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Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. 1. Teil
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  1. 2. Teil
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  17. 16
  18. 17
  19. 18
  20. 19
  21. 20
  22. 21
  1. 3. Teil
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  17. 16
  18. 17
  19. 18
  20. 19
  21. 20
  22. 21
  23. 22
  24. 23
  25. 24
  26. 25
  27. 26
  28. 27
  1. 4. Teil
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
  8. 7
  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  13. 12
  14. 13
  15. 14
  16. 15
  17. 16
  18. 17
  1. 5. Teil
  2. 1
  3. 2
  1. Danksagungen

Über den Autor

J. T. Brannan ist ehemaliger Berufssoldat und liebt alles, was mit Action zu tun hat: Kampfsportarten, Bruce-Willis-Filme und rasante Pageturner. Vor allem Letztere haben es ihm angetan, sodass es nur eine Frage der Zeit war, bis er mit ALPHA seinen ersten eigenen Thriller schrieb. J. T. Brannan lebt mit seiner Frau und ihren zwei Kindern in England. Weitere Informationen erhalten Sie auf www.jtbrannan.com

 

»Drei Leute können ein Geheimnis wahren,
wenn zwei von ihnen tot sind.«

Benjamin Franklin, Poor Richard’s Almanack

1

Lynn Edwards öffnete die Tür des Basislagers und trat in eine Eishölle hinaus.

»Wo habt ihr ihn zuletzt gesehen?«, schrie sie gegen den heulenden Wind an. Dem Mann vor ihr stand die Panik ins Gesicht geschrieben.

»Auf dem Kamm!«, schrie Stephen Laverty zurück und wies in die unendlich weite, eisbedeckte Wildnis hinter sich.

Lynn sah über Lavertys Schulter. Der Kamm lag über vierhundert Meter entfernt – in der wirklichen Welt nicht weit, aber hier draußen in der Antarktis, auf dem Pine-Island-Gletscher, hätten es ebenso gut viertausend sein können. Was hatte er bloß dort zu suchen?

»Er ist weiter hinausgegangen, um eine bessere Stelle für seine Messungen zu finden«, rief Laverty, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Aber der Kamm ist abgerutscht und hat ihn mitgerissen.«

Dies war nicht der richtige Zeitpunkt für Schuldzuweisungen, aber der Vermisste hätte es besser wissen können. Lynn war die Forschungsleiterin des NASA-Teams, das den rasch schmelzenden Gletscher untersuchte, und Tommy Devane war für die Heißwasserbohrungen verantwortlich, die einen wichtigen Teil dieser Mission ausmachten. Die Stellen dafür waren bereits peinlich genau ausgesucht worden, aber offensichtlich hatte Devane noch weitere Erkundungen anstellen wollen. Lynn wusste, dass solche unüberlegten Aktionen sich in der Antarktis fatal auswirken konnten.

Lynn spürte eine Bewegung hinter sich, drehte sich um und sah, dass vier weitere Teammitglieder zu ihnen getreten waren. Sie nickte und wies auf die ungezähmte Landschaft hinter Laverty. »Dort drüben«, erklärte sie ihnen. »Hinter dem Kamm.«

»Was zur Hölle hat er da gesucht?«, wollte Sally Johnson wissen. Die anderen pflichteten ihr murmelnd bei.

»Darüber können wir später diskutieren«, schrie Lynn. »Jetzt müssen wir ihn erst mal zurückholen.« Sie stemmte sich in den brutalen antarktischen Wind. »Und jetzt los!«

Der Pine-Island-Gletscher, auch als PIG bekannt, ist einer der zwei größten Gletscher, die das Westantarktische Eisschild ins Meer schieben und in die Amundsen-See kalben; ein gewaltiger Eisstrom, der vom Hudson-Gebirge aus in die Pine-Island-Bucht fließt. Satellitenbilder zeigen, dass sich dieser Prozess in den letzten Jahren beträchtlich beschleunigt hat, sodass er mehr Eis ins Meer entlässt als jede andere Flussmündung auf dem Planeten.

Lynn Edwards’ Team hatte die Aufgabe, sich einen Überblick über die Interaktion zwischen Meer und Eis zu verschaffen, indem die Wissenschaftler komplexe Messungen vornahmen, um dann aus den Ergebnissen ein Modell herzustellen, das ein virtuelles Bild der Vorgänge auf dem gesamten Gletscher abgeben sollte.

Der PIG selbst befand sich in einem der entlegensten Gebiete des gewaltigen Eiskontinents und lag achthundert Meilen von der nächsten ständig besetzten Forschungsstation entfernt. Lynn und ihr Team waren vor gerade einmal einer Woche von der großen US-Forschungsstation McMurdo hergekommen, die etwa tausend Meilen südlich lag. Sie waren mit einer kleinen Twin-Otter-Maschine geflogen und bei dem alten Matrix-Basislager gelandet, das sie wieder geöffnet hatten.

Die Woche war gut verlaufen. Lynn hatte mithilfe ihres Teams aus acht handverlesenen Wissenschaftlern das Basiscamp rasch und effektiv organisiert.

Am zweiten Tag hatten sie den Kamm entdeckt. Er lag nur vierhundert Meter vom Basislager entfernt, erhob sich über hundert Meter hoch aus der Oberfläche des Gletschers und bildete eine lange, schneeweiße Linie am eisigen Horizont. Der Steilhang auf der anderen Seite – den Devane anscheinend hinuntergestürzt war – reichte fast dreimal so tief nach unten; eine leicht schräge Klippe, die beim Kalben des Gletschers zurückgeblieben war.

Die Eintönigkeit der kahlen weißen Landschaft machte die Orientierung und die Einschätzung von Entfernungen fast unmöglich, und Lynn konnte nur beten, dass Stephen Laverty in der Lage sein würde, sie wieder an die Stelle zu führen, wo er Devane zuletzt gesehen hatte.

Wenn nicht, würde Tommy innerhalb einer Stunde tot sein.

Tommy Devane bewegte sich vorsichtig und tastete nacheinander erst seine Gliedmaßen, dann seinen Hals ab. Nichts gebrochen.

Erleichtert seufzte er auf und sah zum Gipfel des »Kamms« hoch, der aus diesem Blickwinkel eher wie ein Berg wirkte. Er wusste, dass er Glück gehabt hatte – sein thermoelektrischer Anzug hatte den größten Teil des Aufpralls abgefedert. Dann verfluchte er sich laut für seine Dummheit. Er war schließlich ein Profi! Was hatte er sich nur dabei gedacht?

Er schob die Gedanken beiseite. Selbstmitleid half ihm nicht weiter, so viel war sicher. Aber er wusste auch, dass er, obwohl das Basislager nur vierhundert Meter entfernt lag, bald tot sein würde, wenn es ihm nicht gelang, wieder über den Kamm zu klettern. Er blickte zu dem Berg hoch, der über ihm aufragte. Sein steiler Hang spottete all seinen Hoffnungen. Ja, ganz bestimmt. Ohne viel Hilfe würde er es nicht wieder nach oben schaffen.

Er wusste, dass Laverty Hilfe holen gegangen war, aber er wusste auch, dass er womöglich nie gefunden würde.

Doch er war nicht bereit, der Panik nachzugeben. Mühsam rappelte er sich auf die Beine und begann den Kamm zu untersuchen. Der Abhang fiel beinahe senkrecht ab und bot außer Eis keinen Halt. Sein Instinkt sagte ihm, am Kamm entlangzugehen und zu versuchen, ihn irgendwie zu erklettern, doch sein Kopf befahl ihm, zu bleiben, wo er war. Wenn Laverty das Team zu der Stelle führte, an der er abgestürzt war, und ihn dort nicht mehr vorfand, steckte er in ganz, ganz großen Schwierigkeiten.

Daher würde er warten. Er würde warten und …

Was in aller Welt …?

Devanes Augen weiteten sich, als er nur ein kleines Stück weiter am Fuß des Kamms das geisterhafte Bild erblickte.

War das möglich?

Er schüttelte den Kopf, ohne seinen Blick losreißen zu können. Es war ein Körper, der im Eis begraben lag.

Ob das nun klug war oder nicht, er wusste, dass er hingehen und nachsehen musste.

2

Endlich hatten Lynn und ihr Team den Kamm erreicht. Sie kletterten um den Rand herum, wobei sie darauf achteten, nicht auf loses Eis zu treten, um nicht wie Devane abzustürzen.

»Ist das die Stelle, an der Sie ihn zuletzt gesehen haben?«, wollte Lynn von Laverty wissen. Der Wind hatte nachgelassen, sodass sie miteinander kommunizieren konnten, ohne zu schreien. Ein Luxus.

Laverty nickte. »Ja, ich bin sicher.« Er wies auf die Anzeige seines wetterfesten GPS-Geräts. »So sicher, wie es geht, jedenfalls.«

Lynn nickte ebenfalls. »Okay.« Sie wandte sich dem Rest der Gruppe zu. »Otis?«

Ein kleiner, drahtiger Mann trat vor. Otis Burns war der leitende Ozeanograf des Teams und außerdem der versierteste Bergsteiger. Mit seinen durchtrainierten hundertvierzig Pfund war ihm klar, dass die Wahl auf ihn fallen und er den Kamm hinabsteigen würde. Er grinste Lynn zu. »Seil mich an, Baby«, sagte er augenzwinkernd.

»Ganz ruhig!«, rief Lynn den drei Teammitgliedern zu, die das Seil am Rand des Kamms sicherten. »Langsam!« Sie spähte hinüber, so weit sie konnte. »Siehst du schon was?«, rief sie Burns zu, der sich inzwischen mindestens dreißig Meter auf der anderen Seite hinuntergelassen hatte.

»Nichts!«, scholl seine Stimme aus der eisigen Tiefe herauf. »Ich kann da unten absolut nichts erkennen!«

»Okay, wir machen weiter«, antwortete Lynn. »Lassen Sie sich …«

»Warten Sie!« Das ganze Team hörte den Schrei, dessen Tonfall unverkennbar war. Burns hatte etwas gefunden. »Ich glaube, ich sehe etwas in Richtung Westen! Ich … Ja, da bewegt sich jemand, ganz unten am Boden!«

Ein kurzes Schweigen trat ein, und die Frau und die beiden Männer, die das Seil hielten, spürten, wie es sich leicht bewegte, und wussten, dass Burns seine Haltung geändert hatte und so herumschwang, dass er die Person, die er gefunden hatte, sehen konnte. »Hey!«, hörten sie Burns rufen. »Hier herüber!«

Nervös wartete Lynn neue Meldungen ab. Doch Burns’ nächste Worte verblüfften sie mehr als erwartet. »Er ist es! Es geht ihm gut.« Eine Pause. »Aber er will, dass wir zu ihm hinunterkommen!«

Lynn runzelte die Stirn. Was zum Teufel …

Zwei Stunden später befand sich die Hälfte des Teams unten bei Tommy Devane, der einen neuen Thermalanzug und Notrationen bekommen hatte, obwohl er in seiner Aufregung Letztere beinahe abgelehnt hätte. Und als Lynn sah, was er am Grund des Kamms entdeckt hatte, überraschte sie das nicht im Mindesten.

Der Körper war nur teilweise mit Eis bedeckt. Die Gletscherschmelze hatte eine Hälfte befreit, die durch die eisigen Bedingungen perfekt mumifiziert war. Es war der Leichnam eines modern aussehenden Mannes; blond, kurzhaarig und glatt rasiert. Er hätte beinahe als einer von ihnen durchgehen können. Wer war er? Was hatte er hier gesucht? Wie war er gestorben? Und wie lange war das her? In rascher Folge rasten die Fragen durch Lynns Kopf.

Sie wusste, dass die Leiche wirklich sehr alt sein konnte – 1991 hatte man in den italienischen Alpen die gefrorene Mumie eines Mannes entdeckt und die Radiokarbondatierung hatte erwiesen, dass er gut über fünftausend Jahre alt war. Aber dieser Leichnam war anders. Zuerst einmal war er in einen Stoff gekleidet, wie sie ihn noch nie gesehen hatte.

»Was hat er an?«, fragte sie Devane, der die Leiche untersucht hatte, während er darauf wartete, dass das Team zu ihm stieß.

»Ich bin mir nicht sicher. Irgendeine Art speziell ausgerüsteten Stoff. So etwas habe ich noch nie gesehen. Er wirkt unglaublich komplex.«

»Eine militärische Spezialoperation?«, wandte sich Lynn an Jeff Horssen, einen Datenanalysten, der früher für die US National Security Agency gearbeitet hatte, ein Entwicklungszentrum für Militärtechnologie, die der Durchschnittsbürger nie zu Gesicht bekam.

Horssen untersuchte den Stoff, der durch das Eis außerordentlich gut erhalten war. »Schon möglich. Ich weiß zumindest, dass man dort an ziemlich fortgeschrittener Winterausrüstung arbeitet. Aber das hier ähnelt nichts, was ich je gesehen habe.«

Lynn sah wieder Devane an; seine Miene verriet ihr, dass das noch lange nicht alles war. »Also, was ist noch?«, fragte sie ihn.

»Keine Ahnung, wie fortgeschritten das ist«, erklärte er mit einer seltsamen Mischung aus Überraschung und Freude, »aber wie wäre es mit uralt?«

Die verwirrten Mienen seiner Teamkollegen entzückten ihn noch mehr. Als derjenige, der für die Heißwasserbohrungen zuständig war, war Devane es gewöhnt, Eisbohrkerne zu entnehmen – Eisstangen mit einem Durchmesser von dreißig Zentimetern, die ausgebohrt und aus mehr als einem Kilometer Tiefe hochgezogen wurden und mit ihren Schichten das Alter anzeigten wie die Ringe eines Baums. Lufteinschlüsse, die im Eis perfekt konserviert waren, konnten Informationen über das Klima in der Region liefern, die Zehntausende, ja sogar Hunderttausende von Jahren zurückreichten. Als Experte für dieses Thema wies er auf die steilen Eiswände des Kamms.

Lynn folgte seinem Finger und betrachtete die Steilwand für einen Moment, bis ihr die Erkenntnis dämmerte. »Oh, mein …«

»Ja«, bekräftigte Devane. Das Eis, das sich vom Hauptgletscher gelöst hatte, hatte Schichten an der Steilwand enthüllt, die wie ein offener Eisbohrkern wirkten. Man konnte sie meilenweit in der Breite verfolgen. »Nach diesen Schichten zu urteilen, schätze ich, dass der Mann, den wir gerade gefunden haben, vor mindestens vierzigtausend Jahren hier unter dem Eis begraben wurde.«

3

»Wir haben hier unten etwas gefunden«, verkündete Lynn den Teamkameraden in der Matrix-Basis über UHF-Funk.

»Was?«, kam die von der Statik verzerrte Antwort.

»Einen gefrorenen Leichnam. Mumifiziert. Möglicherweise sehr alt. Zusammen mit einigen ungewöhnlichen Artefakten.«

»Ach?« Lynn konnte die Verwirrung hören. »Was zum Beispiel?«

»Dinge, die wir besser nicht über eine offene Funkverbindung diskutieren«, entschied Lynn. »Wir kommen zur Basis zurück.«

Der Kurzwellen-Funkspruch wurde von dem Spionagesatelliten der National Security Agency aufgefangen und direkt an die Supercomputer im Hauptquartier der Behörde in Fort Meade, fünfzehn Meilen südwestlich von Baltimore, übermittelt. Innerhalb von fünfzehn Minuten hatte er verschiedene Analyseebenen durchlaufen; aber dann wurde die Nachricht auf Befehl eines einzigen Mannes nicht weiter verfolgt, sondern ging für immer »verloren«.

Zornig ballte Stephen Jacobs die Fäuste. Sie waren dem Abschluss so nahe. So nahe! Er konnte nicht zulassen, dass sich etwas dem Traum seiner Organisation in den Weg stellte. Ein mumifizierter Körper, der zusammen mit »ungewöhnlichen Artefakten« im antarktischen Eis begraben gewesen war? Natürlich brauchte das überhaupt nichts zu heißen. Aber Jacobs wusste auch, was es vielleicht bedeuten könnte, und eine solche Entdeckung würde zu viele Fragen aufwerfen, und das genau zur falschen Zeit.

Jacobs seufzte. Er würde mit seinen Vorgesetzten sprechen müssen. Auf keinen Fall durfte etwas den Traum gefährden.

»Was in aller Welt ist das denn nun?«, fragte Sam Maunders, ein Seismologe, als alle Teammitglieder wieder zusammen in ihrem provisorischen Zuhause in der Matrix-Basis waren.

»Soweit wir sagen können«, begann Lynn, während Devane Bierdosen aus dem Kühlschrank holte und verteilte, »ist es die Leiche eines Mannes – anscheinend identisch mit einem modernen Menschen –, der offenbar vor ungefähr vierzigtausend Jahren unter dem Eis begraben wurde.« Als Devane ihr über den Esstisch hinweg ein Bier zuschob, blickte sie auf, lächelte dankend und zog die Lasche auf. Was soll’s, dachte sie, während sie einen tiefen Zug aus der Dose tat. So eine Entdeckung macht man nicht jeden Tag.

»Wir haben den Körper in Kleidung vorgefunden, die modern wirkt«, fuhr Lynn fort.

»Inwiefern? Was meinen Sie?«, erkundigte sich Maunders fasziniert. Das hier war viel aufregender als Arbeitsschichten im Eis, so viel war sicher.

»Fortgeschrittene arktische Schutzkleidung, eine Art leichten, aber stark isolierenden Materials.«

»Aber was hat das zu bedeuten?«, fragte Joy Glass, die leitende Computeranalystin.

Lynn schüttelte nur den Kopf. »In diesem Stadium wissen wir es noch nicht.«

Anschließend ergingen sie sich in wilden Spekulationen über ihren Fund. Die Atmosphäre war überschwänglich, aufgeregt und einfach nur verrückt. Abgesehen von ihrer eigenen Mission war eine vierzigtausend Jahre alte Mumie viel spannender, als nur seismische Daten zu sammeln und Ozean-Modelle zu entwickeln. Möglicherweise hatten sie eine Entdeckung von welterschütternder Bedeutung gemacht …

Wenn es denn stimmte, wandte die Wissenschaftlerin in Lynn ein. Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, würden sie noch viel mehr Zeit für ihre Untersuchung brauchen und weit mehr Ressourcen. Sie war sich nur zu bewusst, welchen Schaden »Ötzi, der Eismann«, die in den Alpen gefundene Mumie, bei der Entdeckung genommen hatte. Die Behörden waren davon ausgegangen, dass der Mann, der von einem Bergwanderer-Ehepaar gefunden worden war, bei einem Kletterunfall gestorben war. Daher hatten sie auch nicht versucht, den Körper zu erhalten und zu schützen, sondern nur, ihn aus dem Eis zu befreien. Im Ergebnis hatten sie seine Kleidung zerrissen, seinen Bogen als Werkzeug eingesetzt, um ihn herauszuholen, und sogar mit einem Presslufthammer ein Loch durch seine Hüfte gebohrt.

Solche Fehler würden hier nicht passieren; Lynn war entschlossen, bei der Bergung und Untersuchung des Körpers streng wissenschaftlich vorzugehen. Diese Exaktheit, die sie auch dann an den Tag legte, wenn die Aufregung über eine Entdeckung sie zu überwältigen drohte, hatte sie in ihrem Berufsfeld an die Spitze gebracht.

Evelyn Edwards – für ihre Freunde Lynn – war hochbegabt, hatte in Harvard als Jahrgangsbeste abgeschlossen und sich dann mit Zähnen und Klauen an die Spitze eines immer noch stark männlich dominierten Arbeitsfelds hochgearbeitet.

Obwohl viele sie um ihr gutes Aussehen beneideten, hatte ihr das das Leben als Akademikerin nicht leichter gemacht. Als junges Mädchen war sie eher unscheinbar gewesen, und manchmal fragte sie sich, ob sie deswegen den akademischen Weg eingeschlagen hatte. Aber schließlich war sie zu einer schönen jungen Frau erblüht. Sie hatte eine glatte, olivfarbene Haut, die auf einen exotischen Einschlag in ihrer Ahnenreihe hindeutete, und dichtes, dunkles Haar, das ihre strahlenden, ungewöhnlich grünen Augen umrahmte. Ihr Körper war geschmeidig und sportlich und im Lauf der Jahre durch regelmäßiges Laufen am frühen Morgen, Training im Fitnessstudio und Kickboxen perfektioniert worden. Aber in der Welt der Wissenschaft führte ihr Äußeres häufig dazu, dass sie nicht richtig ernst genommen wurde; anscheinend waren viele Leute der Meinung, dass Frauen, die wie sie aussahen, unmöglich auch noch intelligent sein konnten. Sie hatte gegen diese Widrigkeiten gekämpft und mit ihrem Naturtalent die Bigotterie und Starrheit ihrer Umgebung überwunden, bis sie eine der Topwissenschaftlerinnen der NASA geworden war.

Doch gerade durch die Eigenschaften, die sie in ihrem Beruf auszeichneten, war sie in ihrem Privatleben gescheitert. Ihre Ehe hatte weniger als zwei Jahre gehalten, und sie wusste, dass sie einen großen Teil der Verantwortung dafür trug. Es war nicht Matts Schuld gewesen, nicht wirklich. Sie hatten einander sehr geliebt und sich innerhalb sehr kurzer Zeit verlobt und geheiratet. Wie sich herausstellte, war die Zeit zu kurz gewesen. Matt Adams war ein indianischer Fährtensucher, ein athletischer Mann, der gern im Einklang mit der Natur lebte, in Harmonie mit dem »Großen Geist«. Lynn hatte sich sofort von seiner ungezähmten, sorglosen Art angezogen gefühlt, verlockt von seiner kaum verhohlenen Begeisterung für alles und jedes. Er hatte wirklich gewusst, wie man das Leben nimmt. Und er hatte sie von ganzem Herzen geliebt.

Als Lynn jetzt an ihn dachte, spürte sie wie so oft auf dem Pine-Island-Gletscher, dessen Name so an sein Heimatreservat Pine Ridge in South Dakota erinnerte, ein schlechtes Gewissen. Sie fragte sich, ob er noch dort lebte und was er von ihrer neuesten Entdeckung halten würde. Bestimmt wäre er hocherfreut – er hatte ihr oft davon erzählt, dass indianische Mythen behaupteten, das Gebiet der Vereinigten Staaten sei vor Zehntausenden von Jahren von einem sehr fortgeschrittenen Volk besiedelt gewesen.

Bei dem Gedanken an ihn lächelte sie; doch dann schob sie die Erinnerungen beiseite und widmete sich wieder der anstehenden Arbeit – eine ihrer Eigenschaften, die sowohl Segen als auch Fluch war.

Sie griff nach dem abhörgeschützten Funktelefon und wählte die Nummer des NASA-Hauptquartiers. Eine solche Nachricht konnte nur nach ganz oben gehen.

Die Vermittlung meldete sich, und Lynn vergeudete keine Zeit. »Verbinden Sie mich mit dem Administrator.«

Samuel Bartholomew Atkinson war der Administrator der NASA, der »Weltraum-Oberhäuptling«, wie seine Leute ihn voller Zuneigung nannten.

Seine Liebe zum Kosmos reichte, wie seine Mutter behauptete, bis in die Zeit zurück, als er gerade drei war, und seitdem hatte er seine Weltraumkarriere mit einer geradezu grimmigen Leidenschaft verfolgt. Jetzt arbeitete er in seinem Traumjob und genoss jede Minute. Sicher, er traf auch auf Herausforderungen, aber welchen Spaß machte das Leben schon ohne Herausforderungen? Durch seine Stellung besaß er Kenntnisse über den Kosmos, die den Dreijährigen geängstigt hätten, aber dieses Wissen ging ihm inzwischen über alles.

Die Nachricht, die er eben von Evelyn Edwards erhalten hatte, war äußerst beunruhigend, und er würde seinen Vorgesetzten einschalten müssen. Er erklärte Lynn, er werde sich innerhalb der nächsten Stunde wieder mit ihr in Verbindung setzen.

Rasch wählten seine Finger auf dem abhörsicheren Telefon auf seinem Schreibtisch eine Nummer, und Stephen Jacobs nahm beim ersten Klingeln ab.

Atkinson erklärte ihm die Lage, so schnell er konnte, doch Jacobs unterbrach ihn mitten im Satz. »Ich weiß, Samuel. Und ich habe bereits mit unseren Freunden gesprochen.«

Atkinson wirkte erstaunt. Andererseits war Jacobs ein Mann, der immer für eine Überraschung gut war. »Und was haben sie gesagt?«

Jacobs räusperte sich. »Sie meinen, wir hätten eindeutig Grund zur Sorge. Es könnte eine Verbindung geben, obwohl man das ohne eine genauere Untersuchung nicht wirklich feststellen kann. Wir müssen die Situation kontrollieren.«

»Ja, Sir. Wie sollen wir vorgehen?«

»Okay«, erklärte Jacobs, »hören Sie gut zu. Ich möchte, dass Sie Folgendes tun …«

In dem engen, metallverkleideten Kommunikationsraum der kleinen Basis klingelte das Funktelefon. Sofort nahm Lynn ab.

»Hey, Lynn«, sagte Atkinson in seinem gutmütigen, freundlichen Ton. »Wie sieht’s bei Ihnen aus?«

»Aufgeregt«, bestätigte Lynn. »Wir sind aufgeregt, aber bereit, diese Sache richtig anzupacken. Was empfehlen Sie?«

»Sie bleiben einstweilen auf der Basis«, erklärte Atkinson. »Wir wollen die Fundstätte nicht gefährden. Ein Spezialistenteam befindet sich bereits auf dem Weg zu Ihrem Standort. Sie sollen mit diesem Team zusammenarbeiten und die Leute, so gut Sie können, unterstützen. Ist das klar?«

»Ja, Sir«, bestätigte Lynn. »Geschätzte Ankunftszeit?«

»Geschätzte Ankunftszeit ist 0700 morgen früh. Sie fliegen zuerst nach McMurdo und dann zu Ihnen. Sehen Sie zu, dass Sie den Leuten einen netten Empfang bereiten.«

»Das werden wir, Sir.«

»Und, Lynn?«

»Ja, Sir?«

»Die Sache ist als streng geheim eingestuft worden. Niemand sonst weiß davon, und wir wollen, dass das auch so bleibt. Außer über mich werden Sie jeden Kontakt zur Außenwelt ab sofort einstellen.«

Zehntausend Meilen entfernt, in seinem privaten Arbeitszimmer in Washington, legte Atkinson den Hörer auf und rieb sich die Augen. Diese Nacht würde lang werden.

4

Das Team traf wie versprochen am nächsten Morgen um Punkt sieben Uhr ein. Es landete mit zwei identischen Chinook-AH-46-Doppelrotoren-Hubschraubern nur fünfzig Meter von der Basis entfernt, sodass Schnee und Eis durch den mächtigen Abwind hoch in die Luft gewirbelt wurden.

Rasch stiegen je sechs Männer aus den Helikoptern und rannten mit gesenkten Köpfen unter den auslaufenden Rotoren hindurch. Lynn hielt ihnen die Tür auf und nahm sie in Empfang. Die Piloten würden später kommen, nachdem sie die Maschinen gesichert hatten.

Kein Wort fiel, bis die gesamte Mannschaft im Esszimmer versammelt war, dem größten Raum des kleinen Matrix-Basislagers.

Einer der Männer – Lynn fiel auf, dass das Team ausschließlich aus Männern bestand – trat vor. »Dr. Edwards?«, fragte er und streckte ihr eine riesige Pranke entgegen. »Major Marcus Daley, US-Army Ingenieurscorps.«

Lynn nahm die Hand und schüttelte sie fest. »Army?«, fragte sie verblüfft. Rasch ließ sie den Blick über die anderen schweifen, die sich hinter Daley zu einer fächerförmigen Formation aufgestellt hatten. Allerdings, ihre militärische Ausstrahlung war unverkennbar.

»Hey, wer würde sonst eine Notfall-Operation Tausende von Meilen von der Zivilisation entfernt durchführen? Entweder wir, oder Sie warten noch zwei Wochen auf ein ziviles Team. Wenn der Körper bereits freigelegt ist, wollen Sie sicher nicht, dass er verwest.«

Lynn nickte; sie verstand. »Ja, natürlich. Es tut mir leid. Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich hatte nur nicht mit einem militärischen Team gerechnet. Haben Sie schon einmal Leichen aus dem Eis freigelegt?«

Daley nickte ernst. »Es fallen ständig Soldaten in vereisten Weltgegenden. Und wir lassen nie einen Mann zurück.« Er sah Lynn in die Augen. »Jetzt bringen Sie uns zu dem Leichnam.«

Lynn musste gestehen, dass militärische Gründlichkeit etwas für sich hatte. Bis zur Mittagszeit hatten sich die Militäringenieure zum Fundort führen lassen, das Gebiet vollständig erkundet und einen detaillierten Plan aufgestellt, mit dem Lynn sich rasch einverstanden erklärt hatte. Anscheinend hatten sie tatsächlich Erfahrung mit so etwas.

In der Basis setzte sich Major Daley im Speiseraum mit Lynn und Devane zusammen. Auf dem Aluminiumtisch zwischen ihnen standen Tassen mit heißem Kaffee. Die beiden NASA-Wissenschaftler erklärten Daley, wie sie die Entdeckung gemacht hatten, und der Major stellte Fragen und machte sich Notizen.

»Dann sind Sie, seit Sie gestern Abend mit Atkinson gesprochen hatten, nicht wieder hinaus zu dem Leichnam gegangen?«

Lynn wechselte einen Blick mit Devane und schüttelte dann den Kopf. »Nein. Samuel hat uns befohlen, hierher zurückzukehren und zu warten, bis Sie kommen würden.«

Daley nickte. »Gut.«

»Warum?«, fragte Lynn, die sich nur allzu bewusst war, dass sie nicht ganz wahrheitsgemäß geantwortet hatte. Nach ihrer Versammlung und der Diskussion mit dem Team gestern Abend waren sie und Devane noch einmal den Kamm hinuntergestiegen, hatten den Fund mit hochauflösenden Kameras dokumentiert und sich detaillierte Notizen gemacht. Mit ihrer Spezialausrüstung war es ihnen sogar gelungen, ein paar Hautzellen von dem gefrorenen Leichnam abzulösen und ihm etwas Haar für eine spätere DNS-Analyse abzuschneiden. Außerdem hatten sie einen kleinen Streifen Stoff von der Kleidung abgetrennt, um ihn einem Radiokarbontest zu unterziehen. Angesichts des unvorhersehbaren Wetters auf diesem launischen Kontinent war es gut möglich, dass die ganze Fundstätte unter meterhohem Schnee lag, bis ein Spezialistenteam auftauchte. Der Leichnam ginge dann womöglich für weitere vierzigtausend Jahre verloren, und Lynn wollte verdammt sein, wenn sie das zuließ. Doch sie hatte ein ungutes Gefühl dabei, dies Daley gegenüber zuzugeben, und so befanden sich die Beweisstücke, die sie gesammelt hatten, jetzt in ihrem privaten Rucksack, der in ihrer Einzelkabine stand.

»Okay«, erklärte Daley. »Um fünfzehnhundert setzen wir Phase eins des Plans fort – die Freilegung des Leichnams. Wir legen ihn in eine der Kühl-Druckkammern an Bord des einen Chinook, und dann werden wir alle bis heute Abend zweiundzwanzighundert graben.«

»Wie bitte?«, fragte Lynn schockiert. »Wir sollen alle graben? Was ist mit unserer Arbeit?«

Daley setzte sich vollkommen über ihre Besorgnis hinweg. »Sie sind jetzt Teil einer großen wissenschaftlichen Entdeckung, Dr. Edwards«, erklärte er charmant. »Sie haben jetzt einen anderen Auftrag.«

Daley hielt Wort und sorgte dafür, dass sein Team den Leichnam bis zum selben Abend freigelegt und verladen hatte.

Seine Männer waren so gründlich, dass Lynn wider Willen beeindruckt war. Sie legten den Körper mit beinahe liebevoller Sorgfalt frei. Fasziniert sahen Lynn und Devane zu, wie immer mehr von dem uralten Leichnam enthüllt wurde. Die seltsame Kleidung bedeckte auch den Unterkörper und endete in so etwas wie Isolierstiefeln. Und dann war da noch etwas anderes, etwas Metallisches, das neben dem Körper begraben war.

Lynn trat heran, um sich das genauer anzusehen, wurde aber zurückgewinkt. »Bedaure, Dr. Edwards«, sagte Daley schroff und ungeduldig. »Diese Ausgrabungswerkzeuge, die wir benutzen, sind gefährlich. Bitte bleiben Sie in der Sicherheitszone.«

Enttäuscht, aber nicht erstaunt, zog sich Lynn zurück. Daley hatte sie überhaupt nicht dabeihaben wollen, aber sie hatte ihre Argumente beredt vorgebracht. Auch wenn die Militärs behaupteten, Erfahrung mit dieser Art von Arbeit zu haben, waren sie doch nicht mit den einzigartigen Bedingungen auf dem Pine-Island-Gletscher vertraut, und Lynn hatte ihm klar gesagt, dass sie fachmännischen Rat brauchten, um sicherzugehen, dass sie keinen Schaden anrichteten. Seismische Anomalien, plötzliche Bewegungen im Eis, Veränderungen der Luftströme – all das konnte gefährliche Eisschläge oder Schlimmeres auslösen.

Daley hatte kapituliert, aber auf höchstens zwei Helfern bestanden. Lynn war froh darüber, dass sie die Bergung beobachten konnte, bedauerte aber, dass der größte Teil ihres Teams keinen Anteil an dem aufregenden Erlebnis haben würde.

Major Daley und sein Team empfanden offensichtlich keine Entdeckerfreude. Sie gingen professionell an die Arbeit, nicht mehr und nicht weniger. Und um zehn Uhr an diesem Abend befand sich der Leichnam wie versprochen an Bord des ersten Helikopters, zusammen mit den Armee-Ingenieuren, während Lynn mit ihrem NASA-Team im zweiten Hubschrauber saß und zusah, wie die kleine Matrix-Basis in dem wirbelnden Nebel unter ihnen verschwand.

5

Durch das Fenster schaute Lynn auf die dunklen, eiskalten Wasser der Drakestraße hinunter, dem kleinen Stück Ozean zwischen dem Südpazifik und dem Atlantik, das Antarktika von Südamerika trennt.

Sie schienen sehr tief zu fliegen, und sie stellte fest, dass sie sich fragte, wo sie zum Auftanken landen würden. Der Chinook konnte nicht viel mehr als tausend Meilen Reichweite haben, womit sie irgendwo über Chile oder Argentinien wären. Besaß das US-Militär in einem dieser Länder Flugfelder? Vielleicht würden sie ja angesichts ihrer sensiblen Fracht auch in der Luft auftanken, sodass sie nicht zu landen bräuchten, ehe sie den Luftraum der USA erreichten.

Ihr Gedankengang wurde von Harry »Truman« Travers unterbrochen, dem leitenden Seismografen ihrer jetzt aufgegebenen Mission. »Wenigstens bekommen wir unsere Familie eher als gedacht zu sehen«, erklärte er ohne wirkliche Begeisterung.

Der Rest des Teams gab murmelnd seine Zustimmung zu erkennen; auch Lynn, obwohl sie sich nur allzu bewusst war, dass sie keine Familie hatte, zu der sie heimkehren konnte. Sie war ein Einzelkind, und ihre Eltern waren nicht lange nach ihrer Geburt bei einem Autounfall gestorben. Ihre Großmutter hatte sie aufgezogen, aber auch diese wunderbare Frau war ihr auf tragische Weise genommen worden, als sie vor gerade einmal zwei Jahren an Krebs gestorben war. Sie hatte keinen Mann und keine eigenen Kinder, niemanden.

Sie war froh, als Sally Johnson das Thema wechselte. »Was glaubt ihr, was jetzt mit uns passiert?«

Horssen brummte. Er war früher beim Geheimdienst gewesen und hatte eine ziemlich genaue Vorstellung von solchen Situationen. »Eigentlich ganz einfach«, sagte er. »Entweder bringen sie uns ganz groß raus, führen uns der Weltpresse vor und stellen uns ins Rampenlicht.« Er hielt inne.

»Oder?«, stellte Devane schließlich die Frage, die allen durch den Kopf ging.

»Oder sie stecken uns in Quarantäne und schaffen uns aus dem Weg. Kommt darauf an, als wie sensibel die Regierung den Fund des Leichnams einstuft. Denn so etwas ist genau so eine Angelegenheit, wie sie die Regierung vertuschen würde.«

Der Mann, der sich als Major Marcus Daley ausgegeben hatte, betrachtete am dunklen Himmel die Hecklichter des zweiten Helikopters, der tief über den Wellen flog.

Manche Aspekte seines Jobs liebte er und andere wieder nicht. Zufällig gehörte das hier zu dem Teil, den er gern tat. Viele Männer wären vor dem zurückgeschreckt, was er gleich tun würde, aber er dachte nie über eine andere Option nach. Das war natürlich kaltblütig, aber ihm war es einfach egal. Er handelte zum Wohl und Schutz der Organisation. Und dem ihres Traums.

Er zog die kleine Metallbox aus der Tasche seiner Cargohosen und überprüfte das blinkende Licht.

Noch einmal sah er, den Finger auf den Knopf gelegt, über das Meer zu dem zweiten Chinook hinüber und wartete auf den richtigen Zeitpunkt.

»Es wäre nett, wenigstens zu wissen, wohin wir fliegen«, erklärte Devane und reckte sich auf dem kleinen, engen Sitz.

Damit hatte er Lynns Gedanken gelesen. Sie sah aufs Meer hinaus und fragte sich genau das gleiche. Ach, zur Hölle. »Ich frage Gden Piloten«, verkündete sie, löste ihren Gurt und stand von ihrem eigenen schmalen Sitz auf. So hatte sie auf dem langen Flug wenigstens etwas zu tun.

Sie schnappte sich ihren Rucksack, lief den schmalen Gang entlang und stieß dabei gegen die Knie ihrer Teamkollegen. »Den können Sie ruhig hierlassen, wissen Sie«, witzelte Otis Burns. »Wir werden ihn schon nicht stehlen.«

Lynn errötete, denn sie wusste, dass Burns recht hatte. Und dennoch hatte sie das seltsame Gefühl, den Inhalt des Rucksacks schützen zu müssen; besonders jetzt, nachdem alle anderen Beweise sich im Besitz der US-Armee befanden.

»Was soll ich sagen?«, gab sie in ebenfalls scherzhaftem Ton zurück. »Ich habe eben Probleme, Leuten zu vertrauen.«

Lynn ging weiter durch den Gang und hatte zwei Schritte später die Tür zum Cockpit erreicht. Sie klopfte einmal, dann noch einmal. Keine Reaktion.

»Hallo?«, sagte sie und klopfte lauter. Sie rief und klopfte noch weiter, immer lauter. Immer noch antwortete ihr niemand.

Sie tastete nach dem Türgriff und drehte ihn um. Langsam öffnete sich die Tür, und Lynn trat in die Kabine.

Angesichts des Anblicks, der sich ihr bot, riss sie die Augen auf, und der Atem stockte ihr.

Commander Flynn Eldridge – der den Wissenschaftlern den falschen Namen Daley genannt hatte – korrigierte seine Haltung und reckte den Hals, um den zweiten Helikopter zu erkennen, der sich gerade einmal fünfhundert Meter auf ihrer Steuerbordseite befand. Seine Lichter waren winzige Punkte in der Dunkelheit.

Er sah auf die Uhr und überprüfte ein weiteres Mal die Koordination.

Dann warf er dem Navigator einen Blick zu. »Hier?«, fragte er, um sich zu vergewissern.

Der Navigator nickte. »Hier.«

Eldridge erwiderte sein Nicken und drückte auf den Knopf.

»Es ist niemand da, der den Helikopter fliegt!«, schrie Lynn entsetzt.

Als Lynn in die Kabine getreten war, hatte sie nicht wie erwartet Pilot und Navigator vorgefunden, sondern nur einen Raum, der bis auf ein einziges, grün blinkendes Licht an der Kontrolltafel vollkommen leer war.

»Wir werden ferngesteuert!«

Sofort geriet das ganze Team in Aufruhr. Alle sprangen von ihren Sitzen auf und liefen zum Cockpit, um es selbst zu sehen.

Und dann sah Lynn, wie das grüne Licht schneller blinkte und dann aufhörte.

Und zu Rot umschlug.

Fünfhundert Meter entfernt über der Drakestraße sahen Commander Flynn Eldridge und sein Team mit distanziertem, professionellem Interesse zu, wie neben ihnen ein gewaltiger Feuerball am schwarzen Nachthimmel aufflammte.

Sie beobachteten, wie der Feuerball sekundenlang in der Luft hing und versuchte, die Höhe zu halten, bevor er in das eisige Meer stürzte.

Eldridge nickte zufrieden.

Auftrag erledigt.

2. Teil

1

Triefäugig kippte sich Matt Adams lauwarmes Leitungswasser über seine Frühstücksflocken. Milch war teuer, und in seinem jetzigen Zustand schmeckte er ohnehin kaum einen Unterschied zwischen Milch und Wasser.

Adams hatte seit über einer Woche keine Nacht mehr gut geschlafen. Manchmal waren die Albträume so – sie kamen in Zyklen, oft zwei- oder dreimal pro Nacht, und dann ließen sie ihn wieder monatelang in Ruhe.

In der letzten Woche hatte er hier und da eine Stunde geschlafen, wenn sein Körper buchstäblich zusammengebrochen war; aber dann kamen die Träume zurück, und er war wieder hellwach und wollte auf keinen Fall die Augen schließen, so müde er auch war.

Er wusste, was sie verursachte – keinerlei Aussicht, dass er das je vergessen würde –, aber das änderte nichts daran, dass er nur noch ein Schatten seines alten Ich war, ein Wrack von einem Mann. Und die Nachricht, die er heute Morgen erhalten hatte, war auch nicht dazu angetan, seine Stimmung zu verbessern.

Evelyn Edwards – früher Evelyn Adams, damals, als sie verheiratet gewesen waren – war tot. Umgekommen bei einem Hubschrauberabsturz auf dem Rückflug von einer NASA-Mission in der Antarktis.

Die Wrackteile waren über die Drakestraße verstreut worden, und es war unwahrscheinlich, dass die Leichen je geborgen werden würden. Statt eines Begräbnisses würde für Lynn und ihr Team in knapp zwei Wochen in Washington eine staatliche Gedenkfeier stattfinden.

Es war die NASA gewesen, die angerufen hatte, um ihm die tragische Nachricht mitzuteilen und ihn zu der Gedenkfeier einzuladen. Außerhalb ihres beruflichen Zirkels gab es nicht viele andere Leute einzuladen. Da sie keine nennenswerte Familie besaß, stammten die meisten Leute, die sie kannte, aus der NASA.

Adams hatte der Frau am anderen Ende der Leitung erklärt, er werde kommen. Und während er jetzt seine Frühstücksflocken aß, kreisten seine Gedanken unaufhörlich um Lynn.

Die Sache war die, dass er sie immer noch liebte. Eine Träne rollte seine Wange hinunter, und dann betrachtete er die Müslischale, die vor ihm auf dem Tisch stand, und hätte nicht sagen können, was das für ein Ding war.

Eine Stunde später saß er immer noch da.

Das Indianerreservat Pine Ridge liegt in der südwestlichen Ecke South Dakotas und grenzt an Nebraska. Es wird vom Stamm der Oglala-Sioux verwaltet und erstreckt sich über mehr als neunhunderttausend Hektar. Auf seinem Gebiet liegen drei der ärmsten Bezirke der Vereinigten Staaten.

Die indianische Bevölkerung der Vereinigten Staaten, die sogar zu den besten Zeiten marginalisiert wurde, steht immer noch vor großen Problemen in Bezug auf Armut, Bildung, Gesundheit und Wohlfahrt, und nirgendwo ist dieser Zustand so offensichtlich wie in Pine Ridge.

In kleinen Schlangenlinien machte sich Adams mit dem Fahrrad zur Arbeit auf. Er konnte sich glücklich schätzen, überhaupt einen Job zu haben. Es war keine gute Stelle – und ganz bestimmt nicht in derselben Liga wie seine vorherige Anstellung, die ein so tragisches Ende genommen hatte –, aber immerhin ein Job. Die Bezahlung war schlecht, aber wenigstens konnte er seine Miete bezahlen.

Weniger als vier Prozent des Landes im Reservat, das von der Bundesregierung praktisch ignoriert wurde, waren für die Landwirtschaft geeignet. Im Ergebnis war Armut verbreitet, und die Bedingungen begünstigten Alkoholismus, Verbrechen und andere damit verbundene Probleme. Und so betrachtete sich Adams, der jetzt die kleine Touristenhütte am Rand des Badlands-Nationalparks erreichte, als einen derjenigen, die Glück gehabt hatten.

Die Oglala-Sioux sind ein stolzes Volk und gehören zu den sieben Stämmen, aus denen einst die Große Nation der Sioux bestand.

Matt »Free Bear« Adams gehörte diesem Stamm an, der von seinen Mitgliedern als Oglala Lakota Oyate bezeichnet wurde. Seine sagenumwobenen Vorfahren hatten im Red-Cloud-Krieg und im Großen Sioux-Krieg gegen das US-Militär gekämpft und waren unter denjenigen gewesen, die in Wounded Knee massakriert wurden.

Adams persönliche Abstammung war allerdings weniger klar. Er war im Alter von schätzungsweise zwei Tagen vor dem Hauptquartier der Stammespolizei von Pine Ridge abgelegt worden, und seine Herkunft ließ sich nie klären. Der örtliche Polizeichef hatte ihn unter seine Fittiche genommen und in seiner eigenen Familie untergebracht. Doch dies hatte nur die ersten paar Jahre von Adams’ Leben angedauert. Als der freundliche alte Mann an einem kalten Novemberabend in der Stadt erschossen worden war, musste Adams bald feststellen, dass er von Pontius zu Pilatus weitergereicht wurde. Ein Waisenhaus hier, eine Pflegefamilie dort; und so war er, bevor er ein Teenager wurde, schon mehr als zwei Dutzend Mal umgezogen.

Aber der junge Adams war zäh, und der Geist, in dem ihn der Polizeichef in diesen ersten Jahren erzogen hatte, war nie weit von der Oberfläche entfernt. Er ließ sich nicht von seiner Lage unterkriegen, gab niemals auf und kämpfte immer weiter.

Es war auch Adams’ Kampfgeist gewesen, der schließlich Jim »Big Bear« Maddison auf ihn aufmerksam gemacht hatte, den Anführer der Strong-Heart-Akicita-Kriegergesellschaft und ein entfernter Verwandter des großen Häuptlings Crazy Horse, der am bekanntesten dafür war, dass er in den Schlachten am Rosebud und am Little Bighorn eine Kriegergruppe gegen die Streitkräfte der US-Regierung geführt hatte.

Wie der Polizeichef vor ihm hatte Maddison sich Adams’ angenommen. Als er den Stammesältesten vorgestellt wurde, erkannten diese nicht nur seinen Kampfgeist, sondern auch seine tiefere, spirituelle Natur, und fanden ebenfalls Interesse an ihm.

Die traditionellen Kriegs-, Jagd- und Fährtensuchertechniken des Stammes wurden von den meisten Lakota als so etwas wie ein Anachronismus betrachtet, der für die Bedürfnisse der Gegenwart keine Bedeutung hatte. Schon seit dem neunzehnten Jahrhundert wurden diese Techniken nicht mehr von einer Generation an die nächste weitergegeben, und doch besaßen einige der heiligen Männer der Lakota noch das Wissen um die alte Lebensweise.

Diese Männer beobachteten die Natur und traten in Beziehung zu allen Aspekten der Welt – Tieren, Pflanzen und dem Land selbst. Und bei anscheinend mechanischen Tätigkeiten wie dem Fährtenlesen verließen sie sich nicht nur auf sichtbare Zeichen, sondern lauschten auch auf das, was die Welt ihnen über sich selbst erzählte.

Nicht viele Menschen waren in der Lage, diese Verbindung zur Erde aufzunehmen oder eine solche spirituelle Einstimmung zu erlangen, aber der junge Adams hatte eine unglaubliche Fähigkeit gezeigt, die Lehren der Lakota-Ältesten umzusetzen. Dies hatte allerdings zu Problemen mit anderen Stammesmitgliedern geführt, die lautstark einwandten, einem Kind ohne Abstammung oder Vorfahren aus dem Stamm dürfe man einen solchen Unterricht nicht erteilen.

Und so war trotz Big Bears Schutz Adams’ Leben nicht leicht. Nie konnte er dem Stigma seines Waisenstatus entkommen und musste ständig um das kämpfen, was die meisten umsonst bekamen. Doch dank seines unbezwingbaren Geistes wurde er der angesehenste Fährtenleser des Reservats, und Maddison und die heiligen Männer der Lakota verliehen ihm den Namen »Free Bear«, um zu zeigen, dass er sich von den Äußerlichkeiten der Abstammung befreit und sich allein durch Können und Willenskraft einen Namen gemacht hatte.

Was Maddison und die Stammesältesten wohl jetzt von ihm gehalten hätten? Denn er würde gleich eine Touristengruppe auf eine Indianertour durch die Badlands führen. Doch als er mit den zwölf Touristen in die wunderbare Landschaft der Badlands hinausritt, dachte er nicht darüber nach, ob er Maddison enttäuschte.

Stattdessen konnte er nur an Lynn denken.

Die Tour dauerte vier Tage, während derer die Gruppe über Nacht kampierte. Abends versammelten sich alle um das Lagerfeuer, um über die Erlebnisse des Tages zu sprechen und zuzuhören, wie Adams Geschichten aus der Mythologie des Landes erzählte.

Trotz der niedrigen Nachttemperaturen verbrachte Adams die Nächte im Freien, unter den Sternen. Ohne von Menschen erzeugtes Licht strahlten Millionen von ihnen hell, und während Adams an einer Tasse Brennnesseltee nippte, spürte er, wie sein Bewusstsein – sein Geist – den Kosmos zu durchstreifen begann.

Aber dann drängten sich Gedanken dazwischen und holten ihn von seiner Astralreise ruckartig wieder auf die Erde hinunter. Lynn. Sie waren verliebt gewesen, verheiratet und dann geschieden – und jetzt würde er sie nie wiedersehen, bis er ebenfalls in die Geisterwelt aufstieg.

Im Badlands-Nationalpark hatten sie sich kennengelernt, und Adams nahm noch einen Schluck aus der Tasse und erinnerte sich lächelnd.

Damals, vor fast zwei Jahrzehnten, war er gerade zwanzig gewesen und hatte ein Gabelbock-Männchen über die grasbewachsene Ebene gejagt; ein einsames Tier, das von seiner Herde getrennt worden sein musste. Er hatte nicht vor, es zu töten; sein Ziel war es, sich dem Tier so weit zu nähern, wie er konnte, ohne dass es ihn bemerkte. Er wollte ihm nahe genug kommen, um es zu berühren. Das war die Kunst.

Und so hatte er stundenlang auf der Lauer gelegen, das Tier meilenweit verfolgt und sich verstohlen immer näher angeschlichen. Er war gerade einmal drei Meter von dem herrlichen Tier entfernt gewesen, als er die beiden gespürt hatte.

Zwei Personen. Zu Fuß unterwegs. Knapp über eine Meile entfernt, nordöstlich.

Mit dem Ohr am Boden lauschte er genauer, mit aufs Äußerste geschärften Sinnen. Er betete, dass der große Gabelbock sie nicht auch wahrnahm.

Immer näher rückte er an ihn heran – zweieinhalb Meter, zwei Meter, eineinhalb, einen halben. Das unbekannte Paar ließ sich jetzt lauter vernehmen, aber Adams war sich sicher, dass er die Hand ausstrecken und das Tier berühren konnte, bevor es sie hörte.

»Sieh dir das an!«, hörte er eine junge Frau ausrufen.

»Hol deine Kamera heraus!«, hörte er eine zweite, und das war genug – gerade als er den Arm ausstreckte, fuhr das Tier zusammen, wandte den Kopf in Richtung der hellen Stimmen, und dann setzte es sich in Bewegung und lief immer schneller über die Ebene davon.

Seufzend blickte Adams auf. Sinnlos, sich zu ärgern. Was wussten Touristen schon? Vielleicht hätten sie es besser wissen sollen, aber das passierte nie, und Adams hatte sich mit dieser Tatsache des Lebens schon lange abgefunden.

Er wusste, dass die beiden Mädchen jetzt in seiner Nähe waren, denn er konnte sie miteinander schwätzen hören.

»Herrje, du warst zu langsam!«

»Er ist weggelaufen!«

»Vielleicht sehen wir ihn ja noch einmal …«

Er beschloss, sich einen Spaß zu machen und sich wenigstens teilweise für den verlorenen Tag zu entschädigen.

In dem hohen Gras war er vollkommen unsichtbar. Er wartete, bis sie fast auf ihn traten, und richtete sich dann kerzengerade vor ihnen auf.

Er hatte noch ein komisches »Buh!« ausrufen wollen, aber als er das linke der Mädchen erblickte, stockte ihm der Atem.

Sie war die schönste Frau, die Matt Adams je gesehen hatte.

Wie sich herausstellte, studierten die beiden Mädchen in Harvard und hatten Frühjahrsferien; und statt einen Flieger nach Florida oder Cancun zu nehmen und während dieser Woche betrunken über die Stränge zu schlagen, hatten sie beschlossen, in die Prärie zu reisen und sich einen persönlichen Einblick in die Geschichte ihres Landes zu verschaffen.

Das schöne Mädchen hieß Evelyn Edwards und studierte als Hauptfächer Astronomie und Physik; Themen, von denen Adams sich nicht gleich vorstellen konnte, dass sie sich dafür interessierte. Sie sah eher wie ein Model als wie eine Physikerin aus.

Das andere Mädchen war ihre Mitbewohnerin und deutlich unscheinbarer als Lynn – Adams hatte rasch herausgefunden, dass sie sich gern so nennen ließ –, und eher der Typ, den Adams mit Astrophysik in Verbindung gebracht hätte.

Nachdem er sich dafür entschuldigt hatte, sie erschreckt zu haben, und erklärt hatte, wer er war und was er hier suchte, lud Adams die beiden zum Essen in seine Heimatstadt Pine Ridge ein.

Lynns Freundin war nicht begeistert gewesen, aber Lynn, die ganz offensichtlich interessiert war, hatte für sie beide zugesagt.

In den folgenden Tagen erlebten beide eine stürmische Romanze. Adams zeigte Lynn die Wunder der Prärie und schenkte ihr eine Unbeschwertheit, die ihr den Druck des Studiums nahm. Betrüblicherweise hatten sie Lynns Freundin bald vergessen, die, nachdem die ersten Tage deutlich machten, dass sie so etwas wie das fünfte Rad am Wagen war, allein abreiste.

Am letzten Tag, bevor Lynn nach Harvard zurückkehren musste, hatte Adams sie noch einmal mit in die Badlands genommen, und sie hatten genau unter dem Baum gesessen, unter dem er jetzt lag. Sie hatten bis tief in die Nacht geredet, und dann hatte er die Hand ausgestreckt und mit den Fingern sanft ihre Wange berührt.

Und als sie sich endlich küssten, hatte Adams instinktiv gewusst, dass sie vom Schicksal füreinander bestimmt waren.

Gnädigerweise ging die Tour zu Ende, und Adams kehrte zu der Hütte zurück, die als Operationsbasis für diese Touristenausflüge diente. Er versorgte die Pferde, duschte und zog sich um.

Nachdem der Veranstalter ihm sein Honorar gegeben hatte, beschloss er, auf sein Rad zu steigen und ohne Umwege zur nächsten Bar zu fahren. Eigentlich trank er nicht, aber gelegentlich – wenn die Albträume hartnäckig waren – versuchte er festzustellen, ob der Alkohol ihm beim Schlafen half. Manchmal wirkte er, manchmal nicht; und manchmal, wenn er wirkte, kehrten die Träume schlimmer denn je zurück. Da er fürchtete, im Beisein der Touristen Albträume zu haben, hatte er auf dem ganzen Rundritt nicht geschlafen und befand sich jetzt in einem Zustand, in dem sein Körper gebieterisch nach jeder Art von Schlaf verlangte, selbst einem von Albträumen erfüllten.

Nach nur einer Stunde hatte Adams genug. Er befand sich kurz vor dem Stadium der Trunkenheit und fürchtete, was passieren könnte, wenn er noch mehr trank. Schon jetzt war ihm klar, dass der Alkohol ihm dieses Mal nicht helfen würde, Schlaf zu finden; daher bezahlte er seine Rechnung und fuhr nach Hause.

Während er durch die kühle Nacht radelte, bog Adams zweimal falsch ab, worüber er laut lachen musste. Früher warst du der beste Fährtensucher von allen! Ha! Und jetzt sieh dich an – kannst nicht mal dein verdammtes eigenes Haus finden!

Aber schließlich fand er es; ein baufälliges, einstöckiges Haus – Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer und Kochnische, dazu ein kleiner, von einem Maschendrahtzaun umgebener Garten.

Es war nicht viel, aber es war sein Zuhause.

Trautes Heim, Glück allein. Kichernd ließ Adams das Rad im Garten stehen, taumelte auf die Veranda und zog die äußere Fliegengitter-Tür auf.

Er lehnte sich gegen den Türrahmen, kramte nach seinem Schlüsselbund und stellte sich ungeschickt an, als er versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Er war nicht richtig betrunken, aber der Alkohol beförderte seine Koordination nicht.

Schließlich gelang es ihm nach viel Fluchen, die Tür zu öffnen, und er trat in sein Wohnzimmer.

Und da nahm er es zum ersten Mal wahr; etwas, das er schon viel früher hätte spüren müssen.

In seinem Haus befanden sich andere Leute.

Er setzte sich in Bewegung, blieb aber abrupt stehen, als er spürte, wie sich der kalte Stahl einer großkalibrigen Handwaffe hart in seinen Hinterkopf drückte.

Augenblicklich war Adams stocknüchtern.

2

Das Licht wurde eingeschaltet und blendete ihn nach der pechschwarzen Dunkelheit mit seinem grellen Schein. Ein scharfer Schmerz schoss durch Adams’ Augen direkt in sein Hirn.

Sekundenbruchteile später hatte er sich gefasst und sah, dass sich vier Männer mit ihm im Raum befanden, inklusive dessen mit der Waffe hinter ihm. Sie waren alle gleich gekleidet; dunkelblaue Anzüge, weiße Hemden und dunkelblaue Krawatten. Adams hegte keinen Zweifel daran, dass die anderen drei ebenfalls bewaffnet waren.

Zwei Männer nahmen die Flanken ein, während einer nur etwas über einen halben Meter entfernt direkt vor ihm stand. Dieser Mann – kurzer Igelhaarschnitt, scharfe Augen, die sich hinter einer rahmenlosen Brille versteckten, fließende, entspannte Bewegungen – trat auf Adams zu und starrte ihm mit kaum verhohlener Verachtung ins Gesicht.

»Wo ist sie?«, fragte er mit kalter, monotoner Stimme.

»Wer?«, gab Adams aufrichtig verwirrt zurück, und daran war nicht nur der Alkohol schuld, den er an diesem Abend getrunken hatte.

Der Mann gegenüber gab keine Antwort, sondern boxte Adams mit einer lederbehandschuhten Faust gerade ins Gesicht.

Adams’ Kopf ruckte zurück, und aus seiner Nase spritzte Blut über den dünnen Teppich. Kurzzeitig benommen sackte er auf ein Knie. Der scharfe Schmerz ließ seine Augen reflexartig tränen, aber ihm war klar, dass das noch die kleinste seiner Sorgen war.

»Keine Spielchen, Mr. Adams«, sagte der Mann gelassen, als hätte er ihn nicht eben brutal geschlagen. »Sie wissen genau, wen wir meinen. Wo ist sie?«

Adams schüttelte den Kopf, sah zu Boden und spuckte Blut. Dann blickte er wieder auf. »Ernsthaft«, sagte er. »Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.«

Der Mann seufzte, verdrehte die Augen theatralisch in Richtung Decke und trat Adams brutal mit dem Stiefel ins Gesicht.

Wieder flog sein Kopf nach hinten, und er sah Sterne, und in seinen Ohren knackte es. Er blickte den Mann fragend an, der vor ihm stand.

»Ihre Ex-Frau«, erklärte der Mann entnervt. »Dr. Evelyn Edwards. Wo ist sie?«

Wieder hallte es in Adams’ Kopf, aber nicht der Schlag war der Grund, sondern Verwirrung. Meine Exfrau? Lynn? »Sie ist tot«, sagte Adams unverblümt. Oder nicht?

»Wenn sie tot ist«, gab der Mann nachdenklich zurück, »wie erklären Sie dann die E-Mail?«

»E-Mail?«, überlegte Adams laut. »Was für eine E-Mail?«

Der Mann im Anzug trat vor, um Adams wieder zu schlagen, doch dieser hob besänftigend die Hände. »Hey, hey, ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen! Ich bin die letzten drei Tage mit einer Touristengruppe unterwegs gewesen!«

Der Mann hielt inne und dachte darüber nach. »Sie meinen, Sie haben die E-Mail nicht gesehen?«, fragte er schließlich. Er zog ein Blatt Papier aus einer Anzugtasche und hielt es Adams direkt vors Gesicht.

Adams schloss die Augen, öffnete sie wieder und versuchte, klar zu sehen. Es war der Ausdruck einer E-Mail. Er erkannte seine eigene Adresse, aber nicht die des Absenders.

Er sah genauer hin und verdrängte seinen Kopfschmerz, während er die Worte las.

Matt. Ich bin’s, Lynn. Ich brauche deine Hilfe. Jemand versucht, mich umzubringen, aber ich weiß nicht, wer. Es könnte das Militär sein, die Regierung oder sogar die NASA. Außer dir weiß ich nicht, wem ich trauen kann. Bitte, es ist lange her, aber ich brauche deine Hilfe. Triff mich im Park. Und bitte komm. Sobald du kannst. Lynn.

Adams war wie vom Donner gerührt. Stammte diese Nachricht von Lynn? Er warf einen Blick auf das Datum. Es war zwei Tage her. Also vier Tage nach dem Hubschrauberabsturz, bei dem sie angeblich umgekommen war.

»Und, wie erklären Sie sich das, Mr. Adams?«, fragte der Mann. »Welchen ›Park‹ meint sie?«

Adams Kopf drehte sich noch, doch mit einem Mal wurde ihm alles klar. Lynn lebte, sie war in Gefahr und brauchte seine Hilfe. Warum sollten die Männer sonst hier sein, wenn sie die Nachricht nicht für echt hielten? Und wenn sie versuchten, sie zu finden, mit Gewalt und mit Waffen, dann konnte das nur einen Grund haben – sie wollten ihren Job zu Ende bringen und sichergehen, dass sie tot war.

Er wusste, dass er im Moment nicht zu allzu viel in der Lage war, aber der Zorn, der mit einem Mal durch seine Adern raste, schien ihm neue Kraft zu schenken. Sie wollten Lynn umbringen? Das wollen wir erst noch sehen, dachte Adams bei sich. Das werden wir verdammt noch mal sehen!

Zum ersten Mal seit vielen Jahren verschmolzen sein Verstand und sein Geist. Free Bear warf sich zurück, sodass der Pistolenlauf nicht mehr auf seinen Kopf zielte, und griff nach hinten, um den Mann mit der Waffe am Arm zu packen.

Adams wusste, dass er eine Chance hatte, solange die drei anderen Männer erst noch ihre Waffen zogen. Brutal riss er den Ellbogen zurück, sodass er das Kinn des Manns mit der Waffe traf und ihn bewusstlos schlug. Gleichzeitig schnappte sich Adams dessen Handwaffe und schob den Finger durch den Abzugsbügel.

Der Mann vor ihm hatte seine halbautomatische SIG Sauer erst halb aus seinem Schnellverschluss-Holster gezogen, als Adams feuerte. Der Schuss traf ihn in die Mitte des Rumpfes, und aus seinem Rücken, wo das Projektil eine riesige Austrittswunde hinterließ, sprühte ein Blutnebel.

Rasch drehte sich Adams nach links und schoss noch mal. Der Alkohol hatte allerdings doch eine Wirkung, sodass er den dritten Mann nur in die Schulter traf, aber das reichte aus, um ihn außer Gefecht zu setzen. Er ignorierte den Mann, der mit weit aufgerissenen Augen zu Boden ging und sofort in einen Schockzustand verfiel, und fuhr stattdessen augenblicklich herum, um auf den letzten Eindringling zu feuern.

Als dem klar wurde, dass es sich verhängnisvoll auswirken könnte, wenn er mit seiner Waffe herumwerkte, stürmte er stattdessen auf Adams zu und versuchte, ihn zu entwaffnen. Eine gute Strategie – bis Adams sich umgedreht hatte, war es zu spät. Der Mann bohrte ihm die Schulter fest in den Unterleib.

Die Luft wich ihm aus den Lungen. Die Waffe flog durch die Luft und landete in der Nähe der Kochnische. Und dann spürte Adams das Gewicht des Mannes auf sich. Seine großen, fleischigen Finger bohrten sich in seinen Hals und quetschten ihm das Leben aus.

Der Whisky, der Schlafmangel, die Schläge auf den Kopf und die pure Verwirrung über all das waren zu viel für ihn, und er spürte, wie er dem Druck der Finger nachgab. Sein Hirn sich durch den Sauerstoffmangel wie schwebend anfühlte.

Nein! Aufgeben kam nicht infrage; das war einfach keine Option.

Er zog den Arm unter dem Körper des großen Mannes hervor und streckte ihn nach dem billigen Glascouchtisch vor dem Sofa aus. In dem Moment, als sein Blick verschwamm, durchschlug er mit letzter Kraft das Glas.

Das durchdringende Klirren ließ den Mann innehalten, sodass sich der Griff leicht lockerte; und mehr brauchte Adams nicht, um eine Glasscherbe, die zu Boden gefallen war, zu fassen und sie dem großen Mann mit einem wilden Triumphschrei in die Kehle zu rammen. Sie durchtrennte die Halsschlagader, und ein dicker, purpurroter Blutstrahl schoss heraus und spritzte Adams ins Gesicht.

Adams blieb noch mehrere Minuten auf dem Boden liegen. Das Blut lief von seinem Körper hinunter und sammelte sich auf seinem billigen Teppich zu einer Lache.

Schließlich kam er zuerst auf die Knie, dann auf die Füße und betrachtete das Gemetzel. Drei Männer waren tot und der andere durch den Schock bewusstlos.

Aber Adams war okay. Und er wusste genau, wo er hinwollte.

In den Park.

Lynn war am Leben.

3

Stephen Jacobs trank aus einer Porzellantasse seinen Kräutertee und betrachtete dabei den Bildschirm auf dem großen Nussbaum-Schreibtisch vor sich.

Auf dem Schirm erwiderten die anderen elf Mitglieder der Führungselite der Organisation seinen Blick. Es war eine abgeschirmte elektronische Konferenzschaltung, die zwölf der einflussreichsten, mächtigsten Männer der Welt zu einer Diskussion über einen Notfall zusammenführte.

Yasuhiro Obata schaute ernst in die Kamera. »Sind wir kompromittiert worden?«, fragte er schlicht. Als Leiter des größten japanischen zaibatsu-

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