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Amrah – Reich des Wüstenprinzen

1. KAPITEL

„Müsste ich ihn kennen?“ Polly Anderson zog das große Foto zu sich heran und hielt es sich so dicht vor die Augen, als wäre sie kurzsichtig.

„Brauchst du vielleicht eine Brille?“, spottete ihre Freundin.

„Unsinn“, sagte Polly und trank einen Schluck heißen Tee. „Ich habe mal wieder zu wenig geschlafen und das Gefühl, Sand in den Augen zu haben.“

Sie setzte die blau-weiß gestreifte Tasse ab. „Diesem Mann bin ich bestimmt noch nie begegnet. Meines Erachtens gehört er nicht zu den Scheichen, mit denen Anthony gewöhnlich Geschäfte macht.“

„Weil er nicht dick und alt ist?“

„Genau.“

Minty lachte auf und präsentierte der Freundin ein zweites Foto. „Hier ist er ohne Turban. Ein gefährlich attraktiver Mann, oder?“

„Hm.“ Geradezu atemberaubend attraktiv, wie Polly fand. Vor allem seine Augen faszinierten sie. Überraschenderweise waren sie tiefblau, was für einen Araber äußerst ungewöhnlich war und auf sie irgendwie fremdartig und gleichzeitig vertraut wirkte. Und unglaublich sexy. Sie riefen in ihr Gefühle und Empfindungen wach, die sie bisher nicht verspürt hatte. Zumindest nicht so.

Polly lächelte. Vielleicht verband sie mit ihrer skandalumwitterten Ururgroßmutter mehr, als sie vermutet hatte. Der Gedanke war aufregend, aber gewiss keiner, dem sie ernsthaft nachhängen sollte. „Und wer ist das?“ Polly sah Minty fragend an.

„Sein offizieller Titel lautet Prinz Rashid bin Khalid bin Abdullah Al Baha. Hier im Westen nennt man ihn kurz Scheich Rashid Al Baha. Er ist neunundzwanzig Jahre alt, einen Meter neunzig groß, ledig, passionierter Reiter und sagenhaft reich.“ Minty beugte sich vor. „Und alles in allem verdammt sexy.“

Polly musste lachen. „Klingt so, als wärst du kein bisschen interessiert.“

„Natürlich nicht. Mehr als eine Augenweide kann der Mann für mich nicht sein. Er ist der zweitälteste Sohn von Kronprinz Khalid und das einzige Kind, das dieser mit seiner englischen Ehefrau …“

„Dann habe ich schon von ihm gehört“, unterbrach Polly ihre Freundin. „Er ist in Amrah als ausgesprochener Playboy bekannt, stimmt’s?“

Minty nickte. „Genau. Doch wirklich zu interessieren scheint ihn nur seine Pferdezucht. In der Branche gilt er als ein ganz Großer. Deshalb dachte ich, dass du ihn durch deinen schmierigen Stiefbruder vielleicht kennengelernt haben könntest. Na, macht nichts. Wir schaffen es auch so.“

Polly nahm noch einmal das erste Foto in die Hand, das den Mann im langen weißen Gewand sowie der traditionellen Kopfbedeckung zeigte. Minty hatte recht. Prinz Rashid bin Soundso war wirklich sexy. Wenn sie ihn jemals auf Shelton gesehen hätte, würde sie sich daran erinnern.

Sie kniff die Augen zusammen. „Ich entsinne mich an zwei Männer aus Amrah, die viel älter als dieser Typ und wohl kaum Scheichs waren. Anthony hat sie kein bisschen hofiert. Wenn es dir hilft, kann ich ihre Namen herausfinden.“

Minty schüttelte den Kopf und bückte sich nach dem Aktenordner, der an ihrem Stuhlbein lehnte. „Nicht nötig. Weil wir jedoch gerade dabei sind, könnten wir uns noch seinen älteren Bruder ansehen“, sagte sie und zog ein weiteres Bild hervor. „Dies ist Prinz Hanif bin Khalid bin Abdullah Al Baha, kurz Scheich Hanif Al Baha genannt. Vielleicht sollten wir uns an ihn wenden, solange der Kronprinz so krank ist.“

Wie unterschiedlich die beiden Brüder aussahen! Scheich Hanif strahlte vor allem Verlässlichkeit und Verantwortungsbewusstsein aus. Er schien einen gradlinigen Charakter zu haben, zu dem der traurige Ausdruck in seinen Augen im Gegensatz stand.

Rashid dagegen wirkte ganz anders. Seine Gesichtszüge verrieten eine gewisse Ruhelosig- und gefährliche Reizbarkeit. Polly seufzte. Böse Kerle waren leider meist die attraktiveren. „Beide habe ich ganz sicher noch nie auf Shelton gesehen.“

Minty blätterte stöhnend in ihrem Notizbuch. „Diese schrecklichen Namen! Ihr Vater, der Kronprinz, heißt Khalid bin Abdullah bin Abdul-Aalee Al Baha.“

„‚Bin‘ heißt Sohn von“, erklärte Polly und umfasste ihre warme Teetasse. „‚Baha‘ist der Name des Stammes, dem die Verwandten des Königshauses angehören.“

„Trotzdem werde ich mir keinen dieser Namen merken können.“ Minty rieb sich die Schläfen. „Muss ich auch nicht, und du musst es auch nicht. Denk nur daran, dass du immer schön deine Haare und Schultern bedeckst und keine kurzen Röcke trägst, während du in Amrah bist. Dann wird schon nichts schiefgehen.“

„Das werde ich beherzigen.“ Polly streckte ihre langen Beine aus, die in hauchdünnen Strümpfen steckten. „Schade nur, dass ich gerade das Hübscheste an mir verstecken muss.“

„Stimmt. Es ist aber besser, als wegen unmoralischen Verhaltens in der Öffentlichkeit eingesperrt zu werden.“

„Sind sie dort wirklich so gnadenlos streng?“

„Keine Ahnung. Geh lieber auf Nummer sicher.“ Minty lachte auf. „Mach nicht so ein Gesicht. Du hast nichts zu befürchten. Ich stelle dir ein erfahrenes Team zur Seite.“

Polly nickte, obwohl sie nicht wirklich beruhigt war.

„Und der Historiker Matthew Wriggley, den ich engagiert habe, ist dabei, hochinteressantes Material über deine Ahnin Elizabeth Lewis zusammenzustellen. Du wirst begeistert sein.“ Sie begann, ihre Unterlagen in der Aktentasche zu verstauen. „Sorgen macht mir allerdings die Genehmigung zum Drehen. Ich fürchte, sie ist irgendwo in der Bürokratie stecken geblieben. Seit der Kronprinz krank geworden ist, scheinen in Amrah die Räder stillzustehen.“

Polly schwieg, trank erneut einen Schluck Tee und sah die Freundin erwartungsvoll an. Sie kannte Minty seit neun Jahren und wusste, dass diese noch nicht alles gesagt hatte.

„Wenn wir nicht bald die Genehmigung bekommen, werden wir das günstige Wetter verpassen. Deshalb musst du Scheich Rashid um Hilfe bitten und ihn davon überzeugen, dass wir mit unserem Film nichts Böses verfolgen.“

Polly runzelte die Stirn. „Sagtest du nicht, wir sollten uns an den ältesten Sohn des kranken Kronprinzen wenden?“

„Das wäre der offizielle Weg, denn er ist die rechte Hand seines Vaters. Es ist zurzeit jedoch vollkommen unmöglich, mit ihm Kontakt aufzunehmen.“

„Warum denn?“

„Weil er offenbar Tag und Nacht am Krankenbett seines Vaters sitzt. Es geht nur über Scheich Rashid …“ „Aha.“ „… von dem man weiß, dass er eine Schwäche für englische Blondinen hat.“

„Was für ein glücklicher Zufall.“

„Finde ich auch.“ Minty tat Süßstoff in ihren Tee. „Noch besser ist aber, dass er am kommenden Wochenende zu dem großen Wohltätigkeitsball bei euch auf Shelton erwartet wird. Deshalb müssen uns die Gründe, warum er nicht wie sein Bruder bei seinem Vater ist, herzlich wenig interessieren.“

Polly schüttelte den Kopf. „Sein Name steht nicht auf der Gästeliste.“

„Mag sein. Er kommt trotzdem. Und zwar in Begleitung des Duke of Aylesbury, der für weitere sechs Gäste hat reservieren lassen.“

„Woher zum Teufel weißt du, dass darunter der Scheich ist, wenn selbst ich davon keine Kenntnis habe?“

Minty machte ein unschuldiges Gesicht und zuckte die Schultern. „Auf einer langweiligen Dinnerparty habe ich neben einem betrunkenen und redseligen Ehemaligen aus Eton gesessen.“ Sie rührte ihren Tee um. „Kurzum: Hanif hat dort mit dem Duke of Aylesbury studiert, und die Freundschaft scheint sich auf den jüngeren Bruder ausgeweitet zu haben. Keine Ahnung, weshalb Rashid nach Shelton kommt, aber er wird dort erscheinen.“

Erstaunt schaute Polly ihre Freundin an.

„Es könnte das leidige Genehmigungsverfahren erheblich beschleunigen, wenn du deinen Charme als Schlossherrin spielen ließest und …“

„Wie bitte?“

Minty sah Polly an und lachte. „Du weißt schon, was ich meine. Zieh alle Register. Zeig ihm den Rembrandt oder etwas Ähnliches. Sprich über deine Mutter, die verwitwete Duchess, klimpere mit den Wimpern, und erwähne bloß nicht, dass du das Aschenputtel auf dem Schloss bist. Er wird dir zu Füßen liegen und uns die Drehgenehmigung …“ Irritiert schaute sie sich plötzlich um. „Was ist das für ein Geräusch?“

„Entschuldigung. Mein Handy. Ich habe vergessen, es auszustellen.“ Und schon hatte Polly sich hinuntergebeugt, um es aus ihrer Tasche zu fischen. Zu spät.

„Das war Anthony.“ Polly schaltete das Telefon aus. „Ich werde ihn nachher zurückrufen.“

„Gute Idee. Lass ihn ruhig schmoren. Es wird Zeit, dass er allein mit allem klarkommt.“

Polly rang sich ein kleines Lächeln ab. Nur aus Treue zu ihrem verstorbenen Stiefvater hielt sie sich zurück, wenn andere über Anthony schimpften.

„Wie lange ist Richard jetzt eigentlich schon tot?“, fragte Minty unvermittelt.

„Fast drei Jahre.“ Noch vier Monate und meine Mutter wird länger Witwe sein, als sie Richards Ehefrau war, dachte Polly. Unglaublich. Es war so viel geschehen seitdem.

„Eigentlich auch für Anthony lange genug, um in die Verantwortung hineingewachsen zu sein.“

Pollys Stiefbruder dachte nicht im Traum daran, Pflichten zu übernehmen.

„Und wenn seine Frau sich bequemen könnte, ihren Teil dazu beizutragen, wäre es auch nicht schlecht.“

„Sobald ich fort bin, müssen die beiden allein zurechtkommen!“

„Wir brauchen also dringend die Drehgenehmigung.“

„Ja“, sagte Polly schicksalergeben.

„Gut, dann versuch es auf deine Weise.“

„Mach ich.“ Polly wurde es schwer ums Herz bei dem Gedanken, Shelton zu verlassen, ohne es in guten Händen zu wissen.

Es gab dort so unendlich viel zu tun. Wer, wenn nicht sie, würde beispielsweise das Feuerwerks-Dinner organisieren oder den Ball am Valentinstag oder die Handwerksmesse, die jedes Jahr zu Ostern stattfand?

Alle diese Veranstaltungen waren wichtige Einkommensquellen, um Schloss Shelton in Familienbesitz zu halten. Warum das ausgerechnet ihr so am Herzen lag, wunderte Polly selbst immer wieder. Anthony müsste das doch viel mehr interessieren. Schließlich war er der Erbe des Besitzes. Er besaß das Privileg und die Pflicht, es für seine künftigen Kinder und Enkel zu bewahren.

Doch nicht er, sondern sie sah in Shelton eine Lebensaufgabe. Wenn sich daran nicht bald etwas änderte und sie nicht ihrer eigenen Wege ging, würde sie irgendwann mit leeren Händen dastehen.

Minty sah sie streng an. „Wir haben vereinbart, dass du Shelton verlässt.“

Ja, das hatten sie.

„Über kurz oder lang brauchst du eine Arbeit, für die du anständig bezahlt wirst“, erinnerte Minty sie.

Das stimmte. Polly musste ihr recht geben, obwohl das Gefühl ihr etwas ganz anderes sagte.

„Du hast weder Ersparnisse noch Einkünfte. Sogar eine solide Berufsaufbildung fehlt dir. Und du bist siebenundzwanzig.“

„Ja, ich weiß.“ Polly zerbrach sich zwar selten den Kopf darüber, doch ihr war bewusst, dass sie schon viel zu lange zögerte, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen.

Die Reise nach Amrah brachte vielleicht eine Lösung. Jedenfalls war sie der erste wirkliche Versuch, die Nabelschnur, die sie mit dem Schloss verband, zu durchtrennen.

„Gut. Dann sei nett zu Scheich Rashid, und ich sorge dafür, dass du vierundzwanzig Stunden nach Erhalt der Drehgenehmigung im Flugzeug sitzt.“

Sie sollte nett zu Scheich Rashid sein? Das war leichter gesagt als getan. An den Mann kam ja niemand heran. Um ihn unauffällig aus der Nähe beobachten zu können, flüchtete sich Polly hinter ein großes, extravagantes Blumenarrangement.

Statt wenigstens hin und wieder zu tanzen, saß der Prinz mit ausgestreckten Beinen und gelangweiltem Gesichtsausdruck am Tisch. Polly fand sein Benehmen hochmütig und unhöflich, ja geradezu ungezogen.

Keiner der Frauen, selbst wenn sie aussahen, als wären sie einem James-Bond-Film entsprungen, schenkte er die geringste Beachtung. Teilnahmslos nahm er es hin, umworben zu werden. Offenbar war er es gewohnt, überall, wo er auftauchte, im Mittelpunkt weiblichen Interesses zu stehen. Empörend!

Sosehr sein Verhalten Polly ärgerte, so wenig Verständnis hatte sie für seine Verehrerinnen. Gerade weil sie Herabsetzungen aller Art nur allzu gut kannte und die, übersehen zu werden, besonders erniedrigend fand, hielt sie einen würdevollen Rückzug für die einzig angemessene Antwort. Doch ihre Geschlechtsgenossinnen unternahmen aberwitzige Anstrengungen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Sie spielten sich auf, lächelten um die Wette und lachten zu laut.

All das machte es Polly völlig unmöglich, Mintys schlauen Plan auszuführen. Also blieb sie in ihrem Versteck und zermarterte sich den Kopf, was sie unternehmen könnte.

Minty würde sich gewiss einen Weg durch den Ballsaal bahnen, um mit einer Handbewegung alle Konkurrentinnen wie lästige Fliegen zu verscheuchen. Doch Polly war anders als ihre Freundin.

Außerdem hätte sie den Scheich auch unter günstigeren Umständen nur ungern angesprochen, denn mehr noch als auf den Fotos, die sie von ihm gesehen hatte, machte er in natura den Eindruck eines gefährlichen Frauenhelden.

Alles an ihm schüchterte sie ein. Er war zu groß, zu gut aussehend, zu selbstsicher, zu anziehend, zu kräftig. Er wirkte wie jemand, der mit der bloßen Hand Nüsse knacken konnte und nicht lange zögerte, auch Menschen zu zermalmen, falls er es für nötig hielt. Nach dem, was sie gelesen hatte, waren seine männlichen Vorfahren alle aus demselben Holz geschnitzt gewesen. Jahrhunderte dauernde Stammesfehden, Zeiten von Kolonialherrschaft und kriegerischen Aufständen hatten Amrah zu dem gemacht, was es heute war. Das musste auch seine Herrscher geformt haben.

Der Gedanke, dass ihre Ururgroßmutter eine, wenn auch unbedeutende Rolle in der Geschichte des Landes gespielt hatte, befremdete Polly immer mehr.

„Stimmt etwas nicht?“

Polly drehte sich zu ihrer Mutter um, die im Rollstuhl auf sie zugekommen war. „Nein, warum erkundigst du dich?“

„Du runzelst die Stirn, und ich habe mich gefragt, ob irgendetwas schiefgegangen ist.“

„Nein. Nichts, soweit ich weiß.“ Polly lächelte und stellte ihr volles Champagnerglas auf der Fensterbank ab. „Aber ich sollte vielleicht aufhören, etwas Derartiges zu befürchten.“

„Du hast wieder einmal alles perfekt vorbereitet. Das wollte ich dir sagen.“ Die Duchess griff nach Pollys Hand. „Anthony ahnt überhaupt nicht, wie viel Arbeit so ein Fest macht, aber ich weiß es. Du bist ein Organisationstalent.“

„Danke.“ Polly beugte sich hinunter und gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange. „Hast du alles, was du brauchst? Soll ich dir einen Drink holen?“

Die verwitwete Duchess lachte. „Um Himmels willen. Willst du, dass ich die Gewalt über meinen Rollstuhl verliere und die Gäste anfahre? Geh du nur deiner Wege.“

„Wenn du dich zurückziehen möchtest, lass mich rufen“, sagte Polly.

„Mach meinetwegen bitte keine Umstände. Ich komme allein zurecht. Nur eine Frage noch, weißt du, wer der Mann dort ist? Den habe ich noch nie hier gesehen.“

Polly folgte dem Blick ihrer Mutter. „Der am Tisch des Duke of Aylesbury? Der unter dem Gemälde sitzt? Das ist …“ Sie verstummte unvermittelt, denn er schaute in diesem Moment in ihre Richtung und ihr in die Augen.

Wie peinlich! Wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass sie ihn beobachtete. Trotzig richtete sie sich gerade auf, setzte ihr Gastgeberinnen-Lächeln auf und unterdrückte den Impuls zu prüfen, ob ihre Frisur noch saß.

Plötzlich beugte er sich zur Seite und sagte etwas zum Duke of Aylesbury, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Tapfer hob sie das Kinn.

Was war nur mit ihr los? Hatte sie etwa Angst? Was für ein Unsinn!

„Er sieht verärgert aus“, sagte ihre Mutter.

„Das ist Prinz Rashid bin Khalid bin Abdullah Al Baha.“ Der ellenlange Name kam Polly leicht über die Lippen, und erstaunlicherweise zitterte ihre Stimme nicht einmal dabei. Dann sah sie ihre Mutter an. „Warum glaubst du, dass er es ist?“

„Das weiß ich nicht. Vielleicht weil seine Miene so viel Kompromisslosigkeit ausdrückt. Ich hoffe nur, Anthony versucht nicht, Geschäfte mit ihm zu machen. Er würde gewiss den Kürzeren ziehen“, erwiderte ihre Mutter und setzte dann den Rollstuhl in Gang.

Polly sah ihr einen Moment lang nach, vermied es dabei jedoch tunlichst, zum Prinzen von Amrah hinüberzuschauen, und eilte dann zur Galerie. Dabei meinte sie den bohrenden Blick des Scheichs im Rücken zu spüren und fürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren. Die Koordination von Armen und Beinen fiel ihr plötzlich schwer, und sie wusste nicht wohin mit ihren Händen. Seit der Pubertät hatte sie sich nicht mehr so sehr auf dem Präsentierteller gefühlt.

Vor Erleichterung seufzend öffnete sie schließlich die Tür zur Bibliothek und rieb sich die Arme, die eine Gänsehaut bekommen hatten. Was war nur los mit ihr? Sie hatte doch in den vergangenen sechs Jahren gelernt, sich vor solchen hochnäsigen Menschen zu schützen. Sollten sie ruhig auf sie herabsehen! Es berührte sie nicht. Sie konnten ihr nichts anhaben, solange sie es nicht zuließ.

Doch …

Irgendwie verfehlten ihre Überlegungen diesmal die gewohnte Wirkung. Da war etwas. Etwas, das sie nicht recht fassen konnte. Doch irgendetwas sagte ihr, dass Scheich Rashids Verstimmung nichts mit ihrer bürgerlichen Herkunft zu tun hatte.

Nein, sein Blick hatte etwas anderes ausgedrückt. Er hatte sie angesehen, als wäre sie …

Himmel, warum fiel ihr das Wort nicht ein? Er hatte sie angeschaut, als wäre sie seine Feindin. Ja, so war es gewesen. Und so, als hätte er nur mit Mühe seinen Ärger unterdrücken können.

Polly schüttelte den Kopf. Ihr Eindruck war lächerlich. Hatten ihr sein dunkles Haar, die bronzebraune Haut und die leuchtend blauen Augen den gesunden Menschenverstand geraubt? Sie kannte ihn doch gar nicht und er sie auch nicht.

Oder verband er mit ihrem Gesicht ihren Antrag, in Amrah drehen zu dürfen, weil er in diesem Zusammenhang ein Foto von ihr gesehen hatte? War das eine Erklärung? Wohl kaum. Wenn er etwas dagegen hatte, konnte er dem Team die Einreise verwehren, und Minty wäre machtlos dagegen. Es gibt also keinen Grund für ihn, irgendeinen feindseligen Gedanken an mich zu verschwenden, überlegte Polly.

Für sie sah die Sache allerdings anders aus. Was sollte sie tun, wenn Scheich Rashid das Projekt zum Scheitern brachte? Würde sie es jemals schaffen, Shelton zu verlassen und ihr Leben zu verändern?

Der Geruch von Leder, Möbelpolitur und alten Büchern stieg ihr in die Nase. Diesen Raum des Schlosses liebte sie besonders.

„Alles in Ordnung, Miss Polly?“ Der alte Butler ihres Stiefvaters kam auf sie zu.

„Ja, ich will mich nur vergewissern, ob alle Vorbereitungen für das Feuerwerk getroffen sind.“

„Die Pyrotechniker halten sich bereit.“ Sein Blick verriet keine Gefühlsregung.

Polly lächelte und raffte den Rock ihres leuchtend blauen Abendkleides. „Dann haben wir es fast geschafft. Wenn es nicht doch noch zu regnen anfängt, geht es pünktlich um Mitternacht los.“

„Ja, Miss Polly.“

Miss Polly. Sie mochte es, wie Henry Phillips sie ansprach. Damit drückte er zartfühlend aus, dass sie zwar irgendwie zur herzoglichen Familie gehörte, aber eben doch nicht ganz. Sie würde immer die Tochter der Haushälterin bleiben, die der vierzehnte Duke of Missenden nur ein paar Jahre vor seinem Tod geheiratet hatte.

An der besonderen Beziehung zwischen ihr und dem Butler hatte sich kaum etwas geändert, seit sie so etwas wie ein Mitglied der herzoglichen Familie geworden war. Weder er noch sie würden jemals vergessen, wie er sie nach dem Tod ihres leiblichen Vaters in der Küche mit heißer, gesüßter Milch getröstet hatte.

„Henry …?“ Ihr war etwas eingefallen. „Was wissen Sie über Scheich Rashid Al Baha? Er war doch noch nie auf Shelton, oder?“

„Nein.“ Der Butler lächelte, was selten geschah. „Ich nehme an, er ist der Käufer von Golden Mile.“

„Er allein?“

„Das vermute ich.“

„Dann muss der Mann reich sein.“

„Schwerreich wohl eher.“ Wieder lächelte Henry Phillips. „Aus der Portokasse hat er das Pferd bestimmt nicht bezahlt, und der Kauf wird ihn vermutlich nicht viel ärmer gemacht haben.“

„Merkwürdig. Dann hätte er doch schon früher einmal hier auf Shelton gewesen sein müssen“, sagte Polly nachdenklich.

„Wahrscheinlich hat er die Verhandlungen von Agenten führen lassen. Seiner Durchlaucht und dem anonymen Käufer von Golden Mile war an einer diskreten Transaktion gelegen.“

„Aha.“

„Warum fragen Sie, Miss Polly?“

„Ach nur so.“ Ihr war plötzlich in den Sinn gekommen, dass Rashid Al Bahas eiskalter Blick vielleicht etwas mit Anthony zu tun haben könnte. Ihr Stiefbruder verstand es, sich Feinde zu machen.

„Stimmt es, dass Anthony und der Scheich sich heute getroffen haben?“

Der Butler nickte.

„Gab es Streit?“

„Für einen Prinzen seines Kulturkreises wäre das mehr als ungewöhnlich, schätze ich. Die beiden haben sich höflich miteinander unterhalten, aber …“, Henry suchte nach dem richtigen Wort, „aber irgendwie unterkühlt.“

Unbegreiflich. Reiche Prinzen aus dem Orient behandelte Anthony gewöhnlich mit ausgesuchtem Charme. Wenn es ihm nützte, konnte er sich sehr liebenswürdig geben. Irgendetwas musste zwischen den beiden vorgefallen sein.

Vielleicht hatte Rashid Al Baha sie deshalb so durchdringend angesehen.

2. KAPITEL

Rashid bemerkte, wie seine Tischdame an ihrer Diamantenkette fingerte, und war wieder einmal schrecklich gelangweilt. Im Heimatland seiner Mutter, wo er einen Großteil seiner Erziehung genossen hatte, fühlte er sich nicht wohl, und die meisten Menschen, die er hier traf, ließen ihn kalt.

Leer und seelenlos kamen sie ihm vor. Auch das Verhalten dieser jungen Frau befremdete ihn. War ihr denn nicht klar, dass er weder sie noch eine andere ihresgleichen zur Mutter seiner Kinder wählen würde?

Wieder spielte die Brünette aufreizend mit ihrem Schmuck, um seinen Blick auf den tiefen Ausschnitt ihres Kleides zu lenken. Die Zeiten, in denen solche Avancen Reiz auf ihn ausgeübt hatten, waren noch nicht lange vorbei. Früher hatte er sich gedankenlos ins Vergnügen gestürzt und sich darüber gefreut, dass europäische Frauen die Beziehung zu einem Mann offenbar ziemlich leichtnahmen.

„Sind Sie nächste Woche in London?“

Rashid drehte das Champagnerglas zwischen den Fingern, während er die perlende Flüssigkeit betrachtete. Er hatte noch nicht weiter darüber nachgedacht, was die Mutter seiner Kinder auszeichnen sollte. Das konnte er immer noch tun. Die Angelegenheit drängte ja nicht.

Doch irgendetwas hatte sich seit Kurzem verändert. Er begann, Skrupel zu entwickeln und sich nach etwas anderem zu sehnen als oberflächlichem Vergnügen. War es nur natürlich, dass ein Mann eines Tages das Bedürfnis verspürte, sich fortzupflanzen? Sich mit der Zukunft zu beschäftigen? Nach etwas zu suchen, das über sein eigenes Leben hinausging?

War er deshalb zunehmend unzufrieden? Sehnte er sich nach einem sinnvolleren Dasein?

„Ich fahre heute noch nach London zurück.“ Die Frau legte ihm eine Hand auf den Unterarm. „Es wäre doch schön, wenn wir die Zeit bis zu Ihrer Abreise miteinander verbringen könnten.“

„Nein.“ Er hätte sich auf die Zunge beißen mögen wegen seiner schrecklichen Unhöflichkeit. Entschuldigend zuckte er die Schulter. „Sie wissen es wahrscheinlich nicht, aber mein Vater …“

Er verstummte unvermittelt. Die Ärzte taten ihr Bestes, trotzdem konnte keiner vorhersagen, wie es in den kommenden Tagen, Wochen oder Monaten weitergehen würde.

Die junge Frau beugte sich vor und berührte nun seine Hand.

Doch Rashid konnte in ihrem Gesicht keine Spur von Mitgefühl erkennen. Ihre Augen blickten vollkommen unbeteiligt.

Mit solchen Menschen mochte er sich nicht länger beschäftigen. Am liebsten wäre er aufgesprungen und verschwunden. Er brauchte Luft zum Atmen.

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