Logo weiterlesen.de
Alpengold - Folge 193

alpengold-schriftzug
bluemchen

Der schönen Luzia verfallen

Packender Roman um eine verhängnisvolle Leidenschaft

Von Rosi Wallner

Andreas Falkenauer fühlt die Kälte nicht, als er durch die Nacht nach Hause geht. Immer noch glaubt er, Luzia in den Armen zu spüren, so wie eben noch, wie den ganzen herrlichen Abend lang beim Tanz im Dorf. Seit er sie kennt, gelten seine Gedanken nur ihr, beherrscht nur sie seine Träume, alles andere verblasst neben dieser verzehrenden Leidenschaft. Wie er sich danach sehnt, sie mit Zärtlichkeiten zu überschütten, ihr seine brennende Liebe zu gestehen! Aber warum weicht sie ihm aus, hält ihn auf Abstand, wo doch ihre Blicke, ihr Lächeln sein Herz versengen?

Andreas bleibt unvermittelt stehen. »Mein soll sie werden, sie und keine andere«, murmelt er. »Ich will sie – um jeden Preis.«

Wie hoch dieser Preis sein wird, das ahnt der hoffnungslos verliebte Bauer allerdings nicht …

Agnes Ebner fuhr von ihrem Lager auf, als sie dumpfes Poltern und laute Flüche vom Erdgeschoss her hörte. Hastig warf sie sich einen alten Umhang über die schmalen Schultern und stieg die Treppe – eigentlich war es mehr eine Leiter, die zu den beiden Dachkammern führte – hinab.

»Sei still, Vater! Der Mutter geht es heut sehr schlecht! Der Doktor hat gesagt …«

Quirin Ebner starrte seine Tochter aus glasigen Augen an.

»Der Doktor hat was gesagt? Der Kurpfuscher kommt nimmer ins Haus, das hab ich gesagt! Der zieht uns nur das Geld aus der Tasche, und nix wird besser!«, rief er in aufflammender Wut. »Aber dich werd ich’s lehren, net das zu tun, was ich will!«

Ehe Agnes zurückweichen konnte, traf sie ein harter Schlag auf die Wange, dann noch einer, und schützend hob sie die Arme vor das Gesicht – eine Geste, die ihr seit frühester Kindheit nur allzu vertraut war.

»Du unnützes Ding!«

Harte Beschimpfungen prasselten auf das junge Mädchen herab, auch daran war es gewöhnt. Ängstlich sah Agnes zu ihrer Mutter hinüber, die auf einem alten Notbett neben dem Kamin gebettet war, dort war es am wärmsten in der verwohnten Hütte. Doch Marie Ebner bekam nichts von den Ereignissen mit, sie lag in tiefem Schlaf, vielleicht war sie auch wieder in die Bewusstlosigkeit hinübergeglitten.

Ebner gönnte der Kranken keinen Blick, sein angestauter Zorn entlud sich auf seine unglückliche Tochter, die zitternd vor ihm stand.

Niemand hätte mehr in Quirin Ebner den ansehnlichen, kraftvollen Mann vermutet, der er einmal gewesen war. Aufgeschwemmt und mit geröteten, aufgedunsenen Zügen, die einen gemeinen Ausdruck angenommen hatten, wirkte er vor der Zeit gealtert. Seine vernachlässigte Kleidung – unterwegs musste er sich bei einem Sturz noch den Jackenärmel zerrissen haben – tat ein Übriges.

Dabei hatte Quirin Ebner durchaus die Möglichkeit gehabt, aus seinem Leben etwas zu machen. Von seinen Eltern hatte er ein stattliches Anwesen geerbt, und seine junge Frau Marie, die ihn aus Liebe geheiratet hatte, war auch nicht ohne Mitgift ins Haus gekommen.

Doch unmerklich zunächst nahm sein Leben eine verhängnisvolle Wende; Missernten und Fehlplanungen ließen ihn Schulden machen, dazu kam noch die schleichende Krankheit seiner Frau. Ebner hatte wenig Ausdauer und Durchhaltevermögen; er suchte Trost im Wirtshaus und verlor bald alles, was er noch besaß.

Die älteren Geschwister von Agnes waren schon in alle Winde zerstreut, nur Agnes und eine jüngere Schwester harrten noch bei den Eltern aus.

Wieder trat Ebner drohend auf Agnes zu.

»Warst beim Leitner-Bauern? Hast du wenigstens die Stelle bekommen?«

Agnes schüttelte stumm den Kopf.

»Hätt ich mir ja denken können! Wer nimmt denn schon so eine Jammergestalt! Wie komm ich nur zu so einer Tochter! Schämst du dich net, deinen Eltern ewig zur Last zu fallen?«

Ebner steigerte sich in sinnlose Wut, und Agnes fürchtete, wieder geschlagen zu werden.

Furchtbare Angst ergriff Agnes; noch nie hatte sie ihn so erlebt. Glücklicherweise gelang es ihr, die Haustür zu erreichen und hinauszulaufen, die hässlichen Verwünschungen ihres Vaters folgten ihr.

Die kalte Nachtluft traf sie wie ein Schlag, doch obwohl sie nur notdürftig bekleidet war, rannte sie weiter durch den Schnee, bis sie schwer atmend innehielt. Vor dem Marterl an der Wegkreuzung sank sie nieder.

Es war eine klare, eisige Januarnacht, kalt und unnahbar funkelten die Sterne am Firmament.

Ich werde erfrieren!, ging es Agnes flüchtig durch den Sinn. Aber sie kehrte nicht zu der Hütte zurück.

***

Andreas Falkenauer ging mit weit ausgreifenden Schritten über den mit Schneewällen gesäumten Weg, der zu dem elterlichen Hof führte.

Er hatte sich zu seinem Ärger im Wirtshaus versäumt; aber durch die anhaltenden Schneefälle war er lange nicht mehr ins Tal gekommen, und er war froh gewesen, einmal wieder mit den Freunden zusammensitzen zu können.

Flüchtig streifte sein Blick das Marterl am Wegrand, und er wäre weitergegangen, hätte nicht ein dunkler Schatten darunter seine Aufmerksamkeit erregt.

Rasch trat er näher und beugte sich über die zusammengekauerte Gestalt.

»Jesses, die Ebner-Agnes!«, stieß er erschrocken hervor.

Erleichtert stellte er dann fest, dass das Mädchen noch lebte, auch wenn es nicht mehr ganz bei Bewusstsein war.

Als er sie auf die Arme nehmen wollte, kam sie zu sich und begann, sich zu wehren.

»Schlag mich net! Denk an die Mutter!«, stammelte sie unzusammenhängend, offenbar hielt sie ihn für ihren brutalen Vater.

Andreas schoss das Blut in das Gesicht. Hat der Alte das Madl misshandelt und sie gar im Hemd in die Nacht hinausgejagt!, dachte der junge Mann voller Zorn.

»Ich bin es doch, der Falkenauer-Andreas! Musst keine Angst haben!«, sprach er dann beruhigend auf Agnes ein.

Sie schien ihn jetzt zu erkennen und ließ sich willenlos von ihm hochheben.

»Wenn du hierbleibst, wirst du dir den Tod holen, Madl.«

»Ich will net zurück! Der Vater – ich hab solche Angst, er bringt mich noch um!« Agnes schluchzte trocken auf.

»Dort lass ich dich auch net«, beruhigte sie der Andreas. »Aber du brauchst Kleider und Schuhe!«

Ungeduldig hämmerte Falkenauer an die Tür, bis der Ebner schlaftrunken öffnete. Der Anblick von Andreas Falkenauer, dem Sohn des reichsten und mächtigsten Bauern im ganzen Tal, ernüchterte ihn jäh.

Grob stieß Andreas ihn zurück und betrat den Raum, in dem es säuerlich nach billigem Fusel und Medizin roch. Als er Agnes hinabgleiten ließ, wurde im schwachen Lampenlicht deutlich, dass ihr Gesicht von Schlägen schwer gezeichnet war. Ein dünnes Blutrinnsal lief von der aufgesprungenen Unterlippe des Mädchens über das Kinn hinab.

»Was hast du mit deiner Tochter angestellt? Schau sie dir an!« Andreas Falkenauer, der nichts mehr hasste als Gewalttätigkeit gegenüber Wehrlosen, war außer sich.

Feige wich Ebner zurück.

»Das hat sie verdient! Ein böswilliges Ding ist sie halt, und faul obendrein!«, giftete er.

»Das stimmt net, Vater! Ich hab nichts Unrechtes getan!«, begehrte Agnes auf.

Das angstvolle Gesicht von Mirl, ihrer Schwester, tauchte oben an der Öffnung zum Dachgeschoss auf und verschwand sofort wieder.

»Hol dir deine Sachen, Agnes, du kommst mit mir!«, befahl Andreas Falkenauer, und, an Quirin Ebner gewandt, fügte er zornig hinzu: »Und die ganze Sach wird noch ein Nachspiel haben, das versprech ich dir, Ebner!«

Agnes hatte nicht viel zu packen; zuletzt kniete sie neben ihrer Mutter nieder und streichelte zärtlich ihr Gesicht. Doch Marie Ebner, die still und regungslos dalag, nahm die Liebkosung nicht wahr.

Ohne ihren Vater anzusehen, verließ Agnes mit Andreas Falkenauer die Hütte, in der sie jahrelang nur Not und Demütigung erlitten hatte.

»Ich werd jemanden vorbeischicken, der sich um deine Mutter und die Mirl kümmert!«, versprach ihr der Andreas unterwegs. »Du kannst bei uns bleiben, meine Mutter braucht jemanden, der ihr in der Küche und im Garten hilft!«

»Ich dank dir«, flüsterte das Mädchen kraftlos.

»Nichts zu danken!«, wehrte er unwirsch ab. »Kannst überhaupt so weit laufen?«

»Ja!«, beteuerte Agnes sofort.

Sie trug nur einen fadenscheinigen Mantel und viel zu dünne Schuhe, und Andreas konnte nur hoffen, dass diese Nacht keine schädlichen Auswirkungen auf ihre Gesundheit hatte.

Schweigend gingen sie nebeneinander her; Agnes versuchte, ihre Schritte den seinen anzupassen, hin und wieder glitt sie auf einer vereisten Stelle aus. Das letzte Stück zum Hof trug er sie, und sie wagte keine Widerrede.

Eine eigenartige Verzauberung befiel Agnes; es kam ihr alles wie in ihren kindlichen Märchenträumen vor, so, als wäre sie durch diesen Mann endlich von ihrem Unglück erlöst worden und als läge die Zukunft nun hell und strahlend vor ihr.

Andreas dachte nur, dass das Mädchen federleicht wäre; sie erinnerte ihn an einen halb flüggen Vogel, den der Sturm vorzeitig aus dem Nest geweht hatte.

Im Geist wappnete er sich gegen die Auseinandersetzung mit seinen Eltern, die, wie er nur zu gut wusste, mit seiner Handlungsweise keineswegs einverstanden sein würden.

»So, wir sind da!«, sagte er schließlich und setzte das Mädchen etwas unsanft ab.

Vor ihnen waren die dunklen Umrisse des Falkenauer-Hofes aufgetaucht; breit und massig lag er da mit zahlreichen Nebengebäuden, von hohen Bäumen beschirmt.

Agnes kannte den Hof; als Kind war sie oft heimlich von daheim fortgeschlichen und hatte vom Hofgatter aus das prächtige Wohnhaus bewundert. Kein anderes Anwesen kam dem Falkenauer-Hof gleich mit seinen holzgeschnitzten Balustraden, von denen im Sommer Geranien herabflammten, und der kunstvollen Lüftlmalerei an der Vorderfront.

Rechter Hand schlossen sich weitläufige Stallungen an, während sich hinter Haus und Scheune der Garten mit alten knorrigen Obstbäumen befand.

Fruchtbares Acker- und Weideland umgab den Hof, den die Vorfahren der Falkenauers auf einem geschützten Plateau errichtet hatten. Die Nachfolger hatten durch Heirat oder geschickte Käufe verstanden, den Landbesitz zu vergrößern und den Reichtum zu mehren.

Die Lichter im Haus waren erloschen, was Andreas nicht unlieb war, denn er befand sich nicht in der Verfassung, seinen Eltern entgegenzutreten.

Nur die Hoflampe neben der Eingangstür warf ein mattes Licht auf den Vorplatz, der weitgehend von Schnee und Eis geräumt worden war.

Agnes warf einen scheuen Blick auf den jungen Falkenauer; sein dunkles Haar schimmerte, als wäre Frost darauf gefallen. Die regelmäßigen Züge, noch nicht von Sorgen oder beginnendem Alter überschattet, verrieten Stolz und Selbstbewusstsein.

Als sie ihn so ansah, fühlte sie sich trotz der Kälte von einer heißen Lohe umglüht, die sie in ein unmerkliches Hochgefühl tauchte, sie gleichzeitig aber auch in heftigen Schrecken versetzte.

»So komm schon! Wir wollen da draußen net Wurzeln schlagen!«, forderte Andreas sie mit leichter Ungeduld in der Stimme auf, und sie folgte ihm schüchtern ins Haus.

Es roch darin angenehm nach Kienspänen und gebratenen Äpfeln, vermischt mit dem Duft von Gewürzen und säuerlichem Mostgeruch aus dem Keller.

Agnes’ Magen krampfte sich vor Hunger zusammen; sie hatte seit Tagen nichts Ordentliches mehr gegessen, da der Vater das wenige Geld, das er durch gelegentliche Aushilfsarbeiten verdiente, fast alles ins Wirtshaus trug.

Leise stiegen sie die Treppe hoch, und im oberen Stockwerk klopfte Andreas an eine der Türen. Es dauerte eine Weile, bis sich etwas rührte, dann öffnete sich die Tür, und eine alte Frau, das schüttere Haar zu einem Mäuseschwanz geflochten, streckte schlaftrunken den Kopf hinaus.

»Maria und Josef! Was weckst mich denn mitten in der Nacht, Anderl! Was gibt es denn?«

Ihr Blick fiel auf das junge Mädchen, das sein Bündel mit den wenigen Habseligkeiten umklammerte und sie ängstlich anstarrte. Die Male der Misshandlung in dem bleichen Gesicht waren noch deutlich hervorgetreten.

Noch ehe sich die alte Afra dazu äußern konnte, hatte Andreas sie in ihre Kammer geschoben und erläuterte ihr in geflüsterten Worten den Sachverhalt.

»Da wird sich die Bäuerin aber net freuen! Du weißt ja, wie sie ist!«, gab Afra seufzend zu bedenken.

»Wir werden sehen!«, meinte Andreas betont sicher. »Ich konnte das Madl doch net seinem Schicksal überlassen!«

Afra antwortete nicht; sie war im Innersten erstaunt über den jungen Falkenauer. Über seinen Gerechtigkeitssinn hatte nie Zweifel bestanden, doch bislang war er immer zu stolz gewesen, um Regungen, wie Mitleid zu zeigen.

»Nun gut! Sie kann in einer der leeren Kammern nebenan bleiben heut Nacht! Ich mach schnell alles zurecht!«, sagte Afra zögernd.

»Ich hab doch gewusst, dass ich mich auf dich verlassen kann, liebe Afra!« Andreas lächelte und streichelte der alten Frau über die Schulter, eine seltene Zärtlichkeitsbezeugung.

Afra war nicht nur bald ein halbes Jahrhundert Magd auf dem Falkenauer-Hof, sie war auch Andreas’ engste Vertraute. Wenn er je Zuneigung zu einem Menschen gefunden hatte, dann zu dieser liebenswerten, kleinen alten Frau.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Alpengold - Folge 193" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen