Logo weiterlesen.de
Am Horizont rechts ab

© 2017 David Leixner

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

978-3-7345-9295-9 (Paperback)

978-3-7345-9296-6 (Hardcover)

978-3-7345-7338-5 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

„1“

 

27. Mai 2016

Regionalnachrichten Baden:

In Leimen wurde einer der drei Verdächtigen festgenommen, die in der Düsseldorfer Altstadt im Namen des IS einen Anschlag geplant haben.

Leimen? Gerade lese ich einzelne News im Netz und ein großes Fragezeichen erscheint ob der Nachricht über meinem Kopf. War ich letzte Woche erst bei einem Kunden in Leimen gewesen, nur knapp 100 Kilometer von Frankfurt entfernt.

Angst schleicht sich an und packt mich von hinten hart. Ich habe Geburtstag.

Als ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich mir noch überlegt krankzumachen, aber mich dann dagegen entschieden, da mein Chef mich schon seit meiner Rückkehr aus China 2012 im Blick hat und bestimmt weiß, dass ich Geburtstag habe. Jetzt bin ich mit meinem neuen Kollegen Fritz Koch auf dem Heimweg von Herrn Bauer, einem langjährigen Kunden, als wir an einem Eiskaffee vorbeikommen. „Wollen Sie ein Eis?“, fragt er mich, aber ich bin beschäftigt, da ein junger Mann schon zum zweiten Mal hektisch an uns vorbeiläuft. Arabischer Einschlag im Gesicht und immer wieder den Blick wechselnd. Er macht mich nervös. „Das fehlt jetzt gerade noch“, denke ich mir und frage Koch: „Was will der Kanake hier?“ „Keine Ahnung“, schüttelt der den Kopf und präzisiert seine Frage: „Die haben eine besondere Mischung aus Schoko und Vanille mit Blaubeeren im Angebot. Wollen Sie davon eine Kugel?“ „Jetzt nicht“, schüttle ich den Kopf und frage mich, warum der Idiot nicht einfach weitergeht. Er nervt mich mit seinem schnellem Schritt und hektischem Blick. Terrornachrichten haben mich bisher meist in geschmeidiger Entfernung in Frankfurt erreicht. Gilt der ein oder andere Stadtteil als Salafistenburg, wohne ich in keinem davon und habe bisher noch keinen Verdächtigen in Terroraktion aktiv gesehen. Was war das nur für ein Leben bevor der Gutmensch und unser aller Bundeskanzlerin sich dazu bereit erklärt hat, Flüchtlinge aufzunehmen und der IS sich die Welt an sich für Angriffe auserkoren hat? Was war das noch für ein Leben als mein politisches Wesen noch mein ganzer Stolz war, es raus und sich der Welt zeigen wollte? Meine Gedanken ziehen eine neue Schleife als mir ein junger Mann mit einer dicken Mütze auffällt, der an der Straßenbahnhaltestelle bei der Paulskirche auf dem Boden sitzt und immer wieder laut singt und schreit „Ficken muss man jeden Tag, ficken hilft bei allem“. Die meisten laufen an ihm vorbei, nehmen ihn gar nicht wahr und er singt tapfer immer denselben Satz. „Okay“ nicke ich und schaue meinen Kollegen an, „Recht hat er, es hat nur nicht jeder das Glück, jeden Tag jemanden zum Vögeln zu haben“, grinse im mich hinein und freue mich später auf daheim. „Sing du ruhig weiter, du King des Vögelns“, schnappe ich mir mein Brot und beiße einen großen Bissen von ab. „Ich würde sagen, wir können für heute Schluss machen. Die Firma Temko steht eh erst morgen auf dem Plan, die haben jetzt schon zu“, bemerke ich bei einem Blick auf meine Uhr.“ 15.36 Uhr „Alle klar“, schaut Koch mich an und dreht an der nächsten Kreuzung links ab. Ich habe noch knapp dreieinhalb Stunden Zeit bis zu meinem Geburtstagsabendessen, weshalb ich an den Bahnhof fahre. Dort ist ein guter coffee store, wo mein Lieblingsplatz am Fenster frei ist. „Perfekt“ denke ich mir, packe mein Laptop aus, stecke den USB – Stick rein und öffne die Datei „8 Quadratmeter Freiraum“ in word. Deren Inhalt habe ich gar nicht selbst, sondern meine Heilpraktikerin Frau Trunk für mich aufgeschrieben. „8 Quadratmeter Freiraum“ lese ich dick markiert als Überschrift. Da war alles noch anders und meine Neugierde packt mich. 2016 haben wir aktuell und in dem diary, wie Frau Trunk es gerne nennt, sind von mir erlebte Tage von 2011 festgehalten. Dass es ein Männerdiary und kein Tagebuch einer Frau ist, sehe ich dabei gleich wieder, wenn ich die Unregelmäßigkeiten der Daten überfliege. 2011 hatte mein Hausarzt Dr. Schmitt mich zu Frau Trunk, einer Heilpraktikerin geschickt, da er sich keinen Rat mehr wusste. Ich hatte öfters starke Kopfschmerzen, das CT und MRT brachten keinen darauf zurückführenden Befund und Dr. Schmitt war der Meinung, dass Frau Trunk mir vielleicht helfen könnte. Das erste Mal bei ihr angekommen, fand ich sie gleich gut. Sie hatte grüne Augen, sprach nur wenig und ließ mich vor allem reden. Also, ich hatte bei ihr das Gefühl, dass all ihr Handeln und Sprechen, bewusst gewählt ist. Von Heilpraktikern hatte ich bis dahin eigentlich wenig gehalten, weil ich mich bis dahin auch nicht damit auseinandergesetzt hatte. „Neumodischer Mist“, nannte meine Mutter das gerne, wenn ich sie mal reden hörte. Ich wusste nur, dass ich das selbst zahlen muss. „Herr Schumacher, darf ich erfahren, was der Grunde Ihres Kommens ist?“, fragte sie mich beim ersten Termin mit einem Lächeln im Gesicht. „Ich weiß auch nicht“, schüttelte ich den Kopf, „ich habe öfters starke Kopfschmerzen, da hilft keine Tablette mehr und nichts und nach zahlreichen Untersuchungen schickt Dr. Schmitt mich nun zu Ihnen.“ „In Ordnung Herr Schumacher, dann wollen wir die Sache mal langsam angehen. Vielleicht erzählen Sie erst einmal ein wenig von sich.“ Eigentlich sprach ich nur ungern über mich und meine Probleme, aber ihr Blick durch ihre freundlichen Augen ließ mich reden und nach ein paar Wochen erzählte ich ihr sogar von meinen Aufzeichnungen, die ich zu der Zeit mit einem Diktiergerät aufgenommen hatte. Extra gekauft hatte ich es mir und wollte mit den Aufzeichnungen meine Gedanken sammeln, da ich zum Schreiben ganz einfach zu faul war. „Herr Schumacher, vielleicht geben Sie mir Ihre Aufzeichnungen und ich höre sie mir an. Manchmal finden sich in Gedanken auch Lösungen und man ist sich dessen gar nicht bewusst“, schlug sie mir vor. Eigentlich kein Freund der esoterischen Linie, die sie irgendwie ausstrahlte, ließ ich mich doch darauf ein, weil ich Frau Trunk ganz einfach vertraute. Ich konnte mir nicht erklären, warum das so war, aber sie hatte einfach eine gute Ausstrahlung. Einen Monat später schickte meine Firma mich für ein Jahr ins Ausland und ich sah Frau Trunk leider nicht mehr. „Frau Trunk“, rief ich sie an, „ich gehe für ein Jahr nach China und habe keine Zeit mehr bei Ihnen vorbeizukommen,“ „Aber Herr Schumacher, das ist doch kein Problem“, antwortete sie, „ich habe da sogar noch eine Idee, ich würde Ihre Gedanken gerne in einer Art Tagebuch notieren, dann werden Zusammenhänge leichter klar, die unter Umständen auch ein Grund für Ihre Kopfschmerzen sein könnten. Ich halte sie in einer Datei fest, dann haben Sie selbst jederzeit Zugang dazu, okay?“. Und noch während ihrer Erklärung nickte ich nur noch vor mich hin. „Frau Trunk, da wäre ich Ihnen sehr, sogar sehr dankbar.“

Mal hatte ich das Diktiergerät monatelang nicht benutzt und dann wieder Tage hintereinander. Ich habe bei meinen Aufzeichnungen immer so gesprochen als würde ich das Diktierte gerade erleben. Das war überhaupt das erste Mal und einzige Jahr, wo ich mich der Methode der Aufnahmen über ein Diktiergerät bedient habe. Keine Ahnung, ob das so gehört. Es war mir egal, ich wollte einfach wissen, ob es mir etwas bringt.

Frau Trunk hatte mir 2011 nach ein paar Wochen in Peking eine Mail zukommen lassen, in der sie mir geraten hat, mir in einer guten Apotheke Zink zu besorgen und regelmäßig einzunehmen, das würde mich fürs erste ein wenig beruhigen. Von meinen Aufnahmen erwähnte sie nichts und ich fragte nicht nach. Jetzt haben wir fünf Jahre später. Ich bin gespannt und bevor ich zu lesen beginne, gehe ich noch einmal in word und überlege mir, wie ich meine Überlegungen, die mir beim Lesen heute vielleicht aufkommen festhalten kann. Die gleiche Schrift wäre nicht schlau, da sie sich nicht von Frau Trunks Text unterscheiden würde, fett markiert wäre zu aufdringlich und kursiv zu verspielt. Also entscheide ich mich dafür, meine Notizen einzurücken. Von sich aus hat Frau Trunk zu meinen Aufzeichnungen nichts dazu geschrieben und sie 1 zu 1

übernommen. Ich weiß nur noch, dass meine eigene Vergangenheit mich in den einzelnen Tagen damals ständig begleitet, erreicht und teilweise überrollt hat. Sie war irgendwie immer dabei, ohne dass ich mir ihrer Begleitung bewusst gewesen wäre. Und bevor mich meine schweifenden Gedanken jetzt vom Lesen abhalten, nehme ich noch einen großen Schluck guten Kaffee, den es meiner Meinung nach in Frankfurt so kein zweites Mal mehr gibt, setze meine braune Hornbrille auf, die mir mein neuer Optiker empfohlen hat, und beginne zu lesen.

„2“

 

1. Januar 2011

Die erste Nacht im neuen Jahr läuft an und ich bin wach. Vor meinen geistigen Augen das Großraumbüro meines Arbeitgebers auf 3 Etagen verteilt. Jeweils 250 qm Nutzfläche mit acht Quadratmetern Freiraum auf jeder Etage. Es sind acht Quadratmeter Freiraum, den ich mir mit meinen Kollegen teile. Natürlich nicht mit allen auf einmal. Die acht Quadratmeter Raum im Raum sind an drei Seiten verglast und Computer mit Druckeranschlüssen stehen drin. Beim Blick nach draußen habe ich direkte Sicht auf Frankfurt und gegenüber im Haus verkauft ein Blumenhändler Orchideen in jeder Größe und Farbe. Für Frauenaugen und Frauenseelen bestimmt der geeignete Blick. Es kommen jeden Tag neue dazu und andere werden verkauft, das Geschäft läuft gut. Ich schaue daran gerne vorbei, lande mit meinen Augen beim Fahrradhändler und fühle mich ob des Angebots an Mountainbikes und Trekkingbikes in dem Moment frei. Die acht Quadratmeter sind mein persönlicher, mein männlicher Freiraum und den brauche ich zeitweise, um wieder normal weiterzumachen. Es ist der Raum im Raum, der mir Sicherheit gibt, wenn ich geistig zu schwimmen beginne. Frankfurt an sich ist groß, ansprechend und meine Kollegen sind größtenteils in Ordnung. Ich arbeite beim Versicherungsriesen Frankfurter Direkt Versicherung, kurz FDV und da wird nicht übertrieben gemobbt. Ich bin in der Gruppe für Abendtreffs dabei, zu der ausgewählte Kollegen gehören und in der wir uns in den Pubs und Kneipen um den Römer diverser Biersorten bedienen, um uns besser kennenzulernen. Manchmal gehe ich mit, aber nicht immer. Manchmal halt, weil es mir ganz einfach nicht immer danach ist. Wenn meine Gedanken auf Gefahr eingestellt sind, dann bleibe ich besser daheim. Bin ich dann undankbar, wenn mir die Abendtreffs plötzlich zu unsozial sind und das Büro als täglicher Arbeitsplatz zu groß erscheint? Keine Ahnung. Manchmal wird es mir in unserem Großraumbüro zu viel. Ich bin zwar schon 10 Jahre dabei, aber wenn es so weit ist, schleiche ich mich eben in die acht Quadratmeter und wenn ich viel, viel Glück habe, dann sind sie auch leer. Ansonsten setze ich mich vor einen der vier Rechner und wenn andere dazu kommen, arbeite ich wichtig an einer Aufgabe, dass ich nicht gleich wieder verdrängt werde. Verdrängt werden? Kenne eigentlich nur ich das Gefühl, oder geht das meinen Kollegen genauso? Wieder keine Ahnung wie mir auffällt. Ich habe noch mit keinem darüber gesprochen und auch unsere Abendtreffs nicht für Fragen dieser Art genutzt. Ich hasse es auf jeden Fall. Es fühlt sich so kalt an. Meine Kollegen sind mir in solchen Momenten in einem Anflug von Soziophobie ein regelrechter Graus. Dann ist mir schon das Rascheln oder Atmen am Nebentisch zu viel und ich muss weg. Wenn es so weit ist, vermittelt mir der eine Quadratmeter auf Toilette Sicherheit. Sollen an den Pissoirs und hinter den Türen doch alle pinkeln oder machen was sie wollen. Hier kann ich atmen, tief Luft holen, und Kraft für die Zeit bis zum Feierabend tanken. „Tobias, alles klar?“, höre ich an meinem Schreibtisch öfters von hinten. Wenn ich mich dann umdrehe, blicke ich in das grinsende Gesicht meines Kollegen Max. Er ist Anfang 30 und sitzt am Schreibtisch hinter mir. „Alles klar, und bei dir?“ „Hatte heute Morgen einen guten Kaffee, zwei dicke Eier und eine hübsche Blonde neben mir liegen“, lacht er. „Aha“, schaue ich ihn nur an. „Ja, wenn du mich jetzt fragen würdest, was ich davon am besten fand, könnte ich dir echt nicht sagen was“ grinst er weiter und schlägt mir beim Vorbeigehen auf die Schulter. „Komm Tobias, lach mal.“ Max mit seiner ewig guten Laune brauche ich nicht jeden Arbeitstag, aber er ist so gut wie immer da und lacht. Deutschland befindet sich noch ziemlich am Anfang eines neuen Jahrtausends und Nachrichten vermitteln öfters den Eindruck einer beginnenden Rezession im Land. Weiter sind sie mit Al Qaida und Islamischer Staat beschäftigt und viele bekommen dadurch gar nicht mit, dass es Deutschland selbst nicht gutgeht.

Islamischer Staat? Al Qaida? Unglaublich. Damals wie heute aktuell. Wirklich unglaublich.

Alles schlecht, die ganze Welt rattert und Prognosen berichten in allen wichtigen Nachrichtensendungen und Magazinen darüber, dass es 2011 schlimmer werden soll. Ich habe deshalb schon meine Tageszeitung abbestellt. Dass ich natürlich trotzdem nicht vor der Welt flüchten kann, habe ich bisher nicht verstanden, vielleicht auch nicht verstehen wollen. In der ersten Nacht dieses Jahres habe ich auf alle Fälle viele gute Vorsätze. Ich will keine halbe Schachtel Zigaretten am Tag mehr rauchen, keine obligatorischen zwei Bier nach Feierabend trinken und mehr mit meiner Familie machen, Julia und unseren beiden Hübschen, Paula und Anna, 7 und 5 Jahre alt. Die Nachtstunden vergehen. Am ersten Tag des neuen Jahres wache ich morgens auf, bin nicht alleine, da Julia, Paula und Anna mit im Bett liegen und ich fühle mich so wie sich ein Mitte Dreißiger wohl fühlen muss: wie ein Knapp-Vierziger in der Mitte seines Lebens. Was ich habe erreichen wollen, habe ich geschafft, es zu einer Familie gebracht und als Versicherungskaufmann habe ich einen Job, der uns allen ein gutes Leben ermöglicht. Julia arbeitet zwei Mal die Woche noch in der Praxis einer Zahnärztin um die Ecke, aber das hätte sie nicht müssen, das macht sie, um sich selbst noch etwas mehr leisten zu können. Geld ist ein bestimmendes Thema für mich. Ich habe gerne den Überblick über die Finanzen und traue meiner Julia nicht, was finanzielle Angelegenheiten angeht. Schon ihre Eltern haben nicht mit Geld umgehen können. Ihr Vater alleine hat es geschafft, in weniger als zwanzig Jahren zwei Firmen in die Pleite zu stoßen und es ist ihm nie gelungen, der Mutter Einhalt wegen ihrer Einkäufe zu gebieten. Ein Brillant hier, eine Perle da. Sie wusste ihre Unzufriedenheit durch Konsum zu verschleiern. Das habe ich erst später über ihre Eltern erfahren. Am Anfang, als wir uns kennenlernten, waren wir eines Abends am Main gewesen. Die Nacht brach herein und ich holte eine Flasche Rotwein mit zwei Pappbechern aus meinem Rucksack, um mit ihr zusammen Radio zu hören und Wein zu trinken. Wir legten uns auf einer Decke ab. Lange hörten wir der Musik zu, küssten uns und sprachen wenig, als Julia sich zu mir drehte. „Tobias, weißt du, das erzähle ich eigentlich nicht so schnell, aber irgendwie ist es mir bei dir ein Bedürfnis. “Ich schaute sie an. „Julia, du kannst mir alles erzählen, was du mir erzählen willst.“ „Ich erzähle es nicht so gerne, weil jich kein Mitleid möchte.“ „Julia“, schaute ich sie an, „Ich höre dir zu und verspreche dir, dass du von mir keines empfangen wirst.“ „Ich“ schluckte sie,, „weißt du, meine Eltern sind vor vier Jahren bei einem Autounfall gestorben“ füllten sich ihre Augen mit dicken Tränen, „es war auf der Landstraße als ein PKW einen LKW überholen wollte, das Auto meiner Eltern übersah und mit ihnen kollidierte.“ Ich nahm sie in meine Arme und wischte ihre Tränen weg. „Ich hatte nicht gewusst, was die Polizei von mir wollte als sie zu mir kam und es hat eine ganze Weile gedauert bis ich es realisiert habe.“ Ich nickte. „Das glaube ich dir.“ Mir fielen dabei meine eigenen Eltern ein. Meine Mutter lebt noch und sie war mir nie eine richtige Mutter gewesen und mein Vater? Ob der noch lebt, weiß ich nicht. „Jetzt haben wir zwei uns kennengelernt, worüber ich wirklich froh bin und wir werden uns gemeinsam eine schöne Zeit machen“, gab ich ihr einen Kuss. Sie sah mich an und gab mir einen Kuss zurück. „Das hoffe ich, dass die Zeit schön wird.“ Im Laufe der gemeinsamen Zeit habe ich gemerkt, dass Julia sich geldtechnisch doch viel von den Gewohnheiten ihrer Mutter abgeschaut hat. Aber für diese Art von Leben haben wir das Geld nicht. Ich war in der Schule nur in Mathematik gut gewesen und hatte mein Abitur mit Ach und Krach geschafft. Danach habe ich einige Jahre hier und da gejobbt und wurde erst mit meiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei FDV ruhiger. Ich blieb nach meinem Ausbildungsende dort und verdiene gut, aber auf das Geld muss meine Familie achten, also vor allem eben ich.

Wenn ich das heute lese, wird es mir ganz anders. Heute haben wir 2016 und bin ich ohne die 3 in Frankfurt. Es geht eben doch nicht immer einfach alles so weiter – eigentlich komisch, wenn man es nur so kennt.

2004 hatten Julia und ich 3 Jahre nach meinem Ausbildungsende geheiratet, da Paula auf dem Weg war. Einmal nach einer Party nachts nicht richtig aufgepasst und schon war es geschehen. „Tobias, ich muss dir was sagen“, kam Julia damals auf mich zu. „Kann ich mir vorher noch etwas zu essen holen?“ Sie knirschte mit den Zähnen. „Tobias, ich warte schon den ganzen Nachmittag darauf, dass du kommst.“ „Okay, dann lass uns mal auf die Couch setzen für deine Neuigkeiten.“ „Tobias“, kam Julia fast ins Stottern. „Ich, also meine Tage sind überfällig gewesen und dann…“ Mir wurde es ganz anders. „Und?“ sah ich sie an. „Dann bin ich in die Apotheke und habe mit einen Test geholt…“ „Und dann?“ „Er hat angezeigt, dass ich schwanger bin“, sah sie mich unsicher an. Peng. Eigentlich ist es überhaupt nicht meine Art, unkontrolliert zu handeln und ich habe mich nicht wirklich gefreut. Wir hatten doch verhütet. „Dann werden wir das schaffen“, nahm ich sie in den Arm und wusste nichts mehr zu sagen. Das Thema Kinder stand eigentlich erst in ein paar Jahren auf meinem Plan. Ich fragte mich manchmal, ob Julia mich reingelegt hat. Von wegen Pillenknick in den 70ern, „Ihr Männer braucht euch keine Sorgen mehr machen! Jetzt wird alles gut – für die Frauen wie für die Männer!“, riefen Alice Schwarzer und Konsorten damals, aber wenn die Frau wollte, dann konnte sie den Mann früher wie heute noch reinlegen, da war und bin ich mir ganz sicher.

Heute am ersten Morgen im neuen Jahr versucht mich Anna, die noch mehr als Paula an mir hängt, zu wecken. Sie zieht an meinem T-Shirt und schaut, was passiert. Ich reagiere nicht und bleibe ganz ruhig. Ich kann auch gar nichts machen, denn wieder fällt mir meine Mutter Martha ein. Es ging mir als kleiner Junge nicht viel anders und ich wollte meine Mutter morgens gut gelaunt wecken. Bis dahin war noch alles in Ordnung gewesen, eben alles bis auf ihre Reaktion. Leichtes Klopfen an ihrem Rücken – nichts geschah. Aufforderndes Klopfen. „Mama, werde endlich wach, es liegt draußen Schnee.“ Und sie wurde wach und reagierte damals, aber eben anders als ich es mir gewünscht hatte. „Was willst Du eigentlich? Weißt Du, dass ich täglich arbeite? Das müsste ich nicht, wenn ich dich nicht hätte.“ Klare Ansage und aus.

Ich war damals frisch in die Schule gekommen und der Schock saß. Was hatte ich denn falsch gemacht, fragte ich mich in meiner kindlichen Naivität, da Kinder die Schuld bei sich selbst suchen, wenn irgendetwas falsch läuft. Ich erinnere mich sogar jetzt noch Jahrzehnte später daran als wäre es gestern gewesen und ein Schauer überkommt mich. „Aber dein Vater hat uns verlassen und ich kann dich ja nicht in ein Heim geben, was würden Oma und Opa dann denken? Also arbeite ich für 6,50 DM an der Kasse, und das mindestens acht Stunden am Tag. Und jetzt willst Du mir etwas von Schnee erzählen? Komm Junge!“, lachte meine Mutter höhnisch auf, zu höhnisch für mich, einen Kleinen, der gar nichts verstand.

Ich höre sie sogar 2016 wieder lachen und als sie nicht aufhört, versuche ich mit einem Schlag auf mein rechtes Ohr für Ruhe zu sorgen. Blöde Kuh.

Anna zieht während meines geistigen Erinnerungskarussells weiter tapfer an meinem Shirt. Ich will nicht schreien, kann aber auch nicht anders, weil es in mir brüllt, also drehe ich mich noch einmal um. „Lasst den Papa in Ruhe, der hat gestern noch schwer arbeiten müssen, obwohl Silvester war“, sagt Julia neben mir zu der Kleinen. „Ja, aber ich wollte ihn doch nur wecken, dass er mir meine Milch bringt.“ „Das würde er doch auch gerne, mein Engel, aber vielleicht ein bisschen später. Jetzt muss er erst einmal wach werden. Ich bringe dir eine Tasse warme Milch.“ Mit dem Kind gemeinsam im Bett zu liegen hat es in meiner Kindheit nicht gegeben. Meine Mutter hatte das Bett zwar ganz alleine für sich, aber mich wollte sie nicht dabei. Mein Vater Hugo hatte kurz nach meiner Geburt das Weite gesucht und uns alleine gelassen. Niemand wusste, wo er hin war. Einige erzählten sich, dass er nach Amerika ausgewandert wäre, ein anderer wollte ihn einmal im Hamburger Hafen gesehen haben. Laut der nächsten Geschichte war er bei der französischen Fremdenlegion gelandet. Meine Mutter hat es nie verkraftet, dass Hugo sie und mich alleine gelassen hat und hat mir nie Liebe gegeben. Dass meine zwei Prinzessinnen viele Jahre später manchmal nachts bei Julia und mir schlafen dürfen, hätte ich niemals verboten und Julia ist dafür sowieso zu sehr Mutter als dass sie das nicht gewollt hätte. Unter der Dusche angekommen, habe ich heute Morgen schon fast wieder vergessen, dass ich gar nicht arbeiten muss. „Es ist Neujahr, Neujahr, Neujahr“, muss ich mir immer wieder selbst sagen. Keine Kollegen, kein Chef, kein Kunde, kein Stress. Arbeit ist für mich nicht mehr und nicht weniger. Arbeit hat nichts durchdringend Positives für mich. Arbeit ist dazu da, um Geld zu verdienen. Sie gibt mir wenig für mein Selbstbewusstsein, Sie gibt mir wenig Anerkennung. Sie ist einfach da, um da zu sein. So stehe ich jeden Morgen auf, ziehe mich an, trinke noch einen Kaffee und gehe zu FDV. Dort bin ich einer von 45 anderen Mitarbeitern, einer von den 45 grauen Männern und Frauen bei FDV. Ich falle nicht besonders auf und würde mich als unauffälligen Zeitgenossen beschreiben. Nicht besonders hübsch und nicht besonders hässlich finde ich mich selbst. Ich brauche nicht viel Aufmerksamkeit, trage eine Brille und kurze blonde Haare, trinke meinen Kaffee – zu viele Tassen am Tag – und schade niemandem.

So bin ich und so füge mich in das persönliche Bild von mir und meiner Welt ein. Ich bin einer von den Guten und habe öfters das Gefühl, dass andere mir schaden wollen. Immer bin ich auf der Hut, dass mir nichts passiert. Niemals betrete ich den FDV völlig entspannt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Am Horizont rechts ab" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen