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Always with you

Inhalt

  1. Cover
  2. Der Roman
  3. Die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Thema
  7. Playlist
  8. Tess
  9. Riley
  10. Riley
  11. Tess
  12. Tess
  13. Riley
  14. Tess
  15. Tess
  16. Riley
  17. Tess
  18. Tess
  19. Riley
  20. Tess
  21. Riley
  22. Tess
  23. Tess
  24. Riley
  25. Tess
  26. Riley
  27. Tess
  28. Tess
  29. Riley
  30. Riley
  31. Tess
  32. Riley
  33. Tess
  34. Riley
  35. Tess
  36. Riley
  37. Tess
  38. Riley
  39. Epilog Jake & Carrie – eine Woche später Carrie
  40. Epilog Eric & Joyce – noch eine Woche später Joyce
  41. Epilog Kyle und Peg – wieder zwei Wochen später Peg
  42. Epilog Scott und Olivia – wieder zwei Wochen später Olivia
  43. Epilog Nolan – zeitgleich Nolan
  44. Epilog Riley und Tess – vier Wochen später Tess
  45. Danke

Der Roman

Du kannst alles haben: Ruhm, Geld und jedes Mädchen auf der Welt. Nur die Eine nicht. Aber sie ist die Einzige, die du wirklich willst.

Riley hat alles, was er sich jemals erträumt hat. Mit seiner Band Obsidian feiert er Welterfolge, die Mädchen liegen ihm zu Füßen. Nur die Eine nicht. Und das ist Tess. Die schüchterne Stylistin der Band kommt Riley vor jedem Auftritt beruflich sehr nahe – doch niemals lässt sie die Mauer bröckeln, die sie zwischen sich und Riley aufgebaut hat. Riley weiß, dass er mit seinem Rockstar-Charme nicht bei ihr punkten kann. Er muss sich etwas anderes überlegen, um Tess zu zeigen, dass mehr in ihm steckt als der Groupie verschlingende Rockstar. Denn das, wonach er sich am meisten sehnt, sind weder Geld noch Ruhm – sondern eine Zukunft mit Tess.

Die Autorin

Amy Baxter ist das Pseudonym der erfolgreichen Liebesroman- und Fantasyautorin Andrea Bielfeldt. Mit einer Fantasy-Saga begann sie 2012 ihre Karriere als Selfpublisherin und hat sich, dank ihres Erfolgs, mittlerweile ganz dem Schreiben gewidmet. Zusammen mit ihrer Familie lebt und arbeitet sie in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein.

Weitere Infos findest du unter https://amybaxter.de/, https://andrea-bielfeldt.de/ und über Facebook.

You think I’m crazy
but you don’t know my life.
Just see the man, I’m not.
The one I pretend to be.
The one with music in the blood
Which flows out
And nobody there who stops it.

Riley Edwards

Playlist

Walk – Foo Fighters

Final Masquerade – Linkin Park

Blurry – Puddle of Mudd

The Monster – Eminem ft. Rihanna

Use Somebody – Kings of Leon

Great Balls of Fire – Jerry Lee Lewis

Perfect – Ed Sheeran

Higher – Creed

True Colors – Cindy Lauper

Diamonds – Rihanna

Last Resort – Papa Roach

Cause you know me – Riley Edwards

I Knew I Loved You – Savage Garden

Zur Playlist auf YouTube geht es hier:

https://www.youtube.com/playlist?list=PLp0AExZP6bVGOzRQ1BsnVp-y0AUVUCTVF

Tess

»Die Mona Lisa ist nichts gegen dich.« Mit einem aufmunternden Lächeln stupste ich Riley, dem Leadsänger der Band Obsidian, mit dem Pinsel gegen die Nase und entlockte ihm damit wenigstens ein kleines Schmunzeln. Er wirkte angespannt. Kein Wunder! Es waren nur noch knappe zwanzig Minuten bis zum Showdown. Im Hintergrund lief Rileys Lieblingsmusik von Linkin Park, aber auch die konnte ihn anscheinend an diesem Abend nicht beruhigen.

»Ich bin nur konzentriert«, gab er verhalten zurück und warf mir aus seinen unverschämt dunklen Augen einen kurzen Blick zu.

»Du bist nervös«, stellte ich fest.

Er grinste gequält. »Nicht mehr als sonst auch. Es ist eher der Abschiedsschmerz ...«

Seit einem guten Jahr tourte die Band nun schon quer durch die Staaten, und ich war als Make-up Artist

fast seit Anfang an dabei. Wir alle waren in den letzten Monaten zu einem festen Team zusammengewachsen, es fühlte sich an wie eine Familie. Die ganze USA-Tour war so gut gelaufen, dass die Plattenfirma kurzerhand noch etliche weitere Konzerte anberaumt hatte. Also war ich mit der Band das letzte halbe Jahr auch noch durch Länder wie Italien, Deutschland, Brasilien, Spanien und Schweden getourt. Sie hatten Interviews gegeben, unzählige Fernsehauftritte hinter sich gebracht und unzählige Fans mit ihrer Musik und den zahlreichen Auftritten glücklich gemacht. Heute Abend gaben sie nun das wirklich allerletzte Konzert in New York im weltberühmten Madison Square Garden. Und obwohl ich einerseits froh war, dass in wenigen Tagen der Alltag wieder in mein Leben einziehen würde, war ich traurig, diese Familie verlassen zu müssen.

»Ja, das kann ich nachvollziehen«, sagte ich also und legte die letzte Puderschicht über sein zugegeben wunderhübsches, markantes Gesicht, das ich mittlerweile so gut kannte, aber noch immer nicht jede Mimik darin deuten konnte.

»Geht’s dir auch so?«, fragte er und schloss die Augen, als ich meinen Quast darüber streichen ließ.

»Ja, schon«, gab ich zu. Nach einem letzten prüfenden Blick legte ich den Pinsel zurück auf die Ablage und sah Riley über den Spiegel hinweg an. Ich konnte mich kaum sattsehen an ihm und bedauerte es tatsächlich, dass es heute das letzte Mal sein würde, dass ich ihm so nahe war. Auch wenn diese Nähe nur eine berufliche war, aber das waren die Momente, die mir für immer in Erinnerung bleiben würden.

»Danke, Cookie«, bedankte er sich wie immer artig und warf mir dieses jungenhafte Grinsen zu, das ich so sehr mochte. »Und? Was wirst du am meisten vermissen?«

»Dass du mich Cookie nennst«, meinte ich lachend. Das würde ich wirklich vermissen. Riley hatte mir diesen Spitznamen gleich nach unserer ersten Begegnung verpasst, als ich mit einer großen Schale Cookies bewaffnet in seine Garderobe gekommen war. Ich war damals so nervös gewesen, auf den Leadsänger der angesagtesten Band der USA zu treffen, dass ich tatsächlich versucht hatte, ihn damit zu beeindrucken. Seitdem nannte er mich hin und wieder so, was ich nervig und süß zugleich fand.

»Und was noch?«

Ich verkniff mir die Antwort, die mir als Erstes durch den Kopf schoss, und tat stattdessen so, als müsste ich angestrengt überlegen. »Du verlangst ernsthaft, dass ich mich zwischen dem leckeren Essen, den durchgelegenen Hotelbetten und der immerwährenden Geräuschkulisse entscheide? Das kann ich nicht. Aber was ist mit dir? Was wirst du vermissen? Und jetzt sag nicht, die Groupies«, versuchte ich zu witzeln. Eigentlich hätte es sich originell anhören sollen, aber noch während ich die Worte aussprach, merkte ich, dass nicht nur das Urteil, das ich mir damit über ihn erlaubte, sondern auch mein Tonfall völlig daneben war. Ich sprach wie eine eifersüchtige Freundin und begriff im selben Moment, dass ihn dies ebenso wenig amüsierte wie mich. Er kniff die Augen fester zusammen und runzelte die Stirn.

»Oh, Mist ... Sorry. Das war blöd«, entschuldigte ich mich daher schnell. Was gab mir das Recht, ihm seine Affären vorzuwerfen? Nichts. Es ging mich überhaupt nichts an.

»Ja, das war es.« Er sah zu mir hoch. Seine braunen Augen funkelten dunkler als sonst. Ich hatte ihn verärgert.

»Ich sagte doch, es war nicht so gemeint.«

»Schon gut. Das ist eben dein Eindruck von mir. Riley Edwards, der Groupies-vögelnde Rockstar«, brachte er mit einem trockenen Lachen heraus.

»Nein. Nein, so ist das nicht. Ich ...« Ich trat einen Schritt zurück und hob hilflos die Arme. Wie kam ich aus der Nummer nur wieder raus? Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Ich kramte nach Worten, die das Gesagte Lügen straften, aber ich fand keine.

Er stand auf, streckte sich und ließ die Halswirbel knacken. Dann atmete er geräuschvoll aus. »Doch, genauso ist es, Tess. Und glaub mir – ich verstehe das. Alle Welt sieht in mir nur den launischen Rockstar, der macht, was er will. Mit wem er will. Warum auch mal hinter die Fassade blicken? Die Dinge hinterfragen?« Er wirkte seltsam ernst.

Ich sah ihn an, sah auf seinen Rücken, den er mir zugedreht hatte, über den sich das enge T-Shirt spannte. Erkannte die Anspannung in seinen Schultern. Sollten wir wirklich so auseinandergehen?

»Hinter die Fassade? Jetzt mal ehrlich, Riley. Gerade das machst du einem nicht leicht.«

»Was meinst du damit?«, knurrte er jetzt.

Ich suchte nach den richtigen Worten. »Ich will dir wirklich nicht zu nahe treten, und ich mag dich wirklich, Riley, aber ... Manchmal, wenn ich denke, dass ich gerade eine andere Seite an dir entdecke, machst du diesen Eindruck mit einem blöden Spruch oder mit ... was auch immer wieder kaputt. Ich habe dann für einen kurzen Moment das Gefühl, dass du den Vorhang fallen lässt, hinter dem du dich verschanzt, und ihn dann sofort wieder zuziehst, weil du gar nicht willst, dass man dich kennenlernt. Richtig kennenlernt.« Puh, jetzt war es raus. Und ich wartete mit angehaltenem Atem auf seine Reaktion.

»Ist das so?«, fragte er nach einigen Sekunden der Stille.

Ich nickte langsam. »Zumindest empfinde ich es so. Ich kenne doch nur den Rockstar Riley Edwards. Den mit den Groupies und Partys und so ... Ich habe doch keine Ahnung, wer du wirklich bist. Aber eigentlich geht es mich ja auch überhaupt nichts an ... Ach verdammt!«, nuschelte ich leise. Gott, das hörte sich so bescheuert an. Ich hob vorsichtig den Blick, als ich ihn leise lachen hörte. Na super, jetzt lachte er mich also aus. Warum hatte ich mich überhaupt auf dieses Gespräch eingelassen? Es interessierte ihn doch gar nicht, was ich über ihn dachte.

»Würdest du das denn ändern wollen?«, fragte er mich wider Erwarten und kam wie in Zeitlupe immer näher.

Mist! Mist! Mist!

Ich konnte ja wohl kaum ehrlich sein und damit zugeben, dass ich nichts lieber wollte, als hinter seine Fassade zu blicken. Denn das würde heißen, dass ich ihn interessant fand. Und dann war ich nicht besser als die anderen Frauen, die Schlange standen, um Riley Edwards näherzukommen. Zudem glaubte ich auch nicht, dass jemals etwas Ernstes mit ihm möglich wäre. Riley war ein Rockstar, wie er im Buche stand. Er ließ keine Party aus, trank Alkohol wie Wasser und vögelte Groupies. Wollte ich mich wirklich mit denen auf eine Stufe stellen? Mit Sicherheit nicht!

Und trotzdem – ab und an hatte er mich einen Blick hinter seine Mauer werfen lassen. Hatte mir von seinen Freunden in San Francisco erzählt, seinen Vertrauten Peg und Eric. Dann blitzte ein wenig der wahre Riley zwischen den Steinen der Mauer durch, die er um sich gezogen hatte. Aber so plötzlich wie diese Momente kamen, waren sie auch schon wieder vorüber. So schnell, dass ich mich jedes Mal fragte, ob ich nur geträumt hatte. Wie auch jetzt.

Ich zwang mich zu einem belanglosen Lächeln und trat einen Schritt zurück. »Glaub mir, Riley – nichts liegt mir ferner«, log ich, in der Hoffnung, dass er das Zittern in meiner Stimme nicht bemerkte. »Ich wollte mich auch überhaupt nicht einmischen, aber du hast gefragt und ...« Hilflos zuckte ich mit den Schultern.

Seine Augenbraue zuckte leicht, ebenso sein Mundwinkel. Ich wusste im selben Moment, dass er mir nicht glaubte, dass ich mich durch meinen abrupten Rückzug verraten hatte. Aber gut, das war jetzt nicht mehr zu ändern. Jetzt war ich ein totales Nervenbündel und wusste gar nicht mehr, wo mir der Kopf stand. So nahe waren wir uns in all den Monaten nicht gekommen. Ja, er hatte anfangs versucht, mich anzubaggern. Aber ich hatte ihn sofort spüren lassen, dass er mit der Tour vielleicht bei seinen Fans und Groupies Erfolg hatte – jedoch nicht bei mir. Ich war stolz auf diesen Job, und auf keinen Fall wollte ich ihn gefährden, indem ich mich mit einem der Bandmitglieder einließ. Never ever. Und trotzdem hatte mir die Zeit, die wir hier etliche Male in der Garderobe verbracht hatten, gezeigt, dass er mir wichtiger war, als ich mir eingestehen wollte. Riley hatte Charme. Verdammt viel Charme, den er auch bereitwillig verteilte. Durch seine lockere, fast kumpelhafte Art wusste ich nie genau, ob er diese Flirterei ernst meinte oder nicht. Also war ich nie darauf eingegangen, sondern hatte mich hinter meinen Pinseln und Farbpaletten verschanzt, war freundlich, aber nie zu freundlich gewesen. Doch jetzt war ich verunsichert. Und heute war der letzte Abend. So what? Sollte er doch von mir denken, was er wollte. Wir würden uns danach vermutlich nicht wiedersehen. Und als dieser Gedanke durch meinen Kopf schoss, spürte ich einen Stich, der mitten durch mein Herz ging.

Ich presste die Lippen zusammen, schüttelte den Kopf und wendete mich ab. Dann widmete ich mich wieder dem Zusammenpacken meiner Schminkutensilien. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Und plötzlich stand Riley so nah hinter mir, dass ich förmlich seine Körpernähe spürte. Seine Präsenz füllte nicht nur den ganzen Raum aus, sondern jetzt auch mein Innerstes. Mir wurde ganz heiß, und in meinem Bauch kribbelte es.

»Warum glaube ich dir das jetzt nicht?« Sein Atem streifte meinen Nacken, und ich erstarrte.

»Glaub doch, was du willst, Riley. Was macht das schon für einen Unterschied?« Jetzt zitterte meine Stimme so sehr, dass auch er es merken musste. Ich schämte mich dafür, ihm mein Gefühlschaos so offensichtlich auf einem Silbertablett zu servieren. Die Situation wurde immer absurder. Warum quälte er mich so? Musste er unbedingt noch mal austesten, wie weit er bei mir gehen konnte? Ich drehte mich um und versuchte, seinem durchdringenden Blick standzuhalten und das Zittern in meinen Knien zu unterdrücken.

»Das würde alles ändern, Tess.«

Ich erstarrte. Hatte ich das richtig verstanden? Kurz glaubte ich, dass sein Gesicht näher kam, dass er es nicht auf sich beruhen lassen würde, dass er sich heute, am letzten Abend, aus dem Fenster lehnen und mich jetzt küssen würde. Aber dann zog er sich jäh zurück.

Er drehte sich um und griff nach seiner Jacke, die über dem Stuhl hing.

»Lass uns heute Abend zusammen feiern, Tess«, bat er mich. Ich merkte, wie meine Kinnlade runterfiel. »Ich möchte dich gerne dabeihaben. Es ist unser letzter Abend«, sagte er seelenruhig.

Ich schluckte und presste erneut meine Lippen aufeinander. Ich sollte »Nein!« sagen, ihm zeigen, dass er mich kein bisschen interessierte und er sich gerne um seine Groupies kümmern konnte, was er sowieso machen würde. Und ich wollte auf keinen Fall erneut dabei zusehen, wie er eines dieser Püppchen abschleppte. Aber – ich konnte seine Einladung nicht ablehnen. Und er wusste das.

»Wir sehen uns dann backstage.« Er grinste, schnappte sich sein Handy, das zusammen mit seinen Kopfhörern auf dem Schminktisch lag, und setzte sich in Bewegung. Mein Blick fiel auf seinen knackigen Hintern, der in der engen Lederhose besonders gut zur Geltung kam. Als er schon fast an der Tür war, drehte er sich noch mal zu mir um und sah mich an. Ich fühlte mich ertappt und wurde prompt rot.

Was denn noch? Geh endlich und lass mich in Scham versinken!

Er sagte nichts, sah mich nur wieder mit diesem intensiven Blick an, der mir durch alle Hautschichten drang. Dieser Blick, der mehr sagte als Worte. Der mir zeigte, dass er das, was er gesagt hatte, ernst meinte. Der mir das Gefühl gab, dass mehr hinter diesem verrückten Gespräch steckte als ... Ja, als was eigentlich? Gerade als ich kurz vor dem Kollabieren war, hob er noch mal die Hand, dann war er verschwunden. Ich blieb mit rasendem Herzklopfen zurück.

Verdammt!

Ja, es war der letzte Abend mit den Jungs der Band und der ganzen Crew. Ab morgen würden wir alle wieder getrennte Wege gehen. Und ich wusste, dass ich sie vermissen würde. Alle waren mir im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen. Besonders Riley. Ich schluckte und versuchte, mich nicht allzu sehr in seinen letzten Worten und dem Blick, den er mir zugeworfen hatte, kurz bevor er aus der Tür gegangen war, zu verlieren. Ich durfte da nichts hineininterpretieren, was nicht da war. Er hatte einfach nur ein letztes Mal versucht, mich anzubaggern. Ich sollte mich deswegen geschmeichelt fühlen, anstatt hysterisch zu werden, und das Ganze ganz locker sehen. Aber das fiel mir verdammt schwer.

Ich räumte meinen Kram zusammen, verstaute alle Pinsel, Paletten, Stylingprodukte und alles Zubehör in meinem riesigen Koffer und schloss ihn ab. Dann verließ ich die Garderobe. Ich wollte – trotz dieses merkwürdigen Wortwechsels – wie jeden Abend, wenn die Jungs auf die Bühne kamen, hinten am seitlichen Bühneneingang stehen und die Show genießen. Das hatte sich im Laufe der Shows zu einem festen Ritual entwickelt und trotz oder gerade wegen der Sache eben würde ich mir das am letzten Abend nicht entgehen lassen. Und auch die Party danach würde ich natürlich besuchen, das hatte ich von vornherein geplant. Aber erstmal standen mindestens zwei Stunden Show an, und in der Zeit würde ich mich wohl hoffentlich so weit beruhigt haben, dass ich Riley ganz cool unter die Augen treten konnte.

Als ich durch die Katakomben Richtung Bühne lief, hörte ich Ian schon die Drums bearbeiten. Das Solo dauerte gut zwei Minuten, danach würden Zach und Wyatt mit ihren Gitarren und Morten mit seinem Bass das Intro anstimmen. Erst drei Minuten später würde Riley auf die Bühne springen und damit den Startschuss für die Melodie ihres ersten Songs Time Comes Down geben. Ich hatte also noch knapp vier Minuten Zeit, um Riley wie immer beim Einlaufen auf die Bühne zu beobachten.

Ich stieg die wenigen Stufen hoch, um zu dem Bühneneingang zu kommen. Und da sah ich Riley. Er hüpfte auf und ab und dehnte sich, um sich warm zu machen. Ich mochte es, dabei das Muskelspiel seines durchtrainierten Körpers zu beobachten. Diese Bewegungen sahen lässig aus, doch ich wusste, dass er angespannt war. Das würde sich erst geben, wenn er die ersten Zeilen gesungen hatte.

Ich trat näher, und kurz bevor sein Einsatz kam, drehte Riley sich um. Suchend blickte er in die Dunkelheit hinter der Bühne. Ich ging weiter auf ihn zu, unsere Blicke trafen sich und er warf mir wieder diesen einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Er ging mir durch Mark und Bein, ließ mich erzittern und frösteln, gleichzeitig wurde mir heiß und ich hatte das Gefühl, in Flammen zu stehen. Ich reckte aus Gewohnheit beide Daumen in die Luft und wünschte ihm auf diese Weise Glück. Seine Miene wurde weicher, der Jubel draußen war ohrenbetäubend. Doch anstatt jetzt den Weg auf die Bühne einzuschlagen, lief er in die entgegengesetzte Richtung. Zu mir. Und dann stand er auch schon vor mir und – küsste mich. Mitten auf den Mund. Ich war so überrumpelt, dass ich mich nicht wehrte und es einfach geschehen ließ. Doch so schnell dieser Überfall auch gekommen war – so schnell war er auch schon wieder vorbei. Und bevor ich wusste, was geschah, rannte er auch schon begleitet von dem gigantischen Applaus der Fans in der Halle auf die große Bühne.

Die letzte Show begann.

Riley

And now I can’t live without it.

I just need to know:

Do you feel the same?

Will you be at my side?

Forever?!

But now I freed myself

of the hollow lump

that’s been my life.

Because of you!

cause you take my hand

and show me what life means.

Als die letzten Töne der allerletzten Zugabe Freed myself verklangen, die Lichter auf der Bühne nach und nach erloschen und der Vorhang nach über zwei Stunden Show das letzte Mal fiel, atmete ich tief durch und schloss die Augen. Da war er, der Moment, vor dem ich mich am meisten gefürchtet hatte. Das Ende unserer Tour.

Dieser Moment, wenn der Jubel vor der Bühne nicht enden will, die Mädchen kreischend deinen Namen rufen und dich feiern, als wärst du der einzige Mann auf Erden – der war unbezahlbar. Und ich blieb sitzen, bis auch die letzten Rufe verstummten.

Es war der letzte Moment dieser Art für die nächsten Wochen, vielleicht auch Monate oder Jahre. Wer wusste schon so genau, wie es mit der Band weiterging? In dem Business war man schneller weg vom Fenster, als ein neuer Song entstehen konnte. Auch wenn wir schon am nächsten Album arbeiteten – es gab immer irgendwen, der besser war. Deswegen saugte ich diesen Moment noch mal tief in mich auf und speicherte ihn ab.

Als kurze Zeit darauf unser erster Hit Time Comes Down vom Band einsetzte und die Lichter in der Halle angingen, lockerte ich die Schultern, ließ mich vom Hocker gleiten, auf dem ich den letzten Song mit meiner Akustikgitarre performt hatte, und zog mir den Gitarrengurt über den Kopf. In der Halle herrschte Aufbruchstimmung, und die Roadies begannen auf der Bühne bereits mit dem Abbau des Equipments.

Ich steuerte auf den seitlichen Bühneneingang zu und hoffte irgendwie, Tess dort anzutreffen. Aber natürlich war sie nicht da. Sie war nie bis zum Ende der Show geblieben, bis auf das erste Mal nie auf einer Party danach erschienen. Warum also heute? Ich hoffte so sehr, sie auf der Aftershowparty zu treffen. Als sie vor dem Konzert am Bühneneingang gestanden hatte, war der Wunsch, zu ihr zu laufen und sie einfach zu küssen, so übermächtig gewesen, dass ich nicht anders gekonnt hatte, als diesem Drang nachzugeben. Und die anschließende Show hatte ich wie in einem Rausch erlebt.

»Boah, Alter! Wie die abgegangen sind! Das war mega!«, brüllte Morten mir entgegen, als ich am Bühnenausgang ankam. Unser Bassist war wie immer nach einem Gig völlig euphorisch und aufgedreht. Aber das war ich diesmal auch. Er hatte bereits zwei Becher mit Bier in der Hand und hielt mir einen davon entgegen. Ich nahm ihn, dann klatschten wir uns ab und gingen gemeinsam von der Bühne, um den Roadies nicht im Weg zu sein. Sie hatten nur wenige Stunden Zeit, um das ganze Bandequipment abzubauen und sicher in den Lkws zu verstauen. Jeder Handgriff saß, und obwohl noch keine fünf Minuten seit dem Ausklang des letzten Songs vergangen waren, hatten sie Ians Schlagzeug schon komplett auseinandergebaut. Ich zog meinen imaginären Hut vor den Jungs, denn ich wusste – ohne sie wären wir ziemlich aufgeschmissen.

»Ja, das war echt krass«, stimmte ich Morten mit einem fetten Grinsen im Gesicht zu. Mein Herz raste noch immer, und das Blut pumpte weiterhin Adrenalin durch meine Adern. Es würde noch einige Stunden dauern, bis mein Herzschlag sich wieder auf Normalniveau senkte und ich müde genug für eine Mütze Schlaf war. Und bis es so weit war, würden wir feiern. Und ich hoffte wirklich, dass Tess den Kuss richtig gedeutet hatte und heute Abend mit uns feiern würde.

Morten legte mir seinen tätowierten Arm um die Schultern, nahm mich freundschaftlich in den Schwitzkasten und zog mich lachend mit sich. »Mann, ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Fuck, das war das letzte Konzert«, sprach er meine Gedanken aus, als er mich wieder losließ.

»Geht mir auch so.«

»Ich werde es vermissen. Die ganzen kreischenden Mädels werden mir am meisten fehlen.« Er lachte und wischte sich die Haare aus dem verschwitzten Gesicht.

»Du hast doch Telefonnummern genug für jeden Tag des Jahres«, feixte ich und trank einen Schluck kaltes Bier. Ah, das tat gut.

»Ja, ja, ich weiß. Das ist Jammern auf hohem Niveau.«

»Du sagst es. Du wirst schon nicht in Abstinenz verfallen müssen.«

»Abstinenz? Was ist das? Das kommt in meinem Wortschatz gar nicht vor«, unkte er und schlug mir auf den Rücken. »Und? Bereit für die letzte Party der Tour?«, fragte er mit einem diabolischen Grinsen.

»Lassen wir es krachen!«, rief ich ausgelassen und folgte Morten und den anderen Jungs durch die Katakomben in den Greenroom, bis die Stimmen in der Halle immer leiser wurden und irgendwann gar nicht mehr zu hören waren.

»Hey, warte«, hielt Morten mich zurück, bevor wir die Tür zum Backstagebereich erreicht hatten.

»Was ist los?«

»Ich hab da zwei Mädels klargemacht für heute Abend. Die Dunkelhaarige gehört mir. Nur, dass du’s weißt.«

Ich lachte auf. »Alter, ich will nichts von deinen Weibern. Ich bin dir noch nie in die Quere gekommen, das weißt du.« Wie zur Bestätigung hob ich die Hände hoch und trat einen Schritt zurück.

»Gut so. Die Blonde ist übrigens ganz scharf auf dich, hab ich gehört«, sagte er und zwinkerte mir zu.

»Gut zu wissen, vor wem ich mich in Acht nehmen muss«, gab ich zurück.

»Keinen Bock heute?«

»Mir steht nicht der Sinn nach blond.«

»Sorry, dunkel war aus.«

Ich grinste und schlug ihm auf die Schulter. »Jetzt rein da. Lass uns endlich feiern.«

Ich war begierig darauf, das Adrenalin loszuwerden, das mich immer noch oben hielt. Allerdings hatte ich eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie der Abend heute ablaufen sollte. Ich konnte es kaum erwarten, Tess zu sehen und ihr zu sagen, wie sehr ich sie wiedersehen wollte.

Morten stieß die Tür zum Backstagebereich auf, und als ich ihm in den Raum folgte, ließ ich meinen Blick sofort suchend über die Gäste schweifen. Auf dem Ecksofa hatte sich schon Ian, unser Streber und Gitarrist, langgemacht. Sein T-Shirt hatte er ausgezogen und ein Handtuch um seinen verschwitzten Nacken gelegt. Auf seinem Schoß saß eine langbeinige Blondine, ein Groupie, wie anhand ihres schmachtenden Blicks und ihrer knappen Kleidung unschwer zu erkennen war. Zach, er spielte ebenfalls Gitarre, hatte es sich auf einem Loungesessel bequem gemacht. In der Hand hielt er ein Bier. Sein erstes und letztes, wie ich wusste. Denn er blieb in der Regel nur eine halbe Stunde backstage, bevor er sich aufs Zimmer zurückzog, wo seine Freundin Lynn auf ihn wartete. Von Lynn wusste allerdings niemand außerhalb der Band etwas. Er war schon seit einigen Jahren mit ihr zusammen und wollte sie aus der Öffentlichkeit raushalten. Das konnte ich gut verstehen. Deshalb trafen sie sich nur hinter verschlossenen Türen – da, wo die Presse keinen Zutritt hatte und die Fans ihn nicht sahen.

Wyatt war unser gitarrespielender Kampfsportler, der sich – wie Morten und ich – gerne auf den Aftershow-Partys amüsierte, aber nichts von Groupies hielt.

Während Morten sich gleich auf die dunkelhaarige Schönheit stürzte, die er schon vor dem Konzert klargemacht hatte, und die mit einem weiteren Mädchen hier war, scannte ich weiter den Raum ab. Neben den Bandmitgliedern, den Leuten der Crew und Keith, unserem Manager, erkannte ich schon einige, mir unbekannte Frauen, die ganz offensichtlich nur auf uns warteten. Leute, die ich nicht kannte, drängten sich dicht an dicht, hielten Becher mit Getränken in den Händen und johlten und klatschten, als wir eintraten. Ich schüttelte unzählige Hände, ließ mir gefühlt hundertmal auf die Schulter klopfen und suchte dabei noch immer den Raum ab. Und dann sah ich sie.

Tess.

Sie stand mit Brenda, einer Stylistin der Band, zusammen am Büffet an der langen Wand des Raums, das auf zwei Tischen für uns aufgebaut worden war. Sie unterhielten sich, lachten, und es sah aus, als hätten sie Spaß. Tess strich sich ihre roten Locken nach hinten, und allein diese Geste ließ meinen Herzschlag für einen kurzen Moment aussetzen. Verdammt, diese Frau machte mich fertig. Niemals hätte ich das bei unserer ersten Begegnung für möglich gehalten.

Während des letzten Jahres hatten Tess und ich viel Zeit miteinander verbracht. Aber wir waren uns nicht wirklich nähergekommen. Zumindest nicht so nahe, wie ich es anfangs gerne gehabt hätte. Ich hatte gleich gemerkt, dass Tess anders war als die anderen Frauen, mit denen ich sonst ein so leichtes Spiel hatte. Ja, ich hatte versucht, sie anzubaggern. Aber Tess hatte meine – vermutlich viel zu plumpen – Annäherungsversuche mit einem belustigten Lächeln abgetan. Sie hatte mir sofort den Wind aus den Segeln genommen, mir klargemacht, dass sie nicht auf mich reinfallen würde, wir nur beruflich miteinander verkehren würden und nicht im Bett. Obwohl sie immer kollegial geblieben war, hatte sie mich dabei stets spüren lassen, dass ich ihre Grenze ja nicht überschreiten sollte. Sie ließ sich nicht becircen, weder von mir noch von meinen Bandkollegen. Und obwohl mich das reizte, fickte ich weiterhin Groupies. Allein um Dampf abzulassen und den Druck abzubauen, der mit jedem Tag auf Tour wuchs. Und vielleicht auch, um dem Image eines Rockstars gerecht zu werden. Aber ich erwischte mich oft genug dabei, dass ich mit den Gedanken bei Tess war.

Ich hatte mir in den letzten Wochen mehr als einmal vorgestellt, wie es wohl wäre, mit den Fingern durch ihre langen Haare zu fahren. Oder ihre Lippen mit meinen zu berühren. Oder über ihr Gesicht zu streichen und herauszufinden, ob es wirklich so weich war, wie ich es mir vorstellte. Aber stattdessen hatte ich mir von ihr durch meine Haare wühlen lassen, wenn sie mich für die Bühne stylte. Hatte ihre Finger auf meinen Lippen gespürt, wenn sie mir ihre komischen Cremes auftrug, ihre Hände über meine Haut streichen gefühlt, wenn sie mein Gesicht abpuderte oder mir so ekliges Zeug wie Make-up draufschmierte. Und ich hatte es trotz ihrer Distanz irgendwie genossen.

Ich war von Tag zu Tag neugieriger auf sie geworden, hätte gerne alles über sie erfahren, doch sie trennte Job und Privates strikt. Ich hatte keine Ahnung, ob zu Hause ein Freund auf sie wartete oder ein Ehemann oder sonst wer, dem ihr Herz gehörte. Ich wusste überhaupt nicht, was sie über mich dachte, wie sie zu mir stand. Und trotzdem oder gerade deshalb ging sie mir nicht aus dem Kopf. Ich wusste nicht mehr von ihr als ihren Namen, dass sie fünfundzwanzig war, dazu wunderhübsch und clever, und in San Francisco lebte. Und dass ich sie verdammt noch mal nicht mehr aus meinen Gedanken bekam. Doch ich hatte nie den Mut gehabt herauszufinden, was sie wirklich über mich dachte. Bis jetzt. Und ihr Eindruck von mir schien echt mies zu sein. Vielleicht war es heute Nacht an der Zeit, ihr zu sagen, was ich empfand, Nägel mit Köpfen zu machen. Es war der letzte Abend, und ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich sie ziehen lassen würde, ohne es wenigstens versucht zu haben. Der Kuss war ein Anfang.

In diesem Moment drehte Tess sich um, und unsere Blicke trafen sich. Ein schüchternes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen und ich sah, wie sie rot wurde. So süß. Ich lächelte zurück, und ohne sie aus den Augen zu lassen, setzte ich mich in Bewegung, drängte mich durch die Leute und war schon kurz vor dem Büffet, kurz davor, Tess zu begrüßen, als Morten sich mir samt seinem Harem in den Weg stellte.

»Riley, das ist Zoe«, präsentierte er mir lautstark die bereits angekündigte Blondine. Ich warf ihm einen genervten Blick zu. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war, mich von ihm aufhalten zu lassen, aber ich war höflich genug, das Mädchen wenigstens zu begrüßen, bevor ich ihr den Zahn ziehen würde, den Abend an meiner Seite verbringen zu können.

»Hey, Zoe. Alles klar?«, fragte ich daher ohne wirkliches Interesse, und mein Blick flog über ihre Schulter zu Tess. Doch die war wieder im Gespräch und drehte mir den Rücken zu.

»Riley ...«, flötete Blondie mit einer so unnatürlich quietschenden Stimme, dass mir übel wurde. Sie stellte sich dicht vor mich, legte ihre Hände auf meine Taille und drückte ihre Silikontitten an meine Brust. Dann hauchte sie mir einen Kuss direkt auf den Mund.

Fuck! Ich war viel zu perplex, wehrte mich nicht, als ihre Lippen auf meine trafen. Und als sie ihre Arme um mich schlang und sich so eng an mich presste, als wäre es das Natürlichste von der Welt, über mich herzufallen, drehte Tess sich um. Mein Blick traf ihren, während ich die Tussi am Hals hatte, und sofort erkannte ich die Enttäuschung auf ihrem Gesicht. Oder war es Entsetzen? Ich zumindest war entsetzt über dieses Timing, das mir mal wieder in die Parade fuhr. Tess drehte sich abrupt von mir weg, und ich nutzte den Augenblick, um diese Klette an meinem Hals loszuwerden. Ich griff ihre Arme und löste sie grob von meinem Nacken, dann schob ich sie von mir.

»Verdammt, lass das! Verzieh dich!« Ich achtete nicht auf ihr Schmollen, nicht auf Mortens Protest, sondern schob mich hastig an ihr vorbei. Doch noch bevor ich bei Tess ankam, spürte ich ihre Abwehr.

»Hey, Tess ... Brenda ...«, begrüßte ich die beiden und versuchte, möglichst gelassen zu bleiben.

Während Brenda mich locker wie immer umarmte und mir noch mal zu unserem gelungenen Auftritt gratulierte, lächelte Tess stumm. Doch ihre Augen wirkten längst nicht so warm und verschmitzt wie sonst. Brenda verabschiedete sich, und Tess und ich standen allein da.

»Hast du schon gegessen?«, fragte ich, um das eisige Schweigen zu brechen.

»Ja.«

»Soll ich dir noch einen Drink holen?«

Sie warf mir einen spöttischen Blick zu. »Ich glaube, das schaffe ich auch allein, Riley.«

»Das eben ... das war nicht -«

»Wonach es aussah?«, fuhr sie mir ins Wort.

»Nein. Ich konnte -«

»Nichts dafür. Schon klar. Riley ...« Sie schüttelte den Kopf, und ihr Lächeln wirkte traurig. »Du bist eben der begehrte Rockstar, so what? Genieß es doch einfach, anstatt dir eine Erklärung für mich aus den Fingern zu saugen. Das musst du nicht. Es ... geht mich im Grunde doch auch gar nichts an. Und jetzt entschuldige mich, ich muss noch packen.« Sie warf mir noch einen kurzen Blick aus ihren blauen Augen zu, dann drehte sie sich um und schlug den Weg zum Ausgang ein.

Nein, verdammt! Das war nicht der Plan. Ich zögerte nicht, sondern folgte ihr, und als wir den Backstagebereich verließen, holte ich sie ein.

»Tess, bitte warte!«

Sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um. »Was?«

Ich stellte mich vor sie. Sie hatte ihren Kopf gesenkt, starrte auf ihre roten Chucks. »Ich möchte dich wiedersehen«, sagte ich direkt hinaus.

Sie hob den Kopf und sah mich mit einem prüfenden Blick an. »Riley, ich -«

»Was hast du empfunden, als ich dich geküsst habe?«

Tess blickte mich erschrocken an. Am liebsten hätte ich ihr die Zweifel von ihrem Gesicht geküsst, aber ich wusste, dass ich sie damit nur verschrecken würde. Also hielt ich mich zurück, wartete auf eine Antwort, doch sie kam nicht. Stattdessen verschränkte sie die Arme vor der Brust und starrte wieder auf ihre Chucks. Ich trat einen Schritt näher, und dass sie nicht zurückwich, war in meinen Augen ein gutes Zeichen. Langsam hob ich meine Hände und legte sie auf ihre Schultern. Dann wartete ich.

Nach einigen endlosen Sekunden hob sie den Kopf und sah zu mir auf. Sie war einen halben Kopf kleiner als ich, meine Lippen hätten ohne weiteres ihre Stirn berühren können.

»Und dann? Was soll das bringen, Riley? Wir ... das würde nicht funktionieren.« Ihr Blick wurde traurig, und sie löste sich aus meinem Griff. »Gute Nacht, Riley.« Dann ließ sie mich stehen.

In diesem Moment begriff ich, dass ich mich nicht mit einem Nein zufriedengeben konnte. Dafür war sie mir schon zu wichtig geworden. Diese Frau würde mich Nerven kosten, das war mir klar. Aber sie war es wert.

Riley

»Ja, okay. Ich ruf dich an. Nervensäge.« Tess sah mich aus ihren strahlend blauen Augen an, und ihre kleine Nase kräuselte sich, als sie verlegen lächelte. Auch wenn wir nicht mehr über den Kuss gesprochen hatten, den ich ihr vor ein paar Tagen hinter der Bühne des Madison Square Garden gegeben hatte, oder über das, was backstage vorgefallen war, hatte sich doch etwas zwischen uns verändert. Wir wussten beide, dass es weitergehen würde. Irgendwie.

»Aber nicht vergessen, klar?« Ich stand schon so nahe bei ihr, dass ein Schritt weiter erneut die imaginäre Grenze überschritten hätte. Also blieb ich, wo ich war. Auch wenn es mir verdammt schwerfiel. Ich wollte sie an mich ziehen und küssen, aber meine eigenen Bedürfnisse zählten hier nicht. Dieses Mal nicht. Es reichte schon, dass ich sie wiederholt bat, mich anzurufen.

»Werd ich schon nicht.« Ich hob die Augenbrauen. Sie hob die Hand wie zu einem Schwur. »Ich schwöre.«

Ich runzelte die Stirn. »Bei was?«

Sie blickte mich nachdenklich an. »Bei dem Leben des nächsten Cookies?«

»Der nicht lange überleben wird.« Ich hatte noch niemanden kennengelernt, der so viele Cookies essen konnte wie Tess. Deswegen war das auch ihr Spitzname geworden. Deswegen, und weil sie so unfassbar süß war.

»Ich lasse mir etwas länger Zeit. Okay?«

»Mit dem Anruf oder dem Cookie?«

Sie grinste nur, und dann, ganz ohne Vorwarnung, überwand sie die Distanz, trat einen Schritt näher und stellte sich auf die Zehenspitzen. Und einen Wimpernschlag später spürte ich ihre weichen Lippen auf meiner Wange – gefährlich nahe an meinem Mund. Aber bevor ich reagieren, diese Berührung auf einen Kuss ausweiten oder sie in meine Arme ziehen konnte, hatte sie sich schon wieder zurückgezogen. Leicht benommen blinzelte ich. Ihre Wangen färbten sich leicht rot. Süß.

»Wir sehen uns«, flüsterte sie. Dann drehte sie sich um und stieg in das Taxi, das bereits mit offener Tür und laufendem Motor auf sie wartete. Zehn Sekunden später war sie in der Autoschlange Richtung Ausfahrt verschwunden. Ich blieb zurück und sah ihr verdutzt nach.

»Ich hoffe es«, murmelte ich und setzte mich in Bewegung, um ebenfalls in ein Taxi zu steigen.

Tess würde mir fehlen. Ich wünschte mir wirklich, sie bald wiederzusehen.

Ich ging auf das nächste Taxi in der Schlange zu und zückte mein Handy, um Pegs Nummer zu wählen. Nach einem kurzen Klingeln nahm sie ab.

»Hey, Süße. Ich bin gerade gelandet und gleich auf dem Weg.«

»Yeah! Das Bier steht schon kalt. Du kommst doch in den Shop, oder?«, fragte Peg mich aufgeregt. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sie wild zappelte – mit einem fetten Grinsen im Gesicht.

Ich ging um eine Gruppe Japaner herum, die eine Kofferburg um sich herum errichtet hatten und gerade die vorbeifahrenden Taxen fotografierten. Kopfschüttelnd hielt ich das Telefon näher ans Ohr, der Lärm hier draußen war die Hölle. Flugzeuge starteten und landeten in einer Tour, übertönten den Verkehr der –vor- und abfahrenden Autos vor dem Terminal. Es wurde Zeit, hier abzuhauen.

»Klar, Sugar. Bin in einer halben Stunde da«, versprach ich und gab dem Taxifahrer ein Zeichen, mein Gepäck einzuladen. Dann schmiss ich mich auf den Rücksitz und atmete tief durch.

Ich hatte gerade einen sechsstündigen Flug von New York nach San Francisco hinter mich gebracht und war völlig erledigt. Das Einzige, was mich den Heimflug über aufrecht gehalten hatte, war Tess gewesen, die den Platz neben mir besetzt hatte. Auch wenn wir nur belangloses Zeug gesprochen hatten, war es schön gewesen.

Während wir beide in San Francisco zu Hause waren, lebte der Rest der Band in Kalifornien verstreut. Morten und Ian hatten ihre Familien in L.A., Wyatt in San José und Zach wohnte bei seiner Freundin in Fresno.

Ich selbst hatte in San Francisco noch keine Wohnung, sondern schlief entweder im Hotel, wenn ich in der Stadt war, oder bei Jacob, neben Eric meinem engsten Freund, dem das Tonstudio in Japantown gehörte. Und wenn ich komponierte, dann war das Sofa bei ihm im Studio mein Zuhause. Aber die nächsten Wochen würde ich mich erstmal entspannen. Ich war sowas von erledigt und hatte die Schnauze von dem ganzen Rummel der letzten Monate echt voll.

Gestern hatten wir noch unseren letzten Gig im Irving Plaza in New York City vor nur knapp tausend geladenen Gästen hinter uns gebracht. Die Plattenfirma hatte diese Veranstaltung noch zusätzlich nach dem Konzert im Madison Square Garden einberufen und mich und die Band vor vollendete Tatsachen gestellt. Wir hatten dieses Konzert zu geben. Punkt. Dabei hatten wir nach gut einem Jahr Tournee, Fernsehauftritten, Fotoshootings und Interviews nur noch nach Hause gewollt. Aber die Launen des Managements waren unergründlich, und so hatten sie nach dem eigentlich letzten Konzert der Tour noch einen draufgesetzt. Nicht nur ich war angepisst deswegen. Auch die Jungs der Band. Aber Keith, unser Manager, hatte ein Event auf die Beine gestellt, das – O-Ton Keith – »unsere Beliebtheit bei allen Alkoholherstellern, Tabakkonzernen und Telefonanbietern der USA steigern wird.« Das Management versprach sich davon Werbeaufträge, die ihnen noch mehr Geld einbrachten. Ja, das Konzert war cool gewesen und hatte im Nachhinein betrachtet auch Spaß gemacht. Schließlich liebten wir es, auf der Bühne zu stehen und unsere Songs zu performen. Aber trotz alledem ging mir diese Profitgier der Plattenbosse allmählich auf den Sack. Auch wenn wir mittlerweile ganz gut von dem Geld lebten, hatte ich immer mehr die Befürchtung, dass unsere Musik unterging und wir nur noch als Werbefiguren für irgendwelche Deos und Sportschuhe interessant waren. Vielleicht war es an der Zeit, sich für das neue Album ein neues Label zu suchen. Aber Gedanken darüber wollte ich mir in diesem Augenblick nicht machen. Jetzt waren erstmal zwei Wochen Urlaub angesagt, in dem ich die Tour, den Druck und all den Ärger hinter mir lassen wollte. Und danach würde ich irgendwann an den Songs schreiben, die ich bereits im Kopf hatte. Für die Zeit nach dem Urlaub hatte Keith sicher schon genügend Termine eingetütet.

Das Taxi setzte sich in Bewegung, und ich zog mein Handy aus der Jackentasche, setzte die Kopfhörer auf und startete die Playlist. Als Walk von den Foo Fighters durch meine Ohren sauste, sank ich in das abgewetzte Polster der Rückbank und entspannte mich langsam. Ich lehnte den Kopf gegen die kühle Fensterscheibe und schloss die Augen.

Bis nach Haight-Ashbury brauchten wir etwa eine halbe Stunde, und ich streckte mich ausgiebig, als ich vor der Tür des Skinneedles aus dem Taxi stieg. Ich freute mich auf ein eiskaltes Bier und ein paar vertraute Gesichter. Deswegen hatte ich auch als Allererstes Peg angerufen, die um diese Uhrzeit im Tattoo-Shop zu finden war.

Wie immer bimmelte die kleine Glocke über der Tür, wenn sie geöffnet wurde. Ich verdrehte die Augen bei diesem Geräusch und grinste, weil ich genau wusste, dass Jake dieses nervige Teil niemals entfernen würde. Kaum eingetreten, schallte mir auch schon Musik entgegen. Dazu hörte ich das stete Summen der Tätowiermaschinen, sog den Geruch von Farbe und Kaffee ein und grinste noch breiter, als Peg mit einem quietschenden Aufschrei um die Ecke gestürzt kam. Ich konnte nur noch meinen Seesack fallen lassen und meine Gitarre auf das Sofa rechts von mir schmeißen, da lag sie auch schon in meinen Armen.

»Oh, Ry. Endlich. Ich hab dich so vermisst«, nuschelte sie an meiner Brust, und ich drückte sie fest an mich. Es tat gut, sie in den Arm zu nehmen und zu spüren. Als sie den Kopf hob und mich aus strahlend grünen Augen ansah, die wie immer mit schwarzem Eyeliner umrahmt waren, drückte ich ihr einen Kuss auf den Mund. Auch wenn zwischen uns nichts mehr lief – sie war schließlich fest mit Kyle zusammen –, würde ich diese Vertrautheit zwischen uns trotzdem niemals aufgeben.

»Hey, Süße«, begrüßte ich sie und schob sie dann ein kleines Stück von mir, um sie anzusehen. Ihre blonden langen Haare hatte sie wie so oft zu einem wirren Knoten auf dem Kopf zusammengebunden. Die bunten Tattoos auf ihren Armen leuchteten mit ihrem Grinsen um die Wette. Wie immer trug sie enge Jeans und ein buntes T-Shirt sowie hohe Schuhe, mit denen sie aber immer noch einen halben Kopf kleiner war als ich.

»Du siehst gut aus«, bemerkte ich. »Glücklich.«

»Das bin ich auch, Ry. Und jetzt, wo du endlich da bist, sowieso.« Sie drückte mir noch einen Kuss auf den Mund.

»Hey, hey, hey, wer knutscht da meine Frau?« Kyle trat in seiner ganzen Größe um die Ecke und grinste, als er auf uns zukam. Ich ließ Peg los und feixte.

»Lass die Ehe mit diesem Primaten annullieren. Na, Süße, wie wär’s?«

»Du bist ein toter Mann«, erwiderte Kyle. Peg kicherte. Ich trat ein paar Schritte von ihr zurück und hob wie ein Boxer die Hände.

»Willst du dich mit mir anlegen? Dann komm her«, forderte ich Kyle heraus.

»Ich will dem Rocksternchen ja nicht die zarten Fingerchen brechen. Peg würde mich umbringen«, entgegnete er und nahm mich in den Schwitzkasten, bevor er mich freundschaftlich umarmte und mir kräftig auf die Schulter schlug. Ich unterdrückte einen Schmerzensschrei, ich wollte ja nicht als Weichei dastehen.

»Tat’s weh?«, fragte Kyle auch gleich.

»Nee. Aber wenn ein abgehalfterter Footballstar kurz davor ist, einem die Knochen zu brechen, darf man ja wenigstens so tun als ob, oder?«, gab ich lachend zu. Kyle hatte nichts von seiner enormen Statur verloren.

»Ist ein Bier als Entschuldigung okay?«

»Mach zwei oder drei draus, dann passt es.«

Peg grinste und hakte mich unter. »Dann los. Im Hof steht schon alles bereit für deine Heimkehr. Willkommen zu Hause.«

Peg hatte recht – das Skinneedles war fast sowas wie mein Zuhause. Es tat gut, wieder hier zu sein.

Jake und Scott hatten noch Kundschaft und tätowierten nach einer kurzen Begrüßung weiter. Carrie hatte Tanztraining, und Joyce saß gemeinsam mit Eric, der gerade die Feuerschale befüllte, im Hof.

»Hey, Riley, welcome home!« Eric und ich waren alte Freunde und begrüßten uns dementsprechend. Wir kannten uns schon eine halbe Ewigkeit, waren vor meiner Zeit mit Obsidian gemeinsam mit einer kleinen Band durch die Clubs von L.A. getingelt und hatten haufenweise Weiber abgeschleppt. Jetzt war er als Tätowierer in San Francisco sesshaft geworden und hatte Joyce – sein Schneewittchen, wie er sie wegen ihrer hellen Haut und den schwarzen Haaren nannte.

»Wo ist deine Gitarre?« Er blickte sich suchend um.

»Vorne. Keine Sorge«, sagte ich. Wie es aussah, sollte das hier ein typischer Skinneedles-Hinterhof-Abend werden, und ich freute mich riesig, dass meine Freunde sich für mich die Zeit nahmen. Mit Peg hatte ich telefonisch Kontakt gehalten, während ich auf Tour gewesen war, und sie hatte mich auf dem Laufenden gehalten, was den Shop und alles Drumherum anging. Im letzten Frühjahr war ich auch zu ihrer Hochzeit mit Kyle gekommen, auch, wenn es Keith nicht gepasst hatte, dass ich ein Wochenende früher verschwunden war als geplant und zwei Termine hatte sausen lassen. Aber Peg war mir wichtiger als irgendein Reporter, der die x-te Reportage über uns drehen wollte. Danach hatten wir erstmal ein paar Wochen Tourpause gehabt, aber seitdem war ich schon wieder fast ein Jahr ununterbrochen durch die Staaten getingelt und hatte jetzt nur noch das Bedürfnis, für immer hierzubleiben.

»Wie geht’s dir?«, fragte Kyle und drückte mir ein Bier in die Hand. Wir setzten uns auf eine der Bänke, und ich grinste schief.

»Ganz ehrlich? Es war mega, echt mega mega. Aber ich bin auch scheißfroh, dass jetzt alles vorbei ist und ich hier bin.«

»Wie? Du ziehst eine Hinterhof-Session einer gefüllten Halle mit halbnackten Mädels vor? Was bist du nur für ein Rockstar?« Kyle schüttelte den Kopf und fing sich dafür von Peg einen Seitenhieb ein.

Ich lachte auf. »Halbnackte Teenager, die von ihren Müttern begleitet werden.« Von den unwesentlich älteren Groupies sagte ich nichts.

»Und was ist mit den Kuscheltieren?« Jake stand in der Tür zum Shop und schmunzelte. Wie es aussah, hatte er gerade seinen Kunden verabschiedet.

»Langsam wird der Platz knapp«, gab ich zu.

»Dann brauchst du wohl eine größere Wohnung«, neckte Peg.

Ich nickte. Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, hier sesshaft zu werden, und hatte deswegen bereits mit Kyle gesprochen, dessen Vater einer der größten Immobilienmakler der Stadt war. »Guter Einwand, Süße.« Dann wandte ich mich mit einem Grinsen an Kyle. »Hast du schon was wegen dem Haus erreicht?« Kyle war, bis er mit Peg zusammengekommen war, als Immobilienmakler in der Firma seines Vaters tätig gewesen. Jetzt trainierte er Kids im Football, aber Kontakte hatte er noch. Ich hatte schon vor Wochen mit ihm telefoniert und ihn gebeten, sich hier in der Stadt nach einer ganz bestimmten Immobilie für mich umzuhören. Als ich wegen Pegs Hochzeit hier gewesen war, hatte ich ein Haus gesehen, das zum Verkauf gestanden hatte. Es lag in der Nähe seines eigenen Hauses in Sea Cliff, verborgen hinter einer hohen Mauer und somit geschützt vor neugierigen Blicken. Ich hatte mich als Kind immer gefragt, warum die schönsten Häuser hinter den höchsten Mauern verborgen lagen. Mittlerweile kannte ich den Grund.

Das Haus war das kleinste in der Gegend, und ich hatte mich über das Internet über die Größe und Ausstattung schlau gemacht. Mit vier Zimmern war es locker groß genug für mich. Einen Raum würde ich als Studio nutzen können. Von dem Wohnzimmer aus hatte man laut Fotos eine irre Aussicht auf die Bucht.

Aufgrund der Größe war der Kaufpreis niedriger, als es für diese Gegend üblich war, aber trotzdem nicht mal eben aus der Portokasse zu zahlen. Aber laut Kyles letzter Aussage verhandelten die Makler schon miteinander. Nachdem ich mir dieses Haus angesehen hatte, wusste ich, dass ich kein anderes wollte. Und ich konnte es kaum erwarten, es vielleicht irgendwann Tess zu zeigen. Ich betete inständig, dass sie mich nicht für versnobt halten würde, aber nachdem sie selbst am eigenen Leib mitbekommen hatte, wie sehr einem durch die Öffentlichkeit die Privatsphäre genommen wurde, würde sie mich hoffentlich verstehen.

»Du willst wirklich hierbleiben? In San Francisco?« Peg sah mich aufgeregt an.

Wieder nickte ich. »Hier gefällt es mir, Peg. Was soll ich in L.A.? Da hält mich nichts mehr. Die meiste Zeit bin ich eh hier im Studio. Und außerdem sind meine Freunde hier. Es wird Zeit, sesshaft zu werden«, fügte ich hinzu. Seit ich denken konnte, hatte ich in L.A. gewohnt. Meine Eltern lebten dort, ich war in der Nähe von Hollywood aufgewachsen. Doch seit ich mit der Band so viel um die Ohren hatte, war ich meist nur noch zum Wäschewechseln in meinem Apartment. Wenn ich mal Freizeit hatte, dann zog es mich hierher, nach San Francisco.

Sie kam auf mich zu und nahm mich fest in den Arm. »Oh, Ry. Ich freu mich so.« Sie küsste mich kurz auf den Mund und wandte sich dann mit einem filmreifen Augenaufschlag an Kyle. »Vielleicht kannst du ja mal deine Fühler ausstrecken?«

»Damit du ihn weiter küssen kannst?«, fragte Kyle mit hochgezogenen Augenbrauen. Doch dann grinste er. Ich wusste, dass Kyle nicht eifersüchtig auf mich war. Brauchte er auch nicht. Peg und ich hatten eine Affäre gehabt, als sie noch kein Paar gewesen waren, aber seitdem war es vorbei. Eigentlich schon früher, wenn ich recht darüber nachdachte. Es war vorbei gewesen, als ich Tess begegnet war.

»Hab ich schon längst. Und wie es aussieht, sind die Verträge so gut wie unter Dach und Fach«, wandte er sich an mich.

»Das hört sich gut an.«

»Den Preis hat Dad sogar noch etwas drücken können. Du musst morgen nur noch ins Büro des Notars und alles unterschreiben. Dann ist es deins.«

»Danke, Kyle«, sagte ich, und die Freude darüber, schon so bald in meine eigenen vier Wände ziehen zu können, ließ mich breit grinsen.

»Wow! Warum hast du mir nichts davon erzählt?«, fragte Peg und zog einen Schmollmund.

Ich hob entschuldigend die Hände. »Ich wusste nicht, ob es wirklich klappt. Der Preis ist schon ziemlich hoch, aber das Haus ist es wert.«

»Ach, komm schon, Riley. Tu nicht so, als würdest du am Hungertuch nagen«, meinte sie grinsend.

Ich verzog das Gesicht. »Geld allein macht nicht glücklich.«

Kyle schmunzelte. »Aber es beruhigt ungemein.«

Seit ich sie kannte, hatte Peg immer Geldsorgen gehabt. Zuletzt hatte sie zwei Jobs gehabt, um über die Runden zu kommen und die Arztrechnungen für ihre mittlerweile verstorbene Mom zahlen zu können. Und als Kyle dann in ihr Leben getreten war, hatte sie sich lange geziert, seine Hilfe anzunehmen. Zumindest die finanzielle. Ich war, bis wir mit Obsidian den Durchbruch geschafft hatten, auch mehr blank als flüssig gewesen. Aber mittlerweile hatte mein Konto ein ordentliches Polster, und ich überlegte schon länger, das Geld in eine Immobile zu investieren. Warum also nicht hier, in der Stadt, wo ich mich mehr zu Hause fühlte als irgendwo anders auf der Welt.

»Lass uns darauf anstoßen«, meinte Peg und hob ihr Bier. »Willkommen in San Francisco, Ry.«

Tess

»Hey, little Sister. Ich bin wieder da!«

Ich stieß die Tür mit dem Fuß zu, und mit einem lauten Knall fiel sie hinter mir ins Schloss. Gott, war das schön, wieder zu Hause zu sein. Ich ließ meine Koffer im Flur einfach fallen, schmiss meine große Ledertasche dazu und machte mich auf die Suche nach meiner Schwester, mit der ich mir die Wohnung teilte. Unser Apartment war nicht so groß – drei winzige Zimmer, eine Küche, ausgestattet mit dem Nötigsten, und ein Bad mit Dusche und WC –, weswegen es auch nicht weiter schwer war, Yuna zu finden. Allerdings brachte mich dieser kurze Rundgang schon echt auf die Palme, und die Freude auf mein Zuhause war schon wieder verflogen.

Im Wohnzimmer lagen überall Klamotten verstreut. Saubere wie schmutzige. Platz auf dem Sofa, um sich auszuruhen? Fehlanzeige. In der Küche stapelte sich dreckiges Geschirr, in der Spüle war Wasser eingelassen. Der Schaum war abgestanden, ich fühlte hinein – es war kalt. Ich ging weiter in ihr Schlafzimmer. Und da fand ich sie: Sie lag mit dem Rücken zu mir im Bett, zusammengerollt wie ein Baby und schlief. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust, lehnte mich gegen den Türrahmen und beobachtete sie kopfschüttelnd.

Yuna war mit ihren dreiundzwanzig Jahren zwei Jahre jünger als ich und schon immer die zierlichere von uns beiden gewesen. Sie hatte die schlankere Taille und die schmaleren Finger. Ihre blonden Haare fielen glatt und seidig über ihre Schultern, während meine rot, wellig und schwer waren und selbst, wenn ich sie stundenlang mit der Bürste bearbeitete, total strubbelig aussahen. Allerdings war ich größer als sie. Ganze fünf Zentimeter. Wenigstens etwas. Yuna war der totale Gegensatz zu mir, was nicht weiter verwunderlich war, wenn man bedachte, dass ich adoptiert worden war.

Ich schloss leise die Tür zu ihrem Zimmer, ging ins Wohnzimmer und begann die Klamotten aufzuräumen, die Yuna großzügig im Zimmer verteilt hatte. Ich sehnte mich nur danach, mich aufs Sofa zu hauen und mich auszuruhen. In einer solchen Drecksbude mochte ich aber auch nicht chillen. Ich wusste aus Erfahrung, dass Yuna unausstehlich war, wenn sie geweckt wurde. Deswegen versuchte ich es gar nicht erst. Ich hatte wenig Lust, mich nach Monaten der Abwesenheit als Erstes auf einen Streit einzulassen. Also räumte ich schweigend das Chaos auf, das sie hinterlassen hatte. Alles wie immer.

Mit einem stillen Seufzer begab ich mich in die Küche und ließ das abgestandene Wasser ablaufen. Derweil starrte ich aus dem Fenster hinunter in den grauen, tristen Hinterhof, der mit lauter Müll vollgestopft war. Unsere Wohnung lag in Tenderloin, einem Viertel nahe des Union Square, welches geprägt war von Obdachlosigkeit und Kriminalität. Ob Straßenraub, Prostitution, offener Drogenhandel oder Bandenkriege – hier gab es alles. Und niemanden interessierte es wirklich. Die Sirenen der Cops hörte ich schon gar nicht mehr, so sehr hatte ich mich daran gewöhnt.

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