Logo weiterlesen.de
Als ich lernte zu fliegen

Über die Autorin

Roopa Farooki ist Repräsentantin des Familienberatungsdienstes Relate, einer eingetragenen Wohltätigkeitsorganisation, die hilfsbedürftigen Kindern, Eltern und Familien Tipps, Beratung und Workshops anbietet.

ROOPA FAROOKI

Als ich lernte
zu fliegen

Roman

Übersetzung aus dem Englischen
von Maria Andreas-Hoole

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Schwestern Preeti und Kiron – für alles, was uns unterscheidet, und alles, was wir gemeinsam haben

Und im Gedenken an unsere Nanu, Firdousi Khanum

Hinweis zum Text:

Die in diesem Roman enthaltenen Beschreibungen eines neurodermitischen Ekzems beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen, die nicht die typische Form des Krankheitsbildes widerspiegeln.

Weitere Informationen über Neurodermitis erhalten Sie zum Beispiel bei: www.neurodermitis.net oder www.neurodermitis-bund.de

Der Saal hatte ringsum lauter Türen, aber sie waren versperrt; und als Alice schließlich an jeder einzelnen gerüttelt hatte, zuerst auf der einen Seite, dann auf der anderen, ging sie traurig in die Mitte zurück und fragte sich, wie sie hier wohl jemals wieder herauskommen sollte.

LEWIS CARROLL,
»ALICE IM WUNDERLAND«

Ornament2

Ich arbeite an mir, um aus mir einen Seher zu machen. Es geht darum, durch ein Entgrenzen aller Sinne am Ende im Unbekannten anzukommen. Es ist falsch, wenn einer sagt: Ich denke. Ich ist ein anderer.

Je travaille à me rendre voyant. Il s’agit d’arriver à l’inconnu par le dérèglement de tous les sens. C’est faux de dire: Je pense. Car je est un autre.

ARTHUR RIMBAUD

Als ob es ihn nicht gäbe

Ornament1

An Asif Declan Kalil Murphy nagt eine stumme Wut, wenn er an seinen Namen denkt. Und an seine früh verstorbenen Eltern. Denen nimmt er nicht nur seinen Namen übel, sondern noch vieles andere, nicht zuletzt ihren verfrühten Abgang aus diesem Leben. An seinem Namen stört ihn, dass er viel zu hohe Erwartungen weckt, einen faszinierenden Exoten verspricht, der den spleenigen Charme des Iren mit der poetischen Mystik des indischen Subkontinents verbindet. Diese Messlatte ist für Asif zu hoch; deshalb legt er seine Flugbahn wie eine schwirrende Motte lieber etwas tiefer, meidet Situationen, in denen er sich namentlich vorstellen muss, und versteckt sich ansonsten hinter seinen Initialen. Es fällt ihm viel leichter, A. Murphy zu sein, a Murphy, »ein« Murphy wie jeder andere, einer in der Masse irischer Einwanderer, die Nordlondon überschwemmen. Oder besser noch, einfach A.M., I am, »ich bin«. Ich bin, was ich bin, denkt Asif, als seine U-Bahn in die trostlosen Tiefen von Finchley Central rumpelt, wo die Bahnsteigkanten rutschig vom Regen sind und es aus unbekannter Quelle nach Ammoniak stinkt. Ich bin, was ich bin, sinniert er, nichts Besonderes, habe weder interessante Macken, noch bin ich kreativ, sondern nur unscheinbar, zum Gähnen langweilig, absoluter Durchschnitt, ein kleiner Niemand eben. Irgendwann, denkt er, muss er wirklich aufhören, seinen Eltern die Schuld daran zu geben. Aber noch ist es nicht so weit. Er ist immer noch jung, gerade mal dreiundzwanzig, in ihm schwelt vermutlich noch genug Groll für Jahre. Er ist Buchhalter wie zuvor seine pakistanisch-stämmige Mutter; ihm fehlt ihr starker Wille, dafür hat er ihre labile Gesundheit geerbt. Sein Vater war ein Held; er starb auf einer Friedensmission, mehrere Jahre, bevor das schwache Herz seiner Frau versagte. Asif weiß, dass er bei Weitem nicht so mutig, aber ebenso pflichtbewusst ist wie sein Vater und ebenso gern Befehle ausführt. Es kommt ihm vor wie ein schlechter Scherz, dass genau diese Eigenschaften, die seinen Vater das Leben gekostet haben, auch ihm selbst ein eigenes Leben verwehren. Asif ist keiner, der ständig flucht, aber er gibt gern zu, dass er vor Aufregung eine Gänsehaut bekam, als er zum ersten Mal das rebellische Gedicht von Philip Larkin hörte, natürlich aus Lilas Mund:

Mama und Papa, die versau’n dich,

vielleicht nicht mit Absicht, aber sie tun’s,

verpassen dir ihre eigenen Macken

und extra für dich noch ein paar dazu.

Das war genial auf den Punkt gebracht. Als wäre zu einer Melodie, die er schon sein Leben lang vor sich hinsummte, endlich der passende Text geschrieben worden.

Ornament2

Asif steigt die Treppe des U-Bahnhofs hinauf, kehrt der schäbigen High Street den Rücken zu und geht durch schmale Alleen nach Hause. Er hat das Haus seiner Eltern geerbt, mit denen er so hadert, und wohnt darin mit seiner jüngsten Schwester Yasmin. Schmutz und Unordnung bestimmen in Finchley das Straßenbild, die knorrigen, kränkelnden Bäume sind alles andere als idyllisch, trotzdem ist ihm dieser Gang zur U-Bahn und zurück die liebste Zeit des Tages. Da muss er sich nicht wie an seinem Arbeitsplatz sorgen, ob er genug leistet, ob er bei der nächsten Beurteilung »die Erwartungen durchweg erfüllt« oder »die Erwartungen durchweg enttäuscht«. Und er muss sich auch nicht vor ganz ähnlichen Dingen fürchten wie zu Hause, vor der wortlosen Beurteilung durch Yasmins betreuende Ärzte und Therapeuten. Der Weg zur U-Bahn ist für Asif eine Art Freiraum, dort ist er nicht schlechter oder anders als alle anderen. Er stellt sich gern vor, dass er geheime Superkräfte besitzt, denn er ist unsichtbar in seinem schicken Anzug, seinem tadellos gebügelten Hemd, seinen guten Schuhen und der zerschlissenen Aktentasche, die er unbegreiflicherweise trägt wie einen Siegespreis, als hätte sie eine Geschichte – ähnlich stolz würde man vielleicht eine gebrochene Nase zur Schau tragen. Asif ist einer dieser jungen Männer mit nettem Gesicht, die keiner bemerkt.

Als er in seine Straße einbiegt, klingelt sein Handy. Er bleibt vor dem Laden an der Ecke stehen, von wo er sein Haus voll im Blick hat, und sieht, wie sich im oberen Fenster die Vorhänge bewegen. Yasmin hält nach ihm Ausschau, wie immer zwischen sechs und sechs Uhr dreißig. Er weiß aus früheren Erfahrungen, dass sie in Panik ausbricht, wenn sie ihn nicht sieht, und weicht deshalb nie ohne Vorwarnung von seinem üblichen Weg ab. Er hat sich so an die leise Bewegung der Vorhänge Abend für Abend gewöhnt, dass er sich fragt, ob er nicht selbst in Panik ausbrechen würde, wenn einmal alles ruhig bliebe, als ob Yasmins Symptome womöglich ansteckend sein könnten. Nach all den Jahren, die er sich ihren Forderungen nach Beständigkeit und Routine, die einen rasend machen können, ihren Gewohnheiten und Neurosen untergeordnet hat, würde es ihn kaum überraschen, wenn er manches davon unbewusst übernähme. Mit wachsender Nervosität klopft er seine Taschen ab, bis er sein Handy endlich findet. Er ist erleichtert, als ihm das Display nur seine andere Schwester anzeigt, und meldet sich hastig, denn er weiß, dass er von der wartenden Yasmin beobachtet wird. »Hi Lila, was gibt’s?«

»Mir geht’s gut, danke, dass du nicht fragst, du Arsch. Ich hab’s doch schon immer gesagt: Wenn du den ganzen Tag mit Yasmin eingesperrt verbringst, gehen deine guten Manieren drauf.«

»Ich bin nicht den ganzen Tag mit Yasmin eingesperrt, nur abends. Tagsüber bin ich bei der Arbeit eingesperrt«, erwidert Asif. Er fühlt sich ertappt – wie nebenbei hat Lila in ein paar raschen Worten zusammengefasst, worüber er selbst seit einer Weile nachgrübelt.

»Bei den Anonymen Aktenwälzern?«, fragt Lila kichernd, zufrieden mit ihrem kleinen Witz. »Das ist doch dasselbe in Grün. Ich ruf nur zurück, weil du gestern Nachmittag versucht hast, mich zu erreichen.«

»Ah gut, du hast meine Nachricht gekriegt. Ich hatte das Gefühl, der Typ, der ans Telefon gegangen ist, stand ziemlich neben sich.«

»Mikey? Dem gehört der Plattenladen. Der ist immer so, ich glaub, der hat als Teenager zu viel gekifft oder so. Tut er immer noch. Aber er hat einen tollen Arsch, ich überleg schon, ob ich mit ihm schlafe, wenn ich wieder Single bin.«

Asif erschrickt, wie schnell ihm jedes Gespräch mit Lila aus der Hand gleitet. Er geht auf die Arschqualität des unbekannten Mikey nicht weiter ein und fragt: »Wie ist das jetzt – du kommst doch heute Abend, so gegen acht? Ich bestell uns ein Curry.«

»Was? Als ob, Asif! Den Freitagabend zu Hause mit dir und der verdammten Miss Spock verbringen? Ganz bestimmt nicht.« Lila beginnt zu lachen und merkt dann, dass ihr Gegacker theatralisch grausam klingt, richtig nach Comic-Bösewicht. Schlagartig verstummt sie. »Egal. Ich geh heut Abend eh mit Wesley aus.«

»Das ist ja schön. Wo trefft ihr euch denn?«, fragt Asif betont höflich und beobachtet, wie der Vorhang etwas stärker schwankt.

»In der Central Bar«, gibt Lila widerwillig zu. Die Bar liegt nur zehn Fußminuten vom Haus entfernt, eine Tatsache, die unausgesprochen zwischen den beiden in der Luft hängt.

»Dann komm doch trotzdem um acht vorbei«, sagt Asif schließlich, um einen eher sachlichen als flehenden Ton bemüht. Auch in der Firma verirrt er sich oft zwischen diesen beiden Tonlagen, wenn er die Assistentinnen um ganz gewöhnliche Arbeiten bittet. »Bring Wes ruhig mit, wenn du willst. Oder lass ihn eine halbe Stunde warten, wenn wir dir peinlich sind. Yasmin hat etwas Wichtiges mit uns zu besprechen; worum es geht, wollte sie mir nicht verraten. Hat vermutlich mit der Schule zu tun.«

»Warum dreht sich immer alles um Yasmin?«, knurrt Lila. Asif antwortet nicht, denn Lila kennt die Gründe ja. »Okay, ich schau vorbei, aber wirklich nur für eine halbe Stunde. Und bestell mir ein Gemüse-Samosa, ja?« Asif lächelt, er weiß genauso gut wie Lila, dass sie eigentlich gar kein Samosa will, aber wenn sie ihn darum bittet, ist das ihre Art zu sagen, ja, ich komme, ein in Teig gewickeltes Versprechen, gefüllt mit dampfendem, aromatischem Gemüse. Sein Lächeln erlahmt etwas, als er sieht, dass der Vorhang im Fenster jetzt reglos herunterhängt; hoffentlich sitzt Yasmin nicht in der Ecke und schmollt, weil er so lange telefoniert.

Als er das Haus betritt, ist es exakt vierzehn Minuten nach sechs, also musste Yasmin heute nur vierzehn Minuten am Fenster stehen. Er versucht sich einzureden, dass er sich ihretwegen keine Sorgen machen muss; wahrscheinlich ist sie den ganzen Abend die Liebenswürdigkeit in Person und benimmt sich tadellos, wenn Lila und Wes vorbeikommen. Als ob, Asif, verspottet er sich selbst mit dem kindischen Wortspiel, das die schlaue Lila, kaum dass sie sprechen konnte, erfasst hatte und dessen sie nie überdrüssig wurde. Es gibt so viele schöne traditionelle Namen, warum mussten ihn seine Eltern ausgerechnet wie einen empörten Ausruf nennen, wie einen unfertigen Satz, Asif – as if – als ob? Das war wie etwas Bruchstückhaftes, Unvollendetes, ein nicht eingeschlagener Weg; was natürlich auch zutraf: Sie hatten ein Mädchen erwartet, das sie Kalila genannt hätten, daher sein dritter Name. Asif Declan Kalil Murphy. Ein Murphy, der ist, was er ist: ein kleiner Niemand. Als ob es ihn gar nicht gäbe.

Ornament2

Im Haus geht Asif gleich in die Küche, wo Yasmin in einer ausgebeulten Jeans und einem grauen T-Shirt an der Spüle steht und Teller wäscht, die Haare zu einem praktischen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie wirkt so normal, dass die Szene fast aussieht wie gestellt, als hätte sich Yasmin darauf vorbereitet, dass gleich jemand hereinkommen und rufen würde: Hallo Schatz, ich bin wieder da.

»Hallo Asif«, sagt sie höflich, fast förmlich steif, dreht sich aber nicht zu ihm um oder nimmt ihn sonst wie zur Kenntnis. Er ist nach Hause gekommen wie immer, und das genügt ihr. Irgendetwas stimmt nicht ganz an dieser Szene, ein Fremder bräuchte einige Zeit, um es herauszufinden, es ist ein wenig wie bei diesen Suchbilderpaaren in Zeitschriften, bei denen man winzige Unterschiede aufspüren muss, ein verändertes Detail im Laubwerk des Hintergrunds, eine verschobene Haarsträhne. Asif ist mit Yasmin vertraut und braucht nicht lange, bis er es erkennt: Die Teller, die sie penibel schrubbt, sind bereits sauber, wahrscheinlich hat sie einen Stapel aus dem Schrank oder aus der Spülmaschine genommen. Manchmal bügelt Yasmin bereits gebügelte Sachen, obwohl Asif aus offensichtlichen Gründen nicht ganz wohl dabei ist, wenn sie in seiner Abwesenheit das Bügeleisen benutzt. Und manchmal wäscht sie saubere Bettwäsche. Denn sie liebt das friedvolle, beruhigende Gefühl, das solche routinemäßigen Hausarbeiten begleitet, diese wunderbar gewöhnlichen Dinge, um die Mum sich gekümmert hat, wenn sie sich nicht um Yasmin kümmern musste.

Asif sagt nichts dazu, stellt die Aktentasche ab und informiert seine Schwester: »Lila kommt um acht, wie du wolltest.«

»Super, danke«, sagt Yasmin mechanisch und stellt den letzten gespülten Teller in den Geschirrständer.

»Vielleicht bringt sie Wesley mit«, fügt Asif hinzu. »Oder sie lässt ihn in der Central Bar warten und kommt allein.« Er sieht, wie sich Yasmins Schultern verspannen, nicht, weil sie Wesley nicht mag, sondern weil sie die Ungewissheit nicht mag, ob er kommt oder nicht.

»Super, danke«, sagt sie schließlich und erinnert sich diesmal, dass sie Asif dabei ansehen muss; ganz bewusst schaut sie ihm in die Augen. Yasmins eigene Augen sind haselnussbraun, klar und sehr schön; ihre Therapeuten haben ihr gelegentlich Komplimente über ihre schönen Augen gemacht, was Asif absolut unangebracht findet. Er lässt sie mit niemandem allein, den er nicht kennt und dem er nicht vertraut, Spezialist hin oder her, schon gar nicht mit einem dubiosen Fachidioten, der Bemerkungen über ihr Aussehen macht. Yasmin hatte noch nie einen Freund, und Asif befürchtet, dass bei ihrer Unerfahrenheit, Jugend und Verletzlichkeit die falsche Sorte Mann leichtes Spiel mit ihr hätte. Yasmin erwidert seinen Blick und zählt dabei innerlich »Mississippi eins, Mississippi zwei«, wie Mum es ihr beigebracht hat, dann befördert sie die Teller aus dem Ständer wieder in die Spüle, um sie noch einmal abzuwaschen.

Asif sieht ihr eine Weile zu. Ob er sie fragen soll, wie ihr Tag gewesen ist? Lilas unvermuteter Seitenhieb schmerzt noch immer, und er überlegt, ob er Yasmin daran erinnern soll, dass ein wohlerzogener Mensch zu Beginn einer Unterhaltung den anderen erst einmal fragt, wie es ihm geht. Aber dann müsste er Yasmin darauf hinweisen, dass sie auch der Antwort zuhören und darauf eingehen muss. Das erscheint ihm plötzlich mühsam, er fühlt sich dieser Erziehungsarbeit nicht gewachsen. Am liebsten hätte er jetzt einfach ein Bier und würde ein bisschen fernsehen. Der Rest des Abends dehnt sich unangenehm vor ihm aus, wieder ein Abend, an dem er Yasmin unterhalten oder vielmehr auf sie aufpassen muss, während sie sich selbst unterhält. Der Hüter seiner kleinen Schwester. Die Freitage sind am schlimmsten, weil er weiß, dass er am nächsten Morgen nicht entkommen kann, sondern das ganze qualvolle Wochenende für sie da sein muss. Er wird gesundes Essen kochen, das Yasmin wahrscheinlich verschmähen wird – sie isst lieber Fertigmahlzeiten, säuberlich in diverse Fächer eines Alubehälters abgefüllt. Er wird pädagogisch wertvolle Aktivitäten planen, um Yasmin aus ihrem Zimmer, von ihrem Fernseher und Computer wegzulocken, wenigstens eine Weile. So müssen sich alleinerziehende Mütter fühlen, denkt er. Voller Unbehagen stellt er fest, dass er lieber an jedem anderen Ort der Erde wäre als hier.

Asif versucht sich damit zu trösten, dass heute Abend immerhin Lila vorbeischaut, aber er weiß auch, dass sie nur kurz bleiben wird. Sich um Yasmin zu kümmern, betrachtet sie nicht als ihre Aufgabe; sie glaubt nicht einmal, dass Yasmin einen Aufpasser braucht – als hätte Yasmin die letzten neunzehn Jahre nur ein raffiniertes Spiel mit ihnen getrieben, einfach weil sie ein Ekel ist. Und so bleibt nur Asif, der sich kümmert und alles macht, der sich sorgt, wie er es sein ganzes Leben getan hat, erst recht seit dem Tod der Eltern. Kein Wunder, dass er sie hasst; nein, korrigiert er sich streng, ich empfinde Groll gegen sie. Es ist okay, seinen toten Eltern zu grollen, nicht aber, sie zu hassen, nur weil sie tot sind. Wieder einer dieser feinen Unterschiede, die er Yasmin erst erklären müsste.

Ornament2

Asif bestellt das Take-away-Curry und holt ein Bier aus dem Kühlschrank. An der Kühlschranktür hängt ein Foto von seiner Mutter mit ihnen dreien als Kindern; die kleine Yasmin sitzt auf Mums Schoß, beugt sich aber ängstlich vor, um jede Berührung mit den Geschwistern zu vermeiden. Lila und er stehen abgedrängt an der Seite. Für ihn als Kind war seine Mutter die schönste Frau der Welt, schön wie eine Braut mit ihrem immer frischen Gesicht und der Rosentau-Haut. Aber wenn er das Foto jetzt betrachtet, erkennt er in ihrem Lächeln eine unnatürliche, angespannte, beinahe abwägende Ruhe, als fordere sie ihr Gegenüber heraus: Wag es bloß, mich oder meine Kinder zu kritisieren! Er hört noch ihre Stimme: »Beschäftige dich mit ihr, Asif; du musst auf sie zugehen, sonst lernt sie nie …«

»Was lernt sie nie, Mum?«, hatte Asif mit pubertärem Missmut erwidert, weil sie den Satz absichtlich in der Luft hängen ließ. »Normal sein?« Da warf ihm seine Mutter einen so enttäuschten Blick zu, dass es ihm fast lieber gewesen wäre, sie hätte ihn geschlagen, wie sie manchmal Lila schlug. Eine genau bemessene, eher traurig als wütend ausgeteilte Ohrfeige, die ihr die Grenzen aufzeigte, dazu der leise Befehl: »Geh in dein Zimmer und denk darüber nach, was du da gesagt hast.« Dann presste Lila die Hand aufs schmerzende Gesicht und schrie schluchzend das Erstbeste, was ihr einfiel, diesen überstrapazierten Satz, der sie jetzt, Jahre später, wahrscheinlich verfolgte: »Ich HASSE dich, ich wünschte, du wärst TOT«, und rannte nach oben.

Manchmal denkt Asif, er sollte das Foto abnehmen, aber das käme ihm vor wie eine Niederlage, als riefe ihm seine Mutter aus der sicheren Entfernung ihrer Wolke harfezupfend zu: Wusste ich’s doch! Wie einfach wäre es, wenn er sich nicht mit Yasmin abgäbe. Nur gleichgültig das Haus mit ihr teilte wie in einer WG, die über eine Anzeige im Internet zusammengefunden hat. Oder wenn sie nebeneinanderher lebten wie zwei Kleinkinder in der Krippe, die sich das Spielzeug teilen und nebeneinandersitzen, aber nicht miteinander spielen. Zwei Lebenswege, die parallel laufen und sich nie berühren. Sie könnte die ganze Woche am Computer sitzen, immer wieder dieselbe Episode der Simpsons gucken und dieselben Kleider tragen, ohne dass er darüber ein Wort verlöre; und er könnte zur Arbeit fahren, danach in den Pub gehen, mit einem netten Mädchen rumknutschen, betrunken nach Hause kommen und auf dem Sofa einschlafen, ohne darauf achten zu müssen, ob Yasmin gegessen, die Hausaufgaben gemacht oder ihre Arzttermine eingehalten hat. Beschäftige dich mit ihr, Asif, rät seine Mutter ihm kühl. Yasmin bemitleidet sich nicht, warum tust du’s?

Asif seufzt, er schafft es nicht, ungehorsam zu sein, nicht einmal, wenn der Befehl nur noch eine Erinnerung ist. »Danke fürs Abwaschen, Yas«, sagt er. »Wie war’s heute in der Schule?«

»Gut«, antwortet Yasmin automatisch, stellt mit einem Ruck den letzten doppelt gespülten Teller in den Ständer und wendet sich vom Spülbecken ab. Sie sieht Asif an, Mississippi eins, Mississippi zwei, verlässt die Küche und geht die Treppe hinauf.

»War was Besonderes?« ruft ihr Asif beharrlich hinterher.

Yasmin bleibt stehen und betrachtet ihre Füße; heute ist eine Menge passiert: Tilly ist zehn Minuten zu spät zur Geschichtsstunde gekommen und hat versucht, ihren roten Knutschfleck am Hals mit einem lila Fransenschal zu verdecken; bei der täglichen Schülerversammlung in der Aula hat sich an einem lichtglänzenden Seidenfaden eine Spinne heruntergelassen, und sie haben aus dem Gesangbuch eines der Lieder gesungen, die Yasmin am wenigsten leiden kann, weil es fünf Druckfehler hat, über die sie sich immer ärgert; eine der Erstklässlerinnen hat auf dem Klo geheult, und Yasmin hat zwar daran gedacht, sie zu fragen, was los ist, aber vergessen, sich die Antwort anzuhören, und ist gegangen, als es zur nächsten Stunde klingelte; mittags ist sie um den Sportplatz gelaufen, achtmal im Uhrzeigersinn und achtmal gegen den Uhrzeigersinn, und hat dann in der Cafeteria ein Brot mit geriebenem Käse gegessen und Orangensaft dazu getrunken; Mr. Hutchinson hat mit einem aufgesetzten mittelenglischen Akzent aus Chaucers Canterbury Tales vorgelesen, aber sie konnte in seiner Aussprache einunddreißig Unstimmigkeiten zählen, und als er fertig war, hing an seiner Lippe ein Spuckebläschen; in Französisch haben sie mit dem Roman L’Etranger von Camus angefangen, der mit dem Satz Aujourd’hui, maman est morte beginnt, und die ersten Kapitel sollen einen schockieren, weil die Mutter des Helden gerade gestorben ist und er eine Trauerbinde anlegt, sich aber trotzdem mit einem Mädchen trifft und einen lustigen Film mit einem berühmten französischen Komiker ansieht, aber Yasmin war überhaupt nicht schockiert, weil sie nach Mums Beerdigung gern die Simpsons gesehen hätte und es nur wegen Lila bleiben ließ …

Yasmin blickt von ihren Füßen auf und die Treppe zu Asif hinunter, während sie überlegt, ob eines dieser Ereignisse als »besonders« einzustufen sei. Seit Asifs Frage sind nur wenige Sekunden vergangen, und alle diese Bilder und noch viele weitere wirbeln ihr hartnäckig und gestochen scharf im Kopf herum; jedes fühlt sich anders an, ist anders geformt, schmeckt anders und klingt mit einer anderen Musik, jeder erinnerte Moment ist genauso gegenwärtig, laut und eindringlich wie der nächste, als forderten sie alle, Yasmin solle sie als etwas Besonderes auswählen, obwohl sie weiß, dass wahrscheinlich alle völlig irrelevant sind. Yasmin heftet den Blick auf das Glas in Asifs Hand und sagt, ohne weiter zu zögern: »Ja, ich habe heute Mittag Orangensaft getrunken. Normalerweise ist der schon aus, wenn ich in die Cafeteria komme, aber heute war noch was da.« Sie ist zufrieden mit sich, weil sie diese kleine Leistung abgeliefert hat: Er hat gefragt, und sie hat geantwortet, das ganz normale Ping-Pong-Gespräch, bei dem der Ball schnell genug zurückgeschlagen werden muss und nicht von der Platte springen darf. Bei diesem Spiel heute gibt es keine Zuschauer; wären aber welche da, dann würden sie nach links, nach rechts und wieder nach links gucken, wenn Asifs Worte und dann ihre, ping pong, über das unsichtbare Netz fliegen, von einem Bewusstsein zum anderen. Was sie erzählt hat, interessiert sie selbst nicht im Geringsten, aber sie hofft, dass Asif es interessant findet.

Asif lächelt sie ermutigend an. »Schön! In unserer Bürokantine gibt’s gar keinen Orangensaft. Nur jede Menge Früchte-Smoothies in ausgefallenen Mischungen. Du warst schon mal mit mir dort, weißt du noch?« Yasmin erwidert sein Lächeln, eine wichtige mimische Reaktion, damit er zufrieden ist, denn sie zeigt ihm damit, ja, sie erinnert sich. Aber das bewusste Lächeln lenkt sie ab, sie bekommt nicht richtig mit, was er sagt, und merkt, dass sie den Ball von der Platte hat rollen lassen. Bäte sie Asif, seinen letzten Satz zu wiederholen, würde er ihren Patzer bemerken, deshalb brummt sie nur bejahend, nachdem sie schon aufgehört hat zu lächeln. Das kommt bei Asif so an, als stimme sie seinen letzten Worten mit unnötigem Ernst zu, um das Gespräch wirkungsvoll zu beenden, deshalb bemüht er sich nicht weiter, als sie die Treppe hinaufgeht. Kurz darauf hört er aus ihrem Zimmer die vertraute Titelmelodie der Simpsons, die er früher so gern mochte, heute aber abgrundtief hasst.

Wo sie einmal lebte

Ornament1

Als Lila um die Ecke biegt, zu dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, spürt sie an Oberarmen und Schultern das alte, rasende Jucken. Es überkommt sie wie Schüttelfrost. Sie sehnt sich geradezu danach, sich zu kratzen, sich wie verrückt zu zerschrammen, die Hautblasen aufzureißen; sie spürt in sich das Verlangen nach der zwiespältigen Erleichterung, die sich einstellt, wenn das Blut fließt. Damit sie sich im Schlaf nicht kratzt, schneidet sie auf Anweisung des Arztes die Fingernägel rigoros zurück, nicht der schmalste weiße Rand darf bleiben. Nun gräbt sie die Fingerkuppen in ihre weichen, kräftigen Handflächen. Die lassen sich nicht so leicht aufritzen, deshalb kriegen sie einiges ab. Für Lila wird ihre Haut zur täglichen Folter, sie juckt, platzt ab, bekommt grundlos Risse und verdickt sich. Aber Lila kennt kein Erbarmen, kratzt jede anstößige Hautschuppe weg, schält ihre Außenhülle jeden Morgen mithilfe minutiöser Pinzettenchirurgie und grobem Geschrubbe, bis sie glänzt, wund und neu. Dann trägt sie Make-up auf, viel zu viel, und überzieht die rohe Glätte so geschickt mit einem rosigen Schimmer, dass sie manchmal sogar Komplimente für ihren strahlenden Teint bekommt. Das pulsierende Jucken, die Absonderungen ihrer Körperoberfläche sind für sie entsetzlich, aber mit eisernem Willen und brutalen Pflegemaßnahmen gelingt es ihr, beides gerade so in den Griff zu bekommen; ja, in ihrem verkorksten Leben scheint es ihr manchmal, als wäre es das Einzige, das sie tatsächlich im Griff hat.

Ornament2

Wesley wartet am Ende der Straße schon auf sie. »Ich dachte, wir gehen zusammen rein«, erklärt er ihr beim Begrüßungskuss. »Wow, du siehst toll aus«, ergänzt er bewundernd. »Wir sollten uns was Besseres aussuchen als das Central. Wie wär’s mit dem Nobu?«

Lila geht über das Kompliment hinweg. »Ist ja süß von dir, aber ich hab keinen Bock, heute Abend mit der U-Bahn in die Stadt zu fahren.« Sie sieht immer toll aus und weiß es auch, weil es sie viel Arbeit kostet; fast ärgert sie sich selbst darüber, wie brillant und erfolgreich sie ihren Makel verbergen kann. Heute früh hat sie mit zurückgebundenem Haar am Waschbecken gestanden und unermüdlich an ihrer Augenpartie geschrubbt, wo sich die Trockenheit festgefressen hatte und die Haut so heftig spannte, dass die Falte des einen Lids nicht mehr an der richtigen Stelle saß; sie konnte drücken, wie sie wollte, der schiefe, irre Gesichtsausdruck ließ sich nicht korrigieren. Eine Stunde und dreiundfünfzig Minuten lang mühte sich Lila ab, ihr Gesicht zurückzubekommen, bis es ihr endlich, wie immer, gelang.

»Willst du damit andeuten, ich soll was für ein Taxi springen lassen?«, fragt Wesley belustigt.

»Du weißt doch, Andeutungen sind nicht mein Ding«, antwortet Lisa so trocken, dass es fast klingt, als wolle sie flirten. Dabei ärgert sie sich nur, dass sie sich bis auf die Minute daran erinnert, wie lang die Gesichtspolitur gedauert hat; die Exaktheit der Zeitangabe hat fast schon etwas Zwanghaftes, und sie fragt sich, ob sie nicht schon Yasmins Symptome nachahmt, als würde sie ihre Schwester darum beneiden. Es zählt nicht das, was wir gemeinsam haben, sondern das, was uns unterscheidet, denkt Lila dann und schiebt ihre weiche Hand besitzergreifend in die von Wesley, wie man es als Freundin eben so macht – eine Geste, die ihrer Meinung nach Zuneigung eher imitiert als ausdrückt.

Ornament2

»Hi«, begrüßt Asif die beiden, als er die Tür öffnet. Er schüttelt Wesley die Hand, »Alles klar, Wes?«, und küsst Lila auf beide Wangen. Yasmin sitzt im Wohnzimmer, einen Teller Bhajis und Pakoras auf dem Schoß; sie gibt Wesley ruhig die Hand, und als Lila sie mit überwältigendem Überschwang an sich zieht und abknutscht, hält sie stoisch still wie ein Kind, das von einer vollbusigen, aufdringlich parfümierten Tante geherzt wird. Wenn es um körperliche Nähe geht, nimmt Lila auf Yasmins Asperger-Syndrom bewusst keine Rücksicht. Wie sie ihre Schwester küsst und umarmt, ist fast schon gefühllos, ja grausam; aber womöglich verdankt es Yasmin gerade der furchteinflößend liebevollen, ungestümen Art ihrer Schwester, dass sie sich an Berührungen gewöhnt hat.

»Gut siehst du aus«, sagt Asif höflich und etwas überflüssig. Lila sieht immer wunderschön aus, aber auf eine völlig andere Weise als damals ihre Mutter. Im Kampf gegen ihren zermürbenden Hautausschlag achtet Lila peinlich darauf, dass sie immer auf Hochglanz poliert ist, und kleidet und frisiert sich stets mit einer peniblen Sorgfalt, die gar nicht zu ihrem sonstigen achtlosen Lebensstil passt, sprich: ihrer abgebrochenen Ausbildung, ihrem fehlenden beruflichen Ehrgeiz – lieber schlittert sie von einem Gelegenheitsjob in den nächsten –, ihrer Müllkippe von Wohnung, wo sie zwischen Chaos und Dreck lebt, was höchstens ihre betörten Kurzzeit-Lover malerisch finden können. Ihre Mutter dagegen hatte eine wunderbare Haut, bis zu ihrem Todestag ohne die kleinste Falte, und das ohne jede kosmetische Nachhilfe. Für ihr dickes, leicht gelocktes schulterlanges Haar besaß sie nicht einmal einen Föhn, sie drehte es einfach zusammen und steckte es hoch, damit es aus dem Weg war. Als sie mit Yasmin schwanger war, wurden sie einmal zur Hochzeit von Verwandten eingeladen; ihre Mutter war in ihrem schlichten Baumwollsari und dem zum Nackenknoten geschlungenen Haar eine Sensation. »Sie ist einfach umwerfend«, sagte eine schwer mit Schmuck behängte und dick mit Kajal geschminkte Dame aus dem Punjab, die sich die Haare aufdrehen und kunstvoll hatte frisieren lassen. »Dabei trägt sie nicht mal eine Spur Make-up«, beschwerte sich eine andere, als wäre es der Gipfel der Geschmacklosigkeit, mit so wenig Mühe so gut auszusehen. Der Stolz auf seine Mutter blähte den kleinen Asif auf wie die Puris, die Ballonbrote auf dem Buffet; ihre Augenbrauen waren wie Vogelschwingen im Flug, sie trug keinen Schmuck außer ihrem Ehering und ihrem dicken Bauch und brachte doch den ganzen Raum zum Leuchten.

Asifs Kompliment ist zwar unnötig, aber aufrichtig. Lila hat die Angewohnheit, ihren Stil und ihre Haarfarbe von heute auf morgen drastisch zu ändern, aus einer Laune heraus oder manchmal auch angeregt von einer neuen Beziehung. So wurde in den letzten zwei Jahren die Grunge-Göttin mit Dreadlocks abgelöst vom Hippiemädchen mit Münzgürtel, von einer Gothic-Braut in Lederklamotten und schließlich vom amerikanischen Popper-Girl mit gestärkter weißer Bluse unter figurbetonten Pullis und mit edlen dezenten Accessoires. Dieser letzte Look gefällt Asif recht gut, auch wegen der schicken Frisur, die sie anscheinend Wesley zu Ehren trägt, der aus New York kommt und an einer Elite-Uni studiert hat.

Wesley tut, als hätte Asif das Kompliment an ihn gerichtet. »Was, mit diesem alten Teil?«, entgegnet er ironisch und deutet auf seinen Anzug.

»Ich wäre dir dankbar, wenn du mich nicht als altes Teil bezeichnen würdest«, kontert Lila schnippisch, die wiederum so tut, als hätte Wesley sie gemeint. Sie setzt sich hin und nimmt ihr Samosa vom Couchtisch, wo Asif das Take-away-Essen aufgebaut hat. »Na, wie geht’s, Yas?«, fragt sie.

»Gut«, antwortet Yasmin automatisch. Fasziniert bewundert sie Wesleys frisch rasierte Glatze. Wesley ist schwarz und wirkt mit seinem untrüglichen Instinkt für lässigen Chic und dem im Fitness-Center modellierten Körper auf eine leicht schwule Art sehr attraktiv. Wie würde sich dieser wohlgeformte Hinterkopf in ihren Händen anfühlen, wie wäre es, in diesen durchtrainierten Armen zu liegen, deren Haut wie geschmolzene Schokolade um Sehnen und Muskeln fließt? Würde sie sich geborgen fühlen wie als kleines Kind auf dem Schoß ihrer Mutter, oder würde sie sich gefangen fühlen, bedroht? Sie beneidet Lila, dass sie sich so widerstandslos umarmen lassen, sich körperlicher Liebe ohne irgendein Getue oder Hemmungen hingeben kann.

»Na, worüber wolltest du mit uns reden? Über Leber- oder Streberwerte?«, fragt Lila, als sie Yasmin mit den Gedanken abschweifen sieht. Sie hat keine Lust, den ganzen Abend hier festzusitzen.

»Leber- oder Streberwerte?«, wiederholt Yasmin verständnislos. Lila macht das immer, haut ihr Wortspiele um die Ohren, die sie anscheinend verstehen sollte.

»Dein körperliches Befinden oder deine Noten«, erklärt Asif freundlich und wirft Lila einen leicht angesäuerten Seitenblick zu. »Hat es etwas mit deiner Therapie zu tun oder mit der Schule?«

»Ach so, weder noch«, sagt Yasmin, überdenkt ihre Antwort aber noch einmal. »Oder mit beidem. Eigentlich mit allem. Allem, was mich betrifft.« Asif und Lila werfen sich einen kurzen Blick zu; solche vagen Aussagen sehen Yasmin gar nicht ähnlich.

»Es geht um mich«, fährt sie fort. »Die wollen was nur über mich machen, aber jetzt haben sie gesagt, dass sie auch herkommen und mit euch beiden reden wollen. Die haben durch die Schulpsychologin von mir gehört.« Yasmin zieht ihren pinken Ordner hervor und reicht Asif ein zusammengeheftetes, maschinengeschriebenes Dokument. Asif liest es stirnrunzelnd durch und reicht es dann an Lila weiter, die es mit einem Achselzucken abwehrt; nachdem sie ihre vegetarischen Samosas zerlegt hat, glänzen ihre Finger vor Fett. »Als ob, Asif. Sag mir einfach, was drinsteht.«

Asif berichtet etwas verlegen: »Ein Fernsehproduzent will einen Dokumentarfilm über Yasmin und ihre Spezialbegabungen drehen. Die Filmemacher wollen auch uns dazu interviewen. Der Titelvorschlag ist Yasmin Murphy und wie sie die Welt sieht.«

»Was?«, kreischt Lila ungläubig. »Wie bitte? Ich meine, was … ich meine, wieso?« Die schiere Ungläubigkeit, mit der sie Yasmin ansieht, ist fast komisch; sie hätte nicht skeptischer reagieren können, wenn ihr Yasmin verkündet hätte, sie hätte beim Edinburgh Festival den Preis für die beste Kleinkunstperformance erhalten.

»Wahnsinn, das ist ja super«, sagt Wesley zu Yasmin, und in Lila brodelt es: Warum ist bei ihm immer alles »Wahnsinn« und »super«? Wenn ihm ein Bus über den Fuß fahren würde, wäre das immer noch »Wahnsinn« und »super«? »Gratuliere«, ergänzt er noch und lächelt Yasmin herzlich an, was Lila noch mehr auf die Palme bringt.

»Du gratulierst? Wozu denn? Es ist ja nicht so, dass sie gerade ihre Verlobung bekannt gegeben hätte«, sagt sie giftig, reißt Asif das Dokument aus der Hand und drückt dem Papier mit ihren Fettfingern glänzende, durchscheinende Flecke auf. Sie überfliegt es, blättert es rasch durch. »Was soll denn das, verdammt noch mal? Hört euch das mal an: Asperger – eine Gabe? Menschliche Bereicherung statt Behinderung? Und die wollen deine ›Spezialbegabungen‹ präsentieren – für wen halten die dich eigentlich, für ein verdammtes Rain Girl oder was?«

»Das reicht, Lila«, murmelt Asif. »Du hast Yasmin schon oft genug beleidigt. Wir sind hier, um die Sache mit ihr zu besprechen.«

Sein Beschwichtigungsversuch geht nach hinten los; mit flammenden Augen fährt Lila ihn an: »Aus welchem Loch bist du denn gekrochen, dass du dich aufspielst wie ’ne verdammte Mutterglucke?« Einen Moment zu spät merkt sie, was sie da gesagt hat, die Schmähung steht schon im Raum und lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Wie ihr Refrain Ich-HASSE-dich-ich-wünschte-du-wärst-TOT vor vielen Jahren. Ihr Zorn fällt sofort in sich zusammen, und sie sinkt wieder in ihren Sessel zurück.

Wesley ist peinlich berührt und versucht, den Vorfall mit Konversation zu überspielen. »Ich hab gar nicht gewusst, dass du Spezialbegabungen hast, Yasmin«, sagt er und wirft nervöse Blicke zu Lila hinüber. Er macht Anstalten, nach ihrer Hand zu greifen, aber als er ihr Gesicht sieht, zieht er seine Hand wieder zurück und trommelt stattdessen mit den Fingern auf den Tisch. Yasmin hat nicht begriffen, dass seine Bemerkung eine Antwort erfordert, da es sich nicht um eine direkte Frage handelte. Sie sieht dem Wirbel seiner Finger zu, eine La-Ola-Welle im Miniformat oder eine Fünf-Ton-Leiter; er hat elegante Hände, und das Oval seiner Fingernägel ist fast schon rechteckig, wie es gerade modern ist – der Nagelsalon in der High Street hat solche Nägel im Schaufenster. Ob er sich maniküren lässt? Sie überlegt, ob sie ihn fragen soll, da antwortet Asif für sie.

»Yasmin hat viele Spezialbegabungen. Zum Beispiel ein erstaunliches Gedächtnis: Sie liest wirklich schnell und erinnert sich an alles, was sie je gelesen hat, an jedes Musikstück, das sie je gehört hat, sogar an jedes Kleidungsstück, das sie an jedem x-beliebigen Tag getragen hat. Gegenstände, die sie nur ein paar Minuten gesehen hat, kann sie unglaublich detailgetreu aufzeichnen. Außerdem ist sie super in Fremdsprachen …« Er verstummt, als er merkt, dass er genauso klingt wie Mum, wenn sie Yasmin anpries und die Leute wissen ließ, dass ihre jüngste Tochter begabt war und nicht etwa behindert, dass sie Bewunderung verdiente und nicht etwa Mitleid.

»Was ist mit Mathe? Bist du auch gut in Mathe?« Wesley richtet sich diesmal direkt an Yasmin.

»Nein, in Mathe bin ich nicht besonders«, antwortet sie schlicht. »Deshalb habe ich es auch nicht als Prüfungsfach genommen.«

»Sie ist total gut in Mathe«, widerspricht Asif. »Sie kann zum Beispiel so gut wie alle dreistelligen Zahlen in die dritte Potenz setzen.«

»Zahlen in die dritte Potenz setzen ist nicht dasselbe wie gut in Mathe zu sein, oder, Yas?«, schaltet sich Lila ein, die sich gegen ihren eigenen Willen in das Gespräch hineinziehen lässt.

»Da hast du recht«, stimmt Yasmin ihr zu.

»Anscheinend haben die Fernsehleute kein so großes Interesse an deinen arithmetischen Fähigkeiten«, sagt Asif. Er blättert das Dokument, das Lila achtlos auf den Tisch geworfen hat, noch einmal durch. »Darüber gibt es schon genug; bei Autisten mit Inselbegabungen denkt man sowieso immer an Mathematikgenies. Aber diesmal sind andere Dinge wichtig – was in dir vorgeht, deine einzigartige Weltsicht, deine synästhetische Wahrnehmung, das Zusammenspiel deiner verschiedenen Sinne. Wahrscheinlich bist du ein Glücksfall für sie, nicht viele Menschen mit synästhetischer Wahrnehmung können dieses Phänomen so gut beschreiben wie du, dazu reichen ihre kommunikativen Fähigkeiten nicht.« Er wendet sich wieder an Wesley. »Yas bekommt immer Komplimente für ihre kommunikativen Fähigkeiten.«

»Ich bin nicht mehr so schlimm wie früher«, bestätigt Yasmin. Mit ungewohntem Redefluss fährt sie fort, als wiederhole sie etwas Einstudiertes: »Ich glaube, ich sollte den Leuten von mir erzählen, damit sie wissen, wie es ist, wenn man neurologisch nicht der Norm entspricht. Ich trage die Verantwortung, dass sie etwas über mich erfahren. Mum hat immer gesagt, meine Fähigkeiten wären auch mit Verantwortung verbunden.«

»Das ist doch total bescheuert«, ereifert sich Lila. »Yasmin, du denkst doch nicht im Ernst daran, da mitzumachen? Den Zirkusaffen für eine Reality-Show abzugeben – immer schielt dir jemand über die Schulter, während du Mätzchen machst wie ein dressierter Schimpanse. Das ist doch entwürdigend! Und außerdem Betrug – du hast doch gar keine Spezialbegabungen, sondern nur ein gutes Gedächtnis. Von Asperger kann kaum die Rede sein. Was soll dir denn fehlen? So verdammt besonders bist du auch wieder nicht.«

»Schluss jetzt!« Asif wünscht sich, er würde nicht so sehr wie Mum klingen; er weiß aber auch, dass Lila nicht noch einmal in dasselbe Fettnäpfchen treten wird. Warum ist die Rolle des Vernünftigen ausgerechnet an ihm hängen geblieben? Warum konnte er nicht wie Lila ständig seine Spielsachen aus dem Kinderwagen werfen und deshalb als interessant und aufregend wahrgenommen werden statt als lästige Nervensäge? »Bei Yasmin wurde diese Diagnose gestellt. Du bist keine Spezialistin, du hast nicht die nötige Kompetenz, um sie anzuzweifeln.«

»Na schön«, sagt Lila kalt. »Wenn du so ein tolles Gedächtnis hast, Yas, dann sag mir doch: Was hattest du an am … sagen wir mal, am … 20. Mai … 2004?«

Asif wird starr vor Entsetzen, seine Gabel mit dem Krabben-Biryani stockt auf halbem Weg zum Mund. Yasmin steht abrupt auf, der Teller fällt ihr vom Schoß, und die Teigtaschen zerbrechen auf dem Teppich. Sie ballt die Fäuste und verzieht das Gesicht, als würde sie gleich anfangen zu schreien oder zu schluchzen, aber dann stürzt sie nur aus dem Wohnzimmer, die Treppe hinauf. Im nächsten Moment dröhnt aus ihrem Zimmer in höchster Lautstärke Wagners Ritt der Walküren. Ein paar Sekunden später ist alles still.

»Sie hat die Kopfhörer eingesteckt«, wendet sich Asif müde an Wesley. »Was zum Teufel ist bloß los mit dir, Lila?«

Wesley sieht Asif unbehaglich an. »Yas hat sich wohl nicht erinnert, was sie an diesem zufälligen Tag getragen hat?«, fragt er, als hätte Lila Yasmins Fähigkeiten zu Recht angezweifelt. »Ist sie deshalb so ausgerastet?«

»Das ist kein zufälliger Tag«, antwortet Asif leise. »Das ist der Tag, an dem Mum gestorben ist.«

Jetzt ist auch Wesley entsetzt. »Mein Gott, du bist echt ein Biest, Lila«, sagt er.

Lila zeigt nicht die geringste Reue. »Ach verpiss dich doch, du eingebildeter, scheinheiliger Musterknabe!«, entgegnet sie gehässig. Da steht Wesley kurzerhand auf, etwas wie Abscheu im Blick; dann dreht er sich um und sieht Asif halb mitleidig, halb anklagend an. Wortlos verlässt er den Raum, und kurz darauf schlägt die Haustür zu.

Asif sieht Lila an, die sich missmutig mit untergeschlagenen Beinen in den Sessel kauert. Sie macht keine Anstalten, Wesley nachzulaufen. Also isst Asif mit ein paar raschen Bissen sein Biryani auf und macht sich anschließend daran, Yasmins Teigtäschchen und die blättrigen, im Teppichflor verfangenen Brösel aufzusammeln. »Lass das doch«, sagt Lila gereizt. Ohne zu antworten, fährt Asif mit seiner Arbeit fort, wie beide von vornherein wussten. Klar war auch, was Lila als Nächstes sagen würde: »Ich geh gleich rauf und entschuldige mich bei Yas.«

»Was ist mit Wesley?«, fragt Asif.

»Den ruf ich morgen an. Er hat recht, ich bin ein Biest, stimmt doch, oder?«

Asif schüttelt den Kopf, setzt sich zu Lila auf die Sesselkante und legt den Arm um sie. Als Kind hat er mit Lila das Zimmer geteilt, und es fällt ihr sehr leicht, sich an ihn zu schmiegen, wie es auch ihm leichtfällt, sie in seine Wärme zu hüllen wie früher, als sie noch ganz klein waren. Da hatten sie manchmal das Gefühl, sie hätten niemanden auf der Welt als nur einander.

»Du bist kein Biest, Lila«, beruhigt Asif sie. »Nur manchmal ein bisschen gedankenlos.«

»Ach was, ich bin ein Biest, Schluss, aus«, sagt Lila in seinen Pulli. »Ich will mich nicht rausreden, aber wenn ich wieder hier zu Hause bin, kommt das Biest in mir so richtig raus. Ich werde dann einfach so … wütend.«

»Dabei musst du nicht mal mehr hier leben«, antwortet Asif, bemüht, ja keinen Vorwurf durchklingen zu lassen. Er weiß, was Lila meint. Dieses Haus ist ein wenig wie ein Gefängnis, aber auch wie ein Schrein, angefüllt mit allem, was in ihrer Kindheit schiefgelaufen ist. Eine Kindheit, in der sie ungleich behandelt wurden, ohne die Befriedigung, wirklich vernachlässigt zu werden, umschlossen von vier Ziegelmauern und oben von dem undichten Dach auf dem ausgebauten Dachgeschoss. Erinnerungen, die sie bis in die Gegenwart verfolgen, als sie nachts »Das ist ungerecht!« in ihre Kissen schluchzten und schnieften, dass es niemand hören konnte.

»Ich wollte nicht so werden. So gemein und aggressiv und so. Aber ich glaube nicht, dass es nur meine Schuld ist.«

»Mama und Papa, die versau’n dich«, sagt Asif mitfühlend; die Spannung löst sich, und beide unterdrücken das Lachen über den alten Spruch.

Schreibaby Babu

Ornament1

Yasmin war eines dieser Babys, die dauernd schreien. Asif und Lila mochten sie nicht besonders, und als nach ihrer Ankunft der Reiz des Neuen verflogen war, diskutierten sie ebenso leidenschaftlich wie konfus, ob sie die Klinik dazu bringen könnten, Yasmin wieder zurückzunehmen. Asif war bei Yasmins Geburt vier, Lila erst drei, aber sie konnte sich schon genauso gut ausdrücken wie ihr großer Bruder. Manchmal sogar besser; er hatte spät zu sprechen begonnen, und sie verbesserte ihn oft, was ihn beschämte und erst recht verwirrte.

An eine Zeit ohne Lila konnte sich Asif nicht mehr erinnern, aber manchmal betrachtete er staunend alte Fotos, die seine Eltern mit ihm allein zeigten, einem geliebten, knuffigen kleinen Prinzen mit dunkelbraunem Haarflaum und roten Pausbäckchen von den vielen Kartoffeln, auf die sein irischer Vater schwor. Auf einem Foto lag er schlafend auf den cremefarbenen Leintüchern des elterlichen Betts, mit nichts als seiner Windel bekleidet, die Ärmchen über den Kopf gestreckt und die Beinchen zu einem Kreis geschlossen, die Knie fielen auseinander, die Fersen berührten sich. Seine Mutter betrachtete ihn mit feierlichem Stolz und erlaubte sich ein ganz leises Lächeln, als sie sich zu seinem Kopf herunterbeugte. Er war schön, wurde schön, weil ihn jemand ganz und gar liebte, jemand, mit dem er ganz und gar verbunden war, wie jedes andere schöne Baby auf der Welt.

Auf einem anderen Foto war er älter und kicherte vergnügt, als sein Vater ihn an den Füßen packte und kopfüber hielt, dass ihm das Ringel-T-Shirt mit Pu dem Bär über den runden Bauch rutschte und seinen Bauchnabel entblößte, während ihn seine hochschwangere Mutter an der Hand hielt und verschmitzt in die Kamera lachte. Dann waren da Fotos von ihm mit Lila, die gerade nach Hause gebracht worden war, Fotos, auf denen er sich beschützerisch, sogar liebevoll an das winzige Bündel drückte, wenn auch mit wenig Rücksicht auf die Zartheit der Neugeborenen, als wäre sie nur ein Plüschteddy oder Stoffhase aus seiner stetig wachsenden Kuscheltiersammlung. Aber in null Komma nichts war Lila genauso groß wie er und genauso sprachgewandt; und sie forderte die Zuneigung seiner Eltern genauso ein wie er. Doch dann wurden sie beide durch die Ankunft des neuen Babys beiseitegeschoben, dieses brüllenden, heulenden Babys, dessen hohes Geschrei einem durch Mark und Bein ging, als kratzte man mit einem Nagel über die Tafel im Kinderzimmer.

Einmal saßen sie auf dem Sofa und guckten das Video mit den Kinderreimen. »Magst du Babu?«, fing er ein beiläufiges Gespräch mit Lila an.

»Nein, ich HASSE Babu«, antwortete Lila sachlich.

»Ich auch«, vertraute Asif ihr an, von ihrer starken Wortwahl unerschüttert. Alles wurde von Lila entweder geliebt oder gehasst. Da kam Mum mit Babu ins Zimmer, dem Schreibaby, das sofort wieder zu kreischen begann, sobald es zu Ende getrunken hatte. Mum sah erschöpft aus und fragte Asif, ob er seine kleine Schwester ein bisschen halten wolle, sie vorsichtig auf den Schoß nehmen wolle, als wäre das eine große Ehre. Aber Asif drückte sich ganz tief ins Sofa und sagte: »Nein, will nicht.«

»Nein, danke«, verbesserte ihn Lila.

»Nein, danke«, wiederholte Asif gehorsam. Obwohl er Babu nicht gerade hasste, wollte er doch nicht, dass sie ihm zu nahe kam. Sie sollte lieber im Zimmer nebenan bleiben. Aber Babu war nie im Zimmer nebenan, außer mit Mum, und bald wurde ihm klar, wenn er Mum in seiner Nähe haben wollte, musste er Babu in Kauf nehmen. Und immer hing Babu so komisch an Mum, nuckelte äußerst konzentriert und manchmal mit einem leicht schielenden Lächeln, von dem Asif ein bisschen schlecht wurde. Doch die Stillzeiten schienen die einzigen Momente, in denen Babus Geschrei verstummte.

Fast zwei Jahre später, als Babu schon so alt war, dass sie laufen, richtige Kleider tragen und in einem Hochstuhl sitzen konnte und schon alle Zähne hatte, wurde sie immer noch von Mum gestillt. Natürlich nannte Asif sie da nicht mehr Babu, sondern bei ihrem richtigen Namen, Yasmin oder abgekürzt Yas. Sie war kein Baby mehr, obwohl sie immer noch schrie oder, schlimmer noch, Wutausbrüche bekam und den Kopf gegen die Wand schlug, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie konnte sogar ein wenig sprechen, sagte aber nicht viel mehr außer »Nein!«, »Kaka!« und am häufigsten »Mama-Mama-Mama!«, ihre ständige Forderung. Da erkannten er und Lila im zarten Alter von sechs und fünf Jahren mit kindlicher Verzweiflung und einer Resignation, die man eher einem Erwachsenen zugetraut hätte, dass dieses Schreibaby, diese kopfknallende Yasmin mit ihren Wutausbrüchen, ihnen ihre Mutter gestohlen hatte. Und dass sie sie nie zurückbekommen würden. Dass sie recht hatten, machte diese Erkenntnis zu einer kleinen Tragödie.

Erinnerungsbruchstücke und ihre Farbe

Ornament1

Ich heiße Yasmin Murphy und habe kaum Erinnerungen an den Vormittag, als meine Mum starb, was merkwürdig ist, weil ich mich normalerweise an alles erinnern kann, was an einem bestimmten Tag passiert. An alles. Wirklich alles.

Greifen wir zum Beispiel willkürlich einen Tag heraus wie den 27. März letzten Jahres (ich habe diesen Tag gewählt, weil der März der dritte Monat des Jahres ist und Drei meine Lieblingszahl, denn sie ist rosa und in meinem Kopf ein bisschen aufgeplustert wie Zuckerwatte oder Wolken beim Sonnenuntergang, und siebenundzwanzig ist die Kubikzahl von drei, also 3 x 3 x 3 oder drei hoch drei – deshalb sind Würfel meine Lieblingsformen. Also ist das Datum doch kein Zufallstag, aber nur weniges ist Zufall. Die meisten Dinge haben einen Grund, was für neurotypische Menschen nicht immer augenscheinlich ist, aber ich bin nicht neurotypisch). Ich könnte Ihnen sagen, dass an diesem Tag die Temperatur in meinem Zimmer siebzehn Grad Celsius betrug, dass ich die schwarze Hose mit der ungleichmäßigen Naht an den Beininnenseiten anhatte – die Nähmaschine muss ein paar Stiche übersprungen haben – und dass ich fünf Knöpfe meiner Strickjacke zugeknöpft hatte, der pinken Strickjacke mit dem kratzigen Etikett hinten am Hals, und dass ich Löcher in die Jacke stach, als ich mein Epilepsie-Warnschildchen anpinnte, und ich könnte Ihnen erzählen, wie blechern und spitz sich das Schild in meiner Hand anfühlte, wie muffig-metallen es roch, ein bisschen wie Kupfermünzen, worüber ich lächeln musste, weil ich es mag, wenn Kupfermünzen in meiner Hand warm werden und schwer in der Tasche wiegen und klimpern, und ich könnte Ihnen auch erzählen, dass das Schild eine kleine Macke hatte, weil es mal abgefallen ist und ich draufgetreten bin und mir in den Finger gestochen habe, als ich es wieder anstecken wollte, und der eklige Mr. Johnson hat mir zu lange auf die Brust geguckt, als er das Schild las, und mir auf die Schulter geklopft. Ich nenne ihn eklig, weil ich es nicht mag, wie er beim Lächeln sein Zahnfleisch zeigt, und ich mag es auch nicht, wenn er mich anfasst oder wenn mich sonst wer anfasst, obwohl ich jetzt älter bin und Berührungen über mich ergehen lassen kann, ohne gleich wie früher einen Nervenzusammenbruch zu bekommen.

Ich erinnere mich an alle Details, aber diese Details sind größtenteils irrelevant, wie meine ältere Schwester sagt, Kalila, die aber lieber Lila genannt werden möchte, und deshalb nenne ich sie von jetzt an auch so. Als Mum starb, war es, als hätte jemand meine Festplatte gelöscht, so dass alle üblichen Details verloren gingen, an die ich mich sonst erinnere. Stattdessen erinnere ich mich nur an ein paar Bruchstücke, und an die nicht sehr deutlich, sie sind wie Bilder aus einem verwackelten alten Stummfilm, der in einer Endlosschleife in meinem Kopf abläuft. Ich erinnere mich, dass Asif Wasser übers Gesicht lief (er weinte, ich weiß, dass man das weinen nennt, aber ich kann mich nicht erinnern, dass er dabei schluchzte oder andere Geräusche machte – nennt man das dann trotzdem weinen?), und ich erinnere mich, dass Lilas Gesicht ganz rosa war, als wäre sie gerannt, mit roten Flecken um die Augen und auf den Wangen, und sie schrie mich an und schüttelte mich, aber ich hörte keinen Ton, deshalb sah es aus, als ob sich ihr Mund öffnete und schloss wie bei einem Goldfisch. Ich erinnere mich, wie ich in der Ecke saß, die Zeigefinger fest auf die Ohren drückte und summte, um das weiße Rauschen zu erzeugen, das ich so mag, aber ich weiß nicht mehr, ob ich es wirklich gehört habe, obwohl ich mich gern an das Rauschen erinnern würde, denn das wäre tröstlich – wenn ich an diesen Vormittag denke, fühle ich mich nicht wohl und würde gern getröstet werden. Ich glaubte, ich hätte die Augen fest zugekniffen, aber das kann nicht sein, weil ich mich deutlich an das Wasser auf Asifs Gesicht und an die ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Als ich lernte zu fliegen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen