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Am Anfang war der Tod

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Heather Graham

Am Anfang war der Tod

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Rainer Nolden

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Am Anfang war der Tod

Die Mordkommission von Miami steht vor einem schier unlösbaren Rätsel. Noch immer ist der brutale Killer nicht gefasst, der für eine Serie grausamer Morde an Frauen verantwortlich ist. Der seltsame Verkehrsunfall eines scheinbar Drogensüchtigen wirft plötzlich ein neues Licht auf die schrecklichen Taten. Denn die hochbegabte Polizeischülerin Ashley Montague und Detective Jake Dilessio vermuten, dass der Mörder auch hier seine Finger im Spiel hat. Da wird erneut eine entsetzlich verstümmelte Frauenleiche gefunden. Und ein schrecklicher Verdacht keimt in Ashley auf.

 

 

 

 

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

PROLOG

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in das Zimmer, das vom Mondlicht nur schwach erleuchtet wurde. Unvermittelt war ihr bewusst geworden, wo sie sich befand – und dass ein Mann neben ihr lag. Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren, während sie versuchte, sich an die Ereignisse der vergangenen Stunden zu erinnern. Vergeblich. Ihr Gedächtnis war wie ein weißes Blatt Papier. Dabei hatte sie geglaubt, so vorsichtig zu sein und sich so geschickt zu verhalten. Stattdessen war sie geradewegs in eine Falle gelaufen.

Angespannt lauschte sie. Seine regelmäßigen und tiefen Atemzügen sagten ihr, dass er eingeschlafen war.

Jetzt war sicher nicht der richtige Augenblick, um darüber nachzugrübeln, was sie getan hatte und in welch unangenehme Lage ihre Nachforschungen sie gebracht hatten. Ihr blieb keine Zeit, sich Gedanken über die Folgen ihrer Handlungen zu machen. In diesen Sekunden sollte sie besser nur an eines denken.

An Flucht.

Vorsichtig rollte sie sich auf die Seite. Geräuschlos schlüpfte sie aus dem Bett und zog sich so leise wie möglich an.

„Wo willst du denn hin?“

Sie fuhr herum, eine Silhouette im Mondlicht. Auf einen Ellbogen gestützt, beobachtete er sie aufmerksam.

Mit einem aufgesetzten Lächeln ging sie zurück zum Bett, beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Stirn. „Was für eine Nacht“, bemerkte sie leichthin. „Wow! Ich habe auf einmal eine unbändige Lust auf Eis bekommen. Und auf Kaffee. Mir ist ganz schwindlig im Kopf“, setzte sie hinzu. Hoffentlich kamen ihm ihre nächtlichen Gelüste nicht verdächtig vor. Jetzt, wo sie es gerade bis hierhin geschafft hatte: ins innerste Heiligtum.

„In der Tiefkühltruhe ist ganz bestimmt Eis. Und Kaffee haben wir auch immer vorrätig.“

„Ich möchte nicht irgendein Eis. Ich will etwas von der neuen Sorte, die es bei Denny gibt“, entgegnete sie. „Gott sei Dank hat er rund um die Uhr geöffnet. Außerdem … nun ja, weißt du, es ist schon ein etwas merkwürdiges Gefühl für mich, hier zu sein. Bei dir.“

Sie richtete sich auf, schlüpfte in ihre Schuhe und griff nach ihrer Schultertasche, die sich seltsam leicht anfühlte.

„Es tut mir Leid“, sagte er sehr ruhig. „Aber du gehst nirgendwo hin.“

Im Dunkeln stand er auf. Sie wusste, auch ohne ihn deutlich sehen zu können, dass er einen außergewöhnlich muskulösen Körper hatte. Es wäre ein Fehler, seine Kräfte zu unterschätzen. Sich in Form zu halten, gehörte zu den bevorzugten Leidenschaften in seinem Leben. Ein paar andere kamen noch dazu.

„Ich möchte doch nur ein Eis“, beharrte sie.

Langsam ging er zu ihr hinüber. Sein Gesichtsausdruck war nicht grimmig, sondern eher mitleidig. „Du lügst. Ich glaube, du hast bekommen, was du wolltest, wonach du gesucht hast. Tut mir Leid, aber du gehst jetzt nicht weg.“

Sie griff in ihre Ledertasche und tastete nach ihrer Waffe.

„Die Pistole ist nicht mehr drin“, sagte er leise.

Er kam noch einen Schritt näher. Die Waffe war tatsächlich verschwunden. Gleichzeitig mit dieser Erkenntnis kam die Panik, und ihre Gedanken überschlugen sich. Sie musste weglaufen. So schnell wie möglich von hier verschwinden.

„Was hast du mit mir vor?“

„Ich möchte dir wirklich nicht wehtun.“

Dieser Mistkerl. Bestimmt wollte er ihr nicht wehtun. Er wollte sie nur umbringen.

Wieder trat er einen Schritt auf sie zu. Blitzschnell beschloss sie, ihre Tasche als Waffe zu benutzen. Gekonnt ließ sie sie um ihr Handgelenk wirbeln und traf ihn mitten ins Gesicht. Dann machte sie einen Satz auf ihn zu und rammte ihm ihr Knie mit aller Kraft zwischen die Beine. Sie hörte ihn nach Luft schnappen; dann brach er zusammen.

Sie stürmte aus dem Schlafzimmer.

Voller Panik lief sie durchs Haus, auf der Suche nach dem Ausgang. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Jemand versperrte ihr den Weg. Jemand, den sie sehr gut kannte. Vor Verblüffung blieb ihr den Mund offen stehen. Mit dieser Person hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Und nun fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Natürlich – deshalb war sie enttarnt worden; deshalb wussten sie, wer sie wirklich war.

„Du Miststück“, zischte sie.

„Aber jetzt wenigstens ein reiches Miststück.“

Sie hatte den Geschmack von Galle im Mund, und die Wut raubte ihr fast den Verstand. Jetzt wusste sie, in welch große Gefahr sie sich gebracht hatte. Vor Abscheu und Zorn brachte sie kein Wort hervor.

Es würde nichts an den Tatsachen ändern, die sie herausgefunden hatte.

Ihr Instinkt und ihr gesunder Menschenverstand gewannen die Oberhand. Jetzt konnte sie nur noch eines tun – sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen.

Wie von Furien gehetzt, rannte sie los.

Sie durchquerte die Eingangshalle, erreichte die Haustür, drehte mit zitternden Fingern den Schlüssel herum und war im Freien. Keine Alarmsirene schrillte.

Natürlich nicht. Alarm würde nur … die Polizei aufmerksam machen.

Sie musste sich zusammenreißen, um nicht hysterisch zu werden.

Sekunden später lief sie die Einfahrt hinunter. Vom Haus hörte sie Schritte, die immer näher kamen.

Ihr war klar, dass sie es nicht bis zur Garage schaffen würde, um ihren Wagen zu holen. Bis dahin hätten sie sie schon längst erwischt. Sie musste laufen und konnte nur hoffen, so schnell wie möglich auf die Straße zu gelangen.

Vielleicht begegnete sie einem Frühaufsteher, der bereits mit seinem Wagen unterwegs war.

Sie hastete über die lang gestreckte Einfahrt, erstaunt darüber, dass sie so schnell laufen konnte, wenn es nötig war. Nein, nicht wenn es nötig war. Sondern weil sie verzweifelt war. Während sie versuchte, nicht an Tempo zu verlieren, kramte sie in ihrer Tasche nach dem Handy. Na bitte! Da war es ja.

Sie wählte die Nummer der Polizei. Nichts geschah. Das Handy hatten sie ihr gelassen. Doch den Akku hatten sie herausgenommen.

Unermüdlich sprintete sie weiter, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, mit ihren Kräften Haus zu halten. Adrenalin und Instinkt trieben sie vorwärts – und der Wille, zu überleben.

Plötzlich vernahm sie ein rasselndes Geräusch. Es klang schrecklich in ihren Ohren.

Dann merkte sie, dass es ihr eigener Atem war, der nur noch stoßweise ging. Na wenn schon! Es war ihr gelungen, aus dem Haus zu fliehen, womit die anderen vermutlich nie gerechnet hatten. Ein kleiner Sieg. Jetzt konnte sie nur noch hoffen, so weit wie möglich zu kommen und Hilfe zu finden, ehe sie sie erneut erwischten.

Sie schluckte hart und ignorierte das Brennen in ihren Lungen und die glühenden Schmerzen in ihren Muskeln. Darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen, denn sie hatte noch einen weiten Weg vor sich. Sie biss die Zähne zusammen und kämpfte mit letzter Kraft gegen die Welle von Hysterie an, die über ihr zusammenzuschlagen drohte.

Endlich hatte sie die Straße erreicht. Wie dunkel die Nacht auf dem Land sein konnte! Sie war in der Großstadt aufgewachsen, und dort war es immer hell gewesen. Hier draußen dagegen …

Sie war noch nicht weit gekommen, als die Schmerzen in den Muskeln sie erneut zu lähmen drohten. Ihre Lungen standen in Flammen.

Unvermittelt tauchten Lichter in der Dunkelheit vor ihr auf und blendeten sie. Ein Wagen! Genau in dem Moment, als sie Hilfe so bitter nötig hatte, kam ein Wagen die Straße entlang. Stolpernd blieb sie stehen und konnte nicht fassen, dass ein Wunder geschehen war. Sie lief zur Fahrertür. „Gott sei Dank! Rutschen Sie rüber. Machen Sie schnell.“

Sie spürte den Pistolenlauf, der von hinten in ihre Rippen gepresst wurde.

Und sie hörte sein Flüstern. Er war nicht einmal außer Atem.

„Das Spiel ist aus.“

Sie erstarrte und blickte den Fahrer an. Sah das lächelnde Gesicht, das sie sofort erkannte. Das Herz sank ihr in die Magengrube.

Sie betete und flehte um Vergebung für ihre Sünden. Stolz und Überheblichkeit waren ihre schlimmsten.

Oh Gott, ja. Viel zu viel Stolz. Und Dickköpfigkeit. Sie hatte die Wahrheit allein herausfinden wollen – und sie hatte auch die Ehre für sich allein gewollt.

Die Ehre! Was für eine lächerliche Vorstellung – unter diesen Umständen.

Erstaunlich, dass jemand mit einer solchen Überheblichkeit so verängstigt sein konnte.

Nur keine Panik! Gib nicht auf! redete sie sich ein. Tu jetzt bloß das Richtige. Erinnere dich an die Tricks, benutze deinen gesunden Menschenverstand. Verhalte dich psychologisch geschickt. Tu all das, was du gelernt hast …

Um das hier zu überleben.

Und bete. Ihr taten all die Menschen Leid, denen sie Unrecht zugefügt und die sie verletzt hatte.

„Gehen wir“, sagte er eisig.

„Erschieß mich doch hier.“

„Nun, das könnte ich wirklich. Aber erst mal tust du, was ich dir sage. Solange du lebst und atmest, kannst du hoffen, nicht wahr? Selbst wenn es nur eine verschwindend geringe Hoffnung ist, dass du den Spieß vielleicht noch herumdrehen könntest. Also los, steig ein! Setz dich neben den Fahrer, sofort. Und keine schnelle Bewegung. Ich bleibe dicht hinter dir.“

Sie tat, was er von ihr verlangte. Er hatte Recht. Sie würde wirklich bis zur letzten Sekunde kämpfen, bis zu ihrem letzten Atemzug. Er schob sie auf den Beifahrersitz, während er auf der Rückbank Platz nahm. Die ganze Zeit hielt er die Pistole auf sie gerichtet. Fieberhaft überlegte sie. Was hatte er vor? Wie wollte er es anstellen, jeden Hinweis darauf, dass sie hier gewesen war, zu beseitigen?

Als sie auf das Haus zufuhren, öffnete sich das Garagentor. Der Wagen bremste, und er zog sie heraus. Er bedeutete ihr, vor ihm herzulaufen. „Ich denke, es ist Zeit für einen weiteren Ausflug.“

Sie warf ihm einen Blick zu.

Er lächelte sie grimmig an.

„Leider wird es dein letzter sein.“

Die Tür ihres eigenes Wagens stand offen. Die Mündung der

Pistole bohrte sich hart in ihren Rücken, und sie stieg ein. Es blieb ihr nichts anderes übrig. Denn er hatte Recht: Sie würde nicht aufgeben, solange sie atmete. Solange sie hoffen konnte.

Jemand, den sie nicht kannte, ein schweigender Komplize, erwartete sie. Als man sie auf den Fahrersitz zwang, nahm der Mann hinter ihr Platz.

Er selbst setzte sich neben sie und befahl ihr loszufahren.

Hoffnung …

Mit einer Drehung des Zündschlüssels war sie ihrem Tod ein kleines Stück näher gekommen.

Sie musste sich an die Hoffnung klammern.

Um sich von ihrer Angst abzulenken, redete sie. Und auch, damit die anderen nichts von ihrer Angst spürten. Sie sollten keineswegs merken, wie ihr zumute war.

„Ihr seid wirklich die miesesten Schweine, die ich kenne. Das alles hatte doch nichts mit Religion zu tun. Ihr habt so viele Menschen getäuscht, indem ihr ihnen das Seelenheil versprochen habt.“

„Ach, zu dumm. Jetzt hast du uns erwischt. Kluges Mädchen. Viel zu klug. Aber doch nicht klug genug, um den Wald vor lauter Bäumen zu sehen.“

Sie warf einen Blick in den Rückspiegel und versuchte, das Gesicht der Person zu erkennen, die hinter ihr saß. War das möglicherweise ihr Verräter? Sie war ja so dumm gewesen! Sie hätte die Wahrheit erkennen müssen … aber selbst die anderen hatten nicht das Geringste geahnt. Schließlich gab es ja keinen Grund, etwas so Abscheuliches von einem Menschen zu erwarten, der nach außen hin so anständig wirkte.

Ein Schauder fuhr ihr über den Rücken. Hätte sie doch bloß etwas gemerkt …

Sie klang ungeduldig und herrisch, als sie das Wort ergriff. „Ihr könntet beide noch aus der Sache herauskommen, ohne dass ihr die Todesstrafe befürchten müsstet. Lasst mich zum Polizeirevier fahren. Erzählt die Wahrheit. Ich bin sicher, dass man über das Strafmaß verhandeln kann.“

„Wir können dich unmöglich laufen lassen“, sagte der Mann neben ihr, und seine Stimme klang gefährlich leise. „Es tut mir Leid.“

In diesem Moment wurde ihr klar, dass er ihr tatsächlich keinen Schmerz zufügen wollte. Dass es ihm wirklich Leid tat, was er mit ihr tun würde. Und gleichzeitig erkannte sie, dass er nicht derjenige war, der hier das Sagen hatte.

„Wenn mir etwas passiert, ist die Sache noch längst nicht vorbei. Dilessio wird hinter euch her sein, bis zu seinem letzten Atemzug.“

Ein wütender Laut hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Vielleicht sollte sie besser den Mund halten. „Dilessio wird nicht das Geringste beweisen können.“

„Dazu werden sie dich erst finden müssen“, schaltete sich der Mann auf dem Beifahrersitz mit unverändert leiser Stimme wieder ein.

Er hatte selber Angst, das spürte sie ganz deutlich. Und ihr wurde bewusst, dass sie noch nicht einmal einen Bruchteil von dem herausgefunden hatte, was hier wirklich vor sich ging.

Jetzt war es sowieso zu spät dafür.

Kluges Mädchen. Wirklich!

Während sie den Anweisungen folgte, die sie zu ihrem Ziel bringen sollten, begann sie, stumm zu beten. Sie bat Gott, sie gnädig aufzunehmen und ihr die vielen Sünden zu vergeben, die sie begangen hatte.

Einen Ausweg gibt es vielleicht noch, überlegte sie. Gas geben, gegen einen Baum fahren und alle mit in den Tod reißen.

Gerade als sie es tun wollte, wurden ihr die Hände vom Lenkrad gerissen. Der plötzliche Druck auf ihre Finger war so schmerzhaft, dass sie ihre Absicht vergaß. Der Wagen rollte aus.

„In Ordnung. Hier können wir stehen bleiben“, sagte der Mann auf dem Rücksitz.

Ihre Hände taten immer noch höllisch weh. Sie versuchte, den Schmerz zu ignorieren, und überlegte, wie sie die beiden Männer überwältigen könnte, denen sie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.

Es gab keine Möglichkeit.

Oh Gott …

Der Schlag kam unvermittelt. Ihr Kopf wurde von hinten mit brutaler Gewalt gegen die Windschutzscheibe geschleudert. Als alle Lichter ausgingen, als sogar der Schmerz zu einem gnädigen Nichts wurde, klang seine Stimme aus weiter Ferne an ihr Ohr. Sie war so vage wie das Vergessen, das sich in ihr ausbreitete und sie in Empfang nahm.

„Ich wollte dir wirklich niemals wehtun. Es tut mir so Leid. Es tut mir wirklich Leid.“

Bitte, Gott, vergib mir.

Ihre Gedanken konzentrierten sich auf das Gebet.

Die Worte zerfielen in Einzelteile wie die Splitter eines zerbrechenden Glases.

Und dann gab es nur noch die Dunkelheit.

1. KAPITEL

Fünf Jahre später

Erst später gestand Ashley sich ein, dass der Vorfall wenigstens zum Teil ihre Schuld gewesen war. Irgendwie hatte er ihr auch einen leichten Schreck versetzt. Und Erschrecken hatte zumindest entfernt etwas mit Angst zu tun. Nur ungern gab sie zu, dass Kleinigkeiten ihr Angst bereiten konnten. Es passte einfach nicht zu der Lebensweise, die sie für sich gewählt hatte.

Also …

Ja, es hätte durchaus ihre Schuld sein können. Aber es war noch nicht einmal sechs Uhr morgens. Einige von Nicks Stammgästen kamen in der Tat manchmal sehr früh. In der Morgendämmerung klopften sie an die Tür, weil sie wussten, dass er bereits aufgestanden war. Allerdings hatte sie nicht im Entferntesten damit gerechnet, einem von ihnen bereits vor Sonnenaufgang über den Weg zu laufen.

Es war noch dunkel. Für einige Leute also mitten in der Nacht.

Außerdem hatte sie gerade das Handy am Ohr. Beim Signalton hatte sie mit einem Anruf von Karen oder Jan gerechnet, die sich erkundigen wollten, ob sie schon wach und unterwegs war. Und obwohl sie mit ihrem Kaffee, ihrer Handtasche, ihren Schlüsseln und ihrer Reisetasche bepackt war, hatte sie den Anruf beantwortet. Am anderen Ende war allerdings weder Karen noch Jan, sondern ihr Freund Len Green, der schon seit einiger Zeit bei der Polizei arbeitete und ihr Vorwärtskommen wohlwollend beobachtete – ganz so, als wäre er ihr Vater. Er hatte angerufen, weil er wusste, dass sie in wenigen Minuten losfahren würde. Er wolle ihr noch einen fantastischen Urlaub wünschen, hatte er ihr auf seine ironische Art zu verstehen gegeben. Und außerdem sicher gehen, dass sie früh genug aus den Federn gekommen war, um Jan und Karen rechtzeitig abzuholen, für die Ashley den Chauffeur spielen wollte. Lachend bedankte sie sich bei Len und gab ihm mit leicht pikiertem Unterton zu verstehen, dass sie immer rechtzeitig wach wurde. Beiläufig erzählte er ihr, dass er möglicherweise nach der Arbeit mit ein paar Freunden, die bei der Feuerwehr arbeiteten, ebenfalls nach Orlando fahren würde, und dass sie sich vielleicht treffen könnten. Als sie die Haustür öffnete, hielt sie das Handy noch in der Hand und drückte auf die Taste, um das Gespräch zu beenden.

Niemand hatte an die Tür geklopft. Sie hatte kein Geräusch gehört. Voll und ganz damit beschäftigt, dass ihr die Gepäckstücke nicht aus der Hand fielen, hatte sie die Tür geöffnet und war hinausgestürmt.

Mit ziemlich viel Schwung.

Und geradewegs in ihn hineingelaufen.

Er stand im Schatten des Hauses und war im fahlen Licht des Morgens kaum zu erkennen. Fast hätte sie laut aufgeschrien, als ihre Reisetasche auf seine Füße fiel. Eine der Keksdosen, die sie auf dem Unterarm balancierte, landete auf dem Boden. Der Kaffeebecher, der sich in ihrer Hand den Platz mit dem Schlüssel teilen musste, rutschte ihr aus den Fingern, und die heiße Flüssigkeit ergoss sich über sie beide.

„Verdammt!“

„Verdammt!“

Er trug ein kurzärmeliges Jeanshemd, dessen oberste Knöpfe offen standen, so dass der Kaffee seine Brust verbrühte. Unwillkürlich stieß er einen Fluch aus – zur selben Zeit wie sie. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und trat schnell einen Schritt zurück. Aber da er offenbar nicht die Absicht hatte, sie zu bedrohen, beschloss sie, ihren Schrei zurückzuhalten.

Er sah aus wie einer der braun gebrannten Schönlinge, die den ganzen Tag am Strand herumlungerten.

„Was, zum Teufel …?“ stotterte sie.

„Ja – was zum Teufel?“ wiederholte er und strich über das

Hemd, auf dem der Kaffee einen braunen Fleck hinterlassen hatte.

„Ich wollte zu Nick.“

„So früh am Morgen?“

„Entschuldigen Sie bitte, aber er hat mich ausdrücklich gebeten, ‚so früh am Morgen‘ zu kommen.“

Der Mann war ziemlich sauer. Einer von Nicks Freunden vermutlich. Sie trat noch einen Schritt zurück und musterte ihn stirnrunzelnd von oben bis unten. Sie hatte ihn schon einmal gesehen. Aber er war nicht oft hier gewesen. Er gehörte nicht zu den Typen, die die Bar bevölkerten und jeden Sonntag die Footballübertragungen im Fernsehen verfolgten. Er war ruhiger. Eigentlich hatte er immer sehr nachdenklich gewirkt – jedenfalls die wenigen Male, die sie ihn überhaupt bemerkt hatte. Entsprechend gekleidet, hätte er Heathcliff aus Emily Brontës „Sturmhöhe“ sein können, der gedankenverloren übers Moor lief. Bisher hatte er immer gesessen, wenn sie ihn wahrgenommen hatte. Jetzt bemerkte sie, dass er ziemlich groß war – fast einsneunzig. Er hatte dunkles Haar, dunkle Augen, markante Gesichtszüge und war irgendwo zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig. Er machte den Eindruck, als würde er viel Zeit im Freien verbringen. Allerdings sahen viele Leute rund um den Yachthafen so aus: tief gebräunt und durchtrainiert. Was nicht zu übersehen war bei seinen abgeschnittenen Jeans und dem offen stehenden Hemd. Wahrscheinlich hatte er es nur hastig übergestreift, um den Gesetzen von Florida Genüge zu tun. Die verlangten nämlich von den Besuchern einer Bar oder eines Restaurants, Hemd und Schuhe zu tragen. Dabei stand er gar nicht vor dem Eingang des Lokals, sondern war zur Hintertür gekommen, die zu den Privaträumen führte.

„Sie hätten anklopfen sollen“, sagte sie und ärgerte sich darüber, dass sie so klang, als ob sie sich verteidigte. Schließlich wohnte sie doch hier.

„Na ja, das wollte ich ja gerade tun. Aber dann rann mir schon der Kaffee übers Hemd.“

Damit wollte er natürlich andeuten, dass sie sich entschuldigen sollte. Was natürlich überhaupt nicht in Frage kam. Sie hatte sich wirklich erschreckt, und das machte sie wütend. Das war ihr Haus, und es gab für sie überhaupt keinen Grund, damit zu rechnen, dass ein Mann vor ihrer Tür stand. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Hälfte des Kaffees auf ihr gelandet war. Sie dachte also nicht im Traum an eine Entschuldigung.

„Verdammt“, sagte sie, als sie feststellte, dass die Hälfte der Kekse auf die Erde gefallen und bereits von den Möwen entdeckt worden war. Wieder funkelte sie ihn an. „Meine Plätzchen kann ich vergessen. Das ist Ihre Schuld.“

„Bin ich etwa für Ihre Plätzchen verantwortlich?“ erwiderte er. Sein Tonfall gefiel ihr ganz und gar nicht. Und auch nicht sein herablassender Gesichtsausdruck, der zu sagen schien: Was habe ich mit deinen blöden Plätzchen zu tun? Er sah sie so ungläubig an, als wären ihre Kekse die unwichtigste Sache der Welt.

Was ganz und gar nicht der Fall war. Sie waren ein Geschenk. Sharon hatte die Dose auf die Theke gestellt und ihr ein wunderschönes Wochenende gewünscht.

„Eine Schande. Die Plätzchen sind selbst gebacken und schmecken fantastisch. Sie waren ein Geschenk.“ Sie verstummte, denn sie hatte das Gefühl, dass sie sich wegen ihrer Plätzchen lächerlich machte. „Und jetzt kann ich auch noch meine Schlüssel suchen. Außerdem muss ich mich umziehen. Dabei bin ich ohnehin schon so spät dran. Wir öffnen erst um elf – wenn Sie sich das bitte für die Zukunft merken wollen. Nick ist allerdings schon auf. Ich sage ihm, dass Sie hier sind.“

„Bei Ihrer Schadensbestandsaufnahme haben Sie noch was vergessen.“

„Was denn?“

„Ihr Kaffee hat mir meine Haut verbrüht. Ich könnte Sie verklagen.“

„Ich würde sagen, Ihr Versuch, in mein Haus einzudringen, hat dazu geführt, dass ich mir meine Bluse ruiniert habe.“

„Und natürlich auch Ihre Plätzchen.“

„Und meine Plätzchen. Also bitte, verklagen Sie mich. Tun Sie sich keinen Zwang an.“

Sie drehte sich zum und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. „Nick!“ rief sie ihrem Onkel zu. „Hier ist Besuch für dich.“ Und leise setzte sie hinzu: „Und es ist ein ziemlich arroganter Idiot.“

Sie wartete nicht auf Nicks Antwort. Schnell eilte sie durch das Haus, dessen Räume an die Bar anschlossen, in ihr Schlafzimmer, zog sich rasch um und lief wieder hinaus. Offenbar hatte Nick sie gehört und den Mann in die Küche geführt. Nick schien ihn gut zu kennen, denn die beiden unterhielten sich angeregt, während sie Kaffee tranken. Als sie an ihnen vorbeikam, unterbrachen sie ihr Gespräch. Der dunkelhaarige Mann musterte sie kühl von oben bis unten. Er schien sie einzuschätzen, dessen war sie sich sicher, aber sie hätte nicht sagen können, zu welchem Urteil er gelangte. Abgesehen davon interessierte es sie auch nicht im Geringsten. Nick hatte weder von ihr noch von seinen Angestellten jemals verlangt, dass sie freundlich zu den Leuten sein sollten, nur weil sie Gäste waren.

„Ashley …“, begann Nick.

„Wo ist Sharon? Ist sie schon aufgestanden? Ich muss mich noch bei ihr für die Plätzchen bedanken“, sagte sie, während sie den frühen Besucher verstohlen musterte. Jetzt konnte sie ihn besser in Augenschein nehmen. Ein zäher Bursche mit einem kräftigen Körper. Er hatte ein angenehmes Gesicht, trat lässig auf, schien sehr von sich überzeugt und wirkte ausgesprochen selbstsicher. Vermutlich hielt er sich für ein Geschenk Gottes an die Frauen dieser Welt.

Sie würdigte ihn keines weiteren Blickes. Stattdessen wandte sie sich ihrem Onkel zu.

„Sharon ist gestern Abend nicht geblieben, weil sie heute sehr früh bei irgendeiner Wahlkampfveranstaltung helfen muss“, erklärte Nick. „Ashley, hast du noch eine Minute Zeit …?“

„Leider nein. Wenn ich nicht sofort losfahre, komme ich in den dicksten Stau. Machs gut.“

Das war vermutlich nicht besonders nett, aber ihr stand der Sinn nicht nach höflicher Vorstellung und belanglosem Small Talk.

„Fahr vorsichtig“, ermahnte Nick sie.

„Aber natürlich. Du kennst mich doch“, sagte sie und küsste ihn auf die Wange. „Machs gut. Ich hab dich lieb.“

Als sie draußen war, sammelte sie ihre Sachen auf – bis auf die Kekse, die ein luxuriöses Frühstück für ein halbes Dutzend Möwen geworden waren.

Sie hörte, wie Nick sich bei dem Mann entschuldigte. „Ich weiß nicht, was heute Morgen in sie gefahren ist. Normalerweise ist Ash das netteste Mädchen, das man sich vorstellen kann.“

Tut mir Leid, Nick, dachte sie. Hoffentlich war der Typ nicht einer von seinen wirklich guten Freunden.

Sie war fünfzehn Minuten über die vereinbarte Zeit, als sie bei Karen vorfuhr, und fünfundzwanzig Minuten zu spät, als Jan in ihren Wagen stieg. Doch als sie dann alle zusammenwaren, schien die Verzögerung keine Rolle mehr zu spielen, und ihr Ärger verrauchte schnell. Sie hatten noch gut zwanzig Minuten Zeit, bis der Berufsverkehr einsetzen würde. Karen und Jan waren in bester Laune bei der Aussicht, ein paar Tage gemeinsam Ferien zu machen. Ein paar Plätzchen hatten den Zusammenprall gut überstanden, und Jan ließ sie sich jetzt schmecken.

„He, gib mir mal die Kekse rüber“, sagte Karen zu Jan.

„Ach, die schmecken dir bestimmt nicht“, antwortete Jan mit einem verschmitzten Grinsen. Dann aber reichte sie ihr doch die Dose mit den Schokoladenkeksen nach vorne. Karen bot sie zuerst Ashley an, die am Steuer saß.

Ashley schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“ Sie konzentrierte sich auf die Straße. Bis jetzt hatten sie freie Fahrt auf dem Highway 95. Es sah so aus, als könnte sie die verlorene Zeit wieder aufholen.

„Auf diese Weise bleibt Ashley schlank“, bemerkte Jan. „Sie hat diesen ‚Nein-danke‘-Mechanismus eingebaut.“

„Das liegt nur daran, weil sie Polizistin werden will“, meinte Karen.

Ashley lachte. „Das liegt nur daran, weil sie sich damit vollgestopft hat, bevor sie aus dem Haus gegangen ist“, erklärte sie den beiden. Und das stimmte auch. Die Vögel hatten nur noch den Rest aus der Dose bekommen, aus der sie sich zuvor reichlich bedient hatte.

„Glaubst du, dass es Diätplätzchen sind?“ fragte Karen hoffnungsvoll.

„Vergiss es. Was so gut schmeckt, macht bestimmt nicht schlank“, meinte Jan seufzend. „Wir werden die Kalorien einfach wieder abarbeiten. Sobald wir im Hotel sind, stürzen wir uns in den Pool, schwimmen ein paar Runden und joggen hinterher durch den Park.“

„Und werden anschließend noch hungriger sein“, sagte Karen missbilligend. „Meine Güte, Ashley, musstest du diese Kekse unbedingt mitbringen?“

„Wenn ich die nicht mitgebracht hätte, dann wären wir in ein Drive-in gefahren und hätten uns etwas wirklich Fetthaltiges bestellt“, versicherte Ashley ihr. „Eigentlich wollte ich noch mehr mitbringen, damit sie für die ganze Fahrt gereicht hätten.“

„Und warum hast du’s nicht getan?“

„Ich habe sie fallen gelassen. Das heißt, ich bin gegen einen Typen gerannt, der Nick besuchen wollte, und sie sind mir aus der Hand geflogen. Es war seine Schuld, nicht meine.“

„Wir müssen sowieso irgendwo halten, um Kaffee zu kaufen. Der passt gut zu den Plätzchen“, sagte Karen. „Deshalb werde ich jetzt nichts mehr essen. Keinen Bissen mehr. Bis wir Kaffee haben.“

„Milch wäre auch nicht schlecht“, ergänzte Jan.

„Milch ist gut für Cremewaffeln“, meinte Karen. „Kaffee passt zu Schokoladenkeksen.“

„Ich hatte auch Kaffee dazu, aber dann …“, murmelte Ashley.

„Hast du den auch fallen gelassen?“

„Ja, ich habe ihn fallen gelassen.“ Sie grinste Jan im Rückspiegel an. „Das heißt, ich habe ihn über den Typen gegossen. Und über mich. Ich musste mich umziehen. Deshalb war ich ja auch so spät dran.“

„Ein guter Freund von Nick?“ wollte Jan wissen. „War er sauer?“

„Oder ein netter Kerl, so einer von der alten Schule?“ hakte Karen nach.

„Ich glaube nicht, dass er ein guter Freund ist, aber ich habe ihn schon mal in der Bar gesehen. Bestimmt war er sauer. Aber es war schließlich seine Schuld.“

„Dass du ihn mit Kaffee begossen hast?“

„Na ja, er stand einfach mitten im Weg. Wer rechnet um sechs Uhr morgens schon mit Besuch?“

„Solltest du aber“, meinte Karen. „All die alten Knacker auf den Hausbooten im Hafen wissen doch, dass Nick ein Frühaufsteher ist, und sie lassen sich lieber von ihm den Kaffee servieren, als ihn selbst zu machen.“

„Du hast also den Tag damit begonnen, einen alten Knaben zu verbrühen?“ fragte Jan. „Das sieht dir aber gar nicht ähnlich. Eure Stammgäste sind doch der festen Überzeugung, dass du das netteste Mädel weit und breit bist und Nick sich glücklich schätzen kann, dich zu haben.“

„Hoffentlich hast du damit nicht einem Grufti den Herzschrittmacher außer Betrieb gesetzt“, flachste Karen.

„Ich glaube kaum, dass dieser Typ einen Herzschrittmacher hat.“

„Er war kein alter Knacker?“ sagte Jan, plötzlich sehr aufmerksam.

„Er war ein junger Schnösel“, antwortete Ashley.

„He, warum hast du mir verschwiegen, dass er gut aussieht?“ wollte Karen wissen.

Ashley zögerte. Sie runzelte die Stirn. Normalerweise schenkte sie den Leuten, die zu Nick kamen, nicht viel Aufmerksamkeit. Sie half ihm nicht mehr so viel in der Bar, wie sie es noch vor wenigen Jahren getan hatte. Trotzdem entging ihr nichts. Sie prägte sich die Gesichter ein, denn sie zeichnete sie gern. Und eigentlich konnte sie sich immer sehr gut an das Aussehen der Gäste erinnern. Plötzlich erschien es ihr seltsam, dass sie den Mann schon früher gesehen hatte, ohne ihn sonderlich zur Kenntnis zu nehmen.

„Ich habe gar nicht gesagt, dass er gut aussieht“, versicherte sie Karen.

„Schade. Ich habe gehofft, dass Nick einen neuen Stammgast hat – einen, der richtig sexy ist.“ Jan klang enttäuscht.

Eine Weile lang schwieg Ashley.

„He, sie hat nicht gesagt, dass er nicht sexy ist“, bemerkte Karen.

„Ich glaube nicht, dass er der Typ ist, den ich näher kennen lernen möchte“, sagte Ashley.

„Weil er unhöflich war?“ fragte Jan. „Ich hatte aber auch nicht den Eindruck, dass du besonders zuvorkommend gewesen bist.“

Ashley schüttelte den Kopf. „Ich war nicht unhöflich. Na gut, ich war vielleicht etwas ungehalten. Vielleicht hätte ich mich sogar entschuldigen sollen. Aber ich hatte es eilig, und er hatte mich erschreckt … um genau zu sein, hat er mir sogar ziemliche Angst eingejagt. Er wirkte irgendwie düster …“

„Düster? Dunkel? Hispanisch? Ein Latino? Ein Afroamerikaner?“ fragte Karen verwirrt.

„Nein, nein, ich meine, er sah aus, als hätte er düstere Absichten.“

„Absichten, ach so“, sagte Karen verständnisvoll.

„Aber er ist auch dunkel, ich meine, er hat dunkle Haare und dunkle Augen. Er ist braun gebrannt. Er mag offenbar Boote, das Wasser, die Sonne.“

„Hm. Das klingt sexy. Der dunkle Typ.“

„Hat er eine gute Figur?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Vielleicht sollte ich doch öfter zu Nick kommen“, meinte Karen.

„Als ob du es nötig hättest, nach Männern Ausschau zu halten“, sagte Jan.

„Na und wie. Wen lerne ich denn schon in der Grundschule kennen? Wo soll ich suchen?“

„Suchen ist kein Problem. Da gibt es Tausende von Gelegenheiten. Das Schwierige ist, einen guten zu finden“, meinte Jan.

„Dann vergiss die Idee mit Nick. Raten nicht alle Psychologen davon ab, einen Mann in einem Lokal zu suchen? Eher triffst du sie beim Bowling“, sagte Ashley.

„Ich hasse Bowling“, erwiderte Karen.

„Tja, dann ist die Bowlingbahn für dich auch nicht der richtige Ort, um einen Typen kennen zu lernen“, sagte Jan. „Und schon sind wir wieder da, wo wir angefangen haben: Wie man am besten keinen Mann trifft. Wir drei sind wirklich in der Lage, die größten Probleme der Menschheit zu lösen.“

„Ich löse täglich die Probleme von Sechs- bis Zehnjährigen“, erinnerte Karen sie. „Ich bin verantwortlich für den Geist und die Moral der Generation, die demnächst die Geschicke unseres Landes bestimmen wird. Da sind die besten Köpfe gerade gut genug. Und Ashley lernt, wie man Kriminelle dingfest macht. Ich schlage vor, dass wir an diesem Wochenende die zweitwichtigsten Dinge zurückstellen und uns um die wichtigsten kümmern: dass wir hübsch braun werden und unsere Hintern knackig bleiben.“

„Wir sollten unsere Ziele nicht zu hoch stecken“, warnte Jan. „Wenn wir ein paar Männer kennen lernen, die frisch geduscht sind, sich halbwegs intelligent ausdrücken können und sich nicht dagegen sträuben, zeitweise auf der Tanzfläche zu stehen, wäre das schon ein beachtlicher Triumph. Kriege ich noch einen Keks?“

„Hört sich ganz vernünftig an“, meinte Karen. „Aber … knackige Hintern? Ich weiß nicht. Ich glaube, ich möchte auch noch einen Keks, meinetwegen auch ohne Kaffee. Denn bis zur nächsten Raststätte sinds bestimmt noch zwanzig Minuten.“

Ashley warf ihrer Freundin aus den Augenwinkeln einen Blick zu. Karen biss ein winziges Stück von ihrem Keks ab und kaute es genussvoll. Auf diese Weise kann sie ihre Figur halten, dachte Ashley neidisch. Karen aß alles, ließ sich aber mit jedem Bissen sehr viel Zeit. An dem Keks konnte sie eine Stunde herumkauen. Sie war zierlich, hatte Konfektionsgröße 36, himmelblaue Augen, und ihr langes hellblondes Haar, das Erbe ihrer skandinavischen Vorfahren, fiel ihr in üppigen Wellen über die Schultern. Nordisch war auch ihr Familienname: Ericson. Jan dagegen hatte dunkle Haare, dunkle Augen, war einssechzig groß und genauso temperamentvoll wie ihr lateinisch klingender Nachname: Hevia. Ashley sprach von ihnen oft als „die weiße und die rote Rose“, Namen, die sie seit ihrer Kindheit mit sich trugen. Sie selbst war ein Rotschopf mit grünen Augen. Die Farben verdankte sie ihrer Familie mütterlicherseits, den McMartins, denn ihr eigener Nachname war Montague. Die Verwandtschaft ihres Vaters stammte überwiegend aus Frankreich, wobei auch ein wenig Blut der Cherokee- und Seminolen-Indianer durch ihre Adern floss. Das heißt, sie hatte nur vereinzelte Sommersprossen auf der Nase und wurde schnell braun, ohne sich einen Sonnenbrand einzufangen. Von ihrer Körpergröße her – knapp einssiebzig – passte sie zwischen Jan und Karen. Die beiden hatten sie oft damit geneckt, die Dornen an den Rosen zu sein. Seit der Grundschule kannten die drei sich und hatten seitdem alles miteinander geteilt: das erste Verliebtsein, den ersten Liebeskummer, die kleinen Siege und Niederlagen heranwachsender Mädchen. Auf dieses Wochenende hatten sie sich schon lange gefreut, denn ihre Lebenswege hatten dazu geführt, dass sie sich ein wenig aus den Augen verloren hatten. Karen unterrichtete an einer Grundschule und studierte nebenher, um später an einer High School arbeiten zu können. Jan war Sängerin, und obwohl sie daran zweifelte, jemals ein Weltstar zu werden, machte ihr der Beruf Spaß. Sie sang und komponierte gern, und ganz allmählich stellten sich auch erste Erfolge ein. Sie und ihr Begleiter wurden immerhin schon als Vorprogramm bei Shows im ganzen Land gebucht. Ashley besuchte seit drei Monaten die Polizeiakademie, und sie nahm begierig alles in sich auf, was sie dort lernen konnte: Gesetze, Recht, Ermittlungstechniken, Selbstverteidigung …

„Glaubst du, dass Sharon und dein Onkel Nick heiraten werden?“ fragte Jan.

Sharon Dupre, die diese köstlichen Plätzchen gebacken hatte, war seit etwa einem Jahr mit Nick eng befreundet.

„Vielleicht. Keine Ahnung“, antwortete Ashley, während sie einen schnellen Blick auf die Uhr warf, ehe sie sich wieder auf die Straße konzentrierte. „Nick ist ein eingefleischter Junggeselle. Er liebt seine Angelei und seine Bar. Wenn Sharon seine Hobbys toleriert, lässt er sich vielleicht breitschlagen.“

„Na ja, er muss schließlich auch ihre Arbeit tolerieren. Als Maklerin ist sie ja viel unterwegs“, bemerkte Karen.

„Stimmt“, pflichtete Ashley ihr bei. „Aber er scheint nichts dagegen zu haben. Nick gehört nämlich zu den Typen, die leben und leben lassen.“ Sie musste es wissen; schließlich war sie bei ihrem Onkel aufgewachsen. Oft stimmte sie es traurig, dass sie sich kaum an ihre Eltern erinnern konnte. Sie waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als sie drei Jahre alt war. Sie vergötterte Nick; er hatte ihr Vater und Mutter mit Hingabe und Liebe ersetzt, und nichts wünschte sie ihm mehr, als dass er sich sein stilles Glück, das sein Leben wie ein roter Faden durchzog, erhalten möge. Und ob er glücklicher wäre als Sharons Ehemann oder als Junggeselle, das musste er selbst entscheiden.

„Hey, das ist ja eine coole Hose“, sagte Jan und beugte sich nach vorn, um Karen das Foto in ihrer Modezeitschrift zu zeigen. „Glaubst du, dass sie jemandem mit dicken Oberschenkeln steht?“

„Die sieht ja wirklich super aus“, stimmte Karen zu.

Mit gespielter Entrüstung schlug Jan ihrer Freundin mit der Illustrierten auf den Arm. „Hey, ich wollte von dir hören, dass ich keine fetten Schenkel habe.“

„Entschuldige. Du hast keine fetten Schenkel. Und ich glaube, mir würden sie auch gut stehen – einer kleinen Person mit einem runden Hintern.“

„Die Hose gefällt mir echt gut“, sagte Jan.

„Hey, ich wollte von dir hören, dass ich keinen runden Hintern habe.“

„Ich bin neidisch, weil ich nur Schenkel und keinen Hintern habe“, seufzte Jan. Dann änderte sie abrupt das Thema. „Ashley, du hättest zur Polizei von Coral Gable oder South Miami gehen sollen anstatt zur Metropolitan. Was hast du dir nur dabei gedacht? Bei Coral Gable sind die gut aussehenden Typen. Und dazu sind sie noch nett.“

„Ja, die Kerle bei der Metropolitan können ziemlich mies sein“, pflichtete Karen ihr bei.

Ashley musterte Karen mit hoch gezogenen Augenbrauen. „Für dich sind das doch bloß miese Kerle, weil sie dich geblitzt und dir ’ne Menge Geld abgeknöpft haben“, meinte sie. „Ich wollte aber zu den Jungs bei der Metropolitan.“

Miami-Dade County, auch bekannt als das Gebiet von Greater Miami, bestand aus mehr als zwei Dutzend kleinerer Städte, Dörfer und Gemeinden. Einige hatten ihre eigene Polizeitruppe, deren Abteilungen sich um alles kümmerten – von Verkehrsdelikten bis zum Mord. Andere wiederum verließen sich auf die Metropolitan Police, deren Morddezernat und gerichtsmedizinische Abteilungen für den gesamten Regierungsbezirk zuständig waren. Ashley hatte immer in einem der Departments arbeiten wollen, die im ganzen Gebiet zum Einsatz kamen, in dem sie aufgewachsen war. „Es gibt in allen Abteilungen gute Cops – und manchmal sogar intelligente.“

„Und du hattest ja wirklich einen Affenzahn drauf, als du deinen Strafzettel bekommen hast“, gab Jan zu bedenken. „Schau mal, Ashley ist schon richtig scharf drauf. Wenn sie demnächst ihre Prüfung in der Tasche hat und Leute erwischen muss, die zu schnell fahren, solltest du besser aufpassen und nicht mit 90 Meilen über den Highway brettern.“

„So schnell bin ich noch nie gefahren“, protestierte Karen. „Und guck mal, wie Ashley auf die Tube drückt.“

„Sie fährt nur zwei Meilen schneller als erlaubt“, sagte Jan. „Du willst doch nicht den ganzen Weg bis Orlando im Schneckentempo zurücklegen.“

Noch ehe Jan ihren Satz beendet hatte, trat Ashley auf die Bremse.

„Da hast du’s“, meinte Jan.

„Nein, nein, da vorne ist was passiert“, sagte Ashley.

Die Bremslichter der Wagen vor ihr leuchteten auf; die Fahrzeuge wurden langsamer; Reifen quietschten. Hinter ihr wären fast zwei Autos aufeinander geprallt.

Sie kamen an der Mautstation an. An dieser Stelle hatte der Highway fünf Fahrspuren in jede Richtung, und nur wenige hundert Meter weiter vorne lag der Abzweig zum East-West-Expressway. Der frühe Berufsverkehr, der gerade noch zügig vorangekommen war, staute sich innerhalb kürzester Zeit zu einer kilometerlangen Schlange.

„Was zum Teufel ist da los?“ murmelte Ashley. Während sie dicht an den vorderen Wagen heranfuhr, bemerkte sie, dass zwei Fahrzeuge offenbar zusammengestoßen waren. Sie war zwar nicht im Dienst und noch in der Ausbildung, aber wenn sie Zeugin eines Unfalls wurde und keine anderen Polizisten anwesend waren, war sie verpflichtet, den Unfallort nicht zu verlassen, bis ein diensthabender Kollege eintraf. Gerade als ihr der Gedanke durch den Kopf schoss, warf Karen, die vor Jahren mit dem Gedanken gespielt hatte, Jura statt Pädagogik zu studieren, ihr einen Blick zu.

„Nein, wir brauchen hier nicht zu halten. Da vorne ist schon ein Streifenwagen. Es sieht aus, als wäre er gerade angekommen.“

Der Unfall musste erst vor kurzem passiert sein. Die Fahrbahnen waren noch nicht gesperrt, was darauf hindeutete, dass die Polizisten wirklich gerade erst eingetroffen waren. Die Fahrer der Wagen waren bereits ausgestiegen. Einer saß auf dem Mittelstreifen, das Gesicht in den Händen vergraben. Der andere, der offenbar den Unfall verursacht hatte, stand neben seinem Wagen und starrte auf die Straße.

Das Unglück hatte sich in der äußersten linken Spur zugetragen. Ashley steuerte ihren Wagen über den benachbarten Fahrstreifen. Während sie weiterrollte, schaute sie nach links und stellte erleichtert fest, dass keiner der beiden Fahrer verletzt zu sein schien.

Aber offensichtlich gab es doch einen Verletzten.

Als sie langsam weiterfuhr, stockte ihr plötzlich der Atem.

Ein Mann, der seltsamerweise nur mit einer kurzen weißen Unterhose bekleidet war, lag mit gespreizten Beinen bäuchlings auf dem Highway. Den Kopf hatte er zur Seite gedreht. Es sah so aus, als ob er tot sei.

Sie hatte alles getan, um Polizistin zu werden. Hatte sich allen Prüfungen unterzogen und all die Videos angesehen, die sämtliche schrecklichen Situationen zeigten, mit denen ein Polizist im Laufe seines Berufes konfrontiert werden konnte. Dennoch war der Anblick des Mannes, der breitbeinig und nur mit einem Slip bekleidet auf dem Highway lag, ein entsetzlicher Schock für sie.

„Oh, mein Gott“, flüsterte Karen neben ihr.

„Was ist denn?“ wollte Jan wissen.

Ashley umklammerte das Steuer, während sie sich die Szene einprägte. Zunächst das Naheliegendste. Die Position der beiden Unfallfahrzeuge. Die Polizisten im Streifenwagen, der gerade vorgefahren war. Der ausgebreitete Körper, nackt bis auf die weiße Unterhose. Der Kopf, der zur Seite gedreht war. Das Blut, das auf den Asphalt und über den Körper gespritzt war.

Die Wagen, die den Mittelstreifen weiträumig zu umfahren versuchten. Auf der anderen Seite des Highways die Gaffer in ihren Autos, die langsamer fuhren, bremsten und mit quietschenden Reifen stehen blieben. Und am Rand der Autostraße, weit weg vom eigentlichen Geschehen, stand jemand und starrte auf den Verkehr, als ob er darauf wartete, dass eine unsichtbare Ampel auf Grün sprang.

Sie fuhr an dem Körper vorbei. Der Anblick brannte sich in ihr Gedächtnis ein. So scharf umrissen und konturenklar wie eine Fotografie. Der Rest der Szenerie verschwamm vor ihren Augen. Die Wagen auf den gegenüberliegenden Fahrspuren wurden zu einem Meer von Farben. Die Person da hinten, die die Szenerie betrachtete …

Eine Person ohne Gesicht. Gekleidet in etwas … Schwarzes? Ein Mann? Eine Frau? Sie konnte es nicht erkennen. Hatte die Person mit dem Unfall zu tun? War sie befreundet mit dem Mann, der dem Zusammenstoß zum Opfer gefallen war?

„Was ist das? Was zum Teufel ist los?“ fragte Jan auf dem Rücksitz.

„Da liegt ein Toter. Ein Toter auf dem Highway“, antwortete Karen. Die Stimme versagte ihr.

„Ein Toter?“ Jans Kopf fuhr herum.

Jetzt waren sie an der Stelle vorbeigefahren.

„Vielleicht sollte ich wenden“, meinte Ashley.

„Den Teufel wirst du tun. Da ist doch schon ein Polizist, der bestimmt alles im Griff hat, und er wäre sicher stinksauer, wenn sich jemand einmischt“, sagte Karen. Sie hatte Recht. Ein Beamter nahm bereits das Unglück zu Protokoll. Inzwischen drohte der Verkehr vollständig zum Erliegen zu kommen. Ehe sie die nächste Ausfahrt erreicht hätten, um zum Unfallort zurückzufahren, wäre längst ein Krankenwagen eingetroffen, dazu noch mehr Polizisten, für die solche tödlichen Verkehrsunfälle reine Routinesache waren.

„Kümmere dich nicht drum, vergiss es einfach“, sagte Karen streng. „Bitte, Ashley. Wann machen wir schon mal zusammen Ferien? Schließlich passieren solche verdammten Unfälle tagtäglich. Auch tödliche. Das ist traurig, aber wahr. Du bist nicht im Dienst. Du bist noch nicht einmal eine ausgebildete Polizistin. Und wenn du dir alles zu Herzen nimmst, was um dich herum passiert, dann wirst du eine verdammt schlechte Polizistin werden. Du musst cool bleiben. Es ist bestimmt nicht gut für dich, wenn du bei jedem kleinen Vorfall so sensibel reagierst.“

Was Karen sagte, klang sehr vernünftig.

„Ich habe die Leiche gar nicht gesehen“, sagte Jan.

„Da hast du aber Glück gehabt.“ Karen musste schlucken.

Ashley spürte, dass Karen, ungeachtet ihrer Worte, der Anblick ebenfalls ziemlich zugesetzt hatte.

„Solche Unfälle passieren jeden Tag“, wiederholte Karen. „Menschen sterben, und sie werden auch morgen und übermorgen sterben“, sagte sie kühl zu Ashley.

Ashley warf ihr einen raschen Blick zu. „Es ist nicht alltäglich, wenn jemand nur mit einer Unterhose bekleidet auf dem Highway ums Leben kommt“, entgegnete sie.

„Hat er in einem der verunglückten Wagen gesessen?“ fragte Jan.

„Möglicherweise“, antwortet Karen.

„Vielleicht war er auf dem Beifahrersitz und ist durch den Aufprall herausgeschleudert worden“, überlegte Jan.

„Er fuhr durch die Gegend und hatte nur einen Slip an?“ fragte Ashley ungläubig.

„Hey, wir befinden uns in South Florida. Du solltest mal öfter in die Clubs am South Beach gehen“, sagte Jan. „Er hätte genauso gut splitternackt unterwegs sein können.“

„Ich glaube nicht, dass er in einem der Autos gesessen hat“, sagte Ashley. Sie rief sich die Szenerie ins Gedächtnis, erinnerte sich daran, wo die Unfallwagen gestanden und der Körper gelegen hatte.

„Also ist er in der Unterhose über den Highway gelaufen?“ meinte Jan.

„Vielleicht bringen sie ja was in den Nachrichten“, sagte Karen. Sie schaltete das Autoradio ein, das auf den Rockkanal eingestellt war, und suchte den Sender, der rund um die Uhr Nachrichten brachte. Der Sprecher verlas eine Zusammenfassung der Ereignisse in Washington, und danach kamen Verkehrsdurchsagen.

„Auf der Interstate 95 hat sich in nördlicher Richtung ein Unfall ereignet“, meldete sich eine angenehme weibliche Stimme. „Ein Fußgänger ist von einem Wagen erfasst worden. Die beiden linken Fahrspuren sind gesperrt; bitte fahren Sie langsam an die Unfallstelle heran. Fahrer unterwegs von Norden aus Dade und Broward Richtung Miami-Innenstadt müssen mit stockendem Verkehr rechnen. Keine Behinderungen gibt es bislang an den Mautstellen, aber am Abzweig Palmetto und Miller Drive behindert ein liegengebliebenes Fahrzeug auf der Standspur den Verkehr.“

Damit endete die Durchsage, und es folgte der Seewetterbericht.

Inzwischen hatten sie die Mautstation erreicht. Ashley warf ein paar Münzen in den Trichter und fädelte sich in eine Spur ein. Sie merkte, dass Karen sie beobachtete.

„Wie werden die ganze Sache vergessen und uns ein paar schöne Tage machen“, sagte Karen entschlossen.

Ashley nickte. Ein paar Sekunden schwieg sie, dann meinte sie: „Es ist schon ziemlich merkwürdig. Warum ist ein Mann in Unterwäsche über den Highway gelaufen?“

„Vielleicht war er high“, meldete Jan sich vom Rücksitz.

„Das wird es gewesen sein“, stimmte Karen zu. „Warum sollte man sonst versuchen, zehn Fahrspuren zu überqueren mit so gut wie nichts am Leib?“

„Ashley, wenn du am Montag wieder zur Polizeiakademie gehst, findest du bestimmt jemanden, der dir etwas darüber erzählen kann“, sagte Jan.

„Da hast du Recht.“

„Bis dahin kannst du sowieso nichts tun“, ergänzte Karen.

„Doch“, widersprach Ashley.

„Was denn?“

„Am nächsten Rasthof halten, einen doppelten Cappuccino trinken, ein Sandwich mit schrecklich fetter Mayonnaise essen und den Schock verarbeiten“, sagte Ashley.

„Ich bin dabei“, sagte Jan. „Aber mir reichen ein einfacher Kaffee und die Plätzchen.“

Knapp dreißig Minuten später hatten sie einen Rastplatz erreicht. Der Schreck saß ihnen zwar immer noch in den Gliedern, aber sie bemühten sich, zu der lockeren Stimmung zurückzufinden, in der sie ihre Reise begonnen hatten. Während Ashley und Jan sich in die Schlange vor der Kaffee- und Sandwichtheke einreihten, sammelte Karen Prospekte über die zahlreichen Sehenswürdigkeiten von Orlando. Als sie an einem Tisch saßen, deutete Jan auf einen Folder, der für „Arabische Nächte wie im Mittelalter“ warb. „So etwas habe ich noch nie mitgemacht. Ich liebe das Mittelalter, und Pferde gibt es da auch.“

„Und Männer“, ergänzte Karen. „Aber ich dachte, wir wollten in die Disco? Nach Pleasure Island oder so was in der Art?“

„Einen Abend gehen wir tanzen, und einen Abend gucken wir uns fantastische Männer auf Pferden an“, schlug Jan vor.

Ashley hörte ihnen kaum zu. Sie hatte einen Bleistift aus ihrer Tasche genommen und zeichnete etwas auf ihre Serviette.

Eine Hand legte sich über ihre und unterbrach sie bei ihrer Tätigkeit. Sie schaute auf. Karen sah sie an. „Das macht mir Angst. Es ist so realitätsnah.“

Jan griff nach der Serviette und zuckte zusammen. „Was tust du da, Ashley? Lass es doch endlich sein.“ Wieder betrachtete sie die Zeichnung. „Ich bin richtig froh, dass ich mir in dem Moment gerade Hosen angesehen habe, die auch Leuten mit dicken Oberschenkeln gut stehen“, versuchte sie, einen Scherz zu machen, und lächelte. „Dieses Bild jagt mir ja richtig Angst ein.“

„Du hättest auf der Kunstschule bleiben sollen“, meinte Karen. „Denn du hast wirklich Talent. Du kritzelst was auf eine Serviette, und es sieht wirklich lebensecht aus. Bitte, Ashley …“

Ashley knüllte die Serviette zusammen. „Tut mir Leid“, murmelte sie schuldbewusst. Ihre Freundinnen hatten Recht. Sie konnte das Ereignis nicht ungeschehen machen.

Und sie würde im Verlauf ihrer Karriere noch viel schlimmere Dinge zu Gesicht bekommen.

„Du bist immer noch nicht ganz weg von der Kunst, stimmts?“ fragte Jan. „Ich meine, du bist wirklich gut. Echt. Ich kennen keinen, der so fantastisch Menschen zeichnen kann wie du.“

„Davon werde ich auch nie ganz wegkommen“, sagte Ashley. „Ich zeichne wahnsinnig gern. Es ist nur so, dass …“

„Es ist nur so, dass sie auch gerne Geld verdient“, beantwortete Karen Jans Frage mit einem Seufzer.

„Du würdest auch als Malerin Geld verdienen. Davon bin ich überzeugt“, meinte Jan.

„Die Kunstschule ist einfach zu teuer“, sagte Ashley.

„Du hast das Stipendium doch nur deshalb nicht angenommen, weil du Angst hattest, dass Nick dich vielleicht trotzdem unterstützen müsste und er es sich nicht leisten könnte“, folgerte Karen scharfsinnig.

„Nick hätte mich niemals davon abgehalten“, verteidigte sich Ashley. Und das stimmte auch. Sie wusste, dass Nick enttäuscht gewesen war, als sie das Stipendium ausgeschlagen hatte, das ihr von einer Kunstschule in Manhattan angeboten worden war. Aber das Geld hätte nicht gereicht, um ihren Unterhalt in New York zu finanzieren – selbst wenn sie einen Platz im Studentenwohnheim bekommen und zusätzlich einen Halbtagsjob angenommen hätte. Nick hätte gewiss alles getan, um ihr zu helfen, doch seine Bar und das Restaurant waren damals noch nicht so gut gelaufen, und es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er kein Geld mehr gehabt hätte.

„Ich liebe die Kunst, aber ich wollte auch immer Polizistin werden. Ihr wisst doch, mein Daddy war auch ein Cop.“

„Wissen wäre zu viel gesagt“, meinte Karen. „Es ist schließlich schon verdammt lange her.“

„Ich weiß jedenfalls noch, wie sehr ich meine Familie geliebt und meinen Dad bewundert habe“, sagte Ashley sehnsüchtig. „Und die Arbeit bei der Polizei ist wirklich faszinierend.“

„Faszinierend, wirklich. Du sitzt im Streifenwagen und machst Jagd auf Verkehrssünder wie Karen“, spottete Jan.

„Sehr witzig, Jan“, sagte Karen.

„Entschuldigung.“

„Ich schwöre, dass ich genau das mache, was ich immer tun wollte“, sagte Ashley.

„Und was willst du heute Abend tun – Tanzen gehen oder Pferde angucken?“ fragte Karen.

„Werfen wir doch eine Münze“, schlug Ashley vor. „Warum machen wir nicht einfach beides?“ Sie zerknüllte das Papier, in das ihr Sandwich eingepackt gewesen war, und legte es neben die Serviette, auf die sie gezeichnet hatte. „Wollen wir weiterfahren?“

„Soll ich jetzt mal fahren?“ fragte Karen.

„Um Himmels willen, bloß nicht“, protestierte Jan. „Sie wird dir sofort einen Strafzettel geben oder die ganze Zeit deine Fahrweise kritisieren. Darfst du eigentlich jemanden verwarnen, der dein eigenes Auto fährt?“

„Noch ein Wort, und ich erwürge dich“, sagte Karen grimmig. „Und das wird dir ganz bestimmt keinen Spaß machen.“

„Hey, hast du das gehört? Sie bedroht mich“, klagte Jan.

„Ach, hört auf, ihr zwei“, meinte Ashley lachend.

„Im Ernst – soll eine von uns fahren?“ wiederholte Karen.

Ashley schüttelte den Kopf. „Nicht nötig, ich bin noch gut drauf.“

Jedenfalls was ihre Fahrtüchtigkeit anging.

Ansonsten hatte sie das Gefühl, gar nicht gut drauf zu sein. Sie war davon überzeugt, dass sich das Bild des reglosen Körpers auf der Autobahn für alle Zeiten in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte.

2. KAPITEL

Nick stand hinter der Bar und spülte Gläser, als Sharon Dupre zurückkam. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie so spät dran war, denn sie hatte versprochen, ihm beim Mittagsgeschäft zu helfen.

Ihre Befürchtungen waren umsonst: Natürlich machte er ihr keine Vorwürfe. Stattdessen begrüßte er sie mit seinem üblichen Grinsen. Nick war überhaupt nicht nachtragend, und Eifersucht war ihm vollkommen fremd. Wenn sie das Gefühl hatte, eine Zeit lang ohne ihn sein zu müssen, stand es ihr jederzeit frei zu gehen. Und wenn sie sich in seiner Gegenwart wohl fühlte – umso besser. Jedenfalls war sie ihm stets willkommen.

„Na, wie war dein Tag?“ erkundigte er sich.

„Nicht schlecht.“

„Hast du was verkauft?“

„Ich hatte zwei Besichtigungstermine bei ziemlich teuren Häusern, aber es hat keiner angebissen – noch nicht.“

„Das braucht eben seine Zeit.“

„Hat Ashley sich gemeldet? Sind die Mädels schon im Hotel eingetroffen?“

Nick schüttelte den Kopf. „Sie wollte mich nur anrufen, wenn es Probleme gibt. Ich denke, ich höre morgen von ihr. Sie hat sich übrigens sehr über die Kekse gefreut. Sie wird es dir selbst sagen, wenn sie zurückkommt.“

„Schön.“

Sharon stellte ihre Handtasche hinter der Bar ab und gab Nick einen Kuss. Warum empfand sie bloß diese innere Unruhe? Das sah ihr gar nicht ähnlich. Sie ärgerte sich über selbst. Normalerweise war sie die Ruhe selbst und hatte immer alles unter Kontrolle.

Als sie sich von ihm abwenden wollte, hielt er sie fest und küsste sie noch einmal, diesmal sehr viel intensiver. Sie löste sich von ihm. Ihre Wangen waren gerötet. „Sandy Reilly ist gerade reingekommen und starrt uns an.“

„Sandy ist doch schon uralt. Wahrscheinlich wecken wir Erinnerungen in dem alten Knaben – an aufregende Momente voller wildem Sex“, erwiderte Nick.

„He, ihr zwei, regt euch ab“, rief Sandy. „Und hört auf damit. Sorgt lieber dafür, dass es hier was zu trinken gibt. Der alte Knabe kann noch ausgezeichnet hören, und er will jetzt sofort ein Bier.“

Sharon und Nick trennten sich lachend. Nick rief ihm zu: „Das Bier geht auf mich.“

„Schön, dass man manchmal noch was Erfreuliches hört“, sagte Sandy und schüttelte den weißhaarigen Kopf. „Bring mir bitte ein kaltes.“

„Du klingst ziemlich frustriert, Sandy.“

„Das bin ich auch. Jedenfalls weiß ich jetzt, warum ich mich lieber mit Booten beschäftige. Ich war gerade bei der Bank, um einige Rechnungen zu bezahlen, und habe ewig im Stau gestanden. Dieser verdammte Verkehr.“

„Noch schlimmer als sonst?“ fragte Nick.

„Das kann man wohl sagen. Heute scheinen sich alle Verrückten dieser Welt da draußen getroffen zu haben. Ich setze mich bestimmt nicht mehr hinters Steuer. Was ist denn nun mit meinem Bier, Nick?“

Unter der Wasseroberfläche konnte Jake Dilessio das schabende Geräusch hören, als etwas sein Boot streifte. Es war ein merkwürdiger Laut, der mehr wie ein Reiben als ein Kratzen klang. Er schaffte es gerade noch, die letzte hartnäckige Muschel vom Schiffsrumpf zu entfernen, ehe ihm der Sauerstoff ausging. Er tauchte auf, griff nach der untersten Sprosse am Heck der Gwendolyn, schob sich die Tauchermaske aus dem Gesicht und holte tief Luft. Dann kletterte er hinauf und sprang auf sein Hausboot.

Er spürte die Bewegung, noch bevor er seinen Angreifer zu Gesicht bekam. Nach jahrelangem Training funktionierte sein Instinkt bestens. Das Adrenalin strömte durch seine Adern.

Als eine Faust auf ihn zuschoss, duckte er sich, richtete sich blitzschnell wieder auf und schlug mit der Linken zu. Er hatte Glück und traf seinen unbekannten Gegner mitten aufs Kinn.

Zu seiner Überraschung blieb der Mann, der ein maßgeschneidertes weißes Hemd, Krawatte, marineblaue Hosen und Lederslipper trug, am Boden liegen. Er atmete schwer und schien fast zu schluchzen, als er sich aufrichtete und sein Kinn rieb.

„Verdammt“, fluchte Jake leise. „Brian?“

„Du hast mit ihr geschlafen“, sagte der Mann.

Jake beugte sich nach unten und half seinem Angreifer auf die Füße. Die beiden waren fast gleich groß; Brian war schlank, kräftig und ziemlich attraktiv – ein blonder Surfertyp mit blauen Augen, um den die Frauen sich rissen. Im Moment jedoch waren seine blauen Augen rot gerändert vom Weinen, und die Schwellung an seinem Kinn beeinträchtigte die klassische Form seiner Gesichtszüge.

„Brian, was zum Teufel tust du hier?“ fragte er ruhig. Der Adrenalinstoß war verebbt, und sein Herz schlug wieder ruhiger. „Komm rein, ich gebe dir etwas Eis für dein Kinn.“

Brian Lassiter riss sich von ihm los, dann folgte er Jake doch in das Wohnzimmer seines Hausboots. Der Platz im Inneren der Gwendolyn war optimal genutzt. Von einem als Ess- und Wohnzimmer genutzten Bereich, an den sich eine Küche anschloss, führte eine Treppe zu einem Raum im Achterdeck. Die Hauptkabine lag im vorderen Teil des Bootes.

Jake führte Brian hinein, setzte ihn auf einen Barhocker und holte Eis aus dem Kühlschrank. Die Würfel wickelte er in ein Handtuch, das er seinem ungebetenen Besucher reichte. „Halte das an dein Kinn. Ich mache uns einen Kaffee.“

„Ich brauche keinen Kaffee.“

„Das glaubst du!“

„Als ob du noch nie ein paar über den Durst getrunken hättest.“

„Und ob ich das getan habe – viel zu oft, wenn du’s genau wissen willst. Dabei habe ich mich manchmal ganz schön dämlich benommen. Aber wie konntest du bloß so auf mich losgehen? Das hätte schlimm für dich enden können.“

„Ich wollte es dir wenigstens ein Mal zeigen“, sagte Brian. Seine Stimme war nur noch ein Flüstern, unterbrochen von leisen Schluchzern. „Nur ein Mal. Du hast mit ihr geschlafen.“

Mit einer heftigen Bewegung schaltete Jake die Kaffeemaschine ein. Dann drehte er sich um. „Brian, ich habe nicht mit ihr geschlafen. Und sie hat dir auch nie so etwas erzählt.“

„Du lügst. Warum solltest du mir jetzt auch die Wahrheit sagen – wo sie tot ist.“

„Das stimmt“, erwiderte Jake mit gefährlich ruhiger Stimme. „Nancy ist tot.“

„Und wenn du mit ihr geschlafen hast, dann würdest du es niemals zugeben, denn jetzt kann ich es sowieso nicht mehr herausfinden.“

Jake musste sich beherrschen. „Ich glaube, wir können uns noch beide sehr gut an die gerichtliche Untersuchung erinnern. Es war eine widerliche, schmutzige Angelegenheit. Aber eines haben sie herausgefunden, Brian. In jener Nacht war sie nicht bei mir.“ Der Gerichtsmediziner hatte festgestellt, dass sie in jener Nacht, wie er es ausgedrückt hatte, einvernehmlichen Sex mit jemandem gehabt hatte. Jake hatte sich freiwillig einem Test unterzogen, um zu beweisen, dass er es nicht gewesen war.

„Mit mir war sie auch nicht zusammen, verdammt“, erwiderte Brian bitter. „Aber selbst wenn sie in dieser Nacht nicht bei dir war, so hat sie dich doch geliebt.“

„Wir waren befreundet, Brian.“

„Befreundet. Ja.“ Er schwieg ein paar Sekunden. „Du glaubst immer noch, dass das alles meine Schuld war.“

„Das habe ich nie gesagt.“

„Das hast du nie gesagt? Erzähl mir nichts. Jedesmal, wenn du mich während der Untersuchung angesehen hast, waren deine Blicke eine einzige Anklage.“

Brian hatte wirklich viel getrunken. Jake schüttelte den Kopf. Aber er konnte ihn gut verstehen. Manchmal hatte er ebenfalls das Gefühl, als müsste er sich besinnungslos betrinken.

„Brian, du irrst dich. Du irrst dich wirklich.“

„Ein Unfall. Sie haben gesagt, es sei ein Unfall gewesen. Du … du hast das doch nie geglaubt.“

„Brian, ich denke, du hast dich damals wie ein kompletter Idiot verhalten. Und das tust du auch gerade wieder. Aber für den Tod deiner Frau warst du nicht verantwortlich, klar?“

„Ich habe sie nicht dazu gebracht, Marihuana zu rauchen. Ich habe ihr niemals Drogen gegeben, und wir haben uns auch niemals betrunken.“

„Brian, im Moment benimmst du dich wie ein selbstmitleidiger Säufer. Du kannst nicht mehr klar denken. Keiner hat jemals behauptet, dass du irgendjemanden zu irgendetwas gezwungen hast. Es stimmt, du hast dich aufgeführt wie ein Idiot, und sie war oft stinksauer auf dich. Aber sie hat dich geliebt, kapierst du das? Scheiße, Brian, das ist doch schon eine Ewigkeit her. Warum zum Teufel musst du das alles wieder aufwühlen?“

„Das weißt du nicht? Verdammt, wie konntest du das bloß vergessen?“

Jake starrte Brian an. Natürlich wusste er es. In all den Jahren hatte er es nicht vergessen. „Heute ist ihr Geburtstag“, sagte er leise.

„Ja. Sie wäre dreißig geworden, Jake. Dreißig. Scheiße. Sie war fünfundzwanzig.“

Jake lehnte sich gegen die Küchentheke. Er hatte das Gefühl, dass jemand mit glühenden Eisenstangen in seinen Eingeweiden herumstocherte. „Fünfundzwanzig Jahre. Und es gibt verdammt noch mal nichts, was du oder ich machen könnten. Sie ist fast fünf Jahre tot, Brian. Und nach allem, was ich gehört habe, lebst du seit zwei Jahren mit einer Stewardess zusammen.“

„Ja, ich bin mit einer Stewardess zusammen“, bestätigte Brian. Er schüttelte den Kopf. „Sie ist ein nettes Mädchen. Ich sollte sie heiraten. Aber jedes Mal, wenn ich jemandem zu nahe komme …“ Seine Stimme erstarb, und sein schmerzerfüllter Gesichtsausdruck hatte nichts mit seiner geschwollenen Backe zu tun. „Zum Teufel, manchmal frage ich mich, ob Nancy mein ganzes Leben lang bei mir sein wird, ob es irgendwann einmal vorbei sein wird, dass ich nachts aufwache und das Gefühl habe, sie sieht mich an … Ach, Scheiße!“

Der Kaffee war fertig. Jake füllte eine Tasse für Brian. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte Brian Salz in zwei Wunden gestreut.

Denn Jake kam es manchmal ebenfalls so vor, als würde Nancy ihn heimsuchen – nach all den Jahren.

Er stellte die Tasse vor Brian hin. „Brian, nichts in der Welt wird Nancy zu dir zurückbringen. Mach dir das endlich klar. Bist du dir eigentlich bewusst, wie lange das alles her ist? Und es gibt niemanden, der glaubt, dass du sie umgebracht hast.“

„Nein. Nicht, dass ich sie umgebracht habe. Aber dass ich sie dazu gebracht habe, sich selbst umzubringen.“

„Sie hat sich nicht selbst umgebracht. Ich weiß es, und du weißt es auch.“

Brian ließ den Kopf hängen und holte tief Luft. „Weißt du, Jake, es gibt da draußen ein paar Leute, die halten dich für einen verdammten Scheißkerl und nicht für den strahlenden, unbesiegbaren Helden, als der du immer in den Zeitungen auftauchst.“

„Ich kann nichts dafür, was die Leute über mich denken“, entgegnete Jake gleichmütig. „Und ich kann auch nichts daran ändern.“

„Ja, das stimmt. Du kannst sie nicht dafür ins Kittchen bringen, nur weil sie dich für ein Arschloch halten, hab ich Recht?“

„Brian, jetzt trink deinen Kaffee und sag mir bitte nicht, dass du mit deinem Wagen hierher gekommen bist.“

„Wieso? Willst du mich deswegen festnehmen?“ fragte Brian angriffslustig und funkelte ihn wütend an.

„Nein. Ich hoffe nur, dass es keine Verletzten auf deiner Strecke gegeben hat.“

Brian senkte den Blick. „Nein, ich bin nicht gefahren. Ich war in einer Bar in der Stadt, und von da hat mich ein Freund zu Nick gefahren. Da habe ich auf der Terrasse gesessen und noch ein paar Bier getrunken. Ich habe mich nicht ans Steuer gesetzt.“

„Gut. Trink deinen Kaffee aus, dann bringe ich dich nach Hause.“

Brian sah ihn kopfschüttelnd an. „Ich weiß, dass Nancy andauernd zu dir gekommen ist. Deshalb frage ich mich manchmal, warum du mich nicht in Stücke zerreißt? Sie hat dir doch bestimmt eine Menge erzählt.“

„Ich würde ein Verbrechen begehen, wenn ich dich umbrächte. Außerdem bin ich Polizist. Das würde die ganze Sache noch verschlimmern.“

Brian versuchte zu lächeln, doch es wirkte wie eine Grimasse.

„Ja, aber du könntest mich zusammenschlagen. Selbstverteidigung. Ich habe dir doch genug Gründe geliefert. Warum tust du’s nicht einfach? Würdest du dich dabei schuldig fühlen?“

„Nein“, antwortete Jake kühl.

„Aber …?“

„Sie hat dich geliebt. Und ich habe sie geliebt.“ Brian sah erschrocken auf, und Jake beeilte sich hinzuzufügen: „Ich habe nicht gesagt, dass ich mit ihr geschlafen habe, sondern nur, dass ich sie geliebt habe. Und sie hat dich immer für einen anständigen Kerl gehalten. Ich sehe das zwar nicht so, aber es muss ja etwas dran sein. Also, trink jetzt deinen Kaffee aus, und dann fahre ich dich nach Hause.“

Brian starrte ihn ein paar Sekunden an, ließ die Schultern hängen und nickte ergeben. Er trank seinen Kaffee aus und bat um eine weitere Tasse. Anschließend ging er ins Bad und machte sich ein wenig frisch.

Bevor er ihn nach Hause bringen konnte, musste Jake allerdings zu Nicks Bar fahren, weil Brian seine Jacke dort vergessen hatte.

Nick stand hinter dem Tresen; Sharon half ihm beim Aufräumen. Sharon, die Frau, mit der er seit einem Jahr zusammenwar und in die er sich, wie er Jake gestanden hatte, verliebt hatte. In seinem Alter. Verliebt! Sie hatte nichts dagegen, dass er die meiste Zeit des Tages arbeitete. Im Gegenteil, es war ihr sogar recht, denn so konnte sie sich ohne schlechtes Gewissen um ihr Maklerbüro kümmern. Manchmal hatte sie nämlich selbst einen Sechzehnstundentag, aber es gab auch Zeiten, wo die Geschäfte nicht so gut liefen. Außerdem war sie sehr an Politik interessiert und hatte sich fest vorgenommen, mehr darüber zu lernen und zu lesen. Sie überlegte sogar ernsthaft, in die Kommunalpolitik einzusteigen.

Zuerst hatte Jake gedacht, dass die beiden nicht gerade füreinander bestimmt zu sein schienen. Doch wie zum Teufel konnte er das beurteilen?

Nick zog die Stirn kraus, als Jake mit Brian hereinkam. „Alles in Ordnung?“

„Alles bestens.“

„Könnte kaum besser sein“, ergänzte Brian.

„Wollen Sie etwa noch etwas trinken?“ fragte Sharon ihn argwöhnisch.

„Ich fahre Brian nach Hause. Er hat seine Jacke hier vergessen. Wir sind nur vorbeigekommen, um sie zu holen.“

„Aha“, sagte Nick, während er von einem zum anderen schaute.

„Wenn Sie möchten, kann ich ihn auch fahren“, bot Sharon an.

„Nein danke, das mach ich schon.“

Brian legte einen Arm um Jakes Schulter. „Ja, wir kommen schon zurecht. Jake und ich, wir sind fast wie Brüder.“ Er grinste. „Ich würde ihn auch nach Hause fahren, wenn er ein paar zu viel getrunken hätte. Sie wissen schon – eine Hand wäscht die andere.“

„Lass uns fahren, Brian.“

Brian war vor kurzem umgezogen, aber glücklicherweise erinnerte er sich an den Weg zu seiner neuen Adresse. Jake fand Norma, die Stewardess, sehr sympathisch, als sie die Tür öffnete, nachdem Brian eine Zeit lang vergeblich versucht hatte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Brian stellte Jake vor, ohne eine abfällige Bemerkung zu machen. Norma war ganz das Gegenteil von Nancy. Sie war klein, blond und sprach mit einer sanften Stimme. Jake erinnerte sich daran, dass er ihr auf einem Flug in den Norden der Staaten begegnet war, und lachend erwiderte sie, dass sie sich auch noch an ihn erinnern konnte.

„Warum auch nicht, zum Teufel“, murmelte Brian verärgert. Norma runzelte verwirrt die Stirn, als sie seine Worte hörte, und Jake hätte ihm am liebsten noch einmal einen Faustschlag verpasst.

Stattdessen sagte er: „Wenn Sie möchten, bringe ich ihn ins Bett und ziehe ihm die Schuhe aus.“

„Erste Tür oben rechts“, sagte Norma. „Ich glaube, ich bringe ihm ein paar Aspirin und ein Glas Wasser. Morgen früh wird er mir dafür dankbar sein. Ist er gestürzt?“

Jake tat, als habe er ihre Frage nicht gehört. Brian lehnte sich schwer auf ihn. Er stolperte über die erste Stufe. Jake packte ihn am Arm, bugsierte seinen Fuß auf die Treppe und führte ihn routiniert in den ersten Stock. Brian grinste unsicher, als sie oben angekommen waren.

„Bin ich gestürzt?“ sagte er und lachte. Aber sein Lachen klang unecht – bitter, voller Selbstmitleid und anklagend. „Ja, zum Teufel, ich bin gestürzt. Mitten in deine Faust hinein, stimmts?“

„Halt endlich dein verdammtes Maul, Brian“, murmelte

Jake. Jake ließ Brian auf das extrabreite Doppelbett fallen und zog ihm die Schuhe aus, wie er Norma versprochen hatte. Er wollte gerade das Schlafzimmer verlassen, als Brian sagte: „Du kennst Norma also.“

„Ich habe sie auf einem Flug gesehen, Brian.“

„Ich wette, dass sie auch gerne mit dir schlafen möchte.“

„Wie lange willst du hier noch das Superarschloch spielen?“ fragte Jake. „Du bist doch ein Glückspilz. Du hattest eine fantastische Frau, und dieses Mädchen … es sieht ganz so aus, als würde sie dich lieben. Vermassel nicht wieder alles. Du hast eine zweite Chance bekommen. Sei kein Idiot.“

Als er hinausgehen wollte, rief Brian ihm nach: „Und wie wars für dich, Jake?“

Er drehte sich wieder um. Brian grinste schief. „Du weißt schon – die Assistentin des Bezirksstaatsanwalts. Die sah doch klasse aus. Wie lange hat es gedauert – drei Monate, oder? Dann war da doch noch diese Kellnerin – die mit dem scharfen Körper. Zehn Mal habt ihr euch getroffen, dann war Schluss. Du trauerst Nancy auch immer noch nach, stimmts?“

„Brian, schlaf dich aus. Fünf Jahre sind eine lange Zeit.“

Als er die Treppe hinunterging, kam Norma ihm entgegen. „Vielen Dank, dass Sie ihn nach Hause gebracht haben.“

„Keine Ursache.“

„Letztes Jahr war es genauso. Der Geburtstag seiner Frau … mehr ist aus ihm nicht herauszubekommen. Kurz nachdem wir uns kennen lernten, habe ich natürlich erfahren, dass sie bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen ist. Er muss sie wirklich geliebt haben. Also nochmals vielen Dank. Ein Mann, der so etwas durchgemacht hat, braucht hin und wieder Hilfe. Kann ich Ihnen einen Kaffee oder irgendetwas anderes anbieten, bevor Sie zurückfahren?“

„Nicht nötig.“

„Ja, also dann noch mal vielen Dank. Das war wirklich sehr nett von Ihnen.“

„Nicht der Rede wert.“

„Wissen Sie, ich erinnere mich wirklich daran, dass ich Sie auf einem Flug gesehen habe. Sie sind Polizist, stimmts?“

„Das ist richtig.“

„Dann haben Sie also seine Frau gekannt.“

„Wir waren Kollegen.“

Schweigend ging Jake die Treppe hinunter und verließ das Haus. Als er auf sein Hausboot zurückkehrte, stellte er fest, dass Nick und Sharon ihm einen Nudelauflauf mit Shrimps auf den Herd gestellt hatten.

Das war gut, denn er war ausgehungert. Das lange Wochenende hatte ihm zwar einen freien Tag beschert, aber das Schiff an einen neuen Anlegeplatz zu bringen, war harte Arbeit gewesen. Gierig verschlang er das Essen.

Anschließend fiel er erschöpft ins Bett, obwohl er wusste, dass er nicht sofort würde einschlafen können. Nancys Geburtstag. Heute wäre sie dreißig geworden. Verflucht.

Normalerweise schlief er gerne auf dem Hausboot. Das leichte Schaukeln auf den Wellen und die frische Brise vom Ozean wirkten immer entspannend auf ihn.

Heute Nacht allerdings nicht.

Eine Weile warf er sich unruhig hin und her und überlegte, dass es vielleicht besser gewesen wäre, die Nacht nicht alleine zu verbringen. Und er dachte an Brians Worte.

An die Assistentin des Bezirksstaatsanwalts.

An die Kellnerin.

Ja, es hatte einige Frauen in seinem Leben gegeben. Aber sie hatten ihn nie vergessen lassen können, dass er … ja, zum Teufel, er hatte Nancy geliebt. Damals ebenso wie heute.

Und jetzt war sie ein Geist in seinem Leben. Ein Phantom. Eine Erinnerung, ein Duft. Er hätte schwören können, dass er manchmal noch ihr Lachen hörte.

Alle Frauen, die er kennen lernte, verglich er mit ihr. Er hatte noch keine gefunden, die es mit ihr hätte aufnehmen können.

Gegen zwei Uhr schlief er endlich ein. Wenig später erwachte er schweißgebadet aus dem immer gleichen Albtraum. Er war im Wasser gewesen, im kristallklaren Wasser des Ozeans. Es war ein herrlicher Tag; das Licht glitzerte auf den Wellen. Dann bewölkte sich der Himmel, und das Wasser wurde grau. Plötzlich befand er sich in den schlammig-trüben Fluten eines Kanals; er versuchte, nicht unterzutauchen, denn er wusste, was er sehen würde. Und dann hörte er ihre Stimme …

Er sprang aus dem Bett, ging in die Küche und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Schnell trat er aufs Deck hinaus. Er musste jetzt die frische nächtliche Ozeanbrise spüren. Gierig trank er das Bier, und ihm wurde bewusst, dass er ebenso wenig darüber hinweg war wie Brian.

Sie war für immer verloren. Sie war eine so wunderschöne Frau gewesen, fast eine tragische Gestalt, und sie hatte ihm so viel von sich erzählt, so viel Persönliches preisgegeben.

Auf der anderen Seite war sie auch zäh. In jeder Situation bewahrte sie einen kühlen Kopf, und sie war mindestens so gut gewesen wie jeder andere Cop im Revier.

Sie war seine Partnerin. Vor ihm konnte sie nichts geheim halten. Wenn sie etwas wusste oder einen Verdacht hatte …

Aber sie hatte keinen Verdacht. Wenigstens hatte sie das behauptet. Doch vielleicht wäre sie in der Lage gewesen, etwas herauszufinden.

Was zum Teufel hatte sie getan? Er hatte es nie erfahren. Dabei hätte er es wissen müssen. Immerhin war er ihr Partner gewesen. Sie war in ihrem Auto ums Leben gekommen, und in ihrem Blut hatte man Reste von Alkohol und Betäubungsmitteln gefunden. Tod durch Unfall, so hatte die richterliche Entscheidung gelautet. Sie hatte die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Es gab keine Hinweise auf Einwirkung dritter. Dennoch war während der Untersuchung der ganze Schmutz aufgewirbelt worden. Die Probleme in ihrer Ehe. Die enge Freundschaft – oder war es mehr als eine Freundschaft? – mit Jake.

Sie lebte nicht mehr.

Sie war Opfer eines schrecklichen Verkehrsunfalls geworden. Er hatte es nicht glauben können. Damals nicht und auch heute nicht.

Und er hatte nie wieder jemanden wie sie kennen gelernt.

Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf.

Es war wie ein Blitz, ein merkwürdiges Gefühl, das ebenso schnell verschwand, wie es gekommen war. Unvermittelt wurde ihm klar, was es war. Dieses seltsame Déjà vu hatte er zuvor schon gehabt. Es war eine Art von …

Erinnerung.

Vielleicht hing es damit zusammen, dass heute Nancys Geburtstag war. In seinem Unterbewusstsein hatte er es den ganzen Tag gespürt. Und dann war ihm auch noch eine Frau begegnet, die ihn an Nancy erinnerte. Früher am Tag. Eigentlich seltsam, denn Nancy war groß gewesen, einsfünfundsiebzig etwa, dunkelhaarig, gertenschlank. Diese Frau hatte ihr überhaupt nicht ähnlich gesehen.

Es geht auch gar nicht darum, dass sie ihr ähnlich sieht, überlegte er. Da war etwas gewesen in der Art, wie sie sich bewegte, wie sie sich gab, ihre Selbstsicherheit. Sie strahlte die gleiche Entschlossenheit aus wie Nancy, wirkte unerschrocken, nahm kein Blatt vor den Mund. Sie gab nicht klein bei, beharrte auf ihrem Standpunkt … und strahlte dabei eine seltsame Anziehungskraft aus.

Nicks Nichte. Die Rothaarige, die ihm am Morgen den Kaffee übers Hemd gegossen hatte. Sie war zwar nicht gerade klein, aber höchstens einsfünfundsechzig groß. Er hatte sie zuvor schon hin und wieder gesehen. Vor einigen Jahren war sie öfter in der Bar gewesen, aber damals hatte sie anders ausgesehen, mehr wie ein Teenager. Schlaksig, mit zerzausten Haaren, großen grünen Augen und immer in Bewegung. Später war er dann nicht mehr so häufig in Nicks Restaurant gewesen – eigentlich nur ein einziges Mal in den vergangenen fünf Jahren, als er einen anderen Anlegeplatz im Hafen beantragt hatte, an dem sein Boot seit gestern festgemacht war.

Sie hatte sich verändert. Ihre Bewegungen waren nicht mehr unbeholfen. Die Rundungen ihres Körpers saßen genau an den richtigen Stellen, und das leuchtende Rot ihres ungebändigten Haars wirkte geradezu wie eine Aufforderung an die Männer, mit ihr zu flirten. Ja, sie war attraktiv. Aber den größten Eindruck hatte ihre Stimme auf ihn gemacht. Ihr empörter Tonfall. Kühl und abweisend. Und wenn sie wütend war, konnte sie jemanden mit ihren zornblitzenden Blicken zum Schweigen bringen.

Nick hatte ihm erzählt, dass sie die Polizeiakademie besuchte.

Das Mädchen würde also bald zur Truppe gehören. Tolle Aussichten!

Vor allem, weil etwas an ihr ihn so sehr an Nancy erinnerte.

Verdammt! Plötzlich hatte er das Gefühl, dass eiskalte Hände seinen Körper berührten.

Er hoffte inständig, dass sie nicht so war wie Nancy. Eine Frau mit unerschütterlichen moralischen Grundsätzen, die zu allem entschlossen war – und nicht umsichtig genug, Angst zu haben.

Er kannte sie doch überhaupt nicht. Was sie tat und wie sie lebte, ging ihn absolut nichts an. Vielleicht war sie ja auch gar nicht wie Nancy. Vielleicht hatte er sich die Ähnlichkeiten nur eingebildet, weil Nancy heute Geburtstag hatte.

Unvermittelt empfand er ein tiefes Mitgefühl für Brian.

Er trank den letzten Schluck Bier. Und verspürte sofort Lust auf ein zweites.

Nein, kein Bier. Lieber einen Scotch.

Schließlich würde er ja heute Nacht nicht mehr ausgehen.

Er ging zurück in die Küche und goss sich einen Whisky ein. Nach kurzem Zögern machte er daraus einen Doppelten.

Auf irgendeine Weise musste er ja heute Nacht Schlaf finden.

Ohne weitere Zwischenfälle waren Ashley, Karen und Jan im Hotel eingetroffen, hatten eingecheckt und anschließend einige Stunden am Pool verbracht, wo sie mehrere Piña Coladas schlürften. Sie beschlossen, sich die Show anzusehen und erst am nächsten Abend in die Disco zu gehen.

Die Pferde waren prächtig, und die Vorstellung war sehr unterhaltsam. Als Ashley ins Hotel zurückkam, wartete eine Nachricht auf sie. Len und seine Kumpel von der Feuerwehr hatten sich tatsächlich entschlossen, ebenfalls zu kommen. Sie wollten den Abend in einer Tanzbar verbringen.

„Feuerwehrleute?“ fragte Karen.

„Das sind nicht alles gut aussehende Muskelpakete“, warnte Jan sie.

„Wir sollten mal unser Glück versuchen“, meinte Karen.

Und genau das taten sie.

Len war mit zwei Freunden gekommen, als habe er bewusst darauf geachtet, dass sich keiner von ihnen wie ein fünftes Rad am Wagen fühlen musste. Len war einunddreißig Jahre, groß und kräftig gebaut. Er hatte Ashley erzählt, dass er regelmäßig ins Fitnessstudio gegangen war, schon bevor er sich bei der Polizei beworben hatte, und auch danach hatte er noch intensiv weitertrainiert. Er hatte sandfarbene Haare, grüne Augen, ein paar Sommersprossen im Gesicht und war ein durch und durch netter Kerl. Er wäre gern mehr als nur Ashleys Freund gewesen, aber so sympathisch sie ihn auch fand – sexuell fühlte sie sich überhaupt nicht von ihm angezogen. Das hätte sie ihm natürlich nicht sagen können, ohne dass sein Selbstbewusstsein darunter gelitten hätte. Darum hatte sie ihm erklärt, nur deshalb nicht mehr als eine platonische Beziehung zu wollen, weil ihr im Moment nichts wichtiger war als die Polizeiakademie und hin und wieder ein paar Kurse auf der Kunstschule.

Er hatte sich allmählich damit abgefunden, dass es zwischen ihnen nicht mehr als Freundschaft gab. Manchmal erzählte er ihr von seinen Dates, die häufig in einer Katastrophe endeten, von seiner verzweifelten Suche nach der richtigen Frau, und das war oft so komisch, dass sie einfach lachen musste. Er nahm es ihr nicht übel.

Die beiden Männer, die er im Schlepptau hatte – Kyle Avery und Mario Menendez –, entsprachen voll und ganz der Vorstellung, die man sich gemeinhin von jungen Feuerwehrleuten machte.

„Ashley, du hast wirklich eine Nase für Männer“, meinte Karen. „Bei dem bräuchte ich nicht lange zu überlegen.“

„Bei welchem?“

Karen schwieg eine Minute. „Eigentlich bei allen dreien. Aber besonders bei deinem Freund Len. Ich verstehe nicht, dass du nichts mit ihm hast.“

„Weil da nichts ist.“

„Was ist nicht da? So, wie der aussieht, lässt er bestimmt keine Wünsche offen.“

„Dann probiers doch mal aus“, schlug Ashley vor.

Karen schüttelte den Kopf. „Daraus würde nichts. Der steht ja auf dich.“

„Er ist nur ein Freund, Karen. Wenn du ihn glücklich machst, würdest du auch mich glücklich machen.“

„Hört auf, Mädels, wir sind in ’ner Disko“,

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