Logo weiterlesen.de
Am Wegesrand

Image

Kreative Schreibwerkstatt der VHS-Baar
Sylvia Mahr, Ute Schnell, Françoise
Schwellnus, Elke Herrenknecht-Blank

Am Wegesrand

Kurzgeschichten

Zum Geleit

Es wird genug über etwas geredet. Das ist meist auch viel leichter, als selbst mittendrin zu stehen. Selbst etwas kreativ zu schreiben, gehört zu dem Schwierigsten und Persönlichsten, was man tun kann. Hiermit aus dem geschützten Umfeld hinauszugehen, es anderen, kaum oder gar nicht bekannten Menschen vorzustellen, es gar zur Diskussion zu stellen – dafür braucht es eine gehörige Portion Mut und eine gereifte Kritikfähigkeit. Und viel Fingerspitzengefühl.

Ich denke hierbei weniger an die vorliegende Anthologie, sondern vielmehr an die Schreibwerkstatt, die ihr zugrunde liegt. Ohne eine Portion Optimismus und Glück wäre Anfang 2013 ein Seminar zum kreativen Schreiben an der vhsbaar wohl kaum zustande gekommen.

In dieser Zeit entstanden sehr verschiedene Kurzprosa-Stücke: kurze Texte, welche historische Vorkommnisse entstauben und ihnen in Form von Geschichten wieder ein Eigenleben geben. Anekdoten, die sich auf ganz eigene Art mit dem Thema Weihnachten befassen, mal versöhnlich, mal mit aller Absurdität des Rituals. Rein fiktionale Texte, manche im Gewand eines Märchens, perspektivische Versuche und Kurzgeschichten, die ihre Wendung in makaberem Schrecken nehmen oder in empathischem Mitgefühl. Alle eint bei aller Verschiedenheit ein bemerkenswerter eigener Ton des Erzählens, eine eigene Stimme und Rhythmik. Die Schreibwerkstatt kann stolz auf sich sein.

Dr. Jens Awe

Leiter der vhsbaar

 

Willkommen bei der Schreibwerkstatt

Ich freue mich und ich bin stolz. Seit der Gründung der Kreativen Schreibwerkstatt bei der VHS-Baar Donaueschingen flossen unter meiner Leitung viele Sätze auf das Papier.

Wenn ich mir heute die gesammelten Werke der Teilnehmerinnen anschaue und darin blättere, dann kann ich die Entwicklung der Autoren ziemlich genau nachverfolgen. Im Frühjahr 2016 dachte ich: Jetzt ist es soweit. Also schlug ich »meinen Mädels« vor, aus den Geschichten und Werken ein Buch zu machen. Ich hatte mich auf ein bisschen Überzeugungsarbeit eingestellt, doch so groß war die dann gar nicht.

Jetzt ist es also fertig, rund 150 Seiten ganz verschiedene Kurzgeschichten. Vom Märchen über reine Fiktion bis hin zu Kurzgeschichten mit historischem Hintergrund. Und nicht zu vergessen die Akrostichons, von denen ich persönlich auch immer wieder fasziniert bin.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Freude und gute Unterhaltung bei Geschichten, die man im Vorübergehen am Wegesrand findet und wie Blumen pflücken kann.

Wilfried Strohmeier

(Leiter der Kreativen Schreibewerkstatt der VHS-Baar)

Inhaltsverzeichnis

Sylvia Mahr

Der Teufel kratzt um Einlass

Marie und der Karfunkel

Verdingt

Gascho

Bi(e)nen sei Dank

Helden

Krokodilfarm

Auserwählt

Was ich will

Ute Schnell

Die Weisheit des Alters

Heldenschicksal

Mein Weihnachtsgeschenk

Willi's Kneipe

Nach Norden

Françoise Schwellnus

Das Goldstück und die Donau

Harmonie in Rot

Wilfried Strohmeiers kreative Schreibwerkstatt

Der blühende Mohn im Weizenfeld

Der Herbst ist wieder da

Der Winter kommt bald

Gute Vorsätze für das neue Jahr

Die Arbeit auf den Feldern

Elke Herrenknecht-Blank

Rex

Augustbild

Eine Wintergeschichte

Sylvia Mahr

Image

Als Mutter, Tochter und Freundin lebe ich seit beinahe 30 Jahren in Blumberg. Die Suche nach neuen Herausforderungen führte mich zu Wilfried Strohmeier. Nach vielen Semestern in seiner Kreativen Schreibwerkstatt schließe ich mich Mark Twain an, welcher sagte: »Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Worte weglassen.

Der Teufel kratzt um Einlass

Stadtgeschichte Donaueschingen - Kapelle St. Sebastian

Anno 1611, Donaueschingen ehemals Esgingen.

Es ist schon spät, als das heftige Gewitter über die Baar zieht. Ein heller Blitz zuckt über den nächtlichen Himmel und erhellt die kleine Ansiedlung Esgingen. Keine Menschenseele zeigt sich auf den schlammigen Wegen, die sich kreuz und quer durch die Siedlung ziehen. Das wenige Vieh, das den Bauern nach dem Überfall der Villinger geblieben war, steht zum Schutz vor dem Unwetter in den kleinen Hütten. Die Menschen, die hier leben, sind meist arme Bauern, den Grafen von Fürstenberg unterstellt. Ja, die Grafen leben wohl in ihrem Schloss. Hinter den dicken Mauern lassen sie es sich gut gehen, während die Bauern von Missernte und Krankheit geplagt werden. Doch die Esginger sind ein zähes Volk, gottesfürchtig und hart arbeitend leben sie ihr ärmliches Leben voll der Mühsal und Entbehrungen. Noch ein heftiger Blitz zerreißt die Himmelsschwärze und schlägt in den Baum ein, der ganz am Rande der Siedlung neben einer kleinen Bauernhütte steht. Der Baum spaltet sich, ein dicker Ast streift an der Wand der Kate entlang und fällt zu Boden. Die krumme Berta zieht ängstlich den ergrauenden Haarschopf ein, als sie das laute Scharren vernimmt.

»Oh, Hans, der Teufel kratzt um Einlass! Maria, hilf uns armen Sündern!«, fleht die Berta und hinkt so schnell sie kann an den Tisch. Schwer stützt sie sich an der Tischkante ab um nieder zu knien.

»Gegrüßet seist du, Maria voll der Gnaden…«, beginnt Berta zu murmeln. Sie hat die Hände vor der bebenden Brust gefaltet. Ihr dünner Körper schlottert vor Angst.

Da zerreißt ein Donner die Stille, so dass die kleine Kate ordentlich wackelt. Die krumme Berta schreit laut auf in ihrer Angst. Noch lauter betet sie.

»Frau, gib Ruhe! Der Herrgott schickt den Donner nur, weil du den ganzen Tag zeterst. Kein gutes Wort hast du für deinen Mann. Und was am Haus entlang gekratzt hat, will ich gleich nachschauen, ich muss eh auf den Abort.«

Hans lächelt breit, so dass man die wenigen schwarzen Zahnstummel im Mund erkennen kann. Er zieht sein fadenscheiniges Hemd am Kragen zusammen und geht gemächlich zur Tür.

»So, Weiblein, lass sehen, was das Unwetter angerichtet hat«, murmelt der Hans.

Er öffnet die Tür und schaut prüfend zum Nachthimmel hinauf.

»Ach, siehst du, Weib, der Herrgott hilft uns schon. Der Himmel ist still und dunkel. Und nicht der Teufel hat am Haus gekratzt. Nein, es war der Ast vom Apfelbaum. Brauchst keine Sorge haben, wenn ich auf dem Abort bin. Es geschieht dir kein Leid.«

Doch die Berta betet unverdrossen weiter, die Augen fest geschlossen. Gerade, als der Hans unter der Tür hindurchtreten will, vernimmt er eine Kinderstimme:

»Hans, mein Onkel, warte, der Vater schickt mich. Ich bin die Marie vom Bauer Franz, deinem Bruder von Pfohren.«

»Ja«, brummt der Hans, ich weiß schon, wer du bist.«

»Der Vater hat gesagt, ich soll dir sagen, dass der Sensemann mit der Pestilenz unterwegs ist.

Oben beim Vetter Hagen in Neuffen sind alle tot! Nur ein Mann und sein Weib haben überlebt. Und in Balginga sind an die 40 Dutzend wohl gestorben. Der Vater hat gesagt, ich soll bei dir bleiben. Ich darf nimmer heim. Erst wenn der Sensenmann weg ist.«

Als der Hans die Tropfen von Maries dunklen Zöpfen fallen sieht, weicht sein gutes Herz gleich mit auf. Er tritt zur Seite, um das Kind hereinzulassen. Noch bevor die Marie auch nur einen Schritt tun kann, ist die krumme Berta schon am Hans vorbei gewitscht. Sie gibt der Tür einen heftigen Schubs, so dass sie mit lautem Knall zuschlägt.

»Du Narr!« zischt sie den Hans an, der sich mit vor Schreck geweiteten Augen zu ihr umdreht, « Das Balg kommt mir nicht in die Stube! Sie wird uns die Luft hier herinnen verpesten! Weißt du nicht, dass die Pestilenz mit der Luft kommt! Der Sensenmann reitet auf dem Todesvogel und wirft die Pestdecke über eine Stadt, so dass sie darunter ersticken soll.

Sie hat den Sensenmann schon auf den Fersen! Er ist ihr gefolgt, um Esgingen zu finden! Dann wird er die Pestdecke auch auf uns legen! Schnell! Schick das Balg weg!«

Die Berta packt den Hans an seinem dünnen Arm und dreht ihn zur Tür.

»Aber ich bin ihr Onkel! Und wo soll sie denn hin in der Nacht?«, wagt Hans leise zu widersprechen.

»Die Marie ist nur ein dummes Ding! Was glaubst du denn, warum dein Bruder nicht den Sebastian geschickt hat, den Hoferben. Bring kein Unheil über uns! Schick sie weg! Nach Zindelstein, das ist wohl weit genug!«

So schimpft die Berta auf den armen Hans ein, so dass der nicht mehr von Recht und Unrecht unterscheiden kann.

»Marie, mein Kind, du musst zurückgehen. Wir können dich nicht nehmen. S‘ist kaum genug Essen für zwei. Wir kriegen dich nicht gefüttert!«, ruft der Hans dem Kinde zu. Den wahren Grund vor Scham verschweigend.

»Aber, Onkel, wo soll ich denn hin gehen? Der Vater lässt mich nicht auf den Hof zurück. Wohin soll ich gehen in der Nacht? Und mein Umhang ist ganz nass! Schuhe hat der Vater mir auch nicht geben wollen!«

Deutlich hört der Hans das Kind weinen und das Herz wird ihm schwer.

»Marie, hör, mein Kind! Du gehst hier über das Feld und immer weiter durch die Wälder.

Bleib auf dem Weg von den Fuhrwerken, dann findest du die Burg Zindelstein! Hörst du, Marie, dort werden sie dich nehmen. Der Herrgott segne und beschütze dich allezeit auf deinem Weg! Nun geh geschwind, Kind, der Weg ist weit!«

Mit gesenktem Kopf und Tränen in den gutherzigen Augen schlurft der Hans an den Tisch in der Stube. Schwer lässt er sich auf den Stuhl nieder. Sein ausgezehrtes Gesicht ist zusammengefallen. Verzweifelt fährt er sich mit den schwieligen Händen durch sein verbliebenes Haar.

»Oh, Weib, was sollen wir tun? Wir haben das Kind weggeschickt! Nach Zindelstein! Ich werd`s mir nimmer verzeihen…«, laut schnäuzt Hans seine Nase in den Hemdsärmel.

Doch die Berta kniet schon wieder am Tisch. Sie ruft die Schutzheiligen um Hilfe an.

»Oh, heiliger Sebastian, schütze uns vor der Pestilenz! Heilige Mutter Gottes, bitte für uns! Heiliger Rochus, hilf auch unserem Vieh! Oh, all ihr Heiligen, legt eure schützenden Hände über unser Esgingen! Verschont uns vor dem schwarzen Tod!«

Die Berta steht auf. Sie bekreuzigt sich und entzündet einen Glimmspan. Behutsam streicht sie über das geschnitzte Holzkreuz an der Wand. Dann dreht sie sich zum Hans um, der immer noch am Tisch sitzt. Er hat den Kopf auf die Hände gestützt. Tränen laufen über seine Wangen. Die krumme Berta sieht es nicht.

»Hans, der Pfarrer hat‘s gepredigt am Sonntag! Im Gottesdienst! Er hat‘s gesagt!«, flüstert Berta aufgeregt. Sie schwenkt den Glimmspan, so dass die Funken herab regnen. Als sie den Span in die Feuerstelle legt, leckt sogleich ein lustiges Flämmlein an den dürren Ästen. Nervös knetet Berta die alte braune Schürze in den Händen.

»Hütet euch vor dem Bösen, hat er gesagt! Es kommt in Gestalt eines Fremden.

Wir hätten ihn totschlagen sollen, diesen Fremden. Er war gewiss der Teufel persönlich!«

»Still, Weib, du versündigst dich!«, befiehlt Hans erschrocken.

Aus Berta sprudelt weiter alles Leid: »Erst hat der Frühling unsere Felder überschwemmt. Alles war verfault. Dann hat der Hagel die Dächer zerschlagen. Das waren die Vorboten des Bösen, dann kam der fremde Krämer. Er wollte sehen, was er angerichtet hat. Hernach haben die Villinger uns heim gesucht. All unser Vieh haben sie weg getrieben. Dann wurde es heiß. Auch das Obst am Baum ist verdorrt. Der Teufel war hier! Der Pfarrer hat`s gepredigt:«

Aufgeregt ob ihrer neuen Erkenntnisse watschelt die alte Berta durch die kleine Kate. Unentwegt knetet sie ihre Schürze und findet keine Ruhe.

»Hans, du musst in aller Herrgottsfrüh zum Pfarrer, ihn um Rat fragen!«

»Wir müssen drin bleiben! Wir atmen sonst den schwarzen Tod ein und verrecken!«, widersprach Hans.

»Warte, wenn der Hahn kräht in der Früh, so ist die Luft noch sauber und du kannst gehen!«

So beten Hans und Berta die ganze Nacht um den Beistand der Schutzheiligen. Als am Morgen der Hahn kräht, begibt sich der brave Hans auf den Weg zum Pfarrhaus. Traurig schlurfen seine alten Schuhe auf dem Weg. Sein Kopf hängt so tief, als wolle er gleich abfallen. Während Hans dem Herrn Pfarrer weinend vor der drohenden Pest berichtet, ist die krumme Berta schon emsig von Haus zu Haus gehuscht. So kommt es, dass alle Einwohner Esgingens schon vor dem Pfarrhaus warten, als der Herr Pfarrer mit dem Hans vor die Tür tritt. Schnell geht Hans um die Wartenden herum, es mögen wohl an die 30 Dutzend sein, die sich unter dem schwarzen Himmel versammelt haben. Hans stellt sich weit nach hinten, um dem Zorn des Herrn Pfarrers zu entkommen.

»Ihr habt große Sünde auf euch geladen!«, dröhnt des Pfarrers schneidende Stimme durch die schweigende Menge, »Der Herr bestrafet euch Armselige. Ihr habt den Teufel persönlich in unser Esgingen gelassen. Habt ihr etwa nicht den Tand betrachtet, ihr Weiber? Um euch herausputzen! Schöne Augen habt ihr dem Fremden gemacht! Die Sünde gar in euer Haus eingeladen. Und ihr Bauern, habt ihr den Satan nicht in euren Scheunen ruhen lassen? Ihn noch gefüttert mit der Weizenschleimsuppe aus den letzten Vorräten? Ihr selbst habt den Sensenmann bestellt! Dass er das Pesttuch auf euch werfe! Ihr werdet verrecken wie die Fliegen im Winter. Tuet Buße, ihr Bauern!«

Dem Pfarrer schwillt der Kopf. Seine Stimme zittert vor Zorn.

Seine Augen funkeln die Menge an, die vor Angst kaum zu atmen wagt.

Nur der Schultheiß Matthias, hebt die Stimme: »Wie sollen wir es richten, Herr Pfarrer, legt uns eine Buße auf! Seht, wir sind nur Bauern. Wir kennen uns in der Gunst Gottes nicht gut aus…«

»Geht in eure Stuben! Betet Tag und Nacht zu Gott um Vergebung! Und bittet Maria um Beistand. Der heilige Sebastian schützt vor der Pestilenz und der heilige Rochus ebenso.

Fastet und betet!«, befiehlt der Pfarrer, »sonst werdet ihr allesamt in der Hölle schmoren!

Ich sage euch, das jüngste Gericht steht bevor! Seht den Himmel an, er ist schwarz vor Gottes Zorn!«

Da sinkt die Berta auf die Knie. Weinend zieht sie den Hans am Arm mit hinunter.

»Heilige Maria, hilf uns armen Bauern vor der Pestilenz!

Verschone uns und wir werden dir einen Stein setzen mit unserem Dank darauf gemeißelt!«

Auch der Hans betet nun laut und inbrünstig. Seine tiefe Stimme übertönt die der krummen Berta.

»Heiliger Sebastian, eine Kapelle werden wir dir bauen! Hier am Feldrand werden wir sie stellen und dir auf ewig danken.«

»Ich helfe dem Hans. Ich baue mit an der Kapelle. Heiliger Rochus, wenn du nur hilfst!« vernimmt man den Schultheiß Matthias und so sinken nacheinander die Einwohner Esgingens auf die Knie und flehen um Beistand.

Der Platz vor dem Pfarrhaus ist gedrängt voll. Allesamt flehen und beten die Einwohner Esgingens um Beistand der Schutzheiligen. Die Gebete erheben sich bald zu lautem Getöse. Es streicht wie ein Band um die Bauernhäuser und der Schafhirte Hartel im Wolterdinger Wald schwört hernach, er habe es gehört. Als der Lärm schier unerträglich wird, bricht die Sonne durch die dunkle Wolkendecke. Die Betenden halten ehrfurchtsvoll inne, viele Gesichter nass von Tränen und Rotz. Frauen in den Armen ihrer Männer, die Kinder um sich geschart. So stehen sie und wissen nicht, ob die Sonne von der Mutter Maria und den Schutzheiligen geschickt ist oder nur zufällig scheint. Der Pfarrer aber nutzt die eingetretene Stille, um das Gelübde zu besiegeln.

»Heiliger Sebastian, heiliger Rochus und heilige Maria! Wir Bürger von Esgingen legen hier und heute das Versprechen ab, eine Kapelle euch zu Ehren zu bauen, sollte ein Jahr vergangen sein und die Pestilenz unser Esgingen verschonen. Auf Jahr und Tag wollen wir uns hier sammeln und am Feldrand den Bau beginnen. Und jeden Tag wollen wir euch loben und preisen, das bitten wir Bürger von Esgingen. Amen.«

Die Geschichte:

Im Jahre 1614 wurde die St. Sebastianskapelle eingesegnet. Bis zum heutigen Tag steht sie am ursprünglichen Platz, ehemals abseits der Siedlung, heute dank wachsenden Einwohnerzahlen beinahe mitten im Ort.

Die Pestepidemie wütete tatsächlich in den Jahren 1610/1611. Es ist belegt, dass innerhalb von sechs Wochen in Neuffen bei Nürtingen ungefähr 500 Menschen umkamen, nur ein Ehepaar überlebte, in Balingen, ehemals Balginga genannt, geht man von der etwa gleichen Zahl an Toten aus. Auch das heutige Donaueschingen wurde nicht verschont, mit verheerenden Folgen wurde die Einwohnerzahl dramatisch reduziert, so wie auf der gesamten Baar, in Schwaben, in der Schweiz und im Elsass. Im Thurgau zum Beispiel wurden über 13000 Pesttote gezählt. Umso dankbarer waren die Überlebenden.

Sie hielten ihr Versprechen, eine Kapelle zu Ehren der heiligen Maria, des heiligen Sebastians sowie des heiligen Rochus zu erbauen.

Ebenfalls belegt ist der Überfall der Villinger während der Bauernkriege auf die Bauern von Esgingen sowie das verheerende Wetter anno 1610.

Alle anderen Begebenheiten in der Geschichte sind frei erfunden. Man glaubte damals übrigens tatsächlich, dass die Pest über die Atemluft übertragen wird.

Quellen:

archive.org

private freepage.defFeets freepage donaueschingen.htm

badische-heimat.de

https://archive.org/stream/geschichtederseu00lamm/geschichtederseu00lamm_djvu.txt

Marie und der Karfunkel

Stadtgeschichte Donaueschingen - Burg Zindelstein

Ängstlich steht das kleine Mädchen vor dem dunklen Wald zwischen Esgingen und Wuldartingas. Gewaltige Tannen und Fichten nehmen das wenige Mondlicht, welches ab und an durch die düsteren Wolken am nächtlichen Himmel bricht. Der eisige Wind fährt durch die Baumwipfel und es scheint, als würde der Wald dem Mädchen winken, einzutreten. Das Wispern der Äste ängstigen das Kind, es geht einen Schritt zurück und weiß nicht, ob es weiter gehen soll. Doch hier durch den schwarzen Wald führt der Fuhrweg. Diesem soll sie folgen hat der Onkel gesagt. Der kalte Wind treibt Tränen in Maries Augen. Die blau gefrorenen Hände fest auf die Ohren gepresst flüstert das kleine Mädchen:

»Liebe Mutter Maria, ich bin es, die Marie aus Pfohren. Ich kann dich jetzt gerade nicht hören, wenn du etwas sagst, aber bitte, bring mich heil durch den bösen Wald. Der Schweinepeter sagt, im schwarzen Wald gibt es Hexen. Aber ich muss doch nach Zindelstein! Kannst du mir nicht ein bisschen Licht machen? Nur, damit ich sehe, wenn eine Hexe kommt!«

Mit weit aufgerissenen Augen, die kleinen Hände immer noch fest auf den Ohren, betritt Marie vorsichtig die Schwärze des Waldes. Sie dreht den Kopf bald nach links, bald nach rechts. Ihre Angst lässt sie vergessen, dass ihre nackten Fußsohlen von vielen Dornen und Steinen aufgerissen sind. Nass schlagen Umhang und Leinenkleid an ihre aufgeschürften Beine, ihre blonden Zöpfe tropfen noch immer von den letzten Regenschauern. Bald kann sie den Weg nicht mehr erkennen. Der Wald hat die kleine Marie verschluckt. Seit Tagesanbruch ist sie nun unterwegs.

Der Vater hatte ihr aufgetragen, dem Onkel in Esgingen vor der drohenden Pestilenz zu warnen. Doch der Onkel hatte sie weg geschickt. Zu wenig zu essen, hatte er gesagt. Obwohl sie ganz nass war, musste sie gehen. Sie hätte ihm sagen sollen, dass sie nicht viel zu essen braucht. Und dass sie ganz brav ist und gewiss keine Widerworte gibt. Tief in Gedanken versunken, gehen Maries Füße weiter auf den Rillen des Fuhrwegs. Die eisigen Hände hat sie längst von den Ohren genommen und unter ihre Achselhöhlen gesteckt.

Plötzlich bleibt Marie stehen. Der Wald ist ganz still. Kein Wind bringt die Äste zum Flüstern. Kein Käuzlein ruft. Marie hält den Atem an. Ganz sicher steht eine Hexe hinter ihr! Dreh dich um, Marie! Schnell!

Nur Dunkelheit. Aber da! Sie starrt in den dunklen Wald. Etwas hat sich bewegt! Schleicht sich an! Marie geht mit weit aufgerissenem Mund rückwärts. Als Äste knackend brechen, rennt Marie in die Dunkelheit.

»Weg, nur weg!«, ist ihr einziger Gedanke.

Ihre Füße tragen sie durch das weiche Moos in die schwarze Tiefe des Waldes. Die Wurzel sieht Marie nicht und auch nicht den großen Fels dicht daneben. Schwer schlägt sie mit dem Kopf auf den Fels. Blut färbt ihr blondes Haar. Ohnmächtig sinkt Marie zu Boden. Den stattlichen Hirsch, der auf dem Weg steht, bemerkt sie nicht mehr.

Es ist warm. Tief atmet Marie ein. Sie riecht das Feuer der Kochstelle. Und den vertrauten Geruch nach Schafen. Holzschüsseln klappern. Sie ist zu Hause. Zufrieden schläft sie wieder ein.

Die Tür zur Kate wird geöffnet. Kalte Luft strömt herein. »Ist sie schon wach?«, hört Marie eine leise Männerstimme, »Lass sie schlafen. Armes Ding«, flüstert eine Frau zurück.

»Mutter?«, will Marie rufen, doch ihr Hals ist so trocken, dass nur ein heiseres Krächzen zu hören ist.

Das Kind reißt die Augen auf und sieht eine Frau in Bauerntracht an ihr Strohlager eilen. Sie ist noch jung, das Haar ist von dunklem Braun und sie trägt keine Haube darauf.

»Hallo, mein Kind. Du bist endlich wach. Das ist gut.«

Die Frau spricht ruhig und liebevoll. Das breite Lächeln lassen ihre grünen Augen fast verschwinden.

»Wie geht es dir? Hast du warm?«

Die Frau zieht die Decke aus Schaffell bis unter Maries Kinn.

Marie nickt.

Der Kopf tut ihr weh. Sie will ihre Stirn berühren, doch die Frau hält schnell Maries Hand fest.

»Nicht anfassen, Kindlein, es hat geblutet. Bist wohl gefallen.«

Ernst sieht sie das Mädchen an.

Als die Erinnerung über Marie hereinbricht, zuckt sie zusammen. Tränen treten in ihre Augen und ein Schluchzen löst sich ganz tief aus ihrer Brust. Der Weg von den Eltern in Pfohren nach Esgingen zum Onkel, die drohende Pestilenz, der dunkle Wald, die Hexe.

Maries Augen zucken hin und her. Fieberhaft überlegt sie, ob sie sich der fremden Frau anvertrauen soll. Alles erzählen.Riskieren, dass man sie auch hier weg schickt. Zurück in den dunklen Wald. Zu den Hexen! Und Zindelstein? Wenn sie es nicht finden kann? Oder wenn sie dort auch nicht bleiben darf? Soll sie allein in die weite Welt?

Marie hat Kopfschmerzen. Und sie ist müde, so müde. Tränen sammeln sich in Maries Augen, sie strömen ungehindert über ihre Wangen. Marie spürt sie im Ohr ankommen. Sie möchte die Tränen weg wischen, findet jedoch nicht die Kraft, ihre Hand zu heben.

»Alles wird gut, alles wird gut!«

Der Singsang der Frau lassen Maries Augen schwer werden. Dankbar lässt Marie sich zurück in die Dunkelheit gleiten.

Als Marie erneut erwacht, riecht sie Essen. Sie hat Hunger. Nein, denkt sie, besser nichts essen. Kinder schickt man weg, wenn sie viel essen, da ist sich Marie jetzt ganz sicher. Holzschüsseln klappern dumpf aufeinander. Maries Magen knurrt laut.

»Oho! Da hat noch jemand Hunger!«, hört sie den Mann dröhnend lachen.

»Hast du auch genug Mooseintopf gekocht, Gundel?«

»Mein lieber Hartel, dir sitzt wohl der Schalk im Nacken! Mooseintopf!«, lacht die Frau, »mach dem Kind keine Angst! Oder war das dein Ernst? Willst du Mooseintopf, so koch ich dir welchen!«

Das Lachen der beiden füllt die Hütte bis zu den rußgeschwärzten Holzbalken. Fröhlich bellt ein Hütehund, den Marie bislang noch gar nicht gesehen hatte und eines der Schafe im Pferch mäht, als wolle es auch lachen.

Marie beobachtet Gundel, wie sie aus einem Kessel über der Feuerstelle Haferbrei in zwei Schüsseln verteilt. Es zischt, als ein Tropfen auf die steinerne Umrandung fällt.

»Nur Vorsicht! Du verschwendest unser dürftiges Mahl!«

Hartel zwinkert Marie zu. Hätte sie ihn im Wald gesehen, hätte sie Angst gehabt. Groß ist er und sein schwarzer Bart bedeckt beinahe das ganze Gesicht. Unter seinem langen schwarzen Haaren verstecken sich beinahe schwarze Augen. Gekleidet ist er in grobes Leinen und sein mächtiger Schwarzdornstab lehnt direkt hinter Hartel an der Bettstatt.

»So, jetzt wollen wir essen!« verkündet Gundel.

Mit zwei Schritten ist sie am Pferch der Schafe vorbei zum Tisch geeilt, die dampfenden Schüsseln in der Hand.Es gibt nur einen Hocker, darauf sitzt Hartel. Gundel setzt sich neben Maries Strohsack. Aus dem Strick, welcher ihr Kleid zusammenhält, zieht sie einen Holzlöffel. Marie nimmt einen kleinen Bissen von der Löffelspitze, dann wendet sie den Kopf zur Wand.

...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Am Wegesrand" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen