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Andere Länder - andere Bärte

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»Am meisten fasziniert es mich, nicht nur ihre Geschäfte zu sehen, sondern wirklich etwas über die Menschen und ihr Leben zu erfahren. Und mitzubekommen, wie stark sich die Leben der Menschen in nur diesem einen Beruf je nach Land unterscheiden.«

»Während wir im Laden waren, rief ein Mann, der sich gerade für seine Hochzeit herrichten ließ, herüber: ›Für wen filmt ihr eigentlich?‹ Mike antwortete cool: ›Für die BBC.‹ Das stimmte nicht – ich hatte nur einmal mit jemandem gesprochen, der das Projekt einem BBC-Redakteur vorstellen wollte. Innerhalb von Minuten waren wir für den Abend zur Hochzeit von Christos eingeladen. So läuft das, ein guter Teil des gesellschaftlichen Lebens spielt sich im Barbershop ab! Diese Gelegenheit ließen wir uns natürlich nicht entgehen.

Griechische Hochzeiten sind spektakulär, und ich sage oft zum Spaß: Wenn ich einmal heirate, kann es nur eine Griechin sein – nur, damit ich das noch einmal erleben kann!«

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Mit dem Entschluss zu dieser Reise wurde aus Miguel Gutierrez der »Nomad Barber«.

ICH BIN IN LIVERPOOL GEBOREN mit chilenischen Wurzeln väterlicherseits und jeder Menge weiterer Ethnien und Kulturen in der Linie meiner Vorfahren. So ist mir das Nomadentum zweifellos schon in die Wiege gelegt worden. Ich war immer neugierig auf das Leben und bin schon als Kind gern gereist, aber dass mich die Karriere, die ich dann tatsächlich einschlug, mehrmals rund um die Welt tragen würde, hätte ich mir nie träumen lassen.

Ich begann meine Barbier-Ausbildung mit 16. Ich war froh, die Schule hinter mir zu haben (was sich leider auch in meinen Abschlussnoten niedergeschlagen hatte), und wollte etwas machen, was für mich erreichbar war, aber auch meinen Neigungen entsprach – und nicht zuletzt die Perspektive bot, mich eines Tages selbstständig zu machen. Während der ersten Jahre meiner Karriere war ich relativ viel unterwegs, setzte dann aber ein paar Jahre damit aus.

Woher dieses diffuse Unbehagen kam, das ich irgendwann immer stärker spürte, verstand ich erst nach einiger Zeit: Das Reisen fehlte mir. Das war im Grunde genommen die Geburtsstunde des »Nomad Barber«.

Alles begann Mitte November 2012

Ich war in Liverpool, zu Besuch bei meiner Familie, und unterhielt mich mit einem Freund über alles Mögliche – Reisen, Pläne, das Leben im Allgemeinen. Mit 21 hatte ich schon einmal verschiedene Reisen um die Welt geplant. Dazu war es nie gekommen, aber die Frage »was wäre, wenn« hatte mich nie losgelassen. Jetzt ging es wieder darum, wie es wäre, reisen zu können. Komischerweise hatte ich so ein Gefühl, dass es für mich mit 26 vielleicht schon zu spät wäre. Wir redeten und redeten, und irgendwann sagte ich – im Spaß: »Es wäre doch lustig, wenn wir um die Welt reisen könnten, und ich würde an den extremsten Orten Haare schneiden?« Im selben Moment, in dem die Worte heraus waren, ging das Kopfkino los. Ich fuhr nach Hause und begann zu recherchieren, an welchen schönen Orten ich Haare schneiden könnte und was für Barbershops es bei einer Weltreise überhaupt zu besuchen gäbe.

Ich hätte nicht gedacht, dass im Internet nur sehr wenige Informationen über die globale Community der Barbiere zu finden war, aber genau das brachte mich gleichzeitig einen entscheidenden Schritt weiter. Was, wenn ich auf einer Weltreise die Barbierläden dokumentieren würde? War das möglich? Würden die Leute so etwas wissen wollen?

Es war etwa zur gleichen Zeit des aufkommenden Instagram-Booms, insbesondere in unserer Barber-Community. Barbiere begannen, sich weltweit mit anderen Barbieren zu verbinden, etwas, was es bis dahin noch nie gegeben hatte. Das stärkte mein Vertrauen in meine Idee. Ich war tatsächlich so überzeugt davon, dass ich meinem Boss ankündigte, im nächsten Jahr wegzugehen.

Ich fing an, die Kosten einer Reise zu kalkulieren, und je mehr ich einrechnete, umso mehr nahm meine Idee Gestalt an: Ich wollte diese Reise und die einzelnen Stationen aufnehmen und auf einem eigenen YouTube-Kanal als Video-Blog dokumentieren. Die Webserie »The Nomad Barber« war geboren. An jedem Ort wollte ich auch einen »Scenic Haircut« machen, also mich filmen lassen, wie ich vor einer beeindruckenden Kulisse jemandem die Haare schnitt. Recht schnell war das Ganze ein ehrgeiziges Projekt geworden, das einen Kameramann, 21 Länder und jede Menge Reisen beinhaltete.

Der erste Teil zur Umsetzung meines Plans bestand in einer Crowdfunding-Kampagne, die das Projekt bekannt machen und ein paar Tausend Pfund einbringen sollte. Und obwohl sie sehr erfolgreich war, fehlte immer noch ziemlich viel Geld. Ich hatte mehrere Firmen angeschrieben, die mit Haarpflege zu tun haben, aber nur von Marc eine Antwort bekommen. Er arbeitete bei einem der weltweit führenden Hersteller von Haarschneidemaschinen, und nach mehreren Treffen und Telefongesprächen entschied sich die Firma mitzumachen. Für sie sollte die Reise eine Art ethnografische Recherche zum Gebrauch ihrer Haarschneidemaschinen werden. Das brachte übrigens ein erstaunliches Ergebnis: Ihre Produkte waren tatsächlich überall in Gebrauch, von den teuersten Salons bis hinunter zu den ärmlichsten Läden.

Bis heute war diese Reise die anstrengendste und gleichzeitig beeindruckendste Erfahrung meines Lebens.

Der Termin wurde festgelegt – und zehn Jahre, nachdem ich zu meiner Lebensreise als Barbier aufgebrochen war, reiste ich um die Welt, um die ganze Breite des Barbierwesens zu dokumentieren.