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Am Ufer des Styx

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. PROLOG
  7. 1. Buch
  8. 1.
  9. 2.
  10. 3.
  11. 4.
  12. 5.
  13. 6.
  14. 7.
  15. 8.
  16. 9.
  17. 10.
  1. 2. Buch
  2. 1.
  3. 2.
  4. 3.
  5. 4.
  6. 5.
  7. 6.
  8. 7.
  9. 8.
  10. 9.
  1. 3. Buch
  2. 1.
  3. 2.
  4. 3.
  5. 4.
  6. 5.
  7. 6.
  8. 7.
  9. 8.
  10. 9.
  11. 10.
  12. 11.
  13. 12.
  14. 13.
  15. 14.
  16. 15.
  1. EPILOG
  2. DANKSAGUNG
  3. Fußnoten

Michael Peinkofer, Jahrgang 1969, studierte in München Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft. Seit 1995 arbeitet er als freier Autor, Filmjournalist und Übersetzer. Unter diversen Pseudonymen hat er bereits zahlreiche Romane verschiedener Genres verfasst. Bekannt wurde er durch die Bestseller DIE BRUDERSCHAFT DER RUNEN (Bd. Nr. 15249) und DIE ERBEN DER SCHWARZEN FLAGGE (Bd. 15417). Nach DER SCHATTEN VON THOT (Bd. 15648) und DIE FLAMME VON PHAROS (Bd. 15838) ist dies das dritte Abenteuer um die Archäologin Sarah Kincaid. Michael Peinkofer lebt mit seiner Familie im Allgäu.

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PROLOG

PALAST VON ALEXANDRIA
JANUAR DES JAHRES 246 v. CHR.

Die Schreie waren leiser geworden.

Der Mann, der sie ausstieß, klammerte sich noch immer mit aller Macht an das Leben. Aber sein Atem wurde zusehends flacher, sodass seine Schreie sich mehr und mehr in gequältes Keuchen verwandelten.

Jenseits der Säulen, die das Schlafgemach nach Nordosten begrenzten, zeichnete sich das Hafenbecken von Alexandrien ab, über dem der große Leuchtturm thronte, als weithin sichtbares Zeichen ptolemäischer Macht. Doch diese Macht war gebrochen, und während im Hafen das geschäftige Treiben weiterging, während Ladungen gelöscht und abgefertigt wurden, während Seeleute, Handwerker, Sklaven und Huren ihrer Arbeit nachgingen, lag der Herrscher über dieses Zentrum des Handels und des Fortschritts, der Wissenschaft und der Kultur, aber auch der Niedertracht und des sittlichen Verfalls, im Sterben.

»A-Arsinoë«, hauchte Ptolemaios und streckte suchend seine knochigen, von goldenen Ringen geschmückten Hände aus. »Meine geliebte Frau und Schwester – wo ist sie?«

Die Männer, die das Bett ihres Herrschers umlagerten – in weite Umhänge gekleidete Generäle sowie Hofbeamte in langen, fließenden Gewändern-, tauschten betroffene Blicke. »D-die Königin ist nicht mehr am Leben«, erklärte einer von ihnen schließlich. »Sie ist Euch vorausgegangen, Herr, schon vor vielen Jahren.«

Ein erneutes Keuchen entfuhr dem König. Erkenntnis flackerte in Ptolemaios’ blutunterlaufenen Augen, und ein Moment der Klarheit vertrieb die Schleier, die der nahe Tod über seinen Geist gebreitet hatte. »Sie hat … mir etwas hinterlassen«, stieß er mühsam hervor. »Eine Phiole … eine Phiole aus blauem Glas …«

»Eure Göttlichkeit haben bereits danach geschickt«, brachte der Hofbeamte vorsichtig in Erinnerung. »Ein Diener ist auf dem Weg, um die Phiole aus Euren Gemächern zu holen.«

»Muss … den Inhalt … trinken«, stieß Ptolemaios zwischen zwei heftigen Hustenanfällen hervor, die seinen gebrechlichen Körper schüttelten. »Das Vermächtnis Arsinoës rettet mein Leben, zum Wohle Ägyptens und zum Ruhm Alexandriens …«

Der Hofbeamte hob die Brauen. Nicht nur, weil mit dem leiblichen Neffen des sterbenden Königs bereits ein geeigneter Nachfolger feststand und also keine Notwendigkeit bestand, mit aller Macht am Alten festzuhalten; sondern auch, weil er sich fragte, weshalb ein Herrscher, der sich zu Lebzeiten nicht um das Gesetz geschert, seine eigene Schwester geehelicht und sich als Nachfolger von Osiris hatte verehren lassen, sich derart vor dem Tod fürchtete …

Ptolemaios hustete erneut. Blutiger Auswurf benetzte das weiße Laken und kündete vom baldigen Ende des Herrschers, doch der alte Mann klammerte sich weiter an die Hoffnung, dass sein Leben weitergehen und er bis in alle Ewigkeit regieren werde.

»Josephos«, hauchte er. »Mein guter Josephos …«

»Ja, Herr?«

Ein hagerer Mann, der einen Bart trug und dessen langes, ergrautes Haar von einem ledernen Stirnband zurückgehalten wurde, trat vor. In der einen Hand hielt er eine hölzerne Tafel, auf die ein Stück Papyrus gebreitet war, in der anderen eine Feder.

»Von allen meinen Hofschreibern und Gelehrten bist du mir immer der liebste gewesen.«

»Ich danke Euch, Herr.«

»Ich weiß, dass du mich dafür gehasst hast, dass ich dich nicht mehr zurückkehren ließ, nachdem du und deinesgleichen die Arbeit beendet und die Worte deines Gottes in die Sprache der Gelehrten übersetzt hatten …«

Der Schreiber widersprach nicht. Zu früherer Zeit hätte solch beredtes Schweigen die Peitsche oder gar den Tod bedeutet. Doch in seinen letzten Stunden schien Ptolemaios Philadelphos milde gestimmt zu sein.

»Ich weiß, alter Freund«, sagte der König. »Deshalb wisse, dass ich dich aus meinen Diensten entlasse.«

»Herr?«

»Es steht dir frei, in deine Heimat und zu deinem Gott zurückzukehren, wenn du es wünschst. Vorher jedoch bitte ich dich um einen Gefallen.«

»Ja, Herr?«

»Ein letztes Mal betätige dich als mein Hofschreiber und zeichne für die Nachwelt auf, was du siehst.« In den von Furcht gezeichneten Augen des sterbenden Herrschers blitzte es. »Wunder werden sich ereignen, mein Freund. Wunder über Wunder, und meine Widersacher werden erkennen, dass es töricht war, sich gegen mich aufzulehnen. Antigonos, dieser nichtswürdige Emporkömmling, ist tot – aber ich habe nicht vor, ihm auf dem Weg in den dunklen Hades zu folgen. Niemals, hörst du? Niemals …«

In einem störrischen Aufbäumen letzter Kraft hatte sich Ptolemaios auf seinem Lager halb aufgerichtet. Seine knochige Rechte hatte den Saum von Josephos’ Gewand gefasst, und er blickte dem Schreiber so tief in die Augen, dass dieser den Wahnsinn darin erkennen konnte.

In diesem Moment erschien der Diener, den man geschickt hatte, ein seidenes Kissen in den Händen, auf dem eine unscheinbare Phiole aus blauem Glas lag.

Trotz seines geschwächten Zustands ließ Ptolemaios einen triumphierenden Laut vernehmen. »Ewiges Leben«, rief er, ehe er seinem Leibdiener befahl, die kleine, mit Wachs versiegelte Flasche zu entkorken und an seine Lippen zu setzen.

Die Flüssigkeit, die sich darin befand, benetzte seine Zunge und seinen Gaumen, und Ptolemaios trank in gierigen Schlucken. Kaum hatte er das Wenige, das sich nach all der Zeit noch in der Flasche befand, hinabgeschluckt, befiel ihn erneut ein schwerer Husten, der seine gebrechliche Gestalt erbeben ließ.

Die Hofbeamten und Generäle tauschten erneut vielsagende Blicke, während sie sich fragten, wie lange der Todeskampf ihres Herrschers, der über eine so lange und wechselvolle Zeitspanne regiert hatte, wohl noch andauern würde. Ein weiterer Diener trat hinzu, um Ptolemaios’ kahles Haupt auf ein frisches Kissen zu betten – der Hustenanfall des Herrschers legte sich jedoch nicht. Keuchend und sich am ganzen Körper schüttelnd, rang er nach Atem. Seine goldberingte Hand fuhr an seine Kehle, während er in wilde Zuckungen verfiel und seine Augen fast aus den Höhlen treten wollten.

In diesem Augenblick begriffen die Hofschranzen des Ptolemaios, dass dies kein gewöhnlicher Hustenanfall war, sondern dass er mit dem Inhalt der Phiole zusammenhing, den der König getrunken hatte. Statt ihm ewiges Leben zu bescheren, wie Ptolemaios wohl gehofft hatte, schien das Serum sein Ableben nur noch zu beschleunigen.

Ptolemaios wand sich vor Schmerzen.

Sein Husten ging in ein Röcheln über, Blut rann ihm aus Mundwinkeln und Nase. Dabei schlug er wild mit den Armen um sich und versuchte, sich aus dem Bett zu erheben, sodass die Hofbeamten sich gemüßigt sahen, vorzutreten und ihn daran zu hindern.

»Arsinoë«, würgte er mit fiebrigem Blick hervor. »Arsinoë, was hast du nur getan …?«

Sein Oberkörper fiel zurück auf das Laken, das sich blutig unter ihm färbte, und indem er einen letzten, heiseren Schrei ausstieß, fand der Herrscher des Ptolemäerreiches vor den Augen seiner Untergebenen und Diener ein grässliches Ende.

So forderte das Wirken Arsinoës, die den Hof von Alexandrien über eine lange Zeit hinweg mit ihren Lügen und Intrigen vergiftet hatte, noch viele Jahre nach ihrem Tod ein letztes Opfer – und ein jüdischer Gelehrter mit Namen Josephus gehorchte der letzten Weisung seines Herrschers und schrieb alles auf, was sich an jenem Tag ereignet hatte, auf dass es der Nachwelt überliefert werde.