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Amors Sklavin

1

Viktorianische Unterwäsche hat etwas wunderbar Verdorbenes an sich.

Nachdem ich mir meinen Zweiteiler angezogen hatte, konnte ich nicht anders, als zum Spiegel zu gehen, mich umzudrehen und den Saum hochzuziehen, um meinen nackten Hintern aufblitzen zu lassen. Ich kicherte vor mich hin, während ich mich anzog, und fühlte mich nur ein klitzekleines bisschen kindisch und ein ebenso klitzekleines bisschen erregt. Es machte Spaß, was herzuzeigen, und es machte auch Spaß, sich ganz im Stil der letzten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts zu kleiden, selbst wenn die Besucher nur mein Kleid zu sehen bekommen würden und, falls sie Glück hatten, auch ein wenig entblößten Knöchel.

Das ist es, was viktorianische Kleidung so faszinierend macht. Es ist viel verführerischer, von Kopf bis Fuß mit Stoff verhüllt zu sein, als, sagen wir, einen Bikini zu tragen, der jedem alles zeigt. Ich ziehe es auf jeden Fall vor und war froh, einen Job gefunden zu haben, in dem ich mich ganz meinen Vorlieben hingeben konnte, ohne gleich für verrückt gehalten zu werden.

Daher rührte auch das Lächeln auf meinem Gesicht, während ich mich anzog, denn ich hatte nicht nur den idealen Job an Land gezogen, sondern auch den schönsten Ort zum Wohnen gefunden, und das auch noch mietfrei. Die meisten Menschen halten Hausmeister für einen Job, der auf der sozialen Rangliste so weit unten steht, wie es nur möglich ist. Mich kümmerte es nicht – nicht, wenn ich Hausmeister in Elmcote Hall sein konnte. Ich war gleichzeitig auch noch Touristenführer, Manager, Chefkoch und Tellerwäscher in einem, da die Stiftung sich kein weiteres Personal leisten konnte. Für mich war das in Ordnung. Um ehrlich zu sein, war es sogar perfekt.

Die Vorstellung, Besuchergruppen umherzuführen und mich ihnen zu präsentieren, machte mich am ersten Tag ein wenig nervös. In meinem Vorstellungsgespräch hatte ich den Verwaltern versichert, wie gut ich »mit Menschen« konnte. Sie hatten es geschluckt, auch wenn die Entscheidung wahrscheinlich durch meine Promotion über Elgar Vaughan, notorischer Okkultist und der letzte Spross seiner Familie, der Elmcote Hall bewohnt hatte, begünstigt wurde. Gut mit Menschen oder nicht, zumindest wusste ich, worüber ich sprach.

Ich hatte die Kniestrümpfe, die Unterwäsche und meine niedlichen Stiefel mit den viereckigen Absätzen übergestreift; als Nächstes kam das Korsett dran. Es ist wichtig, erst die Stiefel anzuziehen, denn sobald das Korsett geschnürt ist, braucht es schon Yoga aus der fortgeschrittenen Klasse, um an seine Füße zu kommen. Mein Korsett war maßgeschneidert – meine Belohnung an mich selbst dafür, dass ich meine Doktorarbeit pünktlich abgegeben hatte. Es besaß die klassische S-Form und reichte von meiner Brust bis zur Mitte meines Hinterns. Die einzige Möglichkeit, es ohne eine Zofe oder einen hilfsbereiten Gentleman anzuziehen, war, erst die Schnürung zuzuziehen, tief einzuatmen und dann die Schließen auf der Vorderseite nach und nach zu schließen, während man selbst langsam blau anlief.

Das angenehm enge Gefühl war die Mühe wert. Außerdem mochte ich, wie es meine Brüste und meinen Hintern betonte, ohne nackte Haut zu zeigen. Ich war in Baumwolle, Satin und Spitze gehüllt – ich zeigte nichts, fühlte mich aber trotzdem unanständig. Immerhin trug ich nur Unterwäsche, und alles, was ein hypothetischer Gentleman tun musste, war, mich in seine Arme zu nehmen, mich zu küssen und mein Höschen auf der Rückseite zu öffnen, et voilà!

Leider war kein Mann in Sicht, und ich musste in genau zehn Minuten eine Wagenladung amerikanischer Touristen in Empfang nehmen. Eine Schande, denn eigentlich hätte ich mich jetzt am liebsten auf das Bett gekniet und mich selbst zu einem langsamen und genüsslichen Orgasmus gebracht, während ich mich selbst dabei im Spiegel beobachtete. Aber für derlei Frivolitäten blieb mir keine Zeit.

Das war das Problem daran, dass ich diesen Job ganz allein erledigte. Ich konnte natürlich Leute von außerhalb anheuern, theoretisch konnte ich sogar eigene Verträge mit ihnen abschließen, aber jeder Penny musste ausgewiesen und finanziell begründet werden. Mein Wissen über Buchhaltung war, gelinde gesagt, klein, aber ich konnte ja dazulernen. Im Bewerbungsgespräch hatte man mir gesagt, dass von mir erwartet wurde, bei jeder Gelegenheit Geld zu sparen. Immerhin hatten sie mich auch gefragt, ob ich mich sicher genug fühlte, alles alleine zu schaffen, aber ich hatte ihnen versichert, dass das kein Problem darstellte. Ganz allein für Elmcote Hall verantwortlich zu sein, war genau das, was ich mir wünschte.

Seit ich das erste Mal von diesem Ort gehört hatte, war es ein Traum von mir, hier zu leben. Ich war ein eifriges, aber recht schüchternes Mädchen in der Schule und sammelte mehr Wissen an als meine Mitschülerinnen, um die coolen, mutigen Gothic Girls zu beeindrucken. Ich scheiterte kläglich damit, denn alles, wofür sie sich wirklich interessierten, war Musik, Make-up und Schmuck. Es ging nur um das Äußere, ohne jede Substanz.

Die meisten von ihnen hatten noch nie etwas von Elgar Vaughan gehört, auch nicht von Mathers, Crowley oder Becket. Einige von ihnen kannten nicht einmal Shelley oder Stoker. Es war hoffnungslos. Unsere Interessen waren zu verschieden, und ich gab auf und verlor den Kontakt zu ihnen, als ich auf die Universität ging. Dort fand ich besser Anschluss unter den Akademikern und ähnlich denkenden Studenten, aber irgendwie fand ich nie die richtige Person für mich, und als ich die Uni verließ, brach auch der Kontakt zu ihnen ab.

Dann hatte ich mich meiner Promotion gewidmet – drei Jahre intensiver intellektueller Lernarbeit. Dabei hatte ich hin und wieder einen Freund oder einen Liebhaber, aber niemand Besonderen. Es war nicht so, dass ich von Natur aus ein Einzelgänger war; es hatte sich mit der Zeit einfach so ergeben. Es lag wohl daran, dass ich es nie geschafft hatte, mich mit den richtigen Leuten zu umgeben. Jetzt lebte ich allein. Meine Eltern genossen ihren luxuriösen Ruhestand, und es gab kaum noch eine Verbindung zu meinem alten Leben, aber ich bereute es nicht. Ich hatte vielleicht keinen Anschluss, aber zumindest meinen Ort gefunden.

Seit ich aus der Dusche gekommen war, war ich jedes Detail noch einmal durchgegangen, jetzt beeilte ich mich aber, meine Unterröcke und das Kleid anzuziehen, und fluchte leise vor mich hin, während ich mit den Verschlüssen kämpfte. Sobald ich sie bewältigt hatte, fehlten nur noch Handschuhe, Hut, Schal und Sonnenschirm, und ich war fertig – bis auf das Haar und das Make-up. Das hatte ich völlig vergessen. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, über Elmcote Hall und die erotischen Möglichkeiten viktorianischer Kleidung zu fantasieren.

Keine Dame aus dieser Periode über sechzehn hätte es sich träumen lassen, mit offenen Haaren, die ihr bis zur Taille fielen, und ohne Make-up gesehen zu werden. Ich ließ den Schirm fallen, zog Schal, Hut und Handschuhe aus und war nach fünf hastigen Minuten vor dem Spiegel fertig. Vielleicht waren es ein wenig mehr als fünf Minuten, denn als ich die Treppe hinunterlief und die Einfahrt betrat, stand dort ein großer rotblauer Bus, um den sich mindestens fünfzig Touristen scharten. Einer von ihnen schien für die anderen eine Art Tour anzufangen.

Es hätte mein großer Auftritt werden sollen: Sophie Page gleitet majestätisch aus der Tür von Elmcote Hall, grüßt und knickst vor der versammelten Menge, das alles natürlich auf freundliche aber würdevolle Weise, die dem Zeitalter und ihrer Umgebung gerecht wurde. Stattdessen erntete ich nur ein paar neugierige Blicke, als ich mich hinter dem unverschämt großen Mann aufbaute, der gerade erklärte, dass die Einfahrt nicht deshalb halb mit Kies bedeckt war, weil wir die Handwerker im Haus hatten.

»Entschuldigen Sie bitte.«

Er drehte sich um und entblößte damit ein zerfurchtes Gesicht unter einem Wust schwarzer Haare. Er wirkte wie ein römischer Kaiser, der sich nicht entscheiden konnte, ob er verkommen oder gebieterisch wirken wollte. Etwas an seinem Gesicht erinnerte mich an jemanden, dessen Züge ich sehr gut kannte – Elgar Vaughan nämlich –, aber ich schob das auf meine übereifrige Vorstellungskraft. Zum Glück bemerkte er, dass ich aus gutem Grund in voller viktorianischer Montur hinter ihm aufgetaucht war, und trat zur Seite. Er bedeutete mir mit freundlichem, aber doch herablassendem Lächeln vorzutreten.

»Ich nehme an, Sie sind unsere Führung?«

»Ja, vielen Dank. Also, guten Morgen, Ladies and Gentlemen. Ich bin Sophie Page und werde Sie heute durch Elmcote Hall führen. Wie Mr …?«

»Richard Fox.«

»Wie Richard – Mr. Fox bereits gesagt hat, hat sich seit dem Einsturz des Turms 1916 nur wenig geändert. Elgar Vaughan, damals 36 Jahre alt, hatte nicht damit gerechnet, so früh zu sterben, und daher auch kein Testament hinterlassen. Zumindest wurde kein Testament gefunden. Elmcote Hall fiel daher an seinen nächsten Verwandten, einen Cousin, der im Dienst des Botschafters in Indien stand. Da der Cousin vom Ruf von Elmcote Hall wusste …«

Verwirrt hielt ich inne; ich hatte nicht mit dem Anfang meiner sorgfältig vorbereiteten Erläuterungen begonnen, sondern mit dem Ende. Richard Fox hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht, und das Einzige, was ich tun konnte, war, von vorne zu beginnen, sonst würde ich mich völlig verheddern.

»Ladies and Gentlemen, willkommen in Elmcote Hall, oder, genauer gesagt, in den Ruinen von Elmcote Hall, da, wie Sie sehen können, nur noch ein Flügel bewohnbar ist. Elmcote Hall wurde 1832 erbaut, auf dem Grundstück des alten Herrenhauses. Seinen Namen verdankt es Henry Vaughan, einem Freund und Schüler von William Beckford, dem wichtigsten Vertreter des neugotischen Stils, dessen Einflüsse sie in der Architektur und dem, äh, eingestürzten Turm sehen können.«

Ich lächelte und hoffte, ein oder zwei Lacher zu ernten oder wenigstens ein Lächeln, das mir zeigte, dass der Witz angekommen war. Alles, was ich bekam, waren leere Blicke, in denen sich ein wenig Erwartung spiegelte, bis auf Richard Fox. Er kicherte trocken, was bedeutete, dass er wenigstens über Beckford und den Einsturz von Fonthill Abbey Bescheid wusste. Er stieg in meiner Wertschätzung, während ich fortfuhr und über die Einfahrt lief.

»Wenn Sie mir bitte hier entlang folgen wollen«, fuhr ich fort. »Henry Vaughan mochte vielleicht dem gotischen Ideal folgen, aber ansonsten war sein Leben eher unromantisch. Sein Vermögen hatte er im Textilhandel gemacht, auch wenn er in den letzten Jahren seines Lebens sein Möglichstes tat, um dies zu vertuschen. Sein Neffe, George Vaughan, erbte das Anwesen später. Er war ein eher bodenständiger Mann, dessen größter Beitrag zu Elmcote die gepflegten Gärten sind. Sein Onkel hatte den Boden bewusst urwüchsig hinterlassen, so, wie er sich jetzt auch darstellt.«

»Ich bin nicht sicher, ob das ganz stimmt.«

Ich drehte mich lächelnd zu dem Redner um, als hätte ich nicht vorher gewusst, um wen es sich handelte, und kam ihm zuvor, meinen Schnitzer auszubügeln, ehe er es tun konnte.

»Ich weiß, was Sie sagen wollen, Mr Fox. Ja, Henry Vaughans sogenannte Wildnis war natürlich nicht urwüchsig gewachsen, sondern künstlich erzeugt, um eine gotische Atmosphäre zu kreieren. Dennoch pflanzte er nur ortsansässige Pflanzenarten und ließ sie einfach wachsen, so, wie sie heute auch sind. Mit Ausnahme der Gartenpagoden und der Wege …«

Ich hatte mich wieder selbst überholt, hielt inne und lächelte noch immer, auch wenn ich ihn stumm verfluchte.

»George Vaughan machte daraus einen gepflegten Garten, von dem nur noch der mit Linden gesäumte Weg, der Hauptrasen und die Baumschule existieren. Er wurde 1807 geboren und starb 1889. Damit überlebte er seine beiden Söhne, Henry und William, und seinen Enkelsohn, Albert, der das Anwesen eigentlich zur gegebenen Zeit erben sollte. Die Situation war daher mehr als ungewöhnlich: Ein alter Mann in seinen Siebzigern lebte allein in diesem Haus, abgesehen von einer alten Haushälterin, einer Krankenpflegerin und seinem Urenkel, Elgar Vaughan. Es wäre eine Untertreibung zu sagen, dass die Erziehung des Jungen exzentrisch gewesen wäre. Sein Urgroßvater war senil geworden, was wahrscheinlich an den zahlreichen Wasserleitungen aus Blei lag, die das Haus versorgten. Er wanderte oft ziellos durch das Haus und die Gärten, eine schlurfende, vor sich hinmurmelnde Gestalt, die dank ihrer Größe und massigen Figur noch immer beeindruckend war. Wir wissen nicht, worüber er sich mit dem jungen Elgar Vaughan unterhielt, aber es waren sicher nicht die üblichen Gespräche zwischen Urenkel und Urgroßvater.«

»Es heißt, dass der alte George den jungen Elgar durch das Haus verfolgte und dabei ein Bärenfell samt Kopf trug«, unterbrach Fox mich.

»Tatsächlich?«

»Ja.«

»Oh, ich wünschte, ich hätte das gewusst, als ich an meiner Doktorarbeit gearbeitet habe. Ich danke Ihnen, Mr Fox.«

»Es war mir ein Vergnügen, Miss Page.«

Er verbeugte sich ein wenig; die Geste hatte etwas Höfliches, aber zugleich auch etwas Spottendes an sich. Ich fuhr in meinen Erklärungen fort; wir hatten das Ende des Hauses erreicht, von dem aus man direkt auf den Kalksteinpfad blicken konnte und auf den Tempel des Baphomet am anderen Ende. Ich war völlig aus dem Konzept.

»Wie ich bereits sagte, konnte man ihn kaum konventionell nennen. Die Haushälterin, Mrs Rourke –«

»Mrs O’Rourke.«

»Mrs O’Rourke – danke noch einmal, Mr Fox – hatte wohl etwas von einem Gauleiter an sich, sie hielt einen Bereich des Hauses unter ständigem Verschluss und schwang nur allzu gern die Peitsche, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Name des Kindermädchens war Florence Zeals – ich nehme an, Mr Fox wird mich korrigieren, falls ich falsch liege.«

»Nein, der Name ist richtig.«

»Ich bin froh, das zu hören. Also, Florence hatte einen Narren an Elgar Vaughan gefressen und tat ihr Bestes, um ihn zu verwöhnen. Zweifellos hatte sie großen Einfluss auf Elgar, und man kann sogar sagen, dass sie die einzige Person war, die Elgar etwas bedeutete. Denn als sie starb, begrub er sie hier auf dem Grundstück, unter dem, was später der Tempel der Gaia werden sollte, der Mutter der Erde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Elgar schon zehn Jahre in Internaten hinter sich: in Quaintin Hall in Buckinghamshire und Eton. Keine der beiden Einrichtungen scheint großen Einfluss auf seine Persönlichkeit gehabt zu haben, dafür traf er dort auf viele einflussreiche Freunde.«

Ich fand allmählich zu meinem Rhythmus und betrat den Lindenweg.

»Elgar wurde 1880 geboren und war somit noch ein Kind, als George Vaughan starb. Für den Rest seiner Kindheit wurde das Grundstück von Treuhändern verwaltet und ziemlich vernachlässigt, sodass Mrs O’Rourke freie Hand im Haus hatte. Das Erste, was Elgar tat, als er volljährig wurde, war, die Treuhänder zu entlassen. Als Nächstes feuerte er Mrs O’Rourke. Wenige Monate später starb Florence Zeals, und damit war auch das letzte Hindernis beseitigt, das ihn von der Entfaltung seiner Persönlichkeit abgehalten hatte.

Dem widmete er sich ab sofort. Er war reich, unabhängig und niemandem Rechenschaft schuldig. So machte er sich daran, die Einflüsse aus seiner Kindheit lebendig werden zu lassen – Rätsel, verschlossene Türen, Geheimnisse und strenge Disziplin. Oft setzte er aber auch das genaue Gegenteil um. Die von Henry Vaughan erschaffene Bibliothek blieb erhalten und wurde über die Jahrzehnte kaum verändert. Sie beherbergte die klassischen Werke, viele Bücher über das Okkulte oder die Alchemie, gotische Gruselgeschichten und einiges mehr. All das hatte Elgar Vaughan aufgesogen, und man braucht nur einen Blick auf die Tempel zu werfen, die er auf seinem Grundstück errichten ließ, um die erstaunliche Verbindung antiker und mittelalterlicher Ideen zu bewundern. Wenn man nur einmal am Ende des Kalksteinweges den Tempel des Baphomet betrachtet, einer der wichtigsten Orte, den er aufsuchte, um zu beten –«

»Tempel von Baphomet-Lilith; er steht für die sexuelle Dualität, die einen essenziellen Teil von Elgar Vaughans Glaubensbild ausmacht.«

»Natürlich, Sie haben recht, Mr Fox, auch wenn ich nicht vorhatte, so sehr auf die theologischen Details einzugehen. Der Tempel, den Sie hier sehen, ist fünfeckig. Er wurde aus schwarzem Granit erbaut und folgt fast übertrieben dem gotischen Baustil. Sehen Sie, die Schnitzereien sind nicht bloße Dekoration, sondern haben eine Bedeutung – jede von ihnen repräsentiert ein Element aus Vaughans Glaubenssystem. Direkt vor uns sehen Sie beispielsweise Baphomet selbst. Er wird als Ziegendämon dargestellt, eine Gestalt mit Flügeln, deren Kopf und Unterkörper dem einer Ziege nachempfunden sind, im Stil von Eliphas Levi, einem anderen wichtigen Okkultisten des 19. Jahrhunderts. Der, äh, fleischige Mann mit den Trauben im Haar an Baphomets rechter Seite stellt Dionysos dar, den griechischen Gott des Weines, während zu seiner Linken Lilith –«

»Den Grünen Mann sollte man auch gesehen haben«, unterbrach Fox mich. »Er befindet sich auf der Rückseite.«

Eigentlich hatte ich ihnen den Grünen Mann nicht zeigen wollen, aber es war zu spät. Richard Fox bewegte sich bereits auf die Rückseite des Tempels zu, und die Hälfte der Gruppe folgte ihm. Einer älteren Matrone, in türkisfarbenem und rotem Spandex gekleidet, stand bereits der Mund offen, und ich wusste, dass sie ihn bereits entdeckt hatten. Ich hatte keine andere Wahl, als ihnen zu folgen.

Elgar Vaughans Grüner Mann besaß die üblichen Gesichtszüge, wie auf anderen Darstellungen: der barsche Blick und der offene Mund, der Laub ausspuckte. Anders als die meisten anderen Darstellungen des Grünen Mannes besaß dieser auch einen Körper. Er war fast vollständig von Laubverzierungen verdeckt, bis auf seine Genitalien, die riesig und so detailliert dargestellt waren, dass es schon grotesk wirkte. Er war erigiert, eindeutig erigiert, und die große runde Eichel reichte ihm bis zur Schulter. Der mit Adern übersäte Schaft schien lebendig zu pulsieren, und die riesigen Hoden wirkten, als wären sie prall gefüllt mit Sperma. Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, ließ ihn die Kombination aus seinem Gesichtsausdruck und der offensichtlichen Erregung gefährlich und obszön wirken. Man wusste genau, was er mit einem vorhatte.

Als ich ihn das erste Mal gesehen hatte, war ich schockiert gewesen, und den Besuchern erging es nicht anders. Ich hörte irgendwen »Gottlos« sagen, ignorierte es aber und wartete geduldig ab, bis alle einen Blick darauf geworfen hatten, ehe ich mit der Tour fortfuhr. Immerhin hatten sie wahrscheinlich gewusst, worauf sie sich einließen, als sie die Tour gebucht hatten.

Ich war mir sicher, Richard Fox würde wieder irgendeine lustige Bemerkung auf meine Kosten machen, doch diesmal schwieg er, und ich konnte fortfahren. Die meisten anderen Tempel und Pagoden waren so überwuchert, dass sie nicht zu betreten waren; einige waren nicht einmal mehr sichtbar. Man erwartete von mir, dass ich Wege zu ihnen freimachte, doch die Entscheidung, zu welchen, lag bei mir. Bisher hatte ich es nur geschafft, den Weg zu Henry Vaughans Gruft freizumachen, ein massives Grab aus weißem Marmor, das nun in einen dicken Mantel aus verschlungenem Efeu gehüllt war.

Die Touristen folgten mir ohne weitere Kommentare, selbst Richard Fox stellte nur hin und wieder eine Frage, die zu beantworten mir keine Probleme machte. Ich zeigte ihnen die Überreste von George Vaughans ehemals gepflegtem Garten, die Tempel im tieferen Wald und die Ruinen des Ostflügels, mit den nach außen offenen Zimmern, dort, wo der Turm in sie hineingestürzt war und die Wände niedergerissen hatte. Dazu gehörte auch das Arbeitszimmer.

»… wo das bekannteste Ereignis aus Elgar Vaughans Leben stattfand, sein Zusammentreffen und die darauffolgende Auseinandersetzung mit Aleister Crowley und Samuel Liddell Mathers. Offenbar erwarteten sie von Vaughan, dass er dem Orden des Golden Dawn als Novize beitrat und sich seinen Weg nach oben erarbeitete, sodass sie Elmcote Hall als Hauptquartier nutzen konnten. Vaughan war sowohl stolz als auch arrogant und lehnte ab; schlussendlich warf er beide hinaus. Hätte er sich anders entschieden, wäre die gesamte Geschichte des Okkultismus im 20. Jahrhunderts heute eine andere.

Nach dem Zwischenfall mit Crowley und Mathers begann Elgar Vaughan, eigene Schüler um sich zu versammeln. Viele jüngere Mitglieder des Ordens des Golden Dawn waren durch die Hierarchie und die internen Machtkämpfe desillusioniert und bevorzugten Vaughans weniger starres System und vor allem die Ansicht, dass die Hingabe zu allerlei Genüssen eine Form der Anbetung darstellte. Der Kern seiner Theorie besagte, dass, wenn uns der Schöpfer die Fähigkeit verliehen hat, mit unserem Körper Genuss zu empfinden, es keine bessere Form der Verehrung gibt, als die, mit unseren Sinnen alles zur Neige auszukosten. Einiges von dem, was Vaughan tat, mochte nicht ganz mit seiner eigenen Philosophie übereinstimmen, aber jetzt, knapp hundert Jahre nach den Geschehnissen, ist es schwer auseinanderzuhalten, was Vorwürfe seiner Kritiker waren und was lüsterne Spekulationen.«

Sie umrundeten die Ecke des Ostflügels und erreichten die Überreste des Turmes. Der große, mit Flügeln ausgestattete Wasserspeier stand noch immer, wie betrunken, auf den Ruinen. Ich nannte ihnen einige Fakten, ein paar Anschuldigungen und ein wenig von den lüsternen Spekulationen; nur das harmlosere Zeug. Deswegen schienen sie gekommen zu sein, zumindest sprachen ihre selbstgerechten Laute der Empörung und des Schocks für diesen Eindruck. Als wir zur Einfahrt zurückkehrten, erreichte ich endlich den Punkt, an dem ich begonnen hatte.

»… zu einem abrupten Stillstand, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Trotz seines Glaubens war Elgar Vaughan ein Patriot und meldete sich mit der ersten Welle von Freiwilligen, sowie es auch die Schüler aus seinem Zirkel taten, der sich Sabbat Aceras nannte –«

»Wie der Hängende Mensch, eine Orchideen-Art, die George Vaughan hier anbaute. Dabei handelt es sich natürlich um ein Wortspiel, das auf den Grünen Mann anspielt.«

»Ich danke Ihnen, Mr Fox. Die weiblichen Mitglieder des Zirkels, mit Ausnahme von zwei Damen, die den Haushalt führten, wurden sehr bald in das Kriegshandwerk eingebunden. Insgesamt zogen dreizehn Mitglieder des Zirkels in den Krieg, und alle sieben männlichen Mitglieder starben dabei. Vaughans fantasiereichere Kommentatoren und auch seine Kritiker behaupteten, dass dies die Auswirkungen eines Fluchs oder sogar göttlicher Gerechtigkeit wären. Ich schätze aber, dass die Wahrheit wesentlich banaler ist. Vaughan, und wahrscheinlich auch die anderen, dachten, dass sie unsterblich wären, wenn sie die Erleuchtung erlangt und bestimmte Rituale vollzogen hätten. Wir wissen mit Sicherheit, dass sie mutig, aber leichtsinnig kämpften, und die Konsequenzen dieses Handelns waren unausweichlich. Vaughan trat dem Royal Flying Corps bei und wurde im Mai 1916 über den Schützengräben von Ypern abgeschossen.

Eine Sache lässt sich jedoch nicht so leicht erklären. An dem Tag, wahrscheinlich sogar in der Stunde, als Elgar Vaughan starb, stürzte der Turm von Elmcote Hall ein. Er stand genau hier und überragte mit seinen 55 Metern die Haupthalle – ein Monument gotischer Extravaganz. Alles, was von ihm übrig geblieben ist, sind diese Ruinen.

Die sechs weiblichen Mitglieder überlebten den Krieg, doch ohne Vaughan als Gönner starb der Zirkel schnell aus, und seine Anhänger zerstreuten sich in alle Richtungen. Alice Scott war von den sechs Frauen die, die am längsten überlebte. Sie starb vor wenigen Jahren im reifen Alter von 104 Jahren, und ich denke, das widerlegt die These eines Fluchs. Ich hatte das Glück, Alice kurz vor ihrem Tod interviewen zu dürfen, und kann sagen, dass sie absolut nichts bereute.

Elgar Vaughan hinterließ keine rechtmäßigen Erben, und der nächste Verwandte war ein Nachfahre von William Vaughan, ein gewisser Hubert Sands. Er wurde als Erbe bestimmt, trotz Gerüchten und Spekulationen über ein verschwundenes Vermögen und ein angeblich existierendes Testament. Sands wusste von dem Ruf des Gebäudes und wollte sich so weit wie nur möglich davon distanzieren; er hat es wahrscheinlich niemals betreten. Als sein Leben zu Ende ging, gab er das Haus in die Hände von Treuhändern; er verfügte aber eine seltsame Vereinbarung, dass am Haus keine größeren Renovierungsarbeiten durchgeführt werden durften, sodass Elmcote Hall in dem Zustand verblieben ist, den Sie heute vor sich sehen. Vielen Dank.«

Es gab einige Fragen; einem Pärchen musste ich deutlich machen, dass es eine wirklich schlechte Idee war, auf den Ruinen herumzuklettern, und dann war es vorbei. Richard Fox schien damit zufrieden, wie er sein Wissen zur Schau gestellt hatte, und blieb nicht länger. Ich verspürte einen kleinen Stich der Enttäuschung; es wäre schön gewesen, mein Lieblings-Thema mit jemandem zu diskutieren, der wusste, wovon er sprach. Und ich versuchte nachdrücklich, mich davon zu überzeugen, dass es absolut nichts damit zu tun hatte, dass er mindestens einen Meter achtzig groß war und einen Blick hatte, der mich unwiderstehlich an Elgar Vaughan und einen bestimmten Grünen Mann erinnerte.

Für den Rest des Tages gab es keine weiteren Buchungen, was aber nicht bedeutete, dass ich nichts zu tun hatte. Zuallererst stand noch die weitere Rodung des Dschungels auf dem Plan, was viele Stunden harter körperlicher Arbeit mit einer Machete bedeutete, und ich freute mich nicht sonderlich darauf. Außerdem war es völlig unmöglich in einem viktorianischen Kostüm zu bewältigen, was mir eine hervorragende Entschuldigung lieferte, es noch ein wenig hinauszuschieben. Der hintere Teil des Westflügels musste auch noch gesäubert werden, damit das Catering für die Hochzeit, die am Samstag gebucht war, sich dort frei bewegen konnte. Irgendwann musste ich auch die Bibliothek neu katalogisieren und anhand der Original-Liste, die nach Elgar Vaughans Tod angefertigt worden war, überprüfen, welche Bücher wirklich vorhanden waren. Heute war aber ein zu schöner Tag, um drinnen zu bleiben.

Ich saß eine Weile auf einem der großen Steinblöcke der Turmruine, ehe ich mich dazu entschied, so wie ich war ins Dorf zu spazieren. Ein wenig nervenaufreibend war es schon, denn ich würde sicher schiefe Blicke ernten, aber das ließ sich nicht ändern. Mit der Zeit würden sie mich sowieso für einsiedlerisch und exzentrisch halten. Das taten die Leute immer.

Ich lehne es ab, mich in irgendeiner Form anzupassen. Warum auch? Immerhin würde eine moderne Frau wie Madam Türkis-und-Kirschrot-Spandex zu Elgar Vaughans Zeiten genau die gleichen Blicke ernten, falls sie so ins Dorf marschiert wäre, die ich hundert Jahre später bekam. Der einzige Unterschied läge darin, dass sie es von einem objektiven Standpunkt aus gesehen verdienen würde. Viktorianische Kleider sind so viel eleganter, egal an welcher Figur.

Trotz allem fühlte ich mich sowohl aufgeregt als auch schuldig, als ich die Straße hinunterging, ganz so, als würde ich nichts weiter tragen als einen winzigen Bikini, oder als hätte ich am Strand mein Oberteil nicht wieder angezogen und wollte mir gerade Eiscreme kaufen. Abgesehen davon fühlte ich mich ganz wohl: Meine Schichten aus Baumwolle und Satin schützten mich vor dem kühlen Frühlingstag, und mein Sonnenschirm spendete mir Schatten vor dem Sonnenlicht, das mir sonst die Tränen in die Augen getrieben hätte.

Zu Elgar Vaughans Zeit bestand Elmcote aus einer Ansammlung von Hütten, die rings um die Kirche standen. Es war nach Art der angesehenen Bürger gerade groß genug, damit eben diese mit subtiler Entrüstung auf Vaughans Lebensweise reagieren konnten. Heutzutage war es ganz anders – die reinste Landidylle, immer noch hübsch auf eine sehr rustikale, wenn auch künstliche Art. Doch die kleinen, zweistöckigen Backsteinhäuschen gehörten inzwischen gut verdienenden Typen aus der Stadt. Selbst der Dorfladen wurde von einem Pärchen namens Antonia und Patrice geführt und hielt sich damit über Wasser, Dinge wie Cappuccino, Bio-Ziegenkäse und Ciabatta mit sonnengetrockneten Tomaten zu verkaufen.

Bio-Ziegenkäse und Ciabatta mit sonnengetrockneten Tomaten waren als Mittagessen in Ordnung, zumindest wenn kein gebratener Fasan mit frischer Wasserkresse und Kartoffeln aus dem Gemüsegarten zur Verfügung standen. Eine Scheibe Ziege vom Grill wäre auch schön; so hatte sich Elgar Vaughan früher seiner Opfergaben entledigt. Antonia versuchte, angesichts meiner Kleidung nicht überrascht auszusehen. Sie machte eine höfliche, aber dennoch leicht herablassende Bemerkung darüber, dass das wohl in meinem Job erwartet würde.

Es befand sich noch eine weitere Frau im Laden; sie war sehr groß, mit stark ausgeprägten Wangenknochen und einer Menge Make-up; ihr hellblauer Rock war so eng, dass es schon fast kitschig aussah. Sie ließ sich ein Pastrami-Roggen-Sandwich machen; ihr Akzent war eindeutig Ostküste, USA; eine selbstbewusste, tiefe und lang gedehnte Aussprache. Ihr Parfüm war stark genug, um den Geruch der gerösteten Kaffeebohnen und exotischen Käsesorten zu überlagern. Ihre Stimme erinnerte mich an Richard Fox; es war das gleiche Näseln, wenn auch schärfer, ein wenig schrill. Halb im Scherz entschied ich, dass es sich bei ihr um eine hoch bezahlte Prostituierte handeln musste. Weitere Beachtung schenkte ich ihr nicht, ehe ich bis zum Ufer des Flusses weiterging. Ich fand eine Bank als idealen Platz für meine Mittagspause und beobachtete von dort aus die Schwäne und Boote, die vorbeifuhren, während ich aß und über Elgar Vaughan und Richard Fox nachdachte. Ich war nicht wirklich in der Stimmung für Gesellschaft, aber als die Amerikanerin kam und sich neben mich setzte, konnte ich nicht anders, als ihre freundliche Begrüßung zu erwidern.

»Hi, ich bin Julie; Julie Voigtstein. Sind Sie neu hier?«

Sie streckte ihre Hand aus, und ich nahm sie, überrascht von ihrem starken Händedruck. Ich antwortete ihr, und ihr Gesicht war ein einziges riesiges, angemaltes Lächeln.

»Ja, ich bin Sophie Page, die Hausmeisterin in Elmcote Hall, die Straße hinauf. Und Sie?«

»Yeah, mein Haus befindet sich neben dem Laden, gleich zwei Häuser weiter. Idyllisch.«

Ich drehte mich um, um einen Blick darauf zu werfen, und fragte mich, was ein dreistöckiges Haus mit Blick auf die Themse wohl an Miete kostete. Ich sagte mir, dass sie wahrscheinlich doch keine teure Prostituierte, sondern Börsenmaklerin oder etwas ähnlich Alltägliches war. Sich mit Fremden zu unterhalten hatte noch nie zu meinen Stärken gezählt, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber sie hatte solche Skrupel nicht.

»Es ist toll, nicht wahr? So ruhig. Dort wo ich früher gewohnt habe, an der East Side, hieß es immer nur schnell, schnell, schnell, und das Tag und Nacht. Als ich das erste Mal herkam, dachte ich, dass ich ins West End ziehen würde, aber dann war ich hier zum Essen mit meinem Boss verabredet und plötzlich war es da: die Miete kostete gerade mal die Hälfte von dem, was ich bezahlte, und es befand sich auch noch direkt am Fluss. Ich musste es einfach haben.«

»Dann arbeiten Sie also in der Stadt?«

»Fortyseventh Securities. Das Büro in London brauchte mal einen kräftigen Tritt in den Hintern, und glauben Sie mir, ich bin genau das richtige Mädchen dafür, um ihnen den zu verpassen.«

»Das kann ich mir vorstellen. Entschuldigen Sie, ich wollte nicht unhöflich sein –«

»Ihr Engländer müsst euch immer entschuldigen. Also, was hat es mit dem Outfit auf sich? Beaufsichtigen Sie einen Themenpark?«

»Nein … ach, eigentlich kann man es so bezeichnen. Elmcote Hall, so nennt man das Gebäude, in dem Elgar Vaughan lebte. Ich führe Touren durch das Haus und habe ein Auge auf alles.«

»Was Sie nicht sagen! Vielleicht schaue ich mal bei Ihnen vorbei. Jetzt muss ich aber los. Ich muss um zwei Uhr wieder auf der Matte stehen. Keine Ruhe den Gottlosen.«

Sie stand auf und ging in Richtung Brücke, während sie noch an ihrem Sandwich kaute. Ich konnte nicht anders, ich musste lächeln. Sie war alles, was ich nicht war: unverschämt, unglaublich selbstbewusst, auf Zack und zu allem Überfluss auch noch laut – aber es war unmöglich, sie nicht zu mögen. Allein ihre Art zu gehen – schnell und geradeaus, während ihre Absätze über das Kopfsteinpflaster am Flussufer klackerten – strahlte Sicherheit aus. Ich war mir sicher, dass sie wesentlich besser mit Richard Fox fertig geworden wäre, als es mir gelungen war.

Ich aß mein Sandwich auf, kaufte ein paar Sachen für das Abendessen sowie eine Flasche Wein, um meinen ersten Arbeitstag zu feiern, und machte mich dann auf den Rückweg zum Haus. Der kühle Morgen hatte sich in einen warmen Nachmittag verwandelt; sehr warm sogar für die Jahreszeit, denn in den Kübeln entlang des Flusses sprossen noch immer Krokusse. Ich lief langsam und dachte darüber nach, wie sehr sich die Gegend seit Elgar Vaughans Lebzeiten verändert hatte. Asphalt bedeckte nun die Straßen, es gab Autos und all das elektrische Zubehör und die Telefonleitungen, aber all das war nur oberflächlich. Vielleicht waren mehr Leute auf den kleinen verstreuten Feldern und in den Wäldern gewesen, die dort arbeiteten, wo das Land sich vom Fluss trennte, aber der Anblick wäre mit Sicherheit der gleiche gewesen. Mit dem Fluss verhielt es sich wahrscheinlich ähnlich – in einer Richtung konnte man die fernen Hügel sehen und in der anderen die winzigen, blassbraunen Spitzen von Oxford. Die Zwillings-Silhouetten gigantischer Kühltürme würden ihn vielleicht erschrecken, aber ich würde sie ihm als neue Tempel für seine Religion erklären. Das würde ihm sicherlich gefallen, da er zu Lebzeiten als Scharlatan bezeichnet worden war. Ich war mir sicher, dass er wirklich vorgehabt hatte, eine neue Religion zu gründen, die auf Vergnügen ohne Schuldgefühle setzte und den Menschen als Teil der Natur ansah und nicht als überlegene Figur. Natürlich war es noch immer so, dass einige der Dinge, die er getan hatte, oder vorgehabt hatte zu tun, seinen Lehren widersprachen, aber ich konnte damit leben.

Ich hätte sicher eine der Dreizehn sein können und wäre genauso gut, wenn nicht sogar besser, damit zurechtgekommen. Der Gedanke sandte mir wie immer Schauer über den Rücken; es war eine Mischung aus Genuss und Besorgnis. Wäre ich wirklich damit zurechtgekommen, in der Gesellschaft der zwölf anderen, Elgar Vaughan inklusive, nackt zu sein? Die Antwort war, ganz eindeutig, ja. Es gab keinen Grund sich zu schämen, da ich ein Teil von ihnen war. Ich hätte meine Nacktheit zelebriert. Hätte ich an einer Orgie teilnehmen können, ohne auf meine persönlichen Vorlieben zu achten, und hätte ich zulassen können, dass andere mich so nahmen, wie sie es wollten, und hätte ich dieses Privileg auch für mich in Anspruch nehmen können? Die Antwort hierauf war wiederum ein Ja, auch wenn mir der Gedanke einen flauen Magen bescherte. Ich würde für dieses Vorhaben einiges an Wein getrunken haben müssen, aber davon war immer reichlich vorhanden. Zu Elgar Vaughans Zeiten war der Keller angefüllt mit Weinschläuchen voller Portwein, und die Weinregale voller Flaschen standen dicht an dicht. Hätte ich es meistern können, als Hauptfigur für eines seiner berüchtigten Rituale ausgewählt zu werden? Der Gedanke faszinierte mich so sehr, dass ich mir auf die Unterlippe biss, aber ich wusste, dass die Antwort wahrscheinlich Nein lauten würde.

Sie waren ungewöhnlich gewesen, so extrem, dass selbst Aleister Crowley zweimal darüber nachgedacht hätte, sie durchzuführen. Zumindest nahm man das an. Aber ich hatte einige der Drucke gesehen, die er, inspiriert durch die Rituale, gemacht hatte, und ging davon aus, dass die abscheulichsten Gerüchte reine, ungeschönte Beschreibungen der Rituale waren. Ich hätte sie wahrscheinlich nicht durchgestanden, das musste ich mir selbst eingestehen. Aber es wäre faszinierend gewesen zuzuschauen und hätte mir sicherlich die Mischung aus Schock und Erregung beschert, die ich so liebte.

Dennoch schadete es mir nicht, darüber nachzudenken. Als ich wieder zum Haus zurückgekehrt war, ging ich zum Tempel des Baphomet; ich versuchte mir selbst einzureden, dass ich dort nur meine tägliche Inspektion durchführen wollte, aber ich wusste ganz genau, dass ich mich dort nur meinen Tagträumen hingeben wollte. Unglücklicherweise hatten die Besucher, die ich hierher gebracht hatte, mir ein wenig von dem Zauber dieses Ortes geraubt; nicht viel, gerade genug, um die Atmosphäre zu überschatten. Ich umrundete den Tempel und bewunderte Baphomet, Dionysos, den Grünen Mann, Gaia und Lilith. Aber es gelang mir einfach nicht, den Kopf freizubekommen; vor allem den Gedanken an den arroganten Richard Fox wurde ich nicht los.

Außerdem war der Tempel vom Haus aus und entlang des Kalksteinweges für jeden sichtbar und ich fand, dass ich ein wenig Privatsphäre gebrauchen konnte. Zwischen dem Dickicht aus übergroß gewachsenem Rhododendron und exotischen Bäumen, die einmal George Vaughans Baumschule gewesen waren, befand sich ein kleinerer Tempel, fast nur eine Pagode, auf die ich zustrebte. Sie war mehr klassisch als gotisch, gehörte aber ohne Zweifel zu dem Komplex, denn fünf weiße Marmorsäulen stützten das Dach. Darüber spannte sich ein wunderschöner Götterbaum und warf seinen Schatten auf die Kuppel. Innen, genau in der Mitte des kleinen Ortes, befand sich ein gedrungener, fünfeckiger Zylinder aus schwarzem Stein. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um einen Altar, aber er gab eine hervorragende Sitzgelegenheit ab.

Er würde sich auch ganz hervorragend für andere Dinge eignen. Die Baumschule breitete sich zu beiden Seiten aus und sorgte dafür, dass man ungestört war. Niemand konnte hier hineinsehen, und niemand würde etwas bemerken. Niemand würde jemals etwas davon wissen, denn die verwilderten Büsche machten es schwer herzukommen, und ein lautloses Anschleichen war unmöglich. Ich musste mein Kleid vorne anheben, um hindurchzugelangen, und musste dennoch immer wieder Halt machen, um Zweige davon zu lösen. Hier so entlangzugehen und dabei meine bestrumpften Waden zu entblößen verschaffte mir, obwohl ich ganz allein war, ein leichtes, aber nicht unangenehmes Gefühl der Scham. Ich konnte aber nicht anders, und genau das war der Punkt – es handelte sich dabei um eine zufällige und völlig unabsichtliche Entblößung. Auch wenn es nach modernen Maßstäben nichts bedeutete, machte es doch keinen Unterschied. Hier gab es nichts, das darauf hindeutete, dass ich mich im 21. Jahrhundert befand. Meine Vorstellungskraft konnte sich ungehindert austoben; sie bevölkerte die Wälder mit Faunen und Satyrn und ließ mich die Anwesenheit des unglaublich lebensstrotzenden Grünen Mannes spüren, der sich irgendwo in den Tiefen des Waldes verbarg, furchteinflößend aber dabei so unglaublich verlockend.

Der leichte Anflug von Scham war genau das, was ich gebraucht hatte; dieser kleine, unanständige Schauder, der das Gefühl begleitete, so allein, und so jenseits meiner Zeit zu sein. Es machte wirklich keinen Unterschied. Fast hätte ich glauben können, dass Elgar Vaughan hier vorbeikommen könnte, und der einzige Unterschied zu dem sonstigen Zustand wäre, dass er eine unbekannte Frau in seinem Tempel vorgefunden hätte. Ich würde einfach behaupten, ich wäre eine Novizin.

In meiner Vorstellung bin ich bereits eine Novizin und sitze nun allein im Tempel, während ich mir ausmale, was an diesem Ort heute Nacht von mir erwartet wird. Ich bin unsicher, wahrscheinlich sogar ein wenig ängstlich, aber auch voller Vorfreude und Verlangen. Ich würde, wie Vaughan es in seinen Schriften niedergelegt hat, meinen Geist von all den Belastungen der modernen Gesellschaft reinigen, bis ich zur ursprünglichen elementaren Frau geworden wäre, Gaia und Lilith zugleich.

Elgar Vaughan liebte Geheimnisse und war immer auf der Hut vor den Obrigkeiten. Nur wenige Details seiner Rituale wurden niedergeschrieben, vor allem die Details nicht, die man als Beweise gegen ihn hätte verwenden können. Einige gab es jedoch, und ich hatte jedes Wort davon gelesen. Ich wusste, warum sie das Initiations-Ritual eingeführt hatten und warum. Nicht aus spirituellen Gründen, sondern um damit die Überneugierigen oder Menschen, die die Gruppe infiltrieren wollten, zu entmutigen. Es gab Hinweise zu den tieferen Geheimnissen; man konnte den Bildern einiges entnehmen; das reichte, um mich erröten zu lassen, als ich mich auf den Altar-Stein niederließ.

In meinen Tagträumen gehe ich ins Arbeitszimmer, denselben Raum, der jetzt nur noch eine verlassene Hülle aus zerschlagenen Backsteinen und verrotteter Wandvertäfelung ist. Damals war er in kräftigen, dunklen Farben ausgekleidet, und an den Wänden hingen verstörende Bilder und dunkle, erotische Drucke. Vaughan selbst ist anwesend, und mit ihm noch andere, die der formellen Erklärung meiner Absichten lauschen. Er selbst antwortet mir, dass ich, um aufgenommen zu werden, jedem seiner Befehle ohne zu zögern folgen muss. Ich willige ein, sicher, dass es sich dabei um einen Test handelt. Ich zittere, bin aber entschlossen.

Der erste Befehl lautet, eine Augenbinde zu akzeptieren, was ich tue. Eine andere Frau schlingt mir den dicken Streifen schwarzen Stoffs um den Kopf, während ich stocksteif dastehe und sie das Band in meinem dichten Haar befestigt, sodass ich nichts mehr sehen kann. Sie und eine andere nehmen meine Hände und führen mich die verschiedenen Stufen aus dem Haus und bis zu diesem Tempel.

Was danach kommt, weiß ich nicht zu sagen, nur dass eine Frau, die ihr Denken nicht aus der angesehenen viktorianischen oder edwardianischen Wertvorstellung befreit hat, damit nicht fertig geworden wäre. Das ist sicher, denn trotz allem, was Vaughans Kritiker sagten, handelte es sich bei seinen weiblichen Novizen nicht um Prostituierte, die sich nur aus Verzweiflung und für Geld hingaben. Jede Einzelne von ihnen war Mitglied einer Familie der führenden oder oberen Mittelschicht gewesen, was automatisch dazu geführt hatte, dass sich der Zorn des Bürgertums über Vaughans Kopf entlud.

Was hätten sie wohl mit mir getan? Es war unmöglich, es mit Sicherheit zu sagen, aber umso leichter, es sich vorzustellen. Wahrscheinlich wäre es etwas Sexuelles gewesen, Vergnügen, die wir heute für selbstverständlich erachten, doch die für ein angesehenes Mädchen zu jener Zeit zu extrem waren. Mit einem Dutzend Männern und Frauen als Zuschauer wäre es selbst für heutige Maßstäbe sehr extrem gewesen. In meiner Vorstellung muss ich vor dem Altar niederknien und Oralsex ausführen. Elgar Vaughan ist der Erste; er setzt sich vor mich und öffnet seine Hose, um seine große, glatte Männlichkeit hervorzuholen, wie sie auf so vielen Bildern dargestellt wurde, und sie ist bereits hart.

Jemand umfasst ganz sanft meine Schultern und drückt mich zu ihm herunter. Ich bin schockiert und beschämt zugleich, und meine Welt wird von seinem Duft erfüllt. Ich tue es, ich öffne meinen Mund und erwarte, dass er mit diesem prallen, heißen Penis ausgefüllt wird. Doch es kommt nicht dazu, zumindest nicht sofort. Zuerst muss ich seinen Hintern küssen, ein wundervolles schlüpfriges Detail, das er den Satanisten entliehen hat. Erst nachdem ich meine Lippen auf seinen Anus gedrückt habe, ist es mir erlaubt, seinen Schwanz aufzunehmen.

Wenn die Bilder auch nur ansatzweise der Wahrheit entsprechen, war er groß, lang, dick und glatt, so wie der Schwanz eines Mannes sein sollte; ein Schwanz, den ich anbeten, den ich verehren, lecken konnte, an dem ich saugen und reiben konnte, bis ich bereit dafür war, dass er tief in meinen Körper stieß. Nach wenigen Augenblicken habe ich mich bereits selbst vergessen, ich lutsche begierig an ihm, nicht aus Pflicht, sondern aus Lust; ich huldige ihm, bis er das Kompliment zurückgibt und er kommt; sein Sperma spritzt tief in meinen Mund.

Von dem Moment, an dem ich mich entschied, zum Tempel zu gehen, wusste ich, dass ich mich selbst befriedigen würde. Es hatte nur eine Weile gedauert, bis ich scharf geworden war. Ich wollte in der gleichen Position sein, wie in meiner Vorstellung; ich wollte auf allen vieren vor dem Altar knien und beugte mich rasch herab. Ich zog mein Kleid hoch und zitterte bereits vor Ungeduld und aus Sorge, dass mich jemand beobachten könnte, obwohl ich alleine war. Richard Fox war möglicherweise zurückgekehrt und versteckte sich in diesem Moment zwischen den Rhododendren mit einem kühlen und zynischen Ausdruck auf dem Gesicht angesichts meiner Lüsternheit. Ich zog den Rock und den Unterrock in die Höhe und öffnete den Schlitz meiner Unterwäsche, sodass mein Hintern in die kühle Luft ragte.

Meine nackte Haut prickelte. Es fühlte sich gut an, und ich konnte mich nur noch auf meine erhitzte und so nasse Spalte konzentrieren. Ich schob den Gedanken an Richard Fox beiseite; ich war zu stolz, um mich mit dem Gedanken an ihn zu befriedigen, auch wenn er es niemals erfahren würde. Stattdessen gab ich mich weiter meiner Fantasie hin. Jemand hob von hinten mein Kleid an, während ich weiter an Elgar Vaughans wunderschönem Schwanz saugte.

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