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Amerikas letzter Eskimo

Über den Autor

Hans-Uwe Röwer, geboren 1938 in Kiel, wuchs in Hamburg und Umgebung auf. Nach seiner Heirat mit einer Mexikanerin lebt er seit 1970 in Mexiko. Er ist Autor zahlreicher Kurzgeschichten in spanischer Sprache. Sein besonderes Interesse gilt der Anthropologie, der Raumfahrt sowie der Veränderung der menschlichen Werte in der näheren Zukunft. ›Amerikas letzter Eskimo‹ ist der zweite Band einer Trilogie und besteht aus zwei Teilen.

Band 1: Mayday

Band 2: Amerikas letzter Eskimo

Inhalt

María del Refugio

Sarah Fullerton

NASPOL

Washington, D. C

Herman Melville

Nebel und Eis

Käpt’n Blix

Melanie Belle-Isle

Mitternachtssonne

María del Refugio

Sie hatte große, dunkle Augen, ein rundes, aufgeschlossenes Gesicht, rosig fleischige Lippen, langes, schwarzes Haar, den Ansatz eines festen, aufrechten Busens und einen wohlproportionierten, gut genährten Körper. Dazu kamen ihre goldbronzene, zarte Haut, ihr heiteres Lächeln und ihre jugendliche, unberührte Weiblichkeit. Sie trug ein weißes, mit bunten Farben besticktes Kleid, mit bauschigen kurzen Ärmeln und einen in der Hüfte mit einem Stoffgürtel geschnürten glockenförmigen Rock, der ihren Unterkörper bis an die Knie bedeckte. Ihre Füße steckten in flachen Ledersandalen. Als Tom sie sah, zunächst im Profil, danach von vorne, glaubte er zunächst, einem Trugbild gegenüberzustehen, so schön war sie. Sie stand auf dem Rasen, einige Schritte vom Ufer entfernt. Sie blickte auf die Bucht hinaus und ließ sich die bereits tief stehende, aber immer noch kräftig leuchtende Sonne ins Gesicht scheinen.

Sollte er sie ansprechen?

Er ging zu ihr und sagte: »Hallo.«

Sie sagte: »Hallo. Kannst du mir sagen, wie spät es ist?«

Tom sah auf seine Uhr: »Aber gerne. Es ist zwanzig Minuten nach sechs.«

»Danke. Kannst du mir sagen, ob Leute von Old Mystic her in diese Richtung unterwegs sind?«

Tom musste mit der Hand die blendenden Sonnenstrahlen abschirmen, um den von ihm gegangenen Pfad genau ins Auge fassen zu können. »Es tut mir leid, ich kann niemanden sehen.«

»Danke. Dann werden sie sicher bald kommen.«

»Auf wen wartest du?«

»Meine Eltern arbeiten in Old Mystic. Sie sagten, dass sie heute bis sechs Uhr arbeiten würden. Ich möchte ihnen eine Überraschung damit bereiten, hier auf sie zu warten …«

Wenn Tom lief, oder ruderte, oder schwamm, oder die Berge hinauf kletterte, beanspruchte er manchmal seine geistigen und körperlichen Kräfte bis an die äußerste Grenze des Möglichen. Die Gewissheit, dem Ziel nahe zu sein und alsbald die Strapaze hinter sich gebracht zu haben, erzeugte ein Gefühl des Triumphs und unterdrückte den Wunsch, vor dem Ziel aufzugeben. Als er die Worte der Kleinen vernahm, fühlte er sich, als ob er am Ende seiner Kräfte angelangt, eine unüberwindliche Strapaze vor sich hatte. Er spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, wie ihm all sein Blut in den Kopf stieg und diesen erhitzte und wie seine Extremitäten blutlos zu frieren begannen. Sein Gaumen war trocken wie Wüstensand.

»… Heute ist mein Geburtstag, musst du wissen. Ich bin fünfzehn geworden.«

»Das ist schön. Das freut mich. Deine Eltern arbeiten in Old Mystic?«

»Ja. Mein Vater ist der Hausmeister dort.«

»Hausmeister?«

»Ja. Und meine Mutter hilft gelegentlich in der Küche, wenn Herr Klein, das ist der Besitzer von Old Mystic, Besuch hat. Kennst du Herrn Klein?«

Tom nickte stumm.

»Kennst du Herrn Klein?«

»Ja, ich kenne ihn.«

»Ich würde ihn auch gern einmal kennenlernen. Er ist sehr nett. Mein Vater hat mir viel von ihm erzählt.«

Tom war gefesselt von ihrer zarten, melodiösen Sprechweise. »Wie heißt du?«

Sie sprach es auf Spanisch aus: »Ich heiße María del Refugio.«

»Das ist ein schöner, aber seltsamer Name.« Tom versuchte ihn korrekt zu wiederholen, was ihm natürlich nicht gelang: »Marriah dell Refuchio.«

Sie lachte: »So nicht! María del Refugio.«

»Der Name ist so schön, dass ich ihn nicht noch einmal kaputtmachen möchte.«

»Wie heißt du?«

»Thomas, aber meine Freunde nennen mich Tom.«

»Du bist nicht von hier, Tom, nicht wahr? Ich habe deine Stimme nie zuvor gehört.«

»Du hast recht, ich komme aus New York.«

»Bist du hier zu Besuch?«

»Ja, das bin ich.«

»Bist du etwa in Old Mystic zu Besuch?«

»So ist es. Herr Klein hat mich eingeladen.«

»Und kommst du jetzt von dort?«

»Ja.«

»Wenn du in Old Mystic warst, hast du bestimmt meine Eltern gesehen.«

»Gut möglich.«

»Aber du konntest natürlich nicht wissen, dass es meine Eltern waren, weil du mich ja noch gar nicht kanntest.«

»Nein, ich konnte es nicht wissen.«

»Kommen meine Eltern immer noch nicht?«

Tom schaute gegen die Sonne, sah niemanden auf dem Weg und schüttelte den Kopf.«

»Du möchtest mich nicht enttäuschen, aber ich bin nicht ungeduldig. Meine Eltern wissen ja nicht, dass ich hier auf sie warte, sonst würden sie sich bestimmt beeilen.«

»Wie lange wartest du schon?«

»Mein Bruder sagte, dass es Viertel nach fünf war, als er mich hier ließ.«

»Wir befinden uns hier auf dem Friedhofsgelände. Macht es dir nichts aus, auf dem Friedhof zu sein?«

»Es ist ein schöner, friedlicher Platz, um zu warten. Ich habe keine Angst vor den Toten. Wenn ich einmal sterbe, braucht sich auch niemand vor mir zu fürchten.«

Tom kam sich überaus ungeschickt vor, als er sagte: »Vielleicht solltest du lieber zu Hause auf deine Eltern warten.«

»Nein, das möchte ich nicht.«

»Hast du nicht bemerkt, ich meine, hast du nicht gesehen, was in Old Mystic geschehen ist, das vielleicht das Kommen deiner Eltern verzögert?«

»Nein, ich habe nichts gesehen.«

»Es gab Flugmaschinen, die …«

»Ich habe Motorengeräusche gehört.«

»Und dann …«

»Es gab ein Feuerwerk, das habe ich gehört. Das war bestimmt für die Gäste von Herrn Klein. Hast du das gesehen? War das schön?«

»Feuerwerke macht man nur spät abends. Nur in der Dunkelheit tritt die Farbenpracht des Feuerwerks voll in Erscheinung. Hast du nie eines gesehen?«

»Nein.«

Die dunkle Rauchsäule, die von Old Mystic aufgestiegen war, hatte sich zu einem breiten Vorhang aus dichtem Qualm entwickelt, der die Sonne mit einem verrußten, roten Schleier verdeckte und ihr die Kraft nahm. Die Feuersbrunst kam nunmehr deutlicher zum Vorschein, obwohl sie ganz offensichtlich an einigen Stellen von Schaum- und Wasserlöschern bekämpft wurde. Wie gebannt verharrten Toms Blicke am entfernten Schauplatz.

María del Refugio lenkte erneut seine Aufmerksamkeit auf sich: »Gefällt dir mein Kleid?«

In Katalogen und Filmen, die Reisen in exotische Länder und an paradiesische Küsten annoncierten, trugen die dort einheimischen Jungfrauen derartige Kleidungsstücke: erdacht von einem zwanglosen, verspielten Künstler, gefertigt von einer ruhigen, geduldigen Hand, überreicht von einem fröhlichen, Freude spendenden Herz. »Es ist ein wunderschönes Kleid. Es gefällt mir ausgezeichnet.«

»Es ist ein mexikanisches Kleid. Meine Mutter kommt aus Yucatán, sie ist eine Maya. Ich bin auch eine Maya.«

»Du bist sehr hübsch.«

Sie senkte den Blick: »Ich schäme mich, wenn man mir das sagt.«

»Nein, das sollst du nie tun.«

»Ich schäme mich, weil ich es nie jemandem sagen kann. Bist du hübsch?«

Tom musste lachen: »Männer sind nie hübsch. Sieh mich doch nur an!«

Sie richtete ihre großen braunen Augen auf Tom. Er wurde rot und lächelte verlegen. Auch sie lächelte, als sie erwiderte: »Ich kann dich nicht sehen, ich bin doch blind.«

Tom schluckte und schluckte, aber der Kloß in seinem Hals ließ sich weder herunterwürgen noch ausspucken. Über seine Wangen liefen Tränen, die er irgendwann in seiner Kindheit zu weinen versäumt hatte.

»Bist du jetzt von mir enttäuscht?«

»Nein, nein. Es tut mir nur so leid für dich.«

»Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen. Ich möchte gar nicht sehen. Meine Eltern erzählen mir alles, was sie sehen und ihre Worte sind meine Augen. Manchmal erklären sie mir, dass die Menschen und die Welt das Auge täuschen und betrügen. Ich hätte Angst davor, betrogen zu werden.«

»Das ist wahr. Wir sehen manchmal Dinge, die wir lieber nicht sehen würden. Aber jemanden wie dich anschauen zu können, ist unbeschreiblich.«

Sie wurde nun doch ungeduldig: »Kommen meine Eltern immer noch nicht?«

Tom brachte es nicht übers Herz, ihr die schlechten Nachrichten mitzuteilen. Sollte er sie nach Hause bringen? Er wusste nicht, wo sie wohnte. Sie hatte erwähnt, von ihrem Bruder hergeführt worden zu sein. Vielleicht gab es in ihrem Haus einen Netzanschluss und er konnte dort anrufen. Sollte er gar die Polizei benachrichtigen? Alle Welt beschäftigte sich wahrscheinlich mit Old Mystic und man würde ihn zum Teufel jagen. Er benötigte eine Vertrauensperson. Wie sollte er sich verhalten, wenn man ihn hier anträfe: ein Mann ohne Hemd, schmutzig und verschwitzt, alleine mit einem so hübschen Mädchen auf einem Friedhof? Auf gar keinen Fall durfte er sie jedoch allein lassen. Schließlich wurde ihm klar, dass er ihr die Wahrheit nicht vorenthalten durfte.

Er sagte: »Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.«

»Musst du jetzt weitergehen?«

»Nein, ich bleibe noch bei dir. Es geht um deine Eltern.«

»Du sagtest, dass du sie nicht kennst.«

»Das ist richtig.« Tom wusste nicht, wie er beginnen sollte.

Sie schien es zu ahnen: »Fällt es dir schwer, das auszusprechen, was dir auf dem Herzen liegt?«

»Ja, ich fürchte mich davor, die Wahrheit zu enthüllen. Reiche mir deine Hand, damit du fühlen magst, wie schwer es mir fällt, dich mit der Realität zu konfrontieren.«

Sie streckte ihm die Linke entgegen. Tom umhüllte ihre kleine, zärtliche Hand mit seinen rauen, schmutzigen Fingern und berichtete mit kurzen, klaren Worten, was in Old Mystic geschehen war.

»Deshalb solltest du nicht länger hier auf deine Eltern warten.«

»Wie sah der Mann aus, der behauptet hatte, sich gut auf Old Mystic auszukennen?«

Tom beschrieb ihn, so gut er sich an ihn erinnerte.

»Das ist mein Vater. Er hat Herrn Klein und seine Gäste in Sicherheit gebracht.«

»Es wird vielleicht einige Stunden dauern, bis sie geborgen werden.«

»Es macht mir jetzt gar nichts aus, wenn meine Eltern später kommen. Sie sind bestimmt sehr beschäftigt.«

»Deshalb ist es am besten für dich, wenn du nach Hause gehst. Gibt es jemanden, den ich anrufen kann, damit man dich abholt?«

»Ja, wir wohnen nicht weit von hier entfernt. Meine Großmutter ist immer zu Hause. Ich kann selbst die Nummer sagen, gib mir dein Handy.«

Tom legte ihr seinen MPC in die Hand. Sie führte ihn in Mundhöhe und sprach die Zahlen der gewünschten Netznummer hinein. Als sie die Verbindung hergestellt hatte, trat Tom einige Meter beiseite, um nicht zu lauschen. María del Refugio schien keine Eile zu haben, das Gespräch mit ihrer Großmutter zu beenden. Es dauerte lange Minuten, bis sie ihm schließlich den Apparat zurückreichte: »Meine Großmutter kann nicht sehr schnell gehen. Ich habe ihr versprochen, dass du mich bis an die Straße begleitest.«

»Wie soll ich dich führen?«

»Nimm meine Hand. Sag mir nur, wie der Weg ist. Wenn es um die Ecke geht, bleibe einen Moment stehen. Ich vertraue deinen Augen.«

Sie hatte einen forschen und sicheren Schritt, sodass Tom fast an ihrer Blindheit zweifelte. In einer Kurve jedoch, die er ihr nicht angekündigt hatte, wäre sie fast gegen eine Abzäunung gestoßen, wenn er sie nicht ruckartig an sich gezogen hätte.

Sie lachte: »Du musst besser aufpassen. Oder ist es bereits so dunkel geworden, dass du nicht sehen kannst?«

»Entschuldigung, Marriah.«

Bald kamen sie an die Landstraße, die am Friedhof entlang vom Hafen Mystic in Richtung Norden nach Old Mystic führte. Nur hin und wieder fuhr ein Wagen vorbei. Der Gehweg war menschenleer, auch die Großmutter war nicht in Sicht.

María meinte: »Wenn es dir nichts ausmacht, führe mich die Straße entlang. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zu unserem Haus. Meine Großmutter geht wirklich sehr langsam. Wenn sie mich führt, möchte ich ihr manchmal davonlaufen. Ich vergesse dann, wie alt sie schon ist.«

Auf dem Wege, den sie schweigend Hand in Hand dahin schritten, schweiften Toms Gedanken zu Linda, Kenneth Klein und Alex. Auch an Crystal dachte er. Trippel F, dessen Sohn und Juliet vermutete er in Sicherheit. Sobald wie möglich würde er Ricky anrufen, um sich für dessen Hilfe zu bedanken.

Wo war die Großmutter? Hatte María ihm gar ein Märchen aufgebunden, um ihn dazu zu bringen, sie bis nach Hause zu begleiten? »Wie alt ist deine Großmutter?«, fragte Tom.

»Sie ist dreiundneunzig Jahre alt.«

»So alt?«

»Eigentlich ist sie gar nicht meine Großmutter.«

»Wer ist sie denn?«

»Sie wohnt seit Langem bei uns. Herr Klein hat meine Eltern darum gebeten, für sie zu sorgen. Sie ist so nett und weise. Von ihr habe ich vieles gelernt.«

»Ist sie auch eine Maya wie du?«

María lachte laut auf: »Nein! Die Mayas stammen aus Yucatán, Abue Rapaluk ist eine Eskimofrau.«

Tom stammelte: »Abue Rapaluk?«

»Ja. Abue ist der Kosename für das spanische Wort Großmutter: Abuela. So sagen wir zu ihr, weil sie ja auch die Großmutter meiner Eltern sein könnte.«

Tom stellte eine ganz dumme Frage: »Abue Rapaluk? Was bedeutet Rapaluk?«

»Sie ist doch die Tochter von Alexander Rapaluk. Weißt du nicht, wer das ist?«

Tom wusste gar nichts mehr.

Abue Rapaluk war kein Großmuttermärchen und sie ging wirklich sehr langsam. Etwa hundert Schritte von Marías Haus entfernt kam sie ihnen entgegen. Sie war eine Eskimofrau, alt und faltig wie derzeit Onuit in den Nordwest-Territorien und womöglich ebenfalls eine Tochter von Alex. Erinnerungen, Gefühle, Zweifel und viele Fragen jagten durch Toms Gehirn. Er war derart damit beschäftigt herauszufinden, ob er durch eine Traumwelt oder die Wirklichkeit wandelte, dass er kaum bemerkte, wie María ihn dazu überredete, mit ihr und Abue ins Haus zu kommen, um sich dort zu erfrischen.

Abue Rapaluk war geistig völlig auf der Höhe und befragte Tom über das Geschehen in Old Mystic. Sie hatte davon erfahren, denn in den Medien lief eine Livereportage. Vor allem interessierte sie sich dafür, was Tom über Marias Eltern sagen konnte, denn den Berichten entsprechend, galten Herr Klein, seine Gäste und die Hausangestellten als vermisst.

María mischte sich ein: »Thomas hat es gesehen. Papa hat alle in ein unterirdisches Versteck geführt. Dort passt er auf sie auf, bis man sie befreit. Sie werden bald kommen, das weiß ich ganz genau. Heute ist doch mein Geburtstag.«

Abue Rapaluk zeigte sich nicht so begeistert: »Hab Geduld, María, nur mit Geduld lässt sich die Hoffnung wach halten.«

Im Wohnzimmer saß ein ungefähr zwölfjähriger Junge. María rief ihn zu sich und ließ sich von ihm einen Kuss auf die Wange drücken. Wie gerne hätte Tom es ihm gleich getan. Er bewunderte sie, denn sie bewegte sich in den Räumen wie eine Sehende. Sie verschwand in einem Zimmer, kam alsbald mit einem Handtuch und Seife zurück und zeigte ihm die Tür zum Badezimmer.

Toms Spiegelbild schien der Steckbrief eines Mörders zu sein, der seine Opfer im Sumpflöchern zu verstecken pflegte. Niemand der sehen konnte, höchst wahrscheinlich nicht einmal die alte Eskimofrau, hätte sich auch nur einen Schritt von ihm begleiten lassen, schon gar nicht auf den einsamen Wegen eines gottverlassenen Friedhofs. Er erledigte ein dringendes Bedürfnis und wusch sich dann Gesicht und den Oberkörper.

Als er das Bad verließ, lief gerade die Reportage über Old Mystic. Die Sonne hing verschleiert hinter dicken Rauchwolken über dem Horizont. Es brannte immer noch und die Löschbrigaden arbeiteten mit unermüdlicher Einsatzbereitschaft. Zwei NTN-Journalisten berichteten über die ihnen zugänglichen Fakten, die im Grunde wenig aussagten. Sie kannten weder die Ursache der Katastrophe, noch die Namen der eventuell in den Flammen Umgekommenen. Sie wiederholten voller professioneller Enttäuschung, dass die Klein-Enkelin Crystal bislang keinerlei Aussage gemacht habe, sondern lediglich forderte, nach einem Schutzraum unter den Trümmern der Gebäude zu suchen und die dort Verschütteten auszugraben. Man erfuhr, dass sich ebenfalls eine ambulante Marinebrigade am Einsatz beteiligte, weil aus unerklärlichen Gründen Militärmaschinen zu Schaden gekommen waren.

Abue Rapaluk bemerkte: »Die eigene Regierung ist der gefährlichste aller Feinde.«

Tom verabschiedete sich: »Ich werde nun gehen. Menschen die ich schätze und liebe, sind vermisst. Vielleicht kann ich irgendwie nützlich sein, sie aufzufinden. Aber ich werde bestimmt wiederkommen.«

»Ich begleite dich!«

Noch bevor María es ausgesprochen hatte, stand fest, dass Tom keine Argumente des Widerspruchs einfallen würden. Und Abue Rapaluk tat das Ihre, um seinen Widerstandswillen zu lähmen: »Zieh etwas anderes an, Kind, und bringe Thomas ein Hemd und eine Jacke deines Vaters. Es wird abends frisch draußen.« Im selben Atemzug, jedoch an Tom gerichtet, fragte sie: »Möchtest du etwas zu dir nehmen? Hast du Durst?« Ohne eine Antwort abzuwarten, befahl sie dem Jungen, etwas Ess- und Trinkbares aufzutischen.

Während María sich umzog, aß Tom etwas. Dann überlegte er, wie er weiter vorgehen sollte. Er brauchte eine Vertrauensperson mit einem Fahrzeug. Da fiel ihm erstmal nur Ricky ein. Er entschuldigte sich bei der Alten, ging nach draußen und stellte die Verbindung her.

Er sah nicht Ricky auf dem Bildschirm, sondern das zynische Gesicht eines Uniformierten, vermutlich ein Polizist: »Thomas J. Kolby? Was kann ich für Sie tun, Herr Kolby?«

Tom kannte die Regeln und wusste, wie man mit zynischen Bullen umzugehen hatte: »Nur im Falle eines schweren Unfalls oder dem Tod des Besitzers ist es den Rechtshütern gestattet, das Handy eines Bürgers zu benutzen. Ist Ricky bewusstlos oder tot?«

»Reden Sie doch keinen Quatsch, Mann! Er sitzt mir hier im Revier gegenüber und wartet darauf, dass jemand eine Kaution für ihn auf den Tisch legt.«

Der Bulle war wirklich ein Bulle. Tom tat so, als ob er keine Ahnung hatte, was das bedeutete: »Gott sei Dank! Er lebt und ihm ist nichts passiert. Kann ich ihn sehen?«

Zwei Sekunden lang sah Tom Rickys Gesicht, das ihm mit einem Augenzwinkern mitzuteilen versuchte, dass der Anruf sehr gelegen kam. Der Bulle schien gleicher Meinung zu sein: »Wie ist das nun mit der Kaution?«

»Was hat mein Freund Ricky denn angestellt? Ist er etwa zu schnell gefahren?«

»Zu schnell gefahren? Er hat mindestens zehn Verkehrsregeln missachtet.«

»Na so was. Was war’s denn?«

»Die Liste ist zu lang, um sie jetzt im Detail durchzugehen. Jedenfalls scheint er Probleme damit zu haben, die Kaution aufzubringen. Wie sieht’s aus, wollen Sie das übernehmen?«

«Wenn ich Ihnen die Kaution direkt übermittle, kann er dann sofort das Revier verlassen?«

»Sicher, wir haben hier heute genug andere Probleme.«

»Gut, ich werde es sofort veranlassen. Bitte schicken Sie mir die genauen Zahlungsdaten zu.«

Der Bulle grunzte zufrieden und tippte die Angaben in das Gerät, sodass Tom nur noch bestätigen musste.

»Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben«, flötete Tom. «Jetzt reichen Sie bitte das Handy seinem Eigentümer rüber.«

Ricky kam ins Bild und grinste.

Tom empfahl ihm: »Dein Weg nach Hause führt dich bestimmt an meinen Standortkoordinaten vorbei. Bis gleich.«

Die Angelegenheit wuchs Tom über den Kopf. Er benötigte Hilfe – Paul Kinsman. Er stellte die Verbindung mit Bernice in Austin her.

»Guten Abend, Herr Kolby.«

»Guten Abend, Bernice. Seien Sie so lieb und leiten Sie diese Nachricht an Paul weiter. Wo immer er sich befinden mag und wie spät es dort sein sollte, er muss es erfahren und etwas unternehmen.«

»Verlassen Sie sich darauf. Soll ich aus der Leitung gehen?«

»Nein, Bernice, Sie können es hören.«

»Okay.«

Tom ordnete seine Gedanken und formulierte sie: »Hallo, Paul, ich weiß nicht mehr weiter. William Kenneth Klein und seine Gäste wurden in seiner Villa verschüttet. Ich befinde mich in der Nähe. Es besteht vielleicht eine Chance, die Leute zu retten, aber mir fehlen die Mittel. Auf die Behörden kann man in dieser Angelegenheit nicht bauen. Die Hintergründe sind äußerst heikel. Das Leben der vielleicht bedeutendsten Personen unserer Epoche steht auf dem Spiel. Ich übertreibe nicht.« Er machte eine Pause: »Das war’s Bernice. Welch ein Segen des Himmels, auf Sie und Paul zählen zu können.«

»Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Sie sind überall die rechte Person am rechten Platz.«

»Und recht aufdringlich.«

»Deshalb schätzt Herr Kinsman Sie außerordentlich.«

»Ich danke Ihnen sehr, Bernice.«

Tom wünschte vom ganzen Herzen, dass alle diesen unglaublich brutalen Anschlag mit Heiler Haut überstanden hatten und gerettet werden konnten.

Als er wieder ins Haus kam, hatte María sich bereits umgezogen. Sie trug eine Hose, Bluse, Jacke und feste Schuhe. Ihre lange, schwarze Haarpracht war zu einem Knoten am Hinterkopf zusammengerafft worden. Tom erkannte sie kaum wieder. Dazu strahle sie einen derartigen Tatendrang aus, dass Tom sich schämte, ihr in die blinden Augen zu schauen. Ihm selbst mangelte es nämlich an Ideen für das weitere Vorgehen. Mit der Blinden als Bürde, würde er wohl nach Old Mystic zurückkehren und dort an der Suche und Bergung ihrer Eltern teilnehmen. Was sonst gab es für ihn zu tun?

Unsicherheit und Unkenntnis, wie man sich einer Gefahr gegenüber verhält oder wie man Hilfe leistet, lassen sich nicht verbergen. Nur wenige jedoch verstehen es, diese Merkmale in den Verhaltensweisen oder Physiognomien der Unschlüssigen zu erkennen. Abue Rapaluk besaß diese Fähigkeit und sagte es Tom direkt ins Gesicht: »Thomas ist sich unschlüssig. Er weiß nicht, wie er helfen kann.«

Tom nickte.

»Denke an das, was andere nicht tun können, was anderen nicht einfallen würde.«

Tom überlegte, aber kein zündender Funke brachte seinen Gedankenmotor in Gang. Er sah die Alte und dachte an Alex. Es fiel ihm nichts Besseres ein, als sie von seiner Begegnung mit Alex zu unterrichten: »Alexander Rapaluk ist unter den Verschütteten.«

Abue verzog keine einzige Miene: »Alexander Rapaluk ist seit vielen, vielen Jahren verschollen.«

»Alex sprach mit mir und den anderen.«

»Tote sprechen nicht!«

Tom wusste, dass Eskimos sich nicht mit oberflächlichen Worten, die sich lediglich auf die banale Wirklichkeit beziehen, überzeugen ließen. Alex‘ Existenz stand weit über dem Niveau des Allgemeinen und das musste, wenn man ihn ins Gespräch brachte, in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht werden: »Alex ist der Herr der Zeit und Vergänglichkeit. Seine Worte sprudelten aus der Quelle des Vergangenen, sie durchfließen das abgründige Tal der Gegenwart und werden sich ins offene, weite Meer der Zukunft ergießen.«

Abue grinste: »Er ist verschüttet?«

Tom zitterte vor Verzweiflung und Ungeduld: »Es darf nicht sein, dass ein verrückter, tollwütiger Präsident so einfach ein derartiges Leben zu Ende bringt. Wie kann ich ihn bergen? Wie finde ich Erleuchtung?«

»Suche in Alex‘ Worten, die das abgründige Tal der Gegenwart durchfließen, eine Antwort auf deine Fragen.«

»Alex erwähnte, dass irgendwann ein Bunker in Old Mystic gebaut wurde. Er sprach von einem Tunnel, der tief in der Erde und unter dem Wasser zu einer Insel führt, er …«

»Fishers Island!«, rief Marias Bruder.

»Was? Fishers Island?«

»Natürlich!«

»Was ist so natürlich?«

»Dass dort der FINLOM-Dreieck-Tunnel endet.«

»Welcher Tunnel?«

»Der Tunnel des Fishers-Island-New-London-Old-Mystic-Dreiecks.«

»Was weißt du über den Tunnel?«

»Ich habe das in einem Film gesehen.«

»In welchem Film?«

»Weiß ich nicht. Da gab es ein Tunneldreieck, das sie FINLOM-Dreieck nannten. Das war so ein alter Kriegsfilm.«

»Was für ein Krieg?«

»Weiß nicht, ein Krieg vor hundert Jahren vielleicht.«

»Du erinnerst dich an nichts, aber du weißt, dass es einen Tunnel von Old Mystic nach Fishers Island gibt?«

»Sie sagten das nicht im Film, aber ich habe die Insel erkannt. Wegen der Windgeneratoren. Der Eingang zum Tunnel befindet sich unter dem Generator … ich hab’ die Nummer vergessen.«

Tom verlor die Geduld: »Ich habe nie von einem derartigen Bauwerk, das FINLOM-Dreieck heißen soll, gehört. So etwas wäre doch bekannt.«

»Im Krieg des Films war es geheim. Es wurde auch nicht gesagt, dass es für Fishers Island, New London und Old Mystic steht, das habe ich selbst herausgefunden, weil es eben Fishers Island war.

Der Eingang ist unter dem Generator mit der Nummer …« Er überlegte, wie es Zwölfjährige zu tun pflegten, wenn man sie nach dem Geburtstag der älteren Schwester fragte: Er wusste es, aber kam nicht darauf. Auf einmal war es jedoch wieder da: »Siebenundvierzig!«

Tom glaubte ihm kein einziges Wort, aber für María hatte es wie eine Offenbarung geklungen: »Dann fahren wir also zu diesem Windgenerator siebenundvierzig, steigen in den Tunnel und retten unsere Eltern. Ich bin bereit!«

»Dein Bruder sprach von einem Film und Filme sind Werke der Fantasie. Daran dürfen wir uns nicht halten. Wir fahren nach Old Mystic und …«

Abue Rapaluk fällte das salomonische Urteil: »Je unerkennbarer das Ziel, desto fantasievoller ist der darauf zuführende Weg.« Sie fragte den Jungen: »War es nicht gar die Nummer dreiundvierzig?«

»Vielleicht.«

»Dreiundvierzig also! Das ist mein Geburtsjahr.«

Tom war sprachlos, gab sich aber geschlagen.

Fünf Minuten später knatterte Rickys Dreirad vor dem Hauseingang. Tom nahm María an der Hand und führte sie hinaus. Die Sonne war noch nicht untergegangen, aber sie hatte sich bereits hinter Dunstschleier am Horizont zurückgezogen. Von Nordosten her sah man schwarze Rauchschwaden gen Himmel steigen: Old Mystic.

Zu Toms Überraschung war es nicht Ricky, der die Maschine steuerte, der Mann trug lediglich Rickys Helm und dessen Lederweste. Auf dem Rücksitz, sich mit beiden Armen fest an den Fahrer klammernd, saß Juliet Lindsey. Als sie Tom sah, löste sie ihren Griff und grüßte ihn: »Überraschung!« Man wurde die Frau einfach nicht los.

Der Fahrer schaltete die Maschine aus und half Juliet auf den Boden. Er nahm den Helm ab und … er war der Bulle, der Ricky festgenommen hatte.

Tom fehlten die Worte.

Juliet leitete die Vorstellungszeremonie ein: »Das ist Thomas J. Kolby. Das ist Käpt’n Nathan.«

Der Bulle, reichte Tom die Hand: »Hab von dir gehört, Mann. Bist bis nach Block Island geschwommen. Wollte selbst sehen, was für ein Kerl du bist.«

Tom zögerte einen Augenblick, dann revidierte er sein Vorurteil der Polizei gegenüber. Es gab bestimmt einige Bullen, die sich zwar nach außen hin benahmen wie alle anderen, um sich durchzusetzen, im Grunde jedoch ganz nette Leute waren. Er erinnerte sich an Larry Bridgewood, alias Ben Ashton, dem er diese nicht enden wollende Affäre mit den Fullertons verdankte. Als Tom die Hand des Käptn’s drückte und sich nach Ricky erkundigen wollte, rief María freudig aus: »Onkel Nathan!«

Tom hielt immer noch die Hand des Mannes. »Onkel Nathan? Hier geht es zu, wie in einem schlechten Film. Wo ist Ricky?«

»Ohne Uniform bin ich Onkel Nathan. Aber warum bist du hier?«

»Wenn ich das mal wüsste.«

María brachte eine bessere Antwort vor: »Wir wollen meine Eltern retten. Tom war dabei, als sie sich in einem Keller in Old Mystic versteckten. Jetzt suchen wir einen Tunnel, der unter einem Windgenerator endet.«

Nathan wurde wütend: »Hast du meiner Nichte irgendwelchen Mist erzählt?«

Tom hatte die Nase voll von dem ganzen Theater. »Macht doch, was ihr wollt.« Er ging zu María und drückte ihr einen leichten Kuss auf die Wange: »Dein Onkel Nathan wird dich behüten, bis deine Eltern wieder nach Hause kommen. Es wird bestimmt alles gut. Ich muss jetzt fort.«

»Ich gehe mit dir!«

»Das würde alles nur unnötig verkomplizieren.«

»Du brauchst mich! Onkel Nathan, erkläre Tom, was mein Name bedeutet!«

Nathan zeigte sich nervös: »Lassen wir das für ein anderes Mal, María.«

Sie ließ sich nicht bremsen: »Refugio bedeutet Zufluchtsort. Ich bin zwar blind, aber ich kann Verstecke und Unterschlüpfe erkennen. Dort wo es dunkel ist, fühle ich mich zu Hause.«

Juliet hatte spontan das Bedürfnis Maria etwas Tröstliches zu sagen: »Oh, mein Kind, du wirst sehen können! Ich verspreche es dir!«, plapperte sie unüberlegt.

María klammerte sich an Toms Jackenärmel und fragte leise: »Wer ist sie?«

»Sie heißt Juliet. Sie meint es gut, aber sie ist sehr theatralisch.«

»Warum macht sie ein Versprechen, das sie nicht halten kann?«

»Du musst ihr verzeihen. So wie du nichts dafürkannst blind zu sein, kann sie … naja.«

Maria wollte nun endlich, dass die sehenden Erwachsenen um sie herum ihren zahlreichen Worten Taten folgen ließen: »Gehen wir zum Hafen, dort hat mein Vater Freunde mit Booten. Wir werden sicher jemanden finden, der uns nach Fishers Island bringt. Wir müssen uns beeilen, das spüre ich.«

***

María del Refugio war eine vollblütige Maya. An einem Dreizehnten mit dem Namen Akbal hatte sie das Licht der Welt erblickt, und zwar in der Periode des Morgensterns. Das war ein gutes Vorzeichen gewesen. Weiterer Vorzeichen hatten die Geburt begleitet: Lediglich die eigene Mutter hatte dem Ereignis als Helferin und Zeugin beigewohnt, die Geburt hatte in der Morgendämmerung, kurz nach Aufgang des Planten Venus stattgefunden und der Geburtsort war die oberste Plattform im Turm des Palastes von Palenque gewesen. Von dort aus hatte sie der Welt mit ihrem ersten Schrei verkündet, dass die Mayas weiter und weiter existieren würden. Der Schrei hatte sich über die weite Ebene des Usumacinta, über ganz Yucatán verbreitet und war bis in die Abgründe der Vorzeit eingedrungen, wo die Ahnen der Mayas aus der Ruhe aufgeschreckt wurden. Nach dem modernen Kalender war es das Jahr 2098, nach dem Kalender der Mayas war es das Jahr des Neuerwachens ihrer Rasse.

Daniel, ihr um etliches älterer Mann, hatte Maria von einer Reise nach Yucatán mit nach Connecticut gebracht, sie geheiratet und mit ihr zusammen eine Familie gegründet. Sie war damals zwanzig Jahre alt. Am 16. Juni des Jahres 2121, vor nunmehr genau fünfzehn Jahren, hatte sie in ihrer Erstgeburt eine Tochter zur Welt gebracht, ein blindes Mädchen. Sie gab ihr ihren eigenen Namen: Maria.

Das Fehlen des Augenlichtes der kleinen María del Refugio wurde durch viele andere Fähigkeiten aufgewogen, die man allgemein als übernatürlich bezeichnete: Mutter und Tochter entwickelten Verständigungsmethoden, welche viel tiefere Wurzeln in den Seelen der beiden nutzten und sie miteinander verbanden, als es normalerweise zwischen Individuen möglich war. Die kleine María sah, was die Mutter fühlte, und die Mutter erkannte, was das geistige Auge der Tochter zu erblicken suchte. Im Laufe der Jahre lernten sich beide derart gut kennen, dass eine räumliche Trennung die intime geistige Nähe nicht beeinträchtigte.

Als Tom die Leute in Old Mystic zusammengetrommelt hatte, um auf die bevorstehende Katastrophe hinzuweisen, hatte María del Refugio zu ihrem Mann gesagt: »Auf dem Weg nach Hause müssen wir die Abkürzung an der Bucht entlang gehen.«

Daniel widersprach: »Erinnere dich daran, dass wir mit dem Wagen gekommen sind.«

»María ist zum Friedhof gegangen, um dort auf uns zu warten.«

»Warum sollte sie? Sie weiß doch, dass wir mit dem Wagen hier sind.«

»Heute ist sie fünfzehn geworden, ein besonderer Tag also. Sie möchte uns überraschen.«

Daniel nickte. »Ich schalte mal eben den Alarm aus«, sagte er und lief hinaus.

María wurde vom Schrecken gepackt. Wenn ihr etwas zustoßen sollte, wenn ein tragisches Ereignis ihre Existenz beenden sollte, wenn die emotionale und psychische Bindung zwischen ihr und der Tochter gewaltsam zerrissen werden sollte, was würde dann mit ihrem blinden Mädchen geschehen? Sie hatte bisher nie darüber nachgedacht. Und nun, auf die Schnelle, in einer Situation, die sie nicht zu überblicken vermochte, traf sie die bedingungslose, uneingeschränkte, unveränderliche Entscheidung, sich aus dem Leben ihrer Tochter zurückzuziehen. Sie schenkte ihr die Freiheit und stellte sie vor die schwierige Aufgabe der Selbstständigkeit, bürdete ihr die schwere Last der Unabhängigkeit auf. Das sollte ihre Geburtstagsüberraschung sein. Was auch immer geschehen mochte: Ihr Mädchen würde ohne sie zurechtkommen und ihr eigenes, individuelles Leben führen. Sie würde also nicht den Weg über den Friedhof nach Hause gehen, damit die Tochter ihre erste Erfahrung in der neuen Lebensepoche machen konnte.

Der Alarm hörte schlagartig auf und María del Refugio fühlte sich leer, nein, erleichtert. Die Freiheit, die sie gewährte, wurde auch ihr zu teil. Sie entschloss sich, diese Leere mit der massivsten aller universellen Substanzen auszufüllen und diese dort auf ewig zu bewahren: dem Jetzt. – Und das Jetzt forderte Handlung.

Herr Klein fragte gerade, ob jemand etwas von dem Bunker wüsste, der sich auf dem Grundstück befinden sollte. Daniel kam gerade zurück, er hatte ihr einige Male glaubhaft machen wollen, dass es in Old Mystic unterirdische Gänge und Verliese gab, von denen niemand etwas wusste. María gab ihm einen Stoß mit dem Ellbogen: »Bist du nicht der Hausmeister, der hier Bescheid weiß?«

Daniel hatte die Frage seines Chefs gar nicht mitbekommen. «Was?«

»Melde dich, du wirst gebraucht«, sagte Maria. »Jetzt kommt es ganz allein auf dich an. Man wird es dir hoch anrechnen.«

Daniel hob die Hand und trat vor.

Von diesem Augenblick an überschlugen sich die Ereignisse. María gab sich völlig dem Jetzt hin. Ihre Kindheit und Mädchenjahre, ihre Erinnerungen und Erfahrungen, das mit und von ihrer blinden Tochter Erlernte, ihre von den Mayas ererbten Instinkte und Fähigkeiten und alles, was eine Frau zu geben vermochte, deren Lebensbereitschaft im Augenblick einer Existenzkrise den Höhepunkt erreicht, konzentrierte sie in dieses Jetzt. Während Daniel den Weg zum Bunker erläuterte, während Tom Trippel F dazu zwang, mit ihm zum Hangar zu fahren, während Kenneth Klein die Leibwächter Pepe und Buster damit beauftragte, Crystal nicht aus den Augen zu verlieren, gab María den unschlüssig dastehenden Hausangestellten die Anweisung, sich in einer Reihe aufzustellen. Die Frauen sollten, wohin immer der Weg führte, vorangehen, und die Männer in jeder Weise Hilfestellung leisten, besonders dem Hausherrn und seinen Gästen gegenüber. Sie zählte fünf Frauen und acht Männer. Hinzu kamen Daniel und sie sowie Herr Klein und seine Gäste. »Es wird alles zu einem guten Ende kommen, wir dürfen nur nicht in Panik geraten«, sagte sie überzeugt.

Daniel führte die Gruppe zum Südteil der Villa. Der dröhnende Motorenlärm, der sich über dem Gebäude erhob, machte eine Verständigung nahezu unmöglich. Glücklicherweise war der Weg an der Hauswand entlang überdacht und sie konnten somit von den Maschinen aus nicht gesehen werden. Nur einige Stufen führten in den Heizungskeller hinab, der sich unter dem Hauptgebäude befand. Von dort gab es einen Eingang in die Waschküche.

Unter einem Bügelautomaten befand sich eine im Boden eingelassene Metallplatte. Gemeinsam gelang es den Männern, den schweren Apparat beiseitezuschieben. Das Rund eines feucht riechenden, dunklen Brunnenschachts kam zum Vorschein, als Daniel die Luke öffnete. Der Durchmesser bot lediglich Raum für eine enge, steile Wendeltreppe mit schmalen, dreieckigen Stufen, deren Tritthöhe gut das Doppelte normaler Treppenstufen betrug. Man erkannte sofort, dass die Metallstruktur der Treppe verrostet und brüchig war.

Daniel stieg die ersten Stufen hinab und prüfte die Haltbarkeit der Treppe. Die anderen sahen unruhig zu ihm hinunter. Plötzlich vibrierte die Luft und das Donnern einer Explosion ließ den ohnehin schon ohrenbetäubenden Lärm noch einmal enorm anschwellen. Es kam vom entfernten Hangar. Niemand zweifelte nunmehr daran, einer akuten Lebensgefahr ausgesetzt zu sein.

Hastig begann die Gruppe den Abstieg, das Risiko eines Treppensturzes wurde notgedrungen in Kauf genommen. Zwei Männer, es waren die Piloten von Trippel F, verließen den Raum und liefen ins Freie. Eine weibliche Hausangestellte wollte es ihnen gleichtun, aber María ergriff ihren Arm und hielt sie zurück.

Als Maria an den Rand des Schachts gelangte, wollte Kenneth Klein ihr den Vortritt lassen. Sie ließ sich jedoch nicht darauf ein, sondern fasste ihn an die Schultern und stieß ihn die Stufen hinunter. Er kam aus dem Gleichgewicht, rutschte aus und holperte auf dem Hosenboden drei oder vier komplette Windungen in die Tiefe. Und das war gut so, denn der erste Senkrechtstarter schlug auf das Gebäude auf und explodierte. Feuerstrahlen drangen wie Blitze in die schmalen Kellerfenster der Waschküche und beleuchteten für Sekundenbruchteile den Brunnen. María zögerte nicht einen Augenblick und ließ sich wie der Chef auf dem Hinterteil in den Abgrund gleiten. Dann rüttelte der Detonationsdruck an Mauern und Deckengewölben und brachte sie zum Einsturz. Schutt, Geröll und brennendes Material rieselten die Wendeltreppe hinunter. Weitere Explosionen folgten. Flammende Gase setzten alles in Brand, was sich entzünden ließ. Feurige Treibstoffe flossen am Treppengerüst hinunter und schmolzen die verrosteten Schweißnähte des metallenen Gerüsts. Die Verankerung der Treppe löste sich und brach hinter den Flüchtenden in sich zusammen.

In circa 10 m Tiefe war der Boden des Schachts erreicht. Daniel stand in einer Aushöhlung der Brunnenwand und zog zunächst Kenneth Klein, und dann seine Frau in Sicherheit. Er trug eine kleine Taschenlampe und wies mit deren Schein auf eine schmale Stahltür, die von einer eingeklemmten Metallstange einen Spalt offen gehalten wurde. Die Öffnung war gerade weit genug, dass sich die drei Zuflucht Suchenden hindurch zwängen konnten. Mit dem Fingerrücken seiner Rechten strich Daniel zärtlich über Marias Wange und sie erwiderte seine Geste mit einem stolzen Blick.

Eine weitere Explosion erschütterte die Erde. Daniel schlug die Tür zu und das herabstürzende Geröll prasselte von der Außenseite gegen sie und beulte sie an einigen Stellen aus. Dann herrschte Stille.

Sie standen in einem mannshohen, etwa vier Fuß breiten Tunnel. Der schwache Lichtschimmer von Daniels Taschenlampe drang nur wenige Schritte weit in die Finsternis des sanft abwärts führenden Ganges. Die Wände waren glitschig feucht, von der Decke lösten sich dicke Tropfen und klatschten auf den Boden; die schwüle Luft erschwerte das Atmen und der Geruch von vermoderten Pflanzen und verwesten Tieren betäubte die Sinne.

María del Refugio spürte eine seit Langem unterdrückte Sehnsucht nach ihrer Kindheit. Erinnerungen aus vergessenen Lebensphasen erfüllten ihre Brust und durchdrangen all ihre Sinne. Ihre Mutter hatte sie als Mädchen zu den wichtigsten Stätten ihrer Urahnen geführt, abseits vom Tourismus, und ihr Geheimnisse offenbart, welche den nach Ruhm und Ansehen suchenden Archäologen unbekannt waren. In Palenque, wo sie geboren wurde, in Uxmal, Chichén Itza, Yaxchilán, Bonampac, Tikal und vielen anderen Zentren der verloren gegangenen Hochkultur der Mayas, hatte sie in der Abgeschlossenheit und Finsternis unterirdischer Gänge und Grabkammern die Mysterien des menschlichen Lebens enträtselt. Sie wusste seitdem warum sie lebte; sie kannte seitdem den Weg, den sie zu gehen hatte; sie scheute seitdem kein Hindernis, um dem Leben über den ewig währenden Zeitraum des Jetzt hinaus einen Sinn zu verleihen. Sie hatte keine Angst vor der Abgeschlossenheit, sondern fühlte sich zu Hause im finsteren Labyrinth historischer Absichten und zukünftiger Erwartungen.

Sie sagte: »Herr Klein, ich entschuldige mich bei Ihnen, Sie genötigt zu haben. Ich habe Sie die Treppe hinuntergestoßen.«

»Ich bedanke mich dafür. Sie sind eine mutige Person. Ich hoffe, dass wir hier wieder herauskommen. Wo sind die anderen?«

Daniel erklärte ihm, dass er sie voran geschickt habe.

»Glauben Sie, dass es genügend Atemluft für uns alle gibt?«

María gab die Antwort: »Leute, die diesen Gang gruben, hatten bestimmt keine Absicht, in ihrem eigenen Bauwerk zu ersticken.«

»Gehen wir also zu den anderen.«

Daniel leuchtete mit der Lampe auf den Boden und wollte vorangehen. Maria legte ihm die Hand auf den Arm: »Spare die Batterie, wir brauchen die Lampe vielleicht noch. Ich führe. Wir halten uns bei den Händen. Daniel, zähle du unsere Schritte.« Sie erfasste mit ihrer Linken die Rechte des Chefs, wie sie es unzählige Male mit ihrer blinden Tochter getan hatte, und ging voran.

Frau Klein war vor einigen Jahren an Krebs gestorben und seitdem hatte sich Kenneth Klein nie wieder von einer Frauenhand führen lassen. Die vom Sturz auf der Treppe verursachten Schmerzen in Rücken und Gesäß schienen sich durch diesen fürsorglichen, warmen Händedruck zu verflüchtigen. Die Hand von Daniel empfand er hingegen wie den Griff einer Türklinke.

María schritt voran wie am helllichten Tag: leichtfüßig, sicher und zielstrebig. Und so fühlte sie sich. Das leise, gedämpfte Echo ihrer Tritte reichte ihr aus, die Richtung einzuhalten und nicht ein einziges Mal die Tunnelwand zu streifen.

Nach zwei Minuten Marsch blieb sie stehen und sagte: »Ich höre die anderen ganz in der Nähe.«

Die beiden Männer lauschten in die Dunkelheit und vernahmen das Gemurmel menschlicher Stimmen.

Daniel ereiferte sich: »Ich werde ihnen Lichtzeichen geben, damit sie wissen, dass wir kommen.«

»Sie werden es nicht sehen können. Weiter vorne gibt es eine Kurve.«

»Wie kannst du so sicher sein?«

»Der Widerhall der Stimmen deutet das an. Wie viele Schritte hast du bislang gezählt, Daniel?«

»Zweihundertachtzig.«

»Wie viele Meter sind das ungefähr?«

»Vielleicht hundertfünfzig.«

»Gut, merke dir das. Beleuchte hier den Boden.«

Daniel ließ den Lichtkegel über den Boden gleiten. María stand auf einer Steinplatte, die sich wesentlich vom Rest des grob bearbeiteten Kalksteins unterschied. Diese war kreisrund mit einem Durchmesser von zwei Fuß und in den Boden eingelassen.

Daniel konnte sich nicht vorstellen, wie sie darauf gestoßen war: »Wie hast du das bemerkt?«

Es hätte Stunden gedauert, um es ihm auseinanderzusetzen und wahrscheinlich würde er es dennoch nicht verstehen. Sie reduzierte es somit auf einen Begriff, der keine weiteren Erklärungen benötigte: »Instinkt. Kannst du die Platte anheben?«

Kenneth Klein hielt das für unnötig: »Die anderen warten auf uns. Wir sollten nicht länger zögern, zu ihnen zu gelangen.«

Der immer noch auf den Boden gerichtete schwache Lichtschein reichte aus, dem obersten Boss des größten amerikanischen Medienkonzerns einen Blick in den tiefsten Abgrund des Universums zu gewähren: die Missbilligung einer Frau. Ihr unbedeutender Schritt zur Seite, ihre kaum durchgeführte Geste mit der Handfläche und ihr unmerkliches Anheben des Busens schickten ihn dahin, wo der Pfeffer wuchs. Aber schließlich war er der Chef hier und sie befanden sich auf beziehungsweise unter seinem Besitz.

»Gib mir die Lampe, Daniel. Ich habe Gäste, auf deren Wohl ich achten muss.«

Daniel zögerte nicht, seinem Chef die Taschenlampe auszuhändigen.

Kenneth Klein leuchtete María ins Gesicht. Sie schwieg, drehte den Kopf zur Seite und zeigte ihm das Profil einer authentischen Maya: die breite Nase, das Nasenbein gradlinig bis in die Stirn hinauf gewachsen, die nach hinten geneigte Stirn, die tief liegende Augenhöhle, die wulstige, ein wenig aufwärts geneigte Oberlippe, das zurückliegende und dennoch energisch wirkende Kinn. Als er den Lichtschein auf den Boden richtete, hatte sich in seinem visuellen Gedächtnis das Bildnis einer visionären und unbeugsamen Obrigkeit eingraviert. Er tappte ins Dunkel.

Daniel wollte ihm folgen, aber María stellte sich ihm in den Weg: »Lass ihn gehen. Wir müssen herausfinden, was sich unter dieser Steinplatte befindet.«

»Herr Klein und die anderen benötigen vielleicht meine Hilfe.«

»Dann beeile dich dabei, die Platte anzuheben.«

»Ich kann nichts sehen.«

»Sieh mit den Fingern!«

Daniel kannte seine Frau. Sie hatten zusammen viele unvorhersehbare und unangenehme Situationen gemeistert und im gegenseitigen Einverständnis wichtige Entscheidungen getroffen. Nie zuvor jedoch war sie derart herrisch gewesen. Er kniete sich nieder, tastete mit den Fingern die Fugen der eingesetzten Steinplatte ab, kratze mit einem Schraubenzieher die Fuge frei und versuchte schließlich, den Schraubenzieher weit genug in die Fuge zu drücken, um die Platte herauszuhebeln, aber es ging nicht. Die Fuge war zu schmal, er bekam den klobigen Schraubenzieher nicht tief genug hinein und die Steinplatte war vermutlich auch noch festgegammelt.

»Nun heb doch die Platte heraus!«

»Es geht wirklich nicht. Lass uns die anderen suchen.«

»Unser Weg zweigt hier ab.«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich bin eine Maya.«

Daniels Geduld war am Ende: »Dann mach es doch alleine!«

»Ich bin eine schwache Frau und du bist mein starker Mann!«

Er hatte ihr noch nie im Leben etwas abgeschlagen: »Nenne mir einen einzigen, vernünftigen Grund!«

In Tikal, María del Refugio war zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen, hatte man sie einige Tage lang für verschollen gehalten. Von einer Grabkammer aus hatte sie sich in ein System unterirdischer Geheimgänge begeben. Sie hatte lange suchen müssen, bis sie einen Ausgang fand, weil sie zunächst nicht zu definieren vermochte, warum sie sich überhaupt in jenes Labyrinth begeben hatte und warum sie wieder in die Außenwelt zurück wollte. Als diese Fragen eindeutig beantwortet waren – es war ein langwieriger Denkprozess gewesen – hatte sie die Geheimnisse der historischen Baumeister gelöst. So wie die Weltgewalten zwar unbekannten, jedoch festen Regeln unterlagen, so waren auch die Werke des menschlichen Geistes auf wohldurchdachte Absichten errichtet. Ebenso wenig, wie die kilometerlangen Verbindungstunnel zwischen den entfernten Kultstätten nicht dafür gebaut worden waren, jemand wie sie in die Irre zu führen, gab es auch in Old Mystic keine Missverständnisse hervorrufenden Bauelemente. Damals, als Mädchen, verloren in der Finsternis, hatte sie die Frage, die Daniel gerade gestellt hatte, tausendmal variiert und wiederholt: Gibt es einen einzigen, vernünftigen Grund, warum ich existiere?; warum ich mich in die Finsternis begeben habe?; warum ich das Dunkel verlassen möchte?; warum ich mich nicht einem vorbestimmten, fatalen Schicksal unterwerfe?; warum ich mich als selbstständiges Individuum fühle und nicht als Teil einer mich manipulierenden Gesellschaft?; warum ich mit den herkömmlichen, angelernten Worten und Begriffen das in mir aufkeimende Neue zum Ausdruck bringen möchte?; warum ich mich mit anderen vergleiche, obgleich ich mich von allen unterscheide? Warum? Warum? Warum? María hatte damals die alles erklärende Antwort gefunden: Es gibt keinen allgemein verständlichen, vernünftigen Grund! Die Vernunft des Individuums war etwas Einzigartiges und somit der Sinn seiner Existenz. Sie trug in ihren von den Urahnen übermittelten Genen, in ihren Sinnen, ihrem Herzen und ihren Gedanken die Inschrift: Das Ziel deiner Existenz ist das nimmer endende Jetzt. Sie nannte ihrem Mann den einzig vernünftigen Grund: »Ich will hier herauskommen!«

Hätte Daniel jedes Mal auf die Uhr geschaut, wenn er das matt leuchtende Zifferblatt dazu benutzte, einen winzigen Lichtschimmer auf die Stellen scheinen zu lassen, wo der Schraubenzieher die schwere Steinplatte Millimeter für Millimeter aus dem Boden hob, wäre ihm schnell der Geduldsfaden gerissen. Die Zeit, weniger noch die Uhrzeit, war in dieser Finsternis jedoch völlig bedeutungslos. Aber schließlich gelang es ihm die Platte weit genug hochzudrücken, dass er mit den Fingern drunterfassen konnte. María half ihm die schwere Platte anzuheben und beiseitezuschieben.

Vor Erschöpfung stöhnend setzten sich beide auf den Boden. Sie nahm seine von Blut und Staub verschmierten Hände und führte sie an ihre Lippen. Bei diesem Zeichen der Dankbarkeit nahm Daniel all die angestauten, unausgesprochenen Verwünschungen sofort zurück. Aber sie wollte ihm nicht danken sondern beglücken: Sie leckte ihm mit ihrer feuchten, warmen, gefühlvollen, schmiegsamen Zunge die Wunden seiner Handrücken und Finger sauber.

Die offen gelegte Aushöhlung war knapp zwei Fuß tief. Daniel legte sich auf den Bauch, streckte die Arme hinein und tastete mit den Händen Boden und Seitenwände ab.

María war neugierig: »Was ist?«

»Komm und fühle es selbst.«

Sie legte sich ihm gegenüber, suchte seine Hände und ließ sich von ihnen leiten. Es gab ein unterarmdickes metallenes Rad mit drei starken Speichen, die im Zentrum eine Achse umschlossen.

Daniel rätselte: »Es kann sich um ein Ventil handeln … es könnte auch einen hydraulischen Mechanismus bewegen … ob es sich drehen lässt?«

»Wir dürfen nicht raten. Wir müssen genau wissen, warum und wofür es hier installiert wurde.«

»Wie können wir das wissen?«

»Beantworte einfach meine Fragen: Will man uns damit schädigen?«

»Wie konnten die Leute ahnen, dass wir …«

»Was erwarten wir?«

»Wir suchen einen Ausgang oder den Bunker, den wir eigentlich anstrebten.«

»Was ziehen wir vor?«

»Den Ausgang, und zwar so schnell wie möglich. Ich habe die Nase voll von dieser Dunkelheit.«

»Dann gehen wir also kein Risiko ein, wenn wir versuchen, das Rad zu drehen?«

»Jede Aktion hat Folgen. Ich vertraue deinem Rat.«

»Ich bin eine Frau.«

»Du bist meine Frau und …«

»Ja?«

»… eine Maya.«

María fühlte sich erhaben.

Das Rad ließ sich jedoch nicht bewegen. Der kraftlose Griff von María schien keinerlei Unterstützung zu bieten, dennoch strengte sie sich an und schwitzte dabei. Die Lage auf dem Bauch nahm den Armen jede Hebelkraft.

Daniel wollte von sich aus nicht aufgeben, obwohl er das Ganze für aussichtslos hielt: »Es ist alt und verrostet, nehme ich an.«

»Es ist dazu installiert worden, von uns bezwungen zu werden.«

»Warum hat man es so tief im Boden eingelassen? Mit den Händen lässt es sich kaum ergreifen.«

»Versuch es mit den Füßen.«

»Ein Versuch kann nicht schaden«, seufzte er.

Sein ganzer Körper schmerzte und er konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, als er sich hochstemmte, sich an den Rand der Höhlung setzte und die Unterschenkel hineinschob. Mit einer Fußspanne und einer Ferse drückte er nun gegen die Speichen des Rades, in der Hoffnung, eine Drehbewegung zu verursachen. Es war aussichtsloser als mit den Händen.

Wütend auf sich selbst, auf alle Verrückten und auf die Welt als solche und voller Trotz, keinen weiteren Handschlag mehr zu tun, sondern lediglich darauf zu warten, bis andere kämen, um ihn aus dieser lausigen, sinnlosen und grotesken Situation zu befreien, stampfte er mit aller Wucht seine Schuhsohlen auf das widerspenstige Artefakt und stellte sich hin. Ein Schreck durchfuhr ihn und brachte ihn ins Wanken, als das Rad begann, sich aus der Versenkung herauszuheben. Mit dem Knie schlug er gegen die Kante des Loches und das andere Bein rutschte zwischen die Speichen des Rades und klemmte sich dort ein. Dann fiel er vornüber, konnte den Fall jedoch mit seinen wund geriebenen Handflächen abfangen. Er fluchte.

María saß mit dem Rücken an die Tunnelwand gelehnt und ahnte Schlimmes: »Hast du dich verletzt?«

»Das Rad kommt nach oben!«

Sie tastete mit den Händen über den Boden und spürte eine leichte Vibration. Ohne den geringsten Lärm zu verursachen, presste sich ein runder Sockel, in dem die Achse des Rades eingelassen war, an die Oberfläche. Daniel hatte seinen Fuß befreit und kniete nunmehr vor der neuen Errungenschaft. Er befühlte den Sockel von allen Seiten und ertastete einige Einkerbungen. Er folgte diesen mit der Spitze seines Zeigefingers und entzifferte sie als Buchstaben. Auf einer Seite und der gegenüberliegenden waren es die gleichen.

»Auf dem Sockel sind die Buchstaben FINLOM eingraviert.«

»Was bedeutet das?«

»Keine Ahnung.«

»Und nun?«

»Vielleicht gibt das Rad jetzt nach.«

»Ich versuche es.«

Es ließ sich gegen den Uhrzeigersinn drehen. Es war nicht einfach, weil Daniels Hände nur noch wenig Kraft besaßen, aber es bot keinen ernsthaften Widerstand. María half ihm. An den drei Speichen zählte er die Umdrehungen: »Zwei, drei …«

»Stopp!«

»Was ist?«

»Spürst du nicht den frischen Windzug?«

»Ich spüre nichts.«

»Er kommt aus der Richtung, in die die anderen gegangen sind.«

»Vielleicht öffnen wir eine Luftschleuse.«

»Dreh weiter!«

»Drei, vier, fünf. Jetzt spüre ich es auch. Sechs, sieben, acht. Ich glaube wir bewegen etwas Schweres.«

Einige Schritte von ihnen entfernt hörten sie nun ein Knirschen und Schrammen und bei der zwölften Umdrehung das Aufschlagen von Stein auf Stein.

Ein Tor musste sich geöffnet haben, denn die breiige, schwüle Luft wurde von einer frischen, würzigen Atmosphäre verdrängt und die undurchdringliche pechschwarze Finsternis schien transparent geworden zu sein.

María lachte: »Du hast etwas bewirkt, Daniel. Wenn wir jetzt eine Lampe hätten, könnten wir sehen, was es ist.«

»Es ist unser Ausgang, nicht wahr?«

»Ich bin sicher. Aber jetzt setz dich zu mir und verschnauf erstmal.«

»Sollten wir nicht sofort Herrn Klein und die anderen von dieser Entdeckung informieren?«

»Es ist stockfinster und wir könnten uns verirren.«

»Das ist wahr. Bestimmt haben sie einen bequemen Unterschlupf gefunden und warten darauf, dass man sie dort herausholt.«

Daniel rutschte neben sie. Er legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie fest an sich. Er wunderte sich, wie spät es wohl sein mochte, er wollte jetzt jedoch seinen Arm mit der Uhr dort verweilen lassen, wo das heißblütige Leben die eiskalte Zeit zum Verdampfen brachte: am Busen seiner Frau. Ihm fielen die Augen zu und er nickte ein.

María del Refugio fühlte, dass Daniels wohlwollender Griff an ihrem Busen nachließ. Er war also vor Erschöpfung eingeschlafen und würde so bald nicht aufwachen. Sie befreite sich aus seiner Umarmung und erhob sich. Es gab so viel zu überlegen und so viel zu tun, aber womit sollte sie beginnen?

Herr Klein, seine Gäste und die Arbeitskollegen waren den Stollen weitergegangen – wie weit wohl? Warum war niemand zu ihnen gekommen, um sie zu holen? Sollte sie die anderen suchen und sie davon unterrichten, dass Daniel und sie ein Tor geöffnet hatten? Wenn frische Luft von dorther kam, konnte es nur ein gutes Zeichen sein. Dennoch, sie wollte zunächst herausfinden, was genau sich dahinter verbarg.

Vorsichtig bewegte sie sich vorwärts. Nach zwanzig Schritten spürte sie den Gang von einer Mauer versperrt, zur rechten Seite jedoch hatte sich ein Durchgang geöffnet. Mit den Händen tastete sie die Wände, die Decke und zuletzt den Boden ab. Die Öffnung war breiter als der Stollen und führte auf einen quadratischen Absatz, von dem aus eine steinerne Treppe in die Tiefe führte. Die Stufen hatten eine bequeme Breite und Höhe und die Decke die Form einer halbrunden Wölbung. Zur linken Hand gab es sogar einen Handlauf. Schritt für Schritt ging sie hinunter. Zehn Stufen tiefer befand sich ein Absatz, von dem aus es mit einer Hundertachtziggradkehre weiter hinunterging. Das wiederholte sich sechsmal und dann endete die Treppe. Ein weiter, offener Raum schien vor ihr zu liegen, denn die Finsternis war weniger finster. Aus der Nähe ließ sich das zarte Plätschern eines fließenden Gewässers vernehmen.

Mit lauter Stimme rief sie: »Hallo! Hallo!«

Ein Echo, das sich selbst nachahmte, entfernte sich in entgegengesetzte Richtungen. Stand sie am Rand eines großen, weiten Tunnels?

»Hallo! Hallo!«

Sie trat einige Schritte vorwärts und stieß gegen ein Gitter aus Eisenstäben. Es war ein Gittertor. Sie fühlte die in der Mitte zusammengeführten Torflügel, welche mit einer dicken Eisenkette und zwei festen Vorhängeschlössern zusammengehalten wurden.

»Hallo! Hallo!«

María brauchte nicht lange zu überlegen, um zu entscheiden, was nunmehr zu tun war. Sie zog ihre Bluse aus und knotete diese an das Gitter. Wenn jemand von außen bis hierher gelangen sollte, würde er ein Zeichen von ihr vorfinden und ihrem Weg folgen können. Dann eilte sie so schnell es ging die Treppen hinauf, sie kannte ja jetzt den Weg.

Daniel schlief noch. Sie weckte ihn und berichtete ihm, was sie entdeckt hatte.

Sie mussten nun Kenneth Klein und den anderen davon berichten. Mit vereinten Kräften drehten sie das Handrad und öffneten den Durchgang des Stollens einen Spalt, um durchschlüpfen zu können, wobei sich das Tor, das die Treppe freigab, in gleichem Maße schloss.

Nach gut fünfzig Metern endete der Stollen an einer metallenen Tür. Daniel tastete sie ab, um den Mechanismus aufzuspüren, mit welchem sie geöffnet werden konnte. Er fand einen Riegel, aber er vermochte nicht, diesen auch nur einen Zentimeter zu bewegen, zumal ihm nicht klar war, wie er funktionierte. Gerade wollte er mit den Fäusten gegen die Tür trommeln, um sich bemerkbar zu machen, als er von der Gegenseite her Stimmen hörte. Sie klangen nicht wie die von Kenneth Klein oder den anderen. Er flüsterte María zu, wie er das Ohr an die Tür zu legen. Was sie hörten, versetzte sie in Angst und Schrecken:

»Die hier ist Sarah Fullerton!«

»Bring sie her.«

»W

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