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Anation – Wodans Lebenshauch

Zu Ehren der Götter und Göttinnen, der Unsterblichen

Nach einer lateinischen Weihinschrift aus Obergermanien

Vorwort

Es beginnt im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, in einem Land, von dem wir nicht wissen, wie seine Bevölkerung es nannte. Wir nennen es heute Deutschland. Es ist die letzte Blütezeit eines Volkes, dessen Namen aus griechischen Quellen als „Keltoi“ überliefert wurde. Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich diese Kultur zunächst im heutigen Österreich, in der Schweiz und Süd- bis Mitteldeutschland, baute Höhenburgen, schmiedete Eisen und Kunstwerke aus Gold, die heute neben Tonscherben und Knochen oft die einzigen Überreste sind, die Archäologen zur Interpretation ihres Lebens haben. Denn über Stämme und Zeitalter, über welche kein antiker Schriftsteller aus Griechenland oder Rom berichtet hatte, haben wir keine Schriftquellen.

Deshalb sind die Überlieferungen aus jener Zeit lückenhaft, mit der sich diese Geschichte befasst. Und vieles davon ist nur eine Möglichkeit, was sich in ferner Vergangenheit zugetragen hat, als Prosatext abgefasst und nicht als Sachbuch.

Im späten zweiten Jahrhundert v. Chr. beginnt der Anfang vom Ende der keltischen Kultur in Deutschland. Und während die keltischen Stämme im heutigen Bayern noch ganze Städte nach mediterranen Vorbildern errichten, steht bald eine der großen Völkerwanderungen der Vorzeit, der Auszug der Kimbern und Teutonen, bevor. Es ist der Beginn eines Umbruchs im Stammesgefüge Deutschlands – und wo die alten Kulturen in Wandel geraten, gelangen womöglich auch alte Götter in der vielseitigen heidnischen Religion der damaligen Stämme zu neuer Bedeutung.

Doch begeben wir uns zuerst an den Anfang dieser Geschichte, zu einem Stamm im Grenzland des keltischen Einflussgebietes, im äußersten Norden der keltischen Welt.

Prolog

Über den Wiesen leuchtete blasses Zwielicht. Die Morgensonne hatte bisher kaum ihre ersten Strahlen über den Horizont geschickt, sodass die Schatten der Nacht noch nicht gewichen waren.

Aigonn fröstelte, als das nasse, hohe Gras seine nackten Arme streifte. Der kleine Junge ärgerte sich, dass er in all der Heimlichtuerei weder einen Mantel noch ein längeres Hemd mit sich genommen hatte, sondern stattdessen nur einen leichten Kittel, der in einem heißen Sommer wie diesem bei Tag vollkommen ausreichte. Die Sommersonne jedoch war mit all ihrer Wärme erst im Erwachen begriffen, sodass die Luft noch frisch und feucht war vom Morgentau.

Nebelschwaden krochen lautlos über das feuchte Gras. Aigonn jagte ein Schauer über den Rücken, als er den Geschichten seines Vaters gedachte, die man sich abends über die Geister und Wesen der Dämmerung erzählte. Wenn der Junge aber ehrlich war, fürchtete er sich viel mehr vor den wilden Tieren …

Es knackte. Aigonn fuhr zusammen. Sein Atem versiegte gleichzeitig, während sein Körper zu versteinern schien. Angsterfüllt lauschte er in das Zwielicht.

Das Gras raschelte leise. Die kleinen Tiere der Wiese waren erwacht, Hasen, Mäuse, vielleicht sogar ein Fuchs. Nichts deutete auf ein Raubtier hin. Aigonn wusste aber, ein Wolf würde sich nicht durch ein unbedachtes Geräusch auf der Jagd verraten. Wenn jetzt doch …

Du furchtbarer Hasenfuß!, schalt er sich in Gedanken. Du möchtest ein Krieger sein wie dein Vater und fürchtest dich vor Hasen? Immerhin war Aigonn bereits zehn – alt genug, um vielleicht in fünf oder sechs Jahren schon die Weihe zum Krieger zu erhalten. Fraglich war nur, was ihm all dies jetzt nutzte. In der Eile, in welcher er sich aus dem Haus seiner Eltern geschlichen hatte, hatte er es nicht gewagt, an den Waffen seines Vaters zu rühren.

Aigonn nahm einen tiefen Atemzug, um das Zittern in seinen Händen zu unterdrücken. Er war kein dummer Junge mehr! Sicherlich, es hatte einen Grund, warum sein Vater ihm verboten hatte, zu einer solchen Tageszeit die große Siedlung zu verlassen. Doch eine andere Chance hatte er nicht gehabt. Nicht, wenn er dem Donnerwetter entgehen wollte, das ihm so gut wie sicher war.

Aigonns Vater war Schäfer. Er hatte oft genug bei der Arbeit geholfen, während die Tiere auf den nahen Wiesen und in den Wäldern geweidet hatten. Und es hatte nicht lange gedauert, bis sein Vater ihn mit Schafen und Hunden allein hatte lassen können. Sicher, Aigonn war ja schon groß! Und bisher war es ihm immer gelungen, alle Tiere wohlbehalten zurück zum Hof seiner Eltern zu führen. Immer – bis auf gestern. Aigonn hatte so lange in der Abenddämmerung gewartet und in seinen Gedanken versunken zum Sonnenuntergang gesehen, dass er den Dachs erst bemerkt hatte, als dieser sich zähnefletschend unter die Schafe gemischt hatte. Panisch waren die Tiere auseinander gestoben, während die beiden besten Hunde von Aigonns Vater den Kampf mit dem Raubtier aufnahmen.

Aigonn selbst hatte sich einige böse Kratzer geholt, bis er das junge Raubtier mit seinem Speer und den Hunden vertrieben hatte. Doch während er danach in Eile mit allen Tieren nach Hause aufgebrochen war, hatte er völlig vergessen, dass er im Wald etwas zurückgelassen hatte.

Das Jagdmesser seines Vaters war im Tumult mit dem Dachs aus der Scheide am Gürtel gefallen. Aigonn war so durcheinander gewesen, dass er erst im Haus seiner Eltern mit Schrecken bemerkt hatte, dass er das kostbare Messer verloren hatte. Sein Vater hatte es ihm zur Jagd auf kleinere Tiere gegeben. Gestern noch hatte dieser nicht daran gedacht und den Verlust nicht bemerkt. Aigonn jedoch war sich sicher, dass er spätestens heute, wenn er wieder selbst mit seinen Schafen in den Wald aufbrechen wollte, das Messer verlangen würde.

Aigonn hatte keine Wahl. Er wusste, wo das Messer zu Boden gefallen sein musste. Und deshalb war es auch gar nicht schwer. Er würde einfach zurück in den Wald gehen, das Messer suchen, holen, zu der Siedlung zurücklaufen, die nun im Nebel hinter ihm verborgen lag, und auf seinem Lager den Schlafenden mimen, bis seine Eltern erwacht wären. So etwas musste doch schnell zu machen sein!

Doch während er sich zitternd seinen Weg durch das taunasse Gras suchte, schienen seine Beine mit jedem Schritt schwerer zu werden. Trotzig hatte er seine Arme ineinander verschränkt. Es war albern, sich so weichlich zu benehmen! Doch trotz allem Mut, den Aigonn sich einzureden versuchte, stach die Kälte weiter in seine nackte Haut.

Der Wald war eine schwarze Silhouette über der grauen Wiese. Aigonn fühlte, wie sein Herz immer fester zu schlagen begann, als er das erste Flüstern der Bäume hörte. Du bist schon so oft hier gewesen! Du gehst einfach zur alten Hainbuche, wo die Schafe geweidet haben, und suchst nach dem Messer. So nah am Waldrand gibt es keine gefährlichen Tiere. Hier gibt es nur Hasen, und Rehe, und Füchse …

Ein Rascheln. Aigonn wirbelte so schnell herum, dass er seinen erstickten Schreckensschrei nicht mehr bremsen konnte. Er stürzte beinahe zu Boden, als blitzschnell ein Tier an seinem Bein vorbeijagte. Grasbüschel bogen sich. Dann mischte sich in das Raunen des Windes das panische Quieken einer Ratte, bevor man Knöchelchen knacken hörte.

Aigonn schien das Herz bis in die Kehle zu pochen. Die Erleichterung wagte einen kläglichen Versuch, seine Angst zu vertreiben, als er die Silhouette der Wildkatze erkannte, die soeben ihre Beute zerlegte. Doch es gelang ihm nicht.

Es dauerte nicht lange, bis der Waldrand in Sicht kam. Er brauchte kaum fünfzig Schritte, um die Weidestelle mit dem einsamen Felsen auszumachen, der neben der gewaltigen Hainbuche ruhte. Hier hatte er das Messer verloren. Er rannte fast, bis er endlich die Stelle erreichte, wo er mit dem Dachs gekämpft hatte. Das Laub war noch immer aufgewühlt, doch da die Schafe die niedrigen Pflanzen abgefressen hatten, würde er das Messer schnell gefunden haben.

Die Kälte stach Aigonn wie Nadeln in die Haut, als seine Hände über den Boden fuhren. Im Wald war es so dunkel, dass er kaum mehr als helle und dunkle Schatten erkannte. Seine Ohren, Hände und Füße ersetzten nun seine Augen, denn bis hierhin war das blasse Morgenrot noch nicht durchgedrungen. Lediglich die Nebel hingen in silbrigem Dunst über dem Dickicht. Aigonn fühlte ihren klammen, feuchten Griff auf seiner Haut. Es fröstelte ihn wider Willen, während er weiter durch das Unterholz kroch.

Doch das Messer war nicht zu finden. Allmählich brach Panik in ihm aus. Sein Vater würde es ihm niemals verzeihen, wenn die wertvolle Waffe unter Laub begraben im Dickicht liegen bleiben würde. Er musste sie finden! Ganz egal, wie viel er sah oder spürte. Vielleicht lag sie noch auf dem Felsen, wo er gesessen hatte. Aigonn raffte sich auf und wollte im Laufschritt hinüber rennen. Er hatte ihn fast erreicht …

Plötzlich erstarrte er. Der Felsen war mit Nebeln umhüllt, als wollten diese den gewaltigen Stein verschlingen. Die ersten, blassen Strahlen der Morgenröte brachen durch das Blätterdach in den Bäumen und beleuchteten im Zwielicht eine Gestalt.

Eine Frau saß in anmutiger Haltung auf dem flachen Felsen. Aigonns Blick schien mit ihrem Anblick verwachsen, so starr stand er zwischen den Bäumen und wagte nicht, auch nur ein einziges Mal einzuatmen. Die Haut der Frau war bleich wie das Mondlicht. Ihre Konturen schienen so weich, dass sie mit den Nebeln zu verschwimmen begannen. Spinnweben gleich fielen ihre Haare über den ganzen Körper hinab, berührten den Felsen und verfingen sich einzeln in den Ästen der alten Hainbuche. Ihre Gestalt, ihr ganzer Körper war im Grunde zart wie der eines Mädchens, doch in ihren Augen erkannte Aigonn die Schwere und das Wissen unzähliger Jahre.

Aigonn war wie versteinert. Innerlich erschrak er ein zweites Mal, als er erkannte, wie die seidigen, schneeweißen Finger der Frau Erdkrümel von der Schneide eines kunstvoll geschmiedeten Jagdmessers wischten.

„Ich habe gefunden, was du suchst.“

Ihre Stimme war ein Raunen, das mit dem Wind widerzuhallen schien. Aigonn brachte kein Wort über die Lippen, als sie entspannt ihren Kopf hob, und ihre Augen seinen Blick einfingen. Die pechschwarzen Iris durchbohrten ihn. Es lag weder Feindlichkeit noch Abneigung in ihnen, doch Aigonn glaubte, unter der uralten Macht in ihnen zusammenzubrechen.

Sie ist kein Mensch. Er wagte kaum, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Die Frau begann zu lächeln, als hätte sie seine lautlose Schlussfolgerung gehört, neigte leicht den Kopf und fragte herausfordernd: „Weißt du, wer ich bin?“

Aigonns Zunge schien mit seinem Gaumen verwachsen. Die Frage erschreckte ihn so sehr, dass er am liebsten auf der Stelle kehrtgemacht hätte und ohne das Messer in den Wald gerannt wäre. Doch er wagte nicht, seine Beine zu bewegen. Schweigend wartete die Frau auf seine Antwort. Es machte ihn so nervös, dass er stotternd hervorbrachte: „Ihr … seid eine Nebelfrau? Die … die Geister, die aus Nebeln geboren werden.“

Ihr Lächeln wurde breiter. „Wenn ihr es in eurem Volk so nennt, … hast du ganz recht.“ Federleicht wendete sie das schwere Jagdmesser zwischen ihren Fingern. „Du fürchtest dich vor mir?“

Aigonn antwortete nicht. So blind konnte sie nicht sein, dass sie es sich nicht selbst hätte denken können!

Doch sie wartete und schwieg. Die Nebelfrau schien längst zu wissen, dass er nicht antworten würde, und er wollte es nicht. Er wollte nach Hause laufen, sich unter seinem Schlaflager verkriechen. Doch sie schien ihn zu hypnotisieren, während sich das Jagdmesser zwischen ihren Fingern drehte. Die Nebelschwaden umgarnten lautlos ihre Züge, umspielten das zarte Lächeln auf ihren Lippen. Und je länger Aigonn ihre pechschwarzen Augen fixierte, desto mehr schien es ihm, als hauchte sie ihm einen Funken seiner Zukunft entgegen.

Die Schlacht

Aigonn starrte schweigend in die Dunkelheit. Die Schwärze konnte ihn glauben machen, er wäre längst eingeschlafen. Doch selbst wenn ihm die Augen zufallen wollten, wusste er, in dieser Nacht würde es für ihn keinen Schlaf mehr geben.

Das Feuer, das man draußen vor dem Zelt entzündet hatte, schimmerte noch blass und orange durch die alte Plane, erreichte aber nicht mehr die niedrige Decke. Auf diese Weise starrte Aigonn in einen namenlosen Schatten hinein. Nur manchmal drehte er den Kopf zur Seite, fing den letzten Schein der Flammen ein. An ihnen haftete eine einfache, ursprüngliche Schönheit, die ihn hätte wehmütig werden lassen, wenn er den Moment hätte vergessen können. Diese Nacht aber brachte kein Vergessen. Es hatte doch alles keinen Zweck mehr!

Die erregten Stimmen, die mit dem Sonnenuntergang noch das Lagerfeuer umgeben hatten, waren in der Stille der Nacht verschwunden. Es war eine trügerische Stille, weniger Ruhe als das Schweigen, das nur der Tod mit sich bringen konnte. Mochten all diese Krieger draußen noch am Leben sein, lange würde dieser Zustand nicht mehr andauern.

Reglos lag Aigonn auf seinem Schafsfell. Das leise Atmen zweier weiterer Personen war das einzige Lebenszeichen in diesem Zelt, vielleicht im ganzen Heerlager. Der einzige Beweis für Aigonn, dass sie alle noch nicht gestorben waren. Das leise Flüstern, das vom nahen Wald her zu ihm herüberdrang, ein Raunen im Wind, das Kraft und Hoffnung längst verloren hatte, zählte nicht für ihn. So konnten auch die Klagelieder der Todesfeen klingen, wenn sie die gefallenen Seelen in die Andere Welt geleiteten.

In jenem Zustand aus Halbschlaf und apathischem Wachen hätte Aigonn beinahe vergessen können, warum sie überhaupt an diesen Ort gekommen waren. Sie vierhundert. Sie letzter Überrest eines Heeres, das man dahingemetzelt hatte wie die Fliegen. Im Grunde hatte es keinen Sinn mehr, sich noch über solche Dinge Gedanken zu machen. Spätestens zur Mittagszeit des nächsten Tages würden sie alle tot sein.

Aigonns Stamm, die Bärenjäger, hatte niemals die kriegerischen Auseinandersetzungen gesucht. Es mochte oftmals die Anklage gefallen sein, ihr Anführer Behlenos sei zu feige und nicht in der Lage, ein fähiges Heer zu formieren. Doch was immer die Gründe auch sein mochten, um zu diskutieren war es nun zu spät.

Die Eichenleute waren ihnen die längste Zeit wohlgesonnen gewesen. Aigonn wusste nicht, was der Anführer ihres Stammes getan hatte, um das befreundete Volk so gegen sich aufzubringen. Aber sie waren wütend genug gewesen, um mit einem Schlag fünfhundert Krieger der Bärenjäger zu ihren Ahnen zu schicken. Sie vierhundert waren der klägliche Rest, der Behlenos geblieben war, um sein Land zu verteidigen – nicht in einer Festung. Sie hatten sich auf dem offenen Gelände verschanzt, am Rand eines unwegsamen Steilhanges, der von zwei Seiten Schutz bot und einen entscheidenden Höhenvorteil. Das unzugängliche Dickicht rund um ihre Siedlung machte es Feinden schwer, unbemerkt an anderer Stelle bis dorthin vorzudringen, sodass sie nun den schnellsten Durchgang verteidigten. Fraglich war nur, wie viel ihnen all das nützen würde. Behlenos mochte einfache Palisaden errichtet haben, die Nachtwachen verstärkt. Doch das Raunen, das vom Wald her in das Lager drang, verriet Aigonn, dass ihr Anführer dasselbe Bild gesehen hatte, das sich ihnen am vergangenen Tag geboten hatte.

Aigonn wusste nicht, ob er sich fürchten sollte. Er war neunzehn. Ein gutes Alter für einen Krieger, ein gutes Alter, um nach seinem Tod Teil mystischer Legenden zu werden. Alle großen Helden starben vor ihrer Zeit – zumindest die meisten, von denen sein Vater ihm früher erzählt hatte. Vielleicht war es seine Chance, nun auch auf diese Art und Weise unsterblich zu werden. Dann hatte dieses ganze Leben bis hierher wenigstens einen Sinn gehabt. Es gab niemanden mehr, der sie retten konnte. Selbst wenn sie wegrannten, wenn ein Geist aus der Anderen Welt sie holen würde, ihre Ehre und ihr Ethos als Krieger verlangte es, an der Seite ihrer Kameraden zu kämpfen und diesen beizustehen. Zu einem Stamm zu gehören bedeutete, eine Sippe zu sein, die Kinder derselben Ahnen zu sein, dasselbe Blut in seinen Adern zu haben. Einen Angehörigen seiner Sippe zu verraten bedeutete, seinen Bruder zu hintergehen. Wie viele Brudermorde es doch in den letzten Jahren gegeben hatte …

Es war schwer zu sagen, was Aigonns Unterbewusstsein ihm kundtun wollte, dass er im Halbschlaf der alten Begegnung mit der Nebelfrau gedachte. Die Tochter des Morgentaus war ihm binnen der vergangenen Jahre eine merkwürdige und vor allem seltene Gefährtin gewesen. Manchmal suchte sie ihn auf und sprach mit ihm – zu keinem besonderen Anlass. Aigonn hatte sich eine Zeit lang eingeredet, sie würde kommen, wenn er ihre Hilfe bräuchte. Doch mit den Jahren schien es ihm immer mehr, als käme sie nur dann, wenn es ihr gerade passte. Warum also sollte sie ihm in dieser Nacht helfen? Sie hatte keinen Grund. Ebenso wenig dafür, dass sie mit ihm gesprochen hatte. Die Nebelgeister waren keine Menschen. Kein Mensch konnte also für sich behaupten, sie zu verstehen.

Das Raunen am Waldrand verstummte. Aigonn spürte, wie ihm unmerklich ein Kloß in der Kehle wuchs. Die junge Frau war also tot, war ihnen vorausgegangen. Er wusste nicht, warum Behlenos und sein Schamane Rowilan den Göttern noch jenes letzte, sinnlose Opfer dargebracht hatten – das Leben einer jungen Frau, ganz gleich, ob sie sich aus freiem Willen dazu bereiterklärt hatte. Aigonn glaubte nicht mehr daran, dass die Götter ihnen ein Wunder schicken würden. Er glaubte gar nichts mehr.

Damit hörte er auf zu denken. Es war ihm zu mühselig. Schweigend mit halb wachen Augen tippte sein Finger auf die Felle, manchmal im Einklang mit seinen Gefährten, jedoch nur, bis diese Tempo zulegten. Er nicht mehr.

Bei dreihunderteinundneunzig hörte er den ersten Aufschlag auf den Palisaden, dann ertönte ein Schrei. Die Krieger jagten so mechanisch aus ihren Zelten, als wären sie nur noch Werkzeuge, keine denkenden Wesen mehr. Und auch, als Aigonn die ersten Fackeln über die Palisaden fliegen sah, setzte sein Verstand nicht mehr ein.

Er wusste nicht, wie lange es dauerte. Beinahe fünfzig ihrer vierhundert Männer mussten von Lanzen durchbohrt von den Plattformen hinter den Palisaden fallen. Der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die Luft wie ein Pesthauch. Er stach Aigonn in die Nase, schien den Brechreiz aus ihm herauskitzeln zu wollen, doch er nahm davon keine Notiz mehr. Fünfzig gefallene Männer, bis das Unvermeidliche kam.

Der Lärm aus Kampfschreien und Kriegshörnern übertönte das Signal, als einer der Eichenkrieger die Palisaden erklommen hatte und nun von innen das Tor zum Lager öffnete. Die Faust, die sich krampfhaft um Aigonns Schwertgriff schlang, verriet ihm, dass er noch hier war, sein Körper noch mit seiner Seele verbunden – und er nicht neben sich stand.

Gurgelnde Laute, als Schwertklingen sich in Kehlen bohrten. Das verzweifelte Aufbegehren ihrer winzigen Streitmacht. Aigonns Kopf war leer. Es gab nichts mehr, das ihn zurückhielt. Er packte sein Schwert noch fester, dann rannte er los.

Der erste Gegner empfing ihn nach weniger als zehn Schritten. Aigonn roch die Wolke aus Schweiß und Blut, die ihm von dem nackten und mit Kraft spendenden Zeichen bemalten Oberkörper entgegenschlug, bevor ihre beiden Schwerter krachend aufeinandertrafen.

Funken sprühten. Aigonn sah, dass der Eichenmann sein Schwert zu verkanten versuchte, entwand sich dem Griff mit einer Drehung und schlug zu. Blut spritzte. Aigonn hörte sich selbst schreien, als ob er eine dritte Person wäre, bis er dem nächsten Gegner in die offene Deckung rannte und diesen mit einem einzigen Schlag zu Boden fällte.

Sein Geist war nicht anwesend, hatte sich längst von dem Körper gelöst, der sich verzweifelt einen Weg durch die Feinde suchte – und damit so kläglich scheiterte wie der Rest seines Stammes.

Die Bärenjäger wurden in Richtung des Waldes gedrängt. Die wenigen Bäume vor dem Steilhang der Felswand schienen wie das Tor zum Jenseits auf sie zu warten. Aigonn wurde von seiner Gruppe getrennt und nach Osten gejagt.

Als der Krieger ihn mit einem mörderischen Schlag zu Boden stieß und kaltes Metall das Fleisch seines Armes durchschnitt, kehrte Aigonns Geist zum ersten Mal wieder in seinen Körper zurück. Er wollte schreien, doch der Schmerz saugte alle Luft aus seinen Lungen. Einen Moment lang verschwammen die Bilder vor seinen Augen, dann wollte ihn ein Fußtritt gänzlich in die Schwärze reißen.

Halb betäubt spuckte er blutiges Laub aus seinem Mund. Die Äste eines Strauches hatten sich in seinen halblangen Haaren verfangen, während Aigonn panisch den Gegner mit Fußtritten auf Distanz zu halten versuchte. Keuchend tastete er nach seinem Schwert, das ihm aus den Fingern geglitten war. Als er Laub statt Metall unter seinen Fingern spürte, überschlug sich sein Herzschlag. Er konnte es nicht finden! Der Eichenkrieger wich seinen Tritten immer besser aus, schlug energischer mit seinem Schwert auf den Boden, während Aigonn kaum noch ausweichen konnte. Seine Hand fegte über das Laub, fand das Schwert nicht, fühlte schließlich Erde unter den Fingern bröckeln.

Erschrocken riss Aigonn seinen Kopf zur Seite. Unter seiner rechten Hand öffnete sich schwarz ein Loch, vier Fuß breit, sechs Fuß lang – nicht abschätzbar, wie tief. Der eigenwillige Geruch verbrannter Kräuter, wie die Schamanen sie zur Zwiesprache mit den Göttern nutzten, stieg ihm in die Nase. Die Opfergrube. Der Ort, an welchem man die junge Frau den Göttern als Geschenk dargebracht hatte, nicht tief, aber trotzdem zu tief für Aigonns Arm. Der Widerschein der brennenden Palisaden spiegelte sich auf der Schneide seines Schwertes. Es lag auf dem leblosen Körper der jungen Frau.

Plötzlich presste ein Tritt Aigonn alle Luft aus den Lungen. Knochen knackten. Er spürte, wie ihm die Galle den Rachen hinaufjagte. Er hatte keine Kraft mehr, sein Gleichgewicht zu halten, Erde bröckelte, er fiel.

Der Ekel übertrumpfte für einen Moment die Übelkeit, als der noch nicht vollständig erkaltete Körper Aigonns Fall bremste. Doch Zeit hatte er keine. Eine Schwertklinge jagte auf ihn zu. Er hatte kaum mehr die Kraft, seinen Kopf rechtzeitig zur Seite zu ziehen, es war keine Zeit da, um sich aufzurichten. Der feindliche Krieger stürzte sich mit einem ohrenbetäubenden Schrei zu ihm in die Grube. Aigonn wurde schwindelig. Er spürte den leblosen Körper der Frau an seinem gebrochenen Arm, während sein heißes Blut die erkaltende Haut wieder anzuwärmen begann.

Die junge Frau hatte ihre Lider im Angesicht des Todes nicht geschlossen. Die toten Augen schienen Aigonn zu rufen, ihm den Weg weisen zu wollen im Angesicht der Gewissheit, die nicht mehr abwendbar war. Er konnte sein Schwert nicht mehr erreichen – dort, wo es lag, links neben dem Körper der Frau auf Höhe ihrer Beine, wie bei einer Kriegerbestattung. Aigonn sah die Schwertklinge auf ihn niederrasen. Der finale Schlag. Bevor er die Augen schloss, schien es ihm, als ob die Frau ihm ein letztes Mal zublinzeln würde. Die Kälte der nassen Erde umfing ihn. Die Geräusche verschwammen. Irgendwo neben ihm schienen Knochen zu knacken. Der Luftzug erreichte ihn, Stoff streifte seinen Körper.

Plötzlich hörte er ein Röcheln. Aigonn riss seine Augen auf, als müsste er sich davon überzeugen, dass er nicht seinen eigenen Körper in diesem Moment sterbend auf der Erde liegen sah. Aber was er erblickte, wollte er noch weniger glauben. Er öffnete die Augen zum zweiten Mal – und in diesem Augenblick setzte sein Herz einen Schlag aus.

Der Körper des Eichenkriegers zuckte noch im Fall, während ein dünner Blutfluss aus seinem Mund troff. Bis zum Anschlag steckte Aigonns Schwert in dessen Brust. Er erkannte, wie irgendjemand – irgendetwas – den Griff festhielt, während der sterbende Körper zu Boden sackte und das Schwert mit einem tiefen Schnitt aus dem blutenden Fleisch befreit wurde.

Aigonn wagte nicht zu atmen. Über ihm stand in der gut vier Fuß tiefen Grube eine Frauengestalt. Erschrocken schnellte seine Hand nach links, tastete über die Erde, dort, wo die Leiche gelegen hatte. Er fand sie nicht. Stattdessen stand dort die junge Frau, mit gebückten Knien, sie berührten sich fast, die Leiche des Kriegers von sich stoßend, die im Fall noch einmal Aigonns verletzten Arm streifte.

Einen Herzschlag lang starrte er durch den Schwindel des Schmerzes, der ihn zu übermannen drohte. Es war bekannt, dass Menschen im Angesicht ihres Todes Wahnvorstellungen bekamen. Sein Geist weigerte sich vehement, auch nur in Betracht zu ziehen, es könnte wahr sein, was er soeben vor sich sah. Die junge Frau blieb vollkommen reglos. In der Dunkelheit konnte Aigonn es nicht erkennen, doch er wusste, dass ihr Blick auf ihm haftete. Die Augen einer Lebenden.

Dann auf einmal wandte sie sich um. Der Lufthauch ihres Kleides streifte ihn, als sie sich aus der Grube schwang und er leise ihre Schritte auf dem feuchten Laub aufkommen hörte.

Aigonn rührte sich nicht. Selbst wenn er es gewollt hätte, in diesem Moment des Schocks überwog der Schmerz allen Willen, den er aufbringen konnte. Die Nerven in seinem linken Arm pochten unerträglich – genauso wie in seinem Brustkorb. Nun, da das Adrenalin ihn verlassen hatte, versteiften seine verletzten Glieder. Die Knochen waren gebrochen – das wusste er ohne hinzusehen.

Es dauerte einen langen Moment, bis er endlich die Kraft fand, sich aufzurichten. Sein Schwert war fort. Er wunderte sich gar nicht mehr darüber. Ebenso wenig wie über die Tatsache, dass nun anstelle einer Frau ein erstochener Krieger an seiner Seite lag.

Der Aufschrei schien Aigonn erbärmlich, als er sich aus der Grube hievte. Seine Beine wollten ihm den Dienst versagen, sodass er Stütze an einem Baumstamm finden musste. Der Geruch der Kräuter aus der Opfergrube, der überall an seinem Körper klebte, trug nicht dazu bei, seiner Übelkeit abzuhelfen.

Trotz allem gelang es ihm, sich bis in unmittelbare Nähe des Schlachtfeldes zu schleppen – so abseits, dass ihm im ersten Moment niemand Aufmerksamkeit zollte. Der Lärm war ohrenbetäubend, die Erde getränkt und übersät von blutenden Körpern, über welchen die Lebenden die letzten Züge dieses Kampfes fochten.

Eine Seite war am Zurückweichen. Aigonn hatte nicht mehr die Kraft, um sich darauf zu konzentrieren. Der Schwindel begann ihn zu übermannen. Mit letzter Kraft gelang es ihm, seinen Blick zu klären, während er sich schwankend an einen Baum klammerte. Vom Rand aus schien es, als schlage jemand oder etwas eine Schneise in die Reihen der Männer. Immer mehr und mehr Krieger wichen zurück – nicht mehr erkennbar, ob Eichenkrieger oder Bärenjäger.

Aigonns Beine gaben nach. Zwanghaft versuchte er, sich zu fangen, doch es war zu spät dafür. Seine Augen flackerten. Die Bilder begannen zu verschwimmen. Das Letzte, was er sah, bevor die Dunkelheit ihn einhüllte, war eine Frauengestalt. Eine Kriegerin in einem wollweißen Leinenkleid, die wie ein böser Geist durch die Reihen der Eichenkrieger jagte und niederzwang, wer immer versuchte, sich ihr in den Weg zu stellen.

Geopfert

Seine Lider flackerten, als Aigonn versuchte, die Augen aufzuschlagen. Die Bilder hatten jeglichen Fixpunkt verloren, sodass Schwindel in ihm aufstieg, je länger er hinsah. Unwirsch schloss er die Augen wieder, versuchte, zurück in den wohligen Schlaf zu fallen, der ihn von all diesen Unannehmlichkeiten fernhielt. Doch es gelang ihm nicht. Aigonn konnte dem Schmerz nicht mehr entkommen, der dumpf und unbarmherzig in Rippen und Arm zu pochen begonnen hatte. Seine Kehle wollte zu würgen beginnen, doch sein Wille war stark genug, um sich im Zaum zu halten.

Aigonn war müde. Er war so unendlich müde, dass er weder denken noch sich bewegen wollte. Am liebsten hätte er geschlafen, bis zum Ende seines Lebens, doch etwas in seinem Kopf hielt ihn bei Bewusstsein. Er wusste nicht, was es war, doch in Gedanken verfluchte er es unzählige Male.

Erschöpft fielen seine Augen zu, während er die Stirn in Falten legte. An seinen Rücken schmiegte sich ein Tierfell – vermutlich dasselbe Schafsfell aus seinem Zelt im Heerlager, das irgendjemand mit sich genommen hatte. Leise Stimmen drangen gedämpft bis zu ihm hervor. Mehrere Menschen – scheinbar fast eine ganze Versammlung – unterhielten sich leise, doch in hörbar erregtem Ton. Aigonn wollte nicht darüber nachdenken, was Ursache dafür war.

Plötzlich stutzte er. Seine Lider schossen so schnell in die Höhe, dass ihn der Schwindel zum zweiten Mal überkam. Die Schlacht! Sie war vorüber, er in Sicherheit. Die Eichenleute hatten sie ziehen lassen? Aigonn wollte es kaum glauben. Es wäre fast zu schön gewesen, wenn sie alle dieselbe Halluzination gehabt hätten wie er – eine geopferte Frau, die aus ihrem Grab auferstanden und wie eine Kriegsgöttin über die Feinde hergefallen war. Die sinneserweiternden Kräuter, welche der Schamane in der Opfergrube und überall rund herum verbrannt hatte, mussten seine Wahnvorstellungen begünstigt haben. Immerhin – Nebelgeister mochte er wirklich sehen können. Was allerdings die Toten betraf, so wagte er dies doch zu bezweifeln.

Das leise Schleifen einer Tür auf dem mit Strohmatten belegten Boden ließ Aigonn aufsehen. Er bereute die abrupte Bewegung sofort – denn scheinbar hatte sein Schädel die Schlacht schlechter überstanden, als er geglaubt hatte. Neuer Schwindel betäubte seine Sinne und verwandelte die Gestalt, die sich Aigonn auf Zehenspitzen näherte, in kaum erkennbare Farbmuster.

„Aigonn?“ Die flüsternde Stimme war ihm vertraut. Als er die Welt um sich – ein abgedunkeltes Zimmer mit mehreren Schlaflagern, Vorratskrügen, nur von einer einzigen Fackel erhellt – endlich richtig erkannte, entdeckte er dort auch einen jungen Mann, der sich ihm erst vorsichtig, dann mutiger näherte. „Ah, du bist wach! Ein Glück, ich hatte schon Angst, dich wecken zu müssen. Bei den Tränken, die Rowilan dir eingeflößt hat, wäre das kein Vergnügen geworden!“

Rowilan …, Tränke, … Die Stimme gehörte Efoh. Aigonn konnte nicht leugnen, erleichtert zu sein, als ihm das schmale Gesicht seines jüngeren Bruders mit den großen, braunen Augen und den halblangen, dunklen Haaren entgegensah. Efoh war kaum älter als sechzehn. Jung noch für einen Krieger. Aigonn hatte sich beinahe mehr um ihn gesorgt als um sich selbst, als sie gemeinsam in die Schlacht gezogen waren. Eine unschöne Schnittwunde wurde auf seiner linken Wange sichtbar, als der junge Krieger neben dem Schlaflager in die Knie ging, und Aigonn noch mit leichtem Schwindel fragte: „Aufwecken? Wieso, was ist passiert?“

„Geht es dir wieder gut? Diese Eichenleute haben dir einen ganz schönen Schlag auf den Hinterkopf versetzt. Rowilan hat den Verband abgenommen und nur lose ein Tuch unter die Wunde gelegt, weil sie so genässt und sich ständig verklebt hat. Ich glaube, es ist besser, wenn du dich wieder hinlegst …“

„Efoh!“ Aigonns Stimme war so scharf, dass sein Bruder abrupt abbrach. „Was – ist – passiert?“

Efoh suchte einen Herzschlag lang nach Worten. „Die Frau, die so plötzlich auf dem Schlachtfeld erschienen ist und die Eichenleute Hals über Kopf in die Flucht geschlagen hat … Behlenos hofft, du könntest ihm etwas über sie sagen!“

Aigonn hielt einen Moment inne, um zu verinnerlichen, was er soeben gehört hatte. Ungläubig schüttelte er den Kopf, bevor er nachhakte: „Du willst mir nicht sagen, du hast sie auch gesehen!“

Efoh machte große Augen. „Wir haben sie alle gesehen. Es war kaum etwas anderes möglich, während sie über das Schlachtfeld gejagt ist: Das blutbefleckte Leinenkleid, die bleiche Hautfarbe, der heilige Ocker auf ihren Wangen, während in ihrer Kehle dieser gewaltige Schnitt geklafft … Was hast du denn geglaubt?“ Auf diese Frage gab Aigonn keine Antwort. Er stützte sich auf die Schulter seines Bruders, bevor er die Augen schloss und sich mit einem schwindelerregenden Ruck auf die Beine hievte.

Draußen erwartete die beiden eine Gruppe von gut und gern zwanzig Menschen. Der breite Raum, den sie sich zum Versammlungsort rund um einen schweren Eichenholztisch auserkoren hatten, war ohne Zweifel ein Teil des Hauses von Behlenos selbst. Eben deshalb hatte der Hausherr es sich nicht nehmen lassen, von der Stirnseite aus die Runde zu überblicken, und begrüßte Aigonn mit einem warmen, aber deutlich misstrauischen Ausdruck: „Ah, Aigonn! Wie schön, dass ein weiterer unserer wenigen Überlebenden zu uns zurückgekehrt ist. Ich hoffe, deine Verletzungen bereiten dir nicht mehr allzu viele Schmerzen!“

Aigonn verneinte, worauf Behlenos ihm einen Platz zwischen Efoh und dem Schamanen Rowilan zuwies, der ihn mit sichtlichem Interesse beobachtete. Ein Becher Met wurde ihm über den Tisch hinweg zugeschoben, dann fuhr Behlenos ohne Abwarten fort: „Nun, Aigonn, wie es scheint, haben die Götter sehr unverhofft unser Opfer erhört, als wir ihnen die junge Lhenia zum Geschenk dargeboten haben. Denn immerhin ist es ihr ganz allein durch ihr sonderbares Auftreten gelungen, dem Kampf zwischen den Eichenleuten und unserem Volk einen kleinen … Aufschub zu verschaffen.“ Er nahm einen Schluck Met, bevor er ergänzte: „Ich frage mich nur, ob du uns, Aigonn, vielleicht etwas zu diesem zweifellos göttlichen Phänomen zu sagen hast. Immerhin trug sie dein Schwert bei sich, wie man an den außergewöhnlichen Verzierungen unschwer erkennen konnte.“

Aigonn war überfragt. Er starrte mit großen Augen zu seinem Met hinab, bevor er ratlos und haarklein von dem seltsamen Vorfall berichtete, der ihm widerfahren war. Sie alle, die hohen Krieger, Behlenos, der Schamane Rowilan, Efoh, lauschten ihm schweigend, schienen am Ende seiner Ausführungen jedoch ein wenig enttäuscht.

„Das ist alles?“ Behlenos zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. „Sie kam dir einfach zur Hilfe, als du in Not warst? Ein schöner Stoff für eine Sage, aber ich kann nicht glauben, dass es das damit gewesen sein soll!“

„Was erwartet Ihr denn? Eine Erscheinung?“

„Vielleicht.“ Diesmal war es Rowilan, der Aigonn fragend ansah. Misstrauen stieg in ihm auf, als er erkannte, welche hintergründige Botschaft in den Augen des Schamanen verborgen lag. Aigonn hatte nie etwas von den Nebelgeistern erzählt, doch er war sich sicher, dass Rowilan von seinen sonderbaren Begegnungen wusste. Aigonn hatte oft genug vermutet, dass sich der Schamane hintergangen fühlte. Einen solchen Kontakt musste man mit ihm besprechen, ihn wenigstens darüber informieren. Doch Aigonn hatte niemals etwas davon berichtet – egal, wie oft der Schamane ihn beinahe ertappt hätte.

Aigonn für seinen Teil fehlte an diesem Morgen die nötige Kraft für Diskussionen. Sein Hinterkopf schmerzte, während er nicht wusste, ob es bloß an der Wunde lag oder an der Gewissheit, die er nicht wahrhaben wollte. Rowilan bedachte ihn mit einem missgünstigen Blick, als er auch seine Frage verneinte. Und nach einem Augenblick, in welchem er seinen Blick fassungslos auf dem Met in seinem Becher hatte ruhen lassen, brach es schließlich aus ihm heraus: „Was … was ist, wenn sie überhaupt nicht tot war, Lhenia … Wenn Ihr sie bei dem Opfer versehentlich nicht getötet, sondern nur … nur betäubt habt?“

„Sie hatte eine breite, klaffende Wunde in ihrer Kehle – groß genug, dass ihr der Kopf fast vom Hals gefallen wäre, wenn diese nicht wie von Geisterhand mit jedem Herzschlag mehr geheilt wäre!“ Behlenos’ Einwand erlaubte keinen Widerspruch. Sein Blick hatte deutlich an Schärfe gewonnen, als er Aigonn beobachtete. Dieser wollte es nicht glauben. Es konnte einfach nicht möglich sein, dass eine Tote aus ihrem Grab auferstand! Die Götter waren mächtig, er hatte sie niemals unterschätzt, nie an ihnen gezweifelt – aber dies, dies überstieg seinen Verstand.

Die Atemluft schien die Zweifel bis zu Behlenos zu tragen. Es war beinahe eine Drohung, als dieser in den Raum hinein verkündete: „Die Götter haben uns ein Zeichen geschickt. Es steht außer Zweifel, dass wir ein solches Wunder nicht unbeachtet dahinziehen lassen können …“

Aigonn hörte Behlenos’ Worte nur mit geteilter Aufmerksamkeit. Sein Kopf focht mit seiner Erinnerung einen fast sinnlosen Kampf darum, was er glauben oder nicht glauben sollte.

„… Aus diesem Grund müssen wir die Gelegenheit nutzen. Seit sie nach dem Kampf verschwunden ist …“

„Sie ist verschwunden?“ Aigonns Unterbrechung brachte ihm einen scharfen Blick seines Fürsten ein.

„Wie ein Geist. Wir wollen nicht hoffen, dass die Götter sie nur für diesen einen Kampf zu uns gesandt haben. Doch so fluchtartig, wie sie in die Wälder verschwunden ist, müssen wir zumindest nach ihr suchen!“

Das Unwohlsein kam schneller, als Aigonn Behlenos’ Blick auf sich haften spürte. Eine unausgesprochene Aufforderung lag in der Luft, fast einer Drohung gleich, dass gerade er sich nicht aus dieser Affäre ziehen konnte.

Die Versammlung begann sich nach einer Reihe belangloser Gesprächsthemen aufzulösen. Gerade Aigonn suchte schneller das Weite, als Behlenos es gerne gesehen hätte. Die Nerven in seinem Hinterkopf hatten wieder zu pochen begonnen – ebenso wie die gebrochene Rippe, die Rowilan so fest mit Binden verschnürt hatte, dass er sich steif, aber trotzdem fast normal bewegen konnte. Wie leblos hing der verletzte Arm verbunden an seiner Seite. Die Fleischwunde war nicht tief, doch schmerzte sie mit jeder Bewegung. Aigonn war nicht in der Lage, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, als er den Weg nach draußen suchte. Es war früher Morgen. Die Nebel von den Flussauen waren selbst durch die Palisaden der kleinen Siedlung gedrungen und krochen lautlos den erdigen Boden entlang.

Wenn ich nicht wüsste, dass es euch gibtheute würde ich es glauben! Aigonn schmunzelte, als er glaubte, im Wind ein kaum hörbares Lachen zu vernehmen. Die Nebelgeister hörten ihn immer – so wie alle anderen Menschen. Seit seiner Kindheit hatte er sich gefragt, was das Besondere an ihm war – das Besondere, das die Nebelgeister nicht nur zuhören, sondern auch mit ihm Kontakt aufnehmen ließ. Manchmal zumindest. Rowilan musste diese Eigenschaft an ihm seit Jahren eifersüchtig beobachtet haben – ohne, dass er etwas hätte tun können. Aigonn als Sprachmedium zu den Geistern der Wälder und Wiesen zu benutzen, hätte seine eigene Unfähigkeit als Schamane bewiesen. Denn Aigonn war sich sicher, zu Rowilan hatten die Nebelgeister – wenn überhaupt – seit langem kein Wort mehr gesprochen.

Angestrengt fasste Aigonn sich an die Stirn. Die Wunde an seinem Hinterkopf hämmerte und strahlte den Kopfschmerz bis in seine Stirn. Er wollte schlafen – solange weiterschlafen, bis er genesen war. Ganz gleich, ob er wusste, dass sich dies nicht bewerkstelligen ließ.

„Aigonn!“

Er wandte sich um. Mit Stirnrunzeln erkannte er Rowilan neben einem Schuppen, während dieser mit scharfen Augen zu ihm hinübersah.

„Mein Herr Rowilan? Wie kann ich Euch helfen?“

„Indem du mir die Wahrheit sagst!“ Aigonn verstand die unterschwellige Drohung. Unbewusst wich er drei Schritte zurück, während Rowilan auf ihn zukam, das rote Haar wie ein Gewand auf die Schultern gelegt.

Aigonn wusste, dass der Schamane ihm nicht glauben würde. Doch er konnte nichts anderes antworten: „Ich habe Euch nicht angelogen! Niemals!“

„Ach wirklich?“ Rowilan schnellte so plötzlich nach vorne, dass Aigonn nicht ausweichen konnte. Ein erstickendes Keuchen entkam seinen Lippen, als der Schamane ihn am Kragen packte. Drohend zischte dieser: „Versuch nicht, mich zum Narren zu halten! Du hast weder das Wissen noch die Erfahrung, es mit einem Mann wie mir aufzunehmen, also rate ich dir …“

Ein Windzug, das Echo von Aigonns Herzschlag in seinen Ohren …

„… Sag mir, was du getan hast, um sie zum Leben zu erwecken oder zumindest, um den Göttern diese Tat abzuverlangen!“

Nun wusste Aigonn wirklich nicht, was er antworten sollte. Es erleichterte ihn, dass sein perplexer Ausdruck Rowilan kurze Zeit unsicher werden ließ. Doch der Schamane wurde nur noch zorniger, als Aigonn ausstieß: „Seid … seid Ihr verrückt geworden?“

„Vielleicht bin ich es, dass ich einen Menschen wie dich frei und hemmungslos herumlaufen lasse!“

Das scharfe Zischen hatte die Aufmerksamkeit einiger Kinder erregt. Mit großen Augen starrten sie hinter einem der kleinen Häuser zu der sonderbaren Szene und verschwanden ängstlich, als Rowilan sie verscheuchte. Dann auf einmal wurde seine Stimme weicher und sein Griff um Aigonns Kragen lockerte sich.

„Junge, versteh doch! Ich will dir nichts Böses! Vielmehr glaube ich, dass du eine herausragende Fähigkeit besitzt, mit der Geisterwelt zu kommunizieren, mit der vielleicht ein Mensch in einer Generation geboren wird.“

Aigonn wollte seinen Ohren nicht trauen. Hatte er richtig gehört? Rowilan hatte ihm soeben unterschwellig zugestanden, begabter zu sein als er selbst? Am Ausdruck des Schamanen wurde sichtbar, dass er Aigonns Gedanken erahnte. Obwohl ihm ein Hauch von Missgunst über das Gesicht huschte, ergänzte er: „Du müsstest mir nur endlich verraten, zu was du in der Lage bist!“

„Ich habe damit wirklich nichts zu tun!“, antwortete Aigonn. Nun war Rowilan ehrlich enttäuscht. Die Miene des Schamanen verhärtete sich wieder, als er abschließend sagte: „Dann soll es so sein, wenn du es nicht anders haben willst! Aber eines sage ich dir: Komm nicht zu mir, wenn du irgendwann nicht mehr kontrollieren kannst, was du tust!“

Damit ging Rowilan. Aigonn war verunsichert, als er den Schamanen in seinem aus Holz und Lehm erbauten Haus verschwinden sah. War dies soeben ein echtes Angebot gewesen? Ein Angebot ohne Haken und Hintergedanken? Aigonn bezweifelte es. Rowilan mochte kein von Grund auf schlechter Mensch sein, doch er war kaltblütig; kaltblütig auf eine Weise, dass bei dem Gedanken daran ein dumpfer Schmerz Aigonns Magen zusammenzog.

„Aigonn!“ Erschrocken stolperte er nach vorn. Die Stimme war mit dem Wind so leise und nah an seinem Ohr vorbeigerauscht, dass er reflexartig die Hand an den Kopf presste – bevor er verstand, was es bedeuten sollte. Die letzten Nebelschwaden verschwanden in der wärmer werdenden Morgensonne.

„Folge uns!“ Der Wind trug die Nebel durch das Palisadentor hindurch und Aigonn folgte ihnen, ohne darüber nachzudenken. Die Wachen stellten keine Fragen, die nachdenklichen Blicke in seinem Rücken spürte er jedoch noch immer, als nasses Gras Aigonns Hose streifte. Er folgte den sich auflösenden Schwaden bis in die Nähe einiger Holundersträucher, die seine Gestalt vor den Blicken der Torwachen verbargen. Erst in diesem Moment ballten sich die silbernen Schwaden. In den ersten Sonnenstrahlen des Tages kaum sichtbar erschien die Nebelfrau. Das erwachende Licht verwischte ihre Konturen. Aigonn erkannte, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, bevor sie bis zum Abend wieder von den Wiesen verschwände.

Die Nebelfrau schwieg, als Aigonn sie grüßte. Nachdem sich ihre Blicke aber trafen, erschrak er wider Willen so sehr, dass er einen Schritt zurückwich. Ihr Blick war kalt. Aigonn hatte niemals von sich behauptet, die Gefühlsregungen der Nebelgeister verstehen und erklären zu können. Doch der offensichtliche Ärger, der hinter der Kühle ihrer Iris verborgen lag, bereitete ihm Sorgen.

„Rowilan hat eine herausragende Gabe, die Dinge zu beobachten. Das muss ich gestehen.“ Die Nebelfrau sprach steif. Aigonn wurde den Eindruck nicht los, dass tief in ihr etwas zu lodern begonnen hatte, eine Wut, eine Angst, ein Drang nach irgendetwas Unaussprechlichem – und je länger er darüber nachdachte, desto weniger wollte er es wissen.

Verunsichert blickte er in die pechschwarzen Iris der geisterhaften Gestalt. Dann fragte er zögerlich: „Mir scheint es, als ob du eine Nachricht für mich hättest, Herrin.“

„Oh ja“, erwiderte sie spitz. „Dieser Tage geschehen Dinge, die euch Menschen vielleicht ungewöhnlich erscheinen, doch seit Jahrtausenden immer wiederkehren. Würdet ihr länger leben, wüsstet ihr, dass die Toten schon in anderen Epochen zurückgekommen sind.“

„Dann ist es wahr?“ Aigonn wollte es nicht glauben. „Lhenias Seele ist in ihren toten Körper zurückgekommen?“

„Womöglich.“ Die Nebelfrau zögerte. Je mehr Augenblicke verstrichen, desto schwärzer schienen sich ihre Augen zu färben. Finsternis bekam eine neue Definition, etwas Düsteres, das man nur noch im Geiste erkennen konnte. Aigonn schauerte es. Er traute sich kaum zu fragen: „Ist … irgendetwas geschehen?“

„Ich weiß, dass du dich in diesem Moment noch zu befangen fühlst, um die außergewöhnliche Gabe zu nutzen, die dir eigen ist. Doch ich rate dir, den Blick nicht von allem abzuwenden, das du nicht verstehst!“

Sie fixierte ihn. Unwirklich, als wäre die Nebelfrau nicht Teil dieser Welt, glitt eine heftige Windböe durch ihren Körper hindurch und schien Aigonn verhöhnen zu wollen, als sie ihm die dunkelblonden Haare vor die Augen wehte. Die schwarzen Iris durchbohrten ihn. Sie schienen etwas finden zu wollen, das Aigonn weder erkannte noch verstand. Und ihm kam keinerlei Erkenntnis, als die Nebelfrau sagte: „Finde die Wiedergekehrte. Finde sie, bevor irgendein anderer es tun wird! Denn ich weiß, dass du der einzige bist, der ihre Absichten verstehen wird!“

Ihr Körper begann sich aufzulösen. Aigonn schien es, als erwache er aus einem Traum, während er einwarf: „Wo soll ich sie denn finden?“

„Es gibt einen Ort, der der Anderen Welt näher ist als der euren, den du fürchtest.“ Die Nebelschwaden verflogen im Wind. „Du wirst ihn finden, wenn du es willst.“

Damit war sie verschwunden. Eine Böe trieb den letzten Dunst über die Wiese hinaus und hinterließ lediglich den Hauch unwirklicher Beklemmung. Ein altes Gefühl, dessen Facetten Aigonn einen Herzschlag lang zu verstehen glaubte, schien in der Luft zu liegen. Solange, bis der Moment vorbeizog und Ratlosigkeit hinterließ.

Erinnerung

Es gab zahlreiche Dinge, die Aigonn in seinem Leben so gut es ging zu meiden versuchte. Einfache Belanglosigkeiten, die trotz allem ängstigen konnten. Doch als er in diesem Moment dasaß und sich immer wieder vergeblich einen einzigen Gedanken auszureden versuchte, spürte er, dass es Zeit wurde, den Schritt zu gehen, der in seinen Augen immer einer zu viel gewesen war.

Nachdenklich grub Aigonn seine nackten Zehen in die feuchte Erde. Die Grasbüschel neben dem kleinen Lehmhaus seiner Familie waren noch nass vom Regen des frühen Morgen. Die wenigen Strohhalme, die aus der Hauswand herausragten, raschelten leise, als Aigonn sich ein Stück nach hinten anlehnte.

Auf eine gewisse Weise hatte er geahnt, dass es so kommen würde. Es amüsierte ihn, dass er an einem Tag wie heute ausgerechnet zu einer solchen Erkenntnis gekommen war. Denn solange er ehrlich mit sich blieb, verstand er rein gar nichts von den Umständen, in die er sich nun verwickeln sollte. Oder vielleicht bereits verwickelt war.

Aigonn mochte mit den Nebelgeistern sprechen, seit er klein war. Das war ihm eigentlich nicht Grund genug dafür, nun eine wiederauferstandene Tote irgendwo in der Wildnis zu suchen. Doch das alles ausgerechnet an diesem einen Punkt zusammenlaufen würde – dem Teil seiner Erinnerung, den er am liebsten auf ewig gemieden hätte – hätte Aigonn niemals geglaubt.

„Es gibt einen Ort, der der Anderen Welt näher ist als der euren.“

Aigonn kannte ihn. Erst in diesem Moment war ihm klar geworden, wie tief die Nebelfrau in seine Seele gesehen hatte. Sicher, er würde ihn finden. Und schon allein diese Erkenntnis verriet ihm – auch wenn er sich dagegen wehrte – dass er ihn finden wollte. Sonst hätte er diesen Gedanken längst wieder verdrängt.

Gras raschelte neben dem kahl getretenen Pfad zwischen den kleinen Lehm- und Holzhäusern. Eine Gestalt näherte sich vorsichtig. Efoh setzte sich neben Aigonn ins Gras. Dieser sah nicht auf.

Der junge Mann beobachtete Aigonn, wartete ab, ob sein großer Bruder auf ihn reagieren würde. Doch als dieser weiterhin nur versonnen in die Leere starrte, bemerkte Efoh zögerlich: „Behlenos stellt sich das alles zu einfach vor. Ich glaube nicht, dass er sie finden wird!“

Erst jetzt sah Aigonn zur Seite. Einen Herzschlag lang starrte er seinen Bruder an, als ob er sein Kommen gar nicht bemerkt hätte, bevor er fragte: „Wen finden?“

„Lhenia. Behlenos gedenkt noch heute die Suche nach ihr zu beginnen – und erwartet von allen Männern, die in der Lage sind zu reiten, rege Mithilfe.“

Aigonn verstand die unterschwellige Botschaft dieser Worte. Nur zu gut konnte er sich vorstellen, welchen einen Mann Behlenos damit besonders ansprach. Erbost stieß er aus: „Als ob ich der Allwissende wäre, nur weil eine Tote neben mir zum Leben erwacht ist! Was bitte habe ich denn getan? Nichts! Rein gar nichts! Manchmal habe ich mir ja gewünscht, mehr Fähigkeiten als die gewöhnlicher Menschen zu besitzen, aber glaube mir, wenn ich sie wirklich besitzen würde, hätte ich sie euch nicht vorenthalten!“

Aigonn blickte zu seinem Bruder, der prüfend zurücksah. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die unterschwellige Lüge in seinen Worten Efoh nicht entgangen war. Doch der junge Mann schwieg. Sein Blick wanderte von Aigonn ins Gras, bevor er sich ihm wieder zuwandte und auf einmal tiefer Ernst in seiner Stimme lag: „Du weißt wirklich nicht, was geschehen ist?“

„Nein, bei den Göttern! Ich schwöre es dir, wenn du willst!“ Efoh nickte, als ob Aigonn mit diesen Worten einen schmerzhaften Zweifel ausgelöscht hätte. Und Aigonn tat es ebenso weh. Er mochte es nicht, wenn sein kleiner Bruder ihn für einen Lügner hielt. Trotz allem war er nicht vorbereitet, als es plötzlich aus Efoh herausplatzte: „Aber die Frau in den Nebeln hat dir irgendetwas gesagt, nicht wahr? Ich weiß, dass du mit ihr sprichst – auch wenn du dich unbeobachtet fühlst. Verrätst du es mir?“

Einen Moment lang starrte Aigonn schweigend seinen Bruder an. Dann, als er sich vergewissert hatte, dass der Weg zwischen den Häusern der kleinen Siedlung keine unerwünschten Zuhörer bot, raunte er Efoh zu: „Versprich mir, niemandem davon ein Wort zu sagen!“ Efoh nickte, bevor Aigonn fortfuhr: „Ich werde versuchen, den Weg zum Grab der Götter wiederzufinden.“

Efoh erschrak. In seinen geweiteten Augen erkannte Aigonn die Funken einer Erinnerung, die ihnen beiden gemein war. Unterschwellige Angst – eine Furcht, die viel älter war als ein zurückliegender Kampf oder Krieg, sprach aus seiner Stimme, als er flehte: „Tu das nicht! Es bringt kein Glück, einen Ort aufzusuchen, der sich so weit von der Wirklichkeit entfernen kann! Die Macht der Menschen schwindet an der Grenze zwischen den Welten. Ich brauche dir nicht zu sagen, was dort geschehen ist!“

Nein, das brauchte er wahrlich nicht. Wider Willen spürte Aigonn eine bleischwere Beklemmung in seinem Magen aufsteigen. Wenn es wenigstens nur die Wesen der Anderen Welt wären, denen ich gegenübertreten müsste!

Doch Aigonn spürte, dass man ihm die Entscheidung längst abgenommen hatte. Irgendwann würde er sich diesem Ort stellen müssen. Doch vielleicht noch nicht heute.

Die plötzliche Entschlossenheit in Aigonns Stimme verwirrte Efoh, als er sagte: „Es hat keinen Zweck, wenn ich weiterhin davor flüchte. Aber noch bleibt Zeit. Ich bezweifle sehr, dass Behlenos es wagen wird, am Grab der Götter zu suchen!“

Damit stand Aigonn auf und lief auf den Eingang seines Elternhauses zu. Er fühlte den nachdenklichen Blick seines Bruders im Rücken. Efoh spürte wohl, dass Aigonn trotz aller Worte eine weitere Chance zur Flucht nutzen wollte. Als er im Türrahmen innehielt, wollte er sich noch einmal zu Efoh umdrehen. Doch stattdessen verwarf er den unausgesprochenen Gedanken und trat in das Haus ein.

Schummriges Dämmerlicht lag über dem einzigen großen Raum. Mehr ließen die kleinen Windaugen nicht zu. Einen Herzschlag lang beobachtete Aigonn versonnen die Staubkörner, die in einer Lichtsäule vom Rauchabzug hinabtänzelten. Auf der Feuerstelle im Zentrum des Raumes glomm nur noch der schwache Rest einer Glut. Mit dem Sommer wurde die Luft draußen warm genug, dass ein größeres Feuer überflüssig wurde.

Ein leises, melodisches Summen lag in der Luft. Aigonn suchte sich seinen Weg an den Schlaflagern vorbei bis zu einem Regal, das man aus mehreren Baumstämmen geschnitten hatte und somit Platz für allerlei Tontöpfe bot.

Dort blieb er kurz stehen und lugte vorbei. Eine Frau kniete neben einem Webrahmen auf dem Boden. Ihr ausgewaschenes Leinenkleid wurde eins mit dem gleichfarbigen Rehfell, das ihr als Unterlage diente. Faltig und locker fiel der dünne Stoff an ihrem mageren Körper hinab. Lediglich spitze Schultern erkannte man unter einem breiten Ausschnitt, die umgeben waren von einer Flut hüftlanger, schneeweißer Haare.

In Gedanken versunken glitt Aigonns Mutter die Melodie von den Lippen, während sie das Schiffchen wie mechanisch zwischen den einzelnen Fäden hin und her schob. Vorsichtig näherte sich Aigonn ein Stück. Sein prüfender Blick war ein Zeichen für seine Unsicherheit, ob er seine Mutter nun stören würde oder nicht. In Wahrheit aber kannte er die Antwort längst. Die Gewissheit versetzte ihm einen Stich. Seine Mutter störte man nicht mehr. Ihre großen, braunen Augen blickten so abwesend und leer durch den Webrahmen hindurch, dass man nicht sicher sein konnte, ob sie noch an der Außenwelt teilnahm. Aigonn bezweifelte es. Sie hatte es schon lange nicht mehr getan.

„Mutter?“

Er trat bis an den Webrahmen heran und ließ sich dort auf die Knie sinken. Die sonderbare Melodie brach nicht ab, als der Blick seiner Mutter durch ihn hindurchging. Kein Blinzeln, kein kurzes Flackern in ihren Augen verriet, dass sie ihn wahrnahm. Nur ihre Hand schien wie von selbst den Faden mit dem Schiffchen zu führen.

„Er ist schön geworden … der Stoff.“ Seine Finger tasteten über den rostroten Wollstoff. „Was willst du daraus nähen?“

„… Himmel stehen die Sterne, leuchten dort …“

Aigonn schluckte. Erst jetzt erkannte er das alte Wiegenlied, das seine Mutter ihm früher immer zum Einschlafen gesungen hatte. Noch einmal fragte er: „Nähst du dir daraus ein Kleid?“

„… allein sein. Denn ich bleibe da …“

Aigonns Blick wurde traurig. Im Grunde wusste er, dass seine Versuche zwecklos waren. Seine Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Nicht mit Efoh und auch nicht mit irgendjemand anderem. Seit Jahren nicht mehr. Sein Blick verriet mehr Kummer, als es ihm lieb war, während er seiner Mutter sanft über die Wange streichelte. Dünn wirkte ihre Haut, wie der Kokon, den eine Raupe zurückließ, nachdem sie zum Schmetterling geworden war. Sie schien unter seinen Fingern zu zerfallen, so fühlte es sich an. Er konnte den Kloß nicht vertreiben, der ihm plötzlich im Hals steckte.

Wenn ich feige bleibe, wird damit auch nichts ungeschehen werden. Gar nichts.

Wiederkehrer

Das Grab der Götter war eine Gruppe von vier Monolithen, die – teilweise dreihundert Fuß hoch – schon von weitem über den Wipfeln des Waldes zu sehen waren. Aigonns Wallach schnaubte in der Hitze des Nachmittags. Seit dem späten Vormittag hatte das steile, hügelige Land Tier und Reiter zu schaffen gemacht. Sobald man die fruchtbaren Auen um Aigonns Heimatsiedlung verlassen hatte, trat man ein in das ungezähmte, wilde Land seiner Ahnen. Riesige Wälder bildeten eine fast geschlossene Decke über der hügeligen Region. Lediglich Niedermoore und sumpfige Feuchtwiesen unterbrachen das Dickicht, bevor die Bäume sich Land und Boden zurückeroberten.

Beklemmung hatte Aigonns gesamten Körper erfasst. Es war dasselbe Gefühl, das jeden Menschen überkam, wenn er sich der ruhenden Kraft dieser Wildnis bewusst geworden war. Hier hatte kein Mann, keine Frau mehr Macht über den Lauf der Dinge. Die Wälder und Moore waren das Reich der Geister und menschenscheuen Wesen, die nur die wenigsten je mit eigenen Augen gesehen hatten.

Prüfend blickte Aigonn über die Wiese hinweg, die vor ihm lag. Sauergras und Heidelbeere verrieten ihm, dass tückische Sumpflöcher unter der dünnen Schicht Bewuchs verborgen sein konnten. Mit Missfallen hörte er das Schmatzen des Bodens unter den Hufen seines Pferdes. Er würde bald absteigen müssen.

Unbarmherzig brannte die Nachmittagssonne vom wolkenfreien Himmel. Aigonn erkannte von weitem das Gestein der vier Monolithen, das mit seiner goldgelben Farbe im Sonnenlicht leuchtete wie der Festschmuck der Fürsten. Es war eigenartig. Gäbe es nicht immer noch diese eine Erinnerung, die sich mit jedem Schritt voran immer schwerer verdrängen ließ, so hätte die Schönheit dieses Anblicks Aigonn wohl gefangen gehalten.

Doch das vermochte das Grab der Götter nicht mehr. Faszination und Ehrfurcht hatten einer Bedrückung Platz gemacht, die jeden Baum, jeden Strauch auf dem Weg zu den Monolithen zu umgeben schien. Immer wieder huschte Aigonns Blick nach hinten, zur Seite. Er wusste, dass so nah an der Grenze zur Anderen Welt nicht nur Damwild, Bären und Wildschweine die Wälder bewohnten – dazu die Monolithen wie vier steinerne Wächter über den Baumkronen.

Unwillkürlich kam Aigonn die alte Sage in den Sinn, welche diesem Ort ihren Namen gegeben hatte: Ein Krieg, am Anfang der Zeit, hatte zwischen den Mächten der Erde getobt. Ein Krieg um die Ordnung in der Welt, der Chaos und Verwüstung gebracht hatte, bis es den Göttern gelungen war, einen Stillstand zu erringen, eine Ordnung auf der Erde, die der heutigen gleichkam. Dutzende hatten ihre letzten Kräfte bei diesem Versuch gegeben. Und es sollen vier Geschwister gewesen sein, die auf dem Hügel, den Aigonn soeben bestieg, kraftlos zur Erde gesunken waren.

In Gestalt vierer Felsen warteten sie nun dort, bis die alte Ordnung wieder ins Wanken geraten, das Firmament auf die Erde stürzen, das Land sich auftun und schließlich das Meer alle Reste ihres großen Werkes verschlingen würde. Dann würde der Kampf von Neuem beginnen und ihm ein ungewisses Ende folgen – so wie jeder Mensch wiedergeboren wurde.

Das war es, was die Bärenjäger sich seit Generationen erzählten. Und als Aigonn den Wald vor sich aufgehen sah und die vier gewaltigen Felsen vor ihm lagen, schien es, als ob der letzte Hauch dieser alten Tage noch immer Teil des Ortes wäre.

Er nahm einen tiefen Atemzug, als er seinen Wallach anhielt und sich langsam auf den Boden rutschen ließ. Dort war er. Dort, wohin ihn die Nebelfrau gewiesen hatte. Der südlichste der vier Monolithen leuchtete golden in der Nachmittagssonne. Windböen verfingen sich immer wieder in den kleinen Ausbuchtungen und winzigen Felshöhlen, während der Wald leise flüsterte. Das Pferd schnaubte unruhig. Irgendwo, weit entfernt, hörte er Vögel in den Baumwipfeln singen. Doch viel näher als sie schien ihm ein feines, unterschwelliges Wispern – nicht auszumachen, woher es kam.

Beklommen ließ Aigonn den Strick seines Pferdes ins kniehohe Gras sinken. Sein Wallach rannte ihm nicht davon. Und wenn ihn an einem Ort wie diesem doch zu große Furcht übermannen würde, wollte er das Tier nicht halten.

Vorsichtig trat er fünf Schritte auf die kleine Lichtung hinaus, die sich nahe der Monolithen wieder in einem Wald mit undurchsichtigem Strauchdickicht verlor. Hier war er. Die Erinnerungen in seinem Kopf verselbstständigten sich beim Anblick dieses Ortes. Es wurde plötzlich Nacht in seinen Gedanken, die bedrückende Dunkelheit eines wolkenverhangenen Himmels. Nur fahles Mondlicht zwischen den Wolkenfetzen und das flackernde Licht einer Fackel erhellten die Lichtung. Damals hatte er sich geängstigt, hatte kaum mit seiner Mutter Schritt halten können, die voller Panik vorausgeeilt war …

Unwirsch schüttelte Aigonn den Kopf. Er war nicht hierhergekommen, um dieser längst vergangenen Nacht zu gedenken, sondern hatte den Weg auf sich genommen, um jemanden zu finden. Es stimmte ihn ärgerlich, dass dieser eigentliche Auftrag für ihn so schnell an Priorität verloren hatte.

Entschlossen ließ er das Pferd auf der Lichtung zurück und ging weiter auf das Dickicht zu. Nirgendwo verriet ein abgebrochener Ast oder niedergetrampeltes Gras, dass jemand vor Aigonn hier gewesen war. Doch es musste nicht sein. Das Schlachtfeld, auf welchem die Bärenjäger und Eichenleute zusammengetroffen waren, lag weiter westlich. Lhenia hätte genauso gut von einer anderen Seite das Grab der Götter erreichen können.

Aigonn hatte sein Schwert gezogen, um sich mit dessen stumpfer Seite einen Weg durch das Dickicht zu bahnen. Von Moos und Flechten bewachsen harrte der südliche Monolith, der Sternenfänger, zu seiner Rechten. Mit jedem Schritt, der Aigonn von der Lichtung mit seinem Reittier entfernte, schien die wirkliche Welt ein Stück weiter in die Ferne zu rücken. Unwirklich wiegten sich die Wipfel der Holunder-, Hasel-, Vogelbeer- und Dornensträucher im lauen Wind. Es schien Aigonn, als summten sie mit dem Wald eine alte Melodie. Die Vertrautheit, die ihr innelag, war ihm unheimlich. Immer mehr schien sie dem Wiegenlied zu gleichen, das seine Mutter gesungen hatte. So gut es ihm möglich war, lenkte er seine Aufmerksamkeit nach vorn, versuchte auf die Spuren der Wirklichkeit zu achten, dieser Welt, nicht der Anderen, die irgendwo, vielleicht direkt vor ihm, beginnen konnte, wenn seine Gedanken sich zu sehr von seiner Heimat entfernten.

„Lhenia?“ Der Ruf hallte leise von der Steilwand des Monolithen wider. Allmählich erkannte Aigonn vor sich die anderen drei Felsen aufragen, mächtig und bedrückend, als ob acht Augen jeden seiner Schritte verfolgten.

„Lhenia? Ich bin es, Aigonn. Nur ich. Ich bin allein. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben!“

Das Raunen des Waldes, das Singen des Windes, das Wispern der Sträucher, aber sonst hörte Aigonn nichts. Niemand antwortete. Nicht einmal ein Rascheln zwischen den Sträuchern, die so eng standen, dass keine Bewegung ungehört bleiben würde, gab einen Hinweis darauf, dass die junge Frau wirklich hier war.

Als Aigonn dem Zentrum zwischen den vier Steinen immer näher kam und seine Rufe keinerlei Reaktion hervorriefen, beschlich ihn allmählich eine düstere Ahnung. Sie ist gar nicht hier. Die Nebelfrau hat mich hierher gelockt, obwohl sie wusste, dass Lhenia nicht hier ist.

Doch was war, wenn Aigonn sich nun getäuscht hatte? Die Nebelfrau hatte das Grab der Götter an sich niemals erwähnt. „Aber sie kann keinen anderen Ort gemeint haben“, flüsterte er zu sich selbst. „Nirgendwo sonst ist man der Anderen Welt so nahe …“

Aigonn verstummte. Er konnte diesem Gefühl keinen Namen geben, doch es war – wie ein Fremdkörper – ihm plötzlich so nahe, dass sich all seine Körperhaare aufstellten. Ein Schauer überkam ihn. Ohne, dass er etwas dagegen tun konnte, versank der dämmernde Nachmittag in der Schwärze einer bewölkten Nacht. Er spürte die klamme, feuchte Kälte auf den nackten Armen unter seinem kurzärmeligen Hemd. Aigonns Atem ging stoßweise, während er seiner Mutter hinterherstolperte. Seine Mutter, die auf all seine Rufe nicht achtete und einfach vorwärtseilte. Sie hatte ganz vergessen, dass ihr eigener Sohn auf seinen kurzen Kinderbeinen nicht nachkam. Er teilte nicht dieselben Ängste wie sie. Er hatte nur bruchstückweise gehört, wie Rowilan zu seiner Mutter geeilt war, gesagt hatte, Derona wäre verschwunden …

In dieser Nacht hatte er sich nur gefürchtet, das Licht der Fackel in der Hand seiner Mutter aus den Augen zu verlieren. Er hatte ihre Panik gar nicht verstehen können, sie hatte ja nichts gesagt …

Wie ein Flackern mischte sich Wirklichkeit mit Erinnerung. Aigonn spürte gerade noch so, wie seine Füße mechanisch nach vorne liefen, schneller als er wollte auf den nördlichen der Monolithen zu. Die Bilder aus der lange vergangenen Nacht zuckten immer wieder vor die Realität. Aigonn wurde es schwindelig. Er war damals denselben Weg gelaufen. Alles in seinem Kopf schrie, dass er anhalten, nicht weitergehen sollte, doch die Beine gehorchten seinem Willen nicht mehr.

Der nördliche Monolith kam immer näher. Vor seinem geistigen Auge sah er Fackeln vor dem Fuß des riesigen Felsens in der kalten Nachtluft zucken. Irgendwo raschelten Steine in der Finsternis, weit oben. Er hörte, wie seine Mutter plötzlich voller Panik einen Namen in die Dunkelheit schrie, ihre Fackel zu Boden fiel. Noch mehr Steine fielen hinab, dann eine Gestalt. Wie ein gewaltiger Vogel war sie Aigonn damals erschienen, als die junge Frau den etwas weniger als einhundertfünfzig Fuß hohen Monolithen hinabstürzte, ihr Körper gegen den harten Stein schlug.

Das Knacken hallte wie ein Donnerschlag in Aigonns Ohren wider. Das Knacken, als ihre Knochen barsten. Unnatürlich verdreht lag sie im Schein der Fackeln auf dem Boden. Aigonn erkannte sie, seine Mutter, wie sie schreiend nach vorne stürzte.

Zwei tote Augen sahen Aigonn entgegen. Der letzte Glanz des Lebens haftete ihnen noch an, bevor er sich zu lösen begann, die Schwärze ihm nachfolgte. Damals hatte er nicht schreien können. Er war gar nicht alt genug gewesen, um zu begreifen, was dort geschehen war. Doch in sein Innerstes war eine Kälte gekrochen, die ihn noch heute zu Boden zwängen wollte.

Sein Blick hing auf den leeren Augen der Frau, jung wie sie damals noch waren. Seine Mutter, die in diesem Moment innerlich zerbrach.

Zwei kalte Hände klammerten sich um Aigonns Kehle. Alle Luft schien ihm aus den Lungen zu weichen. Sein Atem verwandelte sich in ein Röcheln, als sein Hals sich zuschnürte. Er keuchte, seine Lunge verkrampfte sich. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die ungeheure Kraft, die mit der Macht aller alten Verzweiflung auf ihm haftete, solange, bis der klamme Griff, der ihm den Atem raubte, plötzlich nachließ.

Aigonn schrie. Er konnte den Gefühlen keinen Namen mehr geben, die in diesem Moment aus ihm herausbrachen. Der ganze Ort, das Singen, das Raunen, alles schien sich in nackte Wände verwandelt zu haben, von welchen seine eigene Stimme wie ein ohrenbetäubendes Echo immer wieder zurückgeworfen wurde. Ein widerliches Kreischen schien sich dazwischen zu mischen …

Dann war es plötzlich vorbei. Keuchend öffnete Aigonn die Augen. Erst jetzt schmeckte er das Blut, das aus seiner aufgebissenen Lippe lief. Eiskalte Schweißperlen rannen seine Nase entlang, während er – auf beide Hände gestützt – zu Boden starrte.

Das plötzliche Gefühl, nicht mehr allein zu sein, ließ ihn ruckartiger als gewollt den Kopf zur Seite reißen. Und dort war sie. Ihre blauen Augen vor Schrecken geweitet kniete sie halb im Gras. Der rechte Arm schien nach Aigonn greifen zu wollen, war jedoch mitten in der Bewegung erstarrt. Ihr Ausdruck spiegelte Schockiertheit wider, Unverständnis. Einen Herzschlag lang starrte sie ihm in die Augen, bevor sie stotternd hervorbrachte: „Geht … geht es dir gut?“

Erst jetzt wurde Aigonn sich bewusst, was soeben geschehen war. Alle Eindrücke der Wirklichkeit schlugen auf ihn ein – das Keuchen, der pochende Schmerz in seinem überbelasteten, verletzten Arm, die gebrochene Rippe. Es raubte ihm ein weiteres Mal den Atem, bevor er sich auf sein Gesäß fallen ließ und einen Moment nach Luft schnappte.

Die junge Frau hatte sich in der Zwischenzeit wieder gefasst. Zwar lag ihrem Blick noch immer Misstrauen inne, doch ihre Stimme wirkte gefasster, als sie bemerkte: „Du solltest vorsichtiger sein, wenn du so unbedacht einen Platz wie diesen betrittst. Orte bewahren Erinnerungen lebendiger und besser als Menschen. Das hättest du bedenken können!“

„Das habe ich bedacht.“ ...

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