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Als Spiel fing es an

Emma Darcy

Als Spiel fing es an

1. KAPITEL

„Darling, können Sie mich retten?“

Daisy erstarrte. Lynda Twiggleys affektierte Sprechweise war unverkennbar. Wie ein Blitz durchschnitt sie das allgemeine Gemurmel der Prominentenschar und riss Daisy sofort aus ihrer Lethargie. Sofern irgendeine Form von Rettung gewünscht wurde, war es ihre Aufgabe als Lyndas persönlicher Assistentin, dies schnell und effektiv zu erledigen, oder sie würde wegen unverzeihlicher Pflichtverletzung die scharfe Zunge ihrer Chefin zu spüren bekommen.

Unverzüglich schritt sie deshalb zur Tat und ließ den Blick schweifen, um die Ursache des Problems zu orten. In dem VIP-Zelt drängten sich besonders viele große Menschen, denn man hatte die Creme de la creme der australischen Topmodels einfliegen lassen. Sie sollten diesem Anlass, der nicht umsonst als „Magische Millionen“ bekannt war, zusätzlichen Glanz verleihen. Jeder der hier Anwesenden war entweder selber steinreich oder stand in Verbindung mit dem ganz großen Geld und erwartete, dass alles perfekt nach den eigenen Wünschen ausgerichtet war. Ganz besonders Daisys Chefin.

Da Daisy selbst nur mittelgroß war und zudem in Erwartung der mit ihren heutigen Pflichten verbundenen Lauferei Pumps mit einem bequemen, flachen Absatz trug, musste sie sich auf die Zehenspitzen recken, um die königsblauen Federn ausfindig zu machen, die Lyndas Hut, ein sündhaft teures Neil-Grigg-Modell, zierten. Einige blaue Federspitzen ließen Daisy ihr Ziel in Nähe der Bar ahnen, wo es eigentlich kein Problem hätte geben sollen. Sie hatte sich rechtzeitig vergewissert, dass ausreichend Champagner sowie alle erdenklichen sonstigen Getränke vorhanden waren. War vielleicht etwas auf Lyndas blauseidenes Designer-Outfit verschüttet worden?

Schlimm, schlimm, schlimm, dachte Daisy mit aufsteigender Panik, während sie sich einen Weg durch das Gewühl von Millionären bahnte und sich dabei den Kopf zermarterte, wie sie einen möglicherweise nicht zu entfernenden Fleck wegzaubern sollte. Mit klopfendem Herzen tauchte sie schließlich an der Seite ihrer Chefin auf, um erleichtert festzustellen, dass diese lediglich sämtliche Register zog, um sich bei einem Mann einzuschmeicheln. Allerdings war es nicht irgendein Mann. Als Daisy ihn erkannte, bekam sie sofort wieder Herzklopfen.

Ethan Cartwright, das Finanzgenie, das durch unnachahmliches Geschick die reichsten Bürger Australiens vor den negativen Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise bewahrt hatte.

Daisy blieb unmittelbar hinter Lynda stehen und beobachtete ihn, bestürmt von bitteren Gefühlen … Zorn, Groll und Feindseligkeit angesichts der schrecklichen Ungerechtigkeit einer Welt, in der die Reichen immer reicher, die Armen dagegen immer ärmer wurden. Und in der Menschen wie ihre Eltern in einer Schuldenfalle endeten, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Dieser Mann stand mehr als irgendein anderer stellvertretend für diese grausame Realität.

Sie kannte ihn aus Zeitungsberichten und von den Fotos in der Presse, doch die Entdeckung, wie umwerfend gut er leibhaftig aussah, verschärfte noch den Aufruhr ihrer Gefühle. Dichtes, gewelltes schwarzes Haar, faszinierende grüne Augen, markante Züge, die auf Anhieb sympathisch wirkten, dazu eine athletische Figur, die der elegante, maßgeschneiderte Anzug imposant zur Geltung brachte – es war einfach unfair! Der Mann hatte wirklich alles! Daisy verübelte es ihm doppelt, dass er eine so unverkennbar erotische Wirkung auf sie ausübte.

Zu Daisys Beunruhigung sah er sie plötzlich über Lyndas Schulter hinweg durchdringend an. Hatte er ihren feindseligen Blick gespürt? Fragend zog er die perfekt geschwungenen dunklen Brauen hoch, während seine unglaublich grünen Augen bestrebt schienen, ihre geheimsten Gedanken zu ergründen.

Lynda, die seine mangelnde Aufmerksamkeit bemerkte, drehte sich ärgerlich um. Kaum hatte sie erkannt, dass es sich bei dem unerwünschten Störenfried nur um eine Angestellte handelte, gab sie sich keine Mühe, höflichen Schein zu wahren. Ihre stahlblauen Augen blitzten Daisy ungehalten an. „Was suchen Sie hier, Dee-Dee?“

„Nichts, Miss Twiggley“, antwortete Daisy so selbstbewusst wie möglich. „Ich dachte nur, Sie hätten mich gerufen und bräuchten meine Hilfe.“

Lynda schnalzte gereizt. „Jetzt nicht. Und stehen Sie nicht hier herum. Ich bin sicher, Sie haben Sinnvolleres zu tun.“

„Ja, natürlich. Verzeihen Sie die Störung. Und entschuldigen Sie mich.“

Daisy wollte sich schon zurückziehen, als sich Ethan einmischte. „Warten Sie!“ Er machte einen Schritt auf sie zu und ließ lächelnd makellos weiße Zähne blitzen. „Wir kennen uns noch nicht“, sagte er jetzt, wobei seine Stimme genauso sexy klang, wie der Mann aussah. „Denn an eine Dee-Dee würde ich mich ganz bestimmt erinnern. So ein ungewöhnlicher Name. Seien Sie doch so nett und stellen Sie uns einander vor, Lynda.“

„Das sind ihre Initialen, nicht ihr Name.“ Lyndas perlendes Lachen verursachte Daisy eine Gänsehaut. Sie hasste die herablassende Art ihrer Chefin. Wenn sie diesen Job und das damit verbundene Gehalt nicht so nötig brauchen würde, hätte sie bereits an dem Tag gekündigt, als Lynda ihr erklärt hatte, sie könne unmöglich eine persönliche Assistentin namens Daisy um sich haben, weil sie bei dem Namen stets an eine Kuh dächte. Nein, Dee-Dee klang da viel vornehmer.

„Das ist nur meine Assistentin, Ethan“, fügte Lynda Twiggley nun geringschätzig hinzu. „Niemand, den Sie kennen müssten.“

Diese snobistische Bemerkung kam bei ihm offensichtlich nicht gut an. „Aber im Gegenteil, sollte ich einmal geschäftlich mit Ihnen zu tun haben, ist Ihre Assistentin vermutlich meine erste Ansprechpartnerin“, widersprach er mit einem unmissverständlich harten Funkeln in den grünen Augen.

„Na, also gut“, gab Lynda sich geschlagen, weil sie wohl spürte, dass er sonst keine Ruhe geben würde. „Ethan Cartwright, Daisy Donohue.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Cartwright“, sagte Daisy pflichtschuldig und bestrebt, so schnell wie möglich wieder in der Menge unterzutauchen.

Ethan aber, der ihre Fluchtgedanken zu ahnen schien, machte sich ganz offensichtlich einen Spaß daraus, sie aufzuhalten. „Das Vergnügen ist vermutlich mehr auf meiner Seite“, erwiderte er übertrieben charmant, als wolle er sich über sie lustig machen.

Natürlich! Der große Zampano, der sich dazu herablässt, mit der kleinen grauen Maus zu flirten! dachte Daisy wütend, während sie ihm höflich die Hand schüttelte. Bei der Berührung durchzuckte es sie heiß, und als er ihre Hand eine Spur länger als nötig hielt, begehrte Daisy unwillkürlich gegen das Gefühl auf, er wolle ihr seinen Willen aufzwingen.

„Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, Mr Cartwright, aber ich werde woanders gebraucht“, sagte sie energisch und riss sich vom Blick seiner sündhaft attraktiven grünen Augen los, um ihrer Chefin diensteifrig zuzunicken. Lynda Twiggley kochte innerlich bestimmt schon, weil man sie in ihrer wichtigen Unterhaltung mit Ethan Cartwright gestört hatte.

Letzterer besaß zumindest genügend Feingefühl, um zu erkennen, dass Daisy seinetwegen Ärger bekommen könnte, wenn er sie noch länger aufhielt, und ließ ihre Hand los … ohne allerdings aufzuhören, sie anzulächeln, als gefiele ihm, was er sah. Warum, konnte Daisy nicht begreifen, denn das Festzelt war voller hinreißend schöner Frauen, die sich nur zu gern in seiner Aufmerksamkeit gesonnt hätten. Sie dagegen hatte braunes Haar, braune Augen und war wie stets schlicht und unauffällig gekleidet, um nur ja nichts von dem Scheinwerferlicht auf sich zu ziehen, in dem ihre Chefin so gern stand.

„Wenn Sie eine Minute Zeit haben, wetten Sie auf Midas Magic“, gab Ethan ihr noch zum Abschied mit auf den Weg.

Gutes Geld auf ein Pferd zu setzen! Das käme ihr nie im Leben in den Sinn! In ihrer Empörung vergaß Daisy alle Zurückhaltung. „Ist das der beste finanzielle Rat, den Sie auf Lager haben?“, entgegnete sie voller Verachtung für seinesgleichen.

Sogar sein Lachen war atemberaubend sexy. „Nein, aber es ist ein guter Tipp“, antwortete er. „Ich habe ihn diese Woche bei der Jährlingsauktion auf fachmännischen Rat hin erstanden, und er besitzt die Abstammung und die Form, um im großen Rennen zu siegen.“

„Ich spiele nicht“, entgegnete Daisy kühl, bevor sie der Höflichkeit halber hinzufügte: „Aber ich wünsche Ihnen viel Glück, Mr Cartwright.“ Dann wandte sie sich ab und beeilte sich zu verschwinden.

„Das ganze Leben ist ein Spiel, Daisy“, rief er ihr fröhlich nach.

Nein, jedenfalls nicht für sie, und sie verbot sich, diese Bemerkung auch nur zur Kenntnis zu nehmen, indem sie sich noch einmal zu ihm umblickte.

All diese Leute hatten Geld wie Heu. Nachdem Daisy jetzt drei Monate für Lynda Twiggley arbeitete, deren PR-Agentur Events für Prominente der Top-Kategorie organisierte, erstaunte und empörte es Daisy immer wieder, wie viel diese Menschen dafür ausgaben, nur um sich zu amüsieren. Die vorweihnachtlichen Partys waren irrwitzig gewesen. Silvester wurde standesgemäß auf einer privaten Luxusyacht mit einem Logenplatz für das berühmte Feuerwerk im Sydney Harbour gefeiert. Und jetzt hatte sich jeder, der auf sich zählte, an der Gold Coast von Queensland zum jährlichen Magic-Millions-Karneval eingefunden, dem ersten großen Pferderennen der Saison.

Es hatte zu Beginn der Woche mit der Jährlingsauktion begonnen, der größten Verkaufsauktion von Vollblütern in Australien. Zweifellos hatte Ethan Cartwright eine astronomische Summe für Midas Magic bezahlt und seinen erfolgreichen Zuschlag seitdem Tag für Tag feiern können. Denn es hatte bereits einen großen Ball und eine ganze Reihe von Cocktail-Partys gegeben, und am heutigen Tag sollte das alles noch einmal mit Preisgeldern von fast fünf Millionen Dollar gekrönt werden. Daisy hoffte insgeheim, dass sein Pferd als letztes einlaufen würde.

Das Leben sollte kein Spiel sein. Manche Dinge sollten einem sicher sein. Zum Beispiel das Zuhause ihrer Eltern.

Und wenn sie in diesem miesen Job ausharren musste, um dazu beizutragen, dann würde sie die Zähne zusammenbeißen und genau das tun, egal, wie bitter es war.

Ethan hatte sich nicht besonders gut amüsiert. Nachdem es ihm gelungen war, einer Horde weiblicher Wesen zu entkommen, deren oberflächliches Geschnatter ihn langweilte, hatte Lynda Twiggley ihm aufgelauert, ganz erpicht darauf, ihn als Berater für ihre Geldanlagen zu gewinnen. Was sogar noch langweiliger und überdies geschmacklos war, denn Magic Millions sollte Spaß und nicht Arbeit machen. Die PR-Agentin hatte ihm gegenüber jedenfalls nicht ihr fachliches Talent ausgespielt – dazu war sie viel zu aufdringlich gewesen –, und ihr Verhalten gegenüber ihrer Assistentin konnte man einfach nur als unerträglich bezeichnen.

Daisy Donohue … Also das war eine Frau, die ihn wirklich interessierte. Der kleine braune Spatz inmitten all der glamourösen Paradiesvögel, der das unterwürfige Dienstmädchen spielte, obwohl es insgeheim in ihm brodelte. Ein Westentaschenvulkan, der ihm so viel feindselige Energie entgegengeschleudert hatte, dass es ihn sofort reizte, sich auf eine Auseinandersetzung mit ihr einzulassen. Was natürlich angesichts der unfairen Voraussetzungen, dass er hier Gast und sie eine Angestellte war, nicht möglich gewesen war.

Ich spiele nicht … Wenn sie sich derartig zurückhielt, sich jegliches Risiko verbot, musste sich ja ein ungeheurer Druck in ihr aufbauen. Ethan ertappte sich dabei, sich auszumalen, wie viel Spaß es machen würde, all ihre unterdrückte Leidenschaft zu entfesseln. Daisy Donohue war nicht oberflächlich. Und auch nicht langweilig, fügte Ethan insgeheim hinzu, als Lynda Twiggley erneut seine Aufmerksamkeit einforderte.

„Wie ich bereits sagte, bevor Dee-Dee uns unterbrochen hat …“

Dee-Dee … was für ein dümmlicher Name für eine Person, die so viel natürliche Würde ausstrahlte! Darüber hinaus zeugte er auch von mangelndem Respekt, wie überhaupt die herablassende Art, in der diese unglaublich arrogante Frau mit Daisy umgesprungen war. Ethan jedoch vertrat die feste Überzeugung, dass jeder Mensch es verdiente, mit Respekt behandelt zu werden, gleichgültig, welche Position er im Leben innehatte. Er fragte sich, warum Daisy sich das gefallen ließ, und rief sich im nächsten Moment ins Gedächtnis, dass sie es sich in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten sicher nicht erlauben konnte, ihren Job zu riskieren.

Er gewährte Lynda Twiggley noch genau fünf Minuten, damit sie später nicht ihrer Assistentin vorwerfen würde, ein wichtiges geschäftliches Gespräch abgeschnitten zu haben, dann entschuldigte er sich mit den Worten: „Wissen Sie, Lynda, meine Klientenliste ist eigentlich schon sehr voll, aber wenn ich wieder im Büro bin, werde ich nachsehen, ob ich Sie noch irgendwo dazwischenschieben kann.“ Er wies mit dem Kopf auf seinen besten Freund, der angeregt mit einem der Topmodels plauderte. „Mickey Bourke hat gemeint, wir sollten vor dem großen Rennen noch mit dem Jockey sprechen, und es ist höchste Zeit, ihn daran zu erinnern.“

„Oh!“ Lynda konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen, rang sich jedoch ein Lächeln ab. „Ich mache mich aber sofort auf und platziere eine Wette auf Midas Magic!“

Das war ihm völlig schnuppe. Ethan wollte einfach nur weg von ihr. Sein Freund Mickey hatte ihn zu dieser Pferdegeschichte überredet, weil er meinte, etwas Abwechslung könne nicht schaden und nach der groben Enttäuschung mit seiner Exverlobten wieder Schwung in Ethans Privatleben bringen. Er solle sich etwas Spaß gönnen, hatte Mickey gemeint, vor allem, wenn er gerade solo unterwegs sei. Und laut seinem Freund gab es nichts Besseres als das Wahnsinnsgefühl, dabei zu sein, wenn das eigene Pferd ein großes Rennen gewann. Ethan stand dieses Erlebnis erst noch bevor, aber Mickey musste es eigentlich wissen, denn sein Vater war einer der erfolgreichsten Vollblut-Trainer Australiens.

Mickey war in der Pferdewelt groß geworden. Schon in der Schule organisierte er Wetten für den Melbourne Cup, was natürlich streng verboten war, aber er kam immer ungeschoren davon. Er war bei den Mitschülern beliebt: klug, geistreich, charmant – ein Sonnyboy mit sonnengebleichtem Blondschopf und blitzenden blauen Augen. Und der geborene Sportler, groß gewachsen und athletisch, vielleicht die einzige Eigenschaft, die er und Ethan gemeinsam hatten.

Alle mochten Mickey. Er war ein Kumpel, mit dem man immer Spaß hatte. Warum er sich ausgerechnet Ethan angeschlossen hatte, einem eher stillen, in sich gekehrten Schüler und dabei seinem einzigen ernsthaften Rivalen auf dem Sportplatz, hatte Ethan nicht begriffen, bis Mickey es ihm erklärte.

„Ganz ehrlich? Ich mag es, wenn jemand etwas auf dem Kasten hat. Und du steckst alle in die Tasche, lässt es aber uns gegenüber nicht heraushängen.“ Ein spitzbübisches Grinsen erhellte Mickeys Gesicht. „Außerdem hat es große Vorteile, dein Freund zu sein. Erstens bist du die beste Tarnung, weil alle Lehrer große Stücke auf dich halten. Das färbt auf mich als deinen Freund ab, sodass sie mich nicht gleich im Verdacht haben, Böses im Schilde zu führen. Darüber hinaus bist du ein Genie im Umgang mit Zahlen und kannst wie kein anderer die Wettchancen ausrechnen. Du wirst mir damit bestimmt einmal sehr von Nutzen sein.“

Ein erster Beweis, wie schlau Mickey war – schlau auf eine Art, wie sie Ethan nicht kannte als einziges Kind eingefleischter Akademiker, die alles streng nach Vorschrift erledigten. Ethan aber hatte auf Anhieb begriffen, dass er von Mickey Bourke viel lernen konnte.

„Und was den Sport betrifft“, hatte Mickey damals gespielt resigniert hinzugefügt, „ergebe ich mich in mein Schicksal, Ethan. Du kannst ein Spiel wie kein anderer lesen und ahnst die Züge in unglaublicher Weise voraus. Mir ist klar, dass der Trainer immer dich zum Kapitän der Kricket- und der Rugby-Mannschaft berufen wird, egal, wie gut ich auf dem Platz bin. Wenn ich klug bin, gewinne ich dich als Freund und halte mich an deiner Seite, um an deinem Ruhm teilzuhaben.“

Mickeys Ehrlichkeit, gepaart mit seiner realistischen Einschätzung der Lage und der sehr pragmatischen Beurteilung, wie er aus seiner Schulzeit den größtmöglichen Gewinn für sich ziehen könnte, hatten Ethan schwer beeindruckt. Und so wurden er und Mickey ein eingeschworenes Team, und ihre enge Freundschaft überdauerte die Jahre, obwohl sie karrieremäßig völlig unterschiedliche Wege einschlugen.

Privat allerdings waren sie beide noch Junggesellen, wenngleich aus recht verschiedenen Gründen. „Es gibt viel zu viele hübsche Hasen, um sich auf nur einen festzulegen“, lautete Mickeys ungenierte Einstellung. Ethan dagegen war schon seit Langem zu der zynischen Schlussfolgerung gelangt, dass alle begehrenswerten Frauen verwöhnte Prinzessinnen waren, die alles nach ihrem Kopf haben wollten und in der Regel Sex im Tausch einsetzten, um zu bekommen, was sie wollten. Eine Erfahrung, die er gerade erst wieder bei einer Frau schmerzlich bestätigt gefunden hatte, von der er dummerweise überzeugt gewesen war, dass sie anders sei.

Im Großen und Ganzen war er immer bereit gewesen, dieses Spiel mitzuspielen, denn welcher Mann wollte keinen Sex? Und vom Bett einmal abgesehen, zogen beide Seiten noch andere Vorteile daraus. Es schmeichelte seinem männlichen Ego, mit der einen oder anderen Society-Schönheit in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, ebenso wie die Frauen ganz wild darauf waren, einen der begehrtesten Milliardäre Sydneys der Liste ihrer Eroberungen hinzuzufügen.

Man durfte nur nicht den Fehler machen, zu viel zu erwarten. Ethan jedenfalls hatte es empfindlich auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt, als er zufällig mitbekommen hatte, wie sich Serena einer Freundin gegenüber triumphierend mit ihrem tollen „Fang“ brüstete. Ja, es wäre ein gewaltiger Fehler gewesen, sie zu heiraten, und Ethan hasste es, Fehler zu machen. Er konnte es sich immer noch nicht verzeihen, sich derart in ihrem Charakter geirrt zu haben.

Ethan erwartete zumindest Ehrlichkeit in einer Beziehung. Wahrhaftigkeit. Er wollte so, wie er war, erkannt und geschätzt werden. Er wünschte sich von einer Frau die gleiche verständnisvolle Kameradschaft, wie er sie bei Mickey fand. Was vermutlich unmöglich war, weil Frauen eben anders tickten als Männer. Aber wenn er wenigstens eine fände, die ihm nicht das Gefühl gab, nur als Beute in einer eher einseitigen Jagd umgarnt zu werden!

Sofort kam ihm Daisy Donohue in den Sinn. Schade, dass sie heute nicht als Gast hier war. Sie hatte wirklich sein Interesse geweckt. Eine spitze Zunge, die ganz bestimmt nicht den Verdacht wecken konnte, ihn „umgarnen“ zu wollten. Nein, der kleine braune Spatz sprühte förmlich Funken, was Ethan überraschend sexy gefunden hatte. Eine niedliche, hübsch gerundete Figur kam dazu. Er hatte noch nie begriffen, was Mickey an diesen spindeldürren Models fand. Was für eine Wirkung dagegen, als Daisy ihm den kleinen, knackigen Hintern zugewandt hatte und mit anmutigem Hüftschwung davongegangen war! Ein sehr sexy Hintern.

Ethan lächelte unwillkürlich. Er mochte wetten, dass Daisy Donohue auch wunderschönes Haar hatte, wenn sie es offen und nicht hochgesteckt trug. Einen Moment lang malte Ethan sich aus, wie er die Haarnadeln herauszog und die Finger durch ihr seidiges braunes Haar gleiten ließ und dabei zusah, wie in ihren samtbraunen Augen die Leidenschaft erwachte. Das würde ihm gefallen.

Als er die gut gelaunte Gästeschar erreichte, die sich wie stets um Mickey versammelt hatte, suchte er den Blick des Freundes und nickte zum Ausgang des Festzeltes. Ohne auf Mickey zu warten, ging Ethan so betont zielstrebig weiter, dass keiner es gewagt hätte, ihn zu belästigen. Kaum dass er draußen war, holte Mickey ihn ein.

„Hab gesehen, wie die Twiggley versucht hat, dich in die Klauen zu bekommen“, meinte er mitfühlend lächelnd. „Ich nehme an, sie zählt zu den Verwundeten, die einen Arzt suchen.“

Ethan verzog das Gesicht. „Ich bin kein Arzt.“

„Aber so etwas Ähnliches. Du sollst die Wunden heilen, die die Finanzkrise bei manchem geschlagen hat.“

„Ich ziehe Klienten vor, die von vornherein meinem Rat vertraut haben.“

„So wie ich.“ Mickey klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter, während sie sich langsam dem Sattelplatz näherten. „Habe nicht eine Sekunde an deinen Zahlenkünsten gezweifelt.“

„Sie ist eine abscheuliche Frau“, sagte Ethan, in Gedanken immer noch bei seiner Begegnung mit Lynda Twiggley. „Hat ihre persönliche Assistentin wie den letzten Dreck behandelt.“

„Hm … höre ich da eine gewisse Eingenommenheit für die Assistentin heraus?“

Mickeys blaue Augen blitzten neckend. Er war heute nur darauf aus, Spaß zu haben, und wollte, dass auch Ethan sich amüsierte. Was mit Daisy Donohue natürlich unmöglich war. Denn abgesehen davon, dass sie gar nicht zur Verfügung stand, waren ihre feindseligen Blicke wohl kaum eine Ermutigung gewesen. Allerdings reizte es Ethan, den Grund dafür herauszufinden. Nichts war so belebend wie eine kleine Herausforderung.

„Sie ist jedenfalls interessanter als deine Models“, parierte er deshalb die Frage seines Freundes.

„Aha. Es ist auf alle Fälle ein gutes Zeichen, dass die lusttötende Erfahrung mit der durchtriebenen Serena offensichtlich verblasst ist. Also, was gedenkst du wegen dieser neuen interessanten Frau zu tun?“

„Heute hat sie wohl keine Zeit, sich zu vergnügen“, erwiderte Ethan bedauernd. „Lynda Twiggley hat sie fest in ihrem bösen Blick.“

„Kein Problem! Sag der Twiggley, dass du dich um ihre Finanzprobleme kümmerst, wenn sie ihre Assistentin für den Rest des Tages dir überlässt.“

Einfach über Daisys Kopf hinweg? Ethan, der sich an ihren bemerkenswerten Stolz erinnerte, glaubte nicht, dass es bei ihr gut ankommen würde, wenn man über sie wie über eine Sklavin verfügte. Außerdem verspürte er genauso wenig wie Daisy große Lust, für Lynda Twiggley zu arbeiten. „Das ist keine Lösung, sondern Blödsinn“, wehrte er deshalb spöttisch ab.

„Na, dir wird schon was einfallen“, entgegnete Mickey ungerührt. „Mein Motto lautet jedenfalls: Wenn dir eine Frau gefällt, dann mach dich an sie ran. Pack die Gelegenheit beim Schopf. Sie verflüchtigt sich schnell genug wieder.“

Ethan verdrehte die Augen. „Manchmal solltest du vielleicht etwas genauer hinsehen, bevor du dich hineinstürzt. Bei den Pferden tust du es ja auch.“

Mickey lachte. „Pferde sind ja auch unendlich viel lohnender als Frauen! Also, vergiss jetzt diese Assistentin und konzentriere dich auf Midas Magic, Ethan. Er bringt dir mehr ein für dein Geld.“ Endlich bei seinem Lieblingsthema angelangt, versorgte Mickey seinen Freund mit einer Kurzfassung der Biografie des Jockeys, den er jetzt gleich kennenlernen würde, gab einen Überblick über dessen zahllose Erfolge und sang eine Lobenshymne auf den besonderen Pferdeverstand des Mannes.

Obwohl Ethan sich den Anschein gab, interessiert zuzuhören, lauschte er nur mit halbem Ohr, denn seine Gedanken schweiften immer wieder zu Daisy Donohue. Sie ließ ihn einfach nicht los, ja, weckte in ihm den ritterlichen Wunsch, sie aus Lynda Twiggleys Klauen zu retten und alles, was immer es auch sein mochte, für sie gutzumachen.

Völlig absurd. Er kannte sie doch gar nicht.

Aber sein Gefühl sagte ihm, dass sie es wert war, dass er sie näher kennenlernte, und er es vielleicht später bedauern würde, dem ...

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