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Amari nd die Nachtbrüder

1

Ich sitze im Büro des Rektors. Schon wieder. Draußen auf dem Flur, auf der anderen Seite der Glastür, macht Emily Grants Mutter Mr. Merritt die Hölle heiß. Bei dem wilden Gefuchtel könnte man meinen, ich hätte sehr viel Schlimmeres getan, als ihre eingebildete kleine Prinzessin zu schubsen. Dabei ist Emily mir blöd gekommen, nicht andersrum. Ist ja nicht meine Schuld, wenn sie das Gleichgewicht verliert und vor der ganzen Schule auf dem Hintern landet.

Emily und ihr Gefolge lauern dicht bei Mrs. Grant. Sie flüstern hinter vorgehaltener Hand und beobachten mich durch die Scheibe, als könnten sie es kaum erwarten, mich allein zu erwischen. Ich lehne mich zurück, damit sie mich nicht mehr sehen. Diesmal hast du’s echt geschafft, Amari.

Ich schaue auf das Foto des Schwarzen Jungen an der Wand über Mr. Merritts Schreibtisch, und meine Miene wird noch düsterer. Quinton reckt stolz den Pokal in die Höhe, den er beim bundesstaatweiten Mathewettbewerb gewonnen hat. Man sieht uns nicht, aber Momma und ich stehen direkt neben der Bühne und jubeln, was das Zeug hält.

Jetzt haben wir nicht mehr viel zu jubeln.

Die Tür fliegt auf, und Mrs. Grant stolziert herein, gefolgt von ihrer Tochter. Beide meiden meinen Blick, als sie sich auf die am weitesten von mir entfernten Stühle setzen. Ihre Abneigung gegen mich scheint den gesamten Raum einzunehmen. Ich runzle die Stirn und verschränke die Arme. Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit.

Dann kommt Momma in ihrer blauen Krankenhausuniform. Einmal mehr wurde sie meinetwegen von der Arbeit wegzitiert. Ich straffe die Schultern und will zu einer Verteidigung ansetzen, aber bei ihrem Blick bleiben mir die Worte im Hals stecken.

Mr. Merritt nimmt als Letzter Platz. Aus müden Augen schaut er uns abwechselnd an. »Ich weiß, es ist nicht der erste Vorfall zwischen den beiden jungen Damen. Aber da heute der letzte Schultag vor den Sommerferien ist …«

»Ich verlange, dass Sie diesem Mädchen das Stipendium entziehen«, keift Mrs. Grant. »Ich bezahle nicht derart viel Schulgeld, damit meine Tochter auf dem Flur tätlich angegriffen wird!«

»Tätlich angegriffen?«, fange ich an, aber Momma bringt mich mit einer Geste zum Schweigen.

»Amari würde normalerweise nie Hand an andere legen«, sagt sie. »Aber das hier war abzusehen. Die Mädchen haben meine Tochter schikaniert, seit sie zum ersten Mal einen Fuß in diese Schule gesetzt hat. Die Kommentare auf ihren Social-Media-Profilen waren so gehässig, dass wir die Accounts schon fast löschen wollten.«

»Und wir haben die Angelegenheit sofort bereinigt, als sie an uns herangetragen wurde«, schaltet Mr. Merritt sich ein. »Alle vier wurden schriftlich verwarnt.«

Ich beuge mich mit brennenden Wangen vor. »Und was ist mit dem ganzen Zeug, das sie mir im echten Leben an den Kopf werfen? Sozialfall, Schnorrerin … Die erinnern mich bei jeder Gelegenheit daran, dass Leute wie ich nicht hierhergehören.«

»Stimmt ja auch«, murmelt Emily.

»Ruhe«, zischt Mrs. Grant. Emily verdreht die Augen.

Mrs. Grant steht auf und wendet sich Momma zu. »Ich werde mit meiner Tochter ein ernstes Wörtchen über ihr Verhalten reden. Aber Ihre Tochter ist handgreiflich geworden, ich könnte Anzeige erstatten. Seien Sie dankbar, dass ich es hierbei belasse.«

Momma sieht aus, als würde sie vor Wut kochen, verkneift sich aber jede Erwiderung. Wahrscheinlich, weil Mrs. Grant recht hat. Sie könnte mich tatsächlich anzeigen. Alle haben es gesehen.

»Wir gehen«, sagt Mrs. Grant zu Emily, und die beiden drehen sich um. Kurz vor der Tür hält Mrs. Grant noch einmal an. »Ich erwarte eine Benachrichtigung, sobald die Sache mit dem Stipendium offiziell ist. Sonst wird der Elternausschuss bei der nächsten Sitzung eine Menge zu besprechen haben.«

Die Tür fällt laut ins Schloss.

Ich kann kaum stillsitzen, so wütend bin ich. Das ist so unfair. Leute wie Emily und ihre Mutter werden nie kapieren, wie es ist, kein Geld zu haben. Die können tun und lassen, was sie wollen, ohne Konsequenzen zu fürchten, während wir uns nicht den kleinsten Fehltritt erlauben dürfen.

»Nehmen Sie Amari wirklich ihr Stipendium weg?«, fragt Momma leise.

Mr. Merritt senkt den Blick. »Wir haben eine Null-Toleranz-Politik gegenüber körperlicher Gewalt. Nach der Schulordnung müsste ich sie entlassen. Da ist der Entzug des Stipendiums noch die mildeste Strafe.«

Momma sinkt auf ihrem Stuhl zusammen. »Ich verstehe.«

Meine Wut verwandelt sich in Scham. Momma ist wegen Quinton schon traurig genug. Da sollte ich ihr nicht noch mehr Kummer bereiten, nur weil ich ein paar Sticheleien nicht aushalte.

Jetzt wendet sich Mr. Merritt an mich. »Ich weiß, dass du es in den letzten Monaten nicht leicht hattest. Quinton war ein toller Junge mit einer glänzenden Zukunft. Man muss kein Psychologe sein, um zu erkennen, dass sein Verschwinden und deine Verhaltensauffälligkeiten zusammenhängen. Ich könnte dir einen kostenlosen Termin bei einer Jugendberatungsstelle besorgen …«

»Ich brauche keine Beratung«, unterbreche ich ihn.

Mr. Merritt legt die Stirn in Falten. »Du solltest mit jemandem über deine Wut sprechen.«

»Wollen Sie wissen, warum ich Emily geschubst habe? Weil sie es lustig fand, Witze darüber zu reißen, dass mein Bruder tot ist. Aber das ist er nicht. Mir egal, was alle sagen. Er ist irgendwo da draußen. Und ich werde ihn finden, verlassen Sie sich drauf!«

Ich zittere. Tränen strömen mir übers Gesicht. Mr. Merritt sagt nichts. Momma steht langsam auf und nimmt mich in den Arm. »Geh schon mal zum Auto, Babygirl. Ich komme gleich nach.«

Wir schweigen während der gesamten Heimfahrt. Quinton ist jetzt schon fast sechs Monate verschwunden, aber für mich fühlt es sich an, als hätte er erst gestern angerufen und verkündet, er würde Weihnachten nach Hause kommen. Das war etwas ganz Besonderes, weil er ständig weg war, seit er nach der Highschool diesen krassen Job ergattert hatte. Die Art von Job, bei der man niemandem verraten darf, was man eigentlich genau macht.

Ich habe ihn immer damit aufgezogen, dass er ein ultrageheimer Geheimagent ist, wie James Bond. Er hat nur gegrinst und gesagt: »Falsch … aber auch nicht völlig falsch.« Wenn ich versucht habe, mehr aus ihm herauszukriegen, hat er nur gelacht und versprochen, es mir zu erzählen, sobald ich alt genug bin.

Quinton ist nämlich ein echtes Superhirn. Er war Jahrgangsbester an der Jefferson Academy und hat direkt nach seinem Abschluss Vollstipendien von zwei Eliteunis angeboten bekommen – und beide abgelehnt, für diese Stelle bei Wem-auch-immer. Als er verschwunden ist, war ich mir sicher, dass es irgendwie mit seinem mysteriösen Job zusammenhängt. Oder dass seine Kolleginnen und Kollegen zumindest mehr Licht ins Dunkel bringen könnten. Aber die Polizisten haben Momma und mich angeschaut, als wären wir verrückt.

Sie hatten sogar die Dreistigkeit zu behaupten, soweit sie wüssten, sei Quinton arbeitslos gewesen. Es gebe keine Steuerunterlagen, die darauf hinweisen würden, dass er überhaupt je einen Job gehabt hätte. Aber das ergab keinen Sinn. Bei so etwas würde er uns nie anlügen. Als Momma dann erzählte, er hätte ihr regelmäßig Geld geschickt, um sie zu unterstützen, wechselten die Polizisten vielsagende Blicke und meinten, vielleicht sei er in etwas verwickelt gewesen, von dem wir nichts mitbekommen sollten. Etwas Illegales. Das denken immer alle, wenn man aus der »Wood« stammt, der Rosewood-Sozialbausiedlung.

Wir kreuzen rumpelnd die Bahngleise und sind wieder in unserem Viertel. Ganz ehrlich, es fühlt sich hier schon komisch an, nachdem man auf der anderen Seite der Stadt war. Als wäre die Welt rund um die Jefferson Academy und all diese noblen, farbenfrohen Häuser irgendwie heller. Im Vergleich dazu wirkt unsere Gegend grau. Wir fahren an Schnapsläden und Pfandleihern vorbei. Dealer lehnen an Straßenschildern und starren einen an, als wären sie die Größten. Jayden, der mit mir in der Grundschule war, steht bei ein paar älteren Jungs, eine dicke Goldkette um den Hals. Er erkennt unser Auto und lächelt mir zu.

Ich ringe mir ebenfalls ein Lächeln ab, aber keine Ahnung, wie überzeugend es ist. Jayden und ich haben nicht mehr miteinander gesprochen, seit Quinton verschwunden ist. Seit er mit genau den Typen rumhängt, von denen mein Bruder ihn fernhalten wollte.

Als wir vor unserer Wohnung angekommen sind, vergräbt Momma das Gesicht in den Händen und bricht in Tränen aus.

»Alles … alles okay?«, frage ich.

»Ich habe das Gefühl, ich lasse dich im Stich, Amari. Ich arbeite fünf Tage die Woche, zwölf Stunden lang. Es ist nie einer da, mit dem du reden kannst.«

»Mir geht’s gut. Ich weiß ja, dass du nur so viel arbeitest, weil du musst.«

Momma schüttelt den Kopf. »Du sollst es mal besser haben als ich. Das Stipendium für die Jefferson war deine Eintrittskarte zu einem guten College – zu einem besseren Leben. Allein kann ich es mir weiß Gott nicht leisten, dich auf so eine Schule zu schicken. Was machen wir denn jetzt?«

»Es tut mir leid, Momma, aber ich hab da nie reingepasst.« Ich verschränke die Arme und schaue aus dem Fenster. Nur weil es bei meinem Bruder so leicht ausgesehen hat … »Ich bin nicht Quinton.«

»Das verlangt ja auch keiner. Ich will doch bloß, dass du es versuchst. Diese Schule war eine Chance, deinen Horizont zu erweitern. Zu erleben, dass es da draußen eine große, weite Welt außerhalb unseres Viertels gibt.« Sie seufzt. »Ich weiß, es ist nicht fair, aber wenn du ein armes Schwarzes Mädchen aus der Wood bist, stecken dich gewisse Leute eben direkt in eine Schublade. Liefere ihnen nicht auch noch einen Grund, sich bestätigt zu fühlen.«

Ich antworte nicht. Als hätte sie mir das nicht schon eine Million Mal erzählt …

Ihre Predigt geht weiter: »Und wenn du gerade keinen Ärger in der Schule machst, sitzt du stundenlang vor deinem Computer. Das ist nicht gesund, Amari.«

Sie hat ja recht. Aber es ist schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, während alle anderen über einen lästern. Und wenn ich Fotos von Quinton auf so vielen Websites wie möglich poste, habe ich wenigstens das Gefühl, bei der Suche zu helfen. Es kommt wahrscheinlich nichts dabei herum, aber es lässt mich hoffen.

Momma fährt fort: »Sobald du drinnen bist, schiebst du deinen Laptop unter meiner Tür durch.«

»Aber Momma …«

Sie hebt die Hand. »Ich will nichts mehr hören. Das Ding bleibt bei mir, bis du deine Zukunft endlich ernst nimmst. Wir reden morgen weiter. Wird Zeit, dass ich zurück ins Krankenhaus komme.«

Ich steige aus, knalle die Tür zu und stapfe in Richtung Haus, ohne mich auch nur einmal umzudrehen. Was soll ich jetzt tun?

In der Wohnung lasse ich mich auf die Couch fallen und vergrabe den Kopf in den Kissen. Was für ein schrecklicher Tag!

Irgendwann stemme ich mich stöhnend wieder hoch und hole den schrottreifen Laptop aus meiner Schultasche. Den hat Quinton vor Ewigkeiten für seinen zweiten Platz bei einer internationalen Wissenschaftsmesse gewonnen und mir geschenkt, als er im Jahr darauf einen noch besseren abgeräumt hat.

Ich klappe ihn auf, aber der Bildschirm bleibt schwarz. Wundert mich nicht einmal.

Ich versuche es weiter – vergeblich. Anscheinend hat das Ding eine seiner Launen. Also lege ich es aufs Sofa und mache mir in der Küche was zu essen.

Doch selbst nachdem ich meinen knurrenden Magen besänftigt habe, bekomme ich den Laptop nicht zum Laufen. Ich schließe die Augen, hebe ihn hoch und presse die Stirn dagegen. »Momma will dich mir wegnehmen, und ich habe keine Ahnung, wann ich dich wiederkriege. Bitte, geh an

Diesmal startet er. Puh!

Das Gratis-WLAN im Viertel ist superlangsam, trotzdem gelingt es mir, Quintons Suchplakat auf einige Websites zu stellen. Normalerweise würde ich als Nächstes seine E-Mails checken (das Passwort habe ich schon vor Monaten rausgefunden: Amazing-Amari, mein Superheldinnenname von ganz früher), aber meine Neugier siegt. Ich rufe Emily Grants Instagram-Seite auf, um zu gucken, ob sie etwas über heute Morgen gepostet hat. Und was sehe ich? Ein Foto von mir mit der Beschreibung:

Endlich Ferien! Und stellt euch vor: Auf der Jefferson haben wir den Müll rausgeworfen. Auf Nimmerwiedersehen!

Haufenweise Mitschülerinnen und Mitschüler haben Kommentare hinterlassen. Ich lese nur ein paar, bevor ich den Laptop zuknalle. Die wollte hier eh keiner haben … Angeblich hat sie ständig Sachen aus den Schließfächern geklaut … Und dafür musste bloß ihr Bruder tot umfallen …

Ich bin nicht rausgeworfen worden, und mein Bruder ist nicht tot! Mit zusammengebissenen Zähnen öffne ich den Laptop wieder, um ihnen allen gründlich die Meinung zu geigen, als plötzlich oben auf dem Bildschirm eine Meldung aufploppt. Ich erstarre. Quinton hat eine neue E-Mail bekommen.

1 neue E-Mail von: Diskrete Pakete

Das klingt zwar nach nichts Besonderem, aber Quinton bekommt sonst nie neue Mails. Und ich checke das Postfach jeden Tag, seit ich sein Passwort kenne.

Ich klicke auf die Meldung.

Ihr Paket ist da.

Wie gewünscht erhalten Sie eine weitere Benachrichtigung, sobald Amari Peters den Empfang bestätigt hat.

Vielen Dank, dass Sie sich für Diskrete Pakete entschieden haben, wo man nie weiß, was man kriegt.

Diese E-Mail zerstört sich selbst in drei … zwei … eins …

Die E-Mail verschwindet.

Ich zucke erschrocken zurück. Ist das gerade wirklich passiert?

Und was soll ich bestätigen?

Es klingelt draußen an der Haustür. »Paket!«

2

Ich sprinte zur Wohnungstür und die Treppe hinunter.

Ein gebeugter Mann in zerlumpten Klamotten steht vor dem Haus. Ich recke den Hals, um den Bürgersteig hinter ihm abzusuchen. Wo steckt der Paketmensch?

»Hallo«, sagt der Mann, ohne aufzuschauen. »Darf ich Sie kurz stören?«

Ich bekomme sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn ignoriert habe. »Geld habe ich leider keins. Aber im Gefrierfach ist noch eine Pizzatasche, die können Sie gerne haben. Meine Momma war noch nicht einkaufen.«

»Sehr freundlich, aber ich war gerade in einem ausgezeichneten Restaurant.«

»Oh. Dann sind Sie gar nicht obdachlos?«

»Obdachlos? Himmel, nein!« Endlich hebt der Typ den Kopf. Er ist schon etwas älter und trägt einen ordentlich gestutzten grauen Bart. In der Hand hält er ein Tablet. »Wie kommen Sie darauf?«

Kurz starre ich auf seine flickenbesetzten Kleider. »Ähm, einfach so.«

Der Mann folgt meinem Blick, und sein Gesicht wird knallrot. »Nur damit Sie’s wissen, das ist der letzte Schrei in … ach, vergessen Sie’s. Sind Sie Amari Peters?«

Oookay. Ich weiche ein paar Schritte zurück. »Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Der steht hier«, antwortet er und deutet auf sein Tablet. »Sie müssen bloß noch den Empfang bestätigen, dann bin ich schon wieder weg.«

»Sie sind … von diesem Lieferdienst?«, frage ich misstrauisch. »Und Sie haben ein Paket für mich?«

»Jep.« Er dreht das Tablet herum. »Von einem Q. Peters.«

Ich schnappe nach Luft. »Von meinem Bruder?«

Der Mann nickt. »Wenn dieser Q. Peters Ihr Bruder ist … Offenbar hat er Ihnen ein Horizonterweiterungsset geschickt.«

Horizonterweiterung? Hat Momma nicht eben noch so was Ähnliches gesagt? »Soll das ein Witz sein?«

»Das will ich nicht hoffen.« Er runzelt die Stirn. »Ich arbeite zwar nur nebenbei als Paketzusteller, aber ich nehme den Job sehr ernst.«

»Okay, was auch immer Sie für mich haben, ich nehm’s an.« Da fällt mir auf, dass er weder einen Umschlag noch einen Karton dabeihat. »Wo ist es denn?«

»Erst hier unterschreiben, bitte.« Er streckt mir das Tablet hin, und ich reiße es ihm förmlich aus der Hand und kritzle meine Unterschrift mit dem Finger auf das Display.

Dann schaue ich ihn erwartungsvoll an. »Mein Paket?«

Der Mann tippt noch ein paarmal aufs Tablet. »Liegt in Q. Peters Kinderzimmerschrank.«

Ich starre ihn an. »Sie waren in unserer Wohnung?«

»Natürlich mit Q. Peters Erlaubnis.« Der Mann räuspert sich laut. »Nun denn, ich fürchte, ich brauche Ihre Erinnerung an unsere Begegnung. Bei Diskrete Pakete hat die Anonymität der Kunden höchste Priorität. Keine Sorge, Ihr Paket bekommen Sie trotzdem. Irgendwann im Laufe des Tages verspüren Sie einen plötzlichen, unerklärlichen Drang, besagten Schrank auszuräumen, und da wartet es schon auf Sie.«

»Sie brauchen meine was?« Alarmiert weiche ich zurück.

»Nur die eine Erinnerung.« Er holt etwas hervor, das aussieht wie eine Fernbedienung. Dann beäugt er wieder das Tablet. »Ach, mein Fehler. Ihr Name steht auf der Vergiss-mein-nicht-Liste. Da geht’s wohl für jemanden in die Oberbehörde. Die besten dreißig Jahre meines Lebens. Schönen Tag noch!«

Einen Wimpernschlag später ist der Mann verschwunden. Was in aller Welt war das denn?

Und was liegt im Schrank meines Bruders?

Selbst nach so langer Zeit erwarte ich fast, von Quinton angemeckert zu werden, weil ich einfach in sein Zimmer platze. Ich lasse den Blick über die zerknitterten Hip-Hop-Poster und die gerahmten Fotos von Stephen Hawking und Martin Luther King schweifen. Sein Bett ist ungemacht wie immer, und die Wandregale darüber biegen sich vor Schulpokalen und Ehrenurkunden.

Die Polizei hat auf der Suche nach Hinweisen alles auf den Kopf gestellt, aber Momma und ich haben den Raum wieder so hergerichtet wie vorher. Wahrscheinlich haben wir beide insgeheim gehofft, wir würden etwas finden, das die Ermittler übersehen haben, etwas, das nur uns als Familie auffallen würde. Aber das ist nicht passiert. Seitdem war keine von uns mehr hier drin. Es tut zu weh.

Als ich mitten im Zimmer stehe, treffen mich die Erinnerungen wie ein Schlag. All die Male, die Quinton und ich hier gespielt haben. Wie er manchmal Musik angemacht hat und wir auf dem Boden gelegen, herumgealbert und uns ausgemalt haben, dass wir eines Tages die Weltherrschaft übernehmen. Dass wir unserem Versagervater, der Momma und uns hat sitzen lassen, zeigen, wie viel wir wert sind. Dass wir zueinanderhalten, egal was geschieht. Quinton ist zwar zehn Jahre älter als ich, trotzdem haben wir ein superenges Verhältnis.

Tick … tick … tick.

Ähm … seit wann tickt Quintons Zimmer? Ich kriege am ganzen Körper Gänsehaut.

Vielleicht hat der komische Paketmann ja doch die Wahrheit gesagt. Angeblich soll das Paket in Quintons altem Schrank liegen. Und tatsächlich, mit jedem Schritt wird das Ticken lauter. Hat mein Bruder mir etwa eine Uhr geschickt?

Ich beiße mir auf die Unterlippe und öffne die Tür. Der Schrank ist leer, bis auf die hässliche Riesentruhe, die Quinton im Secondhandladen aufgestöbert hat, als wir noch jünger waren. Während ich die Puppenkiste nach einer Schwarzen Barbie durchwühlt habe, hat er sich nur für dieses schäbige Ding mit dem zerfledderten Lederbezug interessiert. Er meinte damals, er brauche einen Aufbewahrungsort für seine vielen Masterpläne.

Und für sein geheimnisvolles Paket, wie es scheint. Zum Glück ist das Schloss schon vor Jahren kaputtgegangen, deswegen muss ich nur den Deckel aufklappen. Ich schiebe zahllose ramponierte Ordner und vergilbte Notizbücher beiseite.

Erst ganz unten entdecke ich einen laut tickenden schwarzen Aktenkoffer, auf dem ein weißes Post-it mit Quintons Handschrift klebt.

Für Amari

Streng vertraulich

Ich hole den Koffer aus der Truhe und stelle ihn auf den Boden. Was da wohl drin ist? Am Verschluss herumzupfriemeln bringt nichts, also versuche ich, ihn aufzureißen. Vergeblich. Da fällt mein Blick auf das Post-it auf der anderen Seite.

Öffnet sich am letzten Schultag um Mitternacht

Ich schlucke. Mein Herz hämmert. Quinton hat nie erwähnt, dass er einen Aktenkoffer für mich hätte. Aber das ist eindeutig seine Handschrift.

Vielleicht will er mir erklären, wo er steckt und was passiert ist. Nach sechs Monaten, in denen wir fast verrückt geworden sind vor Sorge … Wird mir der Koffer verraten, wie ich ihn finden kann?

Ich schaue auf seinen Wecker. 16:13 Uhr. Noch knapp acht Stunden bis Mitternacht. Und was erwartet mich dann?

23:58 Uhr.

Ich sitze in meinem Zimmer, am Kopfende meines Betts, die Knie angezogen. Der Koffer liegt am Fußende und sieht unheilvoll aus.

Ich spähe noch einmal prüfend in den Flur. Momma ist seit ein paar Stunden zu Hause, aber durch ihren Türspalt scheint kein Licht. Sie schläft wahrscheinlich. Sehr gut. Was auch immer in diesem Aktenkoffer steckt, Quinton hat deutlich gemacht, dass nur ich es sehen darf.

23:59 Uhr.

Ich tigere hin und her. Okay, ich drehe gerade völlig am Rad, oder? Ich meine, was soll schon passieren?

00:00 Uhr.

KLICK! HSSSSSSS …

Vor Schreck mache ich einen Satz. Dann schleiche ich zu meinem Bett und setze mich wieder. Nach einem tiefen, beruhigenden Atemzug klappe ich den Koffer auf und entdecke … grüne und lilafarbene Streifen.

Ich greife hinein, hole den weichen Stoff heraus und halte ihn hoch. Sieht aus wie eine Anzugjacke. Die hässlichste Anzugjacke, die man sich vorstellen kann. Darunter kommt die dazugehörige Hose zum Vorschein. Keine Ahnung, was das alles soll. Trotzdem muss ich lächeln. Typisch Quinton und sein Flachhumor.

Im Koffer liegt noch mehr – ein Umschlag und eine Sonnenbrille mit dicken Gläsern und Metallgestell. Daran klebt eine ganze Reihe Post-its.

Nr. 1:
Bitte leg dich hin,
bevor du die hier aufsetzt.

Nr. 2:
Leg dich hin. Das meine ich ernst.

Nr. 3:
Tiefbittertodernst!

Okay, okay, ich hab’s kapiert. Ich schaue mir die Sonnenbrille genauer an. Sie ist ziemlich schwer, wirkt aber sonst eigentlich normal. Jedenfalls nicht gefährlich genug für drei Warnungen. Wird einem vielleicht schwindelig oder so, wenn man durchguckt? Aber gut, wenn er es tiefbittertodernst meint …

Ich schiebe den Koffer an den Bettrand und lege mich hin, bevor ich mir die Brille auf die Nase setze. Was soll daran jetzt so schlimm …

»Amari?«, sagt eine Stimme, die ich überall wiedererkennen würde.

Quinton?!

3

Ich reiße den Kopf herum, und da steht er, mitten in meinem Zimmer, und grinst nervös. Ich springe so schnell aus dem Bett, dass ich über meine eigenen Füße stolpere, und ehe ich mich’s versehe, bin ich bei ihm und drücke ihn fest. Er erwidert die Umarmung lachend.

»Du hast mir auch gefehlt.«

Als ich den zitternden Griff lockere, löst er sich aus meinen Armen und tritt einen Schritt zurück. Ich glaube, so glücklich war ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Mein Bruder ist hier. Wirklich hier. »Wie? Wo warst du? Das müssen wir Momma erzählen!« Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus, während ich in sein sehr lebendiges Gesicht hochstarre, mit dem breiten, verschmitzten Grinsen, den großen Augen und dem nie ganz perfekt rasierten Haaransatz.

»Erkläre ich alles später. Vertrau mir einfach. Okay?«

Klar vertraue ich ihm. Aber wie ist er so plötzlich in meinem Zimmer aufgetaucht? »Hm, okay.«

»Komm mit.« Er dreht sich um und sprintet in den Flur.

Ich renne hinterher, lege jedoch vor Mommas Schlafzimmertür eine Vollbremsung hin. Ich muss ihr sagen, dass Quinton zurück ist. Sie braucht nicht länger traurig zu sein. Und wir brauchen nicht mehr ständig zu streiten. Alles kann wieder so werden wie früher.

»Dafür haben wir keine Zeit«, ruft Quinton aus dem Wohnzimmer. »Wir müssen uns beeilen!« Er reißt die Wohnungstür auf und huscht ins Treppenhaus.

Bevor ich ihm nachstürme, schaue ich ein letztes Mal zu Mommas Tür. Hat Quintons Stimme sie vielleicht aufgeweckt? Aber ihr Zimmer bleibt dunkel.

Ich darf Quinton nicht noch einmal verlieren. Ich nehme die Verfolgung wieder auf und schaffe es gerade so, mich nicht abhängen zu lassen. »Wo laufen wir hin?«

»Zum Dach.«

Zum Dach? Da haben Quinton und ich uns früher immer hochgeschlichen, obwohl Momma es viel zu gefährlich fand. Als wären wir nicht schlau genug, uns vom Rand fernzuhalten.

Wir erklimmen mehrere Treppen, bis wir das breite, leere Dach erreichen. Bloß ist es heute gar nicht leer.

»Ist das … ein Schiff?«, frage ich.

Quinton wirft einen Blick über die Schulter und grinst. »Jep.« Das Schiff ist so groß wie ein Schulbus und sieht aus, als hätte jemand eine Miniblockhütte auf das Heck fallen lassen, aus deren Schornstein Rauch quillt. Den Bug umschließt eine goldene Reling.

Ich muss lachen, so absurd ist das alles. Was geht hier nur vor sich? »Wie ist das hier raufgekommen?«

»Beeil dich!« Quinton verschwindet hinter dem Schiff.

Ich haste ihm nach und lasse die Finger über den glatten Rumpf wandern. Das Holz glänzt so sehr, dass ich im Mondschein mein Spiegelbild darin erkenne.

Quinton winkt mich zu sich und betätigt einen Hebel. Eine Klappe geht auf und verwandelt sich in eine kurze Treppe. Mein Bruder klettert voran, ich folge ihm. Ein langer Raum zieht sich durch das gesamte Schiff. Ich sehe zwei Stockbetten und ... Schwerter?, ehe Quinton eine weitere Treppe hochspurtet.

Wir kommen oben auf dem Deck heraus, wo er mich zu zwei großen Steuerrädern aus Holz führt. Das Rad vor uns lässt sich nach rechts und links drehen, wie bei jedem anderen Schiff auch. Das rechts neben uns ist um neunzig Grad gedreht, sodass man es von uns aus nur nach vorne und hinten bewegen kann.

Ich streiche über das normale Steuerrad. Als das Schiff einen Ruck nach vorn macht, zucke ich zusammen.

Quinton lacht. »Erst sollten wir ein bisschen an Höhe gewinnen.« Er nickt in Richtung des zweiten Rads.

Ich weiche einen Schritt zurück und schüttle ungläubig den Kopf. »Mit Höhe meinst du ja wohl nicht …«

»Oh doch, genau das.« Grinsend dreht er das Rad vorwärts. Mein gesamter Körper erstarrt, als das Schiff nach oben steigt. Ich schlinge beide Arme um die Reling und klammere mich fest. Unser Haus und alles andere unter uns wird immer kleiner. Wie kann das sein?

Mein Bruder amüsiert sich köstlich. »Entspann dich, das Ding ist dreifach ausbalanciert. Man kann gar nicht runterfallen.«

»Quinton, wir fliegen. Wir fliegen! Und du willst so tun, als wäre das total normal?«

Noch ein Grinsen. »Vielleicht ist es das ja auch.«

Dann packt er das erste Steuerrad mit beiden Händen, und das Schiff schießt los. Alles um uns herum verschwimmt, die Sterne über uns werden zu leuchtenden Streifen. Der Wind peitscht mir ins Gesicht, aber dafür, dass wir offenbar ganz schön schnell sind, stehe ich erstaunlich sicher – als hätte ich festen Boden unter den Füßen.

Sobald Quinton das Rad loslässt, hält das Schiff mitten in der Luft sanft an.

Ein salziger Geruch kitzelt mich in der Nase. Ringsum ist nichts als Wasser. »Ist das das Meer?«

Mein Bruder nickt. »Guck mal durch das Teleskop an der Reling nach unten und sag mir, was du siehst.«

Nach unten? Wer bitte benutzt ein Teleskop, um nach unten zu schauen?

Trotzdem tue ich, was er sagt. »Ich sehe bloß Wasser.«

»Guck weiter. Das ist ein besonderes Teleskop, vielleicht brauchen deine Augen einen Moment, um sich daran zu gewöhnen.«

Ich blinzle. Nichts … und plötzlich doch etwas. Es ist nur eine Sekunde lang da und dann wieder weg. Ein weißer Blitz, der über den Meeresgrund zuckt.

»Was war das?«, frage ich Quinton.

»Dreh an dem Rädchen da und schau es dir noch mal genauer an.«

Ich folge seinen Anweisungen, und das Bild wird größer. Jetzt erkenne ich, dass der Blitz eigentlich ein schimmernder Zug ist, der über den Ozeanboden rast. »Unmöglich«, flüstere ich.

Als ich ein Stück rauszoome, entdecke ich noch mehr Züge, so viele, dass mich ihr Licht fast blendet. Es scheinen Tausende zu sein. Sie kreuzen sich und brausen in alle Richtungen. Das Meer leuchtet, als wollte es den Sternenhimmel über uns in den Schatten stellen. Die ganze Welt wird zur Lichtshow, nur für mich.

Mit Tränen in den Augen drehe ich mich zu Quinton. »Das ist wunderschön.«

Das breite Lächeln, das sein Gesicht erhellt, seit er in meinem Zimmer aufgetaucht ist, erlischt langsam. »Der Atlantis-Express. Ich wünschte nur, ich hätte ihn dir persönlich zeigen können.«

»Was soll das heißen?«, frage ich.

»Ich wollte, dass du weißt, wie groß und unglaublich die Welt ist. Alles hier, von den Zügen da unten bis zu diesem Schiff, ist real, Amari. Es ist immer da, du musst nur genau hinsehen. Alles … außer mir.«

Ich schüttle den Kopf. »Aber du stehst doch direkt vor mir.«

»Du schaust durch die Sonnenbrille. Sie zeigt dir eine interaktive Aufnahme. Wir nennen es einen Hellwachtraum. Er sollte dir geliefert werden, falls mir etwas zustößt. Und das ist es anscheinend. Ich habe einen gefährlichen Job angenommen, den ich über alles liebe. Ich kannte die Risiken. Trotzdem wünschte ich, ich könnte jetzt bei dir sein.«

Die Welt um uns herum trübt sich.

Ich stürze auf Quinton zu und klammere mich an ihn. »Was ist passiert?«

»Das weiß ich nicht«, antwortet er leise. »Aber dieser Traum sollte erst abgeschickt werden, wenn die Oberbehörde mich für vermisst erklärt … oder für tot.«

Ich schaudere. »Nur für vermisst. Das spüre ich.«

Quinton drückt mich fest. »Egal, was geschehen ist, bitte lass dich davon nicht abschrecken, die Welt bis in den letzten Winkel zu erkunden. Da draußen wartet so viel Atemberaubendes auf dich. Ich habe dir eine Nominierung mit weiteren Anweisungen dazugelegt.«

»Eine Nominierung?«, frage ich. »Wofür?«

Auf einmal wird alles schwarz.

»Die Zeit ist um, Krümel. Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch«, flüstere ich. »Und ich werde dich finden. Den echten Quinton. Koste es, was es wolle.«

4

Am nächsten Morgen klopft Momma in aller Herrgottsfrühe an meine Tür, damit wir noch zusammen frühstücken können. Mutter-Tochter-Zeit und so.

Kurz frage ich mich, ob der Hellwachtraum wirklich echt war, aber ein Blick in den Aktenkoffer überzeugt mich. Mein Bruder hat einen interaktiven Traum für mich gemacht, ihn in eine Sonnenbrille gesteckt und sie in unsere Wohnung liefern lassen. Wo ist so was nur möglich?

Ich habe fest vor, es herauszufinden.

»Alles in Ordnung, Babygirl?«

Mommas Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. »Oh, äh, ja, alles gut.« Ich schaufle ein paar Cornflakes auf meinen Löffel.

Sie mustert mich über unseren kleinen Esstisch hinweg. Sie macht sich Sorgen darüber, wie ich mich fühle, nach allem, was gestern in der Schule war.

Am liebsten würde ich ihr von Quinton und dem Hellwachtraum erzählen. Sie verdient es, Bescheid zu wissen. Aber wie erklärst du jemandem, dass dein vermisster Bruder dir einen Besuch abgestattet und von einem fliegenden Schiff aus Unterwasserzüge gezeigt hat, ohne komplett gaga zu wirken?

Also halte ich den Mund.

»Das mit dem Laptop war nur zu deinem Besten.« Momma seufzt. »Mir fehlt er doch auch. Jeden Tag. Aber im Moment gibt es eben nur uns beide. Das klingt vielleicht hart, aber es ist mein Job, dir die allerbeste Zukunft zu ermöglichen. Und das kann ich nicht, wenn du dein ganzes Leben auf Eis legst und auf etwas hoffst, das unter Umständen nie passiert.«

»Schon kapiert«, sage ich schnell, um das Ganze nicht noch einmal durchkauen zu müssen.

»Dann kapierst du bestimmt auch, warum du bis auf Weiteres Hausarrest hast.«

Beinahe spucke ich die Cornflakes quer über den Tisch. »Dein Ernst?«

»Du weißt genau, dass man keine Leute schubst. Selbst wenn sie es verdienen.« Momma steht auf und greift nach ihrer Handtasche. »Ich muss heute ein bisschen früher zur Arbeit. Eine Kollegin hat ein krankes Baby zu Hause. Aber ich will ja nicht hören, dass du diese Wohnung verlassen hast. Verstanden?«

»Jawohl, Ma’am.«

Momma hält inne und schaut mich prüfend an. »Das sagst du sonst nur, wenn du was ausheckst.«

Ich setze meine überzeugendste Unschuldsmiene auf und schüttle den Kopf.

»Hmpf. Bevor du auf irgendwelche Ideen kommst: Mrs. Walters hat ein Auge auf die Wohnung, während ich weg bin. Und du kennst sie ja, sie macht nichts lieber, als ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken.«

»Schon verstanden.« Momma hat nur gesagt, dass sie es nicht hören will. Nicht, dass ich nicht rausdarf.

Zurück in meinem Zimmer breite ich den gesamten Inhalt des Koffers auf dem Bett aus – den grün-lila Hosenanzug, den Umschlag und die Sonnenbrille, die den Hellwachtraum ausgelöst hat. Ich setze sie schon zum zehnten Mal heute Morgen auf, aber sie will einfach nicht mehr funktionieren.

Also lese ich mir noch einmal die zwei Zettel durch, die im Umschlag waren. Auf der ersten Seite steht:

(Auf alle ausgehenden Schreiben heften!)

WARNUNG

WARNUNG (falls Sie die erste übersehen haben)

WARNUNG (inzwischen haben Sie es bestimmt begriffen)

Die folgenden Informationen sind streng vertraulich, da sie einen Ort betreffen, der Millionen wohlgehüteter Geheimnisse wahrt. Es kann eine Reihe schwerwiegender Konsequenzen nach sich ziehen, die Unterlagen ohne entsprechende Genehmigung einzusehen, namentlich u. a.:

  • Tod durch Sturz ins Bodenlose Loch

  • Schuss ins Weltall, eingesperrt in eine Blechbüchse

  • Verfütterung an ein gewisses Wesen in einer gewissen Unterwasserhöhle, dessen Name zum Zwecke der Geheimhaltung ungenannt bleiben soll

Ich lese den ersten Absatz ungefähr dreimal. Ich meine, bodenlose Löcher und geheime Unterwasserwesen?

Sollten Sie versehentlich an diese Unterlagen gelangt sein und o. g. Konsequenzen vermeiden wollen (und wir finden heraus, ob Sie gelinst haben), tun Sie Folgendes:

Stecken Sie die Dokumente in einen Umschlag, kleben Sie ihn zu und wickeln Sie ihn in mindestens drei gelbe Decken (vorzugsweise im selben Farbton), dann packen Sie alles in einen Karton, kleben diesen ebenfalls zu und schicken ihn an diese Adresse:

Geht Sie nichts an

Völlig-egal-Straße

New York, NY 54321

Sollten Sie allerdings als besonders eingestuft worden sein und daher über die entsprechende Genehmigung verfügen, blättern Sie einfach weiter zur nächsten Seite.

G. Haim

Vor letzter Nacht hätte ich über eine solche Warnung gelacht. Aber irgendetwas sagt mir, dass diese Leute, für die Quinton arbeitet – wer immer sie sind –, jedes Wort ernst meinen. Zum Glück hat mein Bruder ziemlich deutlich gemacht, dass die Unterlagen für mich bestimmt sind. Das bestätigt auch das zweite Blatt.

Nominierung

Nominierende*r: Quinton Javon Peters

Nominierte*r: Amari Renee Peters

Gültig zwischen dem zwölften und achtzehnten Geburtstag.

Bitte bringen Sie diese Nominierung mit zum erforderlichen Vorstellungsgespräch in:

1440 North Main St., Atlanta, GA 30305

Betreten Sie an o. g. Adresse den Fahrstuhl ganz links, und zwar allein. Sobald sich die Türen geschlossen haben, drücken Sie sechsundzwanzigmal auf den Knopf für das Untergeschoss (UG) und warten Sie auf weitere Anweisungen.

Jetzt muss ich da nur irgendwie hinkommen. Leider war die Warnung längst nicht das Gruseligste im Aktenkoffer. An einem Bein des Hosenanzugs klebt ein weiteres Post-it.

Zieh den hier zum Vorstellungsgespräch an.

Anscheinend hat Quinton den Verstand verloren. Ich soll in unserem Viertel in einem grün-lila-gestreiften Hosenanzug rumlaufen? Ich schaffe es wahrscheinlich nicht mal aus dem Haus, ohne dass mir jemand einen dummen Spruch drückt. Und noch mehr Ärger kann ich gerade echt nicht gebrauchen. Ich setze mich aufs Bett und beiße mir auf die Lippe.

Das alles fühlt sich so unwirklich an. Total verrückt.

Aber was, wenn es doch real ist? Wenn es meine einzige Chance ist, mehr über meinen Bruder rauszufinden? Meine einzige Chance, ihn wieder nach Hause zu bringen?

Na schön. Ich werde da hingehen. Und ich werde diesen potthässlichen Anzug tragen.

Ich schleiche durchs Treppenhaus, als wäre ich in einem Horrorfilm und wollte mich vor dem Killer verstecken. Die Nominierung knistert in der Anzugjackentasche. Zum Glück ist die Straße leer. Bis ein paar kleine Kinder aus dem Nachbarhaus stürmen und kichernd auf mich zeigen. Ich bin so abgelenkt, dass ich vergesse, mich vor Mrs. Walters Fenster zu ducken. Sie entdeckt mich natürlich sofort und kritzelt etwas in ihr Notizbuch. Ich bin so was von erledigt!

Dämlicher Anzug. Meine Laune ist auf dem Tiefpunkt, als ich die Bushaltestelle erreiche. Ein Blick aufs Handy verrät mir, dass der Bus jede Minute kommen müsste. Je eher, desto besser.

Plötzlich hält ein blitzsauberer kirschroter Camaro neben mir. Alle Fensterscheiben gehen gleichzeitig runter, und ein paar Jungs um die achtzehn strecken die Köpfe heraus.

Einer mit langen Locs grinst mich an. »Yo, Lil Mama, hast du dich verlaufen? Der Zirkus is vor ’ner Woche weitergezogen.« Das ganze Auto bricht in schallendes Gelächter aus.

Meine Wangen brennen. »Lasst mich in Ruhe.«

»Wo hast du die andern Smarties gelassen?«

Noch mehr Gelächter.

»Habt ihr nichts Besseres zu tun?«, knurre ich.

Da geht die hintere Tür auf der anderen Seite des Wagens auf. Jayden springt heraus und trabt zu mir. »Ey, Leute, meine Freundin hier hat gesagt, ihr sollt sie in Ruhe lassen.«

Die Jungs reißen noch ein paar Witze darüber, dass er offenbar auf mich steht, dann fahren sie mit quietschenden Reifen davon.

Jayden setzt sich neben mich. Er scheint fünfzehn Zentimeter gewachsen zu sein, seit ich ihn zuletzt getroffen habe. Und er wirkt immer noch viel zu jung für seine Größe. Die Goldkette funkelt in der Sonne, seine Air Jordans sind nigelnagelneu. »Siehst gut aus, Mari. Cooler Afro.«

Ich lächle. »Danke. So hat mich schon seit Ewigkeiten keiner mehr genannt.«

Er zuckt mit den Schultern. »Hängst ja auch nicht mehr mit uns ab. Nicht seit Quinton … du weißt schon.«

»Mhm.« Obwohl Jayden und ich gleich alt sind und wir im selben Haus wohnen, kenne ich ihn eigentlich nur durch das Nachhilfeprogramm des Jugendzentrums, wo Quinton sich früher engagiert hat. Eigentlich kenne ich alle meine alten Freunde über meinen Bruder. Echt peinlich …

Plötzlich lacht Jayden los. »Okay, jetzt mal ehrlich: Was ist das für’n Fummel? Der neueste Shit bei den Bonzen?«

»Haha … Nein, der ist für ein Vorstellungsgespräch. Das … ach, das ist schwer zu erklären.«

»Suchst du ’nen Ferienjob oder so?«

Ich nicke. »So was in der Art.«

Jaydens Miene wird ernst. Er guckt sich verstohlen um, bevor er mir in die Augen schaut. »Wenn du Cash brauchst, kann ich dir was leihen.« Er zieht eine dicke Rolle Zwanzig-Dollar-Scheine hervor. »Das is für die ganzen Male, die dein Bruder und du mir den Arsch gerettet habt.«

Heute sieht man es Jayden nicht mehr an, aber er hatte es schwerer als die meisten anderen hier. Quinton und ich konnten uns immer auf Momma verlassen. Wenn wir bei Jayden zu Besuch waren, wusste er oft nicht einmal, wo seine Mutter überhaupt steckte. Oder was er abends essen sollte. »Ihm den Arsch zu retten« hieß einfach, mit ihm zu teilen, was ich gerade dabeihatte. Und das war manchmal nur ein Schokoriegel. Er war jedes Mal unendlich dankbar.

Ich mustere ihn prüfend, aber er scheint es todernst zu meinen. Das ist so viel Geld. Genug, damit Momma sich eine Weile lang keine Sorgen mehr um Rechnungen machen müsste. Trotzdem kann ich es auf keinen Fall annehmen. »Ich weiß, woher du das hast. Diese Typen sind in irgendwelchen Mist verwickelt. Die werden ständig verhaftet.«

Jayden stopft das Geld zurück in die Tasche. »Alter, du kennst sie doch gar nicht. Wenigstens bin ich denen nicht scheißegal.«

Quintons Warnung von früher schießt mir durch den Kopf. Du kannst die Welt nur verändern, wenn du dich mit Leuten umgibst, die das gleiche Ziel haben. Schnelle Kohle machen, Zeug verticken, das anderen schadet – du bist besser als das.

»Meinem Bruder bist du auch nicht egal«, erwidere ich. »Und die geben dir die schicken Sachen bestimmt nicht ohne Gegenleistung. Bitte sag mir, dass du dafür nicht die Schule geschmissen hast.«

Jayden verzieht das Gesicht. »Ich tue, was ich tun muss. Gute Noten kann man nicht essen. Selbst wenn, ist ja keiner mehr da, der mir beim Lernen hilft. Die Neuen von der Nachhilfe haben null Plan. Die schauen bloß auf dich runter und erzählen dir, was du alles längst wissen solltest. Quinton war anders. Der hat mir den Kram so erklärt, dass er Sinn gemacht hat.«

Seine Worte treffen mich tief. Weil sie mich daran erinnern, dass nicht nur Momma und ich auf Quinton gebaut haben. Das Nachhilfeprogramm ist nur eine Sache von vielen, die unter seinem Verschwinden gelitten haben.

Ich beuge mich näher zu Jayden. »Was, wenn ich Quinton irgendwie zurückbringen könnte? Würdest du der Nachhilfe dann noch eine Chance geben?«

Er schaut mich verdutzt an. »Soll das heißen, du weißt, wo er ist?«

Der Bus biegt um die Ecke.

»Nicht genau … Aber vielleicht habe ich eine Spur. Versprich mir einfach, dass du dir nicht deine Zukunft verbaust. Sonst wäre er echt enttäuscht.«

Ich warte noch einen Moment, ehe ich einsteige, bekomme jedoch keine Antwort von Jayden.

Als ich einen Platz gefunden habe, suche ich durchs Busfenster seinen Blick.

Er schüttelt den Kopf, dann grinst er breit und formt mit den Lippen ein lautloses »Okay, Mari«.

5

Als ich aus dem Bus steige, stelle ich überrascht fest, dass mich an der North Main Street 1440 ein geschäftiges Bürogebäude erwartet. Ein kleiner Wolkenkratzer aus dunklem Glas und Metall. Hm, so viele »wohlgehütete Geheimnisse« hätte ich an einem … geheimeren Ort vermutet.

Ich meine, hier wimmelt es nur so von Leuten. Und das an einem Samstag! Ich gehe die Stufen zum Eingang hoch und ignoriere die vielen Blicke, die mein Anzug auf sich zieht, so gut ich kann. Die Fahrstühle befinden sich am anderen Ende der Empfangshalle. Ich bahne mir einen Weg durch die Menschenmasse. Natürlich habe ich ausgerechnet den Tag erwischt, an dem hier eine große Konferenz stattfindet.

Laut Anweisungen soll ich warten, bis der Fahrstuhl ganz links leer ist. Bloß ist das deutlich leichter gesagt als getan. Genau der wird nämlich am häufigsten benutzt. Irgendwann bin ich das Rumstehen leid und setze mich auf eine schmale Bank. Nach einer Viertelstunde beruhigt sich der Trubel langsam, und ich bekomme endlich meine Chance. Doch als ich schon innerlich jubiliere, schlüpft ein grimmig dreinschauender Glatzkopf zu mir in die Kabine.

Ich strecke den Arm aus, um die Türen aufzuhalten.

Der Mann wirbelt herum. »Was soll das? Ich habe ein wichtiges Meeting und bin spät dran.«

Wenn ich mir nicht schnell etwas einfallen lasse, komme ich nie an mein Ziel. »Ich habe eine fiese Erkältung.« Zum Beweis schniefe und huste ich ein paarmal laut. »Ich möchte Sie nur ungern anstecken.«

Der Mann weicht zurück, und seine Miene wird noch grimmiger. »Tja, also, ich kann auch auf den nächsten warten.« Er springt so hastig aus dem Fahrstuhl, als hätte ich die Pest.

Endlich bin ich allein. Die Türen gleiten zu. Ich werfe noch einen prüfenden Blick auf die Nominierung. »Drücken Sie sechsundzwanzigmal auf den Knopf für das Untergeschoss.«

Beim letzten Knopfdruck wird das Licht dunkler, und ein roter Strahl scannt die Kabine. »Nominierung erkannt«, verkündet eine Roboterstimme. »Bitte treten Sie ein.« Mit einem lauten Klicken öffnet sich die Rückwand des Aufzugs. Dahinter erscheint ein gewundener, metallverkleideter Gang.

Was zur …? Wie kann so was im echten Leben passieren?

Ich beuge mich vor, um herauszufinden, wohin der Gang führt, sehe aber nur bis zur ersten Kurve. Okay, kneifen gilt nicht. Ich reiße mich zusammen und folge dem Gang bis zu einem kleinen Warteraum mit sechs Stühlen und einem Zeitschriftenregal in der Ecke.

Die rundliche blonde Frau am Tresen lächelt mich an. »Wie kann ich dir helfen?«

»Mein Bruder hat mich nominiert für …« Ja, für was eigentlich?

»Natürlich«, erwidert die Frau höflich. »Leider ist der zuständige Sachbearbeiter nicht …«

Ein entferntes Krachen unterbricht sie. »Ah, anscheinend ist er gerade eingetroffen. Einfach durch die Tür hier links. Sein Büro befindet sich ganz hinten rechts.«

Ich folge ihrer Wegbeschreibung und stecke den Kopf durch die halb offene Tür. Dahinter liegt ein zertrümmerter Schreibtisch. Über den Holzsplittern steht ein ziemlich seltsam aussehender Mann. Er ist größer als ich, aber genauso dünn. Sein wirres braunes Haar ist von grauen Strähnen durchzogen. Er selbst ist eigentlich gar nicht das Problem, sondern seine Klamotten.

Die Hose ist knallorange. Also, müllabfuhrorange. Auch sein Hemd ist orange, was an sich ja nicht so ungewöhnlich ist, aber dieses Hemd besitzt noch dazu die Frechheit, mit orangen und braunen Federn bedeckt zu sein.

»Immer hereinspaziert.« Der Mann winkt mich zu sich, ohne aufzublicken. »Ich muss noch ein wenig aufräumen. Dabei habe ich dem Transporter doch gesagt, ich will an meinen Schreibtisch, nicht in meinen Schreibtisch.« Er streicht sich übers Kinn. »Andererseits hatte ich gerade in ein köstliches Steaksandwich gebissen.«

Nervös trete ich ein. Transporter?

»Ich heiße Amari …«

»Und ich Barnabus Ware, aber weitere Vorstellungen werden wohl nicht nötig sein, fürchte ich.« Er hat mich bisher kein einziges Mal angeschaut. »Das diesjährige Sommerprogramm hat schon begonnen. Die Kinder sind bereits auf die Zimmer verteilt.«

Schon begonnen? Mir rutscht das Herz in die Hose. »Soll das heißen, ich bin zu spät dran? Aber ich habe meine Nominierung gerade erst bekommen!«

»So sind die Regeln. Wer auch immer dich nominiert hat, hätte eine Fristverlängerung beantragen müssen, wenn dein Schuljahr später endet. Aber es gibt auch einen nächsten Sommer.« Endlich hebt er den Blick, und seine Augen werden groß. »Entschuldige die Frage, aber ist das ein echter Duboise?«

Ich sehe auf die hässlichen grün-lila Streifen hinunter und zucke mit den Schultern. »Duboise?«

Mr. Ware schnappt nach Luft. »Die brillanteste Mode- und Accessoire-Designerin der Welt!« Er stakst durch die Überreste seines Schreibtisches und greift nach dem Saum meines rechten Ärmels, um den Stoff zu befühlen. »Sehr gut. Ja, wirklich exquisit. Magst du die Jacke vielleicht mal kurz ausziehen? Ich würde sie unheimlich gern anprobieren.«

»Oh, äh, klar.« Merkwürdig, dass sich jemand für dieses geschmacklose Teil interessiert, und nicht etwa, weil er es verbrennen und auf der Asche herumtanzen will. Aber dieser Kerl fühlt sich ja auch in orangefarbenen und braunen Federn wohl. Ich schlüpfe aus der Jacke und reiche sie ihm.

Er versucht tatsächlich, sie anzuziehen. Er überragt mich um mindestens einen Kopf. Die passt ihm nie im Leben!

Tut sie doch. Und zwar perfekt. Mir klappt die Kinnlade runter. »Wie …?«

»Ja, definitiv echt. Man kann nie vorsichtig genug sein bei den ganzen billigen Fälschungen da draußen. Aber nur ein echter Duboise hat die Einheitsgröße, die allen schmeichelt. Meine Frau und ich schwören darauf.« Mr. Ware deutet auf sein eigenes Outfit. »Diese Kombination stammt aus der Tropenkollektion Essenz eines sandigen Papageis. Du wunderst dich vielleicht, warum ich aussehe, als wäre ich im Urlaub. Nun, ich war auch im Urlaub und habe ihn sehr genossen, möchte ich hinzufügen, als mich plötzlich eine dringende Nachricht von meiner Vorgesetzten erreicht hat, dass ein Kind nachnominiert wurde und niemand im Büro ist. Man sollte meinen, dass die Kolleginnen und Kollegen für einen einspringen, wenn man im Urlaub ist – das würde man doch erwarten, oder?«

»Äh, schätze schon. Können wir noch mal darauf zurückkommen, wie meine Jacke Ihnen …«

Mr. Ware wirft die Hände in die Luft. »Ganz genau! Das ist nun wirklich nicht zu viel verlangt. Aber nein! Nicht, wenn man mit Thesda Greengrass zusammenarbeitet. Sie bekommt jedes Mal einen Nervenzusammenbruch, wenn sie ihr eine ihrer vermaledeiten Katzen wegnehmen. Die Frau begreift einfach nicht, warum ihre Nachbarn etwas gegen einen Tiger haben könnten. Piepegal, Ende des Monats hat sie sowieso einen neuen. Keinen blassen Schimmer, wo sie die immer herkriegt …«

»MR. WARE!«, unterbreche ich ihn. Mir klingeln schon die Ohren.

»Ja?«

»Meine Jacke. Wie ist sie so groß geworden, dass sie Ihnen passt?«

»Durch einen patentierten Zauber natürlich. Wie denn sonst?«

»Einen Zauber?« Ich hebe eine Augenbraue. »Sie meinen … Magie?«

»Ja.« Mr. Ware verschränkt die Arme. »Wenn ich fragen darf: Wie bist du noch gleich an diesen Anzug gelangt?«

»Er lag in einem Aktenkoffer. Den mein Bruder mir geschickt hat.«

»Ah, ich verstehe. Und vermutlich ist dein Bruder der Erste aus deiner Familie in dieser Branche?«

»Kann gut sein. Auch wenn ich keinen Schimmer habe, was diese Branche eigentlich ist.«

Wieder streicht Mr. Ware sich übers Kinn. »Normalerweise drücke ich bei den Regeln kein Auge zu, aber wie könnte ich ein Kind wegschicken, das einen so hervorragenden Modegeschmack hat – wenn auch unbeabsichtigt.« Er seufzt. »Nun denn, setz dich.«

Ich tue, wie mir geheißen. Es fühlt sich ziemlich komisch an, jemandem über den Trümmern eines Schreibtisches gegenüberzusitzen.

»Hiermit darf ich dir einen Platz in unserer einzigartigen Sommerakademie anbieten«, verkündet Mr. Ware. »Leider kann ich dir nicht viel mehr über besagte Sommerakademie verraten, bis du dich entschieden hast, ob du das Angebot annimmst. Überleg es dir gut. Solltest du nicht interessiert sein, dann endet unser Gespräch hier und jetzt, und du kannst in dein altes Leben zurückkehren und tun, was auch immer du tun wolltest. Deshalb findet das Gespräch auch in diesem Büro und nicht in der Oberbehörde statt. Wenn du allerdings Ja sagst, dann solltest du dir bewusst sein, dass du auch zur Teilnahme verpflichtet bist. So weit alles klar?«

Ich schlucke und nicke. »Also geht es bei diesem Vorstellungsgespräch nur darum, ob ich den Platz haben will?«

»Exakt«, bestätigt Mr. Ware, ebenfalls nickend. »Hättest du es lieber schwieriger? Ich kann mir ein paar algebraische Gleichungen einfallen lassen, wenn du möchtest.«

Ich schüttle schnell den Kopf.

Mr. Ware gluckst. »Und wie lautet deine Entscheidung?«

So gern ich sofort Ja sagen würde, will mir eine Sache einfach nicht aus dem Sinn. »Mein Bruder hat erzählt, sein Job wäre gefährlich. Stimmt das?«

Erst denke ich, Mr. Ware würde meine Frage ignorieren, aber dann meint er: »Das ist durchaus im Bereich des Möglichen.«

Plötzlich bekomme ich richtig Bammel. Bilder von Bombenentschärfungen und Alligatorenkämpfen schießen mir durch den Kopf. »Können Sie mir wirklich nicht mehr verraten?«

»Tut mir leid, aber ich habe schon viel zu viel gesagt. Ich fürchte, für alles Weitere musst du deine Entscheidung treffen.«

Selbst wenn es gefährlich ist, Quinton wollte, dass ich erlebe, was er erlebt hat. Und wann wollte er je etwas anderes als mein Bestes? Bei der Erinnerung an die leuchtenden Züge auf dem Meeresgrund erfasst mich eine Aufregung, die ich mir nicht erklären kann. Außerdem ist das hier vielleicht meine einzige Chance herauszufinden, was mit Quinton passiert ist …

Ich schaue Mr. Ware fest in die Augen und sage: »Ich nehme den Platz an.« Dann warte ich atemlos darauf, was als Nächstes geschieht.

6

Mr. Ware springt auf und schüttelt mir begeistert die Hand. »Herzlichen Glückwunsch! Hervorragende Entscheidung! Immer ein Vergnügen, ein neues Gesicht in der Oberbehörde für Übernatürliches willkommen zu heißen.«

Meine Finger sind halb taub, als Mr. Ware sie wieder loslässt. Aber das ist gerade mein geringstes Problem. »Oberbehörde für Übernatürliches?«

Mr. Ware grinst. »In allen Teilen der Welt gibt es Geschichten über Geschöpfe, die eigentlich nur unserer Fantasie entsprungen sein können. Was, wenn ich dir sagen würde, dass all die Wesen, die wir als Märchen abtun, mitten unter uns leben? Trolle und Sphinxe, Meerjungfrauen und andere Gestalten, die man mit eigenen Augen sehen könnte und doch nie für echt halten würde – sie alle und viele mehr wohnen in unseren Städten und laufen durch unsere Straßen. Vielleicht gehört sogar deine Nachbarin oder dein Lieblingslehrer dazu. Und nicht nur das. Viele Übernatürliche haben eigene Städte, riesengroß und nur ein kleines Stück abseits der ausgetretenen Wege. Die Oberbehörde für Übernatürliches ist das Bindeglied zwischen der bekannten Welt und dem Verborgenen. Unsere Aufgabe ist es, das Geheimnis zu wahren.«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm das alles abkaufe. Ein seltsamer Hosenanzug ist eine Sache. Zu hören, dass Fabelwesen real sind, eine ganz andere. »Okay … aber wenn das stimmt, hätten die Leute dann nicht das Recht zu erfahren, ob ein Werwolf neben ihnen im Bus sitzt?«

»Zum Glück fahren Werwölfe lieber Zug. Aber ja, die übernatürliche Welt birgt viele Gefahren, und wir tun unser Bestes, um die Unschuldigen zu beschützen. Warum das Ganze? Nun, die übernatürliche Welt wird aus einem sehr guten Grund geheim gehalten: Seelenfrieden. Meistens fürchten Menschen, was sie nicht verstehen. Und aus Furcht wird allzu leicht Hass. Man denke nur an den Großen Krabblerkrieg 1969 zurück. Die Vereinigung der Intelligenten Insekten hat ein Menschenspray erfunden. Wie du mir, so ich dir, das sollte doch jeder vernünftige Mensch nachvollziehen können, aber du wärst überrascht, wie schnell die Vernunft flöten geht, wenn die Krabbler zurücksprühen. Das war kein einfaches Jahr für die Oberbehörde.«

Ich verschränke die Arme und lehne mich zurück. »Davon steht in den Geschichtsbüchern aber kein Wort.«

»Wir sind sehr gut in dem, was wir tun.« Mr. Ware lächelt. »Und zwar schon sehr lange.«

Na schön, das alles kann ich ja bald selbst herausfinden. Im Moment interessiert mich etwas anderes viel brennender als Märchen oder Magie. »Mein Bruder wird vermisst. Können Sie mir irgendwas über ihn erzählen? Er heißt …«

Mr. Ware steckt sich die Finger in die Ohren. »Die Oberbehörde ist nicht der sicherste Arbeitsplatz. Vermutlich hat dein Bruder in einer der gefährlicheren Abteilungen gearbeitet. Ich habe zwar nicht mitbekommen, dass jemand gestorben oder verschwunden wäre, aber ich schotte mich auch ganz bewusst von solchen Neuigkeiten ab. Ich bin derjenige, der sie anwirbt, verstehst du? Ich würde es zu schwer nehmen.«

»Natürlich.« Ich muss mir in Erinnerung rufen, dass es wahrscheinlich noch sehr viel mehr Leute gibt, die ich nach Quinton fragen kann.

Mr. Ware greift hinter sich und hat plötzlich eine Tasche in der Hand. »Ein Unsichtbeutel«, sagt er mit einem Zwinkern. »So einen sollte man immer dabeihaben.« Darin steckt ein Stapel Bücher, von denen er eins herausholt. Ich versuche, den Titel zu entziffern, aber er scheint in einer anderen Sprache geschrieben zu sein. Vielleicht Französisch? Auf einmal verblassen die Buchstaben flackernd, nur um gleich darauf als Tausendundeine Karrieremöglichkeit wieder aufzutauchen.

Mr. Ware schlägt das Buch auf und blättert darin herum. »Deine Ausbildung erfolgt in den Sommerferien und dauert bis zu deinem achtzehnten Geburtstag. Danach wirst du ein vollwertiges Mitglied der Oberbehörde. Wenn du das Auswahlverfahren bestehst, bekommst du ein Stipendium für eine beliebige Schule des Landes, egal wie exklusiv oder teuer. Auf Wunsch kannst du die Abteilung Anfang des nächsten Sommers noch einmal wechseln, aber dann musst du auch das Auswahlverfahren noch einmal durchlaufen, damit du dein Stipendium behältst.« Endlich entscheidet er sich für eine Seite und reicht mir das Buch. »Das hier ist mein Job. In diesem Buch findest du Beschreibungen von allen Stellen, die es in der Oberbehörde gibt. Welche davon für dich infrage kommen, hängt sowohl von deinem Potenzial als auch von deiner Fähigkeit ab.«

Ich nicke und schaue auf die aufgeschlagene Seite.

ABTEILUNG FÜR ÜBERNATÜRLICHE REGISTRIERUNG UND VERWALTUNG

Sachbearbeiter*in für Auszubildende

Mindestanforderung: Holzabzeichen

Hauptaufgaben: Durchführen der Vorstellungsgespräche mit Nominierten und Anbieten eines Platzes in der Sommerakademie zur Vorbereitung auf eine Laufbahn in der Oberbehörde für Übernatürliches

»Was heißt ‚Holzabzeichen‘?«, frage ich.

»Das wäre der nächste Punkt auf unserer Tagesordnung: Abzeichenbestimmung. Dein Abzeichen zeigt dein gegenwärtiges Potenzial an Intelligenz, Mut, Neugier und dergleichen. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, du bist Pappe. Ganz vorn im Buch ist eine Liste.«

Pappe? Ich runzle die Stirn und blättere zurück zur ersten Seite.

Abzeichen

Gold

Silber

Bronze

Eisen

Kupfer

Stein

Glas

Holz

Plastik

Pappe

Alufolie

Notizpapier

Ich lasse die Schultern hängen. Pappe steht weit unten, nur über Alufolie und Notizpapier. War ja klar, dass ein Schwarzes Mädchen aus der Wood eins der niedrigsten Abzeichen kriegt. Warum sollte die übernatürliche Welt in irgendeiner Weise anders sein als meine?

»Ich nehme an, du weißt, wie man das hier benutzt?« Mr. Ware reicht mir ein sehr langes, sehr dünnes Plastikröhrchen. »Funktioniert wie ein altes Fieberthermometer.«

Nur die Zahlen fehlen. Okay, los geht’s … Ich puste einen Fussel von der Spitze und stecke mir das Ding in den Mund. Es liegt kaum eine Sekunde lang unter meiner Zunge, da will Mr. Ware es schon zurück.

Wir beobachten, wie die rote Flüssigkeit bis ganz nach oben steigt, und zwar so schnell, dass das Röhrchen in Mr. Wares Hand zerspringt. Wir schauen uns an. Er legt die Stirn in Falten. »Interessant …«

»Ist das gut oder schlecht?«, frage ich.

Statt mir zu antworten, zieht er eine kleine Metallkiste mit dem Wort Starterkit auf dem Deckel aus seinem Unsichtbeutel und drückt sie mir in den Bauch. »Sei morgen um achtzehn Uhr an dieser Adresse.«

»Morgen?

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