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Als das Leben überraschend zu Besuch kam

Caroline Vermalle

Als das Leben
überraschend zu
Besuch kam

Übersetzung aus dem Französischen
von Karin Meddekis

Schmetterling

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Das Alter ist die Zeit der Entdeckungen.

Benoîte Groult

Das Alter ist nichts für Feiglinge.

Bette Davis

PROLOG

Die Verleger Pierre G. (Gallimard), Sylvie S. (Calmann-Lévy), Christophe B. (Le Seuil) und Solange O. (Grasset) haben das folgende Manuskript am 5. Januar 2012 erhalten.

Bei Madame Perpétue Glele, Lehrerin an der Grundschule des Dorfes Djagballo in Benin, Westafrika, kam es ebenfalls wohlbehalten an, wenn auch mit ein wenig Verspätung und ein paar Eselsohren.

1

1. JUNI

Über das Leben der Menschen wusste ich wenig. Dennoch war ich überzeugt, dass auf dem abgelegenen Weg auf der Ile d’Yeu an diesem Morgen etwas geschah, was sich von dem alltäglichen Einerlei unterschied.

Maniola jurtina, meines Zeichens Schmetterling aus der Familie der Nymphalidae. Sie haben meine braunen Flügel mit den fahlgelben und orangefarbenen Flecken sicherlich schon einmal auf Feld- und Waldwegen gesehen. Von der ganzen weiten Welt kannte ich an jenem Junimorgen nur die Steine der kleinen Mauer dort hinten neben dem alten Citroën-Kastenwagen. Erst zwei Tage zuvor hatte ich das Licht der Welt erblickt. Sehen Sie dieses von Spinnweben umhüllte Häufchen Staub neben dem Efeu? Das ist meine Puppe, die trocknet. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich noch nicht bis zu dem Haus hinten im Garten vorgewagt, in dem es nach Gewürzen und Kräutern roch. Meine Erkundungsflüge beschränkten sich zunächst auf die Maulbeerbäume in der Nähe des Gartentores. Apeliotes, der Wind aus Südost, flüsterte mir zu, dass der kleine Weg hinter dem verrosteten Briefkasten zum Strand führte. Als ich diese eigenartigen Schwingungen während meines Fluges spürte, dachte ich zuerst, das käme vom Meer her. Und dann sah ich sie.

Eine Frau auf einem Fahrrad näherte sich dem Haus. Sie war um die siebzig, sehr schlank und zierlich. Ihr Fahrrad quietschte ein wenig, aber nichts erklärte, was sie umschwebte: Musik, nein, ein rhythmischer Klang, der immer lauter wurde, je stärker ich vom Fahrtwind erfasst wurde. Ich weiß nicht, welch gefährliches Verlangen mich dazu trieb, um diese Frau herumzuflattern. Vielleicht der Duft der Orangenblüte an ihrer Strickjacke, der intensive Geruch des Haarsprays, das ihrem weißen Haar Halt verlieh, oder der verblichene Glanz eines kleinen Smaragdes an ihrem fleckigen Hals. Doch nun begriff ich, was diesen ganz gewöhnlichen Morgen erschütterte. Es war ihr Herzklopfen.

Ihr Herz klopfte stark und schnell, und das passte gar nicht zu dieser ruhigen Straße. Die Augen der Frau waren auf das weiße Haus gerichtet, als sie anhielt und das Fahrrad vorsichtig gegen die alte Mauer lehnte. Sie hob den Kopf und stieß das kleine, blau gestrichene Gartentor auf. Zwischen Töpfen mit blühenden Blumen schlängelte sich ein mit Steinplatten ausgelegter Weg hindurch. Je mehr sie sich dem Haus näherte, umso lauter wurde das Klappern von Töpfen, und umso ungestümer schlug ihr Herz. Ich umflatterte sie wie wild. Hinter den Sträuchern entdeckte sie den Hauseingang. Die Tür stand weit offen.

Ein alter Stuhl, auf dem Kindergummistiefel lagen, war in die Tür gestellt worden, damit sie nicht zufiel; im Haus zog es offenbar. Der Boden glänzte und duftete nach Kiefernnadeln. Die Frau klopfte an die Tür, doch das Klopfen ging im Klappern der Kupfertöpfe unter. Sie blinzelte – ihre Wimpern hatten die Farbe des Rotklee-Bläulings –, holte kurz Atem und sagte dann: »Hallo? Verzeihung, ist da jemand?«

Schließlich verstummte das Klappern der Töpfe. Schritte auf den Bodenplatten hallten durch die Stille, und die Brust der hübschen jungen Frau schien plötzlich vor Wut anzuschwellen. Ich flog blitzschnell davon und versteckte mich im Schatten eines blauen Fensterladens. Warum nur war die Frau mit dem Fahrrad an diesen Ort gekommen, der ihrem müden Herzen großen Schaden zufügen konnte?

2

7. MAI

Es war Zephyr, der Westwind, der mir von ihr erzählte. Er konnte sich noch gut an sie erinnern. Er hatte sie vor einem Monat an einem wolkenlosen Abend in Erquy in der Bretagne gesehen.

22.02 UHR

Er war durch den Briefkasten ins Haus eingedrungen, durch den Schlitz unter der mit einem schmiedeeisernen Gitter gesicherten, dicken Glasscheibe in der Eingangstür, die auf die Rue de Ker Huitel wies. Was trieb Zephyr, der Schlingel, in diesem Haus, wo es nichts gab, womit er sein Spiel treiben konnte? Keinen Staub, keine Unordnung und nichts, wodurch er einen Luftzug hätte erzeugen können. Aber Zephyr, der sich mit wenig zufriedengab, hatte von einem kleinen Ereignis Wind bekommen, das hier heute Abend stattfinden sollte. Jetzt wartete er ungeduldig auf das, was geschehen würde. Zephyr glitt über die makellosen Terrakottaplatten hinweg, ärgerte die Grünpflanzen in den Kupferübertöpfen, zupfte an den Spitzendeckchen und strich um die alten Nippesfiguren herum. Er trug das Echo des klirrenden Bestecks und des Porzellans durch den Flur und wehte die Gespräche der Gäste in die Stille der Zimmer im oberen Stockwerk. Vier Personen speisten hier an diesem Abend. Am wenigsten sprach die Hausherrin selbst, Jacqueline Le Gall, die nun auf der Insel zu Gast war.

Ihr Schmuck und der rosafarbene Lippenstift verbreiteten stärkeren Glanz als gewöhnlich. Beides sollte natürlich die Gäste beeindrucken: Renée und Paul Charon, alte Freunde, eine Hausfrau und ein Lehrer im Ruhestand. Paul war mittlerweile neunundsiebzig Jahre alt, ein kleiner Mann, dessen Augen unter den buschigen Augenbrauen strahlten und dessen lichtes Haar den Eindruck einer zerzausten Mähne erwecken sollte. Er kannte Marcel, den Ehemann von Jacqueline, seit über dreißig Jahren. Paul führte mit Renée, die einundachtzig Jahre alt war (rotbraunes Haar, Wasserwelle, hohe Stimme und stets ein Lächeln auf den Lippen), eine harmonische Ehe. Das Paar hatte vier Kinder. Den Gesprächen war zu entnehmen, dass sich sowohl die Männer als auch die Frauen regelmäßig trafen.

Doch Jacqueline, die eine sorgfältig gebügelte Seidenbluse mit Spitzen trug, wirkte verzagt, als sie die Gäste empfing, als handele es sich um Fremde von Rang und nicht um Freunde. Zephyr fand sie in der Küche vor, wo sie mit gequälter Miene inmitten eines Stapels feiner Porzellanteller und den Pappschachteln eines Partyservices stand. Später saß sie dann im Esszimmer, versteckt hinter einem verhaltenen Lächeln im Schatten von Marcel. (Dieser große, herrische Mann hätte jeden in den Schatten gestellt. Sein Haar war soldatisch kurz geschnitten, und er besaß trotz seiner sechsundsiebzig Jahre noch eine sportliche Statur.) Kurzum, Zephyr erzählte uns, dass er bereits an diesem Abend die geheimnisvolle Aura bemerkte, die Jacqueline umgab. Doch Zephyr ist ein unverbesserlicher Aufschneider, und ich bezweifle, dass er schon an jenem Abend herausfand, was wir viel später erfuhren. Zu dieser abendlichen Stunde ähnelte Jacqueline sicherlich noch den meisten gutbürgerlichen Ehegattinnen, die eine Ehe, die zwar Annehmlichkeiten, aber keine Liebe bietet, in einen Vogel mit gestutzten Flügeln verwandelt hatten.

Kehren wir zu unserer Geschichte zurück. Es war spät geworden, und Zephyr langweilte sich an diesem schönen Abend allmählich im Haus. Vielleicht hatte man ihm einen falschen Tipp gegeben, und das Ereignis fand gar nicht statt. Doch plötzlich entschuldigte Renée sich und stand vom Tisch auf. Sie ging in die Diele und tastete unter dem Garderobenständer über den Boden. Schließlich zog sie eine Supermarkt-Plastiktüte hervor, und wie es aussah, sollte jetzt alles ganz schnell gehen. Paul, der mit den anderen im Wohnzimmer saß, erhob sich ebenfalls. Er reckte den Kopf nach Renée und löschte das Licht. »Was soll denn das?«, rief Marcel.

Renées von Kerzen erleuchtetes Gesicht tauchte aus der Dunkelheit der Diele auf. Paul trat zu ihr, und gemeinsam gratulierten sie Jacqueline zum Geburtstag: »Herzlichen Glückwunsch zu deinem Ehrentag, liebe Jacqueline!«

Ehe der Kuchen auf dem Tisch stand, war Marcel schon aufgestanden, um die Deckenlampe wieder einzuschalten.

»Wir müssen doch etwas sehen können, wenn wir die Kerzen ausblasen.«

Jacqueline war errötet und wusste nicht, wohin mit ihrer Serviette.

»Oh, Renée, du hättest dir doch nicht so viel Umstände zu machen brauchen … Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ich habe einen Obstsalat vorbereitet.«

Auf diesen günstigen Augenblick hatte Zephyr gewartet, den Augenblick, da die Kerzen ausgeblasen wurden. Jacqueline wünschte sich nichts, denn mit dreiundsiebzig Jahren sollte man besser vorgeben, an dergleichen nicht mehr zu glauben. Ihr Atem strich beinahe behutsam über die Flammen hinweg, als wäre ihm daran gelegen, nichts zu verändern.

Doch dann pusteten Renée, Paul und Marcel so kräftig, wie sie konnten, worauf die Kerzen erloschen und die drei »ah« riefen. Zephyr, der schrecklich aufgeregt war, zog einen kurzen Moment übermütig seine Runden durch den Raum und hielt sich dann seufzend in der Nähe des Schokoladenkuchens auf, nachdem er den Duft von Wachs auf den Wasserwellfrisuren der Damen verteilt hatte. Zephyr konnte von Geburtstagen niemals genug bekommen. Und er ließ keine Gelegenheit aus, den Clown zu spielen.

Paul und Renée hatten alles mitgebracht, sogar Champagner und ein kleines Geschenk.

»Also wirklich, ihr seid ja verrückt«, sagte Jacqueline. Sie schaute auf das Geschenkpapier, auf dem der goldene Aufkleber einer Buchhandlung prangte, und packte das Präsent aus.

Gesund durch richtige Ernährung lautete der Titel des Buches von Dr. Ruben. »Vielen Dank. Das habe ich noch nicht.«

»Da hast du aber Glück gehabt«, meinte Marcel. »Unsere Bibliothek steht voll solcher Bücher. Ich frage mich wirklich, was es zu diesem Thema noch zu sagen gibt. Die schreiben doch seit zwanzig Jahren immer denselben Quatsch.«

»Danke, Renée, das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen«, murmelte Jacqueline mit einem schüchternen Lächeln.

Sie faltete das bunte Geschenkpapier sorgfältig zusammen und legte es in ihr neues Buch. Renées Kuchen rührte sie kaum an, doch dafür langte Marcel ordentlich zu, sodass es nicht weiter auffiel. Jacqueline servierte Kräutertee aus einer japanischen Teekanne in antike Tassen. Dann setzte sie sich still zu ihren Freunden und überließ es den Männern und Renée, sich laut zu unterhalten.

23.28 UHR

Jacqueline, die auf dem Bürgersteig in der Rue de Ker Huitel stand, schlang die Strickjacke eng um ihren Körper. Das Scheinwerferlicht von Renées und Pauls Auto blendete sie. Marcel drückte Paul die Hand, und Renée ließ ihr Fenster herunter und rief: »Wir treffen uns dann nächste Woche, Jacqueline, in Ordnung? Danke für das leckere Essen!«

Jacqueline und Marcel kehrten ins Haus zurück. Zephyr wollte nun auch aufbrechen, aber Sie wissen ja, wie das ist, wenn man diesen Wunsch nach Gesellschaft hat. Er konnte uns daher berichten, dass Renée ein paar Straßen weiter zu Paul sagte: »Jacqueline hat wieder abgenommen, findest du nicht?«

»Sie war nie sonderlich dick«, erwiderte Paul.

»Das stimmt. Sie macht sich aber anscheinend doch Sorgen wegen Marcels Prostata.«

Zwei Straßen weiter bogen sie in die Einbahnstraße Saint-Sébastien ein. Sie waren zu Hause angekommen. Dort gingen die beiden Pensionäre ihren abendlichen Beschäftigungen nach. Schließlich küsste Renée Paul auf die Stirn.

»Mach aber nicht mehr so lange, Paulo, ja?«

»Nein, nein.« Paul durchquerte das dunkle Wohnzimmer, ging an dem ausgeschalteten Fernseher vorbei und knipste die Deckenlampe in einem kleinen Abstellraum an. Dort lagen in einer alten Keksdose ein Schlüssel und eine Taschenlampe, die er beide herausnahm. Anschließend ging er durch den düsteren Flur und öffnete die letzte Tür, die zu der schmalen Treppe mit der niedrigen Decke führte. Er schaltete die Taschenlampe ein und stieg die zwanzig Stufen hinauf, die an einer Tür ohne Schwelle endeten. Paul sperrte sie auf, schaltete das Licht ein, legte die Taschenlampe auf ein Regal und schloss die Tür. Überall in dem Zimmer lagen Bücher, Karten und Blätter voller Zahlen herum. Hier standen auch zwei große, alte Computer sowie ein nagelneuer Laptop und mitten im Zimmer drei Teleskope. Paul zog die Vorhänge auf und öffnete ein großes Fenster. Dann setzte er sich auf einen alten Bürostuhl und drehte sich zu den Teleskopen um. Zu dieser späten Stunde, wenn andere ein Buch vom Nachttisch nahmen, betrachtete Paul Charon gebannt den Maihimmel.

00.09 UHR

Jacqueline blickte durch das Dachfenster des Schlafzimmers ebenfalls zu den Sternen hoch. »Krrr«, schnarchte Marcel. Der alte Wecker, der neben Marcels Brille stand, tickte laut. Jacquelines Wecker auf der anderen Seite des Bettes tickte auch. Beide Wecker machten Krach, aber nicht gemeinsam. Sie zeigten immer dieselbe Zeit an. Kein Wecker ging vor oder nach, doch sie tickten niemals im selben Takt. »Ticktick/tacktack, ticktick/tacktack.« Auch dann nicht, wenn sie gerade aufgezogen worden waren. So war es eben.

Jacqueline kannte die Umrisse der Gegenstände in einer Vollmondnacht genau. Auf der Frisierkommode die Silhouette der weißen Porzellanhand, an der ihre Perlenkette hing. Die Buchrücken hinter der ziselierten Glastür der kleinen Vitrine. Marcels Kleidung, die auf dem mit Samt bezogenen Stuhl lag. An der Wand die Blumenbilder, der ovale Rahmen mit dem Foto ihrer Eltern und in dem viereckigen Rahmen das Schwarz-Weiß-Foto ihrer Hochzeit. Nachdem Jacquelines Blick über die Bilderrahmen gewandert war, kehrte er immer wieder zu dem dunklen Dachfenster zurück. Zumindest leuchteten heute Nacht Sterne am Himmel.

Paul bereitete diese Nacht große Freude, doch das war bei Jacqueline nicht der Fall. Sie existierte noch immer. Das war alles. Wie dieser Tag, den sie vergessen wollte und über den sie niemals sprach, nicht einmal mit den Bilderrahmen. Hieß es nicht: »Morgen ist ein neuer Tag«? Nicht für sie. Jeder neue Tag weckte erneut die Erinnerung an jenen Tag vor sechsundfünfzig Jahren. 2423 Nächte.

04.03 UHR

Eine Abfolge lauter Geräusche weckte Jacqueline. Es hörte sich an, als hätte jemand tausend Sachen umgeworfen. Sie richtete sich im Bett auf, rief »Marcel?« und knipste die Nachttischlampe an. Nachdem sie drei Schritte gegangen war, sah sie die Beine ihres Mannes aus dem Badezimmer herausragen. Er lag zwischen Zahnbürsten und dem Inhalt ihres Schminkkoffers auf dem Boden. Das Waschbecken lief bereits über, und das Wasser tropfte auf die Badezimmerfliesen.

3

29. MAI

Marcel hatte sich wohl wieder erholt, denn drei Wochen später fand Skiron, der Nordwestwind, ihn mitten in der Bahnhofshalle von Saint-Brieuc. Seine Augen hefteten sich auf die Namen der Zielbahnhöfe, die in einem Wirrwarr sich drehender Buchstaben auf der schwarzen Tafel entstanden. Die Abfahrtzeiten in Schwarz und Grün und die Menschen, von denen keiner sie war, machten ihn ganz nervös. Jacqueline hatte ihn nämlich verlassen. Als Marcel, der jeden Tag ein paar Runden im kalten Wasser des Ärmelkanals schwamm, nach Hause zurückgekehrt war, sah er, dass die Sachen seiner Frau verschwunden waren. In dem Haus herrschte plötzlich eine entsetzliche Leere, obwohl die Möbel noch da waren. Auch der Wagen stand in der Garage, also musste sie wohl heute Morgen den Zug genommen haben. Und jetzt klammerte Marcel sich mit seiner ganzen Hoffnung an den Fahrplan und fragte jede Stadt: »Haben Sie meine Frau gesehen?« Doch Jacquelines Zug war bereits in weiter Ferne. Wenn sie Marcel keuchend mit zugeschnürter Kehle dort stehen gesehen hätte, während sein Blick über die Schienen und die Gesichter irrte, wäre sie nicht gefahren. Doch sie sah ihn nicht, denn Marcel war erst gekommen, als ihr Zug schon in dem Gewirr der Schienen unter dem grauen Himmel untergetaucht war. Er war zum richtigen Ort gekommen, aber zu spät.

»Verzeihung, sitzt hier jemand?«

Von allen mit Gepäck belegten Plätzen in diesem Abteil musste die junge Frau ausgerechnet den auswählen, auf dem Jacqueline ihren Mantel, zwei Reisetaschen und die Handtasche abgelegt hatte. Jacqueline hob den Blick, doch als ihr einfiel, dass ihre Augen vielleicht verweint waren, wandte sie ihn schnell wieder ab.

»Nein, aber …«, entgegnete sie mürrisch.

Widerwillig zerrte Jacqueline an ihrem Gepäck, ohne es jedoch von dem Sitz zu nehmen, um dem Störenfried deutlich zu machen, dass ihre Besitztümer nirgendwo anders liegen konnten und dass die junge Frau sich einen anderen Platz suchen musste. Doch zu Jacquelines großer Verärgerung ergriff diese das Gepäck und warf es achtlos auf die Gepäckablage, die dafür vorgesehen war.

»Passen Sie auf, sonst geht noch was kaputt«, warf Jacqueline schüchtern ein.

»Sehen Sie, dann ist es da oben auch besser aufgehoben als vor meinen Füßen«, entgegnete die Fremde mit kaum verhohlener Ungeduld.

Die junge Frau ließ sich auf den Sitz fallen und klappte ungehalten die Armlehne herunter, die sie von Jacqueline trennte. Sie seufzte tief und schloss die Augen. Jacqueline seufzte ebenfalls. Diese Sitznachbarin, auf die sie gerne verzichtet hätte, passte mit der Dreistigkeit ihrer dreißig Jahre, in ihrer Jeans mit den ausgefransten Säumen und den maskulinen Gebärden in diese Zeit. Sie fühlte sich sicher wohl in dieser Welt, in der Bequemlichkeit und ein Mangel an Umgangsformen immer mehr um sich griffen und es an Respekt, Eleganz und gutem Benehmen mangelte. Es war wohl eher Jacqueline mit ihrem altmodischen Charme und dem zu jeder Jahreszeit passenden Lippenstift, die hier nicht mehr am rechten Platz war. Bei diesem Gedanken wanderten ihre alten Augen zu der Landschaft, die vorüberzog. Die verschwommenen Bäume versuchten vergebens, Jacquelines Blick auf sich zu lenken. Doch alles, was sie sah, waren die Schienen, denen sie nicht entrinnen konnte und die sie an kein Ziel brachten. Sie fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf Marseille zu, aber was würde sie dort tun? Das Gesicht in dem Vorhang neben dem Fenster des Zuges versteckt, weinte sie leise, und sobald ein Tunnel kam, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Eine alte Dame, die ihre Traurigkeit in den Vorhängen eines Zugabteils verbarg.

»Guten Tag, meine Damen, Ihre Fahrausweise bitte …«

Als Jacqueline dem Kontrolleur die Fahrkarte reichte und sich die Wangen mit der Rückseite ihrer eisigen Hand trocknete, bemerkte sie den verwunderten Blick des Mannes, mit dem er sie beide musterte. Jacqueline riskierte einen Blick nach rechts und sah, dass die junge Frau hemmungslos weinte, als sie dem Kontrolleur schniefend ihr Ticket gab.

»Vielen Dank, meine Damen«, sagte der Kontrolleur und ging mit betretener Miene davon. Dann kehrte er noch einmal zurück und sagte leise: »Ich … hm … In Wagen 14 gibt es Erfrischungen, falls Sie … hm … Schönen Tag noch.«

Die junge Frau drehte sich zu ihrer Sitznachbarin um, worauf beide lächeln mussten.

»Es gibt Tage … verdammt …«, begann die junge Frau.

»Ja, es gibt Tage, die sind nicht der Hit«, erwiderte Jacqueline und errötete.

»Ja, Sie haben recht, dieser Tag ist wirklich nicht der Hit«, sagte die junge Frau und putzte sich die Nase. »Ich glaube, ich gehe mal ins Bistro. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?«

»Nein danke, das ist nett von Ihnen, aber ich brauche nichts.«

Die junge Frau ging davon und ließ Jacqueline allein mit den Vorhängen und der am Fenster vorbeiziehenden Landschaft zurück.

»Nicht der Hit.« Wie ungeschickt und dumm von ihr, so etwas zu sagen. Nein, das war keine glückliche Formulierung. Warum diese Redensart, die sie sonst nie benutzte? Sie wirkte mit Sicherheit unbeholfen und alt, und sie ärgerte sich, sich so blamiert zu haben. Jacqueline war auch ängstlich, denn in fünf Minuten, wenn ihre Sitznachbarin zurückkehrte, würde diese bestimmt ein Gespräch mit ihr beginnen. Die junge Frau hatte geweint. Sie musste Worte finden, um sie zu trösten. Wozu war es gut, schon so lange gelebt zu haben, wenn man nicht die richtigen Worte des Trostes fand?

»Ich weiß nicht, warum Sie geweint haben, aber ich bin sicher, es kommt alles wieder in Ordnung.«

Nein. Nein, das würde sie nicht sagen. Dann konnte sie auch gleich sagen: »Weinen Sie nicht. Das ist lächerlich.«

Sie würde sagen: »Es gibt Tage … es gibt Tage, die entscheiden darüber, ob sich das Leben zum Guten oder zum Schlechten wendet. Heute erscheinen einem solche Tage entsetzlich, aber morgen oder wenn man Bilanz zieht, sagt man vielleicht, dass es eine gute Entscheidung oder eine göttliche Fügung war. Ich weiß nicht, wovor Sie davonlaufen, Madame, ich weiß nicht, was Sie verlassen haben oder was Sie verlieren. Bei mir ist es meine Ehe. Sie ist zerbrochen, aber sie war im Grunde seit fünfzig Jahren zerrüttet.«

»Ihre Ehe ist seit fünfzig Jahren zerrüttet, und Sie gehen erst jetzt?«, würde die junge Frau antworten. »Warum sind Sie nicht eher gegangen, wenn Sie so unglücklich waren?«

Jacqueline suchte nach den richtigen Worten.

»Da fällt mir eine Geschichte ein«, würde sie schließlich sagen. »Ist es Ihnen schon einmal passiert, auf einer Hochzeit einzuschlafen? Vielleicht zu viel Champagner beim Empfang? Und dann viel später aufzuwachen, zu spät, in dem Augenblick, da alles vorbei ist … Und am nächsten Tag sagt man Ihnen, dass es eine so fröhliche Hochzeitsfeier war, so lustig, so schön, die Reden, das gute Essen, das Tanzen, der Kuchen, die Männer … Aber alles, was bleibt, sind schmutzige Gläser, Blumen, die bereits welken, und das Neonlicht, in dem alles ganz prosaisch aussieht. Ist Ihnen das schon einmal passiert?«

Die junge Dame würde die Frage verneinen, denn so etwas kam selten vor. Doch einer Cousine von Marcel war es vor langer Zeit bei einer Hochzeitsfeier passiert. Jacqueline sah noch heute die Enttäuschung in den Augen der Neunzehnjährigen, als sie nach Hause zurückgekehrt waren, um sich schlafen zu legen. Ihr billiges Kleid war zerknittert und ihr Haar vom Schlaf zerzaust. Es war zwei Uhr in der Nacht, und sie bat um ihren ersten Tanz, doch es waren nur noch diejenigen da, die zu viel getrunken hatten. Also zwang sie sich, fröhlich zu sein, und das zerriss Jacqueline das Herz.

»Verstehen Sie, das ist so ähnlich wie bei mir. Ich bin mit siebzehn Jahren eingeschlummert und erst mit dreiundsiebzig wieder aufgewacht. Man sagte mir, es sei ein schönes Fest gewesen, aber ich habe alles verpasst. So ist es nun mal. Ich bin nicht früher gegangen, weil ich geschlafen habe, glaube ich.«

»Und eines schönen Morgens sind Sie aufgewacht?«

»Es war an einem Abend, und er war nicht schön.«

Als Jacqueline den fragenden Blick der jungen Frau spürte, fuhr sie fort. »Wie alt sind Sie? Sie sind noch keine fünfunddreißig … Haben Sie Kinder?«

Die junge Frau würde antworten, ja, sie habe drei Kinder. Sie würde ihr das Alter und die Namen der Kinder nennen, die gerade modern waren, wie zum Beispiel Philémon oder Dylan. Oder Cerise.

»Ich wollte auch Kinder haben. Wissen Sie, als ich siebzehn war …«

Doch nun beendete Jacqueline das imaginäre Gespräch. Es gab Dinge, für die ein Zug wirklich nicht der passende Ort war, um darüber zu sprechen. Und vor allem nicht über jene Dinge aus früheren Zeiten, die die jungen Leute von heute nicht mehr verstanden. So eine lange Zeit war es aber auch wieder nicht, kaum sechsundfünfzig Jahre. Doch das war das Geheimnis der Alten, dass es ihnen so vorkam, als wäre es gestern gewesen, obwohl sechsundfünfzig Jahre verstrichen waren.

»Nun, es ist nicht wichtig. Im Leben eines jeden Menschen gibt es Dinge, die er bereut, nicht wahr?«, fuhr Jacqueline fort.

»Und wohin fahren Sie jetzt?«, würde die junge Frau sie fragen.

»Ach, meine Liebe, ich weiß es nicht. Gestern Morgen bin ich am Bahnhof von Saint-Brieuc in den ersten Zug gestiegen. Und dann in einen anderen Zug und wieder in einen anderen. Ich finde das lustig, wissen Sie. Die Nacht habe ich in einem Hotel in Montgeon verbracht. Es war niemals mein Traum, nach Montgeon zu fahren. Ich habe immer davon geträumt, nach Venedig, New York oder in die Sahara zu fahren – sogar allein. Das hätte mir keine Angst gemacht! Und plötzlich stehe ich mit meinen Koffern im Hôtel du Centre in Montgeon. Das ist doch wirklich komisch.«

Während sie eine Träne trocknete, die ihr über die Wange rollte, begriff sie, dass schon eine Weile vergangen und ihre junge Sitznachbarin noch immer nicht aus dem Bistro zurückgekehrt war. Sie hatte ihre Handtasche mitgenommen, doch eine Plastiktüte lag noch dort. Ebenso wie die Sporttasche in der Gepäckablage und die Zeitschrift »Elle«, die zwischen der Wand und dem hochgeklappten Tisch klemmte. Jacqueline hoffte, dass die junge Frau nicht begonnen hatte, sich zu betrinken. Sie schaute auf ihre kleine goldene Armbanduhr. Bis Marseille dauerte es noch fast eine Stunde. Sie würde bestimmt gleich zurückkommen.

»Sie haben keine Freunde oder Verwandten, zu denen Sie fahren können? Sie können doch nicht ganz allein bleiben«, setzte die Fremde das Gespräch fort.

»In meinem Adressbuch stehen so viele Namen, dass man sich falsche Hoffnungen machen könnte … Aber wenn man genauer hinschaut, existiert von diesen Freunden keiner mehr. Wissen Sie, in meinem Alter sind die Angehörigen größtenteils verstorben … Ich bin dreiundsiebzig …«

»Danach sehen Sie aber nicht aus. Es ist noch nicht zu spät, um ein neues Leben zu beginnen.«

Jacqueline lächelte über die Naivität der jungen Frau.

»Es gäbe da schon jemanden«, sagte Jacqueline, die auf den Horizont starrte, der sich unaufhörlich veränderte. »Jemanden, der mich vielleicht längst vergessen hat … eine Cousine … Wir haben unsere Jugend miteinander verbracht … Ich habe den Kontakt zu ihr abgebrochen, als ich geheiratet habe, weil … weil … Ach, diese alten Geschichten … Aber ich habe ihr Leben ein wenig aus der Ferne verfolgt und immer wieder an sie gedacht … Sie führte ein ziemlich ungewöhnliches Leben … Sie war nämlich mit einem berühmten Maler verheiratet. Mit Aleksander Verbowitz. Kennen Sie ihn?«

»Ihre Cousine war mit Aleksander Verbowitz verheiratet?«

»Ja … obwohl … Ich persönlich habe ihren Mann niemals kennengelernt … Sie hat selbst viele Jahre als Bildhauerin gearbeitet und überall ausgestellt … Sie ist sehr talentiert … Wissen Sie, ich habe all die Jahre immer an sie gedacht, weil … Oh, Sie finden das vielleicht kindisch, aber … sie besaß die Gabe, mich dazu zu ermuntern, ganz ich selbst zu sein. Übrigens eine erstaunliche Gabe … Sie wohnte viele Jahre in ihrem Haus auf der Ile d’Yeu …«

Jacqueline lächelte verhalten und verstummte. Die Ile d’Yeu war so weit von dieser Strecke entfernt, und dennoch konnte sie die Insel beinahe auf der Fensterscheibe sehen.

»Meinen Sie, das geht, jemanden einfach besuchen, obwohl inzwischen fünfzig Jahre vergangen sind?«, fuhr Jacqueline plötzlich fort.

»Ich glaube, das hängt davon ab, was Sie erwarten«, erwiderte die junge Frau.

»Zu viel mit Sicherheit … ein wenig Trost … Nostalgie, Erinnerungen an die Kindheit, ich weiß nicht … Das ist egoistisch, nicht wahr?«

»Versuchen Sie es. Was haben Sie zu verlieren? Es gibt Leute, die trifft man nach fünfzig Jahren wieder, und es ist so, als hätte man sie gestern erst gesehen.«

»Woher wollen Sie das wissen? Sie haben doch noch nicht einmal Ihr halbes Leben gelebt«, sagte Jacqueline freundlich. »Es ist schön, mit Ihnen zu plaudern … Wie heißen Sie?«

»Verzeihung, Madame, ich wollte nur meine Sachen holen …«

Jacqueline zuckte zusammen. Ihre junge Sitznachbarin war aus dem Bordbistro zurückgekehrt. Ihre Stimme klang viel ernster als in Jacquelines Erinnerung.

»Wie bitte?«, sagte Jacqueline.

»Meine Tasche, vor Ihren Füßen … Im Wagen 13 ist Platz. Dann können Sie Ihr Gepäck jetzt auf den Sitz stellen. Soll ich es herunterholen?«

»Nein danke. Ich komme schon zurecht …«

»Okay, dann noch eine gute Reise.«

Jacqueline verabschiedete sich ebenfalls, aber die junge Frau hörte es vermutlich gar nicht mehr. Sie nahm am Ende des Wagens einen riesigen Koffer in die Hand und verschwand dann aus ihrem Blickfeld. Jacqueline blieb allein zurück. Sie hätte sich gerne unterhalten, aber es war niemand mehr da.

Die Landschaft draußen zog vorüber. Täler, Bahnhöfe, Dörfer. Und nach und nach trat all das in den Hintergrund, und ein Haus auf der Ile d’Yeu in der Sommersonne tauchte vor Jacquelines geistigem Auge auf. Begrüßungen, Umarmungen, Erinnerungen, die lachend wachgerufen wurden. Dann verdunkelte sich der Himmel, und sie sah Nane als Dreiundzwanzigjährige, schlank, stets schwarz gekleidet, die anmutige Rebellin. Nane in ihrem Elternhaus in der Touraine im Château de Montrie. Ihre hübschen, schmalen Hände, die so kalt waren wie Jacquelines, ihr selbstbewusstes Auftreten, ihre Zigaretten. Die Sonntage im Winter, als sie sich im Bett aneinanderkuschelten, um sich zu wärmen. Und dann der Tag ihrer Trennung 1953. Nane mit ihrer stolzen, traurigen Miene und der dicken schwarzen Mähne, die ganz zerzaust war, nachdem sie sich verabschiedet hatten. Wie alt war sie jetzt wohl? … Sie war Jahrgang 1930 und hatte im Dezember Geburtstag, also war sie schon über achtzig. Mein Gott, achtzig Jahre!

Jacqueline nahm aus ihrer Handtasche ein altes Adressbuch mit einem abgegriffenen Ledereinband. X, Y und Z fehlten, aber V war noch da. Kein Verbowitz. Sie spürte Enttäuschung in sich aufsteigen. Dann schlug sie das Adressbuch bei D auf. Dort stand ganz oben in sorgfältiger Handschrift geschrieben:

Nane Darginay de Boislahire Verbowitz
Villa Jolie Fleur
Rue de la Forge
85600 L’Ile d’Yeu

Jacqueline ließ das aufgeschlagene Adressbuch auf den Knien liegen und drehte sich zu den engen Straßen und den mit Graffiti bemalten Häusern um, die Marseille ankündigten.

Zwei Tage, drei Züge, ein Schiff und tausend Kilometer später lehnte Jacqueline ihr Fahrrad an die Mauer neben dem alten Citroën-Kastenwagen, ohne auf den Schmetterling zu achten, der um sie herumflatterte.

4

1. JUNI

Hinter der Schwelle der geöffneten Tür entdeckte Jacqueline ein gebräuntes Gesicht. Eine junge Frau streckte den Kopf aus der Küche am anderen Ende des Eingangs, der noch feucht war. Sie hatte eine schwarze Mähne mit einer roten Strähne darin, und Jacqueline fand, dass sie ein bisschen angriffslustig aussah.

»Ja? Zu wem wollen Sie?«

»Guten Tag«, begrüßte Jacqueline sie. »Verzeihen Sie die Störung. Ich bin eine Freundin von Nane, hm …«

»Macht es Ihnen etwas aus, ums Haus herum in den Garten zu gehen? Ich habe gerade gewischt«, erwiderte die junge Frau wild mit den Armen gestikulierend. »Ja, gehen Sie hinten herum. Ich komme gleich. Der Garten ist hinter dem Haus.«

Jacqueline ging um das Haus herum und dachte: War Nane verstorben, ohne dass sie es erfahren hatte? Es bestand seit langer Zeit kein Kontakt mehr zu der Familie, aber ein Todesfall, davon erfuhr man doch. Als der Maler gestorben war, hatte sie es erfahren. Sie war nicht zu der Beerdigung gegangen. Woran war er noch gleich gestorben? Lebte Nane nun in einem Altenheim? Eines stand jedenfalls fest: Diese etwas unfreundliche junge Frau gehörte nicht zu ihrer Familie und auch nicht zu der des Malers. Sie hatte ihn auf Fotos gesehen. Er war blond gewesen. Sie stammte offensichtlich aus dem Ausland. Marokko? Algerien? Oder war sie eine Zigeunerin? Heutzutage wunderte sie sich über gar nichts mehr.

Hinter dem Haus entdeckte Jacqueline einen wunderschönen Garten mit einer großen Wiese, an dessen Rand ein Gartenhaus stand, mit einem kleinen Gemüsegarten, einem Laubengang und einem Brunnen, aus dem Bambus wuchs. Auf einer hübschen Terrasse standen zahlreiche Pflanzen, ein Kinderfahrrad, Gartengeräte und ein alter schmiedeeiserner Tisch. Alles war wunderbar harmonisch, bis Jacquelines Blick auf den Liegestuhl fiel. Dort lag eine schlafende Frau. Sie trug ein unförmiges T-Shirt, und ihr Haar, das aussah, als wäre es zweihundert Jahre alt, war dünn, vollkommen zerzaust und scheußlich gefärbt. Ein Gesicht, das in einem Doppelkinn endete, nein, in einem zweifachen Doppelkinn, und in das sich so viele Falten gegraben hatten wie in die Haut eines Elefanten. Aus dem geöffneten Mund drang ein lautes Schnarchen; dicke, schwabbelige Waden; Hände, die so rissig waren wie Treibholz, hielten einen Kriminalroman fest, der auf kräftigen Oberschenkeln lag. Jacqueline war mittlerweile davon überzeugt, dass sie hier nichts hielt. Es konnte keine Verwandtschaft zwischen diesen gewöhnlichen Bewohnern und Nane Darginay de Boislahire, der Frau des berühmten Malers Aleksander Verbowitz, bestehen. Doch als sie sich gerade entschloss umzukehren, tauchte die junge Frau mit der roten Strähne auf der Terrasse auf.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie und hielt Jacqueline zum Gruß ihr Handgelenk hin. Ihre Finger waren schmutzig und rochen nach Fisch. Jacqueline ergriff widerwillig das Handgelenk. »Ach nichts, ich … ich … ich suche Madame Verbowitz. Sie hat früher mal hier gewohnt. Aber offenbar …«

»Es wäre besser, wenn Sie ein andermal wiederkommen, denn jetzt ist gerade Mittagsruhe«, erklärte die junge Frau ihr und wies mit dem Kinn auf das schnarchende Ungeheuer.

Jacqueline, die entsetzt auf die schlafende Frau starrte, rang um Fassung und wandte sich zum Gehen. »Ja, ich komme wieder. Vielen Dank.«

»Warum wollten Sie sie sprechen? Kann ich etwas ausrichten?«

»Nein, nein, bemühen Sie sich nicht. Es ist nicht wichtig.«

»Ich kann ihr doch wenigstens sagen, dass Sie hier waren. Ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden«, beharrte die junge Frau.

»Jacqueline Le Gall, aber lassen Sie nur.«

»Kommen Sie am besten um sechs Uhr wieder … Ach, Unsinn, heute Abend haben wir Gäste. Morgen wäre es besser.«

»Ist gut, morgen dann«, sagte Jacqueline, die den Garten bereits verlassen hatte.

»Ich sage ihr, dass Sie morgen Abend um sechs Uhr wiederkommen.«

»Ja, einverstanden, auf Wieder…«

Ehe sie ihr »Auf Wiedersehen« beenden konnte, hallte eine dröhnende Stimme durch den Garten.

»Ah, ich wusste, dass der Südwind uns Regen bringt, aber wenn er uns auch noch alte Cousinen bringt … steht uns noch einiges bevor. Hahaha.«

Lautes Lachen hallte vom Liegestuhl herüber, und dann folgte ein furchtbarer Husten, der nicht mehr aufzuhören schien. Nane Verbowitz, geborene Darginay de Boislahire, war aufgewacht.

»Jacqueline, ich fass es nicht. Was machst du denn hier? Arminda, mein Kind, hilf mir beim Aufstehen.«

»Ich bin gerade mit den Meeresspinnen zugange«, brummte Arminda und wischte sich die Hände an der sauberen Schürze ab.

»Jetzt hab dich nicht so. Komm, gib mir deinen Arm und hilf mir hoch.« Arminda musste all ihre Kraft aufwenden, damit Nane sich mit ihrer Hilfe aus dem Liegestuhl hochhieven konnte. Die Aktion war mühevoll und wurde von lautem Ächzen begleitet. Jacquelines Verlegenheit angesichts dieser unwürdigen Szene verwandelte sich in eine schmerzhafte Übelkeit. Mein Gott, was hatte die Zeit aus ihrer hübschen Nane gemacht?

5

Jacqueline hatte keine Wahl. Sie musste Nane und Arminda in das Haus mit den Meeresspinnen folgen. Der Weg führte sie durch das Wohnzimmer, in dem bunt zusammengewürfelte Antiquitäten standen, die unter den verstaubten Büchern beinahe zusammenbrachen. Die Wände waren mit sonderbaren Gemälden dekoriert. Dann durchquerten sie den kleinen Flur, in dem tausend Bilder in vergilbten Rahmen hingen. Schließlich gelangten sie in die Küche, wo heißer, nach Fisch duftender Dampf aus den Töpfen quoll. Auf dem Weg vom Garten in die Küche hielt Jacqueline angestrengt nach einem Rettungsanker Ausschau. Eine Nippesfigur, eine Geste, eine Gewohnheit, irgendetwas, was ihr ins Ohr flüsterte, dass es gut gewesen war hierherzukommen. Vergebens.

Sie setzten sich alle drei in die Küche. Auf der alten Wachstuchdecke standen zwischen den zahlreichen Küchengeräten und Werkzeugen – Hammer, Zange, Nussknacker – große Platten aus Jenaer Glas. Mittendrin lag eine rote Kreatur, der die Beine fehlten: die Meeresspinne. Nane setzte sich mit einem lauten Seufzer auf einen kleinen, zitronengelben Stuhl aus Resopal, auf dem eine löchrige Strickjacke lag. Arminda schob Jacqueline einen anderen Stuhl hin. Diese zuckte zusammen, als die Metallbeine mit einem schrillen Kreischen, das fast einem Schrei glich, über die Bodenfliesen ...

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