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Gary Small, Gigi Vorgan

Als ich die nackte
Dame im
Kopfstand fand

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Ein Psychiater erzählt

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch von
Dr. Brigitte Döbert

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die an
einer psychischen Störung litten und die Kraft
hatten, sich Hilfe zu suchen.

 

INHALT

 

  1. Vorwort
  2. Danksagung
  3.  
  4. 1. KAPITEL
    Anzügliche Blicke
  5.  
  6. 2. KAPITEL
    Eine nackte Dame im Kopfstand
  7.  
  8. 3. KAPITEL
    Bitte nehmen Sie meine Hand
  9.  
  10. 4. KAPITEL
    Ohnmachten en masse
  11.  
  12. 5. KAPITEL
    Mutterliebe
  13.  
  14. 6. KAPITEL
    Schweigebehandlung
  15.  
  16. 7. KAPITEL
    Schrumpfpenis
  17.  
  18. 8. KAPITEL
    Krank vor Sorge
  19.  
  20. 9. KAPITEL
    Eyes wide shut
  21.  
  22. 10. KAPITEL
    Nebel im Hirn
  23.  
  24. 11. KAPITEL
    Traumhochzeit
  25.  
  26. 12. KAPITEL
    Das Haus der Lady Alquist
  27.  
  28. 13. KAPITEL
    Shopaholic
  29.  
  30. 14. KAPITEL
    Gefangen in den Bergen
  31.  
  32. 15. KAPITEL
    Therapie unter Freunden
  33.  
  34. Nachwort
  35. Anmerkungen

 

VORWORT

 

VignetteWie kann eine Frau so wütend werden, dass sie plötzlich vollkommen verstummt? Warum reißt ein Mann sich vor lauter Nervosität jedes Haar einzeln aus, bis er eine Glatze hat? Wieso wird eine Zwölfjährige ohnmächtig, nur weil sie einen Mitschüler bewusstlos umfallen sieht? Solche Fragen haben mich stets fasziniert. Dass ich mich nach meinem Medizinstudium auf Psychiatrie spezialisierte, überraschte daher niemanden, und ich habe die Wahl nie bereut. Nach drei Jahrzehnten als praktizierender Psychiater habe ich Patienten behandelt, deren Verhalten zu seltsam war, als dass ich es vergessen könnte. Einzelne Vorgänge im Gehirn treiben Menschen manchmal zu extremen Handlungen, und meine Aufgabe als Psychiater ist es – so hat man es mir beigebracht –, diese Menschen wieder von dort zurückzuholen.

In diesem Buch will ich von meinen ungewöhnlichsten Patientinnen und Patienten berichten und davon, wie ich ihnen den Weg vom Rande des Wahnsinns zurück in einen normalen Alltag weisen konnte. Gleichzeitig werde ich meine Gefühle, Gedanken und Reaktionen beschreiben, denn als Psychiater und Neurologe begibt man sich mit jedem Patienten nicht nur auf eine berufliche, sondern immer auch auf eine persönliche Reise. Ich werde die Herausforderungen schildern, die ich im jeweiligen Einzelfall zu meistern hatte, um zu zeigen, wie ich die Geheimnisse hinter den psychischen Problemen meiner Patienten lüftete und durch meine wachsende Erfahrung zu einem besseren Arzt geworden bin.

Die Fälle sind chronologisch – von meiner Ausbildung bis heute – geordnet, genauso, wie sie mich als Psychiater geformt haben. Im Rahmen meiner Schilderungen erörtere ich verschiedene Dynamiken, insbesondere solche, die erklären, wie der Geist den Körper krank machen kann, aber auch, wie der Körper es mitunter schafft, den Geist aus dem Gleichgewicht zu bringen. Bei meiner Arbeit mit Patienten nutzte ich verschiedene Ansätze, die auch unter dem Begriff »eklektischer« Psychiatrie-Stil zusammengefasst werden. Das heißt, ich behandelte sowohl gemäß der physischen wie der psychischen Erklärungsmodelle für psychologische Probleme – mal mithilfe von Gesprächstherapie, mal mit Tabletten, mal mit Gesprächstherapie und Tabletten.

In den letzten Jahren rückte die Erforschung und Prävention von Demenz und Alzheimer in den Mittelpunkt meiner Arbeit. Während ich meinen Patienten half, ihr Gedächtnis nicht zu verlieren, fiel mir auf, dass viele von ihnen einige ihrer Erinnerungen nur allzu gern vergessen würden, verbargen sich dahinter doch ungelöste psychologische Probleme, konfliktreiche Beziehungen und scheinbar unüberwindliche Herausforderungen, die sie ein ums andere Mal vor der Realität fliehen ließen. Zum Wohl der Menschen, die Probleme mit der Erinnerung haben, ist es mindestens genauso wichtig, ihnen bei der Überwindung ihrer seelischen Nöte zur Seite zu stehen, wie ihnen dabei zu helfen, ihr Gedächtnis zu bewahren.

Es überrascht mich nicht, dass viele Menschen die Psychiatrie immer noch fürchten und sich nicht trauen, sich in Behandlung zu begeben, selbst wenn sie sich von ihren seelischen Leiden extrem eingeschränkt fühlen. Das Stigma, zuzugeben, dass man ein Problem hat und einen »Seelenklempner« konsultiert, schreckt viele ab. Teilweise herrscht auch dank der Medien ein übertriebener Pessimismus gegenüber dem, was die Psychiatrie bewirken kann, und das hindert viele Menschen daran, sich dringend benötigte Hilfe zu holen. Psychiater werden manchmal als eine Art Seelenpolizei verstanden, die das Denken eines Patienten eher dirigiert als kuriert. Mit diesem Buch hoffe ich derartige Missverständnisse aufzuklären und die Behandlung der Geisteskrankheiten zu entmystifizieren.

In den Vereinigten Staaten erkrankt jährlich schätzungsweise ein Viertel der Erwachsenen1 an einer psychischen Störung. Ungeachtet der in der Öffentlichkeit herrschenden negativen Vorstellung kann psychiatrisches Eingreifen nachweislich die Symptome von Psychosen, Depressionen und Ängsten lindern, oft sogar vollständig beseitigen; trotzdem haben viele Menschen einfach keinen Zugang zu einer derartigen Gesundheitsversorgung oder suchen, obwohl sich ihre Lebensqualität durch eine Behandlung deutlich verbessern ließe, nie einen Spezialisten auf.

Ich habe die Ereignisse so beschrieben, wie ich sie erlebt habe, unmittelbar aus meiner Sicht. Ohne meine Koautorin und Ehefrau Gigi Vorgan wäre dieses Projekt sicher misslungen. Sie half mir, meine Erlebnisse so zu schildern, dass der Leser den Sachverhalt ebenso wie die dahinter stehende wissenschaftliche Theorie begreifen kann.

Die im Folgenden beschriebenen Charaktere und die Situationen, in denen sie sich jeweils befinden, basieren auf wahren Begebenheiten. Die Einzelheiten entstammen den Krankenakten und meiner Erinnerung; dennoch, viele konkrete Angaben wurden natürlich so verändert, dass die Privatsphäre von Kollegen, Patienten und deren Angehörigen gewahrt bleibt. Die Fälle wurden so genau wie möglich rekonstruiert, um ein realistisches Abbild meiner Erfahrungen zu erzeugen. Einige Dialoge, Orte und Situationen wurden verändert oder erfunden, Charakterzüge mancher Patienten mit denen von anderen verschmolzen, um Rückschlüsse auf konkrete Personen auszuschließen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht beabsichtigt.

Ich hoffe, das Buch bietet eine unterhaltsame Lektüre und wird Betroffene dazu anregen, ihre Angst zu überwinden und im Bedarfsfall Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Dr. Gary Small

Los Angeles, Kalifornien

 

DANKSAGUNG

 

VignetteWir möchten sowohl den Patienten und Ratgebern danken, die uns zum Schreiben dieses Buches inspiriert haben, als auch den Freunden und Kollegen, die ihre Energie und ihr Wissen beigesteuert haben, darunter Rachel Champeau, Michela Gunn, M. D., Jeff Gandin, M. D., Melinda Gandin, Robert Gandin, D. D. S., Jonathan Hiatt, M. D., Shirley Impellizeri, Ph.D., Don Seigel und Lawrence Warick, M. D., Ph.D.

Dieses Buch wäre ohne die Unterstützung und die Beiträge unserer langjährigen Lektorin und Freundin, Mary Ellen O’Neill, nicht möglich gewesen, und ebenso wenig ohne Sandra Dijkstra, ebenfalls eine liebe Freundin und zugleich unsere Literaturagentin. Danken wollen wir außerdem unseren beiden Kindern Rachel und Harry, aber auch unseren Eltern, Dr. Max und Gertrude Small, sowie Rose Vorgan und Fred Weiss, für ihre Liebe und ihren Zuspruch.

Dr. Gary Small

Gigi Vorgan

1. KAPITEL

ANZÜGLICHE BLICKE

Winter 1978/1979

VignetteIch drängelte und schlängelte mich durch den überfüllten Wartebereich der psychiatrischen Notaufnahme im größten psychiatrischen Krankenhaus von Boston. Sie lag nicht weit entfernt von der allgemeinen Notaufnahme des Massachusetts General, dem wichtigsten Universitätskrankenhaus der Harvard Medical School. Wir angehenden Fachärzte nannten den »Acute Psychiatric Service« einfach nur »APES«, Affen, weil es so gut zu dem dort herrschenden Dschungelambiente passte – hier traf ein endloser Strom geplagter Seelen ein, sei es aus eigenem Antrieb oder dank der Unterstützung von Polizisten oder Sanitätern.

Ich war siebenundzwanzig Jahre alt, hatte in meiner Heimatstadt Los Angeles Medizin studiert und ein Praxisjahr absolviert, bevor ich nach Boston wechselte. Kaum sechs Monate zuvor hatte ich mein Auto und fast alle Habseligkeiten verkauft und war mit einem Kleidersack und drei Kartons in ein ansonsten leeres Einzimmerappartement in Cambridge gezogen. In eine neue Stadt zu ziehen und die Facharztausbildung zu beginnen, beunruhigte mich etwas, aber ich freute mich, endlich meine Ausbildung zum Psychiater aufnehmen zu können. Obwohl ich Mitglied der ältesten und angesehensten Hochschulgemeinschaft der USA, Phi Beta Kappa, war und mit summa cum laude promoviert hatte, konnte ich es immer noch nicht fassen, dass man mich in Harvard angenommen hatte – und ein Teil von mir dachte: So gut können die gar nicht sein, wenn die mich nehmen …

Während ich mich zentimeterweise durch die drangvolle Enge vorarbeitete, hätte ich beinahe eine Frau umgestoßen, die mit blutgetränkten Mullbinden um die Handgelenke von zwei Sanitätern eskortiert wurde. Schließlich erreichte ich unseren Aufenthaltsraum, in dem bereits einige Kollegen eine Pause zwischen zwei Behandlungen einlegten. Irgendwie hatte uns die aufgeheizte Atmosphäre, mit der wir uns hier alle plötzlich konfrontiert sahen, von Anfang an zusammengeschweißt. Humor war unsere bevorzugte Strategie, mit der Situation umzugehen. Wir versuchten, uns ständig gegenseitig mit Witzen und Horrorgeschichten von Patienten zu übertrumpfen, um zu schockieren, aber auch um Eindruck zu schinden.

Das erste Jahr der Ausbildung zum Facharzt in Psychiatrie bestand zur einen Hälfte aus Diensten in der Notaufnahme und zur anderen aus Stationsdiensten. Zusätzlich zu den Erfahrungen, die wir bei unserer Arbeit im Krankenhaus sammelten, wurde erwartet, dass wir die langfristig angelegte psychotherapeutische Behandlung von mindestens drei Einzelfällen übernahmen. Mir war, als wäre ich mit einem Satz aus den Büchern in den klinischen Alltag gesprungen. Massen realer Menschen mit ihren sehr realen Leiden stürmten auf mich ein. Auch wenn mich die Intensität der Arbeit beflügelte, war ich in der Regel doch völlig erschöpft und heilfroh, wenn eine Schicht zu Ende war.

Der nächste Morgen war ein Samstag, und ich hätte ausschlafen können, aber die Sonne weckte mich früh. Ich hatte noch keine Jalousien für mein Appartement besorgt. Susan, meine Freundin, schlief noch, also schmiegte ich mich an sie, um mich zu wärmen – der dünne Sonnenstrahl half in der Hinsicht nicht viel. Der Januar war nicht gerade mein Lieblingsmonat in Boston. Ohne Susan hätte ich längst neben dem kleinen Elektroofen, in Parka und Wollmütze eingemummelt wie ein Michelin-Männchen, über einem Buch von Jung oder Freud gesessen. Stattdessen zog ich mir die Decke über den Kopf und dachte wehmütig an Los Angeles, wo jeder jammert, wenn die Temperaturen im Januar über dreißig Grad klettern. Es würde nichts nützen, den Vermieter zu bitten, die Zentralheizung öfter als zwei Mal täglich aufzudrehen, also blieb ich im Bett, bis Susan, die am Cambridge Hospital als Krankenschwester auf der Intensivstation arbeitete, sich umdrehte und murmelte, sie müsse gehen, sie hätte an diesem Morgen Dienst.

Gerade an den Wochenenden packte mich manchmal das Heimweh. Statt den Literaturberg zu dezimieren und zu lernen, verließ ich die Wohnung in der Hoffnung, in meinem Lieblingscafé Mike Pierce auf einen Cappuccino nebst Croissant zu treffen.

Mike hatte die Ausbildung zum Facharzt ein Jahr zuvor beendet, schulte inzwischen selbst halbtags angehende Kollegen in der Klinik und baute sich während der restlichen Zeit seine eigene Praxis auf. Er war mir nur drei Jahre voraus, schien aber über zehnmal so viel Erfahrung und Wissen zu verfügen wie ich. Sein schneidender Humor erinnerte mich an den Komiker George Carlin; damit wollte er uns helfen und beibringen, mit der ständig im Raum stehenden Spannung umzugehen. Mike war schon verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Obwohl er im Prinzip mein Vorgesetzter war, hatten wir uns angefreundet. Der Samstagmorgen war für seine Privatpatienten reserviert, und manchmal trafen wir uns auf einen frühen Kaffee, bevor er zu seiner Praxis im Bostoner Stadtteil Back Bay aufbrach.

Ich sah Mike mit dem Sportteil des Boston Globe in der Schlange stehen und drängelte mich vor. »Du drückst dich also am Samstagmorgen vor den Zwillingen. Janey ist bestimmt begeistert.«

Mike lachte. »Ich gewähre ihnen nur Freiräume, um die Beziehung zu ihrer Mutter zu festigen.«

»Wie läuft die Praxis?«, fragte ich.

»Super. Mein Schild an der Hauswand muss auf die schlimmsten Psychopathen der Ostküste magische Anziehungskraft ausüben. Noch ein paar Monate, und ich kann mich selbst ins Lindemann einliefern.« Das Lindemann war das psychiatrische Krankenhaus um die Ecke. Wir setzten uns mit unseren Kaffees und Croissants an einen kleinen Tisch am Fenster.

»Und was hast du heute vor?«, fragte Mike.

»Lesen, lesen, lesen. Lochton hat mir so ziemlich jedes Psychotherapie-Handbuch aufgebrummt.«

»Oje, du hast das Monster von Loch Ness als Supervisor erwischt? Ich hoffe, du hast dir schon eine Grabstelle in Forest Hills reserviert.«

Dr. Herman Lochton war mir als Supervisor für meine ersten Gehversuche in der Psychotherapie zugeteilt worden. Er war einer der bekanntesten Psychiater von Harvard und Autor zahlreicher Sachbücher. Außerdem coachte er die Basketballer der Boston Celtics und zählte Senatoren und berühmte Schauspieler zu seinen Klienten, die eigens für ihre Sitzungen bei ihm mit dem Privatjet von den Bahamas nach Boston flogen. Lochton hatte sich als Diagnostiker und Therapeut einen Namen gemacht. Wenn er sich nicht gerade irgendwo über seine gewaltigen Errungenschaften ausließ, behandelte er Privatpatienten. Einen halben Tag pro Woche stellte er sich den angehenden Fachärzten als Supervisor zur Verfügung, um seinen Titel als Harvardprofessor nicht zu verlieren.

»Ja, ja«, sagte ich, »er ist ein kleiner Tyrann mit einem Hauch von Narzissmus.«

Mike lachte. »Einem Hauch? Der Mann hält den Sieg der Celtics über die Suns bei der Meisterschaft 1976 für sein persönliches Verdienst.«

»Ich weiß, der Typ hat ein total übersteigertes Selbstbewusstsein. Aber man kann etwas von ihm lernen.«

»Sei einfach vorsichtig«, riet Mike. »Er weiß viel, aber er ist nicht unbedingt der beste Supervisor der Welt.« Er nippte an seinem Kaffee und fuhr fort: »Und sonst? Wie gehts dir?«

»Weißt du, Mike, es ist verrückt. Ich hatte ein paar interessante Fälle, ich kann inzwischen besser zuhören und mit den Patienten reden, aber ich habe noch nie einen Patienten über einen längeren Zeitraum betreut, und ich bin nicht sicher, ob ich das schaffe.«

»Wie meinst du das?«, fragte Mike.

»Mich holen immer wieder Erinnerungen an die erste Zeit im Krankenhaus bei der Ausbildung zum Allgemeinmediziner ein«, erklärte ich. »Egal, ob ich eine Gallenblase herausnahm oder einen Patienten untersuchte, ich hatte immer das Gefühl, nur eine Rolle zu spielen, so wie ich mir einen Arzt eben vorstellte. Ich habe Angst, dass es mir bei der Psychotherapie genauso gehen wird.«

»Willkommen im Klub. Ich habe zwar meine eigene Praxis, aber trotzdem habe ich immer noch das Gefühl, mich irgendwie durchzumogeln. Doch je mehr Erfahrung ich habe, desto mehr lässt dieses Gefühl nach, habe ich den Eindruck.« Mike leerte seinen Kaffeebecher und sah auf die Uhr. »Ich muss los. Um halb neun kommt meine multiple Persönlichkeit, ich weiß nie, wer mich erwartet.«

Am folgenden Dienstag war Lochton zu einer Gruppen-Supervision eingeteilt; ich kam als Erster und erwischte ihn dabei, wie er mit einem Kamm in der einen Hand und einem kleinen Handspiegel in der anderen seine Haare ordnete. Wofür er sich die Mühe machte, erschloss sich mir nicht, sein Haupthaar war vor lauter Pomade so steif, dass es gar nicht außer Form geraten konnte.

»Sie sehen heute Morgen wirklich blendend aus, Dr. Lochton«, rutschte es mir heraus.

»Gary, man kann für seine Patienten nie professionell genug aussehen. Damit erweist man ihnen seinen Respekt.«

Mir fielen seine glänzenden schwarzen Halbschuhe auf, und ich zupfte an meiner Schlabberhose in dem sinnlosen Versuch, meine Wanderstiefel zu verstecken, die ich wegen des Schnees draußen trug. Zum Glück hatte ich mir wenigstens einen Schlips umgebunden.

Einige andere junge Ärzte kamen herein und nahmen Platz. Lochton sah auf die Uhr und fing an.

»Ich will heute über den perfekten Psychotherapie-Patienten sprechen. Er ist jung, attraktiv, wortgewandt, einsichtig und reich.«1 Er nahm ein Stück Kreide und malte das Dollarzeichen an die Tafel. Während er sich weiter über den idealen Patienten ausließ, dachte ich die ganze Zeit: »Was für ein Traumtänzer, als Berufsanfänger kriegen wir doch keine jungen, attraktiven, wortgewandten, einsichtigen und reichen Patienten ab. Die gehen zu privat niedergelassenen Therapeuten, während wir im ersten Jahr der Spezialisierung sozial gestörte Typen mit Drogenproblemen zu Schleuderpreisen behandeln.«

Schließlich wies uns Lochton an, die Aktenschränke durchzusehen, die entlang der Wände über die ganze Klinik verteilt zu sein schienen. Sie enthielten kurze Einschätzungen zu Patienten, die auf eine Behandlung warteten. Wir sollten uns einen Fall suchen und dann mit der ersten richtigen Therapie beginnen. Kaum hatte er seinen Vortrag beendet, stürzten wir aus dem Raum zu den Aktenschränken und rempelten uns dabei gegenseitig an, obwohl wir wussten, wie lächerlich das war, schließlich durchsuchten wir diese Aktenschränke schon seit Wochen nach einem passenden Fall.

Es war zudem eine sinnlose Übung, denn eine normale Akte enthielt nur sehr allgemeine Angaben zu den Patienten: Alter, Familienstand, Grund der Überweisung. Nur selten ließ sich aus diesen Hinweisen erschließen, ob es sich um einen idealen Patienten handeln könnte. Den hätte sich der für die Einschätzung zuständige Arzt vermutlich sowieso längst selbst unter den Nagel gerissen. Die wirklich guten Tipps bekam man über persönliche Empfehlungen, oder man hörte zufällig von einem passenden Fall; das unterschied sich nicht wesentlich davon, wie man eine neue Wohnung fand oder das ultimative Blind Date.

Trotzdem blätterte ich schon aus Gewohnheit immer wieder in den Akten, und nach einigen Wochen glaubte ich, auf eine junge, attraktive, wortgewandte, einsichtige und reiche Patientin gestoßen zu sein. Sherry Williams war Hausfrau, Anfang dreißig, wohnte in einem Vorort, hatte einen College-Abschluss und war noch nie in ein Gefängnis oder eine geschlossene Anstalt eingeliefert worden. Sie klagte über chronische Angstzustände. Lochton würde sicher einverstanden sein, also rief ich sie kurz entschlossen an und vereinbarte einen Termin.

Die »Frischlinge« mussten sich mit den Büros zufrieden geben, die gerade frei waren. Ich fand eines mit einem Minifenster, auch wenn die Aussicht teilweise mit Aktenschränken verstellt war. Saß ich auf dem Drehstuhl am Schreibtisch, stieß ich mir dauernd die Knie. Ansonsten beschränkte sich die Einrichtung auf einen Stuhl und ein Sofa für den Patienten, ein Telefon, mit dem man auch Klinik-interne Gespräche führen konnte, sowie eine Box mit Papiertaschentüchern. Die Mindestausstattung eines Therapiezimmers war also vorhanden.

Bei unserem ersten Treffen war Sherry Williams übertrieben jugendlich gekleidet: enge Jeans, Sneakers, das Haar zu Zöpfen geflochten. Sie setzte sich aufs Sofa, schlug die Beine übereinander und sah mich erwartungsvoll an. Ich war am Zug.

Ich brach das Eis, indem ich mich nach ihrer Fahrt zur Klinik erkundigte. Das entspannte sie offenbar etwas und brachte sie zum Reden: »Sie kennen ja diese Bostoner, die halten sich nur an Verkehrsregeln, wenn sie gerade Lust dazu haben.«

Unsicher, wie ich weiter vorgehen sollte, versuchte ich es mit: »Erzählen Sie von sich, Sherry.«

»Na ja, ich bin mit meiner College-Liebe verheiratet«, sie hielt mir einen großen Diamantring hin, »und finde ihn immer noch fantastisch. Wir haben ein nagelneues, wunderbares Haus mit einem riesigen Wohnzimmer und einer tollen Terrasse.« Sie verstummte und wartete darauf, dass ich weitermachte. Okay, dachte ich, was würde ein echter Therapeut jetzt sagen?

»Und was führt Sie her?«

Sie starrte mich kurz an und sagte schließlich: »Ich bin immer so nervös, Herr Doktor.«

Bei der Anrede »Herr Doktor« hätte ich fast losgekichert. Ich kam mir vor wie ein Hochstapler.

Zum Glück redete sie weiter. »Das verschlimmert sich, wenn mein Mann unterwegs ist, und er muss seit seiner Beförderung zum Bereichsleiter viel reisen. Ich komme mir in dem großen Haus so verlassen vor und kann nichts mit mir anfangen. Manchmal bin ich mit den Nerven so am Ende, dass ich den Haushalt nicht schaffe. Die Wäsche stapelt sich, und alles andere bleibt auch liegen.«

Offenbar lähmten ihre Ängste sie in ihrer Handlungsfähigkeit. Mein Instinkt sagte mir, dass es besser wäre, nicht schon in der ersten Sitzung näher auf ihre psychisch bedingte Erstarrung einzugehen. Stattdessen ermunterte ich sie, mehr über ihre Gefühle zu erzählen. »Die Nervosität muss Ihnen sehr zu schaffen machen.«

»Ja, Dr. Small, so ist es.« Sie stellte die Beine nebeneinander, es war eine aufreizende Pose. »Ich mache mir um alles Sorgen … um den Job meines Mannes, die Hypothekenzahlungen, obwohl das vollkommen albern ist, ich weiß ja gar nicht, wie viel wir im Monat zahlen müssen. Eddie kümmert sich um das Finanzielle.« Sie seufzte und betrachtete den Aktenschrank vor dem Fenster.

»Woran denken Sie?«, fragte ich.

»Ich begreife nicht, warum ich nicht glücklich bin. Meine Freundinnen sind glücklich. Ich habe das größte Haus, meine Freundinnen beneiden mich, dass ich Eddie gekriegt habe, aber mir macht nichts mehr Spaß. Mit mir stimmt doch was nicht. Habe ich eine Depression?«

Das konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht beurteilen, ich war bloß froh, dass sie »Herr Doktor« weggelassen hatte.

»Was läuft denn Ihrer Meinung nach falsch?«, fragte ich getreu Lochtons Hinweis, niemals Ja-Nein-Fragen, sondern stets offene Fragen zu stellen, die zum Erzählen einladen.

»Ich fühle mich leer … es ist, als wäre da ein Riesenloch in mir drin … hier.« Sie schlang die Arme um sich und legte die Hände über Kreuz auf ihre Schultern; ich hätte schwören können, dass die Geste als Anmache gemeint war.

Sherry redete weiter, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie mit etwas hinterm Berg hielt. Sie erzählte, sie könne keine Kinder bekommen, aber das sei für sie und Eddy okay. Sie seien beide nicht versessen auf Babys. Aber die Art, wie sie redete, wirkte wie einstudiert, so als wüsste sie, was ich hören wollte. Ich fragte mich allmählich, ob sie wirklich nur eine angespannte, gelangweilte, vielleicht depressive Hausfrau war oder nicht eher eine in ihrem Sozialverhalten gestörte Person, die ein paar Psycho-Ratgeber gelesen hat und das Gelernte ausprobieren will.

»Erzählen Sie mir von Ihrer Ehe«, bat ich.

»Ich habe mich in Eddie verliebt, als ich zum ersten Mal in seine verträumten blauen Augen sah. Wir waren beide im ersten Semester am Boston College, er war Quarterback in der Football-Mannschaft. Meine Mutter mag ihn, er kommt aus einer sehr reichen Familie, und er war richtig gut im Bett … wenigstens in den ersten Jahren.«

»Die Dinge haben sich zwischen Ihnen verändert?«, fragte ich.

»Er arbeitet so viel, dass er inzwischen zu müde ist für Sex. Das fehlt mir, verstehen Sie?« Sie lächelte verschwörerisch.

Ganz offensichtlich flirtete sie mit mir. Ich hatte von flirtenden Patientinnen in den Lehrbüchern gelesen, leibhaftig vor einer zu sitzen war ein eigenartiges, äußerst unangenehmes Gefühl. Sie war ein verwirrender Fall, immerhin hatte ich eine Idee, was dahinter stecken könnte. Sherry legte offenbar großen Wert auf Äußerlichkeiten und finanziellen Reichtum: verträumt-blauäugiger Ehemann mit dem Geld der Familie im Rücken, großes neues Haus, eifersüchtige Freundinnen. Vielleicht war sie narzisstisch gestört und stürzte sich in flüchtige Vergnügungen, um eine tiefe emotionale Leere und Unsicherheit zu überdecken. Oder sie war depressiv, weil ihr Mann so viel unterwegs war. Ihr Flirten konnte aber genauso gut auf eine theatralische Veranlagung zurückgehen, wie sie für Menschen typisch ist, die mit dramatischen, emotionalen Auftritten Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen.

Ich wusste noch nicht genug, um eine Diagnose zu stellen und einen Therapieplan zu entwerfen, und versuchte, behutsam nachzuhaken, doch sie ging nicht darauf ein, verriet keine Einzelheiten und kam nur immer wieder auf ihre Angst als einsame Hausfrau zurück.

»Wissen Sie, wenn Sie mein Psychiater sein wollen, muss ich einiges von Ihnen wissen«, sagte sie unvermittelt und sah mich herausfordernd an.

»Was wollen Sie wissen?«, fragte ich.

»Wo Sie herkommen, wie alt Sie sind und ob Sie eine Freundin haben«, ratterte sie herunter.

Die meisten Patienten sind neugierig, was ihren Therapeuten betrifft, aber Sherrys Fragen waren indiskret. Jeder Patient darf nach der Qualifikation, dem Honorar und den Behandlungsgrundsätzen fragen, alles was darüber hinausgeht, ist problematisch und kann die Therapie behindern.

Die Ansichten, wie zugeknöpft ein Therapeut sein sollte, gehen unter Kollegen auseinander. Freud glaubte, er solle für den Patienten undurchschaubar sein.2 Das fördere die Übertragung von Fantasien auf den Therapeuten, der damit zu einer Art Spiegel für das Innenleben des Patienten wird. Die Arbeit an diesen Projektionen oder Übertragungen hilft ihm, sich selbst auf die Schliche zu kommen, und lindert die Symptome.

Andere Kliniker vertreten einen humaneren Standpunkt und finden nichts dabei, einiges von sich preiszugeben – wo sie Urlaub machen, wie viele Kinder sie haben und so weiter. Sie glauben, dass solche Enthüllungen das therapeutische Bündnis mit dem Patienten stärken, aber das hängt nicht zuletzt davon ab, was für ein Problem dieser hat. Die Preisgabe persönlicher Informationen seitens des Therapeuten kann Patienten auch belasten, weil sie sich unter Umständen genötigt sehen, auf ihn Rücksicht zu nehmen, oder sie werden böse oder eifersüchtig, was ihren eigenen Heilungsprozess stören kann.

Ich hätte Sherry mein Alter und meinen Geburtsort verraten können, aber die Frage nach einer Freundin ging zu weit. Mein Gefühl sagte mir, dass sie endlos weiterfragen würde, wenn ich eine ihrer Fragen beantwortete. Deswegen entschied ich mich für eine ausweichende Antwort: »Wissen Sie, Sherry, es ist verständlich, dass Sie etwas über Ihren Therapeuten wissen wollen, aber ich kann Ihnen besser helfen, wenn wir uns auf Sie konzentrieren.«

Sie wirkte gekränkt. »Gut, wenn das Ihre Strategie ist.« Ihre Körpersprache wechselte von der Lolita zum verletzten kleinen Kind.

»Was fällt Ihnen zu Ihrer Kindheit ein, Sherry?«

»Also ich bin dreiunddreißig, habe einen Abschluss vom Boston College, bin verheiratet und fühle mich wie ein Stück Scheiße. Okay? Mehr gibt es nicht zu sagen«, antwortete sie ärgerlich.

»Haben Sie sich immer gut mit Ihren Eltern verstanden? Mit Ihrer Mutter?«, fragte ich.

»Ja, das war alles in Ordnung.«

»Sie erwähnten, dass Ihre Eltern Ihren Mann sehr gern haben.«

Sie lächelte unwillkürlich. »Jeder mag Eddie. Er ist so charmant. Ich wünschte, er wäre öfter zu Hause, dann wäre ich nicht dauernd nervös.«

Im weiteren Verlauf unseres Gesprächs entspannte sich Sherry wieder, sie hatte mir wohl verziehen. Wir redeten über ihre Ehe und die chronische Anspannung. Ich beendete die Sitzung mit dem Vorschlag, uns wöchentlich zu treffen. »Das wird uns Gelegenheit geben, Ihre Gefühle zu verstehen und das Problem zu lösen.«

»Endlich einer, der mich verstehen will. Danke schön, Doktor Small«, sagte Sherry lächelnd und stand auf. Sie schüttelte mir zum Abschied die Hand, hielt sie aber so lange fest, dass ich sie schließlich wegziehen musste. Mein Unbehagen schien sie nicht zu bemerken.

Am folgenden Tag hatte ich ein Einzelgespräch mit Supervisor Lochton. Seine Praxis lag im Erdgeschoss eines Gründerzeithauses am Beacon Hill, nicht weit vom Massachusetts General, aber steil bergauf. Mit meinem Rucksack oben angekommen, war ich völlig außer Puste. Die langen Schichten in der Klinik motivierten mich nicht gerade zum Joggen, schon gar nicht im Winter. Ich sammelte mich kurz, bevor ich klingelte.

»Name und Grund Ihres Besuchs«, schepperte es aus der Gegensprechanlage.

»Gary Small zur Supervision bei Dr. Lochton.« Der Türöffner summte, ich trat ins Wartezimmer, ein umfunktionierter Vorraum mit repräsentativem Ambiente: weiß vertäfelte Wände, Parkettboden, Massivholzmöbel aus der Manufaktur von L. & J. G. Stickley sowie alte Ausgaben des New Yorker. Er ließ mich zehn Minuten warten, vermutlich um sich noch ein bisschen Pomade ins Haar zu schmieren.

Schließlich ging die Tür auf. »Treten Sie ein, Gary«, sagte Lochton mit seiner tiefen Radiomoderatorenstimme. Die holzgetäfelten Wände in seinem Zimmer waren mit Zeugnissen, Preisen und Zeitungsartikeln übersät, die Regale mit medizinischen und psychiatrischen Büchern vollgestopft. »Bitte setzen Sie sich.«

»Danke, Dr. Lochton«, sagte ich, während ich Platz nahm. Mein Supervisor trug ein Smoking-Jackett und hielt eine nicht angezündete Pfeife in der Hand. Er sah aus wie die übergewichtige freudianische Ausgabe von Hugh Hefner.

»Nennen Sie mich bitte Herman«, sagte Lochton.

Herman Hefner, dachte ich und hätte fast losgeprustet. »Ja, Sir«, mit knapper Not blieb ich ernst.

»Wie läuft’s mit Ihrem ersten Fall, Gary?«

Ich holte meine Notizen heraus. »Es geht um eine dreiunddreißigjährige Hausfrau mit College-Abschluss aus Belmont, die in der Hauptsache über chronische Nervosität klagt. Über ihre Kindheit habe ich nicht viel aus ihr herausholen können. Sie behauptet, ihren Mann zu lieben, klagt aber über ein inneres Gefühl der Leere, vor allem wenn er, was häufig der Fall ist, auf Geschäftsreise ist.«

Bei der Erwähnung des geschäftlich reisenden Ehemanns horchte Lochton auf. »Er verlässt sie also immer wieder. Kinder?«

»Sie kann keine bekommen, und adoptieren wollen sie keine.«

»Interessant«, sagte er, während er gedankenverloren die Pfeife anzündete.

Als ich mit der Beschreibung fortfuhr, registrierte ich, dass Lochton von meinem Bericht wie gefesselt war. Mittlerweile hüllte uns dicker Rauch ein. Ich hustete und wedelte ihn weg. Lochton schenkte dem keinerlei Beachtung.

»Wir haben also eine gebildete, wortgewandte, bindungsfähige junge Frau, die jedoch unfruchtbar und dadurch wahrscheinlich so beschämt ist, dass sie kein Kind adoptieren will, obwohl sie ihr Leben als leer, langweilig und unausgefüllt empfindet.« Er beugte sich vor. »Das ist ein guter Fall, er wird Ihnen helfen, sich in die Psychotherapie einzuarbeiten. Die häufige Abwesenheit des Ehemannes fasziniert mich.«

»Ihre Symptomatik verschlimmert sich in dieser …«

»Ja, aber warum reist er so viel, und was unternimmt sie insgeheim, um ihre Ängste zu kompensieren? Sie ist durch ein frühes Trauma für Trennungen und Verlusterfahrungen sensibilisiert. Dass sie nicht über die Kindheit reden will, beweist meine Annahme.«

Ich konnte nicht erkennen, worin der Beweis bestehen sollte, aber Lochton stand in dem Ruf, von frühkindlichen Verlust- und Trennungserfahrungen besessen zu sein. Seine vorrangige psychodynamische Erklärung für nahezu jedes Patientenproblem war ein psychologischer Verlust in früher Kindheit – sei es ein Todesfall in der Familie, eine traumatische Scheidung oder eine heiß geliebte entlaufene Katze. Seiner Theorie nach reagierten Menschen mit solchen Erfahrungen im späteren Leben ungewöhnlich sensibel auf Trennungen und anderweitige Verluste. Lochton war der Ansicht, dass diese in der Kindheit erlittenen Traumata Ursache für die meisten psychiatrischen Symptome, von Angstzuständen und Depressionen über Manien bis hin zu Zwangsneurosen waren.

Er riet mir, Sherry dazu zu bringen, von ihrer Kindheit zu erzählen. Ich solle mich in ihre Vergangenheit vertiefen und zwei Sitzungen pro Woche vereinbaren. Die häufigeren Treffen würden unsere Nachforschungen intensivieren und ihr helfen, sich schneller zu öffnen.

»Eruieren Sie die Beziehung zu ihrem Vater«, sagte er. »Ist er auch häufig verreist, als sie ein Kind war? Oder hat er die Familie verlassen, und sie durchlebt die damaligen Verlustgefühle erneut?«

Als ich Lochton von Sherrys verführerischem Verhalten erzählte, veränderte sich sein Ausdruck vollständig. »Wie hat sie mit Ihnen geflirtet?«, fragte er.

»Es war weniger ein offensives Flirten als ihre Körpersprache, die Art, wie sie sich auf dem Sofa bewegt und mich angesehen hat, und der lange Händedruck am Ende der Sitzung. Das war recht aufdringlich.«

Lochton starrte mich schweigend an. Schließlich sagte er: »Weiter?« Seine Reaktion war merkwürdig, als würde er mit einem Patienten reden.

»Sie fragte persönliche Dinge, z.B. ob ich eine Freundin hätte.«

»Welche Gefühle löste das bei Ihnen aus?«

»Ich war abgestoßen. Es ging um eine Therapiesitzung, nicht ums Männeraufreißen.«

»Haben Sie die persönlichen Fragen beantwortet?«

»Nein, ich sagte, wir wären zusammengekommen, um über ihre Gefühle zu reden, nicht über mein Privatleben.« Ich gab mir Mühe, nicht defensiv zu klingen.

»Das ist gut, Gary. Können Sie sich vorstellen, dass Sie mit Ihrem eigenen Verhalten das verführerische Betragen der Patientin provoziert haben?«

»Überhaupt nicht, ich war völlig professionell.« Langsam ärgerte ich mich. Lochton hatte Sherrys Benehmen nicht gesehen und unterstellte mir, ich hätte sie verführen wollen.

Er sah auf die Uhr und sagte: »Unsere Zeit ist um.« Jetzt redete er wirklich mit mir wie mit einem Patienten.

Als ich mich erhob, fügte er hinzu: »Wissen Sie, Gary, Patientinnen wie diese Frau können in einem Therapeuten erhebliches Unbehagen auslösen. Nehmen Sie sich davor in Acht, konzentrieren Sie sich auf ihre Vergangenheit. Sie werden das Trauma, das hinter der Neurose steht, sicher aufdecken.«

Lochtons These schien mir reichlich gewagt. Trotzdem folgte ich seinem Rat und traf mich zwei Mal wöchentlich mit Sherry. Ergebnislos stocherte ich in ihrer Vergangenheit herum. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass ihr verführerisches Verhalten eskalierte. Sie schminkte sich immer stärker, trug immer kürzere Röcke, und der Ausschnitt wurde immer tiefer. Außerdem fiel mir auf, dass ihre Outfits immer dann besonders aufreizend waren, wenn ihr Mann auf Geschäftsreise war.

Ich erwog die Möglichkeit, sie direkt auf ihr äußeres Erscheinungsbild anzusprechen, aber Lochton meinte, ich solle es ignorieren und ihre frühkindlichen Traumata herausfinden. Das erleichterte mich, denn ich spürte, dass sie ein offenes Wort über ihre fast schon nuttige Kleidung als Zurückweisung empfunden und die Therapie vermutlich abgebrochen hätte.

Nach rund einem Monat fruchtloser Versuche, etwas über ihre Vergangenheit herauszufinden, war Sherry entnervt und sagte: »Sehen Sie, meine Kindheit war ganz normal, ja? Kein Missbrauch. Meine Eltern saßen immer zu Hause, und ich war gut in der Schule. Ihre Fragen geben mir ein blödes Gefühl.«

Ich musste es also anders angehen, wenn ich sie zum Reden bringen wollte. »In Ordnung, Sherry, das wollte ich nicht.«

»Danke, Dr. Small. Darf ich Sie Gary nennen?«

»Damit habe ich kein Problem.« Nach einer langen Pause fragte ich: »Gibt es noch etwas, das Ihnen ein blödes Gefühl vermittelt?«

Sie starrte mich an. »Ja, eigentlich ja. Ich muss etwas gestehen.«

»Nur zu«, sagte ich.

»Seit Eddie so oft unterwegs ist, bin ich öfter abends ausgegangen, in eine Bar«, erzählte sie. »Anfangs habe ich da nur schnell mit einer Freundin was getrunken, aber dann bin ich auch alleine hingegangen.« Sie verstummte und schaute weg.

»Haben Sie Angst, dass Sie zu viel trinken?«, fragte ich.

»Nein, das ist es nicht. Ich habe nur ein oder zwei Gläser Wein getrunken, um locker zu werden.« Sie machte eine Pause und fuhr dann fort: »An einem Abend habe ich so einen Typen getroffen. Wir haben viel gelacht und sind zu mir gegangen, als die Bar schloss.«

»Wie ging es Ihnen damit?«, fragte ich.

»Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war er weg. Ich fühlte mich schmutzig, angewidert, und ich habe das Bett abgezogen und die Wäsche in den Müll gestopft«, sagte sie, den Blick auf den Boden geheftet.

»Sind Sie noch einmal in diese Bar gegangen?«

»Erst nicht. Aber nach einigen Wochen doch. Das ist es, was ich beichten will. Ich habe es mehr als einmal gemacht.«

»Sie gehen also in eine Bar und haben Affären, während Ihr Mann unterwegs ist?«, fragte ich, bemüht, meine Überraschung nicht zu zeigen.

»Es sind keine Affären, nur One-Night-Stands. Und ich fühle mich jedes Mal so schmutzig und hasse mich selbst dafür. Schließlich liebe ich Eddie immer noch.«

»Wenn Sie sich dafür hassen und sich beschmutzt fühlen, warum gehen Sie dann immer wieder hin?«, fragte ich.

Sie überlegte kurz und sagte dann: »Ich denke nicht darüber nach, ich bin nur so gelangweilt und leer, ich will unter Menschen. Es ist verrückt, aber wenn ich dann Sex habe, fühlt es sich so an, als würden die Typen mich wirklich lieben, erst nach dem Orgasmus schlägt es um. Dann will ich nur noch, dass die fremden Kerle abhauen.« Sie schüttelte sich. »Eddie würde tot umfallen, wenn er das wüsste.«

»Seit wann geht das so, Sherry?«

»Ich weiß nicht genau, vielleicht seit einem Jahr. Aber jetzt, seit ich Sie sehe, ist alles anders, Gary. Sie sind der erste Mann, der mir zeigt, dass ihm wirklich was an mir liegt. Sie fragen immer, wie es mir geht, und ich sehe es in Ihren Augen. Ich weiß, dass Sie es auch so meinen.« Wieder lächelte sie mich verführerisch an.

Es war seltsam, dass ich der erste Mann sein sollte, dem wirklich etwas an ihr lag. Was war mit ihrem Mann und ihrem Vater?

Obwohl ich es für einen Fortschritt hielt, dass mir Sherry die geheime Seite ihres Lebens anvertraute, machte ich mir Sorgen. Ihr Verhalten war gefährlich, nicht nur für ihre Ehe, sie riskierte Kopf und Kragen. Ich brauchte dringend eine Supervision.

»Ich glaube, wir müssen da genauer hinschauen, Sherry. Können Sie so lange darauf verzichten, in die Bar zu gehen? Bis nächsten Freitag, bis zur nächsten Sitzung?«

Ihr Lächeln glich der Karikatur eines Vamps. »Gary, für Sie würde ich alles tun.«

Am Nachmittag kletterte ich den Berg zu Lochtons Praxis hinauf. Meine Schilderungen über die Sitzung mit Sherry bereiteten ihm einen Mordsspaß. Er schlenderte hin und her und paffte seine Pfeife, während er begeistert seine Theorie erklärte: »Sie kompensiert mit ihrer Sexualität die unbefriedigten emotionalen Bedürfnisse ihrer Kindheit. Sie muss sexuell missbraucht worden sein. Deswegen fühlt sie sich nicht geliebt und sucht die Liebe bei diesen fremden Männern.«

Davon sei ich nicht so überzeugt, versuchte ich einzuwenden, aber ich hätte genauso gut mit einem Tornado reden können. Er lief auf und ab und meinte, Sherry wiederhole als Erwachsene zwanghaft den erniedrigenden Sexualakt, den sie als Kind erlebt habe. Und damit ergäbe auch ihr sexualisiertes Verhalten mir gegenüber vollkommen Sinn. Sie entwickelte eine klassische Übertragung. Wenigstens glaubte er mir jetzt, dass die Verführungsversuche von ihr ausgingen.

Er blieb stehen und verfiel in den Vorlesungsmodus. Eine Übertragung, dozierte er, gehöre zu den wichtigsten Aspekten der einsichtsorientierten Psychotherapie.3 Der Patient übertrage dabei Gefühle, die er einem Elternteil oder einer Bezugsperson entgegenbrachte, auf den Therapeuten. Therapeuten, die neutral und vorurteilslos agieren, also ihre eigenen Probleme und Gefühlsreaktionen in den Sitzungen unterdrücken, ermöglichen dem Patienten, ihm Reaktionen zuzuschreiben. Wenn die Zeit reif ist, wird der Therapeut die Realität der Beziehung formulieren, was dem Patienten die Möglichkeit gibt, Einsicht in die Verzerrungen seiner eigenen Wahrnehmung zu gewinnen und zu erkennen, was das für die Beziehungen in seinem Leben bedeutet. Mithilfe des Therapeuten kann der Patient seine eigenen Verhaltensmuster durchschauen, zurechtrücken und überwinden.

Ich konnte dem Vortrag über Übertragung so gut wie bei den vorherigen Malen folgen, Lochton gab ihn bereits zum vierten Mal zum Besten. Seine Ansicht über Sherrys frühkindliche Verlusterfahrungen ließ sich nicht gänzlich von der Hand weisen, vielleicht verschwieg sie mir ja tatsächlich immer noch etwas.

Vor der nächsten Sitzung nahm ich mir vor, mich auf Sherrys selbstzerstörerisches Verhalten zu konzentrieren und sie darin zu unterstützen, es zu beenden. Aber diesmal hatte sie sich für die Sitzung wirklich so angezogen, als wollte sie auf den Strich gehen, und brachte mich völlig aus dem Konzept.

Sie kämpfte mit ihrem hautengen Mini, während sie sich auf dem Sofa niederließ, und legte los: »Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, Gary, weil Sie mir am Mittwoch zugehört und mir Mut gemacht haben, mit dem, was ich mache, aufzuhören. Es war verrückt, und ich weiß, dass Ihnen wirklich etwas an mir liegt.«

»Ich bin froh, dass Sie sich dazu entschieden haben. Wie geht es Ihnen?«, fragte ich.

»Die Antwort kennen Sie doch. Das bleibt unser kleines Geheimnis.« Sie zwinkerte mir vertraulich zu.

»Was meinen Sie?«

Sie schwieg und lächelte.

»Ich dachte, wir hätten die Geheimnisse hinter uns gelassen, Sherry. Wenn eine Psychotherapie etwas bringen soll, müssen Sie versuchen, mir möglichst offen zu sagen, was Ihnen durch den Kopf geht.«

Schließlich sagte sie: »Aber Sie wissen doch, woran ich denke, Sie müssen mir doch nur in die Augen sehen.« Sie holte etwas aus ihrer Handtasche. »Ich habe Ihnen ein kleines Dankeschön für die letzte Sitzung mitgebracht. Ich hoffe, sie hat Ihnen genauso gut gefallen wie mir.« Sie gab mir das Geschenk und verließ fluchtartig das Büro.

Das Geschenk war wunderschön eingepackt. Ich war perplex, wusste nicht, was ich machen sollte, also machte ich es auf. Es war eine Rolex – eine echte. Ich rannte zu den Aufzügen, aber sie war schon weg.

Eine der Grundregeln der Psychotherapie ist, dass man den Patienten hilft, zu lernen, ihre Gefühle in Worte zu fassen und nicht allein durch Taten auszudrücken. Sherry hatte die Linie mit der Uhr überschritten. Geschenke haben in einer Therapie nichts zu suchen, der Therapeut darf sie nicht annehmen. Ich rief Lochton an und bat um Rat; er meinte nur, ich solle die Uhr zurückgeben und die Motivation erforschen, die bei der Patientin hinter dem Geschenk stand. Er sagte auch, ich solle mir um Miniröcke und tiefe Ausschnitte keine Gedanken machen. Sie seien lediglich Ausdruck der Übertragung. Es hätte nichts mit mir zu tun. Sie wolle damit ihren Vater erreichen.

Bei der nächsten Sitzung trug Sherry ein rotes Cocktailkleid und passende Pumps. Sie war so fröhlich, als käme sie direkt aus den Flitterwochen. Kaum saß sie auf dem Sofa, sah sie die Rolex auf dem Beistelltisch und wurde ernst.

Ich schob die Uhr zu ihr hin und sagte: »Sherry, Therapien haben eigene Regeln, keine Geschenke, keine …«

Sie fiel mir ins Wort: »Sie geben die Uhr zurück? Na gut.« Sie schleuderte sie in ihre Handtasche. »Wie kannst du es wagen? Du hast mich verführt!«

»Wovon reden Sie?«

»O bitte. Du hast mich angestarrt und Sex mit mir gehabt. Du und dein schlüpfriger Blick, ich könnte davon schwanger werden, so wie du mich mit deinen Blicken ausgezogen und vergewaltigt hast.«

Man hatte mir beigebracht, mit den Patienten Blickkontakt zu halten, um ihnen Respekt und Mitgefühl auszudrücken; man sollte zuhören und sie nicht unterbrechen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Sherry hatte meinen Blickkontakt als sexuellen Übergriff erlebt. Sie war mehr als eine neurotische Hausfrau, sie redete wirres Zeug. Geschlechtsverkehr durch Blickkontakt klang eher nach einer veritablen Psychose, nicht nach einer von Ängsten geplagten Frau, die ihr Leid klagt.

»Schalten wir einen Gang zurück, Sherry«, stammelte ich.

Sie stand auf und ging langsam zum Beistelltisch. »Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du mir in die Augen gesehen hast.«

Verwirrt erhob ich mich ebenfalls. Mein Herz hämmerte, während sie auf mich zukam und ich rückwärts Richtung Tür auswich. Wollte sie mich packen? Umarmen? Sie handelte im Wahn, die Situation war völlig außer Kontrolle.

»Sherry, setzen Sie sich. Lassen Sie uns darüber reden.« Mein hilfloser Versuch, die Ordnung wiederherzustellen, verschlimmerte alles nur noch.

Sie wurde rot vor Wut. »Wie konntest du es wagen, mir mein Geschenk zurückzugeben. Es kam von Herzen.«

»Sherry, ich wollte Sie nicht verletzen. Aber es gibt nun einmal Regeln für Therapie …«

»Therapie?«, brüllte sie. Plötzlich sprang sie vor und versetzte mir eine Ohrfeige. Es tat weh. Sie wollte ein zweites Mal zuschlagen, ich erwischte ihr Handgelenk und sagte: »Das reicht! Die Sitzung ist beendet.« Rasch verließ ich den Raum und rettete mich in den Flur.

Zum Glück war die Sekretärin an ihrem Platz. Ich bat sie, sich um Sherry zu kümmern und sie hinauszubegleiten. Versteckt in einem anderen Büro hörte ich, wie Sherry aufgebracht durch den Flur stampfte.

Ich war erschüttert. War das ein Übergangsritus für Psychiatrie-Novizen, oder war mir ein massiver Fehler unterlaufen? Noch nie hatte mich ein Patient geschlagen, wenn auch oft damit gedroht. Ich erinnerte mich an einen schizophrenen Mann, den ich einen Monat zuvor ans staatliche Krankenhaus überwiesen hatte. »Das werde ich Ihnen heimzahlen, Small, das vergesse ich nicht!«, hatte er mir nachgerufen. Aber es wirkte nicht sehr bedrohlich. Bei Sherry hatte ich nicht damit gerechnet. Ich hatte zugelassen, dass sie mich aus meinem eigenen Büro jagte. Konnte ich die Behandlung fortsetzen? Würde sie noch einmal versuchen, mich zu ohrfeigen? Ich brauchte eine Supervision, aber von Lochton erhoffte ich mir keine Hilfe. Ich ärgerte mich über ihn. Dank seiner Ratschläge war ich in diese missliche Situation geraten.

Es gab viele fähige Supervisoren am Massachusetts General, die sich mit schwierigen Patienten und kniffligen Situationen auskannten. Schon für den nächsten Tag ergatterte ich einen Termin bei Joe Sandler, einem ausgebufften Analytiker und psychodynamischen Therapeuten, der sich auf Borderliner und psychotische Patienten spezialisiert hatte. Ich hatte mehrere Seminare bei ihm belegt und mochte seine Art. Er war eine Mischung aus halsstarrigem irischen Gastwirt und liebevoll-jüdischer Mutter.

Sandler stimmte mir zu: Sherry war viel kränker, als Lochton und ich vermutet hatten. Das war mit dem Schlag in mein Gesicht offensichtlich geworden. Sie litt unter dem Borderline-Syndrom und konnte in ihrem psychotischen Wahn den Belastungen einer Gesprächstherapie nicht standhalten. Die psychische Verfassung von Borderline-Patienten bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen normalen Ängsten und deren psychotischer Übersteigerung.4 Unter Stress nehmen sie die Realität verzerrt wahr, leiden unter Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Meine ganzen Fragen zu Sherrys Vergangenheit und die Weigerung, ihre direkten Fragen zu beantworten, hatten sie in die psychotische Wahnvorstellung getrieben, ich hätte über den Blickkontakt Sex mit ihr gehabt. Mit eindringlichen Fragen war ihr nicht zu helfen, sie brauchte eine andere Form der Unterstützung und Therapie.

Sandler schlug vor, ich solle mir Sherrys Krankengeschichte anschauen. Also holte ich mir die alten Unterlagen; ihre Laborwerte waren ganz normal, aber man hatte bei ihr nie ein CT vom Kopf oder ein EEG gemacht. Auch wenn es eher unwahrscheinlich war: Es musste abgeklärt werden, ob ein Gehirntumor oder ein anderes neurologisches Problem ihre Psychose und Erotomanie erklärte.

Ich wusste, dass Sherry Hilfe brauchte, und ich hatte einige Empfehlungen, falls sie die Therapie nicht bei mir fortsetzen wollte. Trotz meiner Ängste fühlte ich mich von dem neuen Supervisor bestärkt und wollte es versuchen.

Nach einer Woche rief ich Sherry an. Ich redete ihr zu, sie solle wiederkommen. Anfangs war sie ziemlich schnippisch, hörte aber zu. Ich wolle ihr wirklich helfen, sagte ich, und zum jetzigen Zeitpunkt wäre es wohl sinnvoll, die Vorgehensweise zu ändern, aber sie müsse sich an die Regeln halten – keine Geschenke, keine Ohrfeigen. Ich sagte ihr, wir könnten ihre Vergangenheit ruhen lassen und stattdessen pragmatisch nach Wegen suchen, wie sie mit den Gefühlen umgehen konnte, derentwegen sie in die Therapie gekommen war – dem Gefühl der Leere und dem der Einsamkeit. Wir könnten uns auch mehr Zeit lassen und uns nur noch einmal wöchentlich sehen. Ich fände es gut, wenn ihr Hausarzt einige zusätzliche Untersuchungen vornehmen würde, ergänzte ich, und vielleicht sollte sie eine Zeit lang Medikamente nehmen, die ihre Nerven beruhigten. Und schließlich versicherte ich ihr, dass ich ihr nicht in die Augen starren würde, und wiederholte, ich hätte sie nicht kränken wollen. Ich denke, sie hat gespürt, dass ich das Heft wieder in der Hand hatte, und deswegen zugestimmt.

Sherry nahm die Therapiesitzungen wieder auf, und ich verschrieb ihr ein niedrig dosiertes Medikament gegen die Psychose. Es dämpfte die erotische Übertragung rasch, ihre Kleidung wurde deutlich weniger aufreizend.

»Ich weiß nicht, was mit mir los war, Dr. Small«, sagte sie. »Ich war so gestresst, weil Eddie dauernd weg ist, und Sie haben so großes Interesse an allem gezeigt, was ich zu erzählen hatte.«

»Es freut mich, dass es Ihnen besser geht.«

»Ich kann gar nicht fassen, wie dumm ich war. Bei diesen Ausflügen in die Bar hätte ich mir einen Triebtäter oder sonstwas mit nach Hause nehmen können.«

»Die Tabletten helfen Ihnen dabei, mit Ihren Ängsten umzugehen«, versicherte ich.

Inzwischen lagen die Untersuchungsergebnisse vor. Das EEG gab keine Hinweise auf eine Temporallappenepilepsie, die von einem Gehirntumor in der Schläfe hervorgerufen wird und zu Persönlichkeitsveränderungen sowie Hypersexualität führen kann.5 Für Letzteres zeigte Sherry typische Merkmale, aber auch das CT schloss eine neurologische Erklärung für die Symptome aus. Die Diagnose Borderline-Syndrom erwies sich in ihrem Fall als beste Erklärung, auch für das Scheitern der einsichtsorientierten Psychotherapie, die Lochton empfohlen hatte.

Sherry kam nun wöchentlich zu einer unterstützenden Psychotherapie und regelmäßig zur medizinischen Kontrolle. Insgesamt ließen ihre Ängste nach, und sie schien mit der Realität klarzukommen. Fuhr ihr Mann auf eine längere Geschäftsreise, erhöhte ich die Dosis des Psychopharmakons, und soweit ich weiß, hatte sie keine Rückfälle in ihre One-Night-Stand-Phase. Sie machte so gute Fortschritte, dass ich sie wieder vorsichtig nach ihrer Vergangenheit befragte, und es stellte sich heraus, dass sich ihre Eltern getrennt hatten, als sie zwölf war – Lochton behielt mit dem frühkindlichen Trauma also zum Teil recht. Aber zur nächsten Sitzung erschien Sherry wieder mit Minirock und Pumps, daher ließ ich die Finger von weiteren Nachfragen und konzentrierte mich auf die Bewältigung ihrer Ängste. Nach einem weiteren Jahr bei mir in Therapie wechselte sie zu einem Kollegen, der näher an ihrem Wohnort praktizierte.

Einerseits tat es mir leid, dass sie ging, weil die Therapie endlich gut lief und sich ihr Leben stabilisierte. Aber andererseits war ich froh. Ich habe die Ohrfeige nie vergessen, immer hatte ich insgeheim Angst, dass der geringste Missgriff meinerseits einen neuerlichen psychotischen Schub in Sherry auslösen könnte.

Heute weiß ich, dass ich in der Zusammenarbeit mit ihr vor allem durch meine ursprüngliche Fehldiagnose gehandicapt war. Und mein Supervisor hatte auch keinen Plan. Woche für Woche saß ich eine Stunde lang in einem winzigen Büroraum mit einem Menschen zusammen, den ich zu kennen glaubte und der sich als jemand ganz anderes herausstellte – Sherry war eine unberechenbare, tief gestörte und potenziell gefährliche Frau. Und ich hielt mich an Lochtons Ratschläge, obwohl ich oft das Gefühl hatte, dass sie falsch waren.

Der Zwischenfall hat mich gelehrt, meinem eigenen Gefühl zu vertrauen. Das Monster von Loch Ness lag zwar nicht ganz falsch, doch nachdem ich ihn als Supervisor fallen gelassen hatte, wurde mir klar, dass niemand perfekt ist – auch kein allwissender Professor, der Stars und Politiker behandelt. Sherrys Ohrfeige hat weh getan, aber sie hat mir die Flausen ausgetrieben, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, ein echter Psychiater zu sein.

2. KAPITEL

EINE NACKTE DAME IM KOPFSTAND

Frühjahr 1979

VignetteIch hatte Pause und löste Kreuzworträtsel, Mike Pierce hatte Schichtende und war auf dem Sprung nach Hause. Ich hatte seit elf Stunden Rufbereitschaft, dreizehn weitere lagen noch vor mir, als wir die vertraute Lautsprecherdurchsage »Psychiatrie auf Zimmer sechs« hörten. Wenn die Sicherheitsbeamten einen Neuzugang als Randalierer einschätzten, steckten sie ihn in Zimmer sechs, denn dort konnte der Mann oder die Frau zur Beobachtung eingesperrt werden.

»Zimmer sechs, du bist dran, Small«, sagte Mike.

»Das hat mir gerade noch gefehlt«, antwortete ich.

»Bisher hast du vielleicht nur gedacht, Zimmer sechs sei der Hammer, aber glaub mir, Zimmer sechs ist der Hammer!«, sagte Mike grinsend.

»Lass den Kelch an mir vorübergehen«, bat ich sorgenvoll.

»Da musst du durch«, sagte Mike, und weg war er.

Während ich zum Notfallzimmer ging, rannten mehrere Krankenschwestern an mir vorbei. Auf dem Gang verband ein angehender Chirurg den Kopf eines weinenden Teenagers, der auf einer von mehreren Untersuchungsliegen entlang der Wand lag. Ein zweiter Arzt brüllte, er brauche Hilfe bei einer Reanimation. Die Notaufnahme war ein lärmendes Durcheinander von wimmernden Patienten und Ärzten, die Krankenschwestern und Assistenzärzten Befehle zuriefen – ein ganz normaler Mittwochabend.

Mein Herz hämmerte. Ich war gespannt, den neuen Patienten zu sehen, aber ich hatte auch Angst. Zimmer sechs war manchmal grauenhaft, fast immer eine Herausforderung, gewiss niemals langweilig. In Zimmer sechs konnte einen alles erwarten: aufgewühlte schizophrene Mörder mit versteckten Grillspießen, suizidale Bipolare mit versteckten Valiumpackungen, Heroinabhängige auf Entzug, die einen in hohem Bogen vollkotzten. Dank einer bedauerlichen, aber langen Tradition in der Medizinerausbildung waren die Ärzte mit der geringsten Erfahrung – ich zum Beispiel – mit den allerschwierigsten, heikelsten Patienten konfrontiert.1

Diese brachten einen in schier ausweglose Situationen, sodass ich mit meinem Lehrbuchwissen oft ziemlich hilflos dastand und die mir anvertrauten Menschen mitunter auf sehr distanzierte, klinische Weise behandelte. Freud hätte gesagt, dass ich meinen Intellekt als Abwehrmechanismus einsetzte, um meine Ängste in Schach zu halten – schließlich wollte ich den Menschen wirklich helfen und ihnen kein Leid zufügen. Wie jeder Arzt musste ich versuchen, einen Berg von Informationen in kürzester Zeit in eine klare Diagnose und eine Behandlungsmethode zu übersetzen. Auch wenn ich mir für diese beängstigende Aufgabe damals oft unterschiedlichste professionelle Schutzmechanismen aneignete, zeigte ich mich gelegentlich doch von meiner rein menschlichen Seite, und vermutlich habe ich genau in diesen Momenten den Kranken am meisten geholfen. Mit der Zeit gewann ich nicht nur an Erfahrung, sondern auch an Selbstvertrauen, konnte immer besser zuhören und lernte, meine Patienten wirklich zu verstehen.

Beim Stationszimmer der Schwestern in der Nähe von Zimmer sechs angekommen, war ich schweißgebadet vor lauter Angst. Judy Nelson, die Stationsleiterin – Anfang dreißig, geschieden, ziemlich hübsch und mit einer perfekten Mischung aus Gelassenheit und Sarkasmus gesegnet –, hielt mir ein Kleenex hin. Sie arbeitete seit zwölf Jahren in der Notaufnahme und hatte Hunderte von Grünschnäbeln wie mich auf dem Weg ins Zimmer sechs erlebt. Wer immer sich von ihr hatte scheiden lassen, muss ein Vollidiot gewesen sein.

Judy gab mir die Unterlagen. »Miss Unbekannt, Anfang zwanzig. Die Bullen haben sie im North End aufgegriffen, weil sie vor sich hin brabbelte. Das muss ich mir merken, dass mit sich selbst zu reden jetzt schon ein kriminelles Vergehen ist.«

Judys lässige Haltung beruhigte mich, ich überflog die Akte. Die Polizei hatte sie eingesammelt, weil sie verwahrlost und laut Selbstgespräche führend durch die Straßen des italienischen Viertels von Boston rund zwei Kilometer nördlich vom Krankenhaus lief. Ein Sanitäter hatte eingetragen, dass sie während der Fahrt im Krankenwagen unaufhörlich Schreie ausstieß und an ihrer Kleidung zerrte. Zwischen den Schreien murmelte sie, ihr sei heiß, obwohl es draußen nur fünf Grad waren. Die Besatzung des Krankenwagens hatte ihre körperliche Verfassung oberflächlich untersucht und abgesehen von ihrem Verhalten nichts Auffälliges gefunden.

Ich lief den Flur hinunter zu Zimmer sechs. Anders als die anderen Zimmer in der Notaufnahme war in der Tür ein Guckloch mit einem kleinen Fensterladen, um die Patienten vor dem Eintreten beobachten zu können. Als ich die Holzklappe öffnete, sah ich eine zierliche Frau Anfang zwanzig, die splitternackt auf dem Kopf stand. Es dauerte einen Moment, bis der Anblick in mein Großhirn durchgesickert war, und dann wusste ich nicht, ob ich lachen oder wegrennen sollte. Bevor ich das Guckloch wieder schloss, fiel mir auf, dass sie sehr sicher stand. Ich drehte mich um und starrte die wartenden Patienten auf den Tragen im Flur an, um das eben Gesehene zu verdauen.

»Ist Ihnen schlecht, Dr. Small?«, fragte Judy.

»Nein, nein. Ich muss nur noch etwas in der Krankenakte prüfen, bevor ich reingehe.«

Aber mir war schlecht. Wie war dieser Kopfstand im Evaskostüm einzuordnen? Gab es eine psychologische Bedeutung, die mir gerade nicht präsent war? Wollte sie etwas kommunizieren, oder war sie ganz von Sinnen?

»Judy, können Sie ein paar Leute von der Security holen, falls ich welche brauche? Und besorgen Sie doch bitte was zum Anziehen für die Patientin.«

Ich öffnete die Klappe erneut. Die Patientin stand immer noch mit ausdrucksloser Miene auf dem Kopf, ihr Blick ging Richtung Tür. »Hallo. Ich bin Dr. Small, ich habe heute Abend Dienst.«

Keine Antwort.

»Können Sie mich hören? Ich möchte hereinkommen und Ihnen einige Fragen stellen.«

Wieder keine Antwort.

Okay, ich hatte Angst, hineinzugehen, und Judy schaute zu.

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