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Am Rande zum Wesentlichen

Dr. phil. THORSTEN LINDEMANN

Am Rande zum Wesentlichen

Miniaturen in Wort und Kohle

www.geschriebenes.com

© Januar 2017 Dr. phil. Thorsten Lindemann

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Buchgestaltung: Dr. phil. Thorsten Lindemann

ISBN:
Hardcover: 978-3-7345-7847-2
Paperback: 978-3-7345-7846-5
e-Book: 978-3-7345-7848-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

MAN KANN UNS LAUT LESEN

MANCHMAL ERINNERTE UNS EIN DURCHEINANDER

ZUMEIST TRAFEN WIR NUR FLÜCHTIG AUFEINANDER

UND WIR SIND GESCHICHTEN ÜBER EINE GESCHICHTE

 

Abgesang

Schau mal, sagte ich mir halblaut, dort ist das und dahinten sogar noch das. Immerhin, … einige Dinge waren mir also im Tumult der mittlerweile abhanden gekommenen Jahrzehnte noch geblieben.

Ohne den Motor meines Wagens abzustellen hielt ich es für angebracht eine Rückschau passieren zu lassen. Ich bemerkte etwas beiläufig, dass ich mit dem Angehen des Schauspiels, eine präsentierende Geste, geradeso, als verlangte jemand dieses von mir, zackig fertigbrachte. Im Rückspiegel sah ich meine Augen lässig abschweifen, auch suchte mein Blick forschend nach dem angezeigten Zug, zweifellos gewagt aus dem Wagen heraus. Die geschlossene Schranke, … die, die den See von der Stadt schon immer trennt, machte weiterhin keine Zugeständnisse. Was ist schon Zeit, dachte ich. … Sehr viel weiter entfernt, hinter der Sperre, ging ein Schuljunge, vielleicht dreizehn, kaum älter. Er tapste, wie unter meinem Verdacht stehend, mechanisch getrieben, in die spätherbstliche Nasskälte hinein. Ich war mir sicher, dieser Bengel wird, nachdem zwei angedachte Schulstunden vergangen, diesen abseitigen Weg wieder zurücknehmen, und dann, zuhause angekommen und nach abgebröckelter, wohl oder übel, notgedrungener Überzeugung, seiner Mutter das zu frühe Heimkommen aus der Schule klarmachen. Am Ende wird er es auch dieses Jahr wieder geschafft haben. Diese späten, alljährlichen Bundesjugendspiele lagen ihm nun mal mit Grauen belegt nahe. … Jetzt verschwand der Bursche aus meinem Blickwinkel. Ein Wiedersehen lag wohl kaum im Möglichen. … Nun, … nur ein abklingendes Rauschen, … ja, … das hörte ich noch. Meine Abtrift hatte das ohrenbetäubende Vorbeifahren des Güterzuges nicht zugelassen. Was würde meine Tochter, die nun selbst als Lehrerin tätig ist, so hörte ich mich leise fragen, dazu sagen, wenn ich mich ihr gegenüber dazu bekennen würde. … Wozu? Deutlicher wollte ich mir selbst gegenüber nicht werden. … Der unterdessen ganz und gar abgerauschte Zug, den Unterschied zwischen Personen- und Güterzug konnte ich zu meiner Überraschung immer noch intuitiv festmachen, wurde durch das Öffnen der Schranke glaubhaft. Immer noch etwas verlegen nickte ich meinem Spiegelbild zu. … So. … Bummlig fuhr ich auf die erste Bahnschwelle. Holprig, auf ungleichem Grund, kantig, führte es mich. Der Wagen geriet ins Ruckeln, gelegentlich ins Schlingern. Also nichts Neues, … na klar. Ein schneller Blick in den Rückspiegel reichte. Kein Fahrzeug folgte. Das also erfuhr ich auch. Welchen Aufhänger Fahrradfahrer oder Fußgänger gefunden hatten, um dieser schönen Stunde hier und jetzt zu entsagen, hätte ich mich zwar fragen können, entschied mich aber dafür, unbelastet zu bleiben. Doch kaum mich so festgelegt, drängte sich auch schon eine weitere Frage auf: Sollte man sich in verrückten Zeiten generell durch gewollte Nichtkenntnis vor der Welt schützen oder brachte dieses Prädikat gerade dann eher das Gegenteil davon hervor? … Wie also? Etwas gegen meinen Willen und säumig genug, tat ich nun auch dieses Kopfzerbrechen beiseite. … Gut. … Nur wenig später hielt ich vor einer grau gewordenen Holzbaracke, es war niemand zu sehen. Ich stieg aus dem Wagen und tat das, wozu ich hierher gekommen war. Mein Gesicht brannte etwas. … Nun erschien es mir unbegreiflicher als noch unlängst, … nämlich, dass ich mich mit dem Näherrücken meines Abflugs zunehmend mehr mit der eigenen Vergangenheit beschäftigte. … Schwamm drüber, oder auch nicht. Mit der Eilfertigkeit eines Athleten, über die ich mich ebenfalls nur wundern konnte, ließ ich die Hütte links liegen. … Auch gut. … Wenn sich das nicht über die hingegangenen Jahre geändert hatte, musste alsbald der Weg zum Ufersaum des Sees sich zum schmalen Pfad verengen. … Erneut so ein Augenblick der kam: Plötzlich, in der für mich beklemmenden Stille, brach der Gedanke an meinen bevorstehenden Abschied gänzlich wühlend hervor. So jedenfalls hatte ich das nicht erwartet. Ich muss zugeben, mir kamen die Vokabeln – Versöhnung, auch Abrechnung als Gegenspieler ins Hirn, dabei lief mein Blick frei über großzügig gebliebene Pfützen. Ein Wolkenbruch hatte diese Hinterlassenschaft über Nacht und längs des Weges so belassen. … Nein, ich gab nicht auf. Meine Straße war nicht der Ort für Oberflächlichkeit und Leere, und schließlich, ich wusste wie viel ich durch mein Vorhaben gewinnen würde. … Ja, was sollte ich mir noch erzählen? Im Gedanken rückte ich meinen Hausstand zusammen, und dass, bis ich mich fragte, ob es nicht doch maßlos zu früh dafür war.

Mir entging nicht, dass die Sonne sich zum Untergang vorbereitete und weitreichende Schatten zur Wende deutlich sehbar warf. … Gefühlt wenig später blieb ich stehen. Ich lauschte mit erhobenem Gesicht, … so, als würde ich aus der Ferne gerufen. Ich nickte. Und während meine Augen hinüberblickten auf die andere Seite des Sees, der Wind sich etwas erhob, verschwand hinter der Stille der Ebene das Tagesgestirn.

Ja, … und wenn ich für den Rest meiner Zeit stehen bliebe, … hier, … einfach nur hier?

Friedhofsgänger

Nun, … so etwas kam mir auch noch nicht vor die Augen.

Als ich das Haus verließ war es mir, allein schon wegen der fortgeschrittenen Tageszeit, etwas ungelegen den Totenacker aufzusuchen, um die Grabstätte meines widerlichen Schwagers winterfest und hübsch mit Erika herauszuputzen, … nur des Anstands wegen, dachte ich. Mir wäre jede Tätigkeit lieber gewesen, ausgenommen vielleicht, dass aufwendige Rasenmähen, das auf meinem achtern liegenden Grundstück, aufgrund damaliger, kurvenreicher Gartengestaltung, immer zu einem schweißtreibenden Auftritt führt.

Kurz und gut, … mein Haus ließ ich knapp, nachdem ich den Wagen bestiegen hatte, links liegen. Es bestand also immer noch ein stillschweigendes Einverständnis mir selbst gegenüber. So nahm ich mich weiterhin in die Pflicht. Natürlich hatte ich den von Anbeginn dieser Verpflichtung mir eigens zurechtgelegten Zwang auch diesmal gefürchtet, aber in demselben Maße fühlte ich mich ebenfalls und nach wie vor, gewissermaßen, auf eine dubiose Machart, dazu berufen. … Ich habe keine Containerschiffe laufen, auch kein krisenbehaftetes Autohaus, keine Mitgliedschaft im Golfklub raubt Zeit, dachte ich. … Nur wenig später befand ich mich auf dem Friedhof. … Stille. … Mümmelnde Eichhörnchen, wilde Kaninchen, die in der Abendsonne dösten. Der Totenacker, auf dem ich mich befand, ist nicht groß. Keine Allee würde sich dem Besucher einprägen. Ja, … nichts Spektakuläres gab sich die Ehre. Hier wird niemals eine aufregende Parade stattfinden, kam mir noch in den Sinn. Und die Nachbarn? Angrenzend dieses Ruheareals eine knapp ausgefallene Reihe Doppelhaushälften. Die Vorgärten übersichtlich und pflegeleicht. Danach verflüchtigt sich das Bild mit beliebigen Gebäuden, und bis in die Innerstadt hinein. Einen Bewohner einer Doppelhaushälfte kannte ich immerhin oberflächlich. Oberstudienrat, und irgendwie komisch. Alle waren nicht so. Von den anderen hier wusste ich gar nichts.

Sicher, … ich sah auf diesem Gräberfeld in annähernd regelmäßigen Abständen Personen an mir vorbeigehen, ältere, selten jüngere Friedhofsgänger. Manche trugen handtellergroße Pflanzen umständlich bei sich, Schaufelchen unsicher zwischen Mittel- und Zeigefinger geklemmt. Später würde ich die Arbeiterschaft beim Wasserkannenholen wiedersehen, das war klar. Auch erfuhr ich zweite- und dritte Kleinigkeiten der Vorübergehenden. So lernte ich ebenso ihre wohl hiertypischen Eigenarten im Bewegungsablauf kennen. Nur ein Beispiel: das Verlangen, die Sache schnell hinter sich zu bringen, oder das Gegenteil davon. Ein Mittelmaß schien es dabei nicht zu geben. Ja, … die Gesichter schrieben mir mehr noch und annähernd ausnahmslos vorurteilsbildende Rätsel in mein Aufgabenheft.

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