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Anders als sie

Über die Autorin

Lauren Strasnick wuchs in Greenwich, Connecticut, auf und lebt nun in Los Angeles, Kalifornien. Sie ist Absolventin des Emerson College und des Schreibseminars am California Institure of the Arts. Ihre erste Kurzgeschichte schrieb sie im Alter von zehn Jahren in ein stoffgebundenes Tagebuch. »Nothing like you« ist ihr erster Roman. Mehr Informationen über die Autorin unter www.LaurenStrasnick.com.

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel 1

WIR PARKTEN am Point Dume. Paul und ich. Ineinander verschlungen und nur mehr halb bekleidet. Pauls Auto roch nach Seeluft und abgestandenem Rauch. An seinem Rückspiegel baumelte ein gelbes und pinkfarbenes Bändchen, das in der Meeresbrise hin und her schaukelte, die durch das geöffnete Wagenfenster blies. Ich hielt mich an Paul fest und dachte: Ich mag dein Gesicht. Ich mag deine Hände. Lass es uns tun, lass es uns tun, lass es uns tun. Mit einem Arm hinter seinem Kopf, während sein anderer zwischen den beiden zerkratzten Lederpolstern eingekeilt war, stemmte ich mich gegen den Schmerz und fragte mich, ob es sich wohl genauso anfühlt, wenn man den anderen liebt, als wenn man’s im Bett macht.

Es war derselbe Strand, an dem ich unzählige Morgenstunden mit meiner Mutter verbracht hatte. Der Strand, an dem wir bei Ebbe durchs Wasser gewatet waren auf der Suche nach Seeanemonen und orange- und lilafarbenen Seesternen. Hier gabs Felsen und eine donnernde Brandung, und es schien mir gerade der passende Ort, um so was überaus Unoriginelles zu tun, wie meine Jungfräulichkeit auf dem Rücksitz eines verbeulten, leuchtend roten BMW zu verlieren.

Eigentlich kannte ich Paul kaum, und eigentlich spielte das auch keine Rolle. Hier waren wir und schufen an der Küste Malibus kitschige, sandige Erinnerungen, nur fünfzehn Minuten von meinem Elternhaus entfernt. Es war neun Uhr abends, mitten in der Schulwoche, und ich musste um zehn wieder daheim sein.

»Das war toll«, sagte er und fuhr mit seiner Hand durch meine Haare.

»Mhm«, nickte ich, weil ich nicht wusste, was ich darauf erwidern sollte. Ich hatte gar nicht mitgekriegt, dass es schon vorbei war, aber da war es, unser unspektakuläres Ende. »Ist schon spät, oder?« Ich suchte meine Jeans. »Vielleicht solltest du mich nach Hause bringen.«

»Klar.« Paul schob sich ein Stück zurück und knöpfte sich seine Hose zu. »Ich fahr dich.« Er zog die Nase kraus, lächelte und schwang sich über die Armlehne nach vorn und hinters Steuer.

»Danke«, sagte ich und versuchte, so lässig und positiv wie möglich zu klingen. Ich streifte mir den Slip über, manövrierte mich in die Jeans und krabbelte auf den Beifahrersitz, sodass wir wieder nebeneinander saßen.

»Fertig?«, fragte er mit einer unangezündeten Zigarette zwischen den Zähnen.

»Sicher.« Ich schnallte mich an und sah zu, wie Paul mit einer schnellen Bewegung das Rädchen eines Zippos an seinem Hosenbein rieb und dem Feuerzeug eine winzige Flamme entlockte.

Ich wandte den Blick ab und drückte mir die Nase an meinem Seitenfenster platt. Und da, gar nicht weit von uns, erleuchtete ein orangefarbenes Glühen den Himmel.

Ein Waldbrand.

»Wohin noch mal?«, wollte Paul wissen und klimperte mit den Autoschlüsseln.

»Hillside«, erwiderte ich. »Gleich gegenüber von Topanga Canyon.«

»Ja, richtig. Sorry.« Er zündete sich die Zigarette an und startete den Motor. »Hab ’nen echt beschissenen Orientierungssinn.«

Kapitel 2

TOPANGA BRANNTE. Hubschrauber zogen über unseren Köpfen ihre Kreise, warfen Wasser und irgendeine rote Pampe auf brennende Büsche und Mulch ab. Die Luft schmeckte sauer und kalkig, meine Augen und mein Hals brannten vor Hitze. In Flammen stehende Hügel, dichter Rauch – das hatte mich schon immer zu Tode erschreckt. Doch heute gefiel es mir irgendwie. Die ganze Stadt schimmerte orangerot und roch nach Barbecue und verbrannten Piniennadeln.

Ich stand in meiner Auffahrt, Harrys Leine zweimal um mein Handgelenk geschlungen. Wir sahen, wie die Rauchschwaden hinter dem Haus himmelwärts quollen, und ich dachte: So muss es nach einem Nuklearkrieg aussehen. Atompilze und herunterregnende Asche. Ich bückte mich, küsste Harry auf die Nase und kraulte ihn hinter den Ohren. »Nur ein kleiner Spaziergang«, sagte ich. »Einmal den Hügel runter und zurück.«

Harry bellte.

Wir liefen durch den Canyon, vorbei an Baumschaukeln, Holzstapeln und alten Wohnmobilen, die in den Vorgärten standen. Weiter über die Holzbrücke, die die ausgetrocknete Schlucht überspannt und vorbei an der Topanga-Freikirche mit ihrem abgeblätterten blau-weißen Schild, der Christian-Science-Kirche, dem Topanga-Reitverein mit seinen Pferden auf dem Hügel und dem schicken Veggie-Restaurant gleich darunter. Heute waren die Pferde wegen des Qualms im Stall geblieben. Harry und ich kehrten bei dem kleinen Hippie-Geschenkeladen gleich neben dem Restaurant um und liefen wieder den Hügel hinauf zu meinem Haus.

Auf der Straße war kaum jemand zu sehen. Es war staubig, die Sicht verdunkelt, also rannten wir die letzten Meter. Als ich die Auffahrt erreichte, ließ ich Harry von der Leine und folgte ihm hinters Haus bis zur Hütte.

»Klopf, klopf!«, rief ich, rüttelte an der klapprigen Tür und trat ein. Nils lag auf der Seite und las in einer alten Ausgabe von National Geographic. Ich trat mir meine Sneakers von den Füßen und ließ Harrys Leine zu Boden fallen. Dann warf ich mich neben Nils auf die ausgeklappte Schlafcouch.

»Interessant?«, fragte ich und fischte ihm das Magazin aus den Händen.

»Flughunde«, erwiderte er und schnappte es sich wieder zurück.

Mich fröstelte. Ich rollte mich zur Seite und presste meinen Kopf an seinen Rücken.

»Ist dir kalt?«, wollte er wissen.

»Nein«, sagte ich. »Nur eine Gänsehaut ...«

Er drehte sich zu mir um und sah mich an. Mein Blick blieb an seiner Nase hängen: lang, gerade, vertrauenerweckend. »Hast du Schiss wegen dem Feuer?«, fragte er.

Ich zuckte die Achseln.

»Die haben das ziemlich gut im Griff, weißt du. Jedenfalls, als ich’s mir eben angesehen hab.«

Ich schnappte mir ein Kissen vom Boden und schob es mir unter den Kopf. Harry schnüffelte an meinen Zehen herum, leckte und knabberte an meinen pink lackierten Fußnägeln. Ich musste lachen.

»Was?«, fragte Nils. »Was ist so lustig?«

»Ach, nur Harry.« Ich schüttelte den Kopf.

»Komm schon. Raus mit der Sprache.«

Ich nahm sein Magazin wieder an mich. »Flughunde also«, quietschte ich und hielt die Seite hoch, auf der die flauschigen Fledertiere abgebildet waren. »Ich will einen, okay? Noch dieses Jahr. Zum Geburtstag.«

»Geht klar, Prinzessin.« Er schob sich näher an mich heran und zog die Beine an. »Alles, was du willst.«

Nils ist mein ältester Freund und wohnt direkt nebenan. Die Hütte gehört uns, seit wir zehn sind. Ursprünglich war sie der Geräteschuppen meines Vaters. Das allerdings nur eine dreiviertel Stunde lang, denn dann hatten Nils und ich sie für uns reklamiert. »Die Hütte« heißt sie erst seit meinem sechzehnten Geburtstag. Von zehn bis fünfzehn nannten wir sie Clubhaus. Nils fand, »Die Hütte« klänge irgendwie erwachsener. Keine Frage, »Die Hütte« hatte Biss.

»Hast du schon alles für Kiminskis morgigen Test gelesen?«

»Nein«, erwiderte ich und blätterte die Seite um.

»Wo warst du eigentlich gestern Abend? Bin bei dir vorbeigekommen, aber Jeff meinte, du wärst unterwegs.«

Zur Information: Jeff ist mein Vater.

»War nur ein Weilchen unten am Strand.«

»Allein?«, fragte Nils.

»Ja, allein«, log ich. Ich ließ das Magazin fallen und rollte mich wieder auf meine Seite.

Nils musste das mit Paul Bennett oder irgendeinem anderen Typen in meinem Leben nicht wissen. Tatsächlich hatte Nils mittlerweile einen Verschleiß von fünf neuen Freundinnen pro Woche. Ich hatte da irgendwann den Überblick verloren.

»Hols, sollen wir ein bisschen lernen?«

»Leg doch noch mal Jethro Tull auf. Wir können genauso gut danach büffeln.« In den Wochen zuvor hatten Nils und ich die Musiksammlung meiner Mutter gesichtet und ihre alten Platten, Kassetten und CDs nach Genre neu sortiert. Die standen nun alle in einem Regal, das Jeff extra für die Hütte gebaut hatte.

»Dieser Song ist ätzend!«, brüllte Nils in die ersten Takte von »Aqualung« hinein. Ich hob beschwörend die Hände und tanzte weiter zur Musik, während ich Moms Sammlung nach weiteren Bändern durchforstete, die uns gefallen könnten.

»Hols?«

»Ja?«

»Deine Mutter hatte ’nen beschissenen Musikgeschmack.«

Ich blinzelte. »Du weißt genau, du liebst es. Los, gib’s zu! Du liebst Jethro Tull.«

»Stimmt. Ich liebe Jethro Tull.« Er sah mich an, sein Blick wirkte plötzlich verhangen.

Sag’s nicht, Nils, bitte sag’s nicht.

»Ich vermisse deine Mom.« Jetzt hatte er es doch gesagt.

Ich setzte mich auf. »Kopf hoch, kleiner Junge. Sie ist im Himmel und schaut von ’ner lustigen Wolke auf uns herab, okay?«

Er zog mich an den Haaren. »Wieso wirst du nie traurig, Holly? Ist schon komisch, dass du niemals traurig bist.«

»Aber ich bin traurig.« Ich stand auf und klopfte mir den Staub vom Hosenboden. »Nur weil du’s nicht siehst, heißt es nicht, dass ich’s nicht bin.«

Kapitel 3

SCHULE. Es war 7:44 Uhr morgens, und ich hetzte durch die Eingangshalle Richtung Weltgeschichte, während mein Kaffee aus dem Becher schwappte und mir eine nasse Haarsträhne im Gesicht hing. Nach einem »Hey« und zwei oder drei halben Lächeln ließ ich mich kurz vor dem Klingeln in meinen Stuhl fallen. Ding ding ding!

Ms Stein war gerade dabei, mit ihrem altmodischen Bleistift die Anwesenden durchzuzählen. »... sechzehn, siebzehn ... Wer fehlt? Saskia? Bist du da? Hat jemand Saskia gesehen?« Wie aufs Stichwort platzte in diesem Moment Saskia Van Wyck ins Klassenzimmer, ihre glänzenden schwarzen Sandalen klackerten auf dem Boden, bevor sie sich auf den leeren Platz neben mir setzte. »Bin da, sorry. Bin hier«, sagte sie und wischte sich in einer dramatischen Geste mit dem Handrücken über die Augenbraue. Hinreißend. Ich schlürfte meinen Kaffee.

»Nehmt eure Bücher raus, Leute, und dann lesen wir bis Viertel nach acht. Dann diskutieren wir Kapitel neun und zehn. Okay?«

Ich holte das Buch aus meiner Tasche und warf einen Blick nach links.

Saskia Van Wyck. Paul Bennetts Freundin – Schrägstrich Exfreundin. Ich kannte sie kaum. Ich wusste nur, dass sie dünn, hübsch und ziemlich beliebt war. Und dass sie in einem alten Lehmsteinhaus wohnte, gleich hinter dem Pacific Coast Highway zwischen meinem Lieblings-Del-Taco und einer alten Tankstelle am Valley View Drive. Ich war einmal da gewesen, in der sechsten Klasse, zu einer Geburtstagsparty, zu der kaum eine Handvoll Kids erschienen war, aber ich erinnerte mich noch an so einiges. An die türkisfarbenen Zimmerwände. An den Avocado-Baum. An die nackte Barbie und den braunen Teddy, den sie unter ihrem breiten schmiedeeisernen Bett versteckt hatte.

Saskia lehnte sich zu mir herüber. »Könntest du mir vielleicht ’nen Marker oder Stift oder so was leihen?«

»Klar.« Ich griff in die Vordertasche meines Rucksacks und fischte einen Druckbleistift heraus. »Wie wär’s mit dem?« Plötzlich hatte ich einen Flash von einer Schautafel, die man uns mal im Sexualkundeunterricht gezeigt hatte und auf der zu sehen war, wie sich ansteckende Geschlechtskrankheiten verbreiten: Billy schläft mit Kim, die mit Bobby ins Bett geht, der’s mit Saskia treibt, die’s Paul weitergibt, der mit Holly Sex hat, was Holly zur größten Schlampe aller Zeiten macht, die mit der halben Schule gepennt hat.

»Der ist super«, erwiderte Saskia lächelnd. »Danke.«

Ich nickte und lächelte zurück.

»Holly, stell dich mal ein bisschen näher an den Bühnenrand – und ein Stück weiter nach links. Und dann wiederhole bitte deinen Text. Noch einmal mit Gefühl.«

Ich machte ein ausdrucksloses Gesicht, schloss die Augen und ließ den Kopf nach vorn sinken. Verdammt, bin ich gut.

Ich schlurfte nach vorn und stellte mich wie verlangt ein paar Schritte zur Seite. »Moment, wo ist mein Einsatz?«

»Fang an mit ›Oh, je engelhafter sie ist, ein desto böserer Teufel bist du.‹ Und Desdemona, bleib liegen – du bist tot, schon vergessen?« Desdemona, oder genauer gesagt Rachel Bicks, die im Schneidersitz auf der Bühne saß und an einem Lutscher nuckelte, verdrehte die Augen und ließ sich auf den Rücken fallen.

»Du musst toter aussehen!«, bellte Mr Ballanoff.

»Okay, Emilia, Othello ... und los!«

»Oh, je engelhafter sie ist, ein desto böserer Teufel bist du!«

»Viel besser!« Ballanoff drehte sich zu Pete Kennedy um, meinem Partner in dieser Szene, der auf der rechten Bühnenseite stand und ein Kissen hielt. »Othello?«

Pete agierte auf der Bühne wie eine übereifrige Mumie – er war ein Liebhaber großer Gesten und wirkte doch entsetzlich steif. Dann war ich wieder dran mit meinem Text, und ich versuchte mein Bestes, die Sache nicht zu verpatzen. Wir schafften den Dialog kaum bis zur Hälfte der Szene, als uns Ballanoff rücksichtslos und das Clipboard schwenkend unterbrach. »Meine Güte, aufhören! Alle beide! Holly, mein Gott, komm mal her.«

Ich ging nach vorn. »Was? Was ist jetzt schon wieder?«

»Wo ist das Feuer? Othello hat gerade jemanden getötet, den du liebst. Er hat sie eine Hure genannt – wo ist das Feuer, Holly?«

Ich trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich hab zu viel zu Mittag gegessen. Ich bin müde. Und wir haben nur noch drei Minuten bis Schluss ...«

Er presste die Lippen zusammen und schnaubte.

Ballanoff ist etwa in Jeffs Alter, also so um die vierzig, doch mir kam er immer älter vor. Bis zu diesem Jahr, in dem mein Vater schlagartig um zehn Jahre gealtert zu sein schien und sein graumeliertes Haar innerhalb von drei Monaten weiß geworden war.

»Okay, alle mal herhören!«, rief Ballanoff. »Lernt diese Woche euren Text. Bitte! Und arbeitet dran, auch mal was anderes zum Ausdruck zu bringen als nur Apathie. In der nächsten Stunde erwarte ich deutliche Verbesserungen. Ihr könnt gehen.«

Ich schnappte mir meinen Rucksack und strebte zur Tür der Aula.

»Holly!«

Ich fuhr herum. »Ja?«

»Hilf mir mal tragen, ja?«

Ich lief den Gang zurück und griff mir einen Stapel Bücher von einem der Stühle. Ballanoff nahm den zweiten Stapel auf, dann gingen wir durch die Theatertür und hinauf in sein Büro.

»Wie geht’s deinem Vater?«, fragte er, während er seinen Turm aus Büchern und Unterlagen zwischen Händen und Kinn balancierte.

»Gut. Alles okay.«

Ballanoff hatte meine Mutter seit der Highschool gekannt. Sie hatten sogar mal ein Duett zusammen gesungen – ein Stück aus dem Musical Brigadoon.

»Wie geht’s Nancy?«, erkundigte ich mich. Nancy ist Ballanoffs Frau.

»Danke, gut.« Er schloss die Tür zu seinem Büro auf, trat einen leeren Karton quer durch den Raum und kippte seinen Bücherstapel auf den unordentlichen Schreibtisch. Ich setzte meinen auf dem Boden neben der Tür ab.

Alle vier Ecken des Büros waren mit schiefen Türmen aus Büchern und Manuskripten zugebaut und mit Papierknäueln zugemüllt. Der winzige blaue Abfallkorb an der Wand war bis zum Rand voll mit leeren Eisteeflaschen.

Ballanoff seufzte, ging rüber zu dem Minikühlschrank und nahm sich einen Eistee aus dem Fach. »Ich erwarte mehr von dir.«

»Ja, ich weiß.«

»Es würde dich nicht umbringen, zur Abwechslung mal ein bisschen temperamentvoller oder emotionaler zu agieren, weißt du.« Er hielt kurz inne, dann fragte er: »Und wie geht’s dir so?«

»Traumhaft.«

»So gut, ja?« Er ließ sich in den Sessel aus schwarzem Kunstleder fallen und schaukelte hin und her.

»Klar. Solidaritätsveranstaltungen und Lagerfeuerromantik ohne Ende. Im Abschlussjahr kann man seiner Fantasie wirklich freien Lauf lassen.«

Er lachte, was mich für einen Moment glücklich machte. »Und was ist mit Ihnen?«, fragte ich.

»Mit mir?«

»Sie wissen schon, das Leben im Lehrerzimmer.«

»Ach, na ja.« Er nahm einen kräftigen Schluck von seinem Eistee. »Immer dieselbe Scheiße, Jahr für Jahr.«

Ich musste grinsen. »Ich liebe es, wenn Sie fluchen.«

»Sollte mich wirklich ein bisschen zusammenreißen, was? Bevor Harper davon Wind kriegt und mich feuert, weil ich euch neben Othello auch jede Menge Schimpfwörter beibringe.« Harper. Unser Rektor.

»Wohl wahr. Passen Sie bloß auf. Sie sind eine Gefahr für Ihre Schutzbefohlenen, Mr B.«

»Na, hoffentlich.« Er fuhr mit zwei Fingern über die Kante seines Schreibtischs. »Danke für deine Hilfe, Holly.«

Ich presste die Sohle meines Sneakers gegen seine glänzende orangefarbene Tür. »Gern.«

»Grüß Jeff von mir, ja?«

»Mach ich.« Ich trat den Rückzug an, raus aus seinem Büro und wieder runter in die Eingangshalle.

»Herrgott, Nils, pass doch auf die Fenster auf.«

Nils hing über irgendeinem dämlichen Mädchen, drückte sie gegen die Beifahrertür meines Wagens und presste seine schmuddeligen Finger auf das Fensterglas.

»Oh. Hi, Holly, hey.«

»Hi. Platz da, bitte.«

Er und das Mädchen schoben sich ein Stück zur Seite, sodass ich meinen Autoschüssel ins Türschloss stecken konnte.

»Sehr freundlich.«

Das Mädchen kicherte und drehte sich zu mir um. Oh nein. Nicht sie.

»Sag mal, Hols, kennst du schon Nora ...« Nora Bittenbender. Aus meinem Mathekurs. Vor Nils hatte sie gerüchteweise mit zwei Lehrern geschlafen: David Epstein und Rick Hyde. Hübsches Ding, aber für meinen Geschmack ziemlich nichtssagend. Blond und sommersprossig, mit bleichen wippenden Riesenbrüsten, die gnadenlos in Push-Ups und viel zu enge Tank-Tops gequetscht wurden. Ihr Gewicht schwankte von Woche zu Woche – mal war sie mager, mal war sie drall. Und erst ihr Stil. Mehr als fragwürdig. Schuloutfits, bei denen sich geschmacklose Nachtclubklamotten mit übergroßen mausgrauen Sweatshirts abwechselten. Sexy.

»Wollt ihr jetzt mitfahren oder nicht?« Die Motorhaube meines Wagens lag unter einer Ascheschicht. Ich fuhr mit dem Finger durch das staubige Grau und schlüpfte dann hinters Steuer. »Hab Jeff versprochen, nach der Schule ’ne Runde mit Harry zu machen, also entweder ihr steigt jetzt ein, oder ich bin weg.«

»Klar! Okay.« Nils riss sich los und rannte zur Beifahrerseite. Nora folgte ihm auf dem Fuß und hielt sich dabei an seinem T-Shirt fest. »Aber könntest du Nora unterwegs absetzen? Sie wohnt nicht weit von uns. Pawnee Lane.«

Nein. »Geht klar«, sagte ich. »Und jetzt einsteigen.«

Nils krabbelte auf den Rücksitz, Nora ließ sich auf dem Beifahrersitz nieder. »Danke, Holly«, sagte sie. »Hab den Bus verpasst.«

»Okay.«

»Wir haben Sport zusammen, oder?«

»Mathe«, erwiderte ich. Ich trat aufs Gaspedal und wäre kaum drei Sekunden später fast in Paul Bennett hineingerast. Ganz großes Kino, Holly. Ich hielt an und kurbelte mein Fenster runter.

»Scheiße.« Wie toll er wieder aussah. Er trug dieses alte, dünne, durchgeknöpfte Hemd mit dem kleinen Riss am Kragen. Seine Stirnfransen hingen ihm quer ins Gesicht bis fast zu den Augen. »Du hast mich nur um Millimeter verfehlt!«

»Tut mir leid! Tut mir schrecklich leid. Alles klar mit dir?«

Paul machte Anstalten rüberzukommen, hielt jedoch inne, als er Nils und Nora im Auto sitzen sah. Stattdessen schob er den Rucksack auf seinem Rücken wieder in Position. »Ja, bin okay, nur ...« Er hob die Hände und lächelte, »hab mich nur erschrocken, mehr nicht.«

»Klar. Sorry noch mal.«

Ich sah, wie sich der Wind in seinem Haar verfing, als er zu seinem eigenen Wagen lief. Langsam, ganz langsam trat ich auf das Gaspedal und rollte auf die Hauptstraße.

»Wusste gar nicht, dass du Paul Bennett kennst.« Nils beugte sich nach vorn, sodass sein Gesicht irgendwo über meiner Armlehne hing.

»Tu ich auch nicht, jedenfalls nicht wirklich.«

»Sicher? Sah aber ganz so aus, als würde er dich kennen.«

Ich spürte etwas Namenloses in meinen Eingeweiden wühlen. Reue? Sehnsucht? Ich schüttelte den Kopf. »Na ja, wir haben den einen oder anderen gemeinsamen Kurs zusammen. Er kennt meinen Namen, schätze ich.«

»Vielleicht mag er dich ja«, meldete sich nun Nora zu Wort und knuffte mich in die Schulter.

»Nichts für ungut«, spottete Nils, »aber ich glaub nicht, dass Holly Paul Bennetts Typ ist.«

»Was soll das denn heißen?« Ich bog ab und schenkte Nils einen vernichtenden Blick. »Wer genau ist Paul Bennetts Typ? Bitte erleuchte uns.«

Nils schob sich einen Zimtkaugummi in den Mund. »Na, du weißt schon, das blonde, schlanke, weiße Spießertöchterchen. Die typische Anti-Holly eben.«

»Saskia Van Wyck«, nickte Nora.

Ich verdrehte die Augen. »Ja, richtig. Saskia Van Wyck. Die Anti-Holly.«

Die ist einfach nur Spaghetti.« Er schenkte mir einen liebevollen Blick. »Ohne Soße.«

Nora drehte sich auf ihrem Sitz herum und schaute zu Nils. »Kann ich auch eins haben?« Sie biss Nils in den Hals und angelte nach seinem Kaugummipäckchen. »Ich liebe Zimt. Über alles.«

Die nächsten zwanzig Minuten verbrachten wir im Stau auf dem Pacific Coast Highway. Im Rückspiegel sah ich, wie Nils Nora angaffte. Er sieht besser aus als sie, ist cleverer als sie, spielt einfach in einer völlig anderen Liga, dachte ich. Sie passten nicht zusammen. So wenig wie Fastfood und Silberbesteck. Oder Käse aus der Tube und Vollkornbrot.

»Halt! Hier wohne ich. Da hinten links«, rief Nora. »Das grüne mit dem Baum davor.« Auf dem Rasen vor dem Haus stand ein Campingklo neben einem hohen Stapel Aluminiumverkleidungen. »Wir erweitern gerade unsere Küche. Und wir kriegen ’ne zusätzliche Toilette.«

Ich bog in die steile Auffahrt ein und hielt kurz vor der Garage. Nora küsste Nils zum Abschied auf den Mund. Schmatz, schmatz.

»Noch mal danke, Holly.« Und an Nils gewandt: »Ruf mich an.«

»Mach ich.«

Dann war sie weg.

Ich legte den Rückwärtsgang ein und rollte wieder auf die Straße. »Okay, komm nach vorn, ich bin schließlich nicht dein Chauffeur.« Nils rutschte umständlich zwischen den beiden Sitzen hindurch und saß schließlich neben mir. Keiner sprach ein Wort. Rasch fuhr ich auf Noras kurvenreicher Straße zurück auf den Highway, wo wir an meinem Lieblingsfelsen vorbeikamen. Weiß und lang und von Kratern zerklüftet wie ein Stück vom Mond.

»Okay, jetzt mal im Ernst, Nils. Nora Bittenbender?!«

»Verdammt süß.«

»Klar. Süß ... Süß ist natürlich nicht zu toppen, was?«, erwiderte ich schnippisch.

»Doch, noch von Titten.«

»Ach ja, richtig. Süß wird durch Titten getoppt.« Ich starrte ihn fassungslos an. Er hatte den Kopf zurückgelegt, die Hand hing lässig aus dem Seitenfenster.

»Du kennst sie doch gar nicht, Holly.«

Die Sache mit Nils und den Mädchen hatte im ersten Highschooljahr angefangen. Um genau zu sein, mit Keri Blumenthal, einer Poolparty und einem doofen grünen Bikini. Ehe ich mich versehen konnte, war mein Freund nicht mehr der alte. Aus ihm war ein hirnloser Zombie geworden, der plötzlich sowohl Keri Blumenthal als auch uncoole Bikinis liebte. Und auch, wenn ich’s nur ungern zugebe, so hatte sich seitdem etwas zwischen uns verändert. Keri Blumenthal hatte eine Mauer zwischen uns hochgezogen. Vierzehn Tage dauerte das Ganze, und als es schließlich vorbei war, stand die blöde Mauer noch immer. »Sie redet wie ein Kleinkind«, sagte ich.

»Holly.«

»Und warum trägt sie eigentlich immer diese Sachen?«

»Bequemlichkeit ... Soziale Konventionen ...«

»Diese Sachen mein ich nicht, du Perversling. Ich meine diese speziellen Klamotten.«

»Ach komm, Holly.«

»Im Ernst, was läuft da zwischen ihr und Epstein? Ist da was dran oder nicht?«

»Keine Ahnung ...«

»Ich kapier einfach nicht, was du an ihr findest. Du bist viel zu gut ...«

»Holly.« Er setzte sich kerzengerade auf und nahm meine Hand. »Hör auf damit, okay?« Er verstärkte seinen Griff, und ein unheimliches Prickeln lief über meinen Arm. »Ich will sie ja nicht heiraten.«

Ich sah wieder auf die Straße und äffte Noras kindischen Tonfall nach, als ich fragte: »Ach, nein?«

Nils ließ meine Hand los. »Du bist echt total durchgeknallt, Holly.«

Ich zog eine Schnute. »Wenigstens bin ich kein Kleinkind mit ... dicken Titten.«

»Hoffnungslos durchgeknallt ...«

Ich schlug ihn fest auf den Arm und bog in unsere Auffahrt ein. Wir mussten beide lachen.

Nils und ich gingen getrennte Wege und ich stiefelte geradewegs ins Haus und zum Kühlschrank. Harry rannte hinter mir her und bettelte um Futter, also packte ich eine Scheibe Sojakäse aus, rollte die Hälfte davon zu einer kleinen Kugel und ließ die andere Hälfte auf den Boden fallen. Harry verschluckte das Ding in einer Sekunde und machte sich nicht mal die Mühe zu kauen.

Ich ging auf mein Zimmer, und während ich an meiner kleinen Kugel aus Möchtegernkäse knabberte, entkleidete ich mich Stück für Stück und zog mir stattdessen meine Sportshorts und einen bequemen Pulli an.

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