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Alte Helden

John R. Grayson

Alte Helden


Mein Dank gilt allen, die diese Geschichte nach bestem Gewissen gelesen und korrigiert haben. Bis zur Veröffentlichung war es ein weiter, manchmal auch beschwerlicher Weg, der sich schlussendlich aber gelohnt hat. Ich wünsche jedem Leser viel Spaß mit Sir Arthur, Mick Stoddlehead und all den anderen, die einen Weg in die Geschichte gefunden haben. Auch meiner Lebensgefährtin möchte ich an dieser Stelle für ihre Geduld danken. Da unsere Internetleitung eine begrenzte Leistung aufweist, brachte meine Arbeit den Alltag am PC immer wieder durcheinander und hat Jasmins Ausdauer auf eine harte Probe gestellt.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

I. Heimkehr

Es tat gut, nach langer Zeit wieder in die Heimat zu reisen. Inzwischen war eine Ewigkeit vergangen.

Sir Arthur Warfield, der tapfere Ritter und Held des Königs von Silverbridge, war in der Vergangenheit oft in ferne Länder gereist, um dort gegen blutrünstige Kreaturen zu kämpfen, Widerstände niederzuschlagen und Königreiche vor der nahenden Regentschaft eines grausamen Tyrannen zu bewahren. Jetzt saß Sir Arthur allerdings auf dem Rücken seines Rosses Daphne und konnte in der Ferne die Grenzen seiner Heimat ausmachen. Sanft strich er über die Mähne der braunen Stute, tätschelte ihren Hals und ein beschwingtes, hoffnungsvolles Lächeln zeichnete sich im faltigen und alt gewordenen Gesicht des Ritters ab.

››Nach so langer Zeit sind wir bald wieder zu Hause, alte Lady. Wir werden uns endgültig zur Ruhe setzen. Diese ganzen Abenteuer sind nichts mehr für unsere alten Knochen. Wir sollten jüngeren Generationen den Vortritt lassen. Sollen sich die Jungspunde den Hals brechen und von einem Abenteuer ins nächste stürzen. Für uns ist die Zeit des lang ersehnten Ruhestandes gekommen.‹‹

Daphne schnaubte, ganz so, als wolle sie den Worten des Ritters beipflichten.

Sir Arthurs einst prächtige Rüstung ließ an vielen Stellen Rostblumen sprießen und die Platten hingen verbeult am knochigen, ausgemergelten Körper des alten Mannes. Der Brustharnisch war stark in Mitleidenschaft gezogen. Zahlreiche Dellen, Scharten und Kratzer erzählten Geschichten aus vergangenen, glorreichen Tagen. Auch der rotbraune Wappenrock glich keineswegs mehr der Kleidung, welche einem Mann seines Standes gebührte. Die Brünne, welche man standesgemäß unter dem Helm trug, hatte Sir Arthur schon vor langer Zeit gegen etwas Essbares eingetauscht und den Kopfschutz mit Lederfetzen ausgepolstert, damit das Metall nicht am Kopf scheuerte. Daphnes kunstvoll bestickter Überwurf in brauner Farbe mit gelber Umrandung war längst ausgebleicht, verschlissen und löchrig. Das einstige Wappen des Königs konnte man nur noch zwischen Halsberge und den vorderen Schultern des Pferdes erahnen. Eine breite Narbe stach zwischen den Überresten des Stoffes hervor.

Der letzte Kampf und die endlose Heimreise hatten ihre Spuren am Körper und an der Seele des alten Helden hinterlassen. Sir Arthurs graues Haar hing gut drei Handbreit über die Schulter. Er hatte sich längst an die ungewöhnliche Haarpracht gewöhnt, die seinen Kopf schon seit einer Ewigkeit zierte. Bald würde er endlich das ersehnte Ziel erreichen. Sir Arthur würde ein heißes Bad nehmen, ein bitteres und schlecht gebrautes Bier trinken und etwas vom gebratenen Fleisch kosten. Er konnte den köstlichen Geschmack beinahe auf der Zunge schmecken. Auch um Daphne würde man sich auf Silverbridge gut kümmern, das Schlachtross mit Hafer füttern und mit ausreichend Wasser versorgen.

››Den Ruhestand haben wir uns beide verdient, alte Lady. Mit dir habe ich viele Jahre verbracht und du warst mir immer ein treuer Begleiter. Ohne dich hätte ich längst aufgegeben und wäre wahrscheinlich irgendwo zwischen all den anderen Dummköpfen, die uns auf unseren Reisen begegnet sind, gestorben.‹‹

Daphne wieherte und nickte zustimmend. Der alte Ritter versuchte trotz seines schmerzenden Rückens, einigermaßen die Haltung zu bewahren, auch wenn ihm das nach der langen Heimreise sichtlich schwer fiel. Als Ritter des Königs war es seine Pflicht, möglichst würdevoll auf die Burg zu reiten, auch wenn die anhaltenden Schmerzen kaum noch erträglich waren. Einzig der Gedanke an das baldige Ende der langen Reise hielt ihn noch im Sattel.

Bald führte ihn der Weg an den weiten Feldern der ansässigen Bauern entlang und er sah die Häuser, welche er noch gut aus der Vergangenheit kannte. Die Satteldächer waren mit Stroh und Mist bedeckt, hielten den Regen vom Inneren fern und boten Schutz vor jeglichem Unwetter. Doch alles, was Sir Arthur in Erinnerung geblieben war, schien jetzt vollkommen verändert und entstellt. Einige der Häuser befanden sich in einem erbärmlichen und bedauerlichen Zustand, wogegen man andere bis auf die Grundmauern niedergebrannt hatte. An den kahlen Obstbäumen baumelten die Leichen einiger Gestalten, über deren Köpfen lautes Krähengeschrei ertönte. Schwarze Federn segelten dem zertrampelten Erdboden entgegen, während sich die Vögel krächzend um die besten Happen stritten. Einige Krähen schlugen wild mit den Flügeln und hackten aufeinander ein, andere wichen den Attacken aus oder flohen. Währenddessen ergatterten zwei ihrer Artgenossen einen Bissen des Festmahls und suchten schleunigst das Weite.

Auf den angrenzenden Feldern konnte Sir Arthur eine Gruppe von Menschen entdecken. Als er ihnen zum Gruß zuwinkte, trieb man die Kinder in die verbliebenen Häuser. Türen und Fenster wurden verschlossen und verriegelt.

Einst jubelte man bei seiner glorreichen Rückkehr aus fremden Landen, überreichte ihm Blumen und Geschenke. Aus allen Ecken, Häusern und Gassen strömten die Menschen herbei, nur um einen flüchtigen Blick auf den ruhmreichen Ritter zu erhaschen. Die Tore der Burg waren weit geöffnet und Fanfaren kündigten sein kommen an. Wo einst noch prächtige Bäume standen, war nur verbrannte Erde übrig. Was im Namen aller Helden von Silverbridge war hier geschehen? Sir Arthur versuchte sich daran zu erinnern, wie lange er seine Heimat nicht mehr gesehen hatte.

››Fünfzehn Jahre bin ich nicht mehr hier gewesen‹‹, murmelte der Ritter leise. Damals war er in den besten Jahren aufgebrochen und hatte alles Vertraute hinter sich gelassen. Es sollte seine letzte Aufgabe sein, bevor er sich in den Ruhestand begab. Wie hätte er ahnen können, dass jenes Königreich ganze vier Jahre von seiner Heimat entfernt lag? Acht Monate war er mit Daphne von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, von Burg zu Burg gereist, und mit jedem verstreichenden Tag dauerte die Reise länger an. Anschließend verbrachte er fünf Monate auf einem Schiff namens Kaaran Fraag. Jeder Tag auf dem Monster aus Holz und Pech schien wie ein wahr gewordener Albtraum. Riesige Wellen peitschten gegen das Schiff und schüttelten es von einer Seite zur anderen. Zudem roch es an Board nach verwesendem Fisch, Krankheit und Schimmel, egal wohin man sich wandte. Die Nahrungsvorräte waren knapp und in kürzester Zeit verdorben, was die Stimmung der Crew zusätzlich belastete. Im Laufe der Überfahrt starben acht Seemänner an Unterernährung und Krankheit, drei gingen über Board und zwei weitere wurden im Streit von einem Widersacher erstochen.

Sir Arthur dankte dem Schöpfer, als die furchtbare Überfahrt endlich ein Ende fand. Es sollten noch einige Tage vergehen, bis er sich wieder in den Sattel setzen konnte, ohne dass er von Daphne abgeworfen wurde.

››Das Land hat sich in unserer Abwesenheit sehr verändert, alte Lady. Was auch immer hier geschehen ist, es hat die Menschen zutiefst verängstigt. Ob es einen Krieg gab? Der König kann uns bestimmt den Grund für das gegenwärtige Elend nennen. Er kümmerte sich doch immer um das Wohl seiner Untertanen und hat jeden Einzelnen stets gerecht und mit Nachsicht behandelt. Irgendetwas Schreckliches ist passiert, das spüre ich in meinen alten Knochen. Darauf würde ich sogar einen meiner Zähne verwetten.‹‹

Daphne schnaubte laut, schüttelte den Kopf und trabte bedächtig weiter.

››Sofern ich noch welche hätte‹‹, fügte Sir Arthur kleinlaut hinzu und stieß ein leises Seufzen aus. Er hielt sich nur noch mühsam im Sattel, sein Hinterteil schmerzte und an seine restlichen Knochen wollte er erst gar nicht denken. Mit trübem Blick sah er durch das geöffnete Visier und erkannte die geliebte Heimat kaum wieder. Alles Vertraute schien auf unheimliche Weise verschwunden. Wo sind all die lachenden Gesichter, die fröhlichen Stimmen, der Gesang und Jubel …

››Damals feierte man uns euphorisch, wenn wir von einer ruhmreichen Reise heimkehrten. Was im Namen des Königs ist nur geschehen? Wie konnte sich alles derart verändern? Wo sind all die feiernden Menschen?‹‹

Sir Arthur senkte angesichts des Elends andächtig den Kopf, während Daphne ein weiteres Mal schnaubte.

Nach einer ganzen Weile konnte man endlich die Mauern der Burg erkennen und Sir Arthur atmete erleichtert auf.

››Wenigstens auf Burg Silverbridge hat sich wenig verändert. Der König wird erfreut sein, wenn er unsere Gesichter sieht. Es ist schon eine Ewigkeit her, als wir das letzte Mal zu Gast am Hofe waren. Bald wird uns der König erklären, was es mit den Zuständen auf sich hat.‹‹

Auch wenn Sir Arthur den Ruhestand nach all den überstandenen Strapazen herbeisehnte, würde er nicht eher ruhen, bevor die Umstände aufgeklärt waren. Der König würde ihm in dieser Angelegenheit Rede und Antwort stehen. Trotz des unerschütterlichen Glaubens an seinen König, spürte Sir Arthur ein ungutes Gefühl in sich anwachsen. Joffrey war ein weitsichtiger Regent mit gutem Herzen. Er würde die Missstände im Land niemals gutheißen und sich jedem Feind furchtlos in den Weg stellen.

Je länger Sir Arthur darüber nachdachte, desto mehr stellte sich ihm die Frage, was das gegenwärtige Elend und die Furcht im Land ausgelöst hatte. Wie konnte sich seine Heimat derart zum Schlechten verändern? Die vergangenen Jahre hatten das Land bis ins Mark erschüttert. Kaum etwas war noch von den verblassenden Erinnerungen des alten Ritters geblieben. Jedes altbekannte Bild war verschwunden.

Endlich erreichte Sir Arthur die riesigen Tore der Burg und der Ritter stieg unter beißenden Schmerzen aus dem Sattel. Die kleinste Bewegung ließ ihn aufstöhnen. Angestrengt zog er den Helm vom Kopf und ein beinahe kahler Schädel kam zum Vorschein. Einzig die hinteren Fransen waren Sir Arthur noch von der einstigen Haarpracht geblieben.

Merkwürdigerweise blieb das Tor geschlossen und auch keine der Fanfaren ertönte. Sir Arthur war zutiefst beunruhigt. Außer den Steinen, den Zinnen und den hohen Türmen erinnerte nur wenig an die einstigen, glorreichen Tage der Burg. Der Ritter nahm Haltung an, auch wenn ihm diese Pose mehr Schmerzen bereitete, als der alt gediente Sattel, auf dem er die vergangenen Wochen verbracht hatte.

››Sir Arthur Warfield, Ritter des Königs von Silverbridge steht vor dem Tor! Gewährt mir Einlass!‹‹

Es dauerte einen Moment, bis hoch oben auf der Burgmauer das kantige Gesicht eines blassen Soldaten erschien. Er war in ein simples Kettenhemd gekleidet und trug eine graue Stoffhaube über dem Kopf, welche höchstens dem Wind standhalten konnte.

››Noch so ein einfallsreicher Narr. Wo kommt ihr denn alle her? Verschwindet!‹‹

Als Sir Arthur sich nicht von der Stelle bewegte und starr nach oben blickte, rief ihm die Wache zu: ››Wer auch immer Ihr seid, der König empfängt weder Bettler noch sonstiges Gesindel! Verschwindet endlich, bevor er euch den Kopf abschlagen lässt!‹‹

Diese Antwort traf Sir Arthur wie ein Schlag ins Gesicht. Der König würde solch ein Verhalten niemals gutheißen.

››Eure Majestät, Joffrey der Ehrenhafte, wird über meine Ankunft erfreut sein. Ich kehre von einer langen Reise heim und bitte erneut um Einlass!‹‹

Die Wache verzog das Gesicht, sah zu beiden Seiten, murmelte etwas Unverständliches und schallendes Gelächter drang an die Ohren des Ritters. Zwei weitere Gesichter erschienen oberhalb der Zinnen.

››Euer erbärmlicher König wurde von Ulfgar dem Unbarmherzigen, dem flammenden Drachen des Nordens, zum Tode verurteilt. Hier herrschen nun andere Sitten! Eure Dienste werden nicht länger benötigt! Verschwindet und geht eurer Wege, alter Mann.‹‹

Sir Arthur traute seinen Ohren nicht. Was wollte ihm dieser flegelhafte Soldat damit sagen?

Der allseits beliebte König wurde durch einen neuen Herrscher ersetzt? Das konnte nur ein schlechter Scherz sein!

Sir Arthur zweifelte am eigenen Verstand. Wie in aller Welt konnte so etwas nur geschehen? Fast schien es dem Ritter, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen. Alles Vertraute schien verändert und nichts glich mehr dem, was Sir Arthur noch aus der Vergangenheit kannte. Von seinen Erinnerungen war nichts mehr geblieben. Fast wollte er schreien, um endlich aus diesem quälenden Traum zu erwachen, doch es war kein Traum. Es war die Gegenwart, ganz gleich, wie sehr sich der alte Ritter auch dagegen sträubte. Entmutigt nahm er Daphne an den Zügeln und führte das Pferd ein Stück an der Burgmauer entlang, bevor er sich entmutigt ins kniehohe Gras sinken ließ und unter Schmerzen das Gesicht zu einer Grimasse verformte. ››So ein elender Mist!‹‹

Daphne schnaubte laut, als wolle sie ebenfalls ihren Missmut ausdrücken und die Meinung des Ritters unterstreichen.

››Vorerst sollten wir hier bleiben. Ich bin einfach zu müde, um weiterzuziehen. Wir werden die Nacht abwarten und morgen nach Ellbury reiten. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es dort einen kleinen, gemütlichen Gasthof, in dem wir für ein paar Tage unterkommen können. Das heißt, sofern man den Hof nicht niedergebrannt hat. Ich habe mir unsere Heimkehr etwas anders vorgestellt, alte Lady.‹‹

Entmutigt und enttäuscht kauerte Sir Arthur im Gras, während die Nacht hereinbrach und das ganze Land in Dunkelheit hüllte. Kein einziger Stern war am Himmel zu sehen. Nur allgegenwärtige, tiefschwarze Finsternis.

In der folgenden Nacht fand Sir Arthur nur spärlichen Schlaf und wälzte sich von einer Seite zur anderen. Der unbequeme, kalte Untergrund war pures Gift für seine schmerzenden Knochen. Auch seine Gedanken gönnten ihm keinen Augenblick der Ruhe. Zu viele Dinge beschäftigten seinen Geist und er konnte nicht begreifen, dass sich seine Heimat durch beängstigende Veränderungen derart gewandelt hatte. Allmählich schien alles Vertraute dem Fremden zu weichen.

Sir Arthur war heilfroh, als sich die Nacht dem Ende neigte und die ersten Sonnstrahlen träge in den Schatten der Burg krochen. Es schien ganz so, als wolle selbst die Sonne an diesem trostlosen Ort nicht mehr scheinen. Schwermütig kroch das grelle Licht über den Rand des Horizonts.

Der alte Ritter stemmte sich ächzend in die Höhe. Stechende Qualen durchzuckten seinen Körper und jeder Knochen bedankte sich für die Bewegung auf ganz eigene, bittere Art und Weise.

››Das Alter ist weder ein Segen noch eine Freude. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich nach einem weichen Bett und einigen Tagen Schlaf sehne.‹‹

Daphne sah den Ritter mit großen, braunen Augen an, als würde sie jedes einzelne Wort verstehen.

Müde schaffte sich der alte Ritter auf die Beine und sattelte das Pferd, als sich knarrend das Tor öffnete und wildes Gezeter an seine Ohren drang.

››So könnt ihr nicht mit mir umgehen! Ich bin ein gefragter Barde und ich habe das Recht an diesem Hofe meine Lieder kundzutun. Lasst mich verdammt noch mal los! Ich verlange eine Audienz beim König!‹‹

Zwei Wachen zerrten einen Mann aus dem Hof der Burg und warfen ihn durchs geöffnete Tor auf den staubigen Weg.

››Halt endlich dein Maul! Du kannst von Glück sagen, das dir König Ulfgar verhältnismäßig gnädig gestimmt ist. Ansonsten hätte er dich womöglich vierteilen lassen und deine jämmerlichen Überreste an die Hunde verfüttert. Zu deinem Glück ist er mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Verschwinde und lass dich hier nie wieder blicken!‹‹

Der Barde rappelte sich auf, klopfte sich den Staub von Kleidung und spuckte verärgert auf den Boden.

››Ich hatte eh nicht vor, meine Lieder vor solchen Banausen zu spielen. Hier wird meine Kunst einfach nicht geschätzt.‹‹

Sir Arthur beobachtete das Schauspiel, schüttelte den Kopf und wollte gerade in den Sattel steigen, als ihn der Barde erblickte und dem Ritter winkend entgegen schlenderte. Sir Arthur konnte in der Vergangenheit nur wenige Sympathien für die selbst ernannten Musiker aufbringen. Meist waren diese Kerle überheblich, hatten wenig Talent, spielten falsche Töne und genossen festliche Anlässe, um sich dort die Bäuche vollzuschlagen. Sir Arthur konnte derartigen Menschen nichts abgewinnen.

››Ihr seht mir nach einem edlen Ritter aus, Herr.‹‹

››Woran habt Ihr das denn erkannt? An meinem verrostetem Harnisch oder an meinem klapprigen Streitross?‹‹, antwortete Sir Arthur zynisch.

››Gestattet mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Mick Stoddlehead, begnadeter Barde und Geschichtenerzähler. Ich habe schon über viele Helden gesungen und berichtet, doch euer Gesicht ist mir völlig unbekannt.‹‹

››Das ist vielleicht auch besser so‹‹, entgegnete Sir Arthur und versuchte trotz schmerzender Knochen in den Sattel zu gelangen. Dabei würdigte er den Barden keines Blickes.

››Ihr seid wohl auch nicht willkommen am Hofe von König Ulfgar. Wenn doch nur unser geliebter Herrscher noch am Leben wäre.‹‹

Der Barde stieß einen tiefen Seufzer aus. Das waren genau die Worte, die Sir Arthur vom Aufsitzen abhielten. Er betrachtete den Barden mit zugekniffenen, misstrauischen Augen. Mick Stoddlehead trug einen edlen, braunen Mantel und war in grüne Stoffe gehüllt. Sein Wams war mit braunen Knöpfen versehen und auch sein Schuhwerk war mehr Wert, als alles, was Sir Arthur sein eigen nannte. Trotz aller Verachtung für die Zunft der Sänger und Geschichtenerzähler, stellte der Ritter jene Fragen, die ihm seit seiner Ankunft unter den Nägeln brannten.

››Wie konnte dieser neue König an die Macht gelangen? Die Burg zählt zu den besten Festungen im Land. Es ist kaum möglich, die Burg zu stürmen. Selbst einer Belagerung kann Silverbridge über Monate, wenn nicht sogar Jahre hinweg standhalten. Außerdem befand man sich mit niemandem im Krieg. Was ist an diesem Ort geschehen?‹‹

Mick Stoddlehead sah den Ritter an, als wolle er dessen Worte ein weiteres Mal hören.

››Entweder seid Ihr ein Fremder und kommt aus einem sehr weit entfernten Land oder Ihr habt Silverbridge eine halbe Ewigkeit nicht mehr zu Gesicht bekommen.‹‹

››Ist schon eine Weile her‹‹, gab Sir Arthur zu.

››Es kam weder zu einem Kampf noch zu einer Belagerung. Fürst Ulfgar, wie er sich damals noch nannte, wurde auf den Hof geladen. Er versprach unserem König, dass er ihn mit einhundert Männern unterstützen würde, um die westlichen Grenzen zu sichern. Zu jener Zeit kam es zu Unruhen und Joffrey wollte eine Ausbreitung mit allen Mitteln verhindern. Es wurde diskutiert, gestritten und nach Wegen gesucht, um einen Konflikt zu vermeiden. Dabei waren Joffrey und Ulfgar nicht der gleichen Meinung. Während unser König nach friedlichen Lösungswegen suchte, wollte der Fürst in die Schlacht ziehen und die Aufstände niederschlagen. Die Verhandlungen scheiterten, doch Joffrey wäre kein guter Gastgeber gewesen, wenn er den Fürsten ohne ein Fest hätte ziehen lassen. Zu später Stunde, als alle schon mehr oder weniger betrunken waren, trat Ulfgar an unseren König heran. Kaum jemand richtete noch den Blick in Richtung des Throns. Der König döste und war ausgesprochen betrunken. Ulfgar stand eine halbe Armlänge von ihm entfernt, als er ihm einen Dolch ins Herz rammte.‹‹

Mick senkte traurig den Kopf. Als Sir Arthur dem Allmächtigen für die Stille danken wollte, fuhr der Barde jedoch fort, ohne dem Ritter eine längere Verschnaufpause zu gönnen. ››Gegen die Übermacht konnten die wenigen am Hof verbliebenen Ritter des Königs nichts ausrichten. Jeder von ihnen wurde überwältigt, gefangen oder ermordet. Der tapfere Sir Bathory fiel einer Axt zum Opfer, Sir Gardenstale, Sir Grumfort, Sir Mummdale, sein Knappe und viele andere starben in jener Nacht. Am nächsten Morgen krönte sich Ulfgar zum neuen König von Silverbridge und jeder, der sich ihm in den Weg stellte, fand sich schnell tot oder im Kerker wieder. Seit er regiert, herrschen Angst und Schrecken. Die Menschen fürchten ihn fast so sehr, wie die unbarmherzigen Soldaten, die ihm folgen. Sie treiben mit Gewalt die Steuern ein und wer nicht zahlen kann oder will, muss die Konsequenzen dafür tragen. Einige Menschen wollten Ulfgar und seinem barbarischen Gefolge die Stirn bieten, doch ihre Bemühungen scheiterten kläglich. Auch den heldenhaften Sir Hammerhead hat Ulfgar öffentlich hinrichten lassen. Seit diesem Zeitpunkt spielt niemand mehr mit dem Gedanken, sich gegen den König zu erheben.‹‹

››Wie lange ist Ulfgar bereits an der Macht?‹‹, wollte Sir Arthur wissen.

››Nun, ich schätze seit bald mehr als sechsundzwanzig Monden.‹‹

Sir Arthur wandte den Blick von Mick Stoddlehead ab und betrachtete gedankenverloren die eigenen Hände. ››Ist es wirklich schon so lange her?‹‹

Daphne schnaubte und wieherte kurz, als wolle sie die Frage des Ritters damit beantworten. Noch bevor Sir Arthur weiter sinnieren konnte, ergriff der geschwätzige Barde wieder das Wort.

››Damit noch nicht genug. Des Königs erster Ritter, Tarwin Butcher, tyrannisiert das Volk auf ganz und gar abscheuliche Weise. Er schändet junge Frauen und tötet deren Männer und Söhne. Manche behaupten, er wäre die Ausgeburt des Teufels, geradewegs aus der Hölle entstiegen um das Volk mit unsäglicher Folter zu strafen. Seit Ulfgar an der Macht ist, hat er jegliche Freiheiten gewonnen. Er tötet nach Belieben und keiner konnte sich bisher mit ihm messen. Lord Ravencroft mit seinem Gefolge unterlag diesem Scheusal, genauso wie Sir Ironhide und der tapfere Sir Barnsley. Vielleicht haben euch die Götter geschickt und Ihr seid in der Lage diesem Irrsinn Einhalt zu gebieten.‹‹

Sir Arthur schüttelte den Kopf und wandte sich wortlos vom Barden ab.

››Ihr seid ein Ritter von wahrer Größe. Das erkenne ich auf den ersten Blick.‹‹

››Entweder seid Ihr blind oder ein lästiger Dummkopf. Seht mich nur an! Aus meiner Rüstung kann man bestenfalls noch ein paar Hufeisen schmieden. Ich bin alt, mein Körper schmerzt, die Finger voller Gicht und der Rücken bringt mich noch um. Ihr müsst nicht ganz bei Trost sein, wenn Ihr denkt, dass ich diesem Wahnsinn ein Ende bereiten könnte. Was ist mit dem Fürsten von der Nordwacht oder dem Lord der Donnerburg? Für ein solches Unterfangen wäre auch Sir Dengelburough bestimmt keine schlechte Wahl.‹‹

Mick Stoddlehead versuchte sich ein Lächeln abzuringen, was jedoch nicht sonderlich gut gelingen wollte. ››Ihr seid schon lange nicht mehr hier gewesen, oder? Fürst Fendriss von der Nordwacht wurde nur wenige Tage nach der Krönung Ulfgars von dessen Bluthund, Tarwin Butcher, erschlagen. Sir Dengelburough hingegen hat das Zeitliche gesegnet, ohne dass jemand nachhelfen musste. Scheinbar sind all eure Helden nicht mehr in der Lage etwas auszurichten.‹‹

››Was ist mit all den anderen? Sir Gallows Poole, Sir Arwin Cranckle, Sir Thomas Tumble oder Sheldon Greywind?‹‹

››Euer Sir Greywind ist in den Süden geflohen, während die anderen längst das Zeitliche gesegnet haben. Einzig Tumble musste keinen gewaltsamen Tod erleiden. Er ist an seiner Fettsucht gestorben, während er sich ein gebratenes Hühnerbein in den Rachen stopfte. Es scheint mir, als wäre niemand mehr von euren Helden übrig, der den König vom Thron stoßen könnte.‹‹

››Das klingt ganz nach Tumble. Es werden andere Ritter folgen. Ich für meinen Teil habe genug von Schwertern, Äxten, Keulen und dem Schlachtfeld. Ich werde mir jetzt ein ausgiebiges Bad im Gasthaus von Ellbury genehmigen. Ich wünsche Euch ein angenehmes Leben.‹‹

Sir Arthur verzog das Gesicht, schaffte sich mühsam auf den Rücken des Pferds und Daphne trabte los. Hingegen aller Erwartungen folgte Mick Stoddlehead dem Ritter, auch wenn der nur wenig Wert auf die Gesellschaft des Barden legte.

››Habt Ihr denn nichts Besseres zu tun, als mir hinterher zu laufen? Sicher wird sich irgendwo ein netter Ort finden, an dem Ihr einer liebreizenden Frau mit euren Liedern den Kopf verdrehen könnt. Versucht euer Glück doch in Garnwich oder in einer anderen Stadt.‹‹

››Garnwich? Das kann unmöglich euer Ernst sein. Dort kann ich mir nicht einmal einen Kanten Brot ersingen. Die Einwohner Garnwichs wissen meine Kunst einfach nicht zu schätzen. Um ehrlich zu sein, bin ich derzeit nicht sehr gefragt.‹‹

Mick zog eine kleine Harfe unter dem Mantel hervor, zupfte an den Saiten und stimmte ein Lied an. Daphne wieherte und schnaubte, dass sich die Nüstern aufblähten.

››Hört sofort auf mit dem Gekrächze oder ich hole das nach, was die Wachen der Burg versäumt haben!‹‹

Sir Arthurs Drohung verpuffte wie ein Faustschlag gegen massives Gestein und Mick setzte sein Liedchen bis zum Ende fort. Sein schlecht vorgetragener Dialekt des südländischen Volks machte den alten Ritter beinahe verrückt.

Ich hätte mich nicht mit diesem Kerl einlassen sollen, dachte Sir Arthur und bereute die Entscheidung, dem Barden auch nur einen Funken Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Fröhlich pfeifend folgte Mick dem Ritter.

Nach einer Weile erreichte man  Ellbury und den erwähnten Gasthof. Sir Arthur stieg ächzend aus dem Sattel, keuchte angestrengt und übergab die Zügel seines Pferds an einen heraneilenden Stallburschen.

››Versorgt die alte Lady und bürstet ihr Fell. Nach den ganzen Anstrengungen hat sie es sich redlich verdient.‹‹

Der Stallbursche nickte und lächelte schief, als ihm Sir Arthur eine kupferne Münze in die Hand drückte.

››Für einen Ritter seid Ihr aber nicht minder geizig, als der König selbst‹‹, bemerkte Mick bissig und hätte sich dafür fast eine Ohrfeige eingehandelt. Leider schmerzten Sir Arthurs Hände so sehr, dass er die unflätige Bemerkung des Barden zähneknirschend hinnehmen musste. In jüngeren Jahren hätte er ihn mit dem Kettenhandschuh gezüchtigt und ihm die Verhaltensregeln gegenüber einem Ritter erläutert. Heute war er kaum noch in der Lage sich einigermaßen gerade im Sattel zu halten, geschweige denn einen Jungspund zu maßregeln.

Als der Ritter das Wirtshaus betreten wollte, rief ihm Mick hinterher: ››Wenn Ihr dem Sackgesicht von Wirt begegnet, erwähnt bitte nicht meinen Namen. Er ist aus irgendeinem unverständlichen Grund nicht gut auf meine Person zu sprechen.‹‹

››Keine Sorge‹‹, knurrte Sir Arthur und öffnete die schwere Holztür des Gasthauses.

Zu dieser Stunde waren die Tische im Raum allesamt unbesetzt. Als der Ritter sich an einem der Tische niederließ, wurde ihm schlagartig die Bedeutung des Wortes Sackgesicht vor Augen geführt. Der hiesige Wirt, der hinter dem Tresen stand und einige Holzbecher reinigte, trug fettige schwarze Zotteln, die man kaum noch als Haar bezeichnen konnte. Sein Kinn glich einem Futtersack, den man Pferden umspannte und sein gleichgültiger Gesichtsausdruck sprach Bände. Auch hier hatte sich in der Abwesenheit des Ritters vieles verändert. Der alte Wirt dieses Gasthauses trat damals deutlich gepflegter in Erscheinung, als die armselige Kreatur, welche nun hier die Gäste bediente. Auch die Sauberkeit der Schenke ließ zu wünschen übrig. Es roch aufdringlich nach Erbrochenem, schalem Bier und einigen Düften, die Sir Arthur nur schwer einordnen konnte.

Wenigsten geht mir dieser elende Barde nicht mehr auf den Geist, dachte Sir Arthur und versuchte jedes Unbehagen zu vergessen. Der Raum war mit zwei Fenstern ausgestattet, wobei eines in Richtung des Hofs ausgelegt war und das andere in die Richtung der Gasse zeigte, aus der Sir Arthur gekommen war. Leider konnte man durch beide recht wenig sehen, da das Glas von Dreck und Schmutz geradezu überzogen war. Sir Arthur seufzte. Wie sehr sehnte er sich nach der Zeit, in der alles noch einer Ordnung entsprach. Eine Zeit, in der Ritter gefeiert wurden, wenn sie aus den Schlachten heimkehrten. Eine Zeit, in der man ein Wirtshaus betreten konnte, ohne das Gefühl zu haben, sich gleich übergeben zu müssen. Eine Zeit …

Sir Arthur wurde aus den Gedanken gerissen, als der schwitzende Wirt vor seinem Tisch auftauchte und nach dem Begehr fragte.

››Was darf ich euch bringen?‹‹, brummte der Mann und kratzte sich beiläufig am stoppeligen Kinn. Sein Atem stank abscheulich.

››Nun‹‹, begann Sir Arthur und rümpfte angewidert die Nase, ››ich würde einen guten Wein und eine gebratene Taube wohl nicht verschmähen.‹‹

››Bei uns gibt es nur Hammel und Bier.‹‹

Sir Arthur wandte das Gesicht ab und nickte.

››Na dann eben Hammel und Bier.‹‹

Nie hätte sich Sir Arthur träumen lassen, dass er einmal in solch einer schäbigen Gaststätte landen würde. Wie viel Unglück konnte einem einzelnen Menschen in so kurzer Zeit denn noch widerfahren? Trotz allem versuchte Sir Arthur sich einzureden, dass wohl jede Mahlzeit besser wäre, als gar keine. So saß er nun am Tisch, ließ seinen Blick durch den schäbigen Raum schweifen und sah, wie der Wirt in der Küche verschwand. Kaum hatte der Gastwirt den Raum verlassen, drangen aus dem Hinterhof Geräusche an Sir Arthurs Ohren, die zweifelsfrei von einer Frau stammten. Sie schien zu johlen, zu quietschen und zu stöhnen. Alles zur gleichen Zeit.

Nur einen Augenblick später stürmte der Wirt laut polternd aus der Küche, riss die Hintertür auf und schwang in seiner rechten Hand ein blutbeflecktes Schlachterbeil. Sir Arthur wusste nicht recht, was der Anlass für seine Wut war, doch ahnte er schon dunkel, was nun bevorstand.

››Hab ich es mir doch gedacht!‹‹, brüllte der Wirt. ››Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst dich von meinem Anwesen und meiner Tochter fernhalten? Na warte, wenn ich dich erwische! Ich hacke dir den Kopf ab und verfüttere dich an die Hunde!‹‹

Kurz darauf stürzte Mick durch die Hintertür und versuchte den Unterrock, welcher zweifelsfrei von einer Frau stammte, vom Kopf zu streifen. Der Wirt nahm umgehend die Verfolgung auf und hätte dem Barden womöglich ein jähes Ende bereitet, wenn nicht in diesem Moment drei Ritter in glänzend polierten Rüstungen das Gasthaus betreten hätten. Sofort ließ der Wirt von Mick ab und verbeugte sich so tief es seine Gestalt nur zuließ. Einer der Ritter zog den Helm vom Kopf und blondes, wallendes Haar kam zum Vorschein. Wahrscheinlich wäre jede Frau diesem Mann sofort verfallen, wenn nicht eine breite Narbe sein Gesicht verunstaltet hätte. Das Wundmal zog sich quer über das gesamte Gesicht und entstellte den Ritter auf grausame Weise.

››Sir … Sir Butcher … wie … wie kann ich euch helfen?‹‹, stammelte der Wirt.

››Ich glaube, du weißt, womit du fetter Bastard mir helfen kannst!‹‹, entgegnete der Ritter und spuckte auf die dreckigen Holzdielen des Schankraums.

››Die Steuer ist fällig oder glaubst du ich würde ansonsten auch nur einen Fuß in diesen Drecksstall setzen?‹‹

››Nein … natürlich nicht … aber … die Steuer …‹‹, stotterte der Wirt weiter.

››Ich glaube, er will nicht bezahlen‹‹, bemerkte einer von Sir Butchers Begleitern.

››Dann werde ich ihm zeigen, was es heißt, seine Schulden nicht zu begleichen.‹‹

Sir Butcher näherte sich dem Wirt mit nur zwei Schritten, packte ihn an den Haaren und schmetterte dessen Kopf auf die nahe gelegene Theke. Die Begleiter des ehrlosen Ritters lachten beim Anblick des blutenden Wirts, der benommen und stöhnend zu Boden sank.

Mick Stoddlehead hatte es währenddessen irgendwie geschafft, dem Geschehen zu entkommen und war auf leisen Sohlen durch die noch offen stehende Hintertür geschlüpft. Sir Arthur erinnerte sich an den Eid, den er als Ritter einst geleistet hatte. Stets würde er die Schwachen beschützten, ganz egal wie sie aussehen oder stinken würden. Zweifelsfrei war auch der Wirt damit gemeint und so erhob sich Sir Arthur von seinem Platz, schnaufte kurz und schlurfte den Rittern entgegen. Trotz seiner körperlichen Qualen versuchte der alte Ritter, die Haltung zu wahren.

››Ist das jenes Benehmen, welches man euch gelehrt hat? Dann muss euer Lehrmeister entweder ein Narr oder ein Monster gewesen sein. Ihr seid eines Ritters nicht würdig.‹‹

Sir Butcher verzog abwertend das entstellte Gesicht, spuckte erneut auf den Boden und bedachte den Fremden mit einem herablassenden Blick.

››Wen haben wir denn da? Den Ritter von der traurigen Gestalt? Wenn euch euer Leben lieb ist, dann setzt Ihr euch wieder und verhaltet euch ruhig. Ansonsten werdet Ihr beim nächsten Sonnenaufgang leblos an einer Eiche baumeln.‹‹

Sir Arthur zeigte sich wenig beeindruckt. In seinem Leben stand er vielen Unholden gegenüber und wusste, wie er mit ihnen zu verfahren hatte. Schnell fuhr seine Hand zum Schwertgriff, doch ehe er die Waffe ziehen konnte, hatten ihn Sir Butchers Begleiter auf den Boden geworfen.

››Hütet eure vorlaute Zunge oder ich werde sie euch herausschneiden‹‹, drohte einer der Ritter und verpasste Sir Arthur einen kräftigen Tritt in die Rippen, den er trotz des klappernden Harnischs noch spürte. Sir Butcher widmete sich wieder dem Wirt, der ängstlich in seinen Taschen wühlte und einige Münzen hervor kramte.

››Warum nicht gleich so? Beim nächsten Mal solltest du uns keine Schwierigkeiten mehr machen. Wir wollen dein schönes Haus doch nicht mit Blut besudeln.‹‹

››Nein … ganz … bestimmt nicht‹‹, stotterte der Wirt. Er hatte eine dicke Platzwunde am Kopf davongetragen, was ihn aber dank seiner ungepflegten Erscheinung nicht weiter verunstaltete. Sir Butcher stieg über den am Boden liegenden Ritter hinweg, ohne diesen eines weiteren Blickes zu würdigen und verschwand mit seinem Gefolge so schnell, wie er gekommen war. Nur langsam schaffte sich Sir Arthur wieder auf die Beine und stützte sich keuchend auf einem der Tische ab.

››Bei allem Respekt, Ihr solltet in Gegenwart von Sir Butcher und seinen Männern etwas vorsichtiger sein. Er ist selten zu Späßen aufgelegt und euer Verhalten hätte euch leicht das Leben kosten können‹‹, sagte der Wirt und presste sich einen schmutzigen Lappen auf die Wunde.

››Wie ich zu meinem Leidwesen feststellen muss, bin ich längst nicht mehr der Jüngste‹‹, stöhnte Sir Arthur und setzte sich unter Schmerzen auf einem der Stühle nieder. Scheinbar hatte der Wirt den Vorfall mit Mick Stoddlehead vollkommen vergessen, da er eilig in die Küche rannte und dort für eine ganze Weile verschwand. Es dauerte einige Zeit, bis er wieder an Sir Arthurs Tisch kam und ihm den Hammelbraten servierte. Das Fleisch schwamm förmlich im Fett und die erhoffte knusprige Kruste war schwarz. Dazu kam ein Bier, das nicht schäumte und mehr nach Pferdestall roch als nach wohlschmeckendem Gerstensaft. Dennoch wollte  sich Sir Arthur nicht beschweren. In der Vergangenheit war er oft mit knurrendem Magen eingeschlafen und wusste seither auch die bescheidenste Mahlzeit zu schätzen. An manchen Tagen standen Würmer, Käfer und Insekten auf dem Speiseplan. Dagegen wirkte das fettige Hammelfleisch wie ein Festmahl. Das Bier schmeckte auch kaum besser als es roch, trotzdem kippte es Sir Arthur ohne eine Miene zu verziehen hinunter. Besser als aus einer verdreckten Schlammpfütze zu trinken, dachte der alte Ritter und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Zugegeben, es handelte sich bei der Mahlzeit nicht um das erhoffte Festessen, doch erfüllte es seinen Zweck und das Hungergefühl verschwand. Fast hätte der Ritter seinen lästigen Begleiter vergessen, wenn dieser nicht just am Fenster erschienen wäre, welches zur Gasse ausgerichtet war. Auch wenn die Glasscheiben dermaßen verdreckt waren, dass man kaum etwas erkennen konnte, war Micks Gestalt unverkennbar. Er winkte dem Ritter zu und Sir Arthur wurde bewusst, dass er Mick Stoddlehead wohl nicht so schnell loswerden würde. Was will er denn jetzt schon wieder? Dieser unverschämte Kerl stellt meine Geduld auf eine harte Probe. Langsam verliere ich die Beherrschung.

Sir Arthur richtete sich mit einem seufzen auf und ließ einige Münzen über den Tresen kullern.

››Ihr seid zu gütig, edler Herr. Mögen eure Wege vom Licht gesegnet sein.‹‹

Sir Arthur ging wortlos zur Tür. Draußen wartete schon der Barde und hielt aufgeregt einen vergilbten Zettel in der Hand.

››Was willst du?‹‹, brummte Sir Arthur, dessen Begeisterung sich beim Anblick des Barden in bescheidenen Grenzen hielt.

››In zwei Tagen ist auf Castle Newfort ein großes Turnier. Alle Ritter des Königreichs sind eingeladen, samt Knappen und Gefolge. Es winkt ein hohes Preisgeld für den Gewinner des finalen Dreikampfs. Wenn wir uns beeilen, sind wir rechtzeitig dort und können uns anmelden.‹‹

Dieser Vorschlag stieß bei Sir Arthur auf noch weniger Begeisterung.

››Wir?‹‹, erkundigte sich Sir Arthur. ››Ich besitze weder einen Knappen noch ein Gefolge. Meine Rüstung ist völlig hinüber und außerdem bin ich nicht mehr dafür geschaffen, um mich in einem Wettkampf mit jungem Gemüse zu messen. Ich will meine Ruhe. Wann verstehst du das endlich? Jetzt geh mir aus den Augen und verschwinde!‹‹

Doch wie es bei Barden Brauch ist, hören sie vielmehr auf die eigenen Worte, als auf die eines anderen und so fuhr Mick aufgeregt fort.

  ››Neben einer neuen Rüstung winken dem Sieger noch zweihundert Goldstücke und ein Anwesen im Süden von Stanfort Manor. Lord Riccard veranstaltet das Turnier und er lädt jeden Kämpfer im Königreich ein, um an diesem Ereignis teilzuhaben. Das wäre eine Möglichkeit, euch den Ruhestand zu versüßen. Stanfort Manor ist genau der Ort, um den Lebensabend zu genießen.‹‹

Sir Arthur schien nicht sehr begeistert.

››Vergiss es. Meine Antwort lautet nein und damit basta!‹‹

Kopfschüttelnd wandte er sich vom Barden ab und machte sich auf den Weg zu den Stallungen. Trotz aller Ablehnung ließ Mick aber noch lange nicht locker. ››Alle Ritter werden aufs Beste versorgt, die Pferde ebenfalls‹‹, fügte Mick schnell hinzu. ››Eine solche Möglichkeit bietet sich nicht alle Tage. Denkt nur an den Gewinn. Eure Sorgen hätten damit ein Ende.‹‹

Als Sir Arthur die Stallung erreichte, nahm er den Reitsitz in Empfang und sattelte umgehend sein Pferd.

››Mit einem Sieg bei diesem Turnier wären unsere Sorgen ein für alle Mal vorbei. Wenn …‹‹

Sir Arthur unterbrach den Barden, schlug ihm mit der flachen Hand vor die Brust und sprach ››Warum redest du eigentlich immer von uns? Es gibt kein uns! Du wirst auf der Stelle deiner Wege gehen. Ich habe keinen Schimmer, was du dir von diesem Turnier versprichst, doch wenn du so begeistert davon bist, solltest du dich dort als Knappe melden. Jetzt geh mir aus den Augen und verschwinde endlich!‹‹

››Aber …‹‹, entgegnete Mick.

››Zum hundertsten Mal! Kein wenn und kein aber! Glaubst du Daphne und ich würden auch nur einen Tjost überstehen? Von einem Buhurt ganz zu schweigen. Sieh uns doch nur an. Wir sind beide nicht mehr die Jüngsten und mussten zu Genüge den unterschiedlichsten Gefahren trotzen. Wir haben endgültig die Nase voll. Ich bin einfach zu alt, um noch den Helden und Ehrenmann zu spielen.‹‹

››Aber Ihr seid doch ein Ritter‹‹, beharrte Mick mit der Sturheit, die nur Kinder an den Tag zu legen konnten.

››Ritter kämpfen, sterben oder werden einfach zu alt für ein solches Kräftemessen. Ich werde mich sicherlich nicht von der Lanze eines Jünglings aus dem Sattel werfen lassen, geschweige denn sein Schwert kosten. Ende der Diskussion.‹‹

Mit gequältem Gesicht schaffte sich Sir Arthur in den Sattel und Daphne setzte sich in Bewegung. Langsam trottete das Pferd dahin.

››Aber wohin wollt Ihr sonst? Am Hofe des Königs seid Ihr nicht länger willkommen und die verbliebenen Münzen werden kaum bis zu eurem Lebensende ausreichen.‹‹

››Woher will ein dahergelaufener Barde über meine vorhandenen Münzen Bescheid wissen?‹‹

Sir Arthur wusste um die Wahrheit in den Worten des Barden, trotzdem würde er nicht an solch einem Turnier teilnehmen. Allein der Gedanke war blanker Irrsinn. Ein Mann seines Alters würde nicht einmal die erste Runde des Turniers überstehen, vom Sieg ganz zu schweigen.

››So Gott will, erlebe ich den Tag nicht mehr, an dem mir die Münzen ausgehen und jetzt verschwinde endlich!‹‹

Daphne trabte weiter voran und Mick Stoddlehead folgte dem Ritter so hartnäckig, wie eine anhaltende, plagende Krankheit. Wenn mein Pferd in einer besseren Verfassung wäre, würde ich diesen unnützen Weiberhelden endgültig hinter mir lassen. Soll er doch tot umfallen.

Mick schwatzte ununterbrochen. Er erzählte vom Umbruch im Königreich, von den Lords im Osten und erwähnte viele Dinge, von denen Sir Arthur nichts wissen wollte. Alles deutete daraufhin, dass der Barde seinen irrsinnigen Plan, dem Ritter auch weiterhin zu folgen, nicht aufgeben würde. Sir Arthur stöhnte laut auf und das ungleiche Paar ließ Ellbury langsam hinter sich. Der alte Ritter hoffte inständig darauf, dass sich Mick eines Besseren besinnen und verschwinden würde. Leider folgte ihm der Barde noch Stunden später und Sir Arthur wünschte sich nichts sehnlicher, als den lästigen Plagegeist endlich wieder loszuwerden. Vielleicht sollte ich ihm einfach mein Schwert in die Brust rammen. Ein verlockender Gedanke … Damit wäre jedem lebendigen Wesen geholfen und ich müsste mir nicht länger sein endloses Geschwätz anhören. Der Kerl treibt mich noch in den Wahnsinn … er plappert ununterbrochen …

II. Der Wald von Ethernite

Nach einer kleinen Ewigkeit konnte Sir Arthur endlich die ersten Bäume der Wälder ausmachen. Ein Pfad führte von dort nach Ethernite, jene Stadt, in die Sir Arthur zu damaliger Zeit gern einkehrte, um sich von den Anstrengungen seiner Reisen zu erholen. Hier würden ihn ein weiches Bett und eine Mahlzeit erwarten, bei der er nicht zwangsläufig würgen musste. Ethernite und seine umliegenden Wälder waren in der Vergangenheit ein beliebtes Ziel für so manch hungrigen Ritter und Abenteurer. Sir Arthur erinnerte sich gerne an die Stadt und als er die Augen schloss, war ihm, als könnte er die Düfte verschiedenster Gewürze wahrnehmen. Mick Stoddlehead riss ihn augenblicklich aus den Gedanken.

››Ich halte es für keine gute Idee, die Wälder zu durchqueren. Das ist die Heimat von Räubern, Dieben, Geächteten, Hungerleidern und Mördern.‹‹

››Dann solltest du dich dort ganz wie zu Hause fühlen‹‹, erwiderte Sir Arthur und versuchte, dem Barden so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken.

››Ich bin immer noch der Meinung, dass Ihr an dem Turnier teilnehmen solltet. Castle Newfort ist nicht weit entfernt und dort ist es mit großer Wahrscheinlichkeit sicherer, als in den verfluchten Wäldern. Wer weiß, was uns dort erwartet?‹‹

Sir Arthur stöhnte leise auf, zügelte sein Pferd, und sah zum Barden herab.

››Lieber würde ich in den Wäldern auf räuberisches Gesindel treffen, als meine Zeit noch weiter mit einem deines Schlages zu vergeuden. Was versprichst du dir davon, wenn du mir wie ein streunender Hund hinterher läufst? Gibt es nicht irgendwo ein Dorf, in dem du einer arglosen Maid ein Liedchen trällern kannst? Bei allen Göttern! Geh deiner Wege und lass mich endlich in Ruhe mit deinem ständigen Geplapper von diesem elenden Turnier.‹‹

Mick Stoddlehead wäre kein echter Barde, wenn er sich von den Worten des Ritters hätte einschüchtern lassen. Er zog seine kleine Harfe unter dem Mantel hervor und stimmte ein Lied an, das Sir Arthur erneut aufstöhnen ließ. Kopfschüttelnd drückte der Ritter seinem Pferd mit dem gepanzerten Beinkleid in die Flanken. Daphne wieherte und setzte sich in Bewegung. Mick folgte dem Ritter.

Der Wald wurde dichter und Sonnenlicht fiel nur noch spärlich auf die Reisenden herab. Die großen Nadelbäume reihten sich enger aneinander und fast schien es, als wäre die Nacht über diesem Ort hereingebrochen. Mick klimperte verunsichert über die Saiten, während Sir Arthur die ängstlichen Töne aus der Kehle des Barden, verzweifelt zu ignorieren versuchte. Selbst Daphne schien sich an diesem Ort nicht wohl zu fühlen. Zögerlich trottete sie dahin, sodass Sir Arthur schon bald aus dem Sattel steigen und sein Ross am Zaumzeug führen musste.

››Mit deinem Gekrächze wirst du uns noch die Wölfe auf den Hals hetzen. Dein Geheule und Gezeter ist ja nicht zum Aushalten!‹‹, schimpfte Sir Arthur und hoffte darauf, dass Mick doch endlich verstummen möge.

››Dein ungezügeltes Gesinge und Geplapper macht mich noch verrückt. Wie kann ein einziger Mensch so viele Worte hervor sprudeln lassen? Hast du noch andere Talente, von denen du mir erzählen willst?‹‹

Erst jetzt bemerkte Sir Arthur die Stille um sich herum. Mick war tatsächlich verstummt. Erleichtert atmete der Ritter auf, doch dann erkannte er den Grund für das Schweigen des Barden. Fünf Männer in zerlumpter Kleidung traten aus dem Schatten der Bäume und versperrten den Weg. Als Sir Arthur sich umsah, konnte er mindestens zehn weitere Gestalten entdecken, die ihn und seinen Begleiter umzingelten. Der Gesang des Barden hatte den alten Ritter derart abgelenkt, dass sich die Männer ungehindert anschleichen konnten.

 Sir Arthur räusperte sich. ››Ich bin Sir Arthur Warfield, Ritter vom Hofe Silverbridge. Ich verlange Durchlass nach Ethernite.‹‹

››Wer du bist und was du verlangst interessiert uns nicht im Geringsten. Deine Münzen sind das, was uns begeistern würde‹‹, antwortete ein Mann, der wie seine Spießgesellen ein rotes, verschmutztes Tuch ums Gesicht gebunden hatte, um damit sein Antlitz zu verbergen.

Sir Arthur legte eine Hand an den Schwertknauf. Mit einer raschen Bewegung zog er die Klinge.

››Ich will niemandem ein Leid antun. Lasst uns passieren und keinem von euch wird ein Haar gekrümmt.‹‹

Die Männer sahen sich gegenseitig an und fielen in schallendes Gelächter, da sie sich ihrer Überzahl bewusst waren und vor einem einzelnen Ritter kaum mehr Respekt hatten, als vor einer verirrten Bergziege.

››Ganz wie ihr wollt‹‹, sagte Sir Arthur in ernstem Ton. ››Ich werde mir den Weg auch freikämpfen, wenn es notwendig ist.‹‹

Kaum hatte er seinen Satz beendet, wirbelte dem Ritter eine grob gefertigte Keule entgegen, deren Wucht er nur knapp mit einem Schritt zur Seite entkommen konnte.

Krachend schlug die Waffe gegen den Stamm eines nahe gelegenen Baums. Die Heftigkeit des Angriffs hätte den Ritter im Ernstfall schwer verletzen können, doch Sir Arthur blieb kaum ein Wimpernschlag Zeit, um sich über dergleichen Gedanken zu machen. Zwei weitere Männer gingen ihrerseits zum Angriff über. Sie waren mit einfachen Schwertern bewaffnet, doch würden diese ausreichen, um dem Ritter und seinem Begleiter ein verfrühtes Ende zu bereiten. Sir Arthur parierte den ersten Schlag, wich dem Zweiten aus und verpasste einem der Angreifer einen schmerzhaften Schlag ins Gesicht. Ein harter Ellenbogenstoß in die Magengegend des Fremden sollte nur einen Moment später folgen. Spätestens jetzt wussten die Wegelagerer, dass der Ritter sich nicht kampflos ergeben würde.

Als sich drei weitere Männer in Sir Arthurs Rücken schlichen, schnaubte Daphne, trat nach hinten aus und erwischte zwei der ...

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