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Am Bahnsteig entgleist die Zeit

Inhalt

BeziehungsLos

Der Brief

Andro

Verluste

Sonnabends

ZwischenZeiten

Grenzgänger

Leipzig 1990 - ein Wiedersehen

Ich kenne die Frau nicht

Bericht über einen Spaziergang

ZeitGedanken

Der Spaziergänger

Besuch aus Babylon

Stadtzeit

AltersBlicke

Brennesseln

Schwestern

Lust auf Hunger

Die Freiheit der Verlassenheit

Als
sie das Zimmer betrat
fand sie Papier verstreut über
Teppich Bett und Schreibtisch sogar
auf Schrank und Stehlampe lagerten Blätter.
Und alle beschrieben.
Es mußte ein Wind darüber hingefahren sein
nichts war gebündelt niemand hatte
sorgfältig Blatt für Blatt sortiert.

Sie bückte sich streckte sich
begab sich sofort daran
die Schriftzüge die Leben enthielten
einander zuzuordnen.
Denn es waren ihre Erlebnisse
ihre Erfahrungen
die ausgebreitet vor ihr lagen
so wie sie ihr im Kopf hingen.
Stoff für Geschichten.

BeziehungsLos

 

Der Brief

Der Tag hatte schlecht angefangen. Er hatte Ausschuß erzeugt. Texte, die fertig gewesen waren, schienen plötzlich mager und träge, ohne spannendes Geheimnis und ohne geheimnisvolle Spannung. Er hatte die Seiten rechts und links von seinem Stuhl einfach auf den Teppich flattern lassen, nur weg aus seinen Augen. Erst hatte er versucht zu korrigieren, hatte im Computer Sätze gelöscht, andere eingeschoben, die Zusammenhänge, die vorher zu glatt waren, fingen jetzt an zu stottern und zu hinken. Den Mord, den er eingebaut hatte, würde jeder sofort durchschauen, und als er die Leiche verschwinden ließ, wirkte alles unglaubhaft.

Verzweifelt hat er sich in die Kneipe an der Ecke begeben. Er hat sich ein halbes Hähnchen und eine Cola an der Theke geholt, sitzt am Holztisch neben dem Fenster, dessen Butzenscheiben nicht durchschaubar sind. Die Cola eigentlich zu süß. Aber durch sie fühlt er sich mit der ganzen Welt verbunden. Martin hätte an jeden anderen Ort gehen können, er ist herrlich frei. Niemand fragt nach ihm. Der Lärm ist draußen vor der Tür geblieben, an der Theke spült ein Mann die Gläser, Topfpflanzen verdecken ihn, nur die Geräusche sind da.

Martin will ungestört sein. Denn beim Fortgehen aus seiner Wohnung hat er einen Brief gefunden. Lydia hat ihm geschrieben. Lydia, die Freundin aus der Schulzeit, die eine vollendete Familie gegründet hat. Warum schrieb sie ihm? Eigentlich hatten sie sich nie gemocht. Lydia mit ihrem geraden Lebensweg. Schule, Berufsausbildung, Heirat, Kinder. Martin entfaltet den Brief, nein, er reißt ihn nicht auf, die Handschrift ist zu korrekt, noch immer zu korrekt, er hat in der Schule schon gespottet: wie gedruckt. Schreibt sie ihm etwa aus Mitleid? Oder will sie ihn wiedermal zur Normalität - wie sie das nennt - bekehren? Er überfliegt den Brief. Nein. Nichts.

Martin knabbert an seinem Hähnchen, den Blick immer auf den Brief gerichtet. Er hat nicht oft Gelegenheit, richtige Brief aus seinem Kasten zu ziehen, meistens sind auch handschriftlich adressierte Briefe nur Werbegags. Er ist fast der einzige im Lokal. Was ihm gefällt. Schließlich ist er dem Familienschoß entflohen und in die Anonymität dieser wirklichen Großstadt gezogen, um unbehelligt seine schöpferischen Ideen zu verwirklichen. Beim Kauen denkt er intensiv an den Mörder, der die Frau haßt, die ihn zurückweist. Ob so einer wirklich die Geliebte umbringen könnte?

Erst als er satt ist, faltet er den Brief wieder auseinander. Lydia will nur mal erzählen. So schreibt sie. Damit der Kontakt erhalten bleibt. Auch wenn keine Hochzeit und kein neues Kind zu melden sind. Was soll es auch jetzt noch geben. Zwei Kinder sind schließlich normal. Todesanzeigen, fällt Martin ein. Geburt, Hochzeit, Kinder, Tod. Das ist die Reihenfolge der Anzeigen. Ob Lydia daran gedacht hat? Oder ob sie genau da aufgehört hat, in Anzeigen zu denken? Sie meldet jetzt Haus und Garten. Das geht nämlich nicht per Anzeige. Wenigstens ist es nicht üblich, und sie tut nichts, was nicht üblich ist. So wie es auch in ihren Kreisen nicht üblich wäre, ihn zu besuchen. Er hätte sie sonst gern schon längst mal getroffen, hier in der Stadt. Ihr Leben schien ihm manchmal beneidenswert. Kinder. Nicht Alleinsein. Freunde und Bekannte.

Schnell legt Martin den Brief wieder zusammen, er faltet nicht, er schlägt ihn einfach zu, packt ihn verquer in den Umschlag zurück, stopft ihn zum Kleingeld in die Jackentasche. Bleibt noch sitzen. Wie sorgsam sie immer alles gelernt hat, in der Schule. Wie ordentlich ihre Hefte aussahen und das Gerede mit den Freundinnen. Wie beliebt sie war. Kichern. Lachen. Das in seinen Ohren wie Gespött klang.

Bei ihr Zuhause Sauberkeit und Glanz. Er spielte manchmal mit ihr Schach. Das war das einzige Spiel, was er mochte. Sie machte sowieso alles mit. Was anständig war. Sie waren Nachbarskinder. Lebten Zaun an Zaun.

Auch bei ihm Zuhause alles voller Sauberkeit. Nicht ganz so viel Glanz. Aber Ordnung Ordnung über alles. Nur sein Zimmer stach ab. Merkwürdige Bauwerke aus Heftklammern füllten ganze Regale. Zwischen verstreuten Schulheften lagerten Gedichte, seine Gedichte und seine Romananfänge, daneben Bücher kreuz und quer, Reklame von Autos, Stöße von Zeitungen, riesengroß die Skyline von New York, auf die gute Tapete geklebt, mit Tesastreifen, die dann Flecken hinterlassen werden beim Ablösen. Aber das Poster soll ja gar nicht abgelöst werden.

Jetzt sitzt er als einziger Gast noch im Lokal. Zwischen Mittag und Nachmittag herrscht Flaute. Der Mann, der an der Theke gespült hat, nähert sich auch schon mit Schlüsselbundgeklapper der Eingangstür. 17 Uhr machen wir wieder auf. Danke. Es klingt, als solle er um jeden Preis wiederkommen.

Er muß sowieso gehen. Er muß dringend einen Artikel korrigieren. Hoffentlich nimmt ihn die Zeitung dann, nachdem sie den Bericht über das moderne Denkmal erst mal abgelehnt hat. Viel zu eigenwillig geschrieben. Als sei das Denkmal nicht eigenwillig. Aber die Leute wollen das so nicht lesen. Dieser Satz verdirbt Martin die Freiheit. Er lebt allein, nach verschiedenen Versuchungen zur Zweisamkeit lebt er allein. Und er läßt sich seine Freiheit etwas kosten. Es ist ihm völlig klar, daß er sie mit Einsamkeit bezahlt. In dieser Stadt kennt er niemand und will er niemand kennen als diesen Redakteur, der ab und zu einen Text von ihm in der Zeitung abdruckt. Dafür muß er Bedingungen erfüllen. Darf nicht die Sprache benutzen, die er liebt, darf nicht haarscharf, und wenn nötig beleidigend, genaue Zusammenhänge aufdecken. Da Martin schließlich Miete bezahlen und essen muß, will er versuchen, seinen Stil wenigstens etwas dem Sprachgeschmack der Leute anzupassen. Sonst gerät er in andere Abhängigkeiten, die er haßt. Das Buch, das er verfaßt, wird ihn noch lange nicht ernähren.

Lydia hat geschrieben, ob er wohl vorankäme und ob er Erfolg habe. Bei ihnen gehe alles gut weiter. Ob er nicht auch eine Familie. Aber sie wisse ja, er wolle nicht. Schon damals sei er so anders gewesen. Ich habe dich oft bewundert. Hat sie das wirklich geschrieben? Nein, das bildet er sich gewiß nur ein, denkt er, während er jetzt die breite Allee herunter geht. Mitten zwischen den Baumreihen entlang, an deren Außenseite der Verkehr jagt, und weiter drüben schimmern die riesigen Schaufenster, die mit Gold und Edelsteinen protzen. Ob Reichtum unabhängig macht? Interessant findet er die ausgefallenen Möbelstücke, Stahl mit Lederpolster. Aber jetzt ist ihm das alles gleichgültig. Lydia bewundert ihn.

Er muß es nachlesen, sicher spinnt er. Sie haben ihm als Kind immer wieder gesagt, daß er spinnt. Seine Phantasie sei zu sehr entfaltet, nein, ‘übermäßig ausgeprägt’ haben sie gesagt. Außerdem sei er depressiv, haben sie ihm vorgeworfen. Nur weil er genauer nachdachte und vieles gründlicher anschaute als üblich, als normal - wie sie es nannten. Daß er etwas suchte und in dieser Gesellschaft etwas ändern wollte, beunruhigte die Menschen, die um ihn waren, also nahmen sie es ihm übel. Noch dazu, wenn er es lauthals verkündete. Unglaublich, daß Lydia nun behauptet, daß sie ihn bewunderte!

Er zieht den Brief wieder aus der Jackentasche und liest.

Ich habe dich oft bewundert Komma aber, das Komma hat sie durch einen dicken Punkt ersetzt und das ‘aber’ durchkreuzt.

Martin lacht spöttisch vor sich hin. Sie will mich besuchen. Da steht es. Nein, so kann er es nicht sagen, vielleicht spinnt er wirklich. Sie schreibt, daß sie zufällig übermorgen in seine Stadt kommt. Sie will ihn vom Bahnhof aus anrufen, vielleicht habe er Zeit für einen Plausch.

Martin, im schludrigen Hemd und in seiner lottrigen Hose, mit seinen immer noch flockigen Haaren, die sie schon damals scheußlich fand. Er sieht an sich herunter, billigste Schuhe, man sieht es ihnen an, kein Glanz auf ihnen und auf ihm, seine Haut im Gesicht großporig, seine Augen argwöhnisch eng, nur zu gut kennt er sein Bild vom morgendlichen Rasieren. So schnell wie möglich nahm er es jedesmal aus dem Spiegel. Statt es zu pflegen. Wozu man ihn immer wieder ermahnt hatte.

Wenn er die Treppe zu seiner Wohnung hinaufgeht, öffnet sich regelmäßig die Tür auf der zweiten Etage. Herr Schilby sieht heraus, als hätte er jemand erwartet. Ach, Sie sind’s! ruft er dann, und es soll erstaunt klingen, und Martin antwortet jedesmal mit einem blödsinnigen: Ja, ich bin’s! und schon erfährt er alles über den Garten des Herrn Schilby, wie heuer die Tomaten gedeihen, ob die Düngung dem Rasen gut getan hat, über Kohl und Raupen, nie nur über Kohl, nie nur von Raupen.

Martin wundert sich, wo überhaupt in dieser Stadt voller Häuser, Autos und Straßen ein Garten existieren soll. Aber er fragt nie nach, dann käme er womöglich nie nach oben in seine Wohnung.

Auch heute steht Herr Schilby vor seiner Wohnungstür. Er hat die Tür schon offen, als Martin gerade erst die Treppe zu seiner Etage erreicht hat. Ja, ich bin’s! will Martin schon das übliche Spiel beginnen, obwohl er solche Spiele haßt. Aber er verstummt vor Herrn Schilbys Miene.

Eine Dame hat nach ihnen gefragt. Eine Dame? Heute? Eine schicke junge Dame. Hatte oben geklingelt, und weil niemand öffnete, hat sie hier gefragt, ob ich vielleicht wüßte, wo sie zu erreichen sind. Und? Ich konnte keine Auskunft geben. Kommt sie wieder?

Herr Schilby zuckt mit den Schultern. War sie schlank?

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