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Am Tag, an dem sie alle starben

R.S. Graham

Am Tag, an dem sie alle starben

1. KAPITEL

„… musste nach einem schweren Verkehrsunfall der Highway bei Waco in Fahrtrichtung Dallas komplett gesperrt werden. Die Polizei geht davon aus, dass mit einer Freigabe nicht vor 22 Uhr zu rechnen ist. Autofahrer mit Fahrtziel Dallas werden gebeten, die Unfallstelle weiträumig zu umfahren. Und nun zurück zu Rick Bennett auf KCX …“

Lori drehte das Autoradio leiser. „Lass uns da vorne abfahren, Gary“, sagte sie, als sie ein Schild entdeckte, das auf die nächste Ausfahrt hinwies.

Über den Rand seiner Sonnenbrille sah Gary sie kurz an. „Warum das denn? Bis Waco sind es noch sechs oder sieben Ausfahrten.“

Sie strich sich eine Strähne ihres schwarzen Haars aus dem Gesicht. „Je später wir den Highway verlassen, desto dichter ist der Verkehr. Wenn wir hier rausfahren, müssen wir zwar einen größeren Bogen machen, aber wir haben Ruhe vor den Leuten, die bis zur letzten Ausfahrt warten.“

Er warf einen Blick in den Rückspiegel. Auf der Rückbank saßen Christina – Loris beste Freundin – und deren Freund Miles, der schon vor einigen Meilen fest eingeschlafen war. „Was meint ihr denn dazu?“

„Ich schließe mich Loris Meinung an“, erklärte Christina.

Gary verzog den Mund, blickte jedoch wieder geradeaus. „Und Miles?“, hakte er nach.

„Miles schläft, also schweigt er. Und wer schweigt, stimmt zu“, meinte Christina lächelnd. „Also drei zu eins, Gary.“

„Es sei denn, Miles wacht vor der Ausfahrt noch auf“, rief Gary laut und hoffte zweifellos, dass Miles endlich aufwachte. Aber offenbar schlief er tiefer als jeder andere … Oder er wollte sich auf keine Diskussion einlassen, um keinen Stress mit Christina zu riskieren.

„Zu spät“, meinte Lori und wies auf die Verzögerungsspur, der sie sich in diesem Moment näherten.

„Na gut, aber wenn wir uns verfahren, fragst du nach dem Weg.“ Gary setzte den Blinker. „Und du erklärst Miles, dass es deine Idee war, einen riesigen Umweg zu machen.“

Lori grinste ihn an. „Gerne. Dann weiß jeder, dass du unter meinem Pantoffel stehst und tust, was ich dir sage.“

Kopfschüttelnd wechselte er die Spur und gab weniger Gas, während Christina von der Rückbank aus fröhlich kommentierte: „Das weiß er sowieso schon.“

Nachdem sie die Ausfahrt genommen hatten, fuhren sie auf eine tiefer gelegene Landstraße. Lori holte die Straßenkarte aus dem Handschuhfach und begann zu blättern.

Nach mehreren Meilen fuhr Gary auf den Parkplatz eines Diners und ließ sich die Route erklären, die Lori sich überlegt hatte. Er beugte sich über die Karte und zeigte auf eine Landstraße. „Warum nehmen wir nicht die? Da können wir schneller fahren.“

„Aber dann müssen wir einen weiten Bogen um Waco machen, und das dauert länger“, hielt sie dagegen. „Wenn wir diese Nebenstrecke nehmen, kommen wir bestimmt schneller voran.“

Gary zuckte mit den Schultern und fuhr wieder los. „Also gut, wir fahren bis Temple, dann biegen wir ab und fahren Richtung Mexia weiter.“

Lori lehnte sich zurück und schaute aus dem Fenster. Sie blickte auf die von Ölfördertürmen geprägte Landschaft, die sich in einem immer gleichen Rhythmus bewegten, um den kostbaren Rohstoff aus dem Boden zu holen. Die Sonne brannte ungewöhnlich stark für Mai, aber das machte Lori nichts aus. Sie packte sich nicht gern dick ein, nur um vor Kälte geschützt zu sein. Aber das lag wohl auch daran, dass sie in Kalifornien aufgewachsen war und einfach nur warmes Klima gewohnt war. Wäre ich in Alaska groß geworden, würde ich mich jetzt sicher nach klirrender Kälte sehnen, dachte sie amüsiert.

„Da vorne müssen wir links abbiegen, richtig?“, fragte Gary, als sie sich nach einer Weile einer Kreuzung näherten.

Sie faltete die Straßenkarte, folgte mit dem Finger der Route, die sie ausgesucht hatte, und nickte. „Ja, genau.“ Sie hob den Blick. „Da vorn steht Mexia auf dem Schild.“

Die schnurgerade Landstraße hatte auf Lori eine einschläfernde Wirkung, und es fiel ihr schwer, die Augen offen zu halten. Verstärkt wurde dieser Effekt noch dadurch, dass Christina mittlerweile auch eingeschlafen war und sie und ihr Freund auf der Rückbank um die Wette schnarchten.

Als sie Gary anblinzelte, sah er kurz zu ihr und lächelte sie an. „Du kannst ruhig schlafen. Ich habe mir die Route eingeprägt. Und ich bin hellwach. Du musst also keine Angst haben, dass wir im Graben landen, nur weil ihr drei friedlich vor euch hin schnarcht.“

„Danke“, murmelte sie lächelnd und drückte sich in den weichen Ledersitz des alten Ford, der Ende der Siebziger gebaut worden war. Sie bewunderte Gary dafür, dass er seinen Wagen so gut pflegte. Ohne ein Vermögen ausgeben zu müssen, hielt er ihn instand. Genau wie bei ihrem Vater waren Oldtimer seine Leidenschaft. Und Gary war praktisch in der Werkstatt ihres Vaters aufgewachsen.

Das sanfte Schaukeln ließ sie innerhalb weniger Minuten einschlafen, und sie versank in einen Traum, in dem sie an einem Strand in einer Hängematte lag, vor sich die strahlend blaue See, während eine leichte Brise über sie hinwegstrich. In einer Hand hielt sie ein langstieliges Glas. Darin war eine grünlich schimmernde Flüssigkeit, in der kleine Obststücke schwammen. Sie wollte gerade daran nippen, als sie plötzlich angerempelt wurde und sie vor Schreck den Longdrink auf ihr Shirt schüttete.

„Kannst du denn nicht aufpassen?“, schimpfte sie, drehte sich um – und fand sich auf dem Beifahrersitz wieder. Müde blinzelte Lori.

Gary stieß sie leicht an. „Schlecht geträumt?“

„Nein, schon gut“, antwortete sie. „Was ist denn los?“

„Das Wissen der Hüterin der Straßenkarte ist gefragt“, erklärte er. „Die Ortsdurchfahrt von El Taco Loco ist gesperrt, weil’s da einen Großbrand gibt. Ich wüsste gern, welche Umleitung du vorschlägst.“

Sie schlug die Karte auf und zog die Strecke mit dem Finger nach. „Wo sind wir denn jetzt? El Taco Loco … Wo ist denn überhaupt …“ Sie stutzte und sah Gary an. „El Taco Loco?“

„Hat ja lange gedauert“, meinte er grinsend. „Ich liebe es, wenn du verschlafen bist.“

„Ja, weil du mich dann auf den Arm nehmen kannst, aber auch nur dann.“

„Ich muss die Chancen nutzen, die sich mir bieten“, entgegnete er. „Keine Ahnung, wie das Kaff heißt, durch das wir jetzt nicht mehr fahren können, weil die einzige Straße im Ort gesperrt ist. Ich hab’s mir nicht gemerkt. Auf jeden Fall sind wir zurück in Lockwood, und jetzt brauche ich eine alternative Route.“

Sie studierte die Karte, dann entschied sie sich für eine östliche Umgehung, die sie bis Mexia führen würde. „Okay, also biegen wir da …“ Sie zeigte auf die Karte. „… nach links ab und fahren diesen Bogen hier.“

Gary sah sich die Strecke an. „Ja, gut, so was hatte ich mir auch schon überlegt. Aber ich wollte hören, was du dazu zu sagen hast. Schließlich trägst du die Verantwortung dafür, dass wir unser Ziel auch wirklich erreichen.“

„Vielleicht solltest du mich dann auch fahren lassen“, schlug sie halb im Scherz vor. Sie wusste, dass Gary niemanden mit seinem Wagen fahren ließ. Was sie einerseits verstehen konnte, da er eine Menge Arbeit in den Ford gesteckt hatte. Andererseits ärgerte es sie – war es doch ein Beweis dafür, dass er ihr nicht zutraute, sein Auto zu fahren.

„Du trägst die Verantwortung für den Weg, ich für unser Beförderungsmittel“, konterte er.

Es war gegen vier Uhr am Nachmittag, als sie auf das nächste Hindernis stießen: eine weitere Umleitung, die sie noch weiter von ihrer ursprünglichen Strecke wegführte. Sie mussten über holprige Nebenstraßen fahren, die so unbedeutend waren, dass sie auf der Karte gar nicht eingezeichnet waren.

„Und jetzt?“, fragte Miles, der mittlerweile wieder aufgewacht war. „Ich habe Hunger.“

Christina seufzte.

Mr. Wong wäre jetzt super“, fuhr Miles fort. „Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass da kein einziger Asiate arbeitet? Die Jungs da haben sich nur diesen pseudo-chinesischen Akzent angewöhnt, weil die Leute sie dann für authentisch halten. Wenn die sich untereinander unterhalten und niemand in der Nähe ist, der sie belauscht, reden die völlig normal.“

„Echt?“, fragte Gary wenig interessiert.

„Ja, echt“, bestätigte Miles. „Die haben mich einmal in die Warteschleife schicken wollen, aber die falsche Taste gedrückt. Da habe ich gehört, wie sie sich in der Küche unterhalten haben, ohne Akzent, ohne Dialekt.“

„Und ich dachte, Mr. Wong gibt es wirklich“, erklärte Christina gespielt betrübt, bevor sie leise schluchzend hinzufügte: „Aber McDonald’s ist doch von einem Clown gegründet worden?“

Lori sah über den Rückspiegel, dass Miles sie in seinen Arm zog. „Aber ja, mein Kleines“, erwiderte er grinsend. „Und der Weihnachtsmann ist Großaktionär bei Toys’R’Us“ fügte er noch hinzu.

Sie lachten.

Vor ihnen gabelte sich die Straße. Die Landschaft war mittlerweile etwas hügeliger geworden, sodass sie nicht erkennen konnten, was sich weiter entfernt vor ihnen befand.

„Gegessen wird aber später, Miles. Wir sollten den linken Weg nehmen, weil wir uns nach links orientieren müssen, wenn wir zurück auf die Landstraße nach Marlin wollen“, meinte Gary.

„Eigentlich ja“, stimmte Lori ihm zu. „Aber die rechte Straße sieht so aus, als wären da mehr Autos unterwegs.“

„Also fahren wir da lang“, entschied Gary und gab wieder Gas.

Nachdem sie eine leichte Anhöhe überwunden hatten, entdeckten sie vor sich eine kleine Stadt, die diese Bezeichnung eigentlich gar nicht verdiente. Die meisten Häuser waren entlang einer breiten Hauptstraße gebaut worden. Etwas weiter entfernt befanden sich drei größere Siedlungen, die so wirkten, als hätte es hier ursprünglich drei voneinander unabhängige Dörfer gegeben, die im Lauf der Jahrzehnte allmählich zusammengewachsen waren.

„Wenigstens sind wir nicht völlig in der Wildnis gelandet“, sagte Gary, unüberhörbar erleichtert. „Ansonsten hätte ich spätestens jetzt gewendet.“

Sie fuhren weiter und passierten schließlich ein Ortsschild: Andersonville. 1.731 Einwohner.

„Andersonville?“, murmelte Lori. „Wo hab ich denn das schon mal gehört?“

„Wahrscheinlich in der Sendung über die hundert langweiligsten Städte der Vereinigten Staaten“, antwortete Miles grinsend und sah zu Christina.

Sie lächelte flüchtig, schaute jedoch sofort wieder aus dem Fenster. „Was die Leute wohl dazu gebracht hat, hier als Erste ein Haus zu bauen?“

„Preiswertes Land“, meinte Gary.

„Okay, aber wer siedelt sich mitten im Nichts an, nur weil er nicht viel für sein Grundstück bezahlen muss?“

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Lori. „Aber es könnte sein, dass hier früher von Mexiko Viehtrecks vorbeigekommen sind. Ihr wisst schon, so um 1870 oder so. Na ja, die Cowboys mussten unterwegs irgendwo Rast machen, und die Rinder konnten sie ja auch nicht ewig weitertreiben. Bestimmt wollte einer nicht weiter, entschied, das hier könnte eine gute Stelle für eine Rast sein, und hat schließlich ein Haus gebaut. Dann konnte er den Cowboys umzäuntes Land vermieten, damit sie ihre Rinder über Nacht sicher unterbringen konnten. Tja, und dann hat sich noch einer hier niedergelassen, dann noch einer, und auf einmal war ein kleines Dorf entstanden.“

„Was du alles weißt“, murmelte Miles und verdrehte die Augen.

Sie zuckte mit den Schultern. „Eigentlich weiß ich das nur, weil ich die McKettrick-Romane gelesen habe, und da ist nämlich von Viehtrecks genau in der Gegend hier die Rede. Könnte sich so abgespielt haben.“

Sie fuhren durch die fast verlassen wirkende Stadt, bis sie an einem Platz mit einer kleinen Grünanlage kamen. Gary ließ den Wagen ausrollen, bis er am Straßenrand zum Stehen kam.

Rings um den Platz gab es ein paar kleinere Geschäfte, außerdem eine Kirche, eine Art Sporthalle und einen Supermarkt, den Lori als winzig bezeichnet hätte, der für diese Kleinstadt allerdings fast schon etwas zu groß wirkte.

Gary stellte den Motor ab. „Ich frage da drüben in dem Eisenwarenladen mal nach dem Weg. Wartet ihr hier?“

„Ich muss mich unbedingt mal wieder bewegen. Was ist mit euch?“, fragte Lori und drehte sich um.

„O ja, sehr gute Idee!“, meinte Christina. „Auf diesen Polstern sitzt man zwar wie auf Wolken, aber ich könnte auch mal wieder die Beine ausstrecken. Kommst du mit?“, fragte sie Miles.

„Hä? Was?“ Er schrak hoch und sah sie verdutzt an. „Sind wir schon in Dallas?“

„Bist du schon wieder eingeschlafen?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, öffnete Christina die Tür und stieg aus.

„Wartet auf mich, ich komme mit!“, rief er schnell.

Während Gary zum Eisenwarenladen ging, schlenderten Christina und Lori die Grünanlage entlang. Miles folgte ihnen in einigem Abstand. Die Rasenfläche war sehr gepflegt. Ein Kiesweg führte schräg über das Grundstück, in dessen Mitte sich eine polierte Granitsäule befand. Lori versuchte, die Inschrift zu entziffern, aber sie waren noch zu weit entfernt.

„Du bist auf einmal so still“, meinte Christina.

„Ich überlege immer noch, wo ich den Namen Andersonville schon mal gehört habe“, antwortete Lori und blieb stehen. „Kommt mir so … vertraut vor.“

„Habt ihr auch Hunger?“, fragte Miles plötzlich und stieß Christina von hinten an. „Ich könnte eine Pizza vertragen.“ Er breitete die Arme aus wie ein Angler, der mit seinem größten Fang prahlte. „Mit mindestens acht Belägen. Mal überlegen … Champignons, Zwiebeln, Paprika …“

„Dann kommen wir ja noch später in Dallas an!“, wandte Lori ein.

„Stimmt, allerdings hätten wir unterwegs sowieso irgendwo angehalten, um was zu essen“, hielt Christina dagegen. „Dann können wir auch jetzt in die Pizzeria da drüben gehen.“

„Lasst uns wenigstens warten, bis Gary wieder da ist“, meinte Lori.

Die anderen nickten zustimmend. Lori drehte sich um, sodass ihr Blick auf die Steinsäule fiel, die wie ein Mahnmal wirkte. Während sich Christina mit Miles unterhielt, betrat Lori den Kiesweg und näherte sich langsam der Säule. Als sie nahe genug war, um die Inschrift lesen zu können, fiel ihr plötzlich ein, woher sie den Ortsnamen kannte.

Die Augen weit aufgerissen, überflog sie die Namen, die in den Stein graviert waren, und dann fand sie, wonach sie suchte. Wie erstarrt stand sie da und sah auf den einen Namen.

Wie lange sie so dastand, wusste Lori nicht. Sie hatte alles um sich herum vergessen. Erst als sie eine Berührung an der Schulter wahrnahm, erwachte Lori aus ihrer Starre.

„Ja?“, fragte sie und drehte sich um.

Neben ihr stand Gary. „Was ist mit dir?“, fragte er besorgt. „Wir haben dich gerufen, aber du hast überhaupt nicht reagiert.“

Christina und Miles standen hinter ihm.

„Ich … Ich weiß jetzt, was mich mit dem Ort verbindet“, erklärte Lori mit schwacher Stimme. „Mein Onkel ist hier ums Leben gekommen.“

Sie zeigte auf das Mahnmal. Unter den Zeilen Im Gedenken an die Opfer des Andersonville-Massakers von der Nacht vom 21. auf den 22. Mai 1979 waren mindestens ein Dutzend Namen aufgelistet. Lori legte den Finger neben einen der Namen: Henry Peterson.

„Das ist dein Onkel?“, fragte Gary erstaunt.

„Ja.“

„1979? Den hast du doch gar nicht gekannt!“, warf Miles ein.

„Mein Onkel ist er trotzdem“, gab Lori zurück. „Ich kann mich jetzt wieder daran erinnern, dass mein Vater davon erzählt hat, als ich noch klein war. Hier hat sich damals irgendwas ganz Schlimmes abgespielt … Mein Onkel war Polizist, die Wache wurde überfallen …“

„Davon hast du noch nie was gesagt“, unterbrach Christina sie vorwurfsvoll.

Sie zögerte kurz. „Na ja“, entgegnete Lori dann seufzend. „Mein Vater hat mir das alles mal erzählt, da war ich … neun oder zehn, glaube ich … weil er wollte, dass ich es weiß. Aber ich kann mich jetzt daran erinnern, dass er nicht weiter darüber reden wollte …“

„Hat dein Onkel das Massaker veranstaltet?“ Miles zog die Augenbrauen hoch.

„Natürlich nicht, du Blödmann!“, fuhr Christina ihn an. „Ihr Onkel war einer von den Guten. Er hat die Wache tapfer verteidigt, darauf kannst du Gift nehmen. Stimmt’s, Lori?“ Als keine Antwort kam, wiederholte sie: „Stimmt’s, Lori? Lori?“

Lori stand da und sah zu Boden. „Das ist ja der Grund, weshalb mein Vater nicht mehr darüber reden möchte“, sagte sie betreten. „Er hat mir erzählt, dass mein Onkel von einem der Schurken erschossen worden ist, als er aus der Wache gerannt ist, um davonzulaufen … und seine Kollegen im Stich zu lassen.“

Gary legte ihr den Arm um die Schultern. „Wer sagt denn, dass das stimmt? Du weißt doch, wie sich solche Geschichten mit der Zeit verändern. Der eine lässt was weg, der andere dichtet was dazu. Und auf einmal erkennen die Leute, die selbst dabei gewesen sind, nicht mehr wieder, was da über sie erzählt wird.“

„Ich glaube, es gab nur einen Überlebenden“, sagte Lori leise.

„Wie wär’s denn, wenn wir drüben in der Pizzeria nachfragen, ob die jemanden kennen, der uns erzählen kann, was sich hier wirklich abgespielt hat?“, schlug Miles vor, dem es wohl mehr um das Essen ging als um die Geschichte.

„Ich wüsste was Besseres!“, rief Gary. „Wartet, ich bin gleich wieder da.“

Sie sahen ihm nach, während er die kleine Grünanlage verließ und zum Wagen ging. Zwei Minuten später kehrte er zurück und hatte seinen Laptop unterm Arm. Er setzte sich auf eine Bank gegenüber dem Mahnmal, steckte den Mobilfunkstick ein und fuhr den Rechner hoch. Augenblicke später warf er einen prüfenden Blick auf die Anzeige. „Ah, hier gibt es tatsächlich ein Netz“, murmelte er und sah sich um. „Bestimmt eine Antenne im Kirchturm.“

Er tippte etwas ein, dann machte er eine zufriedene Miene. „Na, bitte! Hier steht alles über das Andersonville-Massaker“, verkündete er und winkte Lori zu sich.

„Dazu gibt’s eine eigene Seite?“ Zögernd setzte Lori sich neben ihn. „Das hätte ich nicht gedacht.“

„Und was steht da?“, wollte Christina wissen.

Lori überflog den Text und las halblaut. „… in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai 1979 überfiel eine mexikanische Gang die Polizeiwache … Sie wollten drei Komplizen befreien und … und eine Ladung Diamanten im Wert von rund vierzig Millionen Dollar zurückholen, die die Polizei beschlagnahmt hatte … Die Gang belagerte die Polizeiwache vierzehn Stunden lang … Dann stürmten die Mexikaner die Wache … Am Ende waren zwölf Polizisten tot, nur einer … ein Officer Granger … wurde von der Gang mitgenommen und später mitten im Nirgendwo aus dem Wagen geworfen … Bis heute herrscht Unklarheit über die exakten Abläufe in jener Nacht. Nach dem Schock hatte Granger Erinnerungslücken.“

Während Lori hochschaute, klickte Gary auf einen Link, der zu einem Interview mit Officer Granger führte. Aus dem Augenwinkel sah Lori, dass er alle Texte speicherte. Dann drehte er sich zu ihr. „Wie fühlst du dich?“

„Etwas eigenartig.“ Sie verzog den Mund. „Ich habe meinen Onkel nie kennengelernt. Und ich bin noch nie hier gewesen, deshalb war das alles so … Ich weiß nicht … abstrakt. Aber jetzt ist das auf einmal so … so wirklich.“

„Vielleicht sollten wir doch jemanden aus der Stadt fragen, ob er was dazu sagen kann.“ Auffordernd sah Christina sie an.

Lori merkte, dass sie alle bemüht waren, sie irgendwie aufzumuntern. Aber das würde nicht so einfach sein. Was ihr Vater ihr erzählt hatte, betraf einen Mann, dem sie nie begegnet war. Es war so, als hätte er ihr erzählt, dass er als Kind einmal Präsident Nixon die Hand gegeben hatte. Das lag in einer Vergangenheit, die sie nicht kannte. Und ganz egal, wie bedeutend diese Dinge auch alle gewesen sein mochten, sie wusste darüber nur aus zweiter Hand Bescheid.

Doch als sie nun an dem Ort stand, an dem ihr Onkel umgekommen war – ohne Rücksicht darauf, unter welchen Umständen er nun tatsächlich gestorben war –, da kam es ihr vor, als wäre sie dabei gewesen. Fast wünschte sie sich, sie könnte in die Zeit zurückreisen und die Polizisten warnen, damit sie die Wache verließen, bevor die Mexikaner kamen und sie alle töteten.

„Ihr seid bestimmt nicht von hier, was?“, ertönte in dem Moment eine raue Stimme, die sie alle zusammenzucken ließ.

Lori sah zu dem Mann auf, der neben der Säule stand und sie fast wehmütig betrachtete. Fast als würde er sich wünschen, wieder so jung wie sie zu sein.

„Nein, Sir“, antwortete Gary und musterte den Mann. „Wir sind sozusagen auf der Durchreise. Können Sie uns verraten …“

„Wisst ihr, welcher Tag heute ist?“, unterbrach er Gary.

„Äh … Ist heute nicht Montag?“, murmelte Miles.

„Ich meine nicht den Wochentag, sondern das Datum“, präzisierte der ältere Mann.

Christina musste kurz überlegen. „21. Mai?“

„Ja, genau“, rief Lori. „Heute ist der Jahrestag des Massakers.“

Der Mann nickte zufrieden. „Heute ist der Jahrestag. Wieder einmal.“ Er ging ein paar Schritte auf sie zu. „Ich nehme an, euch hat es zufällig nach Andersonville verschlagen?“

„Ehrlich gesagt, ja“, antwortete Gary. „Wir wussten nicht …“, fügte er hinzu, ohne den Satz zu beenden, und deutete auf das Mahnmal.

„Ich wusste es“, widersprach Lori. „Ich hatte es bloß wieder vergessen.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Mein Onkel ist hier gestorben.“

Der ältere Mann zog interessiert die Augenbrauen hoch. „Dein Onkel?“

„Ja, Henry Peterson. Ich bin Lori Peterson, seine Nichte“, antwortete sie und betrachtete sein Gesicht ganz genau, doch er zeigte keinerlei Gefühlsregung.

„Henry … aha. Ein guter Polizist“, sagte er jedoch nach einer Weile.

„Sie haben ihn gekannt?“, fragte Lori überrascht.

„Ich habe sie alle gekannt, jeden Einzelnen von ihnen.“

Aufgeregt stand Lori auf. „Können Sie uns dann erzählen, was hier damals genau passiert ist? Mehr als das, was auf der Website steht?“

Er runzelte die Stirn. „Auf der was?“

„Auf der Website über das Andersonville-Massaker.“

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was du da redest, Mädchen, aber ihr kommt gerade rechtzeitig für das Gedenkritual.“

„Welches Gedenkritual?“, wollte Gary wissen, der inzwischen seinen Laptop zusammengeklappt und sich unter den Arm geklemmt hatte. „Davon habe ich auf der Seite nichts gelesen.“

„Am Jahrestag versammeln sich die Freunde und Hinterbliebene der Getöteten, legen eine Hand auf das Mahnmal und sprechen ein ...

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