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Als ich unsichtbar war

Über den Autor

Martin Pistorius, geboren 1975 in Johannisburg, war zwölf, als eine rätselhafte Erkrankung ihn aus seinem Leben riss. Elf Jahre blieb er gelähmt, seine Familie und die Ärzte gingen davon aus, dass er geistig auf dem Stand eines Babys war. Er konnte sich nicht verständigen und war doch innerlich hellwach. Niemand merkte, dass sein Gehirn sich vollständig erholt hatte. Seine Rettung verdankte er dem Zufall. 2001 konnte er mithilfe eines Computers wieder kommunizieren. 2008 lernte er seine Frau Joanna kennen und wanderte mit ihr nach England aus, wo er seine eigene Firma für Webdesign gründete.

Martin Pistorius
mit Megan Lloyd Davies

Als ich
unsichtbar war

Die Welt aus Sicht eines Jungen,
der 11 Jahre als hirntot galt

Aus dem Englischen von
Axel Plantiko

Für meine Frau, Joanna,

die dem Geflüster meiner Seele zuhört

und die mich liebt so wie ich bin

Inhaltsverzeichnis

Prolog

  1. Zeit zählen
  2. Die Tiefe
  3. Nach Luft schnappend
  4. Die Schublade
  5. Virna
  6. Erwachen
  7. Meine Eltern
  8. Veränderungen
  9. Der Anfang und das Ende
  10. Tag für Tag
  11. Die Kreatur
  12. Leben und Tod
  13. Meine Mutter
  14. Andere Welten
  15. Spiegelei
  16. Ein Geheimnis gestehen
  17. Der Biss
  18. Die Furien
  19. Pfauenfedern
  20. Einen Traum wagen
  21. Geheimnisse
  22. Aus dem Kokon
  23. Ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann
  24. Ein Sprung nach vorne
  25. In der Brandung stehen
  26. Sie kommt zurück
  27. Die Party
  28. Henk und Arrietta
  29. Der Heiler
  30. Dem Käfig entrinnen
  31. Die Rede
  32. Eine neue Welt
  33. Der Laptop
  34. Der ›Berater
  35. Erinnerungen
  36. XXX
  37. Fantasien
  38. Ein neuer Freund
  39. Ob er je lernt?
  40. GD und Mimi
  41. Leben lieben und Liebe leben
  42. Welten prallen aufeinander
  43. Fremde
  44. Alles wird anders
  45. Mickey Maus treffen?
  46. Die Wahrheit über mich
  47. Löwenherz
  48. Ich offenbare mich
  49. Zucker und Salz
  50. Fallen
  51. Klettern
  52. Das Ticket
  53. Heimkehr
  54. Zusammen
  55. Ich kann mich nicht entscheiden
  56. Ginger und Fred
  57. Abreise
  58. Scheideweg
  59. Geständnisse
  60. Auf, auf und davon
  61. Abschied
  62. Loslassen
  63. Ein neues Leben
  64. Warten

Danksagung

Prolog

Im Fernsehen läuft wieder mal Barney, der Dinosaurier. Ich hasse Barney – und diese scheußliche Erkennungsmusik. Sie wird zur Melodie von ›Yankie Doodle Dandy‹ gesungen.

Auf dem Bildschirm sehe ich, wie Kinder in die ausgebreiteten Arme des riesigen violetten Dinosauriers hüpfen, hopsen und springen, und danach schaue ich mich in meinem Zimmer um. Die Kinder hier liegen regungslos auf dem Boden oder sitzen zusammengesunken auf ihren Stühlen. Ein Gurt hält mich aufrecht in meinem Rollstuhl. Mein Körper ist genau wie bei den anderen ein Gefängnis, dem ich nicht entrinnen kann: Wenn ich sprechen möchte, bleibe ich stumm, wenn ich meinen Arm bewegen will, gehorcht er mir nicht.

Es gibt nur einen Unterschied zwischen mir und den anderen Kindern: Mein Verstand ist hellwach. Er schlägt Purzelbäume und macht Saltos in dem Versuch, seine Fesseln zu sprengen und einen Feuerstrahl prachtvoller Farben in meine graue Welt schicken zu können. Doch niemand weiß davon, da ich es niemandem erzählen kann. Die Leute meinen, ich sei eine leere Hülle, weil ich hier seit neun Jahren tagaus, tagein sitze und mir Barney oder Den König der Löwen reinziehen muss; und als ich dachte, schlimmer könne es nicht kommen, kreuzten auch noch die Teletubbies auf.

Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, doch meine Erinnerungen an die Vergangenheit beginnen erst mit jenem Moment, in dem ich wieder zum Leben erwachte und aus irgendeiner Welt auftauchte, in der ich mich verloren hatte. Es war, als blendeten mich plötzlich Blitzlichter in der Dunkelheit. Ich hörte Leute über meinen sechzehnten Geburtstag reden und darüber diskutieren, ob sie mir die Bartstoppeln abrasieren sollten. Mir machte Angst, was ich da mit anhören musste, denn obgleich ich mich an nichts erinnern konnte und keine Vorstellung von der Vergangenheit hatte, war ich mir sicher, ein Kind zu sein, und die Leute unterhielten sich über einen Menschen auf der Schwelle zum Mann. Langsam wurde mir jedoch klar, dass sie mich meinten, genauso wie ich zu begreifen begann, dass ich eine Mutter und einen Vater, einen Bruder und eine Schwester hatte, die ich jeden Abend zu Gesicht bekam.

Haben Sie mal einen dieser Filme gesehen, in dem jemand als Geist aufwacht, aber die Menschen haben keine Ahnung davon, dass sie längst gestorben sind? So war das, als ich mitbekam, wie die Leute durch mich hindurch und an mir vorbei schauten, und ich verstand nicht, weshalb. Ich konnte anstellen, was ich wollte, ich konnte betteln und bitten, schreien und brüllen – durch nichts brachte ich sie dazu, Notiz von mir zu nehmen. Mein Geist war in einem nutzlosen Körper gefangen, Arme und Beine waren außer Kontrolle, meine Stimme blieb stumm. Ich konnte weder Zeichen noch Geräusche von mir geben, um irgendjemanden wissen zu lassen, dass ich das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Ich war unsichtbar – der Geisterjunge.

So lernte ich es, mit meinem Geheimnis umzugehen und wurde zum stummen Zeugen meiner Umwelt, während sich mein Leben als triste Aneinanderreihung gleichförmiger Tage träge dahinschleppte. Neun Jahre sind vergangen, seit ich das Bewusstsein wiedererlangt habe, und in dieser Zeit konnte ich mit Hilfe der einzigen Kraft, über die ich verfüge – meinen Geist – alles ergründen, vom schwarzen Schlund der Verzweiflung bis hin zum psychedelischen Land der Fantasie.

In diesem engen Rahmen bewegte sich mein Leben, bis ich Virna begegnete, die als Erste und Einzige vermutete, dass in meinem Inneren ein aktives Bewusstsein verborgen ist. Sie möchte, dass ich es morgen unter Beweis stelle, wenn ich in einer Klinik untersucht und getestet werde, die darauf spezialisiert ist, Stummen zu einer Stimme zu verhelfen, die allen Betroffenen – Menschen mit Downsyndrom und Autismus oder mit Gehirntumor und Schlaganfall – Kommunikation ermöglicht.

Ein Teil von mir weigert sich, daran zu glauben, dass sich die Person in der Hülle während dieser Untersuchung befreien könnte. Ich hatte lange gebraucht, mich mit dem Unvorstellbaren abzufinden und endlich zu akzeptieren, dass ich in meinem Körper gefangen war, und jetzt habe ich bereits Angst, nur daran zu denken, ich könnte in der Lage sein, meinem Schicksal eine Wendung zu geben. Doch wie bange mir auch sein mag, wenn ich die Möglichkeit in Betracht ziehe, dass letzten Endes doch jemand meine Anwesenheit bemerken sollte, dann darf ich hoffen, mein Heil in der Flucht suchen zu können.

1
Zeit zählen

Meine Tage verbringe ich in einem Pflegeheim, das im Vorort einer großen südafrikanischen Stadt gelegen ist. Nur ein paar Stunden entfernt erheben sich mit gelbem Buschwerk bedeckte Berge, in denen Löwen auf der Suche nach Beute umherstreifen. Diesen folgen Hyänen, die sich über die Überreste hermachen, und zum Schluss kommen Geier in der Hoffnung, letzte Fleischfetzen von den Knochen reißen zu können. Nichts wird verschwendet. Das Königreich der Tiere ist ein perfekter Kreislauf von Leben und Tod, endlos wie die Zeit selbst.

Mir ist die Unendlichkeit von Zeit derart bewusst geworden, dass ich gelernt habe, mich darin zu verlieren. Tage, wenn nicht Wochen, können vorüberziehen, in denen ich mich in mich selbst zurückziehe und nur noch ein schwarzes Loch bin – ein Nichts, das gewaschen und gefüttert wird, vom Rollstuhl ins Bett gehoben – oder in denen ich mich in die winzigen Fleckchen Leben vertiefe, die ich um mich herum wahrnehme. Auf dem Boden krabbelnde Ameisen existieren in einer Welt von Kriegen und Gefechten, Schlachten werden geschlagen und verloren, und ich bin einziger Zeuge eines Dramas, das so blutig und furchtbar ist wie das irgendeines Menschen.

Ich habe gelernt, Zeit zu beherrschen, statt sie passiv über mich ergehen zu lassen. Ich bekomme selten eine Uhr zu Gesicht, doch ich habe mir selbst beigebracht, die Uhrzeit vom Sonnenverlauf und den Schatten, die in meiner Nähe herabfallen, abzulesen. Ich kam dahinter, als mir auffiel, dass ich mir merken konnte, wohin die Sonnenstrahlen fielen, wenn ich jemanden nach der Uhrzeit fragen hörte. Danach benutzte ich die festen Zeiten, die mir das Leben hier so unerbittlich beschert – Morgengetränk um 10.00 Uhr, Mittagessen um 11.30 Uhr, Nachmittagsgetränk um 15.00 Uhr –, um meine Technik zu perfektionieren. Schließlich boten sich mir Gelegenheiten genug, das Ganze zu lernen.

Das führte dazu, dass ich die Tage jetzt gelassen auf mich zukommen lassen kann, dass ich sie Minute für Minute, Stunde für Stunde herunterzählen kann, während mich die stummen Geräusche der Zahlen erfüllen – die weichen Windungen der Sechsen und Siebenen, das befriedigende Stakkato von Achten und Einsen. Wenn ich auf diese Weise eine ganze Woche hinter mich gebracht habe, kann ich nur dankbar dafür sein, in einer sonnenreichen Gegend zu leben. Vermutlich wäre ich nie mit den Uhrzeiten zurechtgekommen, wenn ich in Island geboren worden wäre. Dann hätte ich die Zeit endlos über mich hinwegstreichen lassen müssen, und sie hätte mich Stück für Stück abgeschliffen wie einen Kieselstein in der Brandung.

Woher ich gewisse Dinge weiß – dass Island ein Land mit extrem langer Dunkelheit und extrem langer Helligkeit ist oder dass nach den Löwen die Hyänen kommen, gefolgt von den Geiern –, ist mir selbst ein Rätsel. Außer den Informationen, die ich aufsauge, sobald der Fernsehapparat oder das Radio eingeschaltet sind – mit Stimmen, die wie das Ende des Regenbogens zu der Welt da draußen führen –, habe ich weder irgendwelchen Unterricht genossen, noch hat man mir aus Büchern vorgelesen. Ich frage mich, ob mein Wissen von dem herrührt, was ich gelernt habe, bevor ich krank wurde. Vielleicht hat sich die Krankheit meines Körpers bemächtigt, von meinem Geist aber nur zeitweise Besitz ergriffen.

Jetzt ist es kurz nach Mittag, das heißt, es dauert keine fünf Stunden mehr, bis mein Vater kommt und mich abholt. Das ist jeden Tag der schönste Moment, denn dann kann ich das Pflegeheim endlich verlassen, wenn mein Vater hier um 17.00 Uhr auftaucht. Wie glücklich ich an jenen Tagen bin, an denen mich meine Mutter nach Beendigung ihrer Arbeit bereits um 14.00 Uhr abholt, kann ich gar nicht beschreiben.

Ich fange jetzt an zu zählen – erst die Sekunden, dann die Minuten, danach die Stunden –, und hoffentlich sorgt das dafür, dass mein Vater dadurch etwas schneller bei mir ist.

Eins, zwei, drei, vier, fünf …

Ich hoffe nur, dass Dad das Autoradio anstellt, damit wir uns auf dem Nachhauseweg die Übertragung vom Cricketspiel anhören können.

»Wahnsinn!«, brüllt er dann manchmal, wenn ein Schlagmann ausscheiden muss.

So ist das auch bei meinem Bruder David, wenn er ein Computerspiel spielt und ich mit im Zimmer bin. »Nächster Level erreicht!«, schreit er dann hin und wieder begeistert, während seine Finger über die Tastatur fliegen.

Keiner von beiden ahnt auch nur, wie sehr ich diese Momente genieße. Während mein Vater jubelt, sobald jemand mit einem Schlag sechs Punkte gemacht hat, oder mein Bruder frustriert die Stirn runzelt, wenn er verzweifelt versucht, seine Punktzahl zu erhöhen, stelle ich mir im Geiste vor, welche Witze ich machen, welche Flüche ich gemeinsam mit ihnen ausstoßen würde, falls ich dazu in der Lage wäre, und für ein paar kostbare Momente habe ich nicht mehr das Gefühl, nur Zuschauer zu sein.

Ach, wenn Dad doch nur schon da wäre.

Dreiunddreißig, vierunddreißig, fünfunddreißig …

Mein Körper fühlt sich heute schwer an, und der Gurt, der mich aufrecht hält, schneidet mir durch die Kleidung ins Fleisch. Meine rechte Hüfte tut weh. Jemand sollte mich hinlegen und von dem Schmerz befreien. Stundenlang ruhig zu sitzen ist nicht annähernd so erholsam, wie ein Außenstehender es sich vielleicht vorstellt. Kennen Sie diese Comics, in denen jemand von einer Klippe stürzt, den Boden berührt und – wumms! – zersplittert? So fühle ich mich – als wäre ich in Millionen Splitter zersprungen, und jedes Teil tut weh. Die Schwerkraft wirkt schmerzhaft, wenn sie auf einem Körper lastet, der seinen Zweck nicht erfüllt.

Siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig. Eine Minute.

Noch vier Stunden und neunundfünfzig Minuten.

Eins, zwei, drei, vier, fünf …

Auch wenn ich mir noch so große Mühe gebe, meine Gedanken kehren immer wieder zu diesem verdammten Schmerz in der Hüfte zurück. Ich denke an den zersplitterten Mann aus dem Comic. Manchmal wünschte ich, ich könnte wie er auf dem Boden aufprallen und in Millionen Einzelteile zerspringen. Denn vielleicht könnte ich dann genau wie er aufspringen und auf wundersame Weise wieder zusammengefügt sein, bevor ich losrenne.

2
Die Tiefe

Bis zu meinem zwölften Lebensjahr war ich ein ganz normaler Junge – vielleicht etwas scheuer als die meisten anderen und nicht so zu Raufereien aufgelegt, aber glücklich und gesund. Was mich am meisten begeisterte, war Elektronik, und ich besaß dafür eine derart natürliche Begabung, dass meine Mutter mir im Alter von elf Jahren das Anbringen einer äußerst komplizierten Steckdose anvertraute, da ich mich schon seit Jahren mit Stromkreisen beschäftigt hatte. Mein Talent reichte auch aus, um im museumsreifen Computer meiner Eltern einen Reset-Button unterzubringen und ein Alarmsystem zu basteln, mit dem ich mein Schlafzimmer gegen meine jüngeren Geschwister David und Kim schützen konnte. Beide versuchten ständig, in mein kleines, mit Lego-Teilen vollgestopftes Königreich einzudringen. Doch das einzige Lebewesen, dem ich außer meinen Eltern den Zutritt gestattete, war unser kleiner gelber Hund namens Pookie, der mir überallhin folgte.

Über die Jahre hinweg habe ich bei den unzähligen Untersuchungen und Arztterminen genau zugehört, und so erfuhr ich, dass ich im Januar 1988 aus der Schule nach Hause kam und über Halsschmerzen klagte. Danach konnte ich nicht mehr am Unterricht teilnehmen, und in den folgenden Wochen und Monaten hörte ich auf zu essen, begann tagsüber stundenlang zu schlafen und beschwerte mich darüber, dass das Laufen immer schmerzhafter für mich wurde. Mein Körper wurde zunehmend schwächer, da ich ihn nicht mehr forderte, und dasselbe geschah mit meinem Geist: Zunächst vergaß ich Fakten, dann private Dinge wie das Wässern meines Bonsai-Bäumchens und am Ende sogar Gesichter.

Um mein Erinnerungsvermögen zu unterstützen, gaben mir meine Eltern eine Mappe mit Familienfotos, die ich bei mir tragen sollte, und meine Mutter Joan zeigte mir jeden Tag ein Video von meinem Vater Rodney, wenn dieser auf Geschäftsreise war. Doch auch wenn meine Eltern hofften, durch die ständige Wiederholung das Abdriften meiner Erinnerung verhindern zu können, blieb das Ganze erfolglos. Mein Sprachvermögen verschlechterte sich, während ich langsam vergaß, wer und wo ich war. Die letzten Wörter, die ich je von mir gab, kamen ungefähr ein Jahr nach den ersten Krankheitssymptomen, als ich im Krankenhaus lag.

»Wann nach Hause?«, fragte ich meine Mutter.

Nichts drang zu mir durch, während meine Muskeln verkümmerten, die Gliedmaßen spastisch wurden und Hände und Füße sich wie Klauen einrollten. Um sicherzustellen, dass ich nicht verhungerte, nachdem ich immer dünner wurde, weckten mich meine Eltern auf und fütterten mich. Mein Vater stützte mich, meine Mutter schob mir mit einem Löffel Essen in den Mund, und ich schluckte instinktiv. Abgesehen hiervon bewegte ich mich nicht. Ich reagierte auf absolut nichts. Ich befand mich in einer Art von Wachkoma, für das niemand eine Erklärung hatte, da die Ärzte nicht feststellen konnten, wodurch es verursacht worden war.

Anfangs vermuteten die Mediziner, meine Probleme seien psychischer Natur, und so verbrachte ich mehrere Wochen in einer psychiatrischen Abteilung. Erst als ich auszutrocknen drohte und auf die Intensivstation kam, und nachdem es den Psychologen nicht gelungen war, mich zum Essen oder Trinken zu bewegen, sahen diese schließlich ein, dass meine Krankheit physischer und nicht psychischer Natur war. In der Folge wurden Gehirnscans und EEGs, Kernspintomographie-Untersuchungen und Bluttests gemacht, ich wurde gegen Tuberkulose und Kryptokokkenmeningitis behandelt, doch zu einer abschließenden Diagnose kam es nicht. Medikation um Medikation wurde versucht – ohne jeglichen Effekt. Ich hatte die Grenzen medizinischen Verständnisses überschritten. Ich war verloren in einem Land, in dem Drachen hausen und mich niemand retten konnte.

Meinen Eltern blieb nichts anderes übrig, als zuzuschauen, wie ich ihnen von Tag zu Tag mehr entglitt: Sie versuchten, mich zum Gehen zu bewegen, doch ich musste aufgerichtet und festgehalten werden, da meine Beine schwächer und schwächer wurden; sie brachten mich in die unterschiedlichsten südafrikanischen Krankenhäuser, und Test um Test wurde gemacht, aber es kam zu keinem Befund; und sie schrieben verzweifelte Briefe an Spezialisten in Amerika, Kanada und England, woraufhin diese lapidar antworteten, ihre südafrikanischen Kollegen unternähmen sicherlich alles was in ihrer Macht stünde und was die moderne Medizin ermöglicht.

Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis die Ärzte eingestanden, dass sie mit ihrem Latein am Ende waren. Ihnen fiel nicht mehr ein, als dass ich an einer degenerativen neurologischen Störung litt, Ursache und Prognose unbekannt, und so rieten sie meinen Eltern, mich in ein Heim zu geben und die Krankheit ihren Lauf nehmen zu lassen. Höflich, aber bestimmt erklärte sich der Berufsstand der Mediziner für nicht mehr verantwortlich für mich. Meiner Mutter und meinem Vater wurde mehr oder minder deutlich vermittelt, sie sollten warten, bis mein Tod uns alle erlösen würde.

So kam ich nach Hause, wo meine Mutter, die meinetwegen ihren Job als Röntgenassistentin aufgegeben hatte, sich um mich kümmerte. Mein Vater musste als Maschinenbauingenieur so lange arbeiten, dass er abends häufig erst das Haus betrat, wenn David und Kim bereits im Bett lagen. Die Situation war unhaltbar. Nachdem ich ungefähr ein Jahr zu Hause zugebracht hatte, wurde beschlossen, ich solle tagsüber in dem Pflegeheim betreut werden, in dem ich jetzt bin, die Nacht jedoch solle ich immer zu Hause verbringen. Damals war ich vierzehn.

Die Jahre vergingen, und ich war verloren in meiner dunklen, blicklosen Welt. Meine Eltern deponierten auf dem Fußboden des Wohnzimmers sogar Matratzen, damit sie, Kim und David so leben konnten wie ich – in Bodenhöhe –, denn sie erhofften sich davon, Kontakt mit mir aufnehmen zu können. Doch ich lag dort nur wie eine leere Hülle, nichts ahnend von all dem, was um mich herum geschah. Und dann begann ich eines Tages doch ins Leben zurückzukehren.

3
Nach Luft schnappend

Ich bin ein Meeresbewohner und bewege mich auf dem Boden des Ozeans. Dunkel ist es hier. Kalt. Um mich herum, oben und unten, ist nichts als Dunkelheit.

Doch dann wird es plötzlich hell, gleißende Blitzlichter tauchen über mir auf. Ich weiß nicht, was es ist.

Irgendetwas sagt mir, dass ich versuchen muss, dorthin zu gelangen, wo das Licht herkommt. Es zieht mich in die Höhe, und so stoße ich mich in Richtung der Lichter ab, die über die Wasseroberfläche hoch über mir hinweghuschen. Sie tanzen verlockend und weben Muster aus Gold und Schatten.

*

Mein Blick fokussiert sich. Ich starre auf einen wandernden Tisch. Ich bin mir sicher, dass er anders aussieht als normal, doch ich weiß nicht, wieso ich das weiß.

*

Ein Hauch auf meinem Gesicht – Wind.

*

Ich rieche Sonnenschein.

*

Musik, schrill und blechern. Kinder singen. Ihre Stimmen schwingen auf und ab, werden laut, dann gedämpft, bis sie ganz verstummen.

*

Ein Teppich schwimmt ins Blickfeld. Ein Gemisch aus Schwarz, Weiß und Braun. Ich starre darauf und versuche mich darauf zu konzentrieren, doch die Dunkelheit hüllt mich wieder ein.

*

Ein kalter Waschlappen wird mir aufs Gesicht gepresst, und ich spüre, wie eine Hand mein Genick fest umklammert.

»Es dauert nur eine Sekunde«, sagt eine Stimme. »Wir wollen doch dafür sorgen, dass du ein sauberer Junge bist, stimmt’s?«

*

Die Blitzlichter werden heller. Ich komme der Oberfläche näher. Ich möchte sie durchbrechen, doch es gelingt mir nicht. Alles geht viel zu schnell, während ich unbeweglich bin.

*

Ich rieche etwas: Scheiße!

Ich öffne meine Lider. Sie sind so schwer. Ein kleines Mädchen steht vor mir. Von den Hüften abwärts ist es nackt. Die Hand ist braun beschmiert. Es kichert und versucht die Tür zu öffnen.

»Wohin willst du, Miss Mary?«, fragt eine Stimme, während am Rand meines Blickfelds zwei Füße auftauchen.

Ich höre, dass die Tür zufällt, danach ein verärgertes Brabbeln: »Nicht schon wieder, Mary!«, schimpft die Stimme. »Schau dir meine Hand an!«

Das kleine Mädchen lacht. Sein Entzücken ist wie ein leichter Wind, der sanft über einen einsamen Strand streicht und eine feine Spur im Sand hinterlässt. Ich spüre, wie es in mir vibriert.

*

Eine Stimme. Jemand spricht. Zwei Wörter: sechzehn und Tod. Ich weiß nicht, was damit gemeint ist.

*

Es ist Nacht. Ich liege in meinem Bett. Zu Hause. Ich starre ins Halbdunkel. Ein Haufen Teddybären liegt neben mir, und etwas ruht auf meinen Füßen: Pookie.

Doch als das vertraute Gewicht verschwindet, merke ich, wie ich aufsteige. Ich bin verwirrt. Ich bin nicht im Meer. Ich befinde mich mitten in der Realität. Dennoch habe ich immer noch das Gefühl, als steige ich auf, als verlasse ich meinen Körper und bewege mich zur Decke meines Schlafzimmers empor.

Plötzlich weiß ich, dass ich nicht allein bin. Beruhigende Wesen sprechen mir Mut zu. Ich soll ihnen folgen. Ich möchte loslassen, möchte mich der Tiefe überlassen oder den unbekannten Wesen, die jetzt bei mir sind – egal, wer mich zuerst erfasst.

Da aber erfüllt mich ein Gedanke: Ich darf meine Familie nicht verlassen! Meinetwegen sind sie alle so traurig. Ihr Kummer ist wie ein Leichentuch, das mich jedes Mal umschließt, wenn ich die Wasseroberfläche durchstoße. Sie haben nichts mehr, woran sie sich klammern können, wenn ich mich davonmache. Ich kann nicht gehen.

Luft dringt in meine Lungen. Ich öffne die Augen. Ich bin wieder allein. Was oder wer auch immer bei mir war, es ist verschwunden.

Engel.

Ich habe beschlossen, zu bleiben.

4
Die Schublade

Als ich das Bewusstsein wiedererlangte, war mir noch nicht vollkommen klar, was mit mir geschehen war. Wie ein Baby, das ohne Wissen geboren wird und weder seine Bewegungen kontrollieren noch sprechen kann, dachte auch ich nicht darüber nach, was ich konnte oder nicht. Gedanken schossen mir durch den Kopf, von denen ich nicht annahm, dass sie jemals laut geäußert würden, und ich realisierte auch nicht, dass der Körper, den ich zuckend oder regungslos bei mir liegen sah, meiner sein könnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriff, dass ich völlig allein war inmitten eines Meeres von Menschen.

Doch als mein Bewusstsein und meine Erinnerung sich langsam zu verzahnen begannen und sich der Geist wieder mit meinem Körper verband, dämmerte mir die Erkenntnis, dass ich anders war als andere. Ich lag auf dem Sofa, während mein Vater sich im Fernsehen eine Sportsendung über Kunstturnen anschaute, und ich war fasziniert von den Körpern, die sich so mühelos bewegten, der Kraft und Stärke, die sie bei jeder Drehung und jedem Schwung offenbarten. Dann blickte ich hinab auf ein Paar Füße und Beine, die ich häufig sah, und ich stellte fest, dass sie mir gehörten. Genauso war es mit den beiden Händen, die jedes Mal unkontrollierbar zitterten, wenn ich sie betrachtete. Sie waren ein Teil von mir, aber ich hatte keinerlei Gewalt über sie.

Ich war nicht gelähmt: Mein Körper bewegte sich, doch er tat es unabhängig von mir. Meine Gliedmaßen waren spastisch geworden. Sie fühlten sich fremd an, als seien sie in Zement gegossen, und ich konnte sie nicht steuern. Die Leute versuchten ständig, mich dazu zu bringen, meine Beine zu benutzen: Physiotherapeuten krümmten und verbogen sie in schmerzhaften Übungen, um die Muskeln zu aktivieren, aber ohne fremde Hilfe konnte ich sie nicht bewegen.

Wenn ich einmal ging, dann waren es lediglich ein paar schlurfende Schritte, bei denen mich jemand halten musste, da ich sonst zusammengesackt wäre. Meine Arme waren nicht in der Lage, instinktiv nach vorne zu schnellen, um mich bei einem Sturz zu schützen, daher wäre ich mit dem Gesicht voran auf den Boden geknallt. Wenn ich aus eigener Kraft zu essen versuchte, schmierte ich mir mit der Hand das Essen über die Wangen. Ich konnte mich nicht selbst auf die Seite rollen, wenn ich im Bett lag, daher musste ich stundenlang in derselben Position verharren, bis jemand kam und mich umdrehte. Meine Extremitäten wollten sich nicht öffnen und beweglich werden, sie rollten sich ein wie Schnecken, die in ihrem Haus verschwinden.

Vergleichbar mit einem Fotografen, der sein Kameraobjektiv erst sorgfältig einstellen muss, bevor er ein gestochen scharfes Bild machen kann, erforderte es für meinen Geist Zeit, sich auf etwas zu konzentrieren. Doch obgleich mein Körper und ich in einen endlosen Kampf verstrickt waren, wurde mein Geist immer stärker, je mehr sich die Teile meines Bewusstseins miteinander verknüpften.

Nach und nach wurde mir jeder Tag und jede einzelne Stunde desselben bewusst. Das meiste verschwand in der Vergessenheit, aber es gab Momente, in denen ich Ereignisse von historischer Bedeutung eindeutig mitbekam. Die Vereidigung von Nelson Mandela als Präsident im Jahre 1994 ist eine schemenhafte Erinnerung, während Dianas Tod 1997 als klares Bild vor mir steht.

Ich glaube, mein Geist begann zu erwachen, als ich ungefähr sechzehn war, und mit neunzehn war er wieder in vollem Umfang funktionsfähig: Ich wusste, wer ich war, wo ich mich befand, und ich war mir darüber im Klaren, dass ich eines echten Lebens beraubt war. Wenn ich aufwachte und dachte, ich habe in einem Iglu geschlafen, erkannte ich sehr schnell, dass ich unter einem Gletscher beerdigt war. Ich war lebendig begraben, gefangen im eigenen Körper.

Das war vor sechs Jahren. Anfangs wollte ich gegen mein Schicksal ankämpfen, indem ich irgendwelche winzigen Zeichen zurückließ, um die Menschen auf meine Spur zu führen; wie die Brotkrumen, die Hänsel und Gretel fallen ließen, um den Rückweg aus dem dunklen Wald zu finden. Doch nach einiger Zeit kam ich dahinter, dass meine Anstrengungen nie zum Ziel führen würden: Selbst als ich wieder ins Leben eintrat, verstand niemand so richtig, was geschah.

Obwohl ich langsam genügend Kontrolle über Genick und Hals gewonnen hatte, um den Kopf ruckartig nach unten und rechts bewegen zu können, erkannten die Menschen um mich herum nicht, was meine neuen Bewegungen im Grunde bedeuteten. Sie glaubten nicht, dass Wunder im Doppelpack geschehen: Nachdem ich bereits die Prognose der Ärzte, schon bald sterben zu müssen, überlebt hatte, hoffte wohl keiner mehr auf ein zweites göttliches Einlenken. Als ich auf einfache Fragen mit einem Ja oder Nein zu ›antworten‹ begann, indem ich den Kopf drehte oder lächelte, gingen sie davon aus, es handle sich nur um einen minimalen Fortschritt. Keiner kam auf die Idee, meine deutlichen Reaktionen könnten ein Zeichen intakter Hirnfunktionen sein. Vor langer Zeit schon hatte man ihnen zu verstehen gegeben, ich habe einen schweren Gehirnschaden erlitten, daher sahen sie jetzt nicht mehr, als dass dieser junge Mann mit seinen Storchenbeinen, verkrüppelten Gliedmaßen, leerem Blick und aus dem Mund laufenden Speichel hin und wieder seinen Kopf hob.

Und so wurde ich denn versorgt – gefüttert und getränkt, abgerieben und geputzt –, doch Notiz nahm man von mir nicht. Ein ums andere Mal flehte ich meine widerspenstigen Gliedmaßen an, ein Zeichen zu setzen und jemandem zu zeigen, dass ich immer noch existierte, doch sie ließen mich im Stich.

Ich sitze auf meinem Bett. Mein Herz pocht, während mein Vater mich auszieht. Ich möchte es ihn wissen lassen, er soll verstehen, dass ich zu ihm zurückgekommen bin. Er muss mich doch sehen!

Mit dem festen Willen, ihn arbeiten zu lassen, starre ich auf meinen Arm. Jede Faser in mir konzentriert sich auf diesen Moment. Ich starre auf meinen Arm – bittend, schmeichelnd, mahnend und flehend. Mein Herz will vor Freude zerspringen, als ich spüre, dass er meiner Bitte nachkommt: Der Arm wedelt hoch über meinem Kopf! Endlich ist es mir gelungen, mit diesem Zeichen, das zu geben mir so lange die größten Mühen abverlangt hat, den Weg zu mir zurückzufinden.

Doch als ich meinen Vater anschaue, sehe ich in seinen Augen weder Schock noch Überraschung. Er fährt einfach fort, mir die Schuhe auszuziehen.

Dad! Ich bin hier! Siehst du es denn nicht?

Mein Vater beachtet mich nicht. Er zieht mich weiter aus, und mein Blick wandert verdrossen zu meinem Arm. Da erst bemerke ich, dass er sich nicht bewegt. Wie mächtig die Kraft meiner geistigen Anstrengung auch erscheinen mag, ihre einzige äußere Offenbarung ist ein zuckender Muskel in der Nähe meines Ellbogens. Die Bewegung ist so winzig, dass ich sicher sein kann, mein Vater wird sie nie bemerken.

Zorn überkommt mich. Ich könnte platzen vor Wut. Ich ringe nach Luft.

»Alles in Ordnung, mein Junge?«, fragt mein Vater, als er mein Keuchen hört, und schaut hoch.

Mir bleibt nichts anderes, als ihn anzustarren und zu beten, dass sich meine stumme Verzweiflung irgendwie selbst vermitteln wird.

»Jetzt gehen wir brav ins Bett, ja?«

Das Oberteil eines Schlafanzugs wird mir über den Kopf gezogen, und ich werde aufs Bett gelegt. Ärger macht sich in mir breit. Ich weiß, dass ich ihn überwinden muss: Wenn es mir nicht gelingt, wird der Schmerz zu groß. Ich muss mich im Nichts verlieren, sonst werde ich noch verrückt.

Manchmal versuchte ich zu stöhnen, in der Hoffnung, jemand könne sich fragen, was es zu bedeuten hat, wenn sich meiner Brust ein Geräusch entringt, doch ich brachte keinen Ton heraus. In späteren Jahren bemühte ich mich zuweilen, zu sprechen, aber ich blieb stumm. Ich war unfähig, einen Stift zu halten, um eine Nachricht zu kritzeln oder einen Hilferuf zu senden. Ich war auf meiner eigenen Insel gestrandet, und der Traum, gerettet zu werden, verflüchtigte sich in dem Maße, wie die Hoffnung in meinem Inneren erstarb.

Am Anfang war es Horror, dann kam Enttäuschung auf, bis ich mich in mich selbst zurückzog, um zu überleben. Wie eine Schildkröte, die in ihrem Panzer Schutz sucht, lernte ich es, der Realität durch Fantasien zu entfliehen. Mir war schmerzlich klar geworden, dass ich den Rest meines Lebens so ohnmächtig verbringen würde wie jeden gegenwärtigen Tag, und schließlich gab ich den Versuch auf, noch irgendwelche Reaktionen zu zeigen. Stattdessen starrte ich ausdruckslos in die Welt hinein.

Auf andere Menschen wirkte ich wie eine Topfpflanze: Etwas, dem man Wasser gibt und achtlos in der Ecke stehen lässt. Jeder war so daran gewöhnt, mich als nicht anwesend zu betrachten, dass keiner Notiz davon nahm, als ich langsam wieder präsent wurde. Schließlich hatte man mich bereits vor langer Zeit in eine Schublade gesteckt. Schubladen erleichtern uns das Verständnis, doch sie kerkern uns auch ein, da der Mensch nicht an ihnen vorbeischaut.

Wir alle haben eine klare Meinung über einander, obwohl die Wahrheit weit entfernt von dem sein kann, was wir zu sehen glauben. Dies ist der Grund, weshalb sich keiner Gedanken darüber machte, was es bedeuten könnte, als ich so große Fortschritte machte, dass ich einfache Fragen wie »Möchtest du Tee?« mit einem Wenden des Kopfes oder einem Lächeln beantwortete.

Für die meisten Leute, denen ich begegnete, war ich nichts weiter als ein Job. Für das Personal des Pflegeheims war ich ein vertrautes Stück Inventar, das man nach so vielen Jahren nicht mehr beachtete; für Pfleger in anderen Einrichtungen, in die ich geschickt wurde, wenn meine Eltern verreisten, war ich lediglich ein Übergangspatient; und für die Ärzte, die mich untersuchten, war ich »der Junge, der nicht viel machen kann«, wie einer von ihnen bezeichnenderweise zu seinem Kollegen sagte, während ich wie ein Seestern auf einem Röntgentisch lag.

Meine Eltern hatten Fulltime-Jobs und zwei weitere Kinder, um die sie sich ebenso wie um mich kümmern mussten, doch sie taten alles – vom Wechseln der Windeln bis zum Schneiden meiner Zehennägel. Die Sorge um meine physischen Bedürfnisse kostete ungeheuer viel Zeit und Kraft; daher war es kein Wunder, dass meine Eltern nicht dazu kamen, darüber nachzudenken, ob ich mich über die medizinischen Erfolgsaussichten hinweggesetzt und eine Genesung durchgemacht hatte, die an ein Wunder grenzte.

Dies ist der Grund, weshalb ich in der Schublade blieb, in die man mich vor so langer Zeit gesteckt hatte. Es war jene, für die ein einziges Wort genügte: ›Idiot‹.

5
Virna

Der Geruch des Mandarinenöls ist scharf, aber süßlich, als Virna meinen Arm massiert. Ihre Hände gleiten geschmeidig über meine Haut, während sie meine bleiernen Muskeln bearbeitet. Ich starre sie an, und sie hebt den Kopf, um mich anzulächeln. Ich frage mich einmal mehr, wieso nicht gleich Hoffnung in mir keimte, als mich dieses Lächeln zum ersten Mal berührte.

Anfänglich war alles, was ich wusste, dass Virna niemals den Mund öffnete, wenn sie lachte, und dass sie nervös die Position wechselte, wenn sie mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl saß. Sie hatte in meinem Pflegeheim als Aushilfsschwester angefangen, und mir fielen diese Details auf, weil man derartige Dinge bemerkt, wenn die Menschen nicht mit einem reden. Doch dann begann Virna zu mir zu sprechen, und mir wurde klar, dass ich sie nie vergessen würde. Die meisten Menschen sprechen über mich oder an mir vorbei, wenn sie sich an mich wenden. Daher wird jeder, der mich einfühlsamer als ein Stück Holz behandelt, unvergesslich.

Eines Tages erzählte mir Virna, sie habe Magenbeschwerden. Diese Gattung Allerweltsbekenntnisse hatte ich schon seit Jahren von den Leuten um mich herum gehört, wenn sie unbedacht vor sich hin schwatzten und meinten, ich sei ja doch nicht anwesend. So erfuhr ich ziemlich alles Wichtige über die gesundheitlichen Probleme einiger Pfleger und Pflegerinnen: Einer hat eine Frau mit Alzheimer, eine Pflegerin hat Probleme mit ihren Nieren, und bei einer anderen sorgt ein Unterleibskrebs vermutlich dafür, dass sie kinderlos bleibt.

Doch als Virna zu mir sprach, war das anders. Sie redete nicht mit sich selbst, jemand anderem oder in den leeren Raum hinein. Sie sprach zu mir und plapperte, wie sie es gegenüber jedem anderen ihrer Altersgruppe auch getan hätte. Sie teilte mir ihre Gedanken mit, die ihr wie Staubkörner im Sonnenlicht durch den Kopf schwirrten. Es war ein Gespräch, wie es vermutlich viele Freunde von etwas über zwanzig untereinander führen, doch ich hatte diese Erfahrung noch nie gemacht. Es dauerte nicht lange, da begann Virna mir alles zu erzählen, über die traurige Krankheit ihrer Großmutter, ihren neuen Hundewelpen, den jungen Mann, mit dem sie eine Verabredung hatte, worauf sie sich freute. Ich hatte fast das Gefühl, eine erste Freundschaft zu schließen.

Dies war der Grund, weshalb ich anfing, Virna anzuschauen, was ich sonst nicht häufig tue. Normalerweise fühlt sich mein Kopf wie aus Beton an, wenn ich ihn zu heben versuche, und ich schaffe es selten bis auf Augenhöhe mit anderen Menschen, da ich immer in einem Rollstuhl sitze oder liege. Es kostet mich so viel Kraft, dass ich es schon vor langem aufgab, Augenkontakt mit anderen Leuten zu suchen, die mich zwar anschauen, aber nicht wirklich sehen. Stundenlang sitze ich jeden Tag da und starre blicklos in die Gegend. Doch das änderte sich, als Virna damit begann, bei mir und einigen meiner Gefängnisgenossen Aromatherapie-Massagen anzuwenden, um unsere verbogenen Gliedmaßen zu lockern. Während sie meine schmerzenden Muskeln durchknetete, gelang es mir, ihr zuzuschauen, wie sie mit mir sprach, und Schritt für Schritt begann ich aus dem Schneckenhaus herauszulinsen, in das ich mich verkrochen hatte.

Virna schaute mich direkt an. So, wie es seit langem keiner mehr bei mir getan hatte. Sie erkannte, dass meine Augen wahrhaftig die Fenster zu meiner Seele waren, und sie kam mehr und mehr zu der Überzeugung, dass ich verstand, was sie sagte. Doch wie sollte sie anderen erklären, dass der nicht reagierende Geisterjunge zu mehr imstande war, als alle dachten?

Monate wurden zu einem Jahr und bald zu einem zweiten. Virna hatte vor ungefähr sechs Monaten im Fernsehen den Bericht über eine Frau gesehen, der man das Kommunizieren ermöglicht hatte, nachdem sie infolge eines Schlaganfalls ihre Sprache verloren hatte. Kurz darauf ging Virna an einem Tag der offenen Tür in ein nahe gelegenes Institut, in dem Fachleute darüber berichteten, welche Möglichkeiten es gab, Menschen zu helfen, die ihr Sprachvermögen verloren hatten. Als sie zurückkam, erzählte sie mir total begeistert, was sie dort erfahren hatte.

»Die setzen Tastaturen und elektronische Geräte ein, mit deren Hilfe die Menschen kommunizieren können«, sagte sie. »Glaubst du, du könntest so etwas auch, Martin? Ich bin sicher, dass du es kannst.«

Andere Pfleger unseres Heims waren ebenfalls zu diesem Tag der offenen Tür gegangen, doch sie waren weniger überzeugt als Virna, dass ich ein geeigneter Kandidat für diese Technik sein könnte.

»Glaubst du wirklich, er hätte das Zeug dazu?«, fragte eine Pflegerin, nachdem Virna ihre Hoffnung für mich geäußert hatte.

Die Frau beugte sich mit dem Anflug eines Grinsens über mich, und ich versuchte zu lächeln und ihr zu zeigen, dass ich verstanden hatte, was sie sagte. Doch meine beiden einzigen Gesten – den Kopf nach rechts schleudern und lachen – wurden als reflexhafte Reaktionen eines unentwickelten Verstandes interpretiert, als eine Form von Antwort, wie sie auch ein sechs Monate altes Baby geben könnte. Die Frau ging nicht darauf ein. Stattdessen schaute sie mich an und seufzte, während ihr Grinsen verschwand. Ich überlegte, ob sie wohl wusste, dass ihr Atem nach dem Kaffee, den sie vor kurzem getrunken hatte, bitter roch.

»Kannst du dir etwas derart Blödsinniges vorstellen?«, fragte sie später ihre Freundin, nachdem Virna gegangen war. »Da besteht doch nicht die geringste Chance, dass irgendjemand von denen kommunizieren könnte.«

Die beiden Frauen blickten sich im Raum um.

»Gertje vielleicht?«

Sie schauten auf einen kleinen Jungen, der in der Nähe mit einem Spielzeugauto hantierte.

»Der ist ein bisschen besser dran als die anderen, meinst du nicht?«

Die Frauen schwiegen einen Moment, bevor sie ihren Blick wieder auf mir ruhen ließen. Sie sagten kein Wort und betrachteten mich, wie ich da in meinem Rollstuhl saß. Sie brauchten auch nichts zu sagen. Ich wusste, dass man mich an einem Ort, bei dem man als einzige Aufnahmebedingung einen IQ von 30 oder weniger vorweisen musste, für eines der am wenigsten funktionierenden Wesen hielt.

Allen Zweifeln zum Trotz ließ sich Virna nicht beirren. Nachdem sie den Leuten ein ums andere Mal erzählt hatte, sie glaube fest daran, dass ich verstünde, was man zu mir sagte, redete sie mit meinen Eltern, und diese gaben ihre Zustimmung zu einem Test.

Morgen bringen sie mich an einen Ort, wo man mir möglicherweise endlich einen Schlüssel zu meiner Gefängnistür liefert.

»Du wirst dein Bestes geben, nicht wahr?«, sagt Virna jetzt, während sie mich anschaut.

Ich sehe, dass sie sich Sorgen macht. Zweifel huschen über ihr Gesicht wie die Schatten von Wolken, die an einem sonnigen Tag über das Land rasen. Ich erwidere ihren Blick und würde ihr so gerne sagen, dass ich jede Faser meiner Existenz einsetzen werde, um das Beste aus einer Chance zu machen, von der ich nicht gedacht hatte, sie jemals zu bekommen. Es ist das erste Mal, dass ich so einer Beurteilung unterzogen werde, und ich werde alles in meiner Macht Stehende unternehmen, um ein kleines Zeichen zu geben, dass es sich lohnt, mir Beachtung zu schenken.

»Bitte, gib dir jede erdenkliche Mühe, Martin!«, sagt Virna. »Es ist so wichtig, ihnen zu zeigen, was du kannst. Ich weiß nämlich, dass du es kannst!«

Ich schaue sie an. Tränen schimmern in ihren Augen. Ihr Glaube an mich ist so unendlich stark, dass ich Virna keinesfalls enttäuschen darf.

6
Erwachen

Zischend gleiten vor mir zwei Scheiben einer Glastür zur Seite. Türen wie diese habe ich nie zuvor gesehen. Wieder einmal hat mich die Welt überrascht. Manchmal sehe ich etwas von ihr, wenn sie am Fenster eines Autos vorbeizieht, in dem ich sitze, doch ansonsten bleibt sie mir verschlossen. Die flüchtigen Eindrücke, die ich von der Welt bekomme, faszinieren mich jedes Mal. So verbrachte ich mal Tage damit, über das Handy eines Arztes zu grübeln, nachdem ich es an seinem Gürtel entdeckt hatte: Es war so viel kleiner als das meines Vaters, dass ich mich die ganze Zeit fragte, durch welche Art Batterie es wohl mit Energie versorgt wurde. Es gibt furchtbar viele Dinge, die ich gerne verstehen würde.

Mein Vater schiebt den Rollstuhl, als wir das Institut für augmentative und alternative Kommunikation an der Universität von Pretoria betreten. Wir schreiben Juli 2001 – dreizehn und ein halbes Jahr nach Beginn meiner Krankheit. Draußen auf dem Bürgersteig sah ich Studenten im Sonnenschein spazieren gehen und lachen, über ihnen wölbten sich Palisanderbäume, doch hier drinnen im Gebäude herrscht völlige Stille. Wir sind eine kleine Gruppe von Forschern auf Entdeckungsreise, auf der Erkundung einer unbekannten Welt: meine Eltern, mein Bruder David und Virna, außerdem Marietta und Elize, eine Pflegerin und eine Physiotherapeutin, die mich seit Jahren kennen.

»Mr und Mrs Pistorius?«, fragt eine Stimme, und ich hebe den Blick, um eine Frau zu sehen. »Mein Name ist Shakila, und ich werde Martin heute testen und beurteilen. Wir sind noch dabei, den Raum vorzubereiten, aber es wird nicht lange dauern.«

Angst überkommt mich. Ich kann nicht in die Gesichter der anderen blicken; ich möchte nicht den Zweifel oder die Hoffnung in ihren Augen sehen, während wir stumm herumstehen. Dann werden wir in einen kleinen Raum geführt, in dem Shakila mit einer anderen Frau namens Yasmin wartet. Ich lasse den Kopf hängen, während sie mit meinen Eltern reden. Die Innenseite meiner Wange fühlt sich wund an. Ich habe mich versehentlich gebissen, als ich vorhin zu Mittag gefüttert wurde, und mein Mund ist immer noch empfindlich, obwohl die Blutung inzwischen aufgehört hat.

Als Shakila sich bei meinen Eltern nach meiner Krankheitsgeschichte erkundigt, frage ich mich, was sie nach so langer Zeit denken mögen. Haben sie genauso viel Angst wie ich?

»Martin?«, höre ich eine Stimme sagen, und mein Rollstuhl wird durch den Raum geschoben.

Wir halten direkt vor einer großen durchsichtigen Tafel aus Plexiglas auf einem Metallständer. Rote Linien verlaufen kreuz und quer über den Schirm und unterteilen ihn in kleine Kästchen, auf die bei manchen schwarze und weiße Bilder geklebt sind. Die Strichzeichnungen zeigen einfache Dinge – einen Ball, einen laufenden Wasserhahn, einen Hund –, und Shakila steht auf der anderen Seite der Tafel und beobachtet mich genau, während ich darauf starre.

»Ich möchte, dass du dir das Bild mit dem Ball anschaust, Martin«, sagt Shakila.

Ich hebe etwas den Kopf und lasse meine Augen die Tafel absuchen. Ich habe nicht genügend Kontrolle über meinen Kopf, um ihn präzise von einer Seite zur anderen zu bewegen, daher sind die Augen die einzigen Teile meines Körpers, die ich vollkommen beherrsche. Sie gleiten hin und her über die Bilder, bis ich den Ball finde. Ich fixiere ihn mit meinem Blick und starre darauf.

»Gut, Martin, das ist sehr gut«, sagt Shakila sanft und schaut mich an.

Plötzlich kommt Angst in mir auf. Blicke ich auf das richtige Bild? Sind meine Augen wirklich auf den Ball gerichtet, oder schauen sie auf ein anderes Symbol? Ich bin mir nicht sicher.

»Jetzt möchte ich, dass du dir den Hund anschaust«, sagt Shakila, und ich beginne wieder zu suchen.

Mein Blick wandert langsam über die Bilder, ich will nicht, dass ich einen Fehler mache oder etwas übersehe. Ich suche langsam weiter, bis ich das Bild mit dem Hund auf der linken Seite der Tafel entdecke, und starre darauf.

»Und jetzt der Fernsehapparat«, sagt sie.

Das Bild mit dem Fernsehapparat ist schnell gefunden. Obwohl ich meinen Blick starr darauf gerichtet halten möchte, um Shakila zu zeigen, dass ich gefunden habe, worum sie mich gebeten hat, fällt mir plötzlich das Kinn auf die Brust. Ich versuche, nicht in Panik zu geraten, und frage mich, ob ich beim Test durchgefallen bin.

»Wollen wir jetzt etwas anderes versuchen?«, fragt Shakila, und mein Rollstuhl wird zu einem Tisch geschoben, auf dem lauter Karten liegen.

Auf jeder Karte sind ein Wort und eine Zeichnung zu sehen. Panik! Ich kann die Wörter nicht lesen. Ich weiß nicht, was sie bedeuten. Wenn ich sie nicht lesen kann, habe ich dann den Test nicht bestanden? Und wenn ich beim Test durchfalle, muss ich dann zurück ins Pflegeheim und dort für immer rumsitzen? Mein Herz beginnt schmerzhaft in meiner Brust zu pochen.

»Kannst du bitte auf das Wort ›Mama‹ zeigen, Martin?«, fragt mich Yasmin, die andere Sprachtherapeutin.

Ich weiß nicht, wie das Wort ›Mama‹ aussieht, dennoch starre ich auf meine rechte Hand, weil ich will, dass sie sich bewegt, dass sie wenigstens mit einem kleinen Zeichen vermittelt, dass ich verstanden habe, was von mir verlangt wird. Meine Hand zittert unbändig, als ich versuche, sie von meinem Schoß zu heben. Im Raum herrscht Totenstille, während sich mein Arm langsam in die Luft bewegt, bevor er wild von einer Seite zur anderen ruckt. Ich hasse meinen Arm.

»Sollen wir es noch einmal versuchen?«, fragt Shakila.

Ich komme nur erschreckend langsam voran, als ich gebeten werde, Symbole zu identifizieren, indem ich auf sie zeige. Ich schäme mich meines nutzlosen Körpers, und ich bin wütend, dass ich es nicht gleich beim ersten Mal besser machen kann, wenn man ...

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