Logo weiterlesen.de
Alpsommer

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Ich bin Hirtin
  8. Aufstieg
    1. … in eine neue Zeit
    2. … in einen neuen Sommer
  9. Pflichten und Freiheiten
    1. Allein unter Rindern
    2. Wasser vom Himmel und aus der Erde
    3. Willkommene und ungebetene Gäste
    4. Vom Suchen und Finden
  10. Allein und doch nicht einsam
    1. Begegnungen mit der Natur und den Menschen
    2. Helfen und Hilfe annehmen
    3. Facetten des Lebens
  11. Leben im Rhythmus mit der Natur
    1. Seiten der Dunkelheit
    2. Gelesenes und Gelebtes
    3. Nicht aufgeben, dranbleiben!
    4. Köstlichkeiten aus erster Hand
  12. Alpabzug
    1. Ende eines reichen Hirtensommers
    2. »Wenigstens noch hundert Jahre!«

Über das Buch

Einmal einen Sommer allein auf der Alp verbringen, fern der Hektik unserer Städte - davon träumen viele. Ute Braun wagte es. Sie stieg aus, tauchte ein in eine bodenständige Welt voller Farben, Gerüche, Düfte, Licht und Leben - und musste anfangs hart um ihre Existenz kämpfen. Doch für diese Frau ist gegen alle Probleme ein Kraut gewachsen. Sie meistert jede Aufgabe mit Hingabe und Humor, öffnet ihr Herz für Gott und die Welt und lässt uns teilhaben am Glück des ursprünglichen Lebens.

Über die Autorin

Ute Braun, geboren 1957, erlernte zunächst einen technischen Beruf. Später studierte sie Physik und Kunst für das Lehramt und arbeitete im sozialen Bereich. Seit fünfundzwanzig Jahren lebt sie jeden Sommer als Hirtin auf einer Alp in den Schweizer Bergen, die letzten Jahre gemeinsam mit Franz. Ihr Wissen um die Kraft und die Heilkraft der Natur vermittelt sie als Heilpraktikerin und auf Kräuterspaziergängen. Über ihre Alpsommer berichtet sie auf Vortragsreisen.

UTE BRAUN

ALPSOMMER

MEIN NEUES LEBEN
ALS HIRTIN

ICH BIN HIRTIN

Stehe auf, wenn es hell wird.

Höre die Morgenrufe der Vögel.

Sehe, wie die aufgehende Sonne den Tau im Gras glitzern
lässt.

Beobachte die Rinder beim Weiden und lerne ihre
Bewegungen und ihre Stimmen verstehen.

Freue mich über den Kuckucksruf und weiß die Plätze,
wo die Beeren wachsen.

Erlebe den Sturm, den Blitz, den Regen und die
sengende Sonne.

Mag die Dämmerstimmung am Abend, wenn der Wind
kühl wird.

Durchlebe dunkle und helle Nächte, bei Neu- und bei
Vollmond.

Kenne die feuchten, verhangenen Nebel, den Duft des
Mooses und des Feuerrauches.

Sehe, wie die Alp im Frühling grün wird und im
Herbst gelb,
wie die Bäche ansteigen und versiegen.

Kenne den Stolz des Gelingens und die Furcht des
Versagens.

Bin dabei, wenn Tiere zur Welt kommen und wenn Tiere
sterben.

Kenne die Lust des Alleinseins und die Freude der
Begegnung.

AUFSTIEG

… IN EINE NEUE ZEIT

Jetzt habe ich nur noch mich. Mich, auf einer Weide im Nebel. Wo komme ich her, wo will ich eigentlich hin? Mein altes Leben und meine Arbeit in der Stadt habe ich aufgegeben, zurückgelassen meine Freunde und meine Familie. Jetzt habe ich nur noch mich. Mich und meinen Rucksack, den ich viel zu voll gepackt habe. Er wiegt schwer. Ebenso die Reisetasche in der rechten Hand und die Plastiktüte in der linken. Meine Schultern werden lang und länger, meine Schritte klein und kleiner. Es geht bergauf. Ich bleibe stehen und setze die seitlichen Lasten am Boden ab. Tief Luft holen. Es wird schon irgendwie hinhauen mit meiner Idee, den Sommer auf einer Alp zu verbringen.

Die Welt ringsum hüllt sich in Nebel und tiefe Stille. Geheimnisvoll ist alles, wundersam. Doch statt den Augenblick zu genießen, gehen mir immer dieselben Gedanken durch den Kopf, in einem unaufhörlichen Kreis von Für und Wider. War meine Entscheidung richtig? Dass ich die Wohnung gekündigt habe, war unvermeidlich. Bei Alexandra sind der große Schrank, der Spiegel und die Kommode in guten Händen. Die vielen anderen Dinge, die ich verliehen habe, werde ich im Herbst ja zurückbekommen, und das meiste ist schließlich untergestellt – in einer Garage. Nein, deshalb brauche ich mir wirklich keine Sorgen zu machen. Oder doch?

Zunächst gilt es, all die Schätze aus meinem Auto den Berg hochzutragen. Wie werden meine Lungen, die Knie, der Rücken und mein Wille das mitmachen, wo mir schon bei der ersten Steigung die Kräfte schwinden? Wenn ich mir beim zweiten Mal die Bücherkiste auf den Rucksack binde, die Tüte mit dem Malkram in die Hand nehme, mich beim dritten Mal auf die frischen Lebensmittel beschränke, beim vierten Mal … dann brauche ich diesen Weg nur achtmal zu machen, und fast alles wird oben sein. Zwei- bis dreimal täglich den Berg von der Alphütte runter und wieder rauf, das macht etwa drei Tage Arbeit. Ja, das kriege ich hin.

Nachdem sich mein Kopf mit der Planung des Aufstiegs zufriedengibt, kommen die nächsten Bedenken: Was mache ich, wenn es heute Abend dunkel wird und ich Angst habe? Halt, nicht weiter fantasieren – die Füße auf dem Boden und die feine Feuchtigkeit des Nebels auf dem Gesicht spüren. Vor meiner eigenen Angst habe ich schon jetzt Angst. Und was ist, wenn ich mich allein nicht aushalten kann? Bei diesem Gedanken spüre ich, wie mir die Luft wegbleibt. Sind das wirklich die Herausforderungen, denen ich mich stellen will?

Jemand schubst mich am Bein. Ach, dich habe ich völlig vergessen, Blessi, du guter Hund. Dass du überhaupt mit mir gekommen bist, ist ein Glück! Ich habe dich vor einer halben Stunde bei deinem Herrchen abgeholt. Er leiht dich sozusagen den Sommer über an mich aus. Du bist vertrauensvoll ins Auto gesprungen, ohne zu wissen, wohin es geht, ob ich für dich genug zu fressen dabeihabe, ob es eine lange Reise werden wird. Du bist ganz selbstverständlich mit mir gekommen. Oder hast du mich vielleicht doch verstanden, als ich dir sagte »Es geht auf die Alp«?

Einen Sommer lang Rinder hüten zu wollen, obwohl ich mich Tieren nicht nahe fühle, ist ein seltsamer Plan. Schon als Kind legte ich Wert auf eine gewisse Distanz zwischen mir und allen Viechern. Ganz anders als meine kleine Schwester. Sie hatte eine Katze, ihre beste Freundin, der sie alles anvertraute. Ich dagegen stieg auf den nächsten Stuhl, sobald sie zur Tür hereinkam. Irgendwo hatte ich gehört, man könne an einem Katzenhaar im Rachen sterben. Einmal glaubte ich sogar deutlich zu spüren, dass ein solches Haar in meinem Hals gelandet sei, und erwartete mein baldiges Ende.

Alle Tiere waren mir unheimlich, nicht nur die Katzen. Und je näher sie kamen, desto unheimlicher wurden sie mir. Selbst ein Bild flößte mir Angst ein. Wenn meine ältere Schwester mich ärgern wollte, holte sie eine alte Ausgabe der Zeitschrift Der Tierfreund hervor. Das Umschlagfoto zeigte das Facettenauge eines Insekts. Riesengroß, schwarz-weiß. Sie schlich sich von hinten an mich ran und hielt es mir plötzlich vors Gesicht. Augenblicklich blieb mir fast das Herz stehen, ich schrie wie am Spieß und schoss aus dem Zimmer. Sie hinter mir her. Das Foto im Rücken, rannte ich, als ginge es um mein Leben, durchs ganze Haus. Obwohl sonst langsamer als meine Schwester, konnte ich angesichts der Bedrohung meinen Vorsprung halten, hielt durch, bis es ihr langweilig wurde und sie mich in Ruhe ließ. Bis zum nächsten Mal.

Blessis Fell ist warm und weich. Er sitzt jetzt da, fest an mein rechtes Bein gelehnt. Stütze ich ihn oder er mich? Bei genauem Hinfühlen meine ich, Letzteres zu spüren. Das tut gut. Es ist Mitte Mai, und mir bleiben noch zwei Wochen allein mit dem Hund, bis die Tiere kommen. Fünfunddreißig Rinder und ein paar Ziegen sollen es sein. Viel mehr weiß ich nicht, als ich mein Gepäck wieder in die Hände nehme und weiterlaufe. Gut, dass ich spüre, was mich treibt: die Suche nach Herzerfüllenderem.

Als Jugendliche mit allerlei Erfahrungen zum Thema Essen glaubte ich, Diätassistentin sei ein passender Beruf für mich. Noch während des Praktikums in einer Krankenhausküche wurde mir klar: Diese Tätigkeit hatte nichts mit meiner Vorstellung zu tun. Aufgrund meiner technischen Neigung, die ich bei einer Hausarbeit über Flugzeuge entdeckte, ließ ich mich nach der Realschule zur physikalisch-technischen Assistentin ausbilden. Meine erste Arbeitsstelle fand ich an einem Institut für Spektrochemie.

Ich war zufrieden mit meiner Wahl und mit dem Leben in der Großstadt. Auf lange Sicht zeigte sich jedoch, dass das nicht ausreichte. So holte ich nebenbei das Abitur nach und begann ein Lehramtsstudium – Physik und dazu als Gegenpol Kunst. In einem Schulpraktikum klärte sich, dass auch dies nur Übergang sein konnte. Nun wandte ich mich der Arbeit mit psychisch Kranken zu. Als Individuationstrainerin wollte ich Menschen helfen, ihre Stärken zu erkennen und ihre Schwachstellen auszugleichen. Ich war mit ganzem Herzen bei der Sache. Trotzdem trieb es mich bald weiter.

In meiner Erinnerung ist der Fußweg bis zur Hütte viel weniger lang und steil. Letzten Sommer war ich einmal oben, um den Hirten Meinrad zu besuchen, von dem ich damals noch nicht wusste, dass ich seine Nachfolgerin werden würde. Am eindrücklichsten ist mir im Gedächtnis geblieben: Er war gerade beim Spülen und sagte, er habe den tollsten Ausblick für diese leidige Arbeit. Zaunen, sprich kaputte Zäune reparieren und Gatter bauen, könne er viel besser, und es mache wesentlich mehr Spaß. Aber die Aussicht beim Geschirrabwaschen hier auf tausendvierhundert Meter Höhe versöhne ihn.

Ich stellte mich hinter ihn, schaute über seine Schulter hinweg durch das Fenster nach draußen. Von einer der ersten Erhebungen der Voralpen aus ging mein Blick hinab in eine weite Landschaft. Der Fensterrahmen mit seinen Verstrebungen blendete die benachbarten Berge nach beiden Seiten aus und zeigte ein Bild, an dem sich meine Augen und meine Seele weideten.

Es war unterteilt in vier horizontale Streifen. Unten leuchtete das Grün der Juliweiden. Hinter einer eingezäunten Wiese am Haus fielen sie zum Waldrand hin ab. Hier begann der nächste Streifen, das Tannengrün der Fichten, das bis ins Tal reichte. Und hinter dem Wald breitete sich eine weite Ebene aus, verschobene Rechtecke, Quadrate und Rauten, die immer kleiner wurden. Wälder, Hügel, Straßen, gesäumt von Bäumen, gelben und grünen Feldern, abgegrenzt durch Buschwerk oder die weißen Flecken der Häuser, die sich zu Weilern gruppierten. Alles zufällig und doch nach einem System geordnet. Ein bisschen wie aus einer anderen Welt wirkte dieser Streifen, der sich mit wachsender Entfernung in hellem Grau auflöste.

Das obere Viertel des Fensterbildes war himmelblau. Meine feinsinnige Kölner Großtante Elisabeth hätte hier ausgerufen: »Ganz bezaubernd!« Dieser Blick auf ein weites, sonnenüberflutetes Land von meinem erhöhten Platz aus bewegte mich tief und machte mich ganz ruhig. Ich spürte damals sekundenlang so etwas wie Angekommensein.

Der Nebel ist stellenweise dicht, lichtet sich und verschluckt dann erneut alles vor meinen Augen. Ich gehe weiter Schritt für Schritt. Der Pfad ist ebener geworden und der Boden unter meinen Füßen matschig. An einigen Stellen steht das Wasser in Vertiefungen, deren Ausmaß ich nicht ergründen möchte. Im Abstand von etwa einer Schrittlänge liegen Steine. Wenn ich die nutze, sollte ich trockenen Fußes vorankommen. Manche sind ein bisschen zu weit auseinander, selbst für meine langen Beine. Um mich sicher zu fühlen, komme ich auf jedem Stein mit beiden Füßen zu stehen, bevor ich den nächsten Schritt wage. Nur nicht danebentreten.

Sobald ich das sumpfige Stück heil hinter mir gelassen und wieder festen Boden unter den Füßen habe, bleibe ich stehen und setze meine Lasten ab. Ich strecke mich, hebe den Kopf, dehne die Schulterblätter nach hinten, um mir im Brustraum Platz zu verschaffen. Als ich mich umschaue, sehe ich rechts, zirka fünf Meter entfernt, einige Tannen, links das gleiche Bild. Ich stelle mir vor, dass sich zwischen den beiden Gruppen von Baumspitze zu Baumspitze ein unsichtbarer Bogen spannt, sodass ein Tor entsteht. Die Eintrittspforte in meine neue Welt. Unweit des linken Baumpfeilers ragt ein Felsbrocken aus der Erde, mit einem Volumen wie das Badezimmer in meiner letzten Wohnung. Junge Tannen säumen den Stein, und eine wächst sogar obendrauf. Wie sie sich wohl festkrallt mit ihren Wurzeln? Und davor die Gänseblümchen, aufrecht in einer Reihe, wie gemalt.

Ich brauche nicht viel Fantasie, um mich von den Eindrücken der Natur ringsum mitreißen zu lassen, mir vorzustellen, dass hier noch andere Wesen wohnen, feingliedrige, flüchtige Gestalten, unsichtbar für meine Augen. Ein eigener Kosmos, dieser Platz am Wegrand. Ich fühle mich von guten Kräften begleitet, bepacke mich neu und laufe weiter.

Zwei Erfahrungen waren wohl entscheidend dafür, dass ich jetzt hier hinaufsteige. Die eine liegt lange zurück: Als Zwölfjährige verbrachte ich mit meiner Familie eine Woche Urlaub bei Verwandten in Innsbruck und anschließend noch eine Woche auf einer Hütte im Zillertal. Von den Bildern, die ich aus dieser Zeit in mir trage, zeigt eines den großen Holztisch mit zwei Bänken vor der Hütte. Ich saß stundenlang dort und schaute ins Tal. Der weite Blick ging mir zu Herzen. Vor der Abreise weinte ich leise vor mich hin. Ratlos sagte mein Vater in unserem Heimatdialekt: »Domm Kend, dou musst doch nett häile.« (Dummes Kind, du musst doch nicht weinen.)

Heute weiß ich, was mir die Tränen in die Augen trieb. Ich musste einen Ort verlassen, der mich innerlich wärmte. Die Erinnerung daran blieb, selbst wenn sie mit der Zeit verblasste und über weite Strecken meines Lebens verschollen schien.

Die andere Erfahrung machte ich vor zwei Jahren. Da wurde meine Sehnsucht nach einem Leben in der Natur mit Pauken und Trompeten wieder geweckt. Meine Freundin Susanne wollte ein paar Monate unbezahlten Urlaub nehmen und interessierte sich unter anderem für einen Sommer auf der Alp. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, fuhr sie für ein paar Tage in die Schweiz und machte ein Praktikum. Ich hatte gerade Urlaub und begleitete sie. Die Alp, die wir aufsuchten, bewirtschaftete ein Hirte namens Franz.

Er kannte das Leben auf dieser Alp gut, da er bereits einige Sommer hier verbracht hatte. Tagsüber fand er immer neue Arbeiten für uns. Er schien einen unerschöpflichen Vorrat davon zu haben und noch mehr Ideen, was auf der Alp verbessert werden könnte. Haus, Hof, Weiden, alles hatte er im Auge. Und abends bei Kerzenschein erzählte er uns Geschichten von der Alp, interessante, merkwürdige und unglaubliche.

Wir zwei Frauen hörten gespannt zu und waren hoch motiviert, bei allem, was an Arbeit anfiel, zur Hand zu gehen. Wir trieben trotz Müdigkeit morgens die Rinder von der Weide in den Stall, schoben mit vereinter Kraft den Mist, pressten den Ziegen den letzten Tropfen Milch aus dem Euter, wuschen Käsegeschirr, schrubbten den Rest des angebrannten Puddings mit Sand aus dem Alutopf. Zur Siesta lagen wir in der Hängematte, die zwischen zwei Bäume gespannt war, unter uns ruhte das Schwein. Der Ort, die Umgebung, das Alpleben schlechthin – alles faszinierte uns.

Eines Nachmittags wollten wir Feuerholz für das übernächste Jahr machen. »Damit es Zeit hat zu trocknen und gut brennt«, erklärte Franz. Motorsäge, Benzin, Kettenöl, Keil, Seil, Axt und was wir eventuell noch gebrauchen konnten, schleppten wir zu einem Baum, der langsam dürr wurde und den Franz schon seit einiger Zeit im Auge hatte. Mir fiel daran nichts auf. Vielleicht, dass die Zweige etwas traurig an den Ästen herunterhingen wie Lametta an einem alten Weihnachtsbaum. Die Löcher in der Rinde, die der Specht mit seinem Schnabel auf der Suche nach Kleingetier aufgeklopft hatte, sah ich erst, als Franz sie mir zeigte. Solche Bäume seien schon lang nicht mehr gesund, meinte er.

Franz schien mir beim Umgang mit Holz – auf der Alp heißt das: beim Holzen – begabt zu sein. Geschickt und schnell setzte er die Motorsäge an, sägte kurz über dem Boden einen Keil in den Stamm, machte einen geraden Schnitt von der gegenüberliegenden Seite, und schon fiel der Baum unter höllischem Krachen zu Boden. Obwohl an einem sicheren Platz, kniff ich die Augen zusammen. Mir kam die Geschichte von meinem Opa in den Sinn, die mich in jungen Jahren gleichermaßen erschreckt und beeindruckt hatte. Er war beim Holzfällen von einem Baum erschlagen worden. Es hieß, ein Ast habe ihm den Kiefer durchbohrt. Und kurz vor seinem Tod soll er noch gesungen haben: »Heil’ge Nacht, o gieße du Himmelsfriede in dies Herz …«, die Hymne an die Nacht. Die Geschichte wurde immer mit den gleichen Worten, im gleichen Tonfall erzählt, sodass eine ganze Bilderfolge in mir entstand, je öfter ich sie hörte. Er starb im Alter von fünfundzwanzig Jahren und hinterließ drei Kinder, darunter einen vierjährigen Sohn, meinen Vater.

Als der Baumriese so dalag, spürte ich Achtung vor ihm und vor meinem Großvater und für einen Augenblick auch Trauer um beide. Während ich noch in Gedanken war, begann Franz, die Äste abzusägen. Trotz der schweren Maschine, die er führte, ging ihm die Arbeit anscheinend mühelos von der Hand. Ich konnte nicht erkennen, warum er die Säge manchmal von rechts und manchmal von links ansetzte. Wie gelang es ihm, das eingeklemmte Sägeblatt so schnell zu befreien? Die Gesetze von Kraft und Hebel kannte ich in der Theorie, doch das hier war echtes Leben!

Ich erhielt meine erste Spaltlektion. Wo den Keil ansetzen, wie aufs Holz hauen, damit sich die dicke Scheibe teilt. Mit Franz’ Anweisungen nahm ich es nicht so genau. Ich schlug drauf, gab alles. Die Hauptsache für mich war, dass ich mich ranwagte und sofort den Erfolg meines Schaffens sah. Ich schleppte die Äste, hackte die dünnen auf Ofenlänge und fühlte mich kraftvoll in meinem Körper, spürte, wie meine Kehle trocken wurde, bekam unbändigen Hunger, schwitzte wie ein Bär in der Sonne und war total glücklich. Krafttraining, Sauna und Solarium gab es hier umsonst, an der frischen Luft, in dieser wunderbaren Umgebung. Zu sehen, was ich mit meiner Körperkraft bewegte, und zu wissen, wofür – um den Herd anzufeuern für heißes Wasser, gare Kartoffeln und eine warme Stube –, diese Erfahrung war wegweisend für mich.

Im Sommer darauf wechselte Franz zu einer Alp auf der anderen Talseite. Susanne übernahm seine »alte«. Ich verbrachte den Urlaub in ihrer Gegend, besuchte Susanne, besuchte Franz und erwanderte etliche Alpen in der Umgebung. Der Wunsch, auch mal einen Sommer lang so zu leben, war geboren.

Ein Jahr später besuchte ich die beiden wieder in ihren Sommerresidenzen. Nun hielt ich Ausschau nach einer Alp in guter Lage, mit passender Rinderzahl und nicht zu weit von Susanne und Franz entfernt. Per Inserat in der regionalen Zeitung bot ich mich als Hirtin an. Zurück in Deutschland, bekam ich allerlei Anrufe. Älpler suchten eine Frau für die Küche, eine große Alp suchte Personal für ihren Gastronomiebetrieb, ein Mann suchte eine Frau zum Heiraten. Als ich hörte, dass die Alp mit dem malerischen Ausblick aus dem Küchenfenster einen neuen Hirten, eine neue Hirtin suchte, sah ich mich im Geist bereits dort auf der Veranda sitzen.

Im Winter reiste ich in die Schweiz, um mich dem Bauern und Alpbewirtschafter Albin Feyer, genannt Bino, vorzustellen. Auf dem Weg zur Alp mussten wir umkehren, weil zu viel Schnee lag. So verbrachte ich einen Nachmittag auf seinem Bauernhof und in der Familie, die mich herzlich aufnahm. Bevor ich fortging, war entschieden: Ich würde im kommenden Sommer für Bino auf der Alp arbeiten und Rinder hüten.

Im Augenblick schleppe ich mich mehr, als dass ich gehe. Ich schnappe nach Luft, mein Kreuz fühlt sich schwer an, und die rechte Ferse drückt. Manchmal ist das Leben mühsam! Aber ich weiß ja, wohin ich will. Und noch komme ich voran.

Gut, dass mich niemand sieht, wo ich doch gern drahtig, kraftvoll und flink bin. Die Idee, Fett in Muskelmasse zu verwandeln, trieb mich nicht selten ins Fitnessstudio oder zum Laufen. Wirklich Spaß hat mir das nicht gemacht, und es hatte immer auch was von Quälerei. Die Kondition kam mir schon zugute, besonders beim Trekking in Nepal. Alle Versuche, meine Sportart zu finden, schlugen fehl, oder ich blieb nicht lange genug dran, um den Kick zu spüren.

Ich schaffe es, bestimmt. Noch ein paar Schritte bis da vorn, wo am Wegrand ein Holztrog steht, eine Viehtränke, in die Wasser plätschert. Dieser Anblick erscheint mir so vertraut wie das hölzerne Täfelchen, das noch heute bei meinen Eltern in der Küche hängt. Es zeigt die Umrisse eines Trogs mit Zulauf und darunter die Worte »Gottes Brünnlein hat Wasser in Fülle«. Mit dem kühlen Nass erfrische ich mir Hände und Gesicht. Gegen den Durst nehme ich einen Schluck aus meiner Flasche, die in der Außentasche des Rucksacks steckt. Wieder mache ich mich auf, weit kann es nicht mehr sein.

Ich weiß nicht, wie lange ich bereits laufe, als die Hütte aus dem Nebel vor mir auftaucht. Schlagartig kehren alle meine Kräfte zurück. Das ist also das Haus, in dem ich den Sommer über wohnen werde, ohne Elektrizität und mit frischem Quellwasser aus dem Brunnen.

Die Hütte liegt auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von Weiden, an die rechts und links der Wald grenzt. Dahinter geht es über einen mehr winterbraunen als sommergrünen Hang den Berg hoch bis auf eine Höhe von tausendfünfhundertfünfzig Metern – habe ich in der Karte gelesen. Weiter oben zeigt sich grauer Himmel. Zwischen Daumen und Zeigefinger vermesse ich die Strecke von der Hütte bis zum Kamm. Nach meiner Schätzung ist sie länger als der Weg vom Auto bis hierher. Das Haus mit seiner mir zugewandten Front und dem fast bis zur Erde heruntergezogenen Dach sieht aus, als läge es noch im Winterschlaf, kuschelig, mit eingezogenem Kopf. In dieser Haltung, stelle ich mir vor, bietet es allen, die dort verweilen, Schutz und einen friedvollen Schlaf.

Das letzte Stück Weg bis zum Haus ist breit und bequem ausgebaut. Ich gehe weiter, ohne auf meine Füße zu achten, weil meine Augen nicht mehr von dem Haus lassen können, als müssten sie jedes Detail registrieren. Ich passiere den Zaun und komme in eine Art Vorgarten. An der überdachten Längswand ist ein Holzvorrat angelegt. Die Scheite hat jemand sehr ordentlich bis unters Dach aufgestapelt. Sogar die Späne davor sind nach ihrer Länge sortiert. Ein dicker Hackstock ist vom Benutzen so ausgehöhlt, dass sich das Regenwasser darin sammeln würde, wenn er unter freiem Himmel stände.

Die Außenwände der einstöckigen Hütte bestehen aus Bruchsteinen, mit Mörtel zusammengehalten. Es sieht aus wie ein unregelmäßiges Mosaik in allen braungrauen Schattierungen. Der Eingang auf der Talseite ist über eine Veranda zu erreichen. Fünf Stufen aus aufeinandergelegten Steinplatten führen hinauf. Unverwüstlich muten sie an im Gegensatz zu dem Geländer aus Holzstangen, die an manchen Stellen morsch und mit feinem Moos überzogen sind. Ohne Gepäck in den Händen taste ich mich vorsichtig hinauf, um zu prüfen, wie stabil die Konstruktion wohl ist. Alles vom Besten.

Direkt neben der Eingangstür steht eine gut erhaltene Holzbank. Hier stelle ich meinen Rucksack ab, lasse mich mit einem Seufzer daneben fallen, öffne die Schnürsenkel, lehne Rücken und Kopf an die Wand hinter mir und bin sehr erleichtert. Ich habe es geschafft! Ich bin dort, wohin ich mich schon so oft geträumt habe.

Der Nebel ist löchrig geworden, und die Sicht ins Tal, das Puzzle vor meinen Augen, wird mehr und mehr zum Bild. So – und auch ein bisschen anders – hatte ich es mir vorgestellt. Die Welt immer klarer vor mir zu sehen ist noch zauberhafter, als sie im Schleier der Nebel zu erahnen.

Mittlerweile bin ich diesen Weg oft gegangen, schweren Schrittes, leichten Herzens und umgekehrt, immer den Rucksack auf dem Rücken und einen Hund neben mir. Zwei Sommer lang war er vom Dorf aus mein Nachhauseweg.

Und ich habe stundenlang vor der Hütte gesessen, an heißen Tagen und in kühlen Nächten, bei Voll- und bei Neumond, bei Regen und sogar Ende August bei Schnee. Ich habe die Weiden im Frühling grün und im Herbst braun werden sehen. Zwei glückliche Sommer. Lehrjahre, in denen ich freie Hand hatte mit den Tieren.

Sooft ich es brauchte, holte ich mir Rat und Hilfe bei Bino. Zwei- bis dreimal in der Woche kam er, um nach dem Rechten zu schauen: »Zeit, die Weide zu wechseln!« Bei schweren Arbeiten ging ich ihm zur Hand. Bei mir fremden Verrichtungen stand ich daneben und »stahl mit den Augen«.

Es soll zwei Sorten von Hirten und Hirtinnen geben. Die einen bleiben ein, zwei Sommer und kommen nie wieder. Die anderen packt es so, dass sie nie mehr etwas anderes im Sommer machen wollen. Ich gehöre zu Letzteren. Nach meiner Lehrzeit übernahm ich die Alp von Franz. Er wechselte zu einer Alp näher am Dorf.

Meine neue Hütte liegt auf tausendzweihundert Meter Höhe, Südhang. Die Rinderherde ist etwas größer. Hier bin ich allein zuständig für Haus und Hof und alles, was dazugehört. Susanne hirtet unterdessen nicht mehr, kommt mich aber jeden Sommer besuchen. Bei Arbeiten, die meine Kräfte und Fähigkeiten übersteigen, ist mir Franz als perfekter Handwerker eine unschätzbare Hilfe. Im Gegenzug helfe ich ihm etwa bei der Heuernte.

Wenn ich von diesem Ort spreche, sage ich gern: meine Alp. Das ist nicht ganz richtig, denn sie gehört mir nicht. Ich bin hier als Hirtin angestellt. Da mir bis heute kein Ort begegnet ist, an dem ich den Sommer über lieber leben, keine Arbeit, die ich lieber machen würde, fühle ich mich der Alp zugehörig, meiner Alp.

… IN EINEN NEUEN SOMMER

In meiner Winterheimat erwacht der Löwenzahn aus Liebe zur Sonne: das Zeichen zum Aufbruch. Mein Sommer beginnt. Alpsommer, von Mai bis Oktober.

Obgleich oft erlebt, ist es immer wieder ein beglückendes Gefühl, wenn ich zum Sommeranfang das erste Mal hinaufgehe. Meine Sinne sind geschärft, mein Geist ist klar wie die Richtung, die ich einschlage. Ich stelle mein Auto vor dem Schild »Fahrverbot, Busse 50,–« ab. Anfangs dachte ich, dass Busse hier fahren dürften gegen eine Gebühr von fünfzig Franken. In Anbetracht der Wegverhältnisse war das mehr als unwahrscheinlich. Später kapierte ich, dass die Schweizer anstelle von »ß« Doppel-s schreiben.

Ab hier gehe ich zu Fuß weiter. Neben mir Rufus, mein jetziger Hund. Das erste Stück Weg ist steil und geschottert. Die Steine unter meinen Füßen knirschen, und meine Schritte werden kürzer, je höher ich komme. Am rechten Wegrand sehe ich jeden verblühten Huflattich, jede Pestwurz. Am Ende dieses steilen Stücks steht der ausladende, üppige Wacholderstrauch, der von Jahr zu Jahr breiter wird. Hier muss ich rasten. Dass der Weg nach der Winterpause so anstrengend ist, war mir entfallen. Ich ziehe einen Wacholderzweig durch meine Hand und rieche daran: unverkennbar, dieser leicht herbe, süße Geruch. Herrlich, wieder hier zu sein!

Hinter dem Strauch verlasse ich den breiten Weg nach rechts und gehe weiter auf einem Naturpfad, der bis zum Bach oft feucht ist, selbst bei trockenem Wetter. Nach Indianerart studiere ich die Fußspuren. Große und kleine Füße liefen in meine Richtung. Die Ränder der Spur sind ausgetrocknet, sie ist bestimmt vom vergangenen Wochenende. Der Größe nach waren es ein Mann und ein Kind. Wollten sie vielleicht zu mir, um nachzusehen, ob ich schon oben bin? Urs und Regula womöglich. Oder einfach nur Spaziergänger. Wenn es Besuch für mich war, hoffe ich, dass sie mir eine Nachricht hinterlassen haben. Einen Zettel an der Tür, einen Stein auf der Bank, eine Blume an der Klinke, einen unübersehbaren Willkommensgruß. Es würde mir gefallen, erwartet zu werden.

Hinter der kleinen Brücke, dem Brückli, schiebe ich die Ärmel meiner Jacke hoch und tauche die Unterarme ins Bachwasser. Schön kalt. Die Erlen am Ufer sind dabei, ihr Laub neu zu erfinden. Gleich hier beginnt Nachbars Weide mit einem Meer von Breitwegerich, ausgelegt wie ein Teppich, um mich zu empfangen, willkommen zu heißen im neuen Sommer. Er liegt bis zu der Stelle, wo der Weg wieder steiler wird. Ein Stück bergan, durch das breite Holzgatter hindurch, und jetzt bin ich auf meinem Terrain. Mein Herz klopft. Ich bin aufgeregt. Durch den Wald wird der Weg steinig, Geruch von feuchtem Moos und Frühlingstannenspitzen steigen mir in die Nase.

Als ich aus dem Wald komme, liegt vor mir die Weide. Grün, übervoll grün. »Es ist eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese Kraft ist grün«, schrieb Hildegard von Bingen vor achthundert Jahren. Grün in allen Schattierungen. Dunkleres Grün dort, wo die Wiese feucht ist, lichteres Grün auf den Hügeln, wo später der Quendel wachsen wird. Die größte Fläche nimmt das Grün des jungen Grases ein, talwärts begrenzt vom Tannengrün des Nadelwaldes. Meine Augen suchen nach Schlüsselblumen. Die liebe ich doch so. Ich glaube, weil sie sich auf dem Mai-Altärchen im Schlafzimmer meiner Kindheit am längsten frisch hielten im Gegensatz zu den Sumpfdotterblumen oder dem Wiesenschaumkraut, das schon nach zwei Tagen welk war.

Um mich herum sprießt junges Leben. Ich lasse mich davon erfassen und fühle mich für Augenblicke so neu wie der Frühling. Ich weiß genau, von welcher Stelle aus ich die Spitze des Dachs sehen kann. Für die letzten Schritte bis dorthin würden meine Beine gern schneller werden. Unmöglich. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Neugierde, Erwartung, gepaart mit Vorfreude. Ist noch alles so, wie ich es im Kopf habe?

Da ist es, das graue Dreieck des Dachs, das in den blauen Himmel ragt. Unverkennbar. Einige Meter weiter zeigt sich das Haus in voller Größe. Der abgeflachte, stirngleiche Giebel, die nach Süden ausgerichtete Frontseite, das in der Sonne glitzernde Fensterglas, die Eingangstür. Im Vordergrund der Gartenzaun, rechts davon der alte Kirschbaum. Allen Kräften sei Dank, er hat den Winter aufrecht überstanden. Staunend stehe ich, als sähe ich das zum ersten Mal. Lächelnd erkenne ich alles wieder. Das Bild vor meinen Augen bleibt, auch als ich sie schließe.

Angekommen. Um es überall in meinem Körper, bis in die Fuß- und Fingerspitzen, zu spüren, setze ich mich ins Gras, lehne den Rücken an den dicken Stein, atme die klare Luft und erfasse allmählich – jetzt ist es Sommer.

Auf den letzten Metern bis zur Hütte begrüße ich den Kirschbaum, indem ich ihm über die Rinde streiche. Am Trog stille ich meinen Durst mit frischem Quellwasser. Dann passiere ich das Törchen, laufe ums Hauseck, steige die vom Wetter ausgelaugten Holzstufen hinauf und stehe vor der Eingangstür, die direkt in die Küche führt. Als die Tür aufschwingt, flutet zusätzliches Licht in den durch die beiden Fenster erhellten Raum.

Ich halte inne und lasse den Blick wandern. Gegenüber die Stalltür, deren hölzerner Klappriegel in dem geschnitzten Maul liegt. Links daneben das Hängeregal, übers Eck gebaut. Darunter der massive Wandtisch mit der zur Raummitte hin abgerundeten Ecke und der geölten Oberfläche, dunkel wie Tannenhonig. Die angrenzenden Treppenstufen zur Heubühne sind so gedreht, dass die ausgetretene Kuhle der ehedem vorderen Hälfte jeder Stufe nach hinten zeigt, wodurch die Trittfläche jetzt eben ist und man weniger leicht ausrutscht. In der Ecke steht der gusseiserne Herd – Wärmequelle und Kochstelle zugleich – mit dem Wasserschiff, das, tief in den Ofen versenkt, für heißes Wasser sorgt. Die Holzwand dort wurde durch einen Brand vor dreißig Jahren zerstört und zur Sicherheit durch eine Steinwand ersetzt. Ursprünglich hatte der Raum eine offene Feuerstelle, auf der die Milch zur Käseherstellung in einem Kupferkessel erwärmt wurde.

Rechts neben der Stalltür, in der dunkelsten Ecke der Küche, teilt ein fast ein Meter breiter senkrechter Balken die Wand, ähnlich einer Tapetenbahn. Alle Achtung vor den Zimmerleuten, die so eine Fläche mit dem Beil behauen haben. Dort hängt mein eigens für diesen Platz in strahlendem Gelborange gemaltes Bild, genau über dem Küchentisch mit den gekreuzten Beinen. Der Boden besteht zum Herd hin aus Natursteinplatten, großen und kleinen, uneben, unverfugt. Daran schließen sich, leicht erhöht, abgetretene, unbehandelte Holzdielen an, mit fingerbreiten Spalten dazwischen. Über dem Ganzen geschwärzte Deckenbalken und -bretter, die der Küche etwas Höhlenartiges geben, ohne jedoch erdrückend zu wirken.

Nachdem meine Augen alles aufgenommen haben, trete ich über die Türschwelle, die sich zur Mitte hin um die Hälfte verjüngt hat, seit vor zweihundertfünfzig Jahren Menschen hier ein und aus zu gehen begannen.

Jetzt ist er da, der Geruch von Alpsommer. Der Geruch von unzähligen Sommern. Der Geruch von Rauch, eingezogen ins Gebälk. Der Geruch, den die Tiere zurückgelassen haben. Dieser Geruch, den kein Sturm, kein Regen, keine Sonne, kein Mensch dieser Küche nehmen kann. Der Duft von Sommerheimat!

PFLICHTEN UND FREIHEITEN

ALLEIN UNTER RINDERN

Bong-bong-bong.« Die Glocken vom … Wo bin ich? … Königssee. »Bong-bong.« Die Glocken vom … Petersdom. Was mache ich hier, was geht hier vor? Träume ich, oder was ist los?

»Ähähähähä, ähähähähä.« Klar, das sind die Ziegen im Stall. Und das Bong, das kommt von der alten Kuh, die fertig gefrühstückt hat und in den Stall will. Wie spät ist es denn? Durch einen Schlitz zwischen den Lidern sehe ich, dass es bereits hell ist. Ich springe aus dem Bett und hoffe, dass noch nicht alle Rinder, von Fliegen geplagt, vor der Tür stehen. Schnell die Treppe hinunter, rein in den Blaumann und ab in den Stall.

Die obere Hälfte der Stalltür ist offen und gibt den Blick auf den Kopf von »Mutterschiff« frei. Sie ist allein gekommen. Ihre geschwungenen Hörner erinnern an den Dreispitz des Wassermannes, dem der mittlere Zacken fehlt. Sie blickt mich an, als sei sie mal wieder früher dran als ich, was ja auch der Fall ist. In der Geschwindigkeit, in der ich ihr die Tür öffne, bewegt sie einen Huf nach dem andern vorwärts. Zielstrebig durchquert sie den Stall. Dabei schaukelt ihr schwerer Körper wie ein Schiff auf hoher See, optisch unterstützt durch den großen, samtigen Felllappen an ihrem Hals, der rhythmisch hin- und herschwingt.

An ihrem Platz wartet sie darauf, dass ich sie anbinde. Dazu lege ich ihr den Strick um den Hals und fädle den Knoten des einen Endes durch die Schlaufe des anderen. »Mutterschiff« ist das größte und gutmütigste Tier im Stall. Von Haus aus heißt sie Isabell. Welch ferner Name für dieses Tier mit seinen milden Augen, dem massigen Leib, dem weichen Bauch und dem zärtlichen Wesen.

Zurück in der Küche, schaue ich auf die Uhr, der kleine Zeiger steht auf sechs. Herrje, ist das früh! Bis die restlichen sechsunddreißig Tiere kommen, habe ich lange Zeit für eine Milch mit Kaffee. Einen Löffel lösliches Kaffeepulver in die Tasse und damit unter die erste Ziege. In der linken Hand die Tasse, in der rechten die pralle Morgenzitze. Mit noch steifen Fingern, aber kräftiger Hand melke ich. Während das typische »Tssschhh« meine Ohren erreicht, verwirbelt das braune Pulver mit der Milch, schäumt auf und quirlt die Tasse voll. Der letzte Spritzer aus der Zitze lässt das Häubchen über den Rand wachsen wie bei einem Cappuccino. Leider nur lauwarm.

Mit diesem Morgengetränk setze ich mich auf die Veranda. Welch eine Schönheit um mich herum! Klare Luft, blitzblanker Himmel, die Erde ruht noch unter einem Nebelschleier. Im Osten schickt die Sonne ihre ersten Strahlen über den Wald gen Himmel, während im Westen die zunehmende Mondsichel verblasst. Beide gleichzeitig am Himmel, das gebe es nicht, hat ein Lehrer mal behauptet. Von wegen.

Vor mir, auf dem fast ebenen Teil der unteren Weide, mache ich ein paar meiner Tiere aus. Das unter dem Kirschbaum zeigt mir die Breitseite mit dem braunen »Fußball hinten rechts« als Erkennungszeichen. Eindeutig, das ist Burri 6. »Guck in die Luft«, ihre Stallnachbarin, Burri 5, und die drei unzertrennlichen Kälber grasen am Zaun zur Heumatte. Auf einem ihrer Lieblingsplätze, der kleinen Anhöhe, wo früher der Garten war, träumen einige noch im Liegen. Weiter weg stehen Rinder zwischen den Wacholder- und Weißdornbüschen und bei den großen Tannen am Bach. Die ganz unten am Waldrand erkenne ich nur noch als Rinderflecken.

Ihretwegen bin ich hier. Rinder hüten auf der Alp. Meine Rinder, die nicht mir gehören, mir jedoch über den Sommer anvertraut sind. Alles Frauen von fünf verschiedenen Bauern in der Altersklasse Kalb bis trächtiges Rind, das macht eine Spanne von etwa zwei Jahren. Sie haben das Privileg, einen Sommer lang auf der Alp zu sein, bevor sie als Kühe den Rest ihres Lebens im Unterland bei ihren Bauern verbringen. Man sagt, dass die Tiere, die in ihrer Jugend z’Berg (auf der Alp) waren, robust und genügsam sind, dass sie ihr Fressverhalten dem Nahrungsangebot besser anpassen können als solche, die immer »unten« waren. Ein Alpsommer, eine Erfahrung fürs Leben.

Dass die Tiere tagsüber im Stall sind statt nachts, ist in dieser Gegend üblich. In der Sommerhitze draußen, von Fliegen, Bremsen und Rossbremsen geplagt, würden die Rinder unruhig hin und her laufen, vom Wassertrog zum schattigen Platz im Wald, zur Freundin am anderen Ende der Weide und zurück in den Wald. Auf diesen Wegen würden sie Gras zertreten, das zum Fressen gedacht ist. Wären die Tiere tagsüber draußen und nachts drinnen, müsste man ihre Anzahl reduzieren, um alle satt zu bekommen.

Vor wenigen Jahren hat der Bauer Nydegger, dem die Alp zu einem Drittel gehört, seinen Milchbetrieb auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Das heißt, er hat nun Kühe, die von ihren Kälbern leer gesaugt werden, sodass sich die Milchverarbeitung für den Menschen erübrigt. Von diesem Bauern habe ich seither alle Jahre mehrere Kühe mit ihren Kälbern. Einige von ihnen kommen Sommer für Sommer wieder. So eine ist »Mutterschiff«. Sie weiß, wo das schönste Gras wächst, kennt den Weg zur Hütte und beansprucht jedes Jahr denselben Platz im kleinen Stall. Dort stehen die Tiere einreihig, während im großen Stall davor, direkt neben der Küche, die Rinder rechts und links vom Mittelgang angebunden werden.

Unterdessen überschüttet die Sonne die Spitze des Hausbergs im Westen mit Morgenlicht und klettert bedächtig auf Strahlenfüßen talwärts. Noch ist es kühl. Ich wickle mir die Decke um den Leib, damit meine Nieren es warm haben, und lege die Füße hoch auf die untere Stange des Verandageländers. Die Talseite gegenüber liegt noch völlig im Schatten. Ihr einheitliches Grau hebt sich als klare Kontur gegen den makellosen Himmel ab.

Vor diesem Hintergrund ist die aus dem Tal steigende Feuchtigkeit der Nacht, die als Nebel nach oben schwebt, besonders zauberhaft. Ständig wandeln sich die Nebelbilder. Der Seelöwe wird zur Maus. Die Maus fusioniert mit dem Nachbarnebel zum breitfüßigen Zwerg, dem langsam Hörner wachsen. Diese Formen, in denen meine Augen nach Bekanntem suchen, werden flüchtiger, je weiter sie gen Himmel steigen. Eben noch Phönix aus der Asche, löst sich eine Figur auf, wird zu Himmel. »Wenn die Hasen Kaffee kochen. Nebel steigt, wird das Wetter gut.« Mir ist das sehr recht. Nach den verregneten ersten Wochen dieses Sommers sehnen sich mein Körper und mein Gemüt nach Sonne.

Die Wärme setzt sich neben mich auf die Bank. Wieso neben mich? Ich bemerke zum ersten Mal, dass um diese Tageszeit der Ahornbaum vor dem Haus seinen Schatten bis zu meinem Morgenstammplatz wirft. Der muss gewachsen sein seit letztem Sommer. Ich rücke einen Meter nach rechts ins Licht, recke mein Gesicht der Sonne entgegen und schließe die Augen. So liebe ich es!

Es riecht nach Sommermorgen: frisch, feucht, lebendig. Meine Ohren hören nahes und fernes Läuten von Glocken, monotones Lamentieren aus dem Hühnerstall. Und wenn ich genau hinhöre: leises Rauschen der Ahornblätter im Wind. Dazu das Klopfen des Hundeschwanzes auf meinem Fuß. Rufus genießt es, sich der Sonne hinzugeben, während sein Schwanz vor Freude rhythmisch schlägt, als müsse er meine Socken entstauben.

Die Glocken kommen näher. Die ersten Burris sind im Anmarsch, die Tiere vom Bauern Hansruedi Burri. Ihm gehören zwei Drittel der Alp. Und er hat die meisten und liebsten Tiere hier. Ich meine damit, sie sind die anhänglichsten und folgen mir am besten, besonders die Kälber. In der Stalltür empfange ich sie freundlich: »Ja lua du daa. Awui umme, ihr Schönen.« (Ja schau her. Alle da, ihr Schönen.) Bei den Tieren macht ausschließlich der Ton die Musik. So rede ich mit jedem, während ich eines nach dem anderen am Glockenband zu seinem Platz führe.

Die Tiere sind jetzt schon eine Weile hier, und einige wissen bereits, wo sie jeden Morgen angebunden werden. Sie stehen bauernweise, so sind viele von Haus aus Nachbarinnen. Unterdessen kenne ich sie alle. Das einzige Tier, das von hinten bis vorn grau ist, und das einzige ebenmäßig braune konnte ich mir auf Anhieb merken. Leicht zu erkennen ist auch »Mummenschanz«,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Alpsommer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen