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Am Anfang des Weges

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Danksagung
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Dreizehntes Kapitel
  21. Vierzehntes Kapitel
  22. Fünfzehntes Kapitel
  23. Sechzehntes Kapitel
  24. Siebzehntes Kapitel
  25. Achtzehntes Kapitel
  26. Neunzehntes Kapitel
  27. Zwanzigstes Kapitel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  31. Vierundzwanzigstes Kapitel
  32. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  33. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  34. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  35. Achtundzwanzigstes Kapitel
  36. Neunundzwanzigstes Kapitel
  37. Dreißigstes Kapitel
  38. Einunddreißigstes Kapitel
  39. Zweiunddreißigstes Kapitel
  40. Dreiunddreißigstes Kapitel
  41. Vierunddreißigstes Kapitel
  42. Fünfunddreißigstes Kapitel
  43. Sechsunddreißigstes Kapitel
  44. Siebenunddreißigstes Kapitel
  45. Epilog
  46. Ein Gespräch mit dem Autor

Über den Autor

Richard Paul Evans ist der preisgekrönte Autor von bislang zwanzig Romanen, die in mehr als fünfundzwanzig Sprachen übersetzt und zum Teil fürs Fernsehen verfilmt wurden. Mit AM ANFANG DES WEGES, dem ersten Teil um den Reisenden Alan Christoffersen, erfüllte sich Evans einen Herzenswunsch. Er lebt mit seiner Frau Keri und ihren fünf Kindern in Salt Lake City, Utah.

Richard Paul Evans

AM
ANFANG
DES WEGES

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Veronika Dünninger

Danksagung

An erster Stelle möchte ich meinem Freund Leo Thomas (Tom) Gandley danken, der mehr von diesem Buch gelebt hat, als sich irgendjemand wünschen würde. Ich weiß, dass es oft nicht leicht war, über den Verlust deiner eigenen »McKale« zu sprechen, und ich bin dir dankbar für deinen Beitrag zu diesem Buch.

Danke auch an Karen Christoffersen und ihren geliebten Al. Möge sein Name durch diese Bücher auf der ganzen Welt fortleben.

Außerdem danke ich den üblichen Verdächtigen, mit ein paar Änderungen in der Reihenfolge. Zuallererst meiner guten Freundin und ehemaligen Lektorin Sydny Miner. Es war mir ein Vergnügen, über ein Jahrzehnt lang mit dir zusammenzuarbeiten. Ich wünsche dir alles Gute. Amanda, ich freue mich darauf, den Weg weiter mit dir zu gehen. Danke für deine Hilfe.

David Rosenthal und Carolyn Reidy danke ich dafür, dass sie an die Idee zu dieser Reihe geglaubt haben.

Gypsy da Silva dafür, dass sie meine unmöglichen Zeitpläne mit einem Lächeln ertragen hat. Liss dafür, dass sie meine Fürsprecherin und meine Freundin ist. Ich liebe dich.

Dr. Brent Mabey und Caitlin James für ihre Recherche-Unterstützung. Den wundervollen Mitarbeitern in Redmond, Washington, Marriott, die uns auf den richtigen Weg gebracht haben.

Lisa Johnson, Barry Evans, Miche Barbosa, Diane Glad, Heather McVey, Judy Schiffman, Fran Platt, Lisa McDonald, Sherri Engar, Doug Smith und Barbara Thompson.

Meiner Familie: Keri, Jenna und David Welch, Allyson-Danica, Abigail, McKenna und Michael. Jenna, nochmals danke für deine Hilfe, Liebe und Einsicht. Und jetzt sieh zu, dass du dein eigenes Buch zustande bringst!

Und natürlich meinen lieben Lesern. Willkommen auf meinem Weg!

– Richard

 

Für meinen Vater, David O. Evans

Prolog

 

Lieber Alan,

da du die Geschichte deines Weges aufschreibst, will ich dir einen Rat bezüglich des Schreibens geben. Er stammt von einem deiner Lieblingsautoren, nämlich von Lewis Carroll:

»Fang am Anfang an, und fahr fort, bis du das Ende erreicht hast; dann mach Schluss.«

Alan Christoffersens Tagebuch

Mein Name ist Alan Christoffersen. Sie kennen mich nicht. »Nur ein weiteres Buch in der Bibliothek«, würde mein Vater sagen, »ungeöffnet und ungelesen.« Sie haben keine Ahnung, wie weit ich gekommen bin oder was ich verloren habe. Und was noch wichtiger ist, Sie haben keine Ahnung, was ich gefunden habe.

Ich bin niemand Wichtiges oder Berühmtes. Doch das ist egal. Denn es ist besser, von einem einzigen Menschen geliebt zu werden, der deine Seele kennt, als von Millionen, die nicht einmal deine Telefonnummer wissen. Ich habe und wurde so innig geliebt, wie es sich ein Mensch nur erhoffen kann, daher kann ich mich sehr glücklich schätzen. Das heißt auch, dass ich gelitten habe. Das Leben hat mich gelehrt, dass man die Möglichkeit des Absturzes akzeptieren muss, bevor man fliegen kann.

Ich weiß nicht, ob je irgendjemand lesen wird, was ich geschrieben habe. Aber wenn Sie dieses Buch in den Händen halten, dann haben Sie meine Geschichte gefunden. Sie sind nun mein Reisegefährte. Falls Sie auf meiner Reise irgendetwas finden, das Ihnen auf Ihrer hilft, behalten Sie es.

Manch einer würde es vielleicht eine Liebesgeschichte nennen. Wer ohne Liebe ist, wird es einen Reisebericht nennen. Für mich ist es die Geschichte eines Mannes, der gereist ist, um Hoffnung zu finden. Mir sind Dinge widerfahren, die Sie vielleicht nicht glauben werden. Mir sind Lehren erteilt worden, für die Sie vielleicht nicht bereit sind. Egal. Akzeptieren Sie oder lassen Sie beiseite, was Sie wollen. Aber seien Sie im Voraus gewarnt (was mir leider nicht vergönnt war), dass Ihre Lektüre nicht einfach sein wird. Aber es ist eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Es ist die Geschichte meines Weges.

Erstes Kapitel

»Gib vor allem dein Verlangen zu gehen niemals auf. Ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen loswürde.«

– Kierkegaard
Alan Christoffersens Tagebuch

Der Legende nach kann man, sobald man den Sand von Key West in den Schuhen hat, nicht mehr an den Ort zurück, von dem man gekommen ist. Auf mich trifft das zu. Ich bin allein am Strand und sehe zu, wie die blutrote Sonne im Golf von Mexiko getauft wird. Und es führt kein Weg zurück zu all dem, was ich zurückgelassen habe.

Die Luft ist gesättigt von den Gerüchen von Salzwasser und Seetang und erfüllt von den Geräuschen brechender Wellen und kreischender Möwen. Ein Teil von mir fragt sich, ob das hier vielleicht nur ein Traum ist, und hofft, dass ich im Bett aufwachen und feststellen werde, dass ich noch immer in Seattle bin und dass McKale mir sanft mit den Fingernägeln über den Rücken streicht. Sie würde flüstern: »Bist du wach, mein Schatz?« Ich würde mich zu ihr umdrehen und sagen: »Du wirst nicht glauben, was ich eben geträumt habe.«

Aber es ist kein Traum. Ich habe das ganze Land zu Fuß durchquert. Und die Frau, die ich liebe, kommt niemals wieder.

Das Wasser vor mir ist so blau wie Scheibenwischerflüssigkeit. Ich spüre die Brise der Abenddämmerung auf meinem unrasierten, sonnenverbrannten Gesicht und schließe die Augen. Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt, um hier anzukommen – fast 3500 Meilen. Aber in manch anderer Hinsicht war er noch viel weiter. Ein Weg lässt sich nicht immer in räumlicher Entfernung messen.

Ich nehme meinen Rucksack von den Schultern und setze mich in den Sand, um mir die Schuhe aufzubinden und sie auszuziehen. Meine durchgelaufenen, ehemals weißen und jetzt grauen Baumwollsocken kleben an meinen Füßen, als ich sie abstreife. Dann mache ich auf dem nassen, von Muscheln übersäten Sand ein paar Schritte nach vorn und warte darauf, dass das zurückweichende Wasser wiederkommt und meine Füße umspült. Ich hatte Hunderte von Stunden Zeit, um über diesen Augenblick nachzudenken. Jetzt lasse ich alles über mich hinwegrollen: den Wind, das Wasser, die Vergangenheit und die Gegenwart, die Welt, die ich zurückgelassen habe, die Menschen und die Städte auf meinem Weg. Ich kann kaum glauben, dass ich endlich hier bin.

Nach ein paar Minuten gehe ich zurück und setze mich im Schneidersitz neben meinem Rucksack in den Sand und tue, was ich in den Schlüsselmomenten meines Lebens immer tue: Ich zücke einen Stift, schlage mein Tagebuch auf und beginne zu schreiben.

Das Schreiben habe ich mir schon vor langer Zeit zur Gewohnheit gemacht – lange vor diesem Tagebuch, lange vor meinem Weg. Als ich acht Jahre alt war, schenkte mir meine Mutter zu Weihnachten mein erstes Tagebuch. Es war ein kleines Buch mit einem gelben Plastikeinband und eingeprägten Verzierungen. Am besten gefielen mir daran das Schloss und der Schlüssel aus Messing. Es gab mir ein Gefühl von Wichtigkeit, in meinem Leben etwas so Bedeutendes zu besitzen, dass ich es vor der Welt verschließen musste. An diesem Weihnachtsabend schrieb ich zum ersten Mal in meinem Leben in ein Tagebuch. Wegen des Schlosses nahm ich an, dass nur ich es lesen würde, daher schrieb ich an mich selbst, eine Gewohnheit, die ich für den Rest meines Lebens beibehalten würde.

Lieber Alan,

heute ist Weihnachten. Ich habe ein Rock’em-Sockem-Roboterspiel, Walkie-Talkies und einen roten Zuckerfisch geschenkt bekommen, den ich schon aufgegessen habe. Mom hat mir dieses Tagebuch mit einem Schloss und einem Schlüssel geschenkt und gesagt, dass ich jeden Tag etwas hineinschreiben soll. Ich habe sie gebeten, etwas auf die erste Seite zu schreiben.

Mein lieber Sohn,

danke, dass du mich in dein besonderes Buch schreiben lässt. Und frohe Weihnachten! Es ist ein ganz besonderes Weihnachten. Eines Tages wirst du das verstehen. Lies von Zeit zu Zeit diese Worte, und denk daran, wie sehr ich dich liebe und immer lieben werde.

– Mom

Mom sagt, dass es egal ist, was ich schreibe, und dass ich mit dem Schreiben nicht auf die wichtigen Dinge warten soll, da ich sonst vermutlich nie etwas schreiben werde, weil die wichtigen Dinge genauso aussehen wie alles andere auch, außer wenn man darauf zurückblickt. Es geht darum, zu schreiben, was man denkt und fühlt. Mom sah besser aus heute. Ich glaube, es wird ihr bald besser gehen.

Ich habe diese Zeilen so oft berührt, dass sie kaum noch zu entziffern sind. Der Eintrag meiner Mutter war eines dieser Ereignisse, von denen sie gesprochen hatte, die Art Ereignis, das nach gar nichts aussieht, außer im Rückspiegel der Zeit. Meine Mutter starb neunundvierzig Tage später an Brustkrebs – am Valentinstag.

Es war früh am Morgen, noch vor der Zeit, zu der ich normalerweise für die Schule aufstand, als mein Vater mich in ihr Zimmer führte, um sie zu sehen. Auf dem Nachttisch neben ihrem Bett standen eine einzelne gelbe Rose in einer Langhalsvase und meine selbst gebastelte Valentinskarte mit der Zeichnung eines Herzens, durch das ein Pfeil geht. Ihr Körper war da, aber sie war es nicht. Sie hätte gelächelt und mich beim Namen gerufen. Sie hätte meine Zeichnung gelobt. Ich wusste, dass sie nicht da war.

Es entsprach der typisch stoischen Art meines Vaters, dass wir nie über ihren Tod sprachen. Wir redeten nie über Gefühle oder die Dinge, die Anlass zu ihnen gaben. An jenem Morgen machte er mir das Frühstück, und dann setzten wir uns an den Tisch und lauschten der Stille. Die Leute vom Bestattungsunternehmen kamen und gingen, und mein Vater erledigte alles so nüchtern, als ob es sich um einen Geschäftsvorgang handelte. Ich will nicht sagen, dass es ihm egal war. Er wusste nur nicht, wie er seine Gefühle zeigen sollte. Das war mein Vater. Ich habe ihn nicht ein einziges Mal geküsst. So war er eben.

Der Grund, weshalb wir Dinge beginnen, ist selten der Grund, weshalb wir sie fortführen.

Alan Christoffersens Tagebuch

Ich begann, in mein Tagebuch zu schreiben, weil meine Mutter es mir gesagt hatte. Nach ihrem Tod fuhr ich damit fort, denn damit aufzuhören hätte bedeutet, eine Kette zu zerreißen, die mich mit ihr verband. Dann, allmählich, änderte sich das. Damals war es mir nicht bewusst, aber der Grund, weshalb ich schrieb, änderte sich ständig. Als ich älter wurde, schrieb ich zum Beweis meiner Existenz. Ich schreibe, also bin ich.

Ich bin. In jedem von uns steckt irgendetwas, das der Welt mitteilen will, dass wir existiert haben. Dies ist meine Geschichte – mein Zeugnis meiner selbst und der größten Reise meines Lebens. Sie begann, als ich am wenigsten damit rechnete. Zu einer Zeit, als ich dachte, es könne niemals irgendetwas schiefgehen.

Zweites Kapitel

Der Garten Eden ist das Urbild für alle, die etwas verloren haben, mit anderen Worten, für die ganze Menschheit.

Haben heißt verlieren, so wie leben sterben
heißt. Dennoch beneide ich Adam.

Denn obwohl er den Garten Eden verlor, hatte er immer noch seine Eva.

Alan Christoffersens Tagebuch

Bevor meine Welt zusammenbrach, war ich Werbemanager in Seattle, auch wenn dieser Titel zugegebenermaßen ein bisschen zu hochtrabend klingt für jemanden, der sein Büro mit Aquaman-Actionfiguren und Einstein-Postern dekorierte. Ich war ein Werbetyp. Wenn Sie mich fragen würden, was mich in diese Branche verschlagen hat, könnte ich es Ihnen wirklich nicht sagen. Es war einfach etwas, was ich schon immer machen wollte. Vielleicht, weil ich so gern Darrin in Verliebt in eine Hexe sein wollte (als Junge schwärmte ich für Elizabeth Montgomery). 1998 machte ich auf dem College meinen Abschluss in Grafikdesign und zog einen Job an Land, noch bevor die Tinte auf meinem Diplom trocken war.

In der Werbewelt blühte ich auf und genoss das Leben als aufstrebender Jungstar. Als Wunderkind. In meinem ersten Jahr gewann ich zwei ADDYs und im Jahr darauf vier. Dann, nachdem ich drei Jahre damit verbracht hatte, meine Bosse reich zu machen, folgte ich dem bevorzugten Weg aller Werbeagenturen, Anwaltskanzleien und organisierten Religionen und spaltete mich ab, um meine eigene Firma zu gründen. Ich war erst achtundzwanzig Jahre alt, als der Name meiner Agentur in Vinylbuchstaben an meine Bürotür gepresst wurde.

MADGIC

Werbung und Grafikdesign

Die Firma wuchs in nur neun Wochen von zwei Angestellten auf ein Dutzend an, und ich machte mehr Geld als jemand, der schwarz mit Barbra-Streisand-Karten handelt. Einer meiner Kunden erklärte mich zum Aushängeschild des amerikanischen Traums. Nach zwei Jahren hatte ich alles, was zu materiellem Erfolg gehörte: meine eigene Firma, ein Lexus-Sportcoupé, Urlaubsreisen nach Europa und ein wunderschönes 1,9-Millionen-Dollar-Haus in Bridal Trails, einer exklusiven, bewaldeten Wohngegend nördlich von Bellevue, mit einem Pferdehof und Reitwegen anstelle von Gehsteigen.

Und ich hatte – zur Abrundung dieses Erfolgsbildes – eine Ehefrau, die ich über alles liebte – eine brünette Schönheit namens McKale. Wenn ich von potenziellen Kunden gefragt wurde, ob ich ihre Produkte verkaufen könne, zeigte ich ihnen ein Bild von McKale und sagte: »Ich habe sie dazu gebracht, mich zu heiraten«, und dann nickten sie anerkennend und gaben mir den Auftrag.

McKale war die Liebe meines Lebens und im wahrsten Sinne des Wortes das Mädchen von nebenan. Ich lernte sie kennen, als ich eben neun geworden war, etwa vier Monate nachdem meine Mutter gestorben und mein Vater mit mir von Colorado nach Arcadia, Kalifornien, gezogen war.

Es war Spätsommer, und McKale saß allein in ihrem Vorgarten an einem Klapptisch und verkaufte Kool-Aid aus einem Glaskrug. Sie trug einen kurzen Rock, der ihr knapp bis zu den Knien reichte, und rosa Cowboystiefel. Ich fragte sie, ob ich ihr helfen könne, und sie musterte mich kurz und sagte dann: »Nein.«

Ich lief hoch in mein Zimmer und malte ihr ein großes Schild, so groß wie ein Werbeplakat:

Kalte Kool-Aid

Nur 10 Ct.

(Ich fand, das mit den zwei Ks war ein netter Einfall.) Ich ging wieder hinunter und zeigte ihr mein Werk. Sie mochte mein Schild genug, um mich neben sich sitzen zu lassen. Ich nehme an, so bin ich eigentlich zur Werbung gekommen: um das Mädchen zu kriegen. Wir redeten und tranken ihr Schwarzkirschelixier, für das sie mich trotzdem bezahlen ließ. Sie war wunderschön. Ihre Züge waren vollkommen: langes, kaffeebraunes Haar, Sommersprossen und schokoladensirupbraune Augen, um die nicht einmal ein Werbetyp zu viel Hype machen könnte. Letztendlich verbrachten wir in jenem Sommer viel Zeit zusammen. Um genau zu sein, in jedem Sommer von da an.

Genau wie ich hatte auch McKale keine Geschwister. Und auch sie hatte viel durchgemacht. Ihre Eltern hatten sich etwa zwei Monate, bevor wir einzogen, scheiden lassen. Nach ihrer Erzählung war es keine der üblichen Scheidungen gewesen, bei denen im Vorfeld viel herumgeschrien und zerschlagen wird. Ihre Mutter hatte sich einfach auf und davon gemacht und sie mit ihrem Vater Sam allein gelassen. McKales Gedanken kreisten ständig darum, was bloß schiefgegangen war, auch wenn sie dabei manchmal stecken zu bleiben schien, wie ein Computer, der sich aufhängt, während man selbst dasitzt und auf die Sanduhr starrt und darauf wartet, dass irgendetwas passiert. Ein Jammer, dass Menschen nicht mit Reset-Knöpfen ausgestattet sind.

Unsere Bruchstücke passten zusammen. Wir teilten unsere tiefsten Geheimnisse, Unsicherheiten, Ängste und manchmal auch unsere Herzensdinge miteinander. Als ich zehn war, begann ich, sie Mickey zu nennen. Das gefiel ihr. Es war dasselbe Jahr, in dem wir in ihrem Garten ein Baumhaus bauten. Wir verbrachten viel Zeit darin. Wir spielten Brettspiele wie Mausefalle und Sorry, und manchmal übernachteten wir sogar dort. An ihrem elften Geburtstag fand ich sie dort, in einer Ecke sitzend und hysterisch weinend. Als sie wieder sprechen konnte, sagte sie: »Wie konnte sie mich verlassen? Wie kann eine Mutter so etwas nur tun?« Sie wischte sich wütend die Augen.

Ich hatte keine Antwort für sie. Ich hatte mich dasselbe gefragt.

»Du kannst von Glück reden, dass deine Mutter gestorben ist«, sagte sie.

Das gefiel mir gar nicht. »Ich kann von Glück reden, dass meine Mutter gestorben ist?«

Zwischen zwei Schluchzern sagte sie: »Deine Mutter wäre geblieben, wenn sie gekonnt hätte. Aber meine Mutter hat sich entschieden, mich zu verlassen. Sie ist noch immer irgendwo dort draußen. Ich wünschte, sie wäre stattdessen gestorben.«

Ich setzte mich neben sie und legte den Arm um sie. »Ich werde dich niemals verlassen.«

Sie legte den Kopf an meine Schulter. »Ich weiß.«

McKale eröffnete mir die weibliche Welt. Einmal wollte sie, dass wir uns küssen, nur um zu sehen, ob es wirklich so toll war, wie alle behaupteten. Wir küssten uns ungefähr fünf Minuten lang. Das gefiel mir. Sehr sogar. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es ihr auch gefallen hatte, denn sie bat mich nie wieder, es zu tun. Daher taten wir es nie wieder.

So war das mit uns. Wenn McKale etwas nicht gefiel, taten wir es nicht. Ich begriff nie, wieso immer sie es war, die die Regeln aufstellte, aber ich befolgte sie immer. Irgendwann entschied ich, dass es eben einfach so war.

Sie ging sehr offen mit ihrem Erwachsenwerden um. Manchmal fragte ich sie etwas, und dann sagte sie: »Ich weiß nicht. Für mich ist das auch neu.«

Als sie dreizehn war, fragte ich sie, warum sie keine Freundinnen habe.

Als hätte sie lange darüber nachgedacht, antwortete sie: »Ich mag keine Mädchen.«

»Warum nicht?«

»Ich vertraue ihnen nicht.« Dann fügte sie hinzu: »Ich mag Pferde.«

McKale ging fast jede Woche reiten. Etwa einmal pro Monat lud sie mich ein mitzukommen, aber ich sagte immer, ich hätte keine Zeit. In Wahrheit hatte ich schreckliche Angst vor Pferden. Einmal, als ich sieben war, machten mein Dad, meine Mom und ich im Sommer Urlaub auf einer Ferienranch in Wyoming, die Juanita Hot Springs hieß. An unserem zweiten Tag dort unternahmen wir einen Ausritt. Mein Pferd war ein Schecke namens Cherokee. Ich hatte noch nie auf einem Pferd gesessen, daher umklammerte ich mit einer Hand das lederne Sattelhorn und mit der anderen die Zügel, während ich jede Sekunde der Unternehmung hasste. Während des Ausritts beschlossen ein paar der Cowboys, ein Wettrennen zu veranstalten, und mein Pferd entschied, dass es mit von der Partie sein wollte. Als es mit mir durchging, ließ ich die Zügel fallen und klammerte mich an das Sattelhorn, während ich laut um Hilfe schrie. Zum Glück machte einer der Cowboys kehrt, um mich zu retten – auch wenn er seine Verachtung für diesen »Großstadtjungen« nicht verhehlen konnte. Er sagte nur: »Ich reite, seit ich drei bin.« Kein Wunder, dass ich McKales Liebe zu Pferden nie teilte.

Abgesehen von der Reiterei waren wir fast immer zusammen. Wir gingen zusammen zur Grundschule und durch das schwierige Alter, darunter die mittleren Schuljahre – die Achselhöhle des Lebens. Mit fünfzehn reifte McKale körperlich heran, und die Highschool-Jungs begannen, ihr Haus zu umschwärmen wie Motten das Licht. Auch mir entging die Veränderung an ihr natürlich nicht, und sie trieb mich in den Wahnsinn. Man sollte diese Art Gefühle nicht für seine beste Freundin haben.

Ich kochte vor Eifersucht. Ich hatte keine Chance gegen diese Typen. Sie hatten Schnurrbärte. Ich hatte Akne. Sie hatten aufgemotzte Autos. Ich hatte eine Monatskarte für den Bus. Ich war extrem uncool.

Der Erziehungsstil von McKales Vater ließ sich am besten als Laisser-faire bezeichnen, und als er ihr in der Mittelstufe erlaubte, mit Jungs auszugehen, verlor sie vor lauter Verabredungen fast den Überblick. Nach ihren Rendezvous kam sie oft noch zu einer Art Nachbesprechung bei mir vorbei, was ein bisschen so war, als würde man einem Verhungernden das Büfett beschreiben, an dem man sich eben satt gegessen hat. Ich weiß noch, wie sie mich nach einer ihrer Verabredungen einmal fragte: »Warum wollen Männer uns immer besitzen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete ich, während ich sie mehr als alles andere auf der Welt besitzen wollte.

Die Sache mit ihr und den Jungs ähnelte einem Baseballspiel: Einer war immer am Schlagholz, einer als nächster Batter an der Reihe, und ein paar Dutzend Jungen warteten auf der Spielerbank, in der Hoffnung, mit meiner besten Freundin die Bases zu umrunden. Ich fühlte mich eher wie ein Hotdog-Verkäufer auf der Tribüne als wie einer der Spieler.

Wenn sie mich im Hinblick auf einem bestimmten Jungen um Rat fragte, gab ich ihr immer mal eine erstaunlich eigennützige Antwort, doch sie sah mich nur mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. Ich war erbärmlich. Einmal sagte sie zu mir, dass ich, wenn sie einmal heiratete, ihre Brautjungfer sein müsse, da ich ja ihr bester Freund sei. Das hieße, dass ich mir die Beine rasieren müsste, und was ich von Chiffon hielte? Ich weiß nicht, ob sie mich absichtlich so quälte oder ob es für sie ganz natürlich war.

Mit sechzehn änderte sich die Sache. Ich hatte einen Wachstumsschub hingelegt, und das andere Geschlecht zeigte auf einmal Interesse an mir. Das hatte eine interessante Wirkung auf McKale. Während sie es immer genossen hatte, ihre Verabredungen in allen grausamen Details mit mir zu erörtern, wollte sie von meinen nie etwas hören. Sie entwickelte eine Frag-nichts-sag-nichts-Strategie. Ich weiß noch, wie ich eines Nachmittags im Herbst mit McKale auf der Veranda vor ihrem Haus stand und mit ihr redete, als zwei Mädchen vorbeikamen, um mich zu besuchen. Sie gesellten sich zu uns. Eine von ihnen hatte eine Schwäche für mich, und beide flirteten mit mir, was das Zeug hielt. McKale stürmte ins Haus und knallte die Tür hinter sich zu.

»Was hat die denn für ein Problem?«, fragte eines der Mädchen.

»Eifersüchtig«, sagte das andere. Ich weiß noch, dass ich ein warmes Aufwallen von Hoffnung verspürte.

Trotzdem, falls sie romantische Gefühle für mich hegte, verbarg sie sie gut, und die meiste Zeit litt ich im Stillen. Und das mit gutem Grund. McKale war meine beste Freundin, und es gibt keine bessere Methode, eine Freundschaft zu ruinieren, als jemandem seine Liebe zu erklären, der dafür nicht empfänglich ist. Zum Glück musste ich das nie tun.

Eines warmen Junitages – es war mein siebzehnter Geburtstag – lagen wir zusammen in der Hängematte in ihrem Garten. Sie lag mir gegenüber, und ihre winzigen, nackten Füßen berührten meine Schultern. Wir wiegten uns sanft hin und her und diskutierten darüber, wo die Beatles jetzt wären, wenn es Yoko nicht gegeben hätte, als sie auf einmal sagte: »Du weißt aber schon, dass wir eines Tages heiraten werden.«

Ich weiß nicht, woher sie diese Neuigkeit hatte – ich weiß nur noch, dass sich ein gewaltiges Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete. Ich versuchte, mich cool zu geben. »Meinst du?«

»Ich weiß es.«

»Woher weißt du das denn?«

»Weil du so wahnsinnig verliebt in mich bist, dass du es kaum aushältst.«

Leugnen schien zwecklos. »Ist dir das aufgefallen?«

»Aber ja«, sagte sie nüchtern. »Allen fällt es auf. Dem Postboten fällt es auf.«

Ich kam mir wie ein Idiot vor.

Ihre Stimme wurde sanfter. »Und die Sache ist die … Mir geht es genauso mit dir.«

Sie schwang die Beine über den Rand der Hängematte und setzte sich auf, hielt ihr Gesicht nah vor meines. Ich sah zu ihr hoch, und sie starrte mich mit feuchten Augen an. »Du weißt doch, dass ich dich liebe, oder? Ich könnte niemals ohne dich leben.«

Ich fühlte mich so, wie sich ein Lottospieler fühlen muss, wenn alle seine Zahlen gezogen werden. In diesem Augenblick verwandelte sich eine Freundschaft von sieben Jahren in etwas anderes. Wir küssten uns, und diesmal konnte ich spüren, dass es ihr gefiel. Es sollte der zweitschönste Tag in meinem Leben sein. Unser Hochzeitstag war mein schönster.

Es gibt ein Problem, wenn man seine Traumfrau heiratet. Du bist ist immer in Sorge, dass sie dich eines Tages durchschaut und dich verlässt. Oder noch schlimmer, dass irgendjemand Besseres daherkommt und sie dir wegnimmt. In meinem Fall war es nicht irgendjemand. Und es war auch nicht irgendetwas Besseres.

Drittes Kapitel

Die Annahme, Zeit zu haben, ist einer der größten Irrtümer der Menschheit. Wir sagen uns, dass es immer ein Morgen geben wird, obwohl wir über das Morgen noch weniger vorhersagen können als über das Wetter. Das Zaudern ist der Dieb der Träume.

Alan Christoffersens Tagebuch

McKale und ich heirateten jung, auch wenn es mir damals gar nicht so vorkam. Vermutlich weil ich das Gefühl hatte, als hätte ich mein ganzes Leben darauf gewartet und nun endlich weiterkommen wollte. Wir nahmen uns eine Wohnung in Pasadena, nur drei Meilen entfernt von dem Ort, an dem wir aufgewachsen waren. McKale fand eine Stelle als Anwaltssekretärin in einer kleinen Kanzlei, und ich begann ein Studium am Art Center College of Design, nur eine Busfahrt von unserem Zuhause entfernt.

Es waren gute Jahre. Wir hatten unsere Auseinandersetzungen – eine Ehe muss sich erst einpendeln –, aber sie hielten nie wirklich lange an. Wie könnte man auch einem Menschen wehtun, den man mehr liebt als sich selbst? Es ist, als würde man sich selbst mit der Faust gegen den Kopf schlagen. Ich lernte, mich zu entschuldigen, auch wenn sie mir dabei meist zuvorkam. Manchmal hatte ich den Verdacht, dass wir uns eigentlich nur stritten wegen des Spaßes, den die Versöhnung bedeutete.

Am meisten stritten wir uns wegen der Kinderfrage. McKale wollte sofort eine Familie gründen. Ich war dagegen, und da ich die Logistik und unsere Finanzen auf meiner Seite hatte, war das eine Auseinandersetzung, die ich jedes Mal gewann. »Lass uns wenigstens warten, bis ich mit dem Studium fertig bin«, sagte ich.

Kaum dass ich meinen College-Abschluss in der Tasche und meinen ersten festen Job an Land gezogen hatte, brachte McKale das Thema wieder zur Sprache, und wieder sagte ich ihr, dass ich noch nicht bereit dafür sei. Ich wollte warten, bis das Leben etwas sicherer war. Was für ein Dummkopf ich doch war!

Ich arbeitete ungefähr drei Jahre für Conan Cross Advertising, bevor ich mich im Oktober 2005 entschied, meinen eigenen Laden aufzumachen. Noch in derselben Woche startete ich eine stadtweite Plakatkampagne, um Werbung für mich zu machen. Auf den Plakaten stand:

AL CHRISTOFFERSEN MACHT RANDALE.

Das Plakat sorgte vor Ort für ein wenig Furore, und ich bekam sogar einen Anruf von einem Anwalt, der mir damit drohte, mich im Auftrag eines Mandanten zu verklagen, der denselben Namen hatte wie ich. Nach drei Wochen nahm ich eine kleine Änderung an dem Plakat vor. Jetzt stand darauf:

AL CHRISTOFFERSEN MACHT REKLAME.

(Wenn Sie geistig gesunde Werbeideen brauchen,
rufen Sie Al an.)

Die Kampagne brachte mir noch einen ADDY und drei sehr große Kunden ein. Bislang hatte ich gedacht, mein bisheriger Arbeitgeber hätte einen Ausbeuterbetrieb geführt, doch die Arbeit dort war ein Kaffeekränzchen im Vergleich dazu, selbstständig zu sein. Ich verbrachte den ganzen Tag damit, Kunden zu werben und zu treffen, und die meisten Abende damit, die Aufträge auszuführen. Mehrmals die Woche brachte mir McKale das Abendessen ins Büro. Dann saßen wir auf dem Boden meines Büros und erzählten uns bei chinesischem Take-away-Essen, wie unser Tag gelaufen war.

Je größer meine Agentur wurde, desto klarer wurde auch, dass ich Hilfe brauchte. Eines Tages kam diese Hilfe in mein Büro spaziert. Kyle Craig, ein Mann mit zwei Vornamen, war früher Vertreter beim lokalen Fernsehsender gewesen. Ich hatte etwas Zeit auf seinem Sender gekauft, und er hatte den kometenhaften Aufstieg meiner Agentur mitverfolgt. Er machte mir ein Angebot: Für ein Gehalt und fünfzehn Prozent der Firma würde er die Kundenkontakte und die Medienkäufe übernehmen, sodass ich mich auf das Marketing und die Konzeption der Werbekampagnen konzentrieren könnte. Es war genau das, was ich brauchte.

Kyle war gut gekleidet, ehrgeizig und charmant: ein Verkäufer par excellence. Er war die Art Typ, der einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen konnte.

McKale mochte Kyle nicht besonders. Sie vertraute ihm nicht. Sie erzählte mir, dass er mit ihr geflirtet hätte, als sie sich das erste Mal begegnet seien. Ich tat es mit einem Schulterzucken ab. »Das ist einfach so seine Art«, sagte ich. »Er ist harmlos.« Die Wahrheit war: Ich mochte Kyle. Wir waren draufgängerische Werbetypen – junge, gewitzte, glattzüngige Jungs, die hart arbeiteten und Spaß dabei hatten.

Zum Beispiel, als wir einmal von den hohen Tieren in der Bezirksverwaltung von Seattle gebeten wurden, eine Werbeidee für ihren chronisch unhippen Bezirksjahrmarkt auszuarbeiten. Im Jahr zuvor hatte es auf dem Jahrmarkt eine Schießerei zwischen verfeindeten Gangs gegeben, und die Besucherzahlen und Umsätze waren eingebrochen. Schätzungen zufolge würde es dieses Jahr sogar noch schlimmer werden. Der Leiter der Bezirksverwaltung hatte gehört, wir seien gut, und forderte uns auf, uns um den Auftrag zu bewerben. Ich entwarf eine urkomische Kampagne mit sprechenden Kühen. (Das war vor den Glückliche-Kuh-Kampagnen der California Cheese Association.) Man könnte sagen, ich hatte es schon mit sprechenden Kühen, bevor sie cool wurden.

Weder Kyle noch ich hatten die Leute, bei denen wir uns um den Auftrag bewarben, je kennengelernt, daher dachte ich, wir sollten zunächst ...

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