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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl - Eine jüdische Familie auf der Flucht, Band 1-3

Judith Kerr

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl - Eine jüdische Familie auf der Flucht, Band 1-3

1

Anna war mit Elsbeth, einem Mädchen aus ihrer Klasse, auf dem Heimweg von der Schule. In diesem Winter war in Berlin viel Schnee gefallen. Er schmolz nicht, darum hatten die Straßenkehrer ihn auf den Rand des Gehsteiges gefegt, und dort bildete er seit Wochen traurige, immer grauer werdende Haufen. Jetzt, im Februar, hatte sich der Schnee in Matsch verwandelt, und überall standen Pfützen. Anna und Elsbeth hüpften mit ihren Schnürstiefeln darüber weg.

Sie trugen beide dicke Mäntel und Wollmützen, die ihre Ohren warm hielten, und Anna hatte auch noch einen Schal umgebunden. Sie war neun, aber klein für ihr Alter, und die Enden des Schals hingen ihr beinahe bis auf die Knie. Der Schal bedeckte auch Mund und Nase, sodass nur die grünen Augen und ein Büschel dunkles Haar von ihr zu sehen waren. Sie hatte es eilig, denn sie wollte noch im Schreibwarenladen Buntstifte kaufen, und es war beinahe Zeit zum Mittagessen. Aber jetzt war sie so außer Atem, dass sie froh war, als Elsbeth stehen blieb und ein großes rotes Plakat betrachtete.

»Da ist wieder ein Bild von dem Mann«, sagte Elsbeth. »Meine kleine Schwester hat gestern auch eins gesehen und gedacht, es wäre Charlie Chaplin.«

Anna betrachtete die starren Augen, den grimmigen Ausdruck. Sie sagte: »Es ist überhaupt nichts wie Charlie Chaplin, außer dem Schnurrbart.«

Sie buchstabierten den Namen unter der Fotografie:

»Adolf Hitler.«

»Er will, dass alle bei den Wahlen für ihn stimmen, und dann wird er den Juden einen Riegel vorschieben«, sagte Elsbeth. »Glaubst du, er wird Rachel Löwenstein einen Riegel vorschieben?«

»Das kann keiner«, sagte Anna. »Sie ist Klassensprecherin. Vielleicht macht er es mit mir. Ich bin auch jüdisch.«

»Das stimmt nicht!«

»Doch. Mein Vater hat vorige Woche mit uns darüber gesprochen. Er sagte, wir seien Juden, und was auch immer geschähe, mein Bruder und ich dürften das niemals vergessen.«

»Aber ihr geht samstags nicht in eine besondere Kirche wie Rachel Löwenstein.«

»Weil wir nicht religiös sind.«

»Ich wünschte, mein Vater wäre auch nicht religiös«, sagte Elsbeth, »wir müssen jeden Sonntag gehen, und ich kriege einen Krampf in meinem Hinterteil.« Sie betrachtete Anna eindringlich. »Ich dachte, Juden hätten krumme Nasen, aber deine Nase ist ganz normal. Hat dein Bruder eine krumme Nase?«

»Nein«, sagte Anna, »der einzige Mensch in unserem Haus mit einer krummen Nase ist unser Mädchen Bertha, und deren Nase ist krumm, weil sie aus der Straßenbahn gestürzt ist und sie sich gebrochen hat.«

Elsbeth wurde ärgerlich. »Aber dann«, sagte sie, »wenn du wie alle anderen aussiehst und nicht in eine besondere Kirche gehst, wie kannst du dann wissen, dass du wirklich jüdisch bist? Wie kannst du sicher sein?«

Es entstand eine Pause.

»Ich vermute …«, sagte Anna, »ich vermute, weil mein Vater und meine Mutter Juden sind, und wahrscheinlich waren ihre Mütter und Väter es auch. Ich habe nie darüber nachgedacht, bis mein Vater vorige Woche anfing, davon zu sprechen.«

»Also, ich finde es blöd!«, sagte Elsbeth. »Das mit Adolf Hitler ist blöd, und dass Leute Juden sind und alles!« Sie fing an zu laufen, und Anna lief hinter ihr her.

Sie hielten nicht eher an, bis sie den Schreibwarenladen erreicht hatten. Jemand sprach mit dem Mann hinter der Theke, und Annas Mut sank, als sie Fräulein Lambeck erkannte, die in ihrer Nähe wohnte. Das Fräulein machte ein Gesicht wie ein Schaf und sagte: »Schreckliche Zeiten! Schreckliche Zeiten!« Jedes Mal wenn sie sagte »Schreckliche Zeiten«, schüttelte sie den Kopf, und ihre Ohrringe wackelten.

Der Ladeninhaber sagte: »1931 war schlimm genug, 1932 war schlimmer, aber lassen Sie sich’s gesagt sein, 1933 wird am schlimmsten!« Dann bemerkte er Anna und Elsbeth und sagte: »Was kann ich für euch tun, Kinder?«

Anna wollte ihm gerade sagen, dass sie Buntstifte kaufen wollte, da hatte Fräulein Lambeck sie entdeckt.

»Das ist die kleine Anna!«, rief Fräulein Lambeck. »Wie geht es dir, kleine Anna? Und wie geht es deinem lieben Vater? Ein wunderbarer Mensch! Ich lese jedes Wort, das er schreibt. Ich habe alle seine Bücher, und ich höre ihn immer im Radio. Aber diese Woche hat er nichts in der Zeitung – hoffentlich ist er nicht krank. Vielleicht hält er irgendwo Vorträge. Oh, wir brauchen ihn so in diesen schrecklichen Zeiten!«

Anna wartete, bis Fräulein Lambeck fertig war. Dann sagte sie: »Er hat die Grippe.«

Diese Bemerkung rief wieder ein großes Wehklagen hervor. Man hätte glauben können, Fräulein Lambecks liebste Angehörigen lägen im Sterben. Sie schüttelte den Kopf, bis die Ohrringe klirrten. Sie schlug Heilmittel vor. Sie empfahl Ärzte. Sie hörte nicht auf zu reden, bis Anna ihr versprochen hatte, ihrem Vater Fräulein Lambecks beste Wünsche für eine schnelle Besserung zu überbringen. An der Tür drehte sie sich noch einmal um und sagte: »Sag nicht, gute Wünsche von Fräulein Lambeck, kleine Anna – sag nur: von einer Verehrerin!« Dann fegte sie hinaus.

Anna kaufte eilig ihre Stifte. Dann standen sie und Elsbeth draußen im kalten Wind vor dem Schreibwarenladen. Hier trennten sich für gewöhnlich ihre Wege, aber Elsbeth zögerte. Sie hatte Anna schon lange etwas fragen wollen, und dies schien ein geeigneter Augenblick.

»Anna«, sagte Elsbeth, »ist es schön, einen berühmten Vater zu haben?«

»Nicht, wenn man jemandem wie Fräulein Lambeck begegnet«, sagte Anna und machte sich nachdenklich auf den Heimweg, während ihr Elsbeth ebenso nachdenklich folgte.

»Nein, aber abgesehen von Fräulein Lambeck?«

»Es ist eigentlich ganz nett. Zum Beispiel, weil Papa zu Hause arbeitet und wir ihn oft sehen. Und manchmal kriegen wir Freikarten fürs Theater. Und einmal wurden wir von einer Zeitung interviewt, und sie fragten uns, was für Bücher wir gern lesen. Mein Bruder sagte, Karl May, und am nächsten Tag schickte ihm jemand eine Gesamtausgabe als Geschenk.«

»Ich wünschte, mein Vater wäre auch berühmt«, sagte Elsbeth. »Aber das wird er sicher nie, denn er arbeitet bei der Post, und dafür wird man nicht berühmt.«

»Wenn dein Vater nicht berühmt wird, dann wirst du es vielleicht einmal. Wenn man einen berühmten Vater hat, dann wird man fast nie selber berühmt.«

»Warum nicht?«

»Das weiß ich nicht. Aber man hört fast nie von zwei berühmten Leuten aus einer Familie. Das macht mich manchmal ein bisschen traurig.« Anna seufzte.

Sie standen jetzt vor Annas weiß gestrichenem Gartentor. Elsbeth dachte fieberhaft darüber nach, wofür sie vielleicht berühmt werden könnte, als Heimpi, die sie vom Fenster aus gesehen hatte, die Haustür öffnete.

»Du meine Güte«, rief Elsbeth, »ich komme zu spät zum Essen!« – und schon rannte sie die Straße hinunter.

»Du und diese Elsbeth«, schimpfte Heimpi, während Anna ins Haus trat. »Ihr holt mit eurem Geschwätz noch die Affen von den Bäumen!«

Heimpis richtiger Name war Fräulein Heimpel, und sie hatte für Anna und ihren Bruder Max gesorgt, seit diese kleine Kinder waren. Jetzt, da sie größer geworden waren, versorgte sie, wenn die Kinder in der Schule waren, den Haushalt, aber wenn sie nach Hause kamen, musste sie sie immer noch bemuttern. »Wir wollen dich mal auspacken«, sagte sie und nahm ihr den Schal ab. »Du siehst aus wie ein Paket, an dem die Kordel sich gelöst hat.«

Während Heimpi Anna aus den Kleidern schälte, hörte diese, dass im Wohnzimmer Klavier gespielt wurde. Mama war also zu Hause.

»Sind deine Füße auch bestimmt nicht feucht?«, fragte Heimpi. »Dann geh schnell und wasch dir die Hände. Das Mittagessen ist gleich fertig.«

Anna stieg die mit einem dicken Läufer belegte Treppe hinauf. Die Sonne schien zum Fenster herein, und draußen im Garten konnte sie ein paar letzte Schneeflecken sehen. Von der Küche her stieg der Duft eines gebratenen Huhns herauf. Es war schön, aus der Schule nach Hause zu kommen.

Als sie die Badezimmertür öffnete, hörte sie drinnen eiliges Füßescharren, und gleich darauf fand sie sich ihrem Bruder Max gegenüber, der mit puterrotem Gesicht die Hände auf dem Rücken hielt.

»Was ist los?«, fragte sie, noch bevor sie seinen Freund Günther entdeckt hatte, der ebenso verlegen schien.

»Oh, du bist es!«, sagte Max, und Günther lachte. »Wir dachten, es wäre ein Erwachsener.«

»Was habt ihr da?«, fragte Anna.

»Das ist ein Abzeichen. In der Schule gab es heute eine Rauferei. Nazis gegen Sozis.«

»Was sind Nazis und Sozis?«

»Ich hätte doch gedacht, dass du in deinem Alter das wüsstest«, sagte Max, der gerade zwölf war. »Die Nazis sind die Leute, die bei den Wahlen für Hitler stimmen werden. Wir Sozis sind die Leute, die gegen ihn stimmen werden.«

»Aber ihr beiden dürft doch noch gar nicht wählen«, sagte Anna.

»Aber unsere Väter«, sagte Max ärgerlich. »Das ist dasselbe.«

»Jedenfalls werden wir sie schlagen«, sagte Günther. »Du hättest die Nazis laufen sehen sollen! Max und ich haben einen geschnappt und ihm sein Abzeichen abgenommen. Aber ich weiß nicht, was Mama zu meiner Hose sagen wird.« Er blickte traurig auf einen großen Riss in dem verschlissenen Stoff. Günthers Vater war arbeitslos, und sie hatten kein Geld zu Hause für neue Kleider.

»Mach dir keine Sorgen, Heimpi flickt das schon«, sagte Anna. »Kann ich das Abzeichen mal sehen?«

Es war eine kleine rote Emailscheibe mit einem schwarzen Kreuz mit umgebogenen Ecken.

»Das ist ein Hakenkreuz«, sagte Günther, »alle Nazis haben so eins.«

»Was wollt ihr damit machen?«

Max und Günther sahen einander an. »Willst du es haben?«, fragte Max.

Günther schüttelte den Kopf. »Ich darf nichts mit den Nazis zu tun haben. Mama hat Angst, sie könnten mir ein Loch in den Kopf schlagen.«

»Die kämpfen nicht fair«, stimmte Max zu. »Sie benutzen Stöcke und Steine und sonst allerhand.« Er drehte das Abzeichen mit steigendem Unbehagen in den Fingern. »Ich will es jedenfalls auch nicht.«

»Schmeiß es ins Klo!«, sagte Günther. Das taten sie denn auch. Als sie zum ersten Mal abzogen, wurde es nicht hinuntergespült, aber beim zweiten Mal, als gerade der Gong zum Essen rief, verschwand es zur Zufriedenheit aller.

Als sie nach unten gingen, konnten sie immer noch das Klavier hören, aber während Heimpi ihre Teller füllte, hörte die Musik auf. Einen Augenblick später kam Mama herein.

»Hallo Kinder, hallo Günther!«, rief sie. »Wie war es in der Schule?«

Jeder fing sofort an, es ihr zu erzählen, und das Zimmer war plötzlich voller Lärm und Gelächter. Sie kannte die Namen aller Lehrer und erinnerte sich immer, was sie ihr erzählt hatten. Als Max und Günther ihr erzählten, dass der Geografielehrer wütend geworden war, sagte sie: »Kein Wunder, wo ihr ihn vorige Woche so geärgert habt!« Und als Anna ihr erzählte, dass ihr Aufsatz in der Klasse vorgelesen worden war, sagte sie: »Das ist wundervoll – denn Fräulein Schmidt liest selten etwas in der Klasse vor, nicht wahr?«

Wenn sie zuhörte, so sah sie den, der gerade sprach, mit äußerster Konzentration an. Wenn sie sprach, so legte sie ihre ganze Kraft in das, was sie sagte. Sie schien alles, was sie tat, doppelt so heftig zu tun wie andere Leute; sogar ihre Augen waren von einem strahlenderen Blau, als Anna es je gesehen hatte.

Sie fingen gerade mit dem Nachtisch an, es gab heute Apfelstrudel, als das Mädchen Bertha hereinkam, um Mama zu sagen, es sei jemand am Telefon, und ob sie Papa stören solle. »Was für eine Zeit für einen Anruf«, rief Mama und stieß ihren Stuhl so heftig zurück, dass Heimpi danach greifen musste, damit er nicht umfiel. »Und dass keiner von euch wagt, meinen Apfelstrudel aufzuessen!«

Und sie stürzte nach draußen.

Es kam ihnen sehr still vor, nachdem sie gegangen war, obwohl Anna ihre Schritte hören konnte, die zum Telefon eilten und ein wenig später noch schneller zu Papas Zimmer hinauf. In die Stille hinein fragte Anna: »Wie geht es Papa?«

»Besser«, sagte Heimpi. »Die Temperatur ist ein bisschen gefallen.«

Anna aß zufrieden ihren Nachtisch auf. Max und Günther ließen sich dreimal nachgeben, aber Mama war noch immer nicht zurück. Es war seltsam, denn sie mochte Apfelstrudel besonders gern.

Bertha kam, um abzuräumen, und Heimpi nahm die Jungen mit, um nach Günthers Hose zu sehen. »Es hat keinen Zweck, sie zu flicken«, sagte sie, »sie würde wieder platzen, sobald du Luft holst. Aber ich habe noch eine, aus der Max herausgewachsen ist, die wird dir gerade passen.«

Anna blieb im Esszimmer zurück und wusste nicht, was sie tun sollte. Zuerst half sie Bertha. Sie schoben die benutzten Teller durch die Durchreiche in die Küche. Dann fegten sie mit einer kleinen Bürste und einer Schaufel die Krümel vom Tisch. Als sie dann das Tischtuch falteten, erinnerte sie sich an Fräulein Lambeck und ihre Botschaft. Sie wartete, bis Bertha das Tischtuch fest in den Händen hatte, und lief dann zu Papas Zimmer hinauf. Sie konnte Papa und Mama drinnen sprechen hören. »Papa«, sagte Anna, während sie die Tür öffnete, »ich habe Fräulein Lambeck getroffen …«

»Nicht jetzt! Nicht jetzt!«, rief Mama. »Wir haben was zu besprechen.«

Sie saß auf Papas Bettkante. Papa war mit Kissen im Rücken gestützt und sah blass aus. Sie runzelten beide die Stirn.

»Aber Papa, sie hat mich gebeten, dir zu bestellen …«

Mama wurde ganz böse. »Um Himmels willen, Anna«, rief sie, »wir wollen jetzt nichts davon hören! Geh weg!«

»Komm nachher zurück«, sagte Papa etwas sanfter. Anna machte die Tür zu. So war das also. Nicht, dass sie Lust gehabt hätte, Fräulein Lambecks blöde Nachricht zu überbringen. Aber sie ärgerte sich doch.

Es war niemand im Kinderzimmer. Sie konnte draußen Stimmen hören. Max und Günther spielten also wahrscheinlich im Garten. Aber sie hatte keine Lust, zu ihnen zu gehen. Ihr Ranzen hing über der Stuhllehne. Sie packte ihre neuen Farbstifte aus und holte sie alle aus der Schachtel. Darunter war ein schönes Rosa und ein ganz schönes Orange, aber am schönsten waren die Blaus. Es waren drei verschiedene Töne, alle schön kräftig, und auch ein Violett. Plötzlich kam Anna eine Idee.

Sie hatte in der letzten Zeit ein paar Gedichte gemacht und sie auch illustriert, und sie waren zu Hause und auch in der Schule sehr bewundert worden. Eins hatte von einer Feuersbrunst gehandelt, eins von einem Erdbeben und eins von einem Mann, der unter schrecklichen Qualen starb, nachdem er von einem Landstreicher verflucht worden war. Sollte sie es einmal mit einem Schiffbruch versuchen? Allerlei Wörter reimten sich auf »See«, und man konnte »Welle« und »helle« reimen, und für die Illustration konnte sie die drei neuen blauen Stifte benutzen. Sie holte sich ein Blatt Papier und fing an.

Bald war sie so in ihre Arbeit versunken, dass sie nicht bemerkte, wie die frühe winterliche Dämmerung sich im Zimmer verbreitete, und sie fuhr hoch, als Heimpi hereinkam und das Licht anknipste.

»Ich habe Plätzchen gebacken«, sagte Heimpi. »Willst du mir helfen, sie zu glasieren?«

»Kann ich das hier zuerst Papa zeigen?«, fragte Anna, während sie das letzte Stückchen blauer See ausmalte. Heimpi nickte. Diesmal klopfte Anna an und wartete, bis Papa »herein« rief. Sein Zimmer sah geheimnisvoll aus, denn nur die Bettlampe brannte, und Papa und sein Bett waren eine erleuchtete Insel mitten in den Schatten. Nur undeutlich konnte sie seinen Schreibtisch mit der Schreibmaschine erkennen und den Stapel Papier, der wie gewöhnlich vom Tisch auf den Boden überquoll. Weil Papa oft noch spät in der Nacht schrieb und Mama nicht stören wollte, stand sein Bett in seinem Arbeitszimmer. Papa sah nicht aus, als ginge es ihm besser. Er saß da und tat überhaupt nichts, sondern starrte nur mit einem angespannten Ausdruck in seinem schmalen Gesicht vor sich hin. Aber als er Anna sah, lächelte er. Sie zeigte ihm das Gedicht, und er las es zweimal durch und sagte, es sei sehr gut, und er bewunderte auch die Illustration. Dann erzählte ihm Anna von Fräulein Lambeck, und sie lachten beide. Er sah jetzt wieder mehr wie sonst aus, darum sagte Anna: »Papa, gefällt dir das Gedicht auch wirklich?«

Papa sagte Ja.

»Meinst du nicht, es sollte fröhlicher sein?«

»Nun«, sagte Papa, »ein Schiffbruch ist ja wirklich nichts Fröhliches.«

»Meine Lehrerin, Fräulein Schmidt, meint, ich sollte über fröhlichere Sachen schreiben, zum Beispiel über den Frühling und über Blumen.«

»Und möchtest du denn über den Frühling und über Blumen schreiben?«

»Nein«, sagte Anna traurig. »Im Augenblick scheine ich nur über Unglücksfälle schreiben zu können.«

Papa lächelte ein wenig schief und sagte, da wäre sie wohl ganz im Einklang mit der Zeit.

»Meinst du denn«, fragte Anna eifrig, »dass es richtig ist, über Unglücksfälle zu schreiben?«

Papa wurde sofort ernst.

»Natürlich«, sagte er. »Wenn du über Unglück schreiben willst, musst du es auch tun. Es hat keinen Zweck, das zu schreiben, was andere Leute hören wollen. Man kann nur dann gut schreiben, wenn man versucht, es sich selbst recht zu machen.«

Anna war von dem, was Papa sagte, so ermutigt, dass sie ihn gerade fragen wollte, ob er wohl glaubte, sie könne eines Tages berühmt werden, aber das Telefon an Papas Bett klingelte laut. Als Papa den Hörer aufnahm, war der gespannte Ausdruck wieder in seinem Gesicht, und Anna fand es seltsam, dass sogar seine Stimme verändert klang. Sie hörte ihn sagen: »Ja … ja …« Auch von Prag war die Rede. Dann verlor sie das Interesse. Aber das Gespräch war bald vorüber.

»Lauf jetzt lieber«, sagte Papa. Er streckte die Arme aus, als wollte er sie an sich drücken. Aber dann ließ er sie wieder sinken.

»Ich will dich lieber nicht anstecken«, sagte er.

Anna half Heimpi, die Plätzchen mit einem Zuckerguss zu versehen – und dann aßen sie und Max und Günther sie – alle außer dreien, die Heimpi in eine Papiertüte steckte, damit Günther sie seiner Mutter mit nach Hause nehmen konnte. Sie hatte noch andere Kleidungsstücke gefunden, aus denen Max herausgewachsen war, sodass ein ganz schönes Paket zusammengekommen war, das er nachher mit nach Hause nehmen sollte.

Für den Rest des Abends spielten sie zusammen. Max und Anna hatten zu Weihnachten eine Sammlung von Spielen bekommen. Sie hatten immer noch Freude daran, damit zu spielen. Die Sammlung enthielt ein Mühlespiel, Schach, Ludo, Domino, ein Damespiel und sechs verschiedene Kartenspiele, alles zusammen in einer wunderschönen Schachtel. Wenn man eines Spiels überdrüssig war, konnte man immer ein anderes spielen. Heimpi saß bei ihnen im Kinderzimmer und stopfte Strümpfe und spielte auch einmal Ludo mit. Nur zu bald war es Zeit, zu Bett zu gehen.

Am nächsten Morgen lief Anna in Papas Zimmer, um ihn zu besuchen. Der Schreibtisch war aufgeräumt. Das Bett war ordentlich gemacht. Papa war fort.

2

Annas erster Gedanke war so schrecklich, dass ihr Atem stockte. Papa war in der Nacht kränker geworden. Man hatte ihn ins Krankenhaus gebracht. Vielleicht … Sie rannte blindlings aus dem Zimmer und Heimpi direkt in die Arme.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Heimpi. »Es ist alles in Ordnung! Dein Vater hat eine Reise angetreten.«

»Eine Reise?« Anna konnte es nicht glauben. »Aber er ist doch krank – er hat Fieber …«

»Er hat sich trotzdem entschlossen zu verreisen«, sagte Heimpi bestimmt. »Deine Mutter wollte es dir alles erklären, wenn du aus der Schule kommst. Ich glaube, jetzt hörst du es besser gleich, und Fräulein Schmidt kann die Daumen drehen und auf dich warten.«

»Was ist denn los? Gehen wir nicht zur Schule?« Max erschien mit hoffnungsvollem Gesicht auf der Treppe.

Dann kam Mama aus ihrem Zimmer. Sie war noch im Morgenrock und sah müde aus.

»Es gibt überhaupt keinen Grund zur Aufregung«, sagte sie. »Aber ich muss euch einiges sagen. Heimpi, können wir noch etwas Kaffee haben? Und ich glaube, die Kinder könnten auch noch ein bisschen frühstücken.«

Als sie erst einmal bei Kaffee und Brötchen in Heimpis Küche saßen, fühlte Anna sich schon viel besser, und sie war sogar imstande, sich darüber zu freuen, dass sie jetzt die Geografiestunde verpassen würde, die ihr besonders verhasst war.

»Die Sache ist ganz einfach«, sagte Mama. »Papa glaubt, dass Hitler und die Nazis die Wahlen gewinnen könnten. Wenn das geschieht, möchte er nicht mehr in Deutschland leben, solange sie an der Macht sind, und keiner von uns möchte das.«

»Weil wir Juden sind?«, fragte Anna.

»Nicht nur, weil wir Juden sind. Papa glaubt, dass dann niemand mehr sagen darf, was er denkt, und er könnte dann nicht mehr schreiben. Die Nazis wollen keine Leute, die anderer Meinung sind als sie.« Mama nahm einen Schluck Kaffee und sah gleich etwas heiterer aus. »Natürlich kann es sein, dass es nicht so kommt, und wenn es so kommt, wird es wahrscheinlich nicht lange dauern – vielleicht sechs Monate oder so. Aber im Augenblick wissen wir es einfach nicht.«

»Aber warum ist Papa so plötzlich weggefahren?«

»Weil ihn gestern jemand angerufen und ihn gewarnt hat, dass man ihm vielleicht den Pass wegnehmen würde. Darum habe ich ihm einen kleinen Koffer gepackt, und er hat den Nachtzug nach Prag genommen – das ist der kürzeste Weg aus Deutschland hinaus.«

»Wer könnte ihm denn seinen Pass wegnehmen?«

»Die Polizei. In der Polizei gibt es ziemlich viele Nazis.«

»Und wer hat ihn angerufen und ihn gewarnt?«

Mama lächelte zum ersten Mal.

»Auch ein Polizist. Einer, den Papa nie getroffen hat; einer, der seine Bücher gelesen hat und dem sie gefallen haben.«

Anna und Max brauchten einige Zeit, um all das zu verdauen. »Nun«, sagte Mama, »bis zu den Wahlen sind nur noch zehn Tage. Entweder die Nazis verlieren, dann kommt Papa zurück – oder sie gewinnen, dann fahren wir zu ihm.«

»Nach Prag?«, fragte Max.

»Nein, wahrscheinlich in die Schweiz. Dort spricht man Deutsch. Papa könnte dort schreiben. Wir würden wahrscheinlich ein Haus mieten und dort bleiben, bis alles vorbei ist.«

»Auch Heimpi?«, fragte Anna.

»Auch Heimpi.«

Es klang ganz aufregend. Anna fing an, es sich vorzustellen – ein Haus in den Bergen … Ziegen … oder waren es Kühe? …

Da sagte Mama: »Und dann noch eins.« Ihre Stimme klang ernst.

»Dies ist das Allerwichtigste«, sagte Mama, »und wir brauchen dabei eure Hilfe. Papa möchte nicht, dass irgendjemand erfährt, dass er Deutschland verlassen hat. Ihr dürft es also niemandem verraten. Wenn euch jemand nach ihm fragt, müsst ihr sagen, dass er noch mit Grippe im Bett liegt.«

»Darf ich es nicht einmal Günther sagen?«, fragte Max.

»Nein, weder Günther noch Elsbeth noch sonst jemandem.«

»Also gut«, sagte Max. »Aber es wird nicht leicht sein. Die Leute fragen immer nach ihm.«

»Warum dürfen wir es denn niemandem sagen?«, fragte Anna.

»Warum will Papa nicht, dass es jemand weiß?«

»Sieh mal«, sagte Mama. »Ich habe euch alles erklärt, so gut ich konnte. Aber ihr seid beide noch Kinder. Papa glaubt, die Nazis könnten … könnten uns Schwierigkeiten machen, wenn sie wissen, dass er weg ist. Darum will er nicht, dass ihr darüber redet. Also, werdet ihr tun, um was er euch bittet, oder nicht?« Anna sagte, natürlich würde sie es tun.

Dann schickte Heimpi die beiden zur Schule. Anna machte sich Sorgen darüber, was sie sagen sollte, falls sie jemand fragte, warum sie zu spät kam, aber Max meinte: »Sag einfach, Mama hätte verschlafen – das hat sie doch auch.«

Aber es interessierte sich niemand sehr dafür. Die Klasse war in der Turnhalle und übte Hochsprung, und Anna sprang höher als alle anderen. Sie war so froh darüber, dass sie für den Rest des Morgens beinahe vergaß, dass Papa in Prag war.

Als es Zeit war, nach Hause zu gehen, fiel ihr alles wieder ein, und sie hoffte nur, dass Elsbeth keine unbequemen Fragen stellen würde – aber Elsbeth hatte wichtigere Dinge im Kopf. Ihre Tante wollte mit ihr am Nachmittag in die Stadt gehen und ihr ein Jo-Jo kaufen. Was für eins sollte sie sich wünschen, was riet ihr Anna?

Und welche Farbe? Die hölzernen taten es, im Ganzen gesehen, am besten, aber Elsbeth hatte ein leuchtend orangefarbenes Jo-Jo gesehen. Es war zwar aus Blech, aber die Farbe hatte es ihr angetan. Anna sollte nur Ja oder Nein sagen.

Als Anna zum Mittagessen nach Hause kam, war dort alles wie gewohnt. Am Morgen hatte sie erwartet, es werde alles anders sein.

Weder Anna noch Max hatten Aufgaben auf, und es war zu kalt, um hinauszugehen. Sie setzten sich darum am Nachmittag auf den Heizkörper im Kinderzimmer und schauten aus dem Fenster. Der Wind rappelte an den Fensterläden und jagte die Wolken in großen Fetzen über den Himmel.

»Vielleicht schneit es wieder«, sagte Max.

»Max«, fragte Anna, »möchtest du gern in die Schweiz gehen?«

»Ich weiß nicht«, sagte Max. Er würde so vieles vermissen. Günther … die Bande, mit der er Fußball spielte … die Schule … Er sagte: »Ich vermute, wir würden in der Schweiz auch zur Schule gehen.«

»Oh ja«, sagte Anna. »Ich glaube, es würde Spaß machen.« Sie schämte sich beinahe es zuzugeben, aber je länger sie darüber nachdachte, desto lieber wollte sie hin. In einem unbekannten Land zu sein, wo alles anders war – in einem anderen Haus zu wohnen, in eine andere Schule mit anderen Kindern zu gehen … Sie wünschte sich, das alles kennenzulernen, und obgleich sie wusste, dass es herzlos war, lächelte sie.

»Es wäre ja auch nur für sechs Monate«, sagte sie entschuldigend, »und wir wären alle beisammen.«

Der folgende Tag verlief normal. Mama bekam einen Brief von Papa. Er war gut in einem Hotel in Prag untergebracht, und es ging ihm viel besser. Dies machte allen das Herz leichter.

Ein paar Leute fragten nach Papa, waren aber ganz zufrieden, als die Kinder sagten, er habe die Grippe. Die Grippe war so verbreitet, dass sich niemand wunderte. Das Wetter blieb kalt, und die Pfützen, die beim Tauwetter entstanden waren, froren wieder fest zu – aber es schneite immer noch nicht.

Am Samstagnachmittag endlich wurde der Himmel dunkel, und plötzlich begann es in dichten, wirbelnden weißen Flocken zu schneien. Anna und Max spielten mit den Kindern der Kentners, die ihnen gegenüber wohnten. Sie hielten inne, um den Schnee fallen zu sehen.

»Wenn es nur etwas früher angefangen hätte«, sagte Max, »ehe der Schnee hoch genug liegt zum Rodeln, ist es dunkel.« Als Anna und Max um fünf Uhr nach Hause gingen, hatte es eben aufgehört zu schneien. Peter und Marianne Kentner brachten sie zur Tür. Der Schnee bedeckte die Straße mit einer dichten, trockenen, knirschenden Decke, und der Mond schien darauf.

»Wir könnten doch beim Mondlicht rodeln«, sagte Peter. »Glaubst du, das würde man uns erlauben?«

»Wir haben es schon früher getan«, sagte Peter, der vierzehn war. »Geht und fragt eure Mutter.«

Mama sagte, sie könnten mitgehen, müssten aber zusammenbleiben und um sieben wieder zu Hause sein. Sie zogen ihre wärmsten Sachen an und machten sich auf den Weg.

Der Grunewald lag nur eine Viertelstunde weit entfernt, und dort bildete ein bewaldeter Abhang eine ideale Schlittenbahn hinunter auf einen zugefrorenen See. Sie hatten hier schon oft gerodelt, aber da war es immer hell gewesen, und man hatte die Rufe der anderen Kinder gehört. Jetzt war nur das Singen des Windes in den Bäumen zu vernehmen, das Knirschen des frischen Schnees unter ihren Füßen und das sanfte Schwirren der Schlitten, die sie hinter sich herzogen. Über ihnen war der Himmel dunkel, aber der Boden glänzte bläulich im Mondlicht, und die Schatten der Bäume lagen wie schwarze Bänder darauf.

Am oberen Rande des Abhangs blieben sie stehen und blickten nach unten. Niemand war vor ihnen hier gewesen. Der schimmernde Schneepfad erstreckte sich unberührt und vollkommen weiß bis ans Seeufer hinunter.

»Wer fährt zuerst?«, fragte Max.

Anna hatte gar nicht die Absicht gehabt, aber jetzt tanzte sie auf und ab und rief: »Oh bitte, bitte, lasst mich!«

Peter sagte: »Also gut – die Jüngste zuerst.«

Damit war sie gemeint, denn Marianne war zehn.

Sie setzte sich auf ihren Schlitten, zog das Steuerseil fest an, tat einen tiefen Atemzug und stieß ab. Der Schlitten setzte sich ziemlich langsam in Bewegung.

»Los«, schrien die Jungen hinter ihr her. »Stoß dich noch mal ab.«

Aber sie tat es nicht. Sie behielt die Füße auf den Kufen und ließ den Schlitten sich langsam beschleunigen. Der pulvrige Schnee stäubte um sie herum in die Höhe. Die Bäume glitten vorüber, zuerst langsam, dann immer schneller. Das Mondlicht tanzte um sie herum. Schließlich war es, als flöge sie durch eine silbrige Masse. Dann stieß der Schlitten gegen die Schwelle am Fuß des Abhangs, schoss darüber hinweg und landete auf dem Eis des Sees. Es war herrlich.

Die anderen kamen kreischend und schreiend hinter ihr her. Sie kamen mit dem Kopf voran, mit dem Bauch auf dem Schlitten liegend, sodass der Schnee ihnen direkt ins Gesicht stäubte. Dann fuhren sie, auf dem Rücken liegend, die Füße nach vorn ausgestreckt, und die schwarzen Wipfel der Tannen schienen nach hinten wegzufliegen. Dann drängten sich alle auf einem Schlitten zusammen und kamen dadurch so in Fahrt, dass der Schlitten beinahe bis in die Mitte des Sees schoss. Nach jeder Fahrt stapften sie mühsam keuchend den Abhang wieder hinauf und zogen die Schlitten hinter sich her. Trotz der Kälte schwitzten sie in ihren Wollsachen.

Dann fing es wieder an zu schneien. Zuerst bemerkten sie es kaum, aber dann erhob sich ein Wind, der ihnen die Flocken ins Gesicht blies. Plötzlich blieb Max mitten auf dem Abhang, den sie gerade wieder mit dem Schlitten hinaufstiegen, stehen und sagte: »Wie spät ist es? Sollten wir nicht zurückgehen?«

Niemand hatte eine Uhr, und sie merkten plötzlich, dass sie keine Ahnung hatten, wie lange sie schon hier waren. Vielleicht war es schon sehr spät, und die Eltern warteten zu Hause. »Kommt«, sagte Peter, »wir wollen uns sofort auf den Weg machen.« Er zog die Handschuhe aus und schlug sie gegeneinander, um den verkrusteten Schnee abzuschütteln. Seine Hände waren rot vor Kälte. Auch Annas Hände waren rot, und sie merkte erst jetzt, dass sie eiskalte Füße hatte.

Auf dem Rückweg war es kalt. Der Wind blies ihnen durch die feuchten Kleider, und da der Mond jetzt hinter Wolken verborgen war, lag der Pfad schwarz vor ihnen. Anna war froh, als sie aus den Bäumen traten und wieder auf der Straße waren. Bald kamen Straßenlaternen, Häuser mit erleuchteten Fenstern, Läden. Sie waren beinahe zu Hause.

Das erleuchtete Zifferblatt einer Kirchturmuhr zeigte ihnen die Zeit. Es war doch noch nicht ganz sieben. Sie seufzten erleichtert auf und gingen jetzt langsamer. Max und Peter fingen an, über Fußball zu sprechen. Marianne band zwei Schlitten aneinander, hüpfte wild auf der leeren Fahrbahn vor ihnen her und hinterließ im Schnee ein Netzwerk sich überschneidender Spuren. Anna humpelte hinterher, weil ihr die kalten Füße wehtaten.

Sie konnte sehen, wie die Jungen vor ihrem Haus stehen blieben; sie redeten immer noch und warteten auf sie, und sie hatte sie fast eingeholt, als sie ein Gartentor knarren hörte. Jemand bewegte sich auf dem Gehsteig neben ihr, und plötzlich wurde eine Gestalt sichtbar. Einen Augenblick war Anna sehr erschrocken, aber dann erkannte sie, dass es nur Fräulein Lambeck in einer kurzen Pelzjacke war. Sie trug einen Brief in der Hand.

»Kleine Anna«, rief Fräulein Lambeck. »Dass ich dir hier im Dunkeln begegne! Ich wollte nur zum Briefkasten gehen und hätte gar nicht erwartet, einen verwandten Geist zu treffen. Und wie geht es deinem lieben Papa?«

»Er hat die Grippe«, sagte Anna automatisch.

Fräulein Lambeck blieb stehen. »Er hat immer noch Grippe, kleine Anna? Du hast mir schon vor einer Woche gesagt, dass er Grippe hat.«

»Ja«, sagte Anna.

»Er liegt immer noch zu Bett? Hat immer noch Fieber?«

»Ja«, sagte Anna.

»Oh, der arme Mann!« Fräulein Lambeck legte ihre Hand auf Annas Schultern. »Wird auch wirklich alles für ihn getan? Kommt der Arzt zu ihm?«

»Ja«, sagte Anna.

»Und was sagt der Arzt?«

»Er sagt … ich weiß es nicht«, antwortete Anna.

Fräulein Lambeck beugte sich vertraulich vor und sah Anna ins Gesicht. »Sag mir, kleine Anna«, sagte sie, »wie hoch ist die Temperatur deines lieben Vaters?«

»Ich weiß es nicht«, schrie Anna, und die Worte klangen gar nicht so, wie sie es eigentlich beabsichtigt hatte. Es war eher eine Art von Quieken. »Verzeihen Sie, aber ich muss jetzt nach Hause!« – und sie rannte so schnell sie konnte auf Max und die geöffnete Haustür zu.

»Was ist los?«, fragte Heimpi in der Diele. »Hat dich jemand aus ’ner Kanone geschossen?«

Anna konnte Mama durch die halb offene Tür des Wohnzimmers sehen. »Mama«, rief sie, »ich hasse es, alle wegen Papa anzulügen. Es ist schrecklich. Warum müssen wir es denn tun? Ich wünschte, das wäre nicht nötig.«

Dann sah sie, dass Mama nicht allein war. Onkel Julius (der nicht wirklich ihr Onkel, sondern ein alter Freund von Papa war) saß in einem Sessel auf der anderen Seite des Zimmers. »Beruhige dich«, sagte Mama in scharfem Ton. »Wir alle hassen es, wegen Papa zu lügen, aber im Augenblick bleibt keine andere Wahl. Ich würde es nicht von dir verlangen, wenn es nicht notwendig wäre.«

»Fräulein Lambeck hat sie sich geschnappt«, sagte Max, der hinter Anna eingetreten war. »Du kennst doch Fräulein Lambeck? Sie ist grässlich. Man kann ihre Fragen nicht beantworten, auch wenn man die Wahrheit sagen darf.«

»Arme Anna«, sagte Onkel Julius mit seiner hellen Stimme. Er war ein sanfter, kleiner und zarter Mann, den sie alle sehr gernhatten. »Euer Vater bittet mich, euch zu sagen, wie sehr er euch beide vermisst, und er lässt euch tausendmal grüßen.«

»Du hast ihn also gesehen?«, fragte Anna.

»Onkel Julius kommt gerade von Prag zurück«, sagte Mama. »Papa geht es gut, und er will, dass wir ihn am Sonntag in Zürich in der Schweiz treffen.«

»Am Sonntag?«, sagte Max. »Aber das ist ja schon in einer Woche. Das ist der Tag der Wahlen. Ich dachte, wir würden abwarten, wer gewinnt?«

»Dein Vater hat beschlossen, dass wir nicht abwarten sollen.«

Onkel Julius lächelte Mama an. »Ich glaube, er nimmt das alles zu ernst.«

»Warum?«, fragte Max. »Was befürchtet er denn?«

Mama seufzte. »Seit Papa davon gehört hat, dass man ihm seinen Pass wegnehmen wollte, hat er Angst, man könnte uns auch unsere Pässe nehmen, und dann können wir nicht mehr aus Deutschland hinaus.«

»Aber warum sollten sie das tun?«, fragte Max. »Wenn die Nazis uns nicht mögen, dann sind sie doch bestimmt froh, uns loszuwerden.«

»Genau«, sagte Onkel Julius. Er lächelte wieder Mama zu. »Dein Mann ist ein wunderbarer Mensch mit einer wunderbaren Einbildungskraft, aber – offen gesagt – ich glaube, in dieser Sache hat er den Kopf verloren. Aber wie auch immer – ihr werdet in der Schweiz herrliche Ferien verbringen, und wenn ihr in ein paar Wochen zurückkommt, gehen wir alle zusammen in den Zoo.« Onkel Julius war Zoologe und ging ständig in den Zoo.

»Lasst mich wissen, wenn ich euch mit irgendetwas behilflich sein kann. Natürlich sehen wir uns noch.« Er küsste Mama die Hand und ging.

»Sollen wir wirklich am Sonntag fahren?«, fragte Anna.

»Am Samstag«, sagte Mama. »Es ist eine lange Reise in die Schweiz. Wir werden unterwegs in Stuttgart übernachten müssen.«

»Dann ist dies unsere letzte Woche in der Schule!«, sagte Max. Es schien unfassbar.

3

Danach ging alles sehr schnell, wie in einem Film, der auf Zeitraffer gestellt ist. Heimpi war den ganzen Tag mit Aussortieren und Packen beschäftigt. Mama war fast immer fort oder sie telefonierte. Sie musste sich um die Vermietung des Hauses kümmern; die Möbel sollten, wenn sie abgefahren waren, eingelagert werden. Jeden Tag, wenn die Kinder aus der Schule kamen, sah das Haus leerer aus.

Eines Tages halfen sie Mama gerade, Bücher zu packen, als Onkel Julius vorbeikam. Er betrachtete die leeren Regale und lächelte: »Die werdet ihr alle wieder einräumen!«

In dieser Nacht erwachten die Kinder vom Lärm der Feuerwehrwagen. Es war nicht nur einer oder zwei, sondern mindestens ein Dutzend, die mit lautem Schellengeklingel die Hauptstraße entlangkamen. Als sie aus dem Fenster schauten, war der Himmel über der Innenstadt von Berlin leuchtend orangerot.

Am nächsten Morgen redete jeder von dem Feuer, das den Reichstag zerstört hatte, das Gebäude, in dem das deutsche Parlament zusammentrat. Die Nazis sagten, das Feuer sei von Revolutionären gelegt worden und die Nazis seien die Einzigen, die solche Vorkommnisse verhindern könnten – daher müsse ihnen jeder bei den Wahlen seine Stimme geben. Aber Mama hörte, dass die Nazis selber das Feuer gelegt hätten.

Als Onkel Julius an diesem Nachmittag kam, sagte er zum ersten Mal nichts davon, dass Mama in ein paar Wochen wieder in Berlin sein werde.

Die letzten Tage, die Anna und Max in der Schule verbrachten, waren sehr seltsam. Da sie niemandem von ihrer Abreise erzählen durften, vergaßen sie es während der Schulstunden selbst immer wieder. Anna freute sich, als sie eine Rolle in einem Stück bekam, das in der Schule aufgeführt werden sollte, und es fiel ihr erst später ein, dass sie in Wirklichkeit nie darin auftreten würde. Max nahm die Einladung zu einer Geburtstagsgesellschaft an, an der er nie würde teilnehmen können. Dann kamen sie nach Hause in die immer leereren Zimmer mit den Holzkisten und Koffern, zum endlosen Aussortieren von Besitztümern. Am schwierigsten fiel es ihnen zu entscheiden, was von den Spielsachen mitgenommen werden sollte. Sie wollten natürlich die Spielesammlung mitnehmen, aber sie war zu groß. Am Ende blieb nur Platz für ein paar Bücher und eines von Annas Stofftieren. Sollte sie sich für das rosa Kaninchen entscheiden, das ihr Spielgefährte gewesen war, solange sie sich erinnern konnte, oder für ein neues wolliges Hündchen? Es war doch schade, den Hund zurückzulassen, da sie noch kaum Zeit gehabt hatte, mit ihm zu spielen, und Heimpi packte ihn ihr ein. Max nahm seinen Fußball mit. Mama sagte, wenn es sich herausstellen sollte, dass sie sehr lange in der Schweiz bleiben müssten, könnte man jederzeit Sachen nachschicken lassen.

Als am Freitag die Schule aus war, ging Anna zu ihrer Lehrerin und sagte ruhig: »Ich komme morgen nicht in die Schule. Wir fahren in die Schweiz.«

Fräulein Schmidt schien gar nicht so überrascht, wie Anna das erwartet hatte, sondern nickte nur und sagte: »Ja … ja … ich wünsche dir Glück.«

Auch Elsbeth schien nicht sehr interessiert. Sie sagte, sie wünschte, sie könnte auch in die Schweiz fahren, aber das wäre nicht sehr wahrscheinlich, weil ihr Vater bei der Post arbeitete. Am schwersten war es, sich von Günther zu trennen. Nachdem sie zum letzten Mal zusammen aus der Schule gekommen waren, brachte Max ihn mit zum Mittagessen, obgleich es nur Butterbrote gab, denn Heimpi hatte keine Zeit gehabt zu kochen. Nachher spielten sie ziemlich lustlos Verstecken zwischen den gepackten Kisten. Es machte keinen Spaß, denn Max und Günther waren so bedrückt, und Anna musste sich Mühe geben, um ihre Aufregung zu unterdrücken. Sie hatte Günther gern und es tat ihr leid, ihn zu verlassen. Aber sie konnte immer nur denken: Morgen um diese Zeit sitzen wir schon im Zug … am Sonntag um diese Zeit sind wir in der Schweiz … und am Montag um diese Zeit …?

Schließlich musste Günther nach Hause. Heimpi hatte während des Packens eine Menge Kleidungsstücke für seine Mutter aussortiert, und Max ging mit ihm, um ihm tragen zu helfen. Als er zurückkam, schien er fröhlicher. Er hatte solche Angst davor gehabt, von Günther Abschied nehmen zu müssen. Nun war wenigstens das vorüber.

Am nächsten Morgen waren Max und Anna fertig, lange bevor es Zeit war zu gehen. Heimpi sah nach, ob ihre Nägel sauber waren, ob beide ein Taschentuch hatten – Anna bekam zwei, denn sie war etwas erkältet – und ob ihre Socken ordentlich durch Gummibänder hochgehalten wurden.

»Gott weiß, wie ihr allein zurechtkommen wollt«, brummte sie.

»Aber in vierzehn Tagen sind wir doch wieder zusammen«, sagte Anna.

»In vierzehn Tagen kann sich ganz schön Dreck auf einem Hals festsetzen«, sagte Heimpi düster.

Dann gab es bis zur Ankunft des Taxis nichts mehr zu tun. »Wir wollen noch einmal durch das Haus gehen«, sagte Max. Sie fingen ganz oben an und gingen von dort nach unten. Alles sah ganz verändert aus. Alle kleineren Gegenstände waren verpackt worden; Teppiche waren aufgerollt, und überall standen Kisten, Zeitungspapier lag herum. Sie gingen von einem Raum in den andern und riefen: »Auf Wiedersehn, Papas Schlafzimmer … auf Wiedersehn, Flur … auf Wiedersehn, Treppe …«

»Werdet mir nicht zu aufgeregt«, sagte Mama, als sie an ihr vorbeikamen.

»Auf Wiedersehn, Diele … auf Wiedersehn, Wohnzimmer …« Sie kamen zum Ende, da rief Max: »Auf Wiedersehn, Klavier … auf Wiedersehn, Sofa«, und Anna fiel ein mit: »Auf Wiedersehn, Vorhänge … auf Wiedersehn, Esstisch … auf Wiedersehn, Durchreiche …!«

Gerade als sie rief: »Auf Wiedersehn, Durchreiche!«, öffneten sich die beiden kleinen Klappen, und Heimpi streckte von der Küchenseite her den Kopf hindurch. Plötzlich zog sich Annas Magen zusammen. Genau das hatte Heimpi manchmal getan, um Anna zu amüsieren, als sie noch klein war. Sie hatten ein Spiel gespielt, das »durch die Durchreiche gucken« hieß, und Anna hatte es geliebt. Wie konnte sie einfach so weggehen? Wider Willen füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie rief etwas ganz Unvernünftiges: »Oh Heimpi, ich will nicht von dir und der Durchreiche weggehen!«

»Ich kann ja wohl schlecht die Durchreiche in meinen Koffer packen«, sagte Heimpi und kam ins Esszimmer.

»Kommst du auch bestimmt in die Schweiz?«

»Ich wüsste nicht, was ich sonst tun sollte«, sagte Heimpi. »Deine Mama hat mir den Fahrschein gegeben, und ich habe ihn in meinem Portmonee.«

»Heimpi«, sagte Max, »wenn du plötzlich feststellst, dass du noch sehr viel Platz in deinem Koffer hast – nur für den Fall, versteht sich –, glaubst du, dass du dann die Spielesammlung mitbringen könntest?«

»Wenn … wenn … wenn …«, sagte Heimpi. »Wenn meine Großmutter Räder hätte, wäre sie ein Omnibus.« Das war das, was sie immer sagte.

Dann läutete die Türklingel. Das Taxi war da, und es blieb keine Zeit mehr. Anna umarmte Heimpi. Mama sagte: »Vergessen Sie nicht, dass am Montag die Männer wegen des Klaviers kommen«, und dann umarmte auch sie Heimpi. Max konnte seine Handschuhe nicht finden und hatte sie dann doch in der Tasche. Bertha weinte, und der Mann, der sich um den Garten kümmerte, war plötzlich da und wünschte ihnen gute Reise.

Gerade als das Taxi abfahren wollte, kam eine kleine Gestalt angerannt, die etwas in der Hand trug. Es war Günther. Er drückte Max durchs Fenster ein Paket in die Hand und sagte etwas von seiner Mama, das man nicht verstehen konnte, weil das Taxi gerade anfuhr. Max schrie laut: »Auf Wiedersehn«, und Günther winkte. Dann fuhr das Taxi langsam die Straße hinauf. Anna konnte noch das Haus sehen und Heimpi und Günther, die winkten … sie konnte immer noch ein Stückchen vom Haus sehen … am Ende der Straße fuhren sie an den Kentner’schen Kindern vorbei, die zur Schule gingen. Sie sprachen miteinander und blickten nicht auf. Sie konnte immer noch ein Eckchen vom Haus durch die Bäume hindurch sehen … dann fuhr das Taxi um die Ecke, und jetzt war das Haus endgültig verschwunden.

Es war seltsam, mit Mama und ohne Heimpi in einem Zug zu sitzen. Anna war ein wenig besorgt, dass ihr schlecht werden könnte. Als sie klein war, war ihr im Zug immer übel geworden, und selbst jetzt, da sich das ausgewachsen hatte, nahm Heimpi immer für alle Fälle eine Papiertüte mit. Hatte Mama eine Papiertüte?

Der Zug war sehr besetzt, und Anna und Max waren froh, dass sie Fensterplätze hatten.

Sie blickten beide in die graue Landschaft hinaus, die vorüberflog, bis es zu regnen begann. Dann beobachteten sie die Regentropfen, die gegen die Scheibe klatschten und langsam nach unten rannen, aber auch das wurde nach einiger Zeit langweilig. Was nun? Anna betrachtete Mama aus dem Augenwinkel. Heimpi hatte in solchen Fällen immer ein paar Äpfel oder Süßigkeiten bei sich. Mama hatte sich in ihrem Sitz zurückgelehnt. Sie hatte die Mundwinkel heruntergezogen und starrte auf die Glatze des Herrn, der ihr gegenübersaß. Auf dem Schoß hielt sie die große Handtasche, auf der ein Kamel abgebildet war und die sie von einer Reise mit Papa mitgebracht hatte. Sie hielt die Tasche sehr fest. Anna vermutete, weil die Fahrkarten und die Pässe darin waren. Sie hielt sie so fest, dass einer ihrer Finger sich tief in das Gesicht des Kamels hineinbohrte.

»Mama«, sagte Anna, »du zerquetschst das Kamel.«

»Was?«, fragte Mama. Dann merkte sie, was Anna meinte, und lockerte ihren Griff. Das Gesicht des Kamels wurde frei, und zu Annas Erleichterung sah es genauso dumm und hoffnungsvoll aus wie sonst.

»Langweilst du dich?«, fragte Mama. »Wir fahren durch ganz Deutschland hindurch. So eine lange Reise habt ihr noch nie gemacht. Hoffentlich hört der Regen bald auf, damit ihr draußen alles sehen könnt.«

Dann erzählte sie ihnen von den Obstgärten in Süddeutschland – Obstgärten über Kilometer hin. »Wenn wir nur diese Reise später im Jahr hätten machen können«, sagte sie, »dann hättet ihr sie blühen sehen.«

»Vielleicht sind wenigstens ein paar Blüten schon raus«, sagte Anna.

Aber Mama meinte, es sei noch zu früh, und der kahle Mann stimmte ihr zu. Dann sagten sie, wie schön es wäre, und Anna wünschte, sie könnte es sehen.

»Wenn die Blüten jetzt noch nicht heraus sind«, sagte sie, »können wir sie denn ein andermal sehen?«

Mama antwortete nicht sofort. Dann sagte sie: »Ich hoffe es.« Der Regen ließ nicht nach, und sie verbrachten eine lange Zeit mit Ratespielen, in denen, wie sich herausstellte, Mama sehr gut war. Obgleich sie vom Land nicht viel sehen konnten, bemerkten sie doch eine Veränderung in den Stimmen der Menschen, jedes Mal wenn der Zug hielt. Manche waren kaum zu verstehen, und Max kam auf die Idee, unnötige Fragen zu stellen, zum Beispiel: »Ist das Leipzig?« oder »Wie spät ist es?«, nur um die Antwort in dem fremden Akzent zu hören.

Sie aßen im Speisewagen zu Mittag.

Es war großartig, mit einer Speisekarte, von der man wählen konnte, und Anna aß Würstchen mit Kartoffelsalat, das war ihr Lieblingsgericht. Ihr war überhaupt nicht übel.

Später am Nachmittag ging sie mit Max durch den ganzen Zug, von einem Ende zum andern. Dann blieben sie im Gang stehen. Es regnete immer heftiger, und die Dämmerung kam sehr früh. Selbst wenn die Obstgärten in Blüte gestanden hätten, hätten sie es nicht sehen können. Annas Kopf schmerzte, und die Nase begann zu laufen, als wollte sie mit dem Regen draußen Schritt halten. Sie rückte sich auf ihrem Platz zurecht und wünschte, sie wären in Stuttgart.

»Warum siehst du dir Günthers Buch nicht an?«, sagte Mama. In Günthers Paket waren zwei Geschenke gewesen. Das eine, das Günther für Max bestimmt hatte, war ein Geschicklichkeitsspiel – eine kleine durchsichtige Dose, auf deren Boden sich das Bild eines Drachen mit offenem Rachen befand. Man musste drei winzige Bällchen in das offene Maul bugsieren. Das war in einem fahrenden Zug sehr schwierig.

Das andere war ein Buch für beide Kinder von Günthers Mutter. Es hieß: »Sie wurden berühmt«, und sie hatte hineingeschrieben: »Vielen Dank für all die schönen Sachen – etwas zum Lesen für die Reise.« Das Buch beschrieb die Jugend verschiedener Menschen, die berühmt geworden waren, und Anna, die sich für dieses Thema interessierte, hatte es zuerst eifrig durchgeblättert. Aber es war so langweilig geschrieben, der Ton war so belehrend, dass sie allmählich die Lust verlor. All den berühmten Leuten war es schlecht ergangen. Der eine hatte einen Vater, der trank. Ein anderer stotterte. Noch ein anderer musste Hunderte von schmutzigen Flaschen waschen. Sie hatten alle eine schwere Kindheit gehabt. Offenbar musste man eine schwere Kindheit haben, wenn man berühmt werden wollte.

Sie döste in ihrer Ecke und wischte sich die Nase mit ihren beiden durchnässten Taschentüchern und wünschte, dass sie bald nach Stuttgart kämen und dass sie eines Tages doch noch berühmt würde. Und während der Zug in der Dunkelheit durch Deutschland ratterte, ging es ihr immer wieder durch den Kopf: »Schwere Kindheit … schwere Kindheit … schwere Kindheit … schwere Kindheit …«

4

Plötzlich fühlte Anna, dass sie sanft geschüttelt wurde. Sie musste eingeschlafen sein. Mama sagte: »Also, in ein paar Minuten sind wir in Stuttgart.«

Anna zog verschlafen den Mantel an, und bald saßen sie und Max vor dem Eingang des Stuttgarter Bahnhofs auf den Koffern, während Mama nach einem Taxi suchte. Es regnete immer noch in Strömen, der Regen trommelte auf das Bahnhofsdach und fiel wie ein durchsichtiger Vorhang zwischen ihnen und dem dunklen Platz vor ihnen. Es war kalt.

Schließlich kam Mama zurück. »Was für eine Stadt!«, rief sie. »Hier ist ein Streik ausgebrochen, und es verkehren keine Taxis. Aber seht ihr das blaue Zeichen dort drüben?«

Auf der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes flimmerte es blau durch die Nacht. »Das ist ein Hotel«, sagte Mama. »Wir nehmen nur mit, was wir für die Nacht brauchen, und laufen durch den Regen, so schnell wir können.«

Das große Gepäck wurde aufgegeben, dann kämpften sie sich über den Bahnhofsplatz hinüber. Anna trug einen Koffer, der ihr dauernd gegen die Beine schlug, und der Regen fiel so dicht, dass sie kaum etwas sah. Einmal trat sie in eine tiefe Pfütze und machte sich die Füße ganz nass. Aber schließlich waren sie doch im Trockenen. Mama bestellte Zimmer, und dann aßen sie und Max etwas. Anna war zu müde. Sie ging sofort zu Bett und schlief gleich ein.

Als sie am Morgen aufstanden, war es noch dunkel.

»Bald werden wir Papa sehen«, sagte Anna, als sie im spärlich beleuchteten Speisesaal frühstückten. Es war noch niemand auf, und der Kellner mit den verschlafenen Augen schien ihnen die altbackenen Brötchen und den Kaffee, den er vor sie hinknallte, zu missgönnen. Mama wartete, bis er wieder in die Küche gegangen war. Dann sagte sie: »Bevor wir nach Zürich kommen und Papa treffen, müssen wir die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz überqueren.«

»Müssen wir aus dem Zug aussteigen?«, fragte Max.

»Nein«, sagte Mama. »Wir bleiben in unserem Abteil, und dann kommt ein Mann und sieht sich unsere Pässe an. Genau wie ein Fahrkartenkontrolleur. Aber« – und sie blickte jedem der Kinder in die Augen – »das ist sehr wichtig: Wenn der Mann kommt, um unsere Pässe anzusehen, dann will ich, dass keiner von euch ein Wort sagt. Versteht ihr? Nicht ein Wort.«

»Warum nicht?«, fragte Anna.

»Weil der Mann sonst sagen könnte: Was für ein schrecklich schwatzhaftes Mädchen, ich nehme ihr lieber den Pass ab«, sagte Max, der immer schlecht gelaunt war, wenn er nicht genug geschlafen hatte.

»Mama«, rief Anna flehend, »das würde er doch nicht tun – ich meine, unsere Pässe wegnehmen?«

»Nein … nein, vermutlich nicht«, sagte Mama. »Aber für alle Fälle – Papas Name ist recht bekannt – und wir wollen in keiner Weise die Aufmerksamkeit auf uns lenken. Wenn der Mann also kommt – kein Wort. Denkt daran – nicht ein einziges, winziges Wort!«

Anna versprach, daran zu denken.

Es hatte endlich aufgehört zu regnen, und es war ganz leicht, den Platz vor dem Bahnhof zu überqueren. Der Himmel fing gerade an, hell zu werden, und nun konnte Anna überall die Wahlplakate sehen. Ein paar Leute standen vor einem Haus, das als Wahllokal gekennzeichnet war, und warteten darauf, dass es geöffnet wurde. Anna fragte sich, für wen sie wohl stimmen würden.

Der Zug war beinahe leer, und sie hatten ein Abteil für sich, bis an der nächsten Station eine Frau mit einem Korb einstieg. Anna konnte in dem Korb etwas rumoren hören – es musste etwas Lebendiges darin sein. Anna blickte Max an, um herauszufinden, ob es ihm auch aufgefallen sei, aber er hatte immer noch schlechte Laune und schaute mit gerunzelter Stirn zum Fenster hinaus. Auch Anna wurde verdrießlich, und es fiel ihr ein, dass ihr der Kopf wehtat und ihre Stiefel immer noch vom gestrigen Regen feucht waren.

»Wann kommen wir zur Grenze?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht«, sagte Mama. »Es dauert noch eine Weile.«

Anna bemerkte, dass ihre Finger sich wieder in das Gesicht des Kamels eindrückten.

»Vielleicht in einer Stunde? Was meinst du?«, fragte Anna.

»Immer musst du Fragen stellen«, sagte Max, obwohl es ihn gar nichts anging. »Warum kannst du nicht den Mund halten?«

»Warum kannst du’s nicht?«, sagte Anna. Sie war tief beleidigt und suchte nach etwas, womit sie ihn verletzen könnte. Schließlich platzte sie heraus: »Ich wünschte, ich hätte eine Schwester!«

»Ich wünschte, ich hätte keine«, sagte Max.

»Mama!«, wimmerte Anna.

»Oh, um Himmels willen, hört auf!«, rief Mama. »Haben wir nicht schon Sorgen genug?« Sie umklammerte die Tasche mit dem Kamel und schaute immer wieder hinein, um zu sehen, ob die Pässe noch da waren.

Anna zappelte missmutig auf ihrem Sitz herum. Alle Leute waren grässlich. Die Frau mit dem Korb hatte ein großes Stück Brot mit Schinken herausgezogen und aß es.

Lange Zeit sagte keiner ein Wort. Dann begann der Zug langsamer zu fahren.

»Entschuldigen Sie«, fragte Mama, »kommen wir jetzt an die Schweizer Grenze?«

Die Frau mit dem Korb schüttelte kauend den Kopf.

»Da siehst du es«, sagte Anna zu Max, »Mama stellt auch Fragen.«

Max machte sich nicht einmal die Mühe, ihr zu antworten, sondern verdrehte nur die Augen. Anna hätte ihm gern einen Tritt versetzt, aber das hätte Mama bemerkt.

Der Zug hielt und fuhr wieder an, hielt und fuhr wieder an. Jedes Mal fragte Mama, ob dies die Grenze sei, und jedes Mal schüttelte die Frau mit dem Korb den Kopf. Schließlich, als der Zug wieder einmal langsam fuhr und einige Gebäude in Sicht waren, sagte die Frau mit dem Korb: »Ich glaube, jetzt kommen wir gleich hin.«

Sie warteten schweigend, während der Zug in der Station hielt. Anna konnte Stimmen hören und wie die Türen anderer Abteile geöffnet und geschlossen wurden. Dann kamen Schritte den Gang entlang, die Tür ihres eigenen Abteils wurde aufgestoßen, und der Passkontrolleur kam herein. Er trug eine Uniform, die der eines Schaffners glich, und hatte einen großen braunen Schnurrbart.

Er blickte in den Pass der Frau mit dem Korb, nickte, stempelte ihn mit einem kleinen Gummistempel und gab ihn ihr zurück. Dann wandte er sich an Mama. Mama reichte ihm die Pässe und lächelte. Aber die Hand, die jetzt die Tasche hielt, krallte sich wie in einem Krampf in den Kopf des Kamels.

Der Mann prüfte die Pässe. Er schaute Mama an und verglich ihr Gesicht mit dem auf dem Passfoto, dann musterte er Max und Anna. Er zückte schon seinen Gummistempel. Plötzlich schien ihm etwas einzufallen, und er sah sich die Pässe noch einmal an. Endlich stempelte er sie und gab sie Mama zurück. »Gute Reise«, sagte er, während er die Tür aufschob.

Nichts war geschehen. Max hatte sie ganz umsonst erschreckt. »Da siehst du …«, rief Anna, aber Mama warf ihr einen Blick zu, der sie sofort verstummen ließ.

Der Passkontrolleur schloss die Tür hinter sich. »Wir sind immer noch in Deutschland«, sagte Mama.

Anna fühlte, wie sie krebsrot wurde. Mama steckte die Pässe in die Tasche zurück. Es herrschte Schweigen. Anna hörte wieder das Kratzen im Korb, die Frau kaute an einem zweiten Schinkenbrot, Türen öffneten und schlossen sich weiter hinten im Zug. Es schien ewig zu dauern.

Dann fuhr der Zug wieder an. Er rollte ein paar Hundert Meter weiter und hielt wieder. Wieder wurden Türen geöffnet und geschlossen. Diesmal ging es schneller. Stimmen sagten: »Zoll … haben Sie etwas zu deklarieren …?« Ein anderer Mann kam ins Abteil. Mama und die Frau sagten beide, sie hätten nichts zu verzollen, und er machte ein Zeichen mit Kreide auf alle Gepäckstücke, auch auf den Korb der Frau. Noch einmal warteten sie, dann ertönte ein Pfiff, und schließlich fuhren sie wieder. Diesmal erhöhte sich die Geschwindigkeit des Zuges, und schließlich ratterte er gleichmäßig durch die Landschaft.

Nach langer Zeit fragte Anna: »Sind wir jetzt in der Schweiz?«

»Ich glaube ja. Ich bin nicht sicher«, sagte Mama.

Die Frau mit dem Korb hörte auf zu kauen. »Oh ja«, sagte sie gemütlich, »das ist die Schweiz. Wir sind jetzt in der Schweiz – das ist mein Land.«

Es war herrlich.

»Schweiz«, sagte Anna. »Wir sind wirklich in der Schweiz.«

»Es wurde auch Zeit«, sagte Max und grinste.

Mama stellte die Tasche mit dem Kamel neben sich auf den Sitz und lächelte.

»Also«, sagte sie, »jetzt werden wir bald bei Papa sein.«

Anna kam sich plötzlich ganz komisch und wie beschwipst vor. Sie wollte unbedingt irgendetwas Besonderes und Aufregendes sagen oder tun, es fiel ihr aber nichts ein – so wandte sie sich schließlich an die Schweizerin und fragte: »Entschuldigen Sie, aber was haben Sie da in Ihrem Korb?«

»Das ist mein Büssi«, sagte die Frau mit der weichen Stimme. Anna fand das Wort schrecklich komisch. Sie verbiss sich das Lachen, schaute zu Max hinüber und sah, dass er sich beinahe vor unterdrücktem Lachen wälzte.

»Was … was ist ein Büssi?«, fragte Anna, aber die Frau hatte schon den Deckel des Korbes auf einer Seite hochgeschlagen, und bevor sie antworten konnte, ertönte ein helles »Iiii…« und der Kopf eines struppigen schwarzen Katers streckte sich aus der Öffnung.

Anna und Max konnten sich nicht mehr halten. Sie schüttelten sich vor Lachen.

»Er hat dir geantwortet«, japste Max. »Du hast gesagt: ›Was ist ein Büssi?‹ und er hat gesagt: …«

»Iiich!«, kreischte Anna.

»Kinder, Kinder!«, sagte Mama, aber es war zwecklos, sie konnten nicht aufhören zu lachen. Sie lachten über alles, was sie sahen, die ganze Fahrt bis nach Zürich. Mama entschuldigte sich bei der Frau, aber die sagte, es störe sie nicht, sie habe nichts gegen gute Laune. Jedes Mal wenn das Gelächter aufhörte, brauchte Max nur zu sagen: »Was ist ein Büssi?«, und Anna rief: »Iiich!«, und wieder platzten sie los. Sie lachten immer noch, als sie in Zürich auf dem Bahnsteig standen und nach Papa Ausschau hielten.

Anna sah ihn zuerst. Er stand neben einem Kiosk. Sein Gesicht war blass, und er betrachtete ängstlich und angespannt die Leute, die mit dem Zug angekommen waren.

»Papa«, schrie sie, »Papa!«

Er drehte sich um und sah sie. Und dann fing Papa, der immer so würdig wirkte und nie etwas in Hast tat, plötzlich an zu laufen. Er legte die Arme um Mama und drückte sie an sich. Dann umarmte er Anna und Max. Er drückte sie alle an sich und wollte sie nicht loslassen.

»Ich konnte euch nicht entdecken«, sagte Papa. »Ich hatte Angst …«

»Ich weiß«, sagte Mama.

5

Papa hatte im besten Hotel von Zürich Zimmer für sie reserviert. Im Hotel gab es eine Drehtür, dicke Teppiche und überall viel Gold. Da es erst zehn Uhr morgens war, frühstückten sie noch einmal, während sie über alles redeten, was geschehen war, nachdem Papa Berlin verlassen hatte.

Zuerst schien es so, als hätten sie ihm unendlich viel zu erzählen, aber bald fanden sie, dass es schön war, einfach zusammen zu sein, ohne überhaupt etwas zu sagen. Während Anna und Max sich durch zwei verschiedene Arten von Brötchen und vier verschiedene Sorten von Marmelade hindurchaßen, saßen Papa und Mama einfach da und lächelten einander an. Immer wieder fiel ihnen irgendetwas ein. Papa fragte: »Hast du die Bücher mitbringen können?« Oder Mama sagte: »Die Zeitung hat angerufen, sie wollen, wenn möglich, noch in dieser Woche einen Artikel von dir haben.« Aber dann verfielen sie wieder in ihr zufriedenes Lächeln.

Schließlich hatte Max den letzten Tropfen seiner heißen Schokolade ausgetrunken, sich die letzten Brötchenkrümel von den Lippen gewischt und fragte: »Was sollen wir jetzt machen?« Irgendwie hatte niemand daran gedacht.

Nach einer Weile sagte Papa: »Kommt, wir wollen uns Zürich ansehen.« Sie stiegen zuallererst auf einen Berg. Der Hang war so steil, dass man mit einer Zahnradbahn hinauffahren musste. Das war eine Art von Aufzug auf Rädern, der in einem beängstigenden Winkel nach oben stieg. Anna war noch nie in einer solchen Bahn gewesen. Sie spürte eine Art Erregung, ab und zu warf sie auch ängstliche Blicke auf das Kabel, um zu schauen, ob es Zeichen von Verschleiß zeige.

Vom Gipfel des Hügels konnte man sehen, dass Zürich sich an einem Ende eines riesigen blauen Sees zusammendrängte. Der See war so groß, dass die Stadt im Vergleich dazu klein aussah, und das entfernte Ufer verlor sich zwischen hohen Bergen. Dampfer, die aus dieser Höhe wie Spielzeug aussahen, zogen am Rand des Sees entlang und legten bei jedem der Dörfer an, die am Ufer verstreut waren. Die Sonne schien, und alles sah recht einladend aus.

»Kann jeder mit diesen Dampfern fahren?«, fragte Max. Gerade das hatte auch Anna fragen wollen.

»Möchtet ihr gern fahren?«, fragte Papa. »Dann sollt ihr es auch – heute Nachmittag.«

Das Mittagessen in einem Restaurant mit verglaster Terrasse am Seeufer war prächtig, aber Anna konnte nicht viel essen. Sie hatte ein schwindliges Gefühl im Kopf. Und obwohl ihre Nase nicht mehr lief, spürte sie jetzt ein Kratzen im Hals.

»Ist dir etwas?«, fragte Mama ängstlich.

»Nein, alles in Ordnung«, sagte Anna, die an den Schiffsausflug am Nachmittag dachte. Es kam gewiss nur davon, dass sie am Morgen so zeitig hatte aufstehen müssen, sagte sie sich. Neben dem Restaurant gab es einen kleinen Laden, in dem Ansichtskarten verkauft wurden. Sie kaufte eine und schickte sie an Heimpi, während Max eine an Günther adressierte.

»Ich möchte wissen, wie es mit den Wahlen geht«, sagte Mama. »Glaubst du wirklich, dass die Deutschen in der Mehrzahl für Hitler stimmen werden?«

»Ich fürchte ja«, sagte Papa.

»Vielleicht auch nicht«, sagte Max. »Viele der Jungen in meiner Klasse waren gegen ihn. Vielleicht stellt sich morgen heraus, dass fast niemand Hitler gewählt hat, und dann können wir wieder nach Hause fahren, wie Onkel Julius vorausgesagt hat.«

»Möglich«, sagte Papa, aber es war ihm anzusehen, dass er nicht davon überzeugt war.

Die Dampferfahrt am Nachmittag gefiel allen sehr. Anna und Max blieben trotz des kalten Windes auf dem offenen Deck und beobachteten den Verkehr auf dem See. Außer den Dampfern gab es private Motorboote und sogar ein paar Ruderboote. Ihr Dampfer pufferte am Seeufer entlang, von einem Dorf zum andern. Diese Dörfer sahen alle reizend aus mit ihren sauberen Häusern, die sich zwischen Wälder und Berge duckten. Immer wenn der Dampfer in die Nähe eines Landungssteges kam, tutete er laut, damit jeder im Dorf wusste, dass er kam, und jedes Mal stiegen eine ganze Menge Leute aus und ein. Nach etwa einer Stunde kreuzte der Dampfer plötzlich quer über den See zu einem Dorf am anderen Ufer und fuhr dann nach Zürich zurück.

Während sie durch den Lärm von Autos und Bussen zum Hotel zurückgingen, fühlte Anna sich sehr müde, und ihr war wieder schwindlig. Sie war froh, zurück im Hotelzimmer zu sein, das sie mit Max teilte. Sie hatte immer noch keinen Hunger, und Mama fand, sie sähe so müde aus, dass sie sie sofort ins Bett steckte. Sobald Anna den Kopf aufs Kissen legte, hatte sie das Gefühl, dass ihr Bett in die Dunkelheit davonsegle. Es machte dabei ein tuckerndes Geräusch, das von einem Boot herkommen konnte, von einem Zug oder aus ihrem eigenen Kopf.

Als Anna am Morgen die Augen aufschlug, kam es ihr so vor, als ob es viel zu hell im Zimmer sei. Sie schloss die Augen wieder und blieb ganz still liegen. Vom andern Ende des Zimmers hörte sie Gemurmel und ein Rascheln, das sie sich nicht erklären konnte. Es musste schon sehr spät sein, und sicher waren alle schon auf. Sie machte vorsichtig die Augen wieder auf, und diesmal hob und senkte sich die Helligkeit und ordnete sich schließlich zu dem Raum, den sie kannte. Max saß immer noch im Schlafanzug in dem andern Bett, und Papa und Mama standen neben ihr. Papa hielt eine Zeitung in der Hand, und von ihr war das raschelnde Geräusch gekommen. Sie sprachen leise miteinander, denn sie dachten, Anna schliefe noch. Dann schwankte der Raum wieder, und es war Anna, als triebe sie davon, während die Stimmen weiterklangen.

Jemand sagte: »… Sie haben also die Mehrheit …« Dann verstummte die Stimme und eine andere (oder war es dieselbe Stimme?) sagte: »… Genug Stimmen, um zu tun, was er will …« Schließlich hörte sie unverkennbar Max in ganz unglücklichem Ton erklären: »Wir gehen also nicht nach Deutschland zurück … wir gehen also nicht nach Deutschland zurück … wir gehen also nicht nach Deutschland zurück …« Hatte er es wirklich dreimal gesagt? Anna öffnete mit großer Anstrengung die Augen und rief »Mama!« Sofort löste sich eine Gestalt von der Gruppe und kam auf sie zu, und plötzlich war Mamas Gesicht ganz nah über ihrem. Anna sagte noch einmal »Mama!«, und dann weinte sie plötzlich, weil ihr der Hals so wehtat.

Dann nahm sie alles nur noch undeutlich wahr. Mama und Papa standen neben ihrem Bett und betrachteten ein Thermometer. Papa hatte einen Mantel an. Er musste eigens ausgegangen sein, um ein Thermometer zu kaufen. Irgendjemand sagte: »Fast vierzig Grad«, aber es konnte nicht ihre Temperatur sein, von der sie redeten, denn sie erinnerte sich nicht, dass man sie bei ihr gemessen hatte.

Als sie das nächste Mal die Augen aufmachte, stand da ein Mann mit einem Bärtchen und sah sie an. Er sagte: »Nun, mein Fräulein«, und lächelte, und während er lächelte, hoben sich seine Füße vom Boden, und er flog oben auf den Schrank, wo er sich in einen Vogel verwandelte, der »Influenza« krächzte, bis Mama ihn aus dem Fenster hinausscheuchte.

Dann war es plötzlich Nacht, und sie bat Max, ihr etwas Wasser zu holen, aber Max war nicht da. In dem anderen Bett lag Mama. Anna fragte: »Warum schläfst du in Maxens Bett?« Mama sagte: »Weil du krank bist«, und Anna war sehr froh, denn wenn sie krank war, so bedeutete das, dass Heimpi kommen würde, um sie zu pflegen. Sie bat: »Sag Heimpi …«, aber dann war sie zu müde, um sich daran zu erinnern, was sie noch hatte sagen wollen, und als sie dann wieder die Augen aufmachte, war der Mann mit dem Bärtchen wieder da, und sie mochte ihn nicht, weil er Mama aufregte, indem er immer wieder murmelte: »Komplikationen.« Er hatte irgendetwas mit Annas Hals gemacht, denn der war geschwollen und tat weh, und jetzt befühlte er ihn mit der Hand. Sie sagte scharf: »Lassen Sie das!« Aber er kümmerte sich nicht darum und versuchte, ihr etwas Grässliches einzuflößen. Sie wollte ihn wegstoßen, aber dann sah sie, dass es gar nicht der Mann mit dem Bart war, sondern Mama, und ihre blauen Augen blickten so wild und entschlossen, dass es sinnlos schien, sich zu wehren. Danach wurde alles ein wenig klarer. Sie fing an zu verstehen, dass sie eine Zeit lang krank gewesen war und immer noch hohes Fieber hatte, und dass sie sich so schlecht fühlte, weil alle Drüsen in ihrem Hals geschwollen und empfindlich waren.

»Wir müssen das Fieber herunterbekommen«, sagte der Doktor mit dem Bart.

Die Mama sagte: »Ich werde dir einen Umschlag um den Hals machen, dann wird es besser.«

Anna sah Dampf aus einem Becken aufsteigen. »Es ist zu heiß!«, schrie sie. »Ich will es nicht.«

»Ich werde ihn nicht zu heiß auflegen«, sagte Mama.

»Ich will nicht!«, kreischte Anna. »Und überhaupt, wo ist Heimpi? Heimpi würde keinen heißen Dampf auf meinen Hals tun.«

»Unsinn!«, sagte Mama, und plötzlich drückte sie eine dampfende Wattekompresse auf ihren eigenen Hals. »Da«, sagte sie, »wenn es für mich nicht zu heiß ist, wirst du es wohl auch aushalten können«, – und sie presste die Kompresse fest auf Annas Hals und wickelte einen Verband darum.

Es war schrecklich heiß, aber nicht unerträglich.

»Siehst du, es ist nicht so schlimm«, sagte Mama.

Anna war viel zu wütend, um zu antworten. Das Zimmer begann sich wieder zu drehen, aber während sie in Schlaf fiel, hörte sie noch Mamas Stimme: »Ich werde das Fieber herunterkriegen, und wenn ich dabei umkomme!«

Sie musste gedöst oder geträumt haben, denn plötzlich war ihr Hals wieder kühl, und Mama nahm den Wickel ab.

»Und wie geht es dir jetzt, fettes Schweinchen?«, sagte Mama.

»Fettes Schweinchen?«, fragte Anna schwach.

Mama tupfte ganz leise auf eine von Annas geschwollenen Drüsen.

»Hier sitzt das fette Schweinchen«, sagte sie, »und das ist das schlimmste von allen. Das andere ist nicht ganz so schlimm. Es heißt mageres Schweinchen. Und dies hier nennen wir rosa Schweinchen und dies kleines Schweinchen, und das … wie sollen wir das nennen?«

»Fräulein Lambeck«, sagte Anna und fing an zu lachen. Sie war so schwach, dass das Lachen eher wie ein Gackern klang, aber Mama schien es trotzdem zu freuen.

Mama machte weiter die heißen Umschläge, und es ließ sich aushalten, weil sie dabei immer Späße über das fette Schweinchen und das magere Schweinchen und Fräulein Lambeck machte; aber obwohl der Hals sich besserte, hatte Anna immer noch ziemlich hohes Fieber. Sie wachte morgens auf und schien gesund, aber gegen Mittag wurde es ihr schwindlig, und am Abend verschwamm alles vor ihren Augen, und es war ihr ganz wirr. Sie hatte die seltsamsten Vorstellungen. Sie hatte Angst vor der Tapete und konnte es nicht ertragen, allein zu sein. Einmal, als Mama nach unten gegangen war, um zu Abend zu essen, kam es ihr so vor, als würde das Zimmer immer kleiner, und sie fing an zu schreien, denn sie glaubte, sie werde dabei zerdrückt. Danach aß Mama von einem Tablett in Annas Zimmer. Der Arzt sagte: »So kann es nicht mehr lange weitergehen.«

Eines Nachmittags lag Anna da und starrte auf die Vorhänge. Mama hatte sie gerade zugezogen, denn es wurde dunkel, und Anna versuchte zu erkennen, was für Figuren die Falten bildeten. Am Abend zuvor hatten sie wie ein Vogel Strauß ausgesehen. Als Annas Fieber stieg, hatte sie den Strauß immer deutlicher erkennen können, und schließlich hatte sie ihn sogar im Zimmer herumspazieren lassen. Diesmal würde es vielleicht ein Elefant sein. Plötzlich merkte sie, dass in der anderen Ecke geflüstert wurde. Sie wandte den Kopf. Es kostete sie Mühe. Papa saß neben Mama, und beide betrachteten einen Brief. Sie verstand nicht, was Mama sagte, konnte aber am Klang ihrer Stimme erkennen, dass sie erregt und bestürzt war. Dann faltete Papa den Brief zusammen und legte seine Hand auf Mamas Hand. Anna glaubte, er werde jetzt bald gehen, aber er blieb sitzen und hielt Mamas Hand. Anna betrachtete die beiden eine Weile, bis sie zu müde wurde und ihr die Augen zufielen. Das Flüstern war noch leiser geworden. Irgendwie klang es sehr beruhigend, und Anna schlief bald darüber ein.

Als sie erwachte, kam es ihr so vor, als ob sie sehr lange geschlafen habe. Noch etwas anderes war ungewohnt, aber sie konnte sich nicht darüber klar werden, was es war. Das Zimmer war dämmrig. Nur am Tisch, wo Mama gewöhnlich saß, brannte Licht, und Anna glaubte, ihre Mutter hätte vergessen, es auszuknipsen, als sie zu Bett ging. Aber Mama war nicht zu Bett gegangen. Sie saß immer noch neben Papa, genauso wie sie dagesessen hatte, bevor Anna einschlief. Papa hatte immer noch seine Hand auf Mamas Hand liegen, und in der anderen Hand hielt er den zusammengefalteten Briefbogen.

»Hallo, Mama, hallo, Papa«, rief Anna. »Mir ist so komisch.« Mama und Papa kamen sofort an ihr Bett, und Mama legte ihr die Hand auf die Stirn. Dann steckte sie Anna das Thermometer in den Mund. Als sie es herausnahm, schien sie das, was sie sah, nicht glauben zu können. »Kein Fieber mehr!«, sagte sie. »Zum ersten Mal seit vier Wochen kein Fieber mehr!«

»Das ist wichtiger als alles andere«, sagte Papa und knüllte den Brief zusammen.

Von da an ging es Anna rasch besser. Das fette Schweinchen, das magere Schweinchen, Fräulein Lambeck und alle anderen schrumpften allmählich, und ihr Hals tat nicht mehr weh. Anna fing wieder an zu essen und zu lesen. Max kam und spielte Karten mit ihr, wenn er nicht gerade mit Papa weggegangen war, und bald durfte sie ein Weilchen aufstehen und in einem Sessel sitzen. Mama musste ihr bei den paar Schritten durchs Zimmer helfen, aber sie war sehr glücklich, in der warmen Sonne am Fenster sitzen zu können.

Draußen war der Himmel blau, und Anna sah, dass die Leute auf der Straße keine Mäntel trugen.

Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig verkaufte eine Frau an einem Stand Tulpen, und der Kastanienbaum an der Ecke stand schon in vollem Laub. Es war Frühling. Sie war überrascht, wie sich alles während ihrer Krankheit verändert hatte. Die Leute auf der Straße schienen das Frühlingswetter zu genießen, und ein paar kauften Blumen an dem Stand. Die Frau, die die Tulpen verkaufte, war rund und dunkelhaarig und sah ein bisschen Heimpi ähnlich.

Plötzlich fiel Anna etwas ein. Heimpi hatte zwei Wochen nach ihrer Abreise aus Deutschland zu ihnen kommen sollen. Jetzt war schon mehr als ein Monat vergangen. Warum war sie nicht hier? Anna nahm sich vor, Mama zu fragen, aber Max kam als Erster herein, also erkundigte sie sich bei ihm.

Ihr Bruder machte ein erschrockenes Gesicht. »Willst du wieder ins Bett zurück?«, fragte er.

»Nein«, sagte Anna entschieden.

»Also«, sagte Max, »ich weiß nicht, ob ich es dir sagen darf, aber während du krank warst, ist allerhand geschehen.«

»Was?«, fragte Anna.

»Du weißt, dass Hitler die Wahl gewonnen hat«, sagte Max. »Nun, er hat sehr bald darauf die Regierung übernommen, und es ist genauso gekommen, wie Papa erwartet hat – niemand darf ein Wort gegen Hitler sagen. Wer sich nicht daran hält, wird ins Gefängnis geworfen.«

»Hat Heimpi etwas gegen Hitler gesagt?«, fragte Anna.

Sie sah Heimpi schon im Gefängnis.

»Nein, natürlich nicht«, sagte Max. »Aber Papa. Er tut es immer noch. Und natürlich darf niemand in Deutschland das, was er schreibt, drucken. Also verdient Papa kein Geld, und wir können es uns nicht mehr leisten, Heimpi ihren Lohn zu zahlen.«

»Ich verstehe«, sagte Anna. Und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Wir sind also arm?«

»Ich glaube, ein bisschen«, sagte Max. »Nun will Papa versuchen, stattdessen in Schweizer Zeitungen zu schreiben – dann könnte es besser werden.« Er stand auf und wollte gehen. Anna sagte schnell: »Ich denke, Heimpi macht sich gar nichts aus Geld. Wenn wir ein kleines Haus hätten, würde sie bestimmt gern kommen und für uns sorgen, selbst wenn wir ihr nicht viel bezahlen könnten.«

»Ich denke auch, aber da ist noch etwas anderes«, sagte Max. Er zögerte, fügte dann aber hinzu: »Es hätte keinen Zweck, ein Haus zu mieten, denn wir haben keine Möbel.«

»Aber …«, sagte Anna.

»Die Nazis haben alles geklaut«, erklärte ihr Max. »Man nennt das ›Konfiszierung des Eigentums‹. Papa hat vorige Woche einen Brief bekommen.« Er musste lachen. »Es war beinahe wie in einem dieser unmöglichen Theaterstücke, wo dauernd Leute mit schlechten Nachrichten auf die Bühne gestürzt kommen. Und dazu warst du noch drauf und dran, ins Gras zu beißen …«

»Ich wollte gar nicht ins Gras beißen!«, sagte Anna empört.

»Nein, natürlich nicht«, sagte Max, »aber dieser Schweizer Doktor hat eine düstere Fantasie. Willst du jetzt wieder ins Bett?«

»Ich glaube, ja«, sagte Anna. Sie fühlte sich ziemlich schwach, und Max half ihr quer durchs Zimmer. Als sie wieder sicher im Bett lag, sagte sie: »Max, diese … diese ›Konfiszierung des Eigentums‹ oder wie man es nennt – haben die Nazis alles mitgenommen? Auch unsere Sachen?«

Max nickte.

Anna versuchte, es sich vorzustellen. Das Klavier war weg … die Vorhänge im Esszimmer mit dem Blumenmuster … ihr Bett … alle Spielsachen, auch das rosa Kaninchen. Es hatte schwarze, aufgestickte Augen – die Glasaugen waren schon vor Jahren ausgefallen –, und es sackte so reizend zusammen, wenn man es auf die Pfoten stellte. Das Fell war, obgleich nur noch verwaschen rosa, so weich und vertraut gewesen. Warum hatte sie nur statt ihres lieben rosa Kaninchens diesen blöden Wollhund mitgenommen? Das war ein arger Fehler gewesen, und sie würde ihn nie wiedergutmachen können.

»Ich wusste immer, dass wir die Spielesammlung hätten mitnehmen sollen«, sagte Max. »Hitler spielt wahrscheinlich im Augenblick Dame damit!«

»Und hat mein rosa Kaninchen lieb!«, sagte Anna und lachte.

Aber gleichzeitig liefen ihr Tränen über die Wangen.

»Na, wir haben Glück, dass wir überhaupt hier sind«, sagte Max.

»Wie meinst du das?«, fragte Anna.

Max vermied es, sie anzusehen, und schaute zum Fenster hinaus. »Papa hat es von Heimpi erfahren«, sagte er mit gespieltem Gleichmut, »am Morgen nach den Wahlen kamen die Nazis in unser Haus. Sie wollten uns die Pässe abnehmen.«

6

Sobald Anna kräftig genug war, zogen sie aus dem teuren Hotel aus. Papa und Max hatten ein Gasthaus in einem der Dörfer am See gefunden. Es hieß Gasthof Zwirn nach dem Eigentümer Herrn Zwirn und lag ganz nahe an der Landebrücke; es gab einen gepflasterten Hof und einen Garten, der sich zum See hinunter erstreckte. Die Leute kamen meistens zum Essen und Trinken hierher, aber Herr Zwirn hatte auch ein paar Zimmer zu vermieten, und diese waren recht billig. Mama und Papa teilten sich ein Zimmer und Max und Anna ein anderes, so wurde es noch billiger.

Unten gab es einen großen, behaglichen Speisesaal, der mit Hirschgeweihen und Edelweißsträußchen dekoriert war. Aber als das Wetter milder wurde, tauchten Tische und Stühle im Garten auf, und die Wirtin servierte die Mahlzeiten unter den Kastanien am Ufer. Anna gefiel es bei Zwirns.

An den Wochenenden kamen die Musikanten aus dem Dorf und spielten manchmal bis spät in die Nacht. Man konnte der Musik lauschen und durch das Laub hindurch das Glitzern des Wassers und die vorbeigleitenden Dampfer beobachten. Wenn es dunkel wurde, drehte Herr Zwirn an einem Schalter, und in den Bäumen gingen kleine Lämpchen an, sodass man sehen konnte, was man aß. Auch auf den Dampfern entzündete man bunte Laternen, damit die Fahrzeuge einander erkennen konnten. Manche dieser Lichter waren gelb, aber die schönsten waren von einem tiefen, leuchtenden Blauviolett. Immer wenn Anna eins dieser magischen blauen Lichter gegen den dunkelblauen Himmel und dessen mattere Spiegelung im dunklen See sah, war es ihr, als habe sie ein kleines Geschenk erhalten.

Die Zwirns hatten drei Kinder, die barfuß herumliefen, und als Annas Beine sich nicht mehr wie Watte anfühlten, gingen Max und sie mit ihnen und erkundeten die Umgebung.

Da gab es Wälder und Bäche und Wasserfälle, Straßen, die von Apfelbäumen gesäumt waren, und überall wilde Blumen. Manchmal kam auch Mama mit ihnen, weil sie nicht gern allein im Gasthaus bleiben wollte. Papa fuhr fast jeden Tag nach Zürich, um mit den Herausgebern der Schweizer Zeitungen zu verhandeln.

Zwirns Kinder sprachen wie alle Einwohner des Dorfes Dialekt, und Anna und Max konnten sie zu Anfang nur schwer verstehen. Aber sie lernten es bald, und Franz, der Älteste, zeigte Max, wie man fischt – nur fing Max nie etwas. Franzens Schwester Vreneli lehrte Anna, wie man am Zürichsee Kästchenhopsen spielt.

In dieser freundlichen Umgebung kam Anna bald wieder zu Kräften, und eines Tages verkündete Mama, dass es jetzt Zeit für die beiden sei, wieder zur Schule zu gehen. Max würde die höhere Knabenschule in Zürich besuchen. Er würde mit dem Zug fahren. Max wäre zwar lieber mit dem Schiff gefahren, aber mit der Eisenbahn ging es schneller. Anna sollte mit den Zwirn-Kindern in die Dorfschule gehen, und da sie und Vreneli ungefähr gleichaltrig waren, würden sie in dieselbe Klasse kommen.

»Du wirst meine beste Freundin sein«, sagte Vreneli. Sie hatte sehr lange, sehr dünne mausfarbene Zöpfe und machte stets ein etwas besorgtes Gesicht. Anna war nicht ganz sicher, ob sie Vrenelis beste Freundin werden wollte, hielt es aber für undankbar, das auszusprechen.

Am Montagmorgen machten sie sich alle zusammen auf den Weg. Vreneli ging barfuß und trug ihre Schuhe in der Hand. Als sie sich der Schule näherten, trafen sie andere Kinder, von denen die meisten auch die Schuhe in der Hand trugen. Vreneli stellte Anna einigen der Mädchen vor, die Jungen blieben auf der anderen Straßenseite und starrten wortlos herüber. Bald nachdem sie den Schulhof erreicht hatten, läutete der Lehrer eine Glocke, und es entstand ein verrücktes Getümmel, weil jeder schnell seine Schuhe anzog. Es war Vorschrift, dass man in der Klasse Schuhe anhaben musste, aber die meisten Kinder zogen sie erst im letzten Augenblick an.

Annas Lehrer hieß Graupe. Er war ziemlich alt und hatte einen graugelben Bart, und alle hatten Angst vor ihm. Er wies Anna einen Platz neben einem fröhlichen blondhaarigen Mädchen namens Rösli an, und als Anna durch den Mittelgang zwischen den Bänken auf ihren Platz ging, hielten alle den Atem an.

»Was ist los?«, flüsterte Anna, sobald Herr Graupe den Rücken gedreht hatte.

»Du bist durch den Mittelgang gegangen«, flüsterte Rösli zurück. »Nur die Jungen gehen durch den Mittelgang.«

»Wo gehen dann die Mädchen?«

»An den Seiten vorbei.«

Anna kam das seltsam vor, aber Herr Graupe hatte begonnen, Zahlen mit Kreide an die Tafel zu schreiben, es blieb also keine Zeit, weiter darüber zu reden. Die Aufgaben waren leicht, und Anna war schnell damit fertig. Dann blickte sie sich in der Klasse um.

Die Mädchen saßen in zwei Reihen auf der einen Seite, die Jungen auf der anderen. Es war ganz anders als in der Schule in Berlin, wo sie durcheinander gesessen hatten. Als Herr Graupe befahl, die Hefte sollten ihm nach vorn gebracht werden, stand Vreneli auf und sammelte die Hefte der Mädchen ein, und ein großer rothaariger Junge sammelte die der Jungen ein. Der rothaarige Junge ging durch den Mittelgang, Vreneli ging an der Seite vorbei, bis sie sich, jeder mit seinem Stoß Hefte, vor Herrn Graupes Pult trafen. Selbst dort vermieden sie es sorgfältig, sich anzusehen, aber Anna bemerkte, dass Vreneli unter ihrem mausfarbenen Haar hellrosa angelaufen war.

In der Pause jagten die Jungen einem Fußball nach und balgten sich auf der einen Seite des Hofes herum, während die Mädchen auf der anderen Seite Hüpfen spielten oder still dasaßen und plauderten. Aber obgleich die Mädchen so taten, als nähmen sie keine Notiz von den Jungen, beobachteten sie sie doch ausgiebig unter verschämt gesenkten Lidern, und als Vreneli und Anna zum Mittagessen nach Hause gingen, interessierte sich Vreneli so sehr für die Albereien des rothaarigen Jungen auf der anderen Straßenseite, dass sie beinahe gegen einen Baum geprallt wäre. Am Nachmittag hatten sie noch eine Gesangstunde, und dann war die Schule für den Tag beendet.

»Wie hat es dir gefallen?«, fragte Mama, als Anna um drei Uhr wieder zu Hause war.

»Ach, ganz gut«, sagte Anna. »Nur eines ist komisch: Die Jungen und Mädchen sprechen nicht miteinander, und ich weiß auch nicht, ob ich da viel lernen kann.«

Als Herr Graupe die Aufgaben nachgesehen hatte, hatte er mehrere Fehler gemacht, und auch in der Rechtschreibung schien er nicht allzu sicher zu sein.

»Nun, das ist nicht so wichtig«, sagte Mama. »Es wird dir ganz guttun, wenn du dich nach deiner Krankheit ein wenig ausruhen kannst.«

»Das Singen gefällt mir«, sagte Anna. »Sie können alle jodeln und sie wollen es mir beibringen.«

»Um Himmels willen!«, sagte Mama und ließ sofort eine Masche fallen.

Mama lernte stricken. Sie hatte es nie zuvor getan. Anna brauchte einen neuen Pullover, und Mama versuchte zu sparen. Sie hatte Wolle und Stricknadeln gekauft, und Frau Zwirn hatte ihr gezeigt, wie man sie benutzt. Aber irgendwie sah es bei Mama nie richtig aus. Während Frau Zwirn dasaß und die Nadeln leicht zwischen den Fingern tanzen ließ, strickte Mama von der Schulter aus. Jedes Mal wenn sie die Nadel in die Wolle stieß, kam es einem vor wie ein Angriff. Jedes Mal wenn sie den Faden durchzog, zog sie so fest, dass er beinahe riss. Deshalb wuchs der Pullover auch nur langsam, und das Gestrick sah aus wie ein dicker Tweed.

»Ich habe eine solche Strickerei noch nie gesehen«, sagte Frau Zwirn erstaunt, »aber es wird schön warm sein, wenn es fertig ist.«

Bald nachdem Anna und Max wieder zur Schule gingen, sahen sie eines Sonntagmorgens eine vertraute Gestalt vom Dampfer steigen und die Landebrücke heraufkommen. Es war Onkel Julius. Er war magerer, als Anna ihn in Erinnerung hatte, und es war wunderbar und doch irgendwie verwirrend, ihn zu sehen. Den Kindern kam es vor, als wäre plötzlich ein Stückchen ihres Berliner Hauses hier am Seeufer aufgetaucht.

»Julius«, rief Papa freudig, als er ihn sah, »was in aller Welt machst du hier?«

Onkel Julius lächelte ein wenig bitter und sagte: »Nun, offiziell bin ich gar nicht hier. Weißt du, dass man es heutzutage für sehr unklug hält, dich auch nur zu besuchen?«

Er war auf einem naturwissenschaftlichen Kongress in Italien gewesen und einen Tag früher abgefahren, um die Familie auf dem Rückweg nach Berlin zu besuchen.

»Ich fühle mich geehrt«, sagte Papa.

»Die Nazis sind wirklich dumm«, sagte Onkel Julius. »Wie könntest du ein Feind Deutschlands sein? Du weißt natürlich, dass sie alle deine Bücher verbrannt haben?«

»Ich war in guter Gesellschaft«, sagte Papa.

»Was für Bücher?«, fragte Anna. »Ich dachte, die Nazis hätten alle unsere Sachen weggenommen. Ich wusste nicht, dass sie sie verbrannt haben.«

»Das waren nicht die Bücher, die dein Vater in seiner Bibliothek besessen hat«, erklärte Onkel Julius. »Es waren die Bücher, die er geschrieben hat. Die Nazis haben überall im Land große Scheiterhaufen angezündet und alle seine Bücher, die sie finden konnten, hineingeworfen und verbrannt.«

»Zusammen mit den Büchern verschiedener ausgezeichneter Autoren«, sagte Papa, »zum Beispiel denen von Einstein, Freud, H. G. Wells …«

Onkel Julius schüttelte den Kopf über so viel Torheit.

»Gott sei Dank hast du meinen Rat nicht befolgt«, sagte er. »Gott sei Dank bist du früh genug gegangen. Aber natürlich«, fügte er hinzu, »kann die Lage in Deutschland nicht lange so bleiben.«

Beim Mittagessen im Garten erzählte er ihnen, was es Neues gab. Heimpi hatte eine Stelle bei einer anderen Familie gefunden. Es war schwierig gewesen, denn wenn die Leute hörten, dass sie bei Papa gearbeitet hatte, wollten sie sie nicht beschäftigen. Das Haus stand noch leer. Bis jetzt hat es niemand gekauft.

Wie seltsam, dachte Anna, dass Onkel Julius jederzeit hingehen und es betrachten kann. Er konnte vom Schreibwarenladen her die Straße hinuntergehen und vor dem weißen Gartentor stehen bleiben. Die Läden waren geschlossen, aber wenn Onkel Julius einen Schlüssel hatte, konnte er durch die Vordertür in die dunkle Diele gehen, über die Treppe hinauf ins Kinderzimmer, oder durch die Diele ins Wohnzimmer oder durch den Flur in Heimpis Küche … Anna erinnerte sich deutlich an alles, und in der Fantasie lief sie von unten nach oben durch das ganze Haus, während Onkel Julius weiter mit Mama und Papa redete.

»Wie geht es euch denn?«, fragte er. »Kannst du hier schreiben?« Papa hob eine Augenbraue. »Mit dem Schreiben habe ich keine Schwierigkeit«, sagte er, »nur ist es schwer, meine Arbeiten zu veröffentlichen.«

»Unmöglich!«, sagte Julius.

»Unglücklicherweise doch«, sagte Papa. »Die Schweizer sind so ängstlich darauf bedacht, ihre Neutralität zu wahren, dass sie von einem eingeschworenen Gegner der Nazis wie mir nichts veröffentlichen wollen.«

Onkel Julius machte ein empörtes Gesicht.

»Und kommt ihr denn zurecht?«, fragte er. »Ich meine finanziell?«

»Es geht«, sagte Papa. »Ich muss eben versuchen, die Verleger und Redakteure umzustimmen.«

Dann begannen sie, über gemeinsame Freunde zu reden.

Sie schienen eine lange Liste von Namen durchzugehen. Irgendeiner war von den Nazis verhaftet worden. Einer war entkommen und auf dem Weg nach Amerika. Ein anderer hatte einen Kompromiss geschlossen (Anna fragte sich, was das wohl hieß: einen Kompromiss schließen) und hatte einen Artikel geschrieben, in dem er das neue Regime lobte. Die Liste wurde immer länger. Heutzutage sprechen die Erwachsenen immer über das Gleiche, dachte Anna, während kleine Wellen gegen das Ufer des Sees leckten und die Bienen in den Kastanienbäumen summten.

Am Nachmittag machten sie mit Onkel Julius einen Rundgang. Anna und Max führten ihn in den Wald hinauf. Er entdeckte dort eine besondere Krötenart, die er nie zuvor gesehen hatte. Später unternahmen sie alle in einem gemieteten Boot eine Fahrt auf dem See. Dann aßen sie zusammen zu Abend, und schließlich war es für Onkel Julius Zeit, sich zu verabschieden.

»Ich vermisse unsere Besuche im Zoo«, sagte er, als er Anna küsste.

»Ich auch«, sagte Anna. »Die Affen haben mir immer am besten gefallen.«

»Ich schicke dir ein Bild von ihnen«, versprach Onkel Julius. Sie gingen zusammen zur Landebrücke.

Während sie auf den Dampfer warteten, sagte Papa plötzlich: »Julius, fahr nicht zurück. Bleib hier bei uns. In Deutschland bist du nicht sicher.«

»Was – ich?«, sagte Onkel Julius mit seiner hohen Stimme. »Ich bin für sie uninteressant. Jemand, der sich nur mit Tieren abgibt. Ich bin nicht einmal jüdisch, wenn man meine arme alte Großmutter aus dem Spiel lässt!«

»Julius – du begreifst nicht …«, sagte Papa.

»Die Situation muss sich ändern«, sagte Onkel Julius, und da kam auch schon der Dampfer angepufft. »Auf Wiedersehn, alter Freund!« Er umarmte Papa und Mama und beide Kinder. Als er schon auf der Gangway stand, dreht er sich noch einmal um. »Übrigens«, sagte er, »die Affen im Zoo würden mich vermissen.«

7

Je länger Anna die Dorfschule besuchte, desto mehr gefiel es ihr dort. Sie freundete sich außer mit Vreneli noch mit anderen Mädchen an, besonders mit Rösli, die in der Klasse neben ihr saß und weniger schüchtern war als die Übrigen. Der Unterricht war so leicht, dass sie ohne jede Anstrengung glänzen konnte, und wenn auch Herr Graupe in den herkömmlichen Fächern kein sehr guter Lehrer war, konnte er immerhin ausgezeichnet jodeln. Was Anna aber am besten gefiel, war, dass sich diese Schule von ihrer früheren in Berlin so völlig unterschied. Max tat ihr leid, weil er in der höheren Schule in Zürich fast das Gleiche zu lernen schien wie in Berlin.

Es gab nur eines, was Anna Kummer machte. Sie hätte gern mit Jungen gespielt. In Berlin waren Max und sie während der Schulzeit und am Nachmittag meist mit einer gemischten Gruppe von Jungen und Mädchen zusammen gewesen. Hier begann das endlose Hüpfspiel der Mädchen sie zu langweilen, und manchmal schaute sie in der Pause sehnsüchtig zu den aufregenderen Spielen und Kunststücken der Jungen hinüber.

Eines Tages wurde nicht einmal Hüpfen gespielt. Die Jungen übten Rad schlagen, und alle Mädchen saßen sittsam da und beobachteten sie aus den Augenwinkeln. Sogar Rösli, die sich das Knie aufgeschlagen hatte, saß bei den anderen. Vreneli war besonders interessiert, denn der große rothaarige Junge versuchte, Rad zu schlagen. Die andern zeigten ihm, wie man es machen muss, aber er kippte immer und immer wieder seitwärts über.

»Willst du mit mir Hüpfen spielen?«, fragte Anna Vreneli, aber die Freundin schüttelte abwesend den Kopf. Es war wirklich zu blöd, denn Anna schlug selber gern Rad – und der rothaarige Junge konnte es überhaupt nicht.

Plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Ohne zu überlegen, was sie tat, stand sie von ihrem Platz zwischen den Mädchen auf und ging zu den Jungen hinüber.

»Sieh mal«, sagte sie zu dem rothaarigen Jungen, »du musst deine Beine strecken, so« – und sie schlug ein Rad, um es ihm zu zeigen. Alle Jungen hörten auf, Rad zu schlagen, und traten grinsend zurück. Der rothaarige Junge zögerte.

»Es ist ganz leicht«, sagte Anna. »Du kannst es, wenn du nur an deine Beine denkst.«

Der rothaarige Junge schien immer noch unentschlossen, aber die anderen schrien: »Los – versuch’s!« So versuchte er es noch einmal, und es ging schon ein wenig besser. Anna zeigte es ihm noch zweimal, und da hatte er es plötzlich begriffen und schlug ein vollkommenes Rad, gerade als die Glocke das Ende der Pause verkündete.

Anna ging zu ihrer Gruppe zurück, und die Jungen schauten und grinsten, aber die Mädchen blickten alle anderswohin. Vreneli sah richtig böse aus, und nur Rösli lächelte ihr einmal kurz zu. Nach der Pause war eine Geschichtsstunde, und Herr Graupe erzählte ihnen von den Höhlenmenschen. Wie er sagte, hatten sie vor Millionen von Jahren gelebt. Sie töteten wilde Tiere und aßen sie und machten sich aus ihrem Fell Kleider. Dann lernten sie Feuer anzuzünden und einfache Werkzeuge zu machen und wurden allmählich zivilisiert. Das war der Fortschritt, sagte Herr Graupe, und dazu kam es teilweise durch Hausierer, die mit nützlichen Gegenständen zu den Höhlen der Höhlenmenschen kamen, um Tauschgeschäfte zu machen.

»Was denn für nützliche Gegenstände?«, fragte einer der Jungen.

Herr Graupe schaute empört auf. »Für Höhlenmenschen waren alle möglichen Dinge nützlich«, sagte er. »Zum Beispiel Perlen und bunte Wolle und Sicherheitsnadeln, um ihre Felle zusammenzustecken.« Anna war sehr überrascht über die Hausierer und die Sicherheitsnadeln. Sie hätte Herrn Graupe gern gebeten, das genauer zu erklären, aber dann kam es ihr doch klüger vor, es zu unterlassen. Es schellte auch, bevor sie die Möglichkeit dazu hatte.

Sie dachte auf dem Heimweg immer noch so angestrengt über die Höhlenmenschen nach, dass sie schon halbwegs zu Hause waren, ehe sie bemerkte, dass Vreneli nicht mit ihr sprach.

»Was ist los, Vreneli?«, fragte sie.

Vreneli warf die dünnen Zöpfe zurück und sagte nichts.

»Was ist denn?«, fragte Anna noch einmal.

Vreneli wollte sie nicht ansehen.

»Du weißt es«, sagte sie, »du weißt es ganz genau.«

»Nein, ich weiß es nicht«, sagte Anna.

»Doch«, sagte Vreneli.

»Nein, ehrlich nicht«, sagte Anna. »Bitte, sag es mir.«

Aber Vreneli wollte nicht. Sie gingen weiter, ohne dass sie Anna einen einzigen Blick gegönnt hätte. Sie streckte die Nase in die Luft und hatte die Augen auf einen weit entfernten Punkt gerichtet. Erst als sie das Gasthaus erreichten und im Begriff waren, sich zu trennen, sah sie sie kurz an, und Anna war erstaunt, dass Vreneli nicht nur böse war, sondern auch den Tränen nahe.

»Jedenfalls«, schrie Vreneli über die Schulter zurück, während sie davonrannte, »jedenfalls haben wir alle deinen Schlüpfer gesehen.«

Während des Mittagessens mit Papa und Mama war Anna so still, dass es Mama auffiel.

»Ist in der Schule etwas gewesen?«, fragte sie.

Anna überlegte. Es gab zwei Dinge, die ihr Kummer machten. Eins war Vrenelis sonderbares Benehmen und das andere Herrn Graupes Bericht über die Höhlenmenschen. Sie fand, dass das Problem mit Vreneli zu kompliziert sei, um es erklären zu können, und sagte stattdessen: »Mama, haben die Höhlenmenschen wirklich ihre Felle mit Sicherheitsnadeln zusammengesteckt?«

Dies rief einen solchen Schwall von Gelächter, Fragen und Erklärungen hervor, dass es bis zum Ende des Mittagessens dauerte, und dann war es Zeit, wieder in die Schule zu gehen. Vreneli war schon weg, und Anna, die sich ein wenig einsam fühlte, musste allein gehen.

Am Nachmittag hatte sie wieder Singstunde, und es wurde viel gejodelt, was Anna gefiel, und als es vorüber war, sah sich Anna plötzlich dem rothaarigen Jungen gegenüber.

»Hallo, Anna!«, sagte er keck, und bevor Anna antworten konnte, fingen seine Freunde, die bei ihm waren, an zu lachen, drehten sich alle um und marschierten aus dem Klassenzimmer.

»Warum hat er das gesagt?«, fragte Anna.

Rösli lächelte: »Ich glaube, du wirst Begleitung bekommen«, sagte sie und fügte dann hinzu: »Die arme Vreneli.«

Anna hätte sie gern gefragt, was sie meinte, aber die Erwähnung von Vreneli erinnerte sie daran, dass sie sich beeilen musste, wollte sie nicht allein nach Hause gehen. So sagte sie: »Bis morgen« und rannte los.

Auf dem Schulhof war nichts von Vreneli zu sehen. Anna wartete ein Weilchen, weil sie dachte, Vreneli könnte auf der Toilette sein, aber sie erschien nicht. Die Einzigen auf dem Schulhof waren der rothaarige Junge und seine Freunde, die auch auf jemanden zu warten schienen. Vreneli musste sofort weggelaufen sein, nur um ihr aus dem Weg zu gehen.

Anna wartete noch eine Weile, aber schließlich musste sie sich eingestehen, dass es zwecklos war, und sie machte sich allein auf den Heimweg.

Der Gasthof Zwirn lag keine zehn Minuten entfernt, und Anna kannte den Weg gut. Vor dem Schultor wandte sie sich nach rechts und ging die Straße hinunter. Nach ein paar Minuten bemerkte sie, dass der rothaarige Junge und seine Freunde sich vor der Schule auch nach rechts gewandt hatten. Von der Straße zweigte ein steiler, mit losen Kieseln bedeckter Pfad ab, der wieder auf eine andere Straße auslief, und diese führte wieder nach einigen Kurven und Wendungen zu dem Gasthaus. Erst auf dem Kiespfad begann Anna sich zu fragen, ob alles so war, wie es sein sollte. Der Kies war dick und sehr locker, und ihre Füße machten bei jedem Schritt ein knirschendes Geräusch. Plötzlich hörte sie ähnliches, etwas gedämpftes Knirschen hinter sich. Sie horchte ein paar Augenblicke, dann blickte sie über die Schulter zurück. Es war wieder der rothaarige Junge mit seinen Freunden. Sie hielten die Schuhe in den Händen und tappten mit bloßen Füßen durch den Schotter, wobei die scharfen Steine sie nicht zu stören schienen. Der kurze Blick, den Anna zurückgeworfen hatte, genügte, um ihr zu zeigen, dass die Jungen sie beobachteten.

Sie ging schneller, und auch die Schritte hinter ihr beschleunigten sich. Dann kam ein kleiner Stein geflogen und schlug in den Schotter neben ihr. Während sie sich noch wunderte, wo er wohl hergekommen war, traf sie ein anderes Steinchen am Bein. Sie drehte sich schnell um und sah gerade noch, wie der rothaarige Junge sich bückte und einen Stein nach ihr warf.

»Was machst du da?«, schrie sie. »Hör auf!«

Aber er grinste nur und warf ein anderes Steinchen. Dann fingen auch seine Freunde an zu werfen. Die meisten Steine trafen sie nicht, und die, die sie trafen, waren zu klein, um eigentlich wehzutun, trotzdem war es scheußlich.

Dann sah sie, wie ein kleiner, krummbeiniger Junge, der kaum größer war als sie selbst, eine ganze Handvoll Schotter aufnahm. »Wage ja nicht, auf mich damit zu werfen!«, schrie sie so wütend, dass der krummbeinige Junge unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Er warf die Steine in ihre Richtung, zielte aber absichtlich zu kurz. Anna funkelte ihn an.

Die Jungen blieben stehen und starrten zurück.

Plötzlich tat der rothaarige Junge einen Schritt nach vorn und rief etwas. Die anderen antworteten in einer Art von Gesang. »An-na! Anna!«, riefen sie. Dann warf der rothaarige Junge wieder ein wenig Kies und traf sie direkt an der Schulter. Das war zu viel. Sie drehte sich um und floh.

Den ganzen Pfad hinunter sprangen Kiesel um sie herum, trafen ihren Rücken, ihre Beine. »An-na! An-na!« Sie kamen hinter ihr her. Ihre Füße glitten und rutschten auf den Steinen. Wenn ich nur endlich auf der Straße wäre, dachte sie, dann könnten sie nicht mehr mit Steinen nach mir werfen. Und da war sie! Sie fühlte den schönen glatten Asphalt unter den Füßen. »An-na! An-na!« Sie kamen jetzt näher. Sie bückten sich jetzt nicht mehr nach den Steinen und kamen schneller voran. Plötzlich kam ein großer Gegenstand hinter Anna hergepoltert. Ein Schuh! Sie warfen mit ihren Schuhen nach ihr! Wenigstens mussten sie sich bücken, um sie wieder aufzuheben. Die Straße machte eine Kurve, und man konnte den Gasthof Zwirn schon sehen. Das letzte Stück ging bergab, und Anna hastete den Abhang hinunter und erreichte mit letzter Kraft und außer Atem das Tor des Gasthofes.

»An-na! An-na! An-na!« Die Jungen waren direkt hinter ihr. Um sie herum regnete es Schuhe … Und da! Wie ein Wunder, wie ein rächender Engel war Mama plötzlich da. Sie schoss aus dem Gasthaus heraus. Sie packte sich den rothaarigen Jungen und ohrfeigte ihn. Sie verdrosch einen anderen mit seinem eigenen Schuh. Sie stürzte sich auf die Gruppe, die in alle Richtungen auseinanderstob. Und während der ganzen Zeit schrie sie:

»Was macht ihr da? Was ist los mit euch?« Auch Anna hätte das gern gewusst.

Dann sah sie, dass Mama den krummbeinigen Jungen gepackt hatte und ihn schüttelte.

Die anderen waren geflohen.

»Warum habt ihr sie gejagt?«, fragte Mama. »Warum habt ihr nach ihr geworfen? Was hat sie euch getan?«

Der krummbeinige Junge verzog sein Gesicht und wollte es nicht sagen.

»Ich lass dich nicht los«, sagte Mama, »ich lass dich nicht los, bis du mir sagst, warum ihr das getan habt!«

Der krummbeinige Junge sah Mama ängstlich an. Dann wurde er rot und murmelte etwas.

»Was?«, fragte Mama.

Plötzlich geriet der krummbeinige Junge in Verzweiflung. »Weil wir sie lieben!«, schrie er, so laut er konnte. »Wir haben’s getan, weil wir sie lieben!«

Mama war so überrascht, dass sie ihn losließ, und er schoss davon, quer über den Hof und die Straße hinauf.

»Weil sie dich lieben?«, sagte Mama zu Anna. Keiner von beiden konnte es verstehen. Aber als sie später Max um Rat fragten, schien er gar nicht überrascht.

»Das machen sie hier so«, sagte er. »Wenn sie sich in jemand verlieben, dann werfen sie Sachen nach ihm.«

»Aber um Himmels willen, es waren doch sechs!«, sagte Mama. »Es müsste doch andere Möglichkeiten geben, ihre Zuneigung auszudrücken!«

Max zuckte mit den Schultern. »So machen sie es eben«, sagte er und fügte hinzu: »Eigentlich sollte Anna sich geehrt fühlen.«

Ein paar Tage später sah Anna ihn im Dorf, wo er mit unreifen Äpfeln nach Rösli warf.

Max war sehr anpassungsfähig.

Anna war nicht sicher, ob sie am nächsten Tag zur Schule gehen sollte. »Wenn sie nun immer noch in mich verliebt sind?«, sagte sie. »Ich hab keine Lust, mich wieder bewerfen zu lassen.«

Aber sie hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Mama hatte den Jungen einen solchen Schrecken eingejagt, dass keiner es mehr wagte, sie auch nur anzusehen. Sogar der rothaarige Junge blickte geflissentlich zur Seite. Daher vergab Vreneli ihr, und sie waren Freundinnen wie zuvor. Anna gelang es sogar, sie zu überreden, heimlich hinter dem Gasthaus das Radschlagen zu versuchen. Aber vor den Augen der anderen, auf dem Schulhof, hielten sich beide strikt ans Hüpfen.

8

An Annas zehntem Geburtstag wurde Papa von der Zürcher Literarischen Gesellschaft zu einem Ausflug eingeladen, und als er Annas Geburtstag erwähnte, luden sie sie und Max und Mama auch ein. Mama freute sich.

»Wie schön, dass es gerade auf deinen Geburtstag fällt«, sagte sie. »Was für eine reizende Art, einen Geburtstag zu feiern.« Anna war anderer Meinung. Sie sagte: »Warum kann ich nicht eine Kindergesellschaft geben, wie sonst?«

Mama machte ein bestürztes Gesicht. »Aber es ist nicht wie sonst«, sagte sie. »Wir sind nicht zu Hause.«

Anna wusste das natürlich, aber sie hatte das Gefühl, dass ihr Geburtstag etwas sein sollte, das ihr persönlich gehörte – nicht ein Ausflug, an dem alle anderen teilnahmen. Sie sagte aber nichts. »Sieh mal«, sagte Mama, »es wird bestimmt nett. Sie mieten einen Dampfer, nur für die Teilnehmer. Wir fahren beinahe bis zum anderen Ende des Sees und machen ein Picknick auf einer Insel und kommen erst spät nach Hause.«

Aber Anna war nicht überzeugt. Sie fühlte sich auch nicht glücklicher, als der Tag gekommen war und sie ihre Geschenke betrachtete. Von Onkel Julius war eine Karte gekommen, Max hatte ihr Farbstifte geschenkt, Mama und Papa ein Federmäppchen und eine hölzerne Gämse. Das war alles.

Die Gämse war sehr hübsch, aber als Max zehn geworden war, hatte er ein neues Fahrrad bekommen.

Auf der Karte von Onkel Julius war ein Affe abgebildet und Onkel Julius hatte auf die Rückseite geschrieben: »Viel Glück zum Geburtstag! Mögen ihm viele noch glücklichere folgen.«

Anna hoffte, dieser Wunsch werde in Erfüllung gehen, denn an diesem Tag sah es tatsächlich nicht allzu rosig aus.

»Dies ist ein komischer Geburtstag für dich«, sagte Mama, als sie Annas Gesicht sah. »Aber du bist doch allmählich zu groß, um dir viel aus Geschenken zu machen.«

Als Max zehn wurde, hatte sie das nicht gesagt. Und es ist ja auch nicht irgendein Geburtstag, dachte Anna. Es war ihr erster zweistelliger Geburtstag.

Im Laufe des Tages wurde sie immer unglücklicher. Der Ausflug gefiel ihr ganz und gar nicht. Das Wetter war schön, aber auf dem Dampfer wurde es sehr heiß, und die Mitglieder der Literarischen Gesellschaft redeten alle so geschwollen daher wie Fräulein Lambeck. Einer von ihnen sagte doch tatsächlich zu Papa: »Lieber Meister«. Es war ein dicker junger Mann mit einem Mund voll spitzer, kleiner Zähne, und er unterbrach ein Gespräch, das Anna und Papa gerade begonnen hatten.

»Das mit Ihrem Artikel hat mir so leidgetan, lieber Meister«, sagte der dicke junge Mann.

»Mir auch«, sagte Papa. »Dies ist meine Tochter Anna, die heute zehn Jahre alt wird.«

»Viel Glück«, sagte der junge Mann kurz und redete dann sofort weiter auf Papa ein. »Ich bin untröstlich, dass wir Ihren Artikel nicht haben drucken können. Noch dazu, da er so ausgezeichnete Formulierungen enthielt.« Der junge Mann hatte sie sehr bewundert. Aber der »liebe Meister« habe so entschiedene Ansichten … die Politik des Blattes … die Gefühle der Regierung … der teure Meister müsse verstehen …

»Ich verstehe vollkommen«, sagte Papa und wandte sich ab, aber der junge Mann ließ sich nicht abschütteln. Die Zeiten seien so schwierig, sagte er. Man möge sich doch vorstellen – die Nazis hätten Papas Bücher verbrannt –, das müsse doch schrecklich für Papa gewesen sein. Der junge Mann sagte, er könne das nachfühlen. Zufällig habe gerade auch er sein erstes Buch veröffentlicht, und wenn er sich vorstellte … Ob der verehrte Meister zufällig das erste Buch des jungen Mannes gelesen habe? Nein? Dann würde der junge Mann ihm davon erzählen …

Er redete und redete, und seine kleinen Zähne klapperten, und Papa war zu höflich, um ihn zu unterbrechen. Schließlich konnte Anna es nicht mehr aushalten und ging weg.

Auch das Picknick stellte sich als enttäuschend heraus. Es bestand hauptsächlich aus Brötchen mit Erwachsenenbelag. Die Brötchen waren nicht mehr ganz frisch und hart, und Anna dachte, nur der junge Mann mit den spitzen Zähnen könnte sich da hindurchbeißen. Als Getränk gab es Ingwerbier, das Anna hasste, aber Max trank es gern. Für ihn war es überhaupt ganz schön. Er hatte seine Angelrute mitgebracht und saß ganz zufrieden am Ufer der Insel und fischte. (Nicht dass er etwas gefangen hätte – er benutzte Stücke der altbackenen Brötchen als Köder. Kein Wunder, dass die Fische sie auch verschmähten.) Anna wusste nicht, was sie tun sollte. Es waren keine anderen Kinder da, mit denen sie hätte spielen können, und nach dem Picknick wurde es noch schlimmer, weil da Reden gehalten wurden. Mama hatte ihr von den Reden nichts gesagt. Sie hätte sie warnen sollen. Sie dauerten, so kam es Anna vor, stundenlang, und Anna saß verdrossen in der Hitze und stellte sich vor, was sie jetzt tun würde, hätten sie Berlin nicht verlassen müssen.

Heimpi hätte eine Geburtstagstorte mit Erdbeeren gemacht. Sie hätte mindestens zwanzig Kinder eingeladen, und jedes hätte ihr ein Geschenk gebracht. Um diese Zeit hätten sie im Garten Spiele veranstaltet. Danach hätte es Tee gegeben und den mit Kerzen geschmückten Kuchen …

Sie konnte sich alles so genau vorstellen, dass sie kaum bemerkte, als die Reden endlich zu Ende waren.

Mama tauchte neben ihr auf. »Wir gehen jetzt aufs Schiff zurück«, sagte sie. Dann flüsterte sie mit einem verschwörerischen Lächeln: »Die Reden waren wohl schrecklich langweilig?«

Aber Anna lächelte nicht zurück. Mama hatte gut reden, es war ja nicht ihr Geburtstag.

Auf dem Dampfer fand sie einen Platz an der Reling, blieb dort allein stehen und starrte ins Wasser. Das ist es also gewesen, dachte sie, als das Schiff zurück nach Zürich dampfte. Sie hatte ihren Geburtstag hinter sich, ihren zehnten Geburtstag, und es war auch nicht ein bisschen schön gewesen. Sie legte die Arme auf die Reling und stützte den Kopf darauf und tat so, als schaue sie sich die Gegend an. Es sollte niemand merken, wie elend ihr zumute war. Das Wasser rauschte unter ihr vorbei, der warme Wind blies ihr durchs Haar, und sie konnte nur daran denken, dass ihr der Geburtstag verdorben worden war und dass es nie mehr gut werden würde.

Nach einer Weile fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Es war Papa. Hatte er bemerkt, wie enttäuscht sie war? Aber Papa fiel so etwas nie auf. Er war zu sehr in seine eigenen Gedanken vertieft.

»Ich habe also jetzt eine zehnjährige Tochter«, sagte er lächelnd.

»Ja«, sagte Anna.

»Eigentlich«, sagte Papa, »bist du noch gar nicht ganz zehn Jahre alt. Du bist um sechs Uhr abends geboren. Bis dahin sind noch zwanzig Minuten.«

»Wirklich?«, sagte Anna. Aus irgendeinem Grund tröstete sie der Gedanke, dass sie noch nicht ganz zehn Jahre alt war.

»Ja«, sagte Papa, »und mir scheint es noch gar nicht so lange her. Natürlich wussten wir damals noch nicht, dass wir deinen zehnten Geburtstag als Flüchtlinge vor Hitler auf dem Zürcher See verbringen würden.«

»Ist ein Flüchtling jemand, der von zu Hause hat weggehen müssen?«, fragte Anna.

»Jemand, der in einem anderen Land Zuflucht sucht«, sagte Papa.

»Ich glaube, ich habe mich noch nicht ganz daran gewöhnt, dass ich ein Flüchtling bin«, sagte Anna.

»Es ist ein seltsames Gefühl«, sagte Papa. »Man wohnt sein ganzes Leben lang in einem Land. Dann wird es plötzlich von Räubern übernommen, und man findet sich an einem fremden Ort, mit nichts.«

Als er dies sagte, machte er ein so fröhliches Gesicht, dass Anna fragte: »Macht es dir denn nichts aus?«

»Doch«, sagte Papa. »Aber ich finde es auch sehr interessant.« Die Sonne verschwand hinter einem Berggipfel, und dann wurde der See dunkler, und alles auf dem Schiff wurde grau und flach. Dann erschien sie wieder in einer Senke zwischen zwei Bergen, und die Welt wurde wieder rosig und golden.

»Wo werden wir wohl an deinem elften Geburtstag sein?«, sagte Papa. »Und an deinem zwölften?«

»Werden wir denn nicht hier sein?«

»Nein, das glaube ich nicht«, sagte Papa. »Wenn die Schweizer nichts von dem, was ich schreibe, drucken wollen, weil sie Angst haben, die Nazis jenseits der Grenze zu verärgern, dann können wir genauso gut in einem ganz anderen Land leben. Wohin möchtest du denn gern gehen?«

»Ich weiß nicht«, sagte Anna.

»Ich glaube, Frankreich wäre schön«, sagte Papa. Er dachte eine Weile nach. »Kennst du Paris überhaupt?«, fragte er.

Bevor Anna ein Flüchtling wurde, war sie nirgends anders hingekommen als an die See, aber sie war daran gewöhnt, dass Papa sich so in seine eigenen Gedanken verbiss, dass er ganz vergaß, zu wem er sprach. Sie schüttelte den Kopf.

»Es ist eine wunderschöne Stadt«, sagte Papa. »Ich bin sicher, dass es dir gefallen wird.«

»Würden wir in eine französische Schule gehen?«

»Wahrscheinlich. Und du würdest französisch sprechen lernen. Aber vielleicht«, sagte Papa, »könnten wir auch in England leben – das ist auch sehr schön. Bloß ein bisschen feucht.« Er betrachtete Anna nachdenklich. »Nein«, sagte er, »ich glaube, wir versuchen es zuerst in Paris.«

Die Sonne war jetzt ganz verschwunden und es wurde dunkel. Man konnte das Wasser, durch das das Schiff seine Bahn zog, kaum noch erkennen, nur der Schaum schimmerte weiß im letzten Licht.

»Bin ich jetzt zehn?«, fragte Anna. Papa schaute auf die Uhr. »Genau zehn Jahre alt.«

Er drückte sie an sich.

»Viel Glück zum Geburtstag und viele, viele glückliche Jahre.«

Im gleichen Augenblick gingen auf dem Schiff die Lichter an. Um die Reling verteilt gab es nur wenige weiße Glühbirnen, sodass es auf dem Deck fast so dunkel war wie zuvor, aber die Kabinenfenster glühten plötzlich gelb auf und am Heck des Schiffes strahlte eine purpurrote Laterne.

»Wie schön«, rief Anna, und plötzlich war sie wegen der verpassten Geburtstagsfeier und der fehlenden Geschenke nicht mehr traurig. Es kam ihr schön und abenteuerlich vor, ein Flüchtling zu sein, kein Zuhause zu haben und nicht zu wissen, wo sie wohnen würde. Vielleicht konnte das sogar als eine schwere Kindheit gelten, wie in Günthers Buch, und vielleicht würde sie doch noch einmal berühmt.

Während das Schiff zurück nach Zürich dampfte, schmiegte sie sich an Papa, und sie beobachteten gemeinsam, wie das rote Licht der Schiffslaterne auf dem dunklen Wasser hinter ihnen herschwamm.

»Ich glaube, es könnte mir ganz gut gefallen, ein Flüchtling zu sein«, sagte Anna.

9

Der Sommer kam, und plötzlich war das Schuljahr zu Ende. Am letzten Schultag gab es eine Feier, und Herr Graupe hielt eine Rede. Es gab eine Ausstellung der Nadelarbeiten der Mädchen, eine Turnvorführung der Jungen und viel Gesang und Gejodel von allen Beteiligten. Am Ende des Nachmittags bekam jedes Kind eine Wurst und ein Stück Brot, und sie gingen lachend und kauend heim durchs Dorf und machten Pläne für den kommenden Tag. Die Sommerferien hatten begonnen.

Max hatte erst ein paar Tage später frei. In der höheren Schule in Zürich endete das Schuljahr nicht mit Jodeln und Wurst, sondern mit Zeugnissen. Max brachte die üblichen Bemerkungen nach Hause: »Strengt sich nicht genug an« und »Zeigt kein Interesse«, und er und Anna saßen wie auch sonst bei einem freudlosen Mittagessen, während Papa und Mama das Zeugnis lasen. Mama war besonders enttäuscht. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass Max »sich nicht anstrengte« und »kein Interesse zeigte«, solange sie in Deutschland waren, aber aus irgendeinem Grund hatte sie gehofft, es würde in der Schweiz anders sein, denn Max war begabt, er arbeitete nur nicht. Aber der einzige Unterschied war der, dass Max in Deutschland die Arbeit vernachlässigt hatte, um Fußball zu spielen, in der Schweiz hatte er sie vernachlässigt, um zu angeln, und das Ergebnis war ziemlich das Gleiche. Anna fand es erstaunlich, dass er immer weiter angelte, obgleich er nie etwas fing. Sogar die Zwirn’schen Kinder hatten angefangen, ihn deswegen zu necken. »Bringst du wieder den Würmern das Schwimmen bei?«, fragten sie, wenn sie an ihm vorüberkamen, und er machte dann ein wütendes Gesicht. Laut schimpfen konnte er nicht, weil er vielleicht einen Fisch vertrieben hätte, der gerade anbeißen wollte.

Wenn Max nicht fischte, schwammen er und Anna und die drei Zwirn-Kinder im See oder spielten miteinander oder gingen in den Wald. Max verstand sich gut mit Franz, und Anna hatte Vreneli ganz gern. Trudi war erst sechs, aber sie lief immer hinterher, ganz gleich, was die anderen taten. Manchmal gesellte sich auch Rösli zu ihnen und einmal sogar der rothaarige Junge, der sowohl Anna wie Vreneli geflissentlich übersah und mit Max über Fußball redete.

Dann kamen eines Morgens Max und Anna nach unten und sahen, dass die Zwirn-Kinder mit einem Jungen und einem Mädchen spielten, die sie nie zuvor gesehen hatten. Es waren Deutsche, ungefähr in ihrem Alter, und sie verbrachten die Ferien mit ihren Eltern im Gasthaus.

»Aus welchem Teil Deutschlands kommt ihr?«, fragte Max.

»München«, sagte der Junge.

»Wir haben früher in Berlin gewohnt«, sagte Anna.

»Mensch«, sagte der Junge, »Berlin muss prima sein.«

Sie spielten alle zusammen Fangen. Es hatte früher nie viel Spaß gemacht, weil sie nur zu viert gewesen waren – (Trudi zählte nicht, weil sie nicht schnell genug laufen konnte und immer schrie, wenn jemand sie fing). Aber die deutschen Kinder waren beide sehr flink auf den Beinen, und zum ersten Mal war das Spiel wirklich aufregend. Vreneli hatte gerade den deutschen Jungen gefangen, und der fing Anna, sodass jetzt sie an der Reihe war, jemanden zu fangen, und sie rannte hinter dem deutschen Mädchen her. Sie liefen immer rund um den Hof des Gasthauses, schlugen Haken, sprangen über Gegenstände, bis Anna glaubte, sie werde das Mädchen gleich haben – aber plötzlich stellte sich ihr eine große, dünne Frau mit einem unangenehmen Ausdruck im Gesicht in den Weg. Die Frau war so plötzlich aufgetaucht, dass Anna ihren Lauf kaum bremsen konnte und beinahe mit ihr zusammengestoßen wäre. »Verzeihung«, sagte Anna, aber die Frau gab keine Antwort. »Siegfried«, rief sie mit schriller Stimme. »Gudrun! Ich habe euch doch gesagt, dass ihr nicht mit diesen Kindern spielen sollt!« Sie packte das deutsche Mädchen beim Arm und zog es weg. Der Junge folgte, aber als seine Mutter nicht hinschaute, schnitt er Anna eine Grimasse und hob entschuldigend die Hände. Dann verschwanden die drei im Gasthaus.

»Was für eine böse Frau«, sagte Vreneli.

»Vielleicht glaubt sie, wir wären schlecht erzogen«, sagte Anna. Sie versuchten, ohne die deutschen Kinder Fangen zu spielen, aber es machte keinen Spaß und endete mit dem üblichen Durcheinander, weil Trudi, wenn sie gefangen wurde, in Tränen ausbrach.

Anna sah die deutschen Kinder erst am späten Nachmittag wieder. Sie waren wohl in Zürich einkaufen gewesen, denn jeder von ihnen trug ein Paket und die Mutter gleich mehrere. Als sie ins Haus gehen wollten, glaubte Anna, dies sei eine Gelegenheit zu zeigen, dass sie nicht schlecht erzogen war. Sie sprang herbei und öffnete ihnen die Tür.

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