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Am Deich - Folge 07

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Hauptpersonen
  4. Lichterfest im Hotel Deichhof
  5. Vorschau

Maike und Lars Peters:

gehört das Hotel Deichhof. Die beiden führen eine sehr harmonische Ehe, die allerdings bisher kinderlos geblieben ist.

Anni Meiser:

arbeitet an der Rezeption. Sie ist die gute Seele des Hotels, ihr vertrauen sich die Angestellten – und manchmal auch die Gäste – an, wenn sie Kummer haben.

Frieder Hansen:

ist Kutterfahrer und Annis Schwager. Er liebt seine Familie und die See.

Adrian Krüger:

führt die Hotelküche mit strenger Hand. Er ist ein exzellenter und sehr erfahrener Koch.

Jasper Rohde:

leitet den Service des hauseigenen Restaurants und beeindruckt vor allem die weiblichen Gäste mit seinem Charme.

Mitten in den Dünen liegt das reetgedeckte Hotel Deichhof. In der gemütlichen Atmosphäre des alten Gutshofs hat schon so manche große Liebesgeschichte begonnen. Doch auch Gäste, die einsam oder traurig sind, kommen im frischen Nordsee-Wind schnell wieder auf die Beine – dafür sorgen Maike und Lars Peters, die das Hotel seit Jahren mit viel Liebe führen.

Lichterfest im Hotel Deichhof

Als die kleine Lea alle bösen Geister vertrieb

Von Lotta Carlsen

Die kleine Lea und ihre alleinerziehende Mama Elena scheinen regelrecht vom Pech verfolgt zu werden! Nachdem ihr kleines Häuschen mit all ihrem Hab und Gut abgebrannt ist, finden sie zunächst Unterschlupf im Hotel Deichhof, das von Lars und Maike Peters geführt wird. Doch gerade, als die beiden langsam neuen Mut schöpfen, taucht im Hotel ein Gast auf, dem Elena auf keinen Fall jemals wieder begegnen wollte: Leas Vater Julian Breitfeld, der sie verlassen hat, als er erfuhr, dass Elena ein Kind von ihm erwartet.

Inzwischen hat Julian seine Meinung geändert: Er will unbedingt ein Kind, nur kann ihm seine Ehefrau keins schenken. Und so schmieden er und seine Frau Ramona einen teuflischen Plan, um das Sorgerecht für Lea zu bekommen. Dummerweise haben sie die Rechnung ohne die pfiffige Fünfjährige gemacht …

„Mami, Mami! Hilf mir, es brennt!“

Mit einem Ruck schreckte Elena aus dem Tiefschlaf und saß im selben Augenblick kerzengerade im Bett. Die verzweifelten Rufe konnten unmöglich der Wirklichkeit entstammen, sie musste in einem schrecklichen Alptraum gefangen sein!

Sekunden später aber ertönte die zu Tode erschrockene Stimme ihrer kleinen Tochter Lea noch einmal …

„Feuer, Mami! Hilfe, Feuer!“

Gleich darauf stieg der schlaftrunkenen Elena der unverwechselbare Geruch nach brennendem Holz in die Nase. Beim Einatmen schluckte sie einen Schwall Rauch und erlitt einen Hustenanfall. In wilder Panik sprang sie aus dem Bett.

Barfuß, in ihrem Prinzessin-Lillifee-Nachthemd, stand Lea in der Tür und hielt ihren Kuschelhund Kuno im Arm.

Trotz ihrer Angst reagierte Elenas Verstand blitzschnell. Auf einen Blick erfasste sie die Lage: Hinter der kleinen Gestalt ihres Kindes loderte ihr bereits der grelle Schein der Flammen entgegen. Das Feuer musste in der Küche ausgebrochen sein – vermutlich war der uralte Gasboiler explodiert.

Gerrit Freese, ihr Nachbar, der ihr häufig bei Problemen mit technischen Geräten behilflich war, hatte sie oft genug vor dieser Gefahr gewarnt, aber das Geld hatte einfach nie gereicht, um einen neuen Boiler anzuschaffen. Elena musste sich und Lea mit ihrer kleinen Töpferwerkstatt allein durchbringen.

Trotz aller Steine, die ihr in den Weg gelegt worden waren, hatte die junge Mutter sich mit der eigenen Töpferei einen Traum erfüllt. Sie übernahm Auftragsarbeiten und bot ihre schön gefertigten Töpferwaren auf den Wochenmärkten der gesamten Insel Sylt an.

Mit der Zeit hatte sie sich einen ansehnlichen Kundenstamm geschaffen, doch für große Sprünge oder teure Reparaturen brachte ihre Arbeit nicht genug ein. Schon gar nicht jetzt, mitten im Winter, wo es nur wenige Touristen gab, die auf der Suche nach einem hübschen Souvenir von der Nordseeinsel waren.

Wo hätte sie etwas einsparen können? Hätte sie doch noch einmal versuchen sollen, auf der Bank einen Kredit für den neuen Boiler zu bekommen, obwohl man ihr dort deutlich gesagt hatte, dass sie mit dem Betrag zur Ausstattung ihrer Werkstatt ihren Rahmen bereits mehr als ausgeschöpft hatte?

So oder so war es für diese Überlegungen jetzt zu spät. Das Feuer hatte längst auf Windfang und Werkstatt übergegriffen und schnitt ihnen den Fluchtweg zur Haustür ab.

Kurz entschlossen riss Elena ihre Tochter an sich.

„Komm, Lea! Wir müssen aus dem Fenster steigen!“

Zum Glück wohnten sie in einem Bungalow, sodass sie sich beim Sprung aus dem Schlafzimmerfenster zumindest nicht verletzen würden. Eilig begann Elena, ihre Tochter zum rettenden Ausweg zu drängen, doch das Kind sträubte sich.

„Mami, Mami! Meine Kostümkiste ist noch drinnen!“

Lea musste husten, und zugleich liefen ihr Tränen über das vor Hitze gerötete Gesicht.

Der Anblick brach Elena fast das Herz. Lea besaß bei weitem nicht so viel Spielzeug wie andere Fünfjährige. Sie verlangte auch nie danach, sondern ersetzte beim Spielen das fehlende Zubehör durch ihre überschäumende Fantasie.

Die Kiste mit den alten Kleidern und Hüten, die sie für ihre Lieblingsbeschäftigung – das Verkleiden – gesammelt hatte, war jedoch ihr ganzer Stolz. Auch zu Weihnachten hatte sich Lea nichts als neue Einzelteile für ihre Kostümschatzkiste gewünscht!

Elena überlegte nicht lange.

„Bleib hier stehen“, befahl sie ihrer Tochter, schob sie zum Fenster und riss es auf. „Atme die frische Luft ein, und dreh dich nicht um. Ich bin gleich wieder bei dir.“

Das kleine Mädchen lehnte sich aus dem Fenster hinaus in die klare, eisige Winternacht, wie seine Mutter es ihm gezeigt hatte.

Elena schwang herum und rannte in ihre brennende Wohnung zurück.

Ich muss verrückt sein, durchfuhr es sie, aber sie lief unbeirrt weiter durch den Flur, der bereits mit Rauch gefüllt war, und hinüber in Leas Kinderzimmer.

Mit wie viel Liebe hatte sie dieses kleine Kämmerchen damals eingerichtet! Jetzt konnte sie kaum noch die Hand vor Augen sehen und musste sich den Ärmel des Nachthemds vor den Mund pressen, um den beißenden schwarzen Qualm nicht einzuatmen.

Gott sei Dank – die Kiste stand griffbereit mitten im Zimmer. Elena klemmte sie sich unter den Arm und flüchtete buchstäblich in letzter Sekunde, ehe die lodernden Flammen so tief in den Flur eindrangen, dass ein Entkommen unmöglich wurde.

Keuchend und mit schmerzenden Lungen erreichte sie das Fenster.

„Komm, Lea, wir müssen nach draußen!“

Sie ließ als Erstes die Kiste über das Fenstersims ins Freie fallen, dann hob sie ihr Kind in die Höhe. Genau in diesem Augenblick sah sie zu ihrer Erleichterung, dass im Nachbarhaus, das ein gutes Stück entfernt stand, die Lichter angingen. Das Ehepaar Freese hatte offenbar das Feuer bemerkt, die beiden würden ihr und Lea sicher helfen!

„Mami, meine Beine sind nackt! Mir ist so furchtbar kalt!“

Elena erschrak selbst: Nach der flammenden Hitze, die in der Wohnung herrschte, schnitt ihr die Winterkälte schmerzhaft in die bloße Haut. Sie riskierte einen letzten Blick zurück – nein, den Gedanken, noch schnell ein Kleidungsstück oder eine Decke zu holen, konnte sie verwerfen. Gerade in diesem Moment züngelten die ersten Flammen durch die Zimmertür, und im Flur brach mit ohrenbetäubendem Krachen ein brennender Dachbalken ein.

„Stell dich auf die Kiste“, rief Elena ihrer Tochter ermutigend zu. Dann hob sie die Kleine so behutsam, wie es in der furchtbaren Eile möglich war, nach draußen.

Zitternd und mit klappernden Zähnen blieb Lea auf der Kiste stehen und umklammerte den abgewetzten alten Stoffhund.

Elena trieb der Qualm die Tränen in die Augen, sodass sie kaum noch etwas sehen konnte. Mit letzter Kraft ließ auch sie sich aus dem Fenster gleiten und landete mit ihren nackten Füßen im Schnee. Der Schmerz raubte ihr den Atem.

„Brennt unser ganzes schönes Haus ab, Mami? Unser Hexenhäuschen?“

Elena presste Lea an sich, während die furchtbare Erkenntnis wie eine Welle über ihr zusammenschwappte: Ja, dort vor ihren Augen ging ihr Haus, ihre gesamte mühsam aufgebaute Existenz, in Flammen auf.

Wie hatte sie gekämpft, um diese Lebensgrundlage für sich und Lea zu schaffen!

Leas Vater, Elenas große Liebe Julian, hatte sie verlassen, kaum dass sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte.

Das mit ihr sei sowieso nur eine flüchtige Affäre gewesen, hatte er ihr gestanden, und er sei längst mit einer anderen verlobt – mit Ramona, der einzigen Tochter eines Staranwalts, in dessen Praxis der ehrgeizige junge Jurastudent nur allzu gern einheiraten wollte.

„Lass es doch wegmachen“, hatte er Elena geraten. „Weshalb willst du dir mit so einem Schreihals deine ganze Jugend verderben? Auf mich kannst du jedenfalls nicht zählen, Elli. Überhaupt, woher weißt du eigentlich, dass du es von mir hast? Da gibt es ja wohl noch jede Menge andere Kandidaten.“

Nicht einen, hätte Elena ihm sagen können. Du bist der Einzige, den ich je geliebt habe, und auch der Einzige, dem ich mich je hingegeben habe.

Aber dazu war sie zu stolz gewesen. Stattdessen hatte sie behauptet, sie würde tun, was er ihr geraten hatte, und hatte ihn stehen lassen.

In Wirklichkeit war eine Abtreibung für Elena nie eine Option gewesen. Schon in diesem Augenblick hatte sie ihr Kind mit einer überwältigenden, nie gekannten Innigkeit geliebt und hatte nichts als den heftigsten Wunsch verspürt, es vor allem Unheil zu beschützen.

Dass sie sich mit einem unehelichen Kind in ihrem strengen Elternhaus nicht mehr blicken lassen durfte, war Elena klar gewesen. Also hatte sie ihre Heimatstadt Kiel verlassen und war auf der Suche nach Arbeit durch den gesamten Norden Deutschlands gezogen.

Als junge Töpferin war es schwierig gewesen, etwas zu finden, auch wenn der Meister, der Elena ausgebildet hatte, ihr außergewöhnliches Talent bescheinigt hatte. Dann hatte sie schließlich auf der Insel Sylt über die Sommersaison eine Anstellung als Zimmermädchen in einem liebevoll geführten Hotel gefunden. So hatte sie zumindest noch ein wenig Geld verdienen können, ehe das Baby zur Welt kam.

In dem Hotel hatte sie auch eine Unterkunft bekommen, doch die Sorge um ihre Zukunft hatte sie weiterhin gequält: Sobald ihre Schwangerschaft zu weit fortgeschritten war, um die Arbeit zu bewältigen, würde sie wieder auf der Straße sitzen, hatte sie befürchtet.

Dieses Mal aber schien das Glück auf ihrer Seite zu sein: Die Wirtsleute des Hotels und ihre Mitarbeiter waren beinahe wie Mitglieder einer Familie miteinander umgegangen, und alle hatten sich geradezu überschlagen, um der jungen Frau zu helfen.

Eines Morgens hatte Maike Peters, die Besitzerin, strahlend vor Elena gestanden und mit einer Visitenkarte gewinkt.

„Hier“, hatte sie vergnügt ausgerufen und Elena die Karte in die Hand gedrückt. „Das ist eine Adresse am Westrand von Hörnum, also nur ein paar Minuten von hier. Das Haus liegt direkt neben dem meiner Eltern, es soll sehr gemütlich sein, und es steht ab nächsten Monat leer.“

Das kleine Haus hatte es Elena sofort angetan: Was für ein schöner Ort, um ein Kind aufzuziehen!

Maikes Eltern – Gerrit und Inka Freese – hatten dann noch ein gutes Wort beim Vermieter eingelegt, Gerrit Freese hatte bei der Bank für ihren Kredit gebürgt, und so war es Elena gelungen, ihrer Kleinen doch noch ein Zuhause zu geben. Sie hatte sich eine eigene Töpferwerkstatt eingerichtet, in der sie sich die Arbeit selbst einteilen und sich zugleich um Lea kümmern konnte.

Den bohrenden Schmerz und die tiefe Enttäuschung über Julians Verrat hatte sie tief in sich begraben. Zum Glück hatte sie alle Hände voll zu tun gehabt, was beim Verdrängen half. Zwar war sie abends grundsätzlich todmüde ins Bett gefallen, aber sie war auch stolz gewesen auf das, was sie sich aus eigener Kraft geschaffen hatte.

Und jetzt war all das in einer einzigen Nacht vernichtet worden! Sie hatten kein Dach mehr über dem Kopf, keine Möglichkeit mehr, für sich und Lea den Lebensunterhalt zu verdienen. Alles, was ihnen geblieben war, waren der Stoffhund Kuno und eine Kiste mit alten Kleidern.

Am liebsten hätte Elena sich hier in den Schnee fallen lassen und das ganze Elend vergessen. Aber das durfte sie nicht. Sie musste an Lea denken. In jedem Moment ihres Lebens musste sie immer und überall zuerst an Lea denken.

„Komm, wir gehen hinüber zu Onkel Gerrit.“ Sie ignorierte den Schmerz, der sich in ihren Sohlen festbiss, und hob ihr Kind auf. „Ich trage dich.“

Gerrit Freese hatte Lea erlaubt, ihn „Onkel“ und seine Frau Inka „Tante“ zu nennen, und Elena war den beiden dankbar dafür. Lea war oft traurig darüber, dass die anderen Kinder im Kindergarten etliche Verwandte hatten, während ihre eigene Familie nur aus ihnen beiden bestand.

„Da kommt ja Onkel Gerrit!“, rief Lea und wies nach vorn in die Dunkelheit.

Im selben Augenblick heulte die Sirene des Feuerwehrwagens auf, und dann entdeckte auch Elena den grauhaarigen Mann, der im rasch übergeworfenen Mantel durch den Schnee auf sie zu hastete. Dicht auf den Fersen folgte ihm seine Frau, die ein Bündel Decken unter dem Arm trug. Der Wagen der Feuerwehr jagte mit Blaulicht die Gasse hinunter, und wie auf Befehl öffneten sich die Türen an sämtlichen Häusern, und Menschen stürmten hinaus in die Nacht, um zu helfen.

Aber wer konnte ihnen denn noch helfen?

Gerrit Friese erreichte sie als Erster, nahm Elena das zitternde Kind ab und hüllte es in seinen Mantel.

„Mein Gott, Sie Ärmste!“, rief seine Frau.

Sie hatte gesehen, dass Elena nicht einmal Schuhe trug, und warf eine der Decken auf den Boden, damit sie sich daraufstellen konnte. Eine zweite wickelte sie ihr um die Schultern.

„Es hat überhaupt keinen Sinn, hier zu stehen und das mitanzusehen“, sagte sie resolut. „Sie brechen sich ja das Herz, Elena. Kommen Sie lieber ins Haus, da haben Sie es wenigstens warm.“

„Aber ich muss doch …“, stammelte Elena. Dann wurde ihr klar, dass sie gar nichts mehr tun musste, weil sie nichts mehr tun konnte. „Wir haben kein Zuhause mehr“, murmelte sie. „Keinen Ort, an den wir gehen können.“

Schützend legte Inka Freese den Arm um sie.

„Natürlich haben Sie einen Ort, an den Sie gehen können“, sagte sie. „Sie kommen erst einmal zu uns, und alles andere wird sich schon finden. Sie sind beide am Leben und unverletzt – das ist alles, was im Augenblick zählt. Sie sind doch eine von uns, Elena. Wir Leute aus Hörnum lassen doch niemanden im Stich.“

Sie hat recht, dachte Elena.

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