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Amalientöchter

Über Joan Weng

Joan Weng, geboren 1984, studierte Germanistik und Geschichte und promoviert über die Literatur der Weimarer Republik. Bei Aufbau Taschenbuch sind die Romane »Das Café; unter den Linden« und »Die Frauen vom Savignyplatz«, sowie die Kriminalromane »Feine Leute« und »Noble Gesellschaft« lieferbar.

Informationen zum Buch

Aufbruch in ein neues Leben.

Weimar im Dezember 1918: Klara verspürt eine unbändige Lust auf Leben. Der Krieg ist vorbei, gerade wurde die Republik ausgerufen, und es wird ein Wahlrecht für Frauen geben! Aber was nutzt ihr alle Freiheit, in der Enge ihres kaisertreuen Elternhauses? Kurzentschlossen folgt Klara ihrer großen Liebe Fritz nach Berlin. Doch die Aufbruchsstimmung kippt: Bewaffnete Unruhen machen ihren Aufenthalt nicht mehr sicher. Als bekannt wird, dass die neue Verfassung in Weimar gegründet werden soll, kann Fritz sie überreden, zurückzukehren. Denn seit Kurzem schreibt Klara für eine Zeitung, die sich – ganz im Sinne der neuen Zeit – nur an Frauen richtet. Klara besucht die Versammlungssitzungen, ihre Berichte finden immer mehr Leserinnen, doch dann verursachen sie einen politischen Skandal …

»Ein atmosphärische, exakt recherchierter Roman über Emanzipation, die Entstehung der Weimarer Republik und über beste Freundinnen. Absolut empfehlenswert!« ULRIKE RENK

Joan Weng

Amalientöchter

Roman

Für Knufke und Karl, Weltenretter,

und für Elena, Weltenretterin

Prolog
Weimar, Sommer 1917

Es war zu eng. Viel zu eng, freies Atmen unmöglich. Klara war einfach viel zu fest in ihr Korsett geschnürt. Die Mutter hatte darauf bestanden und vielleicht hatte sie ja auch recht. Schließlich werde man nicht jeden Tag fotografiert – außerdem plante Klara, Fritz eines der Bilder heimlich zu schicken.

Im Wartebereich des Fotoateliers war es trotz weit geöffneter Fenster stickig und schwül. Der Schweiß rann ihr den Nacken und die Stirn hinab, lockte ihr mühsam glatt an den Kopf gelegtes Haar. Warum dauerte es nur so lange?

Seit bestimmt einer halben Stunde saß sie nun schon hier und wartete darauf, dass sie an die Reihe kam. Sie griff nach ihrer Schultasche, betrachtete einen Moment lang den halben Säuglingssocken mit gehäkeltem Spitzenrand, den musste sie heute auch noch fertigkriegen. Handarbeiten lagen Klara nicht besonders, bei ihrem kommende Ostern anstehenden Abitur fürchtete sie Hauswirtschaft deutlich mehr als Chemie.

Neben dem Strumpf steckte ihr Schreibblock. Klara rang mit sich, Schreibblock oder Strumpf? Der Schreibblock siegte, schließlich würden ihre Freundinnen Lotti und Grete nachher bestimmt das neue Kapitel hören wollen. Gegen fünf Uhr würden die beiden im Lazarett Schluss machen, danach waren sie mit ihr in der großherzöglichen Bibliothek verabredet. Wieder spürte Klara das nagende schlechte Gewissen, sich wegen der Fotografie um den Verwundetendienst gedrückt zu haben.

Aus dem Atelier drangen plötzlich Schreie – das verzweifelte Toben eines Kindes. Dann flog die Tür auf, und ein kleines Mädchen stürzte heraus. »Ich will zu meiner Mama!«, brüllte es. »Zu meiner Mama! Mama!« Es dauerte einen Moment, bis Klara das Kind erkannte – die kleine Nichte des Fräulein Seidenmanns. Im selben Moment trat diese in den Wartebereich, das sonst so kunstvoll in Kränze gelegte Haar zerzaust und das elegante, fliederfarbene Leinenkostüm ganz zerknittert. »Paulinchen! Mäuschen, was ist denn los?«

»Meine Mama soll kommen!«, brüllte die Kleine, entriss der Tante die Handtasche und schleuderte sie an die Wand.

Klara wusste gar nicht, wo sie hinsehen sollte und nur, um irgendetwas zu tun, versuchte sie, den verstreuten Tascheninhalt einzusammeln.

Münzen, ein Taschentuch mit Monogramm, Lebensmittelmarken, in dem zu eng geschnürten Korsett war das Bücken eine Qual, und dann, dann sah Klara sie. Da lag eine Postkarte. Eine Ansichtskarte von Neapel!

Obwohl befreundete Familien mitunter Bildungsreisen ins Ausland unternahmen, kannte Klara niemanden, der es jemals nach Neapel geschafft hatte. Eigentlich wusste sie nicht einmal so genau, wo Neapel überhaupt lag. Am Meer und unter strahlend blauem Himmel, zumindest, wenn man der Aquarellzeichnung auf der Karte Glauben schenken durfte.

Wegen des Geschreis unbeobachtet, drehte sie blitzschnell die Karte um. In tiefem Blau prangte da eine italienische Briefmarke, die Rückseite war eng beschrieben, in einer schwungvollen Schrift.

Die Welt versank – Neapel! Wie es wohl war, wenn man nach Neapel reiste? Oder wenn man wenigstens Menschen kannte, die einem von dort schrieben? Durch wie viele Hände diese Karte gegangen sein musste, was dieses kleine Viereck alles gesehen hatte! So viel mehr als sie. War nicht auch Großherzogin Anna Amalia in Neapel gewesen? Und hatte sie nicht dort sogar einen musikalischen Salon geführt? Es war Klara, als könnte sie das angeregte, geistreiche Geplauder, das Rauschen und Rascheln von steifen Seidenkleidern hören, dazu der Geruch des Meeres, von Sand und Sonne. Plötzlich fühlte sich Klara ihr seltsam verbunden, die weitgereiste Anna Amalia, das bezaubernde Fräulein Seidenmann und Klara, vereint durch diese Karte. Es war fast, als färbte etwas vom Glanz dieser großen Frauen auf sie ab, als sei diese Karte ein Versprechen, was diese konnten, würde sie vielleicht auch können – eines Tages, da war sie sich mit einem Mal ganz sicher. Und warum eigentlich nicht? Was sprach dagegen?

Sehr viel – die Kosten, das Gerede, ganz aktuell der Krieg. Und doch, die Großherzogin Anna Amalia hatte es auch getan, allem Gerede zum Trotz. Ganz fest hielt Klara die Karte, diesen sichtbaren, fühlbaren Beweis einer Welt dort draußen.

»Danke.« Fräulein Seidenmann stand plötzlich neben ihr, griff nach der Tasche. Das kleine Mädchen weinte nun lautlos, das weiß-blaue Matrosenkleidchen beschmutzt und zerknittert. »Ich möchte heim zu meiner Mama«, bat es leise, und da begann plötzlich auch Fräulein Seidenmann zu schluchzen. Die Tränen liefen ihr ungehindert über das Gesicht, sie machte keine Anstalten, sie zu verbergen.

Für einen Moment wusste Klara nicht, was sie tun sollte, doch dann, obwohl sie sich nicht besonders gut kannten, legte Klara ihr einen Arm um die Schulter. Zu gern hätte sie etwas Tröstendes gesagt, aber sie sollte erst viel später begreifen, was eigentlich passiert war. Daher fragte sie nur: »Soll ich Sie nach Hause begleiten?« Das Fräulein schüttelte den Kopf, wandte sich zum Gehen.

»Ihre Karte«, rief Klara, Fräulein Seidenmann griff nach ihr, warf einen raschen Blick darauf, und dann ließ sie sie einfach fallen.

Schnell bückte sich Klara nach der Karte, starrte auf die feine Aquarellzeichnung und hatte plötzlich wieder das Gefühl, frei atmen zu können.

Kapitel 1
Weimar, Dezember 1918

Fritz war wieder da, doch als Klara davon erfuhr, war es bereits fünf Tage vor Weihnachten oder anders gesagt, Fritz war seit mindestens 48 Stunden zurück, ohne sich bei ihr gemeldet zu haben. Warum nur meldete er sich nicht? Freute er sich denn gar nicht auf sie? Fehlte sie ihm nicht?

In seinem letzten, noch in Berlin aufgegebenen Brief hatte das ganz anders geklungen – da hatte er das Wiedersehen gar nicht abwarten können. Und 48 Stunden waren eine wirklich lange Zeit, selbst für einen wie Fritz, der abwechselnd mit der Rettung der Welt oder einer anstehenden Blinddarmoperation beschäftigt war. Konnte man so lange vergessen, sich bei seiner Verlobten zu melden?

Gut, wirklich offiziell verlobt waren sie nicht, aktuell noch ohne Ring und Bekanntmachung in der Zeitung, aber bei seinem letzten Fronturlaub im vergangenen Mai hatte Fritz sie in aller Form seinen Eltern vorgestellt, und dies, obwohl sie Klara von Kindesbeinen an kannten. Ihr verstorbener Vater, der Privatsekretär des Großherzogs, und der Lungendoktor hatten sich früher alle paar Wochen auf ein Gläschen Kognak und eine Partie Domino getroffen.

In den darauf folgenden Monaten hatte Fritz' Mutter sie mehrfach nachmittags eingeladen und, bei echtem Bohnenkaffee und einem Obstkuchen, dem man die allgegenwärtigen Rationierungen nicht anmerkte, in freundlichen Worten über die Anfordernisse und gesellschaftlichen Verpflichtungen einer Arztgattin gesprochen. Das hatte doch schließlich etwas zu bedeuten, oder? Mit einiger Mühe hatte Klara sich dann auch wie die höhere Tochter benommen, die sie ja nun auch einmal war, hatte sehr aufrecht gesessen, keinen zweiten Löffel Zucker in den Kaffee genommen und Interesse am Rosenschneiden geheuchelt. Was sollte sie auch machen? Schließlich liebte sie Fritz. Da musste sie seine Mutter eben in Kauf nehmen.

Es war ihr mit jeder Einladung leichter gefallen, denn sie spürte aufrichtiges Mitleid mit Fritz' Mutter, die so überhaupt nichts von dem wusste, was dort draußen in der Welt vor sich ging. Die so ganz offensichtlich keine Ahnung hatte, was ihr Sohn für ein Mensch war oder auch nur, wie sehr sich seine Zukunftspläne von ihren Vorstellungen unterschieden.

Deutlich weniger Mitleid, sondern nur mühsam unterdrückte Gereiztheit brachte sie jedoch ihrer eigenen Mutter entgegen. Nach jenem Treffen im letzten Mai hatte diese begonnen, mit prüfendem Blick die gesamten Weißwäsche ihres Haushalts durchzugehen, hatte überlegt, ob sich diese Tischdecke oder jener Bettüberwurf besser für ein Brautkleid eigne, vielleicht mit einem Saum aus den Spitzenvorhängen der guten Stube?

Klara hatte daneben gesessen, an ihrer Unterlippe genagt und sich nicht getraut darauf hinzuweisen, dass ein Kleid in Reinweiß strenggenommen nicht mehr passend war und der geschlossene Kranz auch nicht, wenn man schon beim Thema war.

Nur: Jetzt war der Krieg schon über einen Monat lang aus, Fritz endlich wieder in Weimar, und nichts! Nicht einmal ein paar rasch hingeworfene Zeilen, dafür musste er doch Zeit finden – selbst wenn er im Lazarett, in das sie noch immer täglich neue Verwundete brachten, sicher viel zu tun hatte. Trotzdem, warum nur meldete er sich nicht?

Voller Ungeduld tigerte Klara in ihrem Zimmer auf und ab. Was war nur los? Schon sein letzter Brief hatte deutlich kühler geklungen. Sie hatte es auf die bedrückende Arbeit in einem Seuchenlazarett geschoben. Was aber, wenn er sie gar nicht mehr heiraten wollte?

Klara seufzte, warum waren Männer bloß so schrecklich kompliziert? Warum durfte man als Frau nicht einfach direkt fragen, Du, was ist das zwischen uns denn jetzt? Immer abwarten und sanft und anschmiegsam und verständnisvoll sein, es war doch zum Verrücktwerden! Dabei wusste sie ganz genau, was sie wollte.

Eine Zukunft ohne Fritz, ohne seine hochfliegenden Träume und vor Idealismus glänzenden Augen, konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Punkt.

Und die Reaktion ihrer Mutter auf eine Trennung, die durfte sie sich nicht vorstellen, obwohl sie nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, ob ein sang- und klangloses Verschwinden von Fritz die Mutter eher betrüben oder in ihrer Weltsicht bestätigen würde. »Warum sollte sich ein junger, gut aussehender, in Heidelberg studierter Arzt, Fecht-Chargierter seiner Verbindung, einziger Sohn einer der besten und vermögendsten Familien Weimars für deinen Krauskopf interessieren? Erzähl mir das mal, meine teure Klara!« Wie oft hatte sie diese Frage gehört. Fritz' Liebe zu ihr war ihrer Mutter schon immer spanisch vorgekommen. »Auch wenn er noch so seltsame politische Ideen vertritt, so verwirrt kann ein Mann doch gar nicht sein?«

Anfangs hatte Klara noch versucht, dagegen anzureden, aber irgendwann hatte sie es aufgegeben, hatte sich den Sermon brav eine halbe Stunde lang angehört und war dann in ihr Zimmer gegangen, um sich mit ihrer Sammlung von Ansichtskarten zu beschäftigen. Das Wissen, dass es da draußen noch so viel mehr Welt gab, als nur das kleine enge Weimar, hatte sie meistens trösten können. Diese Welt wartete auf sie, das spürte Klara ganz genau. Aber heute hätten die Karten sie nur noch mehr an Fritz und ihre gemeinsamen Träume erinnert. Nein, es war Zeit zu handeln, sie konnte unmöglich länger in der Enge der mütterlichen Wohnung sitzen und warten!

Auf Zehenspitzten schlich Klara sich an den Garderobenschrank im Flur, nahm ihren guten, eigentlich für das aktuell nasskalte Wetter vollkommen ungeeigneten Theatermantel heraus. Es gab einfach Situationen, da siegte der Wunsch nach Schönheit über die Vernunft. Sie warf ihrem Spiegelbild einen letzten, ziemlich missvergnügten Blick zu. Normalerweise war sie mit ihrem Aussehen ganz zufrieden, aber heute kam ihr alles schlicht ganz und gar falsch vor.

Hastig schnürte sie sich die Stiefel, wenigstens die Beine waren in Ordnung, die sah zwar nie einer, hübsch waren sie trotzdem. Dann drückte sie lautlos die Messingklinke, witschte blitzschnell ins Treppenhaus, wo sie nun ohne weitere Rücksicht die steinerne Treppe herunterpolterte, an der frisch polierten Tür der Witwe Morgenstern vorbeistürmte und mit einem kleinen Sprung die letzten Stufen nahm.

Raus. Endlich raus.

Draußen, in der schneidend kalten Winterluft, blieb sie einen Moment verschnaufend stehen. Wohin nun? Zu Lotti? Eher nicht, Lotti war am Büffeln, sie stand kurz vor der Meisterprüfung in Fotografie – als erste Frau in ganz Thüringen, das hatte ihr Vater bei der Kammer durchgesetzt, er brauchte schließlich einen Nachfolger und die Söhne waren alle gefallen. Dazu hatte die Freundin aber noch ganz andere Sorgen. Erst gestern noch hatten sie sich leise flüsternd darüber in der Bibliothek unterhalten, seit Wochen das gleiche Gespräch, die gleichen bangen Sorgen. Lottis Verlobter, der Kriegsfotograf Paul Rieger war Mitte Oktober, kurz nach Bildung der parlamentarischen Regierung unter Max von Baden nach Wilhelmshaven beordert worden. Die Heeresleitung hatte wohl Gefallen an Pauls Aufnahmen von grimmig entschlossenen, gern auf ihr Gewehr gestützten Frontsoldaten sowie seinen seltsam schönen Aufnahmen zerstörter (französischer) Landstriche gefunden. Als sein besonderes Talent galt es, mit seiner Kamera noch dem rattenverseuchtesten Grabenabschnitt etwas Endzeitlich-Heroisches zu verleihen, und diese Gabe schien nun in Wilhelmshaven benötigt, denn dort wurde während der letzten Oktobertage die Hochseeflotte zusammengezogen. Leutnant Rieger hatte also pflichtgemäß fotografiert, die gewünschten von Morgennebel umwogten Bilder der SMS Markgraf und die windgepeitschte deutsche Flagge vor dem Hintergrund dramatischer Wolkengebirge, vor allem aber fotografierte er bald mit Begeisterung Meuterer und die rote Fahne. Das letzte Lebenszeichen von ihm stammte aus Kiel, wo es ihm wohl gelungen war, den vor einer Matrosenversammlung sprechenden SPD-Vertreter Gustav Noske vor die Linse zu bekommen, schräg von oben, die Massen sich im Endlosen verlierend, wie er Lotti stolz geschrieben hatte. Danach hatte er weiter nach Berlin gewollt, ohne Befehl und ohne offizielle Kriegsdienstentlassung – nur aus der Hauptstadt kam plötzlich keine Nachricht mehr. »Was, wenn er verhaftet worden ist, oder tot – als Deserteuer, als Revolutionär erschossen?«, hatte Lotti wieder und wieder gefragt.

»Und wenn nur einfach sein letzter Brief nicht angekommen ist? Vielleicht knipst er im Moment bei bester Gesundheit neben Arbeitern marschierende Matrosen, das Schild Brüder! Nicht schießen!, links oben im Rand? Oder stell dir vor, vielleicht sogar Rosa Luxemburg?«

Bei dem Gedanken an die geniale Politikerin, diese allen Anfeindungen trotzende Denkerin, die einzige Frau vor einer Masse gebannt lauschender Männer, war Klara ganz aufgeregt geworden.

»Oder er fotografiert schöne Berlinerinnen, mit roter Fahne und sonst nichts am Leib. Du kennst doch Paul«, hatte Lotti trotzig hinzugefügt und war in Tränen ausgebrochen. Nein, zu Lotti konnte sie mit ihren dummen, kleinen Fritz-Sorgen wirklich nicht gehen.

Entschlossen gab Klara sich einen Ruck. Sie fror inzwischen ziemlich, die Bewegung würde sie etwas wärmen, der Theatermantel war zwar herrlich elegant, doch eindeutig zu dünn.

Sie würde zu Grete gehen, wobei …

Die Freundin hatte Klara nämlich nicht nur die Hochzeit, sondern auch die Witwenschaft voraus. Grete bewahrte Haltung. Das hatte sie schließlich im Lyzeum gelernt, wenn sie weinte, dann tat sie es allein. Sie trug kein Schwarz und erwähnte ihren Mann nie wieder – allerdings nahm sie kurz darauf eine Stelle im Lazarett an. Dreizehn, vierzehn Stunden täglich gab sie nun dünne Suppe und sonntags auch Ersatzkaffee aus, wechselte Verbände, verteilte Bettpfannen und verschenkte ihr trotz allem strahlendes Grübchen-Lächeln. Andererseits, den Trost dieses Lächelns brauchte sie jetzt wirklich. Vielleicht würde sich Grete über ein wenig Abwechslung freuen?

Es hatte zu schneien begonnen, und auch wenn man noch weit entfernt von den Schneemassen des vergangenen Winters war, Weimar begann bereits, sich in ein Puderzuckerparadies zu verwandeln.

Sie entschied, den langen, schönen Weg durch den Ilmpark zu nehmen, vorbei an der künstlichen Ruine und der Shakespeare–Statue. Früher hatte sie sich immer vor dem lachenden Totenschädel am Fuß der Statue gefürchtet, doch mittlerweile erinnerte sie der stolze Shakespeare nur noch an ihren Vater und seine große Verehrung für den Dichter. Was hatte er immer zu ihr gesagt? Ungeduld ist aller Laster Anfang.

Klara seufzte. Wo er recht hatte, hatte er recht, es würde sich schon alles fügen, vielleicht brachten die sich ändernden Zeiten auch für sie eine Veränderung?

Frauen durften jetzt ja sogar wählen – zwar hatte Klara mit ihren neunzehn Jahren das auf zwanzig gesenkte Wahlalter knapp verfehlt, aber der Tag würde kommen, an dem auch sie mitbestimmen könnte. Ihre Zeit würde kommen. Ob mit oder ohne Fritz, ihre Zeit würde kommen – wenn es nur mit Fritz wäre.

Ganz still stand sie da, betrachtete den immergrünen Efeu, der die künstliche Ruine hinter dem Denkmal überwucherte – sehr friedlich war der Park in diesen grauen Stunden.

Es hätte irgendein Nachmittag der letzten vierzehn Jahre sein können; der verlorene Krieg, die Revolution in Berlin, die Abdankung des Kaisers, Fritz' seltsames Schweigen, Gretes gefallener Mann und Lottis verschollener Fotograf, all das schien so unsagbar weit weg. Der Schnee fiel ruhig, doch unaufhaltsam.

Ein Parkwächter lief mit knirschenden Schritten an ihr vorbei, ihm fehlte das rechte Auge und er zog das linke Bein nach, doch Unfälle hatte es immer gegeben. Im Frieden wie im Krieg hinkten die Parkwächter.

Ein Rotkehlchen nahm auf Shakespeares Schulter Platz, plusterte sich auf, sah Klara aus klugen Knopfaugen an, und einen Moment lang erfüllte sie Freude. Es war der erste Vogel, den sie seit Wochen, wenn nicht Monaten sah, doch dann erinnerte sie sich an den Grund für das Verschwinden der Tiere, auch der Katzen und der Mäuse.

»Sch, flieg weg!«, zischte sie und machte eine auffordernde Bewegung mit den Armen. »Weg mit dir, du dummer Vogel. Los, troll dich, wenn sie dich kriegen, fressen sie dich auf.«

Aber das Rotkehlchen blieb sitzen, vielleicht war es erschöpft, vielleicht auch nur neugierig, was die wildhaarige Frau im Theatermantel da Sonderbares trieb, und gerade in dem Moment, in dem Klara mit ihrem Schlüsselbund zum Wurf ausholte, wild entschlossen, diesem begriffsstutzigen Federvieh eine Lektion in Gefährlichkeit der Menschen einzubläuen, fragte eine vertraute Stimme: »Klara, mein Mädchen, was um alles in der Welt machst du da?«

Fritz!

Da stand er, in seinem dunkelbraunen Tweedmantel, einen dicken Strickschal um den Hals und eine an eine Husarenkappe erinnernde Pelzmütze auf den noch militärisch kurzen, blonden Haaren. Statt seines wilhelminischen Schnauzers trug er nun einen, seine Schmisse verdeckenden, etwas unordentlichen Vollbart – vielleicht lag es daran, dass er ihr so fremd und verändert vorkam.

»Klara, freust du dich denn gar nicht?« Er breitete die Arme aus, und als sie schüchtern zögerte, machte er einen Schritt nach vorne, umschlang sie, presste sie sich heftig an die Brust. Und da war er, der vertraute Geruch nach Tabak und Desinfektionsalkohol. Mit dem behandschuhten Zeigefinger hob er Klaras Kinn ein wenig an, gab ihr einen Kuss auf den Mund. »Freust du dich nicht? Hast du mich schon ganz vergessen?«

Klara schüttelte den Kopf, machte sich von ihm los, platzte heraus: »Na, du bist gut! Wer hat denn hier wen vergessen? Du bist schon seit dem 17. wieder hier und hast mir kein Lebenszeichen geschickt. Was glaubst du, wie ich mich gefühlt habe!«

Natürlich wusste sie, dass das ein ganz schlechter Anfang war, Frauen dürfen Männern niemals Vorhaltungen machen, das steht ihnen erstens nicht zu, und zweitens mögen Männer es nicht, auf etwaige Verfehlungen hingewiesen zu werden, noch dazu in scharfem Ton. Aber auch wenn sie das mit der sanften Zurückhaltung im Alltag so einigermaßen hinbekam, wenn sie sich ärgerte, war es damit vorbei. Und im Moment ärgerte sie sich wahnsinnig, besonders weil Fritz auch noch lachte – ein typisches Fritz-Lachen, sehr laut, breit und selbstsicher.

»Klara, mein kleiner Derwisch«, prustete er, nachdem er sich ein bisschen beruhigt hatte. »Mein Mädchen, wie es leibt und lebt.«

Kopfschüttelnd zog er sie erneut zu sich. »Ich hatte zu arbeiten. Es hat sich viel geändert in den letzten Monaten. Die Welt ist im Umbruch und die Lazarette sind voll. Dazu das Wetter, die Glätte, der Frost, die Spanische Grippe, die Alten und die ganz Jungen, sie sterben mir wie die Fliegen. Und sag selbst, woher hätte ich ahnen sollen, dass du von meiner Rückkehr weißt? Ich hätte mich schon bei dir gemeldet. Was sind schon ein paar Tage, wir haben Revolution! Komm hilf mir, ich wollte Efeu sammeln.«

Mit dem Kinn zeigte er auf den Arztkoffer zu seinen Füßen. »Bewegung wird dir guttun, wenn man nur rumsteht, kühlen die Glieder aus, ganz schlecht, kriegt man Grippe von, normale nicht die Spanische. Möchtest du vorbeugend eine isländische Moospastille? Sind meine letzten.«

Klara konnte nur den Kopf schütteln, ihre Wut war verflogen, jetzt hatte er es doch wieder geschafft, sie um den Finger zu wickeln!

»Auch gut, dann stehst du Schmiere, und ich ernte die Ruine ab. Wenn du einen Parkwächter siehst, pfeifst du, in Ordnung?«

»Aber warum klaust du Efeu?«

Die erste Begegnung mit ihrem aus dem Krieg heimgekehrten zukünftigen Ehemann hatte sie sich irgendwie anders vorgestellt.

»Ist als Umschlag gut gegen Nervenschmerzen. Wir haben sehr oft Nervenschmerzen bei den Amputierten«, erklärte Fritz indessen und öffnete seinen Koffer, begann mit großem Eifer, Blätter vom Ruinenbewuchs zu rupfen. »Ich will mir einen kleinen Vorrat anlegen, in Berlin ist Efeu schwer zu bekommen.«

»Ah so.« Klara stutzte, »du willst wieder nach Berlin?«

»Natürlich.« Jetzt hörte er tatsächlich einen Moment mit der Ernte auf und sah sie aufmerksam an: »Was soll ich denn hier? Wer's bis nach Weimar ins Lazarett geschafft hat, der ist über den Berg. Aber in Berlin ist Revolution, in Berlin wird scharf geschossen. Da braucht man Ärzte. Ich reise schon morgen früh zurück in die Hauptstadt. Es wird Bambule geben, das ist klar. Dieser Ebert und seine Scheidemänner sind Radieschen, die sind nur außen rot. Mit denen können unsere Leute nicht regieren.«

»Aber mit wem denn dann? Mit Liebknechts Leuten?«

Nachdenklich rollte er ein Efeublatt zwischen den Fingern. »Mit Liebknecht? Im Leben nicht. Liebknecht, ein beeindruckender Mensch, ein politisches Genie, aber vollkommen wahnsinnig. Eine Revolution nach russischem Vorbild? Völlig unmöglich. Dafür herrschen hier die falschen Bedingungen, das wird nie klappen. Nie! Aber du hättest ihn sehen sollen, wie er im Herbst in Berlin ankam, frisch aus der Haft entlassen, zu Tausenden sind die Menschen zum Anhalter Bahnhof geströmt, nur, um einen kurzen Blick auf ihn zu erhaschen. Die Massen lieben ihn einfach. Wenn er spricht, will man all das Gesagte glauben, weil er selbst so fest daran glaubt.«

Klara nickte. Da war er wieder, der Fritz, den sie für seine Begeisterung liebte. Und natürlich wollte er wieder nach Berlin, da passierte schließlich was – während sie hier nur alles aus der Zeitung erfuhr. In Weimar würde ganz sicher nie Geschichte geschrieben werden, Weimar hatte seinen behaglichen kleinen Platz in den Geschichtsbüchern schon bekommen, und damit war es zufrieden.

Fritz' Augen hatten richtig zu leuchten begonnen, als er von den Erlebnissen berichtete. Wie gerne wäre sie dabei gewesen, am neunten November, nach der Abdankung des Kaisers, als Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstags die Republik ausgerufen hatte – vorläufig noch eine Republik ohne Verfassung und ohne gewählte Regierung, aber dafür mit allgemeinem, gleichem und direktem Wahlrecht, auch für Frauen.

Als sie es in der Zeitung gelesen hatte, hatte sie es nicht glauben können. So ein unbeschreibliches Glück – politische Mitsprache, Gleichberechtigung!

Und obwohl sie wütend auf Fritz war, weil er Berlin ihr vorzog, fragte sie: »Warst du da, beim Reichstag? Oder beim Berliner Schloss, als Karl Liebknecht die Republik ausgerufen hat?«

»Nein. Ich hab gearbeitet, ich hab an dem Tag über fünfundzwanzig Patienten an die Spanische Grippe verloren, ich hab's erst erfahren, als Hilde, die Oberschwester davon erzählt hat. Und um ehrlich zu sein, dachte ich im ersten Moment nur: Scheiße, jetzt hat das Fieber Hilde auch erwischt. Sie fantasiert schon

Er lachte kopfschüttelnd. »Ich konnte es wirklich nicht glauben. Dass es so schnell gehen sollte. Morgens sind wir noch in einer Monarchie aufgestanden und abends waren wir eine Republik. Nicht zu fassen, dass wir das miterleben durften. Ich glaube, ich habe es immer noch nicht ganz begriffen. So ein Glück, dafür hat sich der Krieg beinahe gelohnt. Wenn jetzt nur der Frieden hält.«

»Und nun willst du da also wieder hin, nach Berlin? Obwohl scharf geschossen wird. Hattest du das jetzt nicht lange genug?«

Der letzte Satz war vielleicht doch ein wenig spitz geraten, jedenfalls quittierte Fritz ihn mit einem lauten Einziehen der Luft, dann sagte er knapp: »Ganz offensichtlich nicht.«

»Ach, jetzt schmoll nicht«, bat Klara. »Ich weiß ja, du willst den Menschen helfen, aber das kannst du hier auch, du hast selbst gesagt, die Lazarette sind voll. Kannst du nicht bleiben? In Sicherheit, bei mir? Nur ein bisschen, bis sich die Lage beruhigt hat?«

Fritz erwiderte nichts, sondern rupfte stumm-verbissen Efeu.

»Weißt du«, versuchte Klara es weiter, »ich mach mir doch nur Sorgen. Nehmen wir, nur als Beispiel, das Seuchenlazarett, in das du dich im Herbst hast versetzen lassen. Du sagst mir, dir kann nichts passieren, du seist immun, weil du die Grippe schon im Frühling hattest. Gut, du hattest Grippe, aber andere, die gestorben sind, auch. Du hast es einfach angenommen, und ich, ich saß hier und hab jeden Tag drauf gewartet, dass deine Mutter anfängt, Schwarz zu tragen.«

»Ach, Klara«, seufzte Fritz und ließ dabei seinen inzwischen prall gefüllten Arztkoffer zuschnappen. »Du bist wirklich ein liebes, gutes Mädchen, weißt du das?«

So wie Fritz das sagte, klang es nicht besonders erstrebenswert, ein liebes, gutes Mädchen zu sein.

»Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen, wirklich nicht. Ich hab doch immer Glück, selbst wenn ich die Grippe hab, ist es am Ende ein Glück.« Mit diesen Worten schleuderte er seinen Koffer von der kleinen Anhöhe hinter dem Shakespeare-Denkmal in den Schnee, sprang dann selbst hinterher. »Wir beide werden schon noch heiraten, nur eben nicht gleich.«

War das jetzt der Antrag? Klara schluckte trocken. War es nicht das, was sie die ganze Zeit hatte von ihm hören wollen? Hatte ihr Fritz nicht soeben versichert, er würde sie vor den Altar führen? Ihr Fritz, mit den hochfliegenden Idealen und manchmal wirren, doch immer so unsagbar schönen Träumen? Er würde sie also heiraten, nicht jetzt sofort, aber er würde. War das kein Grund zur Freude? Warum hatte sie dann nur das Gefühl, vor Wut platzen zu wollen? Sollte sie nicht besser … Doch noch bevor sie den Gedanken zu Ende führen konnte, platzte es aus ihr raus: »Fritz, das hat damit gar nichts zu tun. Ich meine, danke für den Antrag und ja, vermutlich werden wir heiraten, schon weil ich mir keinen anderen Weg denken kann, für immer bei dir zu bleiben, aber versteh doch: Ich mache mir Sorgen. Nicht, dass du mich sitzen lässt, sondern, dass dir etwas passiert. Ich kenn dich doch, wenn da einer im Kreuzfeuer liegt und nach dem Arzt schreit, bist du der Idiot, der losgeht, ihn zu holen. Kannst du vielleicht bitte auch mal an mich denken, nicht immer nur an die anderen? Und an dich selbst? Ich liebe dich, wenn dir etwas passiert, passiert es dann auch mir! Und das will ich nicht.«

Tröstend legte er einen Arm um sie. »Klara, mein Mädchen, du weißt gar nicht, wie schwer du es mir machst, von dir fortzugehen. Deshalb habe ich so lange gezögert, dich zu besuchen.« Zärtlich fuhr er ihr mit dem behandschuhten Finger über die Wange. »Ich würde auch lieber hierbleiben, im kleinen, gemütlichen Weimar, wo meine Mutter sich über die Einschränkungen durch den Krieg beschwert und erzählt, sie habe das zweite Dienstmädchen entlassen müssen und bräuchte nun oft den ganzen Tag, nur um ausreichend Kohlen und Brot zu bekommen. Gestern hat die Köchin mir ihr Leid geklagt, sie habe letzten Winter sogar Pudding und Marmelade aus der Hindenburgknolle machen müssen und das, wo sie doch so besonders köstlich Erdbeeren einkochen kann – weißt du, wenn ich so etwas höre, da könnte ich schreien. In Berlin, in München, in Hamburg und Stuttgart verhungern Kinder, denen fehlen nicht die Erdbeeren in der Marmelade, denen fehlt das Brot. Denen fehlt alles – vom Vater über die Schuhe bis zum Essen.«

Klara legte ihren Kopf an Fritz' Schulter und so, eng beieinander untergehakt, stapften sie durch den Schnee. Nach ein paar Metern blieb Fritz plötzlich stehen, wickelte ihr seinen dicken Wollschal um. »Damit du nicht noch mehr frierst, du eitles kleines Geschöpf. Weißt du, was ich am Allerliebsten machen würde? Am allerliebsten würde ich dich jetzt sofort und auf der Stelle heiraten, mir ein bequemes Plätzchen in der Praxis meines Herrn Papas suchen und unseren Kindern beim Heranwachsen zusehen. Aber es geht leider nicht. Es wäre feige. Die Welt ist im Wandel. Und sie braucht Ärzte, jetzt mehr denn je. Es wäre nicht richtig, es mir hier behaglich zu machen, während in Berlin die Menschen, die etwas für uns verändern, meine Hilfe brauchen. Es ist wie damals, als mein Vater mich für kriegsdienstuntauglich erklären lassen wollte. Ich will nicht in einer Welt leben, in der die Söhne reicher Ärzte kriegsdienstuntauglich gemauschelt werden, während der Sohn unseres Kutschers irgendwo vor Verdun im Schlamm versunken ist. Und ich will mir später auch nicht den Vorwurf machen, die Hilfsbedürftigen in Berlin im Stich gelassen zu haben. Die Welt ist im Wandel, und vielleicht kann ich meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass der Wandel in die richtige Richtung geht. Vielleicht ist dieser Wunsch auch eitel, aber ich fühle mich verpflichtet, es wenigstens zu versuchen – verstehst du das?«

Natürlich verstand sie das. Deswegen liebte sie ihn ja. Aber trotzdem war da dieses nagende Gefühl, ausgeschlossen zu werden, von seinem Leben oder zumindest von dem, was sein Leben wirklich ausmachte.

»Wie geht es Jakob?«, fragte sie, weniger aus tatsächlichem Interesse an Jakob, als um Zeit zu gewinnen. Sie hatte eine Idee, doch die musste erst durchdacht werden.

Jakob war Fritz' engster Studienfreund. Gegen Mitte seiner Heidelberger Studentenzeit hatte Fritz sich aus Gründen der Konzentration bei der Kaufmannswitwe Helga Sommerfeld ein Zimmer gemietet. Frau Sommerfeld hielt sich sehr aufrecht, lachte nie und hatte eine eiserne Moral, sie duldete grundsätzlich keinen Damenbesuch und Herren auch nur bis vier Uhr nachmittags. Den Genuss alkoholischer Getränke verbat sie sich ebenfalls, und es war allseits bekannt, dass sie Zimmerherren, die in ihren scharfen Augen einen berauschten Eindruck machten, vor der Wohnungstür nächtigen ließ. Sonntags verlangte sie Kirchgang, und gebadet werden durfte jeden zweiten Sonnabend, nach der Großwäsche. Es war ihr bisher noch immer gelungen, jeden verbummelten Studenten durch das Examen zu bekommen – nur eine kleine Schwäche besaß sie, und diese Schwäche war Jakob Zittlau.

Jakob war Berliner, Schriftsteller und wohnte Tiefparterre. Manchmal stand er sinnend in Frau Sommerfelds prächtigem Obstgarten und hielt lächelnd eine Apfelblüte in der Hand – dann keimte ein Gedicht in ihm. Allerdings war seine Lyrik trotz der Affinität zu Blumen eher politisch, abstrakt, reimfrei und von daher schwer verkäuflich. Mehrfach stand auch die Zensurbehörde vor Frau Sommerfelds Tür, doch sie verzieh ihrem Zimmerherrn jedes Mal, selbst die häufigen Besuche seiner ständig wechselnden hübschen Cousinen sah sie ihm nach – nur manchmal äußerte sie Erstaunen über seine doch sehr weitläufige Verwandtschaft.

Und auch Fritz, der bis zur Begegnung mit Jakob das biedere, sich zwischen Universität, Kneip- und Fechtsaal abspielende Leben eines Verbindungsstudenten geführt hatte, war hoffnungslos fasziniert von dem Lyriker. Jakob, der um des wirtschaftlichen Überlebens willen für Zeitungen und Zeitschriften Beiträge über das moderne Theater schrieb, nahm ihn gern mit, auch hinter die Bühne und in kleine, ständig verrauchte Cafés, wo man schon mal den ganzen Nachmittag an einem Glas Hauswein sitzen durfte. Dort, auf umgedrehten Kohlekisten flegelnd, zwischen in leere Flaschen gesteckten Kerzen und ewig fleckigen Tischdecken, wurden die beiden, der wohlhabende Arztsohn und der mittellose Dichter tatsächlich Freunde. Denn eines war ihnen bei allen Unterschieden gemeinsam: Sie konnten kein Unrecht ertragen.

Über die richtige Art des Kampfes dagegen stritten die beiden heftig, mit Wutgebrüll und zertretenem Mobiliar – Jakob brannte für Marx und den Kommunismus, für den Weltfrieden und die Vereinigung aller Proletarier; Fritz, der zu dieser Zeit begann, im Armenspital zu arbeiten, glaubte an eine friedliche Revolution – ja, vielleicht sogar abermals von oben. Eine organische Entwicklung, angeregt durch Bildung und fest verankert im Schoße der Monarchie.

Im Sommer 1913, als Fritz gerade seinen Wehrdienst antrat, zog Jakob Zittlau nach St. Petersburg, als offizieller Theaterkritiker und inoffizieller Marxist. Im Krieg hatte man ihn dann im Osten eingesetzt, nach dem Frieden von Brest-Litowsk sollte er in den Westen verlegt werden, zumindest hatte Fritz das während seines letzten Fronturlaubs im Mai erzählt.

»Wie geht es ihm?«, fragte Klara nun abermals, »hast du schon etwas von ihm gehört?«

Fritz nickte, und dann sagte er: »Seine Mutter hat mir geschrieben. Diese Mütter immer, ich hätte es nie für möglich gehalten, dass Jakob eine Mutter besitzt und noch dazu eine, die ihre Briefe auf cremefarbenem Büttenpapier verfasst. Grauenhaftes Weib.«

»Ja, und was hat seine Mutter geschrieben?«

»Wie soll es ihm gehen, wenn er nicht selbst schreibt?« Fritz zuckte die Schultern, doch in seinen Augen lag eine tiefe Traurigkeit. Manchmal drohte auch er den Glauben zu verlieren, gute Freunde starben, Kinder verhungerten und trotzdem machte Fritz weiter, immer weiter.

Eine große Hilflosigkeit überkam Klara – wie so oft im Gespräch mit Fritz hätte sie gern etwas Tröstendes gesagt, aber ihr fehlten die Worte. Sie konnte sich vorstellen, was der Verlust Jakobs für Fritz bedeutete.

»Seine Gasmaske war nicht dicht. Bei der letzten Flandernschlacht, im April.«

Klaras Kehle war wie zugeschnürt, was wenn es Fritz gewesen wäre? Es hatte so viele getroffen. Lottis Brüder, Gretes Obergefreiten. Man würde Fassung von ihr verlangen und auch erwarten können, Trauer war Normalität geworden. Oder es ginge ihr wie Lotti, die jeden Tag hoffte und betete, und mit jeder verstrichenen Stunde schwanden die Chancen auf ein Wiedersehen mit ihrem Verlobten.

Klara starrte ihre im Schnee versunkenen Schnürstiefel an, sie schämte sich – für ihren Egoismus, weil sie Fritz für sich wollte. Dabei wusste sie doch um die Wichtigkeit, die Richtigkeit seines Handelns, liebte ihn ja gerade wegen seines selbstlosen Idealismus, wegen seines unermüdlichen Anstürmens gegen die Schlechtigkeit des Lebens.

Sie musste auch etwas tun, sie fühlte es ganz deutlich – nur was? Nie würde die Mutter zulassen, dass sie wie Grete im Lazarett arbeitete oder einer ordentlichen Berufstätigkeit, wie Lotti sie anstrebte, nachging. Daran war nicht zu denken. Da würde die Mutter wahnsinnig werden.

Eine Weile gingen sie schweigend durch den immer höher werdenden Schnee. Jeder ihrer Schritte wurde sanft gedämpft, welch Sinnbild für das Leben hier! Wie lächerlich, ja, fast peinlich Klara das selbst jetzt noch so beschauliche Weimar vorkam. Selbst das Elend in den Lazaretten war ein gemildertes, wer hier lag, kam meist durch, hatte das Schlimmste überstanden. Ja, sie konnte Fritz' Wunsch, nach Berlin zu gehen, verstehen. Etwas tun, beitragen, helfen, mitwirken – nicht länger nur Zuschauer sein, sondern handeln!

Und plötzlich nahm ihre Idee Gestalt an, schien ihr nun schon fast der einzig gangbare Weg, sie musste sich nur trauen.

»Ich hab ein Geschenk für dich«, holte Fritz sie in die Gegenwart zurück. Er kramte in seiner Manteltasche herum, reichte ihr schließlich eine etwas zerknautscht aussehende Postkarte: »Für deine Sammlung.«

Wie immer, wenn sie eine neue Karte bekam, begann Klaras Herz vor Aufregung und Freude zu klopfen. Es war eine gemalte Ansicht des von der Revolution noch ramponierten Brandenburger Tors und davor, Arm in Arm, ein Paar. Klara stutzte, starrte. Das Paar, das waren Fritz und sie!

»Das hat mir ein Bekannter gemacht, nach dieser Fotografie von dir, die, bei der du dich immer beklagst, dein Korsett sei zu eng gewesen. Er ist Postkartenmaler. Ich dachte, es gefällt dir vielleicht.«

»Und wie! Das wird die Königin meiner Sammlung!« Für einen kurzen Moment waren alle Sorgen wie weggewischt. Es würde schon alles werden. Diese Postkarte, das war ein Zeichen. Sie beide vor dem Brandenburger Tor …

Sie holte tief Luft und sagte:

»Fritz.« Ihre Stimme klang vor Aufregung kieksig, sodass sie noch einmal wiederholte: »Fritz, nimm mich doch mit. Nach Berlin. Ich möchte nicht länger hier hocken, Däumchen drehen und auf dich warten. Ich möchte bei dir sein. Und ich möchte dir helfen. Ich kann das. Oder wenn das im Lazarett nichts für mich ist, dann finde ich etwas anderes. Du weißt doch, ich schreibe gut, vielleicht lässt sich damit etwas anfangen? Ich möchte mit, und ich möchte meinen Teil beitragen.«

Einen Moment lang starrte er sie einfach nur fassungslos an, dann sagte er: »Klara, in Berlin ist Revolution. Dort ist es nicht sicher. Du kommst auf keinen Fall mit. Wenn du die Hauptstadt sehen willst, dann fahr ich im Sommer gern auf Hochzeitsreise mit dir …«

»Fritz, merkst du eigentlich, was du gerade sagst? Ich bin nicht deine Mutter! Und mir geht es nicht darum, Unter den Linden ein wenig zu flanieren. Ich will meinen Teil beitragen, dazu, dass diese Zeit sich in die richtige Richtung wandelt. Wir haben Frauenwahlrecht, wir haben Gleichberechtigung. Ich will und ich werde nicht länger brav zu Hause warten, während du Menschen hilfst. Wenn Berlin für dich nicht zu gefährlich ist, ist es das auch für mich nicht.«

Fritz schüttelte nur den Kopf, bevor er jedoch etwas sagen konnte, fuhr Klara dazwischen: »Wenn du mich nicht mitnimmst, gehe ich allein.«

Er starrte angestrengt auf die in Griffhöhe von Brennholzdieben vollständig entasteten Bäume, dann blickte er sie an. »Du hast dir das jetzt also in den Kopf gesetzt, in Ordnung, von mir aus. Um dich jetzt noch abzuhalten, bräuchte ich vermutlich ein Ulanenregiment, aber – und das betone ich ausdrücklich – allein auf deine Verantwortung. Und unter einer Bedingung. Ich reise vor, sobald ich eine Bleibe für uns gefunden habe, telegrafiere ich dir die Adresse. Am besten wird es wohl bei meinem Onkel in Dahlem sein, zumindest bis wir offiziell verheiratet sind. Aber das muss ich erst klären. Das dauert ein paar Tage, zufrieden?«

»Ja«, jubelte Klara und fiel ihm um den Hals. Vor lauter Freude brauchte sie einen Moment, bis es ihr auffiel: Über Fritz' Onkel in Dahlem sprach man nicht, zumindest nicht, wenn man kein boshafter oder klatschsüchtiger Mensch war. Sein tragisches Schicksal war jedoch schon so manchem jungen Mann als mahnendes Beispiel vor Augen gehalten worden: Kaum zwanzigjährig, hatte der Vater ihn zum Studium der Juristerei nach Berlin geschickt, und dort hatte er sich zunächst durchaus sehr vielversprechend gemacht, doch dann, von einem Tag auf den anderen, brach das Unglück in Gestalt einer rothaarigen Harfenistin über ihn herein. Sie war Mutter zweier Kinder und Gattin eines seiner Professoren. Ein durch und durch schamloses Weib, sagte man, halbe Französin obendrein. Die Familie Faber schrieb mal verzweifelte, mal drohende Briefe, Fritz' Vater reiste eigens nach Berlin, um seinen geliebten kleinen Bruder zur Umkehr zu bewegen, doch es war vergeblich.

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