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Am Horizont ein helles Licht

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane belegen in England und vielen weiteren Ländern regelmäßig die ersten Plätze der Bestsellerlisten, so auch Am Horizont ein helles Licht, der in England auf Platz 1 der HC-Bestsellerliste einstieg. Neben dem Schreiben engagiert sich Lesley Pearse für die Bedürfnisse von Frauen und Kindern und ist Präsidentin des Britischen Kinderschutzbundes.

Lesley Pearse

AM HORIZONT EIN
HELLES LICHT

Roman

Aus dem Englischen von
Britta Evert

 

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine wunderschöne Enkeltochter Sienna Marie,
geboren am 9. Dezember 2012, Schwester von Harley,
die meiner Tochter Jo, ihrem Partner Otis und
der ganzen restlichen Familie so viel Freude macht.

KAPITEL 1

RUSSELL, NEUSEELAND 1931

»Mariette ist so …« Miss Quigley verstummte und schürzte die schmalen Lippen, während sie nach dem passenden Adjektiv für ihre fehlgeleitete Schülerin suchte. »So aufsässig!«

Belle widerstand der Versuchung, über die Beschreibung ihrer elfjährigen Tochter zu lächeln. Das Gleiche hatte man oft von ihr behauptet, als sie noch ein Kind gewesen war.

Es war gegen halb fünf, und Miss Quigley hatte Belle nach Schulschluss aufgesucht.

Belle hatte die Lehrerin als Zeichen ihrer Hochachtung in den Salon gebeten, war aber entschlossen, ihr keinen Tee anzubieten, da sie die Frau nicht ermutigen wollte, länger als nötig zu bleiben. »Ich glaube, was Sie an ihr feststellen, ist lediglich ein Anzeichen für einen starken Charakter. Was genau hat sie denn angestellt?«

»Ich könnte keinen speziellen Vorfall anführen, doch sie stellt einfach alles, was ich sage, infrage. Erst unlängst, als ich in der Klasse erzählte, wie viele Soldaten aus Neuseeland im Krieg ihr Leben gelassen haben, verkündete sie, dass Frankreich ein Viertel seiner Männer verloren habe.«

»Aber das ist wahr«, sagte Belle. »Ich würde es nicht aufsässig nennen, darauf hinzuweisen – zumal ihr Vater Franzose ist und für sein Land gekämpft hat.«

Es war verlockend hinzuzufügen, dass Etienne für seinen Mut mit dem Croix de Guerre ausgezeichnet worden war, doch es würde ihm nicht gefallen, wenn sie damit prahlte.

Miss Quigley verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber sie hat zu allem und jedem eine eigene Meinung! Außerdem stört es mich, dass sie den anderen Kindern fragwürdige französische Redewendungen beibringt.«

»Ich denke, Sie werden feststellen, dass an ihnen nichts Fragwürdiges ist; Mariette mag einfach den Klang der Sprache. Ich bezweifle, dass es um mehr als ›Gib mir bitte den Bleistift!‹ oder ›Wie warm es heute ist!‹ geht. Ihr Vater und ich wünschen beide, dass sie zweisprachig aufwächst, und wir freuen uns sehr über ihre Fortschritte.«

Miss Quigleys missbilligendes Schnauben deutete an, dass sie es für anstößig hielt, einem Kind Französisch beizubringen. »Sie ist übermäßig selbstbewusst.« Sie stieß das letzte Wort hervor, als wäre es eine Beleidigung. »Immer ist sie die Erste, die sich meldet und bei allem die Führung übernimmt.«

»Ich bedaure sehr, dass Sie das beunruhigend finden.« Belle fand, dass diese vertrocknete alte Jungfer von Lehrerin sich darauf konzentrieren sollte, die weniger begabten Kinder in ihrer Klasse zu fördern, und froh sein müsste, wenigstens eine Schülerin zu haben, die gern lernte. »Ich hätte gedacht, dass eine Lehrerin einen derartigen Enthusiasmus gern sieht – immerhin ist es ein Kompliment für ihren Unterricht.«

»Hochmut kommt vor dem Fall«, gab Miss Quigley verschnupft zurück. »In diesem kleinen Teich mag sie ein großer Fisch sein, aber wie wird sie damit umgehen, wenn sie es mit noch größeren Fischen zu tun hat?«

»Ein Kind mit Selbstvertrauen kommt schon zurecht.« Belle wurde allmählich ärgerlich. »Nun, wollen wir nicht über ihre Fortschritte in der Schule sprechen? Deshalb sind Sie doch gekommen, nehme ich an?«

»In Lesen und Schreiben ist sie sehr gut«, gab Miss Quigley widerwillig zu. »Auch im Rechnen ist sie fix. Aber sie lenkt die anderen Kinder ab, wenn sie mit ihren Aufgaben fertig ist, und hindert sie daran, die ihren zu beenden.«

»Indem sie mit ihnen redet?« Belle hatte das Gefühl, endlich weiterzukommen.

»Ja.«

»Dann sage ich ihr, dass sie das lassen muss. Doch vielleicht könnten Sie ihr mehr Aufgaben geben oder eine andere Beschäftigung für sie finden.«

Belle hatte schon vor einer ganzen Weile festgestellt, dass Miss Quigley voreingenommen gegen Mariette war, und ihrer Meinung nach hatte es nichts damit zu tun, dass das Mädchen schneller oder aufgeweckter als andere Kinder seines Alters war. Es lag nur daran, dass weder Mariette noch Belle sich je derartig bei ihr einschmeichelten, wie es viele andere Kinder und Mütter in Russell taten.

Miss Quigley, eine unscheinbare, schmächtige und reservierte Frau Ende vierzig, hatte ihren Posten als Lehrerin in Russell ungefähr zur selben Zeit angetreten, als Belle und Etienne geheiratet hatten. Es ging das Gerücht, sie wäre nach Russell gezogen, um Silas Waldron, einem Witwer aus Kerikeri, den sie in Auckland kennengelernt hatte, näher zu sein. Vielleicht hatte sie gehofft, aus ihrer Freundschaft würden Liebe und Ehe entstehen, aber das schien nicht der Fall zu sein.

Es war nicht leicht für eine alleinstehende Frau ohne Freunde oder Familie, sich nach dem Leben in der Großstadt in einer abgeschiedenen Gemeinde wie Russell einzufügen. Miss Quigley hatte kaum etwas mit den Müttern ihrer Schüler gemeinsam, Frauen, deren Leben sich um ihre Männer und Kinder drehte und die in den Augen der Lehrerin vermutlich reichlich rückständig waren.

Es machte die Sache nicht leichter, dass sie so steif und zugeknöpft war. Miss Quigley redete wenig und lächelte kaum – geschweige denn, dass sie lachte –, und falls sie gehofft hatte, unter den wohlhabenden Männern, die im Sommer zum Hochseefischen herkamen, einen Ehemann zu finden, hatte sie Pech gehabt. Belle konnte sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen Gefallen an einer nicht sehr ansehnlichen Frau in mittleren Jahren finden würde, die immer so aussah, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen.

»Wenn ich ganz offen sein darf, Mrs. Carrera, ich finde wirklich, Sie sollten Mariettes Übermut dämpfen, indem Sie sie anregen, einem etwas weiblicheren Hobby als dem Segeln zu frönen. Auf dem Weg hierher habe ich gesehen, wie sie ein Boot vom Anlegesteg abstieß und dabei ihr Kleid in einer höchst unschönen Art und Weise gerafft hatte.«

Belle war plötzlich ganz Ohr. Erschrocken sah sie die Lehrerin an. »Sie haben Mari beim Boot gesehen? War ihr Vater denn nicht bei ihr?«

»Nein, sie war ganz allein und brüllte jemandem am Ufer etwas zu wie ein Fischweib.«

»Warum haben Sie mir das nicht gleich erzählt?« Belle nahm hastig die Schürze ab und lief zur Tür. »Glauben Sie wirklich, wir würden einer Elfjährigen erlauben, allein segeln zu gehen?«

»Was ich sage – sie ist aufsässig«, begann Miss Quigley, doch ihr Schuss ging ins Leere, da Belle bereits zur Tür hinaus war.

Wie der Wind rannte Belle am Ufer entlang zum Steg. Ihr Herz pochte laut vor Furcht. Etienne hatte versprochen, Mariette heute nach der Schule im Dingi eine Segellektion zu erteilen, falls er früh genug mit seiner Arbeit fertig wurde. Aber wenn man Miss Quigley Glauben schenken durfte, fand Mariette, dass sie schon genug gelernt hatte, um das Boot allein zu beherrschen.

Es war ein schöner, sonniger Oktobertag und der Wind gerade stark genug, um für ideales Segelwetter zu sorgen, doch Mariette war weder stark noch erfahren genug, um eigenhändig ein Segelboot zu steuern. Das hatte ihr Vater ihr schon Dutzende Male gesagt. Eine plötzliche Bö konnte das Boot zum Kentern bringen oder die Rahe an ihren Kopf krachen lassen. Obwohl Mariette gut schwimmen konnte, war das Wasser jetzt, am Ende des neuseeländischen Winters, in der Bucht noch sehr kalt, und an einigen Stellen gab es gefährliche Strömungen.

Als Belle ein Stück weiter vorn Charley Lomax sah, rief sie ihm zu: »Mari ist allein mit dem Boot rausgefahren. Kannst du Etienne suchen gehen? Und sag bitte auch Mog Bescheid, falls du sie siehst!«

Charley Lomax war einer von Russells Charakterköpfen, ein Mann um die fünfzig, der hart arbeiten konnte, aber immer wieder auf Sauftouren ging, die Tage dauern konnten. Er hauste in einer elenden Baracke im ärmlicheren Teil der Stadt, aber Etienne mochte ihn und arbeitete oft mit ihm zusammen.

Der Mann schwenkte die Hand, um Belle zu bedeuten, dass er sie verstanden hatte, und flitzte so schnell los, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, dass er heute nüchtern war.

Belle musste einen Moment stehen bleiben, weil sie Seitenstiche hatte. Sie schirmte mit einer Hand die Augen vor der Sonne ab und starrte auf die Bucht hinaus. Ihr Dingi hatte ein rotes Segel, und als Etienne es gekauft hatte, hatte Belle oft genau an dieser Stelle gestanden und beobachtet, wie es über die Wellen hüpfte. Sie hatte sich Sorgen gemacht, als er anfing, Mariette mitzunehmen, um ihr den Umgang mit einem Segelboot beizubringen, und erlaubte ihm immer noch nicht, Alexis oder Noel an Bord zu nehmen, weil die Jungen erst acht beziehungsweise sieben Jahre alt und keine besonders guten Schwimmer waren. Aber bei Mariette hatte sie nachgegeben, da das Mädchen alles liebte, was mit dem Meer und mit Booten zu tun hatte, und gern allein etwas mit dem Vater unternahm.

Auf einmal entdeckte Belle weit draußen in der Bucht das Dingi, das ziemlich gute Fahrt machte. Mariette, nur als winzige Gestalt erkennbar, lehnte sich auf ihrem Sitz weit nach hinten, um das Boot im Gleichgewicht zu halten. Belle befürchtete, dass ihre Tochter nicht genug Kraft in den Armen hatte, um das Dingi zu wenden, und sie steuerte direkt auf das offene Meer und hohen Wellengang zu.

»Belle!«

Belle drehte sich um, als sie ihren Namen hörte, und sah, wie Mog, die Alexis und Noel fest an den Händen gepackt hielt, auf sie zugelaufen kam. Mog holte die Jungen fast täglich von der Schule ab, weil ihr Unterricht eine halbe Stunde früher endete als Mariettes, und ging gewöhnlich noch mit ihnen spazieren, damit sie sich ein bisschen austoben konnten.

Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte Belle gestaunt, dass eine Frau von neunundsechzig mit einem leichten Hinken noch so schnell laufen konnte. Aber heute konnte sie nur daran denken, in welcher Gefahr ihre Tochter schwebte.

»Mari ist allein da draußen!«, rief sie Mog zu und zeigte auf das weit entfernte Boot. »Weißt du, wo Etienne ist?«

Jetzt war Mog bei ihr. Sie hielt sich die Seite, so sehr hatte das Laufen sie angestrengt. »Charley geht ihn gerade holen. Etienne ist bei den Baxters«, keuchte sie. »Bestimmt fährt er direkt zum Steg und nimmt das andere Boot, um eure Tochter zu holen. Fahr lieber mit, um ihm zu helfen!«

»Wenn das Boot da draußen kentert, wird sie ertrinken«, stieß Belle mit bebender Stimme hervor, während sie zum Steg weiterliefen. »Wie oft habe ich ihr gesagt, wie gefährlich die See sein kann! Warum muss sie immer alles ausprobieren?«

»Nur die Ruhe, Belle!«, sagte Mog. »Es ist natürlich sehr ungezogen von ihr, dir nicht zu gehorchen. Aber solange das Boot nicht kentert, gibt es keinen Grund zur Panik. Etienne ist bestimmt im Handumdrehen hier.«

Mog hatte recht. Als sie den Steg erreichten, kündete eine Staubwolke Etiennes Ankunft in seinem alten Laster an.

Er war inzwischen einundfünfzig, aber die Zeit war milde mit ihm umgegangen, und er war immer noch so schlank und drahtig wie an ihrem Hochzeitstag. Die Fältchen um seine blauen Augen waren mehr geworden, und sein Haar war eher weiß als blond, doch er hatte nach wie vor die Macht, Frauenherzen schneller schlagen zu lassen – insbesondere Belles Herz.

Wie sie erwartete hatte, hielt er sich nicht damit auf, sich Erklärungen, Beschuldigungen oder Vorschläge anzuhören, sondern befahl Alexis, nach Hause zu laufen und eine warme Decke zu holen. Er bat Mog, bei Noel zu bleiben und zu warten, packte dann Belle an der Hand und rannte mit ihr den Steg hinunter zu der Stelle, wo ihr kleiner Fischkutter vertäut war. Er sprang hinein und ließ den Motor an; Belle löste hastig die Leinen und hüpfte an Bord. Etienne stieß das Boot mit einem Bootshaken ab, und innerhalb weniger Sekunden nahmen sie Kurs auf das Dingi.

Etienne starrte das kleine Gefährt in der Ferne an. »Sie kommt gut damit zurecht«, stellte er mit einem Anflug von Stolz fest, bemerkte dann aber Belles entsetztes Gesicht. »Wir konnten nicht erwarten, sanftmütige, gehorsame Kinder zu bekommen, Belle! Mari hat das Schlechteste und das Beste von uns beiden geerbt.«

Belle lag auf der Zunge, dass er das Dingi nie hätte kaufen sollen und dass sie ihm niemals verzeihen würde, wenn Mari irgendwie zu Schaden kam oder gar ertrank, doch sie schwieg, weil sie wusste, dass Etienne es sich selbst nie verzeihen würde, wenn seiner Tochter etwas zustieß. Außerdem war auch sie der Meinung gewesen, dass alle Kinder, die am Meer lebten, schwimmen und segeln lernen sollten, und somit genauso verantwortlich wie er.

Keiner von beiden sagte etwas; beide schienen den Fischkutter mit schierer Willenskraft zwingen zu wollen, schneller zu fahren. Als sie näher kamen, konnten sie deutlich erkennen, dass Mariette mit dem starken Wind, der die Segel blähte, zu kämpfen hatte.

»Sie hält mit aller Kraft die Leine und denkt nicht daran, das Ruder herumzureißen«, sagte Etienne beunruhigt. Wenn seine Tochter so weitermachte, würde sie bald im offenen Meer sein.

Während sie weitertuckerten, kam eine plötzliche Sturmbö auf, und vor ihren entsetzten Augen kippte das kleine Dingi um und Mariette wurde wie eine Stoffpuppe ins Wasser geschleudert. Sie sahen sie fallen und hörten das Platschen, doch schon im nächsten Moment war das Mädchen verschwunden.

»Wo ist sie? Ich kann sie nicht sehen!«, keuchte Belle.

Das Wasser in der Bucht war ganz friedlich gewesen, aber hier draußen war die See kabbelig, und der Schock, plötzlich in eiskaltem Wasser zu landen, erschwerte jedem das Schwimmen, ganz besonders einem kleinen Mädchen.

»Mari!«, brüllte Etienne aus voller Kehle. »Kannst du mich hören?«

Sie hatten noch ungefähr fünfzig Meter zurückzulegen, bevor sie das gekenterte Boot erreichten, und Belle war außer sich vor Angst, als sie in den Wogen Ausschau nach ihrer Tochter hielt. Sie warf Etienne einen Blick zu. Mit grimmiger Miene verlangsamte er das Tempo, um jederzeit ins Wasser springen zu können.

»Nimm das Steuer und zieh ganz langsam weite Kreise um das Dingi«, sagte er und zerrte sich die Stiefel von den Füßen. »Du musst sofort schreien und das hier schwenken, wenn du sie siehst«, fügte er hinzu und reichte ihr einen roten Stofffetzen.

Er machte einen Kopfsprung ins Wasser und tauchte gut zehn Meter vom Kutter entfernt wieder auf.

Belle tat wie geheißen und umkreiste langsam das gekenterte Boot, während sie gleichzeitig Mariettes Namen rief und mit den Augen die Wasseroberfläche absuchte. Etienne suchte unter Wasser nach seiner Tochter und kam nur gelegentlich kurz zum Luftholen nach oben, um gleich darauf weiterzutauchen.

Schieres Entsetzen drohte Belle zu überwältigen, als sie sich ausmalte, wie Etienne mit dem leblosen Körper ihres Kindes auftauchte. Sie versuchte, ihre Panik zu unterdrücken, indem sie sich sagte, dass Mariette nicht von der Rahe getroffen worden und somit nicht bewusstlos war und dass sie schwamm wie ein Fisch. Aber mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Tochter ertrunken war, größer.

»Bitte, lieber Gott, lass sie leben!«, flehte Belle inbrünstig, als Etienne erneut untertauchte.

Und dann, als wäre ihr Gebet erhört worden, entdeckte sie Mariette. Ein verängstigtes kleines Gesicht lugte aus einer Welle, und Belle sah, dass das Mädchen einen Arm nach dem Kiel des gekenterten Dingis ausstreckte.

»Bleib, wo du bist, Mari!«, schrie Belle und schwenkte hektisch das kleine rote Tuch. »Papa ist gleich bei dir! Halt dich fest!«

Etienne tauchte auf der anderen Seite des Rumpfs auf.

»Auf dieser Seite! Sie ist auf dieser Seite des Bootes!«, rief Belle und wies mit dem Finger auf die besagte Stelle.

Etienne hob zum Zeichen, dass er verstanden hatte, eine Hand, und während er um das Dingi herumschwamm, lenkte Belle den Kutter näher heran.

Es dauerte nicht länger als ein paar Minuten, bis Etienne bei Mariette war. Er packte sie, schwamm mit ihr zum Fischkutter und hob sie in Belles Arme.

»Ich will nur noch schnell das Dingi aufrichten. Wir können es mit an Land ziehen. Wirf mir eine Leine zu!«, rief er ihr aus dem Wasser zu, bevor er das Tau auffing, sich umdrehte und zurückschwamm.

»Oh, Mari, du bist so ein ungezogenes Mädchen!«, rief Belle, während sie ihre Tochter hastig aus den durchnässten Sachen schälte und eine alte Jacke von Etienne um sie schlang, die auf dem Boden des Kutters gelegen hatte. »Ich hatte solche Angst um dich! Du hättest ertrinken können!«

»Papa hat mir gesagt, dass ich immer beim Boot bleiben soll, wenn ich mal kentere«, brachte Mariette hustend und würgend heraus. »Aber ich konnte nur Wellen sehen, und ich hatte solche Angst! Ich bin in die falsche Richtung geschwommen, doch ich hab mich umgedreht, und dann hab ich es gesehen.«

Belle brachte es nicht übers Herz, ihrer Tochter jetzt eine Standpauke zu halten; sie war viel zu erleichtert, dass Mariette nichts passiert war. Sie drückte sie fest an sich und beobachtete, wie Etienne das Dingi aufrichtete und die Schleppleine daran befestigte. Es gab nicht viel über Boote, was er nicht wusste – er hatte schon als kleiner Junge in Marseille segeln gelernt und war sehr gefragt bei den Bootseignern in Russell, sowohl als Besatzung als auch für Reparaturen. Aber von Kindern verstand er nicht viel, und Belle war böse auf ihn, weil er eine Elfjährige in dem Glauben bestärkt hatte, sie wüsste genug vom Segeln, um sich allein aufs offene Meer zu wagen.

Wenn Miss Quigley nicht zufällig gesehen hätte, wie Mariette das Dingi in die Bucht steuerte, wäre vielleicht eine Stunde oder mehr vergangen, bevor sich Belle auf die Suche nach ihrem Mädchen gemacht hätte. Außerhalb der Bucht hätte die Strömung das Boot sofort mitgerissen, und Mariettes Leiche wäre vielleicht nie gefunden worden.

Aber davon sagte sie nichts zu ihrer Tochter, die ohnehin einen tüchtigen Schreck bekommen hatte. Im Moment wollte sie ihr Kind nur fest in den Armen halten und aufwärmen.

Etienne hatte recht damit, dass ihre Tochter sowohl das Schlechteste wie das Beste von ihren Eltern geerbt hatte. Sie war furchtlos wie ihr Vater und zielstrebig wie ihre Mutter. Außerdem war sie schlau, dickköpfig und ungehorsam. Auch ihr Aussehen war eine Mischung beider Eltern. Ihr Haar war rotblond, aber lockig wie Belles. Sie hatte Etiennes hohe Wangenknochen, doch die tiefblauen Augen und den sinnlichen Mund ihrer Mutter. Mariette war nicht direkt hübsch, aber ihre Züge waren so fesselnd wie Etiennes.

»Bist du sehr böse auf mich?«, fragte Mariette kleinlaut, als ihr Vater wieder an Bord war und seine nassen Sachen abstreifte.

»Ja, das bin ich«, antwortete Etienne grimmig. »Ich habe dir Dutzende Male gesagt, dass du niemals allein mit dem Boot rausfahren darfst. Ich fasse es nicht, dass du mir nicht gehorcht hast. Du hast großes Glück gehabt, dass wir rechtzeitig erfahren haben, wo du bist. Egal, wie gut man schwimmen kann, das Meer ist eiskalt, und selbst ein erwachsener Mann wie ich kann im Handumdrehen im Wasser vor Kälte erstarren. Weißt du eigentlich, was du deiner Familie angetan hättest, wenn du ertrunken wärst?«

»Ihr wärt alle sehr traurig gewesen.« Mariette ließ den Kopf hängen und versuchte, sich noch tiefer in die alte Jacke zu verkriechen, in die Belle sie gewickelt hatte.

»Nicht nur traurig, sondern zutiefst verzweifelt«, sagte er und kauerte sich vor seine Tochter. »Du bist noch ein kleines Mädchen. Du hast vielleicht genug gelernt, um bei einer sanften Brise in ruhigen Gewässern zu segeln, aber du hast nicht genug Muskelkraft, um bei starkem Wind ein Boot zu lenken. Du musst lernen, deiner Mutter und mir zu gehorchen, Mariette. Wir verbieten dir solche Sachen nicht, weil wir gemein sind, sondern um dich zu beschützen.«

»T-t-tut mir leid«, stammelte sie, zum Teil vor Kälte, zum Teil, weil sie in der Klemme steckte. »Ich wollte, dass du stolz auf mich bist, weil ich so gut segeln kann.«

»Wir hätten viel mehr Grund, stolz auf dich zu sein, wenn du folgsamer wärst«, sagte Belle und stand auf, um den Motor anzulassen. »Wenn Miss Quigley dich nicht gesehen hätte, wären wir viel zu spät gekommen, um dir zu helfen. Ich hoffe, dass es dir eine Lehre ist und du nie wieder irgendetwas unternimmst – ob mit einem Boot, einem Wagen oder zu Fuß –, ohne vorher deinen Vater und mich um Erlaubnis zu bitten.«

»Bestimmt nicht«, schluchzte das Kind. »Seid mir bitte nicht mehr böse!«

Belle sah ihre Tochter an. Mariette hatte sich an Etienne gekuschelt, genau wie früher, als sie fünf, sechs Jahre alt gewesen war. Damals war ihr Haar noch blond gewesen, aber in den letzten Jahren war es immer rötlicher und lockiger geworden, und Belle musste es zu strammen Zöpfen flechten, um es zu bändigen. Mariette hatte von klein auf die Kunst beherrscht, andere aus großen Augen anzuschauen, so unschuldig, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Es war ein Blick, den Belle und Etienne einerseits bezaubernd, andererseits beunruhigend fanden, weil sie ihre Mitmenschen damit spielend um den kleinen Finger wickeln konnte. Jetzt empfand sie aufrichtige Reue, aber Belle war durchaus bewusst, dass Mariette ein Kind war, das nie brav und fügsam werden würde. Schon beim nächsten Mal, wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, würde sie die heutige Lektion vergessen haben.

Als sie einen Namen für sie gesucht hatten und Etienne Mariette vorgeschlagen hatte, weil es der Name seiner Mutter war, hatte er lachend hinzugefügt, dass er »die Widerspenstige« bedeute. War etwa der Name schuld an ihrem Verhalten?

Nie war ein Kind sehnlicher erwartet worden. Als Belle während der Ehe mit Jimmy Reilly, ihrem ersten Mann, eine Fehlgeburt erlitten hatte, war ihr gesagt worden, dass sie wahrscheinlich nie mehr Kinder bekommen könnte. In Anbetracht der Tatsache, dass Jimmy im Krieg schwer verwundet worden war, und angesichts all der Probleme, die seine Behinderung mit sich brachte, hatte sich Belle damit abgefunden, nie Mutter werden zu können, und sich bemüht, jeden Gedanken an Kinder zu verbannen. Aber ganz gelungen war es ihr nie. Es war immer ein wunder Punkt in ihrem Inneren gewesen, ein ständiger Quell des Kummers.

Dann war gleich nach Kriegsende in England die Spanische Grippe ausgebrochen, und wie zigtausend andere steckte Jimmy sich an und starb, und auch sein Onkel Garth, Mogs Ehemann, fiel der Epidemie zum Opfer.

Belle und Mog gingen nach Neuseeland, um neu anzufangen. Obwohl Belle damals noch sehr jung war, rechnete sie nicht damit, sich noch einmal zu verlieben. Sie schnappte einmal auf, wie jemand Mog und sie als »die zwei englischen Witwen« bezeichnete, und ging davon aus, dass sie allgemein so genannt wurden. Damals glaubte sie, dass sie ihren Lebensunterhalt als Modistin verdienen, zusammen mit Mog alt werden und Kindern nicht näher kommen würde, als ein gelegentlicher Blick auf die Sprösslinge der Nachbarn erlaubte.

Doch dann tauchte Etienne auf, der Mann, den sie geliebt und von dem sie geglaubt hatte, er wäre in Frankreich gefallen. Bis zu jenem Tag, der für sie immer noch ein Wunder war, hatte sie sich damit abgefunden, dass es für sie nie wieder Liebe und Leidenschaft geben würde.

Sie hatte die braven Bürger von Russell schockiert, weil sie nicht einmal versucht hatte, ihr Verlangen nach dem galanten Franzosen zu verbergen, aber das hatte sie nicht gekümmert. Sie war überzeugt, dass Gott – oder das Schicksal – eingegriffen hatte, um sie für all das Unglück in ihrem Leben zu entschädigen. Sie war im vierten Monat schwanger, als sie heirateten, und keine Braut war je stolzer und glücklicher zum Altar geschritten.

So viel war seit damals passiert – es hatte Strapazen, Enttäuschungen, Zeiten großer Not gegeben. Und doch, mit Etienne an ihrer Seite und dem Glück, das mit jedem ihrer drei schönen, kerngesunden Kinder kam, verloren selbst die größten Probleme an Bedeutung.

Aber als Belle jetzt wieder zu ihrer Tochter sah, wurde ihr bewusst, dass Kinder noch größeren Schmerz bringen konnten als die schlimmsten Schicksalsschläge, die ihr selbst in der Vergangenheit widerfahren waren. Mariette war viel zu tollkühn und verwegen, als gut für sie war, und genauso eigensinnig wie ihr Vater und ihre Mutter. Wenn sie erst einmal fünfzehn, sechzehn war, würden ihr Wagemut und ihre Abenteuerlust sie wahrscheinlich gegen das ruhige, friedliche Leben hier in Russell aufbegehren lassen und dazu führen, dass sie in die weite Welt hinauszog. Belle kannte die Gefahren, die auf junge Mädchen lauerten, nur zu gut, und allein bei dem Gedanken, Mariette könnte in ähnliche Situationen geraten wie sie selbst, erstarrte ihr das Blut in den Adern.

Mog hatte die Jungen nach Hause gebracht und zwei Decken auf dem Steg liegen lassen. Etienne wickelte Mariette in eine davon ein, legte die andere um ihre Schultern und trug sie in seinen Armen heim.

Zu Hause in der Robertson Street warteten Mog und die Jungen auf der Veranda. Das Fernglas auf dem Tisch verriet, dass sie die Rettungsaktion von der Küste aus verfolgt hatten und erst nach Hause gegangen waren, als sie wussten, dass Mariette in Sicherheit war.

Mog, die nicht zu dramatischen Auftritten neigte, streckte bloß die Arme nach dem zitternden Kind aus und verkündete: »Ich habe ein heißes Bad für dich vorbereitet, mein Schatz. Und dein Vater sollte nach dir auch gleich in die Wanne steigen.

»Kriegt sie jetzt den Po versohlt?«, fragte der siebenjährige Noel beinahe hoffnungsvoll.

Beide Jungen hatten Belles dunkles Haar, und ihre Augen waren kobaltblau und noch dunkler als ihre, aber den Gesichtsausdruck – wachsam und argwöhnisch – hatten sie vom Vater. So abenteuerlustig wie ihre Schwester war keiner der beiden. Etienne lachte immer, wenn die Rede darauf kam, und meinte: »Lasst ihnen ein bisschen Zeit!«

»Sei nicht albern, Noel«, sagte Alexis. »Es reicht doch, dass sie schrecklich Angst gehabt hat, weil sie fast ertrunken wäre.«

Belle lächelte über seinen herablassenden Ton, den er oft anschlug, um Noel klarzumachen, dass er der Ältere war. Mit seinen scharf geschnittenen Zügen und der manchmal frostigen Art erinnerte er Belle an Annie, ihre verstorbene Mutter. Aber zum Glück war Alexis ein vernünftiger Junge, und man konnte sich immer darauf verlassen, dass er tat, was ihm gesagt wurde.

Später am Abend, als die Kinder ihr Abendbrot gegessen hatten und im Bett lagen, holte Mog die Flasche Brandy, die sie in der Vorratskammer verwahrte, und schenkte drei Gläser ein.

Sie saßen in der Küche. Das Geschirr war abgewaschen und längst weggeräumt, und vor einer Weile war es dunkel geworden, aber der goldene Schein der Öllampe schuf eine behagliche Atmosphäre.

»Ich weiß, dass ihr zwei euch Sorgen um Mari macht«, sagte Mog und reichte Belle und Etienne jeweils ein Glas Brandy. Die beiden waren beim Abendessen verdächtig still gewesen, was alle drei Kinder registriert hatten und sich daraufhin ohne die üblichen Verzögerungstaktiken ins Bett verzogen hatten. »Aber vielleicht war es ganz gut, dass sie heute einen Mordsschreck bekommen hat. Ich glaube, so ein Risiko wird sie so bald nicht wieder eingehen.«

Mog hatte das kleine Schindelhaus gekauft, als Belle und sie nach Russell gekommen waren, doch Etienne hatte es seit seiner Heirat mit Belle beträchtlich erweitert. Auf elektrischen Strom wartete man in Russell immer noch, aber die Küche war jetzt wesentlich größer, und es gab ein separates Waschhaus mit einem Ofen, mit dem sie fürs Baden und für die große Wäsche Wasser aufheizen konnten. Außerdem hatte Etienne für Mog zwei Zimmer angebaut, die sie entweder vom Flur aus oder über die Veranda, die an der Vorderfront verlief, betreten konnte. Über Mogs Räumlichkeiten befanden sich zwei Schlafzimmer, eines für die beiden Jungen und eines für Mariette.

Sie hatten den Leuten erzählt, dass Mog Belles Tante war – eine weit einfachere Erklärung als die Wahrheit. Tatsächlich hatte Mog als Dienstmädchen für Annie Cooper, Belles Mutter, gearbeitet und Belle großgezogen. Jahre später hatte Mog Garth Franklin geheiratet und Bell Garths Neffen Jimmy Reilly. Abgesehen von einigen Jahren, in denen Belle in Amerika und Paris gelebt hatte, und ihrer Zeit als Rettungsfahrerin in Frankreich während des Krieges, waren Mog und sie nie getrennt gewesen. Für Belles und Etiennes Kinder war sie eine innig geliebte Großmutter, und als solche hatte ihre Meinung, was die Kinder oder auch jede andere Familienangelegenheit anging, immer Gewicht.

Etienne nickte. »Da hast du ganz recht, Mog. Einen bösen Schreck zu kriegen, ist eine der besten Methoden, Kindern etwas über Gefahren beizubringen. Zum Glück ist heute kein wirklicher Schaden entstanden – das heißt, nur bei uns Erwachsenen. Ich glaube, ich wäre lieber wieder in Ypern, als noch einmal diese grauenhaften Momente zu erleben, als ich im Wasser nach Mari gesucht habe. Ich weiß natürlich, dass es für dich am Ufer genauso schlimm war, und die arme Belle sieht immer noch angegriffen aus.«

»Wir sollten das Dingi verkaufen«, brach es aus Belle heraus. »Vielleicht hat Mari jetzt zu viel Angst, um es noch einmal zu versuchen, doch einer der Jungs könnte auf die gleiche Idee kommen.«

Etienne nahm Belles Hände in seine und lächelte sie mitfühlend an. »Wir leben an einem Ort, wo das Meer eine ständige Gefahr darstellt, und wir sind auf unsere Boote angewiesen. Genauso war es für mich als Junge in Marseille. Ich weiß, dass es sehr viel besser ist, ihnen beizubringen, die Gesetze der See zu respektieren und sachkundig mit einem Boot umzugehen, als zu versuchen, sie vom Wasser fernzuhalten.«

»So sehe ich es auch. Auf Kinder lauern überall Gefahren«, sagte Mog. »Auf Bäume klettern, Fremde, die ihnen etwas antun könnten, die falschen Beeren pflücken, ansteckende Krankheiten – die Liste ist endlos. Wir können sie nicht vor allem und jedem beschützen. Das weißt du besser als jeder andere, Belle.«

Belle seufzte. »Ja, das stimmt, aber ich habe immer geglaubt, wenn wir unsere Kinder hier an diesem wunderschönen Ort aufziehen, wären die Gefahren geringer. Wisst ihr, was Mari gesagt hat, als ich sie vorhin zugedeckt habe? ›Ich wäre gern eine Heldin wie Grace Darling oder Jeanne d’Arc. Ich will später nicht in einer Bäckerei arbeiten oder Kleider nähen.‹ Wie können wir hoffen, dass sie je einen netten, tüchtigen Mann heiratet und eine Schar Kinder bekommt, wenn sie von derartigen Dingen träumt?«

Etienne lachte. »Sie ist erst elf, Belle. Ich wette, in dem Alter hast du auch von Abenteuern geträumt.«

»Nein, nur davon, schicke Hüte zu entwerfen«, gab Belle zurück. »Ich habe mir nicht ausgemalt, Menschen mit einem Ruderboot zu retten oder ein Land in den Krieg zu führen.«

»Ich habe davon geträumt, Königin Victoria kennenzulernen«, gestand Mog. »Und du, Etienne?«

»Viel zu essen zu haben«, sagte er. »Aber damals war ich die meiste Zeit halb verhungert.«

»Eure Träume sind also in Erfüllung gegangen«, lachte Mog. »Meine nicht. Ich hatte sogar zu viel Angst vor den Menschenmassen, um zu Königin Victorias Trauerzug zu gehen. Ihr solltet euch keine Sorgen machen, weil Mari davon träumt, eine Heldin zu sein. Es schadet ihr nicht, wenn sie sich vornimmt, tapfer und gut zu sein. Und wartet ab, bis die Jungs größer sind, dann werden sie nämlich Sachen anstellen, bei denen euch die Haare zu Berge stehen! Ihr könnt eure Kinder nicht in Watte packen, ihr könnt ihnen nur die richtigen Werte beibringen, sie in die richtige Richtung lenken und beten! Eines Tages werdet ihr im Kreis zahlreicher Enkelkinder auf der Veranda sitzen und sehr zufrieden mit euch sein, weil alles gut gegangen ist.«

Wie immer war Mog die Stimme der Vernunft, und das liebten Etienne und Belle an ihr. Was auch geschah – sei es, dass Etienne bei dem Versuch, Wein anzupflanzen, scheiterte und einen Haufen Geld verlor, dass ein Brand in der Küche es nötig machte, das ganze Haus zu sanieren, oder dass die Kuh ausgerechnet an dem Tag, als sie alle gemeinsam einen Ausflug unternahmen, in den Garten hinauswanderte und fast alle Pflanzen und das Gemüse verputzte – Mog entdeckte immer einen Silberstreif am Horizont. Belle erinnerte sich, wie die Freundin nach dem Feuer gesagt hatte: »Nicht so schlimm, wir wollten ohnehin ausbauen.« Und nach dem misslungenen Versuch mit dem Weingarten hatte sie im Scherz gemeint: »Na ja, vielleicht hätten wir angefangen, zu viel Wein zu trinken, wenn etwas aus dem Vorhaben geworden wäre.«

Sie war ein schlichtes Gemüt und lebte nach der Philosophie, dass ihr nichts passieren konnte, solange sie ihre geliebte Familie um sich, genug zu essen und zu trinken und ein Dach über dem Kopf hatte. Mit neunundsechzig hatte sie immer noch die Energie einer zehn Jahre jüngeren Frau. Sie mochte inzwischen eine Brille tragen, ihr Haar mochte schneeweiß und ihr Gesicht von Falten durchzogen sein, aber sie war nach wie vor eine starke Persönlichkeit, auf die man bauen konnte. Selbst in Zeiten wie diesen, in denen Banken Hypotheken kündigten und von einer weltweiten Depression die Rede war, blieb sie optimistisch und war überzeugt, dass ihnen nichts wirklich Schlimmes zustoßen konnte.

»Es sind die Jahre, bevor sich die Kinder häuslich niederlassen und selbst Eltern werden, die mir Sorgen machen«, gestand Belle. Doch sie sagte es mit einem Lächeln, weil sie sich mit Mog und Etienne an ihrer Seite praktisch unbesiegbar fühlte.

Während die drei ihren Brandy tranken, betrachtete Mog Belle beifällig. Mit sechsunddreißig war Belle immer noch eine sehr schöne Frau. Ihr lockiges Haar war genauso dunkel und füllig wie mit zwanzig, und die wenigen Lachfältchen um ihre Augen und die paar Pfund, die sie in den letzten Jahren zugenommen hatte, schienen sie noch schöner wirken zu lassen. Sie war eine Frau, nach der sich die Männer umdrehten, und aus diesem Grund beäugten einige der älteren Damen in Russell sie mit Argusaugen. Aber das war unnötig, denn Belles Herz gehörte allein Etienne. Auch sie konnte sich seiner sicher sein. Etienne interessierte sich nicht für andere Frauen, und nur ein Dummkopf würde es wagen, sich Etiennes Unmut zuzuziehen – ein Blick auf seine kalten blauen Augen und die dünne Narbe auf seiner Wange reichte aus, um zu erkennen, dass er ein Mann war, dem man besser nicht in die Quere kam.

Mog konnte sich nur zu gut daran erinnern, welche Vorbehalte sie gegen Etienne gehabt hatte, als er hier aufgetaucht war, um Belle zu finden. Im Krieg mochte er ein Held gewesen sein, doch die Art und Weise, wie er vorher gelebt hatte, durfte man nicht allzu genau betrachten. Aber da sie das Leuchten in den Augen ihrer Freundin gesehen hatte, wenn sie Etienne anschaute, und gespürt hatte, dass dieser Mann Belles Schicksal war, hatte sich Mog mit ihm abgefunden.

Jetzt liebte sie ihn wie einen Sohn. Und er hatte immer wieder bewiesen, was er wert war. Er war stark, zuverlässig, liebevoll und treu und hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor, der ihn nicht einmal in den schwierigsten Zeiten im Stich ließ. Ob er fischen ging, um etwas zu essen auf den Tisch zu bringen, Bauarbeiten verrichtete, Land rodete oder eins der Babys in seinen Armen wiegte, bis es einschlief, er tat alles mit vollem Einsatz. Sein Plan, einen Weingarten anzulegen, mochte gescheitert sein, wie einige der boshafteren Bewohner von Russell sich voller Schadenfreude erinnerten, aber im Gegenzug hatte er immer gut für die Seinen gesorgt und war im Ort allgemein beliebt.

»Woran denkst du?«, wollte Etienne von Mog wissen und zog fragend eine helle Augenbraue hoch.

»Wie froh ich bin, dass mit euch beiden alles so gut gegangen ist«, antwortete sie. »Es war richtig von uns, nach Neuseeland auszuwandern, nicht wahr?«

»Ganz bestimmt«, sagte Belle lächelnd. »Wenn ich verzweifle, weil wir hier wohl nie in den Genuss von Elektrizität, modernen Sanitäreinrichtungen und anständigen Straßen kommen werden, denke ich daran, wie kalt und nass es jetzt daheim in England ist.«

»Doch die Zeiten werden für uns alle schwerer werden«, dämpfte Etienne sie. »Seit dem Börsenkrach sind zwei Jahre vergangen, in Amerika gibt es sieben Millionen Arbeitslose, und auch hier verschärft sich die Lage. Mit Farmern, die ihre Erzeugnisse nicht mehr absetzen können, und Fabriken, die eine nach der anderen schließen, werden auch wir die Auswirkungen bald zu spüren bekommen.«

»Aber es wird die Reichen doch nicht davon abhalten, zum Segeln und Fischen herzukommen, oder?«, fragte Belle. In den letzten zehn Jahren war die Zahl der Sommergäste ständig gewachsen, was hauptsächlich dem amerikanischen Schriftsteller und Sportler Zane Grey zu verdanken war, der 1926 nach Russell gekommen war, um Marline zu fischen. Im darauffolgenden Jahr hatten der Herzog und die Herzogin von York einige Nächte mit ihrer Jacht HMS Renown im Hafen vor Anker gelegen, und seither zog es scharenweise andere reiche und berühmte Leute hierher. Mog und Belle profitierten von diesen Besuchern vor allem dadurch, dass sie Kleidungsstücke änderten und der neuesten Mode anpassten, aber Belle hatte außerdem bereits etliche Hüte verkauft, und Mog hatte Shorts, Röcke und Blusen für Frauen angefertigt, die feststellten, dass ihre Garderobe für Russell zu formell war.

Was Etienne anging, so hatte er schon unzählige Angler auf seinem Boot aufs Meer hinausgefahren, ganze Familien mitgenommen, die an einem einsamen Strand picknicken wollten, und eine Art Fährendienst für Feriengäste eingerichtet. Früher im Jahr war die Straße von Russell nach Whangarei fertiggestellt worden, und in diesem Sommer würden Besucher sie zum ersten Mal benutzen können, auch wenn sie gewunden wie ein Korkenzieher war.

»Die Reichen kommen vielleicht immer noch, aber all die kleinen Campingplätze hier in der Umgebung bekommen es schon zu spüren, dass immer mehr Menschen in der Stadt ihren Arbeitsplatz verlieren«, wandte Etienne ein. »Vielleicht müssen auch wir bald den Gürtel enger schnallen.«

»Wir kommen schon klar«, sagte Mog überzeugt. »Wir haben vielleicht kein Geld auf der Bank, aber wir haben keine Schulden und sind alle drei imstande, kräftig zuzupacken, wenn es sein muss. Was wir allerdings im Moment überlegen müssen, ist, wie es mit Mari weitergehen soll. Schon morgen wird sie nicht mehr daran denken, wie knapp sie mit dem Leben davongekommen ist, und allein deshalb sollte sie auf eine Weise bestraft werden, die sie daran erinnert, wie ernst der Vorfall war. Außerdem ist sie ein bisschen größenwahnsinnig. Miss Quigley hat ganz recht, wenn sie sagt, dass Mari aufsässig ist, und das ist bei einer Elfjährigen nicht gut.«

»Sie ist selbstbewusst, das ist alles«, brauste Belle auf. »Ich werde sie nicht so erziehen, wie Annie und du mich erzogen habt. Ich habe praktisch wie eine Gefangene gelebt.«

»Das ist nicht fair, Belle«, wandte Etienne ein. »Mog musste dich als Kind gut behüten, weil in London alle möglichen Gefahren lauerten. Das hat sie mit Mari bestimmt nicht vor.«

»Natürlich nicht«, sagte Mog. »Sie braucht nur ein bisschen Anleitung. Seit einer ganzen Weile darf sie tun und lassen, was ihr gefällt. Sie sollte mehr im Haus helfen, kochen und nähen lernen, statt auf Bäume zu klettern und mit den Jungs Ball zu spielen. Noch vier Jahre und sie ist ein junges Mädchen, und ich muss dir nicht erst sagen, Belle, welche Gefahren das mit sich bringt.«

Belle schürzte die Lippen.

»Verschone mich mit diesem selbstgefälligen Blick!«, meinte Mog ungeduldig. »Seien wir ehrlich, wir drei wissen ganz genau, in welche Schwierigkeiten junge Leute geraten können. Hier gibt es weniger Versuchungen als in London oder Marseille, doch für junge Menschen kann es hier ziemlich langweilig sein. Und dann gibt es Ärger!«

Etienne grinste. »Du hast ja recht, Mog, wie immer. Mir wäre es auch lieber, wenn Mari davon träumen würde, einen Hutsalon zu besitzen oder Ballerina zu werden. Aber da das unwahrscheinlich ist, müssen wir sie in eine Richtung lenken, die ungefährlicher ist, als eine zweite Jeanne d’Arc zu werden.«

»Wer hat ihr überhaupt von Jeanne d’Arc erzählt?« Belle sah Etienne vorwurfsvoll an.

Er hob in einer typisch französischen Geste die Schultern. »Den Jungs erzähle ich von König Artus, also erzähle ich Mari von einem Bauernmädchen, das ihre Landsleute in die Schlacht geführt hat. Ich dachte, du bist für die Gleichberechtigung der Frau?«

»Bin ich auch. Aber wenn man eine Tochter hat, hofft man einfach, dass sie einen guten, anständigen Mann heiratet und mit ihm glücklich ist bis an ihr Lebensende.«

»Das hoffe ich auch«, gab Etienne zu. »Doch ich möchte auch, dass Mari nach höheren Dingen strebt. Sie ist intelligent, und vielleicht ist es ihr bestimmt, Ärztin oder Anwältin zu werden oder das zu schaffen, worin ich versagt habe, nämlich erfolgreich Wein anzubauen. Wir müssen alles tun, um ihre Energien in die richtigen Kanäle zu leiten.«

KAPITEL 2

1938

Mog war im Arbeitszimmer damit beschäftigt, Perlen an einen Brautschleier zu nähen, als Mariette hereinkam. Anscheinend wollte sie ausgehen, denn sie trug das grün-weiß gestreifte Kleid, das Mog erst vor Kurzem für sie geschneidert hatte, und sah bildhübsch aus.

Mog hatte immer behauptet, dass aus Mariette eines Tages eine Schönheit werden würde, und sie hatte recht behalten. Mit ihren achtzehn Jahren wurde sie mit ihren ein Meter fünfundsechzig, der kurvenreichen Figur und den langen rotblonden Locken von ihren Freundinnen glühend beneidet und von den meisten Männern heiß begehrt.

»Ich finde, du solltest an einem Sonntagnachmittag nicht herumflanieren«, sagte Mog. »Ich durfte das jedenfalls nicht, als ich ein junges Mädchen war.«

Mariette lachte. »Ach, Moggy, das ist so albern und viktorianisch. Was ist schon dabei, an einem schönen Tag einen Spaziergang zu machen? Ich wette, Jesus hat sonntags auch nicht über einem Buch gebrütet.«

»Damals gab es noch keine Bücher«, entgegnete Mog. »Außerdem dachte ich, du hilfst mir. Mit dem Schleier bin ich fast fertig, aber auf das Kleid müssen noch Hunderte Perlen genäht werden.«

»Ich helfe dir, wenn ich zurückkomme. Ich brauche bloß ein bisschen Bewegung und frische Luft.«

»Aber deinen Eltern hast du gesagt, dass du nicht mit ihnen nach Paihia fahren willst, weil du mir helfen musst.« Mog musterte Mariette argwöhnisch. »Hast du etwa vor, dich mit einem jungen Mann zu treffen?«

»Nein! Warum denkt ihr bloß dauernd, dass ich mich mit Jungs treffe, du und Mum?«

Mog registrierte Mariettes gerötete Wangen und die falsche Empörung in ihrer Stimme und wusste, dass sie mit ihrem Verdacht richtig lag. »Es gibt nicht viel über junge Mädchen, das deine Mutter und ich nicht wissen«, gab sie schroff zurück.

Sie liebte Mariette abgöttisch, aber sie war nicht blind für ihre Fehler. Das Mädchen war egozentrisch und gerissen und schien weder Belles Mitgefühl noch die Tatkraft ihres Vaters geerbt zu haben.

Sie konnten alle stolz darauf sein, wie aufgeweckt sie war, und ihr hübsches Gesicht würde einen Stein zum Erweichen bringen, doch Mog hatte große Angst, dass sie eines Tages in ernste Schwierigkeiten geraten würde.

Sie hatte Dr. Crowley geholfen, Mariette zur Welt zu bringen, und von dem Moment an, als Mog sie in den Armen gehalten und in das zorngerötete kleine Gesicht gesehen hatte, hatte sie für das Kind ein Übermaß an Liebe empfunden. Sie hatte Belle genauso lieb gehabt, als sie noch ein Baby und allein Mogs Obhut anvertraut gewesen war. Aber damals war Mog nur das Hausmädchen gewesen, und weil sie gewusst hatte, dass Belles Mutter Annie sie jederzeit vor die Tür setzen könnte, hatte sie sich angewöhnt, ihre Gefühle zu unterdrücken und ihre Meinung nur dann kundzutun, wenn Annie sie danach fragte.

Doch Belle und Etienne betrachteten Mog von Anfang an als Großmutter ihres Babys, und als solche brauchte sie nichts zurückzuhalten – weder ihre Hilfe noch ihre Ansichten oder ihre Liebe zu dem kleinen Mädchen. Aber ein Kind so sehr zu lieben war ein zweischneidiges Schwert. Mog mochte in der erfreulichen Gewissheit leben, dass sie für Mariette genauso wichtig war wie ihre Eltern, aber das brachte mit sich, dass sie sich ebenso große Sorgen wie die beiden machte, dass dem Mädchen etwas zustoßen könnte.

Belle war im zarten Alter von fünfzehn von Verbrechern entführt worden, und in den zwei Jahren ihrer Abwesenheit hatte es Momente gegeben, in denen Mog das Gefühl gehabt hatte, sie würde den Verstand verlieren, so sehr hatte es sie gequält, nichts über das Schicksal ihrer geliebten Kleinen zu wissen. Es schien zwar wenig wahrscheinlich, dass Mariette Ähnliches widerfahren könnte, doch auf ein junges Mädchen lauerten genug andere Gefahren. Mog empfand es als ihre Pflicht, gut auf Mariette aufzupassen. Falls sie versagte, weil sie nicht streng genug gewesen war, würde sie es sich nie verzeihen.

Früher hatte das nur bedeutet, darauf zu achten, dass Mariette nicht an gefährlichen Stellen spielte, sich gesund ernährte und lernte, Richtig und Falsch zu unterscheiden. Aber auf einmal – und es schien über Nacht passiert zu sein – war sie zu einer jungen Frau geworden, und Mog ahnte neue Gefahren. Sie konnte eine Achtzehnjährige nicht zu Hause einsperren oder ihre weiblichen Rundungen verbergen oder ihr Lächeln weniger betörend machen.

Genauso wenig konnte sie sie vor den Übergriffen warnen, zu denen manche Männer imstande waren – nicht ohne ihr zu erklären, woher sie davon wusste. Belle glaubte, dass Mariette in Russell gut aufgehoben war und dass aus Angst vor Etienne kein Mann wagen würde, sich bei ihrer Tochter Freiheiten herauszunehmen. Vielleicht hatte sie recht, aber Mog hatte da so ihre Zweifel: Mariette war ein kleines Luder, und es bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie selbst die Initiative ergriff.

»Na ja, wenn du unbedingt ausgehen musst, dann sei wenigstens bis vier Uhr zurück!«, gab Mog widerstrebend nach. »Wir brauchen Tageslicht, um die Perlen anzunähen, doch wenn wir beide daran arbeiten, können wir es in einer Stunde schaffen.«

Mariette nickte und umarmte Mog. Und bevor sie sich noch mehr gute Ratschläge anhören und weitere neugierige Fragen beantworten musste, schnappte sie sich hastig eine Strickjacke und flitzte zur Tür hinaus.

Mariette hatte tatsächlich vor, sich mit einem Mann zu treffen. Als sie in Richtung Flag Staff Hill ging, wo sie verabredet waren, war ihr beklommen zumute. Sie hatte kein mulmiges Gefühl, weil sie Mog beschwindelt hatte – in den letzten paar Monaten hatte sie Mog und ihren Eltern so viele Lügen erzählt, dass es auf eine mehr oder weniger nicht ankam –, sondern weil sie heute mit Sam Schluss machen wollte und befürchtete, dass er unangenehm werden könnte.

Sie hatte ihn vor einem Jahr kennengelernt, als der Frachter, auf dem er arbeitete, wegen einiger kleinerer Reparaturarbeiten draußen in der Bucht geankert hatte. Die ganze Besatzung ging in Russell an Land und sorgte für reichlich Aufsehen, weil sich die Männer betranken und randalierten. Sam fiel auf, da er jung, groß, blond und sehr hübsch war. Der Rest der Crew setzte sich aus untersetzten, rauen Burschen mit schlechten Zähnen zusammen, die fast ausnahmslos mindestens dreißig Jahre alt waren.

Mariette kam zufällig mit Sam ins Gespräch. Er fragte sie, was in Paihia los sei und ob es sich lohne, mit der Fähre dorthin zu fahren. Als sie sagte, dass der Ort nicht so schön wie Russell sei, lachte er und meinte, er sei nur an hübschen Mädchen interessiert, nicht an Sehenswürdigkeiten.

Nachdem das Schiff wieder abgelegt hatte, hörte sie, wie sich ihre Eltern über das schlechte Benehmen der Crew unterhielten. Nicht nur, dass es im Duke of Marlborough zu einer Schlägerei gekommen war, bei der Stühle und Fenster zu Bruch gegangen waren, es waren auch einige Frauen und Mädchen belästigt worden, und die ganze Stadt war empört.

Ihr Vater schien ein wenig Verständnis für die Männer zu haben. »Wahrscheinlich haben sie gehört, dass Russell früher einmal auch das ›Dreckloch des Pazifiks‹ genannt wurde, und waren enttäuscht, weil es sich in eine so biedere Stadt verwandelt hat, in der es keine leichten Mädchen, nicht einmal ein Tanzcafé gibt«, meinte er.

Der hübsche Seemann, dessen Namen Mariette damals noch nicht kannte, ging ihr nicht aus dem Kopf. Immer wieder musste sie daran denken, wie er sie angeschaut hatte – als könnte er durch ihre Kleider hindurchsehen – und wie prickelnd sie das gefunden hatte.

Den Rest jenes Sommers ertappte sie sich dabei, sehr viel an Jungen zu denken. Sie hatte keinen Mangel an Verehrern – schließlich war sie angeblich das hübscheste Mädchen in Russell –, aber es waren nur die Jungen, mit denen sie aufgewachsen war, und keiner von ihnen weckte in ihr die Gefühle, die der hochgewachsene, blonde Fremde hervorgerufen hatte. Sie flirtete mit einigen von ihnen und ließ sich von ihnen küssen, gewissermaßen zur Übung, doch es war nicht so berauschend, wie es in Büchern beschrieben wurde.

Mariette verschlang jedes Buch, das sie in die Finger bekam, und wegen all der Dinge, die sie über fremde Länder und große Städte las, erschien ihr Russell sehr langweilig. Ihrer Meinung nach hatte der Ort außer seiner Schönheit nichts zu bieten. Gelegentlich gab es eine Tanzveranstaltung, eine Filmvorführung oder ein Picknick, ansonsten jedoch war kaum etwas los. Wenn sie jeden Tag mit ihrem Vater hätte segeln und angeln gehen können, wäre sie glücklich gewesen. Aber er konnte sie nicht allzu oft mitnehmen, und die Besitzer der Jachten, die eine Crew brauchten, würden sich nie davon überzeugen lassen, dass sich ein Mädchen für diese Aufgabe eignete.

Was ihre alten Schulfreundinnen anging, so hatte Mariette das Gefühl, sie weit hinter sich gelassen zu haben. Sie waren damit zufrieden, ihren Müttern im Haushalt zu helfen, herumzusitzen und zu tratschen. Nicht eine von ihnen träumte wie Mariette davon, die Welt zu bereisen oder irgendetwas Aufregendes und Gefährliches zu erleben.

Sie hatte gehört, dass der Seemann Australier war, und daher nicht erwartet, ihn jemals wiederzusehen. Aber zu ihrer freudigen Überraschung war er vor zwei Monaten nach Russell zurückgekommen. Er fuhr nicht mehr zur See, sondern arbeitete als Lkw-Fahrer für eine Holzfirma, für die er Baumstämme aus diversen Wäldern der Nordinsel transportierte, die dann von Russell aus verschifft wurden.

Mariette begegnete ihm zufällig im Postamt, und sein breites Grinsen sagte ihr, dass er sich nicht nur an sie erinnerte, sondern sich freute, sie zu sehen. Sie unterhielten sich kurz, und sie flirtete mit ihm, aber da sie wusste, dass ihre Eltern ihr nie erlauben würden, mit einem erwachsenen Mann von fünfundzwanzig, der nur auf der Durchreise war, auszugehen, traute sie sich nicht, sich mit ihm zu verabreden.

Drei Tage hielt sie durch. Wenn sie ihn zufällig traf, blieb sie stehen, um mit ihm zu plaudern und zu flirten, doch erst als sie hörte, dass er am nächsten Tag weiterfahren würde, war ihr klar: jetzt oder nie!

Vor dem Duke of Marlborough lungerten am Spätnachmittag immer Männer herum und warteten darauf, dass um sechs Uhr geöffnet wurde, also zog Mariette ihr schönstes Kleid an und schlenderte an dem Lokal vorbei. Die Augen des Australiers leuchteten auf, als er sie sah, und das Prickeln in ihrem Inneren, das sie gefühlt hatte, als sie ihm vor all diesen Monaten zum ersten Mal begegnet war, machte sich stärker denn je bemerkbar. Bei ihren kurzen Unterhaltungen war sie ein wenig enttäuscht gewesen, dass er ziemlich ungehobelt war, Schimpfwörter benutzte und derbe Bemerkungen über ihre Figur und Beine machte. Sein abgetragenes kariertes Hemd und seine grobe Baumwollhose waren ein bisschen schmuddelig, aber er hatte wunderschöne blaue Augen und lange, dunkle Wimpern, und sie konnte dem Hauch von Gefahr, der aus jeder Pore seiner sonnenverbrannten Haut drang, einfach nicht widerstehen.

An jenem Tag hatte sie ihren Eltern vorsichtshalber erzählt, eine Freundin besuchen zu wollen, und willigte sofort ein, als Sam ihr vorschlug, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Sie war überzeugt, dass er jetzt schon von ihr bezaubert war, weil es ihm nichts auszumachen schien, dass er die erste Runde im Pub verpassen würde. Und das war doch wohl etwas, das sich nur wenige Männer entgehen lassen würden.

Sowie sie ein Stück von der Stadt entfernt und vor neugierigen Blicken sicher waren, küsste er sie, und dieser Kuss war alles, was Mariette sich je erhofft hatte, und noch mehr. In Sams Armen verlor sie jedes Zeitgefühl; ihr Herz schlug schneller, sie bekam weiche Knie, und dann war da noch dieses seltsame, aber wundervolle Ziehen in ihrem Unterleib, das sie jede Vorsicht vergessen ließ.

Aber er zog sich zurück. »Das kann ich nicht machen«, sagte er. »Du bist noch zu jung, und ich muss wieder fort. Es ist dir gegenüber nicht fair.«

Er verließ Russell am nächsten Morgen in aller Frühe, ohne zu erwähnen, ob er wiederkommen würde. Doch jene letzten Worte überzeugten Mariette, dass er im Grunde seines Herzens ein Gentleman und nur deshalb manchmal ein bisschen derb war, weil er den Umgang mit Frauen nicht gewöhnt war.

Vierzehn Tage vergingen, ehe er zurückkehrte, und in dieser Zeit hatte sie an nichts anderes als ihn und seine Küsse gedacht. Sie musste ihre Gedanken für sich behalten und mochte sie nicht einmal einer ihrer Freundinnen anvertrauen, aus Angst, sie könnte es weitererzählen.

Als Sam wiederkam, sagte er zu ihr, dass sie ihm die ganze Zeit nicht aus dem Kopf gegangen sei und dass er sich in sie verliebt habe. Welches Mädchen hätte das nicht geglaubt? Und wie konnte sie ihm nicht erlauben, mit ihr zu schlafen, wenn sie fest davon überzeugt war, auch in ihn verliebt zu sein.

Das erste Mal passierte es oben auf dem Flag Staff Hill hinter ein paar Büschen, und schon als er sie ohne jede Rücksicht auf ihre Bequemlichkeit auf den Boden stieß, wusste Mariette, dass sie einen Fehler beging. Sie hatte sich etwas Schönes, Romantisches gewünscht, aber was sie bekam, waren Dornen in ihrem Fleisch, wunde Schenkel und ein Gefühl tiefer Enttäuschung. Als er dann kurz darauf sagte, er müsse in den Pub zurück, um dort einen Freund zu treffen, fühlte sie sich betrogen und erniedrigt.

Doch dumm wie sie war, glaubte sie, dass es besser werden würde. Sie hatte mehrere Bücher gelesen, in denen sich die Heldin beim ersten Mal genauso gefühlt hatte wie sie selbst, und am Ende war alles gut geworden. Als Sam einmal Russell verließ, ohne ihr zu sagen, wann – oder ob – er zurückkommen würde, redete sie sich ein, dass er sich nur so verhielt, weil er befürchtete, er könnte sich zu sehr in sie verlieben.

Ohne einen Menschen, dem sie sich anvertrauen konnte, und in der ständigen Angst vor Entdeckung lebte Mariette in qualvoller Unruhe. Manchmal hoffte sie sogar, dass Sam nie wieder nach Russell kommen und sie ihn einfach vergessen würde. Aber als sie eine Woche später aus ihrem Fenster schaute und ihn an einem Baum am unteren Ende der Robertson Street lehnen sah, hatte sie das Gefühl, sofort zu ihm laufen zu müssen.

Sie war so naiv zu glauben, ihn ändern zu können, wenn sie ihn dazu brachte, einfach nur mit ihr zu reden, sie zu küssen und im Arm zu halten, und ihm weiter nichts gestattete.

»Es gefällt mir nicht besonders, wie du dich mir gegenüber verhältst«, sagte sie. »Ich möchte mit dir reden, dich besser kennenlernen. Könnten wir nicht einfach spazieren gehen und uns unterhalten, ohne …« Sie zögerte, weil sie nicht wirklich wusste, wie sie es bezeichnen sollte. »Du weißt schon … es zu machen?«

Er strich ihr, wie sie fand, sehr zärtlich über die Wange. »Hör mal, Süße, ich musste seit dem letzten Mal ständig an dich denken«, sagte er ernst. »Ich will dich so sehr. Tu mir das nicht an, ja?«

Im Nachhinein betrachtet, war es klar, dass er sich nicht das Geringste aus ihr machte und nur Sex wollte. Aber damals erkannte sie es nicht; alles was sie sah, war der bittende Ausdruck in seinen Augen, und deshalb fügte sie sich seinen Wünschen.

Beim vierten Mal ging er noch ruppiger mit ihr um, stieß sie auf den Boden und stürzte sich auf sie. Als er fertig war, demütigte er sie noch mehr, indem er ihr befahl, nach Hause zu gehen, weil er noch eine Verabredung habe.

Wenn Mog plötzlich einen Menschen oder eine Sache durchschaute, pflegte sie zu sagen: »Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.« Mariette hatte oft darüber gelacht und erwidert, dass nur Fische Schuppen hätten. Aber vor zehn Tagen, als Sam zum letzten Mal in Russell gewesen war, hatte sie endlich begriffen, was diese Redewendung bedeutete.

Er war richtig widerlich gewesen, hatte sie in einem Gebüsch auf die Knie gedrückt und war von hinten in sie eingedrungen wie ein Hund, ohne sie auch nur ein einziges Mal zu küssen. Als er nachher seine Hosen zugeknöpft hatte, hatte er gesagt, sie solle am Sonntag in einer Woche hier auf ihn warten – und ja nicht zu spät kommen.

Es war, als hätte jemand einen Kübel kaltes Wasser über sie geschüttet, aber sie war endlich zur Besinnung gekommen.

Seit damals litt sie vor Scham Höllenqualen, weil sie sich so brutal hatte ausnutzen lassen. Sie hoffte inständig, Sam würde nie wieder nach Russell kommen und die Sache wäre endgültig vorbei.

Aber es sollte nicht sein. Als sie am Vortag über die Uferstraße geschlendert war, hatte Sam vor dem Duke of Marlborough darauf gewartet, dass die Kneipe aufmachte.

Er war sehr schmutzig und roch nach Schweiß, und die Tatsache, dass er ihr nicht ein Lächeln, sondern einen lüsternen Blick zuwarf, sagte alles darüber aus, was er für sie empfand.

»Vergiss unsere Verabredung für morgen nicht!«, sagte er und rieb sich vielsagend den Schritt.

Wie Mariette es sah, gab es zwei Möglichkeiten. Eine davon war, die Verabredung einfach nicht einzuhalten, doch dann bestand die Gefahr, dass er zu ihnen nach Hause kam und ihre Eltern Wind von der Sache bekamen. Die andere Möglichkeit war, ihn zu treffen und ihm zu zeigen, aus welchem Holz sie geschnitzt war. Letzteres entsprach ihr weit mehr, und sie wusste, dass sie sich danach besser fühlen würde.

Aber als sie ihn jetzt vor sich sah, wie er im Gras hockte und eine Zigarette rauchte, wurde ihr fast übel vor Angst. Er wandte den Kopf, als sie näher kam, dachte jedoch nicht einmal daran, zu lächeln oder aufzustehen, um sie zu begrüßen.

»Ich bleibe nicht«, begann sie, als sie in Hörweite war. »Ich wollte dir bloß mitteilen, dass ich dich nicht mehr sehen will.«

»Ach ja?«, gab er höhnisch zurück. »Das hättest du mir gestern sagen können, dann hätte ich mir die Mühe sparen können, hier raufzumarschieren. Aber wahrscheinlich ist das bloß so eine Weibermasche, damit ich was Schnulziges sage. Keine Chance, Kleine, dafür hast du dir den Falschen ausgesucht.«

Sie trat direkt vor ihn und sah ihn an. »Das habe ich allerdings«, erwiderte sie. »Du hast mich schändlich behandelt, und ich will dich nie wiedersehen.«

Jetzt sprang er auf. »Ich hab dir doch gegeben, was du wolltest, oder?«

»Glaubst du im Ernst, irgendein Mädchen will das?« Sie war fassungslos.

»Du warst doch ganz scharf drauf«, sagte er. »All das Klimpern mit den Wimpern und die heißen Blicke, mit denen du um dich geworfen hast. Weiber wie du sind keinen Penny wert. Sie heizen einem Mann ein, und dann wollen sie geheiratet werden.«

»Heiraten? Dich?«, entgegnete sie empört. »Was bildest du dir eigentlich ein? Ich würde dich nicht mal für eine Million Pfund heiraten. Es ist mir ein Rätsel, was ich jemals an dir finden konnte. Aber ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte, und jetzt gehe ich nach Hause.«

»Nicht so schnell!« Er packte sie am Arm. »Keine billige Schlampe beleidigt mich und kommt damit durch.«

»Hast du mich mit deinem widerlichen Verhalten etwa nicht beleidigt?«, fuhr sie ihn an und versuchte, sich aus seinem Griff zu winden.

Er bohrte die Finger so fest in ihren Arm, dass es wehtat. »Du hältst dich wohl für was ganz Besonderes«, stieß er hervor und schob sein Gesicht direkt vor ihres. »Worauf bist du eigentlich so stolz, hm? Es heißt, dass dein alter Herr ein Kriegsheld war, aber er ist ein Scheißfranzose, und die Franzmänner haben schon Orden bekommen, wenn sie sich selbst den Arsch abwischen konnten. Und deine Ma … Tja, soweit ich weiß, hat sie sich auf den ersten Junggesellen gestürzt, der nach Russell kam, und war bei ihrer Hochzeit schon schwanger.«

Auf einmal wurde Mariette klar, wie dumm es gewesen war, hier heraufzukommen, wo niemand in der Nähe war, der ihr helfen könnte, falls Sam wirklich unangenehm werden sollte.

»Lass mich los!«, forderte sie ihn auf.

»Gleich«, sagte er. »Aber erst, wenn du mir einen geblasen hast.«

Mariette wusste erst, was er meinte, als er seine Hose aufknöpfte, sein Glied herausholte und ihren Kopf nach unten drückte.

»Auf die Knie!«, befahl er. »Und wehe, du machst es nicht gut!«

Mariette hatte nicht die Absicht, etwas so absolut Ekelhaftes zu tun; allein bei der Vorstellung drehte sich ihr der Magen um. Aber ihr war bewusst, dass Sam sehr viel stärker war als sie und sie ihm nur entwischen konnte, wenn sie ihn hereinlegte.

Sie holte tief Luft und zwang sich, ihn anzugrinsen. »Na ja, warum nicht … der alten Zeiten willen«, sagte sie und griff nach seinem Glied. Es war noch schlaff und fühlte sich verschwitzt und eklig an, doch sowie sie ihre Hand darum schloss und die Knie beugte, als wollte sie sich vor ihn kauern, ließ Sam ihren Arm los.

Unter ihrem Griff wurde das Glied steif und dick. Mariette blickte auf und sah, dass Sam den Kopf zurückgelegt und die Augen geschlossen hatte. Jetzt war der richtige Moment.

Mit einer ruckartigen Bewegung riss sie das Knie hoch und stieß es ihm direkt in die Hoden, fuhr herum und rannte davon, so schnell sie konnte.

Als sie kurz zurückschaute, sah sie, wie er sich vor Schmerzen krümmte. Er sank auf die Knie, hielt sich den Unterleib und gab eine Art Grunzen von sich.

Es war der Schock, der sie zum Weinen brachte. Ihre Mutter und Mog hatten sie immer wieder ermahnt, Fremden nicht zu trauen und Männern keinesfalls zu erlauben, sich ihr gegenüber Freiheiten herauszunehmen. Aber diese Warnungen hatten früher kaum etwas bedeutet, weil alle Leute, die sie kannte, nett und anständig waren – bis sie Sam traf.

Doch sie konnte sich erinnern, wie beunruhigt ihre Mutter vor ein paar Jahren gewesen war, als die Zeiten aufgrund der Wirtschaftskrise hart waren und häufig ausgezehrte Männer in zerlumpten Kleidern vor ihrer Tür standen und um Essen baten.

»Mach niemandem die Tür auf, wenn ich nicht da bin!«, hatte ihre Mutter ihr eingeschärft. »Armut und Hunger können Menschen zur Verzweiflung treiben.«

Mariette hatte es seltsam gefunden, dass ihre Mutter und Mog trotz dieser Ermahnungen den Männern Essen und Trinken gaben und häufig sogar die Blasen an ihren Füßen auswuschen und behandelten.

»Sie können nichts für ihr erbärmliches Aussehen, sie sind hungrig und erschöpft«, erklärte Mog ihr. »Männer wie sie, die in der Hoffnung auf Arbeit durchs Land ziehen, findet man jetzt überall auf der Welt. Du hast nicht am eigenen Leib erlebt, was die Depression für die meisten Menschen bedeutet. Wir haben es zum Glück geschafft, mit dem Gemüse, das wir anbauen, der Kuh und den Hühnern über die Runden zu kommen, und dein Vater geht auf Fischfang. Sonst müssten wir vielleicht auch hungern.«

Danach hielt Mariette die Augen offen und bemerkte, was sich alles verändert hatte. Niemand konnte es sich leisten, sich ein neues Kleid oder einen neuen Hut anfertigen zu lassen, deshalb verdienten ihre Mutter und Mog kein Geld. Ihr fiel auf, dass die beiden wie die Spatzen aßen, damit mehr für Mariette und ihre Brüder blieb. Abends wurde nur eine Lampe angezündet, alte Kleider wurden aufgetrennt und zu einem neuen Kleidungsstück verarbeitet, und von ihr und ihren Brüdern wurde erwartet, dass sie jeden Tag an den Strand gingen und Treibholz für den Ofen sammelten.

Ihr Vater sprach voller Verachtung über die öffentlichen Hilfsorganisationen, die angeblich Männern halfen, ihre Familien zu ernähren. Aber um Anspruch auf den erbärmlich geringen Betrag Unterstützungsgeld zu haben, mussten sie in Arbeitslager, die oft kilometerweit von ihrem Zuhause entfernt waren. Nur mit Hacke und Schaufel ausgerüstet, bauten sie dort Straßen, lichteten Buschwerk, buddelten Gräben, kurz, sie führten schwere, stumpfsinnige und oft sinnlose Arbeiten aus. Sie lebten in Zelten, deren Böden aus gestampftem Lehm bestanden, und das Essen, das sie bekamen, war kaum gut genug, um an Hunde verfüttert zu werden.

Mariette erfuhr auch, dass viele Kinder in den Großstädten in Lumpen gingen und keine Schuhe hatten und Babys früh starben, weil es keine Milch für sie gab.

Zigtausende hatten ihre Arbeit verloren, Geschäfte und Fabriken schlossen, und die Farmer standen vor dem Ruin. Für viele Menschen waren die Suppenküchen das Einzige, was sie vor dem Hungertod bewahrte.

Wie sehr viele Leute in Neuseeland scharte sich Mariettes Familie allabendlich um das Rundfunkgerät, um Uncle Scrim zu hören, aber außer dieser Sendung von Reverend Scrimgeour hörten sie Berichte von Hungermärschen in England und Aufständen in Wellington und anderen Großstädten in Neuseeland.

Zum Glück hatte sich die Lage im vergangenen Jahr allmählich verbessert. Die Männer verließen die Arbeitslager und kehrten nach Hause zurück; Fabriken wurden wieder geöffnet, und die Banken waren den Farmern gegenüber entgegenkommender. Es gab sogar für alle Schulkinder kostenlose Milch. Dennoch war die einzige Arbeit, die Mariette finden konnte, ihrer Mutter und Mog beim Anfertigen von Kleidern und Hüten zu helfen. Sie hätte gern einen anderen Beruf gewählt, aber dafür fehlten in Russell einfach die Möglichkeiten.

Sie trocknete sich die Augen, als sie die kleine Ansammlung von Hütten am Fuß des Hügels erreichte, weil sie alle Maoris kannte, die dort lebten, und auf keinen Fall wollte, dass man sie in Tränen aufgelöst sah. Als sie am Haus der Komekes vorbeikam, winkte Anahera, die jüngere Schwester ihrer Freundin Matui, ihr zu. Sie war erst fünfzehn und hochschwanger. Mog hatte erst vor Kurzem geschimpft, dass diese Familie weiß Gott nicht noch ein hungriges Kind gebrauchen konnte.

Der Anblick von Anaheras stark gewölbtem Leib ließ Mariette erstarren. Was, wenn sie auch schwanger war?

Sie konnte nicht begreifen, warum sie vorher nie an diese Möglichkeit gedacht hatte – immerhin hatte man ihr die Angelegenheit mit den Babys genau erklärt, als sie zwölf gewesen war, und somit konnte sie – möglicherweise anders als Anahera – sich nicht einmal mit Unwissenheit entschuldigen.

Furcht ergriff sie, und zwar so heftig, dass ihr übel wurde. Es war schon schlimm genug, dass sie sich überhaupt mit Sam eingelassen hatte, auch ohne dass sie ein Kind von ihm bekam.

Ihre Eltern und Mog waren im Allgemeinen nachsichtige und tolerante Menschen. Mariette konnte nicht zählen, wie oft sie zu Leuten gehalten hatten, über die sich ihre engstirnigeren Nachbarn empört hatten. Sie saßen nie über andere zu Gericht und waren die Ersten, die Hilfe anboten, wenn sie benötigt wurde.

In dem Moment, als Mariette heimkam, wusste Mog, dass etwas nicht stimmte. In den Augen des Mädchens, die Belles so sehr ähnelten, lag ein Anflug von Furcht, und sie wirkte nervös, als erwartete sie, wegen irgendetwas Ärger zu bekommen. Als Mog fragte, was los sei, antwortete Mariette, dass sie befürchtet hätte, zu spät nach Hause zu kommen, um an dem Brautkleid mitzuarbeiten.

Mogs geschärfter sechster Sinn sagte ihr, dass etwas ganz anderes dahintersteckte, aber sie fragte nicht weiter nach. Sie hatte schon vor vielen Jahren bei Belle gelernt, dass zu viele Fragen zu nichts führten, und Mariette war ihrer Mutter sehr ähnlich.

Jetzt saßen sie einander am Arbeitstisch gegenüber, zwischen sich Janet Applebys seidenes Hochzeitskleid. Perlen an den Saum zu nähen war eine knifflige Sache, die gute Augen und viel Geduld erforderte, doch es war die Art Arbeit, die beiden gefiel, und normalerweise lachten und plauderten sie dabei munter.

Aber heute wirkte Mariette bedrückt. Sie hatte kaum ein Wort von sich gegeben, seit sie sich hingesetzt, den Fingerhut auf ihren Zeigefinger gestülpt und zu nähen angefangen hatte. Sonst erzählte sie immer, wo sie gewesen war und wen sie gesehen hatte, und brachte Mog mit ihren bissigen Bemerkungen über die sogenannten »Sonntagskleider« einiger ihrer Nachbarinnen zum Lachen. Die Frauen in Russell waren nicht sehr modebewusst  – die meisten von ihnen trugen schlabberige, weite Kleider ohne jeden Pfiff.

Da Mariette als Kind ein solcher Wildfang gewesen war, war Mog ebenso überrascht wie erfreut gewesen, als sie angefangen hatte nähen zu lernen. Jetzt war sie fast so geschickt wie Mog und weit besser als ihre Mutter. Mog behauptete gern, dass ihre winzigen, präzisen Stiche wie das Werk einer Fee aussahen.

Sie spähte über den Rand ihrer Brille und beobachtete, wie Mariette einen neuen Faden in die Nadel einfädelte. Mit Belles Augen und Etiennes markanten Wangenknochen vereinte sie tatsächlich die besten Züge ihrer Eltern, aber das rötliche Haar verlieh ihr eine ganz eigene und einzigartige Note. Außerdem hatte sie einen beneidenswert schönen Teint, klar und makellos wie der einer Porzellanpuppe.

»Du bist ja so still«, bemerkte Mog beiläufig. »Hast du was auf dem Herzen?«

»Nein«, gab Mariette ein bisschen zu schroff zurück. »Manchmal ist es einfach angenehm, nicht reden zu müssen.«

Nach weiteren zwanzig Minuten Schweigen konnte Mog sich nicht mehr zurückhalten. »Wenn dir etwas auf der Seele liegt, kannst du es mir ruhig sagen. Vielleicht kann ich ja helfen.«

Mariette blickte von ihrer Näherei auf, und Mog sah, wie etwas – vielleicht der Wunsch, sich auszusprechen? – über ihr Gesicht huschte. »Mir liegt nichts auf der Seele«, sagte sie. »Na ja, abgesehen davon, dass ich wünschte, ich hätte einen richtigen Beruf.«

Mog war sich ziemlich sicher, dass das nicht alles war. »Was hältst du denn von der Idee deiner Mutter, Krankenschwester zu werden?«

»Mhm«, machte Mariette. »Ich glaube, das ist nicht unbedingt mein Ding. Du weißt schon, Bettpfannen, Erbrochenes und Blut und so. Aber es wäre toll, nach Auckland zu ziehen.«

»Willst du vor jemandem davonlaufen?«

Mog wusste, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, als sie sah, wie sich Mariettes Augen vor Schreck weiteten – auch wenn sie kurz auflachte, als wäre der Gedanke absurd.

»Natürlich nicht. Doch hier gibt es für mich nicht besonders viele Möglichkeiten, oder?«

»Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartet«, meinte Mog gelassen. »Bald ist Sommer, und die Leute, die zum Angeln und Segeln herkommen, stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens.«

»Glaubt eigentlich jeder, dass es das ist, was ich will? Einen Ehemann?«

»Es ist das, was sich die meisten Mädchen wünschen«, sagte Mog.

»Tja, ich will jedenfalls nicht mein Leben damit verbringen, zu kochen, zu putzen und Wäsche zu waschen«, fuhr Mariette sie an. »Und darum geht es doch in einer Ehe, oder? Janet Appleby mag dumm genug sein zu glauben, dass es bei einer Heirat nur um ein schönes Kleid und ein tolles Fest geht, aber ich bin es nicht.«

Mog schüttelte missbilligend den Kopf. »Du bist viel zu jung, um so zynisch zu sein«, sagte sie. »Und noch dazu bist du im Irrtum. In der Ehe geht es darum, dein Leben mit dem Mann, den du liebst, zu teilen, deine Kinder großzuziehen, für den anderen da zu sein. Ich habe erst geheiratet, als ich in mittleren Jahren war, und uns waren nur einige wenige Jahre miteinander vergönnt, bevor Garth an der Spanischen Grippe starb, doch es waren die besten Jahre meines Lebens. Schau dir doch deine Eltern an, Mari! Sie sind immer noch so verliebt wie am Tag ihrer Hochzeit. Ich denke, deine Mutter könnte dir sagen, dass die Ehe viel mehr bedeutet als Wäschewaschen, Kochen und Putzen.«

»Aber sie mussten heiraten, oder?«, fragte Mariette. »Mum war an ihrem Hochzeitstag schwanger.«

Mog war schockiert, so etwas von Mariette zu hören, und fragte sich, wer ihr das erzählt haben könnte. Doch sie würde es nicht abstreiten, auch wenn es die meisten Menschen als Schande ansahen.

»Die beiden haben geheiratet, weil sie ohne einander nicht leben konnten«, antwortete sie tadelnd. »Und das ist meiner Meinung nach der einzige Grund, um zu heiraten.«

»Aber ihr würdet alle furchtbar wütend sein, wenn ich schwanger und unverheiratet wäre.«

Es war eher Mariettes Tonfall als ihre Bemerkung selbst, die Mogs Misstrauen weckte. Einen Großteil ihrer jungen Jahre hatte sie damit verbracht, den Gesprächen anderer Frauen zuzuhören, und im Lauf der Zeit gelernt, versteckte Andeutungen und leise Untertöne herauszuhören. Sie verrieten, was die Sprecherin meinte, ohne es direkt auszusprechen. Belle hatte schon immer behauptet, dass niemand Mog etwas vormachen konnte.

»Bist du schwanger, Mari?«, fragte sie freundlich. »Geht es darum? Ist das der Grund, warum du heute ausgegangen bist? Um jemanden zu treffen? Bist du so still, weil du dir Sorgen machst?«

»Natürlich bin ich nicht schwanger«, sagte Mariette entrüstet. »Wie kommst du denn auf die Idee?«

»Durch dich«, antwortete Mog. »Vielleicht hast du ja auch nur Angst, du könntest schwanger sein. Was mir allerdings am meisten Sorgen macht, ist, dass du dich offensichtlich mit einem Mann getroffen hast, von dem du weißt, dass wir mit ihm nicht einverstanden wären. Ich finde, du solltest mir sagen, wer es ist, jetzt gleich.«

Mariette konnte zwar mehr als rebellisch sein, doch wenn sie mit einer direkten Frage konfrontiert wurde, gab sie immer eine ehrliche Antwort. Jetzt presste sie die Lippen zusammen und verriet Mog damit, dass sie sich bemühte, auf keinen Fall etwas zuzugeben.

»Du weißt, dass ich es auch so herausfinden werde«, gab Mog zu bedenken. »In Russell kann niemand auch nur einen Schritt machen, ohne dass es beobachtet wird. Sag’s mir lieber gleich, bevor irgendein boshafter Mensch es deiner Mutter erzählt, nur um sie in Aufregung zu versetzen!«

»Ist doch ganz egal. Es ist aus«, platzte Mariette heraus. »Ich werde ihn nie wiedersehen.«

»Wenn er unpassend ist, dann ist es wohl besser so. Aber falls er nicht nur auf der Durchreise ist, dürfte es schwer sein, ihm aus dem Weg zu gehen«, meinte Mog. »Doch ich nehme mal an, es ist jemand, den du schon lange kennst. Ist es Carlo Belsito?«

Carlo Belsito war Fährmann. Obwohl er in Neuseeland geboren war, hatte er alle Merkmale seiner italienischen Herkunft: dunkle Locken, samtige Plüschaugen und einen Körperbau, der nur wenige Frauen in Russell kaltließ. Er war ein Schürzenjäger, und über seine Weibergeschichten kursierten viele unerfreuliche Geschichten.

»Carlo!«, rief Mariette erstaunt. »Wofür hältst du mich, Mog? Ich finde den Kerl widerlich.«

»Zum Glück.« Mog schmunzelte. »Ich wäre entsetzt, wenn du auch nur eine Minute deines Lebens an ihn verschwendet hättest. Hm, mal sehen, wer könnte es noch sein?«

»Lass es gut sein, Mog!«, bat Mariette. »Ich habe ihm gesagt, dass es aus ist. Ich will ihn einfach nur noch vergessen.«

Mog wusste, dass sie mehr erreichen würde, wenn sie jetzt nachgab und zu einem späteren Zeitpunkt auf das Thema zurückkam. »Meinetwegen. So, wir haben nur noch fünfzig Perlen übrig. Sehen wir zu, dass wir fertig werden, bevor das Licht zu schwach wird.«

Sie stellte fest, dass Mariette sehr erleichtert wirkte, und amüsierte sich insgeheim, dass das Mädchen sich einbildete, die Sache wäre ausgestanden.

KAPITEL 3

Am nächsten Morgen fuhr Etienne in aller Frühe mit seinem Laster nach Waitangi, um dort Bauholz aufzuladen, und nahm seine Tochter mit. Mog hatte den Verdacht, dass Mariette ihren Vater darum gebeten hatte, in der Hoffnung, dass das Gespräch vom Vortag während ihrer Abwesenheit in Vergessenheit geraten würde.

Nachdem die Jungen zur Schule gegangen waren, beschloss Belle, im Zimmer der beiden Frühjahrsputz zu halten. Mog ging wie an jedem Montag zu Reids Bäckerei. Belle hatte sich mit Vera Reid, der Tochter der Besitzer, angefreundet, als die beiden in Frankreich während des Krieges Krankenwagen gefahren hatten, und es war Vera, die Belle und Mog geraten hatte, nach Kriegsende nach Neuseeland auszuwandern.

Vera war 1924 nach Wellington gezogen und hatte inzwischen geheiratet und drei Kinder bekommen, aber Mog war nach wie vor eng befreundet mit Veras Mutter Peggy.

Don, Peggys Ehemann, stand gerade im Laden, als Mog hereinkam. Sofort breitete sich ein fröhliches Grinsen auf seinem Gesicht aus. Er war mittlerweile über siebzig und sah aus, als wäre er auf das halbe Maß des stattlichen, energiegeladenen Mannes, den Belle und sie an ihrem ersten Tag in Russell kennengelernt hatten, zusammengeschrumpft. Tony, sein jüngster Sohn, war jetzt der Bäcker; Don war nicht mehr kräftig genug, um die schweren Backbleche mit Brotlaiben zu heben oder den Teig zu kneten.

»Peggy ist hinten im Waschhaus. Geh ruhig hin, wenn du sie besuchen willst. Sie freut sich bestimmt, wenn jemand kommt, bei dem sie sich ausjammern kann«, sagte er.

Mog dankte ihm und trat durch den Torbogen, der sowohl zur Backstube als auch zum Wohnhaus führte. Das Waschhaus befand sich direkt vor der Küche, und die Hitze vom Boiler, der Geruch nach Karbolseife und heißer Dampf schlugen Mog entgegen, noch bevor sie die Tür geöffnet hatte.

Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann hatte Peggy an Leibesfülle zugenommen. Sie war schon immer mollig gewesen, und jetzt war sie sehr dick und hatte schneeweißes Haar. Sie stand am Kessel und rührte mit einer Kupferstange die Wäsche um. Der Schweiß lief ihr in Strömen über die erhitzten roten Wangen, aber ihr rundes Gesicht zerfloss zu einem zahnlosen Lächeln, als sie ihre Freundin sah.

»Du schaust dir wohl gern Sklavenarbeit an?«, meinte sie.

»Ich wette, du kannst es kaum noch erwarten, bis Russell ans Stromnetz angeschlossen wird, was?«, sagte Mog. »Ich weiß, dass ich es ganz bestimmt nicht vermissen werde, ein Feuer unter unserem Waschkessel zu entfachen oder Petroleumlampen zu putzen und zu füllen.«

Peggy wischte sich das Gesicht mit der Schürze ab. »Völlig richtig. Ich bin zu alt für all die Plackerei. Unsere Vera hat eine von diesen neumodischen Waschmaschinen und eine Mangel, die sich von selbst dreht. Was würde ich nicht dafür geben, auch so was zu haben! Aber jetzt hole ich uns was zu trinken, und wir setzen uns raus, ja?«

Kurz darauf kam Peggy mit zwei Gläsern Limonade zurück und machte es sich mit ihrer Freundin im Garten unter einem Feigenbaum bequem.

Sie plauderten eine Weile über dies und das, und Peggy erwähnte, dass sie vorhatte, demnächst ihre Tochter Vera zu besuchen. »Warum kommt ihr nicht mit, Belle und du?«, fragte sie. »Vera hat jede Menge Platz, und sie würde sich so freuen, euch beide zu sehen!«

»Ich könnte mitkommen, aber Belle wird die Jungs nicht allein lassen«, sagte Mog. »Du weißt ja, wie sie sind – sie machen nur Unfug, wenn man ihnen nicht ständig auf die Finger schaut.«

Peggy nickte. »Ich weiß noch gut, wie meine waren – kleine Rabauken, alle miteinander. Und Vera war um kein Haar besser als die Jungs. Aber als sie im Krieg waren, hätte ich alles dafür gegeben, mich wieder über sie und ihre Streiche ärgern zu können. Wahrscheinlich bin ich deshalb so fett geworden. Mir fehlt die Aufregung!« Sie lachte so herzhaft, dass ihr Doppelkinn auf und ab hüpfte.

»Ganz unter uns, hast du irgendwelches Gerede über Mariette gehört?«, fragte Mog. »Sie hat sich mit einem Jungen getroffen, will mir aber nicht sagen, mit wem. Das ist immer ein schlechtes Zeichen.«

Peggy dachte kurz nach. »Da war mal die Rede von diesem Australier. Du weißt schon, der Bursche, der zu der Crew von dem Frachter gehörte, der letztes Jahr hier vor Anker lag? Er transportiert jetzt mit dem Lkw Bauholz, doch er kommt immer wieder mal her. Avril Avery behauptet, dass sie gesehen hat, wie die beiden Händchen haltend spazieren gegangen sind. Andererseits würde sie glatt den Papst beschuldigen, Shirley Temple vergiftete Lollis geschenkt zu haben!«

Mog lachte über Peggys Bemerkung über Avril Avery, die so etwas wie die Augen und Ohren der kleinen Stadt war. Aber auch wenn sie eine Klatschbase war, eine Lügnerin war sie nicht. Also hatte sie Mari wohl wirklich mit diesem Mann gesehen. »Na ja, Mariette wird es uns schon erzählen, wenn sie dazu bereit ist, denke ich. Doch jetzt gehe ich das Brot holen und mache mich auf den Heimweg. Danke für die Limonade. Ich gebe dir Bescheid, ob ich mit zu Vera fahre.«

Mog war zu beunruhigt über das, was Peggy erzählt hatte, um direkt nach Hause zu gehen. Stattdessen schlug sie den Weg zum Strand ein, setzte sich eine Weile hin und starrte aufs Meer hinaus. Ihr war mehrmals aufgefallen, dass der fragliche Mann in der Nähe ihres Hauses herumgelungert hatte, aber nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, er könnte es auf Mari abgesehen haben, weil er viel zu alt für das Mädchen war. Es hatte auch einiges Gerede über ihn gegeben – dass er ein Trinker sei, sich gern prügele und sich mit ein paar Maori-Mädchen eingelassen habe – und da er nicht im Hotel, sondern in einem Zelt schlief, wenn er in der Stadt war, mochte er Gott weiß was treiben.

Was, wenn Mari schwanger von ihm war und deshalb so verstört aussah?

Bei dieser Vorstellung liefen Tränen über Mogs Wangen.

»Was ist los, Mog?«, fragte Belle am Nachmittag. Sie hatte den ganzen Tag das Obergeschoss geputzt und sich gleich im Anschluss daran zu Mog in die Werkstatt gesetzt, um einen Hut aufzuputzen. Auf dem Arbeitstisch zwischen ihnen lag eine Bahn Baumwollstoff ausgebreitet, aber Mog hatte ihn noch nicht einmal angerührt. »Du starrst schon seit einer Ewigkeit ins Leere.«

Mog zuckte zusammen. »Wie bitte?«

Belle wiederholte, was sie gesagt hatte. »Falls du ein Problem hast, kannst du es mir ruhig erzählen«, fügte sie hinzu.

Mog blickte in Belles besorgtes Gesicht. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie es ihr gelungen war, mit dreiundvierzig immer noch so jugendlich auszusehen und ihre gute Figur zu behalten. Mittlerweile waren in ihren dunklen Locken ein paar graue Haare und in ihren Augenwinkeln ein paar Fältchen aufgetaucht, aber Belle war nach wie vor eine Frau, nach der sich die Männer umdrehten.

»Ich habe über Noahs letzten Brief nachgedacht, in dem er meinte, es wäre gut für Mari, England einen Besuch abzustatten.«

»Und? Als du ihn gelesen hast, hast du gesagt, dass er verrückt sein muss, so etwas vorzuschlagen, obwohl ein Krieg droht.«

»Ich weiß, aber alle – auch Noah! – behaupten, dass es bestimmt nicht zum Krieg kommen wird, und ich habe mir überlegt, ob es nicht doch eine gute Idee wäre. Immerhin ist er Maris Taufpate, und er hat ein schönes Zuhause und viele gute Beziehungen. Sein Einfluss könnte sehr nützlich sein. Mari braucht Arbeit, und die gibt es hier nicht. Und du weißt ja: Müßiggang ist aller Laster Anfang.«

Belle fixierte Mog aus schmalen Augen. »Wie kommst du darauf? Weißt du irgendwas?«

»Nein, ich finde bloß, dass sie sich ziemlich ziellos treiben lässt. Sie hat mir erzählt, sie würde gern nach Auckland gehen, aber nicht, um Krankenschwester zu werden. Und wir kennen in Auckland niemanden, der ein Auge auf sie haben könnte. Ich habe mir einfach gedacht, London und Noah könnten ihr guttun.«

»Ich bin deiner Meinung, dass sie mehr Beschäftigung braucht als ein bisschen Nähen und Hausarbeit«, sagte Belle. »Aber sie gleich ans andere Ende der Welt schicken …?«

»Ja, es ist ein bisschen extrem, ich weiß. Doch Noah und Lisette würden gut auf sie aufpassen, und ihre Tochter könnte eine Gefährtin für sie sein. Denk nur an all die Möglichkeiten, die sich ihr dort bieten!«

»Und an all die Möglichkeiten, in Schwierigkeiten zu geraten«, wandte Belle ein. »Und jetzt sag mir bitte, wie du darauf kommst! Ich weiß, dass du nie vorschlagen würdest, Mari wegzuschicken, wenn du nicht das Gefühl hättest, dass ihr hier etwas Schlimmes zustoßen könnte. Also, was ist los?«

Mog schürzte die Lippen. Sie vergaß immer wieder, dass Belle andere Menschen genauso leicht durchschaute wie sie selbst. Jetzt steckte sie in der Klemme; sie hatte mit dem Thema angefangen und musste weitersprechen, auch wenn es bedeutete, Mari zu verpetzen.

»Raus mit der Sprache!«, befahl Belle. »Wenn Mari in Schwierigkeiten steckt, habe ich ein Recht, es zu erfahren.«

»Ach, Belle«, sagte Mog bittend. »Es ist so eine Situation, in der ich in Teufels Küche komme, wenn ich dir meine Befürchtungen anvertraue, und genauso, wenn ich es nicht tue. Etienne und du werdet aus der Haut fahren, wenn ich recht habe, und alles womöglich noch schlimmer machen. Und wenn ich falsch liege, spricht Mari nie wieder ein Wort mit mir. Außerdem bin ich mir nicht mal sicher, ob überhaupt Grund zur Sorge besteht.«

Belle schwieg eine Weile. Sie griff nach einem Nadelkissen und fing an, die Nadeln fein säuberlich in Reih und Glied hineinzustecken.

»Schön«, sagte sie schließlich. »Wir wissen beide, dass du eine gute Intuition hast, es besteht also die Chance, dass du mit deiner Befürchtung richtig liegst. Warum erzählst du es mir nicht einfach? Wir denken in aller Ruhe darüber nach und entscheiden, wie wir weiter vorgehen. Mari braucht gar nicht zu erfahren, dass du mir etwas gesagt hast.«

Mog holte tief Luft und platzte dann heraus: »Ich habe Angst, Mari könnte sich heimlich mit diesem blonden Seemann getroffen haben!«

Belle wurde blass. »Der Himmel steh uns bei!«, rief sie. »Das habe ich nicht kommen sehen! Ich weiß natürlich, dass der Mann wieder in Russell ist – er ist ja kaum zu übersehen –, aber Mari hat ihn nie erwähnt.«

»Die beste Art und Weise, uns von der Spur abzubringen«, schnaubte Mog. »Doch denk bitte dran, dass ich nicht den geringsten Beweis dafür habe, dass sie sich tatsächlich mit ihm eingelassen hat. Und mit wem auch immer etwas gewesen sein mag, Mari hat behauptet, es wäre aus und vorbei. Aber so wie sie sich gestern verhalten hat, würde ich meinen, dass ihr irgendwas auf der Seele liegt.«

»Ob sie vielleicht einfach Angst hatte, dass er herkommt? Wir wissen alle, dass Etienne einen Burschen wie ihn in Stücke reißen würde, wenn er den Verdacht hätte, dass er sich bei seiner Tochter Freiheiten herausgenommen hat. Glaubst du wirklich, dass sie …?« Sie brach ab, außerstande, den Satz zu beenden.

»Ja, ich glaube, dass sie es gemacht haben«, antwortete Mog unverblümt. »Ein Mann in seinem Alter und von seinem Schlag dürfte kaum Zeit mit einem Mädchen verschwenden, das sich lange ziert. Außerdem ist sie schon eine ganze Weile mit ihren Gedanken woanders.«

»Etienne bringt ihn um!«, rief Belle.

»Verstehst du jetzt, warum ich finde, es wäre eine gute Idee, sie nach London zu schicken?«, fragte Mog. »Wenn Avril schon Peggy erzählt hat, dass sie die beiden zusammen gesehen hat, dann bestimmt auch anderen. Und dieser Mistkerl hat wahrscheinlich damit angegeben, dass er sie rumgekriegt hat. Du weißt doch, wie die Leute hier sind. Wenn das rauskommt – und das wird es! –, ist Mari so etwas wie verdorbene Ware, und das könnte sie in noch schlechtere Gesellschaft treiben.«

Belle stützte die Arme auf den Tisch und hielt sich den Kopf. »Tja, ich weiß genau, wie es ist, wenn sich alle über einen das Maul zerreißen. Weißt du noch, was für gemeines Zeug über mich geredet wurde, als Etienne hierherkam? Selbst heute, eine halbe Ewigkeit später, glauben manche Frauen immer noch, dass ihren Ehemännern in meiner Nähe Gefahr droht. Manche Dinge wird man einfach nie los.« Sie sah Mog verstört an. »Was hat sie sich bloß dabei gedacht?«

»Gerade du solltest wissen, dass Mädchen in solchen Momenten nicht denken«, entgegnete Mog scharf.

Belle errötete wegen der versteckten Anspielung auf ihre Affäre mit Etienne, damals in Frankreich, als sie noch mit Jimmy Reilly verheiratet gewesen war. »Ich dachte, es sei richtig, ihr einige Fakten des Lebens begreiflich zu machen, unter anderem, dass Mädchen sich schützen müssen, indem sie warten, bis sie verheiratet sind«, erwiderte sie. »Aber vielleicht hätte ich es wie andere Mütter halten und ihr sagen sollen, dass Sex etwas ist, das man über sich ergehen lassen muss.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass das einen Unterschied gemacht hätte«, erwiderte Mog. »Mari ist genauso hitzköpfig wie Etienne und du. Sie hätte sich nie einen guten Rat zu Herzen genommen oder sich irgendwelchen Regeln unterworfen. Meiner Meinung nach konnte es nur so weit kommen, weil sie zu wenig Beschäftigung hat. Langeweile ist ein guter Nährboden für Dummheiten.«

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Belle.

»Fürs Erste beten, dass sie nicht schwanger ist. Aber ich habe keine Ahnung, wie wir das Ganze vor Etienne verheimlichen sollen. Wenn wir es ihm verschweigen, denkt Mari nämlich, dass wir ihr Verhalten gutheißen. Sie hat sich wie ein kleines Flittchen benommen und muss die Konsequenzen tragen.«

Belle zuckte bei Mogs harten Worten zusammen. »Ach, Mog«, seufzte sie. »Als Etienne und ich geheiratet haben und wir hier alle so glücklich waren, dachte ich wirklich, es würden für keinen von uns mehr schlechte Zeiten kommen. Und nun das!«

Mog streckte einen Arm aus und nahm tröstend Belles Hand. »Vielleicht ist es ja nicht so schlimm, wie ich befürchte, doch eins steht fest: Wir müssen etwas unternehmen. Wenn wir versuchen, Mari zu Hause einzusperren, wird sie nur rebellieren. Vielleicht könnte sie in Auckland Arbeit als Verkäuferin oder Bürohilfe finden, aber sie ist zu jung, um ohne Aufsicht zu leben.«

»Das stimmt«, gab Belle ihr recht. »Doch England scheint eine ziemlich drastische Lösung zu sein, und es ist so weit entfernt. Noah und Lisette sind in vieler Hinsicht ideal, sie sind selbst Eltern und lebensklug genug, um sich der Gefahren bewusst zu sein, die auf ein junges Mädchen lauern. Ihre Gesellschaft wäre für Mari bestimmt anregend und auch ein guter Einfluss. Aber wie können wir sie einfach gehen lassen?«

»Du bist unter weit schlimmeren Umständen in Amerika zurechtgekommen, als du noch viel jünger als Mari warst. Doch bevor wir das ernsthaft ins Auge fassen, müssen wir die Wahrheit aus ihr herausbekommen, und zwar in Etiennes Gegenwart.«

»Vielleicht liegen wir ja völlig falsch?«, meinte Belle hoffnungsvoll.

»Vielleicht können Schweine fliegen«, gab Mog zurück. »Wir beide haben zu viel Erfahrung mit Mädchen, die auf Abwege geraten, um auf eine harmlose Erklärung hoffen zu können. Bringen wir es gleich heute Abend, wenn die Jungs im Bett sind, hinter uns!«

Belle und Mog ließen sich ihre Sorge um Mariette nicht anmerken, als der Rest der Familie zu Hause eintraf. Sie aßen gemeinsam zu Abend, und um kurz nach sieben brachte Belle ihre Söhne zu Bett. Als sie wieder nach unten kam, saß Etienne noch am Küchentisch und las die Zeitung, während Mog und Mariette den Abwasch erledigten.

Mari hängte das Geschirrtuch auf und wandte sich zum Gehen.

»Du bleibst hier«, sagte Belle scharf. »Und mach die Tür zu!«

»Warum?«, fragte Mariette. »Ich wollte mir bloß ein Buch holen.«

»Wir haben etwas zu besprechen«, antwortete Belle. »Los, setz dich zu deinem Papa!«

»Was ist denn los?« Etienne legte die Zeitung zur Seite und sah Belle überrascht an.

»Mari hat dir etwas zu sagen«, erklärte Belle. »Vielmehr uns allen. Komm schon, Mari, wir wollen den Namen des Jungen wissen, mit dem du dich getroffen hast!«

Etienne kokettierte gern damit, dass er jetzt mit achtundfünfzig ein alter Mann sei, aber er hatte immer noch volles Haar und eine schlanke, sportliche Statur. Seine Augen hatten nichts von ihrem Funkeln verloren, und er war bärenstark.

»Du warst heute ungewöhnlich hilfsbereit. Hat das vielleicht etwas mit der Frage zu tun, die deine Mutter dir gestellt hat?«, wollte er nun wissen und fixierte seine Tochter scharf.

Mariette wurde rot. »Es war nur irgendein Junge, nichts Besonderes. Und jetzt ist es vorbei«, setzte sie schnell hinzu.

»Der Name!«, fuhr Belle sie an. »Ich weiß ihn schon, aber ich will ihn von dir hören.«

Mariette erbebte sichtlich. »Sam«, sagte sie gepresst. »Ich konnte es euch nicht erzählen, ich wusste, dass ihr es schlecht finden würdet.«

Etienne wirkte verdutzt, jedoch eher wegen Belles Zorn als wegen des Namens, der ihm im Moment nichts sagte.

»Sollen wir es etwa gut finden, wenn du dich mit einem Jungen herumtreibst, egal, wer es ist?«, fragte Belle mit harter, kalter Stimme. »Aber dieser Mann! Er ist mindestens fünfundzwanzig, ungehobelt, eingebildet und noch dazu ein Raufbold! Du hast uns in den letzten Wochen offensichtlich ständig belogen, um dich mit ihm treffen zu können. Warum, Mari?«

»Weil ich wusste, wie du reagieren würdest«, gab Mariette zurück.

»Ist das etwa dieser blonde australische Seemann?«, entfuhr es Etienne entgeistert.

Belle nickte.

»In diesem Fall gebe ich deiner Mutter vollkommen recht. Er ist ein Mistkerl, jede Nacht betrunken, und ich habe gehört, dass kein Mädchen vor ihm sicher ist.«

»Es tut mir leid, Dad«, sagte Mari flehend. »Du hast ja recht, aber ich habe es zuerst nicht gemerkt.«

»Allein die Tatsache, dass du dich heimlich mit ihm getroffen hast, zeigt mir, dass du genau gewusst hast, was für ein schlechter Umgang er ist. Wie weit ist diese Geschichte gegangen?«

Mariette verschränkte die Arme vor der Brust, starrte gelangweilt an die Küchenwand und schwieg.

»Antworte mir, Mari!«, befahl Etienne. »Wart ihr ein Liebespaar?«

Ihr Schweigen war ihm Antwort genug. Sein Gesicht rötete sich vor Zorn. »Du bist gerade mal achtzehn! Du hast noch dein ganzes Leben vor dir und wirfst für einen Mistkerl wie ihn alles weg! Bist du schwanger?« Er sah Belle und Mog fragend an.

Belle zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Ich war mir bis eben nicht sicher, wie weit die Affäre gediehen ist.«

»Mariette! Raus mit der Sprache!«, donnerte Etienne. »Bist du schwanger?«

Noch immer wich sie seinem Blick aus. »Ich nehme an, ich könnte es sein«, antwortete sie und hörte, wie er scharf den Atem einzog. »Und du kannst ruhig von deinem hohen Ross runtersteigen. Ich weiß ganz genau, dass Mum mit mir schwanger war, als ihr geheiratet habt.«

Belle konnte es nicht fassen. Hatte ihre Tochter denn weder Scham noch Respekt vor ihrem Vater? Es juckte ihr in den Fingern, ihr eine Ohrfeige zu geben. Aber sie schaffte es, sich zu beherrschen. »Bete zu Gott, dass du nicht schwanger bist! Denn wenn du es bist, wirst du schnell merken, wie es im wirklichen Leben zugeht«, warf sie Mariette an den Kopf. »Und jetzt geh auf dein Zimmer! Ich kann deinen Anblick nicht ertragen.«

Mariette flitzte aus der Küche, so schnell sie konnte. Die rasende Wut ihrer Mutter und der Umstand, dass alle sofort an eine Schwangerschaft dachten, schien diese mehr als unerfreuliche Möglichkeit in bedrohliche Nähe zu rücken.

Was würde aus ihr werden, wenn sie wirklich ein Kind erwartete? Sam zu heiraten kam nicht infrage. Selbst wenn er einwilligte – was mehr als unwahrscheinlich war –, erwartete sie an seiner Seite ein elendes Leben, noch dazu mit einem Baby, das sie nicht wollte.

Die Leute waren gemein zu ledigen Müttern, und nach der Reaktion ihrer Eltern und Mogs zu urteilen, machte ihre Familie da keinen Unterschied.

Sie warf sich aufs Bett und weinte. Von unten konnte sie gedämpftes Stimmengemurmel hören und gelegentlich ihren Vater, wenn er lauter wurde. Das war das Schlimmste daran. Dass ihre Mutter und Mog böse auf sie waren, damit konnte sie leben, aber den Gedanken, ihren Vater enttäuscht zu haben, ertrug sie nicht.

In der Küche ging Etienne zornig auf und ab. Belle wusste, dass er Sam am liebsten verprügeln würde, und das musste sie verhindern.

»Er ist jung und ziemlich stark«, sagte sie und stellte sich vor die Tür, um ihrem Mann den Weg zu versperren. »Wenn du jetzt losziehst, um ihn zu verprügeln, wird er sich wehren, und dann ziehst du womöglich den Kürzeren. Außerdem bekommt dann die ganze Stadt Wind davon – und wenn die Katze erst mal aus dem Sack ist, können wir sie nicht mehr einfangen.«

Auch Mog schaltete sich ein. »Mari hat es freiwillig gemacht, vergiss das nicht! Sie wollte ein bisschen Aufregung, und die hat sie bekommen. Jetzt muss sie die Bedeutung des Wortes ›Konsequenzen‹ lernen. Und du auch! Wenn du Sam zusammenschlägst, heißt das für Mari, dass er allein schuld ist.«

»Meint ihr im Ernst, dass ich gar nichts tun kann?«, fragte Etienne, der anscheinend erschüttert war, dass die beiden Frauen nicht auch das Blut des Burschen fließen sehen wollten.

»Natürlich nicht«, antwortete Belle beschwichtigend. »Aber Mog hat recht. Mari ist genauso schuld. Ich könnte sie noch eher verstehen, wenn sie ihn lieben würde. Manchmal ist sie so kaltherzig, dass ich kaum glauben kann, dass sie mein Kind ist. Schlaf bitte eine Nacht darüber, Etienne, bevor du etwas überstürzt! Damit würdest du nur dem Klatsch neue Nahrung liefern.«

Etienne traf es tief, dass sowohl seine Frau als auch Mog fanden, dass er zu alt wäre, um dem Verführer seiner Tochter eine Lektion zu erteilen. Aber wahrscheinlich war es tatsächlich klüger, bis zum nächsten Morgen zu warten, bevor er aktiv wurde.

Doch er verbrachte eine unruhige Nacht und wälzte sich rastlos hin und her. Immer wieder gingen ihm unschöne Bilder von Mari und diesem schmierigen Seemann durch den Kopf.

Beim ersten Tageslicht stand er auf, zog sich an und schlüpfte leise hinaus, um Belle nicht zu wecken. Die Wut, die er am vergangenen Abend verspürt hatte, war ein wenig abgeflaut. Alles, was er wollte, war, dem Mann von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen und vielleicht zu verstehen, was Mari in ihm gesehen hatte.

Er hatte gehört, dass der ehemalige Seemann sein Lager auf einem Stück Ödland nicht weit vom Fuß des Flag Staff Hill aufgeschlagen hatte, und als er sich auf den Weg dorthin machte, dachte er an die einzige Gelegenheit, bei der er mit ihm geredet hatte. Der Mann war eines Abends betrunken aus dem Duke of Marlborough getaumelt, als Etienne zufällig vorbeigekommen war, und hatte ihn angerempelt.

»Pass gefälligst auf, wo du hingehst«, hatte Etienne gesagt.

Der Fremde hatte sich aufgerichtet und ihn abschätzig gemustert. »Bei dem Akzent musst du wohl dieser Franzmann und Kriegsheld sein«, hatte er höhnisch bemerkt.

»Und mit deinem Akzent musst du der australische Säufer sein«, hatte Etienne erwidert und war weitergegangen, ohne die alberne Bemerkung, ob er Schnecken zum Essen sammeln wollte, zu beachten.

Die kurze Begegnung war alles, was Etienne brauchte, um zu wissen, dass der Mann ein mieser Prolet war, und das machte die Möglichkeit, dass Mari von ihm schwanger war, noch beunruhigender.

Zum Teil hinter Buschwerk verborgen, entdeckte er das Zelt und erinnerte sich, dass sich etliche Bewohner der Stadt darüber beschwert hatten, dass der Australier hier kampierte.

Das Zelt war klein und schäbig und hing in der Mitte durch, weil die Leinen nicht straff gespannt waren. Etienne betrachtete es kurz und trat dann in die Seile, sodass das Zelt in sich zusammenfiel. Von drinnen ertönte lautes Fluchen. Anscheinend war der Mann aufgewacht, als die Zeltplanen ihn unter sich begraben hatten.

Etienne wartete – es hätte ihn nicht gewundert, wenn der Bursche trotz der feuchten Planen, die auf ihn gefallen waren, einfach liegen geblieben wäre –, aber nach ein, zwei Minuten kam er, nur mit einer schmuddeligen Unterhose bekleidet, herausgekrochen und rieb sich die Augen.

Während der kurzen Wartezeit war Etienne der viele Müll rund um das Zelt aufgefallen – hauptsächlich leere Bierflaschen und Konservendosen. Er fragte sich, ob der Mann je badete und wie Mari, die in einem reinlichen Zuhause aufgewachsen war, einen solchen Mangel an Hygiene hatte ertragen können.

»Hast du gerade mein Zelt zusammengetreten?«, fragte der Australier und starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Er hatte dichte Bartstoppeln auf dem Kinn, und sein blondes Haar sah fettig aus, aber trotzdem war sein gebräunter muskulöser Oberkörper beeindruckend, und er war unleugbar attraktiv.

»Schuldig im Sinne der Anklage«, sagte Etienne. »Sei bloß froh, dass ich nicht eine Axt genommen und dir den Kopf abgeschlagen habe! Steh auf! Ich weiß, dass du Dreck bist, doch ich sehe einem Mann gern in die Augen, wenn ich mit ihm rede.«

»Worum geht’s?«, wollte Sam wissen und stand auf.

»Spiel nicht den Ahnungslosen!«, erwiderte Etienne verächtlich. »Du weißt ganz genau, dass ich Mariettes Vater bin. Und wenn du auch nur einen Funken Anstand hättest, hättest du mich um Erlaubnis gefragt, bevor du dich mit ihr triffst.«

»Das macht doch kein Mensch mehr«, brummte Sam. »Geh nach Hause, alter Mann, und such dir zum Streiten einen in deinem Alter! Mari hat sich mir an den Hals geworfen. Du hörst es vielleicht nicht gern, doch genauso war’s. Und jetzt hau ab!«

»Ich hatte gehofft, irgendetwas an dir zu entdecken, das für dich spricht«, erwiderte Etienne. »Aber du lebst wie ein Schwein und ...

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