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American Gods

Über das Buch

Als Shadow aus dem Gefängnis entlassen wird, ist nichts mehr wie zuvor. Seine Frau wurde getötet, und ein mysteriöser Fremder namens Mr. Wednesday bietet ihm einen Job an. Doch woher weiß der Fremde so viel über Shadow? Während Shadow im Auftrag Wednesdays durch die USA reist, wird ihm langsam klar: Ein Sturm zieht auf, eine gewaltige Schlacht um die Seele Amerikas kündigt sich an, und Shadow wird darin eine wichtige Rolle spielen.

Eines der meistbeachteten Bücher des letzten Jahrzehnts, eine kaleidoskopische Reise durch die Mythologie und durch ein Amerika, das zugleich unheimlich vertraut und völlig fremd wirkt. Erstmals erhältlich als ungekürzter »Author´s Cut«.

Über den Autor

Der Engländer Neil Gaiman, 1960 geboren, arbeitete zunächst in London als Journalist und wurde durch seine Comic-Serie SANDMAN bekannt. Neben den Romanen NIEMALSLAND und DER STERNWANDERER schrieb er zusammen mit Terry Pratchett EIN GUTES OMEN und verfasste über seinen Kollegen und Freund Douglas Adams die Biographie KEINE PANIK!. Mittlerweile ist er mit jedem großen Preis ausgezeichnet worden, der in der englischen und amerikanischen Buch- und Comicszene existiert. Er lebt seit einigen Jahren in den USA. Sein gefeierter Roman DER OZEAN AM ENDE DER STRASSE erschien 2014 bei Eichborn.

NEIL
GAIMAN

AMERICAN

GODS

Aus dem Englischen
von Hannes Riffel

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für abwesende Freunde –

Kathy Acker und

Roger Zelazny,

und alle dazwischen …

American Gods
Einleitung zur deutschen Neuausgabe

Ich habe American Gods vor fünfzehn Jahren geschrieben. Der Roman war ursprünglich länger als das Buch, das schließlich veröffentlicht wurde, denn der Verlag wollte ein kürzeres, schnelleres Buch haben als das längere, gemächlichere, das ich geschrieben hatte. 2003 kam ich nach Deutschland, um Werbung für diese Ausgabe des Buches zu machen.

Es war eine wirklich seltsame Tour. Ich besuchte, sagen wir, eine Buchhandlung und las auf Englisch, und dann las ein deutscher Schauspieler die Abschnitte noch mal, die ich bereits gelesen hatte, aber dieses Mal auf Deutsch. Dann signierte ich Bücher.

Dieser Schauspieler, der ein verwegenes Grinsen hatte, war ein ebenso witziger wie sympathischer Zeitgenosse. Er, seine Frau und ihr polnischer Schäferhund – Crazy – reisten mit ihrem eigenen Wagen. Das ging schneller als im Zug oder im Flugzeug, und sie fühlten sich in dem Wagen wohler. Es ging vor allem deshalb schneller, weil der Schauspieler wirklich sehr schnell fuhr. Er hatte keinen Führerschein mehr, was zur Folge hatte, dass er nur nachts unterwegs war, denn er war berühmt, und in Deutschland schien jeder zu wissen, dass er keinen Führerschein mehr hatte.

Als wir einander das erste Mal vorgestellt wurden, erklärte er mir, wie man Ärger vermeidet, wenn man schnell durch Amerika fährt. Man brauche einen Radardetektor, sagte er, und wenn die Polizei einen erwische, müsse man behaupten, dass man aus Deutschland käme und deshalb den Tachometer missverstanden hätte, weil man dachte, er würde Stundenkilometer anzeigen und nicht Meilen. Natürlich, erzählte er, sagten die Polizisten einander hin und wieder über Funk Bescheid, dass da ein Typ in einem roten Mustang mit 200 Stundenkilometern unterwegs sei, oder ein Trucker verpfeife einen, und dann verbringe man eine Nacht im Gefängnis.

Er konnte einfach nicht begreifen, warum ich nicht mit ihm im Wagen fahren wollte, anstatt das Flugzeug zu nehmen.

Seither ist über ein Jahrzehnt vergangen. American Gods ist wiederhergestellt worden – dies ist die Fassung, die ich ursprünglich geschrieben habe. Sie ist länger, und sie ist neu übersetzt. Der Roman ist der Versuch, mir Amerika zu erklären und es zu verstehen, und viele der Schlüssel, die ich verwendet habe, um Amerika aufzuschließen, sind germanischen Ursprungs.

Dabei sollte man daran denken, dass der Tag nach dem Dienstag und vor dem Donnerstag zwar vernünftigerweise Mittwoch heißt, einst aber mal der »Wutenstag« war. Allerdings ist es selbst in den besten Zeiten gefährlich, Odin in seinem Kalender umherschweifen zu lassen.

Es war sehr klug von euch, ihn daraus zu entfernen.

Neil Gaiman
Mai 2015

Einleitung zur zehnjährigen Jubiläumsausgabe

Ich weiß nicht, wie es ist, dieses Buch zu lesen. Ich weiß nur, wie es war, es zu schreiben.

1992 zog ich nach Amerika. In meinem Hinterkopf nahm etwas Gestalt an. Da waren unzusammenhängende Ideen, von denen ich wusste, dass sie wichtig waren, die aber noch wie Fremdkörper nebeneinanderstanden: zwei Männer, die sich in einem Flugzeug treffen; das Auto auf dem Eis; die Bedeutung von Münztricks; und, mehr als alles andere, Amerika: dieser seltsame, weitläufige Kontinent, auf dem ich nun lebte und von dem ich wusste, dass ich ihn nicht verstand. Aber ich wollte ihn verstehen. Mehr noch, ich wollte ihn beschreiben.

Das erste Kapitel verfasste ich auf einer Zugfahrt von Chicago nach San Diego. Dann reiste ich immer weiter, und ich schrieb immer weiter. Ich fuhr auf Nebenstraßen von Minneapolis nach Florida, schlug Routen ein, von denen ich glaubte, dass Shadow sie im Buch nehmen würde. Ich schrieb, und wenn ich festhing, zog ich weiter. Ich aß im Norden von Michigan Pasteten, ich aß in Cairo gebackene Maisbällchen. Ich tat mein Bestes, nicht über Orte zu schreiben, die ich nicht selbst besucht hatte.

Ich habe mein Buch an vielen Orten geschrieben – in Häusern in Florida, in einer Hütte an einem See in Wisconsin, in einem Hotelzimmer in Las Vegas.

Ich folgte Shadow auf seiner Reise, und wenn ich mit ihm nicht weiterwusste, schrieb ich eine der Unterwegs-nach-Amerika-Geschichten, die mich stets zum Ende hin wieder auf Kurs brachten, zurück zu Shadow. Ich wollte jeden Tag zweitausend Wörter schreiben und war froh, wenn ich tausend schaffte. Als ich mit der Rohfassung fertig war, erzählte ich Gene Wolfe – dem klügsten Schriftsteller, den ich kenne und der mehr gute Romane geschrieben hat als jeder andere Mensch –, dass ich nun endlich gelernt zu haben glaubte, wie man einen Roman schreibt. Gene sah mich mit einem höflichen Lächeln an. »Du wirst niemals lernen, wie man einen Roman schreibt«, sagte er zu mir. »Du lernst immer nur, den Roman zu schreiben, an dem du gerade arbeitest.«

Er hatte recht. Ich lernte, den Roman zu schreiben, den ich schrieb, und nichts weiter. Dennoch war es ein schönes, seltsames Buch, das ich zu schreiben gelernt hatte. Mir war immer bewusst, wie weit es hinter dem wunderbaren, goldglänzenden, perfekten Buch zurückblieb, das ich mir in Gedanken ausgemalt hatte, aber es machte mich trotzdem glücklich.

Ich ließ mir, während ich an dem Buch arbeitete, einen Bart stehen und die Haare wachsen, und viele Leute hielten mich bestimmt für ein klein wenig merkwürdig (außer die Schweden, die mir anerkennend versicherten, einer ihrer Könige habe einmal etwas ganz Ähnliches getan, jedoch nicht bei einem Roman). Als die erste Fassung fertig war, rasierte ich mir den Bart ab und trennte mich kurz darauf auch von meiner unpraktischen langen Mähne.

Die zweite Fassung veranlasste mich in erster Linie, Passagen zu vertiefen und zu präzisieren. Stellen, die wachsen wollten, wuchsen, und Stellen, die gekürzt werden wollten, kürzte ich.

Mir schwebte dabei eine Menge vor. Ich wollte ein dickes, merkwürdiges, ausschweifendes Buch schreiben, und das tat ich auch. Ich wollte ein Buch schreiben, das jene Seiten von Amerika zeigte, die mich begeisterten und von denen ich besessen war – zufällig genau die Seiten, die in Filmen und Fernsehserien niemals auftauchten.

Schließlich habe ich das Buch beendet und abgegeben, wobei ich mich von dem alten Sprichwort trösten ließ, dass ein Roman bestenfalls als ein langes Stück Prosa mit Schwachstellen definiert werden kann, und ich war mir ziemlich sicher, dass ich genau so eines geschrieben hatte.

Meine Lektorin befürchtete, das Buch sei etwas zu dick und zu abschweifend (sie machte sich nichts daraus, dass es zu merkwürdig war), und bat mich, es zu kürzen, was ich tat. Ihr Instinkt erwies sich als richtig, nehme ich an, denn der Roman wurde ziemlich erfolgreich – er verkaufte sich gut und erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, darunter den Nebula und den Hugo Award (in erster Linie SF-Preise), den Bram Stoker Award (eher Horror) und den Locus Award (eher Fantasy), was beweist, dass es sich in der Tat um ein ziemlich merkwürdiges Buch handelte, von dem trotz seiner Popularität niemand so recht wusste, in welche Schublade es gehörte.

Aber all das lag noch in der Zukunft: Erst einmal musste das Buch veröffentlicht werden. Dieser Prozess faszinierte mich, und ich begleitete ihn mit einem Weblog, das ich eigens dafür ins Leben rief (und das unabhängig davon bis zum heutigen Tag fortgeführt wird).

Pünktlich zur Veröffentlichung ging ich auf Lesereise quer durch die USA, danach durch England und Kanada, bevor ich wieder nach Hause fuhr. Die erste Signierstunde fand im Juni 2001 im Buchladen Borders Books im World Trade Center statt. Ein paar Tage nach meiner Heimkehr, am elften September 2001, existierten der Buchladen und das World Trade Center nicht mehr.

Mich überraschte, wie das Buch aufgenommen wurde.

Ich war es gewohnt, Geschichten zu erzählen, die entweder den Leuten gefielen oder nicht gelesen wurden. Ich hatte nie zuvor etwas Umstrittenes geschrieben. Doch dieses Buch wurde von den Leuten geliebt oder gehasst. Diejenigen, die es hassten, selbst wenn sie meine anderen Bücher mochten, verabscheuten es regelrecht. Manche klagten darüber, es sei zu unamerikanisch; andere fanden, dass es zu amerikanisch sei; dass sie Shadow unsympathisch fänden; dass ich nicht verstanden hätte, dass die wahre Religion Amerikas der Sport sei, und so weiter. Zweifellos sind das alles berechtigte Kritikpunkte, doch letzten Endes fand das Buch sein Publikum. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass der überwiegende Teil der Leserschaft es liebte und weiterhin lieben wird.

Eines Tages, so hoffe ich, werde ich zu dieser Geschichte zurückkehren. Immerhin ist Shadow mittlerweile zehn Jahre älter geworden. Genau wie Amerika. Und die Götter warten.

Neil Gaiman
September 2010

Einleitung zur vorliegenden Textfassung

Das Buch, das Sie in Händen halten, ist anders als die Version, die bislang veröffentlicht wurde.

Kurz nach seiner Erstveröffentlichung trafen Pete Atkins und Peter Schneider, die Inhaber des (leider inzwischen nicht mehr existierenden) Kleinverlags Hill House Publishers, mit dem US-Verlag des Buches die Absprache, eine Sonderausgabe von American Gods zu produzieren. Als sie mir von den wundervollen Besonderheiten für die limitierte Auflage erzählten – aus der sie ein wahres Wunder der Buchkunst machen wollten –, fühlte ich mich mit dem Text zunehmend unwohl.

Schüchtern erkundigte ich mich bei ihnen, ob sie damit einverstanden wären, meine ursprüngliche, ungekürzte Fassung zu verwenden.

Wie sich herausstellte, waren sie das.

Danach begannen die Dinge, kompliziert zu werden. Mir fiel ein, dass ich an der gekürzten Version von American Gods weitere Korrekturen und Änderungen vorgenommen hatte, die meisten davon Verbesserungen. Die einzige Möglichkeit, eine endgültige Fassung von American Gods zu erstellen, bestand also darin, meine unbearbeitete Fassung mit meiner korrigierten Fassung abzugleichen. Diese Version müsste danach mit der Druckfassung verglichen werden, denn ich hatte fröhlich in den Druckfahnen herumgekritzelt und ebenso fröhlich ignoriert, dass man die Änderungen möglicherweise zurückverfolgen wollte. Und schließlich müsste eine Reihe von Entscheidungen nach persönlichem Ermessen getroffen werden.

Das bedeutete einen enormen Arbeitsaufwand. Und ich tat das einzig Vernünftige: Ich schickte mehrere riesige Computerdateien und zwei Exemplare des Buches (die englische und die amerikanische Version) an Pete Atkins, zusammen mit meiner Liste von Druck- und Rechtschreibfehlern, die mir seit Veröffentlichung des Buches aufgefallen waren, und bat ihn, alles zusammenzubringen. Genau das tat er auch, und zwar mit großer Sorgfalt. Dann nahm ich mir das Manuskript vor, das Pete vorbereitet hatte, ging es selbst durch, besserte aus, schaffte Ordnung und fügte Stellen wieder ein, die ich nicht aus Gründen des bloßen Kürzens gestrichen hatte. Schließlich hatte ich eine endgültige Fassung vor mir, mit der ich glücklich war – wenn man bedenkt, dass ein Roman, zumindest für den Autor, immer ein langes Stück Prosa mit Schwachstellen bleibt.

Hill House veröffentlichte sie in einer sehr schönen – und sehr teuren – limitierten Sonderausgabe von rund 750 Exemplaren (die als »ein Wunder der Buchkunst« beschrieben wurde – dieses Mal nicht von ihnen selbst). Ich bin dankbar, dass meine Verlage bereit waren, diese erweiterte Fassung des Buchs zum zehnten Jahrestag seines ersten Erscheinens in einer weit größeren Auflage als 750 Exemplare zu veröffentlichen – und für weit weniger Geld. Die Fassung von American Gods, die Sie nun in Händen halten, ist etwa zwölftausend Wörter länger als diejenige, die die ganzen Preise gewonnen hat, und das ist die Fassung, auf die ich am meisten stolz bin.

Ich möchte Jennifer Hershey danken, der ursprünglichen Lektorin des Buches, Jennifer Brehl, die als Geburtshelferin dieser Ausgabe fungierte, und vor allem Pete Atkins dafür, dass er das Manuskript erarbeitet hat.

Vorbehalt und Warnung an Reisende

Dies ist kein Reiseführer, sondern ein Roman. Obwohl die Geografie der Vereinigten Staaten von Amerika in dieser Geschichte nicht gänzlich erfunden ist – viele Sehenswürdigkeiten in dem Buch können besichtigt, viele Pfade eingeschlagen, die Wege auf der Karte nachverfolgt werden –, habe ich mir Freiheiten erlaubt. Weniger Freiheiten, als Sie sich vorstellen mögen, aber dennoch Freiheiten.

Weder habe ich um die Erlaubnis gebeten, die realen Schauplätze in dieser Geschichte verwenden zu dürfen, noch wurde sie mir erteilt: Die Eigentümer von Rock City oder dem House on the Rock und die Jäger, denen das Motel in der Mitte Amerikas gehört, würden wohl ebenso erstaunt darüber sein, ihren Grundstücken hier zu begegnen, wie jeder andere auch.

Etliche Orte in dem Buch habe ich verfremdet: das Städtchen Lakeside, zum Beispiel, und die Farm mit der Esche eine Stunde südlich von Blacksburg. Sie dürfen gern danach suchen, wenn Sie möchten. Vielleicht finden Sie sie sogar.

Darüber hinaus versteht es sich von selbst, dass alle lebenden, toten und sonstigen Personen in dieser Geschichte erfunden sind oder in einem erfundenen Zusammenhang auftreten. Nur die Götter sind echt.

Eine Frage, die mich immer fasziniert hat, lautet: Was geschieht mit dämonischen Geschöpfen, wenn Immigranten ihre Heimat verlassen? Irische Amerikaner erinnern sich an die Feen, die Amerikaner aus Norwegen an die Nisser, die griechischstämmigen Amerikaner an die Wrykólakas – aber nur in Bezug auf ihr Herkunftsland. Als ich einmal fragte, warum solche Dämonen nicht in Amerika auftauchen, kicherte mein Informant verwirrt und sagte: »Sie haben Angst, den Ozean zu überqueren, er ist zu groß.« Er wies mich außerdem darauf hin, dass auch Christus und die Apostel nie nach Amerika gekommen sind.

Richard Dorson, »A Theory for American Folklore«

in: American Folklore and the Historian

(University of Chicago Press, 1971)

TEIL I

Schatten

Erstes Kapitel

Die Grenzen unseres Landes, Sir? Nun, Sir, im Norden grenzen wir an das Polarlicht, im Osten an die aufgehende Sonne, im Süden grenzen wir an die Wanderung der Äquinoktialpunkte und im Westen an den Tag des Jüngsten Gerichts.

JOE MILLERS WITZBUCH (Amerikanische Ausgabe)

Shadow hatte drei Jahre im Gefängnis gesessen. Weil er recht groß war und auch sonst ziemlich furchteinflößend wirkte, bestand sein ärgstes Problem darin, die Zeit totzuschlagen. Also hielt er sich in Form, brachte sich ein paar Tricks mit Münzen bei und dachte oft darüber nach, wie sehr er seine Frau liebte.

Das Beste an seinem Gefängnisaufenthalt – Shadows Meinung nach vielleicht das einzig Gute – war ein Gefühl der Erleichterung. Ein Gefühl, dass er so tief gefallen war wie nur irgend möglich und dass er die Talsohle erreicht hatte. Er machte sich keine Sorgen mehr, dass die Bullen ihn erwischen könnten, denn die Bullen hatten ihn erwischt. Wenn er im Gefängnis aufwachte, hatte er keine Angst; er fürchtete sich nicht mehr vor dem, was das Morgen bringen mochte, denn das Gestern hatte es bereits gebracht.

Shadow war zu der Feststellung gelangt, dass es keine Rolle spielte, ob man das, weswegen man verurteilt worden war, nun getan hatte oder nicht. Seiner Erfahrung nach fühlte sich jeder, dem er im Gefängnis begegnete, aus irgendeinem Grund ungerecht behandelt: Irgendetwas hatten die Behörden immer falsch verstanden, irgendetwas unterstellten sie einem, obwohl man es nicht getan hatte – oder man hatte es jedenfalls nicht ganz so getan, wie sie das behaupteten.

Von Bedeutung war aber allein, dass sie einen erwischt hatten. Dies war Shadow bereits während der ersten Tage aufgefallen, als alles, vom Slang bis zum schlechten Essen, noch neu gewesen war. Obwohl er sich elend fühlte und ihn das nackte Grauen packte, wenn er sich vor Augen führte, dass er hier eingesperrt war, ließ ihn diese Beobachtung leichter atmen.

Shadow bemühte sich, möglichst wenig zu reden. Doch irgendwann in der Mitte seines zweiten Jahres erklärte er seinem Zellengenossen Low Key Lyesmith seine Theorie.

Low Key, ein Trickbetrüger aus Minnesota, verzog seinen von Narben gezeichneten Mund zu einem Lächeln. »Yeah«, sagte er. »Das ist wahr. Noch besser ist es, wenn du zum Tode verurteilt wurdest. Dann fallen dir die Witze über die Typen ein, die ihre Stiefel abstreifen, während sich die Schlinge um ihren Hals legt, weil ihnen ihre Freunde immer erzählt haben, sie würden in ihren Stiefeln sterben.«

»Ist das ein Witz?«, fragte Shadow.

»Klar doch. Galgenhumor. Einen besseren gibt’s nicht – krawumm, das Schlimmste ist passiert. Dir bleiben ein paar Tage, bis du’s begriffen hast, und schon bist du mit dem Karren unterwegs, um auf dem Nichts zu tanzen.«

»Wann haben sie in diesem Bundesstaat zum letzten Mal jemanden aufgehängt?«, fragte Shadow.

»Verdammte Scheiße, woher soll ich das wissen?« Lyesmith rasierte sich seine orangeblonden Haare immer fast ganz ab. Die Linien, die über seinen Schädel verliefen, waren deutlich sichtbar. »Aber ich sag dir was. Mit diesem Land ging’s den Bach runter, als sie aufhörten, die Leute aufzuknüpfen. Ohne Galgen kann man den Kopf auch nicht mehr aus der Schlinge ziehen.«

Shadow zuckte die Schultern. Zum Tode verurteilt zu sein hatte für ihn nichts Romantisches.

Wenn man allerdings nicht zum Tode verurteilt war, dann war das Gefängnis bestenfalls eine Gnadenfrist, die einem vergönnt war, bevor das Leben weiterging, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Das Leben schleicht sich auch in das Gefängnis ein. Es gibt immer Orte, wo es noch weiter abwärtsgeht, selbst wenn man beim großen Spiel nicht mehr mitspielen darf; das Leben geht weiter, selbst wenn es nur ein Leben unter dem Mikroskop oder ein Leben im Käfig ist. Und zweitens: Wenn man sich zusammenreißt, müssen sie dich irgendwann rauslassen.

Am Anfang war dieser Zeitpunkt noch so weit weg, dass Shadow kaum daran dachte. Dann wurde daraus ein entfernter Hoffnungsschimmer, und wenn irgendwelche Knastscheiße ablief, lernte er, sich immer wieder zu sagen, dass »auch das vorbeigehen würde«, und es lief immer irgendwelche Knastscheiße ab. Eines Tages würde sich die magische Tür öffnen, und er würde hindurchgehen. Also strich er in seinem Kalender mit den Singvögeln Nordamerikas die Tage ab, dem einzigen Kalender, den sie im Gefängnisladen verkauften, und die Sonne ging unter, und er sah sie nicht, und die Sonne ging auf, und er sah sie nicht. Er übte Münztricks aus einem Buch, das er in der Einöde der Gefängnisbibliothek gefunden hatte; er hielt sich fit; und er stellte in seinem Kopf eine Liste auf, was er nach seiner Entlassung tun würde.

Shadows Liste wurde immer kürzer und kürzer. Nach drei Jahren standen nur noch zwei Dinge darauf.

Erstens: Er würde ein Bad nehmen. In einer Wanne mit Seifenblasen, und zwar so lange wie irgend möglich. Vielleicht würde er dabei Zeitung lesen, vielleicht auch nicht. An einem Tag stellte er es sich so vor, an einem anderen anders.

Zweitens: Er würde sich mit dem Handtuch abrubbeln und einen Morgenmantel anziehen. Und vielleicht Pantoffeln. Die Vorstellung gefiel ihm. Wenn er rauchen würde, dann hätte er in diesem Moment eine Pfeife im Mund, aber er rauchte nicht. Er würde seine Frau mit starken Armen hochheben (»Welpchen«, würde sie kreischen, mit gespieltem Entsetzen und echter Freude, »was machst du denn da?«). Er würde sie ins Schlafzimmer tragen und die Tür schließen. Wenn sie Hunger bekamen, würden sie Pizza bestellen.

Drittens: Nachdem Laura und er – vielleicht zwei Tage später – wieder aus dem Schlafzimmer herausgekommen waren, würde er den Kopf einziehen und sein ganzes Leben lang anständig bleiben.

»Und dann wärst du glücklich?«, fragte Low Key Lyesmith. An dem Tag arbeiteten sie in der Gefängniswerkstatt – sie setzten Futterhäuschen für Vögel zusammen, was nur minimal interessanter war, als Nummernschilder zu stanzen.

»Ob jemand glücklich war«, erwiderte Shadow, »weiß man erst bei seinem Tod.«

»Herodot«, sagte Low Key. »Langsam lernst du was.«

»Wer zum Teufel ist Herodot?«, fragte Iceman, der die einzelnen Teile der Futterhäuschen ineinandersteckte und sie dann an Shadow weiterreichte, der sie mit Schrauben versah und diese festdrehte.

»Ein toter Grieche«, sagte Shadow.

»Meine letzte Freundin kam auch aus Griechenland«, sagte Iceman. »Was für einen Scheiß die bei ihr zu Hause gegessen haben! Das würdet ihr nicht für möglich halten. In Blätter eingewickelten Reis und so was. Ekelhaft.«

Iceman hatte die gleiche Größe und Form wie ein Cola-Automat; seine Augen waren blau und seine Haare so blond, dass sie fast weiß wirkten. Er hatte einem Kerl eine Tracht Prügel verpasst, der seine Freundin in einer Bar begrapscht hatte, in der sie tanzte und er als Rausschmeißer arbeitete. Dessen Freunde hatten die Polizei gerufen, und die Bullen hatten Iceman überprüft und festgestellt, dass er auf Bewährung draußen und vor achtzehn Monaten vom Arbeitsfreigang nicht zurückgekehrt war.

»Was hätt ich denn machen sollen?«, hatte Iceman entrüstet gefragt, als er Shadow die ganze traurige Geschichte erzählte. »Ich hab ihm erklärt, dass sie meine Freundin ist. Hätte ich zulassen sollen, dass er mich respektlos behandelt? Echt, Mann? Ich mein ja nur – der Kerl hat wild an ihr rumgefummelt!«

Shadow hatte etwas Bedeutungsloses wie »Recht hast du« gesagt und es dabei belassen. Eine Sache hatte er gleich am Anfang gelernt: Im Gefängnis sitzt man seine eigene Zeit ab. Man lädt sich nicht noch die Geschichten der anderen auf. Man zieht den Kopf ein. Und bemüht sich, nicht aufzufallen.

Vor einigen Monaten hatte Lyesmith ihm eine zerlesene Taschenbuchausgabe von Herodots Historien geliehen. »Das ist nicht langweilig. Das ist cool«, hatte er gesagt, als Shadow einwandte, er würde keine Bücher lesen. »Schau erst mal rein, dann wirst du mir recht geben.«

Shadow hatte das Gesicht verzogen, aber er hatte damit angefangen und war gegen seinen Willen begeistert gewesen.

»Griechen«, sagte Iceman abschätzig. »Und es stimmt auch gar nicht, was man über sie erzählt. Ich hab versucht, es meiner Freundin in den Arsch zu besorgen, und sie hat mir fast die Augen ausgekratzt.«

Eines Tages war Lyesmith verlegt worden, und das ohne jede Vorwarnung. Seinen Herodot schenkte er Shadow, zusammen mit mehreren Münzen, die zwischen den Seiten versteckt waren – zwei Vierteldollar, einen Penny und einen Nickel. Münzen waren verboten: Man konnte die Ränder an einem Stein wetzen und jemandem damit bei einer Prügelei das Gesicht aufschlitzen. Shadow war nicht auf Waffen aus; er wollte nur etwas mit den Händen zu tun haben.

Shadow war keineswegs abergläubisch. Er glaubte nicht an Dinge, die er nicht sehen konnte. Trotzdem hatte er in jenen letzten Wochen das Gefühl, dass eine dunkle Wolke über dem Gefängnis hing, wie damals, in der Woche vor dem Raubüberfall. Er verspürte ein leeres Gefühl in der Magengrube, redete sich jedoch ein, er würde sich nur davor fürchten, in die Welt da draußen zurückzukehren. Aber sicher war er sich nicht. Er war noch paranoider als normalerweise, und im Gefängnis war man normalerweise schon sehr paranoid, weil man das dort zum Überleben brauchte. Shadow wurde noch stiller, noch mehr ein Schatten als ohnehin schon. Er ertappte sich dabei, wie er die Körpersprache der Wachleute und der anderen Insassen beobachtete, auf der Suche nach einem Hinweis auf die Katastrophe, die – und davon war er überzeugt – unmittelbar bevorstand.

Einen Monat vor seinem Entlassungstermin saß Shadow in einem kühlen Büro einem Mann gegenüber, dem ein Feuermal auf der Stirn prangte. Zwischen ihnen stand ein Schreibtisch; der Mann hatte Shadows Akte vor sich liegen und hielt einen Kugelschreiber in der Hand.

»Ist Ihnen kalt, Shadow?«

»Ja«, sagte Shadow. »Ein wenig.«

Der Mann zuckte mit den Achseln. »So läuft das hier nun mal«, sagte er. »Die Heizöfen werden erst im Dezember in Betrieb genommen, und am ersten Mai werden sie wieder ausgeschaltet. Auf meinem Mist ist das nicht gewachsen.« Damit waren die Nettigkeiten abgehakt, und er fuhr mit dem Zeigefinger über ein Blatt Papier, das innen links an der Mappe festgetackert war. »Sie sind zweiunddreißig Jahre alt?«

»Jawohl, Sir.«

»Sie sehen jünger aus.«

»Man tut, was man kann.«

»Hier steht, Sie hätten sich mustergültig geführt.«

»Ich habe meine Lektion gelernt, Sir.«

»Wirklich? Haben Sie das wirklich?« Er betrachtete Shadow eingehend, wobei das Feuermal auf seiner Stirn nach unten rutschte. Shadow überlegte, ob er ihm einige seiner Theorien über das Gefängnis darlegen sollte, ließ es dann aber bleiben. Stattdessen nickte er und konzentrierte sich darauf, angemessen reumütig auszusehen.

»Hier steht, Sie sind verheiratet, Shadow.«

»Meine Frau heißt Laura.«

»Wie läuft’s denn mit ihr?«

»Ganz gut. Als ich verhaftet wurde, war sie ziemlich sauer auf mich. Aber sie ist so oft wie möglich hier runtergefahren, um mich zu besuchen – was ein ziemliches Stück ist. Wir schreiben uns, und wenn es geht, rufe ich sie an.«

»Was macht Ihre Frau beruflich?«

»Sie betreibt ein Reisebüro. Schickt Leute in die ganze Welt.«

»Wie haben Sie sich kennengelernt?«

Shadow wollte kein Grund einfallen, warum sein Gegenüber ihn das fragte. Fast hätte er ihm erklärt, dass ihn das nichts angehe, doch er sagte: »Sie war die beste Freundin der Frau meines besten Kumpels. Die beiden haben uns miteinander verkuppelt. Wir haben uns gleich super verstanden.«

»Und Sie haben einen Job, der auf Sie wartet?«

»Jawohl, Sir. Mein Kumpel Robbie, von dem ich Ihnen gerade erzählt hab, dem gehört die Muskelfarm, wo ich früher Trainer war. Er hat mir versprochen, dass mein alter Job auf mich wartet.«

Eine Augenbraue zuckte nach oben. »Wirklich?«

»Er behauptet, ich würde bestimmt eine Menge Leute anlocken. Ehemalige Kunden, aber auch ein paar harte Jungs, die noch härter werden wollen.«

Das schien den Mann zufriedenzustellen. Er kaute auf dem Ende seines Kugelschreibers herum und schlug die nächste Seite auf.

»Was denken Sie inzwischen über Ihre Straftat?«

Shadow zuckte die Schultern. »Das war äußerst dumm«, sagte er und meinte es ernst.

Der Mann mit dem Feuermal seufzte und hakte einige Punkte auf seiner Liste ab. Dann blätterte er noch ein wenig in Shadows Akte herum. »Wie kommen Sie denn von hier aus nach Hause?«, fragte er. »Greyhound?«

»Ich fliege. Hat seine Vorteile, mit einer Reiseberaterin verheiratet zu sein.«

Das Feuermal legte sich in Falten. »Hat sie Ihnen ein Ticket geschickt?«

»Das war gar nicht nötig. Sie hat mir nur die Bestätigungsnummer geschickt. Für ein elektronisches Ticket. Ich muss lediglich in einem Monat am Flughafen aufkreuzen und meinen Ausweis vorzeigen, und schon ist alles geregelt.«

Der Mann nickte, kritzelte noch etwas auf ein Blatt, schloss dann die Mappe und legte den Kugelschreiber beiseite. Zwei blasse Hände ruhten wie pinkfarbene Tiere auf dem grauen Schreibtisch, bewegten sich aufeinander zu und bildeten mit den Zeigefingern einen Turm.

»Sie haben Glück.« Er schaute Shadow mit wässrigen haselnussbraunen Augen an. »Auf Sie wartet jemand, und dann kriegen Sie auch noch Ihren alten Job zurück. Sie können all das hier hinter sich lassen. Sie bekommen eine zweite Chance. Machen Sie das Beste daraus!«

Als der Mann aufstand, reichte er Shadow nicht die Hand, was dieser allerdings auch nicht erwartet hatte.

Die letzte Woche war furchtbar. In gewisser Hinsicht war sie schlimmer als die ganzen drei Jahre zusammen. Shadow fragte sich, ob es am Wetter lag, das kalt und klamm war. Es fühlte sich an, als wäre ein Gewitter im Anzug, aber das Gewitter blieb aus. Er hatte Bauchweh und bekam andauernd eine Gänsehaut; und das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, wurde mit jedem Tag stärker. Auf dem Innenhof wehte ein böiger Wind. Shadow glaubte fast, den kommenden Schnee riechen zu können.

Schließlich führte er ein R-Gespräch mit seiner Frau. Shadow wusste, dass die Telefongesellschaften für jeden Anruf aus einem Gefängnis einen Aufschlag von drei Dollar berechneten. Deshalb waren die Telefonistinnen auch immer so höflich, vermutete er: Sie wussten, wer ihren Lohn bezahlte.

»Irgendwas fühlt sich seltsam an«, erklärte er Laura. Das war nicht das Erste, was er zu ihr sagte. Das Erste war: »Ich liebe dich«, denn das ist etwas Großartiges, wenn man es ernst meint, und Shadow meinte es ernst.

»Hallo«, sagte Laura. »Ich liebe dich auch. Was fühlt sich seltsam an?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht das Wetter. Ich habe den Eindruck, dass alles okay wäre, wenn es nur mal ordentlich gewittern würde.«

»Hier ist es schön«, sagte sie. »Noch sind die letzten Blätter nicht alle abgefallen. Falls es nicht stürmt, kannst du sie sehen, wenn du nach Hause kommst.«

»Fünf Tage«, sagte Shadow.

»Einhundertundzwanzig Stunden, und dann kommst du nach Hause«, sagte sie.

»Alles okay bei dir? Nichts passiert?«

»Alles okay. Heute Abend treffe ich mich mit Robbie. Wir planen eine Überraschungsparty für dich.«

»Überraschungsparty?«

»Ja, klar. Du weißt doch nichts davon, oder?«

»Rein gar nichts.«

»So ist’s recht.«

Shadow wurde sich bewusst, dass er lächelte. »Ich lieb dich, Schatz.«

»Ich lieb dich, Welpchen«, sagte Laura.

Shadow legte den Hörer auf die Gabel.

Nach ihrer Hochzeit hatte sich Laura einen Welpen gewünscht, aber ihr Vermieter hatte sie darauf hingewiesen, dass ihr Vertrag keine Haustiere zuließ.

»Hey«, hatte Shadow gesagt, »dann bin ich eben dein Welpe. Was soll ich tun? Auf deinen Latschen rumkauen? Auf den Küchenboden pinkeln? Dir die Nase ablecken? Dir im Schritt herumschnüffeln? Ich wette, ich kann alles, was so eine Töle kann.« Und er hob sie hoch, als wäre sie federleicht, fing an, ihr über die Nase zu lecken, während sie kicherte und kreischte, und trug sie dann ins Bett.

In der Gefängniskantine setzte sich Sam Fetisher wie zufällig neben Shadow, entblößte seine gelben Zähne zu einem Lächeln und aß seine Makkaroni mit Käse.

»Wir müssen reden«, sagte er.

Sam Fetisher war einer der schwärzesten Menschen, denen Shadow je begegnet war. Er mochte gut und gerne achtzig sein. Oder erst sechzig. Andererseits kannte Shadow dreißig Jahre alte Cracksüchtige, die älter aussahen als Sam Fetisher.

»Mm?«, fragte Shadow.

»Da zieht ein Unwetter auf«, sagte Sam.

»Fühlt sich so an«, sagte Shadow. »Vielleicht schneit’s bald.«

»Kein solches Unwetter. Uns steht was Heftigeres bevor. Glaub mir, mein Junge, wenn’s losgeht, bist du hier drin besser dran als draußen auf der Straße.«

»Ich hab meine Zeit abgesessen«, sagte Shadow. »Am Freitag hau ich ab.«

Sam Fetisher starrte Shadow an. »Wo kommst du her?«

»Aus Eagle Point. In Indiana.«

»Du verlogenes Arschloch«, sagte Sam Fetisher. »Ich meine ursprünglich. Woher stammt deine Familie?«

»Aus Chicago«, sagte Shadow. Seine Mutter hatte als junges Mädchen in Chicago gewohnt, und sie war dort vor einer halben Ewigkeit gestorben.

»Wie ich gesagt hab. Da zieht ein heftiges Unwetter auf. Zieh bloß den Kopf ein, Shadow. Das wird … wie heißen diese Dinger noch mal, auf denen die Kontinente rumrutschen? Irgendwelche Platten?«

»Tektonische Platten?«, riet Shadow.

»Genau. Tektonische Platten. Das wird wie wenn die anfangen zu rutschen und Nordamerika in Südamerika reinschlittert. Da willst du nicht dazwischengeraten. Hast du kapiert?«

»Nicht im Mindesten.«

Ein braunes Auge schloss sich zu einem Zwinkern. »Verdammt, sag nachher bloß nicht, ich hätt dich nicht gewarnt«, brummte Sam Fetisher, während er sich einen zitternden Klumpen orangefarbenen Wackelpudding in den Mund schaufelte.

Shadow war die ganze Nacht halb wach – mal döste er ein, dann schreckte er wieder hoch, während er zuhörte, wie sein neuer Zellengenosse in dem Bett unter ihm ächzte und schnarchte. Mehrere Zellen entfernt winselte und heulte und schluchzte ein Mann wie ein Tier, und von Zeit zu Zeit brüllte ihn jemand an, er solle verdammt noch mal das Maul halten. Shadow versuchte wegzuhören. Einsam und träge ließ er die leeren Minuten über sich hinwegrinnen.

Zwei Tage noch. Achtundvierzig Stunden, die mit Haferbrei, Gefängniskaffee und einem Wachmann namens Wilson anfingen, der Shadow fester als nötig auf die Schulter tippte und sagte: »Shadow? Mitkommen.«

Shadow überprüfte sein Gewissen. Es regte sich nicht, was – wie er hatte erfahren müssen – in einem Gefängnis keineswegs bedeutete, dass er nicht in der Scheiße steckte.

Die beiden Männer gingen mehr oder weniger nebeneinanderher, und ihre Schritte hallten vom Metall und Beton zurück.

Weit hinten im Rachen schmeckte Shadow Angst, die so bitter war wie alter Kaffee. Jetzt würde geschehen, was er befürchtet hatte …

In seinem Hinterkopf flüsterte eine Stimme, dass sie auf seine Strafe noch ein Jahr draufhauen, ihn in Einzelhaft stecken, ihm die Hände abhacken würden oder den Kopf. Auch wenn er sich einredete, dass das Unsinn war, pochte sein Herz so stark, dass ihm die Brust zu platzen drohte.

»Ich begreif dich einfach nicht, Shadow«, sagte Wilson, während sie einen Fuß vor den anderen setzten.

»Was begreifen Sie nicht, Sir?«

»Dich. Du bist so verdammt still. Und viel zu höflich. Du wartest einfach nur ab, wie die alten Knaben, aber wie alt bist du? Fünfundzwanzig? Achtundzwanzig?«

»Zweiunddreißig, Sir.«

»Und was bist du? Ein Spion? Ein Zigeuner?«

»Nicht dass ich wüsste, Sir. Vielleicht.«

»Vielleicht hast du Niggerblut in den Adern. Hast du Niggerblut in den Adern, Shadow?«

»Gut möglich, Sir.« Shadow hielt sich aufrecht, blickte stur geradeaus und konzentrierte sich darauf, sich von diesem Mann nicht provozieren zu lassen.

»Yeah? Tja, ich weiß nur, dass du mir unheimlich bist.« Wilson hatte sandfarbenes Haar, ein sandfarbenes Gesicht und ein sandfarbenes Lächeln. »Verlässt du uns bald?«

»Ich hoffe es, Sir.«

»Du kommst wieder. Das sehe ich an deinen Augen. Du bist ein Versager, Shadow. Wenn’s nach mir ginge, käme keines von euch Arschlöchern hier jemals raus. Wir würden euch in ein Loch schmeißen und vergessen.«

Oubliettes, dachte Shadow, schwieg jedoch – schließlich wollte er überleben. Er widersprach nicht, sagte nichts über Arbeitsplatzsicherheit bei Wachleuten oder über das Wesen von Reue, Rehabilitation oder Rückfallquoten. Er sagte nichts Witziges oder Kluges, und um auf Nummer sicher zu gehen, sagte er wenn möglich gar nichts, wenn er sich mit einem Gefängnisbeamten unterhielt.

Sprich nur, wenn du angesprochen wirst. Sitz deine Zeit ab. Mach, dass du rauskommst. Nach Hause. Gönn dir ein langes, heißes Bad. Sag Laura, dass du sie liebst. Bau dir dein Leben wieder auf.

Sie passierten eine Reihe von Kontrollen, und Wilson zeigte jedes Mal seinen Ausweis. Nachdem sie eine Treppe hinaufgegangen waren, standen sie vor dem Büro des Gefängnisdirektors. Shadow wusste das, obwohl er noch nie hier gewesen war. Auf der Tür stand in schwarzen Lettern der Name des Gefängnisdirektors – G. Patterson –, und neben der Tür hing eine Ampel.

Die oberste Lampe leuchtete rot.

Wilson drückte einen Knopf direkt darunter.

Ein paar Minuten traten sie schweigend von einem Fuß auf den anderen. Shadow versuchte sich einzureden, dass alles in Ordnung sei, dass er am Freitagvormittag in einem Flugzeug nach Eagle Point sitzen würde, aber er glaubte nicht daran.

Die rote Lampe ging aus, und die grüne Lampe ging an. Wilson öffnete die Tür, und sie traten ein.

Shadow hatte den Direktor im Laufe der drei Jahre ein paarmal gesehen. Einmal hatte er einen Politiker herumgeführt, den Shadow nicht gekannt hatte. Einmal hatte der Direktor während eines Einschlusses zu Gruppen von jeweils einhundert Häftlingen gesprochen und ihnen erklärt, das Gefängnis sei überfüllt, und da es überfüllt bleiben würde, sollten sie sich besser damit abfinden. Heute stand Shadow ihm zum ersten Mal gegenüber. Von Nahem sah Patterson noch hässlicher aus. Er hatte ein längliches Gesicht, und seine grauen Haare waren militärisch kurz geschnitten. Er roch nach Old Spice. Hinter ihm stand ein Regal voller Bücher, jedes mit dem Wort Gefängnis im Titel; sein Schreibtisch war blitzsauber, und außer einem Telefon und einem Far-Side-Abreißkalender war er leer. Hinter dem rechten Ohr trug Patterson ein Hörgerät.

»Bitte setzen Sie sich.«

Shadow setzte sich vor den Schreibtisch, wobei ihm nicht entging, wie höflich er behandelt wurde.

Wilson blieb hinter ihm stehen.

Der Direktor zog eine Schreibtischschublade auf, holte eine Akte heraus und legte sie auf den Tisch.

»Hier steht, dass Sie wegen schwerer Körperverletzung zu sechs Jahren verurteilt wurden. Drei Jahre haben Sie verbüßt. Sie sollten am Freitag entlassen werden.«

Sollten? Shadow spürte, wie sein Magen ins Schlingern geriet. Er fragte sich, wie lange er noch würde hierbleiben müssen – ein weiteres Jahr? Zwei? Alle drei?

Er sagte nur: »Jawohl, Sir.«

Der Direktor leckte sich über die Lippen. »Was haben Sie gesagt?«

»Jawohl, Sir.«

»Shadow, wir werden Sie bereits heute Nachmittag entlassen. Sie kommen zwei Tage früher raus.« Der Direktor sagte das so freudlos, als würde er eine Todesstrafe verlesen. Shadow nickte und wartete auf die eigentliche Hiobsbotschaft. Der Direktor warf einen Blick auf die Akte. »Das hier wurde vom Johnson Memorial Hospital in Eagle Point an uns geschickt … Ihre Frau. Sie ist heute Morgen gestorben. Bei einem Autounfall. Es tut mir leid.«

Shadow nickte ein weiteres Mal.

Wilson begleitete ihn ohne ein Wort zurück in seine Zelle. Er schloss die Tür auf und ließ Shadow hinein. Dann sagte er: »Das ist wie bei einem dieser Witze, wo sie einem erst eine gute und dann eine schlechte Nachricht überbringen, stimmt’s? Die gute Nachricht ist: Wir lassen dich früher raus. Die schlechte Nachricht ist: Deine Frau ist tot.« Er lachte, als wäre das wirklich komisch.

Shadow sagte nichts.

Wie betäubt packte er seine Habseligkeiten zusammen, wobei er manches verschenkte. Low Keys Herodot ließ er ebenso zurück wie das Buch mit den Münztricks und – was ihm überraschend schwerfiel – die schwarzen Metallscheiben, die er aus der Werkstatt geschmuggelt und anstelle von Münzen verwendet hatte, bis er Low Keys Wechselgeld in dem Buch gefunden hatte. Draußen würde es Münzen geben, richtige Münzen. Er rasierte sich. Zog seine Zivilklamotten an. Trat durch eine Tür nach der anderen, in dem Wissen, dass er nie wieder zurückkehren würde. Dabei fühlte er sich innerlich völlig leer.

Regen wehte böig vom grauen Himmel herab, ein eiskalter Regen. Eiskügelchen trafen Shadow schmerzhaft im Gesicht, und die Tropfen drangen durch seinen dünnen Mantel, während die Freigelassenen von dem Gefängnisgebäude zu dem gelben ehemaligen Schulbus liefen, der sie in die nächste Stadt bringen würde.

Als sie den Bus erreichten, waren sie klatschnass. Acht Häftlinge sind freigelassen worden, dachte Shadow im Stillen, fünfzehnhundert bleiben zurück. Er saß im Bus und zitterte, bis die Heizung richtig lief, und fragte sich, was er nun tun solle, wohin er jetzt gehen würde.

Gespenstische Bilder nahmen vor seinen Augen Gestalt an. In seiner Vorstellung verließ er ein anderes Gefängnis, vor langer Zeit …

Er war viel zu lange in einer lichtlosen Dachkammer eingesperrt gewesen: Sein Bart wucherte wild, und seine Haare waren verfilzt. Die Wachleute hatten ihn eine graue Steintreppe hinuntergeführt und auf einen Platz hinaus, auf dem es von bunten Dingen nur so wimmelte – von Menschen und auch von Gegenständen. Es war Markttag, und der Lärm und die Farben waren überwältigend. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete den Platz, der im Schein der Sonne erstrahlte, roch die salznasse Luft und all die guten Dinge, die hier feilgeboten wurden, und zu seiner Linken funkelte grelles Licht auf dem Wasser –

Der Bus hielt klappernd vor einer roten Ampel.

Der Wind fuhr heulend um die Karosserie, und die Scheibenwischer klatschten träge hin und her, verschmierten die Stadt zu roten und gelben Neonschlieren. Es war früher Nachmittag, aber hinter dem Glas sah es aus wie nachts.

»Scheiße«, sagte der Mann auf dem Sitz hinter Shadow, rieb das Kondenswasser mit der Hand vom Fenster und starrte einer nassen Gestalt nach, die den Gehsteig entlangeilte. »Da draußen läuft ’ne Möse.«

Shadow schluckte. Ihm wurde bewusst, dass er noch nicht geweint hatte – dass er eigentlich rein gar nichts empfand. Keine Tränen. Keine Trauer. Nichts.

Er dachte an einen Typen namens Johnnie Larch, mit dem er sich eine Zelle geteilt hatte, ganz am Anfang. Johnnie hatte Shadow erzählt, wie er nach fünf Jahren hinter Gittern entlassen worden war, mit hundert Dollar und einem Ticket nach Seattle, wo seine Schwester wohnte.

Johnnie Larch war zum Flughafen gefahren und hatte der Frau am Schalter sein Ticket gegeben, woraufhin sie seinen Führerschein sehen wollte.

Er zeigte ihn ihr. Er war schon ein paar Jahre abgelaufen. Sie erklärte ihm, das sei kein gültiger Ausweis. Er erklärte ihr, das sei vielleicht kein gültiger Führerschein, aber ausweisen könne er sich wohl damit, schließlich sei ein Foto von ihm darauf, und da stehe seine Größe und sein Gewicht, und, verdammt noch mal, wer solle das bitte schön sein, wenn nicht er.

Sie sagte, sie wäre ihm sehr dankbar, wenn er nicht so laut sprechen würde.

Er fuhr sie an, sie solle ihm die verdammte Bordkarte geben, oder sie würde es bereuen, so etwas wolle er sich nicht bieten lassen. Im Gefängnis ließ man sich so etwas nicht bieten.

Da drückte sie auf einen Knopf, und kurz darauf kam die Flughafensicherheit anmarschiert und versuchte, Johnnie Larch zu überzeugen, den Flughafen freiwillig zu verlassen, aber er wollte nicht gehen, also gab es eine kleine Auseinandersetzung.

Das Ergebnis war, dass Johnnie Larch nie Seattle erreichte und die nächsten paar Tage in irgendwelchen Bars verbrachte, bis die hundert Dollar aufgebraucht waren und er mit einer Spielzeugpistole eine Tankstelle überfiel und die Polizei ihn schließlich festnahm, weil er auf die Straße pinkelte. Bald war er wieder im Knast, um den Rest seiner Strafe abzusitzen, plus noch was obendrauf, wegen der Sache mit der Tankstelle.

Und die Moral von der Geschichte war, laut Johnnie Larch: Leg dich nicht mit den Leuten an, die auf dem Flughafen arbeiten.

»Bist du dir sicher, dass die Moral nicht eher so was sein sollte wie: ›Ein Verhalten, das in einem bestimmten Umfeld angemessen ist, wie zum Beispiel einem Gefängnis, ist außerhalb dieses Umfelds möglicherweise unangemessen, wenn nicht sogar schädlich‹?«, hatte Shadow gefragt.

»Nein, Mann, hör mir doch zu«, hatte Johnnie Larch erwidert. »Leg dich bloß nicht mit diesen Schlampen auf dem Flughafen an.«

Als er daran zurückdachte, musste Shadow beinahe lächeln. Sein Führerschein würde erst in etlichen Monaten ablaufen.

»Busbahnhof! Alles aussteigen!«

Das Gebäude stank nach Pisse und schal gewordenem Bier. Shadow stieg in ein Taxi und forderte den Fahrer auf, ihn zum Flughafen zu bringen. Er erklärte ihm, er bekomme fünf Dollar extra, wenn er das schweigend tat. Sie brauchten zwanzig Minuten, und der Fahrer sagte nicht ein Wort.

Shadow stolperte durch das hell erleuchtete Flughafenterminal. Die Sache mit dem E-Ticket bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er wusste, dass er ein Ticket für einen Flug am Freitag hatte, aber er wusste nicht, ob es auch für heute gültig war. Dieses ganze elektronische Zeug war Shadow nicht geheuer, und er rechnete jeden Moment damit, dass es sich in Luft auflösen würde. Ihm war es lieber, etwas Greifbares in der Hand zu halten.

Immerhin hatte er zum ersten Mal seit drei Jahren wieder seine Brieftasche in der Hand, die mehrere abgelaufene Kreditkarten enthielt, darunter zu seiner freudigen Überraschung auch eine Visa Card, die noch bis Ende Januar gültig war. Er hatte eine Reservierungsnummer. Und er war fest davon überzeugt, dass alles wieder gut sein würde, wenn er erst einmal zu Hause war. Laura wäre gesund und munter. Vielleicht war die ganze Sache nur ein Jux, damit er zwei Tage früher eintraf. Oder einfach eine Verwechslung: Die Leiche irgendeiner anderen Laura Moon war auf dem Highway aus einem Autowrack gezerrt worden.

Jenseits der riesigen Glasscheiben des Flughafengebäudes zuckte ein Blitz über den Himmel. Shadow wurde bewusst, dass er die Luft anhielt und auf etwas wartete. In der Ferne grollte Donner. Er atmete aus.

Eine Frau mit heller Haut stand hinter einem Schalter und schaute ihn müde an.

»Hallo«, sagte Shadow. Sie sind die erste fremde Frau, mit der ich seit drei Jahren leibhaftig spreche. »Ich habe die Nummer für ein E-Ticket. Eigentlich ist sie erst für Freitag gültig, aber ich muss heute schon fliegen. In meiner Familie gab es einen Todesfall.«

»Hm. Es tut mir leid, das zu hören.« Sie tippte etwas, starrte den Bildschirm an, tippte noch etwas. »Kein Problem. Ich habe Sie für den Flug um 15.30 Uhr eingetragen. Gut möglich, dass er sich wegen des Gewitters ein wenig verspätet, also behalten Sie die Anzeige im Auge. Möchten Sie irgendwelches Gepäck aufgeben?«

Er hielt seine Umhängetasche hoch. »Das muss ich doch nicht aufgeben, oder?«

»Nein«, sagte sie. »Das ist okay. Haben Sie einen Ausweis mit einem Bild?«

Shadow zeigte ihr seinen Führerschein. Dann versicherte er ihr, dass niemand ihm eine Bombe mitgegeben habe, und im Gegenzug gab sie ihm eine ausgedruckte Bordkarte. Schließlich stapfte er durch den Metalldetektor, und seine Tasche ruckelte durch das Röntgengerät.

Es war kein großer Flughafen, aber es erstaunte ihn doch, wie viele Leute hier herumliefen. Shadow beobachtete Menschen, die wie selbstverständlich ihre Koffer abstellten, schaute zu, wie Geldbörsen in Gesäßtaschen gestopft und Handtaschen unbeaufsichtigt unter Stühle geschoben wurden. Da wurde ihm bewusst, dass er sich nicht länger im Gefängnis befand.

Dreißig Minuten Wartezeit blieben ihm, bis er an Bord gehen konnte. Shadow besorgte sich ein Stück Pizza und verbrannte sich die Lippen an dem heißen Käse. Er nahm sein Kleingeld und ging zu den Telefonen hinüber. Wählte Robbies Nummer in der Muskelfarm, erreichte aber nur den Anrufbeantworter.

»Hey, Robbie«, sagte Shadow. »Ich hab gehört, dass Laura tot ist. Sie haben mich früher rausgelassen. Ich komm nach Hause.«

Und dann, weil Menschen Fehler machen, wie er selbst nur allzu oft erlebt hatte, rief er zu Hause an und lauschte Lauras Stimme.

»Hallo«, sagte sie, »ich bin nicht da, oder ich kann nicht ans Telefon kommen. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, und ich rufe zurück. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!«

Shadow konnte sich nicht dazu durchringen, eine Nachricht zu hinterlassen.

Er setzte sich auf einen Plastikstuhl neben dem Flugsteig und hielt seine Tasche so fest umklammert, dass ihm die Hand wehtat. Er dachte daran zurück, wie er Laura zum ersten Mal begegnet war. Damals hatte er nicht mal ihren Namen gekannt. Sie war einfach eine Freundin von Audrey Burton gewesen. Er hatte mit Robbie in einer Nische im Chi-Chi gesessen und über irgendwas gequatscht, wahrscheinlich darüber, dass einer der anderen Trainer gerade sein eigenes Tanzstudio eröffnen wolle, als Laura einen oder zwei Schritte hinter Audrey hereinkam. Shadow starrte sie, ohne es zu wollen, wie gebannt an. Sie hatte langes kastanienbraunes Haar und so blaue Augen, dass Shadow irrigerweise davon ausging, sie würde gefärbte Kontaktlinsen tragen. Sie bestellte einen Erdbeer-Daiquiri und wollte unbedingt, dass Shadow ihn probierte. Als er es tat, kicherte sie begeistert.

Laura liebte es, wenn Leute etwas probierten, das sie probierte.

Er hatte sie an jenem Abend zum Abschied geküsst, und sie hatte nach Erdbeer-Daiquiris geschmeckt, und er hatte nie wieder jemand anders küssen wollen.

Eine Frauenstimme gab bekannt, dass das Flugzeug jetzt bereitstehe, und Shadows Reihe war die erste, die aufgerufen wurde. Er saß ganz hinten, hatte neben sich einen leeren Platz. Der Regen prasselte in einem fort gegen den Flugzeugrumpf, und er stellte sich vor, dass kleine Kinder haufenweise getrocknete Erbsen vom Himmel warfen.

Als das Flugzeug abhob, schlief er ein.

Shadow befand sich an einem dunklen Ort, und das Ding, das ihn anstarrte, trug einen Büffelkopf auf den Schultern, hatte riesige feuchte Augen und stank entsetzlich. Es hatte den glatten, eingeölten Körper eines Menschen.

»Große Veränderungen stehen bevor«, sagte der Büffel, ohne die Lippen zu bewegen. »Entscheidungen müssen getroffen werden.«

Feuerschein flackerte über die feuchten Höhlenwände.

»Wo bin ich?«, fragte Shadow.

»In der Erde und unter der Erde«, sagte der Büffelmensch. »Du bist dort, wo die Vergessenen ausharren.«

Seine Augen waren glänzende schwarze Murmeln, und seine Stimme war ein Grollen von unterhalb der Welt. Er roch wie eine nasse Kuh.

»Glaube!«, sagte die grollende Stimme. »Wenn du überleben willst, musst du glauben.«

»Was denn?«, fragte Shadow. »Was soll ich glauben?« Der Büffelmensch starrte Shadow an und richtete sich, Feuer in den Augen, zu seiner ganzen Größe auf. Dabei öffnete er das mit Speichel gesprenkelte Büffelmaul, und darin loderten, tief unter der Erde, rote Flammen.

»Alles!«, brüllte der Büffelmensch.

Die Welt drehte sich und kippte weg, und Shadow befand sich wieder an Bord des Flugzeugs; das Kippeln hörte nicht auf. Ganz vorn schrie eine Frau, wenn auch halbherzig.

Um das Flugzeug zuckten blendend helle Blitze herab. Der Kapitän gab über die Bordsprechanlage bekannt, dass er versuchen würde, etwas an Höhe zu gewinnen, um das Gewitter unter sich zu lassen.

Das Flugzeug erbebte, und Shadow fragte sich so kaltblütig, als ginge ihn das alles gar nichts an, ob er sterben würde. Möglich ist es, überlegte er, aber nicht wahrscheinlich. Er starrte zum Fenster hinaus, wo Blitze den Horizont erleuchteten.

Dann döste er wieder ein wenig und träumte, er wäre noch im Gefängnis, und Low Key flüsterte, während sie in der Kantine anstanden, jemand hätte eine Prämie auf seinen Kopf ausgesetzt, aber Shadow würde nicht herausfinden, wer oder warum. Als er aufwachte, befanden sie sich bereits im Landeanflug.

Blinzelnd taumelte Shadow aus dem Flugzeug und kam erst langsam wieder zu Verstand.

Vor langer Zeit war er zu dem Schluss gekommen, dass alle Flughäfen fast gleich aussahen. Eigentlich spielte es keine Rolle, wo man war, denn man war in einem Flughafen: Fliesen und Laufgänge und Toiletten, Flugsteige und Kioske und Neonröhren.

Dieser Flughafen sah aus wie jeder andere Flughafen. Das Problem war nur – es war nicht Shadows Zielflughafen, sondern ein viel zu großer Flughafen mit viel zu vielen Leuten und viel zu vielen Flugsteigen.

Die Menschen hatten müde, glasige Augen, wie man sie nur auf Flughäfen und in Gefängnissen sieht. Wenn andere Menschen die Hölle sind, dachte Shadow, dann sind Flughäfen das Fegefeuer.

»Verzeihen Sie, Ma’am?«

Die Frau blickte von ihrem Klemmbrett zu ihm auf. »Ja?«

»Was für ein Flughafen ist das hier?«

Sie musterte ihn eingehend und schien sich zu fragen, ob er sich einen Scherz erlaube. Schließlich sagte sie: »St. Louis.«

»Ich dachte, diese Maschine fliegt nach Eagle Point.«

»Sollte sie auch. Aber sie wurde wegen des Gewitters umgeleitet. Wurde das nicht durchgesagt?«

»Wahrscheinlich schon. Ich bin eingeschlafen.«

»Sie müssen mit dem Mann dort drüben sprechen, dem mit dem roten Mantel.«

Der Mann war fast so groß wie Shadow und sah aus wie der Vater in einer Fernsehkomödie aus den Siebzigern. Er tippte etwas in seinen Computer und forderte Shadow auf, zu einem Flugsteig auf der anderen Seite des Terminals zu rennen – zu rennen!

Shadow rannte durch den Flughafen, doch als er den Flugsteig erreichte, waren die Türen bereits geschlossen. Durch die Glasscheibe schaute er zu, wie die Maschine zurücksetzte. Dann erklärte er sein Problem der Dame am Flugsteig (und zwar in aller Ruhe und betont höflich), und sie schickte ihn zum Serviceschalter, wo Shadow erläuterte, dass er sich nach langer Abwesenheit auf dem Weg nach Hause befinde, seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen und es deshalb von allergrößter Wichtigkeit sei, dass er möglichst bald dorthin gelangte. Das Gefängnis erwähnte er nicht.

Die Frau am Serviceschalter (klein und braun, mit einem Leberfleck auf der Nase) besprach sich mit einer anderen Frau, telefonierte (»Nein, der geht nicht. Der wurde gerade gestrichen.«) und druckte schließlich eine weitere Bordkarte aus.

»Damit kommen Sie an Ihr Ziel«, erklärte sie ihm. »Wir rufen am Flugsteig an und sagen Bescheid, dass Sie kommen.«

Shadow fühlte sich wie eine Erbse, die zwischen drei Bechern hin und her geschnippt wurde, oder wie eine Spielkarte in einem Stapel, den gerade jemand mischte. Erneut rannte er durch den Flughafen, bis er sich schließlich fast wieder dort befand, wo er vor einer ganzen Weile ausgestiegen war.

Am Flugsteig nahm ein kleiner Mann seine Bordkarte entgegen. »Wir haben auf Sie gewartet«, sagte er und riss den Abschnitt von der Bordkarte ab, auf der Shadows Platznummer stand: 17-D. Shadow eilte an Bord, und hinter ihm schlossen sich die Türen.

Er lief durch die erste Klasse; dort gab es nur vier Sitze, und drei davon waren belegt. Ein bärtiger Mann in einem hellen Anzug, der in der ersten Reihe neben dem leeren Platz saß, grinste Shadow an, hob den Arm und tippte auf sein Handgelenk.

Yeah, yeah. Ich bin schuld, dass du dich verspätest, dachte Shadow. Wenn das mal deine ärgsten Sorgen sind.

Während Shadow nach hinten eilte, hatte er den Eindruck, dass das Flugzeug voll belegt war. Und das war es bis auf den letzten Platz, wie er feststellte, denn auf 17-D saß eine Frau in mittleren Jahren. Shadow zeigte ihr seine Bordkarte, und sie zeigte ihm ihre: Sie waren identisch.

»Könnten Sie sich bitte setzen, Sir?«, bat ihn die Flugbegleiterin.

»Nein«, erwiderte er. »Ich fürchte, das kann ich nicht. Diese Dame sitzt auf meinem Platz.«

Sie schnalzte mit der Zunge und verglich die Bordkarten. Dann führte sie ihn wieder ganz nach vorn und deutete auf den freien Platz in der ersten Klasse. »Sieht so aus, als wäre heute Ihr Glückstag.«

Shadow setzte sich.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen?«, fragte sie ihn. »Wir haben noch etwas Zeit bis zum Start. Und Sie können jetzt bestimmt einen Schluck gebrauchen.«

»Ich hätte gerne ein Bier, bitte«, sagte Shadow. »Was Sie dahaben.«

Die Flugbegleiterin eilte davon.

Der Mann in dem hellen Anzug auf dem Platz neben Shadow streckte den Arm aus und tippte mit dem Fingernagel auf seine Armbanduhr. Es war eine schwarze Rolex.

»Sie sind spät dran«, sagte er mit einem breiten Grinsen, in dem nicht die geringste Wärme lag.

»Wie bitte?«

»Ich habe gesagt, Sie sind spät dran.«

Die Flugbegleiterin reichte Shadow ein Glas Bier. Er nippte daran. Einen Moment fragte er sich, ob der Mann verrückt war, doch dann entschied er, dass er das Flugzeug meinte, das auf den letzten Passagier hatte warten müssen.

Die Maschine setzte zurück. Die Flugbegleiterin kam vorbei und nahm das nur halb leere Bierglas wieder an sich.

Der Mann in dem hellen Anzug grinste und sagte: »Keine Angst, das lasse ich so schnell nicht los.« Daraufhin erlaubte sie ihm, sein Glas mit Jack Daniel’s zu behalten, wobei sie ihn halbherzig darauf hinwies, dass das gegen die Vorschriften der Fluggesellschaft verstoße. (»Das lassen Sie mal meine Sorge sein, Schätzchen.«)

»Die Zeit drängt, ganz ohne Frage«, sagte er schließlich zu Shadow. »Aber nein, ich habe es nicht eilig. Ich habe mir lediglich Sorgen gemacht, Sie könnten die Maschine nicht mehr erwischen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen.«

Das Flugzeug stand spürbar unruhig und mit pulsierenden Triebwerken an der Rollbahn – es wollte baldmöglichst starten.

»Von wegen freundlich«, sagte der Mann in dem hellen Anzug. »Ich habe einen Job für Sie, Shadow.«

Die Triebwerke heulten auf. Die kleine Maschine machte einen Satz nach vorn, und Shadow wurde in den Sitz gedrückt. Dann waren sie in der Luft, und die Lichter des Flughafens fielen hinter ihnen zurück. Shadow musterte den Mann neben sich.

Seine Haare waren rötlich grau; sein Bart, der lediglich aus Stoppeln bestand, gräulich rot. Er war kleiner als Shadow, aber er schien verdammt viel Platz einzunehmen. Ein kantiges, zerfurchtes Gesicht mit hellgrauen Augen. Sein Anzug wirkte teuer und hatte die Farbe geschmolzener Vanilleeiscreme. Seine Krawatte war aus dunkelgrauer Seide; die Krawattennadel hatte die Form eines Baums und war aus Silber gearbeitet: Stamm, Äste und lange Wurzeln.

Während sie starteten, hielt er sein Glas Jack Daniel’s fest und verschüttete keinen einzigen Tropfen.

»Wollen Sie mich nicht fragen, was für einen Job?«

»Woher wissen Sie, wer ich bin?«

Der Mann kicherte. »Ach, nichts ist leichter, als zu wissen, wie die Leute sich nennen. Ein bisschen Nachdenken, ein bisschen Glück, ein gutes Gedächtnis. Fragen Sie mich nach dem Job.«

»Nein«, sagte Shadow. Die Flugbegleiterin brachte ihm ein frisches Bier, und er trank einen Schluck.

»Warum nicht?«

»Ich bin unterwegs nach Hause. Dort wartet bereits ein Job auf mich. Einen anderen will ich nicht.«

Das zerfurchte Lächeln des Mannes veränderte sich nicht, aber jetzt wirkte er ehrlich belustigt.

»Auf Sie wartet zu Hause kein Job«, sagte er. »Dort wartet überhaupt nichts auf Sie. Ich dagegen biete Ihnen einen vollkommen legalen Job an – gutes Geld, eine gewisse Sicherheit, erstaunliche Nebenleistungen. Teufel auch, wenn Sie so lange leben, leg ich noch eine Altersvorsorge drauf. Vielleicht finden Sie ja daran Gefallen.«

Shadow sagte: »Möglicherweise haben Sie meinen Namen auf meiner Bordkarte gesehen. Oder auf meiner Tasche.«

Der Mann sagte nichts.

»Wer auch immer Sie sind«, fuhr Shadow fort, »Sie können unmöglich gewusst haben, dass ich an Bord dieses Flugzeugs sein würde. Ich wusste das ja selbst nicht, und wenn meine Maschine nicht nach St. Louis umgeleitet worden wäre, wäre ich jetzt gar nicht hier. Meine Vermutung ist, dass Sie anderen Leuten gerne Streiche spielen. Vielleicht wollen Sie mich ja irgendwie abzocken. Aber ich denke, es ist für uns beide besser, wenn wir dieses Gespräch jetzt beenden.«

Der Mann zuckte mit den Achseln.

Shadow griff nach dem Bordmagazin. Das kleine Flugzeug ruckte und tanzte, und es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Die Wörter schwebten durch seinen Kopf wie Seifenblasen – wenn er sie las, waren sie da, aber einen Moment später waren sie bereits gänzlich verschwunden.

Der Mann saß schweigend auf dem Sitz neben ihm und nippte an seinem Jack Daniel’s. Er hatte die Augen geschlossen.

Shadow las die Liste der Musikprogramme, die auf transatlantischen Flügen verfügbar waren, und dann betrachtete er eine Weltkarte mit roten Linien, die anzeigten, welche Strecken die Fluggesellschaft flog. Schließlich hatte er das Magazin ausgelesen, klappte es widerstrebend zu und schob es in die Tasche an der Wand.

Der Mann öffnete die Augen. Irgendetwas ist seltsam an seinen Augen, dachte Shadow. Eines davon war dunkelgrauer als das andere. Er sah Shadow an.

»Ach, übrigens«, sagte er, »es tat mir leid, das über Ihre Frau zu erfahren. Ein herber Verlust.«

Fast hätte Shadow ihm eine geknallt. Stattdessen atmete er tief durch. (»Glaub mir, mit den Schlampen auf den Flughäfen willst du dich nicht anlegen«, sagte Johnnie Larch in seinem Hinterkopf. »Sonst sitzt du wieder hinter Gittern, bevor du weißt, wie dir geschieht.«) Shadow zählte bis fünf.

»Mir auch«, sagte er.

Der Mann schüttelte den Kopf und seufzte. »Wirklich, eine Tragödie.«

»Sie ist bei einem Unfall ums Leben gekommen«, sagte Shadow. »Das geht schnell. Es hätte schlimmer kommen können.«

Der Mann schüttelte weiter bedächtig den Kopf. Für einen Moment hatte Shadow den Eindruck, sein Sitznachbar wäre gar nicht richtig da; als wäre das Flugzeug plötzlich realer geworden und sein Sitznachbar weniger real.

»Shadow«, sagte er, »das ist kein Spaß. Und auch kein Trick. Bei mir verdienen Sie mehr als bei irgendeinem anderen Job. Sie sind ein ehemaliger Häftling. Es gibt nicht eben viele Leute, die sich darum prügeln, Sie einzustellen.«

»Mister Wer-zum-Teufel-Sie-auch-sind«, sagte Shadow gerade laut genug, um über das Dröhnen der Triebwerke verständlich zu sein, »dafür reicht das ganze Geld der Welt nicht.«

Das Grinsen wurde breiter. Shadow musste an eine PBS-Sendung denken, die er als Teenager gesehen hatte. Darin war behauptet worden, dass Affen und Schimpansen nur die Zähne blecken, um Hass, Wut oder Angst auszudrücken. Wenn ein Schimpanse grinst, ist das eine Drohung. Dieses Grinsen war eindeutig ein solches.

»Klar reicht es dafür. Und Zulagen gibt es obendrein. Arbeiten Sie für mich, und ich werde Ihnen so manches verraten. Ein kleines Risiko mag natürlich dabei sein, aber wenn Sie überleben, können Sie alles haben, was Ihr Herz begehrt. Sie könnten der nächste König von Amerika sein. Und außerdem«, sagte der Mann, »wer sonst bezahlt Sie so gut? Hmm?«

»Wer sind Sie?«, fragte Shadow.

»Ach ja. Das Informationszeitalter – junge Dame, können Sie mir noch ein Glas Jack Daniel’s einschenken? Mit wenig Eis –; ein anderes Zeitalter hat es allerdings auch nie gegeben. Information und Wissen: Das sind die Währungen, die nie außer Mode gekommen sind.«

»Ich habe Sie gefragt, wer Sie sind.«

»Mal sehen. Nun, da heute ganz offensichtlich mein Tag ist – warum sagen Sie nicht Mittwoch zu mir? Oder besser: Mister Wednesday. Wenn man sich allerdings das Wetter anschaut, könnte es genauso gut Donnerstag sein, was?«

»Wie heißen Sie richtig?«

»Wenn Sie erst einmal lange genug für mich arbeiten und Ihre Sache gut machen«, sagte der Mann in dem hellen Anzug, »dann verrate ich Ihnen das vielleicht sogar. Also. Ein Jobangebot. Denken Sie darüber nach. Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie gleich Ja sagen, schließlich wissen Sie nicht einmal, ob Sie in ein Piranhabecken oder in eine Bärengrube springen. Lassen Sie sich Zeit.« Er schloss die Augen und lehnte sich in seinem Sitz zurück.

»Ich glaube, nicht«, sagte Shadow. »Ich mag Sie nicht. Ich möchte nicht mit Ihnen zusammenarbeiten.«

»Wie gesagt«, erwiderte der Mann, ohne die Augen zu öffnen, »Sie müssen nichts übereilen. Lassen Sie sich Zeit.«

Das Flugzeug setzte mit einem Holpern auf, und ein paar Passagiere stiegen aus. Shadow blickte aus dem Fenster: Sie befanden sich auf einem kleinen Flugplatz mitten im Nirgendwo, und sie mussten noch zwei weitere kleine Flugplätze hinter sich bringen, bevor sie Eagle Point erreichten. Shadow richtete den Blick auf den Mann in dem hellen Anzug – Mister Wednesday? Offenbar war er eingeschlafen.

Shadow stand auf, schnappte sich seine Tasche, verließ das Flugzeug, ging die Gangway hinunter und mit ruhigen Schritten über den nassen Asphalt auf die Lichter des Terminals zu. Ein leichter Regen spritzte ihm ins Gesicht.

Bevor er das Flughafengebäude betrat, blieb er stehen, drehte sich um und schaute zu der Maschine hinüber. Niemand war ihm gefolgt. Das Bodenpersonal schob die Gangway beiseite, die Tür wurde geschlossen, und die Maschine rollte Richtung Startbahn. Shadow sah ihr nach, bis sie abhob, dann ging er ins Gebäude und direkt zu einer günstigen Autovermietung – dem einzigen noch offenen Schalter –, und dort mietete er, wie sich herausstellte, als er den Parkplatz erreichte, einen kleinen roten Toyota.

Shadow faltete die Karte auseinander, die ihm gegeben worden war, und breitete sie auf dem Beifahrersitz aus. Bis Eagle Point waren es rund vierhundert Kilometer, der größte Teil der Strecke führte über die Schnellstraße. Shadow hatte seit drei Jahren keinen Wagen mehr gefahren.

Das Gewitter war verebbt, wenn es denn überhaupt bis hierher gekommen war. Die Luft war kalt und klar. Wolkenfetzen trieben vor dem Mond vorbei, und einen Moment war sich Shadow nicht sicher, ob die Wolken sich bewegten oder ob es der Mond selbst war.

Er fuhr anderthalb Stunden nach Norden.

Allmählich wurde es spät. Er bekam Hunger, und als ihm bewusst wurde, wie hungrig er wirklich war, fuhr er an der nächsten Ausfahrt raus und in das Städtchen Nottamun (EINW. 1301) hinein. Bei einer Amoco-Tankstelle füllte er seinen Tank auf und fragte die gelangweilte Frau an der Kasse, wo er die beste Bar der Gegend finden konnte – eine Bar, in der er etwas zu essen bekam.

»Jack’s Crocodile Bar«, antwortete sie. »Das ist Richtung Westen auf der County Road N.«

»Crocodile Bar?«

»Jau. Jack sagt, das würde dem Laden Charakter verleihen.« Sie zeichnete ihm eine Karte auf die Rückseite eines malvenfarbenen Flyers, der für ein Grillfest warb, das zugunsten eines kleinen Mädchens veranstaltet wurde, das eine neue Niere brauchte. »Er hat ein paar Krokodile, eine Schlange und eine von diesen großen Echsen.«

»Ein Iguana?«

»Genau.«

Er fuhr durch den Ort, über die Brücke und dann noch ein paar Kilometer, bis er vor einem niedrigen rechteckigen Gebäude anhielt. Über dem Eingang leuchtete ein Pabst-Schild, und daneben stand ein Cola-Automat.

Der Parkplatz war halb leer. Shadow schloss den roten Toyota ab und ging hinein.

Dicke Rauchwolken erfüllten die Luft, und in der Jukebox lief »Walkin’ after Midnight«. Shadow schaute sich nach den Krokodilen um, konnte jedoch keine entdecken. Er fragte sich, ob die Frau in der Tankstelle ihm vielleicht einen Bären aufgebunden hatte.

»Was soll’s sein?«, fragte der Barkeeper.

»Sind Sie Jack?«

»Jack hat heute frei. Ich bin Paul.«

»Hallo, Paul. Ein Bier und ein Hamburger mit allem Drum und Dran. Keine Pommes.«

»Einen Teller Chili vorneweg? Das beste im ganzen Bundesstaat.«

»Klingt gut«, sagte Shadow. »Wo ist die Toilette?«

Der Mann deutete auf eine Tür in einer Ecke. Auf ihr war ein ausgestopfter Alligatorkopf befestigt. Shadow ging hindurch.

Die Toilette war sauber und hell erleuchtet. Shadow schaute sich zuallererst überall um; Macht der Gewohnheit. (»Denk dran, Shadow, wenn du am Pissen bist, kannst du dich nicht wehren«, sagte Low Key so zurückhaltend wie eh und je in seinem Hinterkopf.) Er nahm das Pissoir ganz links. Dann öffnete er den Reißverschluss und pinkelte eine halbe Ewigkeit. Ganz langsam entspannte er sich. Dabei las er den vergilbten, gerahmten Zeitungsausschnitt, der in Augenhöhe an der Wand hing, mit einem Foto von Jack und zwei Alligatoren.

Am Pissoir direkt neben ihm brummte jemand eine höfliche Begrüßung – und das, obwohl er niemanden hatte hereinkommen hören.

Der Mann im hellen Anzug wirkte stehend größer als auf dem Sitz im Flugzeug. Er konnte es fast mit Shadow aufnehmen, und Shadow war ein ziemliches Kaliber. Der Mann sah stur geradeaus, pinkelte in aller Ruhe, schüttelte die letzten Tropfen ab und zog den Reißverschluss hoch.

Dann grinste er so selbstgefällig wie ein Fuchs, der gerade in ein Hühnerhaus schlüpfte.

»Na schön«, sagte Mr Wednesday. »Sie hatten Zeit nachzudenken, Shadow. Wollen Sie den Job?«

Irgendwo in Amerika

LOS ANGELES. 23.26 Uhr

In einem dunkelroten Zimmer – die Farbe der Wände kommt roher Leber sehr nahe – steht eine große schlanke Frau in geradezu lächerlich engen Seidenshorts, die Brüste von einer gelben Bluse, die unter ihnen verknotet ist, nach oben und nach vorn gedrückt. Ihr schwarzes Haar ist hoch aufgetürmt und zu einem Zopf geflochten. Neben ihr steht ein kleiner Mann, der ein olivgrünes T-Shirt und teure Bluejeans trägt. In der rechten Hand hält er eine Brieftasche und ein Nokia-Handy mit rot-weiß-blauem Display.

In dem roten Zimmer befindet sich ein Bett mit weißen Satinlaken und einer ochsenblutfarbenen Bettdecke. Am Fuß des Bettes steht ein kleiner Holztisch, darauf eine kleine Statue mit ungeheuren Hüften und daneben ein Kerzenständer.

Die Frau reicht dem Mann eine kleine rote Kerze.

»Hier«, sagt sie. »Zünde sie an.«

»Ich?«

»Ja«, erwidert sie, »wenn du mich willst.«

»Mir wär lieber, du hätt’st mir im Auto einfach einen geblasen.«

»Kann sein«, sagt sie. »Willst du mich denn nicht?« Ihre Hand fährt von ihrem Oberschenkel bis zur Brust, eine aufreizende Geste, als präsentierte sie ein neues Produkt.

In einer Ecke des Zimmers steht eine Lampe, die mit Seidentüchern abgedeckt ist und ein rotes Licht verbreitet.

Der Mann betrachtet die Frau lüstern. Schließlich nimmt er ihr die Kerze aus der Hand und steckt sie in den Kerzenhalter. »Hast du Feuer?«

Sie gibt ihm ein Streichholzbriefchen. Er reißt ein Streichholz ab, zündet den Docht an: Dieser flackert einen Moment und brennt dann mit ruhiger Flamme; die Statue, ganz Hüfte und Brüste, scheint sich zu bewegen.

»Fünfzig Mäuse.«

»Ja.«

»Als ich dich auf dem Sunset gesehen hab, da dachte ich erst, du bist ein Kerl.«

»Aber ich habe doch diese hier«, sagt sie, knotet ihre gelbe Bluse auf und reckt ihre Brüste vor.

»Das haben heutzutage auch viele Kerle.«

Ihr Lächeln wird breiter. »Los, komm, mach’s mir.«

Er knöpft seine Bluejeans auf und zieht sein olivgrünes T-Shirt aus. Sie massiert ihm mit ihren braunen Fingern die weißen Schultern; dann dreht sie ihn um und fängt an, ihn zu liebkosen, mit den Händen, mit den Fingern, mit der Zunge.

Er hat den Eindruck, dass die Beleuchtung in dem roten Zimmer schummriger geworden ist und das einzige Licht von der Kerze kommt, die mit heller Flamme brennt.

»Wie heißt du?«, fragt er sie.

»Bilquis«, antwortet sie und hebt den Kopf. »Mit einem q.«

»Einem was?«

»Vergiss es.«

Inzwischen atmet er schwer. »Ich will dich ficken«, sagt er. »Jetzt sofort.«

»Okay, Süßer«, sagt sie. »Gleich. Aber machst du auch etwas für mich, während wir es tun?«

»Hey«, sagt er, plötzlich gereizt, »wer bezahlt hier wen?«

Sie setzt sich in einer fließenden Bewegung rittlings auf ihn und flüstert: »Du natürlich, mein Süßer. Ich weiß, dass du mich bezahlst, aber wenn ich mir das so anschaue, müsste ich dich bezahlen. Was habe ich doch für ein Glück …«

Er schürzt die Lippen, um ihr zu zeigen, dass dieses Hurengeschwätz bei ihm nicht verfängt, er lässt sich nicht reinlegen; schließlich ist sie eine Straßennutte, verdammte Scheiße, und er ist fast schon so was wie ein Produzent, und er weiß, dass Freier oft im letzten Augenblick abgezockt werden. Aber sie verlangt nicht mehr Geld von ihm.

Stattdessen sagt sie: »Süßer, während du es mir besorgst, während du mir dein großes hartes Teil reinrammst, möchte ich, dass du mir huldigst.«

»Dass ich dir was

Sie schaukelt auf ihm vor und zurück; der angeschwollene Kopf seines Penis reibt sich an ihren nassen Schamlippen.

»Wirst du Göttin zu mir sagen? Wirst du mich anbeten? Wirst du mir mit deinem Körper huldigen?«

Er lächelt. Wenn das alles ist …

»Klar«, sagt er.

Schließlich haben wir alle unsere Macken, denkt er.

Sie greift sich zwischen die Beine und lässt ihn in sich hineingleiten.

»Ist das gut, meine Göttin?«, fragt er mit einem Keuchen.

»Bete mich an, mein Süßer«, erwidert die Hure Bilquis.

»Ja«, sagt er. »Ich bete deine Brüste an und deine Augen und deine Möse. Ich bete deine Schenkel an und deine Augen und deine kirschroten Lippen …«

»Ja …«, haucht sie und reitet auf ihm, wie ein sturmumtostes Schiff auf den Wellen reitet.

»Ich bete deine Brustwarzen an, aus denen die Milch des Lebens fließt. Dein Kuss ist Honig, und deine Berührung brennt wie Feuer, und ich bete dich an.« Seine Worte werden immer rhythmischer, folgen den Bewegungen ihres Körpers. »Bring mir deine Lust am Morgen, und bring mir Erleichterung und deinen Segen am Abend. Lass mich unversehrt durch dunkle Orte wandeln, lass mich wieder und wieder zu dir kommen und neben dir schlafen und dich lieben. Ich bete dich mit allem an, was in mir ist, mit allem, was ich gewesen bin, und mit meinen Träumen und mit …« Er verstummt und schnappt nach Luft. »Was machst du da? Das fühlt sich großartig an. Wirklich großartig …« Und er blickt auf seine Hüften hinab, wo sie beide miteinander verbunden sind, aber ihr Zeigefinger berührt sein Kinn und drückt seinen Kopf wieder nach oben, sodass er ihr ins Gesicht blickt und an die Decke.

»Red weiter, Süßer«, sagt sie. »Hör nicht auf. Fühlt sich das nicht wundervoll an?«

»Es fühlt sich besser an als alles, was ich je erlebt habe«, erwidert er, und er meint es ernst. »Deine Augen sind Sterne, die am, verdammt, am Firmament leuchten, und deine Lippen sind die sanften Wellen, die über den Sand lecken, und ich bete sie an.« Immer tiefer und tiefer stößt er in sie hinein; es fühlt sich an, als stünde sein ganzer Unterleib unter Strom: phallisch, angeschwollen, glückselig.

»Bring mir dein Geschenk«, murmelt er, ohne zu wissen, was er da sagt. »Dein einzig wahres Geschenk, damit ich für immer … für immer so … ich bete … ich …«

Und dann erreicht er den Gipfel, und sein Orgasmus sprengt ihm die Schädeldecke weg, sein Ich und sein ganzes Sein stürzen ins Nichts, während er tiefer und tiefer in sie hineinstößt, immer tiefer …

Mit geschlossenen Augen gibt er sich ganz dem Augenblick hin; und dann verspürt er einen Ruck und hat das Gefühl, mit dem Kopf nach unten zu hängen, obwohl die Lust nicht nachlässt.

Er öffnet die Augen.

Er muss, während er um einen klaren Gedanken ringt, an eine Geburt denken und fragt sich ohne jede Angst, in einem Augenblick völliger postkoitaler Klarheit, ob das, was er sieht, eine Illusion ist.

Was er sieht, ist Folgendes:

Er steckt bis zur Brust in ihr, und während er sie ebenso staunend wie ungläubig anstarrt, legt sie ihm die Hände auf die Schultern und übt einen sanften Druck auf seinen Körper aus.

Er gleitet weiter in sie hinein.

»Wie machst du das nur?«, fragt er oder glaubt es jedenfalls, aber vielleicht bildet er sich das nur ein.

»Du machst das, mein Süßer«, haucht sie. Er spürt, wie ihre Schamlippen sich über seiner Brust und seinem Rücken spannen, sich zusammenziehen und ihn verschlingen. Er fragt sich, wie das wohl für jemanden aussehen würde, der ihnen zuschaute. Er fragt sich, warum er keine Angst hat. Und dann weiß er es.

»Ich huldige dir mit meinem Körper«, flüstert er, während sie ihn in sich hineinschiebt. Ihre Schamlippen glitschen ihm übers Gesicht, und seine Augen gleiten in Finsternis.

Wie eine große Katze streckt Bilquis sich auf dem Bett aus und gähnt.

»Ja«, sagte sie. »Das ist wahr.«

Das Nokia-Handy klingelt, eine schrille elektronische Transposition der »Ode an die Freude«. Bilquis greift nach dem Handy, drückt auf eine Taste und hält es sich ans Ohr.

Ihr Bauch ist flach, ihre Schamlippen klein und geschlossen. Auf ihrer Stirn und auf ihrer Unterlippe glänzt ein Schweißfilm.

»Hallo?«, sagt sie. Und dann: »Nein, Schätzchen, er ist nicht hier. Er ist fortgegangen.«

Bevor sie sich in dem dunklen roten Zimmer auf das Bett zurückfallen lässt, schaltet sie das Telefon aus. Dann streckt sie sich noch einmal, schließt die Augen und schläft ein.

Zweites Kapitel

Sie fuhren sie zum Friedhof hin

In einem alten Cadillac.

Sie fuhren sie zum Friedhof hin

Und brachten sie nicht mehr zurück.

TRADITIONELLES LIED

»Ich habe mir die Freiheit genommen«, sagte Mr Wednesday, während er sich auf der Toilette von Jack’s Crocodile Bar die Hände wusch, »mir ebenfalls etwas zu essen zu bestellen und darum zu bitten, dass es an Ihren Tisch gebracht wird. Schließlich haben wir eine Menge zu besprechen.«

»Da bin ich anderer Meinung.« Shadow trocknete sich an einem Papierhandtuch die Hände ab, zerknüllte es und warf es in den Abfall.

»Sie brauchen einen Job«, sagte Wednesday. »Die Leute stellen keine ehemaligen Knackis ein. Die sind ihnen einfach nicht geheuer.«

»Auf mich wartet bereits ein Job. Ein guter Job.«

»Meinen Sie damit den Job in der Muskelfarm?«

»Vielleicht«, sagte Shadow.

»Da irren Sie sich. Robbie Burton ist tot. Und ohne ihn ist auch die Muskelfarm am Ende.«

»Sie sind ein Lügner.«

»Natürlich. Und ein guter dazu! Der beste, dem Sie je begegnen werden. Aber ich fürchte, in diesem Fall lüge ich nicht.« Er griff in die Tasche, holte eine zusammengelegte Zeitung hervor und reichte sie Shadow.

»Seite sieben«, sagte er. »Kommen Sie doch wieder in die Bar. Das können Sie genauso gut am Tisch lesen.«

Shadow stieß die Tür auf und ging in das Lokal zurück. Die Luft war ganz blau vom Rauch, und die Dixie Cups sangen in der Jukebox »Iko Iko«. Shadow lächelte kaum merklich, als er das alte Kinderlied erkannte.

Der Barkeeper deutete auf einen Tisch in der Ecke. Darauf standen ein Teller Chili und ein Burger und auf der anderen Seite ein blutiges Steak und ein Teller mit Pommes.

Look at my King all dressed in Red,

Iko Iko all day,

I bet you five dollars he’ll kill you dead,

Jockamo-feena-nay.

Shadow setzte sich an den Tisch und legte die Zeitung beiseite. »Ich bin heute Morgen aus dem Gefängnis entlassen worden«, sagte er. »Dies ist meine erste Mahlzeit als freier Mann. Sie haben doch bestimmt nichts dagegen, wenn ich Ihre Seite sieben erst lese, nachdem ich gegessen habe, oder?«

»Aber ganz bestimmt nicht.«

Shadow aß seinen Hamburger. Er war besser als die Hamburger im Gefängnis. Das Chili war auch nicht übel, allerdings, wie er nach einigen Löffeln feststellte, nicht das beste im ganzen Bundesstaat.

Laura kochte wundervolles Chili. Dafür nahm sie mageres Fleisch, dunkle Kidneybohnen, klein geschnittene Karotten, eine Flasche dunkles Bier und frische Chilischoten. Erst ließ sie das Chili eine Weile kochen, dann fügte sie einen Schuss Rotwein hinzu, Zitronensaft und eine Prise frischen Dill und schließlich, zum Abschmecken, Chilipulver. Mehr als einmal hatte Shadow versucht, sie dazu zu bringen, ihm zu zeigen, wie sie es machte: Er passte ganz genau auf, wie sie die Zwiebeln schnitt und in den Topf mit dem Olivenöl gab. Er hatte sogar die Reihenfolge aufgeschrieben, in der Zutat auf Zutat folgte, und an einem Wochenende, als sie nicht in der Stadt gewesen war, hatte er es selbst zubereitet. Es hatte okay geschmeckt – essbar war es auf jeden Fall gewesen, und er hatte es auch gegessen, aber es war nicht Lauras Chili gewesen.

Die Meldung auf Seite sieben war der erste Bericht über den Tod seiner Frau, den Shadow zu Gesicht bekam. Es erschien ihm sonderbar, als würde er irgendeine Geschichte lesen: wie Laura Moon, deren Alter in dem Text mit siebenundzwanzig angegeben war, und Robbie Burton, neununddreißig, in Robbies Wagen auf der Interstate plötzlich auf die Gegenfahrbahn geraten waren, direkt vor einen Sattelzug, der sie streifte, als er versuchte, auf die andere Fahrspur auszuweichen. Robbies Wagen hatte sich um die eigene Achse gedreht und war dann gegen ein Straßenschild gekracht.

Innerhalb von Minuten waren Rettungsfahrzeuge vor Ort gewesen, und Robbie und Laura wurden aus dem Wrack geborgen. Bis sie im Krankenhaus eintrafen, waren beide tot.

Shadow faltete die Zeitung wieder zusammen und schob sie über den Tisch zu Mr Wednesday, der ein Steak in sich hineinfraß, das so blau und blutig war, als hätte es einen Herd nie auch nur von Weitem gesehen.

»Hier. Das gehört Ihnen«, sagte Shadow.

Robbie war gefahren. Offenbar war er betrunken gewesen, auch wenn der Zeitungsbericht davon nichts sagte. Shadow stellte sich Lauras Miene vor, als ihr klar wurde, dass Robbie zu betrunken war, um am Steuer zu sitzen. Vor Shadows geistigem Auge entfaltete sich das Geschehen, und er konnte nichts dagegen tun: Laura schrie Robbie an, dann schrammte der Wagen den Truck, das Lenkrad geriet außer Kontrolle …

… das Auto lag auf der Seite, Glassplitter funkelten wie Eis und Diamanten im Scheinwerferlicht, auf der Straße bildeten sich rubinrote Blutlachen. Zwei Menschen, bereits oder bald tot, die von dem Wrack weggetragen oder am Straßenrand fein säuberlich nebeneinandergelegt wurden.

»Nun?«, fragte Mr Wednesday. Von seinem Steak war nichts mehr übrig – er hatte es verschlungen, als wäre er am Verhungern gewesen. Jetzt mampfte er die Pommes, wobei er jedes einzelne Stäbchen mit der Gabel aufspießte.

»Sie haben recht«, sagte Shadow. »Ich habe keinen Job.«

Shadow holte einen Vierteldollar aus der Tasche. Die Zahl lag oben. Er schnippte die Münze so in die Luft, dass sie leicht ins Flattern geriet und es so aussah, als würde sie sich umdrehen, fing sie auf und klatschte sie sich auf den Handrücken.

»Kopf oder Zahl?«, fragte er.

»Warum?«, wollte Wednesday wissen.

»Ich möchte nicht für irgendjemanden arbeiten, der noch größeres Pech hat als ich. Kopf oder Zahl?«

»Kopf«, sagte Mr Wednesday.

»Tut mir leid«, sagte Shadow und enthüllte die Münze, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, einen Blick darauf zu werfen. »Es ist Zahl. Ich hab geschummelt.«

»Spiele, bei denen geschummelt wird, lassen sich am leichtesten gewinnen.« Wednesday drohte Shadow mit einem klobigen Finger. »Schauen Sie selbst.«

Shadow sah nach der Münze. Kopf lag oben.

»Da hab ich wohl den Wurf vermasselt«, sagte er verwirrt.

»Sie erweisen sich einen Bärendienst«, sagte Wednesday und grinste. »Ich hab einfach verdammt viel Glück.« Dann blickte er auf. »Ich fass es nicht. Mad Sweeney! Setzt du dich auf einen Drink zu uns?«

»Southern Comfort mit Coke, ohne Eis«, sagte eine Stimme hinter Shadow.

»Ich red mal ein Wörtchen mit dem Barkeeper.« Wednesday stand auf und schlenderte zur Bar hinüber.

»Wollen Sie mich nicht fragen, was ich trinke?«, rief ihm Shadow nach.

»Ich weiß bereits, was Sie trinken«, erwiderte Wednesday, und dann stand er vor der Bar. Die Jukebox war inzwischen wieder bei »Walkin’ after Midnight« von Patsy Cline angekommen.

Der Mann, der Southern Comfort mit Coke bestellt hatte, setzte sich neben Shadow. Er hatte einen kurzen fuchsroten Bart, trug eine Jeansjacke, die mit bunten Aufnähern übersät war, und unter der Jacke ein weißes fleckiges T-Shirt. Auf dem T-Shirt stand:

Wenn du es nicht essen, trinken, rauchen oder schnupfen kannst …

dann fick es!

Er trug eine Baseballmütze, auf der gedruckt stand:

Die einzige Frau,

die ich je geliebt habe,

war mit einem anderen verheiratet …

Meine Mutter!

Mit einem schmutzigen Fingernagel öffnete er ein Softpack Lucky Strikes, nahm eine Zigarette heraus und bot Shadow eine an. Shadow wollte reflexartig eine nehmen – er rauchte nicht, aber Zigaretten konnte man gut eintauschen –, als ihm bewusst wurde, dass er nicht mehr im Knast saß. Hier konnte man Zigaretten kaufen, wann immer man wollte. Er schüttelte den Kopf.

»Du arbeitest also für den Boss?«, fragte der bärtige Mann. Er war nicht mehr nüchtern, aber auch noch nicht betrunken.

»Sieht fast so aus«, sagte Shadow.

Der bärtige Mann zündete seine Zigarette an. »Ich bin ein grüner Kobold.«

»Tatsächlich?« Shadow lächelte nicht. »Sollten Sie dann nicht Guinness trinken?«

»Das ist ein Klischee. Du musst lernen, über den Tellerrand hinauszuschauen«, sagte der bärtige Mann. »An Irland ist weit mehr dran als nur Guinness.«

»Sie haben aber keinen irischen Akzent.«

»Ich bin eben schon verflucht lange hier.«

»Also kommen Sie ursprünglich aus Irland?«

»Sag ich doch. Ich bin ein Kobold. Da komm ich wohl kaum aus Moskau, verdammte Scheiße.«

»Wahrscheinlich nicht.«

Wednesday kam an den Tisch zurück, drei Drinks in seinen riesigen Händen. »Southern Comfort mit Coke für dich, Mad Sweeney, mein Freund, und ein Jack Daniel’s für mich. Und das ist für Sie, Shadow.«

»Was ist es denn?«

»Probieren Sie’s.«

Das Getränk hatte eine dunkelgelbe Farbe. Shadow trank einen Schluck. Es schmeckte sonderbar – gleichzeitig sauer und süß. Der Alkohol machte sich erst im Nachhinein bemerkbar, gefolgt von einer merkwürdigen Geschmacksvielfalt. Es erinnerte Shadow an den Gefängnisfusel, der in Mülltüten aus fauligem Obst und Brot und Zucker und Wasser gebraut wurde, aber es war geschmeidiger, süßer. So etwas hatte er noch nie getrunken.

»Okay«, sagte Shadow. »Ich hab’s probiert. Was ist es?«

»Met«, sagte Wednesday. »Honigwein. Das Getränk der Helden. Das Getränk der Götter.«

Shadow trank noch einen zaghaften Schluck. Ja, er konnte den Honig schmecken. Unter allem anderen.

»Schmeckt irgendwie nach Essigbrühe«, sagte er. »Nach süßem Essigwein.«

»Schmeckt wie die Pisse eines betrunkenen Diabetikers«, pflichtete Wednesday ihm bei. »Mir ist das Zeug zuwider.«

»Warum haben Sie es mir dann vorgesetzt?«, fragte Shadow in ruhigem Tonfall.

Wednesday glotzte Shadow an. Wieder fiel Shadow auf, wie verschieden seine Augen waren. Eines davon war wahrscheinlich ein Glasauge, aber welches?

»Ich habe Ihnen Met vorgesetzt, weil das so Tradition ist. Und im Augenblick brauchen wir so viel Tradition, wie wir kriegen können. Damit ist unsere Übereinkunft besiegelt.«

»Wir haben keine Übereinkunft getroffen.«

»Klar haben wir das. Sie arbeiten für mich. Sie beschützen mich. Sie helfen mir. Sie transportieren mich von einem Ort zum anderen. Von Zeit zu Zeit stellen Sie Ermittlungen an – Sie reisen herum und holen in meinem Auftrag Erkundigungen ein. Sie machen Besorgungen. Im Notfall, aber nur im Notfall, tun Sie Leuten weh, die das verdient haben. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich sterben sollte, werden Sie für mich eine Totenwache abhalten. Und im Gegenzug werde ich dafür Sorge tragen, dass Ihre Bedürfnisse angemessen befriedigt werden.«

»Er zieht Sie über den Tisch.« Mad Sweeney rieb sich den fuchsroten Bart. »Alter Betrüger, der er ist.«

»Klar bin ich das«, sagte Wednesday. »Deshalb brauche ich ja auch jemanden, der auf mich aufpasst.«

Das Stück, das gerade in der Jukebox lief, ging zu Ende, und für einen Moment herrschte Stille in der Bar; sämtliche Gespräche waren ins Stocken geraten.

»Mir hat mal jemand erzählt, dass diese Augenblicke, in denen alle gleichzeitig den Mund halten, immer nur zwanzig Minuten vor oder nach einer vollen Stunde eintreten«, sagte Shadow.

Sweeney deutete auf die Uhr über der Bar, die von dem gewaltigen, gleichgültigen Rachen eines ausgestopften Alligators gehalten wurde. Es war 23.20 Uhr.

»Da haben Sie’s«, sagte Shadow. »Ich will verflucht sein, wenn ich weiß, warum das so ist.«

»Ich weiß es«, sagte Wednesday.

»Und, werden Sie uns an Ihrem Wissen teilhaben lassen?«

»Eines Tages vielleicht, ja. Oder auch nicht. Trinken Sie Ihren Met.«

Shadow kippte den Inhalt seines Glases hinunter. »Auf Eis schmeckt es möglicherweise besser«, sagte er.

»Oder auch nicht«, sagte Wednesday. »Grässliches Zeug!«

»Wohl wahr«, stimmte Mad Sweeney zu. »Sie entschuldigen mich für einen Moment, meine Herren, aber ich empfinde das dringende Bedürfnis, lange und ausgiebig zu pissen.« Er stand auf und ging davon, ein unglaublich großer Mann. Mindestens zwei Meter zehn, überlegte Shadow.

Eine Kellnerin wischte mit einem Lappen über den Tisch und nahm die leeren Teller an sich. Sie leerte Sweeneys Aschenbecher und fragte, ob sie noch etwas zu trinken bestellen wollten. Wednesday sagte ihr, sie solle noch einmal das Gleiche für alle bringen, den Met für Shadow allerdings auf Eis.

»Jedenfalls«, sagte Wednesday, »das alles erwarte ich von Ihnen, wenn Sie für mich arbeiten. Was Sie natürlich tun.«

»Das alles wollen Sie«, sagte Shadow. »Möchten Sie wissen, was ich will?«

»Nichts könnte mich glücklicher machen.«

Die Kellnerin brachte die Getränke. Shadow schlürfte seinen Met auf Eis. Das Eis half nichts – wenn überhaupt, dann war das Gebräu noch bitterer, und der Nachgeschmack blieb im Mund zurück, lange nachdem er den Met hinuntergeschluckt hatte. Immerhin, tröstete sich Shadow, besonders stark nach Alkohol schmeckt es nicht. Er wollte sich nicht betrinken. Noch nicht.

Er atmete tief durch.

»Okay«, sagte Shadow. »Mein Leben, das die letzten drei Jahre nicht unbedingt großartig verlaufen ist, hat gerade eine Wende zum Schlechteren genommen. Jetzt gibt es ein paar Dinge, die ich tun muss. Ich möchte auf Lauras Beerdigung gehen. Ich möchte mich verabschieden. Wenn Sie mich danach noch haben wollen, möchte ich mit fünfhundert Dollar die Woche anfangen.« Der Betrag war ein Schuss ins Blaue, eine Zahl, die er sich ausgedacht hatte. Wednesdays Augen verrieten nichts. »Wenn wir gut zusammenarbeiten und beide zufrieden sind, erhöhen Sie meinen Lohn nach sechs Monaten auf tausend Dollar.«

Er hielt inne. Eine so lange Rede hatte er seit Jahren nicht mehr gehalten. »Sie haben mir erklärt, dass ich möglicherweise irgendwelchen Leuten wehtun muss. Nun, wenn jemand versucht, Ihnen wehzutun, macht mir das nichts aus. Aber zum Vergnügen mach ich das nicht, und auch nicht, um Kohle zu kriegen. Ich gehe nicht noch mal in den Knast. Einmal hat gereicht.«

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Wednesday.

»Nein«, sagte Shadow. »Das wird es nicht.«

Er trank den Met aus. Irgendwo in einem Winkel seines Verstandes tauchte die Frage auf, ob der Met dafür verantwortlich war, dass er so viel redete. Aber die Worte strömten aus ihm heraus wie Wasser aus einem kaputten Hydranten im Sommer, und er hätte sie nicht aufhalten können, selbst wenn er es versucht hätte.

»Ich mag Sie nicht, Mr Wednesday oder wie auch immer Sie wirklich heißen. Wir sind keine Freunde. Ich weiß nicht, wie Sie aus dem Flugzeug gestiegen sind, ohne dass ich es gesehen habe, oder wie Sie mir hierher gefolgt sind. Aber ich bin beeindruckt. Sie haben Stil. Und ich weiß gerade nicht weiter. Aber Sie sollten wissen, dass ich abhaue, sobald wir miteinander fertig sind. Und wenn Sie mir auf den Sack gehen, verschwinde ich ebenfalls. Bis dahin werde ich für Sie arbeiten.«

Wednesday grinste. Sein Lächeln ist mehr als merkwürdig, dachte Shadow bei sich. Es strahlte nicht einen Hauch von Humor aus, keine Fröhlichkeit oder Zufriedenheit. Wednesday sah aus, als hätte er in einem Lehrbuch nachgeschlagen, wie man lächelte.

»Sehr gut«, sagte er. »Dann sind wir uns einig.«

»Meinetwegen«, sagte Shadow.

An der gegenüberliegenden Wand fütterte Mad Sweeney die Jukebox mit Münzen. Wednesday spuckte in seine Hand und streckte sie aus. Shadow zuckte mit den Achseln und tat es ihm nach. Sie schlugen ein. Wednesday drückte fest zu. Shadow drückte dagegen. Nach ein paar Sekunden schmerzte seine Hand. Wednesday hielt sie noch eine halbe Minute umklammert und ließ dann los.

»Gut«, sagte er. »Gut. Sehr gut.« Er lächelte, nur ganz kurz, und Shadow fragte sich, ob in diesem kurzen Lächeln echter Humor gelegen hatte, echte Freude. »Also, noch ein letztes Glas von diesem grässlichen Met, um unsere Übereinkunft zu besiegeln, und dann haben wir’s geschafft.«

»Für mich einen Southern Comfort mit Coke«, sagte Sweeney, der herübergetorkelt kam.

Die Jukebox begann »Who Loves the Sun?« von Velvet Underground zu spielen – ein seltsames Stück, das Shadow in keinem Musikautomaten erwartet hätte. Wirklich äußerst merkwürdig! Andererseits war der ganze Abend äußerst merkwürdig verlaufen.

Shadow nahm den Vierteldollar, den er vorhin geworfen hatte, vom Tisch. Er genoss das Gefühl, eine frisch gerändelte Münze auf der Haut zu spüren, und ließ sie zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen seiner rechten Hand hindurchtanzen. Dabei tat er so, als würde er mit der linken Hand danach greifen, während er sie in Wirklichkeit an seinem Handteller nach unten gleiten ließ. Er schloss die linke Hand um den imaginären Vierteldollar. Dann nahm er einen zweiten Vierteldollar zwischen Finger und Daumen der rechten Hand, und während er den Eindruck erweckte, als würde er die Münze in die linke Hand fallen lassen, ließ er den Vierteldollar, den er hatte verschwinden lassen, wieder nach oben rutschen, sodass er gegen die andere Münze stieß. Das Klirren bestätigte die Illusion, dass er beide Münzen in der linken Hand hielt, während er sie in Wirklichkeit sicher in der rechten Hand hatte.

»Ah, sind wir bei Münztricks angekommen?« Sweeney hob das Kinn, wobei sein ungepflegter Bart sich sträubte. »Na, dann pass jetzt mal ganz genau auf.«

Er griff nach dem Glas, aus dem Shadow Met getrunken hatte, und kippte die Eiswürfel in den Aschenbecher. Dann streckte er die Hand aus, pflückte eine große glänzende Goldmünze aus der Luft und ließ sie in das Glas fallen. Er pflückte eine zweite Goldmünze aus der Luft und warf sie ins Glas, wo sie klirrend gegen die andere stieß. Er zauberte eine Münze aus der Flamme einer Kerze, die an der Wand hing, eine weitere aus seinem Bart, noch eine aus Shadows leerer linker Hand und ließ sie eine nach der anderen in das Glas fallen. Dann schloss er die Finger um das Glas, blies dagegen, und noch mehr Goldmünzen fielen klimpernd hinein. Schließlich kippte er sämtliche klebrigen Münzen in seine Jackentasche und klopfte dagegen, um zu zeigen, dass sie ganz eindeutig leer war.

»Das«, sagte er, »nenne ich einen Münztrick.«

Shadow, der während der ganzen Stegreifdarbietung aufmerksam zugeschaut hatte, legte den Kopf schief. »Darüber müssen wir mal reden«, sagte er. »Ich muss unbedingt wissen, wie Sie das gemacht haben.«

»Ich habe es«, sagte Sweeney mit der Miene eines Mannes, der ein großes Geheimnis verriet, »mit Verve und Eleganz gemacht. Genau so und nicht anders.« Er lachte leise und schaukelte auf seinen Absätzen vor und zurück, wobei er mehrere Zahnlücken entblößte.

»Das haben Sie ganz ohne Frage«, sagte Shadow. »Sie müssen mir das beibringen. In jeder Anleitung über den ›Traum des Geizhalses‹, die ich bisher gelesen habe, versteckt man die Münzen in der Hand, die das Glas hält, und lässt sie hineinfallen, während man die Münze in der rechten Hand hervorzaubert und wieder verschwinden lässt.«

»Klingt mir nach verdammt viel Arbeit«, sagte Mad Sweeney. »Da ist es leichter, sie einfach aus der Luft zu pflücken.« Er nahm seinen halb leeren Southern Comfort mit Coke, betrachtete ihn und stellte ihn dann wieder auf den Tisch.

Wednesday starrte sie beide an, als hätte er gerade zwei neue, bisher unbekannte Lebensformen entdeckt. Dann sagte er: »Met für Sie, Shadow. Ich halte mich an Mister Jack Daniel’s, und was unseren schmarotzenden Iren betrifft …?«

»Irgendein Flaschenbier, möglichst etwas Dunkles«, sagte Sweeney. »Ein Schmarotzer bin ich also?« Er griff nach seinem Drink und prostete Wednesday damit zu. »Möge der Sturm über uns hinweggehen und uns gesund und munter zurücklassen«, sagte er und leerte sein Glas.

»Ein schöner Trinkspruch«, sagte Wednesday. »Aber das wird er nicht.«

Ein weiteres Glas Met wurde vor Shadow hingestellt.

»Muss ich das trinken?«, fragte er wenig begeistert.

»Ja, ich fürchte, das müssen Sie. Damit wird unsere Übereinkunft besiegelt. Aller guten Dinge sind drei, hab ich recht?«

»Mist.« Shadow kippte den Met in zwei großen Schlucken hinunter. Der Geschmack von süßem Essig war überwältigend.

»Sehr gut«, sagte Mr Wednesday. »Jetzt gehören Sie mir.«

»Also«, sagte Sweeney, »du willst wissen, wie das gemacht wird?«

»Ja«, sagte Shadow. »Haben Sie sich die Münzen vorher in den Ärmel gesteckt?«

»Nein, da waren sie nie«, antwortete Sweeney. Er kicherte in sich hinein, wobei er auf und ab hüpfte, als wäre er ein schlaksiger, bärtiger, betrunkener Vulkan, der vor Freude über seine eigene Genialität gleich ausbrechen würde. »Das ist der einfachste Trick der Welt. Kämpfen wir darum!«

Shadow schüttelte den Kopf. »Ohne mich.«

»Na, das ist ja vielleicht ein tolles Ding«, sagte Sweeney zu allen Anwesenden im Lokal. »Der alte Wednesday stellt einen Leibwächter ein, und der Kerl hat zu viel Schiss, um auch nur die Fäuste zu schwingen.«

»Ich kämpfe nicht mit Ihnen«, pflichtete Shadow ihm bei.

Sweeney schaukelte schwitzend hin und her. Friemelte am Schirm seiner Baseballmütze herum. Dann pflückte er eine seiner Münzen aus der Luft und legte sie auf den Tisch.

»Echtes Gold, falls du dich gefragt hast«, sagte Sweeney. »Ob du gewinnst oder verlierst – und du verlierst auf jeden Fall, wenn du gegen mich antrittst –, gehört sie dir. Wer hätte gedacht, dass ein so großer Kerl wie du ein verdammter Feigling ist?«

»Er hat bereits gesagt, dass er nicht kämpfen möchte«, sagte Wednesday. »Verschwinde, Mad Sweeney. Nimm dein Bier und lass uns in Frieden.«

Sweeney trat einen Schritt auf Wednesday zu. »Mich schimpfst du einen Schmarotzer, du todgeweihte alte Kreatur? Du kaltblütige, herzlose Vogelscheuche.« Sein Gesicht wurde vor Wut tiefrot.

Wednesday hob die Hände, eine eindeutig friedfertige Geste. »Mach keine Dummheiten, Sweeney. Pass auf, was du sagst.«

Sweeney starrte ihn wütend an. Dann blaffte er mit der Ernsthaftigkeit eines Betrunkenen: »Du hast einen Feigling angeheuert. Was meinst du – was macht er wohl, wenn ich dir wehtue?«

Wednesday wandte sich zu Shadow um. »Mir reicht es jetzt«, sagte er. »Kümmern Sie sich darum.«

Shadow stand auf und blickte zu Mad Sweeney hoch. Wie groß ist der Kerl eigentlich?

»Sie gehen uns auf die Nerven«, sagte er. »Sie sind betrunken. Sie verschwinden jetzt besser.«

Auf Sweeneys Gesicht machte sich ganz langsam ein Lächeln breit. »Na also«, sagte er. »Der kleine Kläffer ist endlich bereit zu kämpfen. Hört mal alle her!«, rief er in die Runde. »Hier könnt ihr noch was lernen. Passt gut auf!« Er holte weit aus, und eine riesige Faust raste auf Shadows Gesicht zu. Shadow zuckte zurück, doch Sweeneys Hand erwischte ihn unter dem rechten Auge. Er sah Sterne, fühlte den Schmerz.

Und damit begann der Kampf.

Sweeney prügelte ohne Stil, ohne Wissenschaft, mit nichts als seinem Enthusiasmus für den Kampf selbst: weit ausholende, kraftvolle Rundschläge, die genauso oft danebengingen, wie sie trafen.

Shadow kämpfte defensiv, vorsichtig, blockierte Sweeneys Schläge oder wich ihnen aus. Ihm entging nicht, dass sie ein Publikum hatten. Tische wurden unter protestierendem Ächzen beiseitegeschoben, um Platz zu machen. Shadow war sich die ganze Zeit über bewusst, dass Wednesday ihn mit einem humorlosen Grinsen beobachtete. Er wurde auf die Probe gestellt, das war offensichtlich, aber aus welchem Grund? Im Gefängnis hatte Shadow gelernt, dass es zwei Arten von Kämpfen gab: Kämpfe, um den eigenen Status zu verteidigen, bei denen man sich möglichst viel Zeit ließ und die Zuschauer zu beeindrucken suchte; und Kämpfe unter vier Augen, richtige Kämpfe, die schnell und hart und mit allen Mitteln geführt wurden und innerhalb von Sekunden vorbei waren.

»Hey, Sweeney«, sagte Shadow und rang nach Luft, »warum kämpfen wir eigentlich?«

»Weil’s Spaß macht«, antwortete Sweeney, der inzwischen wieder nüchtern war oder jedenfalls nicht mehr merklich betrunken. »Heilige Scheiße, weil’s verdammt noch mal Spaß macht! Spürst du nicht, dass dir das Hochgefühl durch die Adern schießt wie der Saft im Frühling?« Seine Lippen bluteten. Shadows Knöchel ebenfalls.

»Wie haben Sie die Nummer mit den Münzen hingekriegt?«, fragte Shadow. Er federte nach hinten und drehte sich seitlich weg, sodass ein Schlag ihn an der Schulter anstatt im Gesicht traf.

»Um ehrlich zu sein«, knurrte Sweeney, »hab ich dir das gleich beim ersten Mal verraten. Aber niemand ist so blind – autsch! Nicht übel! – wie die, die nicht zuhören.«

Shadow trieb Sweeney mit mehreren Geraden rückwärts gegen einen Tisch; leere Gläser und Aschenbecher krachten zu Boden. In dem Moment hätte Shadow ihn erledigen können. Sein Gegner war wehrlos, konnte rein gar nichts mehr tun, wie er da halb auf dem Rücken lag.

Shadow blickte zu Wednesday hinüber, der nickte.

Daraufhin wandte er sich wieder Mad Sweeney zu. »Sind wir fertig?«

Mad Sweeney zögerte, nickte dann. Shadow ließ von ihm ab und trat mehrere Schritte zurück. Sweeney richtete sich keuchend auf.

»Am Arsch!«, brüllte er. »Es ist erst vorbei, wenn ich das sage!« Er grinste und stürzte sich wild um sich schlagend auf Shadow. Dabei trat er auf einen Eiswürfel, und sein Grinsen wich bloßer Bestürzung, als seine Füße unter ihm wegrutschten und er hintenüberkippte. Sein Hinterkopf schlug mit einem dumpfen Knall auf dem Boden auf.

Shadow setzte Mad Sweeney das Knie auf die Brust. »Zum zweiten Mal: Sind wir fertig miteinander?«

»Sieht fast so aus«, sagte Sweeney und hob den Kopf. »Mir ist der Spaß vergangen.« Und damit spuckte er einen Blutklumpen aus, schloss die Augen und fing laut und durchdringend an zu schnarchen.

Jemand klopfte Shadow auf den Rücken. Wednesday drückte ihm eine Flasche Bier in die Hand.

Es schmeckte besser als der Met.

Als Shadow aufwachte, lag er ausgestreckt auf der Rückbank einer Limousine. Die Morgensonne schien ihm ins Gesicht, und ihm brummte der Schädel. Unbeholfen richtete er sich auf und rieb sich die Augen.

Wednesday saß am Steuer und summte unmelodisch vor sich hin. Im Getränkehalter stand ein Pappbecher mit Kaffee. Wenn Shadow sich nicht täuschte, befanden sie sich auf einer Fernstraße, den Tempomat auf einhundert Stundenkilometer gestellt. Der Beifahrersitz war leer.

»Na, wie geht’s Ihnen so an diesem wunderschönen Morgen?«, fragte Wednesday, ohne sich umzudrehen.

»Was ist mit meinem Wagen?«, fragte Shadow seinerseits. »Der war gemietet.«

»Mad Sweeney bringt ihn für Sie zurück. Das war Teil der Abmachung, die Sie beide gestern Abend getroffen haben.«

»Abmachung?«

»Nach dem Kampf.«

»Kampf?« Shadow hob eine Hand, rieb sich die Wange und verzog das Gesicht. Ja, es hatte einen Kampf gegeben. Er erinnerte sich an einen hochgewachsenen Mann mit einem fuchsroten Bart und an die Anfeuerungsrufe der begeisterten Zuschauer. »Wer hat gewonnen?«

»Sie können sich an nichts mehr erinnern, was?« Wednesday kicherte.

»Nicht so richtig«, sagte Shadow. Gespräche vom gestrigen Abend begannen sich auf unangenehme Weise in seinen Kopf zu drängen. »Haben Sie noch was von dem Kaffee?«

Der große Mann griff unter den Beifahrersitz und reichte eine verschlossene Wasserflasche nach hinten.

»Hier. Sie sind bestimmt dehydriert. Im Moment ist das besser für Sie als Kaffee. An der nächsten Tankstelle halten wir und frühstücken. Vorher müssen Sie sich noch etwas zurechtmachen. Sie sehen aus wie etwas, das die Ziege hereingeschleppt hat.«

»Die Katze«, sagte Shadow.

»Ziege«, erwiderte Wednesday. »Eine große stinkende Ziege mit riesigen Zähnen.«

Shadow schraubte den Deckel von der Wasserflasche und trank. In seiner Jackentasche klirrte etwas. Er griff hinein und zog eine Münze von der Größe eines halben Dollars hervor. Sie hatte ein ordentliches Gewicht und eine tiefgelbe Farbe. Außerdem war sie leicht klebrig. Shadow ließ sie in seiner rechten Hand verschwinden, ein absolut klassischer Auftakt, und zauberte sie zwischen seinem dritten und vierten Finger wieder hervor. Dann schob er sie nach vorn und hielt sie mit dem Zeige- und dem kleinen Finger fest, sodass sie von der anderen Seite unsichtbar war, und schob die beiden mittleren Finger darunter, um sie elegant über seine Knöchel tanzen zu lassen. Schließlich ließ er die Münze wieder in seine linke Hand fallen und steckte sie in die Tasche zurück.

»Was zum Teufel habe ich da eigentlich getrunken?« Die Ereignisse des Abends begannen auf Shadow einzustürmen, allerdings ergab nichts davon Sinn.

Mr Wednesday entdeckte ein Ausfahrtsschild, das eine Tankstelle versprach, und ließ den Motor aufheulen. »Erinnern Sie sich nicht mehr?«

»Nein.«

»Sie haben Met getrunken.« Wednesday grinste über das ganze Gesicht.

Met.

Ja.

Shadow lehnte sich zurück, sog gierig an der Flasche und ließ den gestrigen Abend über sich hinwegbranden. Das meiste fiel ihm wieder ein. Aber nicht alles.

An der Tankstelle kaufte Shadow ein Pflegeset, das einen Rasierer, Rasiercreme, einen Kamm und eine Einwegzahnbürste sowie eine winzige Tube Zahnpasta enthielt. Dann stapfte er in die Männertoilette und betrachtete sich im Spiegel.

Unter einem Auge hatte er einen Bluterguss, der heftig wehtat, als er probeweise mit einem Finger darauf herumdrückte. Seine Unterlippe war geschwollen, seine Haare waren ein heilloses Durcheinander, und er sah aus, als hätte er sich die erste Hälfte der vergangenen Nacht geprügelt, um dann die zweite Hälfte in seinen Kleidern auf der Rückbank eines Wagens zu schlafen. Im Hintergrund lief blecherne Musik, und er brauchte einen Moment, um »Fool on the Hill« von den Beatles zu erkennen.

Shadow wusch sich das Gesicht, seifte sich Wangen und Kinn ein und rasierte sich. Machte den Kamm nass und fuhr sich damit durch die Haare. Putzte sich die Zähne. Dann spülte er die Reste der Seife und der Zahnpasta mit lauwarmem Wasser ab. Und starrte sein Spiegelbild an: Ordentlich rasiert war er jetzt zwar, aber seine Augen waren noch immer rot und verschwollen. Er sah älter aus, als er in Erinnerung hatte.

Er fragte sich, was Laura wohl sagen würde, wenn sie ihn so erblickte, und dann fiel ihm ein, dass Laura nie wieder irgendetwas sagen würde, und er sah sein Gesicht im Spiegel zittern, wenn auch nur kurz.

Er ging hinaus.

»Ich sehe beschissen aus«, sagte Shadow.

»Ganz ohne Frage«, pflichtete Wednesday ihm bei.

Wednesday marschierte mit diversen Snacks zur Kasse und bezahlte sie zusammen mit dem Benzin, wobei er es sich, zur Verärgerung der Kaugummi kauenden jungen Dame hinter der Theke, zweimal anders überlegte, ob er nun bar oder mit Karte bezahlen wollte. Shadow schaute zu, wie Wednesday immer nervöser wurde und sich in einem fort entschuldigte. Plötzlich wirkte er sehr alt. Die junge Fau gab ihm das Bargeld zurück und rechnete den Kauf mit der Karte ab, und dann gab sie ihm den Kartenbeleg und nahm das Bargeld, nur um das Bargeld wieder zurückzugeben und eine andere Karte entgegenzunehmen. Wednesday stand offensichtlich kurz davor, in Tränen auszubrechen, ein alter Mann, der mit der modernen Welt einfach nicht mehr mithalten konnte.

Shadow warf einen Blick hinüber zum Münzfernsprecher, an dem ein AUSSER BETRIEB-Schild hing.

Sie verließen die aufgeheizte Tankstelle. Draußen dampfte ihr Atem in der Luft.

»Möchten Sie, dass ich fahre?«, fragte Shadow.

»Nicht nötig«, sagte Wednesday.

Die Fernstraße glitt an ihnen vorbei, links und rechts von ihnen braune Wiesen. Die Bäume waren kahl und tot. Zwei schwarze Vögel schauten sie von einer Telefonleitung herab an.

»Hey, Wednesday.«

»Was ist?«

»Wenn ich mich nicht irre, haben Sie das Benzin nicht bezahlt.«

»Ach?«

»Wenn ich mich nicht irre, hat die junge Dame Sie dafür bezahlt, dass Sie der Tankstelle einen Besuch abgestattet haben. Meinen Sie, sie hat das inzwischen bemerkt?«

»Das wird sie nie.«

»Was sind Sie nun eigentlich? Ein zweitklassiger Trickbetrüger?«

Wednesday nickte. »Das bin ich wohl. Unter anderem.«

Er wechselte auf die linke Fahrspur, um einen Lastwagen zu überholen. Der Himmel war bis zum Horizont trostlos grau.

»Bald schneit es«, sagte Shadow.

»Ja.«

»Sweeney. Hat er mir wirklich gezeigt, wie dieser Zaubertrick mit den Goldmünzen geht?«

»O ja.«

»Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.«

»Das fällt Ihnen schon wieder ein. Es war eine lange Nacht.«

Mehrere kleine Schneeflocken strichen über die Windschutzscheibe und schmolzen innerhalb von Sekunden.

»Der Leichnam Ihrer Frau ist derzeit in Wendells Bestattungsinstitut aufgebahrt«, sagte Wednesday. »Nach dem Mittagessen wird sie dann von dort auf den Friedhof gebracht.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe telefoniert, während Sie auf der Toilette waren. Sie wissen, wo Wendells Bestattungsinstitut liegt?«

Shadow nickte. Die Schneeflocken führten direkt vor ihnen einen wilden Tanz auf.

»Das ist unsere Ausfahrt«, sagte Shadow.

Der Wagen stahl sich von der Fernstraße und vorbei an den Motels im Norden von Eagle Point.

Drei Jahre waren vergangen. Das SUPER 8-Motel war verschwunden, abgerissen. An seiner Stelle stand jetzt ein Wendy’s. Es gab mehr Ampeln als früher und zahlreiche Ladengeschäfte, die Shadow nicht kannte. Sie fuhren ins Stadtzentrum. Shadow bat Wednesday, etwas abzubremsen, als sie an der Muskelfarm vorbeikamen. WEGEN TODESFALL AUF UNBESTIMMTE ZEIT GESCHLOSSEN stand auf dem handgeschriebenen Schild an der Tür.

Auf der Hauptstraße bogen sie links ab. Vorbei an einem neuen Tattoostudio und dem Rekrutierungszentrum der Streitkräfte, dann am Burger King und – ein vertrauter Anblick – an Olsens Drogerie. Schließlich kamen sie zur gelben Backsteinfassade von Wendells Bestattungsinstitut. Auf einem Neonschild im Schaufenster stand HAUS DES FRIEDENS. Unter dem Schild warteten leere Grabsteine darauf, mit einem Namen versehen zu werden.

Wednesday bog auf den Parkplatz ein.

»Möchten Sie, dass ich mitkomme?«

»Nicht unbedingt.«

»Gut.« Wieder das humorlose Grinsen. »Da gibt es ein paar Sachen, die ich erledigen möchte, während Sie sich verabschieden. Ich besorge uns Zimmer im Motel America. Kommen Sie dorthin, wenn Sie fertig sind.«

Shadow stieg aus und schaute zu, wie der Wagen davonfuhr. Dann ging er in das Gebäude. Der nur spärlich beleuchtete Korridor roch nach Blumen und Möbelpolitur, mit nur einem Hauch von Formaldehyd und Verwesung. An seinem Ende befand sich die FRIEDENSKAPELLE.

In dem Moment wurde Shadow bewusst, dass er die Goldmünze hervorgeholt hatte und sie zwanghaft über seine Fingerknöchel tanzen ließ. Ihr Gewicht hatte etwas Beruhigendes.

Auf einem Blatt Papier neben der Tür am Ende des Korridors stand der Name seiner Frau. Er betrat die Friedenskapelle. Shadow kannte die meisten der Anwesenden: Lauras Familie, ihre Arbeitskollegen aus dem Reisebüro, mehrere ihrer Freunde.

Sie alle erkannten ihn, das sah er an ihren Gesichtern. Aber niemand lächelte, niemand sagte Hallo.

Am Ende des Raums war ein kleines Podium, und darauf stand ein cremefarbener Sarg, der mit mehreren Blumenarrangements verziert war: Scharlachrot und Gelb und Weiß und tiefes, blutiges Purpur. Er trat einen Schritt vor. Von hier aus konnte er Lauras Leichnam sehen. Er wollte nicht weitergehen; aber er wollte auch auf gar keinen Fall davonlaufen.

Ein Mann in einem dunklen Anzug – Shadow vermutete, dass er für das Bestattungsunternehmen arbeitete – sagte: »Sir? Möchten Sie sich in das Kondolenz- und Erinnerungsbuch eintragen?« Er deutete auf ein in Leder gebundenes Buch, das offen auf einem kleinen Pult lag.

In seiner präzisen Handschrift schrieb er Shadow und das Datum, und dann, ganz langsam, (Welpchen), um nicht gleich zu dem Podium gehen zu müssen, wo die Menschen waren und der Sarg und das Ding in dem Sarg, das nicht Laura war.

Eine kleine Frau kam vom Korridor herein und blieb zögernd stehen. Ihre Haare waren kupferrot, ihre Kleider teuer und sehr schwarz. Trauerkleidung, dachte Shadow, der sie gut kannte. Es war Audrey Burton, Robbies Frau.

Audrey hielt einen Strauß Veilchen in der Hand, der am unteren Ende mit Silberpapier umwickelt war. Einen solchen Strauß mag ein Kind im Frühling pflücken, dachte Shadow. Für Veilchen war es die völlig falsche Jahreszeit.

Audrey blickte Shadow direkt an, aber in ihren Augen lag kein Erkennen. Dann schritt sie durch den Raum und zu Lauras Sarg. Shadow folgte ihr.

Laura lag mit geschlossenen Augen da, die Arme über der Brust verschränkt. Sie trug ein konservatives blaues Kostüm, das er nicht kannte. Das lange braune Haar war ihr aus der Stirn gekämmt. Es war seine Laura, und doch war sie es nicht: Dafür lag sie viel zu reglos da. Laura hatte immer äußerst unruhig geschlafen.

Audrey legte Laura den Veilchenstrauß auf die Brust. Dann schürzte sie die brombeerfarbenen Lippen und spuckte Laura in das tote Gesicht.

Der Speichel traf Laura an der Wange und lief daran herab.

Audrey hatte sich bereits umgedreht und lief zur Tür.

Shadow eilte ihr nach. »Audrey?«

Jetzt erkannte sie ihn. Er fragte sich, ob sie unter einem Beruhigungsmittel stand. Ihre Stimme war distanziert und ausdruckslos.

»Shadow? Bist du abgehauen? Oder haben sie dich rausgelassen?«

»Gestern wurde ich entlassen. Ich bin ein freier Mann«, sagte Shadow. »Was zum Teufel hatte das zu bedeuten?«

Sie blieb in dem dunklen Korridor stehen. »Die Veilchen? Das waren immer unsere Lieblingsblumen. Als wir noch klein waren, haben wir sie oft gemeinsam gepflückt.«

»Das meine ich nicht.«

»Ach das.« Sie wischte sich einen unsichtbaren Fleck aus dem Mundwinkel. »Nun, ich hätte gedacht, das wäre offensichtlich.«

»Nicht für mich, Audrey.«

»Haben sie dir das nicht erzählt?« Ihre Stimme war völlig ausdruckslos. »Als deine Frau gestorben ist, Shadow, hatte sie den Schwanz meines Mannes im Mund.«

Sie wandte sich um und lief auf den Parkplatz hinaus. Shadow blieb wie erstarrt stehen und blickte ihr nach.

Nach einer Weile kehrte er zurück in die Friedenskapelle. Irgendjemand hatte den Speichel abgewischt.

Keiner der Anwesenden bei der Aufbahrung blickte Shadow in die Augen. Diejenigen, die herüberkamen und mit ihm redeten, murmelten nur hilflose Beileidsbekundungen und flohen.

Nach dem Mittagessen – Shadow war zu Burger King gegangen – fand die Beerdigung statt. Lauras cremefarbener Sarg wurde auf dem kleinen, nichtkonfessionellen Friedhof am Stadtrand beigesetzt: eine hügelige Wiese ohne Umzäunung, die mit Grabsteinen aus schwarzem Granit und weißem Marmor übersät war.

Shadow fuhr im Leichenwagen von Wendells zum Friedhof, zusammen mit Lauras Mutter. Mrs McCabe schien der Meinung zu sein, Lauras Tod sei seine Schuld.

»Wenn du hier gewesen wärst«, sagte sie, »wäre das nicht passiert. Ich weiß nicht, warum sie dich geheiratet hat. Ich habe es ihr gesagt, immer wieder. Aber wer hört schon auf seine Mutter?« Sie musterte Shadows Gesicht eingehend. »Hast du dich geprügelt?«

»Ja.«

»Barbar.« Sie presste die Lippen aufeinander, hob den Kopf, sodass ihr Doppelkinn erbebte, und blickte stur geradeaus.

Zu Shadows Überraschung erschien auch Audrey Burton auf der Beerdigung, hielt sich jedoch im Hintergrund. Der kurze Gottesdienst war bald vorbei, der Sarg wurde der kalten Erde überantwortet, und die Menschen zerstreuten sich.

Shadow blieb allein zurück. Er stand mit den Händen in den Taschen da und starrte fröstelnd in das dunkle Loch.

Über ihm erstreckte sich ein stahlgrauer Himmel, so nichtssagend und flach wie ein Spiegel. Von Zeit zu Zeit fielen ein paar Schneeflocken herab und glitten Gespenstern gleich durch die Luft.

Er wollte noch etwas zu Laura sagen, und er war bereit, so lange zu warten, bis ihm die richtigen Worte einfielen. Die Welt wurde allmählich dunkler und farbloser. Shadows Füße wurden taub, während seine Hände und sein Gesicht von der Kälte schmerzten. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen, und seine Finger schlossen sich um die Goldmünze.

Schließlich trat er einen Schritt vor. »Das ist für dich.«

Mehrere Schaufeln Erde türmten sich auf dem Sarg, aber das Grab war noch lange nicht voll. Er warf die Münze zu Laura hinunter und schob etwas Erde hinterher, um sie vor habgierigen Totengräbern zu verstecken. Dann wischte er sich die Erde von der Hand und sagte: »Gute Nacht, Laura.« Und: »Es tut mir leid.« Nach kurzem Zögern wandte er sich den Lichtern der Stadt zu und marschierte hinein nach Eagle Point.

Bis zu seinem Motel waren es fast vier Kilometer, aber nachdem er drei Jahre im Gefängnis verbracht hatte, genoss er die Vorstellung, einfach laufen und einen Fuß vor den anderen setzen zu dürfen, wenn es sein musste für immer. Er konnte nach Norden gehen, bis er in Alaska war, oder nach Süden, nach Mexiko und darüber hinaus. Er konnte nach Patagonien laufen oder bis nach Feuerland. Tierra del Fuego. Er versuchte, sich zu erinnern, woher es seinen Namen hatte. Als Junge hatte er von nackten Männern gelesen, die an Lagerfeuern kauerten, um nicht zu frieren …

Ein Wagen hielt neben ihm. Summend öffnete sich das Fenster.

»Soll ich dich mitnehmen, Shadow?«, fragte Audrey Burton.

»Nein«, sagte er. »Bei dir steige ich ganz bestimmt nicht ein.«

Er lief weiter. Audrey fuhr mit fünf Stundenkilometern neben ihm her. Schneeflocken tanzten im Schweinwerferlicht.

»Ich hab sie für meine beste Freundin gehalten«, sagte Audrey. »Wir haben jeden Tag miteinander geredet. Wenn Robbie und ich uns stritten, erfuhr sie es als Erste – dann gingen wir rüber ins Chi-Chi, tranken Margaritas und redeten darüber, was für Drecksäcke Männer doch sind. Und die ganze Zeit hat sie hinter meinem Rücken mit ihm gevögelt.«

»Audrey, bitte lass mich in Ruhe.«

»Ich will nur, dass du weißt, warum ich das getan habe.«

Er sagte nichts.

»Hey!«, schrie sie. »Hey! Ich rede mit dir!«

Shadow drehte sich um. »Soll ich dir vielleicht sagen, es war okay, dass du Laura ins Gesicht gespuckt hast? Soll ich dir sagen, dass es nicht wehgetan hat? Oder dass ich sie jetzt mehr hasse, als ich sie vermisse? Da kannst du lange warten.«

Eine Weile fuhr sie schweigend neben ihm her.

Schließlich fragte sie: »Und, wie war’s im Gefängnis, Shadow?«

»Großartig«, sagte Shadow. »Du hättest dich dort wie zu Hause gefühlt.«

Sie trat aufs Gas, ließ den Motor aufheulen und fuhr davon. Als die Scheinwerfer verschwanden, wurde es plötzlich stockfinster. Die Abenddämmerung war der Dunkelheit gewichen. Shadow hatte erwartet, dass ihm von der Bewegung warm werden würde, aber er hatte sich geirrt. Seine Hände und Füße blieben weiterhin eisig.

Low Key Lyesmith hatte den kleinen Friedhof hinter dem Gefängnis einmal als Knochengarten bezeichnet, und das Bild hatte sich in Shadows Kopf festgesetzt. In jener Nacht hatte er von einem Garten im Mondschein geträumt, von skelettartigen weißen Bäumen, deren Äste zu Knochenhänden ausliefen und deren Wurzeln bis weit in die Gräber hinunterreichten. In seinem Traum wuchsen an den Bäumen im Knochengarten Früchte, und irgendetwas an ihnen verstörte ihn zutiefst, aber als er aufwachte, konnte er sich nicht mehr erinnern, was genau er so abstoßend gefunden hatte.

Autos fuhren an ihm vorbei. Shadow wünschte, es gäbe einen Gehsteig. Er trat auf etwas, das er nicht sehen konnte, und stolperte in den Graben am Straßenrand. Seine rechte Hand versank dabei mehrere Zentimeter im kalten Matsch. Er rappelte sich wieder auf und wischte sich die Hände an seiner Hose ab. Er begriff gerade noch, dass jemand neben ihm war, bevor ihm etwas Nasses auf Nase und Mund gedrückt wurde und er etwas Ätzendes, Chemisches roch.

Dieses Mal kam ihm der Graben warm und gemütlich vor.

Shadows Schläfen fühlten sich an, als wären sie mit einem Dachpappennagel an seinem Kopf befestigt worden, und seine Umgebung nahm er nur äußerst verschwommen wahr.

Seine Hände waren auf den Rücken gefesselt, mit etwas, das ihm in die Haut schnitt. Er saß in einem Auto mit Lederpolster, und einen Moment glaubte er, mit seiner Tiefenwahrnehmung wäre etwas nicht in Ordnung, doch dann wurde ihm klar, dass der andere Sitz wirklich so weit weg war.

Neben ihm saß irgendjemand, aber er konnte den Kopf nicht drehen.

Der fette junge Mann am anderen Ende der Stretchlimousine nahm eine Coladose aus der Cocktailbar und öffnete sie mit einem Knacken. Er trug einen langen schwarzen Mantel aus einem seidigen Material und war allem Anschein nach kaum älter als zwanzig: Seine Wangen waren von Akne übersät. Als er sah, dass Shadow aufwachte, lächelte er.

»Hallo, Shadow«, sagte er. »Versuch bloß nicht, mir blöd zu kommen.«

»Okay«, sagte Shadow. »Versprochen. Können Sie mich am Motel America rauslassen, an der Interstate?«

»Hau ihm eine rein«, sagte der junge Mann zu jemandem, der links neben Shadow saß.

Shadow kassierte einen Schlag in die Magengrube und krümmte sich vornüber. Ganz langsam richtete er sich wieder auf.

»Ich hab gesagt, du sollst mir nicht dumm kommen. Also antworte mir kurz und knapp, sonst bring ich dich um. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht sag ich den Kindern, sie sollen dir sämtliche Knochen brechen. Von denen hast du immerhin zweihundertsechs Stück im Leib. Also komm mir nicht blöd!«

»Ich hab’s begriffen«, sagte Shadow.

Die Deckenbeleuchtung in der Limousine wechselte von Violett zu Blau und dann zu Grün und Gelb.

»Du arbeitest für Wednesday«, sagte der junge Mann.

»Ja.«

»Was zum Teufel hat er vor? Ich meine, was hat er hier zu suchen? Er hat doch bestimmt einen Plan. Was ist seine Strategie?«

»Ich arbeite erst seit heute Morgen für Mr Wednesday«, sagte Shadow. »Ich spiele den Laufburschen. Vielleicht auch mal den Fahrer, wenn er mich lässt. Wir haben kaum eine Handvoll Worte gewechselt.«

»Heißt das, dass du keine Ahnung hast?«

»Ja, das heißt es.«

Der Junge starrte ihn an. Kippte einen Schluck Cola hinunter und rülpste, ohne den Blick abzuwenden. »Würdest du es mir sagen, wenn es anders wäre?«

»Wahrscheinlich nicht«, gestand Shadow. »Schließlich arbeite ich für Mr Wednesday.«

Der Junge öffnete seinen Mantel und holte ein silbernes Zigarettenetui aus einer Innentasche. Er klappte es auf und hielt Shadow eine Zigarette hin. »Kippe?«

Shadow überlegte, ob er darum bitten sollte, dass ihm die Handfesseln abgenommen würden, ließ es dann aber bleiben. »Nein danke«, sagte er stattdessen.

Die Zigarette war offenbar selbst gedreht, und als der Junge sie mit einem schwarzen Zippo anzündete, roch sie nicht nach Tabak. Aber auch nicht nach Hasch, wie Shadow feststellte. Eher nach brennenden Elektroteilen.

Der Junge inhalierte tief und hielt die Luft an. Er ließ den Rauch zum Mund hinauswallen und sog ihn durch die Nase wieder ein. Shadow vermutete, dass er das vor dem Spiegel geübt hatte.

»Wenn du mich anlügst«, sagte der Junge wie aus weiter Ferne, »dann bring ich dich um. Das weißt du.«

»Schon klar.«

Der Junge zog noch einmal lange an seiner Zigarette. Das Licht in der Limousine wechselte von Orange zu Rot und wurde schließlich wieder violett.

»Du wohnst im Motel America, hast du gesagt?« Er klopfte gegen die Scheibe hinter sich. Sie glitt nach unten. »Hey. Motel America, oben an der Interstate. Wir müssen unseren Gast dort abliefern.«

Der Fahrer nickte, und die Scheibe schloss sich wieder.

Die Glasfaserbeleuchtung setzte ihr Wechselspiel fort und schaltete von einer dunklen Farbe zur nächsten. Shadow hatte den Eindruck, dass auch die Augen des Jungen leuchteten – und zwar so grün wie ein vorsintflutlicher Computerbildschirm.

»Also, du richtest Wednesday was aus. Sag ihm, er ist Geschichte. Niemand erinnert sich an ihn. Er ist alt. Und das sollte er besser akzeptieren. Sag ihm, dass wir die Zukunft sind und dass wir auf ihn und seinesgleichen einen Scheißdreck geben. Seine Zeit ist vorbei. Okay? Richte ihm das aus, Mann. Sein Platz ist auf der Müllhalde der Geschichte, während Leute wie ich in unseren Limos auf dem Superhighway von morgen entlangrasen.«

»Ich werd’s ihm sagen«, bestätigte Shadow. Allmählich wurde ihm schwindlig. Er hoffte, dass er sich jetzt nicht auch noch übergeben musste.

»Sag ihm, dass wir die verdammte Realität neu programmiert haben. Sag ihm, dass Sprache ein Virus ist und Religion ein Betriebssystem, und Gebete sind nichts anderes als Spam. Richte ihm das aus, oder ich bring dich um«, sagte der junge Mann in sanftem Tonfall hinter einer Rauchwolke hervor.

»Geht klar«, sagte Shadow. »Sie können mich hier rauslassen. Den Rest kann ich laufen.«

Der junge Mann nickte. »War nett, mit dir zu reden.« Die Zigarette hatte ihn offenbar milde gestimmt. »Du musst wissen – wenn wir dich umbringen, Scheiße, dann löschen wir dich völlig aus. Hast du das kapiert? Ein Mausklick, und du wirst von zufälligen Einsen und Nullen überschrieben. Und das lässt sich auch nicht mehr rückgängig machen.«

Er klopfte gegen das Fenster hinter sich. »Er steigt hier aus.« Dann wandte er sich wieder Shadow zu, deutete auf die Zigarette. »Synthetische Krötenhaut. Wusstest du, dass sich Bufotenin inzwischen synthetisieren lässt?«

Der Wagen bremste ab. Rechts von Shadow stieg jemand aus und hielt ihm die Tür auf. Shadow folgte, was ihm einige Schwierigkeiten bereitete. Er wusste noch immer nicht, wer da neben ihm auf der Rückbank gesessen hatte, ob das Männer oder Frauen gewesen waren, junge oder alte.

Shadows Fesseln wurden durchgeschnitten. Nylonschnüre fielen auf den Asphalt. Shadow drehte sich um. Das Innere des Wagens war inzwischen eine einzige Rauchwolke, in der zwei kupferfarbene Lichtpunkte glommen wie die wunderschönen Augen einer Kröte.

»Scheiße, Alter, es kommt immer auf das vorherrschende Paradigma an. Nichts sonst ist von Bedeutung. Ach ja, tut mir wirklich leid wegen deiner Ollen.«

Die Tür schloss sich, und die Stretchlimousine fuhr leise davon. Shadow war nur wenige hundert Meter von seinem Hotel entfernt, und während er dorthin schlenderte, atmete er die kalte Luft ein. Dabei kam er an roten, gelben und blauen Leuchtschildern vorbei, die für alle möglichen Arten von Fastfood Reklame machten; das Motel America erreichte er ohne weitere Vorfälle.

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