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Am Fluss des Schicksals

Über die Autorin

Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Schließlich zog ihre Famile nach England und wanderte von dort nach Australien aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in einem Küstenvorort von Adelaide in Südaustralien. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie mit Anfang dreißig, zuvor arbeitete sie als Model, besaß eine Gärtnerei und betreute lernbehinderte Kinder.

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich widme dieses Buch den Männern in meinem Leben.

Meinem Mann Peter, der mir Kraft gibt und mir immer zur Seite steht, und meinen Söhnen Damien und Mark, die das Beste sind, was mir je passiert ist.

Meinem Bruder Peter Haran, der ebenfalls Schriftsteller ist und mir eines Tages beiläufig vorschlug, ich solle doch auch mal ein Buch schreiben.

Mein ganz besonderer Dank gilt Michael Meller, der das Potenzial meines ersten Manuskriptes erkannte und meine Karriere ins Laufen brachte.

PROLOG

Echuca, 1866

Ein schriller Pfiff kündete von der Einfahrt des Zuges aus Melbourne in den geschäftigen Hafen von Echuca am Murray River, der hier die Grenze zwischen Victoria und New South Wales bildete. Als fauchend eine Dampfwolke aus dem Schornstein der Lok emporschoss und sich im Dickicht aus Eukalyptusbäumen verlor, das sich am Fluss entlang erstreckte, flatterten auf der anderen Uferseite, in New South Wales, die Kakadus mit protestierendem Kreischen von ihren Ruheplätzen in den Ästen der Bäume.

Der Bahnsteig befand sich neben dem dreistöckigen, von Eukalyptusbäumen gesäumten Pier – eine hässliche Konstruktion, eine Viertelmeile lang und mehr als sechs Meter hoch. Hier herrschte rege Betriebsamkeit. Die Hafenarbeiter – kräftige, narbengesichtige Raufbolde mit einer Schwäche für Rum und Faustkämpfe – waren damit beschäftigt, Holz, Tabak, Mehl, Tee, Wein, Branntwein und Weizen von den gut fünfzig Raddampfern zu löschen, die am Pier ankerten, oder die Schiffe mit Wolle, Stoffen und Gerätschaften zu beladen. Es war vier Uhr nachmittags, kurz vor Feierabend, und viele Arbeiter warfen sehnsüchtige Blicke zum Star Hotel an der Hafenpromenade, in dem sich die nächste der über zwanzig Schänken und Bars der Stadt befand.

Ein paar Dampfer nahmen vom Pier aus Kurs nach Westen, nach Wentworth, wo die Flüsse Murray und Darling zusammenströmten. Die Wollballen auf den Güterwagons am Ende des Zuges sollten per Raddampfer zur Mündung des Murray transportiert werden, wo sie auf Frachter umgeladen wurden, die dann die Märkte in London ansteuerten. Auch Schafscherer nutzten die Raddampfer, um zu einer der zahlreichen Stationen überzusetzen, die den mehr als tausendsechshundert Meilen langen Fluss säumten – von der Quelle in den Snowy Mountains bis nach Goolwa, wo der Murray in den Pazifik mündete.

Unter den Zugpassagieren waren Joe und Mary Callaghan. Sie waren nach Echuca gekommen, um einen Raddampfer zu übernehmen, dessen Bau sie vor einem Jahr in Auftrag gegeben hatten. Nachdem ihre Reisekiste vom Zug abgeladen war und sie ihre Koffer in den Händen hielten, schafften sie es kaum, sich einen Weg durch das Gewimmel auf dem überfüllten Bahnsteig zu bahnen, während die Arbeiter sich daranmachten, die Fracht von den hinteren Wagons abzuladen. Es war Marys erster Aufenthalt in Echuca, während Joe bereits vor einem Jahr in der Stadt gewesen war, um eine Kaution zu hinterlegen und die Baupläne für den Raddampfer zu besprechen; zuletzt war er einen Monat zuvor in Echuca gewesen, um mit Ezra Pickering, dem Schiffbauer, die letzten Einzelheiten zu klären.

Nach harten Jahren auf den Goldfeldern konnte Mary der Anblick der derben, heruntergekommenen Gestalten auf dem Pier nicht mehr schockieren, und auch nicht die Dirnen, die auf der Promenade umherstolzierten und auf Kunden warteten. In den vergangenen zwei Jahren hatte Mary genug davon gesehen. Sie freute sich auf ihr neues Leben, auf die friedliche Atmosphäre am Fluss und darauf, in einem richtigen Bett zu schlafen, ohne jeden Morgen vom Scharren der Schaufeln und dem Murren verkaterter Männer geweckt zu werden.

Beim letzten Besuch Joes im Hafen von Echuca hatte es geregnet, doch heute funkelte die Sonne auf der friedlichen grünen Wasseroberfläche des Flusses, auch wenn eine stürmische Brise wehte. Tief im Herzen hoffte Joe, dass dies ein gutes Zeichen war.

Es war der aufregendste Tag im Leben von Joe und Mary Callaghan – und das Ende eines zwei Jahre währenden Albtraums auf den Bendigo-Goldfeldern. Die ersten sechs Monate hatten sie in einem kleinen, geflickten Zelt geschlafen und oft knöcheltief im Schlamm gestanden, um mit den anderen Schürfern, unter denen die Ruhr und das Fieber grassierten, nach angeschwemmtem Gold zu suchen. Als sich zeigte, dass es viel länger als erwartet dauern würde, auf eine Goldader zu stoßen, errichteten Mary und Joe eine Hütte aus Holzabfällen mit festem Bretterboden. Dennoch war ihr Leben eine Qual gewesen, besonders für Mary, die im Winter jämmerlich fror, während ihr im Sommer die Gluthitze zusetzte. Es war ihr vorgekommen, als würde ihr Leben sich nur noch um drei Eimer drehen: Der erste voller Trinkwasser, der zweite, um sich selbst und die Wäsche zu waschen, während der dritte als Toilette diente. Jeden Tag, wenn Joe auf den Goldfeldern bis zur Erschöpfung arbeitete, kümmerte Mary sich um das Feuer und die drei Eimer, die sie ständig leerte und füllte, leerte und füllte, immer wieder, bis sie glaubte, stumpfsinnig zu werden. Hätten sie und Joe nicht das Ziel gehabt, sich einen Raddampfer zu erarbeiten – Mary hätte es keine drei Wochen auf den Goldfeldern ausgehalten.

Vor seinem Weggang nach Bendigo hatte Joe drei Jahre lang im Hafen von Melbourne gearbeitet. Als ihm die Blockadetaktik der Gewerkschaft zu viel wurde, nahm er trotz geringerer Bezahlung eine Stelle im nahen Governor Hindmarsh Hotel an. Nachdem er alles gelernt hatte, was zur Leitung eines Hotels erforderlich war, sahen er und Mary sich nach einem anderen Hotel um, das bessere berufliche Aufstiegschancen bot. Die Wahl fiel auf das Overland Corner Hotel an der Anlegestelle Cobdogla, nahe der südaustralischen Stadt Barmera. Erst mit der Errichtung dieses Hotels, das zugleich als Haltestation der Postkutsche auf der Strecke zwischen Adelaide und Wentworth diente, waren die ersten Europäer in der Gegend erschienen. Joe wurde neuer Geschäftsführer, nachdem seinem Vorgänger, Bill Thompson, die Leitung eines Hotels in der Stadt angeboten worden war. Da seine Ehefrau sich geweigert hatte, »in den Busch« zu ziehen, hatte Thompson die neue Stelle ohne Zögern angenommen. Mary hingegen sah es ganz anders als Mrs Thompson. Die Aussicht, in der Nähe des Flusses zu leben, begeisterte sie ebenso sehr wie Joe.

Das Overland Corner Hotel war aus Kalkstein erbaut. Die Mauern waren einen halben Meter dick – eine perfekte Isolierung gegen die trockene Sommerhitze –, und die Böden waren aus Eukalyptusholz. An dem Tag, als Mary und Joe Callaghan dort eintrafen, hatten sich fast dreihundert Aborigine-Frauen versammelt, um Joes »weiße Gefährtin« zu sehen. Damals war eine weiße Frau in dieser Gegend ein sehr seltener und exotischer Anblick, und Mary war irritiert von all dem Aufsehen, das um sie gemacht wurde. Zudem erkannte sie schnell, dass es auch Nachteile hatte, eine Art Berühmtheit zu sein, besonders, wenn die Hausarbeit liegen blieb, weil die Frauen der Aborigines ständig an der Hintertür zur Küche nach ihr riefen, um ihre Haare anzufassen und ihre Kleider zu betasten. Das Gelände, auf dem das Hotel stand, war tausende von Jahren von den Aborigines bewohnt gewesen. Sie hatten dort ihre Lager aufgeschlagen, primitive Verschläge errichtet und von dem gelebt, was der Fluss hergab. Als die Europäer kamen, begannen die Ureinwohner, mit dem hochwertigen Ocker zu handeln, den sie auf den nahen Klippen sammelten. Mary benutzte ihn, um die Kamine im Hotel mit roter Farbe zu verschönern.

Als Joe die Leitung des Overland Corner Hotels übernahm, gab es bereits den großen Holzladeplatz in der Nähe des Ufers, wo die hungrigen Kessel der anlegenden Raddampfer gefüttert wurden. Außerdem gab es einen Zeltplatz für Viehtreiber, die ihre Rinder oder Schafe an der saftigen Flachküste weiden lassen konnten, bevor sie weiter nach Adelaide zogen. Kurz nach seiner Fertigstellung wurde das Hotel zu einer Zwischenstation für die Postkutsche auf der Strecke zwischen Wentworth und Südaustralien. Doch die wachsende Zahl der Raddampfer auf dem Murray ließ Joe erkennen, dass die Geschäfte für Schiffseigner blühten, und er wollte daran teilhaben.

Er beschloss, für ein eigenes Schiff zu sparen. Da er wusste, dass er dieses Ziel mit seinem bescheidenen Lohn als Direktor eines kleinen Hotels niemals erreichen konnte, beschloss er, gemeinsam mit Mary auf den Goldfeldern sein Glück zu versuchen – ein riskantes Unterfangen, das Mary viel abverlangte. Aber nach drei Jahren im Hotel hatte sie genug von betrunkenen Viehtreibern und Schafscherern.

Doch das Leben auf den Goldfeldern erwies sich als Hölle auf Erden. Diebstähle, Schlägereien, selbst Morde waren an der Tagesordnung. Beim allabendlichen Ritual der Soldaten, die Schläger und Trunkenbolde außerhalb des Goldgräberlagers zusammenzutreiben und zu verprügeln, zitterte Mary jedes Mal wie Espenlaub und betete um ein Wunder.

Nach einem Jahr war sie am Ende und drohte Joe, ihn zu verlassen. Doch noch am selben Tag wurden sie fündig. Sie entdeckten einen ansehnlichen Goldklumpen, der es ihnen ermöglichte, eine Anzahlung auf den ersehnten Raddampfer zu leisten, der nach fast einem Jahr – das ihnen wie eine Ewigkeit vorkam – fertig war. Der Dampfer war weder besonders groß noch sonst wie außergewöhnlich, aber er war ihr erstes richtiges Zuhause. Ihr Glück wäre vollkommen gewesen, hätte auch ihr Wunsch nach einem Kind sich erfüllt, doch nach fünfzehn Jahren Ehe hatten die Callaghans die Hoffnung auf eigene Kinder begraben.

Jedenfalls sah Joe nun die Chance, beruflich auf eigenen Füßen zu stehen. Der Transport von Holz aus den Wäldern bei Barmah zu den Schiffswerften bot ihm und Mary die Möglichkeit, zu bescheidenem Wohlstand zu gelangen, zumal in den wachsenden Städten am Fluss immer mehr Sägemühlen den Betrieb aufnahmen. Wie seine Eltern, stammte auch Joe aus County Donegal in Irland; seine Familie war nach England gezogen, als Joe erst zwei Jahre alt war, und er hatte seine Kindheit an der Themse verbracht, die sein Vater als Kapitän eines Frachtkahns befuhr, bis er 1848 an einer Lungenentzündung starb.

Als Joe alt genug war, trat er aus Liebe zur Schifffahrt der Handelsmarine bei. Nachdem er sein Kapitänspatent erworben hatte, kehrte er nach England zurück und lernte Mary kennen. Nach der Hochzeit im Jahre 1851 wanderte das Paar nach Australien aus. Doch Joe hatte nie seine Liebe zu Schiffen verloren. Zwar wollte er nicht wieder zur See fahren – zumal es bedeutet hätte, dass er immer wieder für längere Zeit von Mary getrennt wäre –, doch der Murray River zog ihn magisch an.

Deshalb erschien es ihm nun, bei der Ankunft in Echuca, um seinen Raddampfer zu übernehmen, als wäre er an den einzigen Ort zurückgekehrt, an dem sein Herz und seine Seele glücklich waren.

Joe und Mary quartierten sich für die Nacht im Bridge Hotel ein, das nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt war und Silas Hepburn gehörte, dem Gründer von Echuca und mächtigsten Mann der Stadt. Joe hatte erfahren, dass Hepburn zudem zahlreiche Geschäfte an der High Street gehörten sowie große Flächen Land in der Umgebung der Stadt, sodass er gespannt darauf war, diesen offenbar tüchtigen und erfolgreichen Mann kennen zu lernen.

Mary war der Ansicht, sie könnten sich ein solches Luxushotel nicht leisten, in dem die Übernachtung fünf Pfund kostete – dreimal so viel wie in einer Pension. Doch Joe erklärte, dass sie ein weiches, warmes Bett verdient habe, nachdem sie zwei Jahre lang in einem schmutzigen Zelt und einer primitiven Hütte gehaust hatte.

Das Bridge Hotel befand sich unweit vom Hafenplatz, wo sich die Karren reihten, um den Murray River auf einer Pontonbrücke zu überqueren, die ebenfalls Silas Hepburn gehörte. Das Hotel war ein zweistöckiges Gebäude aus weinroten Ziegelsteinen, mit weiß getünchter Veranda und einem Balkon, der von Holzpfählen getragen wurde. Zwei eingeschossige Seitenflügel erstreckten sich zwischen der High Street und der Promenade. Die Schankstube war ein beliebter Treffpunkt der Viehzüchter.

Als Joe und Mary am Tag ihrer Ankunft im Hotel zu Abend aßen, machten sie die Bekanntschaft von Silas Hepburn und dessen Frau Brontë, die sich als fröhlich und hilfsbereit erwies. Doch was Silas Hepburn selbst betraf – kaum hatte er den Mund aufgemacht, wurde offensichtlich, dass er arrogant, egoistisch und raffgierig war. Joe gewann den Eindruck, dass Silas ihn aushorchte, um sich zu vergewissern, dass er ihm mit seinem zukünftigen Geschäft keine Konkurrenz machte. Als Joe erklärte, er sei Besitzer und Kapitän eines neuen Raddampfers, beglückwünschte Silas ihn und bot ihm großzügig Hilfe in Form eines »Darlehns« an, sollte sich die Notwendigkeit ergeben. Joe wurde misstrauisch. Geldverleiher vom Schlage Silas Hepburns waren ihm schon immer suspekt gewesen.

Bei Joes letztem Aufenthalt in der Stadt einen Monat zuvor hatte er einen Mann namens Ned Gilford angeheuert und mit ihm vereinbart, sich an dem Abend, wenn er und Mary in der Stadt ankämen, im Hotel zu treffen. Mary wusste nur zu gut, dass Joe sehr empfänglich war für Menschen, die im Leben gestrauchelt waren. Nicht dass er naiv gewesen wäre; es war vielmehr so, dass er für jeden Mitmenschen, dem ein hartes Leben beschieden war, Mitgefühl aufbrachte. Deshalb war Mary nicht überrascht gewesen, als Joe ihr das erste Mal von Ned erzählt hatte.

Da Joe mit der Binnenschifffahrt nicht vertraut war, hatte er beschlossen, einen Matrosen anzuheuern, der sich mit dem Fluss und mit Raddampfern auskannte. Er war im Hafen gewesen und hatte dort verkündet, dass er nach einem fähigen Matrosen suche, als er eine Gruppe Arbeiter bemerkte, die johlend einen Mann umringte, der gerade versuchte, die Vorderräder eines voll beladenen Ochsenkarrens anzuheben. Der Mann war Ned. Er sah aus, als habe er die fünfzig schon überschritten, war aber noch fit für sein Alter – es gelang ihm tatsächlich, die Räder der Vorderachse vom Boden zu heben. Zuerst hielt Joe ihn für einen betrunkenen Angeber, erkannte aber gleich darauf, dass es sich um eine Kraftprobe handelte. Joe sah aber auch, dass Ned einen verzweifelten und traurigen Eindruck machte und seine Anstrengungen verspottet wurden. Bevor er sich verletzen konnte, trat Joe auf ihn zu und fragte ihn, ob er als Matrose für ihn arbeiten wolle – ein Angebot, das Ned mit sichtlicher Erleichterung und Dankbarkeit annahm. Sie vereinbarten ein Treffen im Hotel, um alles Weitere zu besprechen.

Allerdings tauchte Ned Gilford nicht zum vereinbarten Zeitpunkt auf und hatte auch keine Nachricht bei Mrs Hepburn hinterlassen, die das Hotelpersonal beaufsichtigte. Joe war enttäuscht; er war sicher gewesen, dass Ned ihn nicht im Stich ließ.

»Vielleicht ist er aufgehalten worden«, sagte Joe am nächsten Morgen zu Mary, nachdem sie vom Einkauf der Vorräte zurückgekehrt war, die aufs Schiff gebracht werden sollten, darunter Grundnahrungsmittel für die Speisekammer sowie Tischwäsche und Geschirr.

»Oder jemand hat ihm ein besseres Angebot gemacht«, entgegnete Mary.

»Tja, leider können wir nicht länger warten«, sagte Joe. Sie konnten sich keine weitere Nacht in dem Hotel leisten, zumal nicht nur das Zimmer, sondern alles in Echuca dreimal so teuer war wie auf den Goldfeldern.

Vor ihrer Abreise hinterließ Joe bei Brontë Hepburn eine Nachricht: Für den Fall, dass Ned doch noch auftauchte, sollte er sich am Flussufer in der Nähe der Werft bei ihnen einfinden.

Joe und Mary mieteten sich eine Kutsche, um mit ihrer Reisekiste, den Koffern und den Vorräten zur Werft zu gelangen. Auf ihrer Fahrt entlang des Flusses, auf dem Schaufelraddampfer in jeder Form und Größe zu bewundern waren, kamen sie an einem Ponton vorüber, der Silas Hepburn gehörte, wie der Kutscher ihnen erzählte. Hunderte von Schafen waren darauf zusammengepfercht, um von New South Wales hinüber nach Victoria transportiert zu werden.

»Schlachtvieh für hungrige Goldsucher«, bemerkte der Kutscher.

»Wie hoch ist die Transportgebühr, die Mr Hepburn von den Viehtreibern verlangt?«, fragte Joe.

»Bei den Schafen hängt es von der Anzahl ab. Bei Rindern verlangt er zwischen drei und sechs Pennys pro Tier, bei Pferden sechs Pennys.«

»Da wäre es besser, ans andere Ufer zu schwimmen«, sagte Joe, empört über diesen Wucher.

»Oh, auch das kostet. In diesem Fall verlangt Silas Hepburn einen Penny pro Tier für die Bereitstellung erfahrener Fährmänner, die sie hinübergeleiten. Die Fährmänner behaupten, sämtliche Strömungen und Untiefen zu kennen, und erzählen so manche Schauermärchen, um zweifelnde Viehzüchter zu überzeugen. Dabei wissen die Züchter, dass sie hereingelegt werden, aber sie können es sich nicht leisten, ein Risiko einzugehen.«

Joes erster Eindruck, dass Silas Hepburn ein gerissener Geschäftsmann war, bestätigte sich – was er dem Kutscher auch sagte.

»Ja, für einen ehemaligen Sträfling aus Port Arthur hat er sich ganz schön gemausert«, erwiderte der Kutscher und lachte beim Anblick der verdutzten Gesichter Joes und Marys laut auf.

Als Joe den Raddampfer am Dock der Werft erblickte, rief er: »Das ist er!« Auch wenn es bestimmt nicht das größte Schiff auf dem Fluss sein würde, fiel es wegen seiner breiten, schrägen, nach oben gewölbten Radkästen für die Schaufelräder auf – eine Idee, die Joe und Ezra gekommen war, als sie die Baupläne entworfen hatten.

»Bist du sicher, dass es unser Dampfer ist?«, fragte Mary.

Joe nickte bloß und lächelte.

Mary ließ sich von der Begeisterung ihres Mannes anstecken. »Ich kann es gar nicht abwarten, an Bord zu gehen.«

Zügig lud Joe ihr Gepäck und ihre Vorräte aus der Kutsche. Nachdem der Kutscher bezahlt worden war und sich wieder auf den Weg gemacht hatte, stellte Joe das Gepäck am Flussufer ab, nahm den Arm seiner Frau und sagte: »Komm, schauen wir uns unser neues Zuhause an.« Wie lange hatte er diesem Tag entgegengefiebert! Der Himmel war bewölkt, und es sah nach Regen aus, aber selbst ein heftiger Wolkenbruch hätte Joes Stimmung nicht trüben können.

Mary hielt inne. »Dürfen wir denn einfach so an Bord?«, meinte sie unsicher. »Müssen wir nicht zuerst die Erlaubnis einholen?«

Joe lachte. Mary hatte eine angeborene Scheu vor Autoritätspersonen, und das Leben auf den Goldfeldern hatte ihre Furcht nur noch verstärkt. Er wusste, dass es Zeit brauchte, um Mary die Erfahrungen der letzten zwei Jahre vergessen und ihr Selbstvertrauen wachsen zu lassen.

Mary war ein wenig rundlich und reichte Joe gerade bis zur Schulter. Ihr Haar, das sie stets zusammengebunden trug, war braun und lockig, und ihre Gesichtszüge waren eher durchschnittlich, doch Joe hatte sich in die Wärme in ihren Augen und in ihr sanftes Lächeln verliebt, bei dem sein Herz stets höher schlug.

»Wir brauchen keine Erlaubnis, an Bord gehen zu dürfen, Mary«, sagte er nun. »Es ist unser Schiff.«

Als sie den Niedergang erreichten, erschien der Schiffbauer Ezra Pickering mit einem Notizbuch und einem Stift in der Hand vor ihnen. Er war ein ruhiger, pflichtbewusster Mann, der mit Joe eine unstillbare Leidenschaft für Schiffe teilte. Zuvor hatte er Joe erzählt, dass er seinen ersten Dampfer aus den Holz- und Eisenresten eines schrottreifen Pferdekarrens gebaut hatte, und Joe war von Ezras Liebe zum Detail und seinem unverhüllten Stolz auf seine Arbeit sehr beeindruckt gewesen. Die Schiffe wurden am Ufer gefertigt, wo es leicht abschüssig war, sodass man sie beim Stapellauf ins Wasser gleiten lassen konnte. Ezra hatte soeben kontrolliert, ob die Arbeiter seine allerletzten Anweisungen befolgt hatten. Er gehörte nicht zu den Leuten, die irgendetwas dem Zufall überließen.

»Guten Morgen, Joe«, grüßte er. »Kommen Sie an Bord.« Er ergriff Joes ausgestreckte Hand und begrüßte anschließend auch Mary.

An Bord wandte Joe sich seiner Frau zu. »Willkommen an Bord der Marylou, mein Schatz.«

Mary stockte der Atem, und sie blickte ihren Ehemann mit weit aufgerissenen Augen an. »Du hast ... unser Schiff Marylou getauft?«

»Ja, nach dir. Nach meiner Mary Louise!« Joe legte den Arm um ihre Schulter. »Komm und sieh selbst.« Er führte sie zum Bug und drehte sie in Richtung Ruderhaus. Dann zog er an einem Seil, an dem ein Stück Stoff befestigt war. Der Stoff flatterte herunter, und unter dem Fenster des Ruderhauses stand in großen Buchstaben: P. S. Marylou.

Mary war zu Tränen gerührt. »Oh, Joe. Du bist immer wieder für Überraschungen gut.«

Ezra Pickering kam zu ihnen. »Ich möchte Sie ein wenig mit den Daten der Marylou vertraut machen«, sagte er voller Stolz. »Sie ist für achtundfünfzig Tonnen Fracht ausgelegt. Ihre Länge beträgt dreiundzwanzig Meter, die Breite fünfeinhalb Meter. Sie hat einen Tiefgang von siebzig Zentimetern ...«

»Was bedeutet das?«, fragte Mary.

»Sie kann in Gewässern unter einem Meter Tiefe fahren, weil sie einen flachen Rumpf hat«, erklärte Joe. »Aber meist ist der Fluss viel tiefer.«

»Oh.« Mary beschlich ein ungutes Gefühl. Sie fürchtete sich vor tiefen Gewässern und konnte wie die meisten Neuankömmlinge in Australien nicht schwimmen, aber Joe hatte versprochen, es ihr beizubringen. »Gibt es denn Untiefen im Fluss?«, fragte sie Ezra.

»Ja«, erwiderte Ezra. »Man muss sich vor Sandbänken, seichten Stellen und im Wasser treibenden Baumstämmen in Acht nehmen. Und im Sommer trocknen bestimmte Flussabschnitte regelmäßig aus. Aber ich habe im Ruderhaus Karten hinterlegt.« Er sah Joe mit ernstem Blick an. »Ich schlage vor, Sie studieren diese Karten, und zwar gründlich. Aber für den Notfall ist das Schiff mit einer dampfbetriebenen Seilwinde ausgestattet, wie abgesprochen.« Er wandte sich um und wollte Mary die drei Kajüten zeigen, doch ihre Aufmerksamkeit wurde vom Maschinenraum gefesselt, der sich mitten auf dem Schiff befand und von einem Geländer umgeben war. Ein Schild am Dampfmotor stach ihr ins Auge: Marshall & Söhne, Gainsborough, England.

»Sieh mal, Joe, die Maschine kommt aus unserer Heimat«, sagte Mary.

»Das ist eine Dampfmaschine mit sechsunddreißig Pferdestärken«, geriet Ezra ins Schwärmen. »Sie ist erst vor zwei Monaten hier eingetroffen. Am Ufer liegt eine Tonne Feuerholz, was für den Anfang genügen dürfte, aber beim Zerkleinern und Verladen werdet ihr auf Hilfe angewiesen sein. Ihr habt doch einen Matrosen angeheuert, oder?«

Joe zog die Stirn kraus und warf einen besorgten Blick zu seiner Frau. »Ja, er soll hier zu uns stoßen.«

»Gut«, entgegnete Ezra. »Es wird mehrere Stunden in Anspruch nehmen, bis der Kessel genügend aufgeheizt ist, dass ihr ablegen könnt. Ich schlage vor, ihr fahrt heute flussabwärts bis zum Campaspe-Delta und anschließend wieder zurück. Sollte es dann Probleme oder Fragen geben, können wir darüber reden.«

Joe warf erneut einen Blick auf die Uhr. Es war zwar noch früh, aber wenn Ned nicht bald erschien, musste er einen Ersatzmann für ihn suchen, und zwar rasch.

Die Callaghans besichtigten gerade die Kajüten, als Ezra rief, dass jemand am Flussufer Joe zu sprechen wünsche.

»Bestimmt euer Matrose«, sagte er, als Joe und Mary am Niedergang erschienen, von wo sie einen Mann am Ufer erblickten.

»Wer ist das?«, fragte Mary. Sie hielt es für ausgeschlossen, dass der Fremde ihr Matrose war. Er sah wesentlich älter aus, als sie erwartet hatte.

»Das ist Ned Gilford«, erwiderte Joe. Auch ihm kam Ned jetzt älter vor, als er ihn in Erinnerung hatte, aber gleichzeitig fiel ihm wieder ein, wie dankbar Ned darüber gewesen war, dass man ihm Arbeit angeboten hatte, sodass es Joe sehr verwundert hätte, wenn er nicht erschienen wäre. Mary hörte die Erleichterung in der Stimme ihres Mannes, doch ihre Bedenken blieben bestehen. Joe brauchte einen kräftigen und fähigen Mann. Sie hatte gehofft, dass er wenigstens einmal auf seinen Verstand statt auf sein Herz hören würde, doch Neds Anblick ließ sie zweifeln.

Ned stand am anderen Ende des Niedergangs, den Hut in der Hand. Als Joe auf ihn zuging, bemerkte er, dass Neds Gesicht gerötet und erhitzt war. Er fragte sich, woher Ned gerade kam und ob er sich zu Fuß zur Werft aufgemacht hatte, bepackt mit seinem großen Seesack.

»Mr Callaghan«, stieß Ned keuchend hervor. »Tut mir Leid, dass ich so spät komme. Ich hatte für ein paar Tage Arbeit im Wald von Barmah, und ... und ich brauchte das Geld. Entschuldigen Sie, dass ich nicht schon früher kommen konnte ...« Doch Joe war nicht verärgert, ganz im Gegenteil freute er sich, Ned zu sehen. »Jetzt bist du ja da, Ned«, sagte er. »Willkommen an Bord der Marylou

Joe stellte Ned seiner Frau und Ezra Pickering vor.

»Sie kennen sich doch mit Dampfmaschinen aus, Mr Gilford?«, fragte Ezra.

Ned sah zu Joe und errötete. Nervös drehte er den Hut in der Hand. Selbst Mary hatte Mitleid mit ihm.

»Ich ... nun ja, nein ... Ich kann ein bisschen von allem ... eigentlich bin ich Holzfäller, aber ... ich lerne rasch ...« Ned war so blass geworden, dass Joe befürchtete, er würde jeden Moment in Ohnmacht fallen.

Ezras buschige Brauen waren so dicht zusammengezogen, dass sie wie eine haarige Raupe über seinen tief liegenden Augen wirkten. Er sah Joe über seine Zweistärkenbrille hinweg an. »Sie hätten jemanden anheuern sollen, der sich mit Dampfmaschinen auskennt, Mr Callaghan.«

»Ich habe noch nie Flüsse befahren und muss noch viel lernen, genau wie Ned. Aber gemeinsam schaffen wir das schon«, erwiderte Joe zuversichtlich. »Wir werden uns ein paar Tage Zeit lassen, um uns mit dem Schiff und dem Fluss vertraut zu machen.« Joe warf einen Blick auf Ned, der einen völlig verdutzten Eindruck machte. »Ned ist kräftig, sodass es nicht lange dauern wird, bis wir das Holz geladen haben. Stimmt’s, Ned?«

Ned wollte seinen Ohren nicht trauen. Als Ezra gesagt hatte, es sei ein Fehler gewesen, ihn, Ned, anzuheuern, hatte er bereits damit gerechnet, wieder fortgeschickt zu werden. »Ja ... ja, Sir«, murmelte er.

Ezra wandte sich an Joe. »Wie ich weiß, ist es schon eine Weile her, dass Sie zur See gefahren sind. Deshalb werde ich Ihnen einen meiner Männer zur Verfügung stellen, der Ihnen die grundlegenden Funktionen der Maschine und der Pumpen erklärt, sobald das Holz aufgeladen ist, damit Sie und Ihr ... Matrose sich mit der Marylou vertraut machen können. Es war ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Mr Callaghan. Ich wünsche Ihnen viel Glück für die Zukunft.« Erneut bedachte er Ned mit einem Blick, als hätte er Angst um Joe.

»Sie haben gute Arbeit an der Marylou geleistet, Mr Pickering«, sagte Joe. »Verdammt gute Arbeit.« Er liebte den Geruch des frisch lackierten Holzes, und er genoss aus vollem Herzen, endlich wieder einmal Schiffsplanken unter den Füßen zu haben.

Bei Joes letztem Aufenthalt in der Stadt hatte die Marylou noch am Ufer gelegen. Er hatte sie gründlich inspiziert und mit Ezra die letzten Details abgesprochen, was den Anstrich, das Schmieren und die Anordnung bestimmter Maschinenteile betraf. Nun war er sehr stolz, Besitzer eines so großartigen Schiffes zu sein. Tatsächlich war es sogar der stolzeste Tag in seinem Leben, abgesehen von dem Tag, an dem er Mary geheiratet hatte.

»Es freut mich jedes Mal, wenn meine Kundschaft zufrieden ist«, erwiderte Ezra. Während Joe und Ned sich ans Ufer begaben, um den Holzstapel in Angriff zu nehmen, wandte Ezra sich Mary zu. »Wie wär’s, wenn ich Ihnen die Kombüse zeige?«

»Kombüse?«

»Das ist die Küche auf einem Schiff, aber Sie können sie nennen, wie Sie wollen«, erklärte Ezra lächelnd.

Mary strahlte bei dem Gedanken an eine eigene, nagelneue Küche. Ihre Töpfe und Küchenutensilien waren in der Reisekiste verstaut. Nachdem sie zwei Jahre lang Gold gewaschen hatte, freute sie sich nun, dass ihre Hände in Zukunft nicht mehr so aussehen würden, als müsste sie für ihren Lebensunterhalt Lehmziegel formen.

Während sie Ezra zur Kombüse folgte, überkam sie ein Gefühl der Zuversicht, das angesichts der Umstände nicht unbedingt angemessen war. Das Schiff hatte ihre gesamten Ersparnisse verschlungen, und sie wussten nicht einmal genau, worauf sie sich einließen. Sie hatte keine Ahnung von den Preisen für Brennholz, geschweige denn von den Wartungskosten für das Schiff. Dennoch verspürte Mary Zuversicht, weil sie und Joe endlich ein Dach über dem Kopf hatten, ein Zuhause, das sie ihr Eigen nennen konnten.

Auf dem Niedergang bemerkte Joe, dass Ned leicht humpelte. »Alles klar, Ned?«, fragte er.

»Alles in Ordnung, Mr Callaghan.«

Joe jedoch hatte den Eindruck, Ned würde die Zähne zusammenbeißen. Er sah aus, als ginge es ihm gar nicht gut. »Sag Joe zu mir, Ned. Schließlich werden wir von nun an auf engstem Raum zusammen leben und arbeiten. Wir können auf Förmlichkeiten verzichten.«

Ned nickte, glaubte jedoch, Bedauern in Joes Stimme zu hören. Er versuchte sich einzureden, dass es bloß Einbildung sei, doch es gelang ihm nicht, und er hielt den Blick gesenkt, als könne er Joe nicht in die Augen schauen.

Joe befielen erste Zweifel. Er fragte sich, ob er überstürzt gehandelt hatte, als er Ned angeheuert hatte. Schließlich war er ein Fremder. Er musste an die Männer denken, die ihm auf den Goldfeldern begegnet waren. Viele von ihnen hatten eine zweifelhafte Vergangenheit, und Joe kam der leise Verdacht, dies könne auch auf Ned zutreffen. Außerdem brauchte er einen Matrosen mit Erfahrung, und das beschränkte sich nicht allein auf die Dampfmaschine. Es wäre hilfreich gewesen, einen Mann an Bord zu haben, der sich mit der Flussschifffahrt auskannte. Einen flüchtigen Augenblick lang fragte sich Joe, ob er eine zusätzliche Kraft anheuern sollte, verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder. Das konnte er sich nicht leisten. Andererseits brachte er es nicht übers Herz, Ned zu sagen, er habe es sich anders überlegt und könne ihn doch nicht einstellen. Sie mussten eben gemeinsam das Beste aus ihrer Zusammenarbeit machen und rasch dazulernen.

»Richte Mary bitte aus, dass ich heute Nacht am Ufer schlafe«, sagte Ned. »Ich habe einen eigenen Schlafsack dabei und übernachte gern unter freiem Himmel. Ich will dir und deiner Frau keine Umstände machen.«

Joe sah ihn verblüfft an. Er wollte ihm eine Kajüte anbieten, hielt es jedoch für klüger, zuvor Marys Meinung einzuholen. Doch Joe brauchte nichts zu sagen; Ned hatte auch so verstanden. »Ich bin dir für diese Arbeit sehr dankbar, Joe«, sagte er und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, wobei er ein Bein zu entlasten schien. »In meinem Alter bekommt man nicht so leicht eine Anstellung, aber ich bin kräftig und halte mich in Form. Ich werde dich nicht enttäuschen. Wenn es dir hilft, kannst du mir ja eine Probezeit von einem Monat geben.«

Joes Bedenken legten sich wieder. Was immer mit Ned gewesen war – er verdiente die Chance, sich zu bewähren.

»Ich habe dich angeheuert, Ned, und ich stehe zu meinem Wort.« Dennoch spürte Joe, dass Ned ihm etwas verheimlichte. »Jeder hat eine Chance verdient«, fügte er hinzu. »Ich möchte, dass es mit meinem Schiff gut läuft. Und ich will Mary das Leben bieten, das sie verdient hat. Nur das zählt für mich. Verstehst du, Ned?«

Ned nickte. »Du wirst es nicht bereuen, dass du mich angeheuert hast, Joe, das schwöre ich.«

Joe nickte seinerseits und betrachtete die Schweißperlen in Neds Gesicht. »Bist du zu Fuß hierher gekommen?«

»Nein, Barmah ist mehr als vierzig Meilen entfernt. Ich bin auf einem Dampfer bis Moama mitgefahren und habe von dort auf Silas Hepburns Fähre ans andere Ufer übergesetzt, zusammen mit einer Schafherde.«

»Wir sind vorhin an der Stelle vorbeigefahren«, bemerkte Joe.

»Ja, ich hab die Kutsche gesehen und dich erkannt«, entgegnete Ned. »Ich dachte mir gleich, dass ihr auf dem Weg zur Werft wart.«

»Dann bist du mit deinem Gepäck von der Anlegestelle aus gelaufen?«, sagte Joe. »Das ist mehr als eine Meile.«

Ned nickte. Sein Magen knurrte, doch die Schmerzen im Fuß machten ihm am meisten zu schaffen. Der Marsch war ihm wie zehn Meilen vorgekommen, und sein Fuß fühlte sich an, als drohe er im Stiefel zu platzen.

»Möchtest du etwas trinken, bevor wir loslegen?«

Ned zog die Jacke aus und krempelte die Hemdsärmel hoch. »Nein, danke ... obwohl es heute Morgen ganz schön heiß ist«, meinte er, wischte sich den Schweiß von der Stirn und ergriff die Axt.

Joe kam es gar nicht so warm vor, sodass er vermutete, dass mit Ned etwas nicht stimmte, aber er wollte ihn nicht mit Fragen unter Druck setzen. Er wollte nur eins: dass alles reibungslos lief.

Während er ebenfalls die Jacke auszog, sagte er: »Ich schaffe erst einmal die Reisekiste und die Vorräte an Bord, damit Mary sich einrichten kann. Dann gehe ich dir zur Hand.«

In Hochstimmung legte Joe in der Abenddämmerung mit der Marylou an einem Uferstück an, das in seinen Karten als Boora Boora gekennzeichnet war. Am Zusammenfluss von Murray und Campaspe River hatte Joe nicht Halt machen oder umkehren wollen und deshalb dem Kapitän eines anderen Raddampfers zugerufen, er solle Ezra Pickering ausrichten, dass sie weitergefahren seien – für den Fall, dass Ezra auf den Gedanken kam, die Marylou wäre in Schwierigkeiten.

Nachdem Ned das Schiff an Bäumen am Ufer vertäut hatte, stellte er die Maschine ab. Obwohl sie auf dieser Jungfernfahrt von ernsten Zwischenfällen verschont geblieben waren, war der Nachmittag nicht ganz reibungslos verlaufen. Joe hatte im Ruderhaus das Schiff gesteuert, während Ned im Kesselraum dafür gesorgt hatte, dass das Feuer nicht erlosch. Es gab Abstimmungsprobleme, als Ned nicht sicher war, ob sie vorwärts oder rückwärts fahren sollten, nachdem Joe einige unfreiwillige Wendemanöver eingeleitet hatte, da er sich öfter mit den Steuerungshebeln irrte. Während Joe sich auf der rechten Uferseite hielt, behielt er gleichzeitig die Karten im Auge, um Klippen, Sandbänken und überhängenden Bäumen auszuweichen, die in den Karten eingezeichnet waren. Außerdem musste er sich in Erinnerung rufen, ob er ein-, zwei- oder dreimal die Dampfpfeife betätigen musste, wenn er den Kurs änderte oder sich einer Flussbiegung näherte, die man nicht einsehen konnte. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass er das Schiff zweimal fast auf Grund gesetzt hätte. Doch als der Tag sich dem Ende zuneigte, spürte Joe, dass er sich allmählich an die Marylou gewöhnte, und auch Ned kannte sich bereits ein wenig mit der Dampfmaschine aus.

Sie ankerten an einer Stelle, in deren Nähe sich nach der Karte ein Holzladeplatz befand. Üblicherweise wurde der Holzhandel auf Vertrauensbasis abgewickelt. Das gefällte Holz wurde am Ufer der nächsten Anlegestelle gestapelt, und wenn ein Raddampfer festmachte, um Brennholz nachzuladen, und gerade niemand zugegen war, hinterlegte man einfach das Geld. Obwohl sie mit geringer Geschwindigkeit gefahren waren und Joe sein Bestmögliches getan hatte, dem Schiffsverkehr aus dem Weg zu gehen, schien der Dampfkessel eine erschreckende Menge Holz zu verbrauchen. Während Ned staunte, wie rasch eine Tonne Holz aufgebraucht war, hielt Joes Verwunderung sich aufgrund seiner langjährigen Erfahrung mit Dampfschiffen bei der Handelsmarine in Grenzen.

Zur Mittagszeit hatte Mary die beiden Männer mit Brot, Käse und Tee versorgt, was auch fürs Abendessen vorgesehen war, da Mary nichts anderes an Bord hatte. Doch kaum hatten sie angelegt, ging Ned mit seinem Seesack an Land und richtete sich ein Lager her. Kurze Zeit später breitete sich der verlockende Geruch von gebratenem Fisch aus.

Mary und Joe traten an Deck, um nachzusehen, woher der Geruch kam.

»Wollt ihr zum Abendessen frischen Dorsch?«, rief Ned freundlich herüber. »Für mich allein ist es zu viel.« Dabei hob er eine ziemlich große Pfanne hoch. Sie war nicht groß genug für den Fisch, dessen Kopf und Schwanz über die Ränder ragte und der offensichtlich ein schwerer Brocken war. Ned musste die Pfanne mit beiden Händen halten.

»Hast du diesen Prachtburschen eben erst gefangen?«, rief Joe verwundert.

»Aye. Von Hand, mit einer Schnur«, rief Ned zurück. »Vor langer Zeit habe ich von den Aborigines einige Kniffe gelernt, auch was das Angeln und die Jagd angeht. Seither habe ich nie mehr Hunger gelitten.«

»Kannst du das Joe beibringen?«, fragte die sichtlich begeisterte Mary.

»Ja, sicher. Sobald der Fisch gar ist, bringe ich ihn an Bord.«

Es wurde rasch dunkel. Mary hielt sich an der Reling fest und ließ den Blick über den Fluss schweifen. Ohne das Glitzern der Sonne auf der Wasseroberfläche wirkte er düster und unheimlich, aber sie würde sich schon daran gewöhnen. Aus dem Schilf am Uferrand vernahm sie das Zirpen von Grillen, und am pechschwarzen Himmel stieg ein silbern glänzender Mond empor. Der Schein von Neds Feuerstelle erleuchtete sein bescheidenes Lager; dahinter bildeten die Bäume eine undurchdringliche Mauer der Finsternis. An Bord zündete Joe gerade Öllaternen an.

»Hier ist es so friedlich«, sagte Mary, glücklich darüber, das Leben auf den Goldfeldern, auf denen sie die Nächte stets gefürchtet hatte, hinter sich gelassen zu haben. Nur der Traum von einem zukünftigen Leben auf ihrem eigenen Schiff und der Beschaulichkeit des Flusses hatten sie durchhalten lassen. Joe legte ihr die Arme um die Taille. »Ja, hier ist es wundervoll friedlich, nicht wahr?« Er war ein wenig abgelenkt, da er zu Ned am Flussufer hinüberspähte, der gerade mit der Fischpfanne zum Schiff kam. Selbst im Schein des Lagerfeuers konnte Joe erkennen, dass Neds Humpeln sich verschlimmert hatte. Er fragte sich, ob Ned irgendeine alte Verletzung zu schaffen machte, wenn er sich überanstrengte.

Beim Abendessen versuchten die Callaghans, den stets schweigsamen Ned zum Reden zu bewegen, doch nur mit mäßigem Erfolg. Mary erzählte ihm, dass sie und Joe seit fünfzehn Jahren verheiratet seien und keine Kinder hätten und dass die Marylou ihr erstes richtiges Zuhause sei. Dann stellte Joe ein paar persönliche Fragen, aber da Ned nur widerstrebend von sich erzählte, erfuhren die Callaghans lediglich, dass er niemals geheiratet hatte und nach seiner Reise von Cornwall nach Australien von der Port Phillip Bay bis zur Spitze von Cape York weitergezogen war, ohne jemals irgendwo Fuß gefasst zu haben. Offenbar hatte er sich mit jeder erdenklichen Arbeit verdingt, angefangen vom Schlangenfänger bis zum Wollpacker. Einmal, erzählte er mit dem Anflug eines Lächelns, sei er sogar mit der Aufgabe betraut worden, die Flöhe aus dem Fell der Hunde eines Farmers zu klauben. Dies sei einer der Tiefpunkte in seinem Leben gewesen.

Joe und Mary bekamen den Eindruck, dass es viele solcher Tiefpunkte gegeben hatte. Sie fragten sich, ob Ned jemals ein so genannter »Gast der Krone« gewesen war, wie man die Exsträflinge scherzhaft nannte, zumal mehr als die Hälfte der australischen Einwohner ehemalige Strafgefangene waren. Dieser Verdacht drängte sich ihnen auch deshalb auf, weil Ned nicht erwähnte, mit welchem Schiff – und wann – er eingetroffen war, und sie wollten ihn nicht direkt danach fragen.

»Boora Boora ist ein seltsamer Name, Ned. Weißt du, was er bedeutet?«, fragte Mary, nachdem sie den Fisch verzehrt hatten und den Saft mit Brot auftunkten.

»Vor ein paar Jahren habe ich als Hilfsarbeiter auf einer Farm mit einem Ureinwohner aus dem ansässigen Yortta-Yortta-Clan zusammengearbeitet, und der hat mir mal eine kreisförmige Boora-Stätte gezeigt. Wenn ich’s mir genau überlege, könnte es sogar hier in der Gegend gewesen sein. Aber ich habe damals einen großen Bogen darum gemacht, weil der Ureinwohner sagte, dass sein Volk dort Zeremonien abhielte. Boora Boora ist wahrscheinlich eine heilige Stätte der Ureinwohner.«

»Und was für Zeremonien werden in diesem Boora-Kreis abgehalten?«, wollte Mary wissen, der schreckliche Bilder von Tier- und Menschenopfern in den Sinn kamen.

»Um ehrlich zu sein«, entgegnete Ned, »wollte ich es damals nicht wissen, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich glaube, es ist am besten, sich von solchen Dingen fern zu halten.«

Mary sah Joe an. »Vielleicht hätten wir nicht hier anlegen sollen.«

»Wir stören ja niemanden«, erwiderte Joe.

»Mach dir keine Sorgen, Mary. Uns passiert schon nichts«, meinte auch Ned und rieb sein Bein. »Ich haue mich jetzt aufs Ohr.«

Im Lampenschein konnten Mary und Joe erkennen, dass Neds Gesicht verzerrt und bleich war. Auf seiner Stirn schimmerte ein Schweißfilm. Allmählich machten die Callaghans sich Sorgen um ihn, doch sie wussten, dass Ned abstreiten würde, krank zu sein, wenn sie ihn darauf ansprächen.

Mary warf einen ängstlichen Blick aufs dunkle Ufer. Neds beiläufige Beteuerung, dass nichts passieren könne, beruhigte sie kein bisschen – geschweige denn die Sorglosigkeit ihres Mannes, obwohl sie sich in der Nähe einer Kultstätte der Ureinwohner befanden.

»Morgen fahren wir früh los«, sagte Joe. »Danke für den Fisch, Ned. Er war köstlich.«

»Ja, er hat großartig geschmeckt«, pflichtete Mary ihm bei. »Und ich kann immer noch nicht fassen, wie riesig er war.«

»Es heißt, im Murray gibt es Dorsche, so groß wie Menschen«, sagte Ned und rappelte sich mühsam auf.

Wieder blickte Mary in sein schmerzverzerrtes Gesicht, und diesmal fragte sie geradeheraus: »Alles in Ordnung, Ned?«

»Ja«, presste er leise hervor. »Hab nur einen leichten Krampf im Fuß. Gute Nacht.«

»Warum schläfst du nicht in einer Kajüte?«, bot Mary an, als Ned sich zum Gehen wandte. Sie wusste, dass sie sich um ihn sorgen würde, wenn er mutterseelenallein am Ufer lag, zumal es ihm nicht gut zu gehen schien. »Es sind noch zwei Kajüten frei. Da macht es doch keinen Sinn, am Ufer zu schlafen. Man kann ja nie wissen, wer sich da draußen herumtreibt.« Erneut warf sie einen Blick auf das finstere Baumdickicht und schauderte.

»Ich komme schon zurecht, Mary«, erwiderte Ned. »Ich bin es gewohnt, unter freiem Himmel zu schlafen.«

»Aber es sieht nach Regen aus«, wandte Joe in nüchternem Tonfall ein, aus dem dennoch seine Sorge herauszuhören war.

»Falls es regnet, komme ich an Bord und schlage mein Lager an einer geschützten Stelle an Deck auf«, sagte Ned und humpelte davon.

Mary und Joe folgten ihm und stellten sich an die Reling, während er vom Schiff ans Ufer sprang. Obwohl er versuchte, trotz der Schmerzen die Zähne zusammenzubeißen, hörten die Callaghans seinen unterdrückten Aufschrei, als er auf den Füßen landete. Dann beobachteten sie, wie er zu seinem Lager humpelte.

Verstört blickten sie sich an, waren aber unschlüssig, was sie sagen oder tun sollten. Außerdem übermannte sie nun die Erschöpfung nach diesem langen, anstrengenden Tag.

Ned zog sich derweil eine Decke über, nachdem er sich neben sein erlöschendes Lagerfeuer gelegt hatte. Sein Fuß bereitete ihm Höllenqualen, aber er wusste, wenn er den Stiefel auszöge, würde er ihn nie wieder anbekommen.

Eine Stunde später hatte er immer noch keinen Schlaf gefunden. Die Schmerzen wurden schlimmer, und ihm war kalt, nachdem sein Feuer erloschen war. Dennoch hatte er weder die nötige Energie noch den Willen, nach Feuerholz zu suchen.

Eine weitere Stunde verstrich, und die Schmerzen wurden fast unerträglich. Ned setzte sich auf und massierte sein Bein. Er hätte nichts lieber getan, als den Stiefel auszuziehen, dachte aber an den nächsten Morgen: Joe erwartete von ihm, dass er Holz hackte und es aufs Schiff trug. Ned beschloss, Joe nichts von seinen Schmerzen zu erzählen, aus Angst, seine Stelle zu verlieren.

Plötzlich vernahm er ein Geräusch im Schilf hinter ihm – ein Rascheln, gefolgt von einem gedämpften Schluchzen. Ganz in der Nähe befand sich eine kleine Bucht, und das Geräusch schien aus dieser Richtung gekommen zu sein.

Ned verharrte regungslos und spitzte die Ohren. Zuerst dachte er an nistende Enten im Schilf, aber das würde das gedämpfte Schluchzen nicht erklären, das sich wie von einem Menschen angehört hatte. Nach einigen Augenblicken, als alles wieder ruhig war, fuhr Ned mit der Massage seines Beins fort – und vernahm erneut einen gedämpften Laut. Dieses Mal klang es wie ein unterdrückter Schrei der Verzweiflung.

»Das ist keine Einbildung«, murmelte Ned und beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Stöhnend rappelte er sich auf und humpelte zum Ufer. Der silberne Mondschein warf einen Lichtstreifen auf die Wasseroberfläche, und in den dunklen Schatten unter den überhängenden Bäumen nahe der Stelle, wo der Bach in den Fluss mündete, schien sich etwas zu bewegen. Obwohl Ned nur eine verschwommene Silhouette ausmachen konnte, spähte er weiter angestrengt dorthin. Jetzt war er sicher, das verzweifelte Schluchzen einer Frau gehört zu haben, vermutlich einer Aborigine. Dann vernahm er ein Geräusch, kein Platschen, sondern eher eine Bewegung auf dem Wasser. Während er in die Dunkelheit starrte, überkam ihn die Gewissheit, dass irgendetwas vom Ufer ins Wasser gestoßen worden war, etwas Unförmiges, nicht besonders groß, aber für ein Boot eindeutig zu klein.

Gespannt beobachtete Ned den Gegenstand, der sich dem Lichtstreifen des Mondes auf der Wasseroberfläche näherte. Als er ins Licht eintauchte, erkannte Ned, dass es sich um eine kleine Badewanne handelte, über die ein Tuch in hellen Farben drapiert war, dessen Zipfel ins Wasser hingen. Ned verstand überhaupt nichts mehr. Es war mehr als unwahrscheinlich, dass ein Ureinwohner eine Kinderwanne besaß.

Während Ned beobachtete, wie die kleine Wanne auf dem Wasser trieb, rätselte er, was er davon halten sollte. Im nächsten Moment blieb ihm vor Entsetzen der Mund offen stehen, weil er ein Baby weinen hörte. Wieder blickte er zu der Stelle, wo er die Silhouette unter den Bäumen erspäht hatte, doch wer immer es gewesen sein mochte, die Person hatte sich mittlerweile aus dem Staub gemacht. Ned kam der Gedanke, dass das Baby in der Wanne absichtlich ausgesetzt worden war – aber aus welchem Grund? Das war doch verrückt!

Ned handelte instinktiv. Ohne die Schmerzen im Fuß zu beachten, humpelte er zur Marylou, wo er an Bord kletterte und nach Joe rief. Als Joe und Mary kurz darauf erschienen, sahen sie Ned weit über die Reling gebeugt.

»Holt eine Laterne«, rief Ned. »Da treibt irgendwas im Fluss. Es sieht aus wie eine Wanne ... und ich glaube, ein Baby liegt darin.«

Joe und Mary, mit einem Schlag hellwach, wechselten einen bestürzten Blick.

»Beeilt euch!«, rief Ned.

Er klang so verzweifelt, dass Joe rasch eine Laterne anzündete und sich neben ihn stellte. Auch Mary spähte in die Dunkelheit. Zunächst konnte Ned die kleine Wanne nicht mehr entdecken, da sie aus dem Lichtkegel des Mondes verschwunden war, sodass er sich ängstlich fragte, ob sie bereits gekentert war.

»Wie kommt denn eine Wanne mit einem Baby in den Fluss, Ned?« Mary fragte sich insgeheim, ob Ned geträumt hatte.

»Ich dachte, ich hätte eine Frau gehört ...«

»Eine Frau?«, rief Mary erschrocken.

»Es war zwar zu dunkel, um sie zu erkennen, aber es hörte sich an, als hätte sie Schmerzen oder wäre verzweifelt. Als Nächstes habe ich ein Geräusch im Wasser gehört, als würde ein Boot vom Ufer aus hineingeschoben ... aber es war kein Boot, sondern eine kleine Wanne. Mir war das Ganze unerklärlich, bis ich ein Baby hab weinen hören ...« Ned wurde bewusst, dass seine Worte sich ziemlich verrückt anhörten, und er fragte sich unwillkürlich, ob er sich das Weinen des Babys tatsächlich nur eingebildet hatte. Es schien unfassbar, dass jemand ein Baby im Fluss ausgesetzt hatte.

»Bist du sicher, dass es kein Tier war, Ned?«

»Ich weiß, wie ein Tier klingt«, gab Ned ein wenig eingeschnappt zurück. Er wusste, wie fantastisch seine Geschichte sich anhörte, doch ihm missfiel die Vorstellung, dass Joe und Mary ihn für übergeschnappt halten könnten.

Joe und seine Ehefrau wechselten stumme Blicke. Sie wussten nicht, ob sie Ned glauben sollten. Mit einem Mal wurde die Stille vom erstickten Schrei eines Babys unterbrochen. Sofort wandten die drei sich um und spähten wieder aufs Wasser.

»O Gott«, stieß Mary hervor, die Hand vor den Mund geschlagen. »Da draußen ist tatsächlich ein Baby.«

Joe hielt die Laterne hoch, die einen schwachen, aber großen Lichtkreis auf das Wasser warf. Fassungslos beobachteten die drei, wie die Wanne mit dem Baby geräuschlos am Schiff vorüberglitt, von der Strömung getrieben. Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam sie, denn die Entfernung war zu groß, um die Wanne mit einer Stange einzuholen.

Als das Baby erneut jammerte, geriet Mary in Panik. »Wir müssen etwas tun!«, wandte sie sich an Joe. »Das arme Kind ertrinkt, wenn die Wanne kentert!«

Bevor Mary und Joe wussten, was Ned vorhatte, streifte dieser bereits seine Jacke ab und sprang unbeholfen über die Reling.

Instinktiv wollte Joe ihn zurückhalten, doch Ned tauchte bereits in die trüben Tiefen des Flusses ein und verschwand unter der Wasseroberfläche.

Marys Blick schweifte übers Deck. »Er hat seine Stiefel noch an, Joe«, rief sie. »Er wird ertrinken!«

Erneut hielt Joe die Laterne hoch, und gebannt verfolgten er und Mary, wie Ned wieder auftauchte und zur Mitte des Flusses schwamm, der kleinen Wanne hinterher, die von der Dunkelheit rasch verschluckt wurde.

Joe rief laut nach Ned, doch alles, was er und Mary hören konnten, war das Platschen von Neds Armen und Beinen, während er der Wanne hinterherschwamm.

Mehrere qualvolle Sekunden später rief Ned: »Ich ... hab sie.« Seine Stimme klang schwach, da er sich bereits ein gutes Stück von der Marylou entfernt hatte.

»Gegen die Strömung kann er den Weg zurück unmöglich schaffen«, sagte Joe zu Mary. »Nicht mit den Stiefeln an den Füßen.«

»Dann werden er und das Baby ertrinken«, stieß Mary verzweifelt hervor. »Was können wir tun, Joe?« Mary konnte es nicht fassen, dass ihre erste Nacht an Bord so schrecklich verlief. Es war ein Albtraum.

»Ich hole ein Seil«, entschied Joe und stieg hastig in seine Stiefel.

Mit dem Seil und der Laterne sprang er von Bord und rannte am Fluss entlang, wobei er Ned zurief, er solle zum nächsten Ufer schwimmen. Joe wusste, dass Neds Kleidung und seine Stiefel ihn unter Wasser ziehen würden, und er gab ihm und dem Baby nur geringe Überlebenschancen.

In der Finsternis konnte Joe lediglich Neds Kopf und die dahintreibende Wanne erkennen. Er sah, dass Ned versuchte, zu einem umgestürzten Baum am Ufer zu gelangen, der seine Äste wie rettende Hände zu ihm ausstreckte. Doch er kam nur langsam voran, sein Kopf tauchte mehr als einmal unter Wasser.

Irgendwie schaffte es Ned, die dünne Spitze des nächsten Astes zu erreichen. Er schnellte zurück, als er danach griff. Joe watete ins seichte Wasser und warf das Seil aus, doch die Strömung riss es fort, bevor Ned es packen konnte. Als Joe das Seil eingeholt hatte, rollte er es schnell auf und band ein Ende um den Stamm des umgestürzten Baumes. Das Seil in der Hand, watete er dann bis zur Taille ins Wasser und warf das aufgerollte Ende noch einmal zu Ned hinaus. Wie durch ein Wunder landete es neben ihm. Doch in der Dunkelheit konnte Joe nicht erkennen, ob Ned danach griff.

Mary erschien, eine Decke in den Armen. Sie blieb am Ufer neben der Laterne stehen, die Joe dort abgestellt hatte, und beobachtete entsetzt, wie die Wanne zu kippen drohte. »Zieh ihn raus, Joe«, rief sie voller Angst, Ned und das Baby könnten in dem dunklen, trüben Wasser des Flusses versinken.

Als Joe Neds Gewicht am Seil spürte, zog er aus Leibeskräften daran. Die Wanne kam ein kleines Stück näher, doch von Ned war keine Spur zu sehen. Plötzlich bemerkte Joe Neds Hand, die aus dem Wasser ragte und mit der er sich seitlich an der Wanne festhielt. Joe sollte es ewig ein Rätsel bleiben, dass Ned die Wanne nicht zum Kentern gebracht hatte. Er watete weiter hinaus, bis das Wasser ihm unter die Achselhöhlen reichte, während er sich an den Ästen des umgestürzten Baumes und am Seil festklammerte. Schließlich erspähte er Ned, und es gelang Joe, ihn an der Schulter zu packen.

Marys Herz klopfte wild. Tränen der Erleichterung liefen ihr über die Wangen, als Joe Ned und die kleine Wanne ans sichere Ufer zog.

Dort wickelte Mary als Erstes Ned in die Decke und hob dann die kleine Wanne mit dem Baby darin hoch. Joe half Ned auf die Beine, indem er ihn mit der Schulter stützte. Obwohl Ned geschwächt war und viel Flusswasser geschluckt hatte, gelang es Joe, ihn wieder auf die Marylou zu befördern. Nachdem alle an Bord waren, nahm Mary das Baby aus der Wanne, hielt es ins Licht der Lampe und wickelte behutsam das Tuch auseinander, in das es gehüllt war. Eigentlich hatten sie damit gerechnet, einen kleinen Ureinwohner zu Gesicht zu bekommen, sodass sie fassungslos das weißhäutige Baby anstarrten. Ein winziges Mädchen, erst wenige Stunden alt. Die Nabelschnur war unbeholfen mit einem Stück Faden abgebunden worden, und es war noch blutig von der Geburt.

»Armes Würmchen«, sagte Mary mit Tränen in den Augen, als das winzige Kinn des Babys plötzlich zu zittern anfing. Rasch wickelte Mary es wieder ins Tuch und hielt es schützend an die Brust, um ihm Wärme zu spenden. »Was ist das für eine Mutter, die ihr Neugeborenes in einem Fluss aussetzt!«

»Ich werde mal schauen, ob ich die Frau finden kann«, sagte Joe und zündete eine weitere Laterne an. »Vielleicht steckt sie in Schwierigkeiten.« Er vermutete, dass sie womöglich in eine der heiligen Zeremonien der Ureinwohner verwickelt war.

»Alles in Ordnung, Ned?«, fragte Mary, nachdem Joe sich auf den Weg gemacht hatte. »Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, mitsamt den Stiefeln ins Wasser zu springen? Es ist ein Wunder, dass ihr nicht ertrunken seid, du und das Kleine.«

»Ich musste die Gelegenheit beim Schopf packen, Mary. Hätte ich nichts unternommen, wäre dieses süße kleine Mädchen bestimmt ertrunken oder tagelang auf dem Fluss getrieben und jämmerlich verdurstet.«

»Du hast Recht. Sie verdankt dir ihr Leben. Aber wir müssen unbedingt Milch für sie auftreiben. Ich weiß nicht, ob dein Verhalten tapfer oder dumm war, aber du musst einen Schutzengel gehabt haben, sonst hättest du es nie zurück ans Ufer geschafft.«

»Ob ich einen Schutzengel hatte, kann ich nicht sagen, aber ohne Joe hätte ich es bestimmt nie geschafft.«

Plötzlich sah Mary, dass wässriges Blut aus einem von Neds Stiefeln sickerte. »Du hast dich verletzt!«

Ned folgte ihrem Blick und wurde blass. »Nein ... das ist nichts. Ich hab ein bisschen Wasser geschluckt, aber das bringt mich nicht um.« Er zog seinen Stiefel zurück, um ihn zu verbergen.

»Zieh den Stiefel aus, Ned. Ich möchte sehen, woher das Blut kommt.«

»Es ist nichts, Mary, ehrlich. Wahrscheinlich nur ein Kratzer am Bein.«

Nicht zum ersten Mal spürte Mary, dass Ned irgendetwas verheimlichte. »Für einen Kratzer blutet es zu stark. Zieh jetzt den Stiefel aus, Ned«, wiederholte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Ned gab sich geschlagen, zumal er keine Kraft mehr hatte, sich zu widersetzen. Da die Schmerzen in seinem Fuß schlimmer waren als zuvor, hatte er im Grunde ohnehin keine andere Wahl, als den Stiefel auszuziehen. Das würde ihn zwar seinen Job kosten, aber es musste sein.

Als Ned langsam den Stiefel abstreifte, stöhnte er laut vor Schmerz. Es fühlte sich an, als würde ihm das Fleisch von den Knochen gezogen. Es war eine Wohltat, als er den Stiefel endlich vom Fuß hatte und der unerträgliche Druck nachließ, doch gleich darauf erschrak er beim Anblick seiner Socke. Sie war mit Blut getränkt. Als er die Socke vorsichtig von seinem Fuß abschälte, erschrak Mary heftig.

»Oh, Ned ...« Auf dem Fußrücken war eine tiefe, klaffende Wunde. »Du lieber Himmel, wie ist denn das passiert?« Es war offensichtlich, dass Ned sich die Verletzung nicht im Wasser zugezogen haben konnte.

»Der Axtstiel ist abgebrochen, und die Klinge schlug mir in den Stiefel. Ich kann von Glück sagen, dass sie keinen Knochen erwischt hat.«

»Vor allem kannst du von Glück sagen, dass du noch alle Zehen hast. Wann ist das passiert?«

»An dem Morgen, als ich zu dir und Joe kommen sollte. Ein Mann, mit dem ich zusammengearbeitet habe, hat mir dieses Paar alte Stiefel geschenkt. Es hat eine Ewigkeit gedauert, bis ich den Fuß drinhatte. Darum bin ich zu spät zum vereinbarten Treffpunkt gekommen.«

Jetzt verstand Mary, weshalb Ned die Stiefel nicht einmal zum Schlafen ausgezogen hatte. »Du musst dich ja furchtbar gequält haben«, sagte Mary leise.

Ned begnügte sich mit einem kurzen Nicken.

»Warum hast du nichts gesagt?«

»Ich hatte großes Glück, dass ich diese Arbeit hier bekommen habe. In meinem Alter findet man nicht so schnell eine Anstellung.«

»Du kannst in den nächsten Tagen keinen Stiefel tragen, Ned. Sonst könnte sich die Wunde am Fuß entzünden und Wundbrand entstehen.«

In Neds Gesicht breitete sich Enttäuschung aus. »Aber ich kann ohne Stiefel nicht arbeiten, Mary.«

»Du wirst auch nicht arbeiten, Ned, sondern zusehen, dass du wieder gesund wirst.« Mary blickte in seine blauen Augen und wusste, was er gerade dachte. »Wenn es darauf ankommt, ist auf Joe Verlass, Ned.«

Bevor Ned etwas entgegnen konnte, tauchte Joe auf.

»Ich hab zwar niemanden gefunden, aber im nassen Sand am Ufer waren Schuhabdrücke, ganz in der Nähe der kleinen Bucht. Für einen Mann waren sie zu klein, und da die Ureinwohner keine Schuhe tragen, liegt der Verdacht nahe, dass sie von einer weißen Frau stammen.« Joe machte ein betretenes Gesicht. »Da waren auch frische Spuren von einer Geburt ...« Plötzlich fiel sein Blick auf Neds Fuß. »Du lieber Himmel. Das sieht ja schlimm aus, Ned.«

Als Ned keine Antwort gab, berichtete Mary ihrem Mann, was geschehen war. »Der Griff von seiner Axt ist abgebrochen, und die Klinge ist durch den Stiefel in seinen Fuß gedrungen«, erklärte sie. »In den nächsten Tagen kann er keinen Stiefel tragen.«

»Ja. Du musst schlimme Schmerzen haben, Ned, und ich kann dir nicht mal einen Schluck Whisky anbieten.«

Ned war sprachlos. Offenbar verschwendete Joe keinen Gedanken daran, dass er, Ned, jetzt als Arbeitskraft ausfiel.

Jetzt begriff Joe, weshalb Ned die ganze Zeit gehumpelt hatte. Und nun erkannte er auch, dass Ned die Verletzung verschwiegen hatte aus Angst, seine Arbeit zu verlieren. »Mary kann dir den Fuß verbinden, Ned«, sagte er.

»Das Holzhacken schaffe ich schon noch«, meinte Ned und klammerte sich an einen Hoffnungsschimmer.

»Nichts da. Das Holzhacken übernehme ich.«

Ned ließ den Kopf hängen.

»Du bleibst an Bord, Ned. Wie wär’s, wenn du den Kessel anfeuerst? Dafür brauchst du keine Stiefel an den Füßen«, sagte Joe, denn er wusste, dass Ned nicht untätig herumsitzen konnte.

Neds Gesicht hellte sich auf, als wäre ihm eine Zentnerlast vom Herzen gefallen.

»Wir brauchen uns nicht zu beeilen, um das Holz aufzuladen«, fuhr Joe fort. »Außerdem müssen wir ohnehin einen Zwischenstopp in Echuca oder Moama einlegen, um das Baby den Behörden zu übergeben.« Er sah zu dem kleinen Mädchen, das Mary mit einem für sein Alter ungewöhnlich aufmerksamen Blick betrachtete.

»Wie konnte ihre Mutter sie verstoßen?« Mary schüttelte den Kopf, während sie dem Baby in die Augen sah. »Kinder sind etwas Heiliges ... ein Segen ...« Jahrelang hatte sie gebetet, dass ihr Wunsch nach einem Kind sich erfüllen möge; umso weniger konnte sie begreifen, dass jemand sein eigenes, hilfloses Töchterchen verstieß.

»Eine Fügung des Schicksals hat dieses kleine Mädchen zu uns geführt«, sagte Joe mit Ehrfurcht in der Stimme.

»Die Wege des Herrn sind unergründlich«, sagte Ned in sanftem Ton. Er hatte das Gefühl, von einer gütigen Macht hierher geführt worden zu sein, zumal es ein unglaublicher Glücksfall war, zwei so großherzigen Menschen wie Mary und Joe begegnet zu sein.

»Du hast Recht, Ned«, entgegnete Mary. »Die Mutter hat ihr Kind ausgesetzt und einer ungewissen Zukunft überlassen. Hättest du nicht darauf bestanden, am Ufer zu schlafen, hätten wir gar nicht mitbekommen, dass die Kleine in einer Wanne auf dem Fluss treibt.«

»Und wärst du nicht ins Wasser gesprungen, um sie zu retten, und zwar im richtigen Moment, wäre sie jetzt fort«, fügte Joe hinzu. Er schaute auf das Kind und wusste, dass es mit großer Sicherheit ertrunken wäre. Dank einer Verkettung unglaublicher Zufälle – darunter auch der, dass sie ausgerechnet bei Boora Boora angelegt hatten –, hatte das kleine Mädchen überlebt.

»Ich habe immer schon geglaubt, dass wir nicht alleine für unser Schicksal verantwortlich sind«, sagte Ned und richtete den Blick auf Mary. »Und nun glaube ich, dass dieses kleine Mädchen für euch bestimmt ist.«

Mary schaute Ned an. Seine Worte hatten ihr die Sprache verschlagen.

»Willst du damit sagen, wir sollten sie gar nicht den Behörden übergeben, Ned?«, fragte Joe. Das hatte er noch gar nicht in Erwägung gezogen. Liebend gern hätte er das Kind behalten, doch er wusste, dass es ungesetzlich wäre, die Behörden zu übergehen.

Ned schwieg. Er musste an seine eigene Kindheit denken, und ein solches Schicksal wollte er dem Baby ersparen – jedem Kind. »Wenn ihr sie abgebt, setzt ihr sie einem Leben aus, das viel schlimmer sein könnte, als wäre sie weiter auf dem Fluss getrieben.«

Ungläubig starrten Mary und Joe Ned an. Obwohl sie schwere Zeiten durchgestanden hatten und das Geld oft knapp gewesen war, hatten beide eine wundervolle Kindheit genossen, wohl behütet im Schoße der Familie. Aber nicht jeder hatte ein solches Glück. Und Neds Tonfall ließ sie erkennen, dass er aus eigener bitterer Erfahrung sprach.

Mary fühlte sich instinktiv für das winzige Wesen verantwortlich, doch im nächsten Moment kam ihr ein schrecklicher Gedanke. »Vielleicht überlegt ihre Mutter es sich plötzlich anders und möchte sie zurückhaben«, sagte sie. Ihr war der Gedanke unerträglich, dass man ihr das kleine Mädchen wieder wegnehmen könnte, nachdem sie es jetzt schon fest ins Herz geschlossen hatte.

»Bis zur Mündung des Murray ins Meer sind es noch mehr als tausend Meilen«, sagte Ned. »Hätte die Strömung das Kleine so weit fortgetrieben, ohne dass die Wanne gekentert wäre, dann wäre es verhungert, und sein Leichnam wäre aufs offene Meer getrieben. Ich habe den Eindruck, als wollte seine Mutter es loswerden und vermeiden, dass jemand es findet und lästige Fragen stellt.«

Vor Entsetzen traten Marys Augen hervor, und sie drückte das Baby fest an sich.

Ned stieß einen Seufzer aus. Im Grunde wollte er von der Mutter nichts Schlechtes denken – aber wie hätte man ihr verzeihen können nach dem, was sie getan hatte? »Ich kenne zwar nicht die genauen Umstände, aber eine Frau, die alleine ein Baby zur Welt bringt, an einem einsamen Flussufer, und das Kind dann in eine Wanne legt und im Wasser aussetzt, hat gehofft, dass das Baby entweder im Fluss entdeckt wird oder dass es aufs offene Meer hinaustreibt. Wie auch immer, jedenfalls rechnet sie bestimmt nicht damit, das Kleine zurückzubekommen.« Dabei musste Ned an seine eigene Mutter denken, die ihn wie ein lästiges Katzenjunges fortgejagt hatte, ohne einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden.

Mary blickte Joe an. »Sollen wir es wagen und sie behalten?«

Joe sah den Ausdruck der Hoffnung in den Augen seiner Frau. Er wusste, dass Mary ohne ein Kind nie vollkommen glücklich gewesen war. »Wir könnten bei den Behörden anfragen, ob wir sie adoptieren können«, sagte er.

»Das ist nicht so einfach, wie ihr glaubt«, wandte Ned ein. »Und in der Zwischenzeit wird die Kleine in ein Waisenhaus gesteckt und muss auf eure Zuneigung verzichten.« Erneut sprach Ned aus eigener Erfahrung. In diesen schweren Zeiten wollten nur sehr wenige Paare ein Kind adoptieren. Deshalb hatten diejenigen, die vermögend waren und es sich leisten konnten, eine riesige Auswahl.

»Aber was erzählen wir den Leuten, wenn wir die Kleine behalten?«, wollte Mary wissen.

Joe, der noch gar nicht fassen konnte, dass er ernsthaft über die Möglichkeit nachdachte, das Baby zu behalten, blickte Ned an, der auf alles eine Antwort zu haben schien.

»Was meinst du, Ned?«

»Ihr seid neu in dieser Gegend, nicht wahr?«, fragte Ned.

Joe und Mary nickten.

»Dann wissen nur wir drei, dass die Kleine nicht euer leibliches Kind ist.« Ned blickte Mary an. »Und was die Leute betrifft – du hast das Mädchen heute Nacht zur Welt gebracht.«

»Aber was ist mit Ezra Pickering? Er hat gesehen, dass ich nicht schwanger bin. Ebenso Silas und Brontë Hepburn.«

»Du hast doch im Hotel am Tisch gesessen, als die Hepburns sich vorgestellt haben«, erwiderte Joe. »Die haben bestimmt nicht darauf geachtet, ob du schwanger bist. Und bei der Begegnung mit Ezra hattest du einen weiten Mantel an.«

Die Blicke Marys und Joes richteten sich wieder auf das kleine Mädchen. Es war so winzig, so hilflos, und brauchte dringend die Liebe eines Menschen. Marys Mutterinstinkt war nun vollends erwacht. Als Joe den zärtlichen Ausdruck in den Augen seiner Frau sah, wusste er, dass sie das Baby fest ins Herz geschlossen hatte.

Den Blick auf das kleine Mädchen gesenkt, flüsterte Mary: »Man hat dich zwar nach deiner Geburt verstoßen, aber Joe und ich werden dich von ganzem Herzen lieben, solange wir leben.«

»Wie wollt ihr sie nennen?«, fragte Ned lächelnd, froh, dass diesem winzigen Wesen eine Kindheit ohne Liebe erspart blieb, wie er sie durchlitten hatte.

Mary hob den Blick. »Sie verdient einen besonderen Namen, insbesondere nach dem, was sie schon in den ersten Stunden ihres Lebens durchgemacht hat.« Sie lächelte. »Mir hat ›Francesca‹ schon immer gefallen. Ein schöner Name für ein schönes kleines Mädchen.«

Als wüsste es, dass alles in Ordnung ist, streckte das Baby in diesem Moment die Beinchen, sodass eines unter dem Tuch hervorrutschte. Mary bemerkte ein Muttermal an seinem Oberschenkel.

»Schaut euch das mal an«, sagte sie. »Sie hat ein Muttermal.« Sie strich mit dem Finger darüber. »Es sieht wie ein winziger Stern aus.« Sie sah zu Joe und Ned, und ihr Lächeln wurde strahlender. »Ich wusste gleich, dass sie etwas Besonderes ist.« Sie berührte die winzige Nase des Babys und fuhr fort: »Francesca ... Starr ... Callaghan. Wie hört sich das an?«

Ned und Joe lächelten.

»Sehr schön«, meinte Ned.

»Der richtige Name für eine Prinzessin«, sagte Joe. »Unsere kleine Prinzessin.«

1

Echuca, 1883

Als Francesca Callaghan aus dem Zug stieg, der aus Melbourne kam, vernahm sie mit Erstaunen den Lärmpegel im Hafen. Das Schwappen des Wassers, das durch die rotierende Bewegung der Schaufelräder entstand, und gellende Pfiffe bildeten die Hintergrundkulisse zu den Rufen der Männer, die auf dem Pier arbeiteten. Einen Moment lang fühlte Francesca sich von dem geschäftigen Treiben geradezu überwältigt ... bis ein abscheulicher Geruch zu ihr drang, sodass sie sich ihr nach Rosen duftendes Taschentuch vor die Nase hielt.

Die Hafenarbeiter verluden Wollballen, Talg, Tee, Kaffee, Kleie, Zucker und Rosinen. Zur Fracht gehörten aber auch Hunderte kahl geschorene Schafe. Ihre blutigen Schnittwunden sonderten Verwesungsgeruch ab und lockten Millionen Fliegen an. Zu allem Unglück wurde am Ende des Piers auf dem Ufer eine Kleinviehauktion veranstaltet, bei der Schafe, Ziegen, Ferkel und Hühner versteigert wurden. Beim Bieten herrschte ein rauer Ton, und der Gestank der Tiere wurde von der frischen Brise herübergetragen. Ein Glück, dass es an diesem Tag nicht so heiß war.

Bevor Francesca sich ein umfassendes Bild von ihrer Umgebung machen konnte, wurde sie plötzlich von Arbeitern zur Seite gedrängt, die sich anschickten, die Güterwagons am Zugende zu entladen, wobei sie die Passagiere zur Eile antrieben, um mit der Arbeit anfangen zu können. Da Francesca seit vielen Jahren an das Leben in der Stadt gewöhnt war – sie war in Melbourne zu Hause –, wirkten das Durcheinander und das raue, mitunter primitive Leben auf dem Land wie ein Schock auf sie. Doch Francesca genügte ein kurzer Blick auf den Fluss, der friedlich inmitten des Tumults dahinströmte, um zu wissen, dass es richtig gewesen war, ihre Stelle in Kennedy’s Eisenwarenladen aufzugeben.

Francesca war am Fluss nahe Echuca geboren, ein Ort, den sie trotz ihrer langen Abwesenheit als ihr wahres Zuhause betrachtete. Dennoch kam sie sich wie eine Fremde vor, als sie nun zum Pier ging, ihren kleinen Koffer umklammernd. Zugleich brannte sie innerlich vor Vorfreude. Sie war ganz aufgeregt, wieder daheim zu sein – aber auch ein wenig besorgt, wie ihr Vater reagieren würde, wenn er erfuhr, dass sie ihre Stelle bei den Kennedys aufgegeben hatte, ohne ihm Bescheid zu sagen. In ihren Briefen hatte sie ihm immer wieder geschrieben, wie unglücklich sie sei und dass die Kennedys sie zwar für die Buchführung eingestellt hätten, sie letzten Endes aber als Haus- und Kindermädchen für die schwangere Mrs Kennedy eingesetzt werde, zumal diese seit beinahe achtzehn Jahren ein Kind nach dem anderen zur Welt brachte – mittlerweile insgesamt dreizehn an der Zahl, darunter fünf Kleinkinder. Francesca war gar nicht dazu gekommen, sich um ihre geliebte Buchführung zu kümmern, da sie ständig damit beschäftigt war, die Kleinen zu füttern, zu wickeln und ihnen die winzigen Rotznasen abzuwischen. Nachdem ihr Vater auf ihren letzten Brief nicht geantwortet hatte und Frank Kennedy ihr vorwarf, sie würde die Buchführung vernachlässigen, hatte Francesca nach dem letzten Strohhalm gegriffen. Sie hatte ihren Koffer gepackt und mit dem Zug die Heimreise angetreten.

Im Alter von gerade siebzehn hatte Francesca ihre Schulausbildung im Mädcheninternat Pembroke in Malvern, einem Vorort von Melbourne, abgeschlossen und anschließend die Stelle als Buchhalterin bei den Kennedys angenommen. Die Kennedys hatten zur selben Zeit auf den Goldfeldern gearbeitet wie Joe und Mary. Auch wenn wegen des erbitterten Konkurrenzkampfes und der Geheimniskrämerei auf den Goldfeldern selten Freundschaften entstanden, hatten Mary und Joe sich damals Frank und Ida Kennedys angenommen, zumal diese in ihrem jungen Alter völlig unerfahren gewesen waren. Auch nachdem Frank und Ida in Melbourne ein Geschäft übernommen hatten, war der Kontakt nicht abgerissen. Joe hatte in einem Brief an die beiden erwähnt, dass Francesca ihre Schulausbildung abgeschlossen habe und eine Anstellung suche, worauf Frank geantwortet hatte, sie bräuchten jemanden für die Buchführung, sodass Francesca versorgt schien.

Damals schien es die perfekte Lösung zu sein, zumal Joe das Gefühl hatte, seine Tochter ruhigen Gewissens den Kennedys anvertrauen zu können, die ihr überdies ein Mansardenzimmer in ihrem Haus zur Verfügung stellten. Damals hatte Joe sogar die Hoffnung gehegt, Ida würde eine Art Ersatzmutter für Francesca werden, mit der sie von Frau zu Frau über die Probleme sprechen konnte, die jedes Mädchen in der Pubertät hat, wenn die Gefühlswelt auf dem Kopf steht und sich zugleich der Körper verändert.

Während Francesca nun über den Pier schritt und Ausschau nach der Marylou hielt, war ihr gar nicht bewusst, dass sie die Aufmerksamkeit der Hafenarbeiter auf sich zog. In ihrem bezaubernden Kleid aus burgunderfarbenem Brokatstoff und mit ihrem Spitzenhäubchen stach ihr Anblick in der grauen Menschenmenge auf der schlammigen Hafenpromenade nur zu deutlich heraus.

Sie war in Gedanken bei ihrem Vater und ihrer ungewissen Zukunft, sodass sie zusammenfuhr, als ein Hafenarbeiter ihr laut zurief: »Wohin des Weges, hübsche Lady?« Im ersten Moment war Francesca gar nicht bewusst, dass der Mann zu ihr sprach. Vielmehr vermutete sie, dass seine Frage an eine der auffällig gekleideten Damen gerichtet war, die am Pier um »Kunden« warben. Erst als sie erkannte, dass der Hafenarbeiter ihr etwas zugerufen hatte, blieb sie stehen. Keinem der Männer war entgangen, dass sie jung und ohne Begleitung war und ein wenig verloren wirkte, und so betrachteten sie Francesca als willkommene Ablenkung von ihrer schweren Arbeit.

Mittlerweile ging Francesca mit dem Rücken zum Wind, der die unangenehmen Ausdünstungen der kahlen Schafe und des übrigen Viehs zu ihr getragen hatte, sodass sie ihr Taschentuch wieder in ihre Handtasche steckte und zu dem Hafenarbeiter blickte. »Haben Sie mich gemeint, Sir?«

»Na klar«, entgegnete der Mann. Erfreut, dass ein solch reizendes Wesen ihm Antwort gab, grinste er sie mit abstoßend rührseligem Gesichtsausdruck an. Francesca schauderte und trat einen Schritt zurück. »Ich bezweifle, dass es Sie etwas angeht, wohin ich unterwegs bin«, gab sie ziemlich schroff zurück, und das Lächeln des Mannes verflog wie Dampf in kalter Luft. »Deshalb schlage ich vor, Sie gehen wieder an Ihre Arbeit.« Damit wandte sie sich ab und hielt weiter unter den Schiffen, die am Pier festgemacht hatten, nach der Marylou Ausschau. Sie war sicher, dass der Kerl, der sie eben belästigt hatte, in seinem verletzten Stolz nun von ihr ablassen würde. Die anderen Arbeiter wechselten mit hochgezogenen Augenbrauen Blicke und brachen einer nach dem anderen in Gelächter aus. Offenbar fühlte Francescas Peiniger sich zum Narren gehalten und wollte seine Schmach nicht hinnehmen. Kurz entschlossen folgte er ihr. Seine Kameraden – ungeachtet der Tatsache, dass bis zum Sonnenuntergang noch viel Arbeit auf sie wartete – beobachteten das Geschehen, neugierig, wie Francesca reagieren würde.

Francesca schlenderte an Säcken, Kisten und Kästen voller Waren und Handelsgütern vorüber. Sie war enttäuscht, kein bekanntes Gesicht zu entdecken. Doch am Pier lagen weitaus mehr Schiffe als vier Jahre zuvor, als sie das letzte Mal zu einer Stippvisite nach Hause gekommen war. Und nach der Anzahl der Menschen zu schließen, die sich auf dem Pier und der Uferpromenade befanden, schien die Stadt beträchtlich gewachsen zu sein, und die Geschäfte schienen zu florieren. Dieser Gedanke stimmte Francesca zuversichtlich, dass sie hier eine neue Stelle finden würde, die ihr zusprach.

Mit einem Mal wurde sie gewahr, dass sie verfolgt wurde. Abrupt blieb sie stehen und drehte sich zu dem hartnäckigen Hafenarbeiter um. »Verschwinden Sie«, fuhr sie ihn mit wachsendem Zorn an. »Haben Sie nichts Besseres zu tun, als mir auf die Nerven zu gehen?«

»Darf ich Ihren Koffer tragen?«, erbot sich der Mann mit gespieltem Charme, doch Francesca entging nicht das böse Funkeln in seinem schielenden Blick, und sie bebte innerlich vor Abscheu.

»Nein, dürfen Sie nicht. Und jetzt lassen Sie mich gefälligst in Ruhe«, fauchte sie ihn an. Sie versuchte, nicht in Panik zu geraten, was ihr schwer fiel, zumal sie in Pembroke äußerst behütet und meist von einer Anstandsdame begleitet worden war; zudem hatte sie bei den Kennedys auf jegliches Privatleben verzichten müssen. Noch nie war Francesca ihr Mangel an Lebenserfahrung derart bewusst geworden wie jetzt. Leider kam ihr Verfolger ihrer Aufforderung nicht nach, sodass Francesca ihn trotzig anstarrte. Sie war versucht, ihn darauf hinzuweisen, dass er dringend ein Bad benötigte; stattdessen konzentrierte sie sich darauf, die Fassung zurückzuerlangen. Ihr wurde klar, dass sie sich in Zukunft mit solchen Leuten auseinander setzen musste, wenn sie in Echuca leben wollte, was wiederum bedeutete, dass es klug wäre, an diesem Kerl ein Exempel zu statuieren, damit sie vor seinen Kumpanen Ruhe hätte. Aber was sollte sie tun?

Während Francesca über ihre Situation nachdachte, setzte sie ihren Weg auf dem Pier fort. Sie bemerkte, dass der Wasserpegel des Flusses ungefähr drei Meter unter ihnen lag – nicht sonderlich tief, aber tief genug. Ihr kam eine Idee. Mit einem raschen Blick stellte sie fest, dass die anderen Hafenarbeiter inzwischen das Interesse an ihr verloren hatten und sich wieder ihrer Arbeit widmeten.

Kurz vor dem Ende des Piers blieb Francesca erneut stehen und betupfte sich mit ihrem Taschentuch die Augen, als wäre sie völlig aufgelöst. Zufrieden bemerkte sie, dass ihr aufdringlicher Verehrer mit Bestürzung reagierte. Als Nächstes ließ sie absichtlich ihr Taschentuch fallen, das dicht vor den Füßen ihres Verfolgers landete. Der Mann starrte darauf, während Francesca ihn mit flehenden Blicken bedachte. Obwohl er sie eigentlich hatte aufziehen wollen, betrachtete er das Taschentuch nun als Wink des Schicksals, als günstige Gelegenheit, sich ihr als Held zu beweisen. Also bückte er sich, um es aufzuheben. Kaum hatte er nach dem Taschentuch gegriffen, hörte er Francescas schnelle Schritte. Bevor der Mann reagieren konnte, gab sie ihm einen Schubs, sodass er vom Pier in den Fluss stürzte.

Als Francesca das Aufspritzen des Wassers vernahm, kam ihr plötzlich ein erschreckender Gedanke. Was, wenn er nicht schwimmen konnte? Angestrengt spähte sie ins Wasser. Als sie ihren einstigen Verfolger nicht entdecken konnte, befiel sie Panik. Sie blickte zu einem Mann auf einem Dampfschiff ganz in der Nähe, der mit erschrockenem Gesicht auf die Wasseroberfläche starrte.

»Stehen Sie nicht herum, retten Sie ihn!«, rief sie hinüber.

Belustigt sah er auf. »Sie haben den armen Kerl ins Wasser geschubst«, erwiderte er gelassen. »Warum sollte ich da in den Fluss springen, um ihn rauszuholen?«

Francesca verschlug es vor Schreck den Atem. »Aber ... aber wenn er ertrinkt?« Sie musste an ihre Mutter denken und wurde von Gewissensbissen geplagt. Ratlos und verwirrt stand sie am Kai und wusste nicht, was sie tun sollte, während die Sekunden, die verstrichen, ihr endlos erschienen.

Dem Mann auf dem Schiff schien das alles gleichgültig zu sein. »Daran hätten Sie vorher denken müssen.«

»Aber ... aber ich wollte doch nicht ...«

Mit einem Achselzucken wandte der Mann sich wieder der Arbeit zu, als wäre bloß ein Stück Holz ins Wasser gefallen.

Seine Gleichgültigkeit erfüllte Francesca mit Entsetzen. Sie schaute sich um, ob jemand anderes in der Nähe war, der ihr helfen konnte, wobei sie ernsthaft die Möglichkeit in Betracht zog, selbst in den Fluss zu springen. Plötzlich hörte sie ein Gurgeln, und gleich darauf tauchte der Kopf des Hafenarbeiters aus dem Wasser empor. Francesca stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, da es nicht so aussah, als wäre der Mann in Not, auch wenn er schnaufte und keuchte und wütend Wasser spuckte. Während Francesca zu ihm hinunterschaute, starrte er zu ihr hoch. Erst jetzt dämmerte ihr, dass der Mann auf dem Schiff gewusst haben musste, dass dieser Arbeiter schwimmen konnte. Bestimmt wussten es alle hier. Vor Wut wurden Francescas Augen schmal.

»Warum, zum Teufel, haben Sie das getan?«, brüllte der Arbeiter wütend zu ihr hinauf.

»Ich hatte Ihnen klipp und klar gesagt, Sie sollen mich in Ruhe lassen. Außerdem hatten Sie ein Bad dringend nötig«, rief sie zu ihm hinunter. »In Zukunft sollten Sie vorher nachdenken, ehe Sie mir wieder Ihre unerwünschten Aufmerksamkeiten aufzwingen.« Sie hob den Blick zu dem Mann auf dem nahen Dampfschiff und richtete anklagend den Zeigefinger auf ihn. »Und was Sie betrifft ...« Doch der Mann unterbrach sie, indem er herzhaft lachte, genau wie ein paar andere, die das Geschehen verfolgt hatten.

Trotz ihrer Verlegenheit hatte Francesca das Gefühl, gesiegt zu haben. Noch vor wenigen Minuten hatte sie Panik und Hilflosigkeit verspürt und trotzdem einen Weg gefunden, sich eines unliebsamen Quälgeists zu entledigen; deshalb war sie der Meinung, es sich verdient zu haben, stolz auf sich zu sein. Doch der Mann auf dem Schiff machte ihr die Genugtuung zunichte, und sie ärgerte sich über ihn.

Sie starrte ihn an, wobei der Kerl die Frechheit besaß, sie anzugrinsen. Er war eine attraktive Erscheinung, obwohl er einen leicht überheblichen Eindruck machte. Vielleicht lag es an der Art, wie er den Kopf schräg legte, oder an der großen Selbstsicherheit, mit der er sich bewegte.

»Können Sie mir sagen, wo die Marylou ankert?«, rief sie zu ihm hinüber, während sie sich über sich selbst ärgerte, weil sie sein ansteckendes Lächeln nicht unerwidert lassen konnte.

»Wer will das wissen?«, fragte er zurück, wobei er geschickt ein Seil aufrollte. Francesca fiel auf, dass er in sehr guter Kondition zu sein schien, im Gegensatz zu anderen Hafenarbeitern, die den Eindruck machten, als wären sie die meiste Zeit ihres Lebens betrunken. Sein Haar war sehr dunkel, und in dem gebräunten Gesicht blitzten weiße Zähne. Francesca fragte sich, ob er vielleicht spanischer oder griechischer Abstammung war, aber er sprach ohne erkennbaren Akzent. Sein Schiff hieß Ophelia.

»Wissen Sie es nun, oder wissen Sie’s nicht?«, entgegnete Francesca, da sie unschlüssig war, ob sie dem Fremden ihren Namen nennen sollte.

»Kann schon sein, dass ich es weiß, aber Joe Callaghan hätte bestimmt etwas dagegen, wenn ich jedem x-Beliebigen erzähle, wo er sich gerade aufhält.«

Francesca war erleichtert, dass er ihren Vater offenbar kannte. Dennoch missfiel ihr seine Anspielung, dass sie von zweifelhaftem Ruf sein könnte. »Ich bin keine x-Beliebige«, gab sie erbost zurück, worauf er eine Augenbraue hob, als würde er ihr keinen Glauben schenken.

»Das kann ich aber nicht wissen, oder?«, erwiderte er.

Francescas Empörung nahm zu, bis sie plötzlich bemerkte, dass ein Mundwinkel des Mannes zuckte, und ihr klar wurde, dass er sie aufzog – und das, obwohl sie am Beispiel des Hafenarbeiters soeben bewiesen hatte, dass sie ein lästiges Problem aus dem Weg schaffen konnte, wenn es sein musste. Doch sie spürte, dass es nicht klug wäre, sich mit dem Fremden anzulegen, zumal er nicht nur ungemein attraktiv, sondern auch sehr von sich eingenommen war. »Wenn Sie es unbedingt wissen müssen, ich bin Joe Callaghans Tochter.«

Für einen Augenblick wirkte der gut aussehende Fremde überrascht. Er sah, wie jung sie war, wie reizend, und er wünschte sich, sie zu küssen, obwohl sie ihn wahrscheinlich beißen würde, wenn er es darauf anlegte. »Haben Sie auch einen Vornamen, Miss Callaghan?«

Sie überlegte, ob sie ihm darauf antworten sollte, aber schließlich wollte sie zu ihrem Vater. »Francesca.«

»Francesca ...« Das Wort kam ihm weich über die Lippen. »Der Name passt zu Ihnen. Ich hatte keine Ahnung, dass Joe eine so hübsche Tochter hat. Hätte ich’s gewusst, hätte ich ihm letztens in der Schänke wohl noch ein paar Rum mehr spendiert.« Seine Augen schienen in der Nachmittagssonne zu tanzen, und das Glitzern auf der grünen Wasseroberfläche spiegelte sich darin.

»Mein Vater ist zu klug, um sich von jemandem mit Rum beeindrucken zu lassen. Also, ist er hier in Echuca oder nicht? Am Pier kann ich die Marylou jedenfalls nicht entdecken.«

Der Fremde hob kurz den Blick zu ihr, bevor er den Kopf sinken ließ und lächelte. »Sein Schiff ankert unten am Fluss.« Er machte eine flüchtige, unbestimmte Geste in Richtung Ufer, die alles andere als hilfreich war.

»In einer halben Stunde lege ich in diese Richtung ab, falls Sie mitfahren möchten«, bot er an. Die Vorstellung, sie näher kennen zu lernen, reizte ihn ungemein, obwohl er entschlossen war, sich nicht wie ein ungestümer Jüngling aufzuführen. Er wusste aus Erfahrung, dass sie sich ihm eher öffnen würde, wenn er sie richtig behandelte ... und zwar bereitwillig.

Für einen Moment war Francesca sprachlos vor Erstaunen. Obwohl sie versucht war, sein Angebot anzunehmen und auf der Ophelia mitzufahren, erschien es ihr nicht angemessen. Außerdem hatte sie den Eindruck, dass seine Einladung nicht von Herzen kam. »Da ich Sie nicht kenne, kann ich Ihr Angebot nicht annehmen.«

»Mein Name ist Neal Mason. So, jetzt wissen Sie, wer ich bin, und ich weiß, wer Sie sind. Außerdem bin ich mit Ihrem Vater befreundet, was den Regeln des Anstands genügen dürfte.«

Für Francescas Begriffe war es lediglich Ausdruck seiner Überheblichkeit. »Ich habe nichts als Ihr Wort, dass Sie meinen Vater kennen.«

Seine grünen Augen wurden schmal. »Unterstellen Sie mir, dass ich ein Lügner bin, Miss Callaghan?«

Francesca befürchtete, ihn gekränkt zu haben, bis sie bemerkte, dass er ein Grinsen zu unterdrücken versuchte. »Ich weiß nicht ... kann schon sein.« Sie wurde nervös, zumal er sich daranmachte, ein weiteres Seil aufzuwickeln, als habe er alle Zeit der Welt.

»Aber wenn Sie nicht warten möchten und lieber zu Fuß gehen ... Es liegt ganz bei Ihnen.«

Francesca hatte eigentlich erwartet, dass er sie überreden würde – ein Angebot, das sie angenommen hätte, sie hatte wenig Lust, ihren Koffer so weit zu tragen. Doch bevor sie ihm eine spitze Antwort geben konnte, fuhr er fort: »Aber schubsen Sie bloß keine Männer mehr ins Wasser. Es warten nämlich noch jede Menge Schiffe darauf, entladen zu werden.«

Sämtliche Arbeiter in Hörweite brachen in schallendes Gelächter aus, mit Ausnahme des Mannes, den sie in den Fluss geschubst hatte und der unter dem Pier lamentierte, dass ihm kalt sei. Francesca spürte, wie ihre Wangen glühten.

Stolz erhobenen Hauptes bedachte sie Neal mit einem verächtlichen Blick, hob ihren Koffer auf und stolzierte davon.

»Achten Sie auf den Weg, Miss Callaghan«, rief Neal ihr hinterher. »Sie könnten ins Stolpern geraten, wenn Sie die Nase weiterhin so hoch halten.«

Vor Zorn und Verlegenheit ging Francesca weiter, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Silas Hepburn stand in der Nähe eines Stapels Wollballen. Wie den meisten anderen Männern, die beobachtet hatten, wie Francesca aus dem Zug stieg, war auch ihm nicht entgangen, dass sie äußerst hübsch war. Er hatte auch gesehen, wie der Hafenarbeiter sie belästigt hatte, und hatte ihr zu Hilfe kommen wollen – als der Störenfried zu Silas’ großem Erstaunen Augenblicke später vom Hafendamm gesegelt war. Silas hatte schon immer etwas für schöne Mädchen übrig gehabt, aber er hatte selten ein schönes Mädchen mit so viel Schneid erlebt.

»Entschuldigen Sie, Miss ...«, sprach er Francesca an, als sie an ihm vorüberkam.

Francesca, von zornigen Gedanken erfüllt, schrak zusammen, zumal sie Silas nicht bemerkt hatte. »Ja?«, erwiderte sie unfreundlich und blickte in Silas’ überhebliches Gesicht.

Ihr kühler Tonfall ließ ihn stutzen, aber nicht zurückschrecken. »Ich wollte Ihnen eben meine Hilfe anbieten, als dieser aufdringliche Kerl Sie verfolgt hat ...«

Einen Moment lang dachte Francesca, er meinte Neal Mason; dann aber wurde ihr klar, dass er von dem Hafenarbeiter sprach. »Warum haben Sie es dann nicht getan?« Sie war immer noch wütend und nicht in der Stimmung, Höflichkeit zu wahren. »Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert«, fügte sie bissig hinzu, denn wäre der Mann ihr zuvor zu Hilfe gekommen, wäre ihr das Gespräch mit Neal Mason erspart geblieben, und sie müsste sich jetzt nicht wie ein naives Dummchen fühlen.

Wieder musste Silas staunen. Er war es gewohnt, dass man ihm mit größtem Respekt begegnete, was auch für Fremde galt, denen sein distinguiertes Auftreten unmöglich entgehen konnte. Und nun wagte es dieses zierliche Persönchen, ihn abzukanzeln. »Ich wollte ja, aber dann ... aus unerfindlichen Gründen ... hat der Mann das Gleichgewicht verloren und ist in den Fluss gefallen. Höchst unglücklich ...«

Francesca stockte der Atem. Neal Mason hatte sie bereits in die Defensive getrieben, und sie war sicher, dass im kalten Blick dieses Mannes eine versteckte Anschuldigung schimmerte. »Das war wohl kaum meine Schuld.« Francesca ging fest davon aus, dass niemand sie dabei beobachtet hatte, wie sie den Mann ins Wasser geschubst hatte.

»Das wollte ich damit auch nicht andeuten. Offensichtlich ist der Kerl sehr ungeschickt, wie viele andere hier. Vor einigen Monaten habe ich mir aus Tooleybuc einen Steinway-Flügel kommen lassen, und wissen Sie was? Beim Abladen haben die Trottel ihn fallen lassen!« Verbittert kniff er die Lippen zusammen. »Sei’s drum, ich will nicht abschweifen, zumal ich lieber nicht mehr daran denken möchte. Haben Sie sich verlaufen, oder suchen Sie jemanden?«

»Weder noch. Entschuldigen Sie mich.«

Francesca war der Mann vom ersten Augenblick an unsympathisch. Sie war sicher, dass sein überhebliches Gehabe nur heiße Luft war, zumal sie bezweifelte, einen Mann von gesellschaftlichem Rang vor sich zu haben.

»Erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle«, sagte Silas Hepburn mit stolzgeschwellter Brust, wodurch Francesca sich in ihrer Meinung bestätigt sah. »Ich bin Silas Hepburn, der Gründer dieser schönen Stadt. Hier geschieht praktisch nichts ohne mein Wissen. Wenn Sie also jemand Bestimmten suchen, kann ich Ihnen wahrscheinlich Auskunft geben.« Mit seinen weichen, dicken Fingern strich er sich durch den rötlich braunen Bart.

Hepburn. Francesca erinnerte sich plötzlich, dass ihr der Name von früher ein Begriff war; dennoch hätte sie Silas nicht wiedererkannt. Einen flüchtigen Augenblick lang überlegte sie, ob sie sich für ihre Schroffheit entschuldigen sollte, begrub den Gedanken aber rasch wieder. Vor einem Mann, der damit prahlte, eine Stadt gegründet zu haben, und Landmarken nach sich benannte, brauchte sie nicht zu katzbuckeln. Stattdessen hätte Silas sich entschuldigen müssen, weil er ihr nicht zu Hilfe gekommen war. Die Auskunft, wo ihr Vater sich aufhielt, war eine ganz normale Gefälligkeit. Und Francesca benötigte diese Auskunft, denn Neal Mason hatte den Ankerplatz der Marylou so ungenau beschrieben, dass sie nicht wusste, wie sie dorthin kommen sollte.

Mit einem Blick über die Schulter stellte Francesca fest, dass Neal Mason ihre Unterhaltung mit Silas aufmerksam verfolgte. Da Silas in der Tat ein wichtiger Mann in der Stadt war, sagte sie sich, dass es nicht schaden konnte, sich gut mit ihm zu stellen.

»Ich bin auf der Suche nach einem Raddampfer, die Marylou. Wissen Sie, wo ich sie finde?«

»Die Marylou?« Silas runzelte die Stirn und musterte ihr Gesicht genauer – die glänzenden dunklen Ringellocken unter ihrem Häubchen, ihren Porzellanteint, ihre Augen, die die Farbe des Himmels an einem klaren Tag besaßen. Doch heute war der Himmel von einem kalten, trüben Grau, das sich nun in ihrem unfreundlichen Blick widerspiegelte. »Suchen Sie etwa Joe Callaghan?«

»Ganz recht.«

Vor Erstaunen rutschten Silas die Worte heraus, die ihm gerade durch den Kopf gingen. »Was hat eine so hübsche und elegante junge Dame wie Sie mit einer aufsässigen irischen Sippe zu schaffen?«

»Wie bitte? Joe Callaghan ist mein Vater, und er ist bestimmt alles andere als aufsässig

Silas verschlug es den Atem. Seine Augen traten hervor. »Oh, das wusste ich nicht ... ich meine, ich hatte vergessen, dass Joe eine Tochter hat.«

»Tja, Mr Hepburn, ich bin Francesca Callaghan, und ich kann nicht gerade behaupten, dass es mir eine Freude war, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen ...« Hinter sich vernahm sie gedämpftes Gelächter, was ihren Zorn nur noch weiter schürte.

Silas hingegen war nun erst recht fasziniert von ihr. »Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben, Miss Callaghan, Sie sind eine äußerst bezaubernde junge Dame«, schmeichelte er ihr, während Francesca sich bereits zum Gehen wandte. Unvermittelt blieb sie stehen. Es war ihr jetzt gleichgültig, ob Neal Mason sie weiterhin beobachtete oder ob der Wind Gesprächsfetzen zu ihm trug. »Wenn Sie’s unbedingt wissen möchten – ich erlaube Ihnen die Bemerkung nicht.«

Offenen Mundes starrte Silas sie an. »Aber ... aber die meisten jungen Damen haben normalerweise nichts gegen ein Kompliment einzuwenden.«

»Mir ist eine Anschuldigung lieber als geheuchelte Schmeichelei, sofern es keine Anschuldigung gegen meinen Vater ist.«

Trotz seiner Verblüffung musste Silas lachen. »Dann bitte ich Sie, meine Bemerkung über Ihren Vater zu entschuldigen, Miss Callaghan. Er und ich haben wenig miteinander zu schaffen. Deshalb darf ich wohl sagen, dass Sie eine außergewöhnliche junge Dame sind.«

Francesca musste sich auf die Zunge beißen, zumal das, was ihr gerade durch den Kopf ging, alles andere als damenhaft war.

»Ich kann Sie in meiner Kutsche zur Marylou bringen, wenn Sie möchten«, bot Silas an, ohne auch nur einen Augenblick die Möglichkeit zu erwägen, sie könnte ablehnen. »Das Schiff Ihres Vaters ankert ein Stück weiter unten am Ufer, und für eine so reizende Person wie Sie ist es nicht ganz ungefährlich, sich allein und zu Fuß auf den Weg zu machen. Wie sie ja bereits festgestellt haben, können die Proleten in dieser Stadt ziemlich lästig werden.«

Die Proleten? Für wen hielt dieser Kerl sich! Allmählich verursachte er Francesca eine Gänsehaut. Lieber würde sie sich von einer Brücke stürzen, als zu ihm in die Kutsche zu steigen, und sie war versucht, ihm genau das zu sagen. Lediglich der Umstand, dass Silas mit ihrem Vater bekannt war, hinderte sie daran. »Das ist nicht nötig, Mr Hepburn«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich kann auf mich selbst aufpassen.«

»Wie Sie uns ja schon auf bewundernswerte Weise demonstriert haben, Miss Callaghan.« Silas konnte seine Enttäuschung kaum verbergen, während er seinen Hut zog.

Francesca hatte sich bereits umgewandt, um sich auf den Weg zum Ufer zu machen und diesen abscheulichen Kerl so weit wie möglich hinter sich zu lassen, doch sie hörte ihn noch murmeln: »Ein Jammer, dass Ihr Vater es nicht auch kann.«

Seine rätselhafte Bemerkung machte sie stutzig, aber sie fragte nicht nach. Stattdessen beschleunigte sie ihre Schritte.

Bald kam Francesca der Verdacht, dass Silas Hepburn ihr absichtlich einen falschen Weg beschrieben hatte. Immerhin hatte sie bereits über eine Meile zu Fuß zurückgelegt, ohne dass der Raddampfer zu sehen war, und ihr Koffer wurde mit jedem Schritt schwerer. Vor sich konnte sie linker Hand eine Flussbiegung erkennen, und wenn die Erinnerung sie nicht trog, befand sich ein Stück weiter eine Werft mit einer Rampe zum Wasser, sodass sie bezweifelte, in Kürze auf die Marylou zu stoßen. Sie beschloss, nur noch ein kleines Stück weiterzugehen.

Francesca wusste noch, welch wundervollen Anblick der Fluss bot, doch sie hatte ganz vergessen, welch friedliche und beschauliche Atmosphäre er verbreitete. In den Jahren, die sie fort gewesen war, hatte sie den Fluss meistens mit der Tragödie um ihre Mutter in Verbindung gebracht, doch im Funkeln des Sonnenlichts weckte der Murray River nun glückliche Kindheitserinnerungen in ihr – und eine unerwartete Sehnsucht, einen Teil ihres Lebens wiederzuerlangen, der lange Zeit verloren gewesen war.

Nachdem Francesca die Flussbiegung hinter sich gelassen hatte, war der Dampfer immer noch nicht zu sehen, sodass sie stehen blieb und überlegte, was sie tun sollte. Sie befand sich nun auf einem schmalen Pfad, der von Eukalyptusbäumen gesäumt war und hauptsächlich von Fischern benutzt wurde. Raddampfer fuhren flussauf und flussab, manche mit Kähnen im Schlepptau. Plötzlich sah sie, wie die Ophelia sich näherte, und ging hinter einem Baum in Deckung, damit Neal Mason nicht auf den Gedanken kam, sie habe sich verlaufen. Nachdem sein Dampfer vorbeigefahren war, ließ Francesca den Blick flussaufwärts schweifen, wo in einiger Entfernung Pelikane auf ihrer Uferseite schwammen. Dabei wurde ihre Aufmerksamkeit auf ein Schiff gelenkt, das von herabhängenden Baumästen fast vollständig verdeckt wurde. Sie beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, in der Hoffnung, dass jemand an Bord ihr Auskunft geben könnte, ob ihr Vater in der Nähe ankerte.

Als Francesca sich dem Schiff näherte, das sich als Flussdampfer erwies, stellte sie fest, dass der Anstrich abblätterte, die Reling verfiel und die Decks dringend geschrubbt werden mussten. Sie fragte sich, wem das Schiff gehörte. Es machte einen verwahrlosten, bejammernswerten Eindruck, zumal es einst ein prächtiges Dampfschiff gewesen sein musste. Als sie mühsam den Namen entzifferte, verschlug es ihr vor Schreck den Atem.

Das Schiff war die Marylou.

Francesca ging an Bord und machte sich durch zögerndes Rufen bemerkbar. Kurz darauf erschien Ned. Der gute Ned, ging es Francesca durch den Kopf. Sie hatte ihn und ihren Vater vor zwei Jahren das letzte Mal gesehen, als die beiden Männer sie in Pembroke besucht hatten. Seit damals war Ned deutlich gealtert. Seine Haare waren jetzt schlohweiß, und er ging leicht gekrümmt; dennoch stand er ihrem Vater seit vielen Jahren treu zur Seite – sowohl in guten Zeiten, während der glücklichen, unbeschwerten Kinderjahre Francescas, als es noch reichlich Arbeit gegeben hatte, als auch in schweren Zeiten wie damals, als Francesca auf tragische Weise ihre Mutter verloren hatte. Damals war sie erst sieben gewesen, aber sie würde nie vergessen, wie schrecklich sie und ihr Vater unter dem Verlust gelitten hatten. Bald darauf hatte er sie ins Internat geschickt. Damals hatte Francesca den Grund dafür nicht begriffen, und was noch viel schlimmer war: Ihr Vater hatte ihr das Gefühl gegeben, dass der Unfall irgendwie ihre Schuld gewesen sei. Erst im Laufe der Zeit hatte Francesca erkannt, dass ihr Vater nur zu ihrem Besten gehandelt hatte.

»Hallo, Ned«, begrüßte sie ihn, während dieser sie fassungslos anstarrte.

»Frannie!«, entfuhr es ihm dann heiser. Als er sie das letzte Mal zu Gesicht bekommen hatte, war sie noch ein schlaksiges junges Mädchen gewesen. Er konnte nicht fassen, dass die bildschöne, elegante junge Frau, die nun vor ihm stand, seine kleine Frannie war.

Neds Gedanken schweiften unwillkürlich zu jener Nacht zurück, als er bei dem Versuch, ein Neugeborenes aus dem Fluss zu retten, beinahe ertrunken wäre. Als er Francesca nun betrachtete, hätte sein Stolz nicht größer sein können, wäre sie seine eigene Tochter gewesen. In den ersten sieben Jahren ihres Lebens hatte ein enges Band zwischen ihnen bestanden. Es hatte Ned fast das Herz gebrochen, als Joe das Mädchen nach Marys Tod fortgeschickt hatte, doch er hatte mit diesem Schmerz leben müssen. Schließlich hegte er für Joe eine tiefe kameradschaftliche Zuneigung. Ned hatte darauf vertraut, dass Joe wusste, was für Frannie am besten war. Außerdem tröstete er sich mit dem Gedanken, dass ein Leben an Bord eines Raddampfers mit zwei Männern, die Tag für Tag hart schuften mussten, nichts für ein kleines Mädchen war.

Als Ned auf sie zukam, ein Lächeln auf dem faltigen Gesicht, fiel Francesca sein steifer Gang auf.

»Tut mir Leid, dass ich euch nicht Bescheid gegeben habe«, sagte Francesca und stellte ihren Koffer ab. »Ich bin kurz entschlossen zu euch gekommen.« Ned umarmte sie und drückte sie liebevoll.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen, Frannie. Aber ... was machst du hier?«

»Ich habe meine Stelle gekündigt, Ned. Es hatte keinen Sinn mehr.« Sie sah sich um. Das Schiff war in einem schlimmen Zustand, was Francesca umso mehr verwirrte, als die Marylou der ganze Stolz ihres Vaters gewesen war. »Wo ist Dad?« Mit einem Mal beschlich Francesca das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. »Es geht ihm doch gut ...?«

Neds faltiges Gesicht nahm einen bekümmerten Ausdruck an. Wie sollte er Francesca beibringen, dass es Joe eine Zeit lang überhaupt nicht gut ergangen war? Er warf einen Blick auf die Kajüten. »Er ist an Bord, Frannie. Er hat sich hingelegt, weißt du ...«

Er legte sich am frühen Nachmittag hin? Wieder blickte Francesca sich um. Ned bemerkte ihre Verwirrung. Er hatte versucht, an Bord zumindest halbwegs Ordnung zu halten, doch Joe hatte ihn schließlich davon abgebracht, weil er keinen Sinn mehr darin sah.

»Das Schiff sieht aus, als hätte es seit Monaten keine Fahrt mehr gemacht, Ned. Was ist los?«

Ned ließ den Kopf sinken. Mit welchem der vielen Probleme sollte er anfangen? »Der Kessel hat letzten Januar seinen Geist aufgegeben ...«

Francesca war bestürzt. »Warum hat Dad mir nichts davon geschrieben? Seit Monaten habe ich keinen Brief von ihm bekommen.«

Ned wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. »Nun ja, wir haben den Kessel repariert«, murmelte er, »aber trotzdem ...«

In diesem Moment erschien Joe an Deck, da er Stimmen gehört hatte. Als er Francesca erblickte, riss er vor Überraschung die Augen auf, doch die herzliche Begrüßung, die sie erhofft hatte, blieb aus.

Tränen stiegen Francesca in die Augen, als sie sah, in welcher Verfassung ihr Vater war. Sein Äußeres war ungepflegt, und eine Hälfte seines Gesichts war von einer hässlichen roten Narbe entstellt.

»Was ist passiert, Dad?«, brachte Francesca im Flüsterton hervor und ging auf ihn zu.

»Eins der Kesselrohre ist explodiert. Was machst du hier?«, fragte Joe in ungewollt schroffem Ton und wandte betreten das Gesicht ab.

Francesca hatte das schreckliche Gefühl, unerwünscht zu sein, und erschrocken stellte sie fest, dass der Atem ihres Vaters nach Rum roch.

»Ich habe dir doch geschrieben, Dad, wie unglücklich ich war. Ich konnte es bei den Kennedys nicht mehr aushalten und habe gekündigt.«

»Du hast die Stelle bei den Kennedys gekündigt ...?«

»Weil ich nur noch die Aufgabe hatte, Windeln zu wechseln, hinter den Kindern aufzuräumen und das Haus sauber zu halten. Und Ida erwartet schon wieder ein Baby. Ich hätte zu gern die Buchhaltung gemacht, aber man gab mir keine Gelegenheit.«

»Aber es war eine feste Anstellung, Frannie, und ein Zuhause.«

»Ich bin noch zu jung, um eine Horde Kinder zu bemuttern. Ich habe sie so sehr verwöhnt, dass sie mir keine ruhige Minute mehr ließen. Du hast meine Briefe doch bekommen, Dad?«

Joe nickte. In ihren Briefen hatte Francesca sehr unglücklich geklungen, und sie kam ihm auch ein wenig blass und dünn vor. Dennoch waren ihre Sorgen nichts verglichen mit den seinen.

»Warum hast du die Briefe denn nicht beantwortet?«

Joe blickte zu Boden. »Ich ... ich hatte andere Dinge im Kopf.«

Francesca fühlte sich verletzt, da diese »anderen Dinge« offenbar wichtiger waren als sie. »Ned hat mir gerade von euren Schwierigkeiten mit dem Kessel berichtet, aber das hättest du mir doch schreiben können. Du hättest mir mitteilen können, dass du einen Unfall hattest.«

Joe drehte sich noch ein Stück weg und rieb sich das stoppelige Kinn. »Ich wollte dich nicht beunruhigen, Frannie«, entgegnete er schließlich leise. »Ich weiß, das ist keine Entschuldigung, aber mehr habe ich nicht zu bieten.«

Ned sah Joe an. Ihm fiel ein, dass Joe in den letzten Monaten Frannies Briefe nur widerwillig geöffnet hatte. Manche hatte Ned sogar selbst aufgemacht und darauf bestanden, dass Joe sie ihm vorlas. Und er hatte auf ihn eingeredet, die Briefe zu beantworten, doch seine Worte waren auf taube Ohren gestoßen. Gern hätte Ned ihr selbst geschrieben, aber er konnte weder lesen noch schreiben. Und selbst wenn es anders gewesen wäre – er hätte nicht gewusst, was er Frannie hätte schreiben sollen. Dass ihre Situation kaum schlimmer sein könnte? Genau das war nämlich der Grund, dass Joe ihr nicht geschrieben hatte.

»Ich kann nicht glauben, dass du eine so gute Anstellung aufgegeben hast, Frannie«, stieß Joe plötzlich wütend hervor. »Frank wird außer sich sein.« Joe hatte gar nicht so herzlos klingen wollen, und es ging ihm auch weniger um Frannies Kündigung: Es war ihm peinlich, dass sie sah, wie heruntergekommen er und sein Schiff waren.

»Aber du hast doch gehört, was ich eben gesagt habe, Dad. Wenn du willst, schreibe ich ihnen einen Brief und entschuldige mich.

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