Logo weiterlesen.de
Am Anfang war Vertrauen

Inhalt

Vorwort zur zweiten, aktualisierten Auflage

Was ist Ermutigung?

Das kleine „g“

FALLBEISPIEL: Übertriebene Fürsorge

Widerstand überwinden

Was ist ein Familienrat?

Gemeinschaftsgefühl bei Adler und Dreikurs

FALLBEISPIEL: Kordula - Eine gute Mutter macht das halt!

Wie kann ich mein Kind bei den Hausaufgaben unterstützen?

Kinder miteinander vergleichen

Wie lernen kleine Kinder?

Was tun bei Rückschlägen, bei Fehlern, bei Misserfolgen?

FALLBEISPIEL: „Hausübungsmachtkampf“

FALLBEISPIEL: Pia - Dazugehören heißt, das Eigene zurückzustellen

FALLBEISPIEL: Anna - Wer Kinder ermutigen will, muss selbst ermutigt sein.

FALLBEISPIEL: „Moritz“

FALLBEISPIEL: Ottilie, Lehrerin ohne Durchsetzungskraft

Was Kinder motiviert

Lernstörungen

FALLBEISPIEL: Gabi versagt in Mathe

FALLBEISPIEL: Anette und ihr Schmerz

FALLBEISPIEL: Jakob will es allein tun

Kindgerechtes Lehr- und Lernmaterial

Teil einer Gruppe sein

Ein positives Arbeits- und Familienklima wirkt ermutigend.

FALLBEISPIEL: Hermine - Es tut gut, sich selbst ernst zu nehmen

Worum es beim Ermutigen noch geht:

FALLBEISPIEL: Konrad - „Ich bin perfekt im Ungehorsam Sein“

Lernstörungen überwinden

FALLBEISPIEL aus der Lernberatung: Jonas, übermütiger Zappelphilipp

FALLBEISPIEL: Kai – „Ich muss es selbst probieren dürfen.“

Wie Ermutigung für uns alle gelingen kann

Rechenstörungen vermeiden – aber wie?

Individualisierung

Zuhause üben in Corona-Zeiten

FALLBEISPIEL: Margit - Daheim sein und mithelfen?

FALLBEISPIEL: Timo - Die Hausübungen mache ich für meine Lehrerin

Was uns allen hilft

Zu guter Letzt

Stichwortverzeichnis

Verwendete Literatur und Empfehlungen zum Weiterlesen:

Links:

Vorwort zur zweiten, aktualisierten Auflage

CORONÖSE ZEITEN

Corona als Vergrößerungsglas. Noch nie zuvor waren die Schwachstellen unserer Gesellschaft so sichtbar. Noch nie zuvor hat sich so deutlich gezeigt, welchen Stellenwert bestimmte Berufsgruppen und Menschen haben.

Covid19 zeigt, wie verletzlich wir sind.

Wurde zu Beginn dieser Krise noch für die Systemerhalterinnen und Systemerhalter geklatscht, haben wir jetzt nur noch ein müdes Gähnen für sie übrig: müde, weil viele, die sich für Gleichwertigkeit und Solidarität engagieren, wirklich müde sind. Die meisten sind es leid, diese Schwachstellen aufzuzeigen, weil seit Jahrzehnten nichts weitergeht. Und müde, weil jene, die tagtäglich in sozialer Arbeit und Pflege tätig sind, wirklich erschöpft sind. Wir sprechen jetzt vom „Pflegenotstand“, zusätzlich zum „Bildungsnotstand“ und zum „Erziehungsnotstand“.

Ich sitze wieder in meinem improvisierten Homeoffice in unserem Schlafzimmer. Mein Mann arbeitet nach wie vor wieder im Teleworking Modus, die Kinder waren im Homeschooling. Unser ältester Sohn hat inzwischen maturiert: im „Corona Modus“, und alles ist gut gegangen.

Als psychologische Beraterin mit den Schwerpunkten Lern- und Erziehungsberatung hatte ich zwischenzeitlich viele Beratungen und Supervisionen, anfangs ehrenamtlich, jetzt wieder im gewohnten Arbeitsrhythmus für Privatpersonen und Institutionen. Ich bin dankbar dafür, wie gut vieles auch online angenommen wird und funktioniert.

WAS IST MEIN BEITRAG?

Als berufstätige Mutter weiß ich, wie entmutigend die „Gesamtsituation“ ist. Ich weiß, dass unser Schulsystem im Grunde ein Zweiklassensystem ist. Das österreichische Schulsystem basiert vor allem auf der Kooperation von Eltern. Ist diese, aus welchen Gründen auch immer, nicht gewährleistet, fallen die meisten Kinder durch den Rost. Corona hat all diese Schwachstellen sichtbarer gemacht. Gleichzeitig gibt es vieles, das gut läuft und für das wir dankbar sein können.

Dieses Buch habe ich für diejenigen geschrieben, die wissen wollen, „wie Ermutigung geht“, damit Kinder und Jugendliche gerne Beiträge leisten und auch lernen, gut mit sich selbst umzugehen. Freiheit und Verantwortung, Nähe und Distanz, Individualität und Gemeinschaft zu leben, das sind ganz große Aufgaben. Und es ist schwierig, hier eine Balance zu finden im Leben mit Kindern. Es geht niemals um Perfektion. Es geht nur darum, es immer wieder neu zu versuchen.

Eltern sein bedeutet auch, sich konfrontieren müssen mit den eigenen Kindheitserfahrungen, mit Schmerz, mit Traurigkeit.

Ermutigung bedeutet: Mut machen.

Erziehung bedeutet Beziehung. Demokratisches Bewusstsein und Handeln wird von frühester Kindheit an eingeübt. Demokratie bedeutet, miteinander in Beziehung sein, unterschiedliche Meinungen zu haben und keine Angst davor haben zu müssen, wegen dieser Meinung ausgegrenzt oder verachtet zu werden.

Mir liegt unsere Demokratie am Herzen. Wie Kinder und Jugendliche aufwachsen, hat viel damit zu tun, welche Entscheidungen sie später, im Erwachsenenalter einmal treffen werden: ob sie bereit sind, solidarisch zu handeln, ob sie Interesse zeigen an der Gemeinschaft, ob sie neugierig und mutig bleiben. „Wer sich schlecht fühlt benimmt sich schlecht“ schrieb Alfred Adler. Sorgen wir doch gemeinsam dafür, dass sich Kinder und Jugendliche gut entwickeln können. Ermutigung im Alltag ist ein kleiner, aber sehr wirksamer Anfang.

Sagen wir doch Ja! zu unseren Fehlern und Unzulänglichkeiten. Wenn wir „heiter scheitern“, sind wir viel eher bereit, uns weiterzuentwickeln und Neues zu lernen. Und wir werden viele neue Ideen haben müssen, um die zukünftigen Aufgaben lösen zu können.

Die meisten Eltern, die ich kenne, versuchen, ihr Bestes zu geben. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer, die ich kenne, versuchen das auch. Ich hoffe sehr, ich kann dazu beitragen, Sie zu entlasten. Wir brauchen einander. Corona zeigt, wie sehr alles voneinander abhängt. Alles hat Folgen. Alfred Adler hat für eine bessere Welt gekämpft. Sein Elend bestand darin, dass auch er die Politik nicht erreicht hat. Ich bin überzeugt davon, wenn wir »mit den Augen eines anderen sehen, mit den Ohren eines anderen hören, mit dem Herzen eines anderen fühlen« gelingt es uns Menschen besser, einander zu erreichen. Ich habe mir vorgenommen, auf das zu schauen, was bereits gelingt.

Alles Liebe,

Ihre Sabine Felgitsch

PS: Wege entstehen, indem wir sie gehen. Mit einer großen Portion Mut zur Unvollkommenheit. Darum bitte ich, mir Fehler und Dinge, die ich eventuell nicht berücksichtigt habe, zu verzeihen. Wo Fehler sind, da ist auch Erfahrung.

PPS: Das Vorwort zur ersten Auflage wurde entfernt, zu viel hat sich in der Zwischenzeit verändert. Bitte, kaufen Sie bei Ihrem regionalen Buchhändler oder bei Ihrer regionalen Buchhändlerin. Für den deutschen Verlag Tredition habe ich mich aus ökonomischen, zeitlichen und autonomen Gründen entschieden.

Was ist Ermutigung?

EINE HALTUNG, DIE MUT MACHT

Ermutigung ist eine Haltung: ich glaube an dich. Ich glaube an mich. Ich ermutige dich, etwas zu tun. Ich nehme dich ernst. Ich vertraue dir.

Ermutigung konzentriert sich nicht so sehr auf den „Output“, auf das, was als Produkt herauskommen soll, nicht auf die Leistung, sondern auf das „Wie“, auf den Versuch.

Es geht darum, auszuprobieren und sich einzulassen. Wichtig ist auch: die Ermutigung lässt Fehler zu.

WORUM GEHT ES BEI ERMUTIGUNG?

♦ Es geht um den Weg und nicht so sehr um das Ziel.

♦ Ermutigung setzt dort an, wo wir verunsichert sind.

♦ Ermutigung hilft, Hindernisse zu überwinden.

♦ Ermutigung zielt nicht auf bereits erreichte Erfolge ab, sondern auf künftige Erfolge.

♦ Ermutigung hilft beim Überwinden von Schwierigkeiten.

♦ Ermutigung ist eine Haltung.

♦ Ermutigung hilft auch bei Misserfolgen weiter.

♦ Ermutigung basiert auf sozialer Gleichwertigkeit.

♦ Ermutigung ist Gewaltprävention.

♦ Ermutigung und Inklusion brauchen einander.

SOZIALER MUT

Ermutigung hat viel mit sozialem Mut zu tun: Wir übernehmen Verantwortung, wenn wir uns ermutigt fühlen. Wir brauchen Offenheit.

Es fällt uns leichter, zu Fehlern zu stehen, wir wollen Farbe bekennen und Stellung beziehen. Wir können Grenzen leichter ziehen und bleiben trotzdem in einem Wir-Gefühl. Wir haben eine gute Wahrnehmung und trauen uns, Neues auszuprobieren. Wir lernen, einen mutigen Schritt nach dem anderen zu setzen.

Ermutigung bringt Konfliktfähigkeit. Wenn wir ermutigt sind, schauen wir hoffnungsvoller in die Zukunft. In der Erziehung und beim Lernen allgemein hat sich die Ermutigung des Lernenden bewährt – früher auch „Bekräftigungslernen“ genannt. Das Kind oder den Jugendlichen beim Lernen ermutigen ist eine der wichtigsten Lernstrategien überhaupt, vor allem, wenn es um nachhaltigen Lernerfolg und um seine Steigerung geht.

Wenn wir aber mit Lernen das langweilige Üben und sinnlose Wiederholen von unnützen Inhalten meinen, können wir auf Ermutigung verzichten und sollten unsere Kinder nicht für blöd verkaufen. Vera F. Birkenbihl nannte dies „(sinnloses) Pauken“. Auswendig lernen ist – (kunst-) pädagogisch betrachtet – eine gute Sache. Es sollten aber Dinge sein, die man selbst ausgewählt hat: Gedichte, die von Kindern gelesen und verstanden werden. Auswendiglernen muss auch gelernt sein – das sollte in der Volksschule von den Lehrerinnen mit den Kindern gemeinsam geübt werden, als Lerntechnik.

LOB IST NICHT DAS GLEICHE WIE ERMUTIGUNG

Wenn Kinder etwas geleistet oder geschafft haben, loben wir sie für gewöhnlich. Wir loben Menschen, wenn sie etwas Besonderes getan haben. Lob setzt allerdings eine Hierarchie voraus: der Lobende weiß, was sich gehört, was gut ist, was richtig ist. Er bewertet. Der Chef lobt seinen Mitarbeiter, die Mutter lobt das Kind, der Lehrer lobt den Schüler. Das Menschenbild bei Adler und bei Montessori (die eine Schülerin von Alfred Adler war) sieht plattes Lob nicht vor: Lob erzeugt (Erwartungs-) Druck, fördert Konkurrenz (wenn wir Kinder vor anderen Kindern loben, verstärken wir den Wettbewerb untereinander und hemmen dadurch die Kooperation). Lob ist ein Mittel der Manipulation, der autoritären Erziehung. Es soll dabei helfen, Kinder zu disziplinieren.

Es ist sinnvoll, wenn wir Lob sparsam anwenden in der Erziehung unserer Kinder. Lob kann abhängig machen – wir wollen mehr davon, wir handeln nicht aus unserem inneren Antreiber heraus, wir brauchen von außen einen Trigger, einen Schubs, einen gewissen Druck. Das mag kurzfristig gut und richtig sein, doch auf Dauer hindert übermäßiges Lob Kinder manchmal, aus einem inneren Drang, Beiträge leisten zu wollen, einfach, um Gutes zu tun, um dazuzugehören, um im gemeinschaftlichen Sinne zu handeln.

Lob kann unter Umständen bei besonders kooperativen Kindern dazu führen, dass sie sich noch mehr unter Druck setzen und dass sie irgendwann meinen: es ist nie genug, ich muss noch besser werden, noch mehr leisten, alle übertrumpfen. Ich muss die Beste sein! Im schlimmsten Fall führt Lob dazu, dass Kinder nur mehr dann kooperieren, wenn wir sie belohnen, also „loben“.

DIE IDEE DER ERMUTIGUNG

Alfred Adler, ein österreichischer Arzt mit jüdischen Wurzeln, gilt als Begründer der „Individualpsychologie“ und als Urheber der „Ermutigungsidee“. Er wurde 1870 geboren und verstarb 1937. Für Alder war soziale Gleichwertigkeit sehr wichtig. Seine Lehre ist eine „Alltags- und Gebrauchspsychologie“ und konzentriert sich vor allem auf die Ressourcen des Menschen. „Individuum“ ist ein lateinisches Wort und beschreibt die Unteilbarkeit und Einzigartigkeit. Adler war es wichtig, zu erkennen, wie wichtig jeder Einzelne für das „Große Ganze“ ist. Er wollte damit ausdrücken, dass nichts unabhängig voneinander betrachtet werden kann.

Jetzt, in Zeiten von Corona können wir das sehr deutlich erleben, wie wichtig es ist, dass viele von uns, besser noch, alle von uns, sich an diese Regeln und Vorschriften halten. Es könnte Leben retten und weitere Infektionen verhindern. Wir alle sind voneinander abhängig. Alles hängt mit allem zusammen.

JEDE PERSON IST WICHTIG

Jeder Mensch ist wichtig. Für Adler waren die Begriffe Zugehörigkeit und Gemeinschaftsgefühl wesentlich. Adler hatte die große Vision, das Erziehungs- und Schulsystem auf ein „Wir-Gefühl“ auszurichten: Alle gehören dazu. Das mächtigste Mittel der Erziehung ist die Liebe und die damit verbundene, notwendige Erfüllung des kindlichen Bedürfnisses nach Körperkontakt und nach Beziehung.

Doch Kinder müssen auch lernen, sich unterzuordnen und gleichzeitig ist es auch notwendig, sich durchzusetzen und sich bemerkbar zu machen. Für einen kleinen Menschen ist beides überlebensnotwendig: Liebe und Autonomie. Gerald Hüther spricht auch von Verbundenheit und Wachstum. Das Streben nach Selbstbestimmung und nach Liebe bringt bereits von frühester Kindheit an Konflikte mit sich: Tue ich etwas um der Gemeinschaft willen? Oder setze ich mich durch und befriedige somit meine Sehnsucht nach Wachstum und Autonomie?

Ein einziger Mensch kann viel tun und viel bewirken, im Guten wie im Schlechten. Alfred Adler wollte keine bewertende, belehrende oder moralisierende Psychologie begründen. Für ihn waren die Freiheit und die Würde des Menschen sehr wichtig. Das Individuum allerdings ist immer Teil ist von einem großen Ganzen. Dessen sollen wir uns in der Erziehung bewusst sein. Es geht um das Wir-Gefühl, die Menschheit ist wichtig, die Natur und die Schöpfung.

Im Leben eines Menschen geht es vorwiegend um diese Fragen: Wie bin ich? Wie sind die anderen Mitmenschen? Wie ist die Welt? Was sind meine Ziele? Was sind meine Mittel und wie erreiche ich meine Ziele? In den Gedanken, Handlungen, Gefühlen und im Verhalten des Menschen, zeigt sich der jeweilige „Lebensstil“ eines Menschen.

Adler war ein Kollege von Sigmund Freud, dem Entdecker des Unbewussten. Von Freud lernte Adler sehr viel über die menschliche Seele. Das half ihm dabei, neue, eigene Einsichten vor allem über die Entwicklung und Grundbedürfnisse von Kindern zu gewinnen.

Alfred Adler gilt als Begründer der psychosomatischen Medizin und des ganzheitlichen Denkens: Körper, Geist und Seele sind nicht voneinander zu trennen und wirken immer zusammen.

Gemeinschaftsgefühl ist, »mit den Augen eines anderen zu sehen, mit den Ohren eines anderen zu hören, mit dem Herzen eines anderen zu fühlen.«

ALFRED ADLER

ABKEHR VON ZÜCHTIGUNG UND VON GEWALT

Einfühlungsvermögen und dem Kind zuzuhören war für Adler das Wichtigste in der Erziehung. Er war ein Mann mit einem großen Herzen, mit Hausverstand und Bodenständigkeit. Er sprach sich öffentlich gegen die körperliche Züchtigung von Kindern aus.

Alfred Adler war ein Meister der Ermutigung. Folgende Geschichte wird von ihm überliefert:

Das kleine „g“

Dr. Alfred Adler hielt als Arzt Vorträge, leitete Beratungen und Seminare vor vielen interessierten Studenten, Lehrern und Erziehenden. Einmal kam eine Lehrerin während eines solchen Vortrags auf ihn zugestürmt, in der Hand ein Heft, voller Markierungen mit Rotstift.

„Herr Dr. Adler, sehen Sie sich das an! So viele Fehler, dieses Kind wird es wohl nie lernen, was meinen Sie?“ Adler nahm das Heft, begutachtete es eine Weile sehr genau und meinte schließlich: „Mhm… aber hier, dieses kleine „g“, das scheint doch vorzüglich gelungen zu sein, was meinen Sie?“

Das kleine „g“ – das finden wir in jedem Menschen, nicht auf Anhieb, möglicherweise, aber wenn wir genaue und achtsam hinsehen!

„Ermutigung beruht auf Gegenseitigkeit: Lernschwache Schüler erfahren, dass auch unauffällige Leistungen trotz aller Schwächen beachtet und als positiv herausgestellt werden.“

HANS JOSEF TYMISTER

ERFOLGREICHES LERNEN: WAS SIND DIE VORAUSSETZUNGEN FÜR ERFOLGREICHES LERNEN VON KINDERN UND JUGENDLICHEN?

Wichtig ist: Lehrer und Eltern können nur Voraussetzungen und Bedingungen für erfolgreiches Lernen schaffen, lernen müssen die Kinder schon selbst.

Gemeint ist eine Art und Weise des Miteinander Seins, die wir auch eine „tragfähige Beziehung“ nennen. Diese Beziehung muss die Qualität einer liebevollen Mutter-Kind-Beziehung haben: das bedeutet, das Kind ernst zu nehmen, und ihm vorbehaltlos zu vertrauen.

Auch in der Krippe oder im Kindergarten sollte solch eine Beziehung gewährleistet sein. Darum ist es sehr wichtig, dass die Rahmenbedingungen im elementarpädagogischen Bereich verbessert werden und diese Berufsgruppen besser anerkannt werden, auch hinsichtlich Entlohnung. Die frühe Kindheit ist die prägendste Zeit im Leben eines Menschen. Wir lernen von Kindheit an, zu kooperieren und im Sinne eines Wir-Gefühls zu handeln. Selbst in der Frage der Schulschließungen hilft uns ein Schwarz-Weiß-Denken nicht weiter: es ist schwierig, auf alle Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Manche genossen den Zustand des Lockdowns, manche waren verzweifelt, überfordert, überlastet.

Ich wünschte, wir würden anerkennen, dass wir alle uns bereits vor Corona in sehr entmutigenden Zeiten befunden haben, vor allem was unsere Kinderbildungs- und Betreuungseinrichtungen betrifft. Schule ist eben nicht nur Ort kognitiver Wissensvermittlung, sondern eben auch eine soziale Einrichtung. Somit sind Lehrerinnen und Lehrer ganz klar Miterziehende unserer Kinder. Es gibt viele Wahrheiten. Eine davon ist, dass für viele Kinder Bildungseinrichtungen die einzige Chance sind, psychische Widerstandskraft zu entwickeln.

Umso wichtiger wäre es, die Lehrpläne nicht eins zu eins umzusetzen, sondern sich für ein „weniger ist mehr“ zu entscheiden. Dabei braucht es aber auch Eltern, die sich vom neoliberalen und kapitalistischen Menschenbild nicht leiten lassen und ihren Kindern (und allen, die mit Kindern arbeiten) mehr Vertrauen schenken.

Die Gefahr, dass wir in Zukunft noch mehr verwöhnen, anstatt zu fordern, weil wir unsere Kinder (nach Corona?) auf keinen Fall belasten wollen, und somit eine Entmutigungsspirale in Gang setzen bei allen Beteiligten, halte ich gerade jetzt für sehr groß. Die Wahrheit ist den Kindern zumutbar, und ihre Mithilfe in Form von gleichwertiger (nicht gleichmachender!) Behandlung und Mitarbeit auch.

DIE BEDEUTUNG VON VERTRAUEN

Der Mangel an Vertrauen in ein Kind kann dazu beitragen, dass das Kind sich in seiner Existenz nicht voll angenommen fühlt. Manche Kinder interpretieren diese Zurückweisungen als ein Nicht-Gewünscht-Sein und fühlen sich dadurch tief entmutigt.

Fehlt die Verbundenheit zwischen Mutter und Kind, dann gleicht das Loslassen einem gleichgültigen Fallenlassen. Davor haben wir dann als Erwachsene selbst Angst. Daher hilft es uns sehr, uns selbst nach unseren eigenen Bindungserfahrungen zu befragen, wenn es um die Selbstständigkeit unserer Kinder geht.

Vertrauen ist die Basis im Zusammenleben von Menschen. Wir müssen auch jetzt darauf vertrauen, dass jeder seinen Beitrag leistet. Eine funktionierende Demokratie ist zu einem großen Teil auf Vertrauen begründet. Erziehung und Vertrauen bedingen einander.

Die Erziehungsprobleme, mit denen viele Menschen konfrontiert zu sein scheinen, haben meines Erachtens nichts mit „Schuld“ zu tun. Folgende Frage ist viel interessanter: Handelt es sich um eine Folge schwerwiegender Entmutigung aller im Erziehungs- und Bildungswesen Beteiligter, von früher Kindheit an?

Erziehungs-, Lern- und Autoritätsprobleme bedeuten immer auch Beziehungsprobleme. Sozialisation beinhaltet ganzheitliche Prozesse, die von den Stimmungen des pädagogischen und familiären Alltags geprägt werden, und sie beginnt bereits im Mutterleib. Wie wird also mit Mutterschaft und Mütterlichkeit und sogenannten weiblichen Eigenschaften in unserer Kultur umgegangen? Hinzu kommt, dass feste Strukturen, Autorität, und Sicherheiten von Staat, Kirche und anderen Moralinstanzen nicht mehr vorgegeben sind. Jetzt geht es darum, mit Freiheit und Wohlstand und dem Mangel im Überfluss umgehen zu lernen. Für viele Eltern ist die Anforderung, mobil zu sein in jeglicher Hinsicht, beruflich, körperlich, geistig, sozial, eine große Herausforderung. Es braucht eine starke Identität, um Nein sagen zu können zur Beliebigkeit. Die dauernde Forderung nach Flexibilität und Individualität erfordert enorme psychische Widerstandsfähigkeit. Viele Eltern haben wenig, an das sie sich anlehnen und auf das sie sich beziehen können. Vieles, das sie geben, müssen sie aus sich selbst herausschöpfen.

Konsum und flüchtige Kontakte mit dem illusorischen Erleben von Zugehörigkeit und Anerkennung durch soziale Netzwerke und mediale Manipulation scheinen zumindest kurzfristig befriedigend, aber wir werden emotional und geistig nicht satt davon. Zudem braucht Elternschaft auch den Mut, Trauerarbeit zu leisten: Gefühle, die nicht gelebt wurden, Sehnsüchte, die nicht erfüllt wurden, bringen Schmerz. Elternschaft macht verletzlich.

Pauschale Bewertungen entmutigen und entzweien PädagogInnen und Eltern noch mehr. „Das“ Kind oder „den“ Jugendlichen gibt es nicht. Es geht immer um individuelle Menschen mit dem tiefen Ziel, dazuzugehören.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Am Anfang war Vertrauen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen