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Als wäre es Liebe

Sie versucht, sich zu erinnern, aus welcher Richtung sie gekommen sind. Sie sieht nach rechts, nach links. Aber die Bäume rechts entlang der Straße sehen aus wie die Bäume links entlang der Straße. In Gedanken versucht sie, den Weg nachzufahren, den sie gekommen sind. Am Anfang war die Tankstelle. Sie ist losgefahren, etwas zu schnell, er hatte Mühe, seine Tür rechtzeitig zu schließen. Sie bogen auf die Landstraße. Eine Kurve, ein Wald. Als sie hinauskamen, musste sie kurz die Augen schließen, weil sie geblendet war von der Mittagssonne. Und dann? Ein Ortsschild. Ein Ortsname. Sie sind durch den Ort hindurch. Dann an einer Tankstelle vorbei. Erschrocken war sie, weil sie für einen Moment dachte, es sei dieselbe, und Ausschau gehalten hat nach Fritzmann und dem Pfarrer. Nach einer Weile sind sie rechts abgebogen, an mehr aber kann sie sich nicht erinnern. Nur, dass sie irgendwann im Wald standen neben dem geparkten Auto. Sie sind umgestiegen und haben den alten Passat zurückgelassen. Und jetzt steht sie hier, vor der Landstraße, und weiß nicht, in welche Richtung sie fahren soll. Sosehr sie sich auch anstrengt, sie kann sich an kein Schild, keine Markierung, keine Kreuzung erinnern. Sie hatte gehofft, es bis zur Autobahn zu schaffen und dann über die Grenze.

Sie stellt den Motor ab. Sie dreht sich zu ihm um und sieht, wie ihm der Schweiß auf der Stirn steht. Er hält sich mit beiden Händen am Griff über der Tür fest. Die ganze Zeit muss er gegen seine Übelkeit angekämpft haben. Er ist das Autofahren nicht gewohnt. Er braucht frische Luft. Sie steigt aus, geht um das Auto herum und öffnet seine Tür. Im Kofferraum sind die gepackten Rucksäcke verstaut. Sie sucht nach der Flasche Wasser, kramt Socken hervor, Hosen, Mückenspray, Sonnencreme, es sieht nach Urlaub aus, denkt sie. Er bleibt im Auto sitzen, angeschnallt, aber er hat seine Hände vom Griff gelöst und sie in den Schoß gelegt. »Friedrich«, sagt sie, »wir sind da.« Sie weiß nicht, an was er die ganze Zeit gedacht hat. An das Haus in Ligurien mit dem dicken Gemäuer, von dem sie ihm erzählt hat? Wie das grelle Sonnenlicht durch den Perlenvorhang fällt? Den Blick von dort oben aufs Meer? »Trink was«, sagt sie und legt ihm die Flasche in den Schoß. »Magst du aussteigen?« Sie schnallt ihn ab. Aber er macht keine Anstalten auszusteigen. »Dann lass mich zu dir«, sagt sie. Er rückt ein wenig in die Mitte, und sie setzt sich neben ihn auf die Rückbank. Wenn er wenigstens das Meer sehen könnte.

In einiger Entfernung hört sie ein Auto, dann sieht sie es zwischen den Bäumen am Straßenrand aufblitzen. Viel Zeit bleibt ihnen nicht. Sie wird alles auf sich nehmen. Ihnen erzählen, dass es ihr Plan gewesen sei, dass er von nichts gewusst und sie das Radio aufgedreht habe, als er sie gebeten habe, anzuhalten; sofort!

»Friedrich«, sagt sie, »weißt du, dass wir das erste Mal allein sind?« Aber offenbar hat auch er das Auto gehört. Er starrt auf die Straße. Sie sucht seine Hand, stößt auf seinen kleinen Finger, streicht mit ihren Fingern über seinen Handrücken. Auf einmal kommt er ihr groß vor wie ein Hügel. Sie hört von weit weg eine Kinderstimme, jauchzen und rufen, und sieht ein Mädchen, an das sie lange nicht gedacht hat. Sie sagt sich, dass es nichts mit ihm zu tun hat. Nur weil er gewaltige Hände hat. Aber sie bekommt das Bild nicht mehr aus dem Kopf. Am höchsten Punkt gibt sie auf. Möchte losgelassen werden. Aber es hält sie niemand, seine Hände liegen reglos da. Er weiß nichts von dem Mädchen. Sie hat ihm nie von dem Mädchen erzählt. Er starrt auf die Straße. Wieso kommen sie nicht? Sie mussten das Auto doch längst entdeckt haben. Dann sieht sie das Auto, aber es hält nicht. Ein Mann sitzt am Steuer, eine Frau auf dem Beifahrersitz, und auf der Rückbank sieht sie den Kopf eines Kindes.

Er versucht nicht, sie festzuhalten, er wehrt sich auch nicht, als sie ihn wieder anschnallt. Als wüsste er, dass es besser ist. Sie nimmt die Richtung, in die das Auto gefahren ist. Sie lassen den Wald hinter sich, dann sieht sie von weitem den Kirchturm, und auf einmal kennt sie sich wieder aus. Es dauert nicht lange und sie sieht die Tankstelle. Fritzmann und der Pfarrer kommen gerade zur Tür heraus, beide einen Becher Kaffee in der Hand. Sie steigen ein. Sie wundert sich, dass sie nichts sagen. Und dann merkt sie, dass sie immer noch in dem alten Passat sitzen. Und dass es eigentlich viel zu heiß ist und sie das Fenster öffnen müsste.

Er war sechsundsechzig, als meine Mutter ihm das erste Mal schrieb. Mit seinem schütteren Haar und dem weißen Rauschebart sah er aus wie der Nikolaus. Sie hat mir ein Foto gezeigt, das sie als Lesezeichen benutzte. Meine Mutter erzählte, dass die Kinder auf ihn zugelaufen seien und er Süßigkeiten aus seiner Tasche geholt habe, Lakritze und weiße Mäuse, die er immer als Erstes kaufte, wenn er für ein paar Stunden herauskam aus dem Gefängnis. Zusammen sind sie mit dem Schiff den Neckar hinaufgefahren, sie haben in Maulbronn das Kloster besucht und die Wilhelma in Stuttgart. Sie sind auf den Fernsehturm, weil er gehört hatte, dass man hochfahren konnte, 150 Meter, und von oben nicht nur über die Stadt schauen konnte, sondern auch weit ins Umland hinein. Der Mann im Fahrstuhl hatte sie gewarnt, es sei kein guter Tag, aber sie sind trotzdem hoch. Als sie oben ankamen, standen sie im Nebel. Es hat ihr leidgetan, weil er sich so gefreut hatte. Dann aber sah er ein paar Kinder, die ihre Gesichter gegen die Fenster drückten und riefen: »Man sieht ja gar nichts!«

»Ho, ho!«, sagte er und stellte sich neben sie. »Ich sehe ganz viel.«

Die Kinder drängten sich um ihn herum. »Wo?« – »Was siehst du, Nikolaus?«

Als sie merkten, dass er selbst nichts sehen konnte, sagte ein Junge: »Du lügst.«

Aber das Mädchen, das neben ihm stand, sagte: »Es ist, wie wenn du die Augen zumachst. Dann kannst du alles sehen, was du möchtest. Nur musst du hier nicht mal die Augen zumachen.«

Und dann standen sie nebeneinander vor dem Fenster und zählten auf, was sie sahen.

»Er kann gut mit Kindern«, hatte meine Mutter gesagt. Sie hatte das Foto mit beiden Händen gehalten, so fest, dass aus den Kuppen ihrer Daumen das Blut gewichen war. Sie wäre gern mit ihm geflogen, nach Asien oder sonst wohin, sie wäre gern dabei gewesen, wenn er das erste Mal im Flugzeug sitzt, seine Stirn an das ovale Fenster drückt und die Welt betrachtet. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie das wäre, mit ihr zu fliegen. Ich sah die Berge, die weißen Gipfel, ich folgte den Straßen und war erstaunt, wie selten ich Ansammlungen von Häusern sah, obwohl dort unten, in diesem Land, so viele Menschen lebten. Aber was ich sah, war Land, weites, unbewohntes Land. Mal einen See. Mal einen Hain, wie eine verlorene Insel auf gefurchtem, parzelliertem Land. Ich sah manchmal Lichtreflexe, als hielte jemand einen Spiegel in die Sonne. Ich sah wie Städte an den Rändern zerfaserten, die Abstände zwischen den Häusern immer größer wurden. Ich sah das Meer, den Küstenverlauf, die Inseln. Es relativiert sich vieles, wenn man sieht, dass die Welt nur von begrenztem Umfang ist. Und wenn man keinen Menschen sieht, weil er einfach zu klein ist, um ihn aus dieser Höhe wahrzunehmen. Meine Mutter war sich sicher, dass alles hätte anders kommen können, sie glaubte, eine andere Perspektive hätte ausgereicht.

Ich stellte mir vor, wie sie ihre Hand auf seine legte, wie sich seine an der Armlehne festhielt, während das Flugzeug durch Wolken flog. Er hätte die Orientierung verloren, weil es nichts gab, woran er seinen Blick hätte heften, nichts, an dem er Anfang oder Ende hätte festmachen können. Es hieß, er habe große Hände gehabt, Hände, die zu groß waren für einen Menschen, von Pranken war die Rede. Sie hatte gesagt, so fühlten sich keine Pranken an, so weich und zart, trotz ihrer Größe, aber wer wüsste das schon, außer ihr? Sie war auch die Einzige, die versuchte, einen Unterschied zu machen zwischen seiner rechten und seiner linken Hand. Sie redete sich ein, dass seine rechte Hand nichts dafür konnte; dass es der andere Arm war, der sich um den Hals der Frauen gelegt und ihnen den Kehlkopf zerdrückt hatte. Er selbst hatte ausgesagt, dass es sein linker Arm war, der die heimtückische Halswürgezange anwandte. Die rechte Hand wollte sie nur am Schreien hindern.

So wie sie von ihm sprach, hatte ich den Eindruck, die Tatsache, dass er vier Frauen getötet hatte, erschiene ihr nebensächlich. Sie sagte, dass er, so wie sein Leben verlaufen sei, nicht anders gekonnt habe. »Es hat ihn überfordert, in Beziehung zu einer Frau zu treten«, sagte sie, »er stand doch selbst in keiner Beziehung zu sich.« Meine Mutter war sehr einfühlsam. Wie hätte er auch in Beziehung zu einer Frau treten sollen, sagte sie, nach allem, was er erlebt und erfahren hatte? Und dann war er auch noch an die falschen Frauen geraten. Die kein Interesse an ihm hatten, ihn nur ausnutzten, sich von ihm ins Kino einladen ließen und ihm dann sagten, dass sie sich mit einem wie ihm nicht abgeben würden. Er hatte gestanden, dass ihm die Mädchen alle davongelaufen seien und er zum Einzelgänger geworden sei. Aber dann war meine Mutter in sein Leben getreten. Anfangs hatte sie ihm Briefe geschrieben, dann hatte sie ihn besucht, und in den letzten Jahren durfte sie ihn bei seinen Ausführungen begleiten. Das hatte sie dem Pfarrer zu verdanken, dem einzigen Menschen außer ihr, der sich hingezogen fühlte zu dem Mann, in dem die anderen den Nachfolger von Haarmann und Denke sahen, den Massenmördern aus den zwanziger Jahren.

Zu jedem Mörder findet sich offenbar die passende Frau. Geschichten darüber gibt es viele. Dem »Heide-Mörder« hat sie zur Flucht verholfen, Clyde hatte seine Bonnie. Ted Bundy gestand dreiundzwanzig Morde, er schlief mit den Leichen, er zerbiss und zerstückelte sie und wurde dann von einer Verwaltungsangestellten im Gefängnis geheiratet. Eine Krankenschwester verliebte sich in einen vierfachen Kindermörder. Und meine Mutter in die »Bestie vom Schwarzwald«; so nannte man ihn.

Erfahren habe ich es von ihrer Freundin, die mich im vergangenen Spätsommer anrief, nachdem sie einige Tage mit meiner Mutter in Ligurien verbracht hatte. Die Freundin besaß dort ein altes Haus. Sie erzählte, dass sie bei einer Flasche Rotwein gesessen hätten, als meine Mutter fragte, ob ihr der Name Friedrich P. etwas sage. Die Freundin hatte von ihm gehört, wie die meisten in ihrem Alter schon mal von ihm gehört hatten.

Meine Mutter sagte, sie habe ihn vor einiger Zeit kennengelernt, und sie hätten ein paar Tage miteinander verbracht. Die Freundin fragte, wie lange das schon gehe, und meine Mutter sagte: »Einige Jahre.«

Die Freundin fragte, wer davon wisse, und meine Mutter sagte: »Niemand.«

»Es ist so schwer zu verstehen für mich«, sagte die Freundin zu mir, »jemand, der Frauen ermordet hat, wie kann man so einem nah sein wollen?«

Für einen Moment blieb es still in der Leitung. Dann sagte sie: »Ich habe sie gefragt, ob sie ihn liebt.«

Vielleicht wartete sie darauf, dass ich wissen wollte, was meine Mutter geantwortet hatte, weil sie zögerte, bevor sie sagte: »Ich glaube aber nicht, dass es sich um Liebe handelt. Sie hat sich da etwas in den Kopf gesetzt.«

Ich wusste, dass meine Mutter sich für einen Gefangenen einsetzte, einen, der Hilfe brauchte, weil er seine Strafe längst verbüßt hatte und den sie trotzdem nicht freiließen. Es war nicht das erste Mal, dass meine Mutter gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt vorging. Sie hatte sich früher schon für die Rote Hilfe engagiert. Deshalb hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Sie hatte mir von einem Staatsanwalt erzählt, der von neun Toren gesprochen hatte, die sich öffnen würden und durch die er in die neunte Hölle Dantes käme. Und vom Justizminister, der angekündigt hatte, er werde für immer hinter Schloss und Riegel bleiben. Und weil die allgemeine Empörung ausblieb und er von dieser Gesellschaft keine Gerechtigkeit erwarten konnte, war es an meiner Mutter, ihm beizustehen. Dass es sich für sie wie Liebe anfühlte, erfuhr ich erst von der Freundin. Aber das sagte ich ihr nicht. Ich habe darüber nachgedacht, warum sie es mir erzählte, und dachte zuerst, sie wollte die Sache einfach loswerden und damit auch die Komplizenschaft, in die sie geraten war. Aber vielleicht wollte sie mir auch helfen, indem sie mir ihre Sicht auf die Liebe meiner Mutter mitteilte. Am Ende fragte sie, vielleicht auch, weil ich die ganze Zeit geschwiegen hatte, ob alles in Ordnung sei. Ich sagte: »Ja.«

Natürlich fing ich an zu recherchieren. Es war nicht schwierig, er hatte sogar einen eigenen, sehr umfangreichen Eintrag bei Wikipedia.

Mit einer dichten Serie von Morden und Mordversuchen versetzte er 1959 insbesondere die Gegend des Schwarzwalds in Angst und Schrecken. Seinem späteren Geständnis zufolge war der Besuch einer Filmvorführung des Streifens »Die zehn Gebote« von Cecil B. DeMille in einem Kino in Karlsruhe im Februar 1959 der Auslöser für seine Mordserie, der insgesamt vier Frauen zum Opfer fielen. Nach der Darstellung des Tanzes um das Goldene Kalb durch leicht bekleidete Frauen sei er zu der Erkenntnis gekommen, dass Frauen die Ursache allen Übels seien und er die Mission habe, sie zu bestrafen. Noch am selben Abend beging er in einem Park in der Nähe des Kinos den ersten Mord. Die Leiche seines Opfers, der vergewaltigten und durch Aufschlitzen der Kehle ermordeten 49-jährigen Hilde K., wurde am 26. Februar 1959 bei der Autobahnanschlussstelle Karlsruhe-Durlach gefunden. Im März 1959 missbrauchte er in einer Holzhütte am Rande von Hornberg die 18-jährige Karin W., erschlug die junge Frau mit einem Stein und warf ihre Leiche über die Flussböschung am nahegelegenen Bahndamm. Am 31. Mai 1959 ermordete er in einem Zug die 21-jährige Dagmar Kl. durch einen Messerstich in die Brust, warf ihre Leiche auf der Rheintalbahn Richtung Basel kurz hinter Freiburg im Breisgau aus dem fahrenden Zug und betätigte anschließend die Notbremse. Er stieg aus, ging zur Leiche seines Opfers zurück und schleifte sie zu einem nahegelegenen Feldweg, wo er sich an der Toten verging. Am 8. Juni drang P. über ein offenes Fenster nachts in das Zimmer einer 15-Jährigen ein und verletzte sie schwer durch Messerstiche in den Hals, wurde jedoch durch ihren zu Hilfe eilenden Vater in die Flucht geschlagen. Am 9. Juni 1959 vergewaltigte er in der Nähe von Baden-Baden die 16-jährige Rita W., erwürgte sie und deponierte ihre Leiche in einem Waldstück, wo sie am folgenden Tag gefunden wurde. Am 22. Oktober 1960 wurde er zu sechsmal lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt; es war der bis dahin strengste Schuldspruch eines bundesdeutschen Gerichts der Nachkriegszeit.

Vielleicht wird sich der ein oder andere fragen, wie es für mich war, als ich erfuhr, dass meine Mutter diesen Mann offensichtlich liebte. Weil es doch nicht zu verstehen ist. Ein Mensch, der die Nähe eines Mörders sucht, sich in seine Arme sehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen. Und dann handelt es sich bei diesem Menschen auch noch um die eigene Mutter. Noch dazu eine Mutter, die bis dahin jegliche Nähe gemieden hat. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich war eifersüchtig.

Meine Mutter sagte, die einzige Liebe, die er erfahren habe, sei die zu seiner Schwester und seinen Großeltern gewesen, »und seine Schwester kam ins Erziehungsheim, nachdem sie dabei erwischt wurden, wie sie sich küssten, weil sie – wie die Großmutter sagte – sich nicht wie Geschwister küssten, sondern wie Liebende«. Meine Mutter sagte, sogar im Gutachten hätten sie ihm attestiert, dass er ein Verlangen gehabt habe nach gefühlshaften Beziehungen und Bindungen. Ich hörte zu, wie sie über ihn als jungen Mann sprach, über seine Bedürfnisse und Sehnsüchte, obwohl sie ihn erst Jahrzehnte später kennengelernt hatte, als sie selbst schon achtundfünfzig war. Ich sagte nichts. Es war das erste Mal, dass ich sie so reden hörte, mit so viel Empathie. So seltsam es vielleicht klingen mag, es brachte mir meine Mutter näher. Ich glaube, sie war froh, jemanden zu haben, der ihr zuhörte. Und ich war froh, ihr so nahe zu sein wie in all den Jahren zuvor nicht. Sie rief mich sogar regelmäßig an, um mir zu berichten, wenn sie eine Ausführung vor Gericht erstritten hatten oder wenn er mal wieder von den Vollzugsbeamten malträtiert wurde. Ich würde sagen: Ich war eifersüchtig und dankbar, auch wenn es im ersten Moment nicht so klingt, als wäre beides möglich.

Ich sitze in ihrer Küche, an ihrem Tisch, mit Blick auf den Balkon. Auf diesem Platz sitzt sonst meine Mutter. Vor mir liegt die aufgeschlagene Zeitung. Ich sehe das Foto eines jungen Mannes, der hinter einer Balustrade sitzt. Die Haare streng zurück gekämmt, der Blick starr und, meinem Empfinden nach, kalt und furchteinflößend. Zu sehen ist Friedrich P. kurz vor Beginn seiner Verhandlung am Landgericht Freiburg. Damals ist er zweiundzwanzig Jahre alt und hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Nikolaus. Als feingliedrigen Mann hat ihn eine Zeitung beschrieben, als Mann mit nicht unsympathischen Gesichtszügen, der unschuldig jungenhaft lächeln kann. Und die Frage angehängt, wie dieser junge Mann auch nur eine Fliege töten könne.

Meine Mutter kennt das Foto. Wahrscheinlich besser als jede andere. Sie hat in seinem Gesicht etwas sehen wollen, was andere nicht sahen. Sie sah einen Mann, einen verunsicherten Mann, einen, der sich ertappt fühlt, und in den Augen, die auf die Kamera gerichtet sind, einen Ausdruck von Schrecken. Sie sah einen im tiefsten Inneren verängstigten Mann. Die Lippen aufeinandergepresst. Sie fragte mich, warum das außer ihr und dem Pfarrer niemand gesehen hat. Er hat sich danach nie wieder fotografieren lassen. Das Foto, das ich in der Zeitung sehe, ist das einzige, das sie von ihm haben.

Er war schon seit Jahren krank. Er hatte Krebs und er war Diabetiker, das hat sie mir auch erzählt. Als sie ihn das erste Mal sah, hatte er schon keine Zähne mehr, weil sie ihm der Reihe nach gezogen worden waren, nachdem er über Zahnschmerzen geklagt hatte. Er hatte auch eine Niere weniger, weil die Ärzte ein Karzinom entdeckt hatten. Ein bis fünf Jahre hatten sie ihm gegeben. Dann entdeckten sie auch noch Metastasen in den Lymphknoten.

Als sie mich gestern anrief, habe ich ihre Stimme erst nicht erkannt, sie klang so leise und in sich gekehrt. »Er wollte in Freiheit sterben«, sagte sie. »Aber nicht mal seinen letzten Wunsch haben sie ihm erfüllt, und das, obwohl er seine Strafe längst verbüßt hatte. Dabei muss selbst ein zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilter die Hoffnung haben, noch einen Rest des Lebens in Freiheit verbringen zu können, das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden. Und er darf nicht von Siechtum und Todesnähe gekennzeichnet sein. Aber das war ihnen egal. Habe ich dir erzählt, dass er am Ende Windeln tragen musste?«

Dann war es für einen Moment still. Ich hörte, wie sie atmete.

»Weißt du, er hatte einen Traum. Er wollte einen Bauernhof kaufen und sich dort um Waisen kümmern. Aber es hat ihm niemand geglaubt. Für ihn galt nicht, was für alle anderen Menschen gilt: dass sie sich ändern können.«

Ich sehe hinaus. Draußen schieben sich dunkle, schwere Wolken träge vorbei. Es wird nicht mehr lange dauern und ein Regenguss wird auf die Stadt niederprasseln.

»Sie wollten ihn auf dem Dorffriedhof verscharren, aber dann kamen die Reporter der Bild-Zeitung und haben bei den Bewohnern geklingelt und ihnen gesagt, die Bestie, so nannten sie ihn, solle auf ihrem Friedhof beerdigt werden, ob sie das wollten. Die Bewohner haben der Bestatterin gedroht, sie würden die Leiche wieder ausgraben, falls sie auf die Idee käme, ihn auf ihrem Friedhof zu beerdigen. Ich habe mit dem Pfarrer telefoniert. Er hat beschlossen, Friedrich einäschern zu lassen. Er will nicht, dass Geld gemacht wird mit seinen Körperteilen. Er sagte, es gebe Menschen, die viel Geld zahlen würden für Leichenteile von Mördern. Und für Pathologen scheint es, ein gutes Geschäft zu sein. Besonders beliebt sind Finger. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass sich jemand seine Finger in einem Glas aufbewahrt.«

Sie hat den Kampf verloren. Der Kampf, der ihr so wichtig war, wichtiger als alles andere, wie mir schien. Als hätte es für sie in den Jahren nichts anderes gegeben. Im Nachhinein kommt es mir vor, als hätte sie einen Kokon um sich und ihn gesponnen, einen Kokon der gegenseitigen Abhängigkeit und Illusion.

Ob ich erleichtert war über seinen Tod?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.

»Und jetzt?«, hörte ich mich sagen.

»Ich werde eine Reise machen«, sagte sie, »ich weiß noch nicht, für wie lange.«

»Und dann?«

»Dann weiß ich noch nicht.«

Sie bat mich dann noch, mich um ihren Ginkgo zu kümmern. Sie sagte nicht, den, sondern: meinen Ginkgo. Ich wunderte mich über die Vertrautheit, mit der sie über eine Pflanze sprach, ausgerechnet meine Mutter. Ich hatte ihr mal Blumen zum Geburtstag gebracht, einen Strauß, von der Blumenhändlerin ausgewählt, Gerbera, Rosen, Chrysanthemen, ein bisschen Kamille, nicht besonders einfallsreich, ich weiß, aber immerhin hatte ich an ihren Geburtstag gedacht. Sie machte keine Anstalten, mir den Strauß aus der Hand zu nehmen, den ich ihr, nachdem sie mir die Tür geöffnet hatte, entgegenhielt. Ich legte den Strauß auf den Wohnzimmertisch, wo er dann den Rest des Nachmittags liegen blieb, bis ich ihn, bevor ich ging, in die Küche brachte und, weil ich keine Vase fand, in einen Topf mit Wasser legte.

Vor fünf Jahren ist sie in ein Mehrfamilienhaus gezogen, einem dieser Siebziger-Jahre-Bauten mit großen Balkonen, einem Treppenhaus hinter Glasbausteinen und vor dem Haus ein paar Rasenflächen, Bäume und gepflasterte Wege. Ich glaube, sie ist froh über die Anonymität, wenn sie niemandem im Treppenhaus begegnen muss. Ich glaube auch, dass sie hierhin in eine Zwei-Zimmer-Wohnung gezogen ist, weil sie sich ihre vorherige Wohnung nicht mehr leisten konnte. Wovon meine Mutter eigentlich lebt, weiß ich nicht so genau. Sie hat sich mal im Filmgeschäft versucht, nachdem sie einen Regisseur kennengelernt hatte. Sie drehte einen Film über ein Brüderpaar mit dem Namen Bregigan oder Burrigan oder so ähnlich. Das Thema interessierte mich nicht wirklich, ich weiß aber noch, dass sie Blut über einen Stapel von Musterungspapieren gossen; sie wollten auf diese Weise gegen das Blutvergießen in Vietnam protestieren. Der Film war nicht sonderlich erfolgreich. Aber meine Mutter hatte immer Männer, die ihr geholfen haben. Und wenn es mein Vater war. Seit ein paar Jahren arbeitet sie, soviel ich weiß, für einen kleinen Buchverlag.

Ich bin mit dem Rad gefahren, von meiner Wohnung aus sind es dreißig Minuten. Ich habe im Briefkasten nach Post geschaut. Dann bin ich die drei Stockwerke hoch. Ich schloss auf und trat in eine düstere Wohnung. Schon auf dem Weg hierher hatte sich der Himmel verfinstert, aber noch war der Regen ausgeblieben. Im Flur standen ein paar Schuhe herum, die Garderobe war leer. Ich machte die Tür zu und lauschte. Es war still in der Wohnung. Offensichtlich war sie wirklich gefahren. Die Tür zum Schlafzimmer war geschlossen, für einen Moment blieb ich stehen und hielt die Luft an. Aber als ich die Tür einen Spalt öffnete, sah ich, dass ihr Bett leer war, die Tür zum Kleiderschrank offen und die unterste Schublade ihres Schreibtisches herausgezogen. Im Wohnzimmer stand ein Tontopf auf dem Tisch, aus dem ein kahler Stamm ragte mit Ästen, an denen nichts wuchs. Es war nicht mehr als das Gerippe eines Bäumchens, verkümmert, wahrscheinlich längst tot. Ich drückte meinen Zeigefinger in die Erde, die offenbar schon länger kein Wasser abbekommen hatte. Ich ging in die Küche, holte ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Leitungswasser. Es dauerte eine Weile, bis das Wasser in die Erde sickerte, ich füllte ein zweites Glas und ein drittes. Insgesamt goss ich den Inhalt von sechs Gläsern in den Topf. Am Ende stand das Wasser bis zum Rand. Dann ging ich in die Küche und räumte den Tisch ab. Die Stachelbeermarmelade stellte ich in den Kühlschrank, die Tasse und den Teller in die Spüle. Dann setzte ich mich an den Tisch und las die Zeitung, die sie aufgeschlagen hatte liegen lassen.

Keiner saß in Deutschland länger im Knast als er: Nach 49 Jahren hinter Gittern ist der Frauenmörder Friedrich P. gestorben. Aufseher fanden den Langzeithäftling tot in seinem Bett im Gefängniskrankenhaus. Mit einer beispiellosen Mordserie hatte der eiskalte Killer 1959 im Schwarzwald Angst und Schrecken verbreitet. Er wurde gefasst und am 22. Oktober 1960 zu sechs Mal lebenslänglich verurteilt. Seit Jahren kämpfte er um seine Rückkehr in die Freiheit.

Der Traum hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Sie konnte nicht mehr einschlafen und lag eine Zeitlang wach und fragte sich, wie spät es war. Sie versuchte, an der Färbung des Nachthimmels zu erkennen, ob die Dämmerung bereits eingesetzt hatte. Sie hörte keinen Verkehr auf der Straße. Es musste mitten in der Nacht sein. Das hieß, dass sie nur wenige Stunden geschlafen hatte. Im Traum sind sie aus dem Zug gestiegen. Sie waren die Einzigen, und sie musste ihn halten. Der Tritt war sehr hoch, sodass er einen großen Schritt machen musste, um auf den Bahnsteig zu gelangen. Er konnte nicht sehen, seine Augen waren geschlossen. Der Bahnhof lag auf einer Anhöhe, und weit unten sah sie das Meer und auf dem Weg dorthin eine Treppe aus Tausenden von Stufen. Sie standen auf dem Bahnsteig, und er fragte, was los sei, und sie sagte, nichts, und dann sagte sie, sie könne das Meer sehen und es sei nicht weit. Sie stiegen die Stufen hinunter, seine linke Hand hatte ihre rechte umfasst, so stiegen sie immer weiter hinunter. Aber sie kamen nicht ans Meer, die Treppe hatte kein Ende.

Sie sagte sich, dass es gut wäre, noch ein wenig zu schlafen, schließlich hatte sie eine lange Fahrt vor sich. Sie drehte sich auf die linke Seite. Sie legte sich auf den Rücken. Sie versuchte, im Geiste ihren Körper abzutasten, von den Zehen aufwärts. In der Regel schlief sie ein, wenn sie die Knie erreichte. Aber in dieser Nacht half das alles nicht. Sie stieg aus dem Bett und tastete sich durch die Dunkelheit in die Küche und stellte sich vor die Balkontür. Wahrscheinlich lag es an der Wolkendecke, aber sie sah weder Sterne noch die Umrisse der Bäume, die zu dem kleinen Park gehörten, der vor ihrer Wohnung lag. Es ist das einzige Bild vom Jenseits, das sie sich vorzustellen vermag: die ewige Dunkelheit. Seltsamerweise nimmt sie in ihrer Vorstellung vom Jenseits diese Dunkelheit wahr, als würde ihr das Bewusstsein bleiben.

Als Kind hatte sie ihre Großmutter gefragt, was nach dem Tod käme. Und ihre Großmutter sagte, dass es Menschen gebe, die ans Paradies glaubten. Und dort gebe es einen neuen Himmel und eine neue Erde und kein Meer. Und keinen Tod und keine Trauer mehr. Und weder Sonne noch Mond, die leuchteten. Und auch keine Nacht. Weil Gott das Paradies erleuchtete. Und Bäume, die jeden Monat ihre Früchte trügen. Und sie stellte sich eine Welt ohne Meer vor und dachte, dass sie in keiner Welt ohne Meer leben wollte. Und sie stellte sich auch eine Welt vor, in der es immer hell war, und fragte sich, wie sie schlafen sollte, wenn es keine Nacht mehr gab. Und dann fragte sie ihre Großmutter, ob sie an das Paradies glaube. Sie schien zu überlegen und sagte dann, dass sie nicht an das Paradies glaube. Nach dem Tod komme das Nichts. Sie musste damals oft an dieses Nichts denken. Meist wenn sie im Bett lag und das Licht ausgeschaltet hatte. So kam es wahrscheinlich, dass die Dunkelheit ihre Vorstellung vom Nichts geprägt hatte. Und sie fand diese Vorstellung faszinierender als das Paradies, in dem es weder Nacht noch Finsternis gab. Und kein Meer. Und, was ihre Großmutter damals nicht sagte, dass auch die Unzüchtigen und die Mörder draußen blieben.

Irgendwann machte sie Licht, kochte sich einen Kaffee und setzte sich an den Küchentisch. Sie hatte nicht abgeräumt, Teller und Tasse standen noch vom Vortag auf dem Tisch. Auf der Küchenuhr sah sie, dass es kurz nach vier war, viel zu früh. Sie fuhr ungern nachts. Und dann noch so eine weite Strecke. Siebenhundert Kilometer. Aber sie konnte nicht noch Stunden herumsitzen. Sie trank ihren Kaffee. Sie duschte, zog sich an und packte ihre Sachen. Dann warf sie einen Blick in die Schublade. Sie nahm noch mal seinen Brief in die Hand, seinen letzten, der obenauf lag. Dann machte sie das Licht aus und verließ in der Dämmerung die Wohnung.

Ich betrachte seine Schrift. Die Worte sind in Druckbuchstaben geschrieben, ungelenke, große Buchstaben, als habe sich ein Kind mit dem Schreiben große Mühe gegeben.

ich denke oft an den tag wenn ich rauskomme und abends nicht mehr zurück muss wenn ich draußen bin dann möchte ich an den ort den ich mir seit neunundvierzig jahren vorstelle ich merke mir den namen und die nummer des zuges 966 ich weiß nicht wo der ort ist als ich in den zug steige aber dann höre ich dass wir nach italien fahren ans meer wo ich nie war und wo ich hin will wenn ich raus komme

Sie hat einen kleinen Stapel von Briefen, sie liegen in der Schublade auf dem Stuhl neben mir. Meine Mutter muss sie aus dem Schreibtisch gezogen und hierhin gestellt haben. Neben den Briefen sind da noch jede Menge Artikel, ausgeschnittene und kopierte, auch Seiten aus einem Gutachten. Sie hat über die Jahre hinweg alles gesammelt, was über ihn geschrieben wurde. Auf den vielen Fotos in den Zeitungsartikeln ist immer nur der junge Mann zu sehen. Es scheint, als wäre meine Mutter die Einzige, die ein anderes Bild von ihm hat. Aber ich kann es in der Schublade nicht finden, dieses Bild vom Nikolaus.

Ich kannte ihn nur vom Hörensagen. Zu uns war er nie gekommen. Aber die anderen Kinder erzählten, dass er rot gekleidet sei wie der Weihnachtsmann und einen Sack dabeihabe mit Geschenken. Und dass er fragte, ob man artig gewesen sei, und dann auch die Eltern fragte, und erst wenn die nickten, in den Sack griff und ein Geschenk herausholte. Für die anderen, die nicht artig waren, hatte er die Rute dabei. Obwohl ich von keinem Kind gehört hatte, das vom Nikolaus geschlagen oder in den Sack gesteckt wurde, blieb doch immer auch die Angst vor diesem Mann. Meine Eltern mochten ihn nicht. Deshalb kam er auch nicht zu uns. Ich glaube, sie haben in ihm einen Erfüllungsgehilfen der staatlichen Repression gesehen.

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