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Alter, was geht?

Über den Autor

Jörg Thomann, geboren 1971 in Berlin, schreibt seit 1995 für die FAZ. Er war dort Medienredakteur im Feuilleton, schrieb für die »Berliner Seiten« und arbeitet heute im Ressort »Leben« der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wo er auch als Kolumnist die »Herzblatt-Geschichten« verfasst. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

INHALT

Einleitung: Bahn frei, jetzt komm ich!

Als ich einmal Arjen Robben war

Lektion in klarer Kante

Vollpfeife in der Halfpipe

Am Tag, als der Dynamit-Troll starb

Comeback des Flötenkindes

Hi John, hier ist Paul

Pingpong mit Küken

Verloren in der Hohen Hölle

Furchtlos in der Huta

Klonk!

In neuer Führungsposition

Des Mannes neue Kleider

Benzin im Blut

Hähnchen, dreh dich!

Die Gabelfrage

Im Winde zerweht

Der Brillenträger schlägt zurück

Fazit: Alter, das geht!

Danksagung

EINLEITUNG: BAHN FREI, JETZT KOMM ICH!

Alles begann damit, dass ich nach meiner Schuhgröße gefragt wurde. Es war im Februar vor drei Jahren, und der Hintergrund dieser an sich völlig unverfänglichen Frage war eigentlich ein schöner: Ich nahm für den Reiseteil der Zeitung, für die ich schreibe, an einer Fahrt ins bayerische Inzell teil, einem organisierten zweitägigen Kurzurlaub für die ganze Familie. Eine Schneeschuhwanderung zum kältesten See Deutschlands war geplant, ein Besuch im Badepark, Rodeln in einem Gummireifen. Das klang nach viel Spaß für uns alle, vor allem für unsere ältere Tochter, die sich ganz besonders auf den Schlittschuhkurs freute, der angeboten wurde. Mit ihren damals sechs Jahren würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben übers Eis laufen. Es war also alles bestens – zumindest so lange, bis mir die Dame von der Inzell-Touristik, die die Reise für uns plante, am Telefon die entscheidende Frage stellte: »Und welche Schuhgröße haben Sie?«

»Ich? Ähm, 44.«

Damit war die Sache entschieden, und es war das eingetreten, was ich bis dahin erfolgreich verdrängt hatte: Auch die Erwachsenen sollten aufs Eis gehen.

Schlagartig waren all die Erinnerungen wieder da. Die Erinnerungen an jenen Tag vor bald dreißig Jahren, als ich das erste und auch das einzige Mal in meinem Leben Schlittschuhlaufen gewesen war. Obwohl, konnte man das in meinem Fall eigentlich so nennen? War es nicht eher Schlittschuhstehen, Schlittschuhrutschen, Schlittschuhstolpern gewesen? Und vor allem: Schlittschuhfallen?

Ich weiß noch, dass die meisten meiner Mitschüler, als wir in der achten oder neunten Klasse diesen Ausflug in die Eishalle machten, bereits Schlittschuh laufen konnten, weil sie es als kleine Kinder gelernt hatten. Im Gegensatz zu mir, der ich von allein nie auf die Idee gekommen wäre, eine Eishalle aufzusuchen. Neidvoll betrachtete ich die anderen, wie sie mit eleganten Schwüngen übers Eis glitten, und drückte mich die meiste Zeit an der Bande herum. Die Strategie bewahrte mich trotzdem nicht davor, mir das Eis ein paarmal aus der Nähe anzusehen. Es war, genau wie ich angenommen hatte, kalt und hart. Vor dem nächsten Klassenausflug, nahm ich mir vor, während ich mich aus der würdelosen Käferposition aufrappelte, würde ich krank werden.

An Hohn, Spott oder Gelächter kann ich mich nicht erinnern, doch wie einige der Mädchen aus unserer Klasse reagierten, fand ich noch viel schlimmer: mit Mitleid. Irgendwann nämlich begannen sie, die paar traurigen Typen, die sich allein fast nicht vom Fleck bewegten, beidseitig unterzuhaken, und so drehte ich, derartig doppelt gesichert, doch noch ein paar Runden auf dem Eis. Der angenehme Nebeneffekt war, dass man so den Mädchen ziemlich nahekam, und dennoch war es irgendwie demütigend. Hätte es nicht umgekehrt sein, hätte ich nicht die Mädchen über die Eisbahn geleiten sollen?

Aus dieser traumatischen Erfahrung hätte man zwei Konsequenzen ziehen können. Nummer eins: Man gibt nicht auf, sondern versucht es wieder und wieder und übt so lange, bis man sicher genug ist und sagen kann: Ja, ich kann jetzt Schlittschuh laufen. Nummer zwei: Man meidet für den Rest seines Lebens Eishallen.

Ich wählte Variante zwei.

Man muss, heißt es so schön, alles im Leben einmal ausprobiert haben. Nach diesem Motto verfahren viele Menschen. Ich selbst hingegen habe in meiner Kindheit und Jugend nach dem Prinzip gelebt: Nö, ich muss gar nichts. Nichts auszuprobieren ist schließlich viel bequemer.

War ich in meinen frühen Lebensjahren faul? Ängstlich? Antriebslos? Womöglich alles zusammen. Während sich andere mal hierin, mal darin versuchten, blieb ich meist bei den Sachen, von denen ich wusste, dass ich sie gut konnte. Ich habe viel gelesen, viel gezeichnet, viel ferngesehen. Oh ja, fernsehen konnte ich vortrefflich! Ich schätze, ich habe damals bestimmt doppelt oder dreimal so lange vor dem Fernseher gesessen wie heute meine beiden Töchter zusammen, und das, obwohl es seinerzeit nur drei Programme gab; die beiden DDR-Sender, die wir in Berlin empfangen konnten, zählen nicht so richtig. Mit dem Medienkonsum sah man es in den Siebzigern und frühen Achtzigern offenbar noch nicht so eng. Und ich kann nicht mal sagen, dass mir die Glotzerei geschadet hätte, ganz im Gegenteil: Der erste Job in der Redaktion meiner Zeitung war der des Fernsehkritikers.

Ich bin also, wie man es früher nannte, als Kind ein Stubenhocker gewesen. Heute würde man freundlicher Cocooning dazu sagen: das mittlerweile trendige Abhängen in den eigenen vier Wänden. Und während ich meine Kindheit über ausgiebig cocoonte, fuhr um mich herum ein Zug nach dem anderen ab. Ich verpasste die Chance, zum umschwärmten Fußballspieler zu werden, und lernte kein Instrument, mit dem ich die Mädchen hätte beeindrucken können. Für das alles, glaubte ich damals, wäre ich nicht geschaffen. Und was Blamagen anging, hatte ich schon genug von den erzwungenen – in der Eishalle oder im Schulsport, wo es für mich bereits ein Erfolgserlebnis war, mal als Vorletzter in die Fußballmannschaft gewählt zu werden. Da musste ich mir die Niederlagen nicht auch noch freiwillig suchen. Außerdem konnte ich ja auf anderen Gebieten glänzen, zum Beispiel gewann ich den Vorlesewettbewerb der sechsten Klassen im Berliner Bezirk Reinickendorf. Coolness-Punkte brachte mir das allerdings nicht ein – vermutlich auch aufgrund der Tatsache, dass der Lokalreporter unter meinem Bildchen in der Zeitung in grotesker Übertreibung schrieb, ich sammele »leidenschaftlich internationale Briefmarken«. Irgendein Hobby hatte ich ja angeben müssen, und »Fernsehen« war mir dann doch zu peinlich gewesen. So erfuhr ich schon früh, mit welchen Methoden Journalisten arbeiten.

Meinen Eltern kann und will ich keinen Vorwurf machen. Als sie mich zum Turnverein schickten, veranstaltete ich, weil an dem Tag zur gleichen Zeit »Wickie« lief, einen solchen Mordsterror, dass sie mich rasch wieder abmeldeten. Hätten wir damals schon einen Videorekorder besessen, wer weiß, vielleicht hätte ich eine glanzvolle Sportlerkarriere hingelegt.

Was das Kind, das ich war, nicht ahnte: Alles, wovor man sich einmal gedrückt hat, ist geeignet, einen eines Tages einzuholen. So wie es mir passierte, als ich plötzlich in Inzell eislaufen sollte. In einem solchen Fall gilt der berüchtigte Satz: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Oder wenigstens fällt es dem Hans doppelt schwer.

Als Erwachsener, das ist wissenschaftlich bewiesen, gewöhnt man sich schwerer an neue Bewegungen. Die kindliche Unbefangenheit ist weg, man denkt zu viel, kann sich zugleich schlechter konzentrieren, und man hat auch gar nicht mehr die Zeit, so intensiv zu trainieren, wie es die begeisterungsfähigen Kleinen tun. Mitgewachsen ist zudem das Schamgefühl. Wenn ein Kind auf dem Eis ausrutscht, schaut kaum einer hin, die Kleinen purzeln ja immerzu durch die Gegend und rappeln sich dann gleich wieder lachend hoch. Liegt hingegen ein gestandener Mann flach, dann gucken alle. Und wahrscheinlich grinsen sie auch.

Als Vater spürt man seine Unzulänglichkeiten noch schmerzlicher. Meine ältere Tochter ist heute neun Jahre alt; es war verblüffend, mitzuerleben, wie sie immer mehr Dinge erlernte, die ich selbst deutlich später oder überhaupt nie beherrscht habe. Mit sieben schwirrte sie auf Inline-Skates über den Schulhof, mit acht sprang sie furchtlos vom Dreimeterbrett, was mich selbst mehr Zeit und viel mehr Überwindung gekostet hatte, und nach nur wenigen Klavierstunden an der Musikschule tanzten ihre Fingerchen über die Tasten, dass mir schwindelig wurde. Ich freute mich, war stolz auf sie und ermunterte sie, noch viel mehr Dinge auszuprobieren, um noch mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und sich demütigende Momente zu ersparen.

Meine Tochter hingegen war ganz erstaunt darüber, was ich alles nicht konnte, und bot mir arglos an, mir all das beizubringen, das Inline-skaten, das Klavierspielen. Und sie hatte ja recht: Ein väterlicher Rat ist nur dann glaubwürdig, wenn man selbst mit Tatkraft voranschreitet. Ich erkannte schon in Inzell: Sich als Vater zu drücken, wenn es darauf ankommt, und aus sicherer Entfernung zu beobachten, wie das Kind den Fuß aufs Eis setzt, wäre unverzeihlich. Also nannte ich der Dame meine Schuhgröße.

Wir erreichten den Ferienort erst am späten Abend. Der Aufbruch nach Schulschluss, ein Unfall und ein Stau hatten uns die Schneeschuhwanderung ebenso verpassen lassen wie das Nachtrodeln auf der Naturrodelbahn. Immerhin fühlten sich, als am Ende auch noch ein heftiges Schneetreiben einsetzte, die letzten Kilometer auf der Straße ein wenig wie Nachtrodeln an. So viel Schnee, staunte unsere Große beim Blick aus dem Autofenster, habe sie noch nie gesehen.

Ums Eislaufen aber würde ich nicht herumkommen. Schließlich ist Inzell ein Ort, wo Kinder praktisch schon mit Kufen an den Füßen geboren werden. Die dreifache Olympiasiegerin Anni Friesinger-Postma kommt von hier, und es gibt im Ort zwar kein Krankenhaus mehr, dafür aber eine Eisschnelllauf-Akademie, die in die leer stehenden Räume der Klinik gezogen ist. Vor allem aber steht in Inzell eine der modernsten Eisschnelllaufhallen überhaupt, die Max-Aicher-Arena, mit den angeblich schnellsten Bahnen der Welt. In meinem Fall, so fürchtete ich, musste dies bedeuten: noch schneller zu Boden gehen.

Nachdem wir mit Sturzhelm und Schlittschuhen ausgestattet aus den Katakomben in die Weite der Arena traten, war aber klar: Wenn schon auf die Nase fallen, dann hier. Rings um die spiegelglatte Vierhundert-Meter-Eisbahn bot die Glasfassade einen großartigen Panoramablick auf die alpine Winterlandschaft. Verstörend waren nur die Spitzenathleten aus Russland und Kasachstan, die im Tempo gut getunter Formel-1-Wagen an uns vorbeiflitzten. Jemand wie ich, der sich auf Schlittschuhen allenfalls die Geschwindigkeit eines schwergängigen Bobbycars zutraute, musste hier ein echtes Verkehrshindernis sein.

Doch es gab keinen Weg mehr zurück. Ich nahm meine Tochter an die Hand, die aufgeregt und fröhlich war, und betrat mit ihr die Eisfläche, bemüht, mir meine eigene Aufregung nicht anmerken zu lassen. Waren es ihre oder meine Hände, die so schwitzten? Ich wusste, dass dies eine ganz entscheidende Stunde in der Geschichte meiner Vaterschaft werden konnte. Für ein Kleinkind ist man als Papa ja schon der Held, wenn man die Bonbondose vom Regal herunterholen kann; einer Sechsjährigen muss man schon mehr bieten.

Das Eis war so, wie ich es in Erinnerung hatte: kalt und rutschig. Zunächst versuchten wir uns unter der Anleitung eines stimmgewaltigen Inzeller Jugendcoaches auf dem Eishockeyfeld im Innenbereich. Die kindlichen Anfänger schlitterten, anfangs auf leere Bierkästen gestützt, umher, immerhin Bier einer alkoholfreien Marke. Wir Großen bekamen keine Kästen, obwohl wir uns damit eigentlich viel besser auskannten. Ich blieb in der Nähe meiner Tochter, mit dem unredlichen Plan, meine eigene Unsicherheit als väterliche Sorge zu tarnen. Ein paar zur Kinderbetreuung und -belustigung engagierte Jugendsportler liefen derweil im Kostüm des Inzeller Maskottchens Flecki, der Kuh, übers Eis. Prima, so sah ich schon mal nicht am dämlichsten aus. Es sei denn, zwei dieser Kühe würden mich untergehakt in ihre Mitte nehmen und übers Eis ziehen. Das aber würde ich zu verhindern wissen. Diesmal musste ich mit der Situation einfach allein fertigwerden.

Wir wechselten auf die mittlerweile russen- und kasachenfreie Bahn, wo ich mich erst einmal in der noch nicht olympischen Disziplin Eislangsamlauf übte. Fern vom üblichen Gedrängel einer Eishalle, geschützt auch vor kritischen Zuschauerblicken – wir waren in der riesigen Halle an diesem Vormittag fast unter uns –, fühlte ich mich gut dabei. Ich kam tatsächlich voran, wurde zu meiner eigenen Überraschung zusehends beschwingter und glitt bald recht flott über die spiegelglatte Fläche. Schneller, noch schneller, richtig schnell – dann knallte ich hin.

Man fällt selbst mit der allenfalls durchschnittlichen Körpergröße von eins fünfundsiebzig aus ordentlicher Höhe. Sollte es sich nun rächen, dass es in Inzell kein Krankenhaus mehr gibt? Konnte ich den Wagen mit einem verstauchten Arm oder geprelltem Steißbein noch zurück nach Frankfurt steuern?

So schnell es mir möglich war – vielleicht hatte mich ja niemand gesehen! –, kämpfte ich mich zurück auf die Beine und setzte zur Sicherheit ein Lächeln auf, das aufgrund des Schmerzes vermutlich etwas verzerrt war. Passiert schon mal, signalisierte ich, und drehte die nächste Runde. Man soll ja schnell wieder aufsteigen, wenn man vom Pferd gefallen ist.

Das Bobbycar kam wieder auf Touren. Gut, manch andere, in der Nähe von Wintersportregionen aufgewachsene Kollegen waren deutlich flotter unterwegs, dafür stürzte der eine oder andere von ihnen aber auch richtig spektakulär.

Als wir irgendwann aufbrechen mussten, fand ich es richtig schade. Meine Bilanz: vier Stürze, viel Spaß und ganz bestimmt eine persönliche Bestzeit. Und auch unsere Große hatte wacker ihre Runden gedreht, ohne Bierkasten und mit wachsender Sicherheit. Und, was für mich beileibe nicht am unerheblichsten war: auf derselben Bahn wie ihr Vater. Wir konnten stolz aufeinander sein, und auch meine Frau, die sich vor der Schlitterpartie gedrückt hatte, um sich um das Baby zu kümmern, schien beeindruckt. »Ihr seid toll gelaufen«, versicherte sie uns. So wie ich in diesem Moment müssen sich die Höhlenmenschen gefühlt haben, wenn sie mit einem erlegten Mammut zum Lagerfeuer zurückkehrten.

Ungefähr in diesem Augenblick muss es passiert sein, dass in mir die Idee zu keimen begann, es bei dem späten Kampf gegen das Eis nicht bewenden zu lassen und auch in anderen Bereichen den Hänschen-Spruch auf den Prüfstand zu stellen. Sollte es für einen Hans von Anfang vierzig nicht möglich sein, doch noch ein paar Dinge zu lernen, die die meisten anderen als Kinder oder Teenager gelernt haben? Könnte ich nicht doch noch aufspringen auf eine Reihe vermeintlich abgefahrener Züge?

Mein halbes Leben lang habe ich in dem Glauben verbracht, für bestimmte Dinge einfach nicht talentiert zu sein. Beim Sport schien einzig das Rennen im Rahmen meiner koordinatorischen Möglichkeiten zu liegen: ein Fuß nach vorn, dann den anderen, immer abwechselnd den rechten und den linken – das bekam ich alles in allem ganz anständig hin. Gelegentlich gelangen mir auch in anderen Disziplinen Höhenflüge, die ich extrem genoss – ohne freilich auf die Idee zu kommen, daraufhin noch intensiver zu trainieren. Was aber, wenn meine Nichtbegabung tatsächlich nur eingebildet war? Wenn in mir vielleicht doch etliche Talente schlummerten, die ich durch meine Passivität nur nie geweckt hatte?

Ich beschloss, es auszuprobieren, als Mann von Anfang vierzig doch noch ins Lager der Sieger zu wechseln, der Alleskönner. Nicht mehr neidische Blicke auf sie zu werfen, sondern selbst die Blicke auf mich zu ziehen. Andere beeindrucken, Fremde, Freunde, Bekannte, meine Kinder, meine Frau, am allermeisten jedoch mich selbst. »Geht nicht, kann ich nicht« – das wollte ich nicht mehr so häufig über meine Lippen kommen lassen. Also sah ich mich nach Möglichkeiten um, die Lücken in meiner Erfahrungsbiografie zu füllen. Es war gewissermaßen der Versuch, meine Kindheit und Jugend auf dem zweiten Bildungsweg zu erleben. Und darüber zu schreiben.

»Klarer Fall: Du steckst in der Midlife-Crisis!«

»Quatsch, dafür bin ich doch viel zu jung. Die Menschen heute werden doch mindestens hundert.«

Das Urteil der Kollegin, die ich in meine Pläne einweihte, war gnadenlos. Ob sie mit ihrer Einschätzung richtiglag, kann ich auch heute nicht sagen, ich hatte zuvor ja noch nie eine Midlife-Crisis. Von den klassischen Symptomen allerdings – sich ein Motorrad kaufen, seine Frau verlassen, plötzlich wie besessen für einen Marathon trainieren – habe ich an mir bis zu diesem Zeitpunkt noch keines bemerkt. Und der Fünfundzwanzig-Kilometer-Lauf, an dem ich mal teilgenommen habe, ist schließlich kein Marathon.

Die Krise gekriegt habe ich natürlich dennoch bei meinen Experimenten, und zwar nicht nur einmal. Ich habe während der Selbstversuche extrem peinliche Momente erlebt, in denen ich das gesamte Projekt verflucht habe: Lieber den Rest des Lebens uncool bleiben als noch eine weitere dieser albernen Aktionen!

Ich habe aber auch komische Augenblicke erfahren, erhellende – und wunderschöne. Und so bin ich inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass man tatsächlich alles, oder zumindest fast alles, einmal ausprobiert haben sollte. Vielleicht entdeckt man tatsächlich ein verborgenes Talent oder gar eine geheime Leidenschaft. Und wenn nicht, dann hat man wenigstens etwas zu erzählen.

So wie ich in diesem Buch.

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ALS ICH EINMAL ARJEN ROBBEN WAR

Eine kleine Auswahl von Albtraumklassikern: Man muss noch mal zum Mathe-Abi und hat keinen Schimmer. Man erkennt, dass die Kollegen im Büro einen deshalb so anstarren, weil man nackt ist. Man soll auf einer Bühne etwas singen, hat aber den Text vergessen. Oder, ganz besonders fies: Man steht auf einer Bühne, soll vor den Kollegen singend Matheaufgaben lösen und ist nackt. Kennt fast jeder, so was kommt immer wieder vor – ist aber gottlob nur ein Albtraum. Jedenfalls meistens.

Das hier ist aber auch nicht schlecht: Es ist morgens um halb zehn in Deutschland, es ist saukalt, und ich stehe auf dem Fußballplatz. Um mich herum einhundertzwanzig Kinder, sechs bis vierzehn Jahre alt. Hinter der Bande stehen ihre Väter, ein paar Mütter auch, und sie alle hören, wie der Mann mit der Schirmmütze sagt: »Wir haben einen ganz besonderen Gast hier.«

Zweihundertvierzig Kinderaugen und fast ebenso viele erwachsene blicken mich an. Es ist der Auftakt zu einem Camp der gemeinsamen Fußballschule vom FSV Frankfurt und dem Radiosender FFH, und wir alle werden hier mehrere Tage lang trainieren und spielen. Die hundertzwanzig Kinder – und ich. Ich bin zweiundvierzig Jahre alt. Und ich kann nicht Fußball spielen.

Fußball spielen, hört man oft, kann doch eigentlich jeder, zumindest jeder Junge. Damals aber, als die anderen Jungs kicken gingen, hat mich das nun mal nicht interessiert. Erst mit vierzehn fing ich an mit dem Vereinssport, mit Leichtathletik. Das Schlimmste an meiner Zeit im Verein war, dass wir zum Aufwärmen stets Fußball spielten. Meine Versuche, dem Ball auszuweichen, glückten nicht immer, einmal schoss man mir aus nächster Nähe die Brille von der Nase.

Später, mit achtzehn, neunzehn, bolzte ich eine Zeitlang freiwillig mit ein paar Kumpels auf dem Ascheplatz. Mindestens einmal die Woche kletterten wir dort über den Zaun, um zu kicken. Ich war mit enorm viel Spaß und Ehrgeiz bei der Sache, doch »Fußball spielen« traf es in meinem Fall nicht wirklich. Dass mich Miguel, weil ich jedem noch so fernen Ball hinterherhetzte, »die Lunge« taufte, war sehr freundlich, aber so nutzbringend, wie ich für mein Team war, hätte es gut auch »der Blinddarm« sein dürfen. Ballannahme, Ballabgabe, Flanke, Schuss – all diese Sachen habe ich nie erlernt. Und nun möchte ich es, mit zweiundvierzig, doch noch versuchen.

Aber wie?

Ich probiere es zuerst bei der nächstliegenden Adresse, beim bekanntesten Verein der Stadt, in der ich seit einigen Jahren lebe, und rufe bei Eintracht Frankfurt an.

»Guten Tag, ich möchte gerne bei Ihnen Fußballspielen lernen.«

Ich werde ein paarmal hin- und herverbunden, bevor sich ein Mitarbeiter meiner Sache annimmt. »In Ihrem Alter«, erkennt er ganz richtig, »ist es unwahrscheinlich, noch leistungsbezogen zu spielen.«

Heißt: Fürs Bundesliga-Team komme ich nicht mehr infrage. Doch auch bei der zweiten Mannschaft, ja, sogar bei den Jugendteams sollte ich besser nicht anfragen, weil sie dort »keine Rücksicht nehmen« – was auch immer das bedeuten mag.

»Versuchen Sie’s doch mal im Ostpark, da treffen sich immer die Hobbymannschaften.«

Doch noch sind meine Ambitionen höher. Ich klingele beim Deutschen Fußball-Bund durch. Es meldet sich eine Frau aus der Zentrale.

»Guten Tag, ich möchte gern Fußballspielen lernen. Können Sie mir vielleicht weiterhelfen?«

»Das ist für Senioren, ja?«

Ich fühle mich minütlich älter.

»Erkennen Sie das etwa an meiner Stimme?«

»Na, ein Kind sind Sie ja offensichtlich nicht mehr.«

»Da haben Sie recht.«

Nichtkindern aber kann die DFB-Dame nicht helfen. Immerhin verweist sie mich weiter, und zwar an den Hessischen Fußball-Verband, genauer gesagt, an die Pass-Stelle, was zum ersten Mal nach Fußballplatz klingt. Die heißt aber so, weil man hier einen Spielerpass kriegen kann.

Davon allerdings bin ich weit entfernt. Selbst von Seniorenmannschaften rät mir der Abteilungsleiter ab. Was sollte ich auch bei Leuten, die seit Jahrzehnten Fußball spielen? Ich sei, diagnostiziert er, »ein nie dagewesener Sonderfall«. Mit zweiundvierzig, so scheint es, will und kann in diesem Land niemand mehr Fußball lernen.

Na wunderbar. Mein Plan, auf dem zweiten Bildungsweg ein paar essenzielle Erfahrungen zu sammeln und dafür viele Monate und vielleicht noch mehr zu investieren, scheint schon nach einer halben Stunde Recherche am Telefon zu scheitern.

Dann jedoch hat der Abteilungsleiter eine Idee. Ich möge mich mal bei Bernd Winter melden, Chef der Fußballschule beim FSV, dem kleineren, sehr sympathischen und in der Zweiten Liga zuletzt sensationell erfolgreichen Frankfurter Proficlub.

Und hier stehe ich jetzt auf einem Fußballplatz des FSV. Es ist nicht das Stadion, gottlob, sondern nur ein Bolzplatz mit sattgrünem Rasen, und auch sonst wirkt die Umgebung nicht allzu einschüchternd. Auf dem Vereinsgelände wird gebaut, und die Geschäftsstelle ist ebenso in Containern untergebracht wie die Kabinen, in denen die Kinder ihre Straßenklamotten gelassen haben.

Ganz wohl fühle ich mich trotzdem nicht, und zwar nicht nur wegen der kalten, schneidenden Luft. Bernd Winter, der Mann mit der Schirmmütze, langjähriger Zweitligaspieler, hat mich vorgestellt, und nun geht es los. Ich komme mir vor wie Bayern-Star Arjen Robben am Elfmeterpunkt im Champions-League-Finale 2012 gegen Chelsea. Nachdem er verschossen hat. Willkommen in der Welt des Fußballs.

In zehn Teams werden wir aufgeteilt. Ich selbst bin, logisch, bei den Ältesten, in Team eins: Jahrgang 1998 bis 2000. Unter ihnen sind stattliche Kerle mit strammen Waden, andere sind vergleichsweise winzig, flink und wendig. Sie tragen Zahnspangen und manche einen Bartflaum, zart wie mein Haupthaar. Und, anders als ich, echte noppenbesetzte neonfarbige Fußballschuhe, nur ein Paar von vielen in ihrem Schrank. Sie haben, wie ich erfahre, Schuhwerk für weichen und für harten Kunstrasen, für Naturrasen und bestimmt auch für Asche, Schlamm, Sand, Asphalt und so weiter. Klar, sie spielen auch seit Jahren. Ich bin der Einzige mit Joggingschuhen, der Einzige von hundertzwanzig.

Erste Station: Koordination. Wir müssen Stangenslalom laufen (klappt gut), abwechselnd mit dem linken und dem rechten Fuß in auf dem Boden liegende Ringe hüpfen (klappt weniger gut) und den Ball aufs Tor schießen (klappt gar nicht). Erst wenige Minuten sind vergangen, und ich werde zum Einzeltraining an die Seite gebeten. Das geht ja prima los.

Zum Glück ist David, der Trainer dieser Station, kein Schleifer, sondern einer dieser modernen, psychologisch versierten Übungsleiter. »Du rotierst nach innen«, diagnostiziert er und tröstet mich gleich. »Ich glaube, es liegt am Schuh.« Der sei nämlich auf der Innenseite geschwungen, was fürs Fußballspielen nicht gerade ideal sei. Trotzdem darf ich ein bisschen aufs Tor schießen. Und zwar so: Fußspitze hoch, Fußgelenk anspannen – angespannt ist bei mir alles Mögliche, aber nicht das Fußgelenk – und das Bein ganz durchschwingen. Wichtig: den Ball mal mit dem Spann schießen. Ach, das ist Spann? Ich dachte immer, das sei Pike.

Es kann nur besser werden, denke und hoffe ich. Doch wie soll es das, wenn es sich bei unserer nächsten Station schon um die Flugschule handelt? Fallrückzieher, Seitfallzieher. Warum nicht nach den Sternen greifen? Der Trainer wirft den Ball, wir versuchen ihn in der Luft zu erwischen und plumpsen auf eine weiche Matte. Klappt nicht bei jedem – das Schießen, nicht das Plumpsen, Letzteres kriegt jeder hin. Die Jungs sehen dabei unterschiedlich elegant aus. Ich bekomme sogar mein erstes Lob: »Der Bewegungsablauf war sehr gut«, behauptet der Trainer. Allein der Ball flog in die falsche Richtung.

Ich glaube, es liegt am Schuh. Dämliche Innenrotation! Neidvoll sehe ich, dass die Knirpse aus Team zehn den Fallrückzieher mit einem wagenradgroßen Gummiball üben dürfen. Ich bin eindeutig in der falschen Gruppe gelandet.

»Wie alt bist du?«, fragt mich beim Stationswechsel ein Steppke, höchstens sieben Jahre alt.

»Zweiundvierzig«, antworte ich.

»Das ist ja noch älter, als ich gedacht habe«, staunt er. Immerhin: Sein Papa ist schon fünfundvierzig. Der aber darf irgendwo bei den anderen Vätern stehen und zuschauen.

Jetzt bekommt unsere Gruppe Torschusstraining. Wir stellen uns in einer Reihe auf, um nacheinander aufs zwanzig Meter entfernte leere Tor zu schießen. Der Trainer ermuntert uns: »Versucht’s mal mit eurem schwachen Fuß.«

Gern, welcher darf’s denn sein?

Sekunden später weiß ich: Mein linker Fuß ist tatsächlich noch schwächer als der rechte. Der Ball rollt sechs, sieben Meter und bleibt dann liegen. Weit vor dem Tor. Ein Wunder, dass ich beim Stehen nicht umfalle.

Es folgt eine Dreiviertelstunde, die komplett ohne Blamage abläuft: das Mittagessen. Ich setze mich nicht zu den Trainern, die eher meiner Altersklasse entsprechen, sondern selbstverständlich zu meinem Team, auch wenn deren Verhalten bei Tisch nicht immer meinem Geschmack entspricht. Ein paar der Jungs kippen den anderen, wenn die grad nicht hinschauen, Apfelschorle ins Frikassee. Und natürlich wird gefachsimpelt, zum Beispiel über Juventus Turin, die offenbar vor Kurzem gegen Bayern München gespielt haben, ich bin da nicht auf dem Laufenden. Torwart Buffon, meint einer, der sei schon fünfunddreißig, und überhaupt sei die Mannschaft total alt: »Im Schnitt neunundzwanzig Jahre!« Dass man in dem Alter noch Fußball spielen kann, scheint für die Jungen kaum fassbar.

Ich halte einfach mal den Mund. Dabei sind Enno, Piotr, Danijel und meine anderen Teamgefährten wirklich nette Kerle, sie sind mir gegenüber höflich und lachen mich nicht aus. Wohlerzogene Jugend. Irritierend und wenig fußballtypisch nur, dass sie mich siezen. Mensch Jungs, wir sind doch eine Mannschaft!

Später am Tag ist Kombinationsfußball angesagt, schnelles Kurzpassspiel: Wir müssen den Ball durch Turnbänke zum Mitspieler kicken, dann schnell dessen Position einnehmen, immer weiter. Mehrfach schieße ich gegen die Bank und bringe so ungewollt Ruhe ins Spiel. Tiki-Taka? Eher Pipi-Kaka. Wenigstens gewähren mir meine Mitspieler einen Sonderstatus: Ich ernte keine blöden Kommentare, wenn ich den Ball wieder einmal aus einer ganz anderen Richtung holen muss. Untereinander schonen sie sich hingegen nicht.

Ohne Bänke klappt es schon besser, hier spiele ich meine ganze Erfahrung darin aus, dem Ball auszuweichen und den Spielfluss der anderen nicht zu stören. Läuferisch mithalten kann ich problemlos.

Normalerweise bin ich, wenn ich vom Laufen nach Hause komme, in guter Stimmung, physisch ein wenig erschöpft, aber quicklebendig und voller Tatkraft. Später an diesem Tag, unter der Dusche, fühle ich mich aber weder befriedigt noch befreit – und zwar vor allem deshalb, weil ich weiß, dass ich noch drei Tage vor mir habe.

»Die bringst du auch noch hinter dich«, ermutigt mich meine Frau.

Meine ältere Tochter findet es komisch, dass ich mit lauter Kindern Fußball spiele. Und im Grunde hat sie völlig recht. »Warst du gut?«, fragt sie.

»Naja, es ging so«, sage ich. Und verzichte darauf, hinzuzufügen: »Die anderen waren schon ein wenig besser.« Man muss dem Kind nicht jeglichen Respekt vor seinem Vater nehmen.

Am nächsten Morgen wache ich mit einem überraschenden Gedanken auf: Ich würde jetzt unglaublich gern ins Büro gehen. Doch bei den Kollegen, die in mein Projekt eingeweiht sind, könnte ich mich nicht blicken lassen. Und bei meinem Spiegelbild auch nicht. Ausgeschlossen, dass ich schon bei der ersten Aufgabe klein beigebe! Außerdem mache ich das alles hier nicht zum Spaß, jedenfalls nicht nur, sondern verfolge eine echte Mission.

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Also streife ich wieder mein FSV-Trikot über und steige in die Straßenbahn. Es fühlt sich eigentlich ganz gut an, in den Fußballklamotten durch die Stadt zu fahren – ein Sportler zwischen all den krawattenbehängten Bürohengsten. Ein Glück nur, dass die mich nicht gleich in Aktion erleben werden.

Auf dem Weg zum Trainingsgelände treffe ich einen meiner Mannschaftskameraden. Er selbst spielt, wie sich herausstellt, noch gar nicht so lange, nämlich erst seit zwei Jahren. Andererseits: Das ist bei ihm auch schon ein Siebtel seines Lebens.

Der Wettbewerbsgedanke, merke ich beim Gruppenfrühstück, hat meine jungen Mitspieler fest im Griff.

»Ich habe keinen Hunger«, sagt einer, »ich habe heute Morgen sechs Knäckebrote gegessen. Und mein Papa zehn.«

»Ich habe schon mal sechzehn gegessen!«, ruft ein anderer.

»Und ich dreißig«, behauptet der dritte.

Nicht mal hier läge ich vorn. Und schon gar nicht beim Hochkicken des Balls, ohne dass der den Boden berührt.

»Mein Rekord ist achtundsiebzig«, prahlt einer aus meiner Gruppe, und ein zweiter ist so ehrlich zu sagen: »Meiner nur bei vier.«

Ich erwähne nicht, dass ich vermutlich nur auf eins käme. Ich muss mich nicht kleiner machen, als ich es hier ohnehin schon bin. Dennoch fehlt es mir an Selbstvertrauen, wie es Benjamin, sechseinhalb, vorzuweisen hat: »Ich bin der beste Torwart, sogar in zwei Mannschaften«, erzählt er mir ernst am Frühstückstisch. »Obwohl bei uns sehr gute Spieler sind.« Wie viele davon außer ihm noch Torwart sind, sagt er nicht.

Zum besten Spieler, so viel steht fest, werde ich hier nicht gewählt werden. Da ich mir bislang nichts habe zuschulden kommen lassen, läge allenfalls der hier zusätzlich vergebene Titel des »Fair Play Kid der Woche« in Reichweite. Sollte ich meine Anstrengungen darauf konzentrieren?

Überraschenderweise aber bringt dieser zweite Tag eine echte Perspektive, und zwar an der Station Multikick. In schneller Folge müssen wir abwechselnd mit rechts, mit links und mit Spann gegen den Ball treten, der – und das ist der Clou – mit einem Gummiband an unserem Bauch festgebunden ist und daher nicht unkontrolliert wegfliegen kann. Das sieht bei mir irgendwann richtig flüssig aus und weckt die Illusion, den Ball ganz allein in der Luft halten zu können. Ich träume von einem Fußballspiel, bei dem jeder einen Ball am Bauch festgebunden hat. Problem: Die Partie ginge zwangsläufig 0:0 aus. Beflügelt bin ich dennoch und absolviere den Hüpf-Parcours prompt viel schneller. Ich muss mich sogar ständig bremsen, um den etwas übergewichtigen Teenager vor mir nicht zu überholen.

Bernd Winter klopft mir auf die Schulter. »Sieht doch schon viel besser aus.«

Sollte ich umdisponieren, von Fußball auf Hopse?

Meine Sternstunde aber soll erst noch kommen. Sieben Bälle soll jeder von uns aufs Tor schießen, in dem zwar kein Torwart auf unsere Schüsse wartet, aber zwei Hütchen eng nebeneinander in der Mitte stehen. Da sollen wir hindurchschießen, ein bisschen wie bei der Torwand im »Aktuellen Sportstudio«.

Ich nehme Anlauf. Einer ist drin, dann noch einer, am Ende habe ich fünfmal getroffen. Fünfmal! Es ist der Spitzenwert in meiner Gruppe, andere treffen nur drei- oder zweimal ins Tor. Reines Glück? Oder schon Routine? Ich fühle mich kurz wie Arjen Robben nach seinem Siegtor gegen Dortmund im Champions-League-Finale 2013. Die Jungs johlen, sie gönnen mir den kleinen Triumph. Ich verkneife mir allerdings die Ehrenrunde und verzichte darauf, mir das Trikot über den Kopf zu ziehen.

Leider währt die Euphorie nur kurz, denn nur einen Tag später ist das Camp für mich beendet. Ausgerechnet bei der eher läppisch anmutenden Disziplin des Fußball-Dosenschießens beginnt es in meinem rechten Oberschenkel zu ziehen. Mir schwant Übles. Ich trete nochmal an, doch nach dem nächsten Schuss ist der Schmerz zu heftig. Ich kann nicht mehr weitermachen. Das Alter fordert seinen Tribut. Oder die immer noch schlechte Schusstechnik.

Ich verabschiede mich von den Jungs und verlasse erhobenen Hauptes den Platz. So eine Sportverletzung, zumindest wenn es keine gravierende ist, hat ja auch ein bisschen was Cooles. Da ist schließlich einer unübersehbar an seine Grenzen und darüber hinaus gegangen. Und noch etwas anderes hebt, ehrlich gesagt, meine Stimmung: die Aussicht, am vierten Tag mit gutem Grund nicht mehr antreten zu müssen.

Während des Nachhausewegs lasse ich die vergangenen Tage Revue passieren. Im Fußballcamp hat es Momente gegeben, die mir wirklich Freude bereitet haben, in denen ich sogar für kurze Zeit mein Alter vergaß, aber alles in allem bin ich doch erleichtert, dass ich es hinter mich gebracht habe. Meine Bilanz kann sich eigentlich auch sehen lassen: Insgesamt vier Kindern habe ich die Schnürsenkel zugebunden, mehreren den Weg zur Toilette gezeigt und einem kleinen Mädchen dabei geholfen, in der Kabine ihre Tasche zu finden, um eine Tafel Schokolade herauszuholen. Insofern ist es für alle Seiten von gewissem Wert gewesen, dass ich dabei gewesen bin. Darüber, dass ich nur mich selbst verletzt habe und kein hoffnungsvolles Nachwuchstalent, bin ich auch einigermaßen erleichtert.

Und immerhin, so viele Ballkontakte wie in diesen drei Tagen habe ich in meiner gesamten Fußballerlaufbahn nicht gehabt. Zum nächsten Kick unter Freunden, wenn sich denn einer ergibt und mein Oberschenkel mitspielt, werde ich jedenfalls mit mehr Selbstvertrauen antreten. Insofern bin ich frohen Mutes, was meine weiteren Projekte angeht, bei denen ich allerdings darauf achten möchte, dass mir nicht gleich hundertzwanzig Kids zuschauen. Immerhin haben mir diese nicht zu deutlich gezeigt, dass sie mich für ein lästiges Hindernis auf dem schnurgeraden Weg ihrer Profikarriere halten.

Und dann, als ich schon gar nicht mehr damit rechne, werde ich doch noch ausgebuht. Ich sitze, noch immer in meinem blau-schwarzen FSV-Frankfurt-Trikot, an der Straßenbahnhaltestelle, und ein Zug fährt durch. Es ist eine Fahrschulen-Fahrt. Im hintersten Waggon stehen zwei Typen, sehen mich, ziehen Grimassen und grölen: Fans von Eintracht Frankfurt.

Willkommen in der Welt des Fußballs.

LEKTION IN KLARER KANTE

In Kunst bin ich eigentlich immer ganz gut gewesen. Vor allem habe ich gern gezeichnet: Auf Schulheften, Arbeitsblättern und auch dem einen oder anderen Arbeitsbuch verteilte ich Legionen lustiger Comic-Schweinchen. Schweine, wohl um mich abzugrenzen von den seinerzeit inflationär auftretenden Ottifanten – kennt die noch wer? Meine Schweine sahen ähnlich aus, nur mit kürzerem Rüssel.

Doch trotz meines unübersehbaren Talents fuhr ich in Kunst die mieseste Zeugnisnote meiner Oberstufenzeit ein. Einen Gutteil des Unterrichts habe ich in jenem Halbjahr nämlich damit verbracht, mit Boris, einem noch begabteren Comic-Zeichner, ...

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