worte in seine Entscheidungen mit einbezogen. Und darüber hinaus hatten ihn sogar die einzigen Wesen außerhalb seiner Art, die er als … was betrachtete? Nicht als Freunde, aber auch nicht als potenzielle Vernichtungsziele. Die dämonenbesessenen Unsterblichen, die als die Herren der Unterwelt bekannt waren, hatten an seiner Seite gekämpft und sich seinen Respekt verdient für die Kraft und Verbissenheit, mit der sie dem Bösen in ihren Körpern die Stirn boten. Und selbst sie hatten ihn immer voll gebannter Faszination betrachtet. Die wenigen Menschen, die ihn über die Jahrhunderte erblickt hatten, waren vollkommen hypnotisiert gewesen.

Dass dieser Zwerg von einem Mädchen ihn so einfach abservierte, warf ihn völlig aus der Bahn.

Bevor er beschließen konnte, wie er damit umgehen sollte, spazierte Thane durch die gegenüberliegende Wand herein und nahm die Szene mit seinem saphirfarbenen Blick in Sekundenbruchteilen auf. Zorn loderte in seinem Gesicht auf beim Anblick des verletzten Mädchens, das dort an den Tisch gefesselt lag. Doch er stellte Zacharel keine Fragen. Wenigstens etwas.

„Die Dämonen sind eliminiert, Eure Majestät, und der eine, nach dem Ihr verlangt habt, wurde in Eure Wolke gebracht. Lebendig.“ In seiner rauchigen Stimme flackerten Flammen auf.

Langsam wandte die Frau den Kopf, wobei ihr dicke, zerzauste Locken ins Gesicht fielen und die Sicht versperrten. Sie blies die Strähnen fort und betrachtete Thane.

„Sieh an, ich bin ja echt gefragt heute Nacht. Bist du auch ein Engel?“, fragte sie und ließ den Blick über seine immer noch schwarzen Flügel wandern.

Zacharel konnte nicht umhin, zu bemerken, dass Thane nicht solche Zweifel zu wecken schien wie er.

„Ja.“ Thane schnupperte in die Luft, runzelte die Stirn und richtete dann einen bohrenden Blick auf Zacharel. „Habt Ihr vor, sie zu befreien?“

„Nein.“ Wie kam er darauf?

Der Blick wurde missbilligend. „Aber warum … Egal. Wenn Ihr Eure Meinung über sie geändert habt, werde ich sie mitnehmen.“

Obwohl sie nicht wussten, warum sie hier war oder was sie getan hatte? „Nein“, wiederholte er.

Thane verbeugte sich, wie ein Sklave, der von seinem Herrn auf seinen Platz verwiesen worden war. „Natürlich nicht, Eure Majestät. Wie unerhört von mir, ein so albernes Verlangen zu verspüren. Niemand an einem Ort wie diesem verdient Mitgefühl, nicht wahr?“

Würden seine Männer ihm jemals fraglos gehorchen? „Wurden während des Kampfs Menschen verletzt?“, wollte er wissen. Das Mädchen war nicht die Einzige, deren Fragen er ignorieren konnte.

Mit erhobenem Kinn erwiderte Thane durch zusammengebissene Zähne: „Eine der Wachen. Ein Feuerschwert hat ihn in der Mitte durchtrennt.“

Zum zweiten Mal an diesem Tag spürte Zacharel, wie seine Hände sich zu Fäusten ballten. Direkter Ungehorsam – schon wieder. „Ein Feuerschwert durchtrennt nicht aus Versehen einen Menschen.“ Während ein Engel auf der spirituellen Ebene handelte, konnten nicht einmal seine Waffen von Menschen wahrgenommen werden – geschweige denn berührt. Der Engel, der diese Tat begangen hatte, musste also in voller Absicht ins Reich der Sterblichen übergetreten sein.

„Der Wächter war besessen und musste sterben“, erklärte Thane.

„Und trotz des Dämons in seinem Inneren war er immer noch ein Mensch. Wer hat meine Befehle missachtet?“

Thane fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. „Vielleicht war ich es.“

Doch so vertraut, wie Zacharel mit den Tricks zur Umgehung des Klangs der Wahrheit war, wusste er, dass Thane nicht der Schuldige war. „Wer? Du wirst es mir sagen, oder du wirst dabei zusehen, wie ich Björn und Xerxes bestrafe.“ Die Wahrheit. Er würde es ohne die geringsten Gewissensbisse tun.

Wieder eine Pause, diesmal einen Moment länger. „Jamila.“

Jamila. Eine von vier Frauen in seiner Armee, doch sie war diejenige, der er am meisten vertraut hatte. Sie war die Einzige, die niemals seine Autorität infrage gestellt hatte. Und doch würde er jetzt ihretwegen zum neunten Mal ausgepeitscht.

„Du da“, meldete sich die Frau auf der Krankenhaustrage, und Verärgerung klang aus ihrem Ton. „Neuer. Engelchen. Käpt’n Locke, oder wie auch immer du genannt werden willst. Ich hab das Fragen satt, das ist jetzt ein Befehl: Befrei mich.“

Zacharel musste allen Ernstes gegen den Drang ankämpfen, zu lächeln. Er. Lächeln. Die Absurdität war nicht zu fassen. Doch soeben hatte sie seinen Krieger mehrfach beleidigt, genau wie dieser Krieger Zacharel immer wieder beleidigte.

Thane entspannte sich, und ihm entschlüpfte ein leises Lachen. „Käpt’n Locke. Das gefällt mir. Aber, mein schönes Menschenkind, du hast mich gebeten, dich zu retten, nicht, dich zu befreien.“

„Ist doch dasselbe“, gab sie entnervt zurück.

„Da gibt es einen großen Unterschied, lass dir das gesagt sein. Aber was willst du tun, wenn ich deinen Befehl missachte, hm?“

Und sie gurrte ein seidiges „Glaub mir, das willst du nicht wissen“.

Zacharel presste die Lippen zusammen. Langsam amüsierte ihn das nicht mehr. Flirteten die etwa? Er konnte nur für sie hoffen, dass dem nicht so war. Er und Thane waren im Einsatz.

„Weil dieses Wissen mich nicht aufhalten würde?“, erwiderte Thane ebenso seidig.

„Weil es so widerwärtig ist, dass du allein von der Vorstellung kotzen wirst.“

Thane hustete – oder vertuschte ein Prusten. Schwer zu sagen. „Hast du das gehört?“, fragte er Zacharel und sprach zum ersten Mal seit Beginn ihrer Bekanntschaft mit ihm, als wären sie Freunde. Als teilten sie einen Moment der Gemeinsamkeit. „Sie hat mir gerade befohlen, ihr zu gehorchen, und dann gedroht, mir wehzutun, wenn ich mich nicht füge.“

„Ich habe Ohren“, erwiderte er trocken. „Ich habe es gehört.“ Aber warum hatte sie das nicht auch mit Zacharel gemacht?

„Und sie glaubt tatsächlich, dass sie Erfolg haben wird“, fuhr Thane erstaunt fort.

„Du musst nicht gleich so beeindruckt klingen“, wies Zacharel den Engel zurecht. Der Gedanke gefiel ihm überhaupt nicht. Wenn Thane beeindruckt war, würde er die Frau begehren … und vielleicht vor nichts zurückschrecken, um sie zu bekommen.

Thane blickte ihn finster an. „Ich bin einfach nur neugierig. Und wenn’s sein muss, frage ich eben doch, obwohl es mich nichts angeht. Warum hast du Anspruch auf sie erhoben, wenn du sie hier zurücklassen willst?“

„Ich habe keinen Anspruch auf sie erhoben.“ Die Worte konnten gar nicht schnell genug aus seinem Mund purzeln.

„Warum hast du sie dann von oben bis unten mit deiner Essenzia bedeckt?“

„Ich habe sie nicht angefasst.“

„Und doch trägt ihre Haut dein Zeichen.“

„Das ist nicht meins.“ Essenzia war eine Substanz, die durch ihre Körper floss. Manchmal drang sie durch die Poren ihrer Hände nach außen und nahm die Form eines feinen Puders an, mit dem sie Besitzansprüche auf jedes Objekt sichtbar machen konnten, das sie als ihr alleiniges Eigentum betrachteten. Dämonen produzierten eine ähnliche Substanz, nur verdorben, besudelt.

Verblüfft musterte Zacharel die Frau. „Ich habe niemals Anspruch auf einen Menschen erhoben.“ Er hatte noch nicht einmal das Verlangen danach verspürt. „Sie schimmert nicht.“ Er konnte nichts Ungewöhnliches an ihrer Haut entdecken.

Schamlos erwiderte sie seine Musterung, und er trat von einem Fuß auf den anderen. Er. Herumzappeln. Unfassbar!

„Ganz im Ernst“, erklärte Thane, „das Schimmern ist ganz matt, aber es ist da, und eine unmissverständliche Warnung an jeden anderen Mann, die Finger von deinem Eigentum zu lassen.“

Seinem Eigentum? Unmöglich. „Du irrst dich, das ist alles.“

„Argh!“, unterbrach das Mädchen sie. „Ich hab’s satt, mir dieses schwachsinnige Gelaber anzuhören. Ihr Flattermänner seid echt das Letzte! Vergesst einfach, dass ich hier bin. Oh, Moment. Habt ihr ja schon. Dann hab ich ’ne andere Idee für euch: Verschwindet.“

Sie hatte mehr Temperament, als selbst Zacharel gedacht hatte. Jetzt musste er aufpassen, dass er nicht selbst beeindruckt war. Oder erstaunt. „Geh“, befahl er seinem Krieger. „Ich will, dass du mit meinen anderen Ratgebern“ – was Jamila einschloss – „in meiner Wolke auf mich wartest. Nein, vergiss das. Du nicht. Geh und finde jedes Detail über diese Menschenfrau heraus, das es zu wissen gibt.“ An ihm nagte das Bedürfnis, mehr über sie zu erfahren. Besser, er schenkte dem Gehör, als nachher zu bereuen, es nicht getan zu haben.

„Was immer Ihr befehlt. Majestät.“ Thane stapfte aus dem Raum. Kurz bevor er verschwand, warf er dem Mädchen einen letzten Blick zu, und wieder ballten sich Zacharels Hände ohne sein Zutun zu Fäusten. Wie oft sollte das an einem einzigen Tag denn noch geschehen, wo er es doch zuvor über Jahre nicht getan hatte?

„Wenn du etwas über mich wissen willst“, warf sie Zacharel scharf an den Kopf, sobald sie allein waren, „hättest du mich auch einfach fragen können.“

„Und dir damit Gelegenheit geben, zu lügen?“

Verletzt sah sie ihn an, aber eine Sekunde später war der Ausdruck verschwunden. An seine Stelle trat Stolz, und der blieb. „Du hast recht. Ich bin eine nichtsnutzige Lügnerin und du bist Mr Wahrheit. Also, warum bist du hier, Mr Wahrheit? Mir ist ziemlich klar, dass es nicht ist, um mich zu retten oder zu befreien.“

Es gab keinen Grund, es ihr nicht zu sagen. „Ich wurde beauftragt, die Dämonenhorden zu töten, die versucht haben, in das Gebäude einzudringen.“

Ein Moment der Panik. „Horden? So wie eine Armee? Da draußen sind noch mehr?“

„Ja, aber sie stellen keine Bedrohung mehr dar. Meine Armee war siegreich.“

Langsam atmete sie aus. „Die wollten mich, nicht wahr?“

„Ja.“

Und wieder ein Anflug von Panik. „Aber warum? Warum gerade mich?“

Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr geschehen war. Nicht im Geringsten. Und doch müsste sie sich erinnern, betrogen … oder verführt worden zu sein. Also wie war es dem Dämon gelungen, sie zu zeichnen?

„Hallo?“

Statt ihr zu antworten, nahm Zacharel die Akte auf, die immer noch am Boden lag – wo sie der Arzt hatte fallen lassen –, und blätterte sie durch.

Sie hämmerte den Kopf auf ihr Kissen, einmal, zweimal. „Meinetwegen. Dann ignorier mich eben wieder. Mir egal. Ich bin’s gewohnt. Aber bitte, Eure Majestät, erlaubt mir, Euch die Mühe zu ersparen, die kleinen Details zusammenzusuchen. Selbst eine Lügnerin wie ich hätte keinen Grund, die zu fälschen.“ Ohne ihm Zeit für eine Antwort zu lassen, setzte sie hinzu: „Für den Anfang: Mein Name ist Annabelle Miller.“

Die Wahrheit, so stand es in den Notizen. Annabelle. Abgeleitet vom lateinischen Wort für lieblich. „Ich heiße Zacharel.“ Nicht, dass das eine Rolle spielte.

„Tja, Zachie, ich …“

„Majestät“, platzte er dazwischen, als er augenblicklich seine Meinung änderte. Zachie war schlimmer. „Du darfst mich Majestät nennen.“

„Auf keinen Fall nenne ich dich Majestät, aber genug von deiner überhöhten Meinung von dir selbst. Ich bin hier, weil ich meine Eltern umgebracht habe. Ich habe sie erstochen, das hat man mir jedenfalls gesagt.“

Als er aufblickte, sah er wieder ein Zittern durch ihren Körper laufen. Vielleicht sollte er ihr eine Decke besorgen. Ihr eine Decke holen? Ernsthaft? Sein Stirnrunzeln kehrte zurück. Ihr Wohlergehen bedeutete ihm nichts.

„Das hat man dir gesagt? Du erinnerst dich nicht?“, hakte er nach und blieb an Ort und Stelle.

„Oh, und wie ich mich erinnere.“ Die Bitterkeit schlich sich wieder in ihre Stimme, wurde deutlicher. „Ich habe gesehen, wie eine Kreatur … ein Dämon es getan hat. Ich habe versucht, ihn aufzuhalten, versucht, sie zu retten. Und als ich der Polizei erzählt habe, was wirklich geschehen war, wurde ich für geistesgestört befunden und hier auf Lebenszeit eingesperrt.“

Wieder wusste er, dass sie die Wahrheit sprach. Nicht nur, weil die Dinge, die sie erzählte, sich überall auf den Seiten in der Akte getippt und gekritzelt wiederholten – auch wenn keiner ihrer Ärzte ihr geglaubt hatte –, sondern vor allem weil er nur Rosen und Bergamotte in der Luft schmeckte. Beides feine, zarte Gerüche, die ihm gefielen. Seltsam. Für Gerüche oder Geschmäcker hatte er sich noch nie interessiert. Sie waren, wie sie waren, und er hatte keine Vorlieben.

„Warum hatten diese Dämonen es auf mich abgesehen?“, wollte sie wieder wissen. „Warum? Und nur dass du’s weißt, ich höre erst auf, dich damit zu nerven, wenn du es mir erzählst.“

„Das ist nicht ganz richtig. Ich könnte gehen, dann könntest du mich mit nichts nerven.“ Statt sie jedoch wieder zu ignorieren, entschied er, dass es auch bei dieser Information keinen Grund gab, sie vor ihr zurückzuhalten. Ihn interessierte, wie sie reagieren würde.

Bei allen Feuern der Hölle, irgendetwas konnte nicht mit ihm stimmen. Ihn interessierte nichts.

„Irgendwann vor dem Tod deiner Eltern“, erklärte er, „hast du einen Dämon in dein Leben eingeladen.“

„Nein. Auf keinen Fall.“ Heftig schüttelte sie den Kopf, und die blauschwarzen Strähnen an ihren Schläfen verfingen sich ineinander. „Diese Dinger würde ich nirgendwohin einladen. Außer vielleicht zu ’ner Abrissparty mit anschließender Hausverbrennung.“

Wie konnte sie so unbestreitbar Zweifel an etwas äußern, das er gesagt hatte? Obwohl der Klang der Wahrheit in seiner Stimme so klar und rein war wie eh und je? Nur sehr wenige Menschen fühlten so starke Zweifel, dass sie diesem Klang widerstehen konnten. Aber Annabelle passte irgendwie nicht dazu.

„Menschen unterschätzen, wie leicht es ist, einen Dämon willkommen zu heißen. Die negativen Worte, die ihr sagt, die gehässigen Dinge, die ihr tut. Sprich eine Lüge aus, und du winkst sie heran. Spiele mit dem Gedanken, Gewalt auszuüben, und du öffnest ihnen Tür und Tor.“

„Mir egal, was du sagst. Ich habe niemals einen Dämon willkommen geheißen.“

Wie konnte er es ihr begreiflich machen? „Stell es dir einmal so vor: Dämonen sind die Entsprechung von spirituellen Paketboten. Deine Worte und Handlungen können von ihnen als Bestellung interpretiert werden. Für einen Fluch. Sie kommen an deine Tür und klingeln. Es ist deine Entscheidung, ob du diese Tür öffnest und das Paket annimmst, das sie dir bringen. Du hast es getan.“

„Nein“, wiederholte sie hartnäckig.

„Hast du jemals bei einem Ouija-Spiel mitgemacht?“, versuchte er ihren sturen Kern mit einem anderen Ansatz zu erreichen.

„Nein.“

„Eine Wahrsagerin aufgesucht?“

„Nein.“

„Einen Zauber ausgesprochen? Irgendeinen?“

„Nein, okay? Nein!“

„Gelogen, betrogen oder einen Nachbarn bestohlen? Jemanden gehasst? Irgendjemanden? Etwas gefürchtet? Irgendetwas?“

Das nächste Zittern, das sie überlief, war stärker als zuvor. Ihr Kiefer verkrampfte sich und zwang sie, zu schweigen. Das Bett ratterte. Als der Krampf nachließ, war auch jeglicher Zorn aus ihr gewichen, und sie strahlte eine Trostlosigkeit aus, die den Riss in seiner Brust irgendwie um eine Winzigkeit vergrößerte.

„Es gibt nichts mehr zu bereden“, sagte sie leise.

Also lautete die Antwort auf eine seiner Fragen Ja. Furcht und Zorn hatte er bereits mit eigenen Augen bei ihr gesehen. „Für mich schon. Auf spiritueller Ebene gestatten all die Dinge, die ich aufgezählt habe, deinen Feinden, dich anzugreifen.“

„Aber wie soll man sich denn dazu zwingen, keine Angst zu haben?“

„Nicht was du fühlst, ist wirklich wichtig, sondern was du sagst und wie du handelst, während du so fühlst.“

Einen Moment lang nahm sie seine Worte in sich auf. Schließlich seufzte sie. „Okay, hör zu. Ich bin müde, und du hast freundlicherweise dafür gesorgt, dass Fitzpervers nicht wiederkommt, also ist das hier meine einzige Gelegenheit, mich auszuruhen, ohne dass sich jemand an mich heranmacht. Kannst du jetzt endlich einfach verschwinden?“

Wenn du nicht tun kannst, was ich von dir brauche, dann lass mich in Frieden. Ich hasse es, dass du mich so siehst. Geh bitte. Dieses eine Mal, hör mir zu und tu, was ich dir sage. Geh!“

Er knirschte mit den Zähnen. Kein Gedanke mehr an seinen Bruder.

„Ich werde gehen, ja“, sagte er. „Aber du – was wirst du tun?“

„Das Gleiche wie immer.“ Ihr Tonfall war so emotionslos wie der seine, und auch da war er sich nicht sicher, ob ihm das gefiel. Ihren Kampfgeist zog er definitiv vor. „Ich überlebe.“

Aber wie lange noch?

Mehrere Minuten lang überlegte Zacharel hin und her, was er mit ihr machen sollte – und kam ins Schlingern ob der Tatsache, dass er überhaupt überlegen musste. Wenn er sie mitnahm, würde sie Ärger machen. Daran gab es keinen Zweifel. Er hätte in ein menschliches Leben eingegriffen, in viele menschliche Leben, und dafür würde er mit Sicherheit bestraft werden. Und schon jetzt hing eine Strafe wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf. Die für Jamilas Verfehlung. Doch wenn er Annabelle zurückließ, würde sie irgendwann zerbrechen. Die Vorstellung, wie sie weinte und bettelte wie sein Bruder damals, verstörte ihn.

Vielleicht könnte er sie einmal die Woche besuchen. Nach ihr sehen, sie bewachen. Außer natürlich, er würde zur Schlacht gerufen. Oder verletzt. Und in der Zwischenzeit? Während er fort war? Was würde dann mit ihr geschehen?

Schließlich gewann die Logik die Oberhand. Wenn er ihr half, wäre das kein Eingriff. Nicht wirklich. Es wäre zu ihrem Schutz, und dazu war er schließlich hier. Das war es, was seine Gottheit von ihm erwartete: Menschen zu beschützen. Dafür würde Zacharel belohnt werden, nicht bestraft. Ganz sicher.

Na also, da hatte er seine Entscheidung.

Als er an das Krankenhausbett trat, nahm er nun auch den Schimmer wahr, von dem Thane gesprochen hatte. Ein sanftes, weiches Licht in der Farbe von Zacharels Augen ging von ihr aus, überflutete sie, badete sie in einem zarten Strahlen.

Aber … Er hatte sie nicht angefasst. Nicht ein einziges Mal.

„Hattest du schon einmal mit einem anderen Engel Kontakt?“, fragte er, obwohl keine zwei Engel eine Essenzia von genau der gleichen Farbe besaßen. Doch ein Dämon hätte das nicht hervorrufen können. Auf keinen Fall konnte das Sinnbild alles Bösen eine so berauschende Farbe erschaffen.

„Nein.“

Wieder nichts als die Wahrheit. Es musste eine Erklärung geben. Vielleicht … vielleicht gehörte der Glanz zu ihr, war angeboren. Nur weil er noch nie davon gehört hatte, musste es nicht unmöglich sein.

„Was hast du mit mir vor?“ Fordernd hob sie die Augen seinem Blick entgegen und überraschte ihn mit der Wildheit, die dort lauerte, die ihn herausforderte … etwas … zu tun.

„Wir werden es gemeinsam herausfinden.“ Er streckte die Hand aus, um eine ihrer Fesseln zu lösen. Sie zuckte zusammen.

„Nicht!“, rief sie.

Langsam dämmerte es ihm. Sie war misshandelt worden, und von ihm erwartete sie das Gleiche.

Mit dem Versprechen, ihr niemals Schaden zuzufügen, riskierte er, sie zu belügen, und das konnte er nicht. Menschen waren empfindliche Wesen, nicht nur ihre Körper, auch ihre Gefühle waren verletzlich. Unfälle konnten immer passieren. Es war unmöglich, vorauszusehen, was ihr an seinem zukünftigen Umgang mit ihr missfallen mochte.

Wie lange genau willst du mit ihr zusammenbleiben?

„Im Augenblick habe ich nur vor, dich zu befreien und von diesem Ort fortzubringen“, erklärte er. „In Ordnung?“

Hoffnung flackerte in diesen kristallenen Augen auf. „Aber du hast gesagt …“

„Ich habe meine Meinung geändert.“

„Wirklich?“

„Wirklich.“

„Danke“, sprudelte es aus ihr hervor. „Danke, danke, danke, tausendmal danke. Das wirst du nicht bereuen, ich versprech’s. Ich stelle für niemanden eine Gefahr dar. Ich will bloß irgendwo hingehen und für mich sein. Ich werde keinen Ärger machen.“

Er löste die erste Fessel, eilte auf die andere Seite und tat dort dasselbe.

Tränen traten ihr in die Augen, als sie die Hände an die Brust zog und sich die Gelenke massierte. Nicht vor Schmerz, das glaubte er nicht, sondern vor Freude. „Wohin bringst du mich?“

„In meine Wolke, wo du vor den Dämonen in Sicherheit sein wirst.“

Ein kurzes Kopfschütteln, als sei sie sich nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. „Deine … Wolke? So in der Art von Wolke am Himmel?“

„Ja. Dort kannst du baden, deine Kleider wechseln, essen. Was auch immer du willst.“ Und dann … Noch immer hatte er nicht den geringsten Schimmer.

„Aber – bitte unterbrich mich, wenn das verrückt klingt – ich will lieber auf festem Boden bleiben, wo ich nicht kilometerweit durch die Luft falle und dann beim Aufprall platze wie eine überreife Melone.“

Er lockerte die Riemen um ihre Fußknöchel. „Sollte ich dich irgendwo auf der Erde unterbringen, würde dein Volk dich jagen … ganz zu schweigen von weiteren Dämonen. In meiner Wolke wirst du sicher sein, das verspreche ich dir.“

Sobald sie frei war, richtete sie sich ruckartig auf, schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Obwohl sie kurz schwankte, gelang es ihr, auf den Beinen zu bleiben. „Bring mich einfach aus dem Gebäude, und dann können wir beide getrennter Wege gehen. Du hast eine gute Tat vollbracht, und ich bleibe auf ewig verschwunden.“

Sie weigerte sich, ihm zu gehorchen, und das, wo er sich endlich entschlossen hatte, ihr zu helfen. Versuchte sie, ihn mürbe zu machen, bis er ihr jeden Wunsch von den Augen ablas? „Ich kann dich nicht ohne Aufsicht auf freien Fuß setzen, denn dann würde die Schuld für jeglichen Schaden, den du anrichtest, bei mir liegen.“

„Ich werde keinen …“

„Du willst es nicht, ich weiß. Aber das wirst du.“

„Gib mir doch wenigstens eine Chance!“

Das versuchte er gerade. „Dir bleiben zwei Möglichkeiten, Annabelle. Hierbleiben oder mit mir in meine Wolke kommen. Etwas anderes kommt nicht infrage.“

Sie hob das Kinn, ein Musterbeispiel von Sturheit. „Kann ich dann bei dem anderen Engel wohnen? Dem blonden.“

Thane? „Warum?“, verlangte er zu wissen.

Und ihr Kinn wanderte noch einen Tick höher. „Versteh mich nicht falsch, aber den mag ich lieber als dich.“

Gab es einen Weg, das nicht falsch zu verstehen?

Ehrlichkeit war immer zu befürworten, und doch kämpfte er plötzlich mit dem unerklärlichen Bedürfnis, sie zu schütteln. „Du kannst nicht wissen, wen du lieber magst. Du hast bloß ein paar Sekunden in seiner Gegenwart verbracht.“

„Manchmal braucht es nicht mehr.“

Der Riss in seiner Brust ging immer weiter auf. Diesmal war es nicht Schuld, die er spürte, sondern eine kräftige Prise … Zorn? Oh ja, Zorn. Zacharel war es, der den Arzt davon abgehalten hatte, sie zu missbrauchen. Zacharel war es, der sie befreit hatte. Ihn sollte sie am liebsten mögen. „Ich bin ein ebenso gefährlicher Krieger wie er. Sogar noch gefährlicher.“

Ein Beben überlief sie.

Einen Moment lang dachte er nach. „Vielleicht ist Gefahr nicht das, worauf es dir ankommt“, setzte er nach, mehr zu sich selbst. Vielleicht sehnte sie sich nach dem, was sie an diesem Ort offensichtlich nicht erfahren hatte. Güte.

„Hör mal, du geflügeltes Wunder. Bring mich hier raus und lass uns die Details meiner Wohnsituation später klären, okay?“

„Geflügeltes Wunder“, wiederholte er und nickte bedächtig. „Ich stelle fest, dass ich diesen Namen nicht schlecht finde. Er passt.“

„Mr Bescheiden würde es eher treffen“, murmelte sie.

„Dem kann ich nicht zustimmen. Geflügeltes Wunder ist offensichtlich der bessere Name für einen Mann wie mich, und die Details werden wir jetzt klären.“ Er konnte kaum fassen, dass er eine Unterhaltung wie diese überhaupt führte. „Ich will nicht, dass du dich später beschwerst, weil wir uns missverstanden haben.

Mit so etwas habe ich schon genug zu tun.“ Eindringlich hielt er ihren Blick fest. „Sag mir, warum du bei Thane wohnen willst.“

Sie schluckte, doch dann gestand sie: „Bei ihm fühle ich mich sicherer, das ist alles. Davon mal abgesehen: Aus seinen Flügeln schneit es nicht. Warum aus deinen?“

„Die Antwort auf diese Frage hat für dich keine Bedeutung. Was deine Sicherheit angeht, habe ich dir bereits versprochen, dass du in meiner Wolke unversehrt bleiben wirst. Deine Bedingungen sind also erfüllt, die Details geklärt. Du wirst bei mir wohnen. Komm. Ich werde keine weitere Zeit mit Diskussionen vergeuden.“

Sie konnte nicht fliegen, sich nicht Kraft ihrer Gedanken von einem Ort an den anderen teleportieren, und das bedeutete, er würde sie berühren müssen. Jede Sekunde des Kontakts würde für ihn abscheulich sein, da war er sich sicher, doch trotzdem würde er es über sich ergehen lassen. Er streckte die Hand aus und winkte sie zu sich. „Letzte Chance. Bleibst du oder kommst du mit?“

Bald bin ich aus diesem Höllenloch raus, dachte Annabelle und wollte lachen und weinen zugleich. Am liebsten hätte sie getanzt vor Erleichterung und sich dann panisch irgendwo verkrochen. Die Flucht … endlich … aber würde es so himmlisch werden, wie sie es sich erträumt hatte – oder bloß eine andere Version der Hölle?

Spielt das eine Rolle? Du wirst Fitzpervers los sein, diesen Käfig, die Medikamente und die anderen Patienten und die Wärterdie Dämonen.

Während all der Jahre hatte sie böse Höllenwesen bekämpft. Keiner von ihren Eltern hatte an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Auch Annabelle hatten sie zu einer Skeptikerin erzogen. Tja, sie hatten falsch gelegen, genau wie Annabelle, und jetzt gab es für sie eine Menge zu lernen.

„Annabelle“, brachte Zacharel sich in Erinnerung und krümmte wieder die Finger.

Dieser Mann konnte ihr vieles beibringen. Dieses Wesen des Himmels, das so teuflisch wirken konnte; wie ein dunkler, verführerischer Traum, dafür geschaffen, jede Frau zu mitternächtlichen Versuchungen zu verlocken.

Gefährlich … dieser Mann ist gefährlich …

Wie ein leises, erotisches Flüstern strichen die Worte über ihre Haut. Ein Flüstern, das sie gehört und gespürt hatte, seit er hier aufgetaucht war.

Und trotzdem sagte sie: „Ich … entscheide mich fürs Mitkommen.“ Länger als nötig bei ihm zu bleiben, war jedoch eine ganz andere Geschichte. Sosehr er sie an den dunklen Märchenprinzen erinnern mochte, von dem sie vor so langer Zeit geträumt hatte, in der Nacht vor ihrem Geburtstag – dieser Mann war einfach kein Traumprinz.

Bebend legte sie die Hand in seine. Als sie sich berührten, sog er plötzlich den Atem ein, als hätte sie ihn verbrannt. Fast wäre sie zurückgezuckt. Ruhig.

Zacharel behauptete, er sei ein Engel, aber sie hatte keinen Schimmer, was das bedeutete oder was es mit sich brachte – abgesehen von dem üblichen Kram mit ‚gut und rechtschaffen‘. Außerdem wusste sie nicht einmal ansatzweise, wohin er sie brachte – in eine Wolke? Im Ernst? – oder was er mit ihr vorhatte, wenn sie dort ankamen.

„Alles in Ordnung?“

„Ich … brauche einen Moment, um mich daran zu gewöhnen“, gestand er mit angespannter Stimme ein.

Gut, denn sie würde auch einen Moment brauchen. „Lass dir alle Zeit der Welt, Mr Bescheiden.“

„Das werde ich, aber ich bin das geflügelte Wunder. Beweg dich nicht.“

„Äh, das könnte schwierig werden.“ So kalt ihr auch sein mochte, seine Haut war kälter. Bald würde sie am ganzen Leib zittern.

Er gab keine Antwort. Blickte einfach nur aus zusammengekniffenen Augen auf sie hinab, als gäbe er ihr die Schuld an etwas Katastrophalem.

Konnte sie ihm trauen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Aber sie wollte ihre Freiheit, und er konnte sie ihr geben. Und ja, sie wollte außerdem allein sein, auf niemanden sonst angewiesen. Eines Tages wäre es so weit. Fürs Erste würde die Flucht von hier jedoch ausreichen.

Wenn er versuchte, ihr wehzutun, wenn sie … wo auch immer ankamen, würde sie kämpfen, wie sie es immer getan hatte – dreckig. Ob er nun ein Engel war oder nicht.

„Dieser Kontakt“, setzte Zacharel an. Finster blickte er zu ihr hinab. Diese heruntergezogenen Mundwinkel mussten sein Standard-Gesichtsausdruck sein. Als hätte er gar keine Kontrolle mehr darüber. Nicht ein einziges Mal hatte sie ihn lächeln sehen.

Gab es überhaupt irgendetwas, das ihn amüsieren oder wenigstens aus der Reserve locken würde?

„Was ist damit?“, zwang sie sich zu fragen.

„Ich hatte erwartet, dass gewisse Empfindungen nachlassen, aber das haben sie immer noch nicht.“ Sein Griff um ihre Hand wurde fester, als ahnte er, dass sie kurz davorstand, sie zurückzuziehen. Dann zog er sie an sich, immer enger, bis sie von oben bis unten an ihn gepresst war. Als er den freien Arm um ihre Taille schlang, blickte er mit smaragdgrünen Augen auf sie hinunter. Ihr Geburtsstein. Früher ihr liebster Edelstein, bis ihr Geburtstag zum Sinnbild für Tod und Zerstörung geworden war. Seitdem fand sie Smaragde, na ja … scheiße.

Doch sie konnte nicht leugnen, dass seine Augen betörend waren. Lange, dichte Wimpern rahmten diese juwelenfarbenen Iriden ein, denen jeder Funke von Emotion fehlte, und milderten seine Züge von unglaublich grausam zu vielleicht-bring-ich-dich-nur-ein-bisschen-zum-Schreien-bevor-ich-dich-hinrichte.

Sein seidiges Haar erinnerte sie an eine sternenlose Nacht. Und, oh, wie lange war es her, dass sie in den Himmel geblickt hatte? Seine Stirn war weder zu hoch noch zu breit, seine Wangenknochen wie von einem Bildhauermeister geformt. Und ein einziger Blick auf seine vollen roten Lippen reichte aus, um jeder Frau für den Rest der Ewigkeit heiße Träume zu bescheren.

Wenn er denn wenigstens klein gewesen wäre. Aber nein, er war ein Riese, mindestens eins achtundneunzig, mit breiten Schultern und den herrlichsten Muskeln, die ihr je unter die Augen gekommen waren. Und seine Flügel? Un-fass-bar. Wie eine Fontäne ragten sie über seinen Schultern empor, um sich rauschend bis knapp über dem Fußboden zu ergießen. Federn in reinstem Weiß schimmerten, als wäre der Regenbogen selbst in ihnen gefangen, und Spuren von Gold bildeten ein hypnotisches Muster darin, das sich bis in zarte Daunen hinein zog.

Der andere Typ, der Blonde, war ebenfalls köstlich anzusehen gewesen. Trotz des verdorbenen Glitzerns in dessen himmelblauen Augen hatte sie gedacht, mit ihm könnte sie umgehen. Jedenfalls besser als mit diesem hier.

Dafür ist es jetzt zu spät. Und vielleicht war es auch besser so. In ihr brodelten so viel Hass, Zorn, Verzweiflung und Hilflosigkeit – anscheinend schon jedes für sich ein Aphrodisiakum für Dämonen aller Art –, dass Zacharels Kälte eine erfrischende Abwechslung sein würde.

„Also, äh, was hast du dir vorgestellt?“, fragte sie nach einer Weile.

„Nichts, wovon ich dir erzählen werde. Jetzt leg deine Arme um meinen Hals“, befahl Zacharel, und aus seiner Stimme klang raue Erwartung.

Hat ihm je irgendwer etwas verweigert? fragte sie sich, als sie die Finger in seinem Nacken verschränkte.

„Gut. Jetzt schließ die Augen.“

„Warum?“

„Du und deine Fragen.“ Er seufzte. „Ich habe vor, dich durch die Wände in den Himmel zu transportieren. Der Anblick könnte dich beunruhigen.“

„Das krieg ich schon hin.“ Mit geschlossenen Augen wäre sie weit verletzlicher, als sie es so schon war.

Wenn ihre Tapferkeit ihn beeindruckte, ließ er es sich nicht anmerken. Seine Lippen, diese betörenden roten Lippen, wurden schmal, während er mit einer kraftvollen Bewegung die Flügel ausbreitete und sie dann auf und ab gleiten ließ, langsam, so langsam. Fesselnd. „Außerdem möchte ich nicht in deine Augen sehen und das Mal des Dämons erblicken.“

Sie hatte die Augen eines Dämons? Deshalb war ihre Iris blau geworden? „Aber ich kann kein Dämon sein“, platzte es aus ihr hervor. „Das kann nicht sein.“

„Das bist du auch nicht. Du bist von einem gezeichnet. Wie ich sagte.“

Ein kleines bisschen beruhigte sie sich. Trotz der Tatsache, dass sein Ton schrie: Hättest du zugehört, wüsstest du das. „Wo liegt der Unterschied?“

„Menschen können von Dämonen beeinflusst, beansprucht oder besessen werden, aber sie können nicht selbst zu Dämonen werden. Auf dich wurde Anspruch erhoben.“

„Von wem?“ Von dem, der ihre Eltern getötet hatte? Wenn das stimmte, würde sie … was? Was konnte sie schon tun?

„Ich weiß es nicht.“

Wenn er es nicht wusste, gab es für sie keine Hoffnung. „Tja, mir egal, wenn du meine Augen hässlich findest.“ Es war ihr so was von nicht egal. Sie fand es furchtbar, dass ein Teil von ihr dämonisch aussah. „Damit musst du klarkommen.“

Mehrere Sekunden verstrichen unter Schweigen. Dann nickte er und meinte: „Nun gut. Das hast du nur dir selbst zuzuschreiben.“

Ein seltsames Gefühl rauschte durch ihren Körper, kühlte ihr Blut noch weiter herunter und schien ihre Haut mit Eis zu überziehen. Die Fliesen unter ihren Füßen verschwanden. Plötzlich befand sie sich in der Luft, sah Raum um Raum an sich vorbeirasen, dann das Dach des Gebäudes, dann den Himmel, übersät von kleinen Lichtpunkten, wohin sie auch blickte.

Grundgütiger. Ihr brannten Tränen in den Augen. Sie war frei. Frei von einem Leben, das ihr wie eine einzige unaufhörliche Folter erschienen war. Wahrhaftig frei. Zum ersten Mal seit Jahren konnte sie sich auf etwas freuen, anstatt sich vor der Zukunft zu fürchten. Eine Freude, wie sie sie nie zuvor gespürt hatte, durchströmte sie, verschlang sie. Das war … es war … zu viel.

Die majestätische Nacht, die sie umgab, überwältigte sie, und die Tränen ergossen sich auf ihre Wangen. Die bezauberndsten Düfte erfüllten die Luft. Wildblumen und Minze, Tau und frisch gemähtes Gras. Milch und Honig, Schokolade und Zimt. Eine bloße Spur von Rauch, die in einer zarten Brise vorüberzog.

„Ich hatte vollkommen vergessen …“, flüsterte sie, während ihr das Haar um die Wangen flatterte. Und selbst das versetzte sie in Entzücken. Sie war frei, sie war frei, endlich war sie frei.

„Was hattest du vergessen?“, wollte Zacharel wissen, und in seiner Stimme lag etwas Seltsames. Vielleicht das erste Anzeichen von Emotionen.

„Wie wunderschön die Welt ist.“ Eine Welt, die ihre Eltern viel zu früh verlassen hatten. Eine Welt, die ihre Eltern nie wieder genießen würden.

Trauer mischte sich in die Freude.

Sie hatte nie Gelegenheit gehabt, um sie zu trauern. Viel zu schnell war sie vom hilflosen Opfer zur Mordverdächtigen und dann zur gefolterten Gefangenen geworden. Automatisch fragte sie sich, wie sie wohl auf diesen Moment reagiert hätten. Ihnen wäre Zacharel vermutlich ein Rätsel gewesen. Nicht bloß aufgrund dessen, was er war, sondern weil sie ein emotionales, aufbrausendes Paar gewesen waren. Sie hatten sich genauso leidenschaftlich gestritten wie geliebt. Seine Kälte hätten sie nicht einordnen können. Aber das hier … das hätte ihnen gefallen. Ein Flug zwischen den glitzernden Sternen, während sie den Duft der Freiheit tief einsog und auf eine plötzlich hoffnungsfroh leuchtende Zukunft zuschoss.

Fort mit der Trauer. Damit würde sie sich später befassen. Erst einmal würde sie es einfach in vollen Zügen genießen. Zum ersten Mal seit vier Jahren warf Annabelle den Kopf in den Nacken und lachte lauthals.

4. KAPITEL

Zacharel löste sich, so schnell es ging, von dem Mädchen. In der Mitte eines leeren Zimmers setzte er sie ab und trat zurück von ihrer verführerischen Wärme, ihrem süßen Duft und dem sanften Streicheln ihrer Haare auf seiner Haut. Sie zu berühren, hatte ihm gefallen. Das hätte es nicht sollen, ganz und gar nicht, doch so entschlossen er auch auf sich eingeredet hatte – sein Gefallen hatte sich nur vergrößert.

Während des Flugs war er gefesselt gewesen von den Veränderungen auf ihrem ausdrucksvollen Gesicht. Hatte sie von Verzückung zu Trauer und wieder zu Verzückung wechseln sehen. Er, der seine Gefühle vor langer Zeit verzweifelt bekämpft hatte, bis er sie nicht mehr spürte, war zu seinem eigenen Erstaunen neidisch gewesen auf ihre bereitwillige Enthüllung von allem, was sie dachte und fühlte.

So ungehemmt hatte sie ausgesehen, vollkommen aufgegangen im Moment. Und als sie gelacht hatte … oh, süßes Himmelreich. Ihre Stimme war durch ihn hindurchgeströmt, hatte ihn eingehüllt, ihn umarmt.

Sie faszinierte ihn, verblüffte ihn, schlug ihn vollkommen in ihren Bann. Er hatte sich gefragt, was diese quecksilbrigen Veränderungen hervorgerufen hatte, doch er war zu stolz gewesen, um zu fragen.

Sie war die Gemahlin eines Dämons, seines Feindes. Nicht freiwillig, nein, aber trotzdem eine Gemahlin. Außerdem war sie ein Mensch und deshalb unter seiner Würde; ihre Gefühle konnten für ihn keine Rolle spielen.

Ihm wurde klar, dass er sie nicht hätte herbringen sollen. Er hätte es nicht genießen sollen, sie an seinen Körper gedrückt zu halten. Ein Genuss, der ihn ebenso sehr erschreckt hatte wie ihre Reaktion auf den Flug.

Er sollte nicht in diesem Augenblick die Augen auf sie gerichtet haben, während er sich fragte, ob ihr Entzücken über den mitternächtlichen Himmel sich auch auf sein Zuhause erstrecken würde. Er sollte nicht nach ihrer Anerkennung hungern. „Warum hast du gelacht?“, fragte er. So viel zu seinem Stolz. Er musste es wissen.

„Ich bin frei, ich bin frei, ich bin frei“, antwortete sie und drehte eine Pirouette.

Schimmernd flogen ihre üppigen Locken um sie herum und trafen ihn im Gesicht. Mit größter Mühe unterdrückte er den Drang, eine der Strähnen zwischen den Fingern zu reiben, nur um sich in Erinnerung zu rufen, wie weich sie waren.

Sie neigte den Kopf und sah ihn an. „Was?“

„Was meinst du?“

„Du guckst mich so finster an.“

„Ich sehe jeden finster an.“

„Gut zu wissen. Das ist also deine Wolke?“ Verwirrt schob sie die Augenbrauen zusammen, als sie die Wände betrachtete, die aussahen wie substanzloser Dunst. Der Boden war wie dichter Morgennebel und schmiegte sich um ihre Füße, hatte aber genauso wenig Substanz.

„Dies ist mein Zuhause, ja.“

„Ich muss sagen, es sieht genauso aus, wie ich’s mir vorgestellt hab.“

War das Spott, was er da in ihrer Stimme hörte? „Was meinst du damit?“, hakte er nach und versuchte, seine Gekränktheit nicht durchschimmern zu lassen. Eine weitere Empfindung, obwohl sie einander nicht mehr berührten? Wirklich?

„Nebel, Nebel und noch mehr Nebel. Ich bin bloß überrascht, dass ich festen Boden unter den Füßen habe.“

„Auch Wände und Decke sind fest.“

Neugierig streckte sie den Arm zur Seite aus. Pure Ehrfurcht erschien auf ihren Zügen, als ihre Finger in dem Dunst verschwanden. „Fest und doch nicht fest. Faszinierend.“

Du bist faszinierend.

Nein. Nein! War sie nicht.

Es waren schon andere Frauen hier gewesen. Krieger wie er und sogar einige Glücksboten, die er als Freunde betrachtete. Genau wie die einst menschliche und jetzt unsterbliche Sienna, zufälligerweise zugleich die neue Königin der Titanen – Unsterbliche, die sich als Herrscher der gesamten Welt betrachteten. Die kam auch gern unangemeldet und ohne Erlaubnis vorbei. Und jedes Mal warf er sie raus.

Dann war da noch Lysanders Gemahlin Bianka, eine Harpyie, der sich niemand zu widersetzen wagte. Das Herz ihres Anführers lag in ihrer Hand, ihr Glück war das Seine. Und doch, Annabelle hier zu sehen, hatte eine seltsame Wirkung auf Zacharel. Sie war hier, umgeben von seinen vier Wänden, eingebettet in seine Welt. In Sicherheit, weil er dafür gesorgt hatte. Er und niemand sonst.

Dieser Gedanke sollte ihn nicht mit Befriedigung erfüllen, doch er tat es.

Zeit, sie zu verlassen, beschloss er. Etwas Abstand würde ihm guttun. Ihn wieder zur Vernunft bringen und alle Empfindungen auslöschen, so, wie er es mochte.

„Hier hast du nichts zu befürchten“, erklärte er. „Dämonen würden nicht einmal den Versuch wagen, hier hereinzukommen.“

Ihre Erleichterung war fast greifbar.

„Ich muss mich um etwas kümmern, aber ich werde nicht weit weg sein. Nur ein paar Zimmer weiter.“ Er hatte das nicht so schroff sagen wollen, wie es klang. „Wie dem auch sei, du wirst in diesem bleiben.“

Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ihre Augen verengten sich, und sie presste die Lippen zusammen. „Willst du damit sagen, ich bin deine Gefangene? Hab ich eine Zelle gegen eine andere getauscht?“

Wenn man über Jahrtausende gezwungen war, die Wahrheit zu sagen, fand man Wege, sein Gegenüber in die Irre zu leiten. „Wie kannst du glauben, du seist eine Gefangene, wenn dir während deines Aufenthalts jeder Wunsch erfüllt werden wird?“

„Das ist keine Antwort.“

Misstrauische, kratzbürstige Menschenfrau. Sie war irritierend scharfsichtig. „Und doch hat es einige deiner Sorgen beantwortet, denke ich.“

Zornig stampfte sie mit dem Fuß auf, ganz das eigenwillige Kleinkind. „Ich werde mich nicht einsperren lassen. Nie wieder.“

Ihre Worte dagegen … Ein Funken Zorn glomm auf, dort, wo der Riss begann, und brannte in seiner Brust. Zu viele hatten in letzter Zeit seine Autorität hinterfragt. Er war mit seiner Geduld am Ende. „Du würdest lieber sterben, Annabelle?“

„Ja!“

Sie blinzelte, verblüfft über ihren vehementen Ton. Genau wie er.

„Ja“, wiederholte sie leiser.

Diese Behauptung konnte nur falsch sein, auch wenn er keine Lüge in der Luft schmeckte. „Dir ist klar, dass ich dich innerhalb von Sekunden zermalmen könnte, nicht wahr?“

„Glaub mir, mittlerweile wäre der Tod eine Gnade. Also zermalm mich ruhig, wenn du nicht damit klarkommst, dass dir jemand die Meinung sagt, denn ich werde niemals eine brave Gefangene sein. Wenn’s sein muss, werde ich auf ewig gegen dich kämpfen.“

Der Tod wäre eine Gnade. Eine einzige andere Person hatte diese Worte zu ihm gesagt, und in jenem Fall war der Tod tatsächlich eine Gnade gewesen. Für Hadrenial, aber nicht für Zacharel. Er würde ewig leiden für das, was in jener furchtbaren Nacht geschehen war.

Du musst aufhören, Annabelle mit deinem Bruder zu vergleichen.

In diesem Moment hatte er genau zwei Möglichkeiten. Entweder er überzeugte die Frau, dass sie keine Gefangene war, was ihn Zeit kosten würde, die er nicht hatte, oder er ließ sie gehen. Keins von beidem sagte ihm zu. Vielleicht gab es jedoch eine dritte Möglichkeit. Eine, mit der er es noch nie versucht hatte. Höflichkeit.

Einen Versuch ist es wert, überlegte er. „Ich bitte dich höflichst, hierzubleiben. Was auch immer du begehrst, du musst nur darum bitten, und es wird dir gehören.“ Noch während er das sagte, fiel ihm ein, wie Thane ihr gefallen hatte. Die kleine Zornesflamme wuchs, und er hätte schwören können, in seinem Inneren ein tropf, tropf zu vernehmen. „Außer Männern. Du darfst keinen Mann herbeirufen.“

Zacharel hatte sie gerettet. Zacharel würde sich um sie kümmern.

Fragend neigte sie den Kopf zur Seite, und das Licht traf ihr Gesicht in einem anderen Winkel. Dunkle Schatten verunzierten die zarte Haut unter ihren Augen, und ihre Wangen wirkten hohl. So zerbrechlich, dieser Mensch. „Das verstehe ich nicht. Hast du Diener, die mir bringen, was ich will?“

„Keine Diener. Ich werde es dir zeigen. Was ist etwas, das du begehrst?“ Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. „Außer einem Mann.“

„Eine Dusche.“ Ohne Zögern. „Ohne dass mir jemand zusieht.“

„Eine Dusche mit Sichtschutz“, sagte er und wies hinter sie.

Zweifelnd hob sie eine Augenbraue und drehte sich um. Nebel stieg auf und verdichtete sich, nahm Gestalt an, bis eine Duschkabine in voller Pracht vor ihr stand. Die Wände bestanden aus satiniertem Glas, es gab mehrere Drehknöpfe zum Bedienen und einen Abfluss in der Bodenwanne.

Sie schnappte nach Luft, erfreut und ungläubig zugleich. „Essen“, stieß sie hervor, und in ihrer Stimme lag unermessliche Begeisterung.

Tropf, tropf. Nur, dass … Mittlerweile war es nicht mehr Zorn, der die Flamme nährte. Er war sich nicht sicher, was es war.

Enttäuscht schürzte sie die Lippen. „Es ist nichts passiert.“

„Du musst konkreter werden“, erklärte er.

Ihre Zungenspitze erschien, strich über ihre Lippen. „Ich will Nudelauflauf mit Hummerfleisch, Englisches Frühstück, Spargelrisotto, Enchiladas mit Rinderhack, panierte Hähnchenschnitzel, Brownies mit Glasur, Brownies ohne Glasur, Brombeer-Cobbler mit Vanilleeis, gefüllten Truthahn und … und … und …“

Neben ihm materialisierte sich ein großer runder Tisch, dessen Beine geschnitzt waren wie zierliche, langgezogene Flügel. Als Nächstes kam ein edles weißes Tischtuch in genau der passenden Größe. Dann erschienen die verlangten Gerichte, eins nach dem anderen, bis der gesamte Tisch vollstand mit dampfenden Schüsseln und perfekt arrangierten Servierplatten.

Mit zittrigen Knien trat sie vor und klammerte sich an der Tischkante fest. Dann schloss sie die Augen und atmete tief ein, und höchstes Entzücken erstrahlte auf ihren lieblichen Zügen. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“, gestand sie.

„Beginn an einem Ende und arbeite dich bis zur anderen Seite durch.“

Sie leckte sich die Lippen. „Hast du Hunger? Willst du auch was? Dann muss ich noch mehr bestellen.“

Mehr? „Nein, danke. Ich werde morgen früh essen.“ Vor der Schlacht aß er nie, und seinen Auftrag hatte er noch nicht ganz abgeschlossen. Aber wie gern hätte er ihr beim Essen zugesehen. Ihre Freude beobachtet, ihre Leidenschaft … Was machst du hier eigentlich? „Niemand wird dich stören.“

Sie gab keine Antwort, sondern griff nach dem Vanilleeis.

Hektisch wandte er sich auf der Stelle um und flüchtete sich vor ihr in den Nebel. Als er zurücksah, verdeckte dieser Nebel sie – doch so substanzlos er auch erschien, er würde sie in diesem Raum halten.

Mit ausgestreckter Hand befahl er dem Durchgang, sich zu verschließen. Nur er würde ihn wieder öffnen können. Nur er würde eintreten können – oder den Raum verlassen. Außerdem würde Annabelle nichts hören, was außerhalb ihres Zimmers geschah.

Nachdem das erledigt war, marschierte er den Flur hinunter, während der Boden sich erst unter seinen Füßen verfestigte. Vorbei an seinem Schlafzimmer, seiner Zuflucht, und hinein in die Verhörzelle, wo die fünf Krieger seiner Armee auf ihn warteten, denen er am meisten vertraute. Wobei „Vertrauen“ natürlich ein relativer Begriff war.

Thane, Björn und Xerxes standen wie immer zusammen und etwas abseits von den anderen. Anders als die meisten Engel war Xerxes nicht mit körperlicher Perfektion gesegnet. Er hatte langes weißes Haar, das er sich mit einem juwelenbesetzten Reifen aus dem Gesicht hielt. Seine Haut war farblos, als hätte sich gleich unter der Oberfläche der Tod eingenistet, und übersät von kleinen, in Dreiergruppen angeordneten Narben. Drei Linien, Lücke, drei Linien, Lücke, drei Linien. Aus roten Augen beobachtete er die Welt mit einer Intelligenz – und einem Zorn –, der nur wenige ebenbürtig waren.

In diesem Augenblick starrten diese dämonenhaften Augen hasserfüllt die Lakaiin an, die sich mit Wolkenbändern gefesselt vor ihm wand. Wie Efeu rankte sich der Dunst um ihre knorrigen Hand- und Fußgelenke. Efeu, der unzerstörbarer war als Eisen und sie ohne Hoffnung auf Entkommen an Ort und Stelle hielt.

Neben ihr stand der ebenfalls gefesselte gefallene Engel, den Zacharel schon vor Monaten hergebracht hatte. Der Mann wollte sich einfach nicht benehmen und machte der neuen Königin der Titanen nichts als Ärger. Da Zacharel befohlen worden war, sich gut mit ihr zu stellen, hatte er den Gefallenen eingesperrt.

Zacharels Aufmerksamkeit wanderte zu den anderen Engeln. In der hintersten Ecke war Koldo damit beschäftigt, sein Krummschwert zu reinigen, augenscheinlich vollkommen weltvergessen. Er hatte kupferbraune Haut und schwarze Augen, die so unermesslich tief schienen wie ein Abgrund der Verzweiflung. Sein Haar fiel ihm in zahllosen Zöpfen über den Rücken und war genauso schwarz wie sein Vollbart.

Als er noch ein Kind gewesen war, hatten ihm Dämonen die Flügel ausgerissen. In diesem jungen Alter waren seine Selbstheilungskräfte noch nicht weit genug ausgebildet gewesen, weshalb seine Flügel nicht wieder nachgewachsen waren – und es auch niemals tun würden. Stattdessen waren seine Schultern, sein Rücken und die Rückseiten seiner Beine überzogen mit blutrot tätowierten Federn. Ein Abbild der Flügel, die ihm mit jeder Faser seines Seins fehlen mussten, obwohl er sich nie darüber beschwerte. Koldo war ein Mann weniger Worte, und wenn er sich äußerte, dann mit tiefer, rauer Stimme und auf eine Art, dass es einen bis ins Mark fröstelte.

Direkt vor dem Dämon ging Jamila ruhelos auf und ab. Mit ihrer dunklen Haut, den langen schwarzen Korkenzieherlocken, die sich über ihren Rücken ergossen, und den honigfarbenen Augen war sie eine der allerersten Glücksbotinnen gewesen. Zur Kriegerin war sie aufgestiegen, nachdem sie ganz allein in die Hölle gegangen war, um einen der unter ihrem Schutz stehenden Menschen zu retten.

Wochen waren vergangen, bevor sie zurückgekehrt war, und auch wenn sie die Seele des Menschen gerettet hatte, war sie selbst nicht unversehrt davongekommen. Etwas dort unten hatte sie verändert. Früher hatte sie viel und gern gelacht und war unbekümmert durchs Leben geflattert. Jetzt nicht mehr. Niemand blickte öfter über die eigene Schulter als Jamila. Als rechnete sie hinter jeder Ecke mit dem Bösen.

Bis zur heutigen Schlacht hatte Zacharel jedoch nicht verstanden, warum sie ihm übergeben worden war. Offensichtlich hatte sie ein Problem damit, Befehle zu befolgen … ganz zu schweigen davon, dass Menschenleben für sie nicht länger von Wert waren.

Sie würde bestraft werden müssen. Wahrscheinlich würde sie weinen.

Ich hätte Axel als fünften auswählen sollen. Der Mann war respektlos, lachte über alles und jeden, schien besessen davon, möglichst viel Schaden anzurichten – aber wenn Zacharel eine Strafe über ihn verhängte, würde er nicht eine Träne vergießen.

Xerxes bemerkte ihn als Erster und richtete sich auf. Die anderen taten es ihm nach.

„Das Menschenmädchen“, sagte Thane. „Ich würde gern zurückgehen und sie holen.“

Er dachte also immer noch an sie, ja? „Nicht nötig. Sie ist hier bei mir“, antwortete er mit einer unerwarteten Schärfe. „Du darfst mir erzählen, was du über sie herausgefunden hast, wenn wir mit dem Dämonen fertig sind.“

In Thanes Augen trat ein befriedigendes Glänzen, was Zacharel noch mehr verärgerte als alles andere, was heute geschehen war. „Noch habe ich nichts herausgefunden. Dafür war keine Zeit.“

Ein weiterer nicht befolgter Befehl. „Du wirst dir die Zeit nehmen, wenn du nachher gehst.“

Etwas in seinem Ton musste selbst bis zu Thane durchgedrungen sein. Statt eine seiner üblichen respektlosen Erwiderungen loszulassen, nickte er. „Das werde ich.“

„Über welches Menschenmädchen reden wir?“, fragte Jamila.

Zacharel wischte die Frage mit einer Handbewegung fort. „Der einzige Mensch, der für dich eine Rolle spielen sollte, ist der, den du während der Schlacht getötet hast.“

„Na und? Dann hab ich eben einen getötet. Und wenn schon“, murrte sie, und er hörte das unausgesprochene Genau wie du. Genau wie die anderen.

Er sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Wie oft habe ich euch in den letzten drei Monaten gesagt, dass ihr keinen Dämonen töten sollt, wenn ihr dadurch einen Menschen verletzt?“ Er hätte sie beiseitenehmen können, sie unter vier Augen rügen, aber sie hatte ihre Sünde vor den Augen von anderen begangen. Jetzt würde sie vor den Augen von anderen die Konsequenzen tragen.

Röte stieg ihr in die Wangen. Kurz blickte sie zu ihren Kameraden, dann konzentrierte sie sich wieder auf Zacharel. „Ein Monat hat ungefähr dreißig Tage, und du hast es mindestens einmal am Tag gesagt. Ich würde mal schätzen, um die neunzigmal insgesamt.“

Das war keine Übertreibung. „Und trotzdem hast du es getan.“

Voller Hochmut und Trotz hob sie das Kinn. Im Schatten ihrer Wimpern wirkten ihre Augen fast schwarz. „Ganz genau. Er hat mich durch den Menschen verspottet.“

Zu viele Frauen hatten heute schon ihm gegenüber das Kinn gereckt. Eine war eigentlich schon mehr als genug. Annabelle hatte er es durchgehen lassen, weil sie ein Mensch war und es nicht besser wusste. Sie hatte keine andere Möglichkeit gehabt, ihrem Missfallen Ausdruck zu verleihen. Außerdem war er seltsam … bezaubert von ihr gewesen. Was hier nicht der Fall war.

„Ein guter Soldat weiß die Beleidigungen zu ignorieren, die ihm entgegengeschleudert werden. Deine Auflehnung hat mir eine weitere Auspeitschung beschert. Nicht dir. Mir.“ Und vielleicht war das das Problem. Jamila hatte keine Angst vor Strafe. Das hatte keiner von ihnen.

„Es tut mir leid“, presste sie hervor.

Exakt dasselbe, was er zu seiner Gottheit gesagt hatte – allerdings mit Sicherheit nicht in so aufmüpfigem Ton. „Dir tut nicht deine Tat leid, sondern dass du mein Missfallen erregt hast.“ Sobald die Worte aus seinem Mund waren, runzelte er die Stirn.

Lachte seine Gottheit ihn in diesem Moment aus? Denn genau diese Worte hatte sie einst zu Zacharel gesagt.

Was für eine seltsame Wendung. Vom Rebellen war Zacharel zum vorbildlichen Soldaten geworden, nur um weiter die Wesen bekämpfen zu können, die für die Folter seines Bruders verantwortlich waren. Tja, seine Krieger würden schon noch herausfinden, dass er weit Schlimmeres mit ihnen anstellen würde, als seine Gottheit es mit ihm getan hatte.

Störrisch presste Jamila die Lippen zusammen und weigerte sich zu antworten.

„Wenn das noch mal passiert, Jamila, werde ich dich dafür büßen lassen, wie du es dir nicht einmal vorstellen kannst. Welche Strafe auch immer mir auferlegt wird, ich werde sie hundertfach an dich weitergeben.“ Vielleicht auch schon nach dieser nächsten Auspeitschung. Doch fürs Erste musste ein Exempel statuiert werden. „Du wirst jedes Mitglied meiner Armee aufsuchen und dich für dein Handeln entschuldigen. Noch heute Nacht. Du wirst sie um Verzeihung bitten – denn du bist der Grund, dass sie den morgigen Vormittag in menschlicher Gestalt verbringen werden“ – die Flügel verborgen vor den Augen der Sterblichen – „um jede Straße und jedes Gässchen in Moffat County, Colorado, zu säubern.“ Den Ort des Verbrechens.

Demütigend für sie, ein Grund zur Wut für die anderen Krieger. Alle würden daraus lernen.

Sie beugte den Kopf, aber sie weinte nicht.

Gut. „Jeder, der sich diesem Befehl widersetzt, wird in meiner Wolke gefangen gehalten – bis zum Ablauf unseres gemeinsamen Jahres. Ich werde eure Respektlosigkeit nicht länger dulden.“ Er sah jedem der Krieger in die Augen.

Alle erwiderten seinen Blick mit einem zögerlichen Nicken. Zögerlich, ja, aber ein Nicken war ein Nicken.

„Und jetzt lasst uns nicht weiter über dieses Thema reden“, befahl Zacharel.

Xerxes wies mit einem Daumen auf den Gefallenen. „Wer ist der, und warum ist er hier?“ Er hielt inne. „Falls ich fragen darf“, fügte er dann hinzu.

Der Themenwechsel war Zacharel willkommen. „Sein Name ist McCadden, und von nun an bist du für ihn verantwortlich.“ McCadden hatte Verbrechen sowohl gegen seine Brüder und Schwestern als auch gegen Menschen begangen, um bei einer Frau sein zu können, die ihn nicht einmal gewollt hatte.

Warum McCadden als des Himmels nicht würdig befunden, seiner Flügel beraubt und auf die Erde verbannt worden war, während Zacharel und die anderen fünf noch hier waren, überstieg Zacharels Horizont. Äußerlich unterschied McCadden sich in nichts von Zacharels anderen Männern. Das helle Haar hatte er sich pink gefärbt. Unter den Augen hatte er blutige Tränen tätowiert, in den Brauen trug er silberne Piercings. Unter der Oberfläche musste abgrundtiefe Schwärze in ihm lauern.

„Wenn wir hier fertig sind, wirst du ihn aus meiner Wolke mitnehmen und bei dir einsperren“, befahl Zacharel. Er wollte den ehemaligen Engel nicht am selben Ort wissen wie Annabelle. „Von heute an werde nicht ich für etwaige Verbrechen einstehen, die er unter deiner Aufsicht begeht. Sondern du.“

Xerxes knirschte mit den Zähnen, beschwerte sich jedoch nicht.

Von Thane ertönte ein schadenfrohes Kichern, und Björn rammte Xerxes die Fingerknöchel in den Oberarm. „Du Glückspilz.“

„Nun zu der gefangenen Dämonin“, fuhr Zacharel fort.

Vorfreude strahlte von jedem der Engel aus, ihn eingeschlossen. Wie ein Mann wandten sie sich alle sechs dem betreffenden Wesen zu. Sie wand sich in ihren Fesseln, doch der Dunst zog sich über ihre Stirn, füllte ihren Mund, blockierte ihre Bewegungen, knebelte sie. Auch in ihren Ohren waberte der Nebel und machte sie taub für die Stimmen der Engel.

Sie war eine Lakaiin von Krankheit. Ihre Haut war faltig, dünn wie Papier und übersät von Geschwüren. An ihrem skelettartigen Körper fehlte jede Spur von Muskeln oder Fettgewebe. Die paar Zähne, die sie noch hatte, waren gelb, so faulig wie ihre Haut und gebogen wie scharfe Klauen.

„Lass sie uns hören“, befahl Zacharel der Wolke. Die Ohrstöpsel verflüchtigten sich. „Gestatte ihr, zu sprechen.“ Und genauso schnell wurde der Nebel über ihrem Mund dünner und verschwand.

Augenblicklich stieß sie fauchend einen entsetzlichen Fluch aus.

„Falls dir nicht klar sein sollte, wie das hier abläuft“, begann Zacharel und ignorierte ihre Beleidigung als das hilflose Umsich-Schlagen, das es war, „werde ich es dir erklären.“

„Nicht Zzzacharel“, stöhnte sie. „Jeder, nur nicht Zzzacharel.“ Fäulnisgestank stieg von ihrer Haut auf, ein Zeichen ihrer plötzlichen Furcht.

Für seine Schwäche, seine Feinde zu foltern, war er wohlbekannt. „Du wirst heute sterben, Lakai. Dieses Endergebnis steht fest. Das Einzige, worauf du Einfluss hast, ist die Art deiner Hinrichtung.“ Dämonen, das wusste er, waren dem Klang der Wahrheit in seiner Stimme weit mehr ausgeliefert als Menschen. Diese hier zuckte nach jedem seiner Sätze zusammen. „Ich habe Fragen an dich, und du wirst jede einzelne davon ehrlich beantworten.“

„Du weißt, dass wir deine Lügen schmecken würden“, schaltete sich Thane ein.

„Schmecken und bestrafen“, fügte Björn hinzu.

„Warum bist du heute Nacht außerhalb der Einrichtung für geistesgestörte Straftäter des Moffat County geblieben?“ Details waren mehr als wichtig; sie waren essenziell. Ohne genaue Angaben konnte ein Dämon alles in eine Frage hineininterpretieren, was ihm gerade einfiel, und sie entsprechend beantworten.

Ihre Mundwinkel zuckten nach oben. „Ausss demssselben Grund wie die anderen Dämonen, ich ssschwöre esss.“

Die Wahrheit, aber ohne ausreichenden Hintergrund, um hilfreich zu sein. Süß.

„Aus welchem Grund sind die anderen Dämonen außerhalb der Einrichtung für geistesgestörte Straftäter des Moffat County geblieben?“, bohrte er nach. „Du wirst keine weitere Gelegenheit bekommen, diese Frage zu beantworten.“

„Nur zzzu gern beantworte ich dasss. Sssie sssind ausss demssselben Grund drausssen geblieben wie ich. Dasss issst die Wahrheit, darauf hassst du mein Wort.“

Zacharel griff in eine Luftfalte und holte ein Fläschchen hervor. Seinen letzten Vorrat an Wasser aus dem Fluss des Lebens. Um auch nur einen Fuß ans Ufer des Flusses zu setzen, verborgen in dem Tempel, den der Höchste ihrer Gottheit erschaffen hatte, musste ein Engel der Gottheit die Haut von seinem Rücken opfern – wortwörtlich. Und um einen einzigen Tropfen der kostbaren lebensrettenden Flüssigkeit zu erhalten? Dafür musste dieser Engel noch wesentlich mehr opfern.

Ihm blieben nur noch ein paar Tropfen, aber einen Dämon zu foltern, war den Verlust in seinen Augen wert.

„Deine Wahrheit befriedigt nicht meine Neugier, deshalb werde ich meine Befriedigung auf einem anderen Weg finden müssen. Du wirst von jedem von uns bestraft werden, wie angekündigt.“ Auf sein Nicken hin wussten seine Soldaten, was er von ihnen wollte. Sie mochten erst seit einer kurzen Zeit zusammenarbeiten, aber in diesem Moment wollten sie alle dasselbe.

Koldo trat hinter die Dämonin, drückte ihren Kopf an seine mächtige Brust und presste die kräftigen Finger auf ihre Stirn. Xerxes und Thane holten metallene Dolche aus der Luft hervor und rammten sie der Lakaiin gleichzeitig in den Bauch. Als ihr schwarzes Blut aus den Wunden quoll, stieß sie einen unheiligen Schmerzensschrei aus. Die Wunden waren nicht tödlich, aber sie würden ihr Qualen bereiten und sie schwächen.

Während Menschen unter allen Umständen zu schützen waren, wurde Dämonen diese Höflichkeit niemals erwiesen.

Björn und Jamila traten an die Stelle von Xerxes und Thane und bauten sich vor der Dämonin auf. Nachdem Björn ihr den Mund aufgezwungen hatte, zog Jamila ein dünnes Skalpell hervor, um alle verbleibenden Zähne der Dämonin zu entfernen.

Als die fünf mit ihr fertig waren, konnte die Lakaiin nur noch um Gnade winseln. Gnade, die sie ihren eigenen Opfern gegenüber nie hatte walten lassen. Gnade, die Zacharel nicht besaß. Die Lakaien von Krankheit infizierten absichtlich menschliche Körper und Seelen, um sich dann von ihrer wachsenden Zerbrechlichkeit und Verzweiflung, ihrem Schmerz und ihrer Panik zu nähren. Und sie genossen jeden Augenblick davon.

Zacharel war der Nächste, der sich vor sie stellte. „Ich habe dich gewarnt“, erinnerte er sie.

„Ich hab nicht gelogen, hab nur die Wahrheit gesssagt“, nuschelte die Dämonin.

„Du hast mit der Wahrheit gespielt. Mit mir.“

Da wurde sie plötzlich still, und wieder erschien ein unheimliches Lächeln auf ihrer Visage. „Und du magssst esss nicht, wenn man mit dir ssspielt, Engel? Dasss bezzzweifle ich. Du ssstinkssst in diesssem Augenblick nach Menssschenweib. Hassst du mit ihr gessspielt?“ Dank Jamilas notdürftiger Wurzelbehandlung kamen die Worte blubbernd hervor, doch Zacharel war durchaus in der Lage, ihre Bedeutung zu entschlüsseln.

Er sah Thane an und machte eine Geste.

Wieder rammte der Krieger seinen Dolch in ihre Magengrube – und diesmal ließ er ihn dort.

Als ihr Schrei verstummt war, brachte sie japsend hervor: „Okay, okay. Du ssspielssst nicht gern. Vielleicht kann ich deine Meinung ändern. Gib mir fünf Minuten, und ich werde Sssachen mit deinem Körper anssstellen … Sssachen, von denen du noch jahrelang träumen wirssst.“

Während sie sprach, kippte er das Fläschchen, das er hielt, und ließ einen einzigen Tropfen auf seine Fingerspitze fallen. „Tja, aber in fünf Minuten wirst du Dringenderes zu tun haben, glaube ich. Denn es ist an der Zeit, dass auch meine Strafe dich trifft.“ Ohne ein weiteres Wort packte er sie, steckte ihr den Finger ins Maul und zwang den Tropfen ihre Kehle hinunter.

Der schrille, brechende Schrei, der darauf folgte, ließ alles Vorhergehende lächerlich erscheinen. Als das Wasser ihren Körper durchströmte, griff es die Krankheit an, die darin hauste, und verbreitete Gesundheit und Lebenskraft. Die Dämonin bäumte sich auf, während der faulige Gestank verschwand. Ihre Zuckungen in Koldos unbarmherzigem Griff waren so heftig, dass sie sich mehrere Knochen ausrenkte und brach.

Als sie schließlich wieder still wurde, rannen Tränen über ihre pockennarbigen Wangen. Ruhig sagte Zacharel: „Ich habe beschlossen, dass ich mich heute wohlwollend fühle. Deshalb werde ich dir eine letzte Chance geben. Warum bist du heute Nacht außerhalb der Einrichtung geblieben?“

Ein winziges Zögern, dann gestand sie schwach: „War … noch nicht … dran.“ Schmerzhaftes Keuchen unterbrach ihre Worte.

„Wer hat das bestimmt?“

Eine längere Pause, während sie abwog, was Zacharel ihr noch antun könnte. Letzten Endes beschloss sie, dass ein Ausweichmanöver die Qualen nicht wert war. „Bürde.“

Bürde. Ein Dämon, der einst Vizebefehlshaber unter Gier gewesen war, weithin bekannt als einer der grausameren Krieger der Hölle. Momentan war er herrenlos. War er es, der Annabelle gezeichnet hatte? „Und wo ist Bürde jetzt?“

„Weisss ich … nicht.“

In ihrer Antwort war keine Lüge zu entdecken. „Wie hat Bürde dich kontaktiert?“

„Krankheit war zzzu … bessschäftigt … mit den Menssschen. Irgendwem … mussste ich mich anssschliesssen. Bürde war … der Ssstärkssste unter meinen Optionen.“

„Wie lauteten seine Befehle?“

„Wasss glaubssst … du denn?“

Ein Nicken zu Thane.

Thane drehte den Dolch herum.

Bei dem frisch aufflammenden Schmerz grunzte die Dämonin. „Wir sssollten … Ssspasss … mit einer … Menssschenfrau haben. Mit der … nach der … dein Gewand jetzzzt riecht.“

„Warum?“

„Ich hab … nicht gefragt. Esss war … mir egal.“

Wahrheit. „Du hast dir deinen Tod verdient, Lakai. Sie gehört euch“, sagte er zu seinen Soldaten.

Thane zog den Dolch heraus, Koldo wich zurück und die Dämonin sackte in ihren Fesseln zusammen. Eine Sekunde später erschienen fünf Feuerschwerter und im nächsten Augenblick war die Lakaiin ohne Kopf und Gliedmaßen. Dämonen liebten das Feuer, ja, und konnten in den Flammen bestehen. Doch die Feuer der Hölle waren Feuer der Verdammnis. Die Schwerter der Engel dagegen bestanden aus dem Feuer der Gerechtigkeit, und dagegen konnten die Dämonen nicht bestehen.

Seine Krieger hielten die Schwertspitzen an jedes Stück der Lakaiin, bis Fleisch und Knochen in Flammen aufgingen, zu Asche verbrannten und von einem plötzlichen Windstoß davongewirbelt wurden.

Zacharel hatte seine Antworten. Die nächste Frage war, was er damit anfangen sollte.

5. KAPITEL

So viel zur Freude am Umgebungswechsel, dachte Annabelle.
Na ja, das war nicht ganz richtig. Es hatte sie gefreut. Zu Beginn.

Nachdem sie alle ihre Lieblingsspeisen verschlungen hatte, bis sie kurz vorm Platzen stand, hatte sie geduscht. Sie fühlte sich so sauber wie seit vier Jahren nicht. Hätte sie sich doch nur sauberer als je zuvor gefühlt, aber nein. Unter ihrer Haut, in ihrem Blut, lag ein Schmutzfilm, den sie einfach nicht abwaschen konnte.

Uäh, uäh, was soll’s. Hier wird nicht geweint. Nicht jetzt. Sie zog das Tanktop und die weiche Hose aus fließendem Stoff an, die sie von der Wolke verlangt hatte. Dann stand sie da. Stand einfach nur da, während die Erschöpfung sie vollkommen überrollte. Sie bat die Wolke – die Wolke! – um ein Bett. Im selben Augenblick materialisierte sich eine Monstrosität in Übergröße mit seidener Bettwäsche, und dankbar kroch sie unter die Decke. Doch … schlafen konnte sie nicht. Vielleicht, weil sie zu große Angst davor hatte, schutzlos zu sein, sich zu sehr vor Albträumen fürchtete – vielleicht aber auch, weil sie nicht aufhören konnte, an Zacharel zu denken. So oder so, sie wälzte sich die ganze Nacht hin und her.

Wohin war er gegangen? Mit wem war er zusammen? Was machte er gerade?

Warum spielte das für sie eine Rolle?

Als der Morgen dämmerte, machten sich leise Gliederschmerzen und kurze Krämpfe bemerkbar, und sie vergaß ihre Neugier. Bald darauf setzten Schweißausbrüche und Schüttelfrost ein. So viele Jahre lang war sie kontinuierlich unter Drogen gesetzt worden und jetzt ein kalter Entzug … vermutlich nicht die beste Idee. Sie hätte die Wolke um ein Betäubungsmittel bitten können, aber der bloße Gedanke widerstrebte ihr. Niemals würde sie sich selbst antun, was die Ärzte mit ihr gemacht hatten.

Am zweiten Tag übergab sie sich wieder und wieder, bis nichts mehr in ihrem Magen war außer – so fühlte es sich zumindest an – Glasscherben und rostigen Nägeln. Und vielleicht eine wilde Büffelherde.

Tag drei brachte wieder Schüttelfrost und Schweißausbrüche, und sie war so schwach, dass sie kaum den Kopf heben oder auch nur die Augen öffnen konnte.

Irgendwann durchbrach der Schlaf jeden Widerstand, und sie glitt ins Reich der Träume. Ihre Eltern umarmten und küssten sie, sagten ihr, wie sehr sie sie liebten. Ihr großer Bruder Brax verpasste ihr Kopfnüsse. Sie vermisste ihn so sehr. Seit ihrer Einweisung hatte er unmissverständlich klargemacht, wie sehr er sie hasste.

Früher einmal hatte er jeden Jungen bedroht, der mit ihr ausgehen wollte. Jeden Morgen hatte er sie angelächelt, während er für sie Frühstück machte, weil ihre Eltern schon zur Arbeit gefahren waren. Auf der Fahrt zur Schule hatte er ihr immer eingebläut, noch fleißiger zu lernen und ihre Noten zu halten, damit sie auf ein gutes College gehen und sich die beste Zukunft ermöglichen könnte, die sie sich erträumte.

Das war jetzt nicht mehr möglich. Der Mann, der Brax geworden war, schenkte Annabelles Erinnerung an jenen schrecklichen Morgen keinen Glauben. Er vertraute ihr nicht, und ganz bestimmt liebte er sie nicht. Er wünschte ihr nicht mehr das Beste von allem.

Das Beste? Was war für jemanden wie sie das Beste? Trotz der Euphorie, die sie während ihrer Flucht aus der Anstalt verspürt hatte, trotz ihrer Sehnsucht nach einem Leben für sich allein, glücklich und zufrieden – die traurige Wahrheit war, dass ihre einzig mögliche Zukunft jetzt aus der Flucht vor dem Gesetz bestand.

Der Traum veränderte sich, Brax und ihre Eltern wurden in den Hintergrund gedrängt. An ihre Stelle traten die Dämonen, mit denen sie über die Jahre gekämpft hatte. Blutlachen auf dem Boden, die niemand sehen konnte und in denen ihre Füße wieder und wieder ausglitten, während sie um Hilfe schrie – die sie niemals bekam.

Doch zum Glück veränderte sich auch dieser Traum. Jetzt lag sie neben Zacharel, der ihr mit seinen kalten Händen sanft das Haar aus der Stirn strich, während er irgendetwas über lästige Menschen vor sich hinmurmelte. Er stopfte ihr süße, saftige Früchte in den Mund, und irgendwie fand sie die Kraft, ihm eine Ohrfeige zu verpassen, weil er dabei so ein hartnäckiges Arschloch war.

Am vierten Tag wandelte sich alles. Ihr Schlaf wurde ruhiger, ihr Geist ließ sich fallen. Dem Himmel sei Dank ließen auch endlich die Schweißausbrüche und der Schüttelfrost nach, und langsam kehrte etwas Kraft in ihre Glieder zurück. Sie streckte sich und kämpfte sich in eine sitzende Position hoch, während am Rand ihres Bewusstseins immer noch der Schwindel lauerte, bereit, sie jede Sekunde zurück in den Abgrund zu zerren.

Erschöpft blickte sie sich um – sie war immer noch in der Wolke – und sah dann an sich hinunter. Sie trug ein weißes Gewand, weich wie Kaschmir, und war von Kopf bis Fuß blitzblank geschrubbt, trotz der langen Zeit, die seit der Dusche vergangen war. Wer hatte sie umgezogen? Und sie gebadet?

Zacharel?

Hitze stieg ihr in die Wangen. Oh ja, Zacharel. Der Teil war kein Traum gewesen, sondern schlichte Realität.

Wie … nett von ihm.

Zacharel wirkte nicht wie der Typ Mann, den das Unbehagen anderer kümmerte, vor allem, wenn das Auswirkungen auf sein eigenes Wohlbefinden hatte. Doch er hatte ein paar Ohrfeigen von einer weggedröhnten Tussi riskiert, nur um sicherzustellen, dass sie etwas aß.

Der Arme. Wahrscheinlich bereute er mittlerweile, dass er sie befreit hatte.

Sie warf die Beine über die Bettkante und erhob sich – schwankend. Es war Zeit, Zacharel aufzutreiben, sich bei ihm zu bedanken und ihren nächsten Schritt zu überlegen.

„Anstrengender Mensch“, murrte Zacharel, während er in der Mitte seiner Wolke auf und ab marschierte. Noch nie hatte er für einen kranken Menschen gesorgt – nicht einmal für einen kranken Engel. Offensichtlich. Unter seiner Betreuung war es Annabelle immer schlechter gegangen.

Und sie hatte ihn geohrfeigt! Mehrfach! Nicht einmal seine Gottheit hatte so etwas je gewagt. Auspeitschen, ja. Er erholte sich noch immer von der letzten Runde mit dem Lederriemen. Aber eine Ohrfeige? Niemals. Nicht weil die kraftlosen Klapse wehgetan hätten. Es ging ums Prinzip. Er hatte sich die Zeit genommen, sich um sie zu kümmern, wertvolle Zeit, die er seiner neuen Armee und ihren zahlreichen Missionen widmen sollte, und sie konnte sich nicht einmal bedanken?

„Typisch Sterbliche“, grollte er jetzt. Seine Wut auf sie war nicht aus Sorge entstanden, da war er sich sicher. Absolut sicher. Abwesend rieb er sich mit dem Handballen über die Brust und versuchte schmatzend, den sauren Geschmack in seinem Mund zu vertreiben.

Zwar konnte er keine Lügen aussprechen, aber in seinem Kopf konnte er lügen, so viel er wollte.

Annabelle würde es überleben oder sie würde sterben. Und Zacharel würde sich darüber nicht länger den Kopf zerbrechen. Würde er nicht.

Er verzog das Gesicht, als der saure Geschmack stärker wurde. Genug! Er würde tun, was jeder andere Mann in seiner Situation täte. Er würde eine andere Frau rufen, damit diese übernahm. Jamila. Jamila würde für Annabelles Sicherheit sorgen.

„Teil Jamila mit, dass ich ihre Anwesenheit verlange“, befahl er der Wolke.

Wie lange würde sie brauchen, um herzufliegen? Es würde weniger als eine Minute dauern, ihr Annabelle aufzuladen und die beiden aus seiner Wolke zu schmeißen. Er hatte es satt, über Annabelle nachzudenken, sich zu fragen, wie schlimm ihre Schmerzen waren und ob sie überleben würde, worunter auch immer sie litt. Hatte es satt, ständig in die Luftfalte zu greifen, in der er sein Fläschchen Wasser des Lebens aufbewahrte, nur um sich gerade noch zurückzuhalten, bevor er es herausholte. Schon der bloße Gedanke, ihr den verbleibenden Tropfen zu geben, war grotesk.

„Noch mehr Drohungen?“, fragte Jamila, sobald sie in seiner Wolke gelandet war.

Seiner Gottheit sei Dank. Er wirbelte herum und sah sie an. „Du bist zu spät.“

In ihren goldenen Augen glitzerte … Zorn? Das konnte nicht sein. Eine gewisse Hitze war zu erkennen, aber nichts Wütendes. Dunkle Locken ruhten auf ihren Schultern, ergossen sich über ihre glatten Arme. Das Gewand tanzte ihr um die Füße. „Wie kann ich denn zu spät sein? Du hast mir keinen Zeitrahmen genannt. Davon abgesehen habe ich nicht unbedingt einen Drang verspürt, meiner nächsten Standpauke entgegenzueilen.“

„Ich habe nicht die Absicht, dich weiter zu tadeln. Du hast in der Schlacht meine Befehle missachtet, und ich habe eine Strafe dafür über dich verhängt. Dieses Thema ist abgeschlossen.“

Sie wickelte eine Locke um ihren Finger. „Warum bin ich dann hier?“

„Du bist eine Frau.“

Einer ihrer Mundwinkel zuckte. „Schön, dass es dir auffällt.“

„Ich will, dass du … ich brauche deine …“ Er schürzte die Lippen, presste die Zunge an den Gaumen. Wieder versuchte er, zu sprechen. Und versagte. Die Worte weigerten sich, seinen Mund zu verlassen.

Wenn er Annabelle in Jamilas Hände übergab, würde er sie nicht mehr sehen können, ohne um eine Einladung in das Zuhause des Engels zu bitten. Würde niemals erfahren, was aus ihr geworden war. Und Jamila war so impulsiv, so geblendet von ihren Emotionen, von ihnen geleitet, von ihnen kontrolliert. Was, wenn Annabelle sie erzürnte? Annabelle hatte ganz schön Temperament, und nicht immer dachte sie über das nach, was sie sagte. Wie würde Jamila auf einen Rüffel von einem unbedeutenden Menschenweib reagieren? Nicht sehr gut, so viel wusste er.

Ich kann Annabelle nicht an sie übergeben.

Eine seltsame Erleichterung überkam ihn, nahm eine drückende Last von seinen Schultern und erstrahlte in seinem Herzen. Nein, keine Erleichterung. Das konnte nicht sein. Diese Wendung ärgerte ihn natürlich. Er stand wieder am Anfang, genau da, wo er nicht sein wollte.

Erwartungsvoll starrte der goldäugige Engel ihn an.

„Was brauchen Frauen?“, fragte er und weigerte sich, seine Meinung noch einmal zu ändern. Annabelle würde bleiben, Ende der Diskussion.

Jamila trat von einem Fuß auf den anderen und ihr Gewand raschelte. „Brauchen? Wozu?“

„Um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.“

Ihre Augen weiteten sich, die Pupillen wurden riesig und verschluckten all das Gold. Ein blumiges Rosa erschien auf ihren Wangen, ihre Lippen wurden weich, teilten sich. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass du angefangen hast, Begehren zu empfinden, Zacharel. Du hättest schon früher etwas sagen sollen. Ich hätte dir versichern können, dass ich nur deine Mitarbeit brauche.“

Während er noch versuchte, ihre Worte zu verarbeiten, trat sie an ihn heran, schlang ihm die Arme um den Hals und stellte sich auf die Zehenspitzen. Dann drückte sie den Mund auf seinen und drängte ihre Zunge zwischen seine Zähne.

O-kay. Der ultrakalte Zacharel war also doch zu Gefühlen fähig. Begierde. Aber deswegen war er nicht weniger ein Arschloch.

Sie hatte wissen wollen, wo er war. Nicht, weil der Mann ihr etwas bedeutete – das tat er nicht –, sondern, weil er etwas mit der Wolke gemacht hatte, das sie daran hinderte, ihr Zimmer zu verlassen. Erbost hatte sie von der Wolke verlangt, ihr zu zeigen, wo er war und was er tat, und sie – es? er? – hatte gehorcht.

Ein aus Luft bestehender Monitor hatte sich vor ihr materialisiert. Die Fäuste geballt, die Augen zusammengekniffen, hatte sie zugesehen, wie eine Sexbombe mit dunklen Locken sich so eng an Zacharel schmiegte, dass ihre Körper beinahe miteinander verschmolzen, um ihm dann einen wollüstigen Kuss zu geben. Ihre wachsende Wut hatte nichts mit Eifersucht zu tun, sondern mit ihrer Situation. Sie war gefangen, während er herummachte.

Jetzt riss Zacharel sich von dem Mädchen los und knurrte: „Was machst du da?“

Erneut überbrückte die Sexbombe die Distanz und versuchte, den Mund wieder auf seinen zu drücken. „Ich küsse dich. Jetzt erwidere meinen Kuss!“

„Nein.“ Mit finsterem Blick schob er sie auf Armeslänge von sich, und diesmal hielt er sie dort fest. Die Flügel hatte er angezogen, aber nach hinten gereckt, weg von der Frau. Schneeflocken rieselten von den Spitzen, winzige Kristalle, die sich am Boden in kleinen Häufchen sammelten. „Warum küsst du mich?“

Und die sinnliche Selbstsicherheit des Mädchens starb einen langsamen, qualvollen Tod. „Weil du mich so sehnsüchtig begehrst, wie ich dich die letzten Monate über begehrt habe?“ Eine Frage, die eigentlich als Aussage gemeint gewesen sein musste.

„Ich begehre dich nicht, Jamila.“

Autsch. In seinem Ton lag eine so brutale Ehrlichkeit, dass selbst Annabelle zusammenzuckte.

„Aber du hast gesagt …“ Jamila geriet ins Stammeln. „Ich dachte …“

Oh, Süße. Dreh dich um und verschwinde, bevor er dir noch mehr antut, als bloß deinen Stolz mit Füßen zu treten, dachte Annabelle. Einen Moment lang überstieg ihr Mitgefühl für das Mädchen sogar ihren Zorn auf Zacharel.

„Ich habe nichts gesagt, aufgrund dessen du glauben könntest, ich würde dich begehren“, setzte er mit derselben Kälte an, die immer in seinen Worten lag. „Du hast voreilige Schlüsse gezogen. Deshalb werde ich es dir jetzt klar und deutlich sagen. Ich will dich nicht. Ich habe dich nie gewollt, und ich werde dich niemals wollen.“

Okay, wieder falsch gelegen. Der Mann hatte keine Gefühle.

Ein Schluchzen kam über die Lippen der Frau, und sie machte auf dem Absatz kehrt. Mit einem plötzlichen Rauschen breitete sie die Flügel aus. In ihren Federn war weit weniger Gold als bei Zacharel, und trotzdem waren sie bezaubernd. Jamila schoss in die Höhe und verschwand aus der Wolke.

Zacharels Blick war in Richtung des Bildschirms gerichtet, den Annabelle beobachtete, und sie wusste, dass er auf dem Weg in ihr Zimmer war. Weil sie nicht beim Spionieren erwischt werden wollte, wedelte sie den Bildschirm fort. „Verschwinde!“ Die Luft wurde dünner, bis wieder nur die Wolkenwand vor ihr lag.

Eine Sekunde später trat Zacharel durch diese Wand, als wäre er aus einem verbotenen mitternächtlichen Traum entsprungen – einem wesentlich schöneren als denen, die sie in letzter Zeit gehabt hatte. Dichtes, seidig schwarzes Haar fiel ihm in die perfekte Stirn und überschattete seinen Blick, der sie mit durchdringender Intensität studierte. Er sah aus wie das blühende Leben, und doch lag in seinen Zügen etwas Uraltes, als sähen seine kalten grünen Augen alles, als entginge ihm nichts.

Die Kleidung, die er in der Anstalt getragen hatte, war fort. Stattdessen trug er ein langes weißes Gewand, das es trotz seiner Formlosigkeit schaffte, seinen unglaublichen Körperbau zu unterstreichen. Aber oh, oh, oh, mit ihm kam eine arktische Kälte. Schutz suchend schlang Annabelle die Arme um ihre Mitte.

Stumm betrachtete er sie von oben bis unten. Irgendetwas zog über sein Gesicht, etwas, das sie nicht deuten konnte, bevor er wieder seine sorgsam unberührte Maske aufsetzte. „Dir geht es gut.“

Ich werde mich nicht einschüchtern lassen, und ich werde nicht vor seinem Aussehen in Ehrfurcht erstarren. Annabelle stützte die Hände in die Hüften und ließ dem Ärger freien Lauf, der sich in ihr angesammelt hatte. „Und du bist ein Arschloch. Du hast mich zu deiner Gefangenen gemacht, nachdem ich dir gesagt hatte, dass ich lieber sterben würde!“

„Das ist keine angemessene Art, mit mir zu reden, Annabelle. Ich bin in einer gefährlichen Stimmung.“

Sie etwa nicht? „Oh, der mächtige Zacharel hat Gefühle“, warf sie ihm schnippisch an den Kopf. „Ein Weihnachtswunder!“

„Es ist nicht Weihnachten, und ich schlage vor, du mäßigst deinen Ton. Anderenfalls könnte es sein, dass ich dich beim Wort nehme und dich töte. Wie wäre das?“

Sie keuchte und wich vor ihm zurück, bis sie an die Bettkante stieß und fast hingefallen wäre. „Das würdest du nicht wagen. Nicht, nachdem du dir so viel Mühe gegeben hast, mich zu retten.“ Pure Selbstverachtung verdunkelte seine Augen. „Ich habe meinen eigenen Bruder getötet, Annabelle. Es gibt niemanden, den ich nicht umbringen würde.“

Moment, Moment, Moment. Er hatte was? „Du lügst.“ Er musste lügen.

Drohend schnappte er mit den Zähnen. Dabei erinnerte er sie an ein verwundetes Tier, das zu große Schmerzen hatte, um sich helfen zu lassen. „Ich lüge nicht. Dazu gibt es keinen Grund. Menschen lügen, weil sie die Konsequenzen der Wahrheit fürchten. Ich fürchte nichts. Menschen lügen, weil sie die beeindrucken wollen, die bei ihnen sind. Mir sind alle gleichgültig. Du tätest gut daran, das im Gedächtnis zu behalten.“

Wie konnte dies derselbe Mann sein, der sich so rührend um sie gekümmert hatte? „Warum hast du deinen Bruder getötet?“

„Das ist für dich nicht von Bedeutung.“

Sie bohrte nach. „Wie hast du deinen Bruder getötet?“

Schweigen.

„War es ein Unfall?“

„Annabelle!“

Ganz eindeutig eine Warnung. Na gut. Fürs Erste würde sie das Thema fallen lassen. Doch das Bild mit dem verwundeten Tier passte. Was auch immer er getan hatte, er litt darunter.

„Warum lässt du mich in deiner Wolke wohnen“, wollte sie wissen, „wenn du mich so offensichtlich fürchtest? Und du fürchtest mich. Warum hättest du mich sonst einschließen sollen?“

Einen Herzschlag lang herrschte Stille, und der Ärger schien schlagartig von ihm zu weichen. „Das ist eine Fangfrage, vermute ich. Du hoffst, du könntest mich so beschämen, dass ich mich entschuldige und dir verspreche, dich nie wieder einzuschließen.“

„Nein.“ Na ja, vielleicht ein bisschen.

„Wolltest du meine Wolke verlassen?“

„Ich wollte den Raum verlassen.“

„Und hast bei dem Versuch versagt.“

„Deine Wolke hat versagt, nicht ich.“

„Warum wolltest du hinaus?“

Statt zu lügen – oder ihm die Ohrfeige zu verpassen, die er so dringend nötig hatte –, warf sie ihm seine Worte von vorhin an den Kopf: „Das ist für dich nicht von Bedeutung.“

War da ein Funkeln in seinen smaragdenen Augen? „Wolltest du mich sehen? Mit mir reden?“

Mit jedem Wort wurde die Hitze in ihren Wangen stärker. „Auch diese Fragen werde ich nicht beantworten.“

„Kluges Mädchen. Du hast schnell gelernt, dass es besser ist, mir die Antworten zu verweigern, als mich anzulügen. Aber mit deinen Nicht-Antworten hast du mir alles gesagt, was ich wissen wollte. Ja, du wolltest mich sehen, mit mir reden. Aber worüber?“

Anstrengender Engel. „Hör zu. Entweder du versprichst mir, dass du mich nie wieder einsperrst, oder ich haue eher früher ab als später. Und mir ist klar, dass das für dich nicht wirklich eine Strafe wäre, aber das sind die einzigen Möglichkeiten, die ich bereit bin in Betracht zu ziehen.“

„Also gut. Ich werde dich nie wieder in diesem Raum einsperren.“

Der Schwur war so bereitwillig gekommen, dass sie kurzzeitig verwirrt war. „Äh, na dann, okay.“

„Du wirst bleiben?“

„Ja.“ Noch für ein kleines Weilchen, weil sie sich nicht sicher war, wohin sie sonst gehen sollte. Oder wie sie dorthin gelangen sollte, ohne ihre Gedärme über einen Quadratkilometer zu verstreuen. „Aber genug von mir. Musstest du so fies sein zu dieser Frau?“ So viel zum Thema Spionage und Unauffälligkeit.

Kurz flackerte sein Blick zu der leeren Wand neben ihr, dann verengten sich seine Augen und kehrten zurück zu ihrem Gesicht. „Du hast mich beobachtet.“ Die Worte klangen samtig, sanft auf eine Art, die er wahrscheinlich nicht beabsichtigt hatte. Und die ganze Zeit stand ihm der Atem in Wolken vor dem Gesicht und verstärkte noch den Eindruck, das hier sei ein erotischer Traum.

Nichts davon geht dich etwas an, Miller. Und doch nickte sie, um ihn zu ermutigen, weiterzusprechen. „Ja, hab ich.“ Und sein Duft… Plötzlich hüllte er sie ein, von Kopf bis Fuß … schickte sie fast auf die Knie. Wie hatte sie diesen Duft erst jetzt bemerken können?

Er hob eine Augenbraue, bis sie unter seinem nach vorn gefallenen Haar verschwand. „Inwiefern war ich fies zu ihr? Ich habe ihr bloß die Wahrheit gesagt.“

„Klar, du hast ihr die Wahrheit gesagt, aber dabei hast du keinen Gedanken an ihre Gefühle verschwendet.“ Jetzt streck bloß nicht die Hand aus und streich ihm diese Strähne aus der Stirn.

„Ja, und sie hat mich geküsst, ohne sich meiner Gefühle im Geringsten sicher sein zu können.“

Oh. Okay. Das änderte alles. Annabelle war bereits gegen ihren Willen geküsst worden, und sie hatte jede Sekunde davon gehasst. Als es vorbei gewesen war, hatte sie den Schuldigen ebenfalls verletzen wollen. Insofern war Zacharels Reaktion verständlich.

„Und sollte ich tatsächlich gemein zu ihr gewesen sein – ich sage nicht, dass ich das war“, fügte er hinzu, „dann war es, um ihre Gefühle in der Zukunft zu schonen. Jetzt kennt sie meine Haltung zu diesem Thema ohne jeden Zweifel. Sie wird denselben Fehler kein zweites Mal begehen. Des Weiteren kann die Wahrheit zwar schmerzhaft sein, aber richtig eingesetzt ist sie niemals vorsätzlich grausam.“

Welche Art von Frau würde es mit diesem Mann aufnehmen? Mit Sicherheit eine, die sehr mutig war. Aber warum dachte sie überhaupt über so etwas nach? Sein blöder Duft musste ihr das Hirn vernebelt haben.

„Bist du verheiratet?“ Der Gedanke sollte ihr nichts ausmachen, doch das tat er – natürlich nur, weil sie sich schuldig fühlen musste, ihn so attraktiv zu finden, wenn er einer anderen Frau gehörte. Natürlich.

„Nein, ich bin nicht verheiratet.“

„Mit jemandem zusammen?“ Obwohl der Ausdruck „mit jemandem zusammen sein“ viel zu banal klang, um auf das himmlische Wesen vor ihr zutreffen zu können.

„Nein.“

„Willst du mit jemandem zusammen sein?“

„Nein. Genug gefragt.“

„Bist du je mit jemandem zusammen gewesen?“

Entnervt biss er die Zähne so fest zusammen, dass die Muskeln an seinem Kiefer hervortraten. „Ich bin nie mit jemandem zusammen gewesen, noch wollte ich jemals mit jemandem zusammen sein.“

Ihre Augen weiteten sich. „Aber das würde bedeuten …“

„Dass Jamilas Kuss mein erster war, ja.“

Auf keinen Fall. Nie und nimmer konnte das der erste Kuss dieses wunderschönen Mannes gewesen sein. Trotz seiner Distanziertheit musste doch vorher schon jemand versucht haben, ihn zu verführen. „Hat’s dir gefallen?“ Oh nein, nein, nein. Das hatte sie ihn gerade nicht wirklich gefragt.

„Offensichtlich nicht.“ Er ging um sie herum und befühlte die seidenen Laken auf dem Bett. Sehr beiläufig fragte er: „Bist du je geküsst worden?“

Sie seufzte, als Erinnerungen auf sie einstürmten. Die guten, die schlechten und die abscheulichen. Vor der Anstalt hatte sie ihre Küsse nur mit Jungs erlebt, die sie sich ausgesucht hatte. Manche waren süß gewesen, manche leidenschaftlich, aber alle waren willkommen gewesen. Nach ihrer Einweisung … Ein Schauer des Widerwillens überlief sie. „Ja.“ Würde er jetzt weniger von ihr halten?

„Hat es dir gefallen?“

In seiner Stimme hatte kein Urteil gelegen, was der einzige Grund war, dass sie antwortete: „Kommt darauf an, über welchen Kuss wir reden.“

Er ließ den Stoff fallen und wandte sich ihr zu, eine Hand an den Bettpfosten gelegt. „Mehr als eine Person hat dich geküsst?“

Immer noch kein Urteil, und doch, irgendetwas lag in seiner Stimme. Etwas Hitziges. Und zwar so hitzig, dass allen Ernstes der Schneefall aus seinen Flügeln aufhörte, die Kälte plötzlich wie ausgelöscht war.

Ach, verdammt. Sie änderte ihre Meinung ein drittes Mal. Er konnte nicht gefühllos sein. Was jetzt von ihm ausstrahlte, war purer Zorn vermischt mit Sinnlichkeit. Von den schweren Lidern über seine vollen Lippen, geschwollen und glänzend von Jamilas Kuss, den Puls, der an seinem Hals hämmerte, bis hin zu seinen sich langsam ballenden Fäusten. Diese Intensität … Wie hatte sie diese Seite an ihm übersehen können?

„Ja“, gestand sie. „Aber nur einer davon hat gezählt. Als ich siebzehn war, hatte ich einen Freund. Wir waren über ein Jahr zusammen und haben ein paar Dinge miteinander getan. Diese Küsse haben mir gefallen.“ Zumindest hatte sie das damals gedacht. „Nach dem Mord an meinen Eltern hat er mit mir Schluss gemacht. Ist mich nie besuchen gekommen.“ Sie zuckte mit den Schultern, als machte es ihr nichts aus.

Die Wahrheit war: Es hatte ihr mehr als etwas ausgemacht. Sie hatte jemanden gebraucht, der sie kannte und ihr glaubte, an sie glaubte, der ihr Unterstützung oder wenigstens Verständnis entgegenbrachte. Heaths Lossagung von ihr hatte mehr geschmerzt als die ihres Bruders. Er hatte sie leer und entmutigt zurückgelassen. Ihm hatte sie ihren Körper, ihr Herz anvertraut, und doch hatte er sich so mühelos von ihr abgewandt.

„Wer noch?“, wollte Zacharel wissen.

„Ein paar Leute während meiner Gefangenschaft. Andere Patienten, Ärzte …“ Wieder zuckte sie die Schultern, diesmal ruckartiger, steifer.

Bei diesen Worten wich die Andeutung von Sinnlichkeit von ihm, die Kälte kehrte zurück. Das tröstete sie. Wie sie schien auch er den Gedanken zu verabscheuen, dass jemand zu etwas gezwungen wurde.

„Was hat die Küsse mit deinem Freund so angenehm gemacht?“

„Wir haben uns geliebt. Na ja, ich hab ihn geliebt. Wie es aussieht, hat er mich nur benutzt. Ich frage mich, ob es einfach daran lag, dass er ein Teenager war – oder daran, dass er Heath war.“ Gedankenversunken knabberte sie an ihrer Unterlippe, immer noch bei Zacharels Enthüllung seiner absoluten, vollständigen Abstinenz. „Wie alt bist du überhaupt?“

„Älter, als du dir vorzustellen vermagst.“

Also bitte. „Hundert? Zweihundert?“

Er schüttelte den Kopf.

Ihr fiel die Kinnlade herunter. „Fünfhundert? Ein…tausend?“ Als er wieder den Kopf schüttelte, protestierte sie. „Keine Chance. Auf gar keinen Fall. Du bist niemals älter als tausend Jahre.“

Er hob eine Augenbraue.

„Bist du?“, japste sie. „Das bist du wirklich.“

„Ich bin Tausende von Jahren alt.“

Tausende – in der Mehrzahl. Hilflos presste sie die Hände auf den Bauch, wo sich ihr der Magen umzudrehen schien. „Und du hast wirklich noch nie jemanden geküsst? Freiwillig, meine ich.“

Er trat vor, drang in ihre Wohlfühlzone ein und sagte leise: „Diese Zweifel an meinen Aussagen, die du immer wieder ausdrückst, sind ebenso beleidigend wie erstaunlich.“ Kalter Atem strich über ihr Gesicht, rein und süß. „Niemals in all meinen Jahrhunderten habe ich eine Lüge ausgesprochen.“

Ich werde nicht zurückweichen. Ich werde keine Schwäche zeigen. „Tut mir leid, es ist bloß … Du hängst hier schon eine ganze Weile rum, hast vermutlich alles gesehen, was Menschen so miteinander tun.“ Sie hielt inne, wartete auf seine Bestätigung. Die er mit einem knappen Nicken gab. „Ich bin einfach überrascht.“

Bedächtig nahm er eine Strähne ihres Haars zwischen die Finger, rieb die Locken aneinander. Der Kontrast zwischen dem Blauschwarz der Strähne und der sonnengeküssten Süße seiner Haut war berauschend, fast magisch.

Wenn sie nicht aufpasste, würde sie sich ihm gleich an den Hals werfen. Und Zurückweisung und Scham erfahren.

Sie musste sich in Erinnerung rufen, dass sie momentan in keinster Weise an irgendwelchen romantischen Verstrickungen interessiert war. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, war sie sich nicht einmal sicher, wie sie auf die Annäherungsversuche eines Mannes reagieren würde.

Auch wenn sie nie vergewaltigt worden war, waren ihr genügend andere Dinge widerfahren. Wandernde Hände. Reibende Finger. Leckende Zungen. Ihre völlige Hilflosigkeit hatte sie angewidert und entsetzt. Und die Tatsache, dass Fitzpervers Bilder von ihr besaß …

Sie musste würgen. Hatte er sie irgendjemandem gezeigt? Wahrscheinlich. Lachte er manchmal über den Schmerz, den er ihr zugefügt hatte?

„Was ist los?“, fragte Zacharel.

Sie zwang ihre Gedanken zurück in die Wolke und zu dem Engel, der immer noch vor ihr aufragte. Mittlerweile hatte er die Finger aus ihrem Haar genommen, war einen Schritt zurückgetreten. Wie zuvor rieselte wieder Schnee von seinen Flügelspitzen, und die Luft um ihn herum war so kalt, dass Annabelle eine Gänsehaut bekam.

„Nichts“, murmelte sie.

Er bewegte die Zunge im Mund, als schmeckte er etwas Unangenehmes. „Du lügst.“

„Na und?“ Da hast du’s. Und schon beeinflussten düstere Erinnerungen ihren Umgang mit einem Mann, verdarben alles.

„Na und? Ich erzähle dir die Wahrheit, und du lügst mich an. Das ist inakzeptabel, Annabelle, und ich werde es nicht zulassen.“

Und wie genau wollte er sie daran hindern? „Lass uns einfach sagen, wenn doch etwas los ist, dann geht es dich jedenfalls nichts an.“ In diesem Augenblick war nur eins wichtig. „In der Anstalt hast du zu mir gesagt, ein Dämon hätte mich gezeichnet.“

Mit einem leisen „Ja“ ließ er den Themenwechsel zu.

„Und das hat er gemacht, um mich als sein Eigentum zu beanspruchen?“ Sie erinnerte sich, wie sie mit brennenden Augen aufgewacht war. Erinnerte sich an die Kreatur in ihrer Garage, die ihre Eltern mit ihren Klauen zerfetzt hatte. Erinnerte sich nur zu genau an die Art, wie er sie geküsst hatte – der schlimmste Kuss ihres Lebens.

„Ja. Er muss dich gesehen, dich begehrt und beschlossen haben, dich zu behalten, auch wenn er dich nicht mitnehmen konnte. Hat er irgendetwas zu dir gesagt?“

„Nur so klassische Schundfilm-Ausdrücke. Du weißt schon: Ärger? Hört sich großartig an. Und: Das wird ein Spaß.“

„Er hat nicht von dir verlangt, dich an ihn zu binden? Du hast nicht Ja gesagt?“

„Wohl kaum. Aber irgendwann wird er kommen, um mich zu holen, nicht wahr?“ Diese Angst hatte sie immer gehabt. Und wenn sie Zacharel Glauben schenkte, war Angst ein Magnet für alle Arten von Bösem.

Diesmal kam sein „Ja“ etwas zögerlicher.

Von jetzt an würde sie keine Angst mehr haben. Sie würde sich vorbereiten. „Tja, wenn er kommt, werde ich ihn umbringen. Bei der Gelegenheit hab ich noch eine Frage an dich: Würdest du mir eins von diesen Feuerschwertern geben?“

Sprachlos blickte Zacharel auf die Menschenfrau herab, die in den letzten fünf Minuten mehr Gefühle in ihm hervorgerufen hatte als jeder andere in den Jahrhunderten seit dem Tod seines Bruders. Er verstand es nicht, verstand sie nicht, oder was hier überhaupt mit ihm geschah.

In diesen übernatürlichen blauen Augen lagen so viele Geheimnisse, quälende Geheimnisse, dass er ihre Abgründe ausloten und alles entdecken wollte, was sie zu verbergen versuchte. Und er wollte … sie berühren. War ihre Haut so weich und glatt, wie sie aussah? Zwar hatte er sie bereits in den Armen gehalten, aber durch ihre Kleider hatte er die Textur ihrer Haut nicht spüren können. Würde ihre Wärme durch die Schichten der Kälte sickern, die ihn einhüllte, und ihn verzehren?

Er wollte sie küssen, um herauszufinden, ob ihr Geschmack zu ihrem betörenden Duft passte. Wollte wissen, ob ihr Kuss anders wäre als der von Jamila. Wollte wissen, ob sie seinen Kuss ebenso sehr genießen würde wie die ihres ehemaligen Freundes. Und er hasste den Gedanken, dass andere sie ohne ihr Einverständnis berührt und geküsst hatten. Dieses Wissen entzündete in ihm einen unwiderstehlichen Drang, die Täter zu verstümmeln und zu töten.

Mit diesen Dingen hatte er sich nie zuvor befasst, hatte sich nicht darum geschert, wer was mit wem anstellte. Er, der Menschen jeden nur vorstellbaren sexuellen Akt hatte vollziehen sehen, hatte noch niemals eine Frau betrachtet und dabei an Erotik gedacht. Hatte niemals genug für jemanden empfunden, um irgendeine Form von Eifersucht zu verspüren.

Bis jetzt. Bis er Annabelle begegnet war. Dieses Mädchen blieb tapfer stehen, wo sie ängstlich zurückweichen sollte, war verletzlich, wo das Leben sie hätte hart machen sollen, war freundlich, wo es ihr egal sein sollte. Genau wie Hadrenial gewesen war.

Aber auch andere waren tapfer gewesen, verletzlich und freundlich. Und doch hatte Zacharel niemals in einer solchen Art und Weise auf sie reagiert. Dabei hätte die Tatsache, dass sie ihm immer wieder seinen Bruder ins Gedächtnis rief, jegliche Flammen der Erregung ersticken müssen.

Doch die Flammen erstickten nicht.

Obwohl es bisher nie einen „Typ“ gegeben hatte, auf den er „stand“, hatte sich das nun offensichtlich geändert. Und ganz oben auf seiner Liste des Unwiderstehlichen? Blauschwarzes Haar, kristallene Augen und weiche rosa Lippen. Oh, und Haut, die wirkte wie mit Bronze und Diamantstaub überzogen.

Ihre Anziehungskraft auf Zacharel bestimmte all seine Gedanken, und er war ihr wehrlos ausgeliefert. Ihm fehlte einfach die Erfahrung. Doch irgendwie musste er einen Weg finden, ihr zu widerstehen. Speiste ein Mann einmal am Tisch der Versuchung, würde er sich immer und immer wieder daran überfressen.

Aber … Sie war keine der Versuchungen, denen er widerstehen müsste, damit er im Himmel bleiben dürfte, nicht wahr? Und was wäre denn so schlecht daran, sie zu genießen? Zu erfahren, wie es sich anfühlte, ihren weichen Körper an seinen gepresst zu spüren? Sie war nicht ausdrücklich verboten für sein Volk.

Er knirschte mit den Zähnen. Schon war er ihr einen Schritt näher.

Jetzt betrachtete er sie eingehender. Farben waren nichts, womit er sich befasste, wenn es nicht um Tarnung ging, und doch … Rosa unterstrich ihre asiatischen Wurzeln perfekt. Er wusste, was unter diesen Kleidern wartete, hatte sie während ihrer Krankheit ausgezogen. Doch zu jenem Zeitpunkt hatte er ihren weiblichen Kurven keine Beachtung geschenkt. Jetzt fragte er sich …

Noch ein Schritt.

„Woran denkst du?“, fragte sie misstrauisch. „Denn offensichtlich geht es nicht um das Schwert.“

Schamesröte stieg ihm ins Gesicht, und ruckartig wandte er sich von ihr ab. Er konnte nicht lügen, aber die Wahrheit würde er ihr auch nicht sagen. Also würde er sie ignorieren.

„Zacharel?“

Selbst ihre Stimme zog ihn an. Weich, melodisch, fest und doch flehentlich. Schon zu Beginn war ihm das aufgefallen, aber jetzt … Ja, jetzt war alles anders. Noch ein Schritt.

„Das Schwert“, setzte er an. „Du sagst, du willst eines haben, aber könntest du wirklich ein Leben nehmen?“

„Ja.“ Kein Zögern. „Das habe ich schon oft genug getan. Dämonenleben, nicht menschliche, nur dass wir uns da verstehen.“

Es überraschte ihn, dass sie die Kraft gehabt hatte, gegen einen Feind zu kämpfen, den die meisten ihres Volks nicht sehen konnten und oft verleugneten. „Trotzdem werde ich dir kein Schwert aus Feuer geben. Das kann ich nicht, denn nur Engel dürfen solche Schwerter führen.“

„Oh“, murmelte sie enttäuscht.

„Aber es gibt andere Mittel und Wege.“

Augenblicklich hellte sich ihr Gesicht auf. „Zeigst du sie mir?“

Dafür hatte er nicht die Zeit. Er hatte eine Armee zu trainieren, seine eigenen Schlachten zu schlagen. Und ihm gefiel der Gedanke nicht, dass sie gegen eine Rasse kämpfte, deren Niedertracht keine Grenzen kannte. Doch wer auch immer sie gezeichnet hatte, würde sie zurückhaben wollen, ob er sie nun freiwillig allein gelassen hatte oder nicht. Vor allem, wenn er hörte, dass sie bei Zacharel war. Noch mehr, als sich gegenseitig eins auszuwischen, lieben Dämonen es, über Engel zu triumphieren. Und dieser Dämon würde nicht zögern, Annabelle auf grausamste Weise zu verletzen, um das zu erreichen. Das würde keiner von ihnen.

Zacharel war sich nicht sicher, wie sie überhaupt so lange hatte überleben können.

„Ja“, hörte er sich sagen. „Ich werde dir beibringen, wie man Dämonen tötet.“

6. KAPITEL

Mit einem Dossier über Annabelle Millers sehr kurzes und sehr elendes Leben kehrte Thane zurück zu Zacharels Wolke. Der frisch ernannte Anführer der Unheilsarmee, wie viele ihrer Brüder sie mittlerweile nannten, nahm es mit seiner üblichen Höflichkeit entgegen. Also keiner. Zacharel war kalt wie immer, schenkte ihm nicht einmal einen gemurmelten Dank, nur eine knappe Entlassung.

Und Thane wurde klar, dass er diese Direktheit mochte. Dass er auch Zacharel mochte – und das war eine Erkenntnis, die ihn bis ins Mark erschütterte. Mehr als hundert Jahre lang war er nicht mehr Teil einer Armee gewesen, und hätte seine Gottheit ihm nicht befohlen, das nächste Jahr über Zacharel zu folgen, hätte er sich niemals wieder einer angeschlossen.

Anfangs hatte Thane geschäumt vor Wut. Wie konnte es jemand wagen, ihm vorzuschreiben, wie er seine Zeit zu verbringen hatte? Wenn er im Bett herumfaulenzen wollte, jede Frau verführen, die ihm gefiel, und jeden Dämon herausfordern, dem er begegnete, dann würde er das auch tun. Doch was er entschied, das würden auch seine Jungs entscheiden. Einer für alle und alle für einen, hatte er einmal einen Menschen sagen hören. Genauso war es mit ihm und seinen Jungs. Er, Björn und Xerxes steckten zusammen in dieser Sache drin, und was auch immer „diese Sache“ sein mochte: Er konnte nicht zulassen, dass sie bestraft würden. Thane könnte alles ertragen, nur nicht das.

Jetzt, nachdem ihr Arrangement den dritten Monat erreicht hatte, war er plötzlich froh, dass er sich nicht dagegen aufgelehnt hatte. Na ja, gegen Zacharel hatte er sich aufgelehnt, mit einer kleinen Beleidigung hier und da, aber er hatte sich auch der Armee angeschlossen, statt zu fallen. Jetzt wurde ihm klar, dass die fehlende Führung und Struktur ihn aufgerieben hatte. Dass sein Leben nichts als ein chaotischer Haufen Dreck gewesen war und er wenigstens irgendeine Art von Ordnung gebraucht hatte.

Thane flog zum Sündenfall, einem Freudenhaus im Himmelreich. Über die Jahrhunderte waren mehr und mehr Engel ihrer Gottheit den Versuchungen des Fleisches erlegen. Sie hatten einen Ort gebraucht, an dem sie ihren Vergnügungen nachgehen konnten, ohne verurteilt zu werden – also hatte Thane ihnen einen gegeben.

Das Sündenfall gehörte ihm. Gemeinsam mit Björn und Xerxes wohnte er dort, genau wie die unsterblichen Liebhaberinnen, die sie sich hielten. Liebhaberinnen, die nie lange blieben, denn jeder der Männer hatte es gern immer wieder neu und anders.

Trotz dieser Promiskuität waren sie noch nicht unwiderruflich gefallen – auch wenn Thane wusste, dass sie sich auf dünnem Eis bewegten.

Engel ihrer Gottheit fielen in Ungnade, wenn sie das Böse in ihren Herzen willkommen hießen, indem sie gewohnheitsmäßig logen – ja, es war möglich –, betrogen, stahlen oder kaltblütig mordeten. Indem sie sich zu Torheiten wie Hass, Neid, Angst oder Stolz hinreißen ließen oder indem sie sich weigerten, sich von irgendeiner Art der Verderbtheit abzuwenden.

Sie durften keinem Dämonen helfen, noch andere Engel für ein vermeintliches Verbrechen bestrafen. Jegliche Klagen hatten sie vor dem Himmlischen Hohen Rat anzubringen.

Seit ihrem Entkommen aus einem dämonischen Verlies vor hundert Jahren hatten Thane und seine Jungs gegen fast alle diese Regeln verstoßen – nur einer Kreatur der Dunkelheit würden sie niemals helfen. Warum ihm also diese Chance gegeben worden war, wusste er nicht.

Wenn sie ihr Verhalten nicht änderten, würden ihre Sünden sie irgendwann einholen. Das wusste er. Trotzdem konnte Thane sich nicht überwinden, sich zu ändern. Er war, wozu die Dämonen ihn gemacht hatten.

Sterne funkelten überall um ihn herum, als er auf dem Dach des hoch aufragenden Gebäudes landete. Er hatte sich für solides Mauerwerk entschieden statt für eine Wolke, weil er gefürchtet hatte, zu viele Besucher würden die Vorteile einer Wolke ausnutzen und alle möglichen unerlaubten Dinge ordern. Außerdem waren Wolken teuer. Und auch wenn er sich eine hätte leisten können, um außerhalb des Clubs zu leben – er kannte sich gut genug, um zu wissen, dass auch er die Vorteile einer Wolke ausgenutzt hätte.

Vom Dach waren zwei Türen zugänglich. Eine führte in den Club selbst und die andere in seine Privatgemächer. Zu den Seiten beider Türen standen je zwei Wachen. Er nickte den beiden vor seinem Privateingang zu, und sie traten zur Seite. Auf einen geistigen Befehl hin glitt die breite zweiflügelige Tür vor ihm auf.

Von unten hörte er das langsame, rhythmische Dröhnen von Musik in die Wohnung dringen, während er durch den leeren Flur in sein Wohnzimmer schlenderte, wo Björn und Xerxes ihn erwarteten. Beide hatten es sich in weichen, samtbezogenen Sesseln bequem gemacht und nippten an ihren Drinks.

Thane ging zur Hausbar und goss sich einen Absinth ein. Dann drehte er sich um und lehnte sich an die Kante der marmornen Arbeitsfläche. Diese Privatgemächer sind das Musterbeispiel eines Luxuslebens, dachte er, als er den Blick durch den Raum wandern ließ. Wohin er auch sah, erblickte er Schätze, die ihm von Königen, Königinnen, Unsterblichen und selbst Menschen verehrt worden waren. Kunstvoll geschnitzte, auf Hochglanz polierte Tische. Sofas und Sessel, die mit kostbaren Stoffen in den verschiedensten leuchtenden Farben bezogen waren. Einzigartige handgeknüpfte Teppiche, Kronleuchter, von denen Edelsteine hingen statt bloßer Kristalle.

„Vögelt Zacharel die Menschenfrau schon?“, unterbrach Björn seine Gedanken. Er musste einer der schönsten Engel sein, die je geschaffen wurden. Seine Haut war überzogen mit schimmerndem Gold, in seinen Augen strahlte ein Mosaik der erlesensten Amethyste, Saphire, Smaragde und Turmaline.

Doch Thane konnte sich an eine Zeit erinnern, zu der der Krieger nicht so hübsch anzusehen gewesen war. Ihre Folterer hatten Thane am besudelten Boden der Zelle angekettet und Björn über ihm aufgehängt. In den folgenden Tagen hatten die Dämonen Björn die Haut vom Leib geschält, vorsichtig, ganz vorsichtig, um nur ja das Fleisch nicht zu beschädigen. Blut war in einem unaufhörlichen Regen von Björn heruntergetropft, hatte ihn vollkommen durchnässt.

Oh, wie der Krieger geschrien hatte. Anfangs. Am Ende waren seine Lungen zusammengefallen und seine Kehle nichts als rohes Fleisch gewesen. Dann hatten die Dämonen den schimmernden Mantel abwechselnd stolz zur Schau getragen, hatten getan, als wären sie Björn, während sie alle möglichen widerwärtigen Dinge taten.

Xerxes war ihnen gegenüber an die Wand gekettet worden, die Vorderseite an die Wand gedrückt, die Arme über dem Kopf gefesselt, die Beine auseinandergezwungen. Er hatte alles mit anhören müssen, was seinen Freunden angetan worden war, ohne es sehen zu können. Und das war vielleicht noch schlimmer gewesen. Nie hatte er gewusst, was um ihn herum geschah, während er ausgepeitscht wurde und … ihm andere Dinge angetan worden waren.

Das Grauen während ihrer Zeit in dieser Zelle hatte jegliche Farbe in seinem einst kastanienbraunen Haar und der pfirsichfarbenen Haut ausgelöscht, bis er milchweiß war. In seinen früher bernsteinfarbenen Augen waren Blutgefäße geplatzt und hatten die Iris blutrot gefärbt.

Keiner von ihnen sprach je über ihre Gefangenschaft und Folter, doch Thane wusste, wie es seinen Freunden wirklich ging. Björn geriet nach jeder Schlacht außer Kontrolle. Nach jeder sexuellen Begegnung musste Xerxes sich übergeben. Doch keiner von ihnen ließ die Finger vom Kämpfen oder vom Sex.

Thane hatte gelernt, diese Seite von sich zu akzeptieren.

„Da ist aber jemand gedankenverloren“, bemerkte Björn. Noch hatte sein Absturz nach dem letzten Kampf nicht begonnen … Doch das würde er. Wie jedes Mal.

„Schlag ihm die Zähne ein“, schlug Xerxes vor. „Darauf reagiert er, versprochen.“

Sie hatten ihm eine Frage gestellt, oder? … Über Zacharel und die Menschenfrau. „Was glaubt ihr denn?“, gab er schließlich zurück. „Zacharel war in seinem Büro, hat über irgendetwas einen Bericht geschrieben. Wahrscheinlich über unsere Leistung.“

„Glaubst du, der taut irgendwann noch mal auf?“, fragte Björn.

Thane schauderte. „Wir sollten hoffen, dass nicht.“

Xerxes rieb über die Narben an seinem Hals. Jeder glaubte, Xerxes’ Unsterblichkeit hätte ihn im Stich gelassen, sodass er schließlich aussah wie ein schlecht zusammengesetztes Puzzle. Doch in Wahrheit war sein Körper einfach nur ständig damit beschäftigt, die Wunden zu heilen, die er sich selbst immer wieder zufügte.

„Ich hab heute sechzehn Dämonen getötet“, erklärte er. Das war eins der wenigen Gesprächsthemen, die ihm zusagten.

„Dreiundzwanzig“, entgegnete Björn, und sein Ton klang düster.

Thane zählte seine Bilanz kurz im Kopf zusammen. Einen Tod durch seine Hand vergaß er niemals. „Bei mir waren’s nur neunzehn.“

Grinsend blickte Björn in die Runde, doch kein Funke Freude lag in seinen Augen. „Gewonnen.“

Xerxes zeigte ihm den Stinkefinger.

„Du bist so ein mieser Verlierer“, zog Thane ihn auf. „Und jetzt auch noch ein Babysitter. Also, wo steckt der Gefallene, den du neuerdings bewachen darfst? Du hast ihn nicht einmal erwähnt, seit du die Verantwortung für ihn übernommen hast.“

Kurz erblickte er ein Aufflackern von Panik in diesen blutroten Augen, doch sofort war Xerxes’ Gesichtsausdruck wieder unlesbar. „Er ist in meinem Zimmer angekettet.“

Diese Panik brach Thane fast das Herz, denn er wusste, dass Xerxes aus freiem Willen niemals jemand anderes als einen Dämon gefangen halten würde. „Was wirst du mit ihm machen?“

„Eine … Wolke kaufen, nehme ich an. Ihn da einsperren.“

„Davon würde ich dir abraten, mein Guter. Wenn du glaubst, er könnte für sich selbst sorgen, wirst du nie nach ihm sehen.“ Seine Schuldgefühle würden es nicht zulassen.

„Und das Problem ist …?“

„Gefallene sind so gut wie sterblich. Er könnte beschließen, in den Hungerstreik zu treten. Er könnte dahinsiechen.“ Und du würdest allein dir die Schuld daran geben.

Weiße Wimpernkränze verschmolzen miteinander, und der Krieger stieß einen schweren Seufzer aus. Dann sah er Thane geradeheraus ins Gesicht. Klare Entschlossenheit strahlte von ihm aus. „Du hast recht.“

„Hab ich das nicht immer?“

„Fürs Erste lasse ich ihn hier. Einmal am Tag werde ich nach ihm sehen. Ihn zwingen, zu essen, wenn es sein muss.“

„Wenn du schon dabei bist, rede mit ihm“, schlug Björn vor. „Finde heraus, warum er gefallen ist.“

Beide von seinen Jungs wussten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch sie ihre Flügel und ihre Unsterblichkeit verlieren würden. Sie würden das Unvermeidliche hinauszögern, solange es ging – daher ihre bereitwillige Mitarbeit im Moment –, aber genau wie Thane würden sie niemals von dem Weg abweichen, auf dem sie sich jetzt befanden.

Dafür hatten die Dämonen gesorgt.

Thane kippte den Rest seines Drinks hinunter, goss sich einen weiteren ein und exte auch den. Der harte Alkohol brannte auf dem Weg in seinen Körper, doch bis zur Ankunft in seinem Bauch hatte sich das Brennen zu einer süßen, benebelnden Wärme abgekühlt. Und trotzdem half das angenehme Gefühl nicht gegen die Anspannung in seinem Inneren.

„Habt ihr uns Mädels für heute Abend besorgt?“, fragte er niemand Bestimmten.

„Ich habe“, antwortete Björn. „Sie warten schon auf uns.“

„Was ist meine? Ein Vampir? Eine Gestaltwandlerin?“ Eigentlich war es ihm egal. Eine Frau war eine Frau war eine Frau.

„Sie ist ein Phönix.“

Okay, vielleicht interessierte es ihn doch. Zu der immer präsenten Anspannung gesellte sich freudige Erregung, setzte ihn von innen heraus in Flammen. So viele Rassen von Unsterblichen wandelten auf der Erde und in mehreren Himmelreichen. Harpyien, Feen, Elben, Gorgonen, Sirenen, Gestaltwandler, griechische und titanische Götter und Göttinnen – zumindest nannten sie sich so, obwohl sie in Wahrheit nichts weiter als Könige und Königinnen waren, denen ihr Stolz erlaubt hatte, ihre Meinung von sich in exorbitante Höhen zu schrauben – und unzählige weitere. Phönixe waren die Zweitgefährlichsten unter ihnen.

Schlangen-Gestaltwandler waren die Gefährlichsten.

Doch auch Phönixe waren blutrünstig und grausam, fanden Vergnügen an Tod und Zerstörung. Sie lebten im Feuer und liebten es, sie konnten die Toten zwingen, sich aus ihren Gräbern zu erheben – und jene, die sich erhoben, mussten ihnen von da an dienen, versklavt für den Rest der Ewigkeit.

Thane stellte sein leeres Glas auf die Theke und richtete sich auf. „Na dann lasse ich sie mal nicht länger warten.“

Björn und Xerxes standen auf. Sechs lange Schritte brachten ihn in ihre Mitte. Gemeinsam gingen sie weiter und fächerten sich dann auf, jeder auf dem Weg in sein Schlafzimmer. Aus dem von Thane drang nur Stille. Seine Hände waren erstaunlich ruhig, als er die Doppeltür aufstieß. Und hinter sich schloss.

Während er seine baldige Eroberung betrachtete, hörte er das leise Klicken der Türen seiner Freunde.

Gelassen ruhte die Frau auf dem Bett, einen Berg von Kissen im Rücken. Sie war herrlich nackt und das funkensprühende rotgoldene Haar fiel ihr über eine Schulter. Selbst aus dieser Entfernung spürte Thane ihre Hitze, wie die Wärme an ihm leckte. Dünne Ketten aus der Schmiede eines Unsterblichen wanden sich um ihre Hand- und Fußgelenke. Sie machten sie zu einem Sklaven dessen, der sie in der Hand hatte – auf irgendeine mystische Weise zwang das Metall sie, seinen Befehlen zu gehorchen.

Björn musste sie auf dem Sexmarkt gefunden haben. „Willst du das hier?“, verlangte er zu wissen. „Willst du mich? Sag die Wahrheit.“

Sie leckte sich die Lippen. „Oh ja.“

„Du fühlst dich nicht gezwungen?“ Es gab nur eine Grenze, die Thane im Schlafzimmer nicht übertreten würde, und das war, sich einem anderen Wesen aufzuzwingen. „Denn egal, was zwischen uns passiert, du kannst diesen Ort jederzeit verlassen.“

„Nein, niemand zwingt mich. Mir wurde gesagt, ich würde bezahlt werden.“

Ah. Sie wollte Geld, nicht ihn. Das beruhigte ihn. Diesen Weg hatte er schon öfter gehen müssen. „Das wirst du.“

„Warum sollte ich dann gehen, wenn mich doch für mein Bleiben Reichtum erwartet?“, fragte sie und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

Ein spitzes Ohr. „Eine exzellente Frage.“

Sie grinste und entblößte Fangzähne so scharf wie die eines Vampirs. Ihr Körper war unglaublich schön, ein Quell der Sinnlichkeit. Auch wenn er ihren Rücken nicht sehen konnte, wusste er, die Haut war überzogen mit Tätowierungen ihrer Stammeszeichen.

„Man hat dir gesagt, was von dir erwartet wird?“, fragte er.

„Ja, was bedeutet, dass dieses ganze Herumreden bloß eine Verschwendung meiner Zeit und deines Geldes ist.“

„Das wollen wir natürlich nicht.“ Ein kurzer Ruck, und sein Gewand fiel. Der Stoff war so leicht, dass er lautlos auf den Boden sank.

Nackt ließ Thane sich auf die Matratze nieder, der Rand senkte sich unter seinem muskelbepackten Gewicht. Einen Moment später war sie auf ihm. Für lange Zeit spürte er nichts mehr außer dem Brennen ihrer Fingernägel und dem Biss ihrer Zähne. Dann begannen kleine Tropfen flüssigen Feuers aus ihrer Haut zu sickern, ihn auf köstlichste Weise zu verbrennen, ihm ein ums andere Mal lustvolles Stöhnen zu entlocken. Er liebte es so sehr, wie er es hasste.

Jeden abscheulichen Akt, den er von ihr verlangte, führte sie ohne Zögern aus, und er spielte mit dem Gedanken, sie weit länger zu behalten als jemals jemanden zuvor. Normalerweise war er nach zwei oder drei Begegnungen mit ihnen durch, wollte nicht sehen, wie Widerwillen statt Verlangen in ihren Augen zu brennen begann. Denn nach einer Weile setzte bei jeder von ihnen Widerwillen ein. Sie machten sich Gedanken über das, was sie getan hatten, was er getan hatte, und bereuten es. Doch diese Frau lachte voll echtem Vergnügen, während sie ihm zu Willen war, und er würde wetten, sie würde es immer tun. Ihre Geldgier würde nichts anderes zulassen.

Als es vorüber war, lag Thane stumm da, versuchte, zu Atem zu kommen, genoss das Gefühl, er würde von innen heraus verbrennen.

Durch die Wand zu seiner Linken – extra dünn, damit er und seine Jungs es hörten, wenn sie gebraucht wurden – hörte er das herzzerreißende Geräusch von Xerxes, wie er sich in die Toilette erbrach. So wie immer nach dem Sex.

Er wollte mehr für seinen Freund. Etwas Besseres. Aber er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie er helfen könnte.

Langsam zog er sich an und ließ die Phönixfrau erschöpft auf dem Bett zurück. Björn saß bereits im Wohnzimmer, allein, und starrte mit leerem Blick in ein neues Glas Wodka.

Stumm ließ Thane sich in einen Sessel fallen. Björn sah nicht einmal auf, zu tief war er in Gedanken verloren. Zu gefangen in der Dunkelheit, die ihn letztendlich eingeholt hatte.

Xerxes trat aus seinem Zimmer, blass und zittrig, und wich Thanes Blick aus. Auch er ließ sich in einen Sessel fallen.

Thane liebte diese Männer. Aus tiefstem Herzen. Für sie würde er bereitwillig sterben – aber ihren Tod würde er niemals zulassen. Nicht so. Nicht in solchem Elend.

Gemeinsam waren sie aus diesem Kerker herausgekrochen. Und was immer es kosten mochte, auch aus ihrer selbst auferlegten Hölle würde er sie hervorzerren.

7. KAPITEL

Am nächsten Morgen saß Zacharel nackt am Rand seines Betts und drehte die Urne seines Bruders in den Händen hin und her. Es war ein Glas in der Form einer Sanduhr mit einer dicken Flüssigkeit darin, die genauso klar war wie die Urne selbst. Winzige Lichtflecken tanzten darin und glitzerten in allen Farben des Regenbogens.

Diese Urne war sein kostbarster Besitz. Das Einzige, das ihm wichtig war. Jetzt und bis in alle Ewigkeit würde er diese Urne beschützen, wie er es bei seinem Bruder nicht gekonnt hatte. „Ich liebe dich, Zacharel.“

„Ich liebe dich auch, Hadrenial. So sehr.“

„Wirklich?“

„Das weißt du doch.“

„Und du würdest alles für mich tun?“

„Alles.“

„Dann töte mich. Den Wahrhaftigen Tod. Bitte. Du kannst mich so nicht leben lassen.“

„So“ bedeutete gebrochen, blutüberströmt und auf unvorstellbare Art misshandelt.

„Alles außer dem Wahrhaftigen Tod. Du wirst dich erholen. Eines Tages wirst du sogar wieder glücklich sein.“

„Ich will mich nicht erholen. Ich will einfach nur tot sein, ein für alle Mal. Das ist der einzige Weg, meinen Qualen ein Ende zu setzen.“

„Wir werden die Dämonen bezahlen lassen für das, was sie dir angetan haben. Gemeinsam. Dann können wir noch einmal darüber sprechen.“ Und Zacharel würde es ihm noch einmal verweigern.

„Wenn du mich nicht umbringst, mache ich es selbst. Du weißt, was dann mit mir geschieht.“

Ja, das hatte er gewusst. Den Wahrhaftigen Tod konnte man nicht durch die eigene Hand sterben. Hadrenial hätte seinen Körper vernichtet, doch sein Geist, so dunkel, wie er zu jener Zeit gewesen war, hätte weitergelebt und wäre in die Hölle verbannt worden. Auch das hatte Zacharel nicht ins Wanken gebracht. Er hatte sich trotzdem geweigert. Und am Ende hatte Hadrenial sein Versprechen wahr gemacht. Hatte wieder und wieder versucht, sich das Leben zu nehmen, und jedes Mal hatte Zacharel ihn mit dem Wasser des Lebens zurückgeholt.

In jenen Jahren hatte sein gesamtes Dasein daraus bestanden, seinem Bruder zu folgen, seinen Bruder zu retten und ihn letzten Endes doch zu töten, um sein Leid zu beenden. Es war eine Entscheidung, die Zacharel bis heute bereute, denn diese Urne enthielt alles, was von Hadrenial noch übrig war.

Bis auf den letzten Tropfen hatte Zacharel die Essenz all der Liebe aus Hadrenials Brust geholt, die er je empfunden hatte. Dann hatte er ihn mit dem Wasser des Todes vergiftet, geschöpft aus dem Gewässer neben dem Fluss des Lebens seiner Gottheit. Jenes Wasser war die einzige Möglichkeit, einen Unsterblichen unwiderruflich zu töten.

Um auch nur ein winziges Fläschchen davon zu ergattern, musste ein Engel denselben Weg gehen wie für das Wasser des Lebens: erst eine Auspeitschung, dann eine Anhörung vor dem Himmlischen Hohen Rat, bei der die Erlaubnis entweder erteilt oder verweigert wurde. Wenn dem Gesuch stattgegeben wurde, musste ein Opfer gebracht werden, das ebenfalls der Rat festsetzte.

All das hatte Zacharel auf sich genommen – nachdem seinem Bruder die Erlaubnis verweigert worden war –, doch im Tempel hatte er gezögert. Die zwei Ströme flossen Seite an Seite, Leben und Tod, Freud und Leid. Bei ihm allein hatte die Wahl gelegen. Er hätte das Wasser des Lebens nehmen können. Hätte es nehmen sollen. Doch das hätte nur den Leib seines Bruders geheilt, nicht seine Seele.

Dafür hätte Hadrenial Zeit an der Seite des Höchsten verbringen müssen, denn Er konnte jeden trösten und erretten. Doch Zacharels Zwilling hatte sich geweigert, es auch nur zu versuchen. Hatte sich weiter nach dem Tod gesehnt.

„Wie konntest du das von mir verlangen?“, krächzte er. „Wie konnte ich es tun?“

Natürlich erhielt er keine Antwort. Die bekam er niemals.

Zacharel hatte seinem Bruder den Tod eingeflößt. Hatte das Leben aus seinem Körper weichen sehen, das Licht in seinen Augen verlöschen. Hatte seinen Leib mit einem Feuerschwert zu Asche verbrannt und davonwehen sehen.

Tagelang war er den Ascheflöckchen gefolgt.

Jetzt blickte er hinab auf den faustgroßen schwarzen Fleck, der sich auf seiner Brust ausbreitete. Am Todestag seines Bruders hatte Zacharel auch seinen eigenen Vorrat an Liebe, weit kleiner als der von Hadrenial, aus seiner Brust gelöst und mit den letzten Überresten seines Bruders in die Urne gegeben. Wenigstens dort waren sie noch zusammen.

Eine Woche später war ein winziger schwarzer Fleck an der Stelle erschienen, wo er jene Liebe hervorgeholt hatte. Über die Jahre war er langsam, aber stetig gewachsen. Nach Zacharels Gespräch mit seiner Gottheit jedoch, als der Schnee von seinen Schwingen zu rieseln begonnen hatte, war die Geschwindigkeit aufs Vierfache angewachsen.

Er wusste, was das bedeutete, wohin es führen würde, doch er machte sich keine Sorgen. War sogar froh. Wenn er bei seiner Jahresmission versagte und aus dem Himmel geworfen würde, müsste er wenigstens nicht lange leiden.

„Ich frage mich, ob Annabelle auch dich fasziniert hätte.“

Er hielt inne, stellte sich die beiden zusammen vor. Ja, Annabelles Mut hätte den sanften Hadrenial begeistert. Hätten sie sich um sie gestritten?

Nein, entschied er. Denn Zacharel hätte sie aufgegeben. Das hatte er auch so vor – wenn er seiner Verantwortung Genüge getan hätte.

Mit großer Vorsicht stellte er die Urne auf seinen Nachttisch zurück und erhob sich. Er hätte das Ding auch in einer Luftfalte verbergen können, es so immer bei sich tragen. Doch andere Engel hätten seinen Bruder gerochen und Fragen gestellt, die er nicht beantworten wollte. Auch Dämonen hätten seinen Geruch wahrgenommen und versucht, ihn noch einmal zu zerstören.

Gedankenversunken zog er eine Robe über, bevor er langsam zu Annabelles Tür schritt. Dort hielt er inne, unsicher, ob er hineingehen sollte. Nachdem er ihr gestern zugesagt hatte, er würde ihr beibringen, wie man gegen Dämonen kämpfte, war er gegangen, zornig auf sich selbst.

Wie versprochen hatte er sie nicht eingeschlossen. Er hatte erwartet, sie würde nach ihm suchen, doch sie war an Ort und Stelle geblieben – und das hatte ihn noch zorniger gemacht.

Was stellte sie nur mit ihm an? Normalerweise war er ein Mann ohne jegliche Emotionen. Seit Jahrhunderten war er bekannt für seine innerliche wie äußerliche Kälte. Doch bei ihr hatte er das Gefühl, ständig an der Kante eines gefährlichen Abgrunds zu schwanken. Selbst jetzt war er angespannt, sein Kiefer schmerzte vom ununterbrochenen Zähneknirschen.

Die ganze Nacht lang hatte er darüber fantasiert, sie zu küssen. Sie tiefer, härter, besser zu küssen als der Mann, der vor ihm gekommen war. Hatte der Versuchung nachgegeben, von der er immer noch versuchte, sich einzureden, es wäre keine. Warum? Sie war nichts Besonderes. Eine lästige Verpflichtung, eine Bürde, die nur für kurze Zeit auf der Welt war. Es gab Tausende wie sie.

Stimmt das wirklich?

Gestern hatte er auf diese vollen rosa Lippen hinabgesehen und … sie begehrt. Noch nie hatte er Begehren verspürt. Vielleicht war es der Geschmack einer anderen Frau in seinem Mund, der sein Interesse am Küssen geweckt hatte, ein wachsendes Verlangen, das Erzwungene mit etwas freiwillig Gegebenem zu vergleichen. Vielleicht auch nicht.

Nach dem Bericht, den Thane ihm gestern gebracht hatte, war sein Verlangen nach Annabelle noch viel größer geworden. Unzählige Male war sie von Menschen wie Dämonen geschlagen worden, und doch war ihr Kampfgeist nicht gebrochen. Ihr großer Bruder hatte ihr furchtbar verletzende Briefe geschrieben, sie für ihre Taten verdammt, und doch hatte sie mit nichts als Güte und Verständnis geantwortet. Ärzte hatten sie eingesperrt, unter Drogen gesetzt, ihr nicht wiedergutzumachenden Schaden zugefügt, doch sie hatte sich mit all ihrer Kraft gewehrt.

Nein, es gab nicht Tausende wie sie.

Er sollte sich von ihr abwenden, solange es noch ging; bevor er beschloss, seinen Plan in den Wind zu schießen, seinen gesunden Engelsverstand zu ignorieren und sie zu behalten – nur um sie später zu verlieren. Bevor er absichtlich einen Kollateralschaden verursachte, nur um sie zu rächen.

Nur noch eine kleine Weile würde Zacharel mit ihr zusammenbleiben müssen. Ein paar Wochen, vielleicht einige Monate – nicht länger als ein Jahr –, dann wäre sie in der Lage, sich dem Bösen im Kampf zu stellen, das sie verfolgte. Dafür würde er sorgen. Danach könnten ihre Wege sich trennen, und er müsste nie wieder an sie denken … Auch wenn er keine Ahnung hatte, wohin er sie bringen oder wie er sich in den Augen seiner Gottheit der Verantwortung für sie entledigen sollte. Doch damit würde er sich an einem anderen Tag befassen.

Entschlossen betrat er das Zimmer.

Sie saß auf der Bettkante. Als sie ihn bemerkte, sprang sie auf und ihr blauschwarzer Pferdeschwanz schwang hin und her. „Ich denke, es ist das Beste, wenn wir unsere Beziehung an dieser Stelle beenden“, waren die ersten Worte aus ihrem Mund.

Dann hättest du etwas anderes anziehen sollen, dachte er und sog ihren Anblick berauscht in sich auf. Das Tanktop und die weich fließende Hose waren verschwunden. Stattdessen trug sie ein schwarzes Bustier aus Leder, das mehr zeigte, als es verhüllte, und eine abgewetzte schwarze Lederhose, die sich wie eine zweite Haut an ihren athletischen Körper schmiegte. Sein Puls ging schneller.

Plötzlich verunsichert trat sie von einem Fuß – in Kampfstiefeln – auf den anderen. „Ich hab die Wolke um kampftüchtige Kleidung gebeten und das hier bekommen. Da sind überall Schlitze drin; ich schätze, damit man besser an die Waffen kommt. Aber dieses Oberteil stellt mich vor ein Rätsel. Außer natürlich, die Wolke glaubt, mein Ausschnitt könnte meine Gegner so ablenken, dass sie Fehler machen.“ Stirnrunzelnd stemmte sie die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf. „Mein Outfit spielt keine Rolle. Bring mich zurück nach Colorado.“

„Ja, das tut es nicht, und nein, das werde ich nicht. Ich dachte, wir wären zu einer Einigung gekommen.“

„Ja, aber …“ Sie senkte den Blick auf ihre Füße, nur um gleich wieder zu ihm aufzusehen und die Augen zu verengen.

„Was?“

„Du bist so was von frustrierend“, grollte sie. „Warum kannst du nicht einfach tun, was ich dir sage, statt mich erst mit tausend Fragen zu bombardieren?“

„Ich könnte dich dasselbe fragen.“

„Ich stelle keine – argh.“ Sie hob eine Faust. „Meinetwegen, dann stelle ich eben viele Fragen. Und wenn schon. Das würde jeder an meiner Stelle. Davon abgesehen: Ich bin ein Mädchen, Fragen stellen ist mein Job. Du bist ein Kerl. Deine Aufgabe ist es, dir mit den Fäusten auf die Brust zu trommeln, zu grunzen und dann alles zu tun, um mir zu gefallen.“

„Wohl kaum. Der Mann, den du gerade beschrieben hast, würde dir sehr viel wahrscheinlicher einen Knüppel über den Schädel ziehen und dich an den Haaren davonzerren.“

Amüsiert funkelten ihre faszinierend blauen Augen.

Dieser Temperamentsausbruch und das folgende Amüsement begeisterten ihn. Natürlich nur ein bisschen. Er hatte keinen Schimmer, was sie als Nächstes tun oder sagen würde. „Wie fühlst du dich?“, fragte er und betrachtete sie von Neuem. Unter ihren Augen lagen noch immer Schatten, ihre Lippen waren wundgekaut und sie zitterte leicht am ganzen Leib. „Es geht dir wieder schlechter?“

„Das sind bloß immer noch Entzugserscheinungen, mehr nicht.“

In diesem Moment erinnerte Zacharel sich an die lange Liste der Medikamente, die ihr verabreicht worden waren. Entzugserscheinungen in dieser Größenordnung mussten erheblich sein. Er könnte ihr das restliche Wasser aus dem Fluss des Lebens geben, aber – er biss die Zähne zusammen. Während ihrer Bettlägerigkeit war dieser Gedanke noch zu rechtfertigen gewesen. Er hatte nicht gewusst, ob sie leben oder sterben würde, und genau dafür war das Wasser gedacht. Für Situationen, in denen es um Leben und Tod ging. Nicht, um ein paar kleine Wehwehchen zu lindern.

„Ich werd schon wieder“, fügte sie hinzu, vermutlich, um die plötzliche Stille zu füllen. „Also. Bringst du mich jetzt bitte zurück? Ohne weitere Fragen?“

„Ich mag zwar frustrierend sein“, tatsächlich war er sich sicher, dass das Wort „Zacharel“ in mehreren Sprachen „Bastard“ bedeutete, „aber bei mir bist du sicherer als bei jedem anderen.“

„Sicher bei dem Typen, der gedroht hat, mich umzubringen?“

Ah. Jetzt verstand er. Nach einer anständigen Runde Schlaf und mit etwas klarerem Kopf war ihr wieder eingefallen, was er zu ihr gesagt hatte – Ich könnte dich beim Wort nehmen und töten. Und jetzt wollte sie weg von ihm. „Ich habe dich nicht bedroht.“ Es stimmte. Er hatte nur eine Tatsache ausgesprochen. Er könnte sie jederzeit töten.

„Aber du hast gesagt …“

„Ich weiß, was ich gesagt habe. Aber jetzt sage ich dir noch einmal, dass du bei mir sicherer bist als bei jedem anderen.“ Selbst wenn er sie verletzte, selbst wenn er beschloss, sie zu töten, war sie immer noch bei ihm am sichersten. Jeder andere würde sich dabei weit schlechter anstellen.

Ausnahmsweise schien sie ihn mal beim Wort zu nehmen, atmete tief ein und nickte. „Okay, ich bleibe. Fürs Erste.“

Er verspürte einen seltsamen Drang, sich zu bedanken, konnte die Worte aber gerade noch herunterschlucken. „Du bist einfach zu gut zu mir.“

Sie verschränkte die Arme. „War das etwa Sarkasmus? Ich glaube, ich habe da Sarkasmus gespürt.“

„Bist du dir sicher, dass ich überhaupt weiß, was das Wort bedeutet?“

Tadelnd schnalzte sie mit der Zunge. „Und wieder eine Frage.“ Dann neigte sie den Kopf zur Seite und betrachtete ihn zum ersten Mal seit seinem Eintreten richtig. Ihre visuelle Bestandsaufnahme strich wie eine flüsternde Berührung über seinen gesamten Körper. „Deine Flügel …“

„Ja?“ Er streckte erst einen aus, dann den anderen, und betrachtete sie der Länge nach. Immer noch rieselte Schnee von den Federn herab, doch die glitzernden Kristalle waren kleiner als sonst.

„In den Federn ist mehr Gold als Weiß. Gestern war es noch andersherum.“

Sie hatte recht. Der goldene Anteil war erneut größer geworden. Das konnte nur bedeuten … dass er sich tatsächlich in einen Krieger der Elite verwandelte, ob seine Gottheit das nun mit ihm besprochen hatte oder nicht.

Aber … aber … das wiederum konnte nur bedeuten, dass seine Gottheit mit ihm zufrieden war, und dass er Zacharel als Ersatz für Ivar ausgewählt hatte. Keine andere Erklärung ergab einen Sinn.

Aber warum?

Weil Zacharel einen Menschen gerettet hatte, ungeachtet der Risiken für sein eigenes Leben? Weil er endlich Verantwortung für seine Armee übernommen, endlich den Respekt seiner Männer errungen hatte? Vielleicht hatte seine Gottheit gar nicht gewollt, dass er scheiterte. Vielleicht hatte hinter seiner Aufgabe die Hoffnung gestanden, er würde Erfolg haben – und dies sollte seine Belohnung sein.

„Und?“, hakte Annabelle nach. „Nicht dass du glaubst, ich würde mich beschweren. Deine Flügel sind wirklich hübsch.“

Hübsch? Eigentlich hätte ihn das Wort nicht beleidigen sollen, doch das tat es. Seine Flügel waren prachtvoll, vielen Dank auch.

Zu diesem Thema schuldete er ihr keine Erklärung. Er musste aufhören, so mit Informationen um sich zu werfen. Wenn ihre Wege sich trennten, und das würden sie, könnte sie in die Hände von Dämonen fallen. Könnte die Informationen an seine Feinde weitergeben. Doch er tat es trotzdem. Erzählte es ihr. Nach seinem Training würde niemand sie einfangen können. Ganz sicher nicht.

„Eine B-Beförderung. N-Nicht schlecht“, erklärte sie mit plötzlich klappernden Zähnen. Der Atem stand ihr in kleinen Wolken vor dem Gesicht. „Ich will ja nicht das Thema wechseln, aber findest du es kalt hier drin?“

Das erinnerte Zacharel daran, wie er sie zum ersten Mal gesehen hatte – wie kalt ihr damals gewesen war –, und plötzlich war er nicht mehr zufrieden oder gar dankbar um die Kälte, die er mit sich trug. Annabelle litt darunter, und das gefiel ihm nicht. In dieser Sache würde er seine Gottheit um Milde bitten müssen. Und vielleicht würde sie ihm sogar gewährt werden, jetzt, wo er wusste, dass er wieder Gnade vor den Augen seiner Gottheit finden konnte.

„Einen Mantel“, sagte er jetzt, und ein erfreutes Schimmern trat in Annabelles Augen.

„Darauf hätte ich selbst kommen können.“

„Ich bin mir sicher, das wärst du noch.“ Dann streckte er den Arm aus und griff einen weißen Kunstfellmantel aus der Luft. Sie nagte an ihrer Unterlippe, als er ihr das weiche Gewebe um die Schultern legte.

„Danke“, erwiderte sie. „Weißt du eigentlich, dass du ein einziger Widerspruch in sich bist? Im einen Moment bist du gemein, dann wieder nett. Mal bedrohst du mich, dann gibst du meinen Beschützer.“

„Willst du mich beleidigen, wie vor ein paar Tagen in der Anstalt?“

„Diesmal nicht.“

„Aber du klingst, als würden diese Dinge dir nicht gefallen.“

„Na ja, tun sie auch nicht. Weil es dadurch so schwierig ist, dich zu lesen.“

„Ich bin kein Buch“, gab er zurück.

Sie nickte. „Genau.“

„Aber …“

„Bleib einfach bei den Gemeinheiten und Drohungen, okay?“, unterbrach sie ihn. „Ich will dich nicht mögen.“

Noch nie hatte er eine verwirrendere Unterhaltung geführt. „Warum?“

„Ich verweigere die Aussage.“

Diese Ausweichstrategie, die sie da betrieb, gefiel ihm immer weniger. „Du kannst dich nicht weigern, auf all meine Fragen zu antworten.“

„Äh, kleiner Irrtum. Und ob ich das kann.“

Wie sie soeben bewiesen hatte. „Dann müssen wir irgendeine Art der Belohnung festlegen für jede Antwort, die du mir gibst.“ Auch wenn das nach Bestechung roch – weil es das war – und den Eindruck erweckte, es würde ihm etwas bedeuten – was es tat. Das konnte er wohl nicht länger verleugnen. Aber dadurch würde sich rein gar nichts verändern.

Sie hob eine Augenbraue, äffte einen Ausdruck nach, den er ihr ziemlich oft gezeigt hatte. „Und einen Popo voll für jedes Mal, wenn ich nicht antworte?“

„Für ein solches Bagatelldelikt würde ich dich niemals körperlich bestrafen, Annabelle.“ Ihm gefiel ihr Name auf seinen Lippen. Der Klang, das Gefühl. „Vielleicht für … etwas wirklich Schlimmes. Aber ich würde nie etwas tun, das bleibenden Schaden verursacht. Du bist nicht einer meiner Soldaten. Darüber hinaus bist du ein Mensch. Du hältst nicht viel aus.“

„Möglicherweise wärst du überrascht von meiner Zähigkeit.“

Er wollte antworten, das wollte er wirklich, doch plötzlich packte ihn das Verlangen, mit den Fingerkuppen über ihre Wangen zu streichen, über ihre Lippen, um zu sehen, ob sie ihn verbrennen würde. Ob ihr hämmernder Puls so außer Kontrolle geraten würde, wie seiner es vermutlich täte. Er wollte wissen, ob sie näher rücken oder sich abwenden würde.

Du lässt dich nicht von solchen sterblichen Gelüsten unterwerfen. Er würde sie nicht berühren, und er würde nicht über ihre Reaktion darauf nachdenken. Doch auch wenn er seine körperlichen Begierden bekämpfen – und besiegen – konnte, war er den geistigen machtlos ausgeliefert. Seine Neugier über sie war zu groß, und er hörte sich sagen: „Deine Mutter war Japanerin, aber dein Name ist nicht japanisch.“

Erleichtert straffte Annabelle die Schultern und akzeptierte den Themenwechsel. „Sie hat fast ihr ganzes Leben in den Staaten verbracht. Und ich bin nach der Mutter meines Vaters benannt, Anna Bella.“ Sie zog den Mantel um sich zusammen und gab ihrer eigenen Neugierde nach. „Ich hab mich was gefragt. Bist du wie die Engel in der Bibel? Ich, äh, hab mir letzte Nacht von der Wolke eine geben lassen. Ein bisschen hab ich drin gelesen, und … na ja …“

„Du hast Unterschiede festgestellt zwischen mir und den Engeln, von denen du gelesen hast“, beendete er den Satz für sie.

„Genau. Und ich weiß noch, dass du gesagt hast, du wärst von einer anderen Art … oder so was.“

Er konnte es sich nicht verkneifen: „Ich könnte mich weigern, das zu beantworten, genau wie du es mit mir gemacht hast.“

„Aber das wäre so was wie ein Popo voll“, erklärte sie, „und du, der du niemals lügst, wirst das nicht tun.“

Ein sehr kluges Mädchen, seine Annabelle. Moment. Seine Annabelle? „Was du gelesen hast, ist wahr. In menschlichen Begrifflichkeiten wäre meine Gottheit eher so etwas wie ein König. Sie regiert einen bestimmten Teil des Himmelreichs und dient dem Höchsten, der über das gesamte Himmelreich herrscht, selbst über den Teil, den die Griechen und Titanen für sich beanspruchen – aber das ist eine andere Geschichte. Und wir sind nicht wie die Engel des Höchsten, weil wir nicht zu demselben Zweck geschaffen wurden.“

Sie warf die Hände in die Luft. „Warum heißt ihr dann Engel?“

„Wir haben Flügel, und wir bekämpfen das Böse. Das Etikett passt, und irgendwann ist es hängen geblieben.“

„Argh! Aber wenn ihr alle gegen das Böse kämpft, wo ist dann der Unterschied?“

Mit Menschen hatte er so selten zu tun – noch nie hatte er so etwas erklären müssen. „Alle Menschen sind Lebewesen, nicht wahr, und haben vieles gemeinsam. Aber nicht alle haben dieselbe Aufgabe. Manche sind Handwerker. Manche Unterhalter. Manche Lehrer.“

Kaum hatte er den Satz beendet, da wurden die Wände der Wolke dunkler, dichter. In ihrem Inneren zuckten Blitze; zuerst klein, doch schnell wurden sie länger und intensiver. Verwirrt suchte er nach weiteren Veränderungen, fand aber keine.

Forschend streckte Annabelle die Hand nach den Blitzen aus. Er packte sie am Handgelenk und hielt sie zurück.

„Wolke?“, fragte er. „Was ist los?“

Dämonen … flüsterte es in seinem Kopf. Ein Angriff

Unmöglich. Oder? Aber … was, wenn es doch möglich war? Zacharel befahl sein Feuerschwert herbei. Nur höchst selten wagten sich Dämonen in dieses Himmelreich, und wenn, dann bestimmt nicht zum Wohnsitz eines Engels. Aber möglich war es.

Jegliche Farbe wich aus Annabelles Gesicht. „Was ist los? Was passiert gerade?“

„Wir werden angegriffen.“ Entweder hatten die Dämonen keinen Schimmer, wem diese Wolke gehörte, oder es war ihnen egal, weil ihre Begierde, Annabelle zu ergattern, zu groß war. Sie mussten ihrer Spur weit besser folgen können, als er geglaubt hatte.

Die Wolke würde sie aufhalten, letzten Endes jedoch nicht standhalten können. Wolken wie diese waren für Bequemlichkeit gemacht, nicht für den Kampf – woran er bisher nicht den kleinsten Gedanken verschwendet hatte. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte Zacharel diese Herausforderung sogar begrüßt, diese Gelegenheit für einen weiteren Sieg. Jetzt verspürte er einen winzigen Stich der Furcht. Annabelle könnte etwas zustoßen. Er hatte nicht die letzten Tage damit verbracht, um ihr Leben zu kämpfen, nur damit sie dem Bösen in die Klauen fiel.

„Zeig sie mir“, befahl er der Wolke.

Neben ihm verdichtete sich die Luft, eine Vielzahl von Farben erschien, wirbelte durch die Luft, floss ineinander. Er versteifte sich, während Annabelle aufkeuchte. Mindestens fünfzehn Dämonen belagerten sein Heim, gruben und rissen mit ihren Klauen an den Außenwänden, um ins Innere zu gelangen, genau wie er vermutet hatte. Sie waren wie im Rausch, verzweifelt, hatten Schaum vorm Maul, Gift tropfte ihnen von den Klauen.

„Sie kommen mich holen“, murmelte Annabelle ausdruckslos.

Zacharel ließ die freie Hand um ihre Taille gleiten und zog sie an sich. „Halt dich an mir fest und lass unter keinen Umständen los.“

„Aber ich kann dir helfen, gegen sie zu kämpfen.“ Gut. Jetzt lag Entschlossenheit in ihren Worten.

Trotzdem knurrte er: „Kannst du fliegen? Oder würdest du ohne mich bis hinab auf die Erde stürzen?“ Die Antwort darauf kannten sie beide.

Ohne weiteres Zögern schlang sie ihm die Arme um den Hals und verschränkte die Finger fest in seinem Nacken. Genau wie er es sich gestern vorgestellt hatte, schmiegten sich weiche Brüste gegen das Hämmern seines Herzens, und ihre Unterleiber pressten sich aneinander. Zischend sog er den Atem ein, erstaunt, dass er die Empfindungen, die sie hervorrief, in einem solchen Moment überhaupt wahrnahm.

Konzentrier dich. „Das reicht nicht“, befand er, umfasste mit einer Hand ihren Po und hob sie hoch. „Beine.“

Sie schlang die Beine um seine Taille.

Ihre Blicke trafen sich, hartes Grün und dieses übernatürliche Blau – ein Blau, in dem jetzt eine beeindruckende Mischung aus Entsetzen und Entschlossenheit stand. Sie nickte, bereit für die Schlacht.

Tapferes Mädchen.

„Wenigstens schneist du nicht mehr“, stellte sie fest.

Tatsächlich? Seine Gottheit musste seinen unausgesprochenen Wunsch erhört haben. Für diese Geste würde Zacharel ihr später ausdrücklich danken.

„Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg“, sagte er. In dieser Position wäre Annabelle sein Schutzschild. Dieser Gedanke widerstrebte ihm bis ins Mark, doch es gab keine andere Lösung. Er konnte sie nicht an einen anderen Ort teleportieren und dann zurückkehren, weil er sich nicht teleportieren konnte. Das war nur ein paar wenigen Engeln möglich, wie zum Beispiel dem flügellosen Koldo.

Was Zacharel konnte, war, seinen Körper so zu tarnen, dass niemand ihn sehen oder spüren konnte. Doch mit Annabelle war das nicht im gleichen Ausmaß möglich, also fiel auch das aus.

Ich brauche dich, projizierte er zuerst in Koldos Gedanken, denn er wäre jetzt die größte Hilfe, und dann in die jedes anderen Mitglieds seiner Armee. Das hatte er noch nie getan, deshalb war er sich nicht sicher, ob es funktionieren würde, und für beides verfluchte er sich. Dämonen. An meiner Wolke. Kämpft.

Es blieb keine Zeit, um auf eine Antwort zu warten – falls seine Krieger überhaupt wussten, wie sie in derselben Art antworten konnten. „Wenn ich dich an einen Mann namens Koldo übergebe, wehr dich nicht gegen ihn. Er wird dich in Sicherheit bringen.“

„Und was ist mit dir?“

Gute Frage. „Jetzt“, sprach er die Wolke an und überhörte Annabelle,

„will ich, dass du diesen Ort verlässt. Geh irgendwohin, wo die Dämonen dich nicht erreichen können, und beschütz die Urne. Ich werde ins Himmelreich zurückkehren und dich finden.“

Wuuusch.

Die Wolke war fort und mit ihr der Boden unter seinen Füßen. Annabelle keuchte auf und klammerte sich fester an ihn. Plötzlich befanden sie sich im durchdringenden Schein der strahlenden Morgensonne. Dämonen umringten sie, hektisch mit ihren zerfetzten Flügeln flatternd, während sie noch zu begreifen versuchten, was gerade geschehen war. Im selben Moment schwang Zacharel schon sein Schwert und köpfte den, der ihm am nächsten war. Beim Aufflackern der Flammen, dem gleitenden Geräusch, mit dem sich Knochen von Knochen löste, realisierten die anderen, dass ihre Beute in Sicht war.

Alle zugleich stürmten sie auf ihn ein. Methodisch arbeitete Zacharel sich durch sie hindurch, duckte sich, ließ sich fallen, wand sich. Zwei weitere Körper fielen, gingen in Flammen auf, während sie in die Tiefe stürzten. Blieben noch zwölf. Sie kämpften schmutzig, aber darauf war er vorbereitet und konnte damit umgehen.

„Ich muss dich loslassen“, warnte er Annabelle. „Halt dich gut fest.“

„Alles klar.“

Als ihn vier gleichzeitig angriffen und mit ihren Klauen nach ihm schlugen, drehte er sich um die eigene Achse und nahm den Arm von Annabelles Taille, um die zwei auf der linken Seite abzublocken, während er die zwei Dämonen, die von rechts kamen, mit dem Schwert köpfte.

In derselben Sekunde schockierte ihn Annabelle, indem sie ein Bein von seiner Taille löste und nach den Dämonen trat, die er geblockt hatte – und einem den spitzen Stiefelabsatz geradewegs ins Auge rammte.

„Annabelle!“

„Was? Ich hab mich festgehalten“, erwiderte sie. „Zumindest mit den Händen.“

Ein anderer Dämon klammerte sich an ihr Fußgelenk, bevor sie das Bein zurückziehen konnte, und ihr entwich ein erschrockener Ausruf.

Zacharel beschrieb mit dem Handgelenk einen Bogen, schnappte zurück, schwang tief … tiefer … folgte mit dem Schwert dem Dämon an ihrem Bein – und erledigte ihn schließlich. Ein weiterer Kopf trudelte schwarzes Blut verspritzend durch die Luft.

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