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Am Ende ist zu wenig Tag

Über die Autorin:

Der Name Amelie Flow ist ein Pseudonym.

Die Autorin wurde als viertes Kind in Berlin in eine Großfamilie hineingeboren. Dort wuchs sie phantasievoll und kreativ in Freiheit auf. Seit 1981 lebt sie mit Mann und drei Kindern in NRW. Die Kreativität hat sie bis zum heutigen Tag nicht verlassen. Es finden sich unter ihren selbstgeschriebenen Texten Gedichte und Prosa-Texte, die veröffentlicht wurden. Ihre humorvolle Seite konnte sie des Öfteren auf verschiedenen Kabarettbühnen ausleben.

Das Schreiben half ihr in den vier Jahren der schweren Erkrankung ihres Mannes bis zu dessen Tod.

Inhalt

Chanson d’Amour

Aus dem Gleichgewicht

Es gibt immer eine Lösung

Schmetterlinge sind so

Kopfstand

Dein Schatten

Chanson d’Amour

Wenn ich doch nur ein Lied schreiben könnte

Ein Lied über den Duft von Dir

Deiner, der so sanft wie Nebel

Nächtlich auf mein Kissen schwebt

Deinen süßen Duft

Den ich in mir trage

Der mich betört

Deinen, diesen Duft

Der mich nie mehr einsam werden lässt

Dein Duft

Der mich zart die Rundungen deiner Brüste berühren lässt

Der deines schönen Körpers gewahr ist

Der deine sanfte Schönheit umschmeichelt

Ach, wenn ich doch nur singen könnte

Ein Chanson d’amour!

Unsere Körper bewegen sich lustvoll zu den sanften Klängen von Leonard Cohens Song: So long Mariannne.

Das ist unsere Zeit. Lebendig. Aufregend. Süß. Verführerisch. So leicht kann das Leben sein. Es schmeckt nach Süße. Es riecht nach Frühling. Es ist die Zeit der Liebe. Jede Liebe hat ihren Duft. Das ist schon seltsam. Meine Liebe riecht besonders gut. Nach Mann. Nach Stärke. Nach unbändiger Lust. Lust am Leben. Lust am Erobern. Lust am Austausch. Zwei Körper werden zu einem. Leben pur. Leben satt.

Unsere erste Reise starten wir mit einem blauen VW, den mein Mann für zweihundert DM gekauft hat. Der zweite Gang ist nicht zu gebrauchen, doch wir überholen liegengebliebene Fahrzeuge am Brenner. Ich bin verblüfft und schwer beeindruckt, wie mein Mann es so souverän schafft, uns genau dahin zu fahren, wo wir hinwollen.

Es ist die Zeit der Musik, der Hippies, der Liebe, der Freiheit. Die Brötchen vom Bäcker schmecken lecker, in die Fleischwurst wird herzhaft hineingebissen. Noch wissen wir nichts über den CO2-Fußabdruck, nichts vom Ozonloch, auch nichts vom Navi, Computer, Algorithmen. Nein, gar nichts wissen wir darüber! Wir haben das Herz, den Kopf und jede Menge Gefühle frei zum Leben.

Als die Nacht hereinbricht, kann ich nicht mehr still auf dem Beifahrersitz ausharren. Wir halten im Stockdunkeln an. Isomatte raus, Schlafsack drauf, und schon lasse ich mich genau darauf fallen. Schon im nächsten Augenblick bin ich entschlummert. Über mir den Himmel. Mein Held hat die ganze Nacht auf mich aufgepasst.

Nach drei Tagen erreichen wir Jugoslawien. Ein wunderschönes Land. Ein paar Tage verbringen wir, nur wir zwei, in einer einsam gelegenen Bucht. Es ist unglaublich. Liebe, Sonne, Strand. Zwei Menschen gestrandet, kosten vom Reichtum der Natur.

Eine Zeit der verrückten Partys. Das befreiende Tanzen im Rhythmus der Musik. Erotik pur im Gleichklang der Hormone. Diskussionen mit Freunden. Alles wichtig. Wir sind jung, wir können die Welt bewegen. Alles ist möglich. Unbändiger Glaube an die eigene Stärke. Herrlich.

Ich ziehe zu ihm. Fahre mit der U-Bahn. In einem großen Beutel schleppe ich Kohlen, die ich von Zuhause mitnehme. Er bewohnt eine Studentenbude mit Außentoilette und Ofenheizung. Das Geld ist bescheiden, aber wir sind reich.

Wir heiraten. Tolle Zeit. Vorbereitung. Wunschliste wird erstellt. Planung von Polterabend und Hochzeitsfeier.

Der Polterabend ist ein Knaller. Im letzten Jahr hatten wir die Studentenbude gegen eine kleine Dachgeschoßwohnung mit Innentoilette getauscht. Dort startet nun der umwerfende Polterabend. Freunde, Verwandte, Bekannte. Die kleine Wohnung platzt aus allen Nähten. Das Treppenhaus wird mitgenutzt. Tanzen, tanzen, tanzen. Wir sind Weltmeister im Rock ‘n‘ Roll. Wie immer übertreiben wir dabei. Die Menge bildet einen Kreis um uns. Ich fühle mich wie im siebten Himmel.

Am nächsten Morgen. In unserem kleinen Zimmer stapeln sich die Geschenkpakete. Das Chaos der Party wird sichtbar. Egal. Unsere Hochzeit steht nun an, da haben wir andere Aufgaben. Wir lassen alles stehen und liegen.

Alles ist so hergerichtet, wie wir uns das gewünscht haben. Festlich. Auserwähltes Essen. Tanzen, plauschen, lachen. Ein toller Tag. Wieder zurück in der kleinen Wohnung fallen wir ins Bett. Natürlich haben wir auch eine Hochzeitsreise geplant. In den Harz. Ich packe den Koffer. Das Chaos überlassen wir dem Chaos.

Es ist ein sehr heißer Sommer. Verschwitzt kommen wir in dem kleinen Hotel an. Mein Mann steigt als erster unter die Dusche. Nackt macht er sich an dem einzigen Koffer zu schaffen.

Hast du meine Sachen schon rausgelegt? Fragt er mich.

Ich? Nee.

Hier sind nur deine Klamotten drin.

Ich schaue nach. Tatsächlich.

Verstehe ich nicht. Murmle ich vor mich hin. Wo habe ich die denn hingetan?

Sie sind nicht da. Ich habe tatsächlich nur meine Sachen eingepackt. Wir haben Sonntag. Die schon verschwitzten Kleider sind trotzdem besser als nichts.

Nach vier Jahren stehen wir beide im Beruf. Jetzt gibt es auch Geld. Wir geben es aus. Eine neue Wohnung wird unser Zuhause. Möbel ausgesucht, eine Omega-Tapete ziert eine von vier Wänden. Den Boden deckt ein weißer Teppich. Unser soziales Netz funktioniert noch analog. Die Leute, Freunde kommen gerne zu uns. Da wird diskutiert, getanzt, gegessen, getrunken. Der Teppich dient als kuschelige Unterlage. Das Leben ist schön.

Die erste Winterreise geht nach Österreich. Mit Skiern. Darauf haben wir zwar noch nie gestanden. Unser Skilehrer ist super gechillt. Wir haben totalen Spaß. Und Glück. Mit dem Wetter. Den ganzen Tag knallt die Sonne nur so über die glitzernden, schneebedeckten Berge. Was für eine Natur. Das Essen schmeckt. Abends wird noch geschwoft. Die Leute sind gut drauf, wir auch. Zu guter Letzt meldet mich mein Mann auch noch ohne mein Wissen beim Skirennen für Anfänger an. Ich bin empört, ein bisschen. Nein, eigentlich freue ich mich. Er scheint den Eindruck zu haben, dass ich schon eine Menge gelernt habe.

Ich habe tatsächlich das Rennen gewonnen. Nun ja, die Teilnehmerzahl war übersichtlich. Nur drei. Egal. Ich habe den ersten Preis gemacht. Die Anstecknadel hat sich bei dem Versuch, sie an die Jacke zu heften, in meinen Finger gebohrt.

Nach zwei wunderschönen Urlaubswochen geht es wieder nach Hause. Auch schön, das Zuhause.

Ein Jahr später haben wir auf einem Ball eine Reise gewonnen. Kreta. Los geht es mit dem Flieger. Das Hotel ist zu groß. Zu unpersönlich. Aber einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul. Hier riecht es anders, nach blühender Natur. Die Kneipen sind bis spät in die Nacht geöffnet. Die Griechen sind unglaublich freundlich, gesprächig und neugierig. Genau wie wir. Also machen wir die Nächte auch noch zum Tag. Lernen viel über Land und Leute und sind begeistert. Dann liegt eines Tages ein U-Boot im Hafen. Wir schlendern am Kai entlang. Da sehe ich, wie eine kleine Gruppe von Menschen auf das U-Boot geht. Wir verfolgen gespannt diesen Vorgang. Und dann – tatsächlich öffnet sich die Einstiegsluke. Die kleine Gruppe verschwindet dahinter.

Hey, hast du gesehen? Die gehen da runter. Komm lass uns auch gehen. Das ist doch großartig. Wir waren noch nie in einem U-Boot.

Mein Mann will nicht so recht.

Die gehören wahrscheinlich zu der Crew. Da kann man nicht so ohne weiteres reingehen.

Ach komm, wir gehen einfach.

Ich bin nicht zu halten und ziehe meinen Mann mit mir. Die Klappe ist noch leicht geöffnet, als wir den ersten Fuß auf die steile Treppe setzen. Automatisch öffnet sie sich, sodass wir gut hinunterklettern können. Unten angekommen, steht der Kapitän. Er reicht uns zur Begrüßung die Hand und fragt, was wir hier wollen. Er ist freundlich und erzählt uns, dass die Gruppe ein privater Besuch sei und dass fremde Menschen keinen Zutritt hätten. Jetzt fühle ich mich doch verunsichert. Ich bin froh, dass mein Mann so gut Englisch spricht. Er entschuldigt sich beim Kapitän. Der reagiert souverän.

Wollen Sie mal durch ein U-Boot schauen?

Er ruft einen Kollegen und bittet ihn, uns durchs Boot zu führen.

Es ist unglaublich. Winzige Schlafräume, winzige Baderäume, winzig, winzig. Und viele große Männer. Ganz viel Technik. Wenig Platz über unseren Köpfen. Ich finde es gruselig. Wir bedanken uns herzlich, und ich bin heilfroh, als wir wieder festen Boden unter unseren Füssen haben.

Zehn ganze Jahre nur für uns. Wir reisen, quälen uns durch die damalige DDR. Sind neugierig auf unsere Nachbarn. Italien. Spanien, Frankreich. Es riecht anders. Die Menschen leben anders. Die Zeit läuft anders. Es ist spannend. Wir bleiben neugierig. Und kreativ. Mein Mann schreibt mir einen Liebesbrief. Nein, nicht auf edlem Papier. Formvollendete Schrift. Nein. Er nimmt eine Klorolle. Einen Stift und …. eine Klorolle ist sehr lang. Was für schöne Worte.

Gemütlich abends im Bett trägt mich seine Stimme beim Vorlesen. Ich weiß nicht, wann er bemerkt hat, dass ich eingeschlafen bin.

Dann bricht wieder eine andere Zeit an. Wir erwarten unser erstes Kind. Verrückt. Was passiert da in meinem Körper? Wieder ist alles neu und aufregend. Wir sind Protagonisten in unserem eigenen Film. Wir laufen mit. Manchmal stellt sich der Stopp-Knopf an. Wir wissen nicht, wie der Film weiterläuft. Aber wir sind super drauf und voller Wissbegierde. Nichts kann uns aufhalten.

Im Laufe der nächsten Jahre kommen noch zwei weitere Kinder hinzu. Es wird bunt, laut und sehr lebendig. Unser „Zweierdasein“ ist nun einer großen Familie gewichen. Das hat Folgen. Positive, na klar. Aber auch einschränkende, für meinen Mann und mich. So ist das. Eine Lebensplanung ohne Planung. Es geschieht einfach. Ein größeres Haus mieten. Im Job das Beste geben. Der Haushalt. Die Kinder. Ein Glück. Es braucht sehr viel Zeit für die Kinder. Tolle Ideen haben diese. Einen unverdorbenen Blick haben sie. Auf das Leben. Auf die Welt. Vertrauen haben sie. Was für ein Geschenk.

Wir bekommen nun auch einen neuen, einen anderen Blick auf das Leben. Auf die Welt. Wer Kinder hat, hat Verantwortung. Und was für welche! Neuerdings diskutieren wir über Erziehung oder doch lieber „Begleitung“ von Kindern. Erziehung führt vielleicht schnell zur V-erziehung. Müssen Kinder? Darf man das? Wie viele selbstlernende und bildende Bedürfnisse lassen wir zu? Gehört das Experimentieren und Forschen von Wasser, Luft, dem Verschwinden von Wassertropfen, dem Ausprobieren von Feuer anzünden dazu? Auch wenn die Kinder dabei das gesamte Wohnzimmer unter Wasser setzen, es über dem bereit gestellten Teller brennt? Wenn allerdings Zusätze wie Spülmittel, Shampoo oder Waschmittel den Badezimmerboden bedecken, Eier auf den Treppen aufgeschlagen werden, bleiben bei dem liberalsten aller Erziehungs-Begleitungsstile die Nerven schon mal auf der Strecke. Da geht dann schon mal gar nichts mehr am Abend. Beine hoch, ein Gläschen Wein, Neuigkeiten in Kurzform austauschen. Trotzdem haben wir dem Wunsch der Kinder nachgegeben und einen Hund in unsere Familienidylle hineingelassen. Eine Bereicherung für uns alle. Schön zu sehen, wie verantwortungsvoll sich die Kinder zeigen.

Es wird viel gelacht bei uns. Kinder sind unfreiwillige Komiker. Sie sind kleine Philosophen. Sie sind klug. Neugierig. Immer. Warum? Das ist ihr wichtigstes Wort. Doch wenn der Tag zu stressig wird, findest du manchmal keine Antwort.

Warum kann ich Gas nicht sehen?

Weil, weil, hör mal Schätzchen, ich muss mich jetzt beim Fahren konzentrieren.

Da bleiben Lücken. Da kann man schon mal in der Nacht darüber nachdenken, wieso man sich nicht die Zeit für diese vielen Warum-Fragen nimmt. Aber schon am nächsten Morgen geht es wie im Hamsterrad weiter.

So sind etliche Jahre ins Land gegangen. Schöne Urlaube. Wunderschöne Feste. Viele Freunde. Viel Humor, viel Lachen. Kreatives Ausprobieren in verschiedenen Richtungen. Den Kindern beim Wachsen zuzusehen. Die Körper verändern sich. Genauso war es bei meinem Mann und mir doch auch. Die Ansichten ändern sich. Sie fangen an Pläne zu schmieden. Alles schon mal dagewesen. Unsere Generation tritt schon langsam in den Hintergrund. Wir begleiten, diskutieren viel und engagiert mit den Kindern. Sie schleppen Freunde mit an. Die wollen mitdiskutieren. Es wird immer bunter und voller bei uns. Wir fallen abends erschöpft ins Bett.

Mein Mann hat keine Lust mehr, seinen Geburtstag zu feiern. Gut, gehen wir zum Griechen essen. Bei Freunden laufen ähnliche Prozesse ab.

Ja und dann, dann verändern wir uns. Die Zweisamkeit hat schon lange ihren Platz an die große Familie verschenkt. Es geht nicht mehr um uns. Der Job hat Priorität. Die Kinder haben Priorität. Der Ablauf hat Priorität. Wir haben uns ins funktionale Leben eingefuchst.

Mein Mann wird irgendwie komisch. Wenn er Zuhause ist, wirkt er grüblerisch bis schlecht gelaunt. Die Interessen außerhalb des Jobs werden geringer. Die Kommunikation wird sparsam. Meine Versuche, ihn mitzuziehen, scheitern.

Komm doch mal mit. Hast du keine Lust mehr?

Komisch, was passiert da?

Aus dem Gleichgewicht

Aus dem Gleichgewicht

Schaue in aufgerissene ratlose Augen

Höre nicht gesagte Worte

Spüre gefangenen Körper

Rieche ANGST

Und ich

Versuche zu ATMEN

Ein unglaublich dumpfer und dennoch Wahnsinns lauter Knall, dann Stille.

Nein, nein, nein, nicht schon wieder. Ich verkrieche mich unter meiner Bettdecke. Ich will nicht, ich kann nicht, ich kann einfach nicht mehr, wimmere ich vor mich her. In Windeseile schlage ich dennoch die Bettdecke von mir, schlüpfe in meine Latschen und rase die Treppe ein Stockwerk hinunter. Ich versuche seine Tür zu öffnen, bekomme sie aber nicht auf. Vorsichtig, jedoch mit viel Kraft, öffne ich sie. Stück für Stück, bis ich endlich durch die Türöffnung passe. Er liegt in fast embryonaler Haltung auf dem Fußboden. Seine Beine sind nackt, er trägt Hygienepants, ein T-Shirt bedeckt seinen mageren Oberkörper. Seine riesengroßen Augen blicken mich ratlos an. Er sagt kein Wort. Ich bücke mich, greife unter seine Arme, versuche seinen Oberkörper hoch zu bugsieren. Er rutscht mir aus den Händen. Ich versuche es erneut, ächze, stöhne, puste, lege meine ganze Kraft in sie hinein. Ich schaffe es nicht. Ich wimmere vor mich hin. Rufe meine Tochter, die noch bei uns wohnt. Ich höre ihre Schritte. Verschlafen, mit ängstlichem Blick auf mich, weiß sie doch, was zu tun ist. Ich übernehme den Oberkörper, sie packt seine Beine an. Endlich sitzt er auf seinem Bett. Es ist drei Uhr nachts. Er ist immer noch mein Mann. Und er hat eine Scheißkrankheit.

Eigentlich hat sein seltsames Verhalten schon vor Jahren begonnen. Er wollte nicht mit in den Urlaub. Einer muss auf den Hund aufpassen, sagt er. Früher haben wir auch den Hund mitgenommen. Er hat keine Lust mehr aufs Wegfahren. Na, dann eben nicht. Ich bin sauer auf ihn. Meine Kinder und ich fahren. Endlich Urlaub, keine Verpflichtung. Wunderschöner Urlaub in Frankreich. Viel Sonnenschein, faulenzen, muntere Gespräche, viel Lachen, schwimmen, Rad fahren, gemeinsames Kochen, abends auf der Veranda französischen Rotwein trinken. Schnell, viel zu schnell sind drei Wochen ins sonnige Land gegangen und ich habe gar keine Lust nach Hause zu fahren. Bin innerlich weit entfernt von meinem Mann. Er benimmt sich in letzter Zeit irgendwie merkwürdig. Vielleicht ist ihm die Pensionierung nicht bekommen. Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut. Ganz viel Zeit gemeinsam zu verbringen. Urlaub außer der Reihe, einfach so, so zum Spaß. Normalerweise ist er ein ruhiger Bürger. Still, in sich ruhend, niemals aufbrausend. Jedenfalls so wie in der letzten Zeit, habe ich ihn noch nicht erlebt. Lieber würde ich noch einige Wochen in Frankreich bleiben.

Zuhause angekommen gibt es den obligatorischen Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen. Mein Mann hat sich viel Mühe mit dem Essen gegeben und wir greifen wie immer ausgehungert zu. Die Kinder plaudern ungezwungen vom Meer, der Musik, die wir an vielen Abenden live erlebt haben. Mein Mann hört scheinbar zu, fragt aber nichts und redet auch sehr wenig. Auf unsere Fragen antwortet er sparsam, und irgendwie hört er sich etwas alkoholisiert an. Doch die Frage, ob er schon Alkohol zu sich genommen hat, verneint er. Komisch, denke ich.

Der letzte Urlaub liegt nun schon wieder fast ein Jahr zurück. Der Alltag hat uns alle fest im Griff. Ich arbeite an verschiedenen Projekten, bin mit Planungen beschäftigt.

Kommst du mit Fahrrad fahren? Er schüttelt den Kopf. Sonst hat er sich herausgeredet, dass er keine Zeit dafür hat. Jetzt hat er welche. Er ist pensioniert und könnte sich den schönen Dingen des Lebens zuwenden. Ich verstehe ihn nicht. Immer nur schlapp, müde und antriebsarm. Schlecht gelaunt. Mich macht das zornig.

Jetzt geh doch mal mit. Das wolltest du doch immer. Ich höre mich keifend an.

Dann, eines Morgens, tappe ich nach dem Aufstehen ins Bad, stolpere quasi im Flur über ihn, auf ihn. Ich erschrecke. Sein Gesicht ist Blut überströmt. Er sieht aus, als sei er einem Horrorfilm entsprungen.

Was hast du gemacht? Schreie ich, was ist passiert? Sag doch mal?

Erstaunt fasst er sich ins Gesicht, fährt mit seinen Händen darüber. Gar nichts, sagt er.

Warst du draußen, mit dem Hund?

Ja, sagt er.

Hat dich niemand gesehen? Hat dich denn keiner angesprochen?

Nein, sagt er.

Ich bin ratlos. Ich habe Angst. Was ist mit ihm? Was passiert da gerade mit ihm? Mit uns? Mir wird schwindlig.

Die nächsten Stürze kommen. Erst in großen Abständen, später häufiger. Die Angst bleibt. Ich fordere ihn auf, einen Arzt aufzusuchen. Er lässt nicht mit sich reden. Er verneint. Er nervt. Er redet immer weniger. Gibt einfach keine Antwort. Er wird grob in Sprache und Aussehen. Er pflegt sich nicht. Ich fordere ihn auf, sich zu duschen. Er reagiert nicht. Ich lasse ihn. Bin auch trotzig. Ich denke, was geht’s mich an, soll er doch machen, was er will. Bin aber doch zusehends beunruhigt. Er ist übellaunig, hat ständig was zu meckern. Er beschimpft immer wieder unsere jüngste Tochter und mich. Wir sind blöd, und ich bin schuld. Ich habe in der Erziehung alles falsch gemacht. Ich wehre mich. Schreie, beschimpfe ihn auch. Ich kann ihn immer weniger leiden. Er lockt aus mir die schlechten Seiten hervor. Ich bin traurig, wütend, ohnmächtig. Ich will weg und kann nicht.

Ich beobachte ihn. Sein Interesse an allem und jedem lässt deutlich nach. Seine Worte, Sätze werden immer sparsamer. Die ehemals streitbare Politik zwischen uns erhitzt nicht mehr unsere Gemüter. Die Sprache wirkt so komisch verwaschen. Es erinnert an leicht alkoholisiertes Sprechen. Aber er hat gar nichts getrunken. Sein Gang sieht auch etwas seltsam aus. Er schaut ständig auf den Boden, ist leicht nach vorn gekippt. Das Zusammenleben mit ihm wird belastend. Ich finde keinen richtigen Anpack. Was soll ich ihm sagen? Es ist alles dermaßen verkorkst. Er verwahrlost immer mehr.

Meine mittlere Tochter übernimmt das Kommando.

Papa, du gehst dich jetzt duschen.

Ich bin verblüfft. Er tut es.

Zunehmend sehe ich Urinspritzer neben der Toilette, auf dem Boden. Ich bekomme einen Schreck. Kann er den Urin nicht mehr richtig kontrollieren? Ich sage nichts. Es ist mir peinlich für ihn. Wortlos entferne ich seine Hinterlassenschaft. Im Laufe der Zeit werden die Spuren normal. Dann sogar vermehrt, alles ist besudelt, ich komme gar nicht mehr hinterher. Ich selbst sitze nur noch mit einer halben Pobacke auf der Toilettenbrille. Ein Stich durch mein Herz, der eine Wunde hinterlässt. Er tut mir furchtbar leid. Gleichzeitig ekele ich mich, und ich will auch nicht länger hinter ihm her putzen. Ich finde keine Lösung.

Am Abend sitzen wir beide stumm vor dem Fernseher. Ich beobachte ihn. Seine merkwürdig verlangsamten Bewegungen, wenn er sein Glas zurück auf dem Tisch absetzt. Ich bin auf dem Sprung. Jederzeit kann ich zufassen. Aber erst mal beobachte ich nur. Ich verkrampfe. Atme nicht mehr durch. Halte an. Und fest. Lieber Gott, was soll ich bloß mit ihm machen? Dann - er will sich erheben - ganz langsam rutscht er an die Sitzkante heran. Er hält sich dabei am Tisch fest. Noch ehe er richtig steht, fällt er auch schon ungebremst genau in den Fernseher. Es kracht fürchterlich. Meine Tochter kommt aus ihrem Zimmer gestürmt. Der Schreck sitzt uns allen in den Gliedern. Sofort versuchen wir ihn gemeinsam aufzuheben. Er blutet. Was mache ich zuerst? Ihn verbinden? Wo habe ich Verbandszeug? Ich bin fahrig. Mir zittern die Hände. Ich suche.

Erst mal ein Handtuch auf die Stirn. Blutung stillen. Endlich habe ich die Verbandskiste gefunden. Mit zittrigen Fingern verbinde ich seinen Kopf. Er sagt keinen Ton. Nur seine Augen blicken riesengroß, ratlos, in meine. Wir sind verzweifelt.

Er fällt wieder hin. Wir heben ihn auf. Er fällt hin. Wir heben ihn auf. Ich falle mit ihm zusammen hin, ich kann ihn nicht festhalten.

Und immer wieder das fürchterliche Krachen. Tag und Nacht bestimmt dieses Geräusch nun unser Leben. Stürze am Abend. Stürze in der Nacht. Krachen, Herzklopfen. Atem anhalten. Losrennen, aufheben. Große, aufgerissene Augen schauen mich ratlos an. Bin genauso ratlos. Was hat er? Bin am Ende mit meinen Kräften. Schreie, schluchze verzweifelt im Auto. Es muss etwas passieren. So kann es nicht weitergehen. Er m u s s zum Arzt. Ich rede mit ihm.

So geht es nicht mehr. Du musst endlich zu einem Arzt.

Er wehrt ab. Wie immer. Er geht nie zum Arzt. Er ist ein sehr selbstbestimmter Mann. Er lässt sich nicht reinreden. Niemals. Er bestimmt über sich und auch gerne mal über andere. Über mich. Dann gibt es Krach. Ich habe nicht gelernt über jemanden zu bestimmen. Es liegt mir nicht. Ich kann es sogar nicht mal. Ich kann kämpfen wie ein Löwe, kann mich wehren, aber ich kann nicht über jemanden bestimmen.

Wir sitzen am Mittagstisch, zwei unserer Kinder sitzen mit am Tisch. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ich muss ihn dazu bewegen, dass er sich einem Arzt vorstellt. Ich habe sonst keine Lösung. Wir befinden uns nun schon ein ganzes Jahr in dieser beunruhigenden Situation. Irgendetwas stimmt doch nicht mit ihm. Es macht mir Stress und Angst, mit ihm zu reden. Er ist so unberechenbar geworden. Er zeigt mir nur seine Abwehr. Jetzt, endlich, will ich es versuchen! Ich versuche es.

Du fällst dauernd, ich weiß nicht mehr, was ich mit dir machen soll. Du merkst doch selbst, dass du ständig stürzt. Man muss doch irgendetwas tun können. Ich weiß doch sonst auch nicht, wie ich dir helfen soll. Lass doch bitte mal einen Arzt draufschauen.

Ja, Papa, sagt die Mittlere. Sie hat einen guten Zugang zu ihm.

Die Mama hat Recht, du musst mal zum Arzt. Soll ich mit dir fahren?

Stumm hört er uns zu. Sichtbar überlegt er. Es dauert.

Nein, sagt er. Die Mama. Sie soll mit mir direkt ins Krankenhaus fahren.

Wir fahren noch am selben Tag. Ich habe Angst davor. Fühle mich verantwortlich.

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Viel Spaß!



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