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Als hätte der Himmel mich vergessen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Vorwort von Gudrun
  8. 1. Kapitel: Die Flucht
  9. 2. Kapitel: Willkommen im wirklichen Leben
  10. 3. Kapitel: Die falsche »Mama«
  11. 4. Kapitel: Die Bürde der Vergangenheit
  12. 5. Kapitel: Rückfälle und Fortschritte
  13. 6. Kapitel: Die Entdeckung des Glücks
  14. 7. Kapitel: Die Falle schnappt zu
  15. 8. Kapitel: Grausame Wahrheit
  16. 9. Kapitel: Amelie-Aschenputtel
  17. 10. Kapitel: Zurück im Hexenhaus
  18. 11. Kapitel: Über sieben Brücken …
  19. 12. Kapitel: Träume versus Wirklichkeit
  20. 13. Kapitel: »Willst du zurück?«
  21. 14. Kapitel: Der richtige Beruf
  22. Was danach geschah
  23. Bildteil
  24. Danksagung
  25. Nachwort von Amelie Sanders Psychotherapeutin
  26. Kontaktstellen für Opfer von Gewalttaten

Über das Buch

Pro Tag muss ihr ein Becher Wasser reichen, am Mittagstisch bekommt sie von der Mahlzeit einen Löffel voll, während sich die anderen sattessen. Von ihrem 4. Lebensjahr an wird Amelie von ihrer Stiefmutter terrorisiert, gequält und in Gefangenschaft gehalten. Der Außenwelt erklärt die Familie, Amelie sei behindert, so können sie ihren perfiden Sadismus jahrelang ungehindert ausleben. Erst mit 21 gelingt Amelie die Flucht. Sie hat lange gebraucht, die Traumata zu verarbeiten, aber jetzt ist sie bereit, ihre bewegende Geschichte zu erzählen.

Über die Autorin

Amelie Sander wurde Ender der 60er Jahre in einer mittelgroßen Stadt in Deutschland geboren. Nach ihrer Flucht aus dem Elternhaus musste sie von Null auf Hundert lernen, sich im täglichen Leben zurechtzufinden und auf eigenen Beinen zu stehen. Als sie ihren Mann kennenlernte, erfüllte sich ihr größter Wunsch: einen Menschen zu finden, den sie lieben und rückhaltlos vertrauen kann.

AMELIE SANDER

BEATE RYGIERT

Als hätte der
Himmel mich
vergessen

Verwahrlost und misshandelt
im eigenen Elternhaus

Dieses Buch widme ich meiner Mutter und meiner Schwester.
Vielleicht sehen wir uns auf der anderen Seite wieder?

Vorwort von Gudrun

Liebe Leserinnen und Leser,

als ich Amelie kennenlernte, war sie 21 Jahre alt.

Mit 21 Jahren, werden Sie vielleicht denken, ist man schon ziemlich selbständig, hat schon einiges gesehen und sein Leben so einigermaßen im Griff.

Nicht so bei Amelie.

Ich weiß noch, wie schockiert ich war, als ich erfuhr, dass sie mit 21 Jahren immer noch zu Hause festgehalten wird und wie eine Gefangene lebt. Da gab es keine Spur von Selbstbestimmung und Selbstständigkeit. Und dabei kannte ich damals noch gar nicht das ganze Ausmaß ihres Martyriums. Ich kannte nur die Spitze des Eisberges.

Im Nachhinein frage ich mich, warum ist nicht schon früher jemand auf Amelies Schicksal aufmerksam geworden? Hat niemand ihre Signale gesehen? Oder wollte sie niemand sehen? Haben ihre Mitmenschen einfach die Augen geschlossen, weil es einfacher ist?

Nach dem Motto »Unrecht als Unrecht erkennen und sichtbar machen« versuche ich offen zu sein für meine Umwelt. So war ich einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, als ich auf sie traf.

Genau zu diesem Zeitpunkt hat auch Amelie noch einmal Hilfesignale ausgesandt. Ich bin froh, dass ich ihr begegnet bin. Mit Amelie durfte ich erleben, dass es sich lohnt zu kämpfen und nicht aufzugeben.

Wie und was sie alles durchmachen musste, lesen Sie in diesem Buch.

Wir dürfen die Menschen in Not nicht vergessen. Wenn wir Unrecht als Unrecht erkennen und sichtbar machen, dann wird das Leid in dieser Welt geringer.

Ich hoffe, Amelies Geschichte trägt dazu bei.

Gudrun H., eine Zeugin

1. Kapitel

Die Flucht

Ich wache auf und weiß überhaupt nicht, wo ich bin. Das Zimmer ist hell, die Möbel so weiß wie das Bettzeug, in dem ich liege, und es duftet nach Sauberkeit und Frische. Es dauert eine Weile, bis ich es fassen kann: Ich bin meinem Gefängnis entronnen. Ich habe es tatsächlich geschafft, der Tyrannei meiner Stiefmutter zu entfliehen. Ich kneife mir in den Arm, um sicherzugehen, dass ich nicht träume. Aber es ist Wirklichkeit: Ich bin frei.

Ich will aus dem Bett steigen, doch sofort wird mir schwarz vor Augen, sodass ich mich wieder in die Kissen fallen lasse. Und mit der Schwäche ist auch die Angst wieder da, meine treue Begleiterin, solange ich mich zurückerinnern kann. Sie sagt: ›Sie werden kommen und dich holen. Die Nonnen werden dich nicht beschützen können.‹

Vor mir sehe ich das gehässige Gesicht meiner Stiefmutter. ›Du hast tatsächlich geglaubt, dass du mir entwischst?‹ Ich halte mir die Ohren zu, um ihr hässliches Lachen nicht hören zu müssen; verberge mein Gesicht hinter meinen gekreuzten Armen, um ihren Schlägen zu entgehen.

Doch die Zeit vergeht, und niemand kommt, um mich zu holen. Mein Atem beruhigt sich langsam. ›Keine Panik, Amelie‹, sage ich mir. ›Sie haben dich gehen lassen. Auch wenn es im letzten Moment fast anders ausgegangen wäre.‹

Und schon steht mir wieder alles vor Augen: meine Flucht und wie es dazu kam.

– – –

Um sieben Uhr ist Zeit zum Abendbrot. Geduckt nehme ich meinen mir seit Jahren zugewiesenen Platz in der hintersten Ecke der kleinen Küche ein, wo schon mein besonderer Teller auf mich wartet. Vom Familiengeschirr darf ich nicht essen, die anderen »könnten sich ja etwas bei mir holen«. Mein altes Geschirr wird als letztes im schmutzigen Spülwasser abgewaschen und separat aufbewahrt, ganz so, als wäre ich aussätzig. »Mama«, wie ich meine Stiefmutter nennen muss, hat mir zwei kleine Brote dünn mit Margarine bestrichen und eine Scheibe Wurst pro Brot daraufgelegt. Die Wurst ist schon ein paar Tage alt. »Die neu gekaufte hast du nicht verdient«, zischt sie mir zu. Noch immer trifft mich ihr Hass mitten ins Herz.

Ich schlinge mein karges Abendessen hinunter. Natürlich macht es mich nicht satt, im Gegenteil, ich habe das Gefühl, jetzt noch hungriger zu sein. Ich sehe den anderen beim Essen zu und habe das Gefühl, gleich durchzudrehen. Wir wohnen in einer guten Gegend, mein Vater hat einen guten Job und bringt genügend Geld nach Hause, so wie alle in unserer Nachbarschaft, und wahrscheinlich bin ich die Einzige weit und breit, die vor Hunger fast halluziniert. Als ich die Treppe hoch in mein Zimmer gehe, muss ich achtgeben, dass ich vor Schwäche nicht stürze. Im Bett wälze ich mich hin und her. Mein gesamter Körper tut mir weh, so hungrig bin ich. Um mich abzulenken, versuche ich, mich auf den morgigen Tag zu konzentrieren. ›Nur noch wenige Stunden, Amelie‹, sage ich mir selbst, ›dann hast du es hinter dir.‹ Irgendwann sinke ich in einen dumpfen Schlaf.

Am nächsten Morgen schrecke ich schon um sechs Uhr wieder hoch. Das ganze Haus schläft noch, keiner ahnt, was ich heute vorhabe, und das ist auch verdammt gut so. Als mir klar wird, dass endlich der Tag meiner Flucht angebrochen ist, wird mir schlecht vor Aufregung. Schnell fliehe ich in meine Traumwelt, die ich mir im Laufe der langen, einsamen Jahre geschaffen habe.

In dieser Traumwelt ist alles gut. Der Tisch ist üppig gedeckt, und zwar ganz allein für mich. Der Kühlschrank ist voll, und ich nehme mir, was ich möchte. Allein diese Szene kann mich stundenlang beschäftigen. Die anderen sehen eine abgemagerte Amelie, die mit abwesendem Blick ins Leere vor sich hin starrt. Sie denken, ich bin zurückgeblieben. In Wirklichkeit haue ich mir gerade den ausgehungerten Bauch voll – leider nur in meiner Fantasie.

Ich höre, wie meine Stiefmutter aus ihrem Schlafzimmer trampelt und meinen acht Jahre jüngeren Stiefbruder weckt. »Marcel, mein Schatz«, sagt sie zu ihrem Liebling, »Zeit zum Aufstehen! Mach dich bitte für die Schule fertig, dann gibt es Frühstück.« Rasch mache ich meine Augen zu. Sie kann jederzeit einen ihrer Kontrollgänge in mein Zimmer machen in der Hoffnung, mich dabei zu erwischen, wie ich etwas Verbotenes tue. Denn ich darf nur das machen, was sie mir ausdrücklich erlaubt, und das ist leider nicht viel.

Doch heute habe ich Glück, sie schaut nicht rein. Stattdessen geht sie nach unten, um für ihren Sohn das Frühstück zu richten. Im Geiste gehe ich mit ihr und sehe ihr zu, wie sie Cornflakes mit Schokostückchen in eine Schale schüttet und Milch darübergießt. Dann schmiert sie ihm zwei leckere Pausenbrote und belegt sie dick mit seiner Lieblingswurst Lyoner. Damit Marcel auch wirklich satt wird, packt sie ihm außerdem einen Schokoriegel ein. Der Junge soll ja bei Kräften bleiben, schließlich besucht er die Realschule und hat einen ziemlich anstrengenden Lernstoff. Ich dagegen bekomme immer und immer wieder zu hören, dass ich ein »Nichtsnutz« bin und weder Kleidung noch Essen verdient habe.

Nur jeden dritten Tag darf ich eine frische Unterhose anziehen. Meine Socken und das T-Shirt muss ich ein paar Tage länger anbehalten. Die Stoffhose mit Gummibund darf ich erst nach vier Wochen in die Wäsche tun. Mein Bett wird nur alle drei bis vier Monate frisch bezogen. Seit ich denken kann, hat meine Stiefmutter die volle Kontrolle über mich und mein Leben.

Ich stehe auf, ziehe den von meinem Vater abgetragenen Schlafanzug aus und schlüpfe wie jeden Morgen in die zerschlissenen Klamotten meiner Stiefmutter. Ein Tag wie viele andere zuvor beginnt. Aber nur fast. Wenn mein Plan aufgeht, ist dies das letzte Frühstück in diesem Haus. Die Nachbarn denken, wir seien eine Bilderbuchfamilie. Sie bewundern meine Stiefmutter für ihre Geduld mit der behinderten und verstockten Amelie. In Wirklichkeit bin ich ihre Gefangene.

Oben im zweiten Stock geht die Tür auf. Stiefoma kommt die Treppe herunter. Immer wenn sie zu Besuch ist – und sie ist es oft –, unterstützt sie meine Stiefmutter mit aller Kraft dabei, mich zu quälen. Als mein Vater und Marcel das Haus verlassen haben, höre ich sie sagen: »Komm, Gerda, wir zwei frühstücken erst mal. Die Amelie ruf ich später.« Sie sagt das mit großer Abscheu in der Stimme, denn für sie bin ich ein »notwendiges Übel«. Doch heute ist mir alles recht, je weniger ich ihnen unter die Augen treten muss, desto besser. Es ist schon halb zehn, als mir Stiefoma endlich erlaubt, in die Küche zu kommen.

Ich betrete die Küche, und Stiefoma wirft mir einen bösen Blick zu. Schon ist sie wieder da, die Angst vor ihren Schlägen. Ich muss warten, bis man mir eine Tasse Caro-Kaffee mit etwas Zucker und Milch zu den beiden kleinen Broten reicht, es kommt nicht infrage, dass ich mir einfach etwas nehme.

Auch heute, an meinem hoffentlich letzten Tag in Gefangenschaft, stehe ich hungrig vom Frühstückstisch auf.

Da ich heute so aufgeregt bin, kann ich meinen Stuhlgang nicht mehr lange zurückhalten. Meinen täglichen Urin darf ich auf der Gästetoilette – und nur dort! – verrichten, während ich meinen Stuhlgang bei meiner Stiefmutter anmelden muss. Das darf ich aber nur jeden dritten Tag. Die beiden Tage dazwischen muss ich ihn mir irgendwie »verkneifen«. Wenn ich es einmal nicht schaffe und meine Stiefmutter um eine Ausnahme anflehe, wird sie wütend. »Offenbar gebe ich dir immer noch zu viel zu essen«, schreit sie dann und schlägt mich. Die wenigen Male, die ich es wagte, heimlich aufs Klo zu gehen, fand sie es heraus und misshandelte mich dermaßen, dass ich es nie wieder tat.

Schnell rechne ich nach, wann das letzte Mal war. Es war vor zwei Tagen, also ist heute bereits der dritte Tag. Auch eine frische Unterhose darf ich mir nehmen. Als ich die alte in die Waschküche im Keller bringe, treffe ich auf meine Stiefmutter, die gerade ihre Wäsche sortiert. Sie fasst mich scharf ins Auge, nimmt mir den schmutzigen Schlüpfer ab und kontrolliert, ob er auch dreckig genug ist. Obwohl sie das seit Jahren tut, schäme ich mich. Vorsichtig frage ich, ob ich »groß« aufs Klo gehen darf.

Vielleicht führt sie einen Kalender über meine Toilettengänge, jedenfalls hat sie sich noch nie verrechnet. Auch heute denkt sie kurz nach, dann nickt sie.

»Pass aber bloß auf, dass danach das Klo ja wieder sauber ist. Und mach sofort das Fenster auf, hörst du, deinen Gestank kann ich nicht ertragen.«

»Ja, Mama«, antworte ich leise und sprinte so schnell ich kann die Treppe hoch und in die Gästetoilette. Ich schaffe es gerade noch, es ist ein Wunder, dass nichts in die frische Hose geht. Ich kann die Erleichterung nicht beschreiben, die ich jedes Mal fühle, wenn ich nach Tagen endlich meinen Darm entleeren darf. Mein ganzer Körper zittert, und ein Schweißfilm bedeckt mein Gesicht, als die Anspannung endlich nachlässt. Natürlich bin ich sehr darauf bedacht, das Klo sauber zu verlassen, denn ich weiß, sie wird es später kontrollieren.

Ich werfe einen kurzen Blick in den Spiegel. Ich bin 21 Jahre alt und sehe aus wie das blanke Grauen. Um meine braunen Augen, die traurig und ständig erschreckt dreinblicken, liegen tiefe Augenringe. Meine Haare sind fettig bis in die Spitzen. Kein Wunder: Das Badezimmer habe ich noch nie betreten, es ist für mich tabu. Wenn es mir alle vier Wochen mal erlaubt wird, mich zu waschen, dann nur an einem Wasserhahn im Waschkeller. Danach säbelt meine Stiefmutter persönlich an meinen Haaren herum und hält sie so kurz wie möglich.

Meine Haut ist blass, fast grau. Wenn ich den Mund öffne, bekommt man einen Schrecken: Meine Zähne sind fast vollständig verfault. Noch nie in meinem Leben habe ich sie putzen dürfen. Von meinen Backenzähnen sind nur noch Reste übrig. Auch meine Schneidezähne sind gelb verfärbt und teilweise schon richtig zerfressen.

Ich wende mich von meinem Spiegelbild ab, denn ich muss mich konzentrieren. Was ich vorhabe, lässt mein Herz hart gegen meine magere Brust schlagen: Ich plane meine Flucht, und das ist etwas Ungeheuerliches. Schon drei Mal wollte ich dieser Hölle entfliehen, und jedes Mal brachte man mich wieder zurück. Dieses Mal MUSS es gelingen.

Leise begebe ich mich wieder auf mein Zimmer im ersten Stock unseres Hauses. Dieses Zimmer ist mein Gefängnis, das ich erst wieder zum Mittagessen verlassen darf, wenn ich gerufen werde. Wie immer, wenn Stiefoma da ist, habe ich nichts zu tun, dann übernimmt sie die Hausarbeit, die normalerweise meine Aufgabe ist. Ihrer Meinung nach bin ich zu nichts zu gebrauchen.

Ich setze mich auf meinen Stuhl, wie es mir befohlen ist, und schaue aus dem Fenster. Seit Jahren sitze ich hier, unseren Nachbarn bin ich ein vertrauter Anblick, die behinderte Tochter von Sanders, die immer aus dem Fenster starrt. »Das ist doch nicht normal.« Ich weiß nicht, wie viele Stunden meines Lebens ich auf diesem Stuhl verbracht habe, Stunden voller Verzweiflung und Leere, Stunden, in denen ich in meine Traumwelt eintauchte, Stunden voller Tränen und Schmerzen, wenn ich mal wieder misshandelt worden war.

Heute jedoch bin ich nervös. Dauernd wandert mein Blick zur Uhr und von dort aus dem Fenster. Schon jetzt ist mir schwindlig vor Hunger, dabei ist es erst halb 11 Uhr. Ich habe keine Ahnung, wie ich die nächsten zweieinhalb Stunden herumbringen soll, bis Marcel aus der Schule kommt. Dann muss ich auch noch warten, bis er sich die Hände gewaschen und seinen Schulranzen in sein Zimmer hochgetragen hat. Erst wenn er mich auffordert, zum Essen runterzukommen, darf ich mein Zimmer verlassen.

Als es endlich so weit ist, nehme ich meinen alten Plastikbecher mit und laufe die Treppe nach unten. Nach dem Essen darf ich diesen Becher in der Waschküche oder in der Gästetoilette mit Leitungswasser auffüllen. Das ist dann mein Getränk für den Rest des Tages.

Als ich die Treppe hinuntergehe, steigt mir der Duft des Mittagessens in die Nase, es gibt Reis, vermengt mit Fleischwurst, Erbsen und Tomatenmark. Meine Stiefmutter nennt das »Risotto Reis«. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Mein ständiger Zustand, immer habe ich Hunger, Hunger, Hunger. Wenn ich doch nur ein einziges Mal so viel essen dürfte, wie ich möchte! Jetzt nimmt meine Stiefmutter meinen Teller und häuft zwei Esslöffel von ihrem Risotto darauf. Schon jetzt weiß ich, dass ich davon nicht satt werden kann. Aber ich habe im Laufe der Jahre lernen müssen, dass ich mehr Essen nicht verdient habe. Seit meinem 12. Lebensjahr wird es mir von Stiefmutter und Stiefoma so eingetrichtert. Auch heute traue ich mich nicht zu fragen, ob ich noch einen Nachschlag bekommen könnte. Es würde ohnehin nichts nützen.

Nachdem ich das bisschen Reis in mich hineingeschlungen habe, muss ich warten, bis die anderen ihre reichlichen Portionen aufgegessen haben. Erst dann darf ich aufstehen und meinen Becher mit Leitungswasser füllen.

Ich gehe wieder auf mein Zimmer. Noch eine Stunde muss ich totschlagen, bis ich um 15 Uhr den Bus nehmen darf, um zu meinem Zwei-Stunden-Putzjob im Finanzamt zu fahren. Seit letztem Jahr darf ich von Montag bis Freitag das Hexenhaus für dreieinhalb Stunden verlassen, länger nicht.

Niemand in meiner Familie ahnt, dass dieser Putzjob für mich zu einem Fenster in die Freiheit wurde, und ich hoffe inständig, dass es nicht wieder zugeschlagen wird. Im Finanzamt habe ich nämlich eine junge Frau kennengelernt. Sie heißt Annabell und ist mutig, lebensfroh, entscheidungsfreudig. Und sie hat ein gutes Herz. Sie ist die Erste, der ich in meinem trostlosen Leben begegnet bin, die sich für meine Situation interessiert. Und nicht nur das. Sie hat es nicht bei Mitgefühl und guten Worten belassen, sondern mich ihrer Freundin Gudrun vorgestellt. Gudrun studiert Sozialpädagogik und hat beschlossen, mich hier herauszuholen.

Endlich ist es Nachmittag. Ich darf das Haus verlassen und zum Finanzamt fahren.

Ich versuche, in Windeseile die Papierkörbe auszuleeren, hetze von Büro zu Büro. Rasch fege ich jedes Büro durch, das muss heute genügen. Die Toiletten muss ich allerdings gründlicher putzen, sonst fällt es auf. Von Minute zu Minute wächst ein flaues Gefühl in mir, und es ist ausnahmsweise nicht der Hunger. Es ist Panik.

Ich schaue auf die große Uhr im Gang. Jahrelang wollte die Zeit einfach nicht vergehen, und jetzt hetzen die Zeiger einfach so übers Ziffernblatt. Gudrun hat gesagt, sie wird mich heute Abend um halb fünf Uhr mit dem Auto abholen. Dann fahren wir gemeinsam zu meinem Elternhaus.

»Ich hol dich da raus, Amelie.« Das waren ihre Worte.

Ich stehe in einem der Büros am Fenster, mein Herz klopft mir bis zum Hals. Wo bleibt Gudrun nur? Hat sie es sich anders überlegt? Mir wird heiß und kalt bei dem Gedanken, in mein Gefängnis zurückzukehren, allein und verspätet, einmal mehr hilflos der Wut meiner Peinigerin ausgeliefert.

Doch da sehe ich den Wagen. Es geht los. Ich renne die Treppe hinunter und schaue ganz vorsichtig zur Tür hinaus, als ob ich verfolgt würde. Gudrun kommt über den Hof auf mich zu.

»Hallo«, sagt sie und strahlt mich voller Wärme an. Sie nimmt meine Hand und sieht mir direkt in die Augen. »Amelie, es wird alles gut werden, du wirst sehen.«

Kurz flammt Hoffnung in mir auf. Doch sofort warnt mich diese skeptische Stimme in mir: ›Die hat gut reden.‹ Schließlich träume ich einfach schon zu lange von meiner Flucht.

Gudrun scheint es zu bemerken, sie legt ihren Arm um mich und sagt:

»Du zitterst ja! Amelie, hab keine Angst.«

Doch, ich habe Angst, eine höllische Angst. Angespannt folge ich Gudrun zum Auto. Es ist der Wagen des Radioseelsorgers Vincent Meier, und in diesen Mann habe ich schon einmal meine ganze Hoffnung gesetzt. Ob er mich heute wieder enttäuschen wird? Auch Annabell, meine Arbeitskollegin, begrüßt mich, auch sie kommt zur Unterstützung mit. So fahren wir zu viert zu meinem Elternhaus. Je näher wir kommen, umso mehr habe ich das Gefühl, dass sich mein Magen langsam verknotet.

»Glaubst du wirklich«, frage ich Gudrun leise, »sie lassen mich gehen?«

»Wir sind bei dir«, versucht mich Gudrun zu beruhigen. »Außerdem bist du volljährig, Amelie. Du bist 21 Jahre alt. Sie müssen dich gehen lassen.«

›Amelie‹, höre ich meine Stiefmutter sagen, ›was tust du mir da an?‹ Keiner weiß besser als ich, was für eine großartige Schauspielerin diese Frau doch ist. Noch jeden Lehrer, jeden Nachbarn, jeden Menschen, der je in meine Nähe kam, hat sie davon überzeugen können, dass sie für mich nur das Allerbeste will. Wird es ihr auch dieses Mal gelingen, meine Begleiter für sich einzunehmen? Was soll dann aus mir werden? Oder vielleicht bin ich tatsächlich das undankbare, nichtsnutzige Geschöpf, das ihr nichts als Ärger bereitet? Und nun habe ich schon wieder hinter ihrem Rücken einen Komplott geschmiedet … Sie hat recht, ich bin ein böses, undankbares, nichtsnutziges Kind …

Am liebsten würde ich meine Begleiter nach Hause schicken und mich wieder in mein Gefängnis schleichen, mit eingezogenem Genick und schlechtem Gewissen meine gerechte Strafe erwartend.

Herr Meier parkt das Auto in der Nähe des Hauses. Ich raffe mich innerlich auf. In diesem Haus haben die beiden Hexen, Stiefmutter und Stiefoma, seit Jahren ihr Spiel mit mir getrieben. Damit muss jetzt Schluss sein. Trotz der Winterkälte ist mir heiß. Ich höre mein Herz bis zum Hals klopfen. ›Wenn sich doch der Erdboden auftun würde, damit ich darin für immer verschwinden könnte‹, denke ich.

Nun stehen wir vor der Haustür. Ehe Gudrun die Klingel drücken kann, sage ich noch schnell: »Bitte … einer von euch muss das Wort ergreifen. Ich kann es nämlich nicht.«

»Alles wird gut, Amelie.« Gudrun klingt ja sowas von optimistisch. »Du wirst sehen, deine Freiheit steht kurz bevor.«

Doch ich habe gar keine Ahnung, was das bedeutet, »Freiheit«. Alles was ich fühle, ist eine fürchterliche, alles verschlingende Angst …

Die Haustür geht auf, und mein Vater steht vor uns. Überrascht schaut er von mir zu meinen Begleitern. Dann blitzt blanker Zorn aus seinen Augen, gerade so, als wollte er sich gleich auf uns stürzen. Doch er beherrscht sich.

»Was gibt es?«, poltert er in Richtung Vincent Meier und Gudrun los. »Was hat Amelie wieder angestellt, dass Sie hier zu dritt mit ihr zu uns nach Hause kommen?«

Gudrun erwidert mit ruhiger, fester Stimme: »Herr Sander, wir kommen, um Ihnen zu sagen, dass wir Amelie mitnehmen werden. Aber wollen wir das nicht besser kurz drinnen besprechen?«

Einen Augenblick lang ist mein Vater sprachlos. Er, der sonst so gesprächsgewandte Geschäftsmann, weiß tatsächlich nicht, was er sagen soll. So habe ich ihn noch nie erlebt. Dann aber fasst er sich und wendet sich an Gudrun und Herrn Meier: »Ja dann, kommen Sie beide mal rein.«

Zu Annabell und mir meint er nur: »Ihr bleibt draußen.« Kaum sind Gudrun und Herr Meier im Haus, schlägt er uns die Tür vor der Nase zu, und wir stehen in der Kälte.

»Und jetzt?«, bricht es aus der konsternierten Annabell heraus. »Warum macht er denn sowas? Hat der sie nicht mehr alle?«

Ich zittere am ganzen Körper und bringe nur ein »Keine Ahnung« raus.

»Wahrscheinlich ist es eine Taktik«, stößt Annabell zwischen ihren vor Kälte klappernden Zähnen hervor. »Er wird versuchen, die beiden umzustimmen. Wir sollen wohl nicht hören, was er ihnen zu sagen hat. Amelie, es wird wirklich Zeit, dass du da rauskommst.«

»Annabell«, sage ich zu meiner Freundin, »wenn sie es nicht schaffen, mich hier rauszuholen, werden mein Vater und meine Stiefmutter mich nächste Woche entmündigen lassen, davon haben sie oft genug gesprochen. Dann habe ich endgültig verloren. Sie haben mich dann noch mehr in der Hand, und ich habe überhaupt keine Rechte mehr.«

»Ah geh, so a’ Schmarrn«, erwidert Annabell. Vor Ärger bricht ihr bayerischer Dialekt durch. »Ich sag da nur eins: Was die mit dir machen ist strafbar. Meines Wissens darf man einen Menschen nicht so einfach entmündigen. Erstens bist du über 18, und zweitens muss das schon gut begründet sein.«

Annabells Augen funkeln kämpferisch, während sie von einem Bein aufs andere tritt. Ich will gerade fragen, was denn begründet werden müsste, wenn man einen Menschen entmündigen lassen will, als die Tür auffliegt und mein Vater vor uns steht.

»Ihr könnt reinkommen«, sagt er mit hartem Gesichtsausdruck und fordert uns auf, ihm ins Wohnzimmer zu folgen. Dort sitzen Gudrun und Herr Meier zusammen mit der Stiefmutter am Esstisch.

»Da setz dich hin«, herrscht mich mein Vater an. Er weist auf den einen Stuhl, auf dem ich bei den seltenen Gelegenheiten, wenn ich das Wohnzimmer betreten darf, zu sitzen habe.

»Was hast du da wieder angestellt?«, zischt mir Stiefmutter zu. Sie hat die Miene aufgesetzt, die sie immer trägt, wenn sie mich einschüchtern will: Die Augen, zu Schlitzen zusammengezogen, sprühen kalte Funken. Wieder befällt mich eine panische Angst, und ich antworte nicht. Mein Vater ergreift das Wort. In scharfem Ton sagt er:

»So, Amelie, du willst also weg von uns. Was haben wir dir getan?«

O Gott, jetzt ich bin dran. Mein Kopf ist wie leergefegt. Was soll ich nur antworten. Gleich bekomme ich keine Luft mehr … Da kommt mir Gudrun zur Hilfe.

»Herr Sander«, sagt sie ruhig und bestimmt, »wie ich Ihnen bereits zu erklären versucht habe: Sie können Ihre Tochter nicht behandeln, als wäre sie ein behindertes Kind, denn das ist sie nun mal ganz und gar nicht. Sie schotten sie völlig von der Außenwelt ab. Sie sperren Amelie in ihrem Zimmer ein, und das ist Freiheitsberaubung. So kann sie unter keinen Umständen selbstständig werden. Sie ist 21 Jahre alt, sie hat ein Recht auf ein menschenwürdiges, eigenständiges Leben. Sie halten sie hier gefangen, das ist unfassbar …«

»Nein«, unterbricht mein Vater sie polternd. »Wir halten Amelie hier nicht fest, wir passen nur besonders gut auf sie auf. Denn Sie müssen wissen, Amelie ist extrem zurückgeblieben. Sie kommt draußen in der Welt nicht allein zurecht. Sie kennen Amelie doch überhaupt nicht! Außerdem, wir haben uns all die Jahre um sie gekümmert. Sie hat es nie schlecht bei uns gehabt, sie hat alles, was sie braucht. Wir sind für sie verantwortlich …«

»Frank«, sagt meine Stiefmutter liebenswürdig, »erklär den Leuten doch mal, was mit deiner verstorbenen Frau war. Dann verstehen sie uns vielleicht besser.«

»Richtig, Schatz«, antwortet mein Vater. Dann wendet er sich wieder an meine Begleiter und richtet sich zu seiner vollen Größe auf.

»Wissen Sie, meine erste Frau – Amelies leibliche Mutter – war krank. Sie hatte starke Depressionen und litt unter Schizophrenie. Wir vermuten, dass Amelie das von ihr geerbt hat und auch krank ist. Schauen Sie doch mal, wie sie glotzt. Das Mädchen starrt uns ja regelrecht an, das sieht doch ein Blinder, dass mit ihr was nicht stimmt. Amelie wird nie einen Beruf erlernen können, dazu ist sie nicht in der Lage. Glauben Sie mir, sie ist zurückgeblieben, sie wird nie ein eigenständiges Leben führen können. Und einen Schulabschluss hat sie auch nicht. Ich weiß nicht, ob sie es Ihnen erzählt hat. Sie ist eine Tagträumerin, die den absurden Berufswunsch hat, Moderatorin beim Radio zu werden, und zwar mit einem Zeugnis aus der Sonderschule.«

In siegesgewohnter Manier wendet er sich jetzt an mich:

»Na, Amelie, hast du diesen Leuten erzählt, dass du auf der Sonderschule warst?« Sein Blick bohrt sich in meine Augen.

Und wieder, wie so oft, sitze ich da wie erstarrt, unfähig, auch nur ein Wort zu äußern. Kein Wunder wirke ich, als wäre ich geistig behindert und zurückgeblieben. Seit meiner frühen Kindheit hat mir meine Stiefmutter unter grausamsten Strafen verboten, gegenüber fremden Menschen das Wort zu erheben. In der Folge verstummte ich einfach. Nicht dass ich wirklich stumm geworden wäre, natürlich hatte ich die Fähigkeit zu sprechen nicht wirklich verloren. Nur meiner Seele war es eingebläut worden, dass ich nicht sprechen durfte, bis sich das Ganze so verselbständigt hatte, dass ich kein Wort herausbrachte, selbst wenn ich sprechen wollte.

»Herr Sander«, schaltet sich nun Herr Meier ein, »wenn Sie hier behaupten, Ihre Tochter sei genauso krank wie Ihre erste Frau es angeblich war: Haben Sie das denn überhaupt einmal professionell überprüfen lassen? Selbst wenn es so sein sollte, gibt Ihnen das noch lange nicht das Recht, Amelie einzusperren und ihr jeglichen Freiraum zu verwehren! Offensichtlich hat sie in Ihrer Gegenwart keinen eigenen Willen mehr. Das ist menschenunwürdig, was Sie ihr da antun. Nach unserer Einschätzung ist Amelie nicht im Geringsten krank oder behindert, im Gegenteil! Sie ist im Besitz ihrer vollen geistigen und körperlichen Kräfte.«

Ich merke, wie Vater immer wütender wird. Zwar versucht er nach außen hin, die Fassung zu bewahren, doch am liebsten würde er mich grün und blau schlagen. Das spüre ich ganz deutlich. Nur die Gegenwart der anderen schützt mich im Augenblick. Ich sende Stoßgebete zum Himmel, dass sie mich nicht allein hier zurücklassen.

Da ergreift Gudrun die Initiative: »Ich frage jetzt mal die Amelie direkt, ob sie mit uns gehen möchte.«

Gudrun schaut mich an, und als ich in ihre klaren, blauen Augen sehe, scheint plötzlich die Welt um mich herum stehenzubleiben. Ihre Stimme strahlt so viel Kraft und Wärme aus, als sie sich mir zuwendet und mir die entscheidende Frage stellt: »Amelie, möchtest du mit uns kommen, damit wir dir ein neues Leben ermöglichen?«

Ich bin es nicht gewohnt, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, jetzt aber sind alle Blicke auf mich gerichtet. Doch ich sehe ausschließlich Gudrun an, und ohne noch groß zu überlegen, sage ich laut und deutlich: »Ja, ich möchte mit euch kommen.« Dann senke ich schnell den Kopf, um den Blicken meines Vaters und meiner Stiefmutter zu entgehen. Einen Moment lang herrscht absolute Stille im Raum. Dann höre ich meinen Vater zu seiner Frau sagen:

»Lass sie gehen. Sie wird schon sehen, dass sie draußen in der Welt nicht allein zurechtkommt.«

Dann wendet er sich mir zu.

»Geh und pack deine Sachen. Aber eines lass dir noch gesagt sein: Wenn du heute gehst, gehst du für immer. Du betrittst mein Haus nicht mehr.«

Ich stehe auf und gehe die Treppe hoch in mein Zimmer. Als ich die Schranktür öffne und überlege, welche von den alten, von der Stiefmutter abgetragenen Klamotten ich mitnehmen soll, kommt sie plötzlich zur Tür herein. Ich erschrecke mich fast zu Tode, denn ich habe sie nicht kommen hören. Wir sind hier ganz allein, und ich erstarre. Mir wird klar, dass die Sache für mich noch lange nicht ausgestanden ist.

Sie packt mich am Ohr.

»Was bist du für ein elendiges, dreckiges Miststück!«, zischt sie mir zu, so leise, dass es unten garantiert nicht zu hören ist. Sie reißt mich am Ohr hin und her. Alles will sie wissen: Wer diese Leute »da unten« sind und wo ich sie kennengelernt habe. Immer stärker treibt sie mich in die Enge, indem sie behauptet, dass ich eine Heuchlerin sei, sonntags zur Kirche wolle und ihr dann sowas antue. Dass sie all die Jahre nur Ärger mit mir gehabt habe und das sei der Dank?

»Amelie«, faucht sie, »du hast es doch gut bei uns oder nicht?«

Sie zieht an meinem Ohr, dass es sich anfühlt, als würde sie mir die gesamte Kopfhaut herunterreißen. »Hast du’s gut bei uns oder nicht?«

Wieder gewinnt die alte Furcht vor ihr Oberhand, unterwürfig nicke ich und signalisiere ihr damit, dass sie im Recht ist.

»Na also, geht doch«, flüstert sie voller Verachtung und lässt endlich mein Ohr los. »Du bekommst jeden Tag was zu essen. Und du bekommst von mir sogar Taschengeld von deinem Putzverdienst. Du hast bei uns ein Dach über dem Kopf. Was um Himmels willen willst du denn noch? Ich hab mich all die Jahre aufopfernd um dich gekümmert, ist das jetzt der Dank dafür?«

Alles, was ich in diesem Augenblick will, ist, dass sie mich in Ruhe lässt. Doch das tut sie nicht, das hat sie noch nie getan. Und jetzt flüstert sie mir jenen Satz zu, die schlimmste von allen seelischen Grausamkeiten, mit denen sie mich seit Jahren quält:

»Wie dumm von deiner Mutter!«, raunt sie in mein schmerzendes Ohr. »Sie hätte dich mit in den Tod nehmen sollen. Wieso hat sie nicht deine Schwester Nina am Leben gelassen?! Mit ihr hätten wir niemals solchen Ärger gehabt wie mit dir. Du Nichtsnutz, du.«

Das sitzt! Ein Schauer läuft mir über den Rücken, denn dieser Satz hat sich in meine Seele gebrannt, und schon lange glaube ich selbst an ihn.

»Du bist das Letzte, du undankbares Miststück. Du bleibst jetzt stehen, wo du bist, hast du mich verstanden? Du denkst doch nicht im Ernst, dass ich dich gehen lasse.«

Sie packt mein Kinn und flüstert ganz leise: »Hast du verstanden?«

Mit weit aufgerissenen Augen nicke ich.

»Gut«, sagt sie und lässt mein Kinn los. »Dann werde ich denen da unten jetzt sagen, dass du es dir anders überlegt hast. Dass du eingesehen hast, dass dieser Streich ein dummer Zug von dir war. Dass dir deine Familie über alles geht und du hierbleiben möchtest. Rühr dich nicht von der Stelle, die sind gleich wieder weg. Und dann«, fügt sie drohend hinzu, »dann reden wir erst einmal Tacheles.«

Mit diesen Worten verlässt sie das Zimmer. Ich höre, wie sie die Treppe hinunterpoltert. Gleich wird sie es den anderen sagen. Mir wird übel, und das Zittern am ganzen Körper geht wieder los. Ich fühle mich schwach und elend. Was habe ich falsch gemacht? Alles, wie immer. Sie hat recht, ich bin ein schlechter Mensch. Ein Miststück, das eine Tracht Prügel verdient hat. Die ich auch sicher bekommen werde, wenn die anderen erstmal weg sind. Wie konnte ich nur so einen Aufstand wagen? Stimmt es nicht, dass sie sich all die Jahre um mich gekümmert hat? Und ich bereite ihr immer wieder nichts als Ärger. Und ja, ich bekomme jeden Tag etwas zu essen, auch wenn es wenig ist. Ich muss halt einfach lernen, mit dem Wenigen zurechtzukommen. Es ist schlecht von mir, dass ich neidisch bin, weil Marcel mehr bekommt als ich. Ich habe einfach nicht mehr verdient, das muss ich endlich hinnehmen. ›Wann wachst du endlich auf, Amelie‹, frage ich mich verzweifelt. Ich hasse mich für das, was ich getan habe.

Da geht auf einmal die Tür auf, und mein Bruder Marcel steht im Zimmer. Jetzt geht alles ganz schnell. Er kommt auf mich zu, und ehe ich mich versehe, verpasst er mir eine harte Ohrfeige. Meine Brille fliegt im hohen Bogen in die nächste Ecke.

»Was tust du der Mama nur an?«, fährt er mich an. »Du bist echt das Allerletzte.« Die Worte spuckt er mir fast ins Gesicht. Und dann ist er schon wieder draußen.

Ich taumle zum Stuhl. In meinem Mund schmecke ich Blut. Als ich einen Schluck aus meinem Wasserbecher nehme, merke ich, dass sich ein Stück Zahn gelöst hat. Das tut so weh, dass ich mich für einen kurzen Moment hinsetzen muss.

Marcel hat mich noch nie geschlagen. Ich sehe wieder das rosige Baby vor mir, als er in mein Leben kam. Dass er mein Halbbruder ist, habe ich erst später erfahren. Und doch hat er ein wenig Licht in mein schreckliches Dasein gebracht. Die wenigen Male, die ich auf ihn aufpassen durfte, hatte mein Leben einen Sinn gehabt. Auch wenn ich darunter leide, dass er all das bekommt, was mir so grausam vorenthalten bleibt, so ist er doch der einzige Mensch, den ich lieben konnte, der einzige, der nicht böse zu mir war. Bis gerade eben. Seine plötzliche Gewalttätigkeit hat mich unter Schock gesetzt. Marcel ist jetzt dreizehn Jahre alt. Was habe ich von ihm in Zukunft zu erwarten? Wird er sich zu meinen Peinigern gesellen und mir das Leben zur Hölle machen?

Ich versuche Ordnung in das Durcheinander in meinem Kopf zu bekommen. Mir tut alles weh, ausgehungert, wie ich bin, fühle ich mich entsetzlich schwach. Die harte Ohrfeige hat meinen Kopf kräftig durchgerüttelt, ich kann kaum klar denken. Panik erfasst mich. Was kommt als Nächstes? Fehlt nur noch, dass Stiefoma ins Zimmer kommt. War sie es etwa, die meinen Bruder angestachelt hat?

Wieder kommt mir in den Sinn, was meine Stiefmutter sagte, nachdem ich das letzte Mal abgehauen war: »Wenn du uns weiterhin solchen Ärger bereitest, dann lassen wir dich entmündigen.«

Entmündigen. Dann ist alles aus. Meiner Rechte beraubt werde ich hier in diesem Zimmer dahinvegetieren. So lange, bis ich verfaule, wie meine Zähne. Ich muss fort von hier. An Annabells Einwand, dass das nicht so leicht gehe mit einer Entmündigung, kann ich nicht glauben. Meine Stiefmutter hat schon so viele Sachverständige getäuscht. Sie hat mich im Griff. Nach diesem Tag werde ich nie wieder die Kraft finden, gegen sie aufzubegehren. Wenn Gudrun, Annabell und Herr Meier ohne mich gehen, ist alles vorbei. ›Dies ist deine letzte Chance‹, sagt eine Stimme in mir. ›Du musst sie nutzen, Amelie, eine weitere wird es nicht geben!‹

Es ist wie ein Signal, das mich panisch von meinem Stuhl reißt. Schon bin ich am Schrank und zerre einen kleinen Koffer von ihm herunter. In meinem Kopf ist nur ein einziger Gedanke: Ich muss mich beeilen, damit Gudrun und die andern nicht ohne mich fortgehen. Meine Hände zittern, als sie die Schnallen aufklappen und wahllos irgendwelche Kleidungsstücke in den Koffer stopfen. Ich schnappe nach Luft und öffne meine Zimmertür. Ich tue das ohne Erlaubnis, und es fällt mir entsetzlich schwer. Es ist, als hätte ich Bleigewichte an den Füßen, doch dann ist es geschafft, leise gehe ich die Treppe nach unten. Vor der Tür zum Wohnzimmer bleibe ich abrupt stehen. Ich traue mich nicht hinein. Es geht einfach nicht.

Denn ich darf NIEMALS ohne Aufforderung das Wohnzimmer betreten, und auch wenn ich noch so sehr möchte, mein Körper gehorcht der ehernen Regel, er bleibt vor der Tür stehen. Dem Stimmengewirr, das aus dem Raum zu mir dringt, kann ich entnehmen, dass die andern noch nicht gegangen sind. Gott sei Dank! Doch da zucke ich zusammen: Plötzlich geht die Tür auf. Meine Stiefmutter steht vor mir und starrt mich an. Ihr Blick springt zu dem Koffer in meiner Hand, und die Zornesröte steigt ihr ins Gesicht. Doch sofort hat sie sich wieder unter Kontrolle.

»Ach, da ist sie ja«, säuselt sie zuckersüß zu den anderen. Dann wendet sie sich an mich:

»Und? Hast du es dir reiflich überlegt? Wie ich sehe, hast du gepackt. Vorhin hast du doch gemeint, dass du einen Riesenfehler gemacht hast und doch lieber bei uns bleiben möchtest. Du weißt wohl nicht so recht, was du willst, Amelie.«

Ihre Augen funkeln mich gefährlich an. Und doch spielt sie weiterhin die Freundliche.

»Komm ruhig herein«, fährt sie fort, »und trau dich, deinen Freunden zu wiederholen, was du vorhin oben zu mir gesagt hast.«

Wenn Blicke töten könnten, würde ich jetzt auf der Stelle tot umfallen. Wie gut ich das kenne, seit Jahren treibt die falsche Schlange ihr böses Spiel mit mir. Wie oft stand ich vor einem Lehrer und wurde von ihr in diesem freundlichen Ton dazu aufgefordert, doch endlich den Mund aufzutun und am Unterricht teilzunehmen. Und kurz zuvor hatte sie mir noch eingebläut, dass sie mich halb totschlagen würde, falls ich es wagen sollte, mit dem Lehrer zu sprechen. Von klein auf lebte ich mit diesem Verwirrspiel. Zu Hause befahl sie mir zu schweigen und mich zu verweigern, und draußen bei Ärzten, vor Lehrern, Erziehern, Therapeuten, mimte sie die verzweifelte und besorgte Mutter, die keinen Rat mehr wisse. In all dem Durcheinander hatte ich sehr früh gelernt, dass die einzige verlässliche Größe die Misshandlungen meiner Stiefmutter waren, wenn ich nicht das tat, was sie mir unter vier Augen befahl. Jetzt stehe ich wie ein geprügelter Hund in ihrem heiligen Wohnzimmer, und jedes mögliche Wort erstirbt in meiner Kehle.

»Amelie«, setzt meine Stiefmutter mit einem feinen, boshaften Lächeln in ihrem Mundwinkel nach. »Möchtest du deinen Freunden nicht sagen, was du vorhin zu mir gesagt hast?«

Alle starren mich an. Ich öffne den Mund, doch nichts kommt heraus. Der böse Zauber meiner Stiefmutter hat wieder gewirkt. Ich bin erstarrt und verstummt.

Schließlich ist es Gudrun, die das abgrundtiefe Schweigen bricht. Als hätte meine Stiefmutter überhaupt nichts gesagt, fragt sie mich: »Hast du alles, Amelie? Können wir gehen?«

Ich sehe sie an, und sofort wird mein Herz ein bisschen ruhiger. Noch immer ist mein Gehirn wie abgeschaltet. Ich halte ihrem Blick stand, und auf einmal verschwindet alles andere um mich herum. Ihr freundliches Lächeln ist der Gegenzauber, auf den ich so lange gewartet habe. Ohne meine Augen von ihr zu wenden, hole ich tief Luft. Das Wunder geschieht, der Bann ist gebrochen, und ich höre mich selbst laut und deutlich sprechen.

»Ja«, sage ich.

»Gut«, antwortet Gudrun selbstbewusst. »Herr Sander, wir haben alles besprochen. Wir nehmen Amelie jetzt mit und ermöglichen ihr ein besseres Leben.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, steht sie auf. Auch Herr Meier und Annabell erheben sich und kommen auf mich zu.

»Okay, Amelie«, sagt Herr Meier und nimmt mir meinen Koffer ab. »Wenn Sie alles haben, dann fahren wir jetzt nach Oberhausen.«

Rasch nicke ich und folge Gudrun dicht auf den Fersen. Weder mein Vater noch meine Stiefmutter verabschieden sich von mir. Mit gesenktem Blick verlasse ich das Hexenhaus, den Ort meines jahrelangen Martyriums.

Draußen habe ich das Gefühl, mir sacken gleich die Beine weg, so schwach fühle ich mich. Da legt Gudrun ihren Arm um meine Schultern. »Amelie«, jubelt sie, »wir haben es geschafft! Du bist in Freiheit. Jetzt fängt ein neues Leben für dich an.«

Ich bringe keinen Ton hervor. Vollkommen erschlagen von dem, was hinter mir liegt, kann ich mein Glück noch nicht fassen. Ohne mich noch einmal umzudrehen, als müsste ich zur Salzsäule werden, sollte ich noch einmal zurückschauen, wie Lots Frau in der Bibel, steige ich ins Auto ein und lasse mich in den Sitz fallen.

Ich bin frei, denke ich, als wir losfahren. Frei. Ich bin frei und kann es doch noch nicht begreifen …

– – –

Heftiges Klopfen an meiner Tür lässt mich aufschrecken. Schweiß bricht aus allen meinen Poren. Mein Magen krampft sich zusammen. Ich muss wieder eingeschlafen sein. Das letzte Traumbild, an das ich mich erinnere, waren zwei dunkle Schatten, die sich über mich beugten. Auch wenn ich ihre Gesichter nicht erkennen konnte, so weiß ich doch, wer diese beiden waren. Meine Peinigerinnen, die Frau meines Vaters und ihre Mutter.

Da ist es wieder, das harte Poltern an meiner Tür. Ich springe mit beiden Beinen gleichzeitig aus dem Bett. O Gott, das sind sie. Die Hexen sind gekommen, um mich zurückzuholen.

»Amelie«, höre ich da eine fröhliche Stimme, »schläfst du etwa immer noch? Es ist halb elf. Ich wollte fragen, ob du mit mir frühstücken möchtest.«

Ich gehe zur Tür, öffne sie vorsichtig einen winzigen Spalt und blicke direkt in die neugierigen Augen eines Mädchens, das mir Schwester Felicitas gestern Abend vorgestellt hat, Gül.

»Hey!« Sie lacht. »Du kannst ruhig aufmachen. Ich fress dich schon nicht.«

Ich öffne die Tür, und Güls neugierige Augen mustern mich von oben bis unten.

»Ist das ein Männerschlafanzug, was du da anhast?«, fragt sie überrascht. »Sieht lustig aus.«

Beschämt sehe ich an mir hinunter.

»Ich komme gleich«, nuschle ich und schließe die Tür rasch wieder, lehne mich an sie und warte, bis das Zittern nachlässt. Freiheit, denke ich. Es wird Zeit zu lernen, was das heißt.

2. Kapitel

Willkommen im wirklichen Leben

Als ich am Abend meiner Flucht gemeinsam mit meinen Rettern durch die Toreinfahrt fuhr, wurde mir wieder bewusst, dass das gesamte Kloster von hohen Mauern umgeben war. Das war mir schon bei meinem ersten, heimlichen Besuch drei Wochen zuvor aufgefallen. Damals hatten Gudrun und Annabell mich während meiner Arbeitszeit abgeholt, um mich Schwester Felicitas vorzustellen. Ich arbeitete in einem Seitengebäude, das nur selten von Vorarbeitern kontrolliert wurde, deshalb war meine Abwesenheit niemandem aufgefallen. Gudrun hatte mir erklärt, dass junge Frauen, die in Not geraten sind und in ihrem Umfeld Unrecht erfahren haben, unter Felicitas’ Leitung im Kloster Oberhausen eine Zuflucht finden, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

»Sie und ihre Mitarbeiterinnen begleiten die Mädchen und Frauen eine Zeit lang auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben«, hatte sie gesagt. »Wenn wir dich aus deinem Elternhaus herausholen wollen, dann müssen wir zunächst eine neue Unterkunft für dich finden. Einen Ort, wo du dir in Ruhe ein eigenes Leben aufbauen kannst. Im Kloster wäre es ideal. Falls ein Platz frei und Schwester Felicitas einverstanden ist.«

Ein eigenes Leben aufbauen … das klang verlockend und doch auch beängstigend. Wie um alles in der Welt sollte ich das schaffen? Ich hatte nichts, konnte nichts, war nichts – jedenfalls hatte mir das meine Stiefmutter seit meiner Kindheit eingetrichtert.

All diese Ängste und noch viel mehr plagten mich, als wir damals die Klosterpforte passierten, den Wagen abstellten und das Gebäude namens »Haus Magdalena« suchten, wo uns Schwester Felicitas erwartete. Sie war eine ältere Nonne mit einem freundlichen, gutmütigen Gesicht. Als sie mir die Hand schüttelte, sah sie mir direkt in die Augen, und mir kam es so vor, als ruhte ihr Blick länger als notwendig auf mir und als reichte er tief in mein Innerstes. Mir schauderte. So hatte mich noch nie jemand angesehen. Ich war es gewohnt, dass man mich mit einem raschen Blick streifte und sich dann abwandte. Ich war es nicht gewohnt, dass jemand wissen wollte, was sich hinter meiner verwahrlosten Fassade verbarg.

Doch Schwester Felicitas wollte es wissen. Es gelang ihr tatsächlich, sich aus dem Wenigen, das ich ihr schüchtern erzählte, ein Bild von meiner Situation zu machen. Am Ende dieses Besuchs, der mich mehr aufwühlte als alles zuvor, gab sie mir folgende Zusage: In drei Wochen würde tatsächlich ein Zimmer in der Wohngruppe für mich frei werden, und Schwester Felicitas war bereit, mich aufzunehmen.

»Dein Aufenthalt verursacht jedoch Kosten, die das Kloster nicht tragen kann«, erklärte sie mir. »Darum werde ich einen Antrag zur Kostenübernahme beim Sozialamt stellen. Wenn wir eine Zusage bekommen, kannst du im Februar bei uns einziehen.«

Mich überkamen alle nur denkbaren Gefühle: Hoffnung und Verzweiflung und Angst vor dem Leben hinter den Klostermauern, mir wurde heiß und kalt. ›Ist das auch das Richtige für mich?‹, fragte ich mich bang. ›Tausche ich nicht ein Gefängnis gegen das nächste aus?‹

Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, sagte Schwester Felicitas:

»Hast du noch Fragen, Amelie?«

Ich räusperte mich und holte tief Luft. Ich brauchte zwei Anläufe, doch dann stellte ich die Frage, die mich beschäftigte:

»Da sind so hohe Mauern um das Kloster«, sagte ich. »Was haben die zu bedeuten? Ist man hier ständig eingesperrt?« Ich dachte daran, dass ich bei meiner Stiefmutter das Haus nur verlassen durfte, um zur Arbeit zu gehen, und zitterte. »Darf ich das Kloster auch außerhalb der Arbeitszeit verlassen?«

»Du bist volljährig, Amelie«, sagte Schwester Felicitas. »In diesem Jahr wirst du ja schon zweiundzwanzig Jahre alt. Du wirst wie die anderen Frauen einen eigenen Schlüssel bekommen und darfst kommen und gehen, wie du möchtest.«

Einen eigenen Schlüssel? Ich konnte es kaum glauben. Noch nie im Leben hatte ich einen eigenen Schlüssel.

»Du allein trägst die Verantwortung für dich, Amelie«, fuhr Schwester Felicitas ernst fort, »auch wenn du erst um drei oder vier in der Früh nach Hause kommst, es ist deine Verantwortung. An allererster Stelle jedoch steht«, fügte sie eindringlich hinzu, »und das ist mir wichtig: Du musst dich an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen, und dazu gehört regelmäßige Arbeit. Zunächst wirst du deinen Putzjob im Finanzamt behalten. Doch der beansprucht dich ja nur zwei Stunden am Nachmittag. Am Vormittag wirst du deswegen vier Stunden im Kloster arbeiten, bis wir wissen, wie es mit dir weitergehen wird.«

In meinem Kopf schwirrten all diese neuen Informationen. Ein eigener Schlüssel. Regelmäßiges Arbeiten. Eigene Verantwortung. Das klang gut. Es klang nach richtigem Leben. Aber es klang auch nach sehr viel Veränderung. Ob ich das schaffen würde?

»In der Zwischenzeit solltest du dir ganz genau überlegen, ob du das überhaupt willst. Es gibt nur fünf Plätze im Kloster, und die Nachfrage ist groß. Wenn du dich für die Wohngruppe hier entscheidest, dann solltest du das auch wirklich ernst meinen.«

Das klang streng, ich zuckte innerlich zusammen. Und doch fühlte ich, dass diese Frau recht hatte. Sie hatte offenbar eine Menge Erfahrung, ihre Augen sagten mir, dass sie schon viel gesehen hatten. Ich nickte. Ja, ich würde es mir gut überlegen und dann zu meiner Entscheidung stehen.

»Es ist vielleicht ein Glücksfall«, fügte Schwester Felicitas nachdenklich hinzu, »dass gerade jetzt Charlotte auszieht und ihr Zimmer frei wird. Aber fühl dich dadurch nicht gedrängt. Wenn du noch Zeit brauchst, um dich zu diesem Schritt zu entschließen, dann warten wir noch ab, bis wieder ein Zimmer frei wird. Dann kommst du eben später zu uns.« Aber das könnte dauern.

Noch am selben Abend traf ich meine Entscheidung. Ich wollte diese einzigartige Chance ergreifen. Wer weiß, wann sie sich wieder bieten würde.

Eine Woche später kam die Zusage zur Kostenübernahme vom Sozialamt. Und jetzt bin ich tatsächlich hier. Gül wartet in der Küche auf mich. Ob auch die anderen drei Frauen da sein werden? Ich versuche mich an die Namen zu erinnern: Da ist Carolin mit ihrem kleinen Sohn Alessio, mit dem sie fließend italienisch spricht. Sybille mit ihrer Tochter Vanessa, die englisch miteinander sprechen. Und da ist noch Ines. ›Zum Glück‹, denke ich, während ich rasch den abgetragenen Schlafanzug meines Vaters ausziehe, ›sprechen alle auch deutsch.‹

Unschlüssig stehe ich vor meinem geöffneten Koffer. Ich habe nicht viele Sachen mitgebracht, trotzdem muss ich eine wichtige Entscheidung treffen. Meine Stiefmutter hat mir immer verboten, jeden Tag meine Unterwäsche zu wechseln. Doch ich beschließe an meinem ersten Morgen in Freiheit, das zu tun, was ich mir immer gewünscht habe: Ich nehme mir eine frische Unterhose und schlüpfe hinein. ›Von jetzt an‹, so nehme ich mir vor, ›gibt es jeden Tag frische Unterwäsche.‹ Für einen kurzen Moment wird mir fast schwindelig vor schlechtem Gewissen. Die Macht meiner Stiefmutter reicht weit, sie muss gar nicht anwesend sein, mir wird trotzdem ganz flau, wenn ich ihre Gebote übertrete. Ich atme ein paarmal tief durch und nehme mir vor, später Schwester Felicitas zu fragen, ob es wohl in Ordnung sei, täglich seine Wäsche zu wechseln.

In der Küche sitzt Gül am Tisch und schmiert sich ein Butterbrot. Schüchtern setze ich mich auf einen Stuhl. Mir wird bewusst, dass ich die Regeln nicht kenne, die hier herrschen. Darf ich hier überhaupt sitzen? Zu Hause gab es nur einen einzigen Küchenhocker, der mir erlaubt war. Sehnsüchtig schaue ich zu, wie Gül ihr Butterbrot mit Nutella bestreicht. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen.

»Warum isst du nichts?«, fragt Gül mit vollem Mund.

»Gehört das Essen … ich meine, … darf ich davon nehmen?«

Ich weiß nicht, wofür ich mich mehr schäme: Für meine Unwissenheit oder mein verlegenes Stottern.

»Also das ist so«, beginnt Gül geduldig. »Es gibt ›allgemeine‹ Lebensmittel, die für uns alle sind. Brot, Butter, Nutella … einfach alles, wo kein Name draufsteht. Schau mal hier«, erklärt sie und zeigt mir einen Joghurt, auf dem mit schwarzem Filzstift GÜL aufgeschrieben steht, »das hab ich mir von meinem eigenen Geld gekauft. Und andere machen das auch, wenn sie etwas Besonderes wollen. Du kannst alles nehmen, wo kein Name draufsteht.«

Sie sieht mich an, als wäre sie nicht sicher, ob ich das verstanden habe. Eilig nicke ich mit dem Kopf, fasse ganz viel Mut und nehme mir eine Scheibe Brot aus dem Brotkorb. Und damit ich auch ja keinen Fehler begehe, mache ich es wie Gül und schmiere mir ein Nutellabrot. Ich beiße hinein – und vergehe fast vor Glück. Ich kann mich nicht daran erinnern, je so etwas Gutes gegessen zu haben. Im Nu habe ich es verschlungen.

»Sind die Wurst und der Käse auch für alle?«, frage ich Gül, und als sie nickt, gibt es kein Halten mehr für mich: Ich mache mir ein Brot mit Wurst und eines mit Käse, und unter Güls staunenden Augen verschwindet alles in unglaublicher Geschwindigkeit in meinem Bauch.

»Du musst ja richtig ausgehungert sein«, sagt Gül, die selbst das Kauen vergessen hat. »Willst du nicht auch etwas trinken?«

Ich nicke und entdecke eine Thermoskanne auf dem Tisch.

»Möchtest du Kaffee oder Tee?«, fragt Gül.

Ich habe noch nie in meinem Leben echten Bohnenkaffee getrunken, jeden Morgen gab es für mich nur Caro-Kaffee.

»Was ist denn in der Kanne«, frage ich vorsichtig.

»Hagebuttentee«, antwortet Gül und verzieht das Gesicht.

Ich gieße mir eine Tasse voll ein und mache mir noch ein Brot. Ich komme mir vor wie im Schlaraffenland, so viele gute Dinge sind hier auf dem Tisch, und von allem darf ich nehmen. Ich weiß überhaupt nicht, wie mir geschieht, ich bin völlig überwältigt und bringe kein Wort mehr heraus, auch wenn Gül in einem fort redet und mir Fragen stellt.

Endlich bin ich satt, und gerade in diesem Moment betritt Schwester Felicitas die Küche.

»Kommst du bitte mal mit?«, sagt sie zu mir. »Ich möchte gerne etwas mit dir besprechen.«

Ich kriege einen Riesenschreck und reiße die Augen weit auf. Habe ich etwas falsch gemacht? Die Nonne sieht mich an und hebt beschwichtigend die Arme.

»Keine Sorge«, beruhigt sie mich, »nichts Schlimmes. Du brauchst keine Angst zu haben.«

Doch die Angst wird noch lange mein ständiger Begleiter bleiben. Seit so vielen Jahren klebt sie an mir wie eine zweite Haut. Wie sollte ich sie so schnell abschütteln? Werde ich sie jemals ablegen können?

Brav wie ein Lamm folge ich Schwester Felicitas ins Wohnzimmer. Kaum bin ich drin, schließt die Ordensfrau die Tür hinter uns. Ich bin noch immer auf Ärger gefasst.

»Komm, setz dich«, sagt Schwester Felicitas und nimmt am Tisch Platz, wie vor drei Wochen, als ich zum Vorgespräch hier war. »Ich möchte dir heute den Tagesablauf und ein paar Regeln der Wohngemeinschaft erklären, damit du dich gut zurechtfindest.«

Ich atme erleichtert auf.

»Wie du weißt, wohnen hier insgesamt fünf Frauen, einige mit ihren Kindern. Und jede Frau übernimmt jeweils für eine Woche ein ›Ämtchen‹, eine Aufgabe, damit alles rundläuft in der Wohngemeinschaft. Das heißt: Jede Woche macht eine die Küche sauber, eine andere das Badezimmer, die Toilette, das Wohnzimmer und den Gang mitsamt der Treppe. Diese Ämtchen wechseln jede Woche ab. Verstehst du?«

Ich nicke. Putzen. Schon wieder. Begeistert bin ich nicht darüber. Aber ich sehe ein, dass jede von uns ihren Beitrag leisten muss.

»Heute ist Samstag. Laut Plan bist du von Montag bis zum Ende der Woche mit dem Putzen des Flurs und der Treppe dran. Kennst du dich aus mit einem Staubsauger?«

»Ja«, sage ich ganz leise. Wenn ich etwas kann, dann sauber machen, dafür war ich meiner Stiefmutter gut genug.

»Als Nächstes«, fährt die Schwester fort, »halte ich es für wichtig, dass du dich an einen geregelten Arbeitstag gewöhnst. Im Finanzamt arbeitest du ja erst am Nachmittag für zwei Stunden, richtig?«

Ich nicke.

»Also hab ich mir überlegt, dass du vormittags vier Stunden entweder in der Klostergärtnerei oder in der Wäscherei arbeiten wirst. Am Montag zeige ich dir beides, und dann kannst du selbst entscheiden, was du lieber machen möchtest.«

Schwester Felicitas sieht mich an, und da ich schweige, spricht sie weiter.

»Ich werde außerdem so bald wie möglich einen Termin beim Arbeitsamt für dich machen«, sagt sie. »Vielleicht überlegst du dir schon mal, welchen Beruf du ergreifen möchtest.«

Mir raucht der Kopf. Das sind ganz schön viele Informationen für jemanden, der jahrelang in seinem Zimmer saß und dem jede Beschäftigung, sogar das Lesen oder Radiohören, bei Strafe verboten war. Jemanden, mit dem nie jemand mehr als ein paar hässliche Worte wechselte, Befehle und Beschimpfungen. Doch Schwester Felicitas ist noch nicht fertig mit mir.

»Mir ist aufgefallen«, sagt sie, »dass du fettige Haare hast. Deine Zähne sind total kaputt und … na ja, … du riechst etwas streng.«

Ich würde am liebsten im Boden versinken. Kaum wage ich es, der Schwester in die Augen zu sehen. Doch sie schweigt und blickt mich aufmunternd an. Also hole ich tief Luft.

»Zu Hause hab ich mich nur alle vier Wochen waschen dürfen«, flüstere ich vor lauter Scham. »An einem Hahn in der Waschküche. Ich hab keine Ahnung, wie man badet oder duscht, das wurde mir nie erlaubt. Und eine Zahnbürste habe ich auch nicht.«

Verzagt verstumme ich und betrachte meine Hände mit den dunklen Nagelrändern.

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