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Amerikas letzter Eskimo

Über den Autor

Hans-Uwe Röwer, geboren 1938 in Kiel, wuchs in Hamburg und Umgebung auf. Nach seiner Heirat mit einer Mexikanerin lebt er seit 1970 in Mexiko. Er ist Autor zahlreicher Kurzgeschichten in spanischer Sprache. Sein besonderes Interesse gilt der Anthropologie, der Raumfahrt sowie der Veränderung der menschlichen Werte in der näheren Zukunft. ›Amerikas letzter Eskimo‹ ist der zweite Band einer Trilogie und besteht aus zwei Teilen.

Band 1: Mayday

Band 2: Amerikas letzter Eskimo

Inhalt

Alex

Linda Perkins

Linda und Tom

James M

Franklin jr.

William Kenneth Klein

Joyce Waterloo

Old Mystic

Alex

Im Netz wurde es täglich wiederholt: Der Monat März dieses Jahres auf der nördlichen Hemisphäre war bislang der kälteste März seit über einhundert Jahren. Alle Welt beklagte sich darüber, obwohl von den Monaten Januar und Februar das Gleiche behauptet worden war. Vom herannahenden Frühlingsanfang, dem Kalender nach am 21. März, und gemäß der Empfindungen der Menschen in dem Moment, da der Körper von einem wärmenden Sonnenstrahl berührt wurde, war weit und breit keine Spur zu erkennen.

Toms bereits vereistes Gemüt schmolz in wenigen Sekunden, als er am Mittwoch, dem 14. März 2136, im Netz die Stimme seines jüngeren Bruders James sagen hörte: »Mein Geburtstag ist in zwei Tagen.«

»Daran brauchst du mich nicht zu erinnern.«

»Ich werde zweiundzwanzig.«

»Auch das weiß ich.«

»Ich möchte, dass du mir etwas Besonderes schenkst.«

»Was kann das wohl sein?«

»Ein Teil deines Lebens.«

»Ich begreife nicht, was du meinst.«

»Schenke mir eine Woche deines Lebens.«

»Wie ist das möglich?«

»Ich habe eine Einladung bekommen, nach Guam zu fliegen, um dort ein Programm zu testen, das ich einer Raumfahrtgesellschaft übersandt habe.«

»Wie kommst du dazu?«

»Es gab eine Ausschreibung und …«

»Ich verstehe, man interessiert sich für deine Programme.«

»Ist das nicht toll? Begleitest du mich?«

»Nach Guam?«

»Ja. Eine Woche.«

»Meine Arbeit …«

»Schreiben kann man überall.«

»Ich kann doch nicht so einfach …«

»Das wäre das beste Geschenk für mich.«

»Ich müsste um Erlaubnis bitten.«

»Klar.«

»Und die Reisekosten …«

»Ich darf eine Vertrauensperson einladen.«

»Vertrauensperson?«

»Natürlich, jemand der nicht ausplaudert, worum es geht. Du bist meine einzige Vertrauensperson. Was sagst du dazu?«

»Wann sollst du denn fliegen?«

»Morgen.«

»Was? Morgen?«

»Ja, am Freitag feiern wir zwei dann meinen Geburtstag in Guam.«

»Das ist ziemlich überstürzt. Wie lange hältst du diese Nachricht schon zurück?«

»Vor einer Stunde bin ich informiert worden. Man verlangt von mir eine kurzfristige Entscheidung.«

»Eine merkwürdige Gesellschaft.«

»Vater und Mutter raten mir, es zu tun.«

»Klar, ich rate es dir ebenfalls. In meiner Firma wird jedoch alles langfristiger geplant.«

»Ganz klar, darum hinken die Netzorganisationen mit ihren Nachrichten immer hinterher.«

»James Madison!«

»Ich bitte dich darum.«

»Guam?«

»Es soll dort keinen Winter geben. Ist das nicht verlockend?«

»Ich kann es mir kaum vorstellen.«

»Tu das lieber und übermittele mir innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten deine Zusage. Die Fluggesellschaft fordert dann direkt bei dir deine Personalien an.«

»In fünfzehn Minuten?«

»Wenn du es sofort tätest, wäre es noch besser. Mir liegt sehr viel daran.«

»Mensch, James, du stellst mich ganz schön auf die Probe.«

»Guam! Ewiger Sommer! In einer Woche bist du wieder in deiner Eisbox New York!«

»Ich überlege es mir.«

Tom brauchte nicht viel zu überlegen, denn es handelte sich um eine einmalige Gelegenheit für seinen Bruder. Und wie dieser gesagt hatte: Er war die einzige verfügbare Vertrauensperson. Er sprach sofort seinen Abteilungsleiter Marvin an und erhielt die Genehmigung, ihm wurde jedoch eine Bedingung gestellt: »Am 23. März brauchen wir dich in Anchorage.«

»Alaska?«

»Ja, von dort startet eine Tour in den Yukon und die Nordwest-Territorien.«

»Das ist ja fast am Nordpol.«

»Na und? Da kannst du dir deinen Sonnenbrand von Guam abkühlen.«

»Was für eine Tour?«

»Einige Wissenschaftler sind dabei, eine großartige Entdeckung zu machen. Wir haben dich dazu auserkoren, ihnen diskret auf die Finger zu schauen und darüber zu berichten.«

»Warum schickt ihr nicht jemand anders?«

»Niemand anders verlangt zu dieser Zeit Urlaub für einen Trip nach Guam.«

Jedes Zugeständnis hatte eben seinen Preis.

Toms Beruf und James’ Studium waren in den vergangenen Jahren die Ursachen dafür gewesen, dass sich der persönliche Kontakt zwischen ihnen auf ein Minimum reduziert hatte. Der gemeinsame Aufenthalt auf Guam zeigte beiden, wie viele Ideen und Meinungen sie teilten und wie sehr sie zusammenpassten. Tom fühlte sich glücklich, die Einladung akzeptiert zu haben, und es machte ihm gar nichts mehr aus, vom tropischen Pazifik aus direkt nach Alaska zu fliegen.

Beim Abschied erhielt Tom einen unerwarteten Ratschlag seines um sechs Jahre jüngeren Bruders: »Verschwende dein Leben nicht damit, über Dinge zu berichten, in die du nicht persönlich involviert bist oder bei denen du deine eigene Meinung für dich behalten musst. Das einzige Tor zur Wahrheit ist das Herz und deines ist so wunderbar riesig.«

Der Flug von Guam nach Anchorage ging über Tokyo und dauerte sieben Stunden. Tom nutzte diese Zeit, um über das von James Angedeutete nachzudenken. Er gab ihm recht: Die Berichterstattung sollte die Welt so zeigen, wie der Berichterstatter sie wahrnahm.

Einfühlungsvermögen und subjektives Empfinden lagen der Wahrheit näher als kaltherzige Objektivität. Die nach Information gierende Welt fraß alles, was ihr vor die Füße geworfen wurde: Brutalität, Aggressivität, Gewalttätigkeit, Kriminalität, Unfälle, Desaster, Kriege und dergleichen. Ein Flugzeugabsturz ohne Leichen schmeckte den Netzbenutzern wie ein Steak ohne Salz, das menschliche Feingefühl und das eigene Vorstellungsvermögen wurde seit Generation ständig weiter reduziert und war bereits fast völlig abhandengekommen. Wie paradiesisch es wohl gewesen war, als die Geschehnisse auf der Welt noch über Radio verbreitet wurden, oder gar zuvor, als man durch einen Brief oder einen mündlichen Bericht die Nachrichten erfuhr und dann auch nur diejenigen, die es anging.

An den Hochschulen lernte man, dass der Informator, der Reporter und Publizist den Rahmen der Objektivität nie überschreiten durfte. Er durfte auf keinen Fall seine eigene Meinung oder seine eigenen Gesichtspunkte durchblicken lassen. Der Informierte sollte nicht beeinflusst werden, damit er eigene Schlüsse ziehen konnte. In Wirklichkeit wurde damit genau das Gegenteil erzielt, nämlich Abgestumpftheit, Gedankenlosigkeit, Apathie – alles Schwächen, die den fruchtbaren Nährboden bildeten, auf dem die Manipulation der Masse gedieh. Und darauf kam es wohl im Endeffekt an: Massenbeeinflussung. Das Potenzial der Masse bestand darin, auf ihre Trägheit bauen zu können. Wie ein Gletscher floss sie von einem Jahrzehnt ins andere, von einer Generation in die darauf folgende, und sie riss alles mit sich, was sich ihr in den Weg stellte. Zynisch kaltblütige Information erhöhte ihre Vereisung, ehrliche und warmherzige Berichterstattung brächte sie höchstwahrscheinlich zum Schmelzen.

Vor allem waren es die Regierungen und Großkonzerne, die aus diesem Umstand einen Nutzen zogen. Für langfristige Planungen und Prognosen benötigte man Stabilität und Trägheit. Während hundertfünfzig Jahren visueller und virtueller Informationsübermittlung hatte man herausgefunden, worauf die Masse ansprach und wie sie daran gefesselt werden konnte: Die Einführung des Individuums in die Massengesellschaft begann schon in der Wiege. Wer vor und während der Geburt bereits von Kameraaugen beobachtet und überwacht wurde, zögerte nicht lange, dem Kamerabild zu huldigen. Sportveranstaltungen, Unfälle, Feierlichkeiten oder sonstige Ereignisse, an denen das Individuum selbst teilgenommen hatte, besaßen nur dann einen Realitätswert, wenn es von irgendeiner Kamera festgehalten worden war und sich unzählige Male repetieren ließ. Was galten das eigene Empfinden und die eigene Erinnerung?

Tom war bislang diesem Schema gefolgt, weil die Umwelt es von ihm erwartete. Er fragte sich und grübelte darüber nach, ob er die Kapazität besäße, seine berufliche Laufbahn neu auszurichten. Das weiterzumachen, was Erfolg versprach, durfte doch im Prinzip nicht falsch sein. Und sich dem allgemeinen Trend entgegenstellen zu wollen, bedeutete mit Sicherheit Misserfolg und Ausgliederung. Nur wer bereits ganz oben stand – er dachte dabei an seinen Chef William Kenneth Klein und seinen Freund Paul Kinsman – konnte es sich leisten, aus der Rolle zu fallen. Natürlich gab es überall und jederzeit Außenseiter, die mussten sich jedoch, wenn sie überleben wollten, hinter einer Tarnkappe aus Weltfremdheit, Geistesschwäche, Exzentrizität, Fanatismus oder Dummheit verstecken. Etwas Derartiges ließ sich jedoch auf gar keinen Fall mit seinen Lebensprinzipien und Lebenserwartungen vereinbaren.

Die Landung in Anchorage verlief ohne Hindernisse, obgleich die Wetterverhältnisse das Schlimmste befürchten ließen. Der Winter in Alaska hatte es in sich, die modernen Flugmaschinen andererseits besaßen die Fähigkeit, es mit den Herausforderungen der Natur aufzunehmen. Zum unterirdischen Hangar hatte der wütende Schneesturm Gott sei Dank keinen Zugang und Tom wollte fast verleugnen, was die meteorologische Anzeige felsenfest behauptete: Windstärke Zwölf. Er stellte sich die naive Frage: Was, um alles in der Welt, mache ich hier?

Mit ihm waren weitere vierzehn Passagiere aus Tokyo angekommen. Tom fragte einen Japaner, mit dem er während des Fluges eine nichtssagende Unterhaltung geführt hatte: »Was, um alles in der Welt, machen wir hier?«

Dieser blickte ihn mit einem beleidigten Ausdruck ins Gesicht und bemerkte: »Ich weiß, warum ich hier. Du nicht? Traurig für du!«

Tom wollte sich für seine unbedachte Bemerkung entschuldigen, aber der Japaner wandte sich von ihm ab. Er nahm sich vor, zukünftig rhetorische Fragen für sich zu behalten. Es gab schließlich ernsthaftere Themen, mit denen er sich herumschlagen konnte, was ihn zurück zu der Frage brachte, was, um alles in der Welt, er in Alaska machte.

Toms Abteilungsleiter bei NTN hatte ihm nur mit wenigen Worten und einem kurzen Einführungsmemorandum darauf vorbereitet, was man einerseits von ihm erwartete und ihm andererseits gestattet sein würde. Er sollte eine Gruppe von Naturforschern begleiten über deren Arbeit und Arbeitsmethoden berichten. Die Fauna in den Nordwest-Territorien war angeblich der Schwerpunkt dieser Untersuchungen. Fühlte er sich fähig, die Arbeit von Wissenschaftlern, die genau wussten, was sie wollten, mit objektiven Kriterien als Reportage wiederzugeben? Offensichtlich war er für diese Mission deshalb ausgesucht worden, weil er dem Chef einen Gefallen schuldete. Oder gab es andere Gründe? Während der Woche auf Guam hatte es sich nicht die Zeit dazu genommen, darüber nachzudenken, wie er diese Aufgabe in Angriff nehmen sollte. Würde man gar seine Anwesenheit als überflüssig und störend empfinden? Der Japaner war vielleicht einer von denen, die ungebetene Gäste zum Teufel schickten. Darum war die Frage Was, um alles in der Welt, mache ich hier? gar nicht so unangebracht.

Tom ließ sich sein Gepäck aushändigen und identifizierte sich an der Sicherheitskontrolle. Der Beamte wollte wissen: »Journalist, wie ich sehe?«

»Ganz recht.«

»NTN, nicht wahr?«

»Ich kann es nicht leugnen.«

»Gibt es über Alaska etwas Besonderes zu berichten?«

»Geglückte Landung bei Windstärke zwölf!«

»Ha! Wohl noch nicht so viel herumgekommen?«

»Ich schlafe am liebsten in meinem eigenen Bett.«

»Wie romantisch. Möchten Sie einen Ratschlag hören?«

»Das kann wohl nicht schaden.«

»Vergessen Sie nie, die Heizung aufzudrehen.«

»Ich werde es mir merken.«

»Und noch eins …«

»Ja?«

»Stehen Sie auf, wenn es im Bett zu kalt wird.«

»Wird gemacht.«

Mit einer Tunnelbahn ging die Reise weiter bis zum Fünf-Sterne-Hotel Hochsaison. Tom erledigte die Anmeldeformalitäten, bekam ein Zimmer zugewiesen und man überreichte ihm einen großen gelben Polsterumschlag an Herrn Thomas J. Kolby, Journalist, geschätzter Reisebegleiter des Yukon- und Nordwest-Territorien-Forschungsteams. Er klemmte ihn sich unter den Arm und begab sich in sein Gemach. Der Raum war kühl und Tom stellte als Erstes den Thermostaten um einige Grad höher. Dann warf er sich aufs Bett und riss den Umschlag auf.

Ein veralteter, klobiger Laptop kam zum Vorschein. Sein Bruder James besaß ähnliche in seiner Sammlung. Tom klappte ihn auf und blickte auf den Monitor, der sofort aufleuchtete. Eine an ihn gerichtete Nachricht flimmerte auf:

Geschätzter Herr Thomas Jefferson Kolby, es ist eine Ehre für unser Forschungsinstitut, Sie als Reisebegleiter in ihrer Funktion als Berichterstatter für die ehrenwerte NTN-Corporation bei uns begrüßen zu dürfen. Unsere Expedition startet morgen, am Sonnabend dem 24. März. Es ist somit von außerordentlicher Wichtigkeit, dass Sie sich umgehend mit uns in Verbindung setzen. Sie brauchen ihr Hotelzimmer nicht zu verlassen.

Sobald Sie sich dazu bereit fühlen, Kontakt mit uns aufzunehmen, drücken Sie die Enter-Taste . Falls Sie sich noch eine Weile ausruhen möchten, was Ihnen natürlich gerne gestattet wird, schließen Sie den Laptop und öffnen ihn erst dann wieder, wenn Sie die Kontaktaufnahme wünschen. Wir hoffen sehr, dass Ihnen der von uns gewählte Kommunikationsweg zusagt.

Hochachtungsvoll, Kaenske Tanagagushi

Warum sollte Tom lange darüber nachdenken, wann und wie er sich informieren lassen wollte? Er tippte unverzüglich die Enter-Taste. Die Nachricht verlosch und in großen Buchstaben war zu lesen:

Sie haben sich schnell entschlossen. Das war wünschenswert. Drücken Sie Enter.

Eine neue Seite kam ins Bild:

Wir werden nun einige persönliche Fragen an Sie richten, die Sie mit einem oder wenigen Worten zu beantworten haben. Das ist unbedingt erforderlich, damit jedes Mitglied unserer Forschungsgruppe davon unterrichtet wird, welche Toleranzgrenzen durch Ihre Anwesenheit berührt werden. Wenn Sie mit diesem Verfahren einverstanden sind, drücken Sie Enter.

Dann hagelten Fragen auf ihn ein, die Tom sich bislang selbst nie gestellt hatte und die Schlag auf Schlag zu beantworten waren. Und nach jeder Antwort: Drücken Sie Enter.

Fast eine Stunde lang dauerte dieses Examen, bis endlich das Schriftbild verlosch und das Bild eines Mannes aufleuchtete. Er besaß ein schmales, ausgemergeltes Gesicht mit europäischen Zügen, konnte aber ebenso gut ein Amerikaner sein. Er versuchte zu lächeln, als er die ersten Worte sprach: »Mein Name ist Dr. Alvin Greenfield, ich bin der Leiter der Forschungsreise, welche Sie zu begleiten gedenken. Alle Teilnehmer sind hier versammelt und jeder Einzelne hat Sie mit den Fragen belästigt, die man für wichtig hielt. Ich werde nunmehr eine allgemeine Abstimmung vornehmen, die darüber entscheidet, ob Sie für das Unternehmen akzeptiert werden oder nicht.« Das Gesicht wandte sich für eine Weile ab, dann kam es zurück und sagte: »Von den zehn Anwesenden, mich eingeschlossen, haben sieben zugestimmt. Wir haben Sie somit akzeptiert und erwarten Sie morgen früh um acht Uhr morgens in Polarinstitut. Für Ihre Ausrüstung ist gesorgt worden. Bringen Sie lediglich die für Ihre Arbeit nötigen Utensilien mit. Ihr weiteres Gepäck, falls vorhanden, können Sie an Ihre Heimatadresse schicken lassen, in unserem Expeditionsfahrzeug ist kein Platz dafür vorhanden und wir kommen nicht nach Anchorage zurück. Der Laptop ist Eigentum des Hotels. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend.«

Der Monitor verdunkelte sich und der Computer schaltete sich aus. Tom klappte ihn zu, steckte ihn zurück in den Umschlag und ließ ihn auf den Boden gleiten. Er kreuzte die Ellenbogen hinter dem Kopf und streckte seinen Körper der Länge nach über das Bett. Sollte er sich glücklich oder betrogen fühlen, als geschätzter Reisebegleiter anerkannt worden zu sein?

Mit zehn unbekannten Leuten, wahrscheinlich alles versauerte und humorlose Egozentriker, sollte er während der kommenden zehn Tage das Leben teilen, um danach über deren Arbeit und Untersuchungsergebnisse zu berichten. Es schien, dass Tom der einzige Journalist war, der die Zusage erhalten hatte, das Unternehmen zu begleiten. Mit offenen Augen, spitzen Ohren und sensibler Anpassungsbereitschaft gedachte er seine Aufgabe zu erfüllen, ohne dabei jemanden auf den Schlips oder die Füße zu treten.

Pünktlich um 8:00 Uhr meldete sich Tom im Polarinstitut. Man wies ihm den Weg in einen Sitzungssaal, wo er, wie man ihm sagte, bereits erwartet wurde. An einem ovalen, lang gezogenen Tisch, der für mehr als zwanzig Teilnehmer Platz bot, saßen sich zwölf Leute gegenüber.

Greenfield kam auf ihm zu, gab ihm die Hand und sagte: »Willkommen. Nehmen Sie bitte Platz.« Er begleitete Tom zum Kopfende des Tisches, bewegte den dort befindlichen Sessel und bedeutete ihm, sich zu setzen.

Zu Toms Rechten und Linken befanden sich je sechs Personen unterschiedlichen Alters, die meisten mit asiatischen Physiognomien. Auf den ersten Blick stachen besonders zwei hervor: ein alter Mann mit einem runden, dunkelhäutigen, von Narben und Falten durchzogenem Gesicht, dessen schmale, zusammengepressten Lippen ein weises, überzeugendes Lächeln zum Ausdruck brachten und dessen kaum erkennbares Augenpaar aus engen Sehschlitzen tief in Toms unerfahrene Seele blickten – er war bestimmt ein Eskimo – und eine junge Frau, deren frischer, offener und selbstsicherer Blick Tom zu einem Duell herauszufordern schien.

Greenfield ergriff das Wort: »Alle Anwesenden kennen Ihren Karriereverlauf und akzeptieren mehr oder weniger die von Ihnen abgegebenen Erklärungen bezüglich Ihrer persönlichen und professionellen Prinzipien. Deshalb sind Sie jetzt hier. Wie es aussieht, besitzen Sie die grundlegenden Voraussetzungen, die einen intelligenten und selbstkritischen Journalisten auszeichnen. Wir alle hoffen, dass Sie unsere Erwartungen nicht enttäuschen.«

Er machte eine kurze Pause und fuhr fort: »Unsere Expedition soll kein Geheimnis bleiben, deshalb haben wir um die Teilnahme eines Berichterstatters gebeten. Dennoch erwarten wir von Ihnen strengste Diskretion über die Teilnehmer sowie über deren Ansichten und Vermutungen. Wir werden Ihnen keinerlei Zensur auferlegen, denn das widerspräche den Prinzipien freier Meinungsbildung, die wir als Wissenschaftler sehr hoch schätzen. Was wir von Ihnen verlangen ist, dass Sie in Ihrer Reportage die Grenze nicht überschreiten – was leider heutzutage gang und gäbe ist – welche die wissenschaftliche von der journalistischen Arbeit trennt. Unser Team, jeder wird sich Ihnen mit kurzen Worten vorstellen, empfängt Sie als geschätzter Reisebegleiter mit einem warmherzigen Applaus.«

Allzu warmherzig fand Tom das Klatschen jedoch nicht.

»Möchten Sie etwas sagen?«

Tom überlegte einen Augenblick. Dann erhob er sich und brach das erwartungsvolle Schweigen: »Ich danke Ihnen für das in mich gesetzte Vertrauen. Gestern, bei meiner Ankunft am Flughafen, fragte ich mich voller Ungewissheit: Was, um alles in der Welt, mache ich hier? Jetzt weiß ich es: Ich bin Ihr geschätzter Reisebegleiter.«

Er setzte sich. Einige zeigten ein kurzes, amüsiertes Lächeln. Der Eskimo verzog keine Miene, und dennoch glaubte Tom in irgendeiner Weise erkennen zu können, welche Mitteilung er damit zum Ausdruck brachte: Na, mein Bürschchen, du wirst es bestimmt nicht leicht haben, aber rechne immer mit mir. Und die Blicke der jungen Frau leuchteten herausfordernder als zuvor.

Nachdem sich alle vorgestellt hatten – der Eskimo meinte, dass er eigentlich namenlos sei, sich aber damit einverstanden erkläre, Alex genannt zu werden, und die junge Frau hieß Dr. Linda Perkins – nahm Tom seine Ausrüstung in Empfang. Ihm wurde eine Koje zugewiesen, die sich wie alle anderen in einem speziellen Großcontainer befand, welcher in den Unterleib eines riesigen Senkrechtstarters eingepasst werden konnte. Er enthielt außer den dreizehn Schlafstätten – zehn Wissenschaftler, zwei Piloten und ein geschätzter Reisebegleiter – einen engen Vielzweckraum für Aufenthalt, Zusammenkünfte und Essen sowie ein Laboratorium voller Instrumente und Apparaturen. Ein zweiter, kleinerer Container war mit Generatoren und technischer Ausrüstung vollgestopft.

Das Personal des Polar-Instituts und alle Expeditionsmitglieder beteiligten sich an den Abflugvorbereitungen und jedermann schien zu wissen, wo Hand angelegt werden musste. Nur Tom kam sich überflüssig vor. Niemand bat ihn um Hilfe oder einen Gefallen, er konnte lediglich darauf achten, nicht im Wege zu stehen. Auch Alex hielt sich abseits, aber wer immer in seine Nähe oder sein Blickfeld gelangte, sah respektvoll zu ihm hinüber. War Alex gar der Leiter der bevorstehenden Winterreise? Tom wollte nicht warten, bis ihn jemand darauf aufmerksam machte. Er ging zu ihm, stellte sich neben ihn und fragte: »Störe ich?«

»Mich nicht, aber die Wissenschaftler dort mögen nicht so gerne, wenn man ihnen auf die Finger schaut.«

»Das kann nur bedeuten, dass sie sich unsicher fühlen.«

»Ja, all ihre Kenntnisse stehen auf wackligen Füßen.«

»Erwartet man von dieser Reise überwältigende Resultate?«

Alex schwieg.

»Meine Frage klang wie in einem Interview, das war nicht meine Absicht. Was ich wissen möchte, ist: Kann meine Anwesenheit in irgendeiner Weise von Nutzen sein?«

»Entdecken Sie einen winzigen Fehler und offenbaren Sie diesen im richtigen Moment, das macht Sie unersetzlich.«

»Das wird nicht einfach sein unter Perfektionisten.«

»Schließen Sie mich aus dem Kreise aus.« Alex winkte einen der beiden Piloten heran, er hieß Greg, und erklärte ihm: »Tom, unser geschätzter Reisebegleiter stellte mir eine Frage, die ich leider nicht zu beantworten weiß: Warum hat eine derart perfekte Flugmaschine, wie dieser Senkrechtstarter, an einer Turbine vierundzwanzig Rotorblätter und an der anderen nur dreiundzwanzig?«

Greg sah Tom verdutzt an.

Tom selbst verbarg sein eigenes Erstaunen. Er fühlte sich in diesem Moment wie eine Figur in Alex’ Schachspiel, aber er wollte kein einfach zu stürzender Bauer sein. Verlegenheit vortäuschend, stotterte er: »Es wäre doch immerhin möglich, dass mit einem der Rotoren irgendetwas nicht stimmt. Wie viele Blätter sollten es denn sein?«

Greg brummte ärgerlich: »Alle Rotoren haben vierundzwanzig Blätter!«

Alex bat: »Gehen Sie doch dichter heran, Tom, und zählen Sie noch einmal.«

Greg hielt Tom die ausgestreckte Hand entgegen, um ihn zurückzuhalten und grunzte: »Ich mache das selbst.«

Er brauchte nicht groß zu zählen, denn als er näher an die Maschine heranging, erkannte er sofort die Anomalie am linken Rotor. Entsetzt lief er wie ein verwundeter Eber in einen Büroraum und kam alsbald wild gestikulierend mit einer Gruppe von Mechanikern zurück. Tom war von Alex ein Feld nach vorne gespielt worden, den Grund dafür erkannte er allerdings nicht und sein Schachmeister hatte sich stillschweigend aus dem Staube gemacht.

Der Abflug verzögerte sich um drei Stunden.

Um zehn Uhr nachts setzte die Maschine in Fort Yukon am Yukon River auf. Die Expedition befand sich nunmehr am arktischen Zirkel, welcher die Reiseroute in Richtung Osten bilden sollte. Das war auch alles, was Tom bislang in Erfahrung gebracht hatte, und zwar aus Bemerkungen, die eigentlich nicht für seine Ohren bestimmt waren. Wann immer er eine Frage stellte, wurde er damit abgespeist, deren Antwort später selbst herausfinden zu können. Auch Alex hatte seit der Episode mit den Rotoren kein Wort mit Tom gewechselt, in stoischer Selbstversunkenheit kapselte er sich von den äußeren Umständen ab. Und die Piloten waren die ganze Zeit voll damit beschäftigt gewesen, die technische Abwicklung des Fluges zu bewältigen.

Greg und Javaka, der zweite Pilot, kamen in die Passagierkabine und bestätigten die Landung. Es gab hier, meinten sie, die letzte Möglichkeit in einem richtigen, warmen Bett zu schlafen, was sie unter allen Umständen selbst tun und den anderen raten würden.

Linda Perkins fragte herausfordernd: »Warum denn das? Wir haben doch alles, was wir brauchen an Bord. Im Reiseplan ist keine Übernachtung außerhalb unserer Station vorgesehen.«

Greg grinste höhnisch und erwiderte: »Wer hält sich an einen Plan, wenn man die Chance hat, mit allem Drum und Dran ins Bett gehen zu können.«

Einige lachten, die in dieser Bemerkung eine Zweideutigkeit herausgehört zu haben glaubten, worauf Linda Perkins errötete.

Nach einigem Hin und Her wurde gefragt: »Wer ist für das richtige Bett?«

Zehn hochschnellende Arme zeigten an, wie einfach eine Planung über den Haufen geworfen werden konnte. Linda, die natürlich nicht einverstanden war, übertünchte die schamhafte Röte ihres Gesichts mit wütender Blässe. Alex blickte in den Innenraum seiner vor der Stirn gefalteten Hände und Tom zählte sowieso nicht.

Greg, der Pilot, animierte die Gruppe mit plumper Einfalt: »Na, dann ab ins Bett.«

Tom spürte, dass etwas auf ihn zukam. Er musste nun auf alles gefasst sein. Vielleicht wurde ihm eine neue Karte zugespielt, an der er sich, wenn er nicht aufpasste, vielleicht die Finger verbrennen würde. Etwas lag in der Luft, aber … woher kam es? Was mochte es sein?

Alex! Langsam, mit der Ruhe einer wachsenden Eiche, hob Alex den Blick, streckte den linken Arm vor und hielt den Anwesenden seine Handfläche mit den fünf gespreizten Fingern entgegen. Lautlosigkeit, Stille und Schweigen waren lediglich ein Nebenprodukt dessen, was er erzielte: Er brachte die Zeit zum Stillstand, ließ sie rückwärts laufen. Er annullierte alles Gewesene. Er entblößte Greg und Javaka, die Piloten, und präsentierte sie als nackte, unförmige Säuglinge mit glotzäugigen Visagen, die man noch nicht gelehrt hatte, wie man die wahren Gefühle und Absichten hinter einer Maske verbarg. Es war keine Vision, Tom konnte es genau erkennen.

Dann sprach Alex: »Es geht hier darum, über das eigene Wohlwollen zu entscheiden. Unserem geschätzten Reisebegleiter darf deshalb das Recht nicht abgesprochen werden, selbst zu bestimmen, wo und wie er schlafen möchte.«

Kein Widerspruch war zu vernehmen, nur lautlose, abwertende, auf Tom gerichtete Blicke blitzten auf. Tom ließ sich davon nicht blenden, sondern fixierte seine Sinne auf die immer noch entblößten Fratzen der Piloten. Ganz kurz musste er sich fassen, wenn er den von Alex eingeleiteten Zauber mit einem Statement krönen wollte. Er tat es: »Ich hasse Betten und schlafe deshalb lieber an Bord.«

Niemand hatte etwas dagegen. Linda Perkins, die viel darum gegeben hätte, es Tom gleich zu tun, brachte nicht den Mut auf, darauf zu bestehen, um bei den anderen keine frivole Hintergedanken zu entfachen. Sie verließ die Maschine als Erste, gefolgt von Alex. Und die Piloten? Sie verbargen einen Zweifel erregenden Unwillen hinter einem abgenutzten Schleier aus Gleichgültigkeit. Was ging hier vor sich?

Tom stieg in den Wohncontainer hinunter und schaltete die Aggregate ein. Während der Flugvorbereitungen in Anchorage hatte er die Zeit damit verbracht, anhand von Schaubildern und Manuals die Funktionsweise der Containerbehausung zu studieren. Es bereitete ihm keinerlei Schwierigkeiten, die wichtigsten Schalter und Hebel ausfindig zu machen und zu bedienen. In der Küchenanlage wärmte er sich eine Portion vorgefertigter Suppe auf und setzte sich dann, um diese zu essen.

Greg kam ganz kurz zu ihm herein und fragte: »Ist alles okay?«

»Alles in bester Ordnung.«

»Sie bleiben dann also allein hier.«

»So wollte ich es ja haben.«

»Na, dann gute Nacht.«

»Bis morgen.«

»Ach, bevor ich es vergesse …«

»Was?«

»Vielen Dank für den Hinweis mit dem Rotor. Das war kein lebensbedrohlicher Schaden, aber immerhin …«

Tom machte es wie Greg und streckte dem Piloten die gespreizte Hand entgegen. Dieser verzog sich sogleich, ohne ein weiteres Wort.

Irgendetwas stimmte nicht mit den beiden Piloten. Alex schien ihre schwarzen Seelen mit seinem schneeweißen Eskimoverstand sofort durchschaut zu haben. Er hatte dann Tom ins Spiel gebracht, um sie zu entlarven. Oder war es Alex selbst, der etwas ausheckte? Woher wusste er, wie Tom auf seine Initiative reagieren würde? Warum wollte er Tom dazu bringen, diese Nacht allein an Bord zu verbringen? Dummes Zeug! Tom sah in allem ein Drama, weil er sich zurückgestoßen und somit frustriert fühlte.

Er schaute auf die Messinstrumente und notierte deren Werte in seinen Mini-PC: Lokalzeit: 22:58 h, Außentemperatur: -25° C, Wind aus Nordosten mit 40 km/h, Luftfeuchtigkeit: 0 %. Die Motoren der Flugmaschine rotierten im optimalen Bereich, die Markierung des Generators stand im grünen Feld, die Innentemperatur lag bei fünfundzwanzig Grad, die Luftzirkulation funktionierte normal und alle Warnlämpchen leuchteten konstant grün. Nichts fiel aus dem Rahmen und Tom fühlte sich wie ein einsamer Raumfahrer, der auf einem der Jupitermonde gelandet war und darauf wartete, ungeahnte Wunder zu entdecken.

Einschlafen konnte Tom nicht sofort. Er lag in seiner Koje und knobelte daran herum, ob sich im Wirrwarr seiner Gedankengänge ein roter Faden finden ließe, anhand dessen er sein Verhalten ausrichten konnte. Neun sture, unnahbare, verbissene Wissenschaftler – unter ihnen eine hitzige junge Frau – ließen ihn in einer Entfernung außen vor, die sonst nur zwischen Galaxien bestand. Dann gab es zwei übereifrige, unausstehliche Piloten, von denen er sich freiwillig nicht einmal in einem Karussell spazieren fahren lassen würde. Und wie konnte er Alex einordnen? Welche Rolle spielte er bei dieser Expedition? Wer war er? Stand er am Rande der Dinge oder hatte er gar die Zügel in der Hand?

Tom rekapitulierte. Erstens: Er war hergebeten worden, um über etwas zu berichten, über das in Wirklichkeit nicht berichtet werden sollte oder durfte. Was mochte das sein? Zweitens: Man hatte seine Anwesenheit akzeptiert, ohne sie zu tolerieren. Lag das an seiner Funktion als Journalist oder an seiner persönlichen Erscheinung? Drittens: Alex übte einen großen Einfluss auf Tom aus. Handelte es sich um eine einseitige, zufällige Begebenheit, oder beruhte sie auf Gegenseitigkeit und ergab somit den wahren Zweck seiner Reise in die Eiseskälte der Nordwest-Territorien?

Tom zögerte selten, wenn es unvorhergesehene Situationen zu bewältigen galt. Für Handlungen jedoch, welche mit den Prinzipien seines Daseins in Konflikt gerieten, benötigte er Zeit zum Überlegen. Wie sollte er sich hier verhalten? Worauf war sein Augenmerk zu lenken? Durfte er sich der Gruppe aufzwingen? Es bestand eine letzte Gelegenheit, seine Beteiligung an der Expedition abzusagen. Hätte er dazu den Mut?

Von seinen Eltern hatte Tom gelernt – nicht durch Standpauken, sondern an Hand kohärenter Beispiele – dass man nur durch das Knüpfen menschlicher Beziehungen sich selbst, die anderen und somit die Welt an sich zu verstehen lernte. Dazu benötigte man Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Offenheit. Wer diese Werte nicht kannte, verwechselte sie bisweilen mit Naivität und schätze Tom von vornherein falsch ein. Er selbst hatte also nichts zu verbergen und seine Mission bestand auch nicht darin, den anderen Geheimnisse zu entlocken. Er beschloss deshalb, seine Aufmerksamkeit ausschließlich Alex zu widmen, indem er, nach reiflicher Überlegung, den wahren Grund seiner Anwesenheit zu erkennen glaubte. Mit diesem Vorsatz als geistiges Ruhekissen schlief er ein.

Zunächst hatte es den Anschein eines Traumes: Ein Eisberg schob sich mit tonnenschwerem Gewicht über Toms Füße … über seine Unterschenkel … seine Oberschenkel. In unterbewusster Reaktion zog er die Knie dicht an die Brust und umschlang sie mit den Armen. Das Eis in den Gliedern wich keinen Millimeter, im Gegenteil, es durchdrang die Finger, die Hände, die Unterarme.

Tom erwachte und spürte sogleich die ihn umgebende Kälte. Die Nase und Wangen waren kalt und sein Atem versprühte einen feuchten Nebel, der unverzüglich am Kopfende seines Schlafsackes kondensierte. Er zog die Kapuze tiefer über das Gesicht und kauerte sich noch kompakter zusammen, ohne auch nur die geringste Erwärmung zu spüren. Die Müdigkeit des Bewusstseins gesellte sich zur Kälte des Körpers und verwandelte seine menschliche Gestalt in ein bewegungsloses Bündel. Sein Herzschlag, den er deutlich spürte, gab ihm das einzige Signal, dass die Zeit nicht stillstand, und dass somit auch die Kälte ein vorübergehender Zustand sein musste. Sie ließ jedoch nicht nach. Schüttelfrost überfiel ihn und er öffnete die Augen.

Der Raum war notdürftig beleuchtet. Tom erinnerte sich nicht daran, wie er ihn vor dem Einschlafen hinterlassen hatte. Die ihm gegenüber befindlichen Kojen schienen dunkle, eisige Höhlen zu sein. Jetzt fiel es ihm ein: Er befand sich allein in diesem Wohncontainer, der auf einem Flugfeld in Alaska geparkt worden war. Er durfte so nicht liegen bleiben. Wie schwer fiel es ihm jedoch, sich zu bewegen und das bisschen Wärme, die sein Schlafsack ihm bot, zu verlassen. Dennoch, er bewältigte diese Aufgabe mit einem gewaltigen Akt seiner Willenskraft und ließ die Füße auf den Boden gleiten. Dann stellte er sich aufrecht. Mit seinen steifen Fingern umklammerte er das Futter des Schlafsacks, damit dieser nicht zu Boden rutschte, und hüpfte in den Nebenraum. Die Füße fühlte er nicht und die Beine stießen wie die Spitzen riesiger Eiszapfen in seinen Unterleib. Er erreichte die Nische mit den Kontrollinstrumenten. Es war 4:21 Uhr, das Thermometer zeigte minus elf Grad Innen- und minus siebenundzwanzig Grad Außentemperatur – der Thermostat war ausgeschaltet. Die meisten Instrumente waren mit einer dünnen Frostschicht überdeckt und viele Röhren, Reagenzgläser und andere Gefäße zeigten Bruchstellen, verursacht von den in ihnen gefrorenen Flüssigkeiten. Kein einziges Warnlicht registrierte irgendeine Unregelmäßigkeit.

Der Generator lief die nächsten achtundsechzig Minuten auf Hochtouren, denn so lange dauerte es, bis der von Tom neu eingestellte Sollwert von plus fünfundzwanzig Grad erreicht wurde. Tom tat das seine, um sein Blut zirkulieren zu lassen und die stechenden Schmerzen der sich langsam erwärmenden Extremitäten zu ertragen.

Als das Gröbste überstanden war, kochte er sich heißen Tee und schlürfte ihn in sich hinein, bis ihm Schweißtropfen auf die Stirn traten. Danach notierte er mit noch klammen Fingern die beobachteten Details in seinen Mini-PC. Was war passiert? Handelte es sich um ein zufälliges, technisches Malheur oder gar um eine beabsichtigte, ihn persönlich betreffende Aggressivität? Er konnte sich nicht vorstellen, dass seine Anwesenheit, auch wenn sie nicht gern gesehen war, jemand zu einer derartigen Missetat veranlasst haben könnte. Der Kopf brummte ihm bei diesen Gedanken und er fasste den Vorsatz, im Moment nicht weiter darüber nachzugrübeln.

Jemand rüttelte Tom an den Schultern. Er schrak hoch. Er saß an einem Tisch des Aufenthaltsraumes. Sein Oberkörper lag über die Tischplatte gebeugt und der Unterkörper steckte bis zur Hüfte im Schlafsack. Im Nu war er sich seiner Situation bewusst, denn er hatte lediglich im Halbschlaf vor sich hingedöst.

Linda Perkins und Greenfield standen neben ihm. Greenfield fragte: »Haben Sie die ganze Nacht hier gesessen?«

Tom schwieg. Er benötigte einige Momente, um zu entscheiden, wann und wie er das vergangene Ereignis zur Sprache bringen sollte. Er entschied es unverzüglich, aber im Beisein von Alex zu tun. Er ging somit nicht auf die Frage ein sondern verlangte: »Bitte sagen Sie Alex, dass ich mit ihm sprechen möchte.«

Linda Perkins bestand auf der Beantwortung der vorherigen Frage: »Haben Sie hier im Sitzen geschlafen?«

Tom blickte zunächst sie und dann Greenfield an, und zwar so lange, bis es diesem unangenehm wurde und er sich abwandte. Tom wiederholte: »Bitte, sagen Sie Alex, dass ich unbedingt mit ihm sprechen möchte!«

Greenfield ging nicht darauf ein: »Wir haben keine Zeit für belanglose Plaudereien, heben Sie sich das für später auf. Kommen Sie nach oben, wir sind startbereit.«

Tom schlug mit der Faust auf den Tisch: »Wir fliegen erst, nachdem ich mit Alex gesprochen habe!«

Linda versuchte Ton zu beruhigen und fragte: »Haben Sie schon etwas gefrühstückt?«

Tom lag in diesem Augenblick gar nichts daran, bemuttert zu werden. Ungeduldig forderte er: »Alex soll kommen!«

Die beiden perplexen Wissenschaftler verließen den Container und Tom nutzte diese Gelegenheit, sich zu erheben, den Schlafsack von den Beinen zu streifen und ihn in seiner Koje zu verstauen.

Als er zurück in den Aufenthaltsraum trat, standen dort Alex und Linda. Sie wollte sich umwenden und fortgehen, aber zuvor fing Alex ihren Blick ein und lenkte diesen auf Tom. Er wollte, dass sie blieb.

Linda reagierte störrisch: »Er möchte mit Ihnen sprechen.«

Alex fragte Tom: »Darf sie bleiben?«

Tom nickte zustimmend und sie reagierte unsicher und unbeholfen: »Ich weiß nicht recht, ob …«

Alex befreite sie von ihren Zweifeln: »Lauschen führt den Menschen zur Weisheit.«

»Na gut, ich bleibe, aber machen Sie es kurz.«

Alex brachte sie zur Ruhe: »Zeit ist kurz.«

Tom bat die beiden, Platz zu nehmen und er selbst setzte sich Alex gegenüber. Er war davon überzeugt, dass Alex alle wichtigen Antworten kannte und fragte ihn: »Alex, haben Träume eine Bedeutung?«

»Wer mit offenen Augen träumt, entlarvt die Wirklichkeit.«

»Ich hatte einen Traum heute Nacht, einen schrecklichen Traum.«

»Warum möchtest du ihn mir offenbaren?«

»Ich glaube, dass du ihn zu interpretieren verstehst.«

»Niemand kann die Gedanken eines anderen entschlüsseln.«

»Ich träumte mit offenen Augen.«

»Du ehrst mich sehr damit, mich darum zu bitten, dir zu helfen. Gestatte mir, die Wahrheit deiner Worte zu berühren.«

Alex fasste Toms Hände, die er mit aufgestützten Unterarmen übereinandergelegt vor sich hielt, und wendete sie mit den Handflächen nach oben. Dann berührte er kaum spürbar mit seinen Fingerspitzen die von Tom und verweilte schweigend in dieser Position.

Linda Perkins räusperte sich ungeduldig und sprach aus, was sie dachte: »Ignorante Zeitverschwender!«

Sie kam nicht dazu aufzustehen. Alex hatte bereits ihren linken Arm ergriffen und hinderte sie daran. Es klang wie ein melancholischer Gesang, was er ihr offenbarte: »Wie schade ist es doch, dass die Menschen, so nahe sie sich auch stehen mögen, sich nicht untereinander verständigen können. Wie schade ist es doch, so flüchtig auch die Wahrheit den Menschen gegenüber in Erscheinung tritt, sie sich nicht die Zeit dazu nehmen wollen, ihren Duft zu genießen. Wie schade ist es doch, dass der intelligente, gebildete Mensch mit einem toten Herzen leben muss.«

Sie war perplex und ihr Gesicht errötete. Alex drehte ihre Linke mit der Handfläche nach oben und berührte diese mit seinen Fingerspitzen. An Tom gerichtet, fragte er: »Dürfen wir nunmehr den Traum erfahren?«

»Es war stockfinster um mich her und ich bekam Angst, in dieser Finsternis verloren zu gehen. Ich suchte nach irgendwelchen Anhaltspunkten, konnte jedoch nichts erkennen. War ich erblindet? Ich fasste den Mut, mich dennoch von der Stelle zu bewegen und einige Schritte zu tun. Mit vorgestreckten Armen wandelte ich umher. Ich hoffte, auf irgendeinen Gegenstand zu stoßen. Den wollte ich dann ertasten, um mich daran zu orientieren. Dann würde ich wissen, wo ich war. Mit Sicherheit würde ich etwas Bekanntes entdecken. Und ich stieß wirklich auf etwas. Was war es? Ich erschrak, als ich es erkannte: Es war mein eigener Körper. Er lag in einer Koje, zusammengerollt wie ein ungeborenes Kind im Mutterleib. Ich betastete ihn von oben bis unten und entdeckte keinerlei Lebenszeichen an ihm. Er war zu einem toten Eisklumpen erstarrt. Mich ergriff Panik und ich erwachte.«

Tom machte eine lange Pause. Da weder Alex noch Linda Perkins eine Bemerkung fallen ließen, sagte er abschließend: »Das war alles.«

Eine erneute Pause entstand. Tom wiederholte: »Das war alles.«

Linda trug ihre Ungeduld zur Schau, indem sie mit den Händen fuchtelte und kategorisch feststellte: »Das war ein Albtraum! Ihre inneren Ängste, uns in den arktischen Winter begleiten zu müssen – jawohl, Sie glauben, es zu müssen – haben sich befreit. Sie sind auf ein derartiges Unternehmen nicht vorbereitet. Das ist die einzige Deutung Ihres Traumes. Mit ein wenig Verstand, wären Sie selbst darauf gekommen.« Sie sprang von ihrem Stuhl auf. Alex jedoch blickte ihr derart eindringlich ins Gesicht, dass sie wie gelähmt stehen blieb. Sie konnte nicht begreifen, was mit ihr geschah und lehnte sich dagegen auf, indem sie schrie: »Was wollen Sie von mir?«

Alex gab ihr die entsprechende Antwort: »Sie sind Ethnologin, nicht wahr? Ihr spezielles Interesse an dieser Reise ist es, Genproben der letzten noch lebenden Eskimos zu sammeln, um daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Ich muss Sie leider enttäuschen. Es gibt außer mir keine Eskimos mehr.«

Das betraf sie persönlich und sie ereiferte sich:»Da sind Sie aber ganz falsch informiert, lieber Alex. Nach den letzten Statistiken leben noch über vierhundert in den Nordwest-Territorien. Und Sie haben sich angeboten, uns zu ihnen zu führen.«

»Wie Sie sehen, bin ich hier.«

»Ha! Was soll also das ganze Gerede?«

»Wollen Sie es hören? Ich kann Ihnen die Reise ersparen.«

Tom wurde gewahr, dass Greg, der Pilot, in einer Nische am anderen Ende des Aufenthaltsraumes stand und zuhörte. Mit einer Geste deutete Tom ihm an zu verschwinden. Dieser ging nicht darauf ein und sagte: »Wir wollen abfliegen und Sie müssen alle in die Passagierkabine kommen. Die anderen sind schon sehr ungeduldig.«

Tom brachte ihn in Verlegenheit: »Haben Sie bereits die Rotorblätter gezählt?« Darauf konnte Greg keine Antwort geben und zog sich zurück. Linda wollte es ihm gleichtun, aber Tom fragte sie eindringlich: »Fräulein Perkins, was halten Sie davon, wenn wir nach Anchorage zurückfliegen?«

Sie antwortete empört: »Fräulein Perkins? Doktor Perkins, bitte! Es sieht ja fast so aus, als ob Sie hier an Bord das Sagen hätten.«

»Ich möchte Ihnen helfen.«

»Dass ich nicht lache! Wo hat die Presse jemals geholfen? Im Gegenteil …«

Die anderen acht Expeditionsmitglieder kamen in den Raum, an ihrer Spitze Greenfield, und stellten sich herausfordernd Alex und Tom gegenüber.

»Steigen Sie jetzt endlich in die Passagierkabine, wenn Sie nicht möchten, dass wir Ihnen dabei helfen«, sagte Greenfield.

Alex erhob sich sogleich und bat Tom: »Gehen wir hinauf, dort ist es ruhiger als hier.«

Tom folgte ihm.

Greenfield posaunte seinen Triumph hinaus: »Sehen Sie, so wird das gemacht.«

Tom ließ Alex den Vortritt. Er selbst zögerte einige Momente und richtete sich an die Gruppe der Wissenschaftler, die mit höhnischen Mienen miteinander tuschelten: »Vergessen Sie nicht, bevor wir abfliegen, in Ihrem Labor aufzuräumen.«

Der Schaden, den die Unterkühlung an den Instrumenten und Reagenzien hinterlassen hatte, musste sehr groß gewesen sein, denn für eine sehr lange Zeitspanne kam niemand in die Passagierkabine zurück. Tom war sicher, dass sie unter den gegebenen Umständen nach Anchorage zurückfliegen würden und freute sich bereits darauf, in einem warmen Bett schlafen zu können. Alex verharrte in stiller Selbstversunkenheit. Tom traute sich nicht, ihn dabei zu stören. Nie zuvor hatte er eine derart mysteriöse Persönlichkeit kennengelernt und er war wirklich daran interessiert, den Traum, der seinem eisigen Erwachen vorausgegangen war, von ihm gedeutet zu bekommen. Die Gelegenheit dazu würde sich bestimmt irgendwann ergeben und Tom schätzte, dass Alex niemandem etwas schuldig bliebe.

Am späten Nachmittag stand der Senkrechtstarter erneut im Hangar von Anchorage. Es dauerte zwei volle Tage, bis eine neue Ausrüstung eingeflogen wurde, eine lange Zeit, wenn man sie nur im Hotelzimmer, in der Hotellobby, im Hotelrestaurant oder in der Hotelbar verbringen konnte. Nach draußen ging niemand.

Tom suchte im Netz nach Informationen über die Wissenschaftler, die Piloten Greg und Javaka und vor allem über Alex. Nach dem, was Tom aus Gesprächen mit dem Hotelpersonal entnehmen konnte, sollten die beiden Piloten ausgewechselt werden, wenn man auf die Schnelle andere fände. Das war jedoch so gut wie unmöglich.

»Glaubt man, dass sie die Reise sabotieren wollten?«

»Das ist eine sehr direkte Frage, die kann wohl niemand beantworten.«

»Und Alex, der Eskimo?«

»Er weigert sich, die Expedition weiterhin zu begleiten.«

»Das ist wohl kein Problem, denke ich. Es gibt doch bestimmt viele, die ihn ersetzen können?«

»Niemand weiß etwas Genaues.«

»Und der Reporter, was redet man über den?«

»Mensch, das sind doch Sie selbst. Wollen Sie, dass ich ins Fettnäpfchen trete?«

Diese Absicht hatte Tom nicht.

Bei NTN in New York meldete sich Tom ebenfalls. Er verlangte mit dem Abteilungsleiter Marvin zu sprechen, der ihn eine ganze Weile in der Leitung hängen ließ: »Hallo, Tom, wo treibst du dich denn herum?«

»Alaska.«

»Alaska? Ist das da, wo die Sonne nie untergeht?«

»Welche Sonne?«

»Wer hat dich denn nach Alaska geschickt?«

»Das ist genau, was ich dich fragen wollte: Warum hast du ausgerechnet mich für diese Arbeit ausgesucht?«

»Wen denn sonst, du bist doch unser eiskalter Spitzenjournalist.«

»Ich will dir etwas sagen: Jimmy Baltimore würde hier im Schnee weniger auffallen als ich im weißen Tropenanzug.«

»Siehst du, jetzt ist deine Frage beantwortet.«

»Ich brauche deine Hilfe.«

»Raus mit der Sprache.«

»Ich benötige alle Informationen …«

»Alle?«

»Alle, alle, alle Informationen über einen gewissen Alex.«

»Sollte ich wissen, wer das ist?«

»Du bist doch mein Boss. Ich habe gelernt, dass Bosse …«

»Wie schreibt man denn Alex?«

»So wie es sich anhört.« Er buchstabierte. »Er ist Eskimo.«

»Kinderspiel!«

»Und wenn du etwas entdeckst, was du nicht glauben kannst, dann bist du auf dem rechten Weg.«

»Ist das alles?«

»Die Sache eilt.«

»Mañana, wenn du das schöne Wort verstehst.«

»Du hast meine Gedanken erraten: Morgen Mittag um zwölf passt haargenau in meinen Zeitplan.«

»Sonst noch was?«

»Ich kann doch meinen Boss nicht überfordern.«

»Ah, bevor ich’s vergesse: …«

»Ja?«

»Sag der Clique, dass dein Bericht einen hohen Marktwert besitzen wird.«

»Wie meinst du das?«

»So, wie es sich anhört.«

»Und das nur, damit sie mich freudig beglückwünschen?«

»Nein, damit sie sich selbst kaputtlachen.«

Am Vorabend des zweiten Reisetermins, es war Dienstag der 27. März, wurde Tom in der Hotellobby ausgerufen. Man bat ihn, sich im Konferenzsaal zu melden. Unwillig machte er sich auf den Weg. Man hatte ihm bereits mitgeteilt – ohne nähere Einzelheiten – dass er sich am nächsten Morgen erneut reisefertig halten solle. Was wollten sie jetzt von ihm?

Tom war äußerst erstaunt, als er lediglich Dr. Perkins am riesigen Konferenztisch sitzen sah. Er näherte sich und zuckte fragend mit den Schultern, als sie ihn mit einer Handbewegung aufforderte, Platz zu nehmen. Tom war nicht danach zumute, auf Handzeichen einzugehen.

Sie wurde sich der Unhöflichkeit bewusst und entschuldigte sich verschämt: »Ich bin ein so unerfahrenes, dummes Ding.«

Was ließ sich darauf antworten? Er zuckte erneut mit den Achseln.

»Setzen Sie sich doch, bitte!«

Tom begab sich mit langsamen Schritten ans gegenüberliegende Ende des Tisches und nahm Platz.

»So geht das nicht. Ich würde gerne die Distanz zwischen uns verringern.«

Tom glaubte, eine Träne aus ihrem Augenwinkel quellen zu sehen. Er erhob sich und rückte einige Sessel näher an sie heran.

Sie biss sich fast auf die Lippen als sie fragte: »Wollen Sie mich demütigen?«

Daran war ihm nicht gelegen. Ein bisschen Zähmung jedoch, fand er, konnte ihr nicht schaden.

Er ging und setzte sich ihr gegenüber. Aus der Nähe betrachtet sah er auf ihrer Wange die Spur der vergossenen Träne. Tränen waren die besten Schmiermittel, um schwerwiegende Gewissensbisse ins Rutschen zu bringen.

Er half ihr beim ersten Anstoß: »Sie möchten sich bei mir entschuldigen, Dr. Perkins, nicht wahr?«

»Linda!«

»Akzeptiert.«

Beide schwiegen. Sie pulte nervös an ihren Fingernägeln und Tom richtete sein Augenmerk darauf, wodurch ihre Unruhe gesteigerte wurde.

»Warum sind Sie so nervös, Linda?«

»Ich bin … die Sache ist … es ist nicht so einfach für mich.«

Der kurze Kontakt mit Alex hatte einen tiefen Eindruck auf Tom gemacht. Der Eskimo hatte demonstriert, dass sich die Ruhe eines Gemüts auf eine andere Person übertragen ließ. Er wollte es nun bei Linda ausprobieren. Er streckte seine Linke mit der Handfläche nach oben vor sich auf die Tischplatte und erklärte: »Legen Sie die Fingerspitzen Ihrer Rechten auf meine Finger.«

Sie schien nicht sehr begeistert von dieser Aktion zu sein, tat es aber dennoch.

Tom fragte sie: »Was fühlen Sie?«

»Was soll ich schon fühlen?«

»Was fühlen Sie?«

»Ich fühle … ich fühle, dass … ich jemanden berühre.«

»Stimmt Sie das nervös?«

»Nein, ich glaube nicht.«

Tom bat sie nunmehr, so wie er, ihre Linke auf den Tisch zu legen. Sie folgte zögernd der Aufforderung. Er selbst berührte dann mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger die ihren und wollte wissen: »Was fühlen Sie jetzt?«

»Was soll ich … Ich fühle, dass mich jemand berührt.«

»Stimmt Sie das nervös?«

»Ich weiß nicht … herrje - nein, ich glaube nicht.«

»Würden Sie es wagen, die Augen zu schließen, wenn ich Ihnen verspreche, es ebenfalls zu tun?«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Es ist eine Vertrauenssache, nichts weiter. Ich verspreche Ihnen, das Gleiche zu tun. Sie können dabei die Zeit nutzen und darüber nachdenken, was Sie mir eigentlich sagen wollen. Es ist ein harmloses Spiel. Einverstanden?«

»Sind Sie Spiritist?«

»Vergessen Sie für eine Minute die wissenschaftlichen Konzepte der menschlichen Koexistenz und spielen Sie die Blinde. Ich werde mich nicht auf und davon machen und Sie hier sitzen lassen.«

Linda schloss die Augen und Tom tat es ebenfalls. Ihre Fingerspitzen fanden keine Ruhe. Sie waren es nicht gewohnt, einen sanften Druck auszuüben oder eine sanfte Berührung entgegenzunehmen. Oder wollten sie es nicht? Tom entzog seine Hände ein wenig und spürte sofort, dass Linda versuchte, den Kontakt wiederherzustellen. Sie war also bereit, die Verbindung mit ihm aufrechtzuerhalten, nur besaß sie keinerlei Taktgefühl. Kannte sie ihre Schwäche und verstand es nur nicht, sie unter Kontrolle zu bringen, oder war sie wirklich eine Furie? Tom wollte es herausfinden und beobachten, wie sie reagiert. Sehr vorsichtig löste er den Kontakt mit ihren Fingern und wartete eine lange Weile. Dann sagte er: »Ich zähle bis drei, dann öffnen wir zur gleichen Zeit die Augen. Einverstanden?«

»Ja.«

»Eins … zwei … drei.«

Tom erkannte sofort Lindas Fassungslosigkeit. Sie berührte mit den Fingerspitzen ihrer Rechten ihre eigenen Finger der Linken. Und ihre Hände waren verkrampft. Sie fragte bestürzt: »Haben Sie mich betrogen?«

»Warum denken Sie das?«

»Ich dachte die ganze Zeit, mit Ihren Fingern in Kontakt gewesen zu sein.«

»Haben Sie durch diesen Irrtum einen Schaden erlitten?«

»Ja, ich habe gelitten.«

»Sie haben sich an sich selbst ausgetobt.«

»Ist es das, was Sie bei mir erzielen wollten?«

»Es ist wirklich sehr schwierig, Ihr Vertrauen zu gewinnen. Vielleicht geben Sie mir ein andermal die Gelegenheit dazu.« Tom hatte von sich aus nichts weiter hinzuzufügen. Er erhob sich von seinem Sitz, um sich zu entfernen.

Linda stotterte: »Ich … die Sache ist … ich habe Sie hergebeten, um Ihnen etwas zu überreichen.«

Tom stutzte und fragte: »Soll ich mich wieder setzen?«

Sie nickte und Tom tat ihr den Gefallen.

»Alex schickt Ihnen dies.«

Sie legte eine Mappe auf den Tisch, welche sie die ganze Zeit auf dem Schoß gehalten hatte, und öffnete sie. Darin lagen ein weißer Kunststoffumschlag und ein kleiner metallener Gegenstand in der Form eines Buches. Sie schob die Mappe zu Tom hinüber.

Ohne die Dinge zu berühren, fragte Tom: »Werde ich Alex nicht mehr sehen?«

»Nein. Er hat es abgelehnt, uns weiterhin zu begleiten.«

»Dann wird also ein anderer Eskimo mit uns reisen?«

»Natürlich, wir benötigen doch einen Dolmetscher. Er schickt Ihnen dies mit den Worten …« Sie stockte.

Tom wollte diese Worte aus ihrem Mund hören und fragte: »… mit den Worten …?«

»Er sagte mir, dass Sie …«

Tom wartete geduldig.

»Er sagte, dass er Sie dazu erwählt habe, das Vermächtnis Amerikas letzten Eskimos zu hüten. Er sagte, dass es eine außerordentliche Ehre für ihn gewesen sei, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Er sagte, dass der Zweck seines Lebens nunmehr erfüllt sei. Er sagte, dass …« Ein Kloß im Hals hinderte sie am Weitersprechen.

Tom wollte es dennoch hören: »Er sagte, dass …?«

»… dass … dass ich … ach was, er ist ein alter, abergläubischer Eskimo, was kann er schon wissen.«

»Er sagte, dass …?«

»Ach, nichts weiter.«

»Was kann ein alter, abergläubischer Eskimo gesagt haben, dass Sie es nicht auszusprechen wagen?«

»Er sagte, dass ich nicht … dass ich nicht die Gelegenheit verpassen sollte … nicht die Gelegenheit verpassen sollte, an Ihrem Leben teilzunehmen.« Sie ließ ihre Blicke im Raum kreisen, aufs Äußerste darauf bedacht, nur nicht Toms Gesicht zu streifen.

Tom lachte und half ihr aus der Verlegenheit: »So ein verschmitzter Kuppler, dieser Alex. Geben Sie nichts darauf. Er weiß nicht, dass wir jungen Leute uns nichts von unseren Alten sagen lassen.«

»Sie nehmen seine Worte also nicht ernst?«

»Was mich betrifft, nehme ich sie sehr ernst. Ich habe ein besonderes Gefühl für Alex, leider kannte ich ihn nur einen Tag lang. Für Sie jedoch haben seine Worte bestimmt keinerlei Bedeutung. Wissenschaftler befassen sich nicht mit Traumdeutungen.« Tom klappte die vor ihm liegende Mappe zu und sagte: »Ich danke Ihnen, Linda, dass Sie so offenherzig waren und mir Alex’ Nachricht Wort für Wort übermittelt haben. Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen.«

»Was?«

»Wie ich mich bei einer eventuellen Teilnahme Ihrerseits an meinem Leben verhalten werde.«

Linda Perkins

Linda saß an ihrem Schreibtisch und blickte auf die vier eingeschalteten Bildschirme, die im Halbkreis vor ihr aufgebaut standen. Auf einem las sie den Bericht einer Expeditionsreise zum sibirischen Polarmeer; auf dem zweiten unterhielt sie ein Simultangespräch mit dem Direktor eines Forschungsinstituts und der Sekretärin einer Stiftungsorganisation, auf dem dritten erschienen Zeile für Zeile die Forderungen, die sie an ein Regierungsbüro zu senden gedachte und auf dem vierten ließ sie mit einem Rhythmus von zehn Sekunden die Fotografien von Personen verschiedener ethnischer Gruppen ablaufen. Sie besaß die Fähigkeit, einen oder gar zwei weitere Monitore zusätzlich zu nutzen, leider gab es auf ihrem Schreibtisch keinen Platz dafür. Jeder Bildschirm wurde von einem individuellen Computer bedient, die jedoch alle an einer einzigen Tastatur und Bildsprechanlage angeschlossen waren. Mit verschiedenfarbigen, von den Daumen zu bedienenden Tasten, vermochte sie von einem ins andere System umzuschalten. Auf Rot sprach der linke Bildschirm an, auf Orange der daneben, auf Blau der rechte und auf Grün der vierte. Die gelbe und schwarze Taste waren bislang noch unbelegt, aber Linda spielte ernsthaft mit dem Gedanken, zwei Minicomputer anzuschließen, deren Monitore die anderen nicht verdecken würden und ihr die Möglichkeit boten, hin und wider eine private Verbindung herzustellen – was unter den gegebenen Umständen nicht möglich war – und die ...

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