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Als ob sich Türen öffnen

Man lebt und lebt in der Gegenwart.

Und auf einmal hat man eine Geschichte hinter sich.

S. L.

Gedenke der vorigen Zeiten und hab acht

auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht.

5.Mo 32,7

Vorwort

Die Idee, eine Fortsetzung meiner Autobiografie zu schreiben, festigte sich bei einer Lesung, als jemand an mich die Frage stellte: Und wie sind Sie die geworden, die Sie heute sind?

Nun, ich will keine Analyse anfertigen über die Zeiten, in denen ich existiert habe.

Das gäbe ein Sachbuch über Nationalsozialismus, Kommunismus, Kapitalismus, über Diktatur und Demokratie. Doch das ist nicht meine Aufgabe, davon gibt es schon genug.

Ich will aufschreiben, was ich persönlich erfahren und gelebt habe. Wie ich mich sozusagen einfügte oder handelte unter den gegebenen Umständen.

Der erste Teil meiner Autobiografie (Mein Ich im Gefüge der Zeit) endet damit, dass die Sieger in unser Land einzogen. Wir waren bis dahin gewöhnt und dazu erzogen, selbst Sieger zu sein. Nun war unsere Stadt von den Amerikanern besetzt.

Jeder versuchte zunächst, seine eigene Existenz zwischen den Ereignissen zu sichern und auszubauen.

Im Rückblick schien es mir deshalb, als hätte mein Leben vor allem aus Abbrüchen und Aufbrüchen bestanden. Weil ich immer wieder neue Lebensabschnitte begann, glaubte ich schließlich, nirgends richtig dazu zu gehören, überall zwischen den Stühlen zu sitzen.

Doch beim Bedenken meiner Vergangenheit verwandelten sich meine Erinnerungen.

Beim Aufschreiben geriet ich sogar ins Staunen. Ich entdeckte, dass alle Abbrüche und Aufbrüche eine Chance für mich waren. Es kam mir vor, als hätte sich immer wieder eine Tür aufgetan zu neuen Räumen und Wegen, die mich weiter führten.

Deshalb glaube ich heute, dass auch der letzte Weg nicht im Nichts enden wird.

Sigrid Lichtenberger

Nachdenkend aufgeschrieben

für meine Kinder

und meine Enkelinnen

Der Park

Bis zum Park sind es von unserem Haus nur hundert Schritte, vielleicht auch etwas mehr.

Hundert Meter Bürgersteig am Zaun entlang, schon beginnt der Grünstreifen. Grün ist er heute nicht gerade. Der Weg ist aschgrau, asphaltiert, mit Rissen vom Frost. Doch der Rasen zu beiden Seiten ist grün, versteckt die braune Erde unter sich, aus der er lebt. Sträucher hocken kahl am Weg, dicke rindige Baumstämme ziehen den Blick nach oben, aber die Pfützen unten fordern Aufmerksamkeit.

Ich trete fest auf. Frühlingsgeruch, nach was? Es ist die erste laue Wärme, die um meine Nase kreist. Märzluft. Ich laufe. Ich stutze. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich laufe. Dass ich hier gehe. Durch den Grünstreifen einer Stadt. Auf diesem Weg in der Randzone. Ich, Bürgerin und Seniorin. Ich gehe. Das bin ich. Wie kommt es, dass ich hier meine Schritte setze? Und wo will ich hin?

Diese Randzone gehört zu einer westfälischen Stadt. Aber geboren bin ich in Sachsen.

Auf der Bank sitzt eine Frau, die hört nach einem kleinen Wortwechsel an meiner Sprache, woher ich komme.

Aber ich bin schon lange hier.

Und warum sind Sie nicht dort geblieben?

Ich wollte aufbrechen. Ich hatte auf eine Chance gewartet, um aufzubrechen. Das denke ich nur. Nein, der Frau erzähle ich es nicht.

Kriegsende

 

Aufbruch 1945

Und gehe in ein Land,
das ich dir zeigen will
.

1. Mose 12,1

Der Krieg ist zu Ende. Die Amerikaner haben Leipzig besetzt. Meine Schwester kommt mit der Nachricht nach Hause, sie könne mit Dr. W., einem Wissenschaftler an dem Institut, an dem sie arbeitet, in den Westen gehen. Morgen früh. Man sagt, die Russen kommen hierher.

Die ganze Nacht haben wir diskutiert. Am Morgen begleite ich meine Schwester zu der vereinbarten Abfahrtsstelle. Da kommt mir eine Idee. Schließlich war ich es immer, die Leipzig verlassen wollte, nicht sie. In letzter Minute entscheide ich mich.

Ich springe auf die Ladefläche des Lastwagens, auf der viel Platz ist und auf der meine Schwester steht, ganz allein. Auch deshalb klettere ich so entschlossen zu ihr, obwohl mein Vater, der gekommen ist, um sie zu verabschieden, uns von unten ansieht, stumm vor Verzweiflung. Doch er wagt nicht zu protestieren. Niemand weiß ja, was geschehen wird.

Der Militärlastwagen steht vorm Polizeipräsidium in Leipzig. Viele Autos warten da. Ob auch das Auto des Arztes, der meine Schwester aufgefordert hat, mit ihm zu kommen, weiß ich nicht. Dieser hat eine Gehbehinderung und deshalb die Erlaubnis, seinen eigenen Wagen zu benutzen.

Vorhin bin ich allerdings ins Polizeipräsidium hineingelaufen, um zu fragen, ob ich als Schwester auch mitfahren dürfe. Ich wunderte mich, dass ich scheinbar in dem riesigen Gebäude die richtige Tür mit der autorisierten Stelle sogleich fand. Vielleicht war ja gar niemand mehr autorisiert. Erstaunlich auch, dass in dem Zimmer niemand nach meinem Namen fragte, nach den Gründen schon gar nicht, sondern dass ich die lässige Antwort erhielt, jeder könne mit.

Die Fahrer der Wagen wirken jetzt eilig, kümmern sich jedoch keineswegs um die Personen auf der Ladefläche. Sie haben Anweisungen zu folgen. Wir jedoch glauben nicht, dass es eilig ist. Können uns nicht vorstellen, dass die Russen kommen werden. Wer gibt schon besetztes Gebiet einfach ab! Meinen Vater tröste ich: Wenn nichts passiert, komme ich bald zurück. Das ist am 1. Juli 1945, und es ist der Hochzeitstag unserer Eltern.

Mein Vater wirkt völlig zusammen gesunken, wie er da steht. Wir sehen vom Lastwagen auf ihn herab.

Du hast doch keine Sachen. Und kein Geld. Wirft er noch ein. Aber meine Schwester will mit mir teilen. Wir kommen schon zurecht. Wir sind ohne Angst.

Als wir nun losfahren, am Waldplatz vorüber, schaue ich auf die Standuhr dort. Wie wichtig war sie uns immer gewesen. Hier waren wir auf dem Schulweg umgestiegen, hier zeigte sich, ob wir rechtzeitig zum Unterricht kommen würden.

Jetzt stehen die Zeiger auf ein Uhr. Es ist Mittag. Der 29. Hochzeitstag. Ein kleiner Stich durchfährt meinen Körper. Aber ich habe mich entschieden, ich will fort, wir wollen es wagen. Ins Total-Ungewisse. Ob ich meinen Ausweis überhaupt dabei habe?

Andere Autos folgen uns und fahren voraus. Ein richtiger Konvoi amerikanischer Militärwagen. Wir dazwischen. Auf der Ladefläche. Andere Deutsche sehen wir nicht, haben wir auch beim Einsteigen nicht gesehen.

Wir sitzen auf irgendwelchen Kisten, haben Platz genug, und die Fahrt vergeht wie ein Traum. Irgendwie gedankenlos. Erst nach Stunden ein Halt mitten in der Landschaft, an einem Wald mit angrenzendem Feld.

Einige von uns steigen aus, laufen umeinander herum, ohne zu reden. Man ist sich fremd. Plötzlich taucht ein Bauer vor uns auf, wie aus dem Erdboden gewachsen. Wo kommen Sie her? fragt er.

Aus Leipzig.

Aus Leipzig? Er wundert sich. Da sind doch die Russen.

Aber nein, entgegnen wir, wir kommen doch geradewegs von dort. Keine Russen.

Wir müssen wieder einsteigen, fahren weiter. Es wird Abend. Aber es ist noch hell, als wir anhalten. Ein Haus, einsam gelegen, mit einem großen Raum voller Betten.

Alle Wagen laden ihre Menschen ab. Jeder und jede bekommt ein Bett zugewiesen und ein Päckchen mit Lebensmitteln in die Hand gedrückt, was uns erfreut und verwundert. Doch ehe wir etwas fragen können, sind die Lastwagen weiter gefahren, und wir sehen uns an.

Eine junge Frau kommt auf uns zu. Ja, natürlich. Wir haben vor vielen Jahren zusammen sechshändig auf dem Klavier gespielt. Ich trug Schellen ums Handgelenk. Ja, sagt Anneliese, wir haben die Petersburger Schlittenfahrt gespielt. Vorgespielt.

Der Raum ist voller Männer und Frauen. Eine Frau hat sich bereits aufs Bett gelegt und raucht aufreizend eine Zigarre. Wo aber ist der Arzt?

Am nächsten Morgen werden wir in einem Hotel direkt an der Lahn einquartiert. Also sind wir in Hessen gelandet. Und dort bleiben wir. Keiner der Lastwagen taucht wieder auf. Das Hotel samt Frühstück wird für uns bezahlt.

Meine Schwester, die Klavierspielerin und ich, wir tun uns noch mit einem jungen Paar zusammen und sind nun fünf. Wir ziehen täglich in die Wälder, um satt zu werden. Ganz früh am Morgen wandern wir los, um als erste bei den Himbeersträuchern hinter einem Steinbruch zu sein. Zerkratzt, mit dem Kochgeschirr voller Früchte, manchmal auch mit Pfifferlingen, kehren wir mittags zurück. Manchmal dürfen wir in der Küche des Hotels Marmelade kochen, manchmal ein Pilzgericht für uns zubereiten. Wir besitzen ja kaum Geld.

So leben wir dahin. Tage. Wochen. Was soll aus uns werden? Das junge Paar träumt von Amerika. Die junge Frau fürchtet sich allerdings vor der Fremde. Solche Träume haben wir nicht. Wir leben einfach. Ich klingle an unbekannten Türen und tausche die Zigaretten aus dem Ami-Paket gegen einfache Holzschuhe.

Eines Tages ist es sehr laut in der Speiseveranda. Kräftige derbe Männer sind angekommen mit einem Kastenauto. Sie machen sich wichtig. Sie kommen aus dem Lager. Aus welchem? Auschwitz? Es sind Juden. Oder sind es Kriminelle, die verhaftet waren? Sie kommen über die Grenze. Sie wollen bleiben. Sie beanspruchen. Sie bekommen zu essen. Aber die hier gestellten Fragen gefallen ihnen nicht. Als sie fort sind, wird von den Konzentrationslagern gesprochen. Hier höre ich zum ersten Mal etwas mehr davon. Es ist zwiespältig, weil diese Männer unglaubwürdig wirkten.

Und nun?

Im Innenhof glotzt uns ein riesiges Gerippe auf vier Beinen an. Gewiss ein Saurier. Vielleicht wegen seiner Größe ein Tyrannosaurus? Ich kenne mich in den Arten nicht aus. Er ist einige Stockwerke hoch, so sagt es meine Erinnerung.

Wir sind aus der scheinbaren Idylle an der Lahn aufgebrochen. Schließlich wollten wir nicht unser ganzes Leben als Sammler von Beeren und Pilzen zubringen wie die alten Germanen. Noch war Sommer, und wir konnten gut auf einem offenen Lastwagen sitzen, der uns nach Frankfurt mitnahm. Züge fuhren nicht.

Beim Nachdenken kam uns zugute, dass wir bei den Nazis Sippschaftstafeln aufgestellt hatten. Da gab es doch den Urgroßvater mit den zweiundzwanzig Kindern, die alle in St. Petersburg gelebt hatten. Einer von diesen hatte einen Sohn, der in Frankfurt Professor am Senckenbergmuseum geworden war. Robert hieß er, wie sein Vater. Onkel Bob von uns genannt. Als meine Schwester und ich so ins Nirgendwo fuhren, fiel er mir ein. Allerdings, eigentlich kannten wir ihn gar nicht. Dennoch beschlossen wir: Ihn wollen wir aufsuchen. Vielleicht könnten wir bei ihm wohnen und uns von da aus eine Arbeit suchen. Eine Adresse hatten wir nicht. Aber das Senckenbergmuseum, das war ja bekannt.Wir irren durch lange leere Gänge des Museums, bis wir dem Hausmeister begegnen.

Unser Onkel, sagen wir, wir suchen unsern Onkel. Und wir erzählen unsere Geschichte.

Der Hausmeister mustert uns nur kurz. Zwei so junge Mädchen, gerade etwas über zwanzig Jahre alt, die kann er schließlich nicht fort auf die Straße schicken. Dass abends Ausgehverbot ist, hat er uns noch gar nicht mal verraten.

Von ihm erfahren wir, dass der Onkel und die Tante ‚ausgelagert‘ sind, dass sie in Oberlais am Vogelsberg leben. Dort wohnen sie seit den schlimmen Bombenangriffen auf Frankfurt. Auch viele Exponate aus dem Museum sind dort sicher gestellt. Wir könnten morgen zu ihnen fahren.

Später treffen wir auf einen anderen Professor. Der begrüßt uns freundlich, will morgen auch zum Vogelsberg fahren. Er kann uns mit der Bahn mitnehmen.

Bei der Begrüßung am nächsten Tag stellen wir fest, dass wir Onkel und Tante wirklich nicht kennen. Aber sie akzeptieren uns. Ein paar Tage könnten wir bleiben, dann dürften wir in ihrem Haus in der Stadt wohnen. In Oberlais schlafen wir auf Liegen zwischen Vitrinen, in denen Glasbehälter mit Schmetterlingen und Kriechtieren, in Spiritus eingelegt, aufbewahrt sind. Es ist ein merkwürdig fremder Verwandtenbesuch. Warum haben wir so wenig gesprochen? Oder haben wir? Von Leipzig gewiss. Wüsste ich, was ich heute weiß, hätten wir ihn ausgefragt nach seinem Leben. Im Internet lese ich heute, was ein amerikanischer Kollege über ihn schreibt: He was the greatest herpetologist of the world. Was ist ein Herpetologist? Im Lexikon steht, dass Herpetologie die Wissenschaft von Kriechtieren und Amphibien ist.

Meine Schwester und ich haben die Verbindung mit diesem Herpetologisten, unserm Großonkel, nach unserm Besuch nicht aufrechterhalten. Es ging ja auch lange Zeit keine Post, und jeder hatte damit zu tun, seinen Platz in der Nachkriegsgesellschaft zu finden. Erst nach seinem Tod haben wir wieder von ihm gehört. Jemand schickte mir die Todesanzeige, die von einem tragischen Ende von Robert Mertens sprach. Da beginne ich nach ihm zu fragen. Doch erst der Enkel gibt mir Auskunft, viel später.

Ja, Robert Mertens hat sich schon von Kindheit an für Terrarien interessiert. Alle Zoos besucht. Von Schmetterlingen ging sein Interesse zu Käfern und Fröschen, Salamandern, Eidechsen und Schildkröten. Er studierte in Leipzig und arbeitete nach dem 1. Weltkrieg am Senckenbergmuseum in Frankfurt am Main. Weil er die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung kennen lernen wollte, unternahm er ungewöhnliche Reisen in alle Teile der Welt.

Man müsste ein Buch über ihn schreiben, fordere ich den Enkel des beeindruckenden Onkels auf. Ich denke dabei an die Aufzeichnungen der Forschungsreisen von Charles Darwin und Alexander von Humboldt.

Jetzt habe ich die Grabrede für ihn von 1975 vor mir liegen. Mich beeindruckt, wie geradlinig sein Leben verlief. Wie tief er in sein Interessensgebiet eintauchte. Sein Lebensstil, Lebensverlauf und der wissenschaftliche und persönliche Lebensinhalt waren ohne Bruch und auch am Ende ein Ganzes, so fasst es der Grabredner (Wilhelm Schäfer) zusammen.

Und doch steht irgendwo die Bemerkung, er hätte in seiner Jugend geschwankt, ob er lieber Opernsänger werden sollte.

Gestorben ist er am Biss einer Schlange in seinen rechten Daumen, den Biss einer afrikanischen Trugnatter (Thelotornis), als er sie fütterte. Mit schwarzem Humor hat er einige Tage zuvor, als er schon an den Folgen des Bisses litt, gemeint: Das ist für einen Herpetologen das einzig angemessene Ende.

Wenn ich dagegen mein Leben betrachte? Diese Zerrissenheit, diese Zweifel. Diese Abbrüche und Neuorientierungen. Es tut gut, einem in der Familie begegnet zu sein, der so gradlinig seinen Weg ging.

Rückkehr

Inzwischen haben die Russen Leipzig besetzt. Die Amerikaner sind tatsächlich alle abgezogen. Es ist für uns unbegreiflich, aber eine nackte Tatsache.

Meine Schwester, die am Hygieneinstitut in Göttingen Arbeit bekommen hat, hört eines Tages, dass bei Friedland die Grenze nach Osten geöffnet sei. Ich lebe inzwischen in Hannover bei Verwandten. Weil die Universitäten hier noch geschlossen sind und ich auch keine Arbeit finde, beschließe ich, nach Leipzig zurück zu kehren. Meine Eltern werden glücklich sein.

Eine Menschenmenge hat sich bei Friedland auf einer Weide versammelt, steht da wie das liebe Vieh. Man beguckt sich, taxiert sich, schweigt, fragt allenfalls, wie lange noch. Wartet. Ab und zu werden kleine Gruppen durch eine schmale Tür ostwärts geschleust. Das Wetter ist zum Glück schön mittelmäßig, wie gut, obwohl ich mittelmäßig sonst nicht allzu sehr liebe. Jenseits der Grenze, also des Tores, bleibt jeder von uns ganz sich selbst überlassen. Mit fremden Menschen laufe ich kilometerweit bis zur nächsten größeren Stadt, Heiligenstadt. Dort stehen am Bahnhof schon die Menschen an dem Zug, mit dem auch ich fahren will. Morgen früh fährt er ab, werde ich belehrt. Es ist elf Uhr abends. Ich möchte ein Bett. Wir laufen suchend im Dunklen durch die Stadt. Alle Häuser löschen ihre Lichter, wenn sie unsere Schritte am Haus hören. Irgendwo in einer Schule falle ich todmüde auf den blanken Erdboden, der Rucksack dient als Kopfkissen. Damit schütze ich ihn zugleich.

Nur ein Platz auf dem Trittbrett gleich hinter dem Tender ist noch frei, als ich am nächsten Morgen auf den Bahnsteig komme. Als es endlich losgeht, erlebe ich warum. Funkenflug von der Lok. Glühende Teilchen setzen sich auf meinen Kopf. Ein Soldat über mir löscht während der ganzen Fahrt die Funken in meinem Haar. Ich kann es nicht selbst, muss mich mit zwei Händen festhalten, vor allem in den weitläufigen Kurven.

Tomaten

Die Tomaten beginnen sich zu röten. Sie sind nicht groß, aber vollendet rund. Sie hängen nicht traubenförmig an der Pflanze, sondern einzeln. Der Kohlrabi bringt seine überirdische Knolle bereits ins Blickfeld.

Auch Herbert hat sich neben meinen Beeten einen Streifen Land urbar gemacht. Von ihm will ich wissen, was denn nun für eine Zeit über uns hereingebrochen ist. Nachdem ich in der Nazizeit zu wenig begriffen hatte, was Hitler eigentlich wollte und was es mit dem Kommunismus auf sich hat, will ich jetzt genaueres erfahren. Die Nazis hatten die Russen einfach als ‚Weltfeind Nummer Eins‘ verteufelt. Damals. In dieser anderen Zeit. Als wir siegreich sein sollten und doch alles verloren haben.

Aber Herbert redet nicht von der ‚roten Gefahr‘, sondern vom dialektischen Materialismus. Das klingt neu, erinnert an Philosophie, um die ich mich früher schon bemüht habe.

Hast du schon die Seitentriebe an den Tomatenpflanzen entfernt? Sonst geht die Kraft nicht in die Tomaten, sondern die Pflanze wuchert und grünt ohne viel Früchte zu bringen. Beim Blumenkohl muss man das Grün oben zusammenbinden, damit der Kohl weiß bleibt. Das sagt nicht Herbert, sondern Heidi, unsere Nachbarin, meine alte Schulfreundin, erklärt es uns beiden, und dass wir unser Gemüse jetzt gießen, das ist erst mal wichtiger als Karl Marx.

Heidi wohnt genau neben dem Garten, in dem ich mir ein Beet zurechtmachen darf, weil dort früher mein Großvater gewohnt hat.

Trotzdem, Karl Marx muss nun ernst genommen und kann nicht mehr einfach angeprangert werden, denn mit seiner Ideologie haben wir es jetzt in Leipzig zu tun.

Wir pflücken die rundreifen Tomaten, ernten Blumenkohl.

Heidi hat keine neuen Nachrichten von ihrem Vater und Bruder. Sie sind beide vom Krieg noch nicht zurückgekommen. Herbert dagegen kann jetzt sein Studium beenden. Er hat meine Cousine kennen gelernt und geheiratet und gehört nun zur Familie.

Heidi arbeitet zwar fleißig im Garten ihres Hauses, möchte aber wieder Skulpturen schaffen. Sie müsste dafür den menschlichen Körper betrachten, die Anatomie studieren. Meint sie. Warum nicht? Ich versuche, ihr zu helfen. Aber wovon leben? Von Kohl und Salat? Das genügt auf die Dauer nicht. Heidi trifft auf der Straße eine Bekannte, die ihr erzählt, dass man jetzt neue Lehrerinnen braucht. Solche, die nicht in der Nazipartei waren. Als Voraussetzung genügt das Abi. Heidi will nachfragen. Lehrerin? Das wollte sie eigentlich nie werden.

Thomaner

Seit meiner Kindheit besuche ich die Motette in der Thomaskirche. Nicht nur sonnabends, auch Freitag 18 Uhr ist ein guter Termin, und Heiligabend war geradezu undenkbar ohne den Besuch der Motette des Thomanerchors. Um einen Sitzplatz zu bekommen, saßen wir mindestens eine Stunde vor Beginn in der Kirche, bis es endlich anfing. Wir ließen uns herrlich empor tragen von den Stimmen der Knaben, wir stürzten mit ihnen ab. Ich bangte immer ein wenig, wenn eine Stimme sich aus allen heraus löste und allein gen Himmel strebte, sie stieg und stieg, und es wurde in mir heller und klarer und stiller als je zuvor. Bis alle Stimmen wieder einfielen, die diese eine Hohe auffingen und einfügten. Das war Seligkeit.

Diesmal aber war etwas anders als sonst. Ich war nicht allein. Ohne ihn anzusehen, fühlte ich, wie mein Begleiter erlebte, wie er sich lockerte, wie er auch mich wahrnahm, wie die Klänge uns beide mitnahmen in andere Regionen.

Deshalb lasse ich ihn zu Wort kommen, zitiere ihn, der zum ersten Mal hier saß und hörte und das noch am gleichen Abend aufschrieb.

Die Klänge der Knaben schwellen an und erfüllen den hohen Raum.

Fürchte dich nicht, tragen die aufstrebenden hellen Stimmen nach oben.

Fürchte dich nicht, bringen die tiefen Stimmen zu uns herab.

Wir sind aus dem Alltag der Arbeit hierher gekommen in die Kirche des großen Johann Sebastian Bach. Ich habe die Thomaner noch nie singen hören, fühle mich innig lebendig werden von der Klarheit, alle schweren Gedanken versinken ins Meer Erinnerung. Meine Begleiterin scheint völlig entrückt. Den schwarzen Mantel hat sie aufgeknöpft und eng über ihren Körper zusammengezogen, als wolle sie sich in ihn verkriechen wie in einen Kokon. Ihr Gesicht, von hellem Haar umrahmt, wirkt verzaubert. Ich entdecke, dass sich die scharfen Falten in den Mundwinkeln geglättet haben. Immer wieder schiele ich zu ihr herüber. Wir kennen uns erst ein paar Wochen. In ihrem sonst herben Gesicht entdecke ich Züge Botticellischer Schönheit.

Ich denke an unser Gespräch am gestrigen Tag über das Gute und das Schlechte. Und vom Kampf mit sich selbst. Wir haben vom Leben gesprochen als einem Bogen, der sich in unendlichem Farbenreichtum zwischen Schwarz und Weiß spannt. Schließlich kann man nicht immer sorgenvoll über die Zukunft rätseln. Wir leben beide in Unsicherheiten. Der Krieg ist noch kein Jahr zu Ende. Nach dieser Ausbildung zum Dolmetscher, die wir gemeinsam absolvieren, hoffen wir beide einen guten Job zu finden. Diese Gedanken fallen gleich darauf ins Aus. Ein Pastor erscheint auf der Kanzel. Seine weiße Halskrause, die ich noch nie bei einem Pfarrer gesehen habe, ruft in mir die Erinnerung an die Bilder spanischer Granden wach, aus der Zeit jenes Kaisers, in dessen Reich ‚die Sonne nicht unterging‘. Ich versuche im Gesicht meiner Begleiterin zu lesen. Wir werden heute noch lange Gespräche führen. Und ich werde sie ins Theater einladen. Ehe ich wieder übers Wochenende nach Hause fahre.

Besuch im Westen

Ich gehe auf die Grenze zu. Allein. Grauschleier lagern über den Feldern der Harzlandschaft. Der ansteigende Weg verliert sich im Gebüsch, aber ich bin gewiss, dass er weiter führen wird, ich muss nur die Beine rasch voran setzen. Ein älterer Mann aus dem Dorf hat mir die Richtung angezeigt, immer geradeaus. Sie können nicht fehlgehen bis sie drüben sind.

Hinter und etwas unter mir leuchten vereinzelt Fenster durchs Dunkel. Dort also leben die Menschen. Hier auf meinem Weg zwischen abgeernteten Feldern ist die Welt allerdings leer, einfach unbewohnt. Falls ich mich verirren sollte, bin ich verloren. Fast geräuschlos tritt ein Mann auf den Weg. Hinter einer Baumgruppe mit Unterholz hat er gelauert. Die strenge Frage: Wo wollen Sie hin?

Ich weiß nicht, ob ich die Wahrheit sagen kann. Ist der Mann westlich oder östlich gekleidet? Die Dämmerung verschluckt alle Unterschiede.

...

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